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Copyright 2007 by Nico Schiefer

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Neulich in Kopenhagen

Ich stehe auf Maßbier. Kopenhagen steht auf Maastricht;


Einer eiszeitlichen Grundmoränenlandschaft. Wenn ich
mich zwischen dem Freistaat München und der Freiinsel
Christiania innerhalb der dänischen Hauptstadtgrenzen ent-
scheiden müsste, wäre das leicht: Maßbier gibt es in Däne-
mark, aber kein Gras im Oktoberfestländle. Ich habe ein vol-
les Dutzend Leute angequatscht, plus einen Polizisten, den
ich fragte, wo er nach Marihuanadealern suchen würde -,
keine Chance: Die Bayer mähen ihr Gras, aber sie rauchen
es nicht. Egal, die Brezenfresser waren eh nie mein Fall, aber
das ist eine andere Geschichte, ...

Maßbier und Kopenhagen eint also eine Gemeinsamkeit:


Kalk. Während keiner scharf darauf ist, vom Weissbier sau-
fen Kalk in seinen Venen ablagert zu kriegen, steht Kopen-
hagen voll drauf. Ja, die dänische Hauptstadt schwimmt auf
Kalk, ebenso wie Rom auf ihrem osteoporösen Käseboden.
Das machte den Bau der Metro teuer, vermutlich auch ihren
Gebrauch; Ich habe das nicht überprüft, war bereits ausge-
brannt, lange bevor ich von der imposanten Öresund-Brücke
kommend, das mich vom schwedischen Schonen hierher
geführt hatte, meinen Fuss vom Nachbarn Malmö nahm,
und auf die Seelandinsel setzte. Eine Fahrt durchs Märchen-
land, bewohnt von Wassernixen. Gesehen habe ich keine
einzige. Dunstvoll war es, zu sehr das Gefühl einer Frost-
hand im Nacken. Nymphisch kalt, und eisig still. Trostlos
diese Welt, und faszinierend, das man nicht abschalten will,
den Film, der sich vor den Augen abspielt, die Vorstellung
nährt, das da noch was kommen müsste. Wie im Film Mull-
holland Drive. Man ist sich sicher, dass gleich die nächste
Szene alles erklären wird, was man bis dahin nicht verstan-
den hat. Und dann ist der Film aus, urplötzlich abgespult,
und man zweifelt, ob man überhaupt einen gesehen hat. Aus
Gewohnheit bleibt man sitzen, mampft das letzte Körnchen
Pop, und fragt sich, ob man nur zu blöd ist, oder einfach
nicht aufmerksam genug zugesehen hat. Dann denkt man
nach, worüber man nicht nachdenken kann, weil man ja
nicht weiss, was man gesehen hat. Man fühlt sich irgendwie
verschaukelt; Von dieser wankenden Welt, die so surreal ist
wie die Vorstellung einer solchen, in der die Nazis in trauter
Einheit mit den Kommunisten den Krieg gewonnen haben.

Das waren die ersten Impressionen auf meiner Reise durch


den Glockendunst, von denen ich mit Sicherheit sagen kann,
das es welche waren. Was dann kam, verschwand im Wal-
rausch, zwischen Sumpftraum und Wahn. Wirkliches wich
Möglichem. Zu sehr hatte mir die Fahrt hierher zugesetzt,
als dass ich auf tiefschürfendere Bewegungen durchs Ge-
schiebemergel noch Lust gehabt hätte. Müde war ich; Und
vom Wunsch beseelt, auf der erstbesten Matratze zusam-
menzubrechen.
Sie hiess Anna, und war gerade mal 17. Sie musste mich in
der Nähe des Tivoli aufgegabelt haben. Denn am Schiff war
ich noch allein, denke ich. Irgendwo zwischen Bahnhof und
Christianshavn war mir mein Handgepäck zu schwer ge-
worden, und beim Versuch, das Gewicht von der tragenden,
rechten Hand in die Linke zu wechseln, merkte ich, dass
diese von einer dritten, fremden Hand gehalten wurde.
Anna kam aus Amerika. Das war es, was sie behauptete.
Ich glaubte ihr kein Wort. Erst als sie auf mir herumrutsch-
te, mit ihren Arschbacken, meinen Schwanz verschlang wie
einen feuchten Marillenknödel, konstatierte ich, das wir es
so etwas von ungeschützt trieben. Peng! ...und nüchtern war
ich: Wie unvorsichtig! Wie dumm! -, wie scheissegal auch.
Drauf geschissen; immer wieder, vergesse ich, vergessen sie,
die kleinen Hürchen, sich zu schützen vor mir: Der elenden
Krake. Und da ich eh schon drinnen war, spritzte ich mal
proper ab. Der Saft lief über Schenkel, ihren und meinen, als
ich mich rittlings auf sie setzte und den Rest über ihren
Bauch verteilte. Mit meiner linken Arschbacke tat ich das,
als wollte ich einen Film ziehen über diesen grausigen
Frostbeulentag. Anna. Das Mädchen aus Georgetown. Am
Morgen war sie tot.
Ich fand sie in einer Blutlacke liegend, als ich die erste Zi-
garette des Tages aus dem Fenster warf. Mit dem Asphalt
vereist, um vier Uhr morgens. Da lag sie: aus dem Fenster
gefallen. So muss es wohl gelaufen sein. Anna. Gab es einen
Streit? Keine Frage. Ein Zeichen.
Ich packte meine Converse, flog die Treppen hinunter, vor-
bei am schwachen Kegellicht, und starrte sie an. Mit offenen
Augen, blutunterlaufen, ein schwaches Röcheln, dann war es
still. Kurz entschlossen rausgesprungen. Ich überlegte, ihre
Augen zu schliessen. Dann zog ich von dannen, an Häusern
und Gärten vorbei, über Brücken und Ampeln, die gelang-
weilt blinkten. Leere Strassen. Eine Gähnen faulte durch die
Stadt; Und keiner merkte was. Die DNA auf dem Zigaret-
tenstummel über der Leiche: ein schwacher Zeuge. Und
keiner merkte was; Während ich ins Nichts hinauslief, das
Bild ihrer Leiche durch meine gelangweilten Lider stach,
mit weit aufgerissenen Augen. Was mochte sie gedacht ha-
ben, einen Schuh breit vorm Asphalt?

Kopenhagen war ein seltsamer Trip. Nirgends war ich so


angenehm bei mir wie in dieser Stadt. Selbst der Tot einer
Unbekannten stimmte mich milde. In dieser Frostbeulen-
nacht
...des 11. Septembers 2003.
Weitere (Reise-) texte und Kurzgeschichten:

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Nico Schiefer, geboren am 11. April 1981, lebt zusammen mit seiner
Frau in Manila. Der Grenzgänger schreibt von den Rändern der
Gesellschaft.
Bevor er damit begann, durch Asien und Europa zu reisen, ver-
diente er sich die ersten Sporen im erweiterten Feld des Journa-
lismus: er arbeitete für eine Presseagentur in Wien, verkaufte Wer-
beflächen, schrieb für österreichische Lokalzeitungen und Under-
ground-Magazine in Deutschland. Seine Umtriebigkeit und sein
Gespür dafür, was hinter dem Sichtbaren brennt, bringt ihn stän-
dig ins Gespräch - auch im Establishment.

Die Presse nennt ihn „das Untergrundgenie“.


Bücher von Nico Schiefer

S-BAR: eine schlechtbürgerliche Küche, Reisetexte 2009


ISBN: ISBN-13: 978-3000210426

Schmetterlingsherzen, Roman 2006


ISBN: 9 783902 546692

Lagunen Lieder, Gedichte 2006


ISBN: 9 783902 546616

backfeed, Shortcuts & Aphorismen 2006


ISBN: 9 783902 546685

GIRLS! untouched, Kunstbuch 2007


ISBN: 9 783833 492747

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