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DIE ANDERE SEITE DER

MEDAILLE
Hintergründe der Tragödie von 1915 in Kleinasien.
Materialien aus europäischen, amerikanischen und
armenischen Quellen.
Ali Söylemezolu

1
2
Über das Foto auf dem Umschlag:
Die Armenier haben über acht Jahrhunderte als treue Untertanen der osmani-
schen Sultane in einem engen Verhältnis mit den Türken zusammengelebt
Eines der Zeugnisse davon ist diese armenische Kirche und die Moschee in Is-
tanbul, Stadtteil Kuzguncuk, die Seite an Seite stehen. Die Kirche des heiligen
Gregori des Erleuchters (Surp Krikor Lusavoriç) wurde von dem Hofarchitekten
des Sultans, Ohannes Amira gebaut und am 11.5.1835 eingeweiht. Die Moschee
ist wahrscheinlich älter. Die Synagoge steht etwa 50 m weiter. In der Türkei ist
das etwas alltägliches, kaum jemand nimmt Notiz davon. 1
In Europa, wo man nicht einmal eine katholische und eine evangelische Kir-
che so nah beinander findet, wurde etwas vergleichbares erst Ende 2002 mög-
lich, als in Wuppertal eine Synagoge neben einer Kirche eingeweiht wurde.

In Sachen Glaubensfreiheit waren die Türken weit voraus


Schon im 15. Jahrhundert konnten der griechische Patriarch, der armenische
Patriarch und der israelitische Oberrabbiner nicht nur eigene Schulen und kari-
tative Einrichtungen sowie ihre eigenen Glaubensstätten völlig autonom verwal-
ten, sie hatten auch das Recht, für die Angehörigen ihrer Gemeinde eigene Ge-
richte zu unterhalten, in denen nach den jeweils eigenen Gesetzen Recht erkannt
wurde.2 Der griechische Patriarch und der armenische Patriarch verfügten über
eigene Kerker, in die sie ihre eigenen Gemeindemitglieder einsperren lassen
konnten. Darüber hinaus verhängten sie empfindliche Geldstrafen oder Verban-
nungsstrafen.3 Es kam dennoch oft vor, daß Christen und Juden lieber zu den
islamischen Gerichten gingen.4 Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, daß der
armenische und der griechische Partriarch nie zuvor und nie danach über eine
solche Machtfülle wie im osmanischen Reich verfügten. Das gilt auch für den
jüdischen Oberrabiner.
Zum Vergleich: In Griechenland war selbst im Jahre 2000 die katholische
Kirche nicht als juristische Person anerkannt. Die katholische Kirche hatte z. B.
nicht einmal das Recht, in eigener Sache vor griechischen Gerichten zu klagen!5
Deswegen wurde Griechenland 1996 von dem europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte verurteilt.6

1
Den Hinweis auf diese Kirche und die Moschee verdanke ich Prof. Cengiz Bekta
2
Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 113. Vgl.
auch Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S. 77.
3
Siehe z. B. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 30 und 73.
4
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S 56
5
Vgl.: Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries, , S. 59
6
Urteil 143/1996,
http://www.dhcour.coe.fr/eng/canea%20catholic%20church%20e.html

3
Inhalt:
DIE RAHMENBEDINGUNGEN................................................................... 11
I) ARMENIER UND TÜRKEN ................................................................ 15
A) WER IST EIN TÜRKE? ............................................................................. 17
B) BEMERKUNGEN ZUR GESCHICHTE ....................................................... 21
1) Die Einwanderung der Armenier in Ostanatolien .......................... 21
2) Deportationen der Armenier durch Ostrom .................................... 22
3) Christen verfolgen Christen! ............................................................ 23
4) Armenier auf der Seite der Moslems................................................ 27
C) DIE HERRSCHAFT DER TÜRKEN BEENDET DIE VERFOLGUNG ............ 27
1) Positionen der Armenier im osmanischen Reich: ........................... 28
2) Selbstverwaltung auf demokratischer Basis .................................... 30
3) Der kulturelle Beitrag der Armenier................................................ 33
4) Die wirtschaftlich-gesellschaftliche Position .................................. 35
a) Armenier leiteten die Münzpräge................................................. 36
b) Armenier leiteten die Schießpulverwerke ................................... 36
c) Chefarchitekten des Sultans ......................................................... 37
d) Sultane bei armenischen Familien zu Besuch ............................. 38
D) TERRORISMUS FÜR EIN UNABHÄNGIGES ARMENIEN: ......................... 39
1) Ein Missionar warnt 1893 vor dem geplanten Blutbad:................. 40
2) Die erste große Umsiedlung ............................................................. 43
3) Die Kehrtwende des Armenischen Patriarchen .............................. 43
a) April 1877: Patriarch bekennt sich zum osmanischen Reich ..... 44
b) Türkische Regierung ruft die Armenier zu den Waffen ............. 45
c) Pro russische Orientierung nach dem Fall der Festung .............. 45
d) “Koexistenz der Armenier und der Moslems unmöglich” ......... 47
4) Nalbandian: Terrorismus für Unabhängigkeit: .............................. 48
a) Russischer Konsul als Ausbilder im Gebrauch von Waffen: ..... 49
b) Terrorismus als Programm ........................................................... 49
c) Die Daschnak-Partei rühmt sich ihrer Mordtaten ....................... 52
d) Provozierung von Massakern ....................................................... 52
5) Systematische Provokationen ........................................................... 53
a) Ein amerikanischer Historiker über Terrorismus........................ 54
b) Bestialische Verbrechen ............................................................... 55
c) Wie wird ein Aufstand angezettelt? ............................................. 58
d) Britische Konsularberichte ........................................................... 66
6) Beispiele für Terroranschläge armenischer Revolutionäre ........... 71
a) Istanbul: bewaffneter Marsch auf den Regierungssitz................ 71
b) Überfall auf die osmanische Bank ............................................... 72
c) Mutmaßliche Verbindung mit russischen Invasionsplänen........ 74
d) Lepsius bestätigt russische Invasionspläne ................................. 75
e) Bombenattentat gegen den Sultan................................................ 75

4
f)
Van: Kirchen und Kloster als Munitionsdepot............................ 76
7)Berichte westlicher Reisender .......................................................... 78
8)Lepsius: «armenische Frage» Ergebnis europäischer Politik ....... 79
E) VERMITTLUNGSVERSUCH ZURÜCKGEWIESEN ..................................... 79
F) TERROR GEGEN DIE ARMENISCHE KIRCHE .......................................... 80
1) Der Vorfall von Erzurum im Jahre 1890 ......................................... 80
2) Attentate auf den armenischen Patriarchen .................................... 81
3) Ermordung weiterer armenischer Geistlicher................................. 81
4) Ermordung des armenischen Erzbischoffs ...................................... 82
G) TÄUSCHUNG DER EUROPÄISCHEN ÖFFENTLICHKEIT .......................... 83
1) Britischer Vizekonsul über Falschmeldungen ................................. 83
2) Ein armenischer Bischoff dementiert............................................... 84
3) “Vergiftung armenischer Kinder” ................................................... 84
H) DIE ARMENIER BILDETEN LEDIGLICH EINE MINDERHEIT ................... 85
II) ERSTER WELTKRIEG UND DIE DEPORTATION...................... 87
A) ERSTER WELTKRIEG: DIE AUSRADIERUNG DER TÜRKEI WAR
VEREINBART ....................................................................................................... 87
B) GEMEINSAME SACHE MIT FEINDLICHEN MÄCHTEN ............................ 88
C) EIN BRITISCHER AUTOR SCHREIBT 1916:............................................. 92
D) ZUSAMMENARBEIT MIT DEM BRITISCHEN GEHEIMDIENST ................. 93
E) ARMENISCHE AUTOREN ZUR UNTERSTÜTZUNG DER RUSSEN DURCH
DIE ARMENISCHEN REVOLUTIONÄRE ............................................................... 93
F) DER BESCHLUß ZUR DEPORTATION DER ARMENISCHEN
BEVÖLKERUNG ................................................................................................. 100
G) ZUM VERLAUF DES I. WELTKRIEGES IN OSTANATOLIEN ................. 102
1) Über die interne Situation in Ostanatolien.................................... 104
2) Die Deportation aus der Sicht eines amerikanischen Historikers106
3) Die osmanische Regierung traf Maßnahmen zum Schutz der
Deportierten Armenier ................................................................................ 108
H) ARMENISCHE FLÜCHTLINGE ............................................................... 109
I) VON ARMENISCHEN BANDEN VERÜBTE MASSAKER ......................... 110
1) Spuren der Untaten der armenischen Banden bei Hovannisian .. 110
2) Ein amerikanischer Bericht über die Massaker ............................ 111
3) Massaker der armenischen Banden in Kilikien............................. 113
4) Massaker der armenischen Revolutionäre im südlichen Kaukasus
115
5) Der Bericht eines deutschen Generals........................................... 116
6) Die Verantwortlichen der Massaker .............................................. 121
7) Die Verluste der Moslems größer als die der Armenier ............... 121
8) Die Einschätzung eines britischen Offiziers und Diplomaten...... 125

5
III) HOVANNISIAN: “ARMENIER WAREN DIE TÖLPEL” ....... 126
IV) BRITEN: KEINE GRUNDLAGE FÜR ANKLAGEERHEBUNG
129
A)BRITEN VERHINDERN UNTERSUCHUNG DURCH NEUTRALE STAATEN!
131
B) KEIN BELASTUNGSMATERIAL AUS DEN USA.................................... 133
C) BRITISCHE JURISTEN: VERURTEILUNG NICHT MÖGLICH!................. 135
V) ARMENIER, DIE DER HEIMAT LOYAL BLIEBEN .................. 136
A) UNTERSTÜTZUNG IM KAMPF GEGEN DIE ALLIERTEN ....................... 138
B) ARMENISCHE SCHULE ALS STÜTZPUNKT DER PATRIOTEN............... 139
C) KERESTECIYAN FINANZIERTE DIE WAFFEN ....................................... 140
D) ARMENISCHER OFFIZIER ALS BERATER ATATÜRKS ......................... 141
VI) BESTEHT EINE ÄHNLICHKEIT MIT HOLOCAUST? ......... 145
VII) DIE ARMENISCHEN TERRORISTEN NACH 1919 ................ 146
A) ARMENIEN VERBIETET DASCHNAK-PARTEI ...................................... 146
B) DIE ERMORDETEN TÜRKISCHEN DIPLOMATEN ................................. 147
C) TERROR IN ARMENIEN......................................................................... 148
D) DAS BLUTBAD IM PARLAMENT .......................................................... 149
E) AUSWIRKUNGEN DES BLUTBADS IM PARLAMENT ............................ 150
A. DER WICHTIGSTE ZEUGE WURDE IM DEZEMBER 2002 EBENFALLS
ERMORDET:....................................................................................................... 152
F) DIE HEUTIGEN PROPAGANDISTEN DES TERRORS .............................. 152
VIII) ZUR SITUATION IN DER TÜRKEI HEUTE ........................ 154
A) BERICHT EINER AMERIKANISCHEN DELEGATION .............................. 154
B) ZEUGNIS DES ARMENISCHEN PATRIARCHEN ..................................... 156
IX) “SOFTPOWER” DER ISLAMISCHEN WELT, DIE TÜRKEN
UND DIE CHRISTEN....................................................................................... 158
A) „DER SULTAN, BESCHÜTZER UNSERES GLAUBENS“ ........................ 160
B) KURZER VERGLEICH DER TÜRKEI MIT CHRISTLICHEN LÄNDERN .... 162
C) DIE HALTUNG GEGENÜBER ANDERSGLÄUBIGE ................................ 163
X) “SOFTPOWER” DES OSMANISCHEN REICHES ...................... 165
A) ES GAB KEINE ERBLICHEN PRIVILEGIEN ............................................ 166
B) DEN BAUERN GING ES BESSER ALS DEN LEIBEIGENEN IN EUROPA.. 167
C) ES GAB KEINE UNÜBERWINDLICHEN KLASSENSCHRANKEN............. 169
XI) KRIEGE GEGEN DAS CHRISTENTUM?.................................. 171
A) CHRISTEN UNTER DEM SCHUTZ DER OSMANEN ................................ 171

6
1) Die Glaubensfreiheit war gegeben................................................. 171
2) Die Verehrung Jesu durch die Moslems ........................................ 173
3) Konstantinopolis: “Lieber die Türken als die Katholiken!” ........ 174
4) Mehmet II (der Eroberer) setzte einen Patriarchen ein................ 174
5) Die Kirchen in stanbul................................................................... 175
6) Jerusalem: 600 Jahre Frieden unter türkischer Herrschaft......... 177
7) Martin Luther: “Deutsche wünschen die Türken herbei”............ 179
8) Der Sieg der Türken rettete die Protestanten................................ 180
9) “Lieber Hundert Türken als zehn Österreicher” .......................... 180
10) Das Zeugnis des ungarischen Nationalhelden .......................... 182
11) Siebenbürgen: Türkenherrschaft „goldenes Zeitalter“............ 183
12) Hinrichtung von Apostaten......................................................... 184
13) Christen flüchten aus Rußland in die Türkei............................. 185
14) Katholische Polen finden Zuflucht in der Türkei ...................... 186
15) Gesellschaft Jesu entführt den armenischen Patriarchen ........ 188
16) Türken schützen armenische Protestanten gegen Gewaltakte . 189
17) Über das Verhältnis der Türken zu den Protestanten............... 190
18) Ein Missionar über die Religionsfreiheit in der Türkei............ 191
19) Türkische Herrscher finanzieren den Bau von Kirchen ........... 193
B) ALLIANZEN MIT CHRISTLICHEN STAATEN ......................................... 194
1) Die Osmanen und die Griechen gegen die Serben........................ 195
2) Die Osmanen und die Griechen gegen die Katholiken................. 195
3) Der Sultan und der Kaiser gemeinsam gegen die eigenen Söhne 195
4) Franz I. von Frankreich bittet die Osmanen um Hilfe.................. 196
5) Freundschaftsvertrag mit Polen..................................................... 196
6) Belagerung von Wien: Protestanten auf osmanischer Seite......... 197
7) 1684-1699 Französische Militärberater im osmanischen Heer... 197
8) Ein König wird “in das Inventar aufgenommen” ......................... 198
9) Mit England und Frankreich gegen Rußland................................ 198
10) Mit Deutschland und Österreich gegen Rußland, England und
Frankreich .................................................................................................... 198
XII) ÜBER DIE ASSYRISCHEN CHRISTEN IN DER TÜRKEI.... 199
XIII) GAB ES EINE VERTREIBUNG DER GRIECHEN? ............ 201
A) ATATÜRK FÜR DEN FRIEDENSNOBELPREIS VORGESCHLAGEN ......... 202
B) WARUM WURDE EIN BEVÖLKERUNGSAUSTAUSCH VEREINBART?... 203
XIV) DIE GRIECHEN UNTER DER TÜRKENHERRSCHAFT.. 205
A) ZYPERN: BEFREIUNG DURCH DIE OSMANEN ..................................... 206
B) KRETA: GRIECHEN BITTEN DIE OSMANEN, DIE VENEZIANER ZU
VERTREIBEN...................................................................................................... 207
C) DIE GRIECHEN BEGRÜSSEN DIE TÜRKEN ALS BEFREIER .................. 207
D) DIE POSITIONEN GRIECHISCH-ORTHODOXER UNTERTANEN ............ 208

7
E)DIE ERSTE „ETHNISCHE SÄUBERUNG“ AUF DEM BALKAN ............... 212
1)
Die Griechen im osmanischen Reich nach den Greueltaten ........ 216
2)
Türken, Griechen, Armenier entwerfen die Verfassung ............... 217
3)
Griechen emigrieren in die Türkei ................................................. 217
4)
Die Drahtzieher und Hauptakteure der anti-türkischen Propaganda
218
5) Zusammenschluß mit der Türkei wird gefordert ........................... 219
XV) DIE TÜRKEN RETTEN DIE JUDEN VOR VERFOLGUNG . 220
XVI) ÄMTER DER NICHT-MUSLIME IM OSMANISCHEN
REICH 224
A)
ARMENIER IN WICHTIGEN ÄMTERN: .................................................. 225
B)
DIE ANGABEN DES MISSIONARS REV. C. HAMLIN: .......................... 228
C)
DIE POSITIONEN DER ARMENIER IN DEN OSTANATOLISCHEN
PROVINZEN:...................................................................................................... 233
1) Die Armenier in Diyarbakır ........................................................... 234
2) Die Armenier in Van ....................................................................... 235
3) Die Armenier in Erzurum ............................................................... 236
4) Die Armenier in Sivas ..................................................................... 237
XVII) EIN AMERIKANISCHER MISSIONAR ÜBER DIE
TÜRKEI–FEINDLICHKEIT .......................................................................... 238
XVIII) BERNARD LEWIS: KEIN HOLOCAUST .............................. 240
XIX) ANHANG........................................................................................ 241
A) DER BRIEF VON CYRUS HAMLIN (1893) AUF ENGLISCH .................. 241
B) PAPAZIAN: ZUSAMMENARBEIT MIT DEN RUSSEN ............................. 243
C) DER BOXERAUFSTAND UND DIE GROßMÄCHTE ................................ 244
1) Hintergrund ..................................................................................... 245
2) Russische Intrigen zur Ausweitung des Aufstandes ...................... 245
3) Ermordung des deutschen Gesandten............................................ 245
4) Kaiser Wilhelm: Aufruf zum Massenmord..................................... 246
5) Die „Befriedung“ Chinas ............................................................... 246
XX) KRITIK, KURZGEFAßT:............................................................... 248

8
„Der Funke der Wahrheit entspringt dem Zusammenprall der Ideen“ 7
Ziya Paa (1825-1880)

Vorwort:
Diese Arbeit stellt Materialien zur Verfügung, die eine andere, in den
deutschsprachigen Publikationen fast durchgehend ignorierte Seite der Tragödie
von 1915 beleuchten sollen. Der Hinweis auf die “andere Seite” impliziert, daß
keine Vollständigkeit der Darstellung beansprucht wird. Es handelt sich hier um
keine Gesamtdarstellung. Es ist kein Geschichtsbuch, sondern eine Material-
sammlung. Ich freue mich, auch ein Dokument veröffentlichen zu können, das
bis heute nicht in voller Länge publiziert worden ist, obschon bereits Barth 1898
darauf hingewiesen hatte. (gemeint ist der Brief von Rev. Cyrus Hamlin, einem
amerikanischen Missionar) Mein Ziel ist, auf diejenigen Zusammenhänge der
armenisch–türkischen Tragödie hinzuweisen, die allem Anschein nach bis heute
der deutschen Öffentlichkeit unbekannt geblieben sind. Ich habe nur einen
Bruchteil des verfügbaren Materials benutzt und kann versichern, daß noch sehr
viel für weitere Arbeit übrig bleibt.
Das Geschehen in Anatolien 1915 sehe ich als eine Tragödie, da Millionen
Menschen sich in einer ausweglosen Situation fanden. Wie sie sich auch verhal-
ten hätten, der Tod von Hunderttausenden war nicht zu vermeiden. Türken, Ar-
menier, Kurden, Griechen und andere: Sie hatten seit Jahrhunderten zusammen-
gelebt. Ihre Moscheen und Kirchen standen dicht zusammen. Sie kannten sich
und waren aufeinander angewiesen.
Das alles ist in einem entsetzlichen Gemetzel untergegangen, in einer Art und
Weise, daß die meisten Betroffenen keine Möglichkeit hatten, die Katastrophe
zu verhindern oder auch nur zu entkommen.
Da es sich um eine Materialsammlung handelt, muß man das Buch nicht von
A–Z lesen. Die ungewöhnlich große Zahl von Überschriften soll dazu dienen,
die Orientierung zu erleichtern.
Mein Verzicht auf türkische Quellen sollte nicht als Zweifel an ihrer Tragfä-
higkeit mißverstanden werden. Im Gegenteil, durch Gegenüberstellung von
westlichen Quellen mit den türkischen läßt sich in vielen Fällen die Zuverläs-
sigkeit der türkischen Quellen nachweisen. Ich benutze hier ausschließlich west-
liche Quellen, damit die Nachprüfbarkeit für die mitteleuropäischen Leser er-
leichtert wird.
Damit ist ein für mich wichtiger Aspekt angesprochen: Die Nachprüfbarkeit
ist eines der Kriterien, an denen ich diese Arbeit gemessen sehen möchte. Ich
habe mich bemüht, folgenden vier Bedingungen zu genügen:
Alle Angaben müssen für Dritte nachprüfbar sein, b) es darf nichts Erfunde-
nes hinzugefügt werden, b) es dürfen keine wesentlichen Teile unerwähnt blei-

7
„Barika-i hakikat müsademe-i efkârdan doar.“

9
ben, c) Fehler aus Unachtsamkeit (Fahrlässigkeit) müssen vermieden werden. d)
Ich betrachte es als meine Pflicht, auf das, was ich für richtig oder falsch halte
hinzuweisen, persönliche Kränkungen sind jedoch unzulässig.
Versöhnung und Dialog bedürfen einer unvoreingenommenen Erforschung
der Geschichte und einer freien Debatte. Wir können uns der Wahrheit nur nä-
hern, wenn wir bereit sind, unser Wissen anzuzweifeln. Mit einem Ansatz, der
alle Fragen für beantwortet hält, läßt sich ganz gewiß kein Beitrag zur Aufklä-
rung der Vergangenheit und zur Versöhnung leisten.
Vergessen wir nicht: Hinter den schlimmsten Verbrechen, die die Geschichte
verzeichnet, stehen felsenfeste Überzeugungen, stehen “unerschütterliche”
Wahrheiten. In diesem Geiste verstehe ich diese Materialsammlung als einen
Beitrag zur Diskussion und erbitte Kritik.
An dieser Stelle möchte ich der türkischen Botschaft in Berlin herzlich dan-
ken, die bereit war, einige tausend Exemplare dieses Buches zu kaufen. Da-
durch wurde die Drucklegung meiner Arbeit, die seit einigen Jahren nur in
Form von Fotokopien in einem engen Kreis von Freunden und Bekannten zirku-
lierte, überhaupt erst ermöglicht.
Ganz besonderen Dank schulde ich meinem lieben Freund Hasan Yıldırım,
der mich dazu gebracht hat, meine Materialsammlung in Form eines Buches zu
verarbeiten. In gleicher Richtung haben mich auch Yücel Feyziolu und Dr.
Ahmet Turgut bestärkt. Hasan Özcan hat sich viel Zeit genommen, um die
zweite Version zu lesen und eingehend zu kritisieren, ebenso Ursula Rothfuß
und Martin Rothfuß, denen ich für ihre Kritik und Ermunterung danke. Dank für
Kritik schulde ich auch Dr. Kutlu Tank und einigen weiteren Personen, die un-
genannt bleiben.
Meine Frau hat seit Jahren geduldig ertragen, daß ich mich mehr mit dieser
Arbeit als mit der Familie beschäftigt habe. Sie hat mich immer wieder ermahnt,
das Begonnene zu Ende zu führen. Ohne ihre Unterstützung hätte diese Arbeit
nicht beendet werden können.
Ich danke auch den Mitarbeitern des Verlags für ihre freundliche Unterstüt-
zung und das Verständnis, das sie meinen ständigen Verspätungen entgegen-
brachten. Das Buch mußte unter ungewöhnlich großem Zeitdruck für die
Drucklegung vorbereitet werden.
Für alle inhaltlichen Fehler und Mängel bin ich allein verantwortlich.
ahin Ali Söylemezolu

10
„Überzeugungen sind gefährlichere
Feinde der Wahrheit als Lügen.“

Nietzsche

Die Rahmenbedingungen
Eine Diskussion über die Türkei erfordert zu Beginn Anmerkungen über das
Bild der Türkei in der deutschen Öffentlichkeit, gleichsam um den Hintergrund
zu skizzieren, vor dem die Debatte geführt wird. Das Bild der Türkei, das seit
1989 in den deutschen Medien gezeichnet wurde, und die Methoden, die dabei
zum Einsatz kamen, bieten genügend Stoff für mehrere Doktorarbeiten über
tendenziöse Berichterstattung8. Hier drei Beispiele, damit die Leserin (bzw. der
Leser) eine Vorstellung darüber gewinnen möge, wie mitunter über die Türkei
informiert wird.
In einer „Ausarbeitung“ der „wissenschaftlichen Diensten des Deutschen
Bundestages“ vom 3. April 2000 lesen wir:
„Der Völkermord von 1915 nimmt in vielem die Methoden der Mas-
senvernichtung vorweg, wie sie die deutschen Nationalsozialisten we-
nige Jahre später anwandten: »Vernichtung durch Arbeit«, Abtransport
der Opfer in Viehwaggons der Bagdad-Bahn und skrupellose medizini-
sche Experimente. So wurden armenischen Soldaten und Zivilpersonen
Typhuserreger »eingeimpft«; in Trapesunt9 erstickte man armenische
Kinder in einem als »Dampfbad« getarnten Raum mit Giftgasen. Adolf
Hitler war offenbar nicht nur gut über den türkischen Völkermord un-
terrichtet – sein früherer Berater von Scheubner-Richter war damals
deutscher Vizekonsul in Erzurum-, sondern nahm ihn sich offenbar
auch zum Vorbild.“10

8
Einen excellenten Überblick über die historischen Wurzeln der Vorurteile über die
Türken findet sich in der leider vergriffenen Arbeit von Margret Spohn „Alles getürkt.
500 Jahre (Vor)Urteile der Deutschen über die Türken, Oldenburg 1993
9
Gemeint ist die Stadt Trabzon an der Schwarzmeerküste. Söylemezoglu
10
“Türkischer Genozid an den Armeniern im Jahre 1915“, 03. April 2000, Bearbeiter
VAe Fabelje, Reg.-Nr. WD 1 – 23/00, S. 8 (Eine Ausarbeitung der wissenschaftlichen
Dienste des deutschen Bundestages).

11
Auf eine schriftliche Anfrage bei der entsprechenden Stelle, auf welchen
Quellen diese Behauptungen mit den angeblichen „medizinischen Experimen-
ten“ und „Vergiftung der Kinder mit Giftgas“basieren würden, antworteten die
Zuständigen am 6. November 2001 mit einem Brief. Darin lesen wir, daß „so-
wohl die Verfasserin dieser kurzen Ausarbeitung wie der damalige Leiter des
Fachbereichs ... aus den Diensten des Deutschen Bundestages ausgeschieden
waren und für Auskünfte bedauerlicher Weise nicht mehr zur Verfügung stan-
den“. Danach heißt es wörtlich:
„Auch anhand der hier zur Verfügung stehenden Unterlagen läßt
sich nicht nachvollziehen, auf welche Quelle sich die von Ihnen be-
anstandete Aussage gestützt hat, so dass ich Ihrer verständlichen
Bitte insoweit leider nicht entsprechen kann.“
Mit dieser verklausilierten Ausdrucksweise gibt die zuständige Fachbereichs-
leitung zu, daß die Behauptung, die Türken hätten Armenier vergast und medi-
zinische Experimente an ihnen ausgeführt frei erfunden worden ist.
Mit diesem Eingeständnis ist jedoch der Schaden, den diese erfundenen Be-
hauptungen angerichtet haben, keinesfalls behoben. Die Mitglieder des hohen
Hauses, die die betreffende Ausarbeitung mit den schwerwiegenden Schuld-
zuweisungen gelesen haben, haben nichts über diesen Rückzieher erfahren. Sie
gehen weiterhin davon aus, daß die wissenschaftlichen Dienste zuverlässige In-
formationen liefern.
Angesichts dieser Sachlage braucht man sich nicht zu wundern, wenn bei
nicht wenigen Abgeordneten eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber der
Türkei besteht. Es ist nicht im Interesse Deutschlands, wenn die Mitglieder des
Bundestages, die die Geschicke des Landes lenken, mit solch irreführenden „In-
formationen“ beliefert werden.
Leider hat eine weitere ehrwürdige Institution, die evangelische Kirche
Deutschlands (EKD), besondere „Verdienste“ erworben, was die Verbreitung
von Greuelmeldungen über die Türkei betrifft. Das bedauere ich um so mehr,
als ich nicht wenige Christen und Christinnen und Pfarrer persönlich kenne, die
sich seit Jahren mit großem Engagement für Frieden und Verständigung ein-
setzen. Dennoch ist es so, daß die Vorurteile gegenüber der Türkei in den obe-
ren Etagen der EKD nach wie vor verbreitet sind. Zur Illustration ein Zitat von
Herrn Wolfgang Koydl aus der Süddeutschen Zeitung:
„Noch bis vor wenigen Jahren verbreiteten evangelische Landeskir-
chen in Deutschland die gruselige, aber unzutreffende Information, dass
die Pässe der syrisch-orthodoxen Christen [in der Türkei]11 mit einem
großen »C« gebrandmarkt seien. Das war allein schon deshalb unmög-

11
Der Ausdruck in eckigen Klammern vom Verfasser.

12
lich, weil Christ auf türkisch Hristiyan heißt und folglich mit »H« be-
ginnt.“ (Der Text des gesamten Artikels von Herrn Koydl befindet sich
im Anhang.)12
Die beiden zitierten Spielarten der „unhaltbaren Aussagen“ haben den Nach-
teil, daß konkrete Behauptungen aufgestellt werden. Es ist relativ einfach, diese
Aussagen zu entkräften, vorausgesetzt, man entdeckt sie rechtzeitig. Das Me-
dium Fernsehen macht es möglich, daß ähnlich gravierende Anschuldigungen
weniger greifbar ausgestreut werden. ARD demonstriert, wie das funktioniert:
Am 3. Oktober 2001 wurde um 20:15 von ARD ein Film mit dem Titel “Kelly
und Bastian – Geschichte einer Hoffnung” gesendet. An einer Stelle dieses
Films werden Petra Kelly und G. Bastian im Zug gezeigt, Petra Kelly liest eine
Zeitung. Plötzlich ein empörter Aufschrei von Petra Kelly, sie zeigt G. Bastian
eine Zeitungsmeldung. Dabei wettert sie: “Unsere demokratische Regierung
läßt es zu, daß Waffen und Giftgas an die Türkei geliefert werden.”
Den Filmemachern ist es gelungen, innerhalb von 30 Sekunden zwei Un-
wahrheiten aufzutischen: Erstens: Die Bundesrepublik produziert und/oder la-
gert seit ihrer Gründung gar kein Giftgas, sodaß auch eine Lieferung an irgend-
einen Abnehmer unmöglich wäre. Eine gegenteilige Behauptung ist bis heute
nicht ernsthaft erhoben worden. Petra Kelly als engagierte Friedenskämpferin
und Bastian als Generaloberst a.D. waren informiert genug, um gegen solchen
Unsinn gewappnet zu sein. Zweitens: Es gibt keinerlei Hinweise (von Beweisen
ganz zu schweigen) dafür, daß die Türkei Giftgas importiert, produziert oder
eingesetzt hätte.
Es gibt jedoch sehr wohl einen Staat, der Giftgas gegen Kurden eingesetzt hat.
Dieser Staat heißt Irak. Der Diktator Saddam Hüseyin hat am 16.3.1988 in Ha-
lepce13 gegen die (kurdische) Zivilbevölkerung Giftgas eingesetzt und damit ca.
5.000 Menschen, einschließlich zahlreichen Frauen und Kindern, umgebracht.
7.000 weitere Menschen wurden schwer verletzt. Irak hat auch in dem An-
griffskrieg gegen den Iran (1980-1988) im großen Maßstab Giftgas eingesetzt.
Es gab Tausende von Opfern auf iranischer Seite.
Die irakischen chemischen Anlagen, in denen dieses Giftgas (Senfgas, Lost
und Tabun) produziert wurde, wurden vor allem von deutschen Firmen gelie-
fert. Es handelte sich um die Firmen Karl Kolb, Pilot Plant aus Darmstadt sowie
die Firma W.E.T. (Water Engineering Trading). Aufgrund von Veröffentlichun-
gen in amerikanischen Medien wurden Jahre später 10 Manager angeklagt, drei
von ihnen wurden wegen dieses Verbrechens zu Gefängnisstrafen (auf Bewäh-
rung) verurteilt. Das Landgericht Darmstadt, das die Verurteilung aussprach,
rügte, daß der Export von “zivil und gleichzeitig militärisch nutzbarer Güter
jahrzehntelang zugelassen gewesen sei“.14 Irak ist kein Einzelfall: Es ist be-

12
Wolfgang Koydl, Süddeutsche Zeitung vom 10. Mai 2000.
13
Die deutschen Medien schreiben den Namen als Halabdscha.
14
Alle Angaben hierzu siehe: Frankfurter Rundschau vom 17.3.1998, S. 5.

13
kannt, daß auch Libyen Chemieanlagen aus Deutschland importierte, mit denen
man eine Giftgasproduktion aufziehen wollte, bis die USA die betreffende An-
lage zerstörten.
Es ist nur zu begrüßen, wenn die ARD die Schrecken des Giftgases themati-
siert. Es ist jedoch schwer verständlich, warum man in diesem Zusammenhang
die Türkei aufs Korn nimmt, an statt die bereits überführten Schuldigen anzu-
prangern. Die ARD ist bis heute nicht auf die Idee gekommen, einen Spielfilm
zu zeigen, in dem der Zusammenhang „deutsche Firmen liefern Chemieanlagen
zur Giftgasproduktion und ermöglichen die Ermordung von 5.000 Menschen –
die Verantwortlichen müssen nicht einmal für ein Paar Monate ins Gefängnis15 -
thematisiert worden wäre. Ebenso gab es auch keine Spielfilme über Mordan-
schläge in Berlin im Auftrag der iranischen Regierung.16 Die ARD ignoriert
diese von höchsten deutschen Gerichten rechtskräftig festgestellten Tatsachen.
Die Türkei aber, die mit Giftgas überhaupt nichts zu tun hatte und hat, wird an-
geschwärzt. Ja, man geniert sich nicht einmal, wie im Falle der wissenschaftli-
chen Dienste des Bundestages geschehen, ausdrücklich zu behaupten, Hitler
hätte seine Verbrechen von den Türken abgeschrieben. Angesichts dieser Um-
stände darf man sich nicht wundern, wenn in Deutschland die Vorurteile gegen-
über Türken und die Türkei zunehmen.
Die Tatsache, daß man zu solchen Methoden greift, um die Türkei anzu-
schwärzen, spricht für sich. Offenbar ist es nicht leicht, stichhaltige Beweise zu
finden, die gegen die Türkei ins Feld geführt werden könnten, sodaß man Zu-
flucht in solche Märchen suchen muß.
Wer sich für solche Methoden nicht zu schade ist, möge sich weiterhin darin
üben. Ich möchte mit dieser Arbeit diejenigen ansprechen, die sich auch für die
andere Seite der Medaille interessieren.

15
Wie dies für den Fall Halepce höchst richterlich festgestellt worden ist.
16
Siehe den vierfachen Mord in der Gaststätte “Mykonos” in Berlin oder der Bomben-
anschlag in der Diskothek La Belle in Berlin im Auftrag Kad.

14
I) Armenier und Türken

“Obwohl die Armenier bei der Entwicklung und Modernisierung der


Türkei eine Zukunft vor sich hatten, wurden sie von Europa verführt und
zum Selbstmord verleitet.”
Aubrey Herbert, britischer Offizier und Diplomat, 1923 17
„Wartime documents, published by the Bolshevik government cast a
good deal of light upon the foreign policy fostered by Nicholas II and his
ministers. That the Armenians were dupes and pawns in the game of inter-
national politics is glaringly exposed in these records.“
Richard G. Hovannisian, armenischer Historiker, 1967 18
Wenn es darum geht, Einwände gegen die Türkei zu finden, darf der Vorwurf
des Völkermordes an den Armeniern nicht fehlen: So schreibt Wehler: Die tür-
kische Politik und Geschichtsschreibung leugnet bis heute „den genozidähnli-
chen Massenmord an 1,5 Millionen Armeniern (1915/1916)“ und geht still-
schweigend „über den Massenmord und die Vertreibung von 1,5 Millionen
Griechen fünf Jahre später.“19
Als erstes sollten wir festhalten: Offenbar sieht die Mehrheit der armenisch-
stämmigen Türken die Frage des EU Beitritts der Türkei ganz anders. Denn der
gewählte Oberhaupt der armenischen Kirche in der Türkei, Patriarch Mesrob II,
hat sich Ende November 2002 in Paris und Brüssel persönlich für den EU-
Beitritt der Türkei eingesetzt.
Zweitens: Es ist eine Tatsache, daß in den Jahren 1915/1916 in der Türkei
hunderttausende von Armenier umgekommen sind. Es geht jedoch um die Fra-
ge, wie diese Tatsache zu bewerten ist. Ist der Tod der Armenier eher das Er-
gebnis eines Bürgerkriegs (wie z. B. der spanische Bürgerkrieg, in dem etwa
600.000 Menschen umgekommen sind) oder eines Völkermords (wie z. B. die
Tötung der Juden in Deutschland oder der Völkermord in Ruanda)?
Der übersichtlichkeithalber will ich meine diesbezüglichen Thesen zunächst
in Stichpunkten zusammgefaßt darstellen. Die Begründung jeder einzelnen The-
se erfolgt weiter unten an Hand westlicher Quellen.20

17
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924, S. 274
18
R. G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, 1967, S. 58
19
Kölner Stadtanzeiger, 21.12.2002, Nr. 296
20
Ich benutze hier ausschließlich westliche Quellen, damit die Nachprüfbarkeit für die
deutschen Leser erleichtert wird. Mein Verzicht auf türkische Quellen sollte nicht als
Anzweiflung ihrer Zuverlässigkeit verstanden werden. Im Gegenteil, durch Gegenüber-

15
Die armenischen Revolutionäre begannen bereits 1862 einen bewaffneten
Kampf gegen das osmanische Reich, um ein unabhängiges Armenien zu
schaffen, obwohl die Armenier in den beanspruchten Gebieten nur eine Min-
derheit waren. Terrorismus war eines der Hauptmittel dieses Kampfes.
Der Terror der armenischen Geheimorganisationen richtete sich auch gegen
die armenische Kirche.
Die armenischen Revolutionäre benutzten den Terror als Mittel, um Massa-
ker zu provozieren. Mit den so provozierten Massakern sollte der Vorwand
für eine Intervention der Großmächte) im osmanischen Reich geschaffen
werden.
Der Terror der armenischen Revolutionäre wurde vom Rußland unterstützt.
Der Beschluß der türkischen Regierung, die Armenier zu deportieren, sah
wichtige Ausnahmen vor: So waren die Armenier in Istanbul, zmir und E-
dirne sowie alle Armenier im Staatsdienst ausgenommen.
Es gibt zahlreiche Dokumente, die belegen, daß die Regierung den Schutz
des Lebens und des Eigentums der deportierten Armenier befohlen hatte. Ü-
ber Tausend Personen, die sich der Übergriffe gegen die Armenier schuldig
gemacht hatten, wurden schwer bestraft (in diesem Zusammenhang gab es
sogar Hinrichtungen.)
Die Entente-Mächte, vor allem Großbritannien, wollten nach 1918 die
“Verantwortlichen der Armenier-Massaker” vor ein britisches Gericht stellen.
Dieses Vorhaben scheiterte, da die für eine Anklageerhebung erforderlichen
Beweise nicht beigebracht werden konnten.
Es ist bis heute kein einziges Dokument gefunden worden, mit dem hätte
nachgewiesen werden können, daß die türkische Regierung die Tötung der
Armenier beabsichtigt hätte..
Dafür gibt es zahlreiche Dokumente, die beweisen, daß die Regierung sich
um den Schutz des Lebens und des Eigentums der deportierten Armenier be-
mühte.
In den Jahren 1915-1918 sind die Verluste der islamischen Zivilbevölke-
rung in Anatolien mehr als dreimal so groß wie die Verluste der Armenier.
Es gab immer (auch im I. Weltkrieg und danach) zahlreiche Armenier, die
gemeinsam mit den Türken gegen die armenischen Revolutionäre kämpften.

stellung von westlichen Quellen mit den türkischen läßt sich die Zuverlässigkeit der tür-
kischen Quellen nachweisen. Dies würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

16
A) Wer ist ein Türke?

“I am just a turkish person like any Ahmet or Mehmet” 21


Ara Güler, 1997
Die Begriffe “Türke” und “Osmane” wurden in dieser Arbeit gleichbedeutend
verwendet, obwohl sie ursprünglich von den Türken und den Osmanen nicht
gleichbedeutend verwendet wurden. Genaugenommen waren die Osmanen eine
türkische Dynastie, die dem von ihnen gegründeten Reich ihren Namen gaben.
Die herrschende Schicht dieses Reiches (nicht nur Moslems, sondern auch
Christen) bezeichnete sich selbst als “Osmane” (Osmanlı). Wenn die herrschen-
de Schicht von den Türken sprach, so meinte sie in der Regel den einfachen
Türken. Der Ausdruck hatte deshalb nicht selten die Bedeutung von “ungebil-
det”, “einfach gestrickt” und sogar “dumm” usw.
Ich habe die Begriffe “Türke” und “Osmane” in dieser Arbeit dennoch undif-
ferenziert austauschbar benutzt, da zahlreiche ausländische Schriften zu zitieren
waren. In den Schriften der Europäer wird die eben skizzierte Differenzierung
nicht gemacht, man verwendet beide Begriffe gleichwertig. Daher mußte ich
mich an diese undifferenzierte Verwendung halten um Verwirrungen zu ver-
meiden.
Der Begriff "Türke" ist kein ethnischer Begriff. Mit anderen Worten, ob man
ein Türke ist oder nicht, ist nicht eine Frage der Abstammung. Der ehemalige
deutsche Botschafter in Ankara, G. A. Sonnenhol schreibt hierzu: "Was ist ein
Türke? Das ist heute die Frage. Eine ethnische Antwort gibt es nicht. Waren es
300.000 oder 700.000, die ausdem Inneren Asiens über Persien nach Kleinasien
kamen? Die Schätzungen gehen weit auseinander. Auf jeden Fall war es eine
Minderheit, die sich über ein altes Völkergemisch lagerte. Griechen, Armenier
und Juden behielten als geduldete Religionen ihre kulturelle Eigenart." 22 .
Was die ethnische Vielfalt betrifft, ist die Türkei am ehesten mit den USA zu
vergleichen. Der Grund hierfür erklärt sich durch die türkische Geschichte. Da-
zu einige kurze Anmerkungen.
Das osmanische Reich, das über 600 Jahre bestand, war eines der größten
Weltreiche. Auf dem Territorium dieses Reiches befinden sich heute (Februar
2005) 27 Staaten, einschließlich der Türkei. Als das osmanische Reich noch be-
stand, wanderten die Menschen aus den verschiedensten Gebieten des Reiches
zu den Zentren im Reich. Mit dem allmählichen Zerfall dieses Reiches strömten
noch einmal ca. 5 Millionen Menschen, die aus den ehemaligen Gebieten ver-

21
„Turkey's Passionate Interpreter to the World” S. Kinzer, New York Times, 13.4.97
22
Gustav Adolf Sonnenhol, "Botschafter in der Türkei", in: Werner Gumpel/Roland
Schönfeld: Südosteuropa - Politik und Wirtschaft, München 1986, zitiert nach: Gustav
Adolf Sonnenhol, Die Türkei zwischen zwei Welten, Opladen 1990, S. 53)

17
trieben wurden, in das Kerngebiet zurück. Diese Flüchtlingsströme haben zur
ethnischen Vielfalt beigetragen. Man schätzt, daß in der heutigen Türkei mehr
albanisch stämmige Menschen leben, als in Albanien selbst..
Kleinasien wies eine große ethnische Vielfalt auf, noch bevor die ersten Tür-
ken dort auftauchten. Über Jahrtausende hatten sich Dutzende von Menschen-
gruppen hier niedergelassen. Ein großer Teil dieser Menschen wurde allmählich
islamisiert und türkisiert, so daß die Moslems in Anatolien die Mehrheit bilde-
ten.
Doch auch die Türken, die etwa ab dem 11. Jahrhundert Anatolien eroberten,
waren ethnisch nicht einheitlich. Die Türken hatten zuvor überwiegend in den
eurasischen Steppen gelebt. Die Kultur der Reitervölker, die dort vorherrschte,
brachte eine ausgeprägte räumliche Beweglichkeit über weite Strecken mit, was
zu einer starken Durchmischung führte. Mit anderen Worten, bereits in Zentral-
asien hatten die Türken andere Ethnien assimiliert und waren somit rassisch und
ethnisch durchmischt. Hierzu ein Beispiel:
Wie der Turkologe Scharlipp schreibt; berichten die chinesischen Quellen,
daß die Kirgisen, die heute eines der Turkvölker in Zentralasien bilden, im
7. Jahrhundert rote Haare und grüne Augen hatten. Scharlipp weiter: “Auch der
persische Historiker Gardizi bezeichnet die Kirgisen noch im 11. Jahrhundert
als blondhaarig. Wir dürfen daher annehmen, daß sie einen unbekannten ethni-
schen Ursprung haben und erst im Laufe ihrer Wanderung ihre türkische Spra-
che und das mongolische Aussehen, das sie heute haben, angenommen haben.
Aus ihren Inschriften aus dem neunten Jahrhundert geht hervor, daß sie damals
jedenfalls schon eine türkische Sprache sprachen.”23
Auch wenn man weiter zurückgeht, ergibt sich ein ähnliches Bild: Die legen-
dären Skythen Eurasiens, über die Heredot berichtet, waren gemischtrassig. Im
Westen waren sie europid, im Altai Gebiet jedoch eher mongolisch, wobei das
mongolische Element erst im Laufe des 1. Jahrtausends vor unserer Zeitrech-
nung in Erscheinung tritt: An Hand der gefundenen Skelette läßt sich die
Durchmischung beobachten: Die Grabfunde aus dem 5./4. Jahrhundert vor un-
serer Zeitrechnung im Gebiet Arzan-Kurgan (heutige autonome Republik Tuva
in der russischen Föderation) zeigen Männerskelette mit starkem mongolischen
Einschlag, während die Frauenskelette europid sind.24
Aufgrund dieser über Jahrtausende vollzogenen Entwicklungen bietet heute
die türkische Bevölkerung in der Türkei eine große Vielfalt, was das Aussehen
der Menschen betrifft. Die Britannica bestätigt diese Feststellung: "It is almost
impossible to define an average Turk ethnically. He may be blond and blue-

23
W.-E. Scharlipp, Die frühen Türken in Zentralasien, Darmstadt 1992, S. 89
24
Boris Piotrovskij, „Einführung“, in: „Gold der Skythen. Schätze aus der Staatlichen
Eremitage St. Petersburg, 1993, S. 28

18
eyed, he may be of roundheaded alpine stock with dark hair and eyes; he may
be of longheaded Mediterranean stock; or he may be Mongoloid with high
cheekbones."25
Wenn man ein DNA Test machen könnte, würde man wahrscheinlich erken-
nen, daß die anatolischen Türken streckenweise genetisch eher mit der uranato-
lischen als mit der zentralasiatischen Bevölkerung verwandt sind. Doch, im Ge-
gensatz zu Rennpferden, ist bei Menschen nicht die Genetik sondern die Kultur,
also nicht so sehr das Hardware, sondern eher das Software, der entscheidende
Faktor. Im Falle der Türken ist es bei aller Durchmischung gelungen, ein ge-
meinsames kulturelles Erbe zu bewahren. Dieses Erbe (das englische Wort “he-
ritage” bringt das Sachverhalt treffender zum Ausdruck) verbindet auch heute
einen griechisch–orthodoxen Türken aus Moldavien oder Bulgarien, oder einen
Türken aus Istanbul in irgendeiner Form mit einem uigurischen Türken in Ost-
turkestan (chinesisch: Sinkiang): Im Jahren 2000 staunte ich nicht schlecht, als
in einem chinesischen Film aus Taiwan (“Tiger und Dragon”), der auch in
Deutschland lief, der Held plötzlich anfing, auf türkisch zu singen! Bei dem
singenden Kinohelden handelte es sich um den legendären Banditen “Lo”, ge-
nannt “die schwarze Wolke” (Karabulut). Dies ist übrigens auch heute ein popu-
lärer Name in der Türkei.
Somit ist der Begriff “Türke” kein ethnischer, sondern vor allem ein kulturel-
ler Begriff. Es ist nicht die Abstammung, sondern die Kultur, die einen Men-
schen zum Türken macht. So ist es möglich, kurdischer oder albanischer, jüdi-
scher oder tschetschenischer oder armenischer Abstammung zu sein und trotz-
dem sich als Türke zu fühlen, d. h ein Türke zu sein.
Um das zu verdeutlichen, habe ich an den Anfang dieseses Abschnitt eine
Bemerkung von Ara Güler gestellt, den er in einem Intereview mit New York
Times machte.26 Ara Güler, dessen photographisches Werk vielleicht die wich-
tigste künstlerische Dokumentation von Istanbul des 20. Jahrhunderts darstellt,
ist einer der weltweit anerkannten türkischen Künstler. Die Tatsache, daß er
sich als “Türke wie jeder Ahmet und Mehmet” fühlt, ist kein Hinderungsgrund
dafür, daß Ara Güler neben seiner Arbeit als Photograph Gedichte und Novellen
in armenischer Sprache publiziert und für die armenisch sprachigen Zeitungen
schreibt. Ara Güler’s Vater hat als einziger Sproß der Familie die Deportationen
von 1915 überlebt, weil er als kleiner Junge zum Zwecke des Schulbesuchs aus
seinem anatolischen Dorf , in ein armenisches Internat in Istanbul geschickt
worden war.
Hier einige weitere Beispiele: Ziya Gökalp, einer der Haupttheoretiker des
türkischen Nationalismus, ist der Sohn einer alt eingesessenen Familie aus Diy-
arbakır, ist also kurdischer Abstammung. Von ihm stammt der folgende Satz:

25
aus: "The New Encyclopedia Britannica", Vol. 28, 15th Edition, S. 895
26
The New York Times 13. April 1997

19
“Kurden und Türken sind wie das Fleisch und der Fingernagel mit einander
verwachsen, man kann sie nicht trennen.”
Zur Illustration: Mustafa Celaleddin Paa (1826-1876) (sein polnischer Name
lautete Konstanty Borzecki), war ein polnischer Freiheitskämpfer, der in der
Revolution von 1848 teilgenommen hatte. Nach der Niederschlagung der Revo-
lution flüchtete er in die Türkei, wurde Moslem (einer seiner leiblichen Enkel
ist der bekannte Dichter Nazım Hikmet), diente als erfolgreicher General und
wurde einer der Begründer des türkischen Nationalismus. Er ist 1876 im Krieg
gefallen.
Mehmet Akif Ersoy, der Nationaldichter der Türkei, der auch die türkische
Nationalhymne verfaßt hat, ist ein Türke albanischer Abstammung.
Vasıf Çınar, der Minister für Nationale Erziehung (damals “Maarif Ba-
kanlıı”) zur Zeit Atatürks und einer seiner Berater, stammte aus der führenden
Familie des berühmten kurdischen Bedirhan–Stammes. Den Nachnamen Çınar
(Platane) hatte ihm Atatürk gegeben. Vasıf Çınar war der Architekt des heutigen
einheitlichen und säkularen Schulsystem der Türkei mit Türkisch als alleiniger
Unterrichtssprache.
Die Orchesterfassung der türkischen Nationalhymne stammt von einem arme-
nisch stämmigen Türken: Edgar Manas (1875-1964), der in dem Konservatori-
um als Dozent tätig war.
Der ehemalige Generalstabschef und späterer Abgeordneter Generaloberst
Doan Güre ist der Nachkomme eines berühmten Tschetschenischen Freiheits-
kämpfers.
Der bekannte türkische Historiker Cemal Kutay ist ein Nachfahre der herr-
schenden Familie des (kurdischen) Bedirhan-Stammes.
Das Prinzip, die Leistung und das Verhalten (und nicht die Abstammung) ei-
nes Menschen zum Hauptmaßstab zu machen, ist sicherlich eines Geheimnisse
der Erfolge der Türkei.
So konnte die Türkei auf immer auf viel umfangreichere “human resources”
zurückgreifen, als solche, die nur die ethnischen Türken boten. Das Land konnte
von dem Wissen und den Fertigkeiten von Millionen von Menschen profitieren,
die, wenn man nur die Blutsbande zugrunde gelegt hätte, bloße Fremdlinge
geblieben wären. Gleichzeitig war das Land immer anziehend für Menschen,
die Diskriminierung wegen Abstammung ablehnten (ganz ähnlich wie heute die
USA). Bekannt ist der Ausspruch des Sultan Selim II, der, als er erfuhr, daß der
spanische König alle Juden aus Spanien vertreiben wollte, sagte: “ich hätte ge-
dacht, daß der spanische König klüger wäre.” Er schickte sofort seine Flotte, um
den Juden die Überfahrt in die Türkei zu ermöglichen. Denn er wußte, daß diese
Menschen eine große Bereicherung seines Landes bedeuten würden. Er hat sich
nicht geirrt.

20
In dieser Arbeit wurde unter der Überschrift “Patriotische Armenier, die der
Heimat treu blieben”, auf den Beitrag, den armenisch–stämmige türkische Pat-
rioten wie Berc Keresteciyan (Türker), Pandikyan efendi, Murat Davutyan, Ter-
ziyan efendi, Hogasyan efendi, Bedros Garabetyan efendi nach 1918 in der von
den Entente–Mächten besetzten Hauptstadt Istanbul, zur Unterstützung des tür-
kischen nationalen Befreiungskrieges leisteten, kurz hingewiesen. Das wurde
auch dadurch ermöglicht, daß die türkischen Nationalisten nicht so engstirnig
waren, die Liebe zur Türkei, die Opferbereitschaft für die Heimat als ein Pro-
dukt, ein Ergebnis, oder ein Korrelat der Abstammung zu betrachten. Gerade
weil sie nicht engstirnige sondern weitsichtige Nationalisten waren, gerade weil
sie nicht mit Rassismus verblendet waren, konnten sie das Potential der arme-
nisch–stämmigen, der jüdisch–stämmigen, der griechisch–stämmigen Türken
erkennen und für die gemeinsame Sache mobilisieren und so den Sieg herbei-
führen. Man vergleiche diese Einstellung mit der Einstellung der nationalsozia-
listischen Rassisten, die wegen ihrer Voreingenommenheit gegen jüdisch–
stämmige Deutsche, die Elite der deutschen Wissenschaft und Kunst vertrieben
und so Deutschland, dem sie angeblich nützen wollten, einen immensen Scha-
den hinzufügten. Viele der damals aus Deutschland Vertriebenen wurden von
der türkischen Regierung aufgefordert, in die Türkei zu kommen und haben in
der Türkei einen großartigen Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaften und
der Künste geleistet.
Deswegen sagte Atatürk in seinem oft falsch übersetzten Spruch: „Glücklich
derjenige, der sich als Türke bezeichnet“ (Ne mutlu Türküm diyene) und nicht,
wie oft fälschlich behauptet wird: „Glücklich derjenige, der ein Türke ist.“ Es
ist bemerkenswert, daß sich in dem obigen Zitat von Ara Güler, genau die glei-
che Auffassung findet.

B) Bemerkungen zur Geschichte

1) Die Einwanderung der Armenier in Ostanatolien

Nach Angaben Armenischer Historiker sind die Armenier wahrscheinlich zu-


sammen mit den Phrygiern in Kleinasien eingewandert und wurden laut Heredot
von diesen beherrscht. Ende des 8. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung wan-
derten sie weiter Richtung Osten und ließen sich in den Gebieten um den Berg
Ararat (türkisch Arı) nieder.27

27
Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of Arme-
nian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 5

21
Sie wurden zuerst von den Medern, später von den Persern beherrscht, bis sie
am Ende des 2. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung ein unabhängiges König-
reich errichteten. Diese Unabhängigkeit wurde durch die Eroberungen der Rö-
mer beendet.28 Armenien war ein ständig umkämpftes Grenzgebiet zwischen
Rom und dem persischen Reich, bis das Land im Jahre 387 (nach Christus)
durch einen Vertrag zwischen dem persischen und dem oströmischen Reich
aufgeteilt wurde.29 Damit ist es klar, daß die kurze Unabhängigkeit des armeni-
schen Königreiches bereits lange vor dem Erscheinen der Türken in Kleinasien
zu Ende war. Hovannisian schreibt, daß Armenien ab 886 wieder ein König-
reich war. Die Herrschaft der armenischen Könige wurde 1045 durch Ostrom
beendet, womit Armenien als souveräner Staat nicht mehr bestand. 30 Später
(1198) entstand ein armenisches Königreich in Kilikien. Dieser armenische
Staat wurde 1375 durch die Mamluken erobert.31 (Ich zitiere Hovannisian, ohne
seine Angaben nachzuprüfen).

2) Deportationen der Armenier durch Ostrom

Wegen seiner Lage zwischen zwei großen Imperien jener Zeit, wurde das
Heimatland der Armenier zu einem Gebiet, in dem ständig die Schlachten zwi-
schen den Persern und den Römern ausgetragen wurden.32
Dieser Umstand führte zu einer Immigration der Armenier in die westlichen
Teile des oströmischen Imperiums.33 Zusätzlich zu den erzwungenen Deportati-
onen (im Zusammenhang mit den Verfolgungen der Armenier als “Heretiker”
durch die griechisch-orthodoxe Staatskirche) führte diese Immigrationsbewe-
gung zu einer Verteilung der Armenier über das ganze oströmische Reich. Laut
Nersessian bildeten die Armenier die größte fremde Bevölkerungsgruppe in
dem oströmischen Imperium und spielten eine wichtige Rolle im Verlauf seiner
Geschichte.
Zahlreiche Armenier dienten als berühmte Generäle der römischen Armeen,
nicht wenige oströmische Kaiser waren armenischer Abstammung. Es ist sicher,

28
Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of Arme-
nian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 6
29
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 6
30
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 4
31
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 4
32
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 5
33
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 18-19

22
daß die Kaiser armenischer Abstammung zum griechisch-orthodoxen Glauben
übergetreten waren 34, wir können annehmen, daß dies auch für alle anderen
Armenier in hohen Positionen zutrifft.

3) Christen verfolgen Christen!

Als Konstantin der Große Christentum zur Staatsreligion des römischen Rei-
ches machte, hatte dieser Schritt paradoxerweise zu neuen Christenverfolgun-
gen geführt. Für den heutigen Beobachter mag dies zunächst verwirrend klin-
gen, doch ein kurzer Blick auf die Geschichte des frühen Christentums macht es
nachvollziehbar.
Die Christen hatten sich bis dahin entweder im Untergrund oder aber als eine
geduldete Religionsgruppe im römischen Reich entwickelt und organisiert. Es
gab zahlreiche örtliche Bischöfe, und ebenso zahlreiche Lehrmeinungen, was
die Grundfragen der christlichen Lehre betraf. Das Miteinander dieser unter-
schiedlicher Lehrmeinungen war möglich gewesen, so lange die Christen ein
„Netzwerk“ ohne eine weisungsbefugte Zentrale gebildet hatten. Doch Konstan-
tin der Große wollte mit der Ausrufung des Christentums zur Staatsreligion
zugleich auch eine einheitliche, zentralistisch organisierte Kirche schaffen, die
als Instrument zur Vereinheitlichung des römischen Reiches eingesetzt werden
konnte. Zu diesem Zweck wollte er auch eine einheitliche Lehrmeinung haben.
Um eine einheitliche Lehrmeinung zu erarbeiten wurde ein Konzil abgehalten,
an dem zahlreiche Bischöfe aus allen Ecken des römischen Reiches und auch
Konstantin der Große teilnahmen. Nach langwierigen Verhandlungen und Dis-
kussionen kristalisierte sich eine Richtung heraus, die von einer Mehrheit im
Konzil getragen wurde. Doch mehrere Bischöfe hatten das Ergebnis des Konzils
nicht anerkannt. Diese Bischöfe wurden durch kaiserliche Gesetze verbannt und
verfolgt. Es entstand die bizarre Situation, daß ein römischer Kaiser, mit ande-
ren Worten das Oberhaupt eines Staates, der noch wenigen Jahren die Christen
verfolgt hatte, nunmehr einem Teil der Christen vorschreiben wollte, was sie
unter Christentum zu verstehen hatten.
Damit begann eine neue Phase der Christenverfolgungen, wobei nunmehr die
Staatskirche gemeinsam mit den staatlichen Stellen des römischen Reiches die-
jenigen Christen verfolgte, die sie als Abweichler vom rechten Glauben be-
zeichnete. Gleichzeitig versuchte man über Jahrhunderte, durch Verhandlungen
und eine ganze Reihe von Beratungen (Konzil) doch noch zu einer Einheit zu
gelangen.
Es ist für die heutigen Christen kaum nachvollziehbar, worüber in jenen Jahr-
hunderten die Christen des Ostens gestritten und diskutiert haben. In Europa hat

34
Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of Arme-
nian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 20

23
sich „der normale Bürger“ kaum je für die Feinheiten der christlichen Dogmatik
interessiert. Wie viele Christen in Deutschland können heute Auskunft darüber
geben, mit welcher Begründung die katholische Kirche das gemeinsame A-
bendmahl der evangelischen und der katholischen Kirche auf dem ökumeni-
schen Kirchentag zu Berlin im Jahre 2002 abgelehnt hat?
In Kleinasien dagegen war die Situation in den ersten Jahrhunderten des
Christentums völlig anders. Die philosophisch geschulten Bürger in den Städten
Anatoliens diskutierten mit großem Engagement grundlegende Fragen der Drei-
faltigkeit. Selbst einige der Kirchenväter beklagten sich über diese ausgeprägte
Neigung zur Beschäftigung mit den Fragen der Dogmatik. So schrieb der Heili-
ge Gregory von Nyssa in Bezug auf Kleinasien: „Alle Orte, Straßen, Märkte,
Plätze, Gassen, die Stoffhändler, die Geldwechsler und die Lebensmittelhändler
sind voll von Leuten, die unverständliche Fragen diskutieren. Wenn du jeman-
den fragst, wie viel du zahlen mußt, philosophiert er über den Gezeugten und
den Nicht-Gezeugten, wenn du wissen möchtest, was das Brot kostet, antwortet
der Verkäufer, der Vater ist größer als der Sohn und wenn du dich erkundigst,
ob das Bad bereit sei, sagt man dir, der Sohn wurde aus dem Nichts gemacht.“35
Als das Christentum als Staatsreligion des römischen Reiches proklamiert
wurde, und die nunmehr staatliche Kirche versuchte, die Vielfalt der bestehen-
den christlichen Lehrmeinungen gewaltsam auf einen gemeinsamen Nenner zu
bringen, kam es zu einem heftigen Widerstand. Der Versuch der Vereinheitli-
chung mißlang gründlich. Es entstanden die verschiedenen Kirchen (die grie-
chisch-orthodoxe, die koptische, die asyrische, die armenische, die katholische
etc.)36, die sich über Jahrhunderte gegenseitig bekämpften.
Was „den gewaltigen Anlauf des Islams im 7. Jahrhundert“ betrifft, der für
Prof. Wehler offenbar immer noch ein Trauma darstellt, ist festzustellen, daß
dies im wesentlichen durch die unnachgiebige Verfolgung der als „Häretiker“
bezeichneten Christen durch die oströmische Staatskirche einerseits und die
Glaubensfreiheit, die die Moslems gewährten andererseits, begünstigt wurde.
Wehler ignoriert beharrlich diese Tatsache, der sein Schema -hier militante
Moslems, da friedfertige Christen-, sprengen würde und argumentiert auf einem
Niveau, das wir lieber nicht näher einstufen wollen. Hierzu kann man Dutzende
von Historikern zitieren. Wir wollen uns mit drei Beispielen begnügen, die man
leicht vervielfachen kann. So bemerkt Wolfgang Günter Lerch über die Erobe-
rung Ägyptens durch die Moslems:

35
Zitiert nach: Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief
Study of Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947,
S. 29 Der Autor liefert einen lesbaren Überblick über die Grundlinien der frühchristli-
chen dogmatischen Auseinandersetzungen.
36
Es gibt noch zahlreiche andere Kirchen, deren Aufzählung hier zu weit führen würde.
Der Verfasser.

24
“Die Ketzer [im oströmischen Reich] hatten den Beistand der Kaiserin [Theo-
dora] dringend nötig, denn ihre Lage war so bedrückend, daß sie im Jahrhundert
danach 37 nichts sehnlicher wünschten als die Eroberung durch den jungen Is-
lam. Ägypten fiel nicht ohne tatkräftige Mithilfe der Kopten in muslimische
Hände.”38 Es war die Intoleranz der herrschenden Staatskirche, die dazu führte,
daß Ägypten, diese reiche Provinz des oströmischen Reiches, fast ohne Kampf
von den islamischen Truppen erobert wurde.
Ein anderer deutscher Historiker, F.-K. Kienitz, schreibt über den Zusammen-
hang zwischen den „Ketzer“-Verfolgungen der oströmischen Staatskirche und
der rasanten Ausdehnung des Herrschaftsgebiets des Kalifen:
„In den damaligen Jahrhunderten 39 erhitzten sich nicht nur gelehrte Theolo-
gen, sondern auch die Massen der Bevölkerung bis zur Weißglut über Fragen
wie die, ob Christus und Gottvater wesenseins oder wesensverwandt seien, ob
das Göttliche und das Menschliche in der Person Jesu getrennt oder miteinander
verbunden sei, ob dem Heiland ein oder zwei Naturen, ein oder zwei Willen in-
newohnten. Wo es um Probleme der Verwaltung, der Besteuerung oder der
Wirtschaft ging, erhob sich in den Provinzen des oströmischen Reiches kaum
ernsthafter Widerstand gegen den Druck der Zentrale: Zu groß war die Allge-
walt der Hauptstadt und ihres Apparates, zu groß auch die von Generation zu
Generation gewachsene Gewöhnung an solche Zustände. Doch wo es um die
religiöse Überzeugung ging, um das Heil der Seele, nahmen viele Menschen
den Machtanspruch der Zentralgewalt nicht hin. Vor allem in Ägypten und Sy-
rien erhob sich frühzeitig die Opposition. Dort formierten sich aus der Ableh-
nung der Staatskirche von Konstantinopel heraus die «Ketzer» ägyptischer und
aramäischer Zunge seit dem 5. Jahrhundert zu Gegenkirchen: Die Koptische
und die Jakobitische oder Altsyrische Kirche entstanden. Kein Mittel staatlicher
Gewalt vermochte mehr, diese Konstantinopel feindlichen Kirchen zu zerschla-
gen. Man trieb damit ihre Bekenner nur den Persern und später den muslimi-
schen Arabern in die Arme. Die überwältigenden Erfolge gleich der ersten Kali-
fen gegen das oströmische Reich beruhen zum guten Teil auf diesen Verhältnis-
sen.“40 Der Leser/die Leserin möge beachten: Die Eroberung der ehemals christ-
lich beherrschten Gebiete durch die Moslems bedeutete keineswegs, daß die
Bevölkerung ihren christlichen Glauben aufgeben mußte. Vielmehr konnten
zahlreiche christliche Gemeinden nur bis zum heutigen Tage bestehen bleiben,

37
Im Jahrhundert nach Justinian und Theodora, d. h. im 7. Jahrhundert. Meine
Anmerkung.
38
Lerch, Wolfgang Günter, Istanbul, 1995, Solothurn und Düsseldorf, S. 39
39
Kienitz bezieht sich auf die Entwicklung im oströmischen Reich ab dem 5. Jahrhun-
dert. Der Verfasser.
40
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 78 f.

25
weil sie in den von Moslems beherrschten Gebieten lebten (z. B. Nestorianer).
Ihre Glaubensbrüder in den christlichen Ländern wurden alle umgebracht oder
zur Aufgabe ihres Glaubens gezwungen.
Ebenso verhielt sich mit der Eroberung Spaniens durch die Moslems. Im 7.
Jahrhundert beobachten wir gewaltsame Verfolgung der Häretiker und der Ju-
den, kombiniert mit Korruption unter dem Adel und in der Kirche. Im Jahre 711
erhielt der damalige Gouverneur von Marokko die Aufforderung eines christli-
chen Machthabers aus Südspanien, der sich mit dem Westgotenkönig Roderich
zerstritten hatte, das Land zu erobern. Der Militärführer Tarik41 setzte im Som-
mer 711 mit etwa 7.000 Mann über und eroberte die Halbinsel bis 713, d. h. in-
nerhalb von 2 Jahren, fast vollständig. Zum Vergleich: die Römer hatten fast
genau 200 Jahre gebraucht (225–19 vor unserer Zeitrechnung), um die Halbin-
sel unterwerfen zu können! Nach der Eroberung durch die islamischen Streit-
kräfte wurde ein Reich gegründet, in dem Moslems, Christen und Juden frei ih-
ren Glauben ausüben konnten und in der die Wissenschaften und die Künste ei-
ne Hochblüte erlebten. Dieses Regime, dauerte mehr als 700 Jahre und wurde
durch die katholische Rückeroberung (1492) beendet. Mit dieser Rückerobe-
rung begann eine Zeit der schlimmsten Verfolgungen für alle, die nicht katho-
lisch waren. So viel zu den Ursachen des “gewaltigen Anlaufs” des Islam.
Kommen wir zurück, zu der Situation in Kleinasien im 11. Jahrhundert, d.h. zu
Beginn der türkischen Eroberung.
Da die armenische Kirche die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon42 (451)
nicht anerkannte,43 wurde sie von der griechisch-orthodoxen Kirche zu den mo-
nopysistischen Kirchen (wie die meisten anderen Ostkirchen, z. B. die koptische
Kirche) zugerechnet. Die griechisch-orthodoxe Kirche, die wie die katholische
Kirche, die duopysistische Richtung vertritt, verfolgte die armenische Kirche
über Jahrhunderte mit wechselnder Intensität. Die Auseinandersetzung zwi-
schen den Duophysisten und den Monophysisten (die östlichen Kirchen) war
eines der wichtigsten Probleme, die das oströmische Reich seit der Erhebung
des Christentums zur Staatsreligion belastet hatten.44
Die Verfolgung der Armenier, die im Herrschaftsbereich des oströmischen
Reiches lebten, durch das oströmische Reich und die griechisch-orthodoxen

41
Die Bezeichnung „Gibraltar“ kommt aus der arabischen Bezeichnung „Cebel-i Ta-
rik“, d. h. „Tarık Berg“ für den Felsen von Gibraltar.
42
Diese Ortschaft heißt heute “Kadıköy“ und ist ein Stadtteil im kleinasiatischen Teil
von Istanbul. Der Verfasser.
43
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 35
44
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 130 f., ebenso S. 78 ff, insbesondere 81 f.

26
Kirche als Heretiker wird auch von den armenischen Historikern festgehalten. 45
Die oströmischen Machthaber gingen gewaltsam gegen die Armenier vor, es
kam zu Massendeportationen. Eine große Zahl von Armeniern wurden nach
Zypern, nach Thrakien und nach Mazedonien deportiert. 46

4) Armenier auf der Seite der Moslems

Die Abneigung der Ostkirchen gegen die Vorherrschaft des griechisch-


orthodoxen Patriarchats in Konstantinopolis war, wie bereit erwähnt, einer der
wichtigsten Gründe für den raschen Erfolg der islamischen Armeen im Nahen
Osten im 7. Jahrhundert. So schreibt z. B. der armenische Historiker Sirarpie
Der Nersessian, daß die Armenier im 9. Jahrhundert gemeinsame Sache mit den
muslimischen Arabern machten und zusammen mit diesen gegen die Armeen
des oströmischen Kaisers Theophilus kämpften.47

C) Die Herrschaft der Türken beendet die Verfolgung

Mit der Errichtung der türkischen Herrschaft über Anatolien wurde die Ver-
folgung aus Glaubensgründen in Bezug auf die Angehörigen aller Religions-
gruppen beendet. Angesichts der von Historikern wie Prof. Wehler verbreiteten
Horrormeldungen soll dies mit zwei 48 Zitaten belegt werden:
“Selbstverständlich waren die christlichen Untertanen der Seldschuken von
Rum den Muslims nicht gleichgestellt. Aber während es unter den Kaisern
von Konstantinopel jahrhundertelang Ketzerverfolgungen gegeben hatte,
fanden unter den Seldschuken keine Christenverfolgungen statt. Ob ihre
Untertanen das Christentum nach byzantinischem oder nach armenischen Ritus
oder in irgendwelchen anderen Formen bekannten, war den Türken völlig
gleichgültig. Religiöser Bekehrungseifer lag den Seldschuken trotz ihrer eige-
nen Begeisterung für die Sache des Islams ohnehin fern. Anscheinend hat sogar
die eine oder andere der uns bekannten Sultansfrauen westeuropäischer, byzan-

45
Vgl. z. B. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study
of Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 50
46
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 19
47
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 8
48
Man könnte ohne weiteres ein halbes Dutzend weitere Quellen angeben, die Rück-
sicht auf die Geduld der Leser verbietet dies jedoch. Der Verfasser.

27
tinischer oder georgischer Abkunft nach ihrer Eheschließung weiterhin Christin
bleiben dürfen.”49
Die Tatsache, daß die muslimischen Türken den Armeniern, wie auch allen
anderen Christen, Glaubensfreiheit einräumten, ist auch in den historischen ar-
menischen Texten nachzulesen. So klagte der armenischen Bischoff Nerses (ge-
storben 1173) in einem Brief50 an den oströmischen Kaiser Manuel Comnenus
„Deine Priester und dein Volk betrachten es als einen Akt der Gerechtigkeit, als
ein Mittel, die göttliche Vorsehung zu erfüllen und das himmlische Reich zu
gewinnen, wenn sie uns hassen und beleidigen... Unsere Kirchen und Gottesal-
täre wurden ruiniert, unsere Heiligtümer wurden zerstört und unsere Kirchen-
männer wurden mißhandelt, etwas ähnliches mußten wir nicht einmal in den
Händen unserer Nachbarn erleiden, die Feinde von Christus sind ...“51

1) Positionen der Armenier im osmanischen Reich:

Es soll in diesem Abschnitt versucht werden, einige Aspekte des armenischen


Lebens im osmanischen Reich zu berühren, die in der europäischen Öffentlich-
keit kaum bekannt sind. So bezeichnet z. B. Mihran Dabag, Direktor des Insti-
tuts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, in
einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Armenier im osmani-
schen Reich als eine “bei aller Verachtung geduldete ethno-religiöse Gemein-
schaft”.52 Waren die Armenier tatsächlich eine “verachtete Gemeinschaft”?
Immerhin schreibt Mansel über die Armenier, daß “keine andere Minderheit
sich eines solchen Grades der kaiserlichen Zuneigung erfreuen konnte.”53
Da die armenische Kirche die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon54 (451)
nicht anerkannte, wurde sie von der griechisch-orthodoxen Kirche zu den mo-
nopysistischen Kirchen (wie die meisten anderen Ostkirchen, z. B. die koptische
Kirche) zugerechnet. Die griechisch-orthodoxe Kirche, die wie die katholische
Kirche, die duopysistische Richtung vertritt, verfolgte die armenische Kirche
über Jahrhunderte. Die Auseinandersetzung zwischen den Duophysisten und
den Monophysisten (die östlichen Kirchen) war eines der wichtigsten Probleme,

49
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 149, Hervorhebung durch den Verfasser.
50
geschrieben im Jahre 1170.
51
Vgl.: Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 52
52
M. Dabag, „die türkische Frage“, FAZ vom 24.4.2001, Feuilleton
53
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire. 1453-1924, London, 1998, S.
297
54
Diese Ortschaft heißt heute “Kadıköy“ und ist ein Stadtteil im kleinasiatischen Teil
von Istanbul. Der Verfasser.

28
die das oströmische Reich seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion
belastet hatten.55
Nach der Eroberung von Istanbul forderten die osmanischen Sultane die ar-
menischen Gemeinden auf, sich in der neuen Hauptstadt niederzulassen. Die
Zahl der Armenier in Istanbul, in der vor der Eroberung durch die Türken fast
keine Armenier lebten, stieg bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf 200.000
an56. Istanbul wurde weltweit zum wichtigsten Zentrum des armenischen kultu-
rellen Lebens. Schon allein die Zahl der armenischen Kirchen belegt dies: Heute
gibt es 48 armenische Kirchen in Istanbul.57 Vor der Eroberung der Stadt durch
die Türken gab es keine einzige armenische Kirche innerhalb der Stadtmauern,
weil das griechisch-orthodoxe Patriarchat es nicht erlaubte.
Wie die anderen religiösen Gemeinschaften auch, waren die Armenier im os-
manischen Reich als ein „millet“ organisiert. An der Spitze dieser Organisation
stand der armenische Patriarch in Istanbul. Er konnte die religiösen und sozialen
Belange seiner Gemeinde autonom regeln und steuern, so lange die öffentliche
Ordnung nicht gestört wurde. Wie die anderen Gemeinden auch, hatte die ar-
menische Gemeinde das Recht, ihre Kirchen und religiösen Schulen selbst zu
verwalten. Der armenische Patriarch konnte alle Geistliche und Lehrer selbst
ernennen. Hinzu kam das Recht der eigenen zivilrechtlichen (Fragen die die
Schulden, an- und Verkauf von Sachen usw. betrafen) und religiösen Gerichts-
barkeit, insoweit keine Personen mit einem anderen Glauben involviert waren.
So konnten z. B. eherechtliche, erbrechtliche Streitigkeiten zwischen den Ar-
meniern von ihrer Gemeinde völlig autonom nach eigenem Recht verhandelt
werden. Außerdem genoß die armenische Kirche im osmanischen Reich Steuer-
freiheit.58
Der armenische Patriarch (wie im übrigen auch der griechisch-orthodoxe Pat-
riarch) hatte die Vollmacht, in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Gemeinde
jeden Armenier in die Kerker des Patriarchats werfen zu lassen oder ihn zu ver-
bannen.59 Die Patriarchen herrschten praktische wie autonome Könige über die
Mitglieder ihrer Gemeinden.
Da die türkische Herrschaft eine deutliche Verbesserung ihrer Lage und die
Beendigung der religiösen Verfolgung mit sich gebracht hatte, lebten die Arme-

55
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 130 f., ebenso S. 78 ff, insbesondere 81 f.
56
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 324
57
Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S 375-376
58
Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S. 77. Dies galt auch für
die griechisch-orthodoxe Kirche.
59
Siehe z. B. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 30 und 73. Ham-
lin’s Buch enthält zahlreiche Einzelheiten über die Vorgehensweise des armenischen
Patriarchen gegen Abweichler.

29
nier als zufriedene und loyale Untertanen des osmanischen Sultans und wurden
von den Osmanen in Anerkennung dieser Loyalität als “millet-i sadıka” (die
loyale Nation) bezeichnet. Die amerikanisch-armenische Autorin Louise Nal-
bandian stell fest: “Die Stoßwellen der französischen Revolution führten zu kei-
ner merklichen Veränderung in den Reihen der Armenier in der Türkei wäh-
rend der ersten Dekaden des neunzehnten Jahrhunderts. Als die anderen Unter-
tanen des osmanischen Regimes, insbesondere auf dem Balkan, sich in Revolten
erhoben, blieben die Armenier loyale Untertanen.“60
Etwa um 1820 begannen die verschiedenen protestantischen Kirchen, im os-
manischen Reich zu missionieren. Doch bald mußten sie feststellen, daß eine
Bekehrung der Moslems im nenneswerten Umfang so gut wie unmöglich war.
Daraufhin wurden als Zielgruppe die Armenier ausgemacht.61
Hierzu eine Anmerkung: Als die amerikanischen Missionare Emil Smith,
Dwight und William Goodell im Auftrag der amerikanischen Missions-
gesellschaften, ihre systematische Tätigkeit zwecks Propagierung des Protestan-
tismus in der Türkei aufnahmen und 1830 sich in Istanbul niederließen, haben
sie insbesondere die Armenier als Zielgruppe bestimmt. Dabei hat Goodell die
Bibel in die türkische (nicht etwa in die armenische!) Sprache übersetzt. Diese
Bibel wurde 1858 auf Türkisch, aber mit armenischer Schrift, publiziert.62 Die-
ser Umstand zeigt, daß zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein beachtlicher Teil der
Armenier eher die türkische Sprache als die armenische beherrschten.

2) Selbstverwaltung auf demokratischer Basis

Nach der Eroberung von Istanbul (1453) wurde der armenische Bischoff von
Bursa von der osmanischen Regierung eingeladen, sich in Istanbul niederzulas-
sen. Er später als Oberhaupt aller nicht-orthodoxen und nicht-katholischen
Christen im osmanischen Reich eingesetzt. Damit unterstanden ihm auch die
anderen beiden monophysitischen Kirchen, die koptische und die assyrische
Kirche. Schon im 15. Jahrhundert konnten der griechische Patriarch, der arme-
nische Patriarch und der israelitische Oberrabbiner nicht nur eigene Schulen und
karitative Einrichtungen sowie ihre eigenen Glaubensstätten völlig autonom
verwalten, sie hatten auch das Recht, für die Angehörigen ihrer Gemeinde eige-
ne Gerichte zu unterhalten, in denen nach den jeweils eigenen Gesetzen Recht
erkannt wurde.63 Der griechische Patriarch und der armenische Patriarch verfüg-
ten über eigene Kerker, in die sie ihre eigenen Gemeindemitglieder einsperren

60
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angel., 1963, S. 41
61
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angel., 1963, S. 42
62
Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, 1991, S. 313
63
Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 113. Vgl.
auch Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S. 77.

30
lassen konnten. Darüber hinaus verhängten sie empfindliche Geldstrafen oder
Verbannungsstrafen.64 Es kam dennoch oft vor, daß Christen und Juden lieber
zu den islamischen Gerichten gingen.65 Damit erhielten die Oberhäupter dieser
Glaubensgemeinschaften vom osmanischen Reich Rechte und Vollmachten, die
sie nie zuvor und nie danach in irgendeinem Land gehabt haben. Das betrifft
sowohl den inhaltlichen Aspekt, wie auch die räumliche Ausdehnung ihres je-
weiligen Machtbereichs.
Es ist nicht auszuschließen, daß einige Leser meinen, daß es unter einem
christlichen Herrscher den Armeniern auf jeden Fall besser ergehen müßte als
unter der osmanischen Herrschaft. Auch Karl Marx ist wohl von einer solchen
Neigung der Leserschaft ausgegangen und publizierte deswegen im Juli 1853 in
einer amerikanischen Zeitung den folgenden Bericht:
“Es dürfte für Ihre Leser von Interesse sein, ein die orientalische Frage betref-
fendes Dokument kennenzulernen, das kürzlich in einer Londoner Zeitung ver-
öffentlicht wurde. Es handelt sich um eine Proklamation, die von dem heute in
London lebenden Fürsten von Armenien herausgegeben und unter den Arme-
niern in der Türkei verbreitet worden ist:

»Lew, der von Gottes Gnaden regierende Fürst von Armenien etc., an die
Armenier in der Türkei:

Geliebte Brüder und treue Landsleute! ... Unser Wille und unser heißer
Wunsch ist es, daß Ihr bis zum letzten Tropfen Eures Blutes Euer Land und den
Sultan gegen den Tyrannen des Nordens verteidigt. Erinnert Euch, Brüder, daß
es in der Türkei keine Knuten gibt, daß die Türken Euch nicht die Nasenflügel
zerreißen und Eure Frauen weder insgeheim noch in der Öffentlichkeit prügeln.
Unter der Herrschaft des Sultans gibt es Menschlichkeit, während es unter der
Herrschaft des Tyrannen des Nordens nur bestialische Grausamkeit gibt. Darum
vertraut Euch der Führung Gottes an und kämpft tapfer für die Freiheit Eures
Landes und für Euren jetzigen Herrscher. Reißt Eure Häuser nieder, um daraus
Barrikaden zu bauen; und wenn Ihr keine Waffen habt, so zerbrecht Euern
Hausrat und verteidigt Euch damit. Möge Euch der Herr den Weg zum Ruhm
führen. Mein höchstes Glück wird es sein, in Eurer Mitte gegen die Unterdrü-
cker Eures Landes und Eures Glaubens zu kämpfen. Möge Gott des Sultans
Herz geneigt machen, meinen Aufruf zu billigen, denn unter seiner Herrschaft
wird die Reinheit unserer Religion bewahrt bleiben, während sie unter der Herr-

64
Siehe z. B. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 30 und 73.
65
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S 56

31
schaft des Tyrannen des Nordens geändert werden wird. Seid auch dessen ein-
gedenk, Brüder, daß das Blut in den Adern desjenigen der sich jetzt an Euch
wendet, das Blut von zwanzig Königen ist, es ist das Blut der Helden, der Lus-
sinians, der Verteidiger unseres Glaubens. Und wir rufen Euch zu: Verteidigen
wir die Reinheit unseres Glaubens bis zum letzten Blutstropfen.«66
Hier liefert uns Marx die Einschätzung eines in England lebenden armeni-
schen Fürsten über die komparative Lage der Armenier im osmanischen Reich
und in Rußland. Der armenische Historiker Hovannisian vermerkt zu diesem
Thema: “Die Armenier waren im Zarenreich keineswegs gleichberechtigt, da
das Prinzip »Orthodoxie, Autokratie und Nationalität« eine Gleichstellung der
Minderheiten ausschloß” 67
Um 1860 kam es zu einer Neuordung der internen Regeln der armenischen
Gemeinde im osmanischen Reich. Das Zustandekommen und die Grundlinien
dieser Regeln liefern Einblicke in die Situation der christlichen Minderheiten im
osmanischen Reich, deswegen die folgenden Angaben.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der armenische Patriarch das u-
numstrittene Oberhaupt der armenischen Gemeinde gewesen, wobei er sich von
den „Oberen“ seiner Gemeinde beraten ließ. Diese “Oberen” waren reiche Ar-
menier (“Amira” genannt), die im osmanischen Reich wichtige Positionen inne-
hatten. Durch die wirtschaftliche Entwicklung nach 1827 hatte sich innerhalb
der armenischen Gemeinde in Istanbul eine Differenzierung vollzogen, sodaß
die Zahl der Handwerksmeister und der Gewerbetreibenden gestiegen war.
Gleichzeitig beeinflußten die Ideen der revolutionären Bewegungen in Europa
insbesondere die armenischen Intellektuellen, Schüler und Studenten. Die zu
den modernen Ideen tendierenden Intellektuellen, die sich selber als „Illumina-
ti“ bezeichneten, verlangten ein größeres Mitspracherecht in den Angelegenhei-
ten der Gemeinde.
1863 wurde eine neue „Ordnung der armenischen Nation“ von der armeni-
schen Gemeinde angenommen und dem Sultan zur Genehmigung vorgelegt.
Der Sultan genehmigte diese neue Ordnung mit geringfügigen Veränderungen.
Nach dieser Ordnung wurde die armenische Gemeinde durch zwei Räte (einer
für weltliche, und einer für religiöse Fragen) geleitet, die durch allgemeine
Wahlen bestimmt wurden. Diese Gremien hatten auch das Recht, den Patriar-
chen zu wählen,68 der dann von dem Sultan bestätigt wurde. Die Gemeinde lei-

66
Karl Marx, Bericht für “New York Daily Tribune” Nr. 3809 vom 1.7.1853, Karl
Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 9, S. 134–141, insbesondere S. 139
67
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angel., London, 1967, S. 7
68
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 297 Eine
ähnliche Satzung erhielten auch die griechisch-orthodoxe und die jüdische Gemeinde.

32
tete ihre Schulen, ihre Kirchen, ihre eigenen Gerichte und ihre sonstigen Ein-
richtungen wie z. B. Waisenhäuser oder Krankenäuser völlig autonom.
Damit erhielt die armenische Gemeinde im osmanischen Reich bereits 1863
einen Grad der kulturellen Autonomie, der wahrscheinlich auf der ganzen Welt
einzigartig war. Und das, ohne jeden Druck von Außen, im Ergebnis von Ver-
handlungen zwischen der Gemeinde und dem osmanischen Reich.69
Es ist merkwürdig, daß eine “Ausarbeitung” der wissenschaftlichen Dienste
des Deutschen Bundestages kein Wort über diese einzigartige Autonomie der
armenischen Gemeinde verliert. Dagegen wird behauptet, daß die “religiöse Ei-
genständigkeit der Armenier” sei in Rußland garantiert gewesen. Gleichzeit
wird die Verfolgung der armenischen Kirche, die Konfiskation ihrer Schulen
und ihrer sonstigen Einrichtungen durch die Zaren 70, über die Hovannisian be-
richtet, verschwiegen.71 Hovannisian ist in diesem (und zahlreichen anderen)
Punkten aufrichtiger. Er schreibt: “Es zeigte sich, daß das Millet–System für die
Armenier praktikabel und vorteilhaft war.”72

3) Der kulturelle Beitrag der Armenier

Die armenischen Untertanen des Sultans haben über die Jahrhunderte einen
überaus wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben im osmanischen Reich geleis-
tet. Armenier haben aus ihren Reihen wichtige Musiker, Literaten, Architekten,
Schauspieler, Ärzte und Wissenschaftler hervorgebracht, deren Wirken das Ge-
sicht der Türkei bis heute prägen (man denke nur an Bauwerke wie Dolmabahçe
und Beylerbeyi Paläste, Dolmabahçe, Yıldız und Ortaköy Moscheen, an die
großen Kasernenbauten usw. in Istanbul). Es ist unmöglich, im Rahmen dieser
Arbeit selbst einen kleinen Überblick zu geben. Ich nenne nur einige wenige
Namen und hoffe, daß die Leser einen Eindruck davon bekommen, wie eng die
Türken und die Armenier im kulturellen Bereich miteinander verwoben sind.

69
Eine sehr detaillierte und interessante Arbeit über die Verfassung der armenischen
Gemeinde im osmanischen Reich liefert eine Doktorarbeit: Artinian, Vartan , The Ar-
menian Constitutional System in the Ottoman Empire, 1839-1863. A Study of its His-
torical Development, Istanbul. Es handelt sich um eine Dissertation, die 1970 an der
Brandeis Univ. (USA) verteidigt wurde. Nach dem die Arbeit, die sich fast
ausschließlich auf armenische und europäisch–amerikanische Quellen stützt, 18 Jahre
lang nirgends abgedruckt oder zitiert wurde, wurde sie in Istanbul publiziert.
70
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 17 ff.
71
Ausarbeitung, bearbeitet von Dr. Roos, „Das Osmanische Reich und die Armenier
1915. Nr. 34/01, Reg.-Nr. WD 1 – 35/01, S. 7
72
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 25

33
Ein sehr wichtiger armenischer Musiker ist Hampartzum Limonciyan (1768-
1839) Sein Vater stammte aus Harput, er selber wurde in stanbul geboren.
Hampartzum (oder Hamparsum) wurde in jungen Jahren von der berühm-
ten armenischen Juweliersfamilie Düzyan unterstützt. Er nahm an dem
Musikleben in dem Yalı (herrschaftliches Haus am Meer) der Düzyan Fa-
milie in Kuruçe me teil und besuchte auch das Mevlevihane von Be ikta
(die „Mevlevihane“s sind die Einrichtungen der Mevlevi Der wische, in Eu-
ropa auch bekannt als die „tanzenden Der wische“). Hampartzum zog die
Aufmerksamkeit des berühmten türkischen Komponisten Hammami-zade
smail Dede auf sich. Später erhielt er Zugang zum Sultanspalast und trug Sul-
tan Selim III (1761-1808) vor (der Sultan war ebenfalls ein talentierter Kompo-
nist, dessen Werke heute noch gespielt werden). Hampartzum schuf mit Ermun-
terung des Sultans ein neues System der Notenschreibung, mit dem zahlreiche
Werke der klassischen türkischen Musik bis zu unserer Zeit überliefert wurden.
Dieses Notensystem wird als Hampartzum Noten bezeichnet.
Der berühmte Nikogos Aa (1836-1885), der in Istanbul Hasköy gebo-
ren wurde, ist ein weiterer berühmter Komponist, der Werke so wohl für
die armenische geistliche Musik wie auch für die türkische klassische
Musik vorlegte. Nikogas Aa besuchte ebenfalls die Mevlevihane’s und
sang dort. 73
Ein anderer sehr bekannter Komponist der klassischen türkischen Mu-
sik ist Bimen
en (1872-1943). Sein armenischer Name lautet Dergazary-
an, er wurde als der vierte Sohn eines armenischen Priesters in Bursa
geboren. Mit acht Jahren fing er an, in der Kirche zu singen. Islamische
Geistliche, Der wische und hafız (Vorträger von Kuran-ı Kerim) begannen
die Gottesdienste in der Kirche zu besuchen, um seine Stimme zu hören.
Hacı Arif Bey (ein berühmter türkischer Musiker) kam 1884 nach Bursa,
um ihn zu hören. Auf seine Anregung hin übersiedelte Bimen
en mit 14
Jahren nach stanbul.
Bimen
en hat zahlreiche Werke verfaßt. Darunter befinden sich auch pat-
riotische Märsche wie „Çanakkale Marı“ (über die Verteidigung von Dardanel-
len im I. Weltkrieg) und „Harb-i Umumi Marı“ (ein Aufruf zur Verteidigung
der Heimat in dem I. Weltkrieg). Bimen en gehörte somit zu denjenigen arme-
nischen Patrioten, die sich im I. Weltkrieg und auch später für die Verteidigung
der gemeinsamen Heimat einsetzten.74
Die türkischen Armenier spielen auch in dem Musikleben der heutigen Türkei
eine herausragende Rolle. In den Konservatorien, den Orchestern und den O-
perhäusern sind zahlreiche Künstler armenischer Abstammung tätig. Auch die
türkische Popmusik profitiert von ihrem Schaffen. Viele der Stücke, die die tür-
kischen Gruppen im Rahmen von Eurovision vortrugen, wurden von Türken
armenischer Abstammung komponiert. Die Kompositionen von Onno Tunç, der

73
Nejat Göyünç, “Turkish Armenian Cultural Relations”
74
Nejat Göyünç, “Turkish Armenian Cultural Relations”

34
vor einigen Jahren in einem tragischen Flugzeugabsturz starb, sind auch außer-
halb der Türkei populär geworden. Der Beitrag der Armenier zum Musikleben
ist besonders groß. So wurde die Orchesterfassung der türkischen Nationalhym-
ne von dem armenisch-stämmigen Musikdozenten Edgar Manas (1875-
1964) verfaßt.
Die erste Novelle überhaupt, die in türkischer Sprache erschienen ist, wurde
1851 von einem armenisch-stämmigen Pascha (Vartan Pascha) verfaßt. Diese
Novelle hieß „Akabi Hikayesi“ und wurde in türkischer Sprache, geschrieben
mit dem armenischen Alphabet veröffentlicht.75 Vartan Pascha ging davon aus,
daß er eine größere Leserschaft unter den Armeniern erreichen konnte, wenn er
in türkischer, statt in armenischen Sprache schrieb.
Istanbul war so sehr zum Zentrum des armenischen Geisteslebens geworden,
daß der Istanbuler-Dialekt der armenischen Sprache zu eine der beiden armeni-
schen Literatursprachen (Westarmenisch) wurde. 1876 erschienen allein in Is-
tanbul neun armenische Zeitungen. Hier ein Überblick über die Vielfalt der Zei-
tungen in der osmanischen Hauptstadt im selben Jahr:76

Sprache: Anzahl Sprache Anzahl


Türkisch 13 Bulgarisch 3
Griechisch 9 Hebräisch 2
Armenisch 9 Englisch 2
Französisch 7 Arabisch, Deutsch, je 1
Persisch, Ladino
(Ladino ist die Bezeichnung für Alt-Spanisch, die die Juden, die 1492 aus
Spanien vertrieben worden waren, benutzten. Sie ist die älteste lebende Form
von Spanisch manche der älteren Istanbuler Türken jüdischer Abstammung be-
herrschen auch heute noch diese Sprache.

4) Die wirtschaftlich-gesellschaftliche Position

Das osmanische Reich bot denjenigen Armeniern (wie auch allen anderen Un-
tertanen des Sultans), die bereit waren, loyal dem gemeinsamen Vaterland zu
dienen, bemerkenswerte Aufstiegschancen. Diejenigen, die diese Möglichkeiten
ergriffen, leisteten einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen und kulturellen
Leben, erlangten ein hohes gesellschaftliches Ansehen und wurden meistens
auch sehr vermögend. Bereits bei einem kurzen Gang durch die armenischen
Friedhöfe in Istanbul (z. B. die beiden Friedhöfe in ili) kann man feststellen,

75
Vartan Paa, Akabi Hikâyesi: lk Türkçe Roman (1851), ed. A. Tietze, stanbul, Eren
Yayınevi, 1991, Vgl. Nejat Göyünç, “Turkish Armenian Cultural Relations”
76
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire. 1453-1924, London, S. 295

35
daß die Grabdenkmäler etlicher armenischer Familien größer als die Grabstätten
der meisten osmanischen Sultane sind.
Neben diesen Zeugen aus Stein gibt es aber auch andere. Ich zitiere einige
Beispiele aus einer Arbeit des Historikers H. Barsoumian (dem Namen nach
armenischer Abstammung), die in den USA publiziert wurde.
Im osmanischen Reich gab es bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts den Beruf
des “sarraf”. Diese waren Personen, die Geldgeschäfte (Kreditvergabe, Wech-
seln von Münzen usw.) betrieben und im gewissen Sinne Vorläufer der heutigen
Banken darstellten. Nach der Errichtung des modernen Bankwesens starb dieser
Berufszweig aus.
Die größten dieser “sarraf” spielten auch im System der Staatsfinanzen eine
wichtige Rolle und besaßen hierzu staatliche Lizenzen. Die Mehrheit der lizen-
zierten „sarraf“ waren Armenier. Das Vermögen der reichsten „sarraf“ konnte
über eine Million Pfund betragen.77
Ein Teil der „sarraf“ waren auch als Goldschmiede tätig, wobei sich ihre
Kunden hauptsächlich aus der Familie der osmanischen Sultane rekrutierten.
Der Goldschmiedemeister des Palastes war ein Armenier.78

a) Armenier leiteten die Münzpräge

Die staatliche Münzprägeanstalt des osmanischen Reiches („darphane“) wur-


de spätestens ab 1757 bis mindestens 1880, also über 120 Jahre, von Armeniern
geleitet (alle höheren Positionen waren Armeniern anvertraut worden). Unnötig
zu erwähnen, daß die Mehrheit der Beschäftigten ebenfalls Armenier waren. Es
war sogar so, daß die gesamten Unterlagen der staatlichen Münzanstalt in ar-
menischer Sprache geführt wurden.79

b) Armenier leiteten die Schießpulverwerke

Eine weitere, strategisch sehr wichtige Stelle im osmanischen Reich war ab


1795 für über 50 Jahre den Angehörigen einer einzigen armenischen Familie,
der berühmten Familie Dadyan 80 übertragen worden. Diese Familie leitete die
beiden Schießpulverwerke des osmanischen Reiches (das Amt hieß auf Tür-
kisch: “barutçu baı”) in der Nähe von Istanbul (genauer in Aya Stefanos. Diese

77
H. Barsoumian, “The Dual Role of the Armenian Amira Class within the Ottoman
Government and the Armenian Millet (1750-1850)” in: “Christians and Jews in the Ot-
toman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin Braude and
Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 172-173
78
H. Barsoumian, S. 173
79
Barsoumian, S. 174
80
oder: “Dadian“, wie der Name dieser Familie in englischen Publikationen geschrieben
wird.

36
Ortschaft ist heute mit dem Namen „Yeilköy“ zu einem Stadtteil gleich neben
dem Atatürk Flughafen geworden.)81.
Die selbe Familie Dadyan war darüber hinaus mit der Leitung und Verwal-
tung der gesamten und sehr umfangreichen staatlichen Industriewerke betraut
worden, die am Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Modernisierung der
osmanischen Streitkräfte in und um Istanbul geschaffen worden waren.82
Dagegen wurde Leitung der staatlichen Papiermühlen, ebenfalls im Rahmen
des Modernisierungsprogramms in Izmir gebaut wurden, dem Armenier Düzyan
(oder: Duzian) gegeben worden. Die neuen staatlichen Werfte wurden von dem
Armenier Kavafyan (Kavafian) geleitet.83

c) Chefarchitekten des Sultans

Armenische Familien spielten eine herausragende Rolle in der sehr umfang-


reichen Bauwirtschaft des Reiches. Als Beispiele verweise ich auf Meldon Ara-
pyan und Sarkis (kalfa), die nacheinander die Chefarchitekten („mimarbaı“)
des Sultan Ahmet dem III. (1703-1730) waren.84 Daß diese Position, abgesehen
von den sehr guten Verdienstmöglichkeiten, auch eine sehr enge persönliche
Beziehung zu dem Sultan impliziert, brauche ich nicht zu betonen. Dieses enge
Verhältnis ist für die nächste armenische Familie gut dokumentiert:
Gemeint ist die armenische Balyan Familie, die über ein Jahrhundert lang
(von 1750 bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts) die Position des Chefar-
chitekten des Sultans inne hatten und mit dem Bau von zahlreichen Moscheen
(z. B. die beiden Moscheen in Dolmabahçe und Ortaköy in Istanbul), Paläste (z.
B. Dolmabahçe, Çıraan, Beylerbeyi und Küçüksu), vieler Kasernen, anderer
öffentlicher Gebäude sowie der Verwaltungs- und Produktionsgebäude der oben
erwähnten, neu errichteten Industriewerke betraut worden waren. Einzelne Mit-
glieder der Familie Balyan hatten zudem sehr enge persönliche Beziehungen zu
den jeweiligen Sultanen.85 Für interessierte ist die Untersuchung von Pars Tu-
lacı (ein türkischer Architekt und Historiker armenischer Abstammung) über die
Familie Balyan zu empfehlen.
Andere Armenier wurden durch Handel sehr vermögend. So Karabet Manu-
kyan (oder: Garabed Manougian), dessen Schiffe in den 80’er und 90’er Jahren
des 18. Jahrhunderts die Schiffahrt zwischen Istanbul und Rußland dominierten
und Hovsep, der in den 50’er Jahren des 18. Jahrhunderts den Import von Uhren

81
Barsoumian, S. 174
82
Barsoumian, S. 174
83
Barsoumian, S. 175
84
Barsoumian, S. 175.
85
Barsoumian, S. , S. 175

37
aus England und deren Vermarktung in dem gesamten osmanischen Reich fast
monopolisierte. 86
Diese Beispiele machen deutlich: die Osmanen armenischer Abstammung ge-
nossen ein hohes Maß an Vertrauen und hatten daher sehr wichtige Positionen
im Staatsapparat inne. Einige der engsten Berater der Sultane waren Armenier.
So war in der Zeit des Sultan Abdülhamit II, dem man besondere Feindschaft
gegen die Armenier vorwirft87, einer seiner wichtigsten persönlichen Berater
Artin Dadyan Pascha88, Staatssekretär im Außenministerium, ein Osmane ar-
menischer Abstammung. Ebenso war der Chef der Zensurbehörde unter Abdül-
hamit II ein Osmane armenischer Abstammung.89 Der selbe Autor erwähnt, daß
der armenisch-stämmige Zensor bis zu seinem Ableben seine Stellung behielt
und nach seinem Tod seine Position von seinem Sohn (ebenfalls Armenier) ü-
bernommen wurde.90

d) Sultane bei armenischen Familien zu Besuch

In jedem Land der Welt wäre das Übernachten eines Staatsoberhaupts in dem
Privathaus eines Bürgers eine außerordentliche Ehre und Auszeichnung. Der
Umstand, daß der osmanische Sultan in seiner Eigenschaft als Oberhaupt aller
Muslime in dem Haus eines Christen übernachtete, machte diese Auszeichnung
nur noch größer. An Hand der westlichen Quellen sollen Besuche zweier Sulta-
ne hintereinander erwähnt werden: Sultan Abdulmecid I besuchte in den Jahren
1842, 1843, 1845 und 1846 die Familie Dadyan in ihrem Anwesen in Yeilköy
und verbrachte dort jeweils bis zu acht Tagen. Zuvor hatte 1832 sein Vater
(Mahmut II) die selbe Familie mit Übernachtungen beehrt. Das silberne Wasch-
geschirr, das der Sultan benutzte, wird laut P. Mansel in der St. Stephen Kirche
in Yeilköy aufbewahrt.91
Um die Bedeutung dieser Besuche einigermaßen würdigen zu können, brau-
chen wir uns nur vorzustellen, was für einen Eindruck es auf die Öffentlichkeit
machen würde, wenn der Bundeskanzler oder der Bundespräsident eine Woche
zu Besuch in dem Haus einer türkischen Familie verweilen würde.
Bei einem Besuch des Sultans in der (staatlichen) Teppichweberei von Here-
ke, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Modernisierungsbemühungen
errichtet worden waren und ebenfalls von der berühmten armenischen Familie
Dadyan (oder Dadian) geleitet wurden, wies ein jüngerer Sohn der Familie den
Sultan, der trotz des Rauchverbots in der Halle rauchte, auf das Verbot hin.

86
Barsoumian, S. 175
87
Die armenischen Nationalisten nennen ihn meistens „den großen Mörder“.
88
Ein weiteres Mitglied der oben erwähnten Familie Dadyan.
89
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 19
90
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 24
91
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire. 1453-1924, London, S. 298

38
Daraufhin sagte der Sultan dem Vater des Jungen: „Dein Sohn hat Recht“ und
drückte seine Zigarette aus.92

D) Terrorismus für ein unabhängiges Armenien:

Als Nachweis soll zunächst ein Dokument angeführt werden, das meines Wis-
sen hier zum ersten Mal in voller Länge publiziert wird. Es handelt sich um ei-
nen Leserbrief von Reverend Cyrus HAMLIN: Der Verfasser ist ein amerikani-
scher Missionar, der im 19. Jahrhundert 39 (neunundreißig) Jahre in der Türkei
gelebt hat und unter anderem die amerikanische Hochschule Robert College in
Istanbul gegründet hat (daraus ist die heutige “Boaziçi Üniversitesi” entstan-
den. An dieser Hochschule studierten damals vorwiegend armenische und grie-
chische Studenten. C. Hamlin gehörte zu den intimsten Kenner der Verhältnisse
in der Türkei im 19. Jahrhundert. Dieses sehr aufschlußreiche Dokument ist
1898 auszugsweise von Barth 93 publiziert worden und taucht danach in der gan-
zen deutsch- und englischsprachigen Literatur über die Armenier überhaupt
nicht auf. Wegen der Bedeutung erlaube ich mir, das Dokument auch in der O-
riginalsprache zu zitieren.
Sehr interessant ist auch Louise NALBANDIAN: diese Dame ist eine Ameri-
kanerin armenischer Abstammung und hat 1963 in den USA ein Buch über die
Geschichte der armenischen Revolutionären Bewegung publiziert. Sie berichtet
ausgiebig über die terroristischen Machenschaften der armenischen Revolutio-
näre. Taner Akçam führt diese Arbeit in seiner Literaturliste, ignoriert aber die
Angaben von Nalbandian zu den terroristischen armenischen Parteien völlig.
William L. LANGER, dessen Arbeit “The Diplomacy of Imperialism” als ei-
nes der wichtigen Werke über die politische Geschichte des späten 19. Jahrhun-
derts gilt. W. Langer teilt mit Hamlin das selbe Schicksal: Er wird von Autoren
wie Taner Akçam und Wolfgang Gust nicht einmal in der Literaturliste erwähnt.
Kapriel Serope PAPAZIAN, ein armenisch stämmiger Autor, der seinen Be-
richt über die terroristischen Aktivitäten der Daschnakisten 1934 in den USA
publizierte. Auch Papazian wird in allen Literaturlisten grundsätzlich ignoriert.
Auch Hovannisian, der eine sehr umfangreiche Bibliographie vorgelegt hat, läßt
Papazian unter den Tisch fallen.94
Verschiedene Berichte britischer Konsulate aus der Türkei.

92
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S 264
93
Barth, Hans, Türke wehre Dich!, Leipzig 1898
94
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967

39
1) Ein Missionar warnt 1893 vor dem geplanten Blutbad:

Es gibt ein Dokument aus dem Jahre 1893, das die Pläne und Methoden der
armenischen Revolutionäre auf den Punkt bringt und 22 Jahre vor 1915 vor dem
Blutbad warnt, in die die armenische Revolutionäre das armenische Volk stür-
zen wollten. Es handelt sich um einen Leserbrief des amerikanischen Missio-
nars Reverend Cyrus Hamlin (er hat 39 Jahre in der Türkei als Missionar gear-
beitet), der am 23.12.1893 in den USA publiziert wurde und den ich ungekürzt
wiedergebe (die Originalversion auf Englisch findet sich im Anhang):

“Eine gefährliche Bewegung unter den Armeniern


Das Missionswerk, wie die ganze christliche Bevölkerung gewisser Teile des
türkischen Reiches leiden zur Zeit schwer unter der Propaganda einer armeni-
schen Revolutionspartei. Es ist dies ein mit raffinierter, echt orientalischer Ge-
riebenheit und Falschheit geleiteter Geheimbund.
Am Ende eines weit verbreiteten Pampleths wird die folgende Ankündigung
gemacht:
Revolutionäre Huntschak-Partei
Dies ist die einzige armenische Partei, die die revolutionäre Bewegung in Ar-
menien anführt. Ihr Zentrum ist in Athen, sie hat ihre Zweige in jedem Dorf und
jeder Stadt in Armenien, auch in den Kolonien. Nishan Garabedian, einer der
Gründer der Partei, ist in Amerika, und diejenigen, die mit ihm in Verbindung
treten wollen, um weitere Informationen einzuholen, können dies tun, indem sie
sich an ihn unter Nishan Garabedian, No. 15, Fountain Street, Worcester, Mass.
oder an das Zentrum, unter M. Bernard, postlagernd, Athen, Griechenland,
wenden.
So wird mir von einem hochintelligenten Armenier, beredtem Verteidiger der
“Revolution”, versichert, dass alle Hoffnung vorhanden sei, Rußland den Weg
nach Kleinasien und die Besitzergreifung des Landes zu ermöglichen. Auf mei-
ne Frage, wie dies möglich, erwiderte er: “Die Huntschak-Banden sind im gan-
zen Reiche organisiert und lauern nur auf die Gelegenheit, eine Anzahl Türken
und Kurden zu töten, ihre Dörfer in Brand zu stecken und sich dann in die Ber-
ge zu flüchten. Voll Ingrimm werden sich darauf die Mohammedaner erheben,
über die armenische Bevölkerung herfallen und sie mit solcher Barbarei nie-
dermetzeln, dass Rußland im Namen der Humanität und der christlichen Zivili-
sation einrücken und das Land okkupieren wird.“ Als ich dieses Projekt als
mehr denn entsetzlich und diabolisch bezeichnete, antwortete er mir ruhig: „Es
mag Ihnen ohne Zweifel so scheinen, aber wir Armenier sind entschlossen, frei
zu werden. Europa hat sich durch die bulgarischen Greuel erweichen lassen und
hat Bulgarien frei gemacht. Es wird auch unseren Schrei hören, den Schrei, der
sich aus dem Blut von Millionen unserer Frauen und Kinder erheben wird.“

40
Vergebens suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass ein solches Projekt den
Namen „Armenier“ vor der ganzen zivilisierten Welt beflecken werde. Er ant-
wortete mir nur: „Wir sind verzweifelt, wir werden es tun.“ Ich: „Aber Ihr Volk
will doch keine fremde Protektion. Es zieht die Türkei mit all ihren Mängeln
vor. Gibt es nicht jenseits der Grenze ungeheure Gebiete, wohin die Armenier in
all den Jahrhunderten der islamischen Herrschaft leicht hätten auswandern kön-
nen? Zöge Ihr Volk die russische Herrschaft vor, es gäbe heute keine einzige
armenische Familie mehr in der Türkei.“ „Ja“, antwortete er, „und weil sie so
töricht waren, sollen sie nun büßen.“
Ich sprach noch mit anderen Armeniern, die ganz dasselbe sagten, aber keiner
von allen gab zu, der Revolutionspartei anzugehören: Eine Heuchelei, die be-
greiflich ist wo, Mord und Brand herrschen. In der Türkei verfolgt die Partei
den Zweck, die Türken gegen die protestantischen Missionäre und die protes-
tantischen Armenier aufzuhetzen. Alle Unruhen von Marsovan 95 sind ihnen zu-
zuschreiben. Sie sind hinterlistig, prinzipienlos, grausam und terrorisieren ihre
eigenen Landsleute, indem sie unter Todesdrohungen Geld von ihnen erpressen.
Drohungen, die nur allzuhäufig ausgeführt werden.
Was ich hier in sehr abgeschwächter Weise veröffentliche, betrifft übrigens
nur einige wenige der Schandtaten, welche Huntschak plant. Sie ist russischen
Ursprungs. Russisches Gold und russische Machenschaften regieren sie. Mögen
darum alle amerikanischen und ausländischen Missionäre, alle protestantischen
Armenier den Huntschak überall rückhaltlos brandmarken! Diese Partei ver-
sucht, in jede Sonntagsschule96 einzudringen und die Unschuldigen und die Ah-
nungslosen durch Täuschung als Unterstützer ihrer Machenschaften zu
mißbrauchen. Als aufrichtige Freunde der Armenier müssen wir vermeiden,
diese abscheuliche Bewegung scheinbar zu billigen. Obschon wahrscheinlich
manche Armenier in diesem Land 97 aus Unkenntnis der wirklichen Ziele und
der grausamen Pläne der Huntschakpartei und aus Patriotismus mit den Revolu-
tionären gemeinsame Sache machen, müssen wir, obschon wir mit den Leiden
der Armenier in der Heimat sympathisieren, dennoch vor jeder Berührung mit
einer Sache warnen, welche die Vernichtung der protestantischen Missionen,
ihrer Kirchen und Schulen herbeiführen muß und alle in einen gemeinsamen
Untergang führen wird, der mit Geschick und Beharrlichkeit herbeigeführt wer-
den soll. Mögen sich darum alle amerikanischen und ausländischen Missionäre
jeder Unterstützung der Huntschakisten oder aller Allianzen mit ihnen, enthal-
ten.
Lexington, Cyrus Hamlin“
Unter dem Brief ist noch folgende Bemerkung abgedruckt:

95
Gemeint ist wohl die Stadt Merzifon. Der Übersetzer.
96
Gemeint sind die kirchlichen Bibelschulen.
97
Gemeint sind offenbar die USA, wo die Warnung publiziert wurde.

41
„Angesichts der revolutionären und aufwieglerischen Pläne der Huntscha-
kistischen revolutionären Partei unter den Armeniern ruft die Massachusetts
Home Missionary Society alle ihre Freunde auf, jene Partei nicht zu unterstüt-
zen oder zu ermuntern.
Charles B. Rice
Vorsitzender des Exekutivkommitees
Joshua Coit, Sekretär”98

Fassen wir die Feststellungen von Reverend Cyrus Hamlin zusammen:


- Die türkischen Armenier ziehen im Jahre 1893 das Leben in der Türkei
dem Leben unter der Herrschaft des russischen Zaren vor (dies wird so-
gar von dem armenischen Revolutionär bestätigt, der seine Landsleute
für diese Haltung büßen lassen will).
- Die geheime Huntschak-Partei, die mit russischem Geld finanziert und
aus Rußland drigiert wird, arbeitet für eine Besetzung der türkischen
Gebiete durch das Zarenreich.
- Zu diesem Zweck sollen Massaker gegen die Armenier in der Türkei
provoziert werden, damit der Zar unter dem Vorwand, die Christen zu
retten, die türkischen Gebiete besetzen kann.
- Um die von der Huntschak-Partei angestrebten Greueltaten gegen die
Armenier anzetteln zu können, wollen bewaffnete Mitglieder dieser
Partei friedliche Moslem Dörfer überfallen, die Einwohner massakrie-
ren, danach in die Berge flüchten. Sie hoffen, daß dann die Moslems
sich an der unbeteiligten armenischen Bevölkerung rächen werden,
womit der Vorwand für den Einmarsch der russischen Truppen geliefert
wäre.
- Die Huntschak-Partei hat sich bereits flächendeckend organisiert und
bewaffnet. Sie sind bereit, den Tod von Millionen unschuldigen Arme-
niern in Kauf zu nehmen, um ihre „revolutionären Ideale“ zu verwirkli-
chen.
- Die Huntschakisten terrorisieren ihre eigenen Landsleute, um sie sich
gefügig zu machen und um Geld zu erpressen.
Lepsius behauptet 1897, die osmanische Regierung hätte einen Vernichtungs-
plan gegen die friedlichen Armenier ausgeheckt und gemäß diesem Plan die
blutigen Ereignisse von 1894 ausgelöst.
Der amerikanische Missionar dagegen berichtet ein Jahr vor den blutigen Un-
ruhen (1893) von einer armenischen Terrororganisation, die blutige Massaker
gegen die Armenier provozieren will, damit die Russen das Land okkupieren
können. Da es im Jahre 1893, als C. Hamlin seine Warnung schrieb, noch kaum

98
Publiziert in Boston, USA, in der christlichen Zeitschrift “The Congregationalist”,
Ausgabe vom 28. Dezember 1893, S. 992

42
größere Vorfälle gegeben hatte, kann man ihm nicht unterstellen, daß er “die
Übergriffe der Türken” beschönigen wollte. Hamlin identifiziert die Organisati-
on (die Huntschak-Partei), deren heimtückische Pläne sowie die eigentlichen
Drahtzieher in St. Petersburg und sagt großes Unheil voraus. Leider sind seine
Voraussagen mit entsetzlicher Treffsicherheit eingetreten.
Im folgendem ein kurzer Überblick über die damaligen Rahmenbedingungen:

2) Die erste große Umsiedlung

1828 hatte das Zarenreich dem osmanischen Reich den Krieg erklärt. Dieser
Krieg dauerte bis 1839, in dessen Verlauf konnten die russischen Armeen bis
nach Erzurum vordringen und die Stadt einnehmen. Nach dem Friedensvertrag
im Jahre 1839 verlor das osmanische Reich alle kaukasischen Gebiete an Ruß-
land. Die russische Armee ihrerseits wurde aus Ostanatolien abgezogen. Wäh-
rend des russischen Vormarsches hatten zahlreiche lokale Armenier die russi-
sche Armee, in der nicht wenige Armenier als Offiziere dienten, unterstüzt. Die
Russen hatten die Armenier auch während der Besatzungszeit dazu animiert,
gemeinsame Sache mit den Besatzern gegen die islamische Mehrheit zu ma-
chen. Dadurch waren Feindschaften zwischen den lokalen Moslems und den
Armeniern entstanden. Nach dem Friedenschluß emigrierten etwa 100.000 Ar-
menier aus Ostanatolien in die von Rußland eroberten kaukasischen Gebiete,
insbesondere Eriwan. Damit wuchs auf dem Gebiet der heutigen armenischen
Republik, in dem bis dahin die Moslems die Mehrheit gebildet hatten, der An-
teil der Armenier. Im Gegenzug wanderten die aus den eroberten kaukasischen
Gebieten durch die Russen vertriebenen Moslems in das osmanische Reich
ein.99

3) Die Kehrtwende des Armenischen Patriarchen

Die verheerende Niederlage der Osmanen im russisch-türkischen Krieg der


Jahre 1877-1878 brachte eine grundlegende Umorientierung in der Haltung
zahlreicher Armenier gegenüber dem osmanischen Reich. Anfangs, als die Sie-
geschancen der türkischen Armeen nicht schlecht aussahen, herrschte die Loya-
lität vor: Noch zu Beginn des russisch-türkischen Krieges im Jahre 1877 hatte
der armenische Patriarch erklärt: „Wenn die Vorsehung die Zerstörung dieses
großen Staates 100 herbeiführen sollte, so sind wir bereit, unter dessen Ruinen
begraben zu werden.“101

99
R. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence, S. 9
100
“großer” bzw. “hoher Staat” (auf Türkisch: Devlet-i Ali” war eine der offiziellen
Bezeichnungen für das osmanische Reich. Anmerkung des Verfassers.
101
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 309

43
a) April 1877: Patriarch bekennt sich zum osmanischen Reich

Diese Haltung des armenischen Patriarchen Nerses (die im übrigen auch von
den Vertretern der anderen christlichen Minderheiten in der Türkei geteilt wur-
de) wird durch die Berichte des britischen Botschafters Sir Austen Henry Lay-
ard aus Istanbul bestätigt. Der Botschafter hatte im April 1877 mit den Ober-
häuptern der meisten religiösen Minderheiten in der Türkei gesprochen, die ihm
einstimmig erklärt hatten, daß sie die türkische Regierung der russischen Regie-
rung vorzogen, da sie in der Türkei ihre Religion frei praktizieren könnten, in
Rußland dagegen nicht.102
Es lohnt sich, dem Bericht des britischen Botschafters bezüglich der Ausfüh-
rungen des Patriarchen Nerses größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen:
Patriarch Nerses, der den Botschafter Layard am 26. April 1877 besuchte,
sagte diesem zur vertraulichen Kenntnisnahme, daß die armenische Nation die
osmanische Herrschaft der Herrschaft der Russen vorzog. Sie hätten in der Tür-
kei das Recht, ihren Glauben frei auszuüben, während in Rußland, wie man be-
weisen könne, sie dazu gezwungen werden würden, ihren uralten Glauben zu
Gunsten der griechischen Kirche aufzugeben. Sie wären entschlossen, dies nie-
mals zu tun. Ihre Interessen wären gleich mit denen der Türken und sie würden
für sich bessere Chancen in Bezug auf Wohlfahrt und Freiheit sehen, wenn sie
als osmanische Untertanen verbleiben würden, wie wenn sie zu russischen Un-
tertanen würden. Sie hätten keinerlei Klagen bezüglich ihrer Behandlung in Is-
tanbul und den umgebenden Provinzen vorzubringen. Sie würden wichtige und
ehrenvolle Positionen einnehmen, hätten einen großen Einfluß auf die Regie-
rung und die Verwaltung des Reiches.
Patriarch Nerses empfahl, daß die türkische Regierung diese Haltung des ar-
menischen Volkes durch jede mögliche Förderung und Protektion ermuntern
sollte. Seine einzige Klage lautete, daß in Van und in Teilen Anatoliens «fanati-
sche Kurden», die durch die Regierung kaum kontrolliert werden konnten, zahl-
reiche Übergriffe gegen die Armenier verüben würden. Die türkische Regierung
hatte versprochen, diese Vorkommnisse untersuchen und die Schuldigen bestra-
fen zu lassen, doch, so behauptete der Patriarch, dieses Versprechen war nicht
eingehalten worden. Diese Situation hätte bei den Armeniern einen schlechten
Eindruck hinterlassen.
Der Patriarch erwähnte auch, daß die russische Regierung absichtlich zahlrei-
che Armenier in verantwortungsvolle Positionen in der russischen Armee, die in
Anatolien einmarschierte, gebracht hatte, um auf diese Weise die Unterstützung
der Armenier in der Türkei zu gewinnen. Er meinte jedoch, daß dieses russische
Ansinnen kein Erfolg haben würde, wenn die türkische Regierung die Armenier

102
AP 44, 1877, XCII, 4033: Layard to Derby, 26.4.1877 und 5.5.1877, zitiert nach
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 44

44
mit Gerechtigkeit behandeln und sie schützen würde. In diesem Fall könnte die
türkische Regierung eine armenische Miliz bilden, die die Moslems bei der Ver-
teidigung des Landes gegen die russischen Invasoren unterstützen würden.103

b) Türkische Regierung ruft die Armenier zu den Waffen

Als der Krieg begann, hatte die osmanische Regierung auch die Nicht-
Moslems zu den Waffen gerufen. Der armenische Patriarch Nerses empfahl
dem armenischen Rat, d. h. der gewählten Vertretung der armenischen Gemein-
de, für die Teilnahme der Armenier an der bewaffneten Verteidigung des Lan-
des zu stimmen. Am 7.12.1877, als die osmanische Verteidigung noch erfolg-
reich zu sein schien, stimmte der armenische Rat einstimmig für die Teilnahme
der Armenier an der Landesverteidigung. Nerses betete für “die Erhaltung des
geliebten Lebens des Sultans und der Minister”. Mehr als 5.000 Armenier jubel-
ten ihrem Gemeinderat zu. 104

c) Pro russische Orientierung nach dem Fall der Festung

Doch als wenige Tage später die Festung Plevne (heute Plevna) an der Donau
nach monatelangem Widerstand von den Russen eingenommen wurde, und die
türkische Niederlage sich abzeichnete, beschloß der armenische Rat am
17.12.1877 mit großer Mehrheit, daß die Armenier doch nicht an der Verteidi-
gung der Heimat teilnehmen sollten.105
Als der Krieg mit einer Katastrophe für die Türken endete und an der West-
front die russische Armeespitze im Februar 1878 bis in die Vororte von stanbul
(damals „Aya Stefanos“, heute „Yeilköy“) vorrückte, wurde der Umschwung
in der Haltung der armenischen Gemeinde noch deutlicher. Die armenisch
stämmige Historikerin Nalbandian stellt fest, daß die Zahl der Turkophilen un-
ter den Armeniern nach dem russischen Sieg stark abnahm.106 Die Bulgaren hat-
ten, mit Hilfe des russischen Zaren eine Autonomie errungen, die zweifellos der
erste Schritt zur völligen Unabhängigkeit war. Angesichts dieser Entwicklung
und der russischen Einwirkungen ließ sich ein großer Teil der armenischen Ge-
meinde von dem Erfolg der Bulgaren blenden und verlangte vergleichbare
Rechte (d. h. Maßnahmen, die auf eine territoriale Autonomie hinaus liefen, ei-

103
FO 424/51-Conf. 3207, No. 588, Layard to Derby, 28.4.1877 und AP 44, 1877,
XCII, 4033, Layard to Derby, 16.4.1877, pp. 163-5, zitiert nach Sonyel, The Ottoman
Armenians, London 1987, S. 44, Fußnoten 101 und 102
104
AP 36, 1878, LXXXI, 4122, FO 424/59/Conf. 3344, No. 16, Layard to Derby,
8.12.1877, p. 561, zitiert nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 45,
Fußnote 107
105
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 309
106
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angel.., 1963, S. 27

45
ne kulturelle Autonomie besaßen die Armenier bereits seit der Errichtung des
osmanischen Reiches) für die Armenier. Dabei ignorierten sie die Tatsache, daß
die Armenier, im Gegensatz zu den Bulgaren, in keinem Provinz des Reiches
die Mehrheit darstellten.
Der selbe armenische Patriarch (Nerses), der noch vor wenigen Monaten seine
Loyalität zum osmanischen Reich erklärt hatte, schickte nun eigene Delegation
zur Berliner Konferenz (1878) und verlangte Autonomie für „Armenien“. Als
der Berliner Kongreß die armenischen Forderungen ignorierte, drohte der Erzbi-
schoff gegenüber den Europäern offen mit bewaffneter Rebellion: „Die armeni-
sche Delegation wird nach Osten zurückkehren und die Lektion mit nehmen,
daß ohne Kampf und Aufstand [wie es die Bulgaren machten] nichts erreicht
werden kann.“107
Nalbandian berichtet detailliert über die Rede des armenischen Erzbischoffs
nach der Friedenskonferenz in Berlin108 (1878) Diese Stelle soll ausführlicher
zitiert werden, weil sie (zusammen mit dem obigen Zitat über die Haltung des
Patriarchen zu Beginn des Krieges) den Sinneswandel an der Spitze der (aposto-
lischen) armenischen Kirche deutlich macht. Der abrupte Gesinnungswandel
war das Ergebnis der katastrophalen Niederlage der türkischen Armeen. Ein be-
achtlicher Teil der armenischen Gemeinde glaubte, daß die russischen Pläne zur
Einverleibung der türkischen Territorien in Kleinasien kurz vor ihrer Verwirkli-
chung standen und wollte in dieser Umbruchsituation auf der Siegerseite stehen.
Der Erzbischoff, der wie oben zitiert, in Berlin gegenüber den Europäern, be-
reits den Griff zu den Waffen angekündigt hatte, rief nun, mitten in der Haupt-
stadt des osmanischen Reiches, seine eigenen Glaubensgenossen kaum verhüllt
zum bewaffneten Aufstand auf:
„Die Armenier lernten bald, daß die Versprechen der Reformen, die auf der
Konferenz von Berlin und in der Zypern-Konvention gemacht worden waren,
nur auf dem Papier existierten. Sie hörten mit Sorge einem ihrer Sprecher in
Berlin, dem Erzbischoff Khirimian 109 zu, der gerade aus Berlin zurückgekehrt
war. Während eines Predigtes an eine große Menge, die sich in der armenischen
Kathedrale in Konstantinopolis versammelt hatte, beschrieb der Erzbischoff mit
einem deutlichen Metapher das bittere Ergebnis seiner Mission. Er war mit ei-
ner Petition für Reformen nach Berlin gefahren, die für sich genommen nur ein
Stückpapier war. Dort, in dem Konferenzraum befanden sich die Diplomaten
der europäischen Mächte, die die wohlschmeckende „Speise der Freiheit“ in ei-
nem Servierteller auf den Tisch gestellt hatten. Einer nach dem anderen betraten
die Bulgaren, die Serben, die Montenegriner den Raum und nahmen für sich mit

107
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 310
108
Die osmanische Delegation auf der Berliner Konferenz wurde von dem griechisch
stämmigen Diplomaten Karateodori Paa (Alexandros Karatheodoris, 1833-1906) gelei-
tet.
109
Auf türkisch: Hrimyan. Der Verfasser.

46
ihren eisernen Löffeln eine Portion dieser wohlschmeckenden Speise. Als die
Reihe an den Armenier kam, war dieser nur mit einem zarten Papierstück be-
waffnet, auf dem die Petition geschrieben stand. Als er es in die Speise auf dem
Tisch dippte, löste sich dieser Löffel aus Papier auf und beraubte ihn vom jegli-
chen Anteil an dieser wohlschmeckenden Speise.
Dieser historische Predigt des Erzbischoffs Khirimian war ein indirekter Auf-
ruf, Waffen einzusetzen - «eiserne Löffel», die Mittel, die von den Revolutionä-
ren auf dem Balkan mit erfolg benutzt worden waren.“110

d) “Koexistenz der Armenier und der Moslems unmöglich”

Der armenische Patriarch Nerses schickte am 13.4.1878, knapp ein Jahr nach
seiner Loyalitätserklärung gegenüber dem osmanischen Reich, einen Brief an
den britischen Secretary of State for Foreign affairs, Marquis of Salisbury, in
dem er erklärte, daß „eine Koexistenz der Armenier und der Moslems in der
Türkei unmöglich sei“ und verlangte die Schaffung einer autonomen christli-
chen Organisation wie in Lebanon.111
Als Ergebnis kann festgehalten werden:
• Am Anfang des Krieges gibt der armenische Patriarch gegenüber dem briti-
schen Botschafter in stanbul, in einem Gespräch unter vier Augen eine un-
eingeschränkte Loyalitätserklärung zum osmanischen Reich ab. Nicht die
leiseste Andeutung von irgendwelchen Mißständen.
• Der armenische Rat, die höchste gewählte Vertretung der Armenier im os-
manischen Reich, folgt dem Vorschlag des Patriarchen und ruft die Arme-
nier zur Verteidigung des osmanischen Reiches auf (7.12.1877).
• Wenige Monate später nach der Niederlage der Türken, ruft ein Erzbischoff
der selben armenischen Kirche in einem Predigt in der türkischen Haupt-
stadt zum bewaffneten Aufstand gegen den „großen Staat“ auf, für den der
Patriarch und seine Gemeinde noch vor wenigen Monaten angeblich zu
sterben bereit waren.
Mit diesem Sinneswandel der armenischen Kirchenführung erhielten die ar-
menischen Revolutionäre, die bis dahin trotz der Unterstützung durch die Rus-
sen keinen größeren Einfluß unter den türkischen Armeniern hatten gewinnen
können, günstigere Bedingungen für ihr unheilvolles Wirken. Es darf nicht ver-
gessen werden, daß die Armenier alle ihre Schulen, Einrichtungen und Kirchen
völlig autonom verwalten durften. Die Revolutionäre konnten nunmehr dieses
Netzwerk mehr oder weniger unbeschränkt nutzen. Sie konnten, mit dem Hin-

110
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angel.., 1963, S. 28-
29
111
FO 424/70/No. 134/1, zitiert nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S.
51, Fußnote 128

47
weis auf den Erfolg der Bulgaren und die Wirksamkeit der russischen Unter-
stützung, eine Reihe von Armeniern für ihre Pläne gewinnen. In den folgenden
Abschnitten soll ein zusammenfassender Überblick über die Ziele und die Akti-
vitäten dieser Revolutionäre gegeben werden, die ab 1878 ihre unheilvolle Rolle
spielen konnten.

4) Nalbandian: Terrorismus für Unabhängigkeit:

Nach Angaben von Nalbandian, die auch durch andere Quellen gestützt wer-
den, begann der bewaffnete Kampf für ein unabhängiges Armenien schon
1862112 in Zeitun. Sowohl Lepsius, wie auch Tessa Hoffmann und T. Akçam
verschweigen bzw. leugnen diese Tatsache und versuchen, den bewaffneten
Kampf der armenischen Revolutionäre als eine Bemühung darzustellen, sich
gegen die Übergriffe der Türken zu schützen.
Nalbandian hingegen weist ausdrücklich daraufhin, daß bereits vor 1860 Ver-
bindungen zwischen Rußland und Zeitun (eine von Armeniern bewohnte, klei-
ne, wegen seiner Lage sehr unzugängliche Ortschaft in den Bergen von Südost-
anatolien) bestanden. Ein gewisser Levon besuchte 1861 das Gebiet um Zeitun
und fuhr anschließend nach Frankreich, wo er persönlich Napoleon III einen
Plan mit fantastischen Angaben über die armenische Bevölkerung in Zeitun un-
terbreitete. Dieser Plan sah vor, daß Frankreich das osmanische Reich dazu
zwingen sollte, der Gründung eines unabhängigen Armeniens in den Gebieten
um Zeitun zuzustimmen. Dabei sollte ein Gebiet, in dem die Armenier eine
winzige Minderheit darstellten, mit Hilfe Frankreichs zu einem unabhängigen
Armenien gemacht werden.113 Verhandlungen zwischen armenischen Unter-
händlern und der französischen Regierung wurden fortgesetzt, doch da die
Franzosen als Bedingung für eine Unterstützung ihrerseits die Anerkennung der
Autorität des Papstes durch die Armenier verlangten (dies wäre die Aufgabe der
Eigenart der armenischen Kirche gewesen) und die Armenier dies nicht akzep-
tierten, konnte man zu keinem Ergebnis gelangen.114
L. Nalbandian zeigt, wie die revolutionären Ideen durch Armenier aus Ruß-
land in der Türkei propagiert wurden. Eine der bekannten Gestalten in diesem
Zusammenhang ist der in Rußland geborene Mikael Nalbandian115 (1829-1866).
Er war ein „Freund und Genosse“ von solchen russischen Revolutionären wie
Herzen, Ogariev und Bakunin116 und besuchte zweimal die große armenische

112
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angel. 1963, S. 71-78
113
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 74
114
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 74
115
L. Nalbandian macht zwar keine Angaben zu dieser Frage, es ist aber davon auszu-
gehen, daß Mikael Nalbandian einer ihrer Vorfahren ist. Der Verfasser.
116
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 58

48
Gemeinde in Istanbul (1860 und 1861) wo seine revolutionären Ideen von der
jungen Generation wohlwollend betrachtet, von den älteren jedoch abgelehnt
wurden.117 M. Nalbandian vertrat den folgenden Standpunkt: „Damit die Arme-
nier ihre politische Unabhängigkeit erhalten, sollten sie sich nicht auf friedliche
und gewaltfreie Mittel verlassen, sondern zu den Waffen greifen.“118 Mikail
Nalbandian soll in Istanbul eine bestimmte Unruhe geschürt haben, die sich spä-
ter zu der Rebellion in Zeitun entwickelt habe.119

a) Russischer Konsul als Ausbilder im Gebrauch von Waffen:

Das direkte Eingreifen russischer Vertreter in die Vorbereitungen für den be-
waffneten Aufstand der armenischen Revolutionäre wird, nicht nur von Hamlin,
sondern auch von Nalbandian bestätigt: So heißt es bei Nalbandian, daß um
1885 (also zehn Jahre vor dem Ausbruch der Unruhen, über die Lepsius
schreibt) der russische Vize-Konsul in Van, Major Kamsaragan, der selber ar-
menischer Abstammung war, in der armenischen Schule von Van Vorträge über
militärische Strategie und Einsatz von Waffen hielt. 120

b) Terrorismus als Programm

Terrorismus war in den Programmen der armenischen Revolutionäre aus-


drücklich vorgesehen. Wir zitieren aus den Programmen verschiedener armeni-
scher Parteien:
Die Armenakan Partei, die 1885 gegründet wurde, sah in ihrem Programm die
„Organisierung von Guerilla“, das Besorgen von Waffen und die Ausbildung in
Gebrauch von Waffen vor. 121 Es blieb nicht bei programmatischen Äußerun-
gen: Louise Nalbandian schreibt, daß diese Geheimbünde Terrorakte verübten,
um Unruhen zu provozieren: “Gewisse Episoden deuten daraufhin, daß die Ar-
menakans sich nicht mit defensiven Aktionen begnügten, sondern Unruhen pro-
vozierten und terroristische Akte verübten”.122
Die Biographie des Gründers der Armenakan-Partei, Mıgırdıç Portukalyan
(1848-1921)123 verdient besondere Beachtung. Er ist einer der Vorkämpfer der

117
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 59
118
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 61
119
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 59
120
Nalbandian, Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles 1963, p. 99
121
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 97
122
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 101
Orginaltext: “Certain episodes indicate, that the Armenakans did not stop at mere defen-
sive action, but also incited trouble and committed terroristic acts.”
123
Nalbandian schreibt seinen Namen als “Mekertitch Portugalian”, siehe: L. Nal-
bandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 90

49
armenischen revolutionären Bewegung in der Türkei und obschon von Beruf
Lehrer, ein Befürworter von gewaltsamen Methoden, des Guerilla-Kriegs und
des Terrorismus. Dabei war Mıgırdıç Portukalyan124 der Sohn von Mikael Por-
tukal Pascha, einem osmanischen Pascha armenischer Abstammung, der im os-
manischen Reich herausragende Ämter bekleidete. Portukal Pascha hat unter
anderem folgende Funktionen ausgeübt: Berater im Finanzministerium (1886),
erster Generaldirektor der Agrarbank (Ziraat Bankası) und Tresorminister
(1891), d. h. Verwalter der privaten Finanzen des Sultans (Abdülhamid) (Hazi-
ne-i Hassa Nazırı). Die Agrarbank war die erste türkische Bank überhaupt und
wurde im Rahmen der Reformmaßnahmen von Midhat Pascha gegründet. Die
Position als Tresorminister bedeutete, daß Portukal Pascha einen ständigen und
unmittelbaren Zugang zum Sultan hatte. Zeitgleich hatte sein Sohn bereits seine
revolutionäre Tätigkeit entfaltet, war deswegen von verschiedenen armenischen
Gemeinden (z. B. in Tokat, in Istanbul und in Van), die diese Wühltätigkeit
nicht dulden wollten, angezeigt worden 125 und hatte nach einer Verhaftung 1885
die Türkei endgültig verlassen. Wir haben also einen Menschen vor uns, dessen
Vater die höchsten Positionen im Reich inne hatte, der eine gute Ausbildung
genossen hatte und sich trotzdem der Sache der gewaltsamen Revolution ver-
schrieb, obwohl armenische Gemeinden in verschiedenen Ortschaften sich die-
sem Ansinnen wiedersetzten und ihn sogar verhaften ließen. Dabei setzte Portu-
kalyan auf das zaristische Rußland, auf das Land also, das bereits seit über ei-
nem Jahrhundert die Vernichtung der Türkei zum Staatsziel erhoben hatte. Es
war in der von ihm gegründeten Schule in Van (die „Varzhapetanots“, was laut
Nalbandian soviel wie „normale Schule“ bedeuten soll), wo der russische arme-
nisch-stämmige Major Kamsaragan (zugleich russischer Vizekonsul in Van)
Unterricht in Waffengebrauch und militärische Taktik erteilte.126 Es ist interes-
sant, daß die türkischen Verantwortlichen Portukal Pascha weiterhin vertrauten,
als sein Sohn bereits als Revolutionär ins Exil gegangen war.
Für die Partei der Huntschakisten, die im August 1887 in Genf von sieben ar-
menischen Studenten aus Rußland gegründet wurde127, spielte der Terror eine
zentrale Rolle. Bezeichnenderweise hatte keiner der sieben Gründungsmitglie-
der dieser Partei je unter der türkischen Fahne gelebt. Obwohl sie die Verhält-
nisse in der Türkei nicht aus eigener Anschauung kannten, waren alle ihre Be-
mühungen darauf gerichtet, die Armenier in der Türkei und nicht etwa in Ruß-
land zu “befreien”. „Die Huntschakisten sagten, daß die bestehende soziale Or-
ganisation in Türkisch-Armenien und durch Gewalt gegen die türkische Regie-
rung verändert werden könnte und beschrieben folgende Methoden: Propagan-
da, Agitation, Terror, Organisierung und Bauern-Arbeiter Aktivitäten....”

124
“Portukalyan” bedeutet “Sohn von Portukal”. A. S.
125
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Ang., 1963, S. 91, 93
126
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, 1963, S. 99
127
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 104

50
... Agitation und Terror waren erforderlich, um «den Geist des Volkes zu er-
heben»... Das Volk sollte gegen seine Feinde gehetzt werden und sollte von den
Repressionsmaßnahmen der selben Feinde «profitieren».128
Terror sollte als eine Methode benutzt werden, die Menschen zu schützen und
ihr Vertrauen für das Huntschak-Programm zu gewinnen. Die Partei zielte dar-
auf ab, die osmanische Regierung zu terrorisieren, auf diese Weise dem Anse-
hen des Regimes zu schaden und auf dessen vollständige Auflösung hinzuarbei-
ten. Die Regierung sollte nicht die einzige Zielscheibe der terroristischen Tak-
tik sein. Die Huntschakisten wollten die gefährlichsten der armenischen und
türkischen Individuen vernichten, die für die Regierung arbeiteten und auch alle
Spione und Informanten auslöschen. Um bei der Ausführung dieser terroristi-
schen Akte der Partei zu helfen, sollte eine exklusive Nebenorganisation ge-
gründet werden, die sich auf Terrorakte spezialisieren sollte.”129 ...
“Die günstigste Zeit um einen allgemeinen Aufstand zu beginnen, um das
unmittelbare Ziel zu erreichen, sollte sein, wenn die Türkei sich in einem Krieg
befand“.130
Auch Hovannisian gibt zu, daß die Daschnak–Partei zu Terror griff: Er be-
zieht sich auf das Parteiprogramm vom 1892, in dem die Daschnakisten “Admi-
nistrative und wirtschaftliche Freiheit für Türkisch–Armenien” fordern, wohl-
gemerkt, für ein Gebiet, in dem die Armenier nur eine Minderheit bilden.“Um

128
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 110
Original: „The Hunchaks said that the existing social organization in Turkish Armenia
could be changed by violence against the Turkish government and described the
following methods: Propaganda, Agitation, Terror, Organization and Peasant and
Worker Activities. ...
...Agitation and Terror were needed to «elevate the spirit of the people» ... The people
were also to be incited against their enemies and were to «profit» from the retaliatory
actions of these same enemies.Dieses “Profitieren von den Reaktionen der provozierten
Feinde“ bestätigt den oben zitierten Bericht des amerikanischen Missionars C. Hamlin,
Massaker zu organiseren, um eine Intervention herbeizuführen.
129
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 110
Der gleiche Zitat in der original Sprache: “Terror was to be used as a method of
protecting the people and winning their confidence in the Hunchak program. The party
aimed at terrorizing the Ottoman government, thus contributing toward lowering the
prestige of that regime and working toward its complete disintegration. The government
intself was not to be the only focus of terroristics tactics. The Hunchaks wanted to anni-
hilate the most dangerous of the Armenian and Turkish individuals who were then
working for the government, as well as to destroy all spies and informers. To assist
them in carrying out all of these terroristic acts, the party was to organize an exclusive
branch, specifically devoted to performing acts of terrorism.”
130
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 111.
Der gleiche Zitat in der Originalsprache: „The most opportune time to institute the gen-
eral rebellion for carrying out the immediate objective was when Turkey was engaged
in a war.”

51
diese Ziele zu bewirken, um die friedliche Bevölkerung zu schützen, würden die
Daschnakisten, falls erforderlich Kampfeinheiten bilden, die Bevölkerung be-
waffnen, eine Spionageorganisation betreiben, Propaganda betreiben, um den
revolutionären Geist der armenischen Bevölkerung zu heben, korrupte Beamte,
Verräter und Ausbeuter terrorisieren”131

c) Die Daschnak-Partei rühmt sich ihrer Mordtaten

Die Daschnak-Partei rühmt sich heute noch ihrer Mordtaten und distanziert
sich mit keinem Wort von Terrorismus. So werden auf der Webseite der Ju-
gendorganisation der Daschnak-Partei in Libanon die Namen der getöteten
Menschen freimütig aufgezählt:
Demnach ermordeten die Daschnakisten in den Jahren 1894-1896 „Armenier,
die dem Sultan und der türkischen Regierung dienten. Unter anderem Maksoud
Simon Bey, der Spion Ardashes, der Polizeichef Haji Dikran, der Priester
Mampre Benlian, der Chirurg M. Tutunjiev und andere.“132
Darüber hinaus werden auf der selben Webseite die Namen reicher Armenier
in Rußland genannt, die nach 1903 von den Daschnakisten ermordet wurden,
weil sie sich weigerten, die Daschnak-Partei mit Geld zu unterstützen: Isahag
Zhamharian, Janpoladian, Atamian. Die gleiche Quelle berichtet von weiteren
„dramatischen Attentaten“ in zmir ohne konkrete Namen zu nennen.133 Sinni-
gerweise schmückt auch heute noch ein Dolch die Fahne der Daschnakpartei.

d) Provozierung von Massakern

Auch der armenisch stämmige K. S. Papazian bestätigt, daß die Doktrin der
Geheimorganisation der Daschnaken darin bestand, Massaker zu provozieren,
um eine Intervention der europäischer Mächte herbeizuführen:
“Die Daschnakisten wollten aus der Erfahrung von anderen nichts lernen. Ihre
Doktrin war: Freiheit wird nur durch Blutvergießen errungen, und je mehr der
Sultan zum Massakrieren des armenischen Volkes gedrängt wird, desto stärker
werden unsere Forderungen nach Autonomie sein und desto größer die Hoff-
nung für die Intervention Europas.”134

131
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 17
132
http://www.lemagan.com/ayf/history/ayf-history3.htm
133
http://www.lemagan.com/ayf/history/ayf-history4.htm
134
K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934, S. 24. Ich zitiere diese Stelle auch in der Originalsprache: „The
Dashagtzoutune would not learn any lessons from the experience of others. Its doctrine
was, that liberty is won by bloodshed only, and the more the Sultan is goaded into mas-

52
Auch in der offiziellen Parteigeschichte der Dashnak-Partei (Armenische Re-
volutionäre Föderation) kann man nachlesen, daß die Partei seit ihrer Gründung
im Herbst 1892 in Tiflis das Ziel verfolgte „in Armenien politische und wirt-
schaftliche Freiheit“ zu erreichen. Dieses Ziel sollte durch „einen bewaffneten
Aufstand“ erreicht werden.135
Diese Tatsachen halten W. Gust nicht davon ab, zu behaupten, die Daschnak-
Partei hätte ab 1892 über drei Jahrzehnte lediglich „umfangreiche Reformen“
und „Selbstregierung“ (was immer das sein soll, in einem Gebiet, in dem die
Armenier nicht einmal 25 % der Bevölkerung ausmachten) verlangt.136

5) Systematische Provokationen

Auch der britische Hauptmann Sir Mark Sykes bestätigt, daß die armenischen
Revolutionäre bewußt Massaker gegen ihre eigenen Glaubensbrüder provozier-
ten: „... die armenischen Revolutionäre ziehen es vor, ihre eigenen Glaubensge-
nossen zu plündern, anstatt gegen ihre Feinde zu kämpfen, die Anarchisten von
Constantinople warfen Bomben, um einen Massaker gegen ihre eigenen Lands-
leute zu provozieren.“137
Sykes schreibt in einem Reisebericht aus dem Jahr 1904 über die Massaker in
Malatya: “Wenn man die Geschichte der Massaker in Malatya zuerst hört, sagt
man, nun gibt es wirklich keine Entschuldigung für die Türken, das war brutal,
ein organisierter Versuch, eine harmlose Bevölkerung zu vernichten. Doch
wenn man sich nach den näheren Umständen erkundigt, kommt die gleiche
dumme und hoffnungslose Geschichte zum Vorschein. Die gewöhnlichen ange-
berischen armenischen Drohungen, das unvermeidliche geräuschvolle Gerede
über Freiheit und Befreiung, der Schrei, daß die Türken vor dem Zusammen-
bruch stehen würden! Das Horten von Waffen! Die gewöhnlichen sinnlosen In-
trigen und die unvermeidlichen Verrätereien gegeneinander, die letzte Provoka-
tion wird geliefert und der natürliche Ausbruch der Moslems, der in einem Mas-
saker endet. Die Armenier hatten kämpfen wollen, hatten sich auf eine Revolu-
tion vorbereitet, hatten von überall Waffen beschaffen, doch wie immer waren
sie schon beim ersten Angriff hoffnungslos und von Panik ergriffen. Was sie als
eine Schlacht vorbereitet hatten, endete in einer bedauerlichen Schlächterei.

sacring the Armenian people, the stronger will become our claims for autonomy, and
the greater will become the hope for European intervention.”
135
Die Parteioffiziellen Angaben zur Geschichte der Daschnak-Partei sind auch über
Internet erreichbar. Siehe z. B. http://www.lemagan.com/ayf/history/ayf-history1.htm
136
W. Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 99
137
M. Sykes, The Caliphs last heritage, London 1915, S. 417 “.. the Armenian
revolutionaries prefer to plunder their co-religionists to giving battle to their enemies;
the anarchists of Constantinople threw bombs with the intention of provoking a
massacre of their fellow-countrymen.”

53
Die Einzigen, die irgend etwas wie eine feste Front halten konnten, waren die-
jenigen, die die armenische Kirche besetzten und sie gegen den Mob hielten.
Doch meine Bewunderung für sie erlosch, als ich erfuhr, daß diese elenden
Hunde aus einer Entfernung von hundert yards auf einen Franziskaner Mönch
schossen, der aus seinem Konvent floh, in der Hoffnung, einen Europäer zu tö-
ten und auf diese Weise die europäischen Mächte zum Eingreifen zu zwin-
gen.“138

a) Ein amerikanischer Historiker über Terrorismus

Nun zwei Zitate aus einem Standardwerk zur europäischen Geschichte der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.139 Auch Langer bestätigt die Tatsache, daß
es die armenischen Revolutionäre waren, die bewußt Massaker planten, um eine
Intervention der Großmächte herbeizuführen:
“Das Reformprogramm, das von den Mächten vorgelegt wurde, hatte die
Huntschakisten, die darauf aus waren, durch Massaker der Armenier im großen
Maßstab die Aufmerksamkeit Europas auf sich zu ziehen, nie befriedigt.”140
Leider gelang es den Terroristen durch entsprechende Brutalität gegen ihre ei-
genen Leute, die Unterstützung eines großen Teils der armenischen Bevölke-
rung zu erzwingen. Der britische Lord Warkworth schreibt: „Diejenigen in Eng-
land, die ihre Sympathien für die Ziele eines Volk das »berechtigter Weise um
seine Freiheit kämpft« am lautesten zum Ausdruck bringen, können sich die ab-
stoßenden Methoden des Terrorismus und der Nötigung („blackmail“), mit de-
nen eine Handvoll von Desperados, die sich um ihre eigene Sicherheit sehr
kümmern, dafür aber skrupellos mit dem Leben anderer umgehen, ihre unwilli-
gen Landsleute erfolgreich in eine Kumpanei für ihre völlig hoffnungslose Kon-
spiration gezwungen haben.“ 141

138
Mark Mark Sykes, Dar-ul-Islam. A record of a journey through ten of the asiatic
provinces of Turkey, 1904, Neuauflage 1988, Exeter, Devon (Great Britain), S. 115 -
116
139
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968
140
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 321.
Original: „The reform program put forward by the powers had never satisfied the revo-
lutionary Hentchak, which had set out to attract the attention of Europe through the
wholesale massacre of the Armenians.”
141
Lord Warkworth, Notes from a Diary in Asiatic Turkey (London 1898) S. 122 ff,
nach Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 322. Ich
zitiere diese Stelle auch in der Originalsprache: “Those who in England are loudest in
their sympathy with the aspirations of a people «rightly struggling to be free» can hardly
realised the atrocious methods of terrorism and blackmail by which a handful of des-
peradoes, as careful of their own safety as they are reckless of the lives of others, have
too successfully coerced their unwilling compatriots into complicity with an utterly
hopeless conspiracy.”

54
b) Bestialische Verbrechen

Wenn wir hier vom Terror der armenischen Geheimbünde sprechen, so mag
es sein, daß die Leser an Attentate vergleichbar zu den Anschlägen von Baader-
Meinhof und Co. denken. Doch weit gefehlt. Wie wir oben gesehen haben,
wollten die Huntschakisten und die Daschnakisten die Moslems, die seit 800
Jahren friedlich mit den Armenier zusammengelebt hatten, gegen ihre Nachbarn
aufhetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, ließen sie sich von den Methoden inspi-
rieren, die zuvor bereits auf dem Balkan 142 erfolgreich gegen die Türken ange-
wandt worden waren. Verbrennen beim lebendigen Leibe, Ausstechen der Au-
gen, Abschneiden der Brüste der Frauen waren ein fester Bestandteil des Terror-
Reportoirs dieser „Freiheitskämpfer”. Ich zitiere aus einem Buch, das 1898 in
Leipzig erschienen ist:
„Über die Taktik des Huntschak gegen die Türken – die es um jeden Preis
aufzustacheln, zu provozieren galt- ist schon früher berichtet worden. Hier ge-
denken wir nur noch kurz der Triumphe von Marasch und Zeitun. Erstere Stadt
wurde im November gleichzeitig an drei Stellen angezündet, so daß 700 Häuser
niederbrannten, und zahlreiche Muselmanen in den Flammen umkamen.
Ebenfalls im November begann die glorreiche Iliade der Helden von Zeitun,
die zunächst eine Reihe von Dörfern der Umgegend (Beschan, Kurtel, Kurtler u.
a.) anzündeten, die Männer ins Feuer warfen, den Weibern die Brüste abschnit-
ten u. dgl. Am 21. November Niederbrennung von Mehle-Islam und Ermordung
der ganzen Einwohnerschaft, selbst der Kinder. Am 24. November Brandlegung
von Denir und Sari mit zusammen 500 Häusern und 266 Toten (darunter 16
Frauen). Greuel wie oben. Der den Scheusalen in die Hände gefallene Lieute-
nant Hassan Aga muß zuerst der langsamen Ermordung seiner drei Kinder, der
Vergewaltigung und Abschlachtung seiner Frau beiwohnen, dann sprengt man
ihm die Augen mittelst Pulver aus dem Kopf und zerstückelt ihn piano piano.
Im Dezember Massacre der gesamten bereits früher gefangen gesetzten mosle-
mischen Bevölkerung von Zeitun, wie der Garnison. 150 aus der Umgegend
eingebrachte türkische Frauen und Mädchen werden geschändet, dann gefoltert,
ermordet und ihre Leichen, an die der Soldaten gebunden, ins Wasser gewor-
fen....“143
Die Anschuldigungen, die von Dr. Hans Barth erhoben wurden, sind so
schwerwiegend, daß wir sie an Hand weiterer, unabhängiger Berichte bestätigen
wollen. Zunächst ein Bericht britischer Konsularvertreter:
Im Sommer des Jahres 1897 versuchten die armenischen Geheimbünde noch
einmal, eine russische Invasion im Ostanatolien zu provozieren. „Sie versam-

142
Die gleichen Methoden wurden, das darf nicht vergessen werden, während des Bos-
nien-Krieges (1991-1993) von den serbischen und kroatischen Nationalisten gegen die
Moslems angewandt.
143
Dr. Hans Barth, „Türke wehre Dich!“, Leipzig 1898, S. 46

55
melten sich in großer Zahl in Persien, gleich neben der türkischen Grenze und
versuchten, von dort aus eine allgemeine Revolte zu organisieren, möglichst im
Gleichklang mit den Griechen, Mazedoniern und anderen christlichen Gruppen,
auf diese Weise frisches Blut fließen zu lassen und die Mächte zu einer weiteren
Intervention zu zwingen. Mr. Elliot, ein britischen Konsul, der das Lager in Per-
sien im May 1987 besuchte, fand dort etwa 1.500 Armenier, die auf Kosten der
Dorfbewohner lebten. Er berichtete: «Es ist klar, daß die Anführer dieser Män-
ner auf jeden Fall keine Patrioten, sondern rücksichtslose Gewalttäter sind». Im
August überquerten zwei große Gruppen die türkische Grenze, überfielen das
Lager eines kurdischen Stammes und töteten und verstümmelten auf barbari-
sche Weise Männer, Frauen und Kinder. Gleichzeitig gab es neue Bombenatten-
täte in Istanbul und die Botschafter erhielten die Warnung, daß falls die Mächte
sich weigerten, einzugreifen, die Revolutionäre einen Projekt ausführen würden,
«der weit entsetzlicher ist, als der des ‚großen Mörders’144, ein Projekt, dessen
Vorstellung sogar uns mit Terror erfüllt.»“ 145
Wir verfügen über weitere Einzelheiten des „barbarischen Überfalls“ im Au-
gust 1987, der von Langer erwähnt wird. Sie werfen ein bezeichnendes Licht
auf die Methoden der „armenischen Freiheitskämpfer“ und bestätigen den Be-
richt von Dr. Hans Barth, den wir oben zitierten.
Nach einem Bericht offizieller türkischer Stellen gingen am 5. oder 6. August
1897 tausende armenischer Aufständischer aus Persien kommend die türkische
Grenze und griffen den Stamm der Mezriki an, wobei sie 200 Menschen töteten,
darunter Frauen und Kinder. Sie töteten auch, auf die grausamste Art und Wei-
se, die Frau des Stammeshäuptlings. Sie verübten entsetzliche Verbrechen, in-
dem sie die Augen der Männer ausstochen und die Ohren, Nasen und Brüste der
Frauen abschnitten. Unter den Opfern befanden sich 116 getötete sowie 47 ver-
wundete Frauen und Kinder.
Dieser Vorfall wurde vom Hauptmann Elliot, dem britischen Vizekonsul in
Van, sowie von Cecil. G. Wood, dem britischen Generalkonsul in Tebriz bestä-
tigt. Nach deren Berichten versammelten sich 300 armenische Revolutionäre in
dem armenischen Grenzdorf Heftevan, beschafften sich Proviant und Pferde
und marschierten am 4. August unter der Führung von Dr. Ohanyan (oder: Oha-
nian) und begleitet von einem Priester über die türkische Grenze zu dem Lager-
platz von erif Aa. erif Aa war ein Stammesführer, der 1896 eine Bande
von 100 Armeniern verfolgt und getötet hatte. Sie umzingelten die Zelte der
Moslems (diese waren entsprechend der Jahreszeit an den Seiten offen) und
machten beim Tagesanbruch einen Überraschungsangriff. Man feuerte zuerst in
die Zelte und warf sich danach mit Schwertern auf die hilfslosen Menschen. Es
wurden alle getötet, wobei alle (Männer, Frauen und Kinder), die nicht fliehen

144
Damit meinten die Revolutionäre den Sultan Abdulhamid II.
145
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 349 -
350

56
konnten, „barbarisch verstümmelt“ wurden. Unter den Opfern befanden sich
auch der Scheich und seine Frau, die von Dr. Ohanyan persönlich umgebracht
wurden. Vor dem Vorfall hatten die deutschen Missionare in Urmia die armeni-
schen Revolutionäre vergeblich gebeten, die Frauen und die Kinder zu schonen,
doch nach Aussage von Cecil G. Wood, dem britischen Generalkonsul in
Tebriz, „hatten sie in ihrem Verlangen nach Rache die Gebote der Menschlich-
keit vergessen“.
Man schätzte, daß bei diesem Überraschungsangriff mindestens 400 moslemi-
sche Stammesangehörige beider Geschlechter getötet worden waren. Elliot gab
an, daß 47 Männer, 68 Frauen und 48 Kinder, d. h. insgesamt 163 getötet wor-
den waren. Die türkische Botschaft in Gülhek (Persien) gab die Zahl der Opfer
mit 200 an, unter ihnen 68 Frauen und 48 Kinder.146
Offenbar hatten die armenischen Revolutionäre vor ihrem Angriff auf das La-
ger von erif Aga andere kleinere Angriffe unternommen, bei denen sie eben-
falls sehr barbarisch vorgegangen waren. Wood erhielt aus zuverlässigen Quel-
len die Information, daß sie eine ganze Weile brauchten, um ihre Beute, sowie
gefangene Frauen, Säcke voller abgeschnittener Frauenbrüste und Nasen oder
Ohren von Männern über die Grenze nach Persien zu bringen.147
Für den Nachweis der bei den armenischen Revolutionären besonders belieb-
ten Methode, Menschen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, können wir sogar
eine original armenische Quelle zitieren. Es handelt sich um den Erfahrungsbe-
richt des „Freiheitskämpfers“ Aghassi über die Rebellion von Zeitun. Der Autor
erzählt freimütig, wie zwei türkische Gendarmen, die im offiziellen Auftrag in
ein armenisches Dorf in der Nähe von Zeitun geschickt worden waren, von den
Dorfbewohnern gefangengenommen, an Bäume gebunden und verbrannt wur-
den.148
Diese Verbrechen waren ein wichtiger Bestandteil der revolutionären Pläne
(siehe den eingangs zitierten Bericht von Cyrus Hamlin): Die Mordtaten sollten
zur Provozierung von Übergriffen der Moslems auf die Armenier in der Umge-
bung dienen. Die Revolutionäre selbst zogen ab, schrieben in Paris und anders-
wo ihre Memoiren, ließen sich als Freiheitshelden feiern und überließen die von
ihnen mit Lügen vor dem bevorstehenden Einmarsch europäischer Truppen ge-
täuschten armenischen Dorbewohner schutzlos den Racheangriffen der Mos-

146
Turkey No. 1 (1898), Nos 301, 321, and 336: Currie to Salisbury, 10 and 16.8.1897;
enclosing copy of a communication from the Sublime Porte, dated 8.8.1997; Wood to
Salisbury, 15.8.1997, enclosing copy of desp. he sent to British Chargé d’Affaires C.
Hardinge at Gulhek, dated 15.8.1897, pp 271-3 (Zitiert nach Sonyel, The Ottoman Ar-
menians, London 1987, S. 354-355, footnote 119 & 120)
147
Turkey No. 1 (1898), No. 358: Wood to Salisbury, 26.8.1897, enclosing copy of his
desp. to Hardinge, dated 26.8.1897, p. 286
148
Aghassi. Zeïtoun, depuis les origines jusqu'à l'insurrection de 1895... Traduction
d'Archag Tchobanian. Préface par Victor Bérard, Paris, 1897, S. 192-193

57
lems. Die so entfachten Massaker sollten dann als Begründung für eine russi-
sche Invasion dienen. Das Mitnehmen von abgeschnittenen Körperteilen diente
als Nachweis, daß der Auftrag tatsächlich erfüllt wurde.
Der Umstand, daß Aghassi in seinem Buch die eigenen Greueltaten so unver-
blümt schildert, erlaubt auch Rückschlüsse in Bezug auf die Haltung der Öffent-
lichkeit in Europa. Der Autor mußte nicht befürchten, mit Vorwürfen konfron-
tiert zu werden. Er war sich sicher, wenn es die Türken betraf, war alles erlaubt.
Rückblickend müssen wir sagen, daß seine Einschätzung in dieser Hinsicht zu-
treffend war. Die zahlreichen Berichte über die Greueltaten der armenischen
Revolutionäre spielen in der öffentlichen Diskussion auch heute so gut wie gar
keine Rolle. Es ist bezeichnend, daß man in den Arbeiten von Lepsius, von Tes-
sa Hoffman oder Taner Akçam nicht einen einzigen Satz über diese Untaten
findet, mit denen sich die armenischen Revolutionäre brüsten.
Lepsius bedauert sogar, daß die Armenier nicht überall so wie in Zeytun vor-
gegangen sind. Ich zitiere: „Da möchte man wirklich wünschen, daß die Arme-
nier überall in der Lage gewesen wären, das Beispiel der Bürger von Zeitung zu
befolgen und eine allgemeine nationale Erhebung zustande zu bringen.“149 Die
Vorgehensweise der Revolutionäre, die Aghassi schildert und von denen auch
Barth berichtet, können Lepsius nicht verborgen geblieben sein. Statt diese Un-
taten zu verurteilen, möchte er, daß sie als Beispiel dienen mögen! Inwieweit
die Einstellung des Herrn Pastors Lepsius dem Gebot der Nächstenliebe ent-
spricht und als Vorbild150 dienen kann, möge der Leser/die Leserin beurteilen.

c) Wie wird ein Aufstand angezettelt?

Im Jahre 1894 kam es in zahlreichen Regionen Anatoliens zu Revolten, die


von den armenischen Revolutionären angezettelt wurden und damit verbunden
zu gewaltätigen Auseinandersetzungen zwischen den Armeniern und der Mos-
lems. J. Lepsius hat diese Vorkommnisse zum Anlaß genommen, in seinem be-
kannten Buch dem osmanischen Sultan Abdülhamit vorzuwerfen, er würde die
Armenier planmäßig vernichten wollen.151 Er stellt die Situation so dar, als ob
die Moslems entsprechend einem Geheimplan und auf einen Befehl des Sultans
auf die Armenier hergefallen seien. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen
würde, alle Vorfälle einzeln zu untersuchen und da solche Untersuchungen be-

149
Johannes Lepsius, Armenien und Europa: Eine Anklageschrift wider die christlichen
Großmächte ..., Berlin-Westend, 1897, S. 64
150
Es gibt sogar Bestrebungen, das Haus von Lepsius in der Nähe von Berlin in ein Mu-
seum umzuwandeln.
151
Siehe Johannes Lepsius, Armenien und Europa: Eine Anklageschrift wider die
christlichen Großmächte ..., Berlin-Westend, 1897

58
reits vorliegen152, sollen hier beispielhaft die Vorkommnisse in zwei Gebieten,
Sasun und Zeytun, an Hand westlicher Berichte referiert werden.

(i) Der Aufstand in Sasun

Sasun war eine kleine Ortschaft in der Umgebung von Bitlis, wo armenische
Berghirten, die von britischen Diplomaten als „kriegerisch und gewaltbereit“153
bezeichnet werden, zusammen mit kurdischen Nomadenstämmen lebten. Es gab
ständig Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen, zumal damals die
Regierung durch die zahlreichen Kriege geschwächt war und nicht immer für
Ruhe und Ordnung sorgen konnte. Zwei Huntschak Revolutionäre, die bereits in
der Kumkapı Demonstration Istanbul (1890) sich hervorgetan hatten, Mihran
Damadian (auf türkisch: Damatyan) und Hampartsoum Boyadjian (Boyacıyan)
waren bereits längere Zeit in Sasun damit beschäftigt, die Voraussetzungen für
eine Rebellion zu schaffen.
Damadian war ein armenischer Katholik und Leiter einer Grundschule in
Mu, der zu der Huntschak Partei beigetreten war. Nach seiner Teilnahme an
den Vorfällen in stanbul war er 1891 nach Athen gefahren und war dann, unter
dem Decknamen Melkon Hurit, als angeblicher Gepäckträger aus Mu, nach
Sasun gekommen.
Hampartsoum Boyadjian stammte aus Hacın, hatte in stanbul und in Genf
Medizin studiert und war unter dem Decknamen Murad (er wurde unter diesem
Decknamen bekannt) nach Sasun gekommen.
Die beiden organisierten im Sommer 1892 eine Guerillagruppe, es kam zu
Gefechten mit den Moslems, wodurch die Spannungen zunahmen. Anfang 1893
fuhr Murad nach Rußland (Kaukasien), um Finanzmittel zu beschaffen. Dama-
dian wurde in der Umgebung von Mu von Sicherheitskräften angeschossen und
wurde mit einem verletzten Bein nach erst nach Bitlis und anschließend stanbul
verbracht, wo er amnestiert wurde. Nach der jungtürkischen Revolution von
1908 wurde Damadian als Parlamentsabgeordneter für Kozan in das osmanische
Parlament gewählt.154
Im Juli 1893 kam es zu größeren Auseinandersetzungen zwischen den Arme-
niern und den lokalen Stämmen. Diese Auseinandersetzungen eskalierten über
die Monate, so daß im August 1894 auf beiden Seiten mehrere Tausend Be-

152
Siehe z. B. Sonyel, Salahi Ramsdan, The Ottoman Armenians, London 1987
153
FO 881/6645; AP 5810, CIX, C 7894, Turkey No. 1 (1895), Part 1: Correspondence
relating to the Asiatic Provinces of Turkey – Events at Sasoun and the Commission of
Inquiry at Moush, No. 22: Currie to Kimberley, 15.10.1894, S. 3 und 8-9, zitiert nach
nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 155.
154
Turkey No. 1 (1895), II, S. 36 und 350, zitiert nach nach Sonyel, The Ottoman Ar-
menians, London 1987, S. 156.

59
waffnete sich in den unzugänglichen Bergen gegenseitig harte Gefechte liefer-
ten. Die Rebellion wurde am 23.8.1894 mit der Gefangennahme von Murad
niedergeschlagen.
Da die Ereignisse in Sasun in der europäischen Öffentlichkeit großes Aufse-
hen erregten, (man berichtete, daß 15.000 Armenier ermordet worden wären 155),
wollte die türkische Regierung eine Untersuchungskommission mit der Unter-
suchung der Vorfälle beauftragen. Konsulatsbeamte westlicher Mächte sollten
dieser Kommission beigeordnet werden.
Am 20. Juli 1895 wurde der Bericht des Untersuchungsausschusses abge-
schlossen. Hier eine Zusammenfassung:
- Die Beziehungen zwischen den Armeniern und den Moslems in dem
Bezirk Talori waren vor der Ankunft von Hampartsoum Boyadjian
(Murad) und Damadian friedlich. Die beiden Revolutionäre hatten eine
bewaffnete Bande geformt und bereisten die Gegend, um die Armenier
dazu zu bringen, “sich zu befreien”.
- Die Revolutionäre verübten zahlreiche Straftaten, darunter Diebstahl,
Vergawaltigungen und Mordtaten. Nach einem Angriff, in dessen Ver-
lauf drei Moslems starben, begannen die Übergriffe der Moslems gegen
die Armenier.
- Der Bericht hält ebenso fest, daß die Truppen tatsächlich Armenier in
Geligüzan massakriert haben. Darüber hinaus wurde die armenischen
Dörfer in dem Bezirk Talori zerstört, so daß die Bewohner mittel- und
obdachlos wurden.
- Auch wenn die Armenier in den betreffenden Dörfer Murad und seine
Bande beherbergt und versteckt haben und den Truppen Widerstand
entgegengesetzt haben, kann das keine Begründung dafür sein, daß die
Dörfer eines ganzen Bezirks zerstört wurden.156
In einem Schreiben vom 12.10.1895 berichtet der britische Delegierte in dem
Untersuchungsausschuß, der Diplomat H. S. Shipley, daß die Berichte in den
europäischen und Britischen Blättern, daß in Sasun 5.000 bis 10.000 Armenier
getötet worden seien, völlig übertrieben sind. Der Vize-Konsul Hampson
schätzt nach einer Erkundungsfahrt in den betroffenen Gebieten die Zahl der ge-
töteten Armenier mit etwa 900, wobei die Zahl der getöteten Moslems uner-
wähnt bleibt (die türkische Regierung berichtet von etwa 1.000 Moslems, die
umgebracht wurden).
Was die Berichte über Abschlachten von Armenier durch türkische Truppen
betrifft (insbesondere Berichte über die Ermordung von 250 armenischen Frau-

155
So zum Beispiel James Bryce.
156
Turkey No. 1 (1895), C 7894, No. 252; Currie to Salisbury, 15.8.1895, beinhaltet den
Bericht des Untersuchungsausschusses, Mu, 20.7.1895, pp. 163-174, zitiert nach Sony-
el, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 170

60
en in einer Kirche in Geligüzan), schreibt Shipley, wobei er sich auf die Zeu-
genvernehmungen des Untersuchungsausschusses und auf seine eigenen Nach-
forschungen beruft, daß selbst die armenischen Einwohner des Dorfes Geligü-
zan von so einem Vorfall nichts gehört hatten. Ebenso verhält es sich mit der
angeblichen Ermordung von armenischen Frauen in der Kirche Surp Merapa in
Talori. Shipley schreibt, daß er lediglich die Hinrichtung von Gefangenen in ei-
nem Lager bei Geligüzan und in der Kirche Surp Merapa in dem Bezirk Talori
bestätigen kann.157
Damit bestätigen die Berichte der britischen Diplomaten, daß die Unruhen in
dem fraglichen Gebiet von armenischen Revolutionären planmäßig über einen
längeren Zeitraum vorbereitet wurden, daß zuvor die Moslems und die Arme-
nier friedliche Beziehungen unterhalten hatten, auch wenn es immer kleinere
Konflikte gab. Im Ergebnis der Wühltätigkeit wurde ein Aufstand und Übergrif-
fe gegen die Moslems provoziert, der mit etwa 1.000 Toten auf beiden Seiten
und endete und ein tiefes gegenseitiges Mißtrauen hinterließ. Zudem war die
europäische Öffentlichkeit alarmiert. Damit waren die Ziele der Revolutionäre
realisiert.

(ii) Der Aufstand in Zeytun

Als ein weiteres Beispiel dafür, wie die Geheimgesellschaften bei der Anzet-
telung der Aufstände und der Massaker vorgegangen sind, soll der Bericht des
britischen Hauptmanns (captain) Mark Sykes über den Aufstand in Zeytun in
voller Länge zitiert werden.
Zeytun war eine kleine Ortschaft im Taurusgebirge, etwa 50 km von der heu-
tigen Stadt Kahraman Mara entfernt.. Sie lag in einem Hochgebirgstal und war
nur über einen steilen Gebirgspfad von ca. 15 km Länge zu erreichen. Somit
bildete ihre Lage eine natürliche Festung. Die Einwohner, die fast auschließlich
Armenier waren, betrieben Landwirtschaft und Viehzucht. Sie nutzten auch ihre
geschützte Lage aus und betätigten sich bei Gelegenheit als Banditen. Um sie in
Schach zu halten, hatte die Regierung auf einem beherrschenden Hügel über der
Ortschaft eine Festung bauen lassen.
Mark Sykes (damals noch Offizier im Rang eines Hauptmann in der Armee
seiner Majestät) stellt in dem Bericht über seine Reise im Winter 1902 zuerst
fest, daß der Kommandant (Tahsin bey) der Festung in Zeytun ein sehr fähiger
Mann sei, und seit seiner Ankunft die Gegend sich dank seiner festen aber ge-

157
Turkey No. 1 (1895), Commission of Inquiry at Moush, proces verbaux and separate
depositions, C 7894, No. 267: Currie to Salisbury, 16.10.1895, beinhaltet den Bericht
von Shipley vom 16.10.1895, S. 203-208, zitiert nach Sonyel, The Ottoman Armenians,
London 1987, S. 171

61
rechten Haltung eines selten erlebten Friedens erfreuen würde.158 Danach
schreibt Sykes über den Ablauf des letzten Aufstandes in Zeytun (1895). Hier
der Bericht:
„Der letzte Aufstand war eine ausgezeichnete Demonstration dafür, wozu die
Inkompetenz eines Offiziers führen kann und dient als eine Illustration der Me-
thoden der Revolutionäre. Das folgende ist eine so genau wie mögliche Ge-
schichte, wie ich sie aus verschiedenen Quellen an Ort und Stelle zusammentra-
gen konnte.
Eine revolutionäre Gesellschaft, die unbefriedigt mit den allgemeinen Zustän-
den in der Türkei war und zukünftige Geldsammlungen und Hilfefonds witterte,
sah es als angebracht an, im Jahre des Herrn 1895 bestimmte Emmissäre nach
Armenien zu schicken. Sie machten ihre Hoffnungen, eine halb-erfolgreiche
Revolution zu machen, an der kriegerischen Bevölkerung von Zeytun fest, und
sechs ihrer verwegensten Agenten wurden in diesen Bezirk geschickt. Was das
Ergebnis der Revolution sein sollte, kümmerte diese Desperados wenig, so lan-
ge die Aufmerksamkeit Europas auf ihre Sache und auf ihre Sammelbüchsen
gezogen wurde. Diese Individuen fanden jedoch ihre Leute in keiner Weise reif
für einen Aufstand und ihr Einfluß war gering. Ja, es gab bestimmte Personen,
die bereit waren, emotionale und dumme, möglicherweise sogar verräterische
Reden zu halten, doch sie waren in keiner Weise dazu bereit, einen bewaffneten
Aufstand zu beginnen. Doch es ergab sich ganz unerwartet eine Gelegenheit,
ihre Landsleute in die Sache zu verwickeln und so gelang es ihnen, die Regie-
rung zu Maßnahmen zu zwingen.
Es ergab sich, daß eine Anzahl von Armenier aus Furnus und aus Zeytun die
Gewohnheit hatten, nach Adana zu gehen, um dort als landwirtschaftliche Ar-
beiter und Handwerker Geld zu verdienen. Aus irgend einem Grunde erließ da-
mals die Regierung den Befehl, daß alle Fremde in ihre Ortschaften und Bezirke
zurückkehren sollten. Die Furnus und Zeytun Armenier wurden angesichts die-
ser Maßnahme wütend und sagten, daß der Sultan ihnen nicht die Gelegenheit
gab, genug Geld zu verdienen, um ihre Steuern, die sie als sehr überhöht be-
trachteten, bezahlen zu können. Im Ergebnis waren sie dumm genug, auf ihrem
Weg nach Hause einige Turkmenen zu plündern.
Die Turkmenen erstatteten eine Anzeige bei dem Mutasarrif159 von Mara.
Dieser entschloß sich, die Angelegenheit von einem Ausschuß, der aus einem
türkischen Major und einem Armenier aus Mara bestand, und von fünf Gen-
darmen eskortiert wurde, untersuchen zu lassen. Die Agenten erblickten hier ei-
ne Gelegenheit, die Dinge in eine Krise zu treiben. Sie griffen entweder selber
an, oder aber überredeten sie die Dorfbewohner zu einem Angriff, in dessen
Verlauf der Major und drei der Gendarmen getötet wurden. Das christliche Mit-

158
Mark Sykes, Dar-ul-Islam. A record of a journey through ten of the asiatic provinces
of Turkey, 1904, Neuauflage 1988, Exeter, Devon (Great Britain), S. 71
159
Vorgesetzter einer Verwaltungseinheit unterhalb der Provinz. A. S.

62
glied des Ausschusses nahmen sie mit. Die restlichen Armenier, denen es klar
war, daß sie ursprünglich im Unrecht waren, sahen, daß sie hoffnungslos kom-
promitiert worden waren und akzeptierten das Unvermeidliche und schlossen
sich den Revolutinären an.
Die Zuständigen in Mara, die über die Vorfälle unterrichtet wurden, setzten
eine Infanteriekompanie in Bewegung, um die Garnison in Bertiz zu verstärken.
Die Rebellenführer und deren Anhang griff diese Kompanie beim Heranrücken
an. Es kam zu einem Gefecht mit unentschiedenen Ausgang, da die Moslems
von Bertiz die Armenier unterstützten. Die Revolutionäre beschlossen am
nächsten Tag, die Garnison in Zeytun anzugreifen, um jene Stadt (deren Be-
wohner wenig Neigung hierzu zeigten) dazu zu zwingen, bei einem Dschichad
gegen die Osmanli mitzumachen. Nach einem kurzen Widerstand ergab sich die
Festung wegen der Unfähigkeit des dummen Befehlshabers.
Nachdem sie einen Sieg von einiger Bedeutung errungen hatten, marschierten
die armenischen Kräfte zum Bezirk Kurtul, wo sie mehrere türkische Dörfer
plünderten und ausraubten, danach besetzten sie Anderim, wo sie das Regie-
rungsgebäude160 niederbrannten. Auf ihrem Weg zurück nach Zeytun verübten
sie einige sehr schändliche Mordtaten in Çukurhisar161, zum Gedenken an das
letzte armenische Königreich, das dort ein Ende gefunden hatte.
Danach gewann die Anarchie die Oberhand. Die Moslems und die Kurden,
die durch übertriebene Berichte in Erregung gerieten und lüstern auf die Schätze
der wohlhabenden aber schwachen Basaar-Armenier waren, massakrierten und
überkamen diese in Mara und anderswo. Die türkische Regierung, die nun
durch und durch alarmiert war, konzentrierte zwei Divisionen, eine in Mara,
unter Ferik Pascha, der während der Massaker eine außerordentliche Unfähig-
keit zeigte, und die andere unter einem zuverlässigen Soldaten, Ali Pascha, in
Adana. Der letztere fegte mit ziemlicher Geschwindigkeit gegen Zeytun und
trieb die armenische Bevölkerung vor sich hin. Obwohl bestimmte «Ausschrei-
tungen»162 von seinen Truppen während des Marsches verübt wurden, denke
ich, daß man ihn in keiner Weise für die Art und Weise dieser Kampagne be-
schuldigen kann. Es wäre ein schwerwiegender militärischer Fehler gewesen,
im Rücken seiner Truppen eine feindliche Bevölkerung zu belassen; und die
Armenier, die er zur Kapitulation aufforderte, waren bereits zu sehr von Panik
überkommen, so daß sie die Bedingungen nicht akzeptierten. Sie warteten ent-

160
Im Original: „konak“ A. S.
161
Hier bemerkt Sykes in einer Fußnote: „ Man hat mir einige grauenvolle Einzelheiten
berichtet, jedoch zweifle ich an der Richtigkeit dieser Angaben, da sie mir ein Stadtar-
menier mit einem ehrlichen Stolz aufzählte.“
162
Sykes setzt „Ausschreitungen“ (auf Englisch: „outrages“) in Anführungsstriche und
macht in einer Fußnote die folgende Bemerkung: „Diese würde man nie als solche be-
zeichnen, wenn sie von irgendeiner anderen Truppe als der türkischen Armee verübt
worden wären.“

63
weder in ihren Dörfern auf die Vernichtung und leisteten bis zu Letzt Wider-
stand, oder aber flohen sie in die Ortschaft Zeytun. Hier stopften die revolutio-
nären Agenten die Bevölkerung mit falschen Nachrichten über angebliche briti-
sche Entsatztruppen, die in Alexendretta (skenderun) gelandet wären, voll.
Einer von ihnen schickte Kuriere aus, diese kamen mit hoffnungsvollen Brie-
fen zurück, die er selber verfaßt hatte. Doch dieser Hochstapler und seine Kol-
legen waren mit der fehlenden Loyalität der Bewohner unzufrieden und mein-
ten, daß eine Tat verübt werden müßte, die den Leuten jegliche Hoffnung auf
Gnade von Seiten der Regierung verbauen sollte. Dem entsprechend versam-
melten sie die Flüchtlinge, die von Ali Pascha vertrieben worden waren und
gingen mit den Flüchtlingen zu dem Regierungsgebäude [konak], wo die gefan-
genommene Garnison untergebracht worden war, und begannen die Soldaten
mit bestialischer Grausamkeit zu ermorden. Man muß daran erinnern, daß die-
ses Schurkenstück in keiner Weise der Bevölkerung von Zeytun zugeschrieben
werden kann. Es war das Werk der schändlichen Rohheit der Revolutionäre und
des verrückten Fanatismus der verzweifelten und hoffnungslosen Bauern. Es
muß auch zu Gunsten der Zeytun Einwohnern festgehalten werden, daß nach
dieser abscheulichen Metzelei mehrere heimlich in den Hof gingen und etwa
siebzig Soldaten retteten, die unter den Leichen ihrer Kameraden überlebt hat-
ten. Nach dem Ende des Krieges wurden siebenundfünfzig von diesen der ande-
ren Seite übergeben. Es ist eine Erleichterung, bei diesen blutigen Geschichten
Armeniens solch edle Taten der Menschenfreundschaft der Christen gegenüber
den Moslems und der Moslems gegenüber den Christen zu finden. Und fast bei
jedem Massaker können ähnliche Fälle zu Tage gebracht werden.
Nach jener dummen Metzelei mögen die revolutionären Agenten sich mit die-
ser bemerkenswerten Politik gebrüstet haben. Zeytun war nun ohne Rettung
kompromittiert und die Stadt bereitete sich auf eine Belagerung bis zum Ende
vor. Doch hier schließt sich das Kapitel Zeytun. Denn vor Ablauf von drei Wo-
chen erschien Edhem Pascha, ein edles Beispiel dafür, was ein kultivierter Tür-
ke sein kann, vor Ort, und schloß mit Hilfe von europäischen Konsuln einen eh-
renhaften Frieden mit der Stadt. Doch diese Vereinbarung enthielt auch einen
Punkt, der den elenden Ursachen dieses Unglücks und dieses Blutvergießens
erlaubte, unbelästigt nach Europa zurückzukehren, wo sie sich wahrscheinlich
eine Existenz herausgeschlagen haben, die ebenso herausragend ist, wie ihre mi-
litärischen Abenteuer.
Es scheint ein schwerwiegender Fehler der Großmächte zu sein, daß man den
revolutionären Agenten erlaubt hat, zu fliehen. Denn wenn man diese elenden
Trotteln von Intriganten gehängt hätte, wie sie es reichlich verdient hatten, hätte
dies die Hand der Botschafter in Constantinople gestärkt. Außerdem hätte es die
Hoffnungen der armenischen Geheimgesellschaften völlig zerschlagen, die,
wenn sie nicht mehr von den sentimentalen Ergüssen bestimmter Zeitungen ver-
führt werden, ein für alle mal zur Kenntnis nehmen würden, daß die Mächte,

64
obschon sie bereit sind, Massaker zu stoppen, in keiner Weise denjenigen helfen
würden, die diese mutwillig zu eigenen Zwecken provozieren.
Was die Frage betrifft, in wie fern die Türken im Unrecht sind, wer kann das
beurteilen? Sie haben eine Position, die erwogen werden muß, denn es ist un-
möglich für sie, im Herzen ihrer Heimat eine Revolution zuzulassen, wenn dro-
hende Feinde an allen Fronten erscheinen. Sie müssen ihre eigene Heimat be-
rücksichtigen. Wenn sie es den Revolutionären erlaubt hätten, ihre Intrigen fort-
zusetzen, so gibt es wenig Zweifel, daß ein ansehnlicher Aufstand ausgebrochen
wäre, so bald ein günstiger Moment gegeben wäre. Auch muß man daran den-
ken, daß im Falle einer armenischen Rebellion die Konspiratoren ähnliche Mas-
saker verüben wollten. Und während man für das Abschlachten der Armenier
durch die Türken keine Entschuldigung akzeptieren kann, muß man sich daran
erinnern, daß Massaker immer noch eine anerkannte Methode der Politik über-
all im Osten ist, und bis vor kurzem im Westen. Warum eigentlich, sollte man
bis vor kurzem sagen, wenn das Verhalten der alliierten Truppen in Peking 163
eine Sache von heute ist?
Das notwendige Töten in Indien nach der Meuterei, die obwohl sie auf eine
formalere Art und Weise ausgeführt wurde164, war genauso erbarmungslos, und
nach allem was man hört, hat der sanfte Skobeleff Zentralasien genau so befrie-
det, wie die Türken die armenische Revolution niedergeworfen haben.
Es ist auch eine Tatsache, daß die Armenier eine außerordentliche Gewohn-
heit haben, immer auf die Gefahr zuzulaufen, ohne den Mut zu besitzen, sich ihr
zu stellen. Und die Revolutionäre aus dem Ausland waren immer bereit, Massa-
ker zu provozieren, um die Mächte dazu zu bringen, ihnen zu helfen. Ich habe
gute Gründe zu wissen, daß diese Elenden sogar geplant hatten, amerikanische
Missionare zu ermorden, in der Hoffnung, daß Amerika, in dem Glauben, die
Türken wären die Mörder gewesen, gegen die Türken den Krieg erklären wür-
de.“165

163
Sykes spielt auf die blutige Niederschlagung des Boxeraufstandes in China (im Früh-
jahr und Sommer des Jahres 1900) durch das gemeinsame Vorgehen von britischen,
französischen, italienischen, russischen, japanischen, amerikanischen und deutschen
Truppen an. Mehr dazu siehe Anhang.
164
Sykes bezieht sich hier auf die Rebellion in Indien in den Jahren 1857-59 gegen die
britische Kolonialmacht. Damals hatten die Briten die Aufständischen, die sie
gefangengenommen hatten, vor die Mündungen der britischen Kanonen gebunden und
die Kanonen abgefeuert, sodaß es über den Städten menschliche Körperteile und Blut
regnete. Siehe z. B. William L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902,
New York, 1968, S. 325
165
Mark Sykes, Dar-ul-Islam. A record of a journey through ten of the asiatic provinces
of Turkey, 1904, Neuauflage 1988, Exeter, Devon (Great Britain), S. 72-78

65
d) Britische Konsularberichte

(i) W. Graves, britischer Konsul in Erzurum

Windham Graves berichtet 1894, daß die Armenier ‚nicht eine wahre Rebelli-
on’ sondern den Anschein einer Rebellion bezweckten. Deswegen zogen es die
armenischen Revolutionäre vor, in Gebieten zu operieren, in denen die Arme-
nier hoffnungslos in der Minderheit waren, sodaß die Unterdrückung gewiß
war. Sie organisierten bewaffnete Angriffe auf isolierte Gendarmerieposten und
Posteskorten, durchschnitten die Telegraphendrähte, gelegentlich attackierten
sie Regierungsgebäude mit Bomben. Sie rechneten mit der Neigung des Sultans
zu Panikreaktionen, mit der ‚Dummheit’, mit dem deplazierten Eifer oder der
bewußten Feindseligkeit der lokalen Autoritäten, um unnötig schwere Straf-
maßnahmen zu befehlen und durchzuführen. Sie hofften, daß diese zu Massa-
kern ausufern würden. Die Armenier würden dann an die Unterzeichnermächte
des Berlin Vertrages 166 appelieren, und deren Intervention fordern.167

(ii) Der britische Vizekonsul in Van:

Der britische Vizekonsul in Van, Major Williams berichtet, daß die


Daschnak- und die Huntschak-Aktivisten „ihre eigenen Landsleute terrorisieren
und durch ihre Untaten und Dummheiten die Moslembevölkerung erregen und
alle Bemühungen um Reformen zunichte machen. Ich bin sicher, daß, wenn
man sie unterdrücken könnte, oder zumindestens zum still halten zwingen könn-
te, eines der größten Hindernisse zur Sicherheit in diesem Bezirk und wahr-
scheinlich in ganz Anatolien beseitigt wäre. Ich habe den hiesigen armenischen
Bischoff darauf hingewiesen, daß die Gefahr besteht, die Sympathien in Europa
zu verspielen und daß sowohl Politik wie auch Pflicht ihn dazu führen müßten,
seinen ganzen Einfluß geltend zu machen, um diese »Anarchisten« unter Kon-
trolle zu halten.
Sowohl der armenische Bischoff wie auch Williams waren der Überzeugung,
daß die Mehrheit der armenischen Bevölkerung die Terroristen völlig ablehnten.
Williams schreibt weiter: „Je mehr ich über die vergangene und gegenwärtige
Situation dieser Provinz lerne, sehe ich klar, daß die kriminellen Aktionen die-
ser Gesellschaften für die entsetzlichen Szenen, die im letzten Herbst hier und

166
Gemeint ist der Vertrag aus dem Jahre 1878. A.S.
167
Turkey No. 1 (1895), I, C 7894, No. 22; Graves to Currie, 23.3.1894, p. 56, William
L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, I, p. 157, zitiert nach Sonyel, The Ottoman
Armenians, London 1987, S. 156-157

66
überall in Anatolien gespielt wurden, weitgehend verantwortlich sind, wie sehr
auch die Türken beschuldigt werden müssen.“168
Langer zitiert ebenfalls aus einem Bericht des britischen Vize-Konsuls in Van
(Mr. Williams) aus dem Jahre 1896 über die Machenschaften der Armenischen
Föderation (Daschnaktsiun). In diesem Zusammenhang stellt Langer fest, „this
Federation was essentially a Russian-Armenian organization“169. Er beruft sich
auf den selben Vizekonsul und zitiert «They terrorize over their countrymen,»
he wrote, «and, by their outrages and folly, excite the Mohammedan population
and render nugatory all efforts to carry out reforms. I am firmly convinced, that
if they could be put down, or even kept quiet, one of the greatest obstacles to
security in this district, probably all over Anatolia, would be removed.» The
Armenian population, he believed, disapproved of the agitation. «The more I
learn of past events and the present state of this province, the more clearly I see
that the criminal actions of these societies have been largely responsible for the
terrible scenes enacted here and all over Anatolia during the last autumn, much
as the Turks are to blame.»”170
Ein Jahr später schreibt Mr. Williams (britischer Vizekonsul in Van) (wir zi-
tieren aus Langer): „So long as the «idiotically criminal conduct» of the Arme-
nian revolutionaries continued, it was unlikely that the «disturbances» would
end. «I cannot see how the state of the Christians is to be improved while this
agitation continues, » wrote vice-konsul Williams from Van on January 24
[1897]. No scheme of reforms, he added, would bei likely to satisfy them. 171

(iii) Der britische Vizekonsul in Diyarbakır

Der armenisch stämmige britische Vizekonsul in Diyarbakır, Thomas Boyad-


jian (oder auf Türkisch: Boyacıyan), berichtete im April 1891 über eine „gefähr-
liche Bewegung unter den Armeniern“ in den Bezirken Harput und Palu. Die
Armenier sammelten Waffen und sprachen über die Notwendigkeit „Blut zu
vergießen, damit die Freiheit gewonnen werden kann“. Sie glaubten, daß ent-
weder England, oder Frankreich oder Rußland in jenem Frühling zu ihrer Hilfe
eilen würde. Man erzählte sich, daß über 100.000 Armenier, die von ausländi-
schen Offizieren kommandiert wurden, gedrillt und in voller Bewaffnung be-
reitstanden, um auf die Türken loszumarschieren. Man war sich jedoch nicht si-
cher, ob sich diese Truppen in Rußland oder in Persien befanden. Einige wenige

168
Turkey No. 6 (1896): Williams to Currie, 26.1.1896, Currie to Salsbury, 18.2.1896,
pp. 45-6 and 109, Turkey No. 8 (1896), No. 117 (nach Sonyel, The Ottoman Armeni-
ans, London 1987 S. 206 und 351, fn. 22, 23)
169
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 321
170
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 322.
171
W. L. Langer, The Diplo. of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 349 - 350

67
Hitzköpfe unter den Armeniern wiegelten die Armenier mit falschen Berichten
auf. Die Armenier, die über diese Berichte sprachen und ermuntert durch diese
entsprechend handelten, fügten ihren Beziehungen mit den Moslems großen
Schaden zu. Die Situation wurde durch verkleidete Armenier aus Rußland oder
anderen Ländern verschärft, die sich aktiv darum bemühten, die Armenier zu
einem verräterischen Aufstand zu bewegen. Boyadjian fügt hinzu: „Es wäre äu-
ßerst dumm, einen solchen Schritt zu unternehmen, denn das würde sie nur in
eine Gefahr bringen, deren Ernst niemand abschätzen kann.“172
Ein früherer Bericht des selben britischen Vizekonsuls in Diyarbakır über die
Tötung von Armeniern im Jahre 1889 zeigt, daß die Angriffe vielfältige Ursa-
chen haben können:
Es handelt sich um einen Vorfall in einem Dorf „Blaidar“ in dem Bezirk, den
die Engländer als „Bisheri“ schreiben, ich vermute, daß die heutige Ortschaft
Beiri gemeint ist. Im Zuge der Ereignisse wurden 7 Personen ermordet und 50
Häuser niedergebrannt. Nach Angaben von T. Boyadjian, dem Britischen Vize
Konsul in Diyarbakır (der Konsul war im übrigen selber armenischer Abstam-
mung), war die Ursache eine alte Feindschaft zwischen zwei armenischen
Häuptlingen in dem Dorf. Einer von diesen war, zusammen mit seinem Bruder,
einem Priester, in die römisch-katholische Konfession eingetreten, in der Hoff-
nung, mit der Unterstützung seiner Glaubensbrüder seinen Gegner besiegen zu
können. Als dies nicht gelang, ging er eines Nachts in ein benachbartes mosle-
misches Dorf und überredete den dortigen Häuptling, das armenische Dorf zu
überfallen und seinen Gegner samt Familie zu töten. Als Gegenleistung sollte
dieser das Vermögen seines Opfers plündern dürfen.
Am nächsten Tag griff der Moslem mit seinen Anhängern das Dorf an, er-
mordete 5 Menschen, drei davon Kinder, und zündete die Häuser an. Der arme-
nische Drahtzieher beobachtete die Angelegenheit aus dem Dach seines eigenen
Hauses und gab Anweisungen, damit ja niemand fliehen konnte. Der eigentliche
Gegner war jedoch zufällig nicht zu Hause und entkam so dem Anschlag. In-
zwischen hatte ein anderer Häuptling (ebenfalls Moslem) aus einem benachbar-
ten Dorf von dem Angriff erfahren. Er eilte mit seinen Männern zur Stelle, es
kam zu einem Kampf zwischen den beiden Moslemgruppen, wobei zwei getötet
wurden. Als der Gouverneur von der Angelegenheit erfuhr, ließ er die Schuldi-
gen, einschließlich des Priesters und seines Bruders, verhaften. Es handelte sich
um einen Übergriff von Moslems gegen Armenier, wobei jedoch der Drahtzie-
her wiederum ein Armenier war.173

172
AP, 5478, XCVI, Turkey No. 1 (1892), C 6632, White to Salisbury, 11.5.1891, Boy-
adjiyan to White, 13.4.1891, p. 47 (zitiert nach Sonyel, The Ottoman Armenians, Lon-
don 1987, S. 133-134, Fußnote 90 (S. 343)
173
AP 5376, XCVI, Turkey No. 1 (1890-1) C 6214, Boyadjian to Chermside,
10.8.1889, Devey to Chermside, 29.8.189, Chermside to FO, 12.9.1889, pp. 21-3, nach
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987 p. 121 & 342

68
(iv) Der britische Chargé d’Affaires Michael Herbert

Am 1.11.1895 schickte der britische Chargé d’Affaires Michael Herbert ein


Geheimtelegramm an den britischen Foreign Secretary Salisbury und erklärte,
daß in den Berichten einiger seiner Konsulare die Armenier in zahlreichen Or-
ten als die Agressoren identifiziert werden.174

(v) Der britische Vizekonsul in Bitlis:

Der Vizekonsul W. H. Heathcote hat 1903 von dem dort neu angekommenen
armenischen Bischoff erfahren, daß die Revolutionäre durch Gewaltaktionen
Unterdrückungsmaßnahmen provozieren wollen um auf diese Weise eine Inter-
vention europäischer Mächte zu erzwingen. Der Bischoff berichtet weiter, daß
er verzweifelt versucht, die Revolutionäre von Aussichtslosigkeit einer solchen
Politik zu überzeugen.175

(vi) Vizekonsul Hauptmann Molyneux-Steel

Der britische Vizekonsul in Van, Hauptmann Molyneux-Steel, berichtet nach


einer Rundreise in Ostanatolien im Jahre 1911: „Es ist unmöglich, die Tatsache
zu ignorieren, daß überall, wo es keine armenischen politischen Organisationen
gibt, oder wo solche Organisationen unzureichend entwickelt sind, die Arme-
nier in relativer Harmonie mit den Türken und den Kurden leben.“ Er berichtet
weiter, daß die armenischen Revolutionäre günstig Gewehre einkaufen und die-
se zwangsweise und zu überhöhten Preisen an die armenischen Bauern verkau-
fen. Es sei offensichtlich, daß für die Fortführung dieses teuflischen Handels die
Armenier in einem bestimmten Alarmzustand gehalten werden müssen, ob be-
gründet oder nicht.176
In der Stadt Van bestanden besonders geeignete Bedingungen für das Treiben
der armenischen Revolutionäre: Die russische und die persische Grenze war gut
zu erreichen; die meisten Armenier in der Stadt bewohnten einen eigenen Stadt-
teil, wo die Häuser mit ihren Gärten gute Verstecke für Revolutionäre boten.

174
Turkey No. 2 (1896), No. 152, Herbert to Salisbury, 1.11.1895 p. 80, zitiert nach
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 186, fn 123
175
FO 424/205/Conf. 8202, Nos. 70 and 74 ; O’Connor to Lansdowne, 2 and 4.8.1903,
Heathcote to O’Connor, 4.8.1903, PP. 90-2 and 94 (Zitiert nach Sonyel, The Ottoman
Armenians, London 1987, S. 356, footnote 12)
176
FO 371/1263/43717: Molyneux-Steel toLowther, 9.10.1911; Lowther to Grey,
29.10.1911, nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 282 und 359, fn 7

69
Zudem war die Stadt an vielen Stellen von zahlreichen, etwa 15 Meter tief gele-
genen uralten Bewässerungskanälen 177 durchzogen. Diese waren hervorragend
geeignet, als Geheimlager benutzt zu werden, oder um unbemerkt von einer
Stelle zur anderen zu gelangen.
Außerdem verfügte die armenischen Bevölkerung in dieser Stadt mit einem
Anteil von 26 % über den zweithöchsten Anteil (nach Bitlis mit 31 %) in der
ganzen Türkei.178 Daher wurde diese Stadt bereits sehr früh unter der Anleitung
der Russen zu einem Schwerpunkt der Aktivitäten der armenischen Revolutio-
näre gemacht.
Wir hatten bereits oben berichtet, daß um 1885 der russische Vize-Konsul in
Van, Major Kamsaragan, der selber armenischer Abstammung war, in der ar-
menischen Schule von Van Vorträge über militärische Strategie und Einsatz von
Waffen hielt. 179
Die Revolutionäre waren sich ihrer Sache so sicher, daß sie sich offen in vol-
ler Bewaffnung, manchmal sogar in Uniform, zeigten. Diese Situation wurde
von islamischen Bevölkerungsmehrheit zurecht als unzumutbar empfunden, wie
Williams berichtet. Am 14.6.1896 wurde nachts eine Gruppe von Infanteristen
innerhalb der Stadt angegriffen, wobei der Offizier und ein Soldat ernsthaft
verwundet wurden. Am nächsten Tag kam es in der Stadt zu Kämpfen zwischen
den Soldaten und den Armeniern, wobei mehrere Häuser in Flammen aufgingen
und eine Reihe von Personen von beiden Seiten getötet und verwundet wurden.
Die Revolutionäre hatten sich inzwischen in befestigten Positionen gesammelt
und trotzten der Polizei und den Soldaten. Williams, der zusammen mit Dr.
Reynolds, einem amerikanischen Missionar am 17. Juni zwei dieser befestigten
Positionen aufsuchte und mit den Rebellen sprach, berichtete später, daß die
Rebellen davon ausgingen, daß sie zehn Tage lang den Truppen widerstehen
könnten und daß in der Zwischenzeit Verstärkungen aus Persien eintreffen wür-
den.
Williams sah ihre Anführer und berichtete, daß alle armenisch stämmige rus-
sische oder amerikanische Staatsbürger waren. Es gab etwa 15 ortsfremde und
ca. 700 armenische junge Männer aus Van. Sie waren zumeist mit russischen
Gewehren gut bewaffnet, die sie angeblich mit Hilfe der Beiträge von Arme-
niern aus Van gekauft und über Persien ins Land gebracht haben wollten. Willi-
ams berichtet wörtlich: „Diese Personen waren keine Patrioten, die ihre Frauen
und Kinder verteidigten, sondern simple Rebellen. Ich habe genügend Beweise

177
Diese Kanäle stammen aus der Zeit der Urartu Zivilisation, aus dem 8. Jahrhundert
vor unserer Zeitrechnung. Die Urartu sprachen eine eigene Sprache, die nicht zu den
indogermanischen Sprachen gehört, sondern zu den Ursprachen Kleinasiens gerechnet
wird. The New Encyclopaedia Britanica, 1991, Vol. 22, S. 608
178
Justin McCarthy, The Anatolian Armenians, 1912-1922, in: Armenians in the Otto-
man Empire and Modern Turkey (1912-1926), Ankara 1992, Boaziçi Univ., p. 21
179
Nalbandian, Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles 1963, p. 99

70
dafür, daß sie kaltblütig unbewaffnete Moslems, die keine Absicht zum Angriff
hatten, ermordeten, die das Pech hatten, sich ihren Positionen zu nähern.“180
Inzwischen hatten die bewaffneten Stämme der Umgebung die Stadt umzin-
gelt. Ich verzichte auf Einzelheiten und berichte das Ergebnis: am 22. Juni ver-
ließen die armenischen Rebellen nachts die Stadt. Sie wurden von den Truppen
verfolgt. Der britische Vizekonsul Major Williams berichtet, daß die Truppen
sich „gut benommen haben“ und daß im Ergebnis etwa 500 Armenier („zumeist
junge Burschen, die von ihren Führern verführt worden waren“) und 300 Tür-
ken, zumeist Soldaten, getötet wurden. Es gab jedoch Übergriffe der Stämme in
verschiedenen Dörfern.181 Genau das war auch das Ziel der Revolutionäre ge-
wesen. Die türkischen Quellen, die auch die Vorfälle in der Umgebung von Van
berücksichtigen, berichten über 418 Moslems und 1.715 Armenier, die getötet
wurden, und 363 Moslems und 71 Armenier, die verwundet wurden.182

6) Beispiele für Terroranschläge armenischer Revolutionäre

a) Istanbul: bewaffneter Marsch auf den Regierungssitz.

Am 30. September 1895 organisierte die Huntschak-Partei eine Demonstrati-


on in Istanbul, an dem mehrere Tausend Personen teilnahmen. Man wollte an-
geblich eine Petition an den Sultan übergeben. Es handelte sich jedoch nicht um
eine friedliche Demonstration, die Demonstranten, die zum Regierungssitz
(Bab-ı Ali) marschierten, waren bewaffnet.183 Die Tatsache, daß die Demonst-
ranten “mit vielen Pistolen und Messer gleicher Bauart” bewaffnet waren, wird
auch von Gust zugegeben. Am Haupttor wurden sie von Sicherheitskräften ge-
stoppt. Daraufhin erschoß ein Armenier einen türkischen Hauptmann, der den
bewaffneten Menschenzug vor dem Regierungssitz stoppen wollte.184 Daraufhin
kam es zu einer Schießerei, es starben zahlreiche Armenier und Polizisten. Als
es in der Stadt bekannt wurde, daß armenische Demonstranten Polizisten er-
schossen hatten, begannen mit Knüppeln bewaffnete Türken, Armenier an-

180
Turkey No. 8 (1896), Williams to Herbert, 28.6.1896; Herbert to Salisbury,
16.7.1896, p. 272 (nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 207 und
351, fn. 27)
181
Turkey No. 8 (1896), Williams to Herbert, 22.6.1896; Herbert to Salisbury, 22 und
23.6.1896, p. 211-212 (nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 208
und 351, fn. 29)
182
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 208.
183
London Times, 1.10.1895, zitiert nach L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary
Movement, Los Angeles, 1963, S. 125.
184
W. Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 105 f.

71
zugreifen und zu töten. Im Ergebnis dieser Übergriffe kamen Hunderte von Ar-
meniern ums Leben.
Bei der Bewertung dieser Übergriffe von Seiten der Bevölkerung auf die Ar-
menier muß folgender Umstand berücksichtigt werden: Zu jener Zeit war Istan-
bul voller Flüchtlinge, die erst einige Jahre zuvor aus Bosnien und Bulgarien
vertrieben worden waren. Im Zuge dieser Vertreibungen waren hunderttausende
von Moslems ermordet worden.

b) Überfall auf die osmanische Bank

Am 26.8.1896 attackierten eine bewaffnete Gruppe von armenischen Terro-


risten die Osmanische Bank in Istanbul. Sie töteten einen Teil der türkischen
Beschäftigten, besetzten die Bank und begannen, wahllos auf die Passanten zu
schießen sowie Bomben zu werfen und drohten, das Gebäude in die Luft zu
sprengen.185
Es kam zu Verhandlungen. Der Dragoman (Hauptdolmetscher) der russischen
Botschaft, M. Maximov war bereit, als Vermittler zu agieren. Man versprach
den Terroristen freies Geleit, sie wurden auf die Jacht des Bankdirektors (Sir
Edgar Vincent, der spätere Lord D’Abernon) gebracht. Hier verblieben sie meh-
rere Tage und erzählten dem Sekretär des Bankdirektors (Mr. F. A. Barker)
freimütig ihre Tatpläne. Demnach waren gleichzeitig mit dem Angriff auf die
Bank auch weitere Anschläge in der Stadt geplant gewesen, unter anderem auf
die Hohe Pforte (Regierungssitz) und das armenische Patriarchat. Mr. Barker
wies sie darauf hin, das die ganze Sache wahrscheinlich mit einem Massaker
der Armenier enden und sie die Sympathien der Großmächte verlieren würden,
antworteten die Attentäter: „Diejenigen, die sterben werden, werden als echte
Patrioten und Märtyrer sterben, und was die Sympathien der Großmächte be-
trifft, wenn wir geglaubt hätten, daß wir diese verspielen würden, wären wir in
der Bank geblieben, um Druck auf sie auszuüben.“ Weiterhin sagten sie, „daß
sie eigentlich alle türkischen Beschäftigten der Bank töten und dann die Bank in
die Luft sprengen wollten, doch dazu hätten sie keine Zeit mehr gefunden, da
alles viel schneller endete, als sie es erwartet hätten.”186
Die Terroristen hatten in der Bank 45 Bomben (gefüllt mit Schießpulver), 25
Dynamit-Kartuschen und etwa 20 Pfund Dynamit zurückgelassen.187

185
Nalbandian, die die Tat der Dashak-Partei zuschreibt, gibt als Datum den 24.8.1896
an: Die Bank soll von 26 Personen angegriffen worden sein. L. Nalbandian, The Arme-
nian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 176. Doch aus anderen Quellen
(unter anderem Sydney Whitman, Turkish Memories) geht hervor, daß der Überfall am
26. August 1896 passierte.
186
W. L. The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 324
187
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 323

72
Als sich die Nachricht von dem Überfall und der anhaltenden Schießerei
durch die Stadt verbreitete, bildeten sich Gruppen von Einwohnern, die bewaff-
net mit Schlagstöcken, Jagd auf Armenier machten. Es kam zu einem Blutbad,
das 36 Stunden dauerte, wobei ca. 5.000-6.000 Armenier, die mit dem Überfall
nichts zu tun hatten, umgebracht wurden.188 Die Polizei traf keine Maßnahmen,
um die Armenier zu schützen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt von Lan-
ger, wobei ich seine Fußnoten und umfangreichen Quellenangaben weglasse:
„Die Erklärungen der Desperados waren im wesentlichen korrekt. Es gab
kleinere Vorfälle in verschiedenen Teilen der Stadt, auch Wochen später gab es
sporadisches Bombenwerfen und Feuerüberfälle auf die Truppen durch armeni-
sche Revolutionäre. Niemand hatte Sympathien für diese Art von Aktionen oder
für die selbst ernannten Komitees, die aus der unschuldigen Bevölkerung arme-
nische Märtyrer machen wollten. Mr. Herbert, der britische chargé d’affaires,
beschrieb sie als «Kriminelle, die man nicht stark genug verurteilen könne». Er
berichtete «es kann nicht widersprochen, daß dieses wiederholte Bombenwerfen
von Seiten der Armenier eine große Provokation für die Türken darstellen.» Die
Rache ließ nicht lange auf sich warten. Am Nachmittag des Tages des Überfalls
auf die Bank begannen Banden von Türken aus den unteren Klassen auf den
Straßen zu erscheinen und griffen die Armenier mit Schlagstöcken und eisernen
Stangen an. Es ist ziemlich sicher, daß die Regierung einige Tage vor deren
Ausführung von den Plänen der Revolutionäre erfuhr und daß diese Türkenban-
den organisiert und bewaffnet wurden. Die Stöcke waren meistens von der glei-
chen Ausführung 189 und die Männer, die sie benutzten, waren nur selten Be-
wohner der Nachbarschaften, in denen sie operierten. Die Truppen verhielten
sich gut und nahmen an dem Vorgehen wenig, wenn überhaupt, teil. Sie schau-
ten lediglich zu, während die Hetzjagd andauerte. Für ganze 36 Stunden, bis
zum Abend des 27., kontrollierte der Mob die Stadt. Keine Ausländer, nicht
einmal Griechen oder Juden wurden verletzt. Der Angriff richtete sich nur ge-
gen die Armenier und hauptsächlich gegen die unteren Klassen in Stambul, die
Gepäckträger. Diese wurden rücksichtslos niedergemacht und durch die Häuser
gehetzt, „wie Hasen“ sagte ein Augenzeuge. Alles in Allem wurde geschätzt,
daß etwa fünf bis sechs tausend der zweihunderttausend Armenier in Constanti-
nopel ihr Leben verloren.“190

188
Willam L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S.
324
189
Hierzu eine Bemerkung meinerseits: Der Umstand, daß diese Stöcke sehr ähnlich
aussahen, kann nicht als ein hinreichender Beweis für eine zentrale Vorbereitung bewer-
tet werden. In solchen Fällen ist es ohne Umschweife möglich, Tisch- und Stuhlbeine
oder Teile von zertrümmerten Kisten für eine solche Bewaffnung einzusetzen. Der Au-
genzeuge S. Whitman schreibt explizit, daß diese Stöcke wie Stuhlbeine oder Kistentei-
le aussahen. (Turkish Memories, S. 16)
190
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 324

73
Ein langjähriger britischer Beobachter der Türkei, Mr. Hume-Beaman, der
von Langer als Experte für orientalische Angelegenheiten bezeichnet wird, ver-
langte, daß jedes Mitglied der armenischen Kommitees gehenkt werden sollte.
Er schrieb: „Haben wir nicht in Indien wegen Beleidigung eines einzigen unse-
rer Offiziere ganze Dörfer und Moscheen niedergebrannt?“191
In den folgenden Tagen kam es zu weiteren Angriffen mit Bomben und Feu-
erwaffen. Die türkische Polizei entdeckte in armenischen Kirchen und Schulen
große Mengen von Sprengstoff. Ein Beispiel: in dem Schrank der Direktorin der
(armenischen) Mädchenschule von Samatya (Psamatia) wurden 36 Bomben,
mehrere Schachteln mit Revolvermunition und ein Paket Dynamit gefunden.192
Allein schon die Menge und die Verstecke (Schulen und Kirchen) der gefun-
denen Bomben und der Munition weisen daraufhin, daß der Überfall auf die
osmanische Bank nicht das Werk von einigen wenigen Desperados sein konnte.
Gut informierte westliche Beobachter waren „ziemlich sicher“, daß die armeni-
sche Gemeinde in Istanbul „wußte, was ins Haus stand“.193

c) Mutmaßliche Verbindung mit russischen Invasionsplänen

Der Überfall auf die osmanische Bank stand vermutlich mit den russischen
Plänen in Verbindung, die nach Angaben von Langer bereits seit längerer Zeit,
insbesondere aber seit dem Herbst 1895 in der russischen Hauptstadt diskutiert
wurden. Diese bis in die Einzelheiten ausgearbeiteten Pläne, für die insbesonde-
re der russische Botschafter in Istanbul, Nelidov, mit Nachdruck eintrat, sahen
vor, daß das russische Schwarzmeer-Geschwader mit einer raschen Operation
den nördlichen Ausgang der Meeresenge von Istanbul besetzen und hier befes-
tigte Stellungen (wie die Briten in Gibraltar) errichten sollten. The Times be-
richtete im Frühjahr 1897, daß vierzig Tausend Mann in den russischen
Schwarzmeerhäfen für diese Operation in Bereitschaft waren und das russische
Schwarzmeer-Geschwader ständig unter Dampf stand, bereit, bei Erhalt eines
entsprechenden Telegramms Kurs auf Istanbul zu nehmen. 194
Es ist durchaus möglich, daß der russische Botschafter Nelidov die armeni-
schen Revolutionäre zu diesem blutigen Überfall animierte, um einen Vorwand

191
Ardern G. Hume-Beaman, Twenty Years in the Near East, London 1898, S. 304 f.,
zitiert nach W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968,
S. 325
192
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 325
193
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 325
194
W. L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S. 338-
348, auf Seite 354 weitere Quellenangaben zu dem hier erwähnten “Nelidov Plan”.
Auch Mansel bestätigt diese Pläne. Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s
Desire, London, 1998, S. 338

74
für die von ihm mit großem persönlichen Engagement geforderte Invasion zu
haben.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, daß die Revolutionäre, die von den
russischen Plänen wußten (diese wurden damals in der europäischen Presse of-
fen diskutiert), Nelidov unterstützen und mit einem Massaker in Istanbul die
Verwirklichung der russischen Invasionspläne beschleunigen wollten.
Auf jeden Fall ist es bemerkenswert, daß es der Hauptdolmetscher der russi-
schen Botschaft in Istanbul, M. Maximov, war, der die bis an die Zähne be-
waffneten Terroristen in der Bank zur Aufgabe überredete.
In diesem Zusammenhang wollen wir auch folgende Episode festhalten: Einer
der Terroristen, die an dem Überfall der osmanischen Bank teilgenommen hat-
ten (Deckname: Armen Garo, bürgerlicher Name: Karekin Pasdermadjian, auf
türkisch: Pastırmacıyan), wurde nach 1908 Mitglied des osmanischen Parla-
ments (mebus). Nach dem Ausbruch des I. Weltkrieges vergaß er sein Eid und
organisierte bewaffnete Gruppen, die die türkischen Armeen gemeinsam mit
den russischen Truppen angriffen.195

d) Lepsius bestätigt russische Invasionspläne

Auch Lepsius bestätigt die russischen Invasionspläne. Er schreibt: „Wir sind


weit entfernt, es Rußland zu verargen, wenn es sich entschließt, den Schutz der
armenischen Christen, ... nun seinerseits in die Hand nimmt.“196 Auf der nächs-
ten Seite sagt Lepsius voraus, daß Rußland in dieser Sache siegen wird und den
Beifall Europas erhalten wird.

e) Bombenattentat gegen den Sultan

Am 21. Juli 1905 verübte die Daschnak-Partei ein Bombenattentat gegen den
Sultan Abdülhamit II, als er nach dem Freitagsgebet die Moschee verließ. Da
anschließend an das Gebet die Begrüßung des Sultans durch die Versammelten
stattfand (Selamlık), waren auch zahlreiche Europäer als Beobachter dieser Ze-
remonie anwesend. Durch einen glücklichen Umstand verspätete sich die An-
kunft des Sultans, die Bombe mit dem Zeitzünder explodierte, als er sich noch
auf den Stufen der Moschee befand. Es wurden 26 Personen getötet, darunter
zahlreiche Türken, Griechen, Armenier, Soldaten und einfache Leute vom Volk.
Der Sultan blieb unverletzt.

195
K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934, S. 39
196
Johannes Lepsius, Armenien und Europa: Eine Anklageschrift wider die christlichen
Großmächte ..., Berlin-Westend, 1897, S. 118.

75
Es gelang einem Ausschuß unter dem Vorsitz des Necip Melhame Pascha (der
im übrigen ein Christ aus Syrien war), die Hintergründe des Attentats fast lü-
ckenlos aufzuklären und zahlreiche Beteiligte festzunehmen.197 Es kam zu ei-
nem öffentlichen Strafprozeß mit Beobachtern aus Europa. Einer der Hauptbe-
teiligten, ein belgischer Anarchist namens Eduard Joris, legte ein umfassendes
Geständnis ab. Weitere Angeklagten gestanden ihre Verbrechen. Die Revoluti-
onäre hatten 140 kg Sprengstoff über Griechenland und Bulgarien einge-
schmuggelt, 80 kg davon wurden für das Attentat auf den Sultan verwendet. Mit
dem Rest sollten nach dem Tod des Sultans wichtige Gebäude in Istanbul, unter
anderem auch Moscheen während der Gebetszeit, in die Luft gejagt werden, um
eine allgemeine Aufruhr zu provozieren. 198 Weiterhin wurde festgestellt, daß
die Attentäter Unterstützung von der russischen Botschaft erhalten hatten. Da
das Attentat erfolglos war, konnte die Regierung Ausschreitungen verhindern.
Der belgische Anarchist Eduard Joris wurde zum Tode verurteilt, da aber der
Sultan ihn begnadigte, kehrte er nach Belgien zurück.

f) Van: Kirchen und Kloster als Munitionsdepot

Die armenischen Terrororganisationen benutzten mit besonderer Vorliebe


Kirchen und Kloster als Waffenlager, weil man eventuelle Durchsuchungen sei-
tens der türkischen Behörden gut als „Angriff auf die Kirchen“ darstellen konn-
te. Zudem wurden diese Einrichtungen aufgrund der großzügigen kulturellen
Autonomie, die die Armenier im osmanischen Reich genossen, von der armeni-
schen Gemeinde in eigener Verantwortung verwaltet. Die Lehrer, die Priester
und das Personal wurden ebenfalls von den Gemeinden ausgesucht und ange-
stellt, sodaß man hier nach eigenem Gutdünken schalten und walten konnte, so
bald man mit „revolutionären Methoden“ die Oberhand in der Gemeinde errun-
gen hatte.
Im Frühjahr1908 wurde die revolutionäre Szene in Van durch ein unerwarte-
tes Ereignis erschüttert: Ein Daschnak-Mitglied namens David Dehertzi,199 der
seit fünf Jahren der Vertrauensmann des lokalen Anführers der Daschnak-
Partei, Aram, gewesen war, lief zu den Behörden über und gab die ganzen Ge-
heimnisse der Partei preis. Als Grund hierfür gab er an, daß er eine geheime
Liebesbeziehung zwischen seiner Verlobten und dem Aram entdeckt hatte.

197
Ein Bericht findet sich bei Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 261 -
265
198
FO 424/208/Conf. 8664, No. 88, O’Connor to Landsdowne, 6.9.1905, pp 98-9, zitiert
nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S.264
199
Das Überlaufen von David Dehertzi wird auch von Papazian berichtet, wobei David
Dehertzi als „sehr fähiger und vertrauenswürdiger Mann“ bezeichnet wird, der wegen
der Affäre von Aram mit seiner Verlobten durchgedreht sei. Siehe, K. S. Papazian, Pa-
triotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the Armenian Revolu-
tionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massachusetts, 1934, S. 69

76
Aufgrund seiner Angaben konnte am 5.2.1908 in dem armenischen Kloster Surp
Krikor eine große Menge von Munition sichergestellt werden (200.000 Schuß).
Der britische Vizekonsul in Van, Hauptmann Bertram Dickson berichtete, daß
die Truppen keinerlei Schäden in dem Kloster verursacht hätten.
Mit Hilfe von David wurden in dem armenischen Viertel gezielt Häuser
durchsucht, wobei man weitere 200.000 Schuß Munition und 500 Gewehre und
Pistolen fand. Außerdem wurden 300 Packungen Dynamit gefunden. Die Revo-
lutionäre, die das Auffliegen ihrer gesamten Infrastruktur befürchteten, griffen
die Soldaten an, die die Durchsuchungen vornahmen, es kam zu Gefechten, wo-
bei 17 Soldaten getötet wurden. Ein britischer Diplomat, der die Berichte über
diese Vorkommnisse in Van las, meinte, “daß die Armenier selbst schuld sind
es nur natürlich sei, wenn sie schwer bestraft würden.”200 Ich überspringe die
Einzelheiten und berichte das Ergebnis: Fast alle führenden Köpfe der
Daschnak-Partei in Van und Umgebung wurden verhaftet, unter ihnen mehrere
wegen Mord gesuchte Personen und auch Meloyan, der Leiter der armenischen
Schule in Van.201 Es kam heraus, daß der Dragoman (Dolmetscher) des russi-
schen Vizekonsuls eines der wichtigsten Mitglieder des lokalen Revoluti-
onskommitees war und drei der größten Lager der Archive und Munition neben
seinem Haus gefunden wurden. Auch in dem Areal der britischen Mission in
Van wurden drei Bunker für Waffen und Chemikalien gefunden, man stellte
weiter fest, daß diese Plätze ein bevorzugtes Versteck der gesuchten Revolutio-
näre war. Es stellte sich heraus, daß unter den armenischen Angestellten der bri-
tischen Mission drei Personen waren, die wichtige Positionen in der Daschnak-
Partei innehatten. Zwei wichtige Revolutionäre, der „Doktor“ und Sarkis, hatten
sich in einem Versteck aufgehalten, der unterhalb des Bodens der Räumlichkei-
ten für die Diener in der britischen Mission ausgehöhlt worden war. Am 28. Ju-
ni wurden auch in der Kirche der amerikanischen Mission geheime Dokumente
der Daschnak-Partei gefunden. Verhaftet wurde auch Aram, der die ganze Sa-
che mit seiner Liebesaffäre ausgelöst hatte. Man berichtet, daß er sehr abfällige
Bemerkungen über die „Armenier von Van“ machte.202
Ich habe die Ereignisse von Van relativ ausführlich skizziert, weil man hier
Hand der Konsularberichte deutlich erkennen kann, wie der „teuflische Plan“
von dem Rev. Cyrus Hamlin 1893 berichtete, allmählich Gestalt annahm.
Versuchen wir eine Zusammenfassung: Die armenischen Revolutionäre
zwangen zuerst ihre Landsleute, sich ihnen zu fügen, dann wurde die Jugend
indoktriniert, wobei die armenischen Schulen und Kirchen auch eingespannt

200
FO 371/533/4401: Dickson to O’Connor, 6.2.1908, O’Connor to Grey, 7.2.1908.
201
FO 371/533/4401, No. 21357, Dickson to Barclay, 24.5.1908, Barclay to FO,
12.6.1908, see also No. 17370: Barclay to Grey, 20.5.1908 (nach Sonyel, The Ottoman
Armenians, London 1987, S. 273 & 358, fn. 78)
202
FO 371/533/4401, No. 20689, Dickson to Barclay, 29.6.1908 (nach Sonyel, The Ot-
toman Armenians, London 1987, S. 274 & 358, fn 80)

77
wurden. Diejenigen, Armenier, die sich wehrten, wurden umgebracht, so daß
bald keine Opposition mehr zu befürchten war. Die Kirchen, die zur Verkün-
dung der christlichen Lehre dienen sollten, und die durch Jahrhunderte hindurch
unbehelligt bestanden hatten, wurden als Munitionsdepots mißbraucht. Auch die
diplomatischen Vertretungen der europäischen Mächte fungierten als revolutio-
näre Stützpunkte (wahrscheinlich nicht in jedem Fall ohne Wissen der Verant-
wortlichen).
Man muß vor Augen halten, daß die hier skizzierte Situation für sehr viele
Ortschaften in Anatolien charakteristisch war und daß dies sowohl den osmani-
schen Behörden, wie auch der islamischen Bevölkerung wohl bekannt war. Auf
diese Weise gelangte es den Revolutionären, zwischen den Menschen, die seit
800 Jahren203 friedlich miteinander gelebt hatten, eine Atmosphäre der tödlichen
Feindschaft und des Mißtrauens zu säen.

7) Berichte westlicher Reisender

Isabella Bishop, die 1891 die Gegend bereiste, schreibt: „Der armenische
Bauer ist vom jeglichen politischen Ehrgeiz genau so entfernt, wie er keine Ah-
nung von politischen Beschwerden hat... Nicht ein einziges Mal wurde mir ein
Wunsch in Richtung politischer Reformen oder Reformierung der Verwaltung
oder in Richtung armenischer Unabhängigkeit geäußert.“204
David Hogarth berichtet 1896 aus den betreffenden Provinzen über Armenier,
die von den „Patrioten“ in Ruhe gelassen werden möchten.205
Der britische Autor Sidney Whitman, der ab 1896 ausgedehnte Reisen im os-
manischen Reich unternahm, berichtet, daß er bei seinem Besuch in Erzurum
(1896) dem dortigen britischen Konsul Mr. Graves die folgende Frage stellte:
“«Glauben Sie, daß ein einziges Massaker stattgefunden hätte, wenn keine
armenischen Revolutionäre ins Land gekommen und die armenische Bevölke-
rung zur Rebellion aufgestachelt hätten?» «Sicherlich nicht» antwortete er. «Ich
glaube nicht, daß ein einziger Armenier getötet worden wäre.» 206

203
Genau genommen seit 1071, seit der Schlacht von Malazgirt, als das türkische Heer
unter Alparslan das römische Heer vernichtet und praktisch ganz Anatolien erobert hat-
te.
204
Isabella Bishop, „The shadow of the Kurd“, Contemporary Review, May-June 1891,
S. 642-54, S. 819-35, nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987 S. 134,
Fußnote 91
205
David Hogarth, A wandering scholar in the Levant, New York 1896, S. 149, nach
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 134
206
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 93 f. Origi-
nalton: “«Do you believe that any massacres would have taken place if no Armenian
revolutionaries had com into the country and incited the Armenian population to

78
Dies als Beleg dafür, daß die armenischen Geheimorganisationen von Anfang
an darauf abzielten, Massekern unter der armenischen Bevölkerung zu provo-
zieren, um eine Intervention der Großmächte zu erreichen.

8) Lepsius: «armenische Frage» Ergebnis europäischer Politik

Man kann seitenweise Belege dafür zitieren, daß die einfachen Armenier vor
dem Beginn der „Tätigkeit“ der armenischen Revolutionäre, kein Bedürfnis ver-
spürten, sich über die osmanische Regierung zu beklagen oder gar sich gegen
sie zu erheben, wie dies auch in dem zu Beginn dieses Abschnittes zitierten
Aufruf des amerikanischen Missionars Cyrus Hamlin festgestellt wird.
Ende des 19. Jahrhunderts ist diese Sachlage so klar, daß sogar Johannes Lep-
sius diesen Umstand nicht verschweigen kann:
„Bevor die europäische Politik eine ‚armenische Frage’ schuf, gab es
in Armenien selbst eine solche nicht, und selbst in den letzten Jahren bis
zum dem Ausbruch der Massacres wußte die große Masse der Bevölke-
rung nichts von einem Streben nach Abschüttelung des türkischen Jo-
ches.“207
Damit kann die folgende Feststellung auf Lepsius gestützt werden: Bis zu
dem Ausbruch der (von den armenischen Revolutionären planmäßig vorbereite-
ten) Massaker hatten die armenischen Untertanen des Sultans keine Auflehnung
gegen die türkische Regierung im Sinne. Ja, es gab gar keine ‚armenische Fra-
ge’.

E) Vermittlungsversuch zurückgewiesen

1896 ernannte Sultan Abdulhamid II den armenisch stämmigen Artin Pascha


Dadyan als Vorsitzender eines Ausschusses, der den Konflikt zwischen dem
Reich und den armenischen Revolutionären durch eine Übereinkunft beenden
sollte.208
Artin Pascha Dadyan war ein Sohn der berühmten und sehr reichen Dadyan
Familie, hatte in Paris studiert und in der französischen Hauptstadt auch als os-
manischer Diplomat gearbeitet. Er kannte den Sultan Abdulhamit II seit dessen
Kindheit (aufgrund der zahlreichen Besuche seines Vaters Abdulmecit I in dem
großen Anwesen der Dadyans) und genoß sein Vertrauen. Er hatte fast 18 Jahre

rebellion?» «Certainly not,» he replied. «I do not believe that a single Armenian would
have been killed.»”
207
Johannes Lepsius, Armenien und Europa: Eine Anklageschrift wider die christlichen
Großmächte ..., Berlin-Westend, 1897, S. 117
208
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 334

79
als Unterstaatssekretär im Außenministerium gedient und war auch der Chef der
Zensurbehörde.
Artin Pascha Dadyan war gleichzeitig ein prominentes Mitglied der armeni-
schen Gemeinde, hatte er an der Vorbereitung der „Ordnung der armenischen
Nation“ teilgenommen und war 1871-75 Vorsitzender des armenischen nationa-
len Rates gewesen.
Artin Pascha Dadyan erreichte 1896 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender
des Vermittlungsausschusses eine Amnestie für die armenischen Revolutionäre
und die Freilassung von 1.200 Gefangenen. Anschließend schickte er seinen
Sohn nach Genf, um mit den Vertretern der revolutionären Parteien zu spre-
chen. Doch die Revolutionäre lehnten diese Vermittlungsversuche rundweg
ab.209

F) Terror gegen die armenische Kirche

Der Terror der armenischen Revolutionäre gegen die Geistlichen der armeni-
schen Kirche spielte eine wichtige Rolle in ihrer Strategie, den Widerstand der
türkischen Armenier gegen die Geheimbünde zu brechen. Sie wollten sich die
Geistlichen durch Einschüchterung gefügig machen und auf diese Weise das
große Vermögen der Kirche, ihre beherrschende Position in Bezug auf die
Schulen und die Gemeinden überhaupt ausnutzen und die Kirche als Sprachrohr
benutzen. Hier einige Beispiele für die Terrorakte gegen die armenischen Geist-
lichen:

1) Der Vorfall von Erzurum im Jahre 1890

Hier hatten die Behörden Hinweise erhalten, daß in den örtlichen armenischen
Kirchen und Schulen Waffen und Munition versteckt worden waren. Man be-
fahl eine Durchsuchung. Die Revolutionäre versuchten, die armenischen Ein-
wohner zu Protestaktionen zu bewegen, um die Durchsuchungen zu verhindern.
Es kam zu Spannungen zwischen den Armeniern und den Moslems. Der örtli-
che armenische Bischoff und der britische Konsul Clifford Lloyd versuchten die
Armenier zu beruhigen. Daraufhin griffen die Armenier ihren eigenen Bischoff
so heftig an, daß der Bischoff einige türkische Soldaten in der Nähe um seinen
persönlichen Schutz bitten mußte. In diesem Moment schossen einige Armenier
auf die Soldaten, zwei Soldaten wurden getötet und drei verwundet.210 Darauf-
hin griffen die Moslems die Armenier an, es wurden 12 Armenier getötet

209
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 335
210
AP, Turkey No. 1 (1890-1), C 6214; Lloyd to Fane, 20.6.1890, pp. 52-53 (zitiert
nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 127 bzw. 342)

80
2) Attentate auf den armenischen Patriarchen

Im März 1894 versuchte ein armenischer Revolutionär den Patriarchen Horen


Aschikian (auf Türkisch: Aıkyan) in der Kathedrale der heiligen Mutter Marie
in Istanbul, Kumkapı, die die Kirche des Patriarchen ist, zu ermorden. Das At-
tentat schlug fehl. (Auf armenisch heißt diese Kirche “Surp Asdvadzadzin”, auf
türkisch „Meryemana kilisesi“).211
Am Weihnachtstag des Jahres 1903, am 6. Januar, feuerte ebenfalls in der
“Kathedrale der heiligen Mutter Marie”,ein Mitglied der Daschnak-Partei (Ja-
kop Hachikian aus Erzurum) drei Schüsse auf den Patriarchen Ormanian (auf
Türkisch: Ormanyan), der am Schulter leicht verletzt wurde. Der Attentäter
wurde von der Gemeinde gefaßt, verprügelt und auf einer Bahre der Polizei ü-
bergeben. Man stellte ihn vors Gericht, wo er zum Tode verurteilt. Aufgrund
der Bitte des Patriarchen wurde diese Strafe zur lebenslangen Festungshaft um-
gewandelt.212
Diese beiden Vorfälle verdeutlichen, daß die armenischen Revolutionäre
selbst vor Mordanschlägen gegen die höchsten Vertreter der eigenen Kirche
während des Gottestdienstes nicht zurückscheuchten. Daraus kann man schlie-
ßen, wie sie sich gegen die weniger bekannten Armenier, die ihnen zu wider-
sprechen wagten, verhielten.
Bemerkenswert ist es auch, daß der deutsche Pfarrer Lepsius in seinem „Auf-
ruf an das christliche Deutschland“ den Mordanschlag gegen den armenischen
Patriarchen, immerhin der höchste Mann in der armenischen Kirche in der Tür-
kei, verschweigt.

3) Ermordung weiterer armenischer Geistlicher

Am 1.11.1904 ermordeten die Revolutionäre Ashot Arsen Vartabed, den


stellvertr. Catholicos von Aktamar und seinen Sekretär Mihran in dem Kloster
von Aktamar in Van. Hauptmann Tyrrell (Britischer Vizekonsul in Van) glaub-
te, daß beide von Revolutionären unter dem Befehl von Ishkhan ermordet wor-
den sind. 213 Diese Vermutung wird von Papazian bestätigt. Hier sein Bericht:
„Abbot Arsen Vartabed of the monastrey of Akthamar, near Van, and his sec-
retary Mihran, were burutally murdered in 1904 by Ishkan, a notorious Dashnag

211
Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S. 103
212
Pars Tulacı, Armenian Churches of Istanbul, Istanbul 1991, S. 103 und FO 424/205
Conf. 8202, No. 3, Whitehead to Lansdowne, 26.1.1903, P. 3, zitiert nach Sonyel, The
Ottoman Armenians, London 1987, S. 245
213
FO 424/208/Conf. 8664, No. 25: Tyrrell to Townley, 10.1.1905 and Townley to
Lansdowne, 13.2.1905, P. 27 (zitiert nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London
1987, S. 357, fn 43. Siehe auch: Papazian, K. S.: Patriotism Perverted, Boston 1934, 68

81
chieftain. Ishkan and his gang attacked the monastery one night, tdragged the
abbot and his secretary out, shot tehm first and then stabbed them to death. The
bodies were then cut to pieces and thronwn on the shores of lake Van. Arsen
Vartabed was a saintly and patriotic clergyman. He had opposed the designs of
Ishkan, who wanted to control the property and the income of the monastery.
Afther his death, Ishkan and his gang pillaged the ancient monastery.214
Der Priester des armenischen Dorfes Frenk Norshen und der armenische
Priester des Dorfes Pertek (Pertag) wurden 1905 von den armenischen Revolu-
tionären als „Denunzianten“ er-
mordet.215

4) Ermordung des
armenischen Erzbischoffs

Eines der bemerkenswertesten


Mordanschläge gegen armenische
Geistliche wurde am 24.12.1933
in New York verübt, als der Erz-
bischoff Leon Tourian, Prelat der
armenischen Kirche in Amerika,
in der armenischen „Holy Cross“
Kirche in New York vor den Au-
gen von Hunderten von Gläubigen
durch Terroristen der Daschnak-
Partei erdolcht wurde216. Diese
Mordtat, die ein bezeichnendes
Licht auf die Vorgehensweise der
armenischen „Freiheitskämpfer”
wirft, veranlasste im übrigen Pa-
pazian, seine hier zitierte Broschü-
re zu verfassen, die eine General-
abrechnung mit der Daschnakpar-

214
K. S. K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds
of the Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston,
Massachusetts, 1934, S. 68-69
215
FO 424/208/Conf. 8664, Nos. 49 and 60: Heathcote to O’Connor, 14.5.1905 and
4.6.1905; O’Connor to Lansdowne, 30.5.1905 and 20.6.1905, pp 69 and 154 (zitiert
nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, S. 357, fn 44.
216
K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934, S. 71

82
tei darstellt. Erzbischoff L. Tourian hatte sich 1933 in Chicago im Rahmen der
Feierlichkeiten zum Armenientag die Ansicht der Veranstalter, im Saal nur die
amerikanische Fahne zu hängen (und die Trikolore der früheren armenischen
Regierung nicht zu zeigen) unterstützt und mit dieser Haltung das Mißfallen der
Daschnakpartei erregt. Da er sich auch sonst nicht den Forderungen der
Daschnakpartei beugte, wurde er kurzer Hand ermordet.
Mit solchen Mordtaten und der damit verbundenen Einschüchterung gelang es
den armenischen Geheimbünden nach und nach, sich zahlreiche armenische
Geistliche gefügig zu machen und Kirchen und Schulen der armenischen Ge-
meinde sowohl als Zentren der Indoktrination wie auch als Munitions- und
Waffendepots zu mißbrauchen.
So berichtete der amerikanische Missionar Dr. G. C. Reynolds 1908 bezüglich
des armenischen Waisenhauses in Van, daß die Jugendlichen von den armeni-
schen Revolutionären dazu gebracht würden, ihren Eltern und ihren Lehrern
nicht zu gehorchen. Außerdem würde Atheismus propagiert.217

G) Täuschung der europäischen Öffentlichkeit

Propaganda spielte von Anfang an eine sehr wichtige Rolle in den Plänen der
armenischen Revolutionäre. Wie bereits in dem Brief von C. Hamlin gezeigt
wurde, dienten auch die Bewaffnung und die Provozierung von Übergriffen ge-
gen die Armenier letztlich dazu, durch entsprechende Propagierung die christli-
che Öffentlichkeit in Europa zu empören und günstige Bedingungen für eine
Okkupation der Türkei zu schaffen. Hier einige Beispiel für die hierbei benutz-
ten Lügen und Verleumdungen.

1) Britischer Vizekonsul über Falschmeldungen

Besonders die Zeitung “Daily News” in London veröffentlichte 1890 sehr oft
Artikel entsprechende Berichte, die entweder völlig aus der Luft gegriffen wa-
ren, oder aber eine grobe Verzeichnung darstellten. Das armenische revolutio-
näre Blatt „Huntschak“ produzierte ständig Berichte über die „Unterdrückung“
der Armenier, die nach den Worten des britischen Vizekonsuls in Van, George

217
FO 371/533/40318: Madeleine Cole to FO, 17.11.1908, einschließlich eines Berichts
mit dem Titel “Women’s Armenian Relief Fund” about the Armenian orphanage at Van
for the school year 1907-1908, compiled by Dr. G. C. Reynolds, vom Oktober 1908
(nach Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987 S. 270 und 358, fn. 72)

83
Pollard Devey, teilweise „grobe Falschinterpretationen“, in den meisten Fällen
jedoch „absolut falsch und unbegründet“ waren.218

2) Ein armenischer Bischoff dementiert

Es ist bezeichnend, daß die armenischen Revolutionäre, die selber Nihilisten


und Atheisten waren, einerseits zahlreiche Mordanschläge gegen armenische
Geistliche verübten, sich andererseits aber nicht schämten, über die Unterdrü-
ckung der Christen durch die Türken zu beklagen. Ein Argument, das in Europa
große Wirkung entfaltete und daher sehr oft kolportiert wurde, war die
“Zwangsbekehrung” von Christen. In der Herbst 1888 Ausgabe der Zeitschrift
“La Revue de l’Orient” wurde eine Erklärung des armenischen Bischoffs von
zmir, Melchizedech, abgedruckt, in der der Kirchenmann unter anderem die
folgende Feststellung machte:
“Die Liebe zur Wahrheit verpflichtet uns zu erklären, daß die osmanische Re-
gierung, weit davon entfernt, uns zu verfolgen, oder gegen unsere Religions-
freiheit Druck auszuüben, Befehle erlassen hat, nach denen diejenigen, die zum
Islam übertreten wollen, zu ihren geistlichen Oberen geschickt werden sollen,
damit diese einen letzten Versuch unternehmen können, um jene in ihrem
althergebrachten Glauben behalten zu können. In meiner Position als Bischoff
von Smyrna wurde ich Zeuge einer großen Anzahl von solchen Fällen.”219
Es sei hinzugefügt, daß diese Praxis der osmanischen Behörden, Christen oder
Juden, die zum Islam übertreten wollten (z. B. junge Männer, die sich in ein
türkisches Mädchen verliebt hatten und in den Islam übertreten wollten, um ihre
Liebste heiraten zu dürfen), mit dem Ziel einer letzten Belehrung zu ihren O-
berhirten und/oder Eltern zu schicken, auch anderweitig gut dokumentiert ist.

3) “Vergiftung armenischer Kinder”

Der britische Botschafter Sir Francis Clare Ford schickte am 28. November
1892 ein Schreiben an den britischen “Foreign Secretary” (Außenminister), Earl
of Rosebery. Aus diesem Schreiben geht hervor, daß 1891 die türkische Regie-
rung wiederholt beschuldigt wurde, durch Verwendung von unreinem Impfstof-
fen absichtlich den Tod von mehr als 500 armenischen Jungen herbeigeführt zu

218
FO424/169/Conf. 6172, No. 64: Devey to Hampson, 25.4.1891; Hampson to White,
6.6.1891; Hintchak, April 1891, p. 79 (nach Sonyel, S. 133 & 343)
219
FO 424/162/Conf. 5900, No. 54B: Collet to Salisbury, 4.7.1889, pp 52A-B (nach
Sonyel, S. 118 & 341)

84
haben. Der vorherige Botschafter, Sir William White habe die Angelegenheit
gründlich geprüft und könne die Behauptungen nicht bestätigen.220

H) Die Armenier bildeten lediglich eine Minderheit

Die Armenier bildeten überall im osmanischen Reich nur eine Minderheit.


Dies hängt damit zusammen, daß die Armenier bereits zur Zeit des oströmi-
schen Reiches durch Deportationen und aus wirtschaftlichen Gründen in alle
Ecken des oströmischen Reiches (auch auf den Balkan) verteilt wurden.221
Auch Nalbandian muß diese Tatsache anerkennen, behauptet allerdings, in
Van und Hakkari wären die Armenier in Mehrheit gewesen: Ethnisch war Van
(abgesehen von Sandschack Hakkari) die einzige Provinz im osmanischen
Reich, in dem die Armenier den Moslems zahlenmäßig überlegen waren.“
„Ethnically, Van (excluding the sanjak of Hekkiari) was the only province in
the Ottoman Empire in which the Armenians outnumbered the Moslems.”222.
Am Ende Ihres Buches versucht Nalbandian die Frage zu beantworten, warum
die armenischen Revolutionäre scheiterten. In diesem Zusammenhang schreibt
sie, nach dem sie feststellt, daß es diesen Parteien nicht gelang, die Kurden,
Türken oder andere Moslems für sich zu gewinnen „This inability left the Ar-
menians isolated in a geographical region in which they were the minority popu-
lation.“223
Die Armenier waren nicht nur in den betreffenden Gebieten des osmanischen
Reiches, sondern auch in dem Gebiet, auf dem sich heute die armenische Repu-
blik befindet, bis zur Vertreibung der Moslems durch die Russen, in der Min-
derheit.224 Hovannisian schreibt, daß die Armenier nach den Umsiedlungen
1838 nunmehr etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachten.
Auch Lepsius gibt mit dem ihm eigenen Understatement zu, daß die Armenier
nicht die Mehrheit bildeten: “Aber thatsächlich war es225 gar nicht in der Lage,

220
AP, Turkey No. 3 (1896), C 8015, No. 75, Ford to Rosebery, 28.11.1892, pp 48-9
(nach Sonyel S. 137/138 & 344)
221
Vgl. Sirarpie Der Nersessian, Armenia and the Byzantine Empire. A Brief Study of
Armenian Art and Civilization, Cambridge, Mass., Harvard Univ. Press, 1947, S. 18-20
222
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 80
Der gleiche Zitat in der original Sprache „Ethnically, Van (excluding the sanjak of Hek-
kiari) was the only province in the Ottoman Empire in which the Armenians outnum-
bered the Moslems.”
223
L. Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S. 183,
die Hervorhebung von mir.
224
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 10
225
Gemeint ist das Armenische Volk. A. S.

85
an einen nationalen Aufstand zu denken, denn erstens bilden die Armenier,
wenn auch in großen Distrikten kompakt zusammenwohnend, in den in Frage
kommenden Provinzen keineswegs überall die Majorität ...“ (Lepsius 63)
So erklärte der französische Außenminister Gabriel Hanotaux am 3.11.1896
im französischen Parlament, als er eine Anfrage des Abgeordneten Denys Co-
chin beantwortete: “Les Arméniens composent environ 16 % de la population
totale de l’Arménie.”226
Der amerikanische Bevölkerungswissenschaftler Justin McCarthy hat um-
fangreiche Untersuchungen über die osmanische Bevölkerung veröffentlicht227.
In einem Aufsatz berichtet er, daß 1912 in jeder anatolischen Provinz annähernd
zwei Drittel oder mehr der Bevölkerung islamisch war. Es gab zwei Provinzen
mit einem deutlich größeren Anteil von Armeniern: Van (26 %) und Bitlis (31
%). Doch selbst in diesen beiden Provinzen gab es doppelt so viele Moslems als
Armenier. In den sechs Provinzen, die z. B. von Lepsius als „Armenien“ be-
zeichnet werden, gab es 4,5 mal soviel Moslems wie Armenier! 228 Mit anderen
Worten, McCarthy kommt zu einem armenischen Anteil von etwa 18 %, also
geringfügig mehr als die Angabe des französischen Außenministers aus dem
Jahr 1896, die wir oben zitierten.
Hovannisian gibt an, daß 1878 Dreiviertel der Einwohner von “Kars oblast”
(Kars wurde nach der verheerenden Niederlage des osmanischen Reiches 1878
vom Zarenreich einverleibt) Moslems waren. Durch die nachfolgenden Migrati-
onsbewegungen (Armenier Richtung Kars, Moslems Richtung osmanisches
Territorium) sei 1916 der Anteil der Armenier auf 37 % gestiegen.229 (Ich zitiere
ohne Überprüfung der Angaben von Hovannisian).
Die amerikanische King-Crane Kommission, die nach dem ersten Weltkrieg
Pläne für die Aufteilung der Türkei vorbereitete und die Gründung , gibt ihrem
Bericht vom 28.8.1919 den Anteil der Armenier in dem von den Armeniern be-
anspruchten Gebiet vor 1914 und sogar vor 1894 mit “weniger als ein Viertel”
an. In dem selben Bericht wird in den Gebieten die in etwa der heutigen armeni-
schen Republik entsprechen, der Anteil der Moslems mit 40 %, die der Arme-
nier mit 50 % angegeben. 230 Ich zitiere die entsprechende Stelle aus dem Be-
richt:

226
S. R. Sonyel, The Ottoman Armenians. Victims of Great Power Diplomacy. London
1987, S. 228 und: Hans Barth, Türke wehre Dich!, Leipzig 1898, S. 18, Fußnote.
227
Siehe: Justin McCarthy, Muslims and Minorities, New York 1983
228
Justin McCarthy, The Anatolian Armenians, 1912-1922, in: Armenians in the Otto-
man Empire and Modern Turkey (1912-1926), Ankara 1992, Boaziçi Univ., p. 21
229
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 13
230
"King-Crane report on the Near East" in Editor & publisher. [New York, Editor &
Publisher Co., 1922, v. 55, no. 27, 2nd section (Dec. 2) xxviii p. illus. (incl. map), auch
im Internet zugänglich: http://www.hri.org/docs/king-crane/

86
„... Mr. Lynch, in seinem "Armenia," Vol. I, p. 451 [schätzt die Bevölke-
rung wie folgt] „Seine Zahlen für den Zeitraum um das Jahr 1890, für den
russischen Teil des armenischen Plateaus lauten: Armenier: 519,238, Mos-
lems: 459,580, Griechen: 47,76S, Andere: 69,129, Summe: 1,095,710“.

II) Erster Weltkrieg und die Deportation

Die Einordnung der Ereignisse im I. Weltkrieg erfordert einige Hintergrundin-


formationen

A) Erster Weltkrieg: die Ausradierung der Türkei war ver-


einbart

Im I. Weltkrieg ging es um eine Neuaufteilung der Welt. Deutschland, Frank-


reich, England, Rußland waren die Hauptakteure. Aus türkischer Sicht stellte
sich der Krieg ganz anders dar. Die Türkei gehörte nicht zu denen, die die Welt
neuaufteilen wollten, sondern zu den Gebieten, die (aus der Sicht der Groß-
mächte) aufgeteilt werden sollten.
Dies ist unter anderem dokumentiert mit dem (geheimen) Sykes-Picot Über-
einkunft vom 9.5.1916 zwischen England und Frankreich, mit dem die Auftei-
lung der türkischen Gebiete zwischen England, Frankreich und Rußland festge-
legt wurde. Später wurde auch Italien ein Anteil an der als sicher betrachteten
Beute versprochen.231 1915 schrieb der britische Premierminister Asquith, daß
“Konstantinopol russisch werden sollte”.232 Der Sieg der Entente-Mächte hätte
die Ausradierung der Türkei von der Landkarte bedeutet. Am Ende siegten Eng-
land und Frankreich, doch der türkische nationale Widerstand unter der Führung
von Mustafa Kemal Pascha (später Atatürk) verhinderte die Verwirklichung ih-
rer Pläne bezüglich der Türkei.
Dies ist wichtig, um die Haltung der türkischen Öffentlichkeit gegenüber dem
Weltkrieg und im Weltkrieg richtig einzuordnen.. Obschon die Türkei und
Deutschland verbündet waren, waren die Positionen der beiden Länder völlig
unterschiedlich. Die nationale Existenz Deutschlands war zu keinem Zeitpunkt
gefährdet, es ging lediglich um die Frage, ob Deutschland die Vorherrschaft in
Europa würde erringen können oder nicht. Demgegenüber war die Türkei mit
der schwerwiegensten Bedrohung ihrer Geschichte konfrontiert. Es ging um
nichts weniger als sein oder nicht-sein der Türkei.

231
The New Encylopaedia Britannica, Vol. 11, 1985, S. 454
232
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 339

87
B) Gemeinsame Sache mit feindlichen Mächten

Diejenigen, die der osmanischen Regierung vorwerfen, die Vernichtung der


Armenier geplant zu haben, stellen die Sache so dar, als ob die türkische Regie-
rung ohne Not die Deportation der Armenier beschlossen hätte. Es wird
schlichtweg bestritten, daß die armenischen Revolutionäre im I. Weltkrieg im
großem Maßstab Landesverrat begangen und mit offenen bewaffneten Kampf
und Terrorangriffen gegen die Zivilbevölkerung die Feinde unterstützt haben.
Doch gibt es erdrückende Beweise für die Unterstützung der russischen, und der
britischen Armeen durch die armenischen Parteien in der Türkei.
Im I. Weltkrieg mußten die türkischen Armeen an vier Fronten gegen zahlen-
mäßig und waffentechnisch weit überlegene Feinde kämpfen (an der Ostfront
gegen die Russen, an der Südfront gegen die Briten und an der Westfront, d. h.
Dardanellen, gegen die Briten und die Franzosen). Die armenischen Revolutio-
näre trafen noch vor dem Kriegsbeginn Vorbereitungen, um die feindlichen
Armeen an der Ostfront und an der Südfront mit Guerilla-Einheiten zu unter-
stützen.
An der Südfront hatten die Briten ursprünglich eine Landung in der Umge-
bung der heutigen Stadt Iskenderun erwogen: “Die Möglichkeiten von An-
griffsoperationen gegen die Türken wurden von den Briten unter sich bereits im
November 1914 diskutiert, als die Hauptsorge die Verteidigung von Ägypten
und nicht die Entlastung von Rußland gewesen war. Kriegsminister Lord Kit-
chener favorisierte eine Landung in der Buch von Alexandretta (Iskenderun),
womit die türkische Hauptverbindungslinie nach Osten unterbrochen wäre und
wozu im Vergleich mit einem Angriff durch die Meeresengen weniger Truppen
benötigt wurden. ... Am 17. Dezember 1914 wurde Alexandretta [Iskenderun]
von der Marine bombardiert, dies hatte jedoch eine geringe Auswirkung.”233.
Diese Pläne wurden später zu Gunsten eines Angriffs auf die Dardanellen auf-
gegeben, weil der russische Zar persönlich darum bat, daß die Briten und die
Franzosen die Dardanellen angreifen, die Zufahrt zum Schwarzen Meer er-
kämpfen und die bedrängten russischen Truppen entlasten sollten.
Entsprechend zu diesen Überlegungen hatten die armenischen Revolutionäre
bereits 1913 mit den Vorbereitungen begonnen. Es wurden Vorkehrungen ge-
troffen, um insbesondere in der Gegend von Adana und skenderun sowie in
den östlichen Provinzen gemeinsame Sache mit dem Feind zu machen.
In Kairo nahm einer der armenischen Anführer, Boghos Noubar am
12. November 1914 Verbindung mit dem britischen Diplomaten M. Cheetham

233
Encyclopaedia Britannica, 1971, Vol. 23, S. 710.

88
auf und erklärte, daß die armenische Bevölkerung in Kilikien (die Gegend um
Adana und Iskenderun) bereit war, mit bewaffneten Aktionen eine Landung der
Entente-Mächte in der Umgebung von Iskenderun zu unterstützen.234
Doch dann bat der russische Zar die Briten um einen Angriff auf die Darda-
nellen, die Landungspläne in der Bucht von Iskenderun wurden beiseite gelegt,
die Vorbereitungen der armenischen Geheimbünde in der Gegend von Iskende-
run und Adana liefen ins Leere. Dies ist vielleicht der tatsächliche Hintergrund
des berühmten Romans „Die Vierzig Tage von Musa-Dagh“.
Fünf Tage nach der am 1. November 1914 erfolgten Kriegserklärung des za-
ristischen Rußlands gegen die Türkei informierte Blyth Kirby, ein ehemaliger
britischer Vizekonsul in Rostow (Rußland) das Foreign Office, daß die Arme-
nier in der Türkei sich darauf vorbereiteten, mit einem bewaffneten Aufstand
den Russen zu helfen.235
Doch, man muß nicht unbedingt zu den Akten des britischen Foreign Office
greifen. Die Tatsache, daß die armenische revolutionäre Bewegung im I. Welt-
krieg gemeinsame Sache mit dem zaristischen Rußland machten und hinter den
türkischen Linien einen bewaffneten Aufstand machten, ist auch in der Britan-
nica nachzulesen:
“Außerdem, an der kaukasischen Front und in Ostanatolien war die Türkei
durch interne Deserteure bedroht: Man erlaubte den Armeniern aus dem Kauka-
sus unter dem Befehl von General Andranik und Ischkan freiwilligen Regimen-
te zu bilden und mit der russischen Armee zu kämpfen. Anfang 1915 hatten die-
se Regimenter die Rekrutierung von türkischen Armeniern hinter den Linien or-
ganisiert. Dieses führte zu der gewaltsamen Deportation jener Armenier in die
inneren Gebiete der Türkei und Syrien, im Laufe dieses Unterfangens verhun-
gerten sehr viele oder wurden durch türkische Soldaten und Polizei getötet.“236

An anderer Stelle lesen wir: „Während dieser Operationen hatten die Arme-
nier, deren Land gegenüber der russisch-türkischen Grenze lag, ... hinter den
türkischen Linien Unruhen zur Unterstützung der Russen begonnen und die oh-
nehin unzulänglichen Verbindungen der Türken bedroht. Die türkische Regie-
rung beschloß am 11. Juni 1915, die Armenier zu deportieren.“237
Die Aufstände, die von den armenischen Parteien angezettelt wurden, zwan-
gen die türkische Armeeführung, Divisionen, die dringend zur Abwehr der rus-
sischen Offensiven gebraucht wurden, von der Front abzuziehen. Zu diesem

234
FO 371/2146/70404: Cheetham to Gray, 12.11.1914, zitiert nach Sonyel, The Otto-
man Armenians, London 1987, S. 292
235
FO 371/2146/68443: Kirby to FO, 6.11.1914, zitiert nach Sonyel, The Ottoman Ar-
menians, London 1987, S. 291
236
Encyclopaedia Britannica, 1971, Vol. 22, S. 385
237
Encyclopaedia Britannica, 1971, Vol. 23, S. 716

89
Komplex wollen wir den amerikanischen Militärhistoriker Erickson, der sein
Buch über die türkischen Streitkräfte im I. Weltkrieg im Jahre 2000 vorgelegt
hat, ausführlicher zitieren:
„Es ist schwierig, genau herauszufinden, wann und wo genau die Rebellionen
ausbrachen. Viele westlichen Schriftsteller und Historiker haben den Schluß ge-
zogen, daß die Türken selber absichtlich die Revolten provoziert haben, in dem
sie den Armenier nicht mehr zu tolerierende Bedingungen aufzwangen. Dies
schloß Mord, Vergewaltigung und weniger schwerwiegende Erniedrigungen
ein, die zur Provozierung einer armenischen Reaktion dienten. Die Türken
bestreiten das und behaupten bis heute, daß es die Armenier waren, die nach
Sarıkamı238 von den Russen und den Franzosen aufgestachelt, als erste rebel-
lierten.
Tatsächlich brachen bewaffnete Revolten durch Armenier bald aus. Der be-
rühmteste Vorfall war die Besetzung der an einer See gelegenen Stadt Van
durch die Druzhiny, einer armenisch-nationalistischen Bewegung, am 14. April
1915 nach erbitterten Kämpfen. Die Türken reagierten dadurch, daß sie die
Gendarmerie Division von Van in die Stadt beorderten, um die Rebellion zu un-
terdrücken. Es gab erbitterte Kämpfe, während die Türken die Stadt besetzten.
Gleichzeitig begann die russische Armee ihre lang erwartete Offensive in die
Region. ... Die taktische Situation in der Umgebung von Van erschien so kri-
tisch, daß die Türken die 1. Expeditionsarmee umdrigierten, damit sie bei der
Unterdrückung der Rebellion behilflich sein sollte. Zwei Gendarmerie Batallio-
ne, die der 28. Infanteriedivision zugeordnet waren, wurden ebenso von der
Front abgezogen und nach Van geschickt. Die Kämpfe um Van dauerten bis ge-
gen Ende Mai, als die Russen endlich die Belagerung durchbrachen und die
Verteidiger des Stadt befreiten.
Nachdem die aufständischen Armenier in Van mit russischer Hilfe die Stadt
vollends beherrschen konnten (am 17. Mai 1915), wurden alle Moslems, die
nicht hatten flüchten können, getötet. Dies wird auch von Gust zugegeben, der
den Prediger Spörri zitiert:
„Die erbitterten Armenier handelten nicht nach den Verordnungen der Genfer
Konvention, sie ließen vielmehr ihrem Rachedurst freien Lauf. ... Türken, die
etwa noch angetroffen wurden, fanden keine Gnade, sie wurden niedergemacht,
auch wenn sie krank und elend waren.“ 239 An anderer Stelle zitiert Gust die
deutsche Missionsschwester Käthe Ehrhold: „Eine Decke möchten wir breiten
über die ersten Tage der Freiheit, in denen die Schleusen hochgestauter Flut von

238
Sarıkamı war eine der großen Katastrophen des I. Weltkrieges, wo die türkische
Armee an der Ostfront in Folge eines frühen Wintereinbruchs und unzulänglicher
Planung innerhalb weniger Tage mehrere zehntausend Mann verlor, wobei die meisten
erfroren oder verhungerten. Dadurch wurde die türkische Ostfront außerordentlich ge-
schwächt.
239
W. Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 182

90
Bitterkeit und Verzweiflung, von Vergeltungsgier und naturhafter Leidenschaft
sich öffneten und über die Zurückgebliebenen, ihre Alten und Kranken und
fluchtunfähigen Frauen des Türkenvolks sich ergossen. ... Das Gedenken an
diese vollkommen hilfslosen, der Willkür der Sieger preisgegebenen Frauen des
unterlegenen Türkenvolks gehört für uns zum Allerdüstersten aus jener Zeit.“240
Andere armenische Bevölkerungszentren folgten alsbald und über die nächs-
ten mehreren Monate brachen in den Städten Bayburt, Erzurum, Beyazıt, Tor-
tum und Dıyarbakır Revolten aus. Bei den meisten dieser Revolten konnten die
Unterstützung und die Aufstachelung der armenischen nationalistischen Komi-
teen nachgewiesen werden.“241
Erickson stellt in Bezug auf Mai 1915 fest, daß die Pläne zur vollständigen
Deportation der armenischen Bevölkerung erst während des Aufstandes ent-
standen sind: “Offensichtlich hatte sich nun das, was als eine temporäre und
partielle Evakuation der rebellierenden Armenier begonnen hatte, in seiner Phi-
losophie und auch Praxis in eine Massendeportation von eher permanenter Na-
tur gewandelt.”242 Auch diese Feststellungen von Erickson widersprechen der
These von dem „lang gehegten Plan“ zur Vernichtung der Armenier.
Insgesamt schätzt Erickson die Situation, in der die Entscheidung zur Depor-
tation der Armenier gefällt wurde, wie folgt ein: „Auf der höchsten Ebene
scheint es so zu sein, daß Enver Paa und der Generalstab die grundlegende Idee
der gewaltsamen Evakuierung der Armenier als Antwort zu einem militärischen
Problem hervorbrachten, das die Sicherheit der Dritten Armee und deshalb des
Reiches selbst bedrohte. Es ist jenseits aller Fragen, daß die Aktualität der ar-
menischen Revolten in den wichtigsten Städten entlang der östlichen Hauptstra-
ßen und der wichtigsten östlichen Eisenbahnlinien ein signifikantes militäri-
sches Problem im realen Sinne darstellte. Tatsächlich gab es schwerbewaffnete
und organisierte Banden von Armenier, die im Einklang mit ihren russischen
Allierten operierten.”243
Die Unhaltbarkeit der oben zitierten These, daß die Türken die Armenier ab-
sichtlich zur Revolte provoziert hätten, um einen Vorwand für die Unterdrü-
ckung zu haben, wird auch ersichtlich, wenn man die damalige militärische La-
ge der türkischen Streitkräfte vor Augen hält:
An der Ostfront stand die russische Offensive (die dann Anfang Mai 1915 in
zwei Richtungen, Erzurum und Van, begann) unmittelbar bevor. In Mesopota-
mien hatten die Briten im April 1915 eine Offensive begonnen, die bis nach
Bagdad führen sollte. Am 25. April 1915 landeten die britischen und die franzö-
sischen Truppen an den Dardanellen und bedrohten unmittelbar Istanbul, die
damalige Hauptstadt. Erickson selber charakterisiert jene Tage wie folgt: „In

240
W. Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 183
241
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 99
242
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 102
243
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 103

91
1915 gab es für den türkischen Generalstab eine anhaltende Periode der Krise –
sie begann am 25. April und dauerte bis zur Stabilisierung der Fronten im
Herbst 1915. Während dieser Periode befand sich fast jede türkische Division
im Kampf an einer strategischen Stelle, vergleichbar jenem holländischen Jun-
gen, der den Damm mit seinem Finger verschloß. Wörtlich genau in der Mitte
dieses Meeres von miteinander wetteifernden Prioritäten und in einer Position,
die militärischen Lebensadern des Reiches zu unterbrechen, lagen die Armenier,
ein schwer bewaffnetes, feindliches Volk, das sich nun in offener Rebellion be-
fand.“244
Warum sollte die türkische Führung in einer solch verzweifelten Situation
auch noch die Armenier zu einem bewaffneten Aufstand provozieren, den bitter
benötigten Kampfverbänden zusätzliche Aufgaben aufbürden und die eigene
Lage noch unhaltbarer machen? Andersherum wird eher ein Schuh daraus: Die
armenischen Parteien, denen die verzweifelte militärische Lage der Türken sehr
wohl bekannt war, sahen nun das Moment gekommen, in dem sie ihr program-
matisches Ziel eines allgemeinen Aufstandes verwirklichen konnten. Schließ-
lich hatten die Huntschakisten bereits 1887 in ihrem Programm erklärt: “Die
günstigste Zeit um einen allgemeinen Aufstand zu beginnen, um das unmittel-
bare Ziel zu erreichen, sollte sein, wenn die Türkei sich in einem Krieg be-
fand“.245

C) Ein britischer Autor schreibt 1916:

C. F. Dixon-Johnson veröffentlichte 1916, also während sein Land an drei


Fronten einen Krieg gegen die Türkei führte, eine Broschüre, mit der er gegen
das Kriegspropaganda seiner Regierung entgegentrat.
“Es ist offensichtlich, daß die türkischen Verantwortlichen, die für die Sicher-
heit ihrer Verbindungslinien sorgen mußten, keine andere Wahl hatten, als die
Entfernung ihrer rebellischen Untertanen in ein Gebiet, das vom Ort der Feind-
lichkeiten entfernt ist und diese dort zu internieren. Der Vollzug dieser absolut
notwendigen Maßnahme hat zu weiteren Aufständen von Seiten der Armenier
geführt. Die übriggebliebenen Moslems waren fast schutzlos, da sich die regulä-
ren Garnisonen und der größere Teil der Polizei und alle waffenfähigen Männer
an der Front befanden. Bereits durch die Berichte der Greueltaten der Aufstän-
dischen in Van erzürnt und in Angst und Sorge um das Leben ihrer Angehöri-

244
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S 101
245
Louise Nalbandian, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963, S.
111. Der gleiche Zitat in der original Sprache: „The most opportune time to institute the
general rebellion for carrying out the immediate objective was when Turkey was en-
gaged in a war.”

92
gen, wurden sie, wie es in solchen Fällen unvermeidlich passiert, wurden sie in
Panik und Rache getrieben. Die Unschuldigen litten mit den Schuldigen.”246
Wie in Guerilla-Kriegen oft zu beobachten, konnten relativ wenige bewaffne-
te Partisanen ganze Dörfer zum Aufstand gegen die Regierung zwingen, auch
wenn die Dorfbewohner eigentlich nicht mit machen wollten. Das Ziel der Par-
tisanen war ja nicht, die armenischen Bauern zu retten, sondern durch Anzette-
lung möglichst zahlreicher Aufstände hinter der Front die kämpfende Truppe zu
schwächen und so den Weg für die russischen Armeen zu ebnen. Das Schicksal
der Bauern war ihnen egal. So schreibt zum Beispiel Gust: “»Erst wollten die
Dorfleute treu auf Seiten der Regierung bleiben«, berichtete die Schweizer
Schwester Beatrice Rohner, ... , aber dann hätten sich »Revolutionäre und De-
serteure von Zeitun und der ganzen Gegend dort gesammelt«. Als die bewaffne-
ten Armenier drohten, »alle ihre Landsleute niederzuschießen, die nicht ihre
Partei ergriffen« seien die Bewohner weiterer Dörfer hinzugekommen und es
habe einen Tag lang Gefechte mit türkischen Truppen gegeben. Am 6. August
mußte sich das Dorf ergeben, »und dann begann das furchtbare Morden, bei
dem weder Frauen noch Kinder verschont wurden.«“247

D) Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst

Nach dem Sieg der Allierten im I. Weltkrieg wurde Istanbul durch die Allier-
ten besetzt. Der Leiter des britischen Geheimdienstes (Secret Service) in Istan-
bul, John Bennett, berichtet in seinen Memoiren, wie die Daschnak-Partei wäh-
rend des Krieges durch Spionage und sonstige verdeckte Operationen die Allier-
ten unterstützten und er deswegen der Daschnak Partei zu Dank verpflichtet
war.248

E) Armenische Autoren zur Unterstützung der Russen durch


die armenischen Revolutionäre

Ich zitiere, sozuzagen als Kronzeugen, einen nationalistischen armenischen


Autor (K. S. Papazian), der 1934 in den USA über den Lauf der Ereignisse am
Vorabend der Katastrophe folgende Feststellungen traf:

246
C. F. Dixon-Johnson. The Armenians. Northgate, Blackburn, 1916, S. 48, zitiert
nach T. Ataöv, A British Source (1916) on the Armenian Question, Ankara, 1992, S.
14 f.
247
Gust, Wolfgang, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 185
248
John Bennett, Witness, Turnstone Press Limited, 1983, S. 23

93
“Als der Weltkrieg in Europa ausgebrochen war, begannen die Türken fieber-
hafte Vorbereitungen, um einen Schulterschluß mit den Deutschen zu erreichen.
Im August 1914 baten die Türken den Daschnak-Kongreß, der damals in Erzu-
rum tagte, ihre alte Übereinkunft zu verwirklichen und unter den Armeniern des
Kaukasus einen Aufstand gegen die Russen zu beginnen. Die Daschnakisten
lehnten dies ab und gaben die Zusicherung, daß sie im Falle eines Krieges zwi-
schen Rußland und der Türkei die Türkei als loyale Bürger unterstützen würden.
Auf der anderen Seite lehnten sie eine Verantwortung für die russischen Arme-
nier ab.
Die Türken waren nicht befriedigt. Sie verdächtigten sie eines Doppelspiels.
Das war vielleicht nicht zutreffend, denn die Antwort, die den Türken gegeben
worden war, basierte auf einer Entschließung, die von dem Kongreß angenom-
men worden war. Es bleibt jedoch die Tatsache, daß die Führer der tür-
kisch-armenischen Sektion der Daschnakisten ihr Versprechen der Loyali-
tät zur türkischen Sache im Falle eines Kriegseintritts der Türkei nicht
gehalten hat. Die Daschnakisten in Kaukasus behielten die Oberhand. Sie
wurden in ihren Aktionen durch die Interessen der russischen Regierung
beherrscht und ignorierten völlig die politischen Gefahren, die der Krieg
für die Armenier in der Türkei heraufbeschworen hatte. Besonnenheit
wurde in den Wind geschlagen, selbst die Entscheidung ihres eigenen Kon-
gresses in Erzurum wurde vergessen, und es wurde ein Aufruf für armeni-
sche Freiwillige produziert, um an der kaukasischen Front gegen die Tür-
ken zu kämpfen....
[...] Auf der anderen Seite waren die Methoden, die die Daschnakisten bei der
Rekrutierung dieser Regimenter benutzten so offen und eklatant, daß sie der
Aufmerksamkeit der türkischen Verantwortlichen, die einen Vorwand suchten,
um ihr Programm der Auslöschung der christlichen Bevölkerung auszuführen,
das sie bereits 1911 beschlossen hatten, nicht entgehen konnten.
Zahlreiche Armenier glauben, daß das Schicksal der Armenier in der Türkei
nicht mit so einem Desaster konfrontiert wäre, wenn die Daschnak-Führer wäh-
rend des Krieges mehr Besonnenheit hätten walten lassen. Ein Beispiel: Der
Daschnak-Führer Armen Garo 249, der zugleich ein Abgeordneter des türkischen
Parlaments war, war in die Kaukasus geflohen, wo er bei der Organisierung von
Freiwilligenregimenter, die gegen die Türken kämpfen sollten, aktiv mitwirkte.

249
Armen Garo ist der revolutionäre Deckname von Karekin Pasdermadjian (auf tür-
kisch: Pastırmacıyan), Abgeordneter des osmanischen Parlaments für die Provinz Erzu-
rum. (siehe Sonyel, The Ottoman Armenians, S. 290). Armen Garo war im übrigen ei-
ned der „Helden“ des Überfalls auf die osmanische Bank in Istanbul, 1896, wie Papazi-
an bemerkt.

94
Sein Bild in Uniform wurde in den Daschnak-Zeitungen weit und breit publi-
ziert.“250
(Wegen der Bedeutung dieses Berichtes steht die entsprechende Stelle im An-
hang in der Originalsprache zur Verfügung.)
Wie man sieht, ist auch der armenische Autor Papazian der Ansicht, daß die
Daschnakisten ihr Loyalitätsversprechen gegenüber der Türkei brachen und im
I. Weltkrieg entsprechend den Interessen Rußlands einen bewaffneten Kampf
gegen die Türken führten. Papazian bemerkt weiterhin, daß viele Armenier die
Daschnak Führer für das Schicksal der Armenier im I. Weltkrieg als verantwort-
lich betrachten. Keine Rede davon, daß die Türken die Armenier zur Rebellion
provoziert hätten! Im Gegenteil, laut Papazian haben die Türken ein Angebot
zum gemeinsamen Vorgehen gemacht, dieser Vorschlag wurde jedoch von der
Daschnak-Partei abgelehnt. Das Versprechen der Loyalität, das mit dieser Ab-
lehnung verknüpft war, wurde später, laut Papazian, wegen des Überwiegens
der russischen Interessen, gebrochen.
Auch Wolfgang Gust berichtet detailliert über die Verhandlungen zwischen
den Vertretern der türkischen Regierung und der Führung der Daschnak-Partei
im August 1914 in Erzurum sowie über die Unterstützung der Russen durch ar-
menische Partisanen. Nach seinen Angaben dienten die Armenier den russi-
schen Truppen als Vorhut und auch als Wegführer. 251
Auch der führende armenische Historiker Hovannisian schildert die Begeg-
nung der Vertreter der „Ittihat ve Terakki“ (die Partei der Jungtürken) mit den
Vertretern der Daschakisten und gibt mehr Einzelheiten über die Angebote der
Türken an (ein autonomer armenischer Staat, bestehend aus Russisch-Armenien
und mehreren Sancak’s 252 der Provinzen Erzurum, Van und Bitlis) Er gibt die
Namen der türkischen und der armenischen Unterhändler an, berichtet aller-
dings, daß die türkische Delegation, bestehend aus drei Personen, erst nach der
Beendigung des Kongresses der Daschnakisten ankam und mit einer von dem
Kongreß bestimmten Verhandlungsdelegation verhandelte, die aus drei Perso-
nen bestand. Der Verlauf und das Ergebnis stimmt mit der Schilderung von Pa-
pazian überein.253
Auch die weiteren Ausführungen von Hovannisian bestätigen sowohl die An-
gaben zum Verlauf der Ereignisse wie auch die Einschätzung von Papazian
weitgehend: Er schreibt: “Die armenische Antwort, die von einigen als beson-
nen betrachtet wurde, wurde von anderen als ein Beitrag zu der folgenden nati-

250
K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934, S. 37-39, Hervorhebungen von mir. A. S.
251
Wolfgang Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S.157 f
252
Türkische Verwaltungseinheit unterhalb der Provinz (vilayet). Der Verfasser.
253
Dies und die weiteren Verweise bzw. Zitate: Richard G. Hovannisian, Armenia on
the Road to Independence 1918, Berkeley, Los Angeles, London, 1967, S. 42 ff.

95
onalen Katastrophe beurteilt.” Er beschreibt dann die Schritte, die von den füh-
renden Männern der armenischen Gemeinde in der Türkei unternommen wur-
den, um doch noch das Vertrauen der türkischen Regierung zu gewinnen (der
Patriarch ließ Gottesdienste durchführen, bei denen für den Sieg der osmani-
schen Heimat gebetet wurde, es wurden Zeitungsartikel in der selben Richtung
veröffentlicht, persönliche Freundschaften mit den Anführern der “Ittihad ve
Terakki” (die damals regierende Partei), Enver und Talat wurden ebenfalls be-
müht. Es folgt die folgende Aussage: “Obwohl die meisten Armenier gegenüber
der osmanischen Regierung eine korrekte Einstellung erwiesen, kann man mit
einiger Substanz behaupten, daß die Manifestationen der Loyalität unaufrichtig
waren 254, denn die Sympathien der meisten Armenier auf der ganzen Welt lagen
bei den Entente–Mächten, nicht bei den Zentralmächten255. Im Herbst 1914256
waren mehrere prominente osmanische Armenier, darunter auch ein ehemaliges
Parlamentsmitglied, insgeheim über die Grenze nach Kaukasus gegangen, um
mit den russischen Militärbehörden zu kooperieren. Solche Schritte lieferten
dem Ittihadisten–Triumvirat den gewünschten Vorwand, um das armenische
Problem auszumerzen und das rassische Haupthindernis zwischen den Turkvöl-
kern der Osmanen und des russischen Reiches zu beseitigen.”257 Wie man sieht,
bestätigt Hovannisian die Angaben von Papazian vollständig. Auch seine Be-
wertung der Vorgänge ist sehr ähnlich bis gleichlautend. Lediglich die aus-
drückliche Schuldzuweisung an die Adresse der Daschnakpartei fehlt.258
Eine weitere Anmerkung sei gestattet: Taner Akçam schreibt hierzu in einer
Fußnote: “In vielen Werken wird angeführt, daß die Vertreter der ttihat ve Te-
rakki nach Erzurum gegangen waren, um mit den Daschnak–Führern Gespräche
zu führen. Es war jedoch ein Zufall, daß der Kongreß zu der Zeit abgehalten
wurde. Der eigentliche Grund für die Reise in den Osten war der Aufbau der
Tekilat–ı Mahsusa und die Vernichtung der Daschnak–Führer.” 259 Woher

254
Bei dieser Einschätzung geht Hovannisian sogar weiter als Papazian, der ja den
türkischen Vorwurf des Doppelspiels nicht akzeptiert. Der Verfasser.
255
Gemeint sind Deutschland, Österreich und Italien, d.h. die Bündispartner des osma-
nischen Reiches. Die soganannten „Achsenmächte”. Der Verfasser.
256
Das heißt, mehrere Monate bevor die Entscheidung für die Deportationen fiel. Der
Verfasser.
257
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 42
258
Diese Angaben, die den Behauptungen der Autoren wie Akçam widersprechen, die
Türken hätten eine “Dolchstoßlegende” erfunden, um die Armenier zu vernichten, ist
vielleicht der Grund dafür, warum dieses Werk von Hovannisian z. B. in der Bibliothek
des „Instituts für Diaspora- und Genozidforschung“ (ein An-Institut der Ruhr
Universität Bochum) nicht zur Verfügung stand (von Papazian, Hamlin, Herbert usw.
natürlich ganz zu schweigen), obwohl alle sonstigen Werke von Hovannisian da waren.
259
Akçam, Taner, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die tür-
kische Nationalbewegung. Hamburger Edition, 1996., S. 379, Anmerkung 19.

96
Akçam diese Hintergrundinformationen bezieht, mit denen er sogar Hovannisi-
an berichtigt, hat er leider nicht verraten.
Weiter unten eine Bemerkung Hovannisians mit der selben Stoßrichtung:
„Die meisten Armenier benötigten kaum einen Anstoß. Noch bevor die endgül-
tige Entscheidung260 erreicht war, hatten sich die Freiwilligen in jedem Teil von
Transkaukasien versammelt. Doch der Enthusiasmus der nationalen Führer war
nicht einstimmig. Denn, es gab „Rufer in der Wüste“, die sich erfolgslos be-
mühten, die Armenier von Transkaukasien zu überzeugen, wie schädlich mögli-
chen Konsequenzen sein könnten. Es ist wert, vermerkt zu werden, daß Hov-
hannes Kachaznuni und Simon Vratzian, jeweils der erste und der letzte Minis-
terpräsident der zukünftigen Republik, die da warnten, daß die in der Türkei
herrschenden Ittihad Führer die Existenz von Freiwilligeneinheiten, die teilwei-
se aus früheren osmanischen Untertanen bestanden, als Gerechtfertigung für
gewaltsame Methoden gegen die türkischen Armenier benützen würden.“261 Es
wird somit bestätigt, daß türkische Armenier als Freiwillige auf der Seite der
russischen Armee mitkämpften und daß dies lange vor der Entscheidung zur
Deportation begann.
Weiter lesen wir: „Die militärische Rolle der Freiwilligen war, deren Zahl im
Vergleich zu der Gesamtstärke der russischen Streitkräfte an der Kaukasusfront
unwesentlich war, war primär die russischen Armeen über das zerklüftete Hoch-
land zu führen, als Kundschafter zu dienen und die gefährliche Aufgabe der
Vorhut zu erfüllen. Die erste Gruppe, über 1.000 Mann, wurde von Andranik,
einem erfahrenen Revolutionär, der an den Balkankriegen als Kommandeur ei-
ner armenischen Einheit in der bulgarischen Armee teilgenommen hatte.
Andranik’s Einheit stieß zu den russischen Kräften in Nord Persien, während
die anderen drei gegen die türkische Grenze vorrückten. Dro, assistiert von dem
ehemaligen Mitglied des osmanischen Parlaments Armen Garo, befehligte die
zweite Gruppe, die über die Provinzen von Idır und Erivan vorrückend, für ei-
ne Offensive gegen Van Stellung bezog. Die dritte und die vierte Gruppe, die
von Hamazasp und Keri befehligt wurden, bezogen vorgeschobene Stellungen
entlang der westlichen Grenze von Kars oblast, von Sarıkamı nach Oltu. Als
die türkischen Kriegsschiffe im Oktober die russische Küste bombardierten, wa-
ren die armenischen Freiwillige bereits ausgerüstet und bereit, die Grenzen des
osmanischen Reiches zu verletzen.“262

260
Gemeint sind die Verhandlungen zwischen dem Baron Vorontsov-Dashkov, als Ver-
treter des Zaren und Vertretern der Armenier in Rußland über die Modalitäten des ge-
meinsamen Krieges gegen die Türkei. Der Verfasser.
261
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 44
262
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 44

97
Diese materiellen Kriegsvorbereitungen, über die die türkische Regierung na-
türlich unterrichtet war, wurden von lauten und eindeutigen Absichtserklärun-
gen begleitet: Als der Zar Nicholas persönlich in Kaukasien erschien, um bei
einer Zusammenkunft mit den Vertretern der Armenier den unheilvollen Pakt
zwischen Rußland und den armenischen Revolutionären zum gemeinsamen
Kampf gegen die Türkei zu besiegeln, erklärte Samson Harutunian, Vorsitzen-
der des Nationalbüros:
„Armenier aus allen Ländern beeilen sich, um ihren Platz in den Reihen der
glorreichen russischen Armee einzunehmen und mit ihrem Blut dem Sieg der
russischen Waffen zu dienen... Laßt die russische Fahne frei über die Dardanel-
len und Bosporus wehen. Lassen Sie, große Majestät, mit Ihrem Willen die
Völker, die unter dem türkischen Joch verblieben sind, die Freiheit erhalten.
Laßt das armenische Volk der Türkei, das wegen seines Glaubens an den wie-
dererstandenen Christus gelitten hat, zu einem neuen freien Leben unter der
Protektion Rußlands führen.“263 Hovannisian bemerkt an dieser Stelle, daß die-
jenigen, die noch vor zehn Jahren den Zaren verwünscht hatten, nun vor ihm
knieten und sich zum russischen Triumpf aufopfern wollten.
So erklärte der armenische Catholicos Gevorg V, [in seiner Eigenschaft als
geistlicher Oberhaupt aller Armenier in Rußland]264: „Die Erlösung der türki-
schen Armenier ist nur möglich, wenn sie endgültig von der türkischen Herr-
schaft befreit werden und wenn ein autonomes Armenien unter der kraftvollem
Schutz eines großen Rußlands geschaffen wird.“265 Zar Nicholas antwortete mit
einem Versprechen: „Sagen Sie Ihrer Herde, heiliger Vater, daß die hellste Zu-
kunft die Armenier erwartet!“266
Hovannisian liefert den Lesern und Leserinnen weitere detaillierte Informati-
onen, die verdeutlichen, wie sehr im Dezember 1914, kurz vor Weihnachten,
die Entscheidung an der Ostfront, bei der es um die Existenz der Türkei ging,
buchstäblich “auf Messersschneide” stand, mit anderen Worten, wie ausschlag-
gebend die Unterstützung durch zahlenmäßig kleinen, aber über genaue Gelän-
de- und Ortskenntnisse und über Unterstützung durch Teile der örtlichen Arme-
nier verfügende Gruppen von Kundschaftern und Kämpfern sein konnten:
“Während der Zar und die Armenier in Transkaukasien sich gegenseitig be-
schworen, fuhr Enver Paa nach Erzurum, zum Hauptquartier der Dritten Armee
und ging dann im Dezember 1914 weiter an die Frontlinie, um die Operationen
gegen Kaukasien persönlich zu befehligen. Seine Strategie bestand darin, die
russischen Kräfte zu umgehen, ihre Verbindungslinie mit ihrem Hauptstütz-

263
aaO. S. 45
264
Meine Anmerkung. Der Verfasser.
265
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 45
266
aaO. S. 45

98
punkt in Kars zu unterbrechen und das Territorium, das 1878 an Rußland verlo-
ren war, zurückzugewinnen. Die Besetzung von Kars, Ardahan und Batum
würde die geplante Revolte der kaukasischen Moslems gegen die Russen er-
leichtern und den Weg nach Tiflis und darüberhinaus öffnen. Um dieses Ziel zu
verwirklichen, sollte der XI. Corps der Dritten Armee, zusammen mit kurdi-
schen Airets [d. h. etwa Stämmen], frontal die Hauptgrenzfestung, Sarıkamı
angreifen. Gleichzeitig sollte der IX. Corps, sich über Barduz bewegend, die
russischen Positionen von hinten angreifen, während der X. Corps die Grenze
bei Olti überqueren und gegen Ardahan und Kars vorrücken, die Eisenbahnlinie
mit Sarıkamı unterbrechen und an dem Umgehungsmanöver teilnehmen sollte.
Der Zeitpunkt für eine solche Operation erschien verheißungsvoll, den das rus-
sische Oberkommando hatte die erfahrensten Divisionen aus Transkaukasien an
die damals gefährdete Front in Europa transferiert.
Der türkische Angriff begann am 22. Dezember und fünf Tage später, hatten
Enver’s Streitkräfte, trotz schwerer Verluste die Eisenbahnlinie zwischen Kars
und Sarıkamı unterbrochen und die letztere Stadt fast eingekesselt. Der russi-
sche Befehlshaber, General Myshlaevskii, befürchtete die vollständige Vernich-
tung der kaukasischen Armee und floh nach Tiflis und gab Befehl zum voll-
ständigen Rückzug. Der Umstand, daß mehrere andere russische Generäle sich
weigerten, diesem Befehl zu folgen, war letzlich ein glücklicher Umstand für
die russischen Kriegsanstrengungen. In den letzten Tagen kämpften die feindli-
chen Armeen in harten Schlachten um Sarıkamı. Mit fast der Hälfte seiner Ar-
mee als Verlust gemeldet, war sich des Sieges immer noch sicher und plante
seine Strategie, um die große Festung Kars zu nehmen und danach Tiflis zu be-
setzen.
Enver scheiterte, obwohl seine Einschätzung der russischen Armee als
schlecht organisiert und unerfahren teilweise begründet war, da er keine Vor-
kehrungen gegen den harten Winter des armenischen Hochlandes traf. Die un-
genügend uniformierten und ausgerüsteten türkischen Soldaten vielen massen-
weise der Frost zum Opfer.“267
Unter solchen Umständen, als alles an einem seidenen Faden hing, kann man
sich vorstellen, wie gefährlich kleine Gruppen von bewaffneten ortskundigen

267
aaO., S. 45 f.

99
Gruppen, die zudem über Unterstützung bei einem Teil der Bevölkerung ver-
fügten, werden könnten. Wenn man sich den Verlauf der Kämpfe der türkischen
Streitkräfte im I. Weltkrieg näher ansieht, kann man erkennen, daß ständig sol-
che Situationen „auf Messersschneide“ vorherrschten.

Wir fassen zusammen: Der von den armenischen Parteien angezettelte be-
waffnete Aufstand hatte die türkischen Streitkräfte, die das Land ohnehin gegen
technisch weit überlegenere Armeen verteidigen mußten, in eine sehr kritische
Lage gebracht. Weil im Zuge der Generalmobilmachung alle waffenfähigen
Männer eingezogen waren, waren die türkischen Dörfer schutzlos den Angriffen
der armenischen Guerilla ausgeliefert, die mit äußersten Grausamkeit (die Bei-
spiele, die weiter oben unter der Überschrift “bestialische Verbrechen” ange-
führt wurden, mögen eine Vorstellung geben), gegen die wehrlosen Menschen
vorgingen. Ebenso wurde der Nachschub der türkischen Armeen an der Ostfront
durch ständige Angriffe der Guerilla gefährdet.

Die wichtigsten lokalen Aufstände der armenischen Revolutionäre waren in


Van, in Zeitun, in ebin Karahisar, in Urfa und in der Gegen um Adana. Wenn
man diese Aufstände als eigenständige Aktionen der örtlichen Armenier deuten
will, ergeben sie kaum einen Sinn. Denn mit Ausnahme von Van waren alle
völlig hoffnungslose Versuche, die zum scheitern verurteilt waren. Doch: wenn
man diese Aktionen aus der Sicht der Entente-Mächte betrachtet, waren sie sehr
wohl vom praktischem Wert: Sie dienten dazu, die türkischen Kräfte, die sonst
an den Fronten eingesetzt würden, zu binden. Es gibt genügend Hinweise dar-
auf, wie die armenischen Agenten ihre eigenen Landsleute zu diesen Aktionen
zwangen. Selbst Gust, ein entschiedener Vertreter der Völkermord-These, lie-
fert Beispiele für diesen Umstand.268

F) Der Beschluß zur Deportation der armenischen Bevölke-


rung

Da die Niederlage der türkischen Streitkräfte die sichere Vernichtung der


Türkei und die Ermordung eines großen Teils ihrer Bevölkerung bedeutet hätte
(wie dies zuvor Millionen von Moslems auf dem Balkan und in den kaukasi-
schen Provinzen des osmanischen Reiches widerfahren war: Auf dem Balkan
und in Südrussland wurden in dem Zeitraum 1821-1922 nach Berechnungen ei-
nes amerikanischen Wissenschaftlers mehr als 5 (fünf) Millionen Moslems er-

268
Gust, Wolfgang, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 185

100
mordet, mehr als 5 Millionen wurden von den Christen vertrieben, die Jahrhun-
derte lang unter der türkischen Herrschaft ihre Religion frei ausüben und ihre
Kultur bewahren konnten.269 ), befahl die türkische Regierung im Frühjahr
1915, die zwangsweise Deportierung der armenischen Bevölkerung aus den
kleinasiatischen Provinzen in die südlichen Provinzen. Die armenische Bevöl-
kerung in den Provinzen zmir, stanbul und Edirne sowie alle Armenier, die im
Staatsdienst standen, die armenischen Offiziere und ihre Familien sowie die
Armenier, die als Mediziner dienten, waren von der Deportation ausgenommen.

Wer aus heutiger Sicht den Deportationsbeschluß der türkischen Regierung


beurteilen will, sollte bedenken, daß damals die Existenz der ganzen Nation an
einem seidenen Faden hing.

Zum Vergleich: als die USA im zweiten Weltkrieg von den Japanern ange-
griffen wurden, beschloß die amerikanische Regierung 1942, die gesamte japa-
nisch-stämmige Bevölkerung (ca. 120.000 Menschen) an der Westküste der
USA ins Landesinnere zu deportieren. Im Zuge dieser zwangsweisen Deportati-
on kamen tausende der Betroffenen ums Leben, tausende verloren ihr Hab und
Gut.

Die Bedrohung, die der I. Weltkrieg für die Türkei darstellte war eine ganz
andere, als die Bedrohung, die der II. Weltkrieg für die USA darstellte. Eine
Gegenüberstellung der Toten verdeutlicht dies. Die USA hatten im II. Weltkrieg
insgesamt 259.000 Tote zu beklagen270 wobei es sich nur um Militärpersonal
handelte, zivile Opfer gab es so gut wie keine. Demgegenüber hatten die türki-
schen Streitkräfte im I. Weltkrieg fast dreimal soviel Tote (710.357)271 Hinzu
kamen 2,5 Millionen Todesopfer unter der islamischen Zivilbevölkerung. Da-
bei hatten die USA 1942 mehr als 134 Millionen Einwohner, die Türkei hinge-
gen 1915 ca. 24 Millionen.272 Eine weitere Zahl zur Einordnung der amerikani-
schen Opfer im II. Weltkrieg: In den Jahren 1942-1945 betrug die Zahl der To-
ten im Straßenverkehr in den USA insgesamt 99,684 Personen.273 Mit anderen
Worten, die Verluste an Menschenleben im II. Weltkrieg waren lediglich etwa
2,5 mal so groß wie die Verluste im Straßenverkehr in dem gleichen Zeitraum!

Die feindlichen japanischen Streitkräfte befanden sich in mindestens 2000 km


Entfernung zu den USA, zudem hatten sich die japanisch-stämmigen US Bürger
völlig loyal verhalten, es gab nicht den geringsten Hinweis für Aufruhr oder Zu-

269
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 1
270
dtv Lexikon, 1977, Band 20, S. 30
271
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 211
272
siehe z. B.: http://www.library.uu.nl/wesp/populstat/populframe.html
273
Siehe z. B. http://www.fhwa.dot.gov/ohim/summary95/fi200.pdf

101
sammenarbeit mit dem Feind. Trotzdem sah es die US Regierung als erforder-
lich, die japanisch-stämmigen US-Bürger zu deportieren.

Kann man der türkischen Regierung, die weit überlegenen Feinden auf eige-
nem Boden gegenüberstand und mit einem ausgedehnten bewaffneten Aufstand
konfrontiert war, vorwerfen, daß sie zu diesem Mittel griff?

G) Zum Verlauf des I. Weltkrieges in Ostanatolien

Um sich eine Vorstellung über die gegenseitige Massakrierung der Muslims


und der Armenier in Ostanatolien in den Jahren 1914-1917 machen zu können,
muß man den Verlauf des Krieges und der damit verbundenen Flüchtlingsströ-
me in dieser Region zumindestens in groben Zügen kennen. Ich versuche hier
eine Zusammenfassung, wobei ich den sechsten Kapitel „The Final War in the
East“ aus dem Buch von Justin McCarthy leicht gekürzt referiere.274
„Der Krieg in Osten begann am 2.11.1914, als die russischen Kräfte Richtung
Süden marschierten, um die Grenzregionen Bayazıt, Diyadin und Karakilise zu
besetzen. Sie wurden am Ende des Monats zum Rückzug gezwungen und eine
kleine osmanische Streitmacht, die in der Nähe von Batum angriff, war auch er-
folglos. Die katastrophale Kaukasus-Invasion Enver Pascha’s begann spät im
Dezember 1914. Etwa Mitte Januar 1915 war die osmanische Expeditionstreit-
macht geschlagen und hatte dreiviertel der Männer verloren. Die osmanischen
Verluste hatten den Weg nach Anatolien freigemacht. Die Russen rückten im
Frühjahr in den Süden vor. Relativ wenige Truppen standen ihnen gegenüber.
Am 13. und 14. April 1915 besetzten die armenischen Revolutionäre die Stadt
Van und hielten die Stadt gegen belagernde osmanische Truppen, die schnell
aus Bitlis und von der russischen Front herbeigeeilt waren. W. Gust berichtet,
daß die Armenier in Van sich gut auf diesen Aufstand vorbereitet hatten und
zitiert die deutsche Missionsschwester Käthe Ehrhold, die sich damals in Van
befand: “Wie durch einen Zauber waren die armenischen Viertel über Nacht in
einen modernen Kampfplatz mit Schützengräben, Hauptquartier, Munitionsla-
ger und Lazarett umgewandelt.”275 Auch dieser Umstand beweist, daß der Auf-
stand von langer Hand vorbereitet worden war.
Die Russen nutzten die Revolte aus und schickten gegen die leicht besetzte
osmanische Front eine Streitmacht, die aus armenischen Freiwilligen (etwa
4.000 Armenier, in der Hauptsache aus dem Kaukasus), armenische Guerilla-
Einheiten (aus dem Kaukasus und aus Anatolien) und eine Kosaken-Brigade.
Gegen Mitte Mai hatten ihre Kräfte Van erreicht und bedrohten Bitlis. Als die

274
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 179 ff.
275
W. Gust, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 178

102
osmanischen Kräfte, die Van belagerten, sich zurückzogen, um Bitlis zu vertei-
digen, betraten die Russen Van (am 31. Mai 1915). Sie wurden von der lokalen
einheimischen Bevölkerung frenetisch begrüßt. Jedoch hatten die Osmanen En-
de Juli starke Kräfte herbeigeholt und vertrieben die Russen und die Armenier
aus Van und Umgebung. Sie gaben Van auf und zogen sich nach Norden zu-
rück, wobei die gesamte armenische Bevölkerung des besetzten Gebietes ihnen
folgte.
Die Osmanen waren nicht in der Lage, weit vorzugehen und konnten nur ei-
nen Teil der des Gebietes um Van See kontrollieren (d. h. Malazgirt, Ahlat und
die südliche Küste des Sees). Die Osmanen besetzten das, was von der Stadt
Van übrig geblieben war. Die Situation stagnierte in den restlichen Monaten des
Jahres 1915.
Während des ersten Kriegsjahres waren die Osmanen überall in Ostanatolien
mit armenischen Revolten beschäftigt. Nur der Aufstand in Van war erfolgreich,
doch die anderen Revolten führten zu großen Menschenverlusten und fügten
den osmanischen Kriegsbemühungen einen signifikaten Schaden zu. Die Arme-
nier von Zeytun, die unter der osmanischen Macht immer aufsässig waren, re-
voltierten im August 1914, noch bevor der Krieg begann, hauptsächlich als Pro-
test gegen die Rekrutierung. Ihr ursprünglicher Aufstand wurde unterdrückt,
doch begann im Dezember wieder mit Attacken gegen osmanische Gendarme-
rie. Von da an, bis die Deportation die Revolte beendete, führten die Armenier
aus Zeytun einen Guerilla-Krieg gegen die Osmanen. Im Juni 1915 wurde die
Stadt Kara Hisar-ı ark durch die armenischen Revolutionäre besetzt. Sie wur-
den rasch aus den meisten Teilen der Stadt vertrieben, hielten jedoch die Zita-
delle gegen die osmanischen Truppen. Da die Armenier rasch geschlagen wur-
den, wurden wenige Moslems getötet. Doch armenische Banden auf dem fla-
chen Lande in der Nähe von Kara Hisar attackierten und töteten moslemische
Bauern. Armenische Banden und lokale armenische Revolutionäre rebellierten
in Urfa am 29. September 1915. Der armenische Stadtviertel der Stadt wurde
besetzt und gegen lokale Gendarmerie verteidigt. Moslem-Häuser wurden ver-
brannt und islamische Zivilisten wurden getötet. Bei Aufstand von Urfa war es
notwendig, osmanische Truppen in die Stadt zu schicken, um die Rebellen, die
mit Maschinengewehren bewaffnet waren, niederzuwerfen. Nach der Nieder-
schlagung wurden 2.000 Armenier aus Urfa unter schwerer Bewachung nach
Mosul geschickt.
Die Aufstände in den östlichen Städten fanden in den ländlichen Gebieten des
osmanischen Ostens ihren Echo. Armenische Revolutionäre attackierten Mos-
lem Dörfer und umgekehrt wurden die armenischen Dörfer vorwiegend von den
Kurden angegriffen.
Um Januar 1916 rückte die russische Armee vor und schlug die Osmanen. Am
19. Januar waren sie in der Nähe von Erzurum, die Stadt fiel am 16. Februar den
Russen zu. Mu wurde am selben Tag besetzt, Bitlis am 3. März. An der
Schwarzmeer-Küste nahmen die Russen Rize am 8.3.1916, wobei ihre Vorherr-
103
schaft auf dem Schwarzenmeer die Sache ihnen erheblich erleichterte. Die Os-
manen waren gezwungen Trabzon am 16. April zu räumen. Um Juli rückten die
Russen weiter vor und besetzten Bayburt am 17. Juli und Erzincan am 25. Juli.
276
...
Es gibt keinen Zweifel darüber, daß die russische Revolution die Osmanen im
Osten rettete. Nach der Februar Revolution 1917 hatten einige russische Trup-
pen bereits begonnen, zu desertieren; die Oktober-Revolution und der Erfolg
der Bolschewiki in Petrograd führte zu einem faktischen Ende der russischen
Armee in Anatolien. Die russischen Offiziere in Kaukasus und Ostanatolien hat-
ten nur noch Einheiten, die aus Offizieren und aus nicht-russischen Kaukasiern,
im wesentlichen aus Armeniern bestanden.
Während 1917 wurden die osmanischen Armeen im Osten umgruppiert. 1918
griffen sie an und hatten Ende März die Gebiete zurückgewonnen, die sie seit
1914 verloren hatten. Sie kämpften gegen armenische Kräfte, deren Offiziere
aus Russen und Armeniern bestanden und gegen armenische Guerilla-Kräfte.
Um April 1918 hatten die Osmanen Batum (14. April) und Kars (25 April) ge-
nommen und erreichten ihre Grenzen von vor 1877.“277 Auch dieses Vorrücken
der türkischen Streitkräfte bedeutete für die Armenier in diesen Regionen flüch-
ten mit den sich zurückziehenden armenischen Verbänden und war mit entspre-
chenden Verlusten verbunden.

1) Über die interne Situation in Ostanatolien

Ich zitiere weiterhin aus der Arbeit von J. McCarthy:278


“Die kurdischen Stämme
“Die lezten Jahrzehnte des osmanischen Reichs erlebte eine signifikante Aus-
dehnung der osmanischen Macht in Ostanatolien. Telegraphenverbindungen
und neu Straßen brachten die osmanische Verwaltung nach Van, Diyarbakır und
den anderen östlichen Provinzen. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte
des osmanischen Reiches waren Regierungsbeamte in der Lage, bis in die entle-
genen Dörfer vorzudringen und die Bewohner zu Zwecken der Bevölkerungs-
statistik und Rekrutierung zu zählen. Gesetz und Ordnung wurden durch die Er-
neuerung der osmanischen Militärmacht gewährleistet. Als im I. Weltkrieg die-
se militärischen Verbände abgezogen wurden, endete die zivile Ordnung.

276
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 182
277
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 179-182
278
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 183 ff.

104
Als der erste Weltkrieg begann, wurden die osmanischen Truppen aus den
Garnisonen in Südost- und Zentralanatolien abgezogen und zum Kampf gegen
die Russen an der kaukasischen Front geschickt. Bis auf ein Minimum wurde
die Gendarmerie, die die Polizei der ländlichen Gebiete im Osten war, von ihren
Aufgaben zur Sicherung der öffentlichen Ordnung abgezogen und als Gendar-
merieeinheiten der Armee organisiert. Diese wurden an der Front dringend be-
nötigt, sowohl als Kampfeinheiten wie auch wegen ihrer Kenntnisse bezüglich
der Region. Mit dem Abzug der Gendarmerie und den hohen Verlusten der os-
manischen Armee wurden die kurdischen Stämme in die Lage versetzt, ihre Ü-
bergriffe auf die Zivilbevölkerung wieder aufzunehmen.
In der Theorie hätten die Männer der kurdischen Stämme für die osmanische
Armee rekrutiert werden müssen, doch in der Praxis war dies üblicherweise
nicht der Fall. Die seßhaften ländlichen Kurden und die Kurden in den östlichen
Städten wurden rekrutiert und zogen in den Krieg, genau so wie die Türken; die
nomadischen Kurden jedoch nicht. Um die Männer der kurdischen Stämme rek-
rutieren zu müssen, wären die Osmanen gezwungen gewesen, zuerst eine Ar-
mee zur Unterwerfung der Stämme zu schicken – keine praktische Möglichkeit
in Mitten des Krieges. Damit nahmen viele kurdischen Stämme im Krieg eine
am besten als neutral zu bezeichnende Position ein, und orientierten sich an dem
eigenen Nutzen, immer wenn es möglich war. Kurdische Stämme kämpften so-
gar in der Provinz Van und in dem Gebiet Dersim gegen die Osmanen. In südli-
chem Van Gebiet war es erforderlich, ein ganzes Gendarmerie-Battaillon einzu-
setzen, um Bedirhanı Abdürrezzak, der einen größeren kurdischen Aufstand an-
zetteln wollte, in die Flucht zu schlagen. Die Dersim Kurden hatten am Anfang
des Krieges die osmanische Armee mit irregulären Kräften unterstützt, doch als
die osmanische Armee zu verlieren begann, wechselten sie die Seiten. Sie grif-
fen ottomanische Konvois an, metzelten Einheiten der türkischen Armee nieder
und plünderten die lokalen Dörfer. Die meisten Stammesmilizen, die in 1915 in
Persien im Rahmen der Persienkampagne offiziell an der Seite der osmanischen
Armee kämpften, desertierten und machten gemeinsame Sache mit den Stäm-
men, die in dem Gebiet zwischen Van See und Urimiye See plündernd und
mordend umher zogen. ...
In den Gebieten im nordöstlichen Anatolien, die von den Russen erobert wur-
den, machten die kurdischen Stämme in der Regel rasch ihren Frieden mit den
Russen, obwohl ihre Feindschaft gegen die Armenier nicht erloschen war. Die
kurdischen Stämme waren eine Hauptquelle des Todes für die Armenier und zu
einem geringeren Grad für die Türken und die seßhaften Kurden im Krieg.279
J. McCarthy stellt fest: „Es gab drei „Seiten“ bei den Schlachten und den
Massakern. Auf der einen Seite waren die seßhaften Moslems – Türken, Kurden
und andere – und die osmanischen Streitkräfte. Auf der anderen Seite waren

279
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 183-184

105
Armenier, einige andere einheimische Christen und die russische Armee. Auf
der dritten Seite befanden sich die kurdischen Stämme, die im wesentlichen eine
neutrale Macht waren, die sich an den eigenen Vorteilen orientierte. Die ersten
beiden Seiten wurden von Leuten geführt, die für ihre Sache Feuer und Flamme
waren und als Ziel die totale Niederlage ihrer Feinde verfolgten. Viele zivilen
Armenier und Moslems waren jedoch Bauern und Stadtbewohner, die gezwun-
gen waren, sich in dem totalen Krieg auf die Seite ihrer Glaubensgenossen zu
stellen. Insofern sie als Moslems oder Armenier getötet wurden, waren sie ge-
zwungen, als Moslems oder Armenier zu kämpfen, um sich selbst verteidigen
zu können. Von Anfang an war der Krieg durch Angriffe auf die Zivilbevölke-
rung charakterisiert. Auf beiden Seiten waren die Unschuldigen und die Fried-
fertigen gezwungen, zu kämpfen.“280
McCarthy zitiert auf den Seiten 187-192 Beispiele für die Massaker, die durch
die armenischen Banden im Zuge des Vormarsches an den Moslems verübt
wurden. Später, als im Ergebnis der russischen Revolution die russische Armee
sich praktisch auflöste und die mit ihr verbündeten bewaffneten Armenier an
ihrer Stelle die unbeschränkte Herrschaft über das durch die Russen besetzte
Gebiet einnahmen und anschließend innerhalb weniger Wochen durch die türki-
schen Streitkräfte vertrieben wurden, verfolgten die armenischen Banden im
Zuge ihres Rückzuges eine “Politik der verbrannten Erde” und verübten erneut
Massaker im großen Maßstab. Die Angaben hierzu finden sich bei McCarthy
auf Seite 196-202. Ich überspringe jedoch diese Darstellungen, da die diesbe-
züglichen Angaben auf türkischen Quellen beruhen, die ich im Rahmen dieser
Arbeit nicht heranziehen will. Deswegen referiere ich die Stelle aus McCarthy’s
Buch, in der er auf die Deportationen eingeht:

2) Die Deportation aus der Sicht eines amerikanischen Historikers

„Die osmanische Antwort auf die Armenische Revolution war annähernd die
gleiche wie die der anderen Regierungen im 20. Jahrhundert, die mit Guerilla-
Krieg konfrontiert waren: isoliere die Guerilla-Kräfte von der lokalen Unter-
stützung durch Entfernung der lokalen Unterstützer. Die Osmanen wußten, daß
die armenischen Rebellen durch die armenischen Bauern und auch durch die
Armenier in den östlichen Städten unterstützt wurden. Man entschied sich für
eine radikale Aktion: die armenische Bevölkerung in dem Kriegsgebiet und den
anderen strategisch wichtigen Gebieten sollte zwangsweise umgesiedelt wer-
den.” Die Armenier sollten in wenigstens 25 km Entfernung von den Eisen-
bahnlinien neuangesiedelt werden, ihre Anteil an der Bevölkerung sollte nir-

280
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 187 f.

106
gends mehr als 10 % betragen. Die ersten diesbezüglichen Befehle ergingen am
26.5.1915.
Die osmanischen Dokumente über die Umsiedlung “zeigen wenigstens eine
formale Beachtung der Bedürfnisse der Armenier”. In Istanbul wurden die Um-
stände der Umsiedlung im Einzelnen ausgearbeitet und an die Provinzverwal-
tungen geschickt, die Anweisungen enthielten Regelungen über den Verkauf
des Eigentums der Armenier, über Ernährung und Gesundheitsvorsorge usw.
Die Verantwortung für die Sicherheit der Armenier lag bei den Provinzverwal-
tungen. J. McCarthy bemerkt, daß genau darin die Krux lag:
“Die Verwaltungen, von denen erwartet wurde, daß sie eine massive Bevölke-
rungsbewegung überwachen sollten, befanden sich in Mitten eines Guerillakrie-
ges mit armenischen Revolutionären und in einem konventionellen Krieg mit
den Russen. Sie hatten nur eine sehr kleine Ordnungsmacht unter ihrem Befehl.
Die Gendarmerieeinheiten in der Etappe genügten nicht, um die Revolutionäre
zu bekämpfen, sie waren viel weniger in der Lage, die Konvois der umgesiedel-
ten Armenier zu bewachen. Damit mußten die osmanischen Beamten im Osten
entweder gut geschützte Konvois der Armenier auf den Weg bringen oder aber
die Gendarmen an Ort und Stelle belassen, um die Moslems (und sich selber) zu
schützen. Es ist zweifelhaft, ob viele andere Menschen sich anders entschieden
hätten wie sie: sie entschieden sich für den eigenen Schutz.
Die Last des Schutzes der Armenier hätten eigentlich der Zentralregierung
aufgebürdet werden, doch die Lage der Zentralregierung war die gleiche wie die
der örtlichen Verwaltungen. Die Beauftragung von regulären Truppen mit dem
Schutz der Armenierkonvois hätte deren Abzug von dem Kampf mit den Rus-
sen oder den Armeniern bedeutet. Die Zentralregierung hatte keine Absicht dies
zu tun, und wäre dazu auch gar nicht in der Lage gewesen. Sie hatten keine Illu-
sionen darüber, was den Moslems widerfahren würde, wenn ein armenischer
Staat gegründet würde. Die Balkankrieg hatte ihnen gelehrt, was zu erwarten
war. Auch das Schicksal der Moslemflüchtlinge aus den durch die Russen ero-
berten Gebieten enthielt klare Lektionen.”281
Justin McCarthy bemerkt, daß der mangelnde Schutz die Tür für die weiteren
Entwicklungen eröffnete und macht als Ursachen für die großen Menschenver-
luste der Armenier folgende Umstände fest:
- Die Korruptheit einiger osmanischer Beamten, die das Proviant der Arme-
nier stahlen,
- Die Rachegelüste einiger osmanischer Verantwortlichen (insbesondere Leu-
te, die selber kürzlich vertrieben worden waren),
- Gewissenlose Zivilisten, die sich mit dem Hab und Gut der Armenier berei-
chern wollten

281
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 193 f.

107
- Als die wichtigste Ursache nennt er die Angriffe der kurdischen Stämme,
die die Konvois unterwegs angriffen und das Proviant plünderten, was zum
Verhungern führte.
- Es gab auch zweifellos zahlreiche Fälle, in denen die Frauen vergewaltigt
und die schutzlosen Armenier ermordet wurden.282
McCarthy stellt fest, daß militärisch gesehen die Deportation ihr Ziel erreichte
und zur Beendigung der Tätigkeit der armenischen Guerillaangriffe führte. Oh-
ne lokale Unterstützung konnten die Guerillaeinheiten nicht mehr funktionieren.
Er läßt es offen, ob die Deportationen aus militärischer Sicht notwendig war
und schreibt, daß die osmanische Regierung die wichtigste Aufgabe einer jeden
Regierung, den Schutz der eigenen Bürger nicht bewältigen konnte. McCarthy
meint, daß die Verantwortung für die Toten der armenischen Konvois sowohl
bei den Osmanen, wie auch bei den armenischen Revolutionären und den Rus-
sen (als derer Unterstützer) liegen muß.283

3) Die osmanische Regierung traf Maßnahmen zum Schutz der


Deportierten Armenier

Es gibt zahlreiche Dokumente, die belegen, daß die osmanische Regierung die
untergeordneten Behörden angewiesen hat, für die Sicherheit der Person und
des Vermögens der Armenier zu sorgen. Eine solche Verordnung wird auch von
dem armenischen Autor Hovannisian zitiert:
„Am 30. Mai 1915 bestätigte der osmanische Ministerrat die Notwendigkeit
der Deportation der Armenier, beschloß jedoch Bestimmungen, die den An-
schein einer fairen Vorgehensweise erwecken sollten und die Behörden anwie-
sen:
1. Die Person und das Eigentum der Deportierten zu schützen, bis diese die
Ziele ihrer Umsiedlung erreicht hatten und jede Art der Verfolgung zu ver-
bieten,
2. Die Verluste der Deportierten mit neuem Eigentum, Land und Gegenstän-
den zu kompensieren, damit sie ein neues Leben beginnen könnten.
3. Die flüchtenden Moslems sollten die verlassenen Dörfer nur nach vorheri-
ger Bestimmung des Wertes der Häuser und der Ländereien besiedeln dür-
fen. Es sollte klar gemacht werden, daß diese immer noch den legalen Ei-
gentümern gehörten.

282
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 195
283
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 196

108
4. Diejenigen Felder und Häuser, in denen keine Moslemflüchtlinge unterge-
bracht wurden, sollten vermietet oder verkauft und der Gegenwert bzw. die
erzielten Mieteinnahmen im Staatsschatz mit einer Registrierung auf den
Namen des Eigentümers aufbewahrt werden.
5. Der Finanzminister sollte besondere Ausschüsse bilden, die diese Transak-
tionen überwachen und die Einzelheiten bezüglich der Kompensationen und
des Schutzes des betreffenden Eigentums regeln sollten.
6. Alle offiziellen Stellen wurden verpflichtet, entsprechend dem Gesetz zu
verfahren und der Regierung über dessen Ausführung Bericht zu erstat-
ten.”284
Hovannisian bemerkt dazu, daß dieser Beschluß lediglich den Anschein einer
Fürsorge erwecken sollte und den Armenier nicht mitgeteilt wurde, sodaß diese
ihre Rechte nicht wahrnehmen konnten. Die Tatsache aber bleibt, daß es in den
osmanischen Archiven eine Vielzahl solcher Anordnungen und Befehlen gibt,
die alle den Schutz der deportierten Armenier bezweckten.285 Diese sind publi-
ziert und sogar über Internet einsehbar. Dagegen ist bis jetzt kein einziges Do-
kument gefunden worden, mit dem eine Vernichtungsabsicht der osmanischen
Regierung belegt werden könnte.

H) Armenische Flüchtlinge

Wenn man sich den Kriegsverlauf an der anatolischen Ostfront anschaut, so


sieht man, daß in dem Zeitraum 1914-1918 die große Teile Ostanatoliens um-
kämpft waren. Die kämpfenden Armeen rückten vor und wichen zurück, in ver-
schiedenen Gegenden wiederholte sich dies abwechselnd, wie z. B. Bitlis. Zu-
letzt waren im Juli 1916 die russischen Truppen am weitesten vorgedrungen.
Diese Frontbewegungen waren auch immer von flüchtenden Menschen beglei-
tet. Wenn die türkischen Truppen sich zurück zogen, flüchteten die Moslems,
die die Möglichkeit dazu hatten, mit. Wenn die russischen Truppen sich zurück-
zogen, flüchteten die Armenier mit ihnen, soweit sie dazu imstande waren. Die-
se Flüchtlingsströme, die oft im Winter und ohne irgendwelche Transportmittel,
d. h. zu Fuß über weite Strecken reichten, haben sehr vielen Menschen, die be-
reits am Ende ihrer Kräfte waren, das Leben gekostet. Hier zwei Beispiele:
So waren in den ersten Monaten des Krieges an der Sarıkamı-Front etwa
70.000 Armenier in Richtung Kaukasien geflüchtet.286

284
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 50 f.
285
Stanford J. Shaw, Ezel Kural Shaw, History of the Ottoman Empire and Modern
Turkey, Cambridge, London, New York, Melbourne, 1977, S. 315
286
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 47.

109
Nach dem erfolgreichen Aufstand der Armenier in Van war die russische Ar-
mee bis zu dieser Stadt vorgedrungen und hatte dort sogar eine erste armenische
Verwaltung installiert. Doch am 31. Juli 1915 mußten die Russen angesichts
überlegener türkischer Verbände die Region räumen. Mit den russischen Solda-
ten zogen etwa 200.000 Armenier Richtung Kaukasus,287 da sie zurecht Repres-
salien und Racheakte erwarteten. Denn die Armenier hatten in der Region Van
alle Moslems, die sie ergreifen konnten, bestialisch ermordet. Auch dieser
Rückzug kostete zahlreiche Menschenopfer. Hovannisian schreibt, daß Ende
1916 rund 300.000 armenische Flüchtlinge in Kaukasus angekommen waren.288

I) Von armenischen Banden verübte Massaker

1) Spuren der Untaten der armenischen Banden bei Hovannisian

Entgegen der landläufigen Darstellung, waren auch in Ostanatolien nicht alle


Armenier von der Deportation betroffen. Die armenische Bevölkerung in den
bis zum Ende Mai 1915 von den Russen besetzten Gebieten blieben an ihren
Wohnorten, da diese Gebiete nunmehr von den Russen beherrscht wurden. Spä-
ter, mit der praktischen Auflösung der russischen Armee nach der Februar Re-
volution im Jahre 1917 erhielten in diesen Gebieten die armenischen Revolutio-
näre die Oberhand. Sie wurden zwar in wenigen Wochen von den türkischen
Truppen vertrieben, doch ermordeten sie eine große Zahl von Moslems, plün-
derten die Nahrungsmittel und zerstörten die Dörfer. Betroffen waren Städte
wie Erzincan, Bayburt, Erzurum, Van, Bitlis und ihre Umgebung.
Man kann auch in den Publikationen armenischer Historiker Hinweise auf
diese Untaten finden. So schreibt Hovannisian, daß bereits in der ersten Hälfte
des Jahres 1915 “beunruhigende Berichte russischer Offiziere unterer Ränge
Tiflis erreichten, die den Freiwilligen Gesetzlosigkeit und Plündereien vorwar-
fen.”289Jeder weiß, was in Kriegszeiten solche Berichte über die eigene Truppe
bedeuten. Die Freiwilligen, die hier gemeint sind, sind die armenischen Freiwil-
ligen. Im Dezember 1915, als der Krieg an der türkischen Ostfront noch hin und
her tobt, wird die Auflösung der armenischen Freiwilligenverbände befohlen.290

287
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 56
288
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 67
289
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 57
290
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 63

110
Einige Zeilen weiter schreibt der Autor, daß die zaristischen Beamte “die
Waffen der armenischen Bauern konfiszieren”. Offenbar gibt es doch noch Ar-
menier, von denen man sonst behauptet, sie wären alle umgebracht worden. Sie
sind sogar bewaffnet, und zwar in einer solchen Art und Weise, daß die Russen
um die eigene Sicherheit fürchten und diese entwaffnen müssen. Wieder einige
Zeilen weiter lesen wir, daß eine armenische Delegation, die aus Bischoff Mes-
rop, Major Khatisian und und Samson Harutunian bestand, bei den Russen um
Erlaubnis bat, daß die armenischen Flüchtlinge sich in den verlassenen Mos-
lemdörfern niederlassen dürfen. Hovannisian zitiert einen russischen Bericht
von März 1915. In diesem Bericht wird festgestellt, daß die Gebiete südlich der
Schwarzmeerküste, “die allgemein als Armenien bezeichnet werden, die Erzu-
rum und Van vilayets und Teile des Bitlis vilayet sehr gut geeignet für russische
Kolonisatoren sind”291 Ein Hinweis auf das Schicksal der Moslems, die vertrie-
ben oder umgebracht wurden. Ich zitiere diese Zeilen, um zu zeigen, daß schon
ein aufmerksames Lesen dieses Buches Einzelheiten zu Tage fördert, die von
Akçam bestritten bzw. überhaupt nicht erwähnt werden.

2) Ein amerikanischer Bericht über die Massaker

Die türkischen Befehlshaber haben die Untaten der armenischen Banden in


zahlreichen Berichten zusammengefaßt. Da wir jedoch keine türkischen Quellen
heranziehen wollen, verzichte ich auf deren Wiedergabe. Es existiert aber der
Bericht zweier mutiger Amerikaner, die unmittelbar nach dem I. Weltkrieg Ost-
anatolien zu Pferde bereisten. Es handelt sich um Hauptmann (captain) Emory
Niles und Mr. Arthur Sutherland, die im Auftrag der amerikanischen Regierung
die Situation in Ostanatolien erkunden sollten. Sie waren zwar nicht Zeugen der
Ereignisse, konnten jedoch die Bevölkerung unmittelbar befragen und materiel-
le Beweise in Augenschein nehmen. Damals gingen die Siegermächte des I.
Weltkrieges und die amerikanische Regierung davon aus, daß in Ostanatolien
ein unabhängiger armenischer Staat gegründet werden würde. Ich zitiere aus
dem Schlußteil ihres Berichtes292:
“Obschon es genau genommen nicht in den Rahmen unserer Untersuchung
hineingehört, war eine der auffälligsten Tatsachen, die uns auf der ganzen Stre-
cke von Bitlis bis Trebizond293 beeindruckten war der Umstand, daß die Arme-
nier gegenüber den Türken alle die Verbrechen und Greueltaten verübt haben,
die die Türken in den anderen Regionen gegen die Armenier verübten. Am An-

291
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 58
292
Der Bericht wurde in Gänze von Justin McCarthy publiziert: “The Report of Niles
and Sutherland: an American Investigation of Eastern Anatolia after World War I, (XI
Türk Tarih Kongresi, Ankara, 1994, S. 1809-53)
293
Gemeint ist Trabzon. Der Verfasser.

111
fang wollten wir den Geschichten, die man uns erzählte überhaupt nicht glau-
ben, doch die Übereinstimmung der Zeugnisse aller Zeugen, die offensichtliche
Bereitschaft, mit der sie das Unrecht, das ihnen angetan wurde, erzählten, ihr
offensichtlicher Haß auf Armenier, und, stärker als alles andere, die materiellen
Beweise selber, haben uns von der allgemeinen Wahrheit der Tatsachen über-
zeugt, daß zum ersten, daß die Armenier die Moslems im großen Maßstab mit
allen Feinheiten der Grausamkeit massakriert haben, und zweitens, daß die Ar-
menier für die meisten Zerstörungen in den Städten und Dörfern verantwortlich
sind. Die Russen und die Armenier haben über eine beträchtliche Zeitspanne
von 1915 bis 1916 das Land gemeinsam besetzt, und in dieser Zeit gab es au-
genscheinlich wenig Unruhen, obschon es ohne Zweifel Zerstörungen gab, die
durch die Russen verübt wurden. 1917 wurde die russische Armee aufgelöst und
die Armenier verblieben allein in der Herrschaft. In dieser Periode Banden von
armenischen Irregulären zogen durch das Land, plünderten und ermordeten die
moslemischen Einwohner. Als die türkische Armee gegen Erzindjan294, Erzu-
rum und Van vorrückte, löste sich die armenische Armee auf und alle Soldaten,
reguläre und irreguläre gingen dazu über, das Eigentum der Moslems zu zerstö-
ren und Greueltaten gegen die Moslems zu verüben. Das Ergebnis ist ein völlig
zerstörtes Land, das nur noch ein Viertel seiner früheren Bevölkerung und ein
Achtel der früheren Gebäude beherbergt und ein bitterster Haß der Moslems
gegen Armenier, der es unmöglich macht, daß heute die beiden Rassen zusam-
menleben. Die Moslems protestieren [und erklären], daß sie kämpfen werden,
wenn sie dazu gezwungen werden sollten, unter einer armenischen Regierung
zu leben. Wir haben den Eindruck, daß sie wahrscheinlich diese Drohung wahr
machen werden. Diese Ansicht wird auch von türkischen und britischen Offizie-
ren und Amerikanern geteilt, die wir getroffen haben.”295
Die Greuel der armenischen Revolutionäre am Ende der russischen Besetzung
Ostanatoliens waren auch der Grund dafür, daß die lokale armenische Bevölke-
rung mit dem Vormarsch der türkischen Truppen Richtung Kaukasus floh. Sie
gingen davon aus, daß die Überlebenden und die zurückkehrenden Flüchtlinge
sich rächen würden. Sehr viele dieser armenischen Flüchtlinge starben in Folge
der Strapazen und von Hunger, Kälte und Krankheiten.

294
Gemeint ist Erzincan. Der Verfasser.
295
zitiert nach: Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon
Muslims, 1821-1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 227 f.

112
3) Massaker der armenischen Banden in Kilikien

Die Vorgänge in dieser Region296 sind durch westliche (französische, britische


und amerikanische) Berichte einigermaßen gut belegt. Ich referiere J. McCart-
hy:297
Unter Mißachtung der Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens von
Mondros besetzten französische Truppen (Oberkommando der gesamten Regi-
on lag bei den Briten) 1918 das Gebiet von Adana und Umgebung und drangen
bis nach Mara (heute Kahramanmara) vor. Die ersten Einheiten waren Batal-
lione der “Armenischen Legion”, die ein Teil der “Französischen Légion
d’Orient” bildeten, insgesamt etwa 5.000 Soldaten und Offiziere. Diese Einhei-
ten bestanden aus armenischen Flüchtlingen aus Anatolien, aus anderen Teilen
mittleren Ostens und aus Armeniern aus Europa und sogar Amerika. Sie waren
sehr undiszipliniert und so anti-Moslem eingestellt, daß sie sogar die französi-
schen Einheiten aus Algerien angriffen, da diese ebenfalls aus Moslems bestan-
den. Im November 1918 hatten sich diese Einheiten in Beirut Gefechte mit der
dortigen Polizei geliefert, was die Franzosen in eine schwierige Lage brachte.
Daraufhin wurden sie nach Kilikien geschickt. Sofort nach ihrer Ankunft be-
gannen Unruhen, da diese Truppen zusammen mit den örtlichen Armeniern die
Moslemdörfer angriffen. Die Versuche der Franzosen, dem ganzen Einhalt zu
gebieten, wurde mit einer Meuterei beantwortet. Die Einwohner wurden ermor-
det, Frauen wurden vergewaltigt. Der französische General Hamelin gab in sei-
nem Schreiben vom 2.2.1919 zu, daß die den Armeniern vorgeworfenen
Verbrechen (Räuberei, Mordtaten, Plünderungen) meistens gut begründet wa-
ren, er jedoch die Truppen nicht kontrollieren konnte.298
Gleichzeitig wurden von den Briten und Franzosen eine Zuwanderung von
Armeniern in die Region ermutigt, es kamen mehrere Tausend aus anderen Re-
gionen Anatoliens und aus dem Ausland. Diese Leute gingen davon aus, daß
hier ein unabhängiges Armenien errichtet werden würde. Am 16.2.1919 kam es
in Iskenderun zu einer Rebellion der armenischen Truppen gegen die Franzo-
sen, sie griffen die anderen (aus Moslems zusammengesetzten Kolonialtruppen)
französischen Einheiten an, brannten die Häuser der Moslems nieder und er-
mordeten die Zivilbevölkerung. Es gab unzählige Opfer. Da diese Verbrechen
nicht in abgelegenen Gebieten sondern in einer größeren Hafenstadt vor den
Augen der europäischen Beobachter verübt wurden, beschloß man, die armeni-
schen Truppen abzuziehen. Sie wurden durch britische Truppen ersetzt.

296
Die Grenzen der Region werden je nach Autor unterschiedlich aufgefaßt.
297
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 204 ff.
298
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 205, Fußnote 125

113
Doch in der Gegen von Mara und in südöstlichen Gebieten waren französi-
sche Truppen und bewaffnete Armenier geblieben. Sie überfielen Dörfer, er-
mordeten die Moslems und vergewaltigten die Frauen. Bewaffnete Moslems
verfuhren ebenso mit Armeniern. Im März 1920 verjagten die Einwohner der
Stadt Mara die Franzosen, im Zuge dieser Kämpfe kamen tausende von Türken
und Armeniern umsleben, die Stadt wurde von den Franzosen in den Brand ge-
steckt. In dem Bericht des amerikanischen Hochkommissars Bristol lesen wir:
“Die Mehrheit der Truppen bestanden aus französischen Kolonialtruppen und
Armeniern. Sie brannten während ihres Vormarsches zahlreiche türkische Dör-
fer und während ihres Rückzuges aus Mara praktisch alle türkischen Dörfer als
eine Strafmaßnahme nieder.”299
Viele Armenier flohen mit den Franzosen 300, doch etwa 10.000 blieben in Ma-
ra. Mit der Errichtung der Autorität der Nationalregierung301 in Mara wurden
die Übergriffe beendet. Bristol meldete, daß die amerikanischen Bürger, die
verwundeten französischen Soldaten und die verbliebenen Armenier in Mara
unbehelligt blieben. Admiral Bristol macht die Franzosen für die Vorkommnis-
se in Mara verantwortlich.
Schließlich zogen die Franzosen im Dezember 1921 aus Kilikien ab. Mit ih-
nen gingen etwa 30.000 Armenier, weitere Armenier, fast die gesamte armeni-
sche Bevölkerung des Gebietes folgten bald. Die französischen Militärs hatten
angesichts ihrer Erfahrungen in den 2 Jahren eine immer kritischere Haltung
gegenüber den armenischen Revolutionären eingenommen. Zum Schluß weiger-
te sich französische General Gourad, den Armeniern Waffen zu geben. Als die
Briten den Grund dieser Weigerung erfahren wollten, erklärte er:
“Man hat zuvor Waffen an die Armenier verteilt, damit sie ihre Dörfer vertei-
digen können oder Hilfseinheiten bilden können, die zu den französischen
Truppen, die in Kilikien operieren, unterstellt wären. In jedem dieser Fälle ha-
ben die Armenier dies ausgenutzt, um die Türken genauso zu behandeln, wie sie
behaupten, von ihnen behandelt worden zu sein, haben geplündert, Dörfer nie-
dergebrannt und unbewaffnete Moslems massakriert.”302

299
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 207
300
Die armenischen Flüchtlinge erlitten während dieser Flucht im Winter große
Verluste, die Briten schätzen die Zahl der Toten als 12.000. Siehe Justin McCarthy, S.
207, Fußnote 138
301
das heißt: die örtlichen türkischen Nationalgruppen, die später von Mustafa Kemal
Atatürk in der großen Nationalversammlung von Ankara zusammengefaßt wurden.
302
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 207

114
4) Massaker der armenischen Revolutionäre im südlichen Kaukasus

Auch bezüglich dieser Massaker gibt es westliche Berichte, da das Gebiet


nach dem I. Weltkrieg (etwa April 1919) teilweise von den Briten besetzt wur-
de. Eine ausführliche Beschreibung der Vorgänge findet sich in der Arbeit von
J. McCarthy.303 Dieses Gebiet, in dem vor dem Krieg Armenier und Moslems
ziemlich gleichmäßig verteilt lebten, wurde durch Massaker und Vertreibungen
(wobei beide Seiten beteiligt waren) in ethnisch homogenere Gebiete aufgeteilt.
Die Moslems, die vor dem Krieg in dem Gebiet der heutigen armenischen Re-
publik 40 % der Bevölkerung ausmachten,304 wurden vertrieben bzw. getötet.
Hierzu gibt es amerikanische, britische und auch armenische Quellen. (In diesen
Texten werden die Moslems entsprechend der im zaristischen Rußland üblichen
Sprachregelung als “Tataren” bezeichnet.)
Zunächst ein Zitat aus einer armenischen Quelle:
“An den Präsidenten des Parlaments [der armenischen Republik]
Wir bitten Sie, dem Innenminister die folgende Forderung zu übermitteln: Ist
das Ministerium über die Tatsache informiert, daß in den letzten drei Wochen
auf dem Boden der armenischen Republik in den Bezirken Echmiadzin, Erivan
und Sourmalin eine Reihe von Tataren-Dörfer, z. B. Pashakend, Takiarli, Kou-
roukh-Giune, Oulaklik der Taishouroukh Gesellschaft, Agveren, Dalelar, Pour-
pous, Alibek der Arzakend Gesellschaft, Djan-Fida, Kerim-Arch, Agdjar, Igda-
lou, Karkhoun, Kelani-Aroltkh des Echmiadzin Bezirks und eine Reihe anderer
Dörfer von den tatarischen Einwohnern gesäubert wurden und Ziel von Räube-
rei und Massakern waren? Daß die örtliche Polizei nicht nur [diese Übergriffe]
nicht verhinderte, sondern sogar an diesen Räubereien und Massakern teilnahm?
Diese Vorgänge haben auf der lokalen Bevölkerung, die mit ihren Nachbarn im
Frieden leben will, einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen. Die Bevölke-
rung verlangt die Bestrafung der Schuldigen.”305
Der amerikanische Admiral Bristol schreibt über die Vorgänge in dem Gebiet
der jetzigen armenischen Republik: “Ich weiß aus den Berichten meiner eigenen
Offiziere, die mit General Dro dienten, daß schutzlose Dörfer bombardiert und
anschließend besetzt wurden, daß Bewohner, die nicht geflüchtet waren, brutal
getötet wurden. Das Dorf wurde geplündert und in Brand gesteckt, das Vieh

303
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 208-230
304
"King-Crane report on the Near East", 1922, auch im Internet zugänglich:
http://www.hri.org/docs/king-crane/
305
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 216, der aus den Unterlagen des britischen Fo-
reign Office zitiert.

115
wurde konfisziert. Das wurde als eine systematische Vertreibung der Moslems
praktiziert.”306
Auch das Gebiet der heutigen aserbaidschanischen Republik war betroffen.
Als die armenischen Streitkräfte Baku besetzten (Frühjahr 1918) floh fast die
Hälfte der Moslems, etwa 8.000 bis 12.000 wurden ermordet. Am 14.9.1918
mußten die Besatzer die Stadt aufgeben, daraufhin verübten die Moslems Rache
und brachten fast 9.000 Armenier um. Die türkischen Truppen besetzten die
Stadt am 16.9.1918 und schützten die verbliebenen Armenier.307
McCarthy bemerkt: “Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur ersten
Volkszählung nach dem Krieg verschwand Zweidrittel der Moslembevölkerung
aus der Erivan-Provinz. Viele von ihnen wurden Flüchtlinge, viele starben. Die
Erivan-Provinz, die in den 1820’er Jahren eine Moslemmehrheit hatte, hatte nur
eine kleine Moslemminderheit am Anfang der 1920’er Jahre”308

5) Der Bericht eines deutschen Generals

Zum Hintergrund des Berichts von B. v. Schellendorf: Am 15. März 1921 er-
schoß der Armenier S. Teilirian (oder auch: Tehlerjan) in Berlin auf offener
Straße den ehemaligen Innenminister des Osmanischen Reiches, Talat Pascha.
Der Mörder wurde sofort gefaßt. Am 3. Juni 1921 wurde der geständige Mörder
von dem Schwurgericht des Landgerichts III zