Hintergrund: Ukraine Nr.

37 / Juni 2014 | 1













Schwierige Kommunalwahlen in der Ukraine

Miriam Kosmehl


Am 25. Mai konnten nicht nur alle Ukrainer ihren Präsidenten wählen (mit den bekannten, wesentlichen
Ausnahmen in Luhansk und Donezk), sondern viele zudem ihre Bürgermeister und Stadtratsabgeordne-
ten – etwa in Kiew und wichtigen Gebietshauptstädten (Oblastzentren). Der neue Präsident strebt auch
im Donbass so bald wie möglich vorgezogene Kommunalwahlen an. Er will legitime Ansprechpartner
dort, mit deren Hilfe er eine Dezentralisierung der Macht umsetzen kann. Die gerade durchgeführten
Kommunalwahlen zeigen, wie wichtig es sein wird, diese Wahlen gewissenhaft zu organisieren und ge-
gen Fälschungen und sonstigen Missbrauch abzusichern.

Insgesamt wurden 41 Bür-
germeister (Bürgermeister
von Städten werden in der
Ukraine Stadtvorsitzende
genannt), 41 Siedlungs-
und 190 Dorfvorsitzende,
sowie Abgeordnete von
zwei Stadt- und drei
Dorfräten gewählt. Neben
Kiew sind das die Bürger-
meister von Odessa, Miko-
lajiw und Cherson im Sü-
den, Czernowitz in der
West-, Tscherkassy in der
Zentral- und Sumy in der
Nordostukraine. Die Ämter
waren unterschiedlich lange
unbesetzt, zumeist weil ihre
Inhaber zurückgetreten oder
gestorben sind.
Hintergrund:
Ukraine


Nr. 37 / 11. Juni 2014

Die Kommunalwahlen fanden in den gelb markierten Gebieten statt. / Quelle:
http://myukraine.info/en/map

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Nach der ukrainischen Verfassung hätten neue Wahlen schon viel früher durchgeführt werden sollen.
Allerdings hätte das nationale Parlament sie per Gesetz ansetzen müssen.
Dem widersetzte sich eine von der „Partei der Regionen“ des damaligen Präsidenten Janukowytsch
angeführte Mehrheit. Der Grund: Sie sahen ihre Vertreter vor Ort ohne Chance.
Nach der Flucht Janukowytschs fand sich im Parlament eine „neue“ Mehrheit „alter“ Abgeordneter, die
die außerordentlichen Lokalwahlen ansetzten. Kiew war seit 2012 ohne gewählten Bürgermeister, der
Kiewer Stadtrat seit Mai 2013 ohne Vollmachten.
1
Die Kiewer hatten ihre 120 Stadträte im Mai 2008
auf vier Jahre gewählt. Doch mit der Verabschiedung des Lokalwahlgesetzes vom 10.7.2010
2
wurde
die Legislaturperiode des Stadtrats auf fünf Jahre verlängert, zählbar ab 2008. Auf der Grundlage die-
ses Gesetzes, nun mit den Änderungen vom 20. April 2014, fanden am 25. Mai außerordentliche Lo-
kalwahlen statt.
Weil die Hälfte der Abgeordneten der Lokalräte nach Parteilisten im Verhältniswahlverfahren gewählt
wird, sind die Wahlergebnisse auch ein Indikator für die Popularität der Parteien. In Kiew werden 60
Abgeordnete über die Parteiliste nach Verhältniswahlrecht bestimmt, 60 weitere Abgeordnete als Di-
rektkandidaten nach Mehrheitswahlverfahren. (Nur bei Dorf- und Siedlungsräten gilt ausschließlich
das Mehrheitswahlverfahren.)
Wahlbeobachter der Europäischen Plattform für Demokratische Wahlen, des Netzwerks OPORA und
der NRO Komitee der Wähler der Ukraine stellten der Durchführung der Lokalwahlen kein so gutes
Zeugnis aus wie die Beobachter der gleichzeitigen Wahl des Staatsoberhaupts.
Die Vorwürfe: mangelhafte Organisation und gezielte Fälschungen
Die neunzehn internationalen Wahlbeobachter des Europarats vom Kongress der Gemeinden und Re-
gionen Europas waren deutlich zurückhaltender in ihrem Urteil über die Lokalwahl, als die OSZE-
Mission des Büros für Demokratische Institutionen und Menschenrechte ODIHR und andere internati-
onale Beobachter, deren Mandat sich auf die Präsidentschaftswahl beschränkte. „Es besteht Raum für
Verbesserungen, was die praktische Seite am Wahltag betrifft, insbesondere die Auszählung. Wir be-
dauern auch, dass die Lokalwahlen am selben Tag stattgefunden haben wie die Präsidentschaftswahl.
Aber trotz des fragilen politischen Umfelds und der organisatorischen Probleme betrachtet der Kon-
gress die Wahl als positiven Test auf der lokalen Ebene.“
Die Wahlbeteiligung lag in Kiew bei über 60 Prozent.
3
Nach Schätzung von Vitali Teslenko, dem stell-
vertretenden Leiter vom Komitee der Wähler der Ukraine, konnten in Kiew aber bis zu zehn Prozent
aller potentiellen Wähler ihre Stimme gar nicht abgeben, obwohl einige Wahllokale gleich mehrere
Stunden länger geöffnet blieben als geplant. In einigen Wahllokalen mussten Kiewer, die insgesamt
vier Stimmzettel auszufüllen hatten (einen für den Präsidenten; einen für den Bürgermeister; einen für
den Einzelkandidaten zum Stadtrat und einen für die Parteiliste), mehrere Stunden anstehen, was
etliche dazu brachte, auf ihr Wahlrecht zu verzichten.

