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Lokales KULTUR Montag, 4. Oktober 2010 | Nr. 229

AMPERITIV
Das beliebte Dachauer Zeltfestival hat zum achten Mal stattgefunden –
mit Angeboten für Groß und Klein, drinnen und draußen

DIE PLATZENDEN HIRSCHE ............................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................

Zwei weidwund-fiese Männerseelen


Eine rasante Show haben rettkollege Urban Priol sind sammenbruch, als der Rotzlöf- Running Gag auf die sexyma-
Michael Altinger und die Zielscheibe ihrer Späße, fel zwar die Nudeln stehen chende Macht des Geldes,
die gerne in den Blödsinn ab- lässt, dafür aber die geliebte schwingt die Hüften und rollt
Alexander Liegl auf dem driften, aber immer wieder Mousse au Chocolat restlos psychopathisch mit den Au-
Amperitiv geboten. Mit die Kurve zur Realität bekom- verputzt. Noch komischer ist gen, immer dann, wenn die
einer Mixtur aus sinnfrei- men. Diese Gratwanderung der wortgewandte Alexander Rede auf seine Frau kommt.
er Comedy und doppel- charakterisiert auch die Fest- Liegl als Opernkomponist und Der Erfolg der beiden liegt
stellung Michi Altingers, ein sich zwischen Königssohn im gekonnten Mix aus Schau-
bödigem Witz hatten die Kabarettist müsse am Anfang und froschküssender Elfe ver- spiel-, Komödien- und Musik-
beiden ideen- und hor- deutlich werden, denn sonst zettelnder Märchenonkel. elementen und dem Wechsel
monstrotzenden Kerle schalten die Leute weg: Zum Brüllen und besser als von Witz und Wut. Etwa,
keine Mühe beim Publi- „Wenn Dieter Hildebrandt zu jede Originalvorlage sind die wenn Altinger singt „Auch
kompliziert wird, geht’s rüber gelesenen und gespielten Sze- Frauen sind Schweine“ und
kum die „pure Dachauer zu Mario Barth.“ nen aus dem Drei-Groschen- sich über einen Schönheits-
Lust“ zu wecken. So hohl sind die Späße des Wildschütz-Arzt-Baron-Ro- chirurgen ereifert, der sogar
Duos aber keineswegs, vor al- man mit Michi Altinger als dem Kanarienvogel Brustim-
VON DR. BÄRBEL SCHÄFER lem nach der Pause gewinnen „bildjunge und blutschöne“ plantate setzt. Dann löst er die
sie an Fahrt. Im Laufe des Krankenschwester, die ver- Empörung in Komik auf.
Dachau – Witzig ist schon der Programms entwickelt sich geblich auf ihren Einsatz war- „Den haut’s ständig nach vor-
Einzug der beiden bayeri- eine tiefsinnige gegenseitige tet. Wen wundert’s, dass die ne von der Stange. Aber we-
schen Charmebolzen: Sie Erkenntnis, wie sie nur zwi- wenigen Voraussetzungen, nigstens fällt er weich.“
warfen sich wie im Varieté in schen zwei dicken Freunden die ein Schriftsteller braucht, Ein verbales Feuerwerk ist
tänzerische Showgirl-Pose. herrscht, mit allen Schwä- um schreiben zu können, sich auch die Zugabe. Liegl dekla-
Der rote Faden liegt in der chen, Ecken und Kanten. Als als unerfüllbare Bedingungen miert sich bei einer Ballade
Männerfreundschaft der bei- wild, smart und draufgänge- erweisen: Café in der Fußgän- über den Rächer im Schiller-
den Platzhirsche, die sich risch beschreiben sich beide gerzone, ohne Geschäfte aber schen Stil derart in Rage, dass
ständig auf den Arm nehmen und sind doch so sensibel, mit gegenüberliegender Bio- er nur noch japsen kann. Den
und sich beim Publikum ge- wie nur eine weidwunde Metzgerei und entsprechend Schluss der finsteren Mörder-
genseitig anschwärzen, mit Männerseele es sein kann. anregender Gesellschaft am story übernimmt Michi Altin-
der Begründung: „Du warst Sehr komisch ist Michi Al- Tisch – was noch lange keine ger. Er krönt sie mit einer
schon immer fies zu mir.“ tinger als spaghettikochender Garantie dafür sei, dass er nicht absehbaren Pointe.
Aber auch andere müssen Kindersitter eines verwöhn- dann auch wirklich schreiben Dann kann das Publikum
dran glauben – kleine Männer ten Bengels („Ich ess’ das kann, sagt Liegl am Ende des „ohne Systemkritik aber in-
zum Beispiel. Humphrey Bo- nicht, ich kenn’ das nicht“) Passen gut zusammen wie ein altes Ehepaar: Michael Altinger (links) und Alexander Liegl lustigen Szenarios. Michi Al- haltsgeschwängert“ den
gart, Tom Cruise und Kaba- mit drohendem Nervenzu- auf Schiffsreise. FOTO: SCHÄFER tinger setzt hingegen in einem Heimweg antreten.

RAINER VON VIELEN & KAUZ ......................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................

Musikpower und Tanzfieber im Echodrom: Rainer von Vielen und seine Band „Kauz“ heizten mächtig ein. FOTOS: HAB Zwei Stimmlagen und dazwischen ein Didgeridoo, so kennt man Rainer von Vielen.

