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Königreich der Toten (Der Weg eines NPCs Buch 2): LitRPG-Serie

Königreich der Toten (Der Weg eines NPCs Buch 2): LitRPG-Serie

Автор Pavel Kornev

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Königreich der Toten (Der Weg eines NPCs Buch 2): LitRPG-Serie

Автор Pavel Kornev

Длина:
408 страниц
5 часов
Издатель:
Издано:
30 мая 2022 г.
ISBN:
9788076191198
Формат:
Книга

Описание

Was könnte es Schlimmeres geben, als in einer virtuellen Welt festzustecken? Statt das Spiel zu genießen, bin ich im toten Körper meines Charakters gefangen. Jetzt kann ich mich nur noch retten, indem ich mir die Schriftrolle der Wiedergeburt beschaffe. Leider stehen die Chancen dafür nicht gut. Ich bin ein Untoter, ein Gesetzloser ohne Freunde, mit ziemlich unzuverlässigen Verbündeten und jeder Menge Feinde. Die nur auf die richtige Gelegenheit warten, um endlich zuzuschlagen.

Mein untoter Henker bewegt sich auf Messers Schneide und hat es nur der Unterstützung seiner Mitspieler zu verdanken, dass er nicht direkt in den Abgrund stürzt. Aber zeigen sie ihr wahres Gesicht? In einem Spiel ist nichts einfacher, als eine andere Identität anzunehmen.
Издатель:
Издано:
30 мая 2022 г.
ISBN:
9788076191198
Формат:
Книга

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Königreich der Toten (Der Weg eines NPCs Buch 2) - Pavel Kornev

Kapitel Eins. Flaute

1

DER TURM DER Finsternis war beeindruckend. Geradezu überwältigend.

Die ungeheure Pracht und Größe des tiefschwarzen Obelisken, der die Bucht überragte, ließ sich auch mit den schillerndsten Worten nicht beschreiben. In Wirklichkeit sah er viel …

In Wirklichkeit?

Ich stieß einen Fluch aus und erschauderte.

In Wirklichkeit! Verdammt noch mal! Das Spiel war für mich schon Wirklichkeit geworden! Andererseits … in gewisser Weise traf das zu, oder?

Ich konnte mich nicht mehr ausloggen. Ich hatte keine Hoffnung mehr, jemals wieder in meiner Virtual-Reality-Kapsel aufzuwachen. Der tote Körper meines Charakters gehörte mittlerweile fest zum Inventar des Spiels. Er hielt mich wie ein teuflisches Netz umschlungen und würde mich erst wieder loslassen, wenn ich im wahrsten Sinne des Wortes wiedergeboren würde.

Im Spiel wiedergeboren. Oder wenn ich im wahren Leben starb. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Traurig, aber wahr.

Sobald mir das klar geworden war, konnte die eindrucksvolle Illusion des Turms mich nicht mehr fesseln. Ich wollte ihn nicht mehr betrachten, sondern hätte mich sogar am liebsten in meiner Kabine verkrochen. Dennoch zwang ich mich dazu, an Deck zu bleiben. Verdammt noch mal! Schon so lange hatte ich versucht, in die Hauptstadt zu gelangen, da durfte ich jetzt nicht im Dunkeln kauern und mir alles Interessante entgehen lassen.

Das Schiff glitt den Azurfluss hinunter, dessen entlegene Ufer vom Morgennebel verhüllt waren. Ab und an tauchten kleine Inselchen aus dem milchigen Dunst auf, der über dem Wasser schwebte. Wohin ich auch schaute, flackerten Navigationslichter.

Schon bald teilte sich der Fluss in zahlreiche schmalere Wasserläufe. Die Strömung wurde stärker. Die Ork-Crew stand mit langen Stangen in den Händen an Deck, um das Boot bei Bedarf um Hindernisse herum zu lenken.

Auf der Mastspitze breitete mein untotes Haustier seine Flügel aus und stieß ein donnerndes Kraah! in die Lüfte.

Elendes Vieh! Leider erkannte das Spiel mich nicht als echten Spieler, sodass ich mein Haustier nicht kontrollieren konnte. Das Miststück machte, was es wollte.

Die Orks hoben die Köpfe und funkelten den Vogel wütend an. Dennoch wollte sich keiner von ihnen auf den Mast wagen. Sie wussten aus Erfahrung, dass der Vogel sich nur für kurze Zeit vertreiben ließ.

So oder so hatten sie Wichtigeres zu tun: Der Steuermann kam mit der Strömung nicht zurecht, sodass der Rest der Crew das Boot von zahlreichen Strudeln und Wellenbrechern wegbewegen musste.