1
S. Bericht aus aktuellem Anlass No. 9 „Machtkampf in der Ukraine spitzt sich zu: Europäische Hauptstadt ohne Bürger-
meister – Land ohne Parlament?“ vom 11. April 2013, http://www.freiheit.org/Politische-Berichte-aus-aktuellem-
Anlass/415c24882i1p/index.html.
2
Gesetz der Ukraine „Über die Wahlen von Abgeordneten der Werkhowna Rada der Autonomen Republik Krim, der Lokal-
räte und Dorf-, Siedlungs- und Stadtvorsitzenden“.
3
Nach Feststellung der Zentralen Wahlkommission war die Wahlbeteiligung bei der Präsidentschaftswahl in Kiew 62,7%
(http://www.cvk.gov.ua/vp2014/wp001.html); sie ist für die Kiewer Lokalwahlen zumindest eine Orientierung.

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Darüber hinaus gibt es Vorwürfe von Unregel-
mäßigkeiten bei der Auszählung, die zuun-
gunsten der kleineren Parteien unternommen
worden sein sollen. Die seit 2011 registrierte
und insbesondere von Bürgerrechtsaktivisten
des Majdan geschätzte Partei „Demokratische
Allianz“ setzte durch, dass teilweise neu aus-
gezählt wurde – und schaffte danach auch
knapp die Drei-Prozent-Hürde.
Der investigative Kiewer Journalist Serhij Le-
schtschenko sprach von „Fälschungen wie zu
den besten Zeiten Janukowytschs“. Diese Beur-
teilung relativiert das Komitee der Wähler der
Ukraine mit seinem Urteil, die Wahlfälschun-
gen seien nicht systematisch gewesen, sondern das Resultat überforderter Kommissionen in den
Wahllokalen, mit zu kleinen und unzureichend geschulten Teams. Konkret beobachtet habe man aber
Verfahrensverstöße beim Ausgeben der Wahlzettel, dass die Geheimhaltung der Stimmabgabe nicht
gewährleistet worden sei, indirekten Stimmenkauf und „schwarze PR“ (Diffamierung des politischen
Gegners). Ferner bemängelte die Organisation Auslassungen auf den Wählerlisten, verspätete Stimm-
auswertungen und technische Schwierigkeiten, vor allem Sicherheitsverletzungen. Das Wahlbeobach-
tungsnetzwerk OPORA verweist auf einen Hacker-Angriff auf das Informationssystem. Normalerweise
müssen die Ergebnisse bis zum fünften Tag nach der Wahl auf der Website der Zentralen Wahlkom-
mission bekannt gemacht werden; bis zum Abschluss dieses Berichts
4
fehlten dort jedoch die Wahler-
gebnisse der Lokalwahlen. Zumindest die Direktmandatsträger und die Mandatszahlen, die auf die
einzelnen Parteien entfallen, sind seit dem 4. Juni in der offiziellen Zeitung Kiews „Chreschtschatyk“
veröffentlicht.
5