Sitzen verboten
120 Minuten mitreißender, mystischer und vielseitiger Power-Pop
Dachau – Versucht man die miteinander. Mitsch Oko an verhelfen sie den Zuhörern Vielen seine Show. Seine belt und tobt die Menge be- will Eure Stimmen hören“, Sie geben alles, damit ihr Pu-
Band Rainer von Vielen mit der Gitarre, Dan le Tard am zu einer Ahnung, was gleich Stimme wechselt dabei von reits. Als Rainer von Vielen fordert er, heizt den Fans ein blikum auf seine Kosten
einem treffenden Wort zu be- Bass, Niko Lai am Schlag- auf sie zukommen wird: Die Kehlkopf- zu Obertongesang. den Hit „Tanz deine Revoluti- und die Stimmung an. Auch kommt. Mit der letzten Num-
schreiben, muss man schei- zeug und Sänger Rainer am hinteren Sitzreihen werden Im Wechsel der Stimmlagen on“ anspielt, gibt es kein Hal- wenn seine Show- und Tanz- mer gibt es einen Kurswech-
tern. Ja sogar ein ganzer Satz Akkordeon machen die Band komplett abgesperrt. „Bei die- klingt seine Stimme so, als ten mehr. Sogar die letzte Rei- elemente, denen der berühm- sel: Der Star bringt sein Publi-
würde der Vielfalt der Band komplett. Schon seit Jahren sem Konzert ist das Sitzen würde er auf einem Didgeri- he tanzt, singt und hüpft alles ten Band Limp Bizkit doch kum zum Schunkeln. Er
mit dem kauzigen Namen kei- treten die vier Vollblutmusi- verboten“, heißt es. Und es doo spielen. Die beinahe mys- aus sich heraus. Ein Herr in sehr ähneln, stört dies die stimmt einen Walzer auf sei-
nesfalls gerecht. Von Elektro ker in ganz Deutschland auf, dauert nicht lange, da ist die tische Stimmung wird bei die- der mittleren Reihe hat seine Leute keinewegs. Die Men- ner Ziehharmonika an. Und
und Minimal, Reggae und begeistern und überraschen Tanzfläche voll, obwohl es ser Showeinlage noch mit Augen geschlossen und lässt schen singen, grölen und tan- auch wenn kaum einer Wal-
Ska bis hin zu Rock und Me- ihr Publikum jedes Mal aufs keinen einzigen Ton zu hören entsprechenden Lichtele- sich von der Musik leiten. zen ausgelassen. Und das zer tanzte, so wippen den-
tall-Elementen – diese Band Neue. gab. menten und Nebel verstärkt. Rainer von Vielen versteht es, über zwei Stunden, denn Rai- noch alle, wiegten sich im
verbindet in ihrem Sound Noch bevor die Musiker die Mit Minimal-Sound-Ele- Während die Band ihr Pu- das Publikum mitzureißen. ner von Vielen und seine Takt und haben Riesenspaß.
sämtliche Musikrichtungen Amperitivbühne betreten, menten startet Rainer von blikum willkommen heißt, ju- „Gebt mir ein Yeah, ich „Käuze“ werden nicht müde. REGINA PETER

GREEN TEA MONKEYS ........................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................

Würziger Musikaufguss
Sixpack aus Olching beschert tollen Support
Dachau – Eat the love and der Bassist steuert den richti- Vor fünf Jahren hat sich die
feel the music – das hat die gen Groove bei. Zusammen Band gegründet. Anfangs
Vorband von Rainer von Vie- mit dem Gitarristen und dem spielten die Olchinger noch
len, the Green Tea Monkeys, Frontman sorgt die Band für zu fünft: „Unser Schlagzeuger
bei ihrem Auftritt am Amperi- ausgelassene Stimmung. kam erst später dazu. Vorher
tiv Festival in Dachau vermit- Zwischen seinen Gesangs- übernahm unser Sänger und
telt. passagen haut Severin Waibel Keyboarder diese Aufgabe“,
Ein rockiges Intro ertönt, in die Tasten seiner Orgel. verrät Trompeter und Band-
blaue Hots Spots ziehen den Stehend oder sitzend, das Pu- leader Matthias Tann. Er sagt
Blick auf die Bühne und blikum wackelt mit dem auch: „Solche kleinen Kultur-
sechs Typen treten ins Ram- Kopf, schnipst mit den Fin- festivals werden immer selte-
penlicht: The Green Tea gern oder bewegt zumindest ner. Umso mehr freut es uns,
Monkeys. In ihrer Spielart die Füße zum Takt. Aber auch heute hier zu sein.“ Und das
verbinden sie Rock, Punk, die Musiker können längst sah auch das Publikum nicht
Funk und Reggae miteinan- nicht mehr stillstehen, sie las- anders: Es regnete – nein ha-
der. Der Schlagzeuger gibt im sen sich von ihrer eigenen gelte laute Zugaberufe und
Hintergrund mit abwechs- Musik mitreißen. Schon nach mächtigen Applaus. Das
lungsreichen Rhythmen den den ersten Liedern wird deut- Konzert war ein gelungener
Takt an, Saxophonist und lich: Diese Band lebt für ihre Auftakt für den Hauptakt mit
Trompeter verleihen dem Musik und vermittelt puren Rainer von Vielen.
Gelungener Auftakt am Freitagabend war das Vorkonzert der Olchinger Band Green Tea Monkeys. FOTO: HAB Auftritt intensive Würze, und Hörgenuss. REGINA PETER