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AKT I

Szene 1

Damon sitzt auf einer Bank vor seinem Haus. Er


betrachtet den Sonnenaufgang. Seine Schwester Hera
setzt sich zu ihm.

HERA
Du solltest das nicht tun. König Dionysios wäre auch
meiner Meinung.

DAMON
Der hat Attentate genug überlebt. Ein Attentat mehr oder
weniger macht ihm nichts aus. – Den schützen die Götter.
Sind Götter nicht gleichfalls Tyrannen? Sie bestimmen
unser Leben nach ihrem Gutdünken. Sie lachen über uns,
das schwache Menschengeschlecht. Wenn sie uns einmal
einladen an ihre Tafel – das endet nur übel für uns. Ihre
rachsüchtigen Gedanken verfolgen uns noch Generationen
später. Sie kennen keine Vergebung und achten uns nicht.

HERA
Du bist verbittert, das ist kein guter Start um einen
Mord zu begehen. Sieh den schönen Sonnenaufgang über
Syrakus. Wir sind eine bevorzugte Stadt; die schönste auf
Sizilien und wohl auch in der gesamten griechischen Welt.
Karthago mag prächtiger sein.

Hamilkar hat Wasser geholt vom Brunnen und bleibt


bei ihnen stehen.

HAMILKAR
Karthago ist weitaus prächtiger. Aber vielleicht
erscheint es mir auch nur so, weil ich Karthago als
freier Mann erlebt habe. Syrakus kenne ich nur als
Sklave.“

DAMON
Setze dich zu uns, Hamilkar. Du hast mehr von der Welt
gesehen als ich. Was sagt ein weitgereister Mann zu
meinem Vorhaben? Billigst du es?

Hamilkar setzt sich auch auf die Bank.

HAMILKAR
Du bist ein seltsamer Mann, Damon. Deine Sklaven
behandelst du mit Hochachtung. Doch deinen Herrscher
willst du erdolchen.

HERA
Ich will in zwei Tagen heiraten. Wer bringt mich zu
meinem Bräutigam? Ich habe nur dich, Damon. Die Reise ist
beschwerlich; Räuber lauern mir auf. Soll ich
Räuberbanden alleine besiegen, nur weil du damit
beschäftigt bist, König Dionysios zu erdolchen?

DAMON
Ich überlege noch, ob erdolchen angebracht ist.
Vielleicht wäre vergiften ratsamer. Hat aber etwas
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Hinterhältiges. Meine Tat soll Befreiung bewirken, die


Demokratie wieder zum Leben erwecken in Syrakus.

HERA
Was ist mit meiner Hochzeit?

DAMON
Das Schicksal von einer Million Menschen steht auf dem
Spiel hier in Syrakus

HERA
Dann erdolch Dionysios doch später.

DAMON
Er wechselt gerade viele Männer in seiner Leibwache aus.
Die Gelegenheit ist günstig. Ich werde mich verkleiden
als Leibwächter. Keinem wird es auffallen. So komme ich
unbemerkt an ihn heran. Tausend Leibwächter hat er. Er
ist eine uneinnehmbare Burg. Die Zugbrücke ist
heruntergelassen für kurze Zeit: ich marschiere hindurch
gut getarnt, unerkannt. Denke an das trojanische Pferd.
Das brachte den Sieg.

HAMILKAR
Wie will das trojanische Pferd wieder hinauskommen? Sie
werden es in Stücke hauen. Ich kenne mich mit Pferden
aus. Ich könnte das Pferd beschützen.

Damon steht auf und legt seine Hand auf Hamilkars


Schulter.

DAMON
Zwei neue Leibwächter fallen eher auf als einer.
Überraschung und Verkleidung – das sind meine Vorteile.“
Hera: „Meine Hochzeit ist mir egal. Aber du bist mir
nicht egal. Du sollst leben. Wir haben unsere Eltern früh
verloren. Du bist mein einziger Bruder – alles was ich
habe. Opfere dein Leben nicht für einen Tyrannen. Die
Götter heißen es nicht gut. Du sagst selbst, sie
beschützen Dionysios. Stehen ihm bei. Behüten und
bewachen ihn. Der mutigste Held hat keine Chance gegen
die Götter. Sprich mit Apollon. Gehe in seinen Tempel und
höre, was er dir rät.

Damon geht hin und her.

DAMON
Ich will mit Apollon sprechen. Mag sein, ich bin im
Irrtum. Ist es klug, was die Götter sich ausdenken und
planen? Irren Götter niemals? Doch wessen Vorteil
erstreben sie dabei? Gleichgestellt sind wir ihnen nicht.
Beachten sie unsere Interessen in irgendeiner Art? Oder
sind sie gleichgültig wie der Wind, der über ein
Schlachtfeld weht nach beendeter Schlacht. Den Wind rührt
nicht das Stöhnen der Verletzten. Ihr Schmerz ist nicht
der seinige.

Hera umarmt Damon.