Die Schlussfolgerung, dass nationale Wahlen nicht zusammen mit lokalen Wahlen durchgeführt wer-
den sollten, ziehen alle internationalen und nationalen Beobachter.
6

Vitali Klitschko – mit klarer Mehrheit Stadtchef statt Staatschef
Vitali Klitschko gelang es am 25. Mai, mit 56,7 Prozent der Stimmen Bürgermeister Kiews zu werden
(richtig formuliert: Stadtvorsitzender). Ihm folgten Lesja Orobets mit 8,45 Prozent, Volodymyr Bonda-
renko mit 7,95 Prozent, Oleksandr Omeltschenko mit 7,52 und Mykola Kateryntschuk mit 5,15 Pro-
zent.
7
Für Klitschko war es nach 2006 und 2008 sein dritter Versuch. Er hatte bereits am 29. März
erklärt, Kiewer Bürgermeister statt Präsident werden zu wollen. Da lag er in den Präsidentschafts-
wahlprognosen schon mehr als 10 Prozent hinter Petro Poroschenko. Beide erklärten auf einer ge-
meinsamen Pressekonferenz ihre Allianz: Klitschko ziehe sich als Präsidentschaftskandidat zurück,
Poroschenko unterstütze Klitschko als Bürgermeister Kiews, Klitschko Poroschenko als Präsident; ihre
Parteien „UDAR“ und „Solidarnist“ (Solidarität) würden sich vereinigen.
Die Kooperation hat einen praktischen Hintergrund: Bislang gab es in Kiew Probleme mit der Selbst-
verwaltung: Diese obliegt eigentlich dem Bürgermeister – doch faktisch trifft der vom ukrainischen
Präsidenten nach Vorgabe des Ministerkabinetts ernannte Vorsitzende der Stadtverwaltung alle we-

4
10.6.2014.
5
No. 77 (4477) vom 4. Juni 2014, s. http://www.kreschatic.kiev.ua/file/rez.pdf.
6
S. www.evu.org.ua; www.oporaua.org; www.epde.org.
7
Alle Prozentangaben aus der Internetzeitung „Ukrainska Prawda“,
http://www.pravda.com.ua/articles/2014/05/26/7026766/.
Anstehen in einem Kiewer Wahllokal am 25. Mai


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sentlichen Entscheidungen. Poroschenko hatte vor den Kiewer Wahlen zugesagt, Klitschko auch zum
Vorsitzenden der Stadtverwaltung zu ernennen, falls er Präsident werde. Poroschenko selbst fehlt die
Machtbasis einer eigenen Partei im nationalen Parlament. Seine Partei „Solidarnist“ hat bislang keine
tatsächlichen Politiker hinter der Namensfassade, und zudem ist strittig, ob die Partei rechtlich über-
haupt noch existiert. Er dürfte deshalb interessiert sein, die Strukturen der Klitschko-Partei „UDAR“ zu
nutzen, unabhängig davon, ob sich seine politischen Unterstützer künftig unter dem Dach von „U-
DAR“, „Solidarnist“ oder unter einem neuen Namen sammeln.
Für die Kiewer Stadtratswahl kandidierten „UDAR“ und „Solidarnist“ mit gemeinsamen Direktkandida-
ten und einer gemeinsamen UDAR-Parteiliste. „UDAR“ kam so auf voraussichtlich 40,56 Prozent. Da
außerdem 47 von UDAR aufgestellte Direktkandidaten siegten (von insgesamt 60), scheint Klitschko
mit einer absoluten UDAR-Mehrheit im Stadtrat unabhängig davon zu sein, ob Poroschenko ihn nun
zum Stadtverwaltungschef ernennt oder nicht: Klitschko könnte mit seiner Parteimehrheit im Stadtrat
jede Entscheidung des Stadtverwaltungschefs blockieren. Grundsätzlich strebte „UDAR“ an, beide Pos-
ten zusammenzulegen, um die Kompetenzüberschneidung ein für alle Mal und personenunabhängig
zu regeln. Dafür fand sich aber bislang im nationalen Parlament keine Mehrheit.
Klare Mehrheit für Klitschkos „UDAR“ trotz
Kritik im Vorfeld
Die Allianz Poroschenko/Klitschko hat Früchte
getragen, Poroschenko zudem sein Verspre-
chen gehalten, keine Negativ-Kampagne zu
betreiben. Beides entspricht, wohl vor allem
wegen der zahlreichen schlechten Erfahrun-
gen nach 2004, den Bedürfnissen der Bevölke-
rung. Von Bedeutung ist auch Poroschenkos
Ruf als ‚zivilisierter‘ Oligarch, der sich am
Hauptort seiner geschäftlichen Tätigkeit Win-
nytsia in der Zentralukraine engagiert und
dessen Unternehmen vergleichsweise gute
Arbeitsbedingungen und Löhne bieten sollen.
Einige in den Kiewer Stadtrat gewählte Mitglieder veranlassen Beobachter zu der Frage, wie viele für
die UDAR-Fraktion Angetretene das von Klitschko vorgebrachte Hauptziel Korruptionsbekämpfung
teilen. Vor allem sorgt für Empörung, dass Personen aus der Fraktion des skandalumgebenen früheren
Kiewer Bürgermeisters Leonid Tschernowetski wieder im Stadtrat sitzen. Klitschko argumentiert, auf
der UDAR-Liste sei nur ein einziger solcher Stadtrat und für diesen habe ihm Poroschenko versichert,
er werde künftig sauber arbeiten. Die Verantwortung für die selbstaufgestellten Kandidaten in den
Mehrheitswahlkreisen, auch darunter Mitglieder der Tschernowetski-Fraktion, tragen laut Klitschko
die Kiewer Wähler selbst. Zum Vorwurf, „UDAR“ habe in solchen Wahlkreisen gezielt schwache Gegner
aufgestellt, um den umstrittenen Kandidaten den Erfolg zu erleichtern, äußerte er sich nicht.
In jedem Fall birgt die absolute Mehrheit von „UDAR“ die Gefahr, dass politische Auseinandersetzun-
gen nicht öffentlich im Stadtrat debattiert werden, sondern abgeschirmt in der Fraktion. Wenn am
Ende von Klitschkos Amtszeit Bilanz gezogen wird, kann er bei 77 UDAR-zugehörigen Stadtabgeord-
neten von insgesamt 120 mangelhafte Erfolge jedenfalls nicht damit entschuldigen, seine Vollmach-
ten hätten nicht ausgereicht.
Vor dem Hauptquartier von „UDAR“ in Kiew forderte der im Abseits
liegende Mykola Kateryntschuk von der „Europäischen Partei der
Ukraine“ Vitali Klitschko zum „Zweikampf“ – als öffentliche Debatte.

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Großes Interesse rief in der Ukraine ein Treffen von Poroschenko und Klitschko mit dem ukrainischen
Oligarchen Dmytro Firtasch in Wien hervor, wo dieser auf die Entscheidung eines österreichischen
Gerichts in einem von den USA angestrengten Auslieferungsverfahren wartet. Über die Inhalte kann
nur spekuliert werden, weil keiner der Beteiligten Details bekanntgab. Öffentlich sprach sich Firtasch
zusammen mit dem früheren Präsidialamtschef unter Janukowytsch für eine politische Allianz Klitsch-
ko-Poroschenkos aus.
Einen Vorwahl-Skandal gab es um die Bürgermeisterin-Kandidatur von Lesja Orobets, die nach
Klitschko mit voraussichtlich 8,45 Prozent das zweitbeste Ergebnis erzielte. Die Kiewer Wahlkommis-
sion unter Vorsitz eines UDAR-Mitglieds schloss die prominente Majdanaktivistin am 12. Mai unter
einem Vorwand aus; ein Gericht setzte sie unverzüglich wieder ein. Die Abgeordnete war aus der Va-
terlandspartei ausgetreten, hatte sich als parteilose, sog. selbstaufgestellte Bürgermeisterkandidatin
registrieren lassen und führte die neue Partei „Neues Leben“ an. Sie beschuldigte Klitschko öffentlich
des unfairen Wahlkampfs.
Neue Gesichter und Parteien in Kiew nach dem Eu-
romajdan
Viele Kiewer dürften mit „UDAR“ den bekannten Namen
Klitschko und die Hoffnung auf die einfache Lösung ge-
wählt haben. Dennoch haben vor allem Hauptstädter auch
für neue Gesichter und Parteien gesorgt – und die Vater-
landspartei Julija Timoschenkos als alte Partei deutlich
abgewählt, die mit voraussichtlich 4,14 Prozent nur noch
drei Abgeordnete in den Stadtrat schickt. Bei der Parla-
mentswahl im Oktober 2012 lag die Partei noch bei 30,99
Prozent.
Spannend war vor allem, wie erfolgreich die Aktivisten des
Euromajdans sein würden. Die vergleichsweise knappen
Ergebnisse zeigen, wie schwer es ist, sich als neue politi-
sche Kraft zu etablieren – selbst nach einem Ereignis wie
dem Euromajdan. Sie liegen aber auch daran, dass die Ak-
teure sich nicht zusammengeschlossen haben. Die Partei
„Neues Leben“ von Lesja Orobets stellt drei Abgeordnete
(und hat voraussichtlich 3,39 Prozent); die „Demokratische Allianz“ kann mit den durchgesetzten Neu-
auszählungen und knapp über drei Prozent zwei Abgeordnete in den Stadtrat schicken. Weitere Par-
teien, die zum ersten Mal in den Stadtrat einziehen, sind die „Radikale Partei“ von Oleh Liaschko mit
sieben Abgeordneten und voraussichtlich 9,21 Prozent und die „Vereinigung zur Selbsthilfe“ des Lem-
berger Bürgermeisters Sadowy mit fünf Abgeordneten und voraussichtlich 6,87 Prozent. Die sog. Frei-
heitspartei „Swoboda“ hat insgesamt sechs Abgeordnete (fünf über die Liste und einen Direktkandida-
ten) bei voraussichtlich 6,5 Prozent. Von den neuen Parteien haben jene besser abgeschnitten, denen
bekannte Persönlichkeiten vorstehen. Der Lemberger Bürgermeister Sadowy wird für das Stadtma-
nagement Lembergs geschätzt, Lesja Orobets war als Abgeordnete des nationalen Parlaments in der
Majdanbewegung sichtbar. Ansonsten ziehen noch die „Bürgerliche Position“ des ehemaligen Verteidi-
gungsministers und Parlamentsabgeordneten Anatoli Hrytsenko, der vorwiegend Intellektuelle hinter
sich versammelt, die die Übergangsregierung kritisch begleiten, und die Partei „Einheit“ eines früheren
Kiewer Bürgermeisters Oleksandr Omeltschenko mit drei bzw. zwei Vertretern (und voraussichtlich
Die zweitbeste Bürgermeisterkandidatin Lesja Orobets
konnte erst nach einem Gerichtsentscheid wieder zur
Bürgermeisterwahl antreten.

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3,61 bzw. 3,31 Prozent) in die Kiewer Rada ein. Nicht über die erforderlichen drei Prozent kamen die
ganz neuen liberalen Parteien „Demokraten“ um die Abgeordneten Volodymyr Polotschaninow und
Andrei Pawelko, die zur Partei „Front des Wandels“ des Übergangspremiers Jatzenjuk gehörten, aber
die Vereinigung mit der Vaterlandspartei im Juni 2013 nicht mitmachten, sowie die Partei „5.10“ mit
einem ausschließlich auf Steuern beschränkten Programm (die „5“ steht für eine fünfprozentige
Mehrwertsteuer und die „10“ für den entsprechenden einheitlichen Einkommenssteuersatz). Beide
waren gerade im Fernsehen noch weniger sichtbar als etwa die anderen Kleinparteien, was in der Uk-
raine ein deutlicher Nachteil ist.
Dagegen dürfte zum guten Abschneiden der Radikalen
Partei Oleh Liaschkos beigetragen haben, dass ihr Partei-
vorsitzender es mit seinen populistischen Äußerungen in
fast jede Fernsehtalkshow schaffte. Der aus der Vater-
landspartei kommende „Maverick“ schnitt schon bei der
Präsidentschaftswahl mit 8,32 Prozent als Drittbester ab.
Solange es keine gesetzlichen Regelungen gibt, muss sich
das ukrainische Fernsehen, mittels dessen sich der über-
wiegende Teil der ukrainischen Gesellschaft noch immer
informiert, fragen lassen, ob es mit quotenorientierten
populistischen Auftritten einzelner Kandidaten der ukrai-
nischen Gesellschaft einen Gefallen tut. Mittlerweile
komplimentierte Oleh Liaschko einen russischen Journalis-
ten eigenmächtig und trotz Akkreditierung aus dem ukrai-
nischen Parlament, was die politische Kultur der Ukraine
nicht weiterbringt.


In den Gebietshauptstädten Odessa,Tscherkassy,
Mikolajiw, Cherson, Czernowitz und Sumy
In Odessa war schon der Wahlkampf zwischen den
Gegenkandidaten mit den besten Erfolgsaussichten,
Eduard Gurwiz von „UDAR“ und dem für die Lokal-
wahl aus dem nationalen Parlament ausgetretenen
Gennadi Truchanow hässlich, vor allem, weil die
Verantwortung für den Brand in Odessa am 2. Mai,
bei dem über 40 Menschen gestorben waren, Wahl-
kampfthema war. Gurwiz wurde erstaunlicherweise
auch vom Übergangsinnenminister Arsen Awakow
von der Vaterlandspartei beschuldigt – Awakow
legte für diese schwerwiegende Beschuldigung aber
ebenso wenig Beweise vor wie irgendjemand sonst.
Der letztliche Sieger Truchanow kommt aus der
„Partei der Regionen“ und erfährt nun Unterstüt-
zung durch die Partei „Rodina“ (russisch für Vater-
land). Illegaler Aktivitäten bezichtigten sich beide
Hinten der erfolgreiche Vitali Klitschko, vorn der als
Präsidentschaftskandidat gescheiterte Anatoli
Hrytsenko, dessen Partei „Bürgerliche Position“
zumindest der Einzug ins Kiewer Stadtparlament
gelang.
Die Wahlwerbung für die "Radikale Partei" von Oleh Liaschko
für die Stadtratswahl Kiew: Ein radikaler Wechsel - das ist die
Wahrheit.

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Kandidaten. Auch das Thema „Separatismus“ spielte eine Rolle, diesmal als Vorwurf an die Adresse
Truchanows. Er betonte daraufhin, niemand in Odessa wolle nach Russland und niemand halte Odessa
für eine russische Stadt. Truchanow werden bei genannten 43,4 Prozent der Wählerstimmen und mehr
als 11 Prozent Vorsprung vor dem Zweitplatzierten großangelegte Fälschungen vorgeworfen. So wur-
den Säcke mit 13.500 Wahlzetteln gefunden, auf denen Truchanows Name angekreuzt war. Zudem
wird die Richtigkeit von Wählerlisten angezweifelt, weil sie den unwahrscheinlichen Fall einer höhe-
ren Wahlbeteiligung als bei der parallelen Präsidentschaftswahl dokumentiert haben.
In Tscherkassy in der Zentralukraine, wo Bürgermeister und Stadtrat gewählt wurden, hat die Zentrale
Wahlkommission der Ukraine die für die Stadt zuständige sog. „Territoriale Wahlkommission“ aufge-
löst, nachdem diese entschied, die Wahlprotokolle für beide Wahlen noch einmal zu prüfen. Die neue
Territoriale Wahlkommission bestätigte den Sieger der Randpartei der „Freien Demokraten“ und rief
ihn zum Bürgermeister aus. Der wiederum wirft der (alten) Territorialen Wahlkommission vor, unter
dem Einfluss einer gegen ihn gerichteten Koalition aus der Partei der Regionen, Kommunisten und der
Vaterlandspartei gehandelt zu haben.
Erwartungsgemäß liefen die Wahlen im südlichen Mykolajiw ab, wo die Bürger sich mehrheitlich für
ein ehemaliges Mitglied der „Partei der Regionen“ aus dem Stadtrat entschieden, das faktisch den
fehlenden Bürgermeister ersetzt hatte. In Cherson dagegen, ebenfalls in der Südukraine, wählten die
Bürger ein Mitglied der Vaterlandspartei, ebenso wie im westlichen Czernowitz und im nordöstlichen
Sumy.
Augenmerk auf der Hauptstadt
Aufgrund des genannten Lokalwahlgesetzes ist die Amtszeit aller neu Gewählten begrenzt. Auch die
nächste reguläre Bürgermeisterwahl in Kiew findet bereits Ende Oktober 2015 statt, zusammen mit
allen anderen Lokalwahlen.
Vitali Klitschko wird zeigen müssen, dass er gravierende Probleme zumindest angeht. Einen Vorge-
schmack dessen, wie schwierig es sein wird, angekündigte Ziele durchzusetzen, spürte Vitali Klitschko
schon eine Woche nach der Wahl, als er erklärte, dass er die auf den Straßen und im Kiewer Rathaus
verbliebene Majdanbewegung einbeziehen wolle, die Barrikaden in Kiew aber nun weggeräumt gehör-
ten. Zum ersten Mal seit Februar brannten im Zentrum Kiews wieder Autoreifen.
In der heruntergewirtschafteten Hauptstadt werden die wirtschaftlichen Herausforderungen eine
zentrale Rolle spielen. So erhält Kiew mit einem Budget von 25 Milliarden UAH (etwa 1,5 Milliarden
Euro) und, nach Aussage des gegenwärtigen Verwaltungschefs, einem Defizit von 3,6 Milliarden UAH
(etwa 230 Millionen Euro) nach allgemeiner Einschätzung aller politischen Kräfte zu wenig Geld aus
dem nationalen Budget. Kiew überweise dagegen zu viel Geld an die Regierung, beispielsweise rund
10 Milliarden UAH (etwa 625 Millionen Euro) Einkommenssteuer physischer Personen nur in diesem
Jahr. Klitschko hat bereits kostspielige Investitionen zugesagt, etwa den kommunalen Nahverkehr zu
erweitern. Problematisch ist, dass heutige Tarife für Nahverkehr, für Wasser und andere kommunale
Dienste schon jetzt nicht die Kosten decken. Sicher wäre Geld vorhanden, wenn der Haushalt insge-
samt transparent gemacht und etliche Abzweigungen zugunsten Einzelner unterbunden würden, die
wegen Gesetzeslücken oder Korruption funktionieren. Bis es soweit ist, wird es schwer, Tarife anzuhe-
ben oder populistische Zahlungen wie zwanzigprozentige Gehaltszuschläge für Stadtbedienstete ein-
zustellen, die sich auch die Hauptstadt nicht leisten kann.

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Das „alte“ Thema – die Schwierigkeiten mit der ‚neuen‘ politische Kultur
Die Ukrainer nehmen „altes“ Fehlverhalten durchaus wahr, einige resignierend, andere werden nicht
müde, es zu thematisieren. Wieder andere glauben, der Zweck entschuldige die Mittel, denn das Land
habe momentan gravierendere Probleme. So rechtfertigen etwa Abgeordnete der früheren Opposition
das Abstimmen mit fremden Stimmkarten im nationalen Parlament so, dass wichtige Gesetze verab-
schiedet werden müssten. Momentan empört sich die Gesellschaft auch deshalb wenig, weil sie von
der kritischen Lage im Osten und dem Wunsch nach Frieden und Stabilität abgelenkt ist.
Der neue, demokratisch legitimierte Präsident Poroschenko hat am Tag seiner Inauguration von den
bereits vorbereiteten Dezentralisierungsvorhaben gesprochen – und betont, dass dafür im Donbass
legitime Ansprechpartner notwendig seien. Folglich werde er sich für vorgezogene Kommunalwahlen
auch dort einsetzen, die so bald wie möglich gehalten werden sollten.
Die zahlreichen Schwierigkeiten bei den Lokalwahlen, die gerade stattgefunden haben, zeigen indes,
dass die Auslagerung von Kompetenzen in die Regionen nicht ohne weiteres die Probleme löst, die die
Ukraine mit der demokratischen Praxis hat. Grundsätzlich ist mehr lokale Selbstverwaltung natürlich
richtig. Aber es ist in einem Land mit rudimentärer politischer Kultur eine Herausforderung, sie ver-
antwortungsbewusst zu organisieren und zu kontrollieren. Es ist ein Glück für die Ukraine, eine aktive
Zivilgesellschaft zu haben, auch wenn die gegenwärtige Kriegssituation naturgemäß auch diese in
ihrem Handlungsspielraum einschränkt.
Die grundsätzliche Wertschätzung lokaler Wahlen teilen übrigens nicht alle. Das (sich inzwischen
Russland zugehörig fühlende) Krim-Parlament hat die Direktwahl von Bürgermeistern bereits abge-
schafft.


Miriam Kosmehl ist Projektleiterin der FNF für die Ukraine und für Belarus.


Fotos: FNF-Projektbüro Kiew



Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Bereich Internationale Politik
Referat für Querschnittsaufgaben
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