Nach den jüngsten Statistiken befanden sich stets etwa eine halbe Million Spieler in der Stadt. Selbst die horrenden Preise vor Ort konnten sie nicht abschrecken. Da die Hauptstadt der dunklen Seite in weiser Voraussicht auf einer Vielzahl kleiner Inseln errichtet worden war, ließen sich die rastlosen Bewohner ein wenig besser im Griff halten. Gerüchten zufolge gab es sogar Pläne, neuen Spielern erst ab Level 25 Zugang zur Stadt zu gewähren, umgesetzt hatte man das jedoch noch nicht.

Ich erhaschte einen Blick auf die steinernen Uferbefestigungen, die hier und da aus dem Dunst auftauchten. Dann glitt das Schiff hinaus ins Freie, und der Wind pustete den trüben Nebel davon. Die Strahlen der aufgehenden Sonne glitzerten auf dem unruhigen Wasser.

Sofort verschlechterte sich meine Wahrnehmung. Ich zog mir die Kapuze über den Kopf.

Von hinten fiel ein dunkler Schatten auf mich. Ich drehte mich um. Neben uns ragte der Rumpf einer unfassbar hohen Galeere auf. Auf ihrem Weg zum offenen Meer überholte sie unseren Kahn in wenigen Sekunden, und die Spieler an Deck machten kein Hehl daraus, wie sehr sie uns verachteten.

Eilig setzten die Orks die Segel, die sich sofort im Wind blähten und das Schiff in den Hafen trieben. Zwischen den Wellen blitzte der enorme Rücken eines Seeungeheuers auf und verschwand dann in den Tiefen.

Ich löste die Finger von der Reling, die ich fest umklammert hatte. Was für ein gigantisches Monster! Was, wenn es uns mit Haut und Haar verschlungen hätte?

Doch der Leviathan war schnell vergessen, als ich einen riesigen, goldenen Drachen erspähte, der von einer der Inseln in die Luft stieg, zwei Greife im Gefolge. Die funkelnde Rüstung der Reiter spiegelte die Sonnenstrahlen gleißend hell. Und zu allem Überfluss tauchte hinter dem Turm der Finsternis ein fliegender Dreimaster auf.

Mir war die Kinnlade heruntergefallen, doch langsam kam ich wieder zu mir und zuckte die Schultern. Das war alles nur virtuell. Es war bloß ein Spiel.

Allerdings konnte ich mir das einreden, wie ich wollte — es half mir nicht weiter. Die Hauptstadt der dunklen Seite wirkte so grenzenlos, dass mein Gehirn schier überfordert war. Wo sollte ich hingehen? Und wie? Und wozu? In dieser riesigen Welt spielten die Probleme eines Toten nicht die geringste Rolle.

Ich knirschte mit den Zähnen. Egal! Schließlich ging es mir gerade auch nicht anders als bei den Malen zuvor, als ich einer unbekannten Karte gefolgt war. Ich hatte nie gewusst, was mich erwartete. Ich würde es schon herausfinden. Vielleicht war das noch nicht einmal nötig, falls Isabella die Zeit sinnvoll genutzt und die richtigen Leute gefunden hatte.

Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Für mich stand zu viel auf dem Spiel, als dass ich meine ganze Hoffnung auf eine flüchtige Bekanntschaft setzen durfte. Ich wusste nicht einmal, wie sie nach so langer Trennung auf meine Ankunft reagieren würde. Geduld war bislang nicht die Stärke der Priesterin gewesen.

Ich zwang mich, meine Zweifel zu verbannen. Mittlerweile lagen nicht mehr so viele Level zwischen uns. Sie konnte mich nicht mehr mit einem einzigen Hieb ihres Stabes vernichten.

Ich lachte. Nun würde ich mich nicht mehr unterdrücken lassen. Ich würde dafür sorgen, dass sie meine Sichtweise verstand. Alles würde bestens laufen.

Ganz sicher würde ich Isabella schon sehr bald sehen. Schließlich verband uns eine Quest. Wir konnten uns gegenseitig auf der Karte finden. Und wenn ich ihrer Markierung Glauben schenken durfte, wartete sie bereits am Pier auf mich. Die ideale Gelegenheit, sich in Ruhe auszusprechen.

* * *

WIE SICH HERAUSSTELLTE, war der Hafen gigantisch, größer als die gesamte Insel, auf der Stone Harbor lag. Auf der einen Seite war er mit Tiefwasserkais für ozeantaugliche Schiffe gesäumt, auf der anderen mit Stegen für kleinere Flussgefährte. Der Verkehr war rege, doch wie durch ein Wunder gab es keinerlei Kollisionen zwischen den Booten.

Ein Wunder? Von wegen. Hier war Navigationszauber am Werk. Konzentriert starrte der Ork-Steuermann auf die geisterhafte Zauberkugel, die ihn lotste.

Nach und nach kamen die anderen Passagiere an Deck. Sehr viele waren es allerdings nicht, denn nur wenigen Spielern war es gelungen, ihren Login genau auf die Ankunft in der Hauptstadt abzustimmen. Das war auch gar nicht nötig. Sobald das Schiff angelegt hatte, wurden ihre jeweiligen Respawn-Punkte automatisch an einen der örtlichen Türme der Macht verlegt. In der Hauptstadt gab es davon eine ganze Menge. Auf jeder auch nur im Entferntesten wichtigen Insel befanden sich kleinere Orte der Macht.

Auch Neo war an Deck erschienen und blieb mit offenem Mund wie angewurzelt stehen. Die anderen Spieler musterten unsere weißen Mönchsgewänder mit den aufgestickten Silberphönixen aus den Augenwinkeln. Sie wagten es zwar nicht, Fragen zu stellen, doch ihre Aufmerksamkeit war mir äußerst unangenehm.

Es gab kein Vertun: In Gewändern eines Gottes des Lichts am Turm der Finsternis zu erscheinen, war nicht die beste Idee. Welchen Sinn hatte mein Inkognito, wenn jeder Dahergelaufene in mir einen potenziellen Unruhestifter sah? Je eher wir die Gewänder loswurden, desto besser.

Einige größere Boote, die an chinesische Dschunken erinnerten, segelten an uns vorbei. Unser Steuermann ließ sie durch und lenkte unser Schiff dann in die entlegenste Ecke des Hafens zu einem schiefen Anleger, der hin und wieder vom Kielwasser anderer Schiffe überspült wurde.

Hier standen statt malerischer Gebäude mit Buntglasfenstern nur flache Lagerhallen, statt der betriebsamen Tätigkeit am Hafen herrschte in den menschenleeren, schmalen Gassen Stille.

Nicht weit von unserer Anlegestelle tanzten ein paar Fischerboote auf den Wellen. Da ich als Nachtjäger über einen besonders ausgeprägten Geruchssinn verfügte, nahm ich den widerlichen Gestank von verwesendem Fisch wahr.

Unser Boot stieß mit der Seite sanft gegen die hölzernen Stegpfosten. Ich spürte einen leichten Ruck. Kaum hatten die Seeleute die Laufplanken hingelegt, schrie der gefährlich aussehende Kapitän aus Leibeskräften: „Alle von Bord! Schnell! Beeilt euch!"

Die Passagiere eilten über die wackeligen Planken auf den Steg. Eine Gruppe lärmender Hafenarbeiter ging an ihnen vorbei auf das Schiff zu und verschmolz mit der unruhigen Menge an Spielern, die bereits Karten für die Rückfahrt gekauft hatten.

Ich befreite mich aus der wogenden Menschenmasse und blieb mitten auf dem mit Fischschuppen übersäten Anleger stehen. Während ich die Schwerter hinter meinem Rücken zurechtrückte, sah ich mich nach Isabella um.

Die Elfe wartete am nächsten Lagerhaus. Zu meiner großen Überraschung trug sie nicht ihre übliche auffällige Kampfrüstung, sondern einen schlichten, langen, unförmigen Umhang.

Neo zupfte mich am Ärmel. „Tante Bella!"

„Bitte sprich leise", sagte ich, während ich auf Isabella zuging. Sie hatte sich bereits erhoben und starrte uns ungläubig an.

Ungläubig? — Allerdings! Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf!

„Was zum Teufel …?, stieß sie hervor, als wir näher kamen. „Was hast du mit dem Jungen gemacht, Schätzchen?

Ich zuckte die Schultern. „Das ist einfach so passiert."

„Einfach so passiert?", zischte sie wütend. „Einfach passiert?"

Neo versteckte sich schnell hinter meinem Rücken.

„Ja", erwiderte ich.

„Man kann dich auch nicht eine Minute allein lassen, schimpfte sie. „Wo warst du? Warum hast du nicht auf meine Nachrichten reagiert?

„Äh …, zögerte ich. „Wie wär’s, wenn ich dir unterwegs alles erzähle? Okay?

Sie schüttelte den Kopf. Der Schädel oben auf ihrem Stab klapperte mit den Zähnen. „Kommt nicht infrage! Los, raus mit der Sprache!"

Unser Wortwechsel hatte zur Folge, dass sich einige Leute nach uns umdrehten. Ich tippte auf den Silberphönix auf meiner weißgewandeten Brust. „Ich fürchte, unsere Kleidung ist hier ziemlich fehl am Platz. Wir müssen uns erst umziehen."

Isabella sah alles andere als begeistert aus, doch zum Glück war sie offenbar vorerst bereit, nachzugeben. Sie deutete auf einen dunklen Durchgang zwischen den fensterlosen Wänden der angrenzenden Lagerhäuser. „Na warte, Schätzchen. Darüber reden wir noch … später." Das letzte Wort klang mehr als unheilvoll.

Ich zuckte die Schultern und verließ als Erster den Steg. Hinter mir ertönte ein langes, verzweifeltes Kraah!, als der untote, schwarze Phönix den Schiffsmast verließ und in den Himmel aufstieg. Die Schläge seiner zerrupften Flügel waren nicht besonders anmutig, hielten ihn jedoch immerhin in der Luft. Als eine neugierige Möwe ihm zu nahe kam, hieb er heftig mit dem Schnabel nach ihr, sodass sie ins Wasser taumelte.

„Beweg dich!, fuhr Isabella mich an. „Wo um alles in der Welt hast du diese dämlichen Kleider her? Was ist mit dem Jungen passiert? Nein, das kann warten! Fang am Anfang an! Warum hast du das Portal nicht benutzt?

„Das ist eine lange, traurige Geschichte …"

Isabella drehte sich zu mir um, das Gesicht zornerfüllt. „Du solltest meine Geduld nicht überstrapazieren, Schätzchen!"

Ich schenkte ihr ein genauso giftiges Lächeln. Nicht, dass sie das hinter meiner Maske hätte sehen können.

„Okay, seufzte ich tief, da ich unser Verhältnis nicht unnötig belasten wollte. „Ich war zu spät dran, weil ein Bösewicht mir im schlimmstmöglichen Moment Ärger bereitet hat. Und nachdem ich ihn erledigt hatte, war das Portal bereits geschlossen.

„Aber warum hast du nicht auf meine Nachrichten geantwortet?", wollte sie erbost wissen.

„Mit meinen Nachrichten stimmt irgendetwas nicht, log ich. „Ich kann sie zwar lesen, aber nicht darauf antworten.

„Wie sinnvoll!"

„Hör mal, wieso sollte ich dich anlügen? Du hast schließlich noch die Scherbe der Seelensphäre!"

Dieses letzte Argument beruhigte sie ein wenig. „Okay, murrte sie. „Also, was hast du die ganze Zeit über getrieben?

Ich bekam nicht die Gelegenheit, darauf zu antworten. Der Durchgang zwischen den beiden Wänden hatte uns auf einen großen Platz geführt, auf dem sich so viele Spieler tummelten, dass mir von dem Lärm die Ohren klingelten.

„Billige Levelerhöhung!, rief ein Ritter in voller Rüstung, der eine riesige Hellebarde auf dem Rücken trug. „In einer Woche bringe ich jeden von Level 25 auf 50!

„Kommt mit auf einen Überfall auf die Lichtanhänger!, schrie ein Angehöriger von Isabellas Elfenvolk, wobei er theatralisch mit dem Langbogen wedelte. „Einzelheiten per Privatnachricht!

„Eine Inselquest!, grölte ein Pirat mit blauer Haut und goldenen Ohrringen. „Der Schatz des Korsarenkönigs! Stapelweise Gold, das nur abgeholt werden muss.

„Verkaufe komplette Bernsteinkreuz-Ausrüstung!"

„Ein Raubzug in die grauen Berge! Zwergen-Mithril!"

„Das Schwert des Sternzerstörers! Zum halben Preis! Ich brauche dringend Geld!"

„Stärke-Runen auf Bestellung!"

Ich war von der Kakophonie vollkommen überfordert. Isabella zog mich hinter sich her, vorbei an einem Dämonologen, der die Menge überragte, blass wie der Tod höchstpersönlich. Ein Höllenhund, dem teuflische, schwarze Flammen aus dem glatten Fell sickerten, trottete an der Leine folgsam hinter ihm her.

„Portale zur Höllenebene, ich sorge für Hin- und Rücktransport, aber erhebe keinen Anspruch auf Beute", murmelte der Dämonologe von Zeit zu Zeit halblaut. Seltsamerweise schien er zu den beliebtesten Gestalten zu gehören und wurde ständig von anderen Spielern belagert, die ihn nach seinem Preis fragten.

Die Menge bestand zum größten Teil aus Menschen und Elfen, doch es gab auch etliche Zwerge und Orks. Hin und wieder fiel mein Blick auf ein paar wirklich seltsame Kreaturen. Und die Vielfalt an Rüstungen und Waffen war einfach überwältigend. Im Vergleich dazu wirkte mein Flammenschwert geradezu unscheinbar.

Als wir uns außen um die Menge herumschoben, schärfte Isabella mir ein: „Halte die Augen auf. Die Taschendiebe haben es auf Neulinge wie dich abgesehen."

Tatsächlich schien hier ein Paradies für Diebe jeglicher Art zu sein. Die meisten neuen Spieler kamen übers Meer in die Hauptstadt. Viele waren so ungeduldig, dass sie gar nicht erst in die Geschäfte gingen, sondern ihr hart verdientes Geld direkt auf diesem improvisierten Flohmarkt ausgaben. Und manche bekamen gar nicht erst die Chance, überhaupt etwas auszugeben.

Ich hörte auf zu gaffen und überprüfte eilig mein Inventar. Der elende Schädel war noch an Ort und Stelle. Große Erleichterung!

Isabella wandte sich wieder zu mir um. „Du, Schätzchen, und du … was immer du jetzt sein magst … bewegt euch!"

Wir folgten ihr in eine Nebenstraße und hatten den Lärm und das Geschrei der Menge bald hinter uns gelassen. Isabella führte uns durch dunkle, verlassene Gassen, bis wir schließlich wieder auf den bunten Strom aus Spielern stießen. Nach kurzer Zeit fanden wir uns auf dem Platz hinter dem Hauptgebäude des Hafens wieder.

„Wow", flüsterte Neo, der seine Freude nicht verbergen konnte.

Auch ich wurde langsamer und ließ den Blick über den weitläufigen Platz schweifen, der vor mir lag. Begrenzt wurde er von einem Kanal, an dessen gegenüberliegendem Ufer ein Tempel aufragte, auf dessen Kuppel ein Türmchen saß. Das majestätische Gebäude schien sich direkt aus dem Wasser zu erheben, was es besonders geheimnisvoll und zauberhaft erscheinen ließ. Hinter ihm schwebte ein fliegender Teppich vorbei. Ich schüttelte den Kopf, um die Illusion daraus zu verbannen.

Das war nur ein Spiel. Nur ein paar Pixel, die in meinem Gehirn ein Bild entstehen ließen. Virtuelle Realität machte die verrücktesten Dinge möglich.

„Komm, Schätzchen, weiter!", rief Isabella.

Ich folgte ihr und zog Neo hinter mir her. Er wirkte wie ein ganz gewöhnlicher Junge vom Land, der von der großen Stadt überwältigt war.

Diese Erkenntnis versetzte mir einen Stich. Auch dieser Junge bestand angeblich nur aus ein paar Pixeln. Aus einer Kombination aus Einsen und Nullen. Nur ein Teil des Programmcodes.

Ich holte Isabella ein. „Wohin gehen wir?"

„Weg von hier, erwiderte die Elfenpriesterin. „In euren weißen Gewändern könntet ihr genauso gut Zielscheiben auf dem Rücken haben.

Das ließ sich nicht bestreiten. Ich wurde unablässig benachrichtigt, dass andere mich interessiert anstarrten. Wenn wir vorbeigingen, wurden die verschiedensten unangenehmen Bemerkungen geflüstert. Ich tat so, als würde ich nichts hören, obwohl ich manchmal nur zu gern einen der Witzbolde mit meinem Flammenschwert erledigt hätte.

Die Vorstellung war verlockend, doch es kam nicht infrage. Die stämmigen Stadtwächter in ihren schwarzen Rüstungen würden alle Unruhestifter im Handumdrehen in Stücke hacken. Falls ich zum Angriff überginge, würden sie mich sofort ins Jenseits befördern. Und selbst wenn sie nicht stark genug wären, würden die Zauberer der Stadt ihnen sicherlich bereitwillig zur Hilfe kommen. Auch die anderen Spieler würden nicht tatenlos zusehen. Jeder würde sich nur zu gern ein paar Erfahrungspunkte verdienen und sich Ruhm sichern, indem er ein paar Außenseiter niedermachte.

„Sollen wir eine Gondel mieten?", schlug ich vor, als Isabella die Mietanleger ignorierte und auf die Brücke zuging.

„Heißt du etwa Rockefeller?, schnaubte sie verächtlich. „Du weißt doch nicht einmal, wie viel das kostet!

Ich fluchte halblaut.

Plötzlich bohrte sich ein quälender Schmerz in meinen Schädel, als hätte man mich mit einem glühend heißen Stab gestochen.

Oder war das tatsächlich passiert?

Ich wirbelte herum und konnte gerade noch sehen, wie mein untoter Phönix von einem Pfeil getroffen in den Kanal stürzte. Mein Haustier!

Ein Drow-Bogenschütze schwenkte triumphierend seinen Bogen, während er einen durchdringenden Pfiff ausstieß. Einige Passanten applaudierten ihm für seine Leistung.

Ein purpurroter Schleier legte sich über meinen Blick.

Zum einen tat es weh. Verdammt noch mal! Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich in diesem Spiel zuletzt Schmerzen verspürt hatte. Und zum zweiten war das mein Haustier gewesen! Hässlich und tot, aber trotzdem meins!

Die Schmerzen ließen einfach nicht nach. Eine Systemnachricht erschien ganz am Rand meines Sichtfelds und informierte mich über den Angriff. Die Stadtwächter hatten den Schuss ignoriert. Ihr Schutz erstreckte sich nicht auf Tote.

So ein Abschaum.

Unbändige Wut überkam mich, doch der letzte Rest meines gesunden Menschenverstands ließ mich kurz innehalten, bevor ich zum Angriff überging. Zu seinem Pech hatte der Drow erst Level 28 erreicht. Und er war allein.

„Halt das mal kurz, Neo." Ich reichte ihm das schwarze Ork-Langschwert und wechselte in den Tarnmodus.

„John!, schrie Isabella auf. „Was um alles in der Welt hast du vor?

Ich hörte nicht auf sie. Der Drow hatte sich den Langbogen schon wieder auf den Rücken geschwungen und stolzierte auf den Steg mit den Mietbooten zu. Offenbar dachte er nicht im Traum daran, dass ihn jemand vor den Augen der Stadtwächter und der anderen Spieler angreifen könnte.

Er hatte einen Vogel abgeschossen, na und?

Der Bogenschütze war schlank und hager. Seine Beweglichkeit war sicherlich gut. Doch mit seiner Konstitution war es bestimmt nicht weit her. Ich hatte beste Aussichten, den Sieg mit ein paar kraftvollen Hieben davonzutragen — doch falls ich nicht traf, konnte der Kampf lang und schmerzhaft werden.

Ich wollte nicht länger warten, sondern griff ihn mit einer bewährten Kombination an. Nach unten, von links nach rechts und dann zur Seite!

Kombination Sichel des Todes!

Die Wellenklinge meines Flammenschwerts traf seine rechte Schulter und glitt durch sein feines Kettenhemd. Sie drang erstaunlich leicht in seinen Brustkorb ein und dann auf der linken Seite wieder hinaus, sodass sie auf das Kopfsteinpflaster aufschlug. Das Drehmoment ließ mich herumwirbeln, doch ich konnte mich gerade noch rechtzeitig fangen und landete nicht auf dem Hinterteil.

Schon hob ich das Schwert wieder, hielt dann jedoch mitten im Schwung inne. Ein weiterer Angriff war nicht nötig.

Spieler Lucas III wurde getötet!

Erfahrung: +1.496 [25.674/28.300]; +1.496 [25.718/28.300]

Untoter, du steigst ein Level auf! Schurke, du steigst ein Level auf!

Mit einem einzigen Hieb hatte ich ihn in zwei Teile geteilt und stand nun über seinem Leichnam in der Mitte des belebten Platzes, von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt, während das Adrenalin durch meinen Körper rauschte.

Und nicht nur in meinem. In der Menge um mich herum funkelte kalter Stahl. Doch da die Markierung als Spielermörder nicht über meinem Kopf erschien, beruhigten sich die Spieler allmählich wieder.

„Habt ihr beide eine Vendetta?", erkundigte sich ein bärtiger Zauberer, während er widerwillig einen Kampfzauber deaktivierte, der ihm schon zwischen den Fingerspitzen flackerte.

„Ja, so etwas Ähnliches", murmelte ich und machte einen Schritt zurück von der Blutlache, die sich auf dem Kopfsteinpflaster ausbreitete. Dann drehte ich mich um und eilte auf die Brücke zu. Die anderen Spieler wichen mir weiträumig aus. Jetzt wagten sie nicht mehr, mich aufzuhalten, zumal die Stadtwächter dem Mord keinerlei Beachtung geschenkt hatten.

„Hast du den Verstand verloren?", zischte Isabella.

Ich zuckte die Schultern. Meine Kopfschmerzen hatten endlich nachgelassen und die blinkende Systemnachricht in meinem Augenwinkel war verschwunden.

„Hör mal, Roger, wandte Isabella sich an den Schädel oben auf ihrem Stab, „meinst du nicht auch, dass unser Schätzchen komplett von der Rolle ist?

„Lass es doch gut sein, sagte ich, während ich Neo das schwarze Schwert wieder abnahm. „Er hat meinen Vogel getötet. Ich habe es ihm nur heimgezahlt.

Fluchend zerrte sie mich in eine dunkle Seitengasse. „Warte hier auf mich, sagte sie. „Wenn du auch nur den kleinen Finger rührst, hacke ich dir alle Körperteile einzeln ab!

Ich wollte ihr sagen, wohin sie sich ihre Drohung stecken konnte, überlegte es mir dann aber doch lieber anders. Es hatte keinen Sinn, die Situation noch schlimmer zu machen. Stattdessen wischte ich mir das Drow-Blut von Maske und Handschuhen. Von meinem weißen Gewand ließ es sich unmöglich entfernen.

„Armer Vogel, seufzte Neo. „Er war so lustig.

Ich zuckte die Schultern, denn ich hatte keineswegs an dem untoten Phönix gehangen. Alles, was er konnte, war krächzen. Zudem war er für mich unkontrollierbar. So hatte ich ihn wenigstens gerächt und war dabei sogar ein Level aufgestiegen. Ich war sehr gespannt, welcher neue Typus Untoter auf den Nachtjäger folgen würde.

Allerdings hatte ich keine Zeit, meine Statistik zu prüfen, denn Isabella kam schon zurück.

„Zieht euch um", befahl sie, als sie mir einen unförmigen, grauen Umhang zuwarf.

Der Junge bekam einen identischen in einer kleineren Größe. Trotzdem wollte ich mein weißes Gewand nur ungern hergeben. Ich warf es in mein Inventar und legte den Umhang um. „Wohin jetzt?"

„In die Hölle", fuhr sie mich an.

„Du wirkst heute etwas gereizt, sagte ich. „Liegt das daran, dass deine Verhandlungen über das Fragment der Seelensphäre gescheitert sind, oder was ist los?

„Damit hat das gar nichts zu tun! Was ist nur in dich gefahren, dass du vor aller Augen einen Kampf anfängst? Und wenn der Drow deinem ersten Hieb ausgewichen wäre? Dann hättest du jetzt immer noch mit ihm zu tun!"

„Ich hätte nur zu gern gesehen, wie er ausweicht, grinste ich, während wir auf die Straße traten. „Ich habe ihn in den Rücken gestochen, nicht wahr? Außerdem war ich getarnt.

„Sei dir da nicht zu sicher! Dagegen gibt es Amulette! Und viele andere besondere Beweglichkeitsfähigkeiten, von denen du gar nichts ahnst. Oh, verdammt! Ich habe ganz vergessen, mit wem ich hier gerade rede!"

Sie lief die Straße entlang. Ich eilte ihr hinterher. „Was ist denn jetzt mit der Sphäre?"

„Wir haben eine erste Absprache getroffen, aber ich wollte den Kunden nicht ohne dich treffen, erwiderte sie. Doch bevor ich weitere Fragen stellen konnte, ergänzte sie eilig: „Nein! Erst deine Geschichte!

Ich seufzte gequält.

2

DER GASTHOF, ZU dem Isabella uns geführt hatte, befand sich auf der dritten oder vierten Insel vom Hafen aus. Einen direkten Weg dorthin gab es nicht. Wohlhabendere Spieler nahmen ein Boot, während alle anderen durch feuchte Gassen stolpern mussten, in denen keine zwei Wagen nebeneinander passten. Und selbst wenn es mir gelang, eine Abkürzung durch gewundene Nebenstraßen zu finden, musste ich mir stets mit den Ellenbogen den Weg durch die Menge anderer Spieler bahnen, die das Gleiche im Sinn hatten.

Wir überquerten eine Brücke, dann noch eine und noch eine, bis wir endlich mit einer Fähre über einen breiten Kanal setzen konnten. Als wir schließlich wieder am Uferdamm ankamen, beschwerte ich mich: „Warte mal! Warum bewegen wir uns im Kreis? Gibt es keinen direkteren Weg?"

Isabella blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Das hier ist die Höllenbrut-Insel, Privatbesitz des Clans."

„Ach, wirklich? Ich stieß einen Pfiff aus, während ich einen Turm hinaufblickte, der die Häuser überragte. Auf seinem spitzen Dach thronte die Statue eines dunklen Engels. „Die ganze Insel? Denen muss es ja gutgehen.

„Halt den Mund und beweg dich!"

* * *

DER GASTHOF ZUM Alten Bogenschützen befand sich im Eckhaus an einer belebten Kreuzung. Wir nahmen den Hintereingang und stiegen die Treppe zur dritten Etage hinauf. Das Zimmer war nicht allzu geräumig, aber immerhin handelte es sich um eine Suite. In der echten Welt hätten darin mindestens fünf Personen Platz gefunden. Hier jedoch diente es lediglich als dauerhafter Respawn-Punkt. Langfristig war das preiswerter und praktischer, als ständig neben einem der Türme der Macht wieder ins Spiel einzusteigen.

Soll diese gemietete Unterkunft deine neue Login-Stelle werden?

Nichts wäre mir lieber gewesen, aber leider war diese Option für mich nach wie vor blockiert.

„Neo, leg dich etwas hin. Isabella bedeutete dem Jungen, in das andere Zimmer zu gehen. Sobald er gegangen war, wirbelte sie herum und funkelte mich an. „Was ist mit dir los, Schätzchen?

Ich deaktivierte das Inkognito, nahm die Maske ab und grinste sie breit an. „Wieso, was soll schon los sein?"

„Oh, höhnte sie. „Mein kleines Schätzchen ist ein räudiger Straßenköter geworden! Mein Schätzchen ist jetzt ein zäher Bursche!

„Dein Schätzchen", — ich brachte das Wort kaum über die Lippen — „will nur ins Königreich der Toten. Also, was ist mit der Sphäre?"

Sie ließ sich aufs Bett fallen und schlug ein Bein über das andere, sodass ihre wohlgeformten Schenkel deutlich zu sehen waren. „Erzähl mir, was mit euch beiden passiert ist. Ich will alles wissen."

„Wozu? Das ist doch Zeitverschwendung."

„Los!"

Schulterzuckend zog ich meine beiden Schwerter hinter dem Rücken hervor und stellte sie in die Ecke. Ich hockte mich auf die Fensterbank und sah hinunter auf die Straße. Es wurde bereits dunkel. Die Flut an Spielern, die zum Hafen strömten, hatte nachgelassen. Stattdessen waren jetzt die Nachtschwärmer unterwegs, die gemächlich schlenderten und sich Ladenschilder und die verschiedenen Vergnügungslokale ansahen.

Allerdings wollte ich die Geduld meiner Elfenfreundin nicht überstrapazieren, deshalb lieferte ich ihr einen kurzen Überblick über meine Abenteuer, vom Angriff des Nekromanten und der Verteidigung von Stone Harbor bis hin zum Tempel des Silberphönix, den wir wiederhergestellt hatten.

„Ihr habt also eine Vendetta, sagte Isabella nachdenklich. „Das könnte problematisch werden.

„Das ist nicht der Rede wert, tat ich ihre Bedenken ab. „Er kann mich jetzt nicht mehr finden. Ich habe die Funktion auf der Karte deaktiviert.

Sie schüttelte den Kopf. „Sei dir da nicht so sicher, Schätzchen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, um einen Feind ausfindig zu machen."

„Zum Beispiel?", fragte ich betont lässig.

Isabella erhob sich bereits. „Bleib hier im Zimmer. Ich werde ein Treffen arrangieren und komme dich dann holen."

„Ein Treffen mit wem?", fragte ich.

Statt einer Antwort fiel hinter ihr die Tür ins Schloss.

Mir war das gleichgültig. Schulterzuckend öffnete ich meine Statistik. Ich sollte die Zeit nutzen, um die verfügbaren Punkte zu verteilen. Selbst wenn es nur ein Spiel war, brannte ich darauf, zu erfahren, wie sich mein Untoter diesmal verändert hatte.

Ohne lange zu überlegen, erhöhte ich sowohl Kraft als auch Wahrnehmung. Doch als ich einen Fähigkeitspunkt in Tarnung investieren wollte, blieb mir vor Erstaunen der Mund offen stehen.

Ich hatte nicht nur einen Extrapunkt. Auch nicht zwei.

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