HERA
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Ich bin nicht das Orakel von Delphi. Ich kenne nicht die
Zukunft. Aber du selber gestaltest die Zukunft durch
deine Taten und auch durch deine Gedanken. Lasse Apollon
dir in deinen Gedanken Bilder zeigen von dem, was die
Götter wünschen. Berücksichtige es, wenn du handelst.

Szene 2

Damon kniet im Apollontempel vor der großen Statue


des Apollon. Damon ist alleine im Tempel.

DAMON
Ich lege kein Opfertier auf deinen Altar. Ich bin
Pythagoreer musst du wissen. Die Tiere sind unsere
Freunde. Wir opfern sie nicht, um den Kontakt
herzustellen zu euch Göttern. In Freundschaft wären wir
auch gerne verbunden mit euch, ihr allmächtigen Götter.
Doch Harmonie in dieser Welt - wo ist sie? Ist sie so
weit verloren gegangen, dass niemand sie mehr
wiederfinden kann? Sollten wir Herkules beauftragen mit
dieser Aufgabe? Ich glaube, das wäre selbst für ihn nicht
zu schaffen. Ein paar Äpfel klauen aus den Gärten der
Hesperiden. Die Welt für eine Zeitlang tragen anstelle
von Atlas - das sind Kleinigkeiten. Doch die Harmonie und
die Freundschaft in diese Welt zu bringen - sieh dich um,
Apollon: Kriege, wir versklaven einander; schaden uns, so
gut wir nur können. Pythagoras war ein Träumer. Aber ich
brauche seinen Traum. Ich brauche Hoffnung, dass es
anders sein kann, dass wir Menschen fähig sind zu lieben.
Nicht nur eine oder zwei Personen, sondern die Welt als
Ganzes. Ihre Schönheit erkennen; und ihre Würde nicht
verletzen jeden Tag aufs Neue - durch Feindseligkeit
gegen uns selbst und gegen unsere Mitmenschen. Hier rede
ich von Freundschaft - und plane meinen König zu
ermorden. Dich frage ich gar um Rat. Wie könntest du das
gutheißen.

Eine Stimme ertönt aus der Richtung der


Apollonstatue.

APOLLON
Du bist frei. Ich nehme dir die Entscheidung nicht ab. Du
wirst gerichtet werden für sämtliche deiner Taten.
Verteidige dich, habe Beweggründe - mag sein, die ewigen
Richter sehen dich im Recht. Doch opfere nicht das Kleine
für das Große. Ein großes, hehres Ziel rechtfertigt nicht
das Unrecht, was du dafür begehst. Nicht dadurch bist du
gerechtfertigt. Denn jegliches Unrecht wäre damit gut.
Ein höheres Ziel gibt es immer, ist immer denkbar.

Damon ist aufgesprungen und sieht zu der


Apollonstatue empor.

DAMON
Du sprichst mit mir! Du würdigst mich einer Antwort.

APOLLON
Vielleicht antwortest du dir selbst? Hörst deine Stimme
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als die meinige. Wie willst du wissen, dass ein Gott zu


dir spricht? - Nun denn, so höre, was ich dir zu sagen
habe, wer auch immer ich sei. Deine Tat wird etwas
verändern. Doch wirst du nicht vollenden können, was du
dir vorgenommen hast.

DAMON
starrt die Apollonstatue an. Er sagt: "Wieso soll ich
dann beginnen, wenn ich es nicht vollenden kann? König
Dionysios verhindert die Gerechtigkeit alle Macht hat er
gesammelt; uns bleibt keine Macht und kein Recht. Willkür
herrscht statt Gerechtigkeit.

APOLLON
Ist die Welt gerecht? Sollte sie es sein? Haben wir
Götter einen Fehler gemacht, dass wir dich in einer so
ungerechten Welt leben lassen? Und du allein musst als
winziger Menschling all deine Kraft aufbieten, um die
Gerechtigkeit wiederherzustellen?

DAMON
Die Demokratie ist ein wertvolles Gut. Wir dürfen sie uns
nicht wegnehmen lassen von einem Tyrannen wie Dionysios
oder seinem Vater. Viel zu lange haben wir nur
zugeschaut, wie er mit Macht sich vollgesogen hat. Sind
wir denn allesamt seine Sklaven?

APOLLON
Viel Eifer ist in dir. Du erinnerst mich am mich. Wie oft
war ich aufgebracht über schändliche Taten. Doch sind die
Taten wirklich so schändlich, oder erscheinen sie uns nur
so, weil wir sie sehen mit unseren Augen, aus unserer
Sicht? Wie viel Schändliches bleibt auf der Welt, wenn
wir alles sehen mit den Augen von jedermann. Aus
jedermanns Sicht die Taten betrachten - wie viel bleibt
uns dann von unserem Zorn? Auf einmal sind wir voll des
Verständnisses. Übervoll. Wir brauchen nicht mehr zu
verzeihen. Weil wir Einsicht hatten in die Beweggründe
von jedem. Feinde werden zu Freunden. Ist es nicht das,
was du beabsichtigst? Du und deine Pythagoreer?

________________FORTSETZUNG FOLGT_____________

Als Hörprobe bei:

http://www.youtube.com/watch?v=vVVYJKmDi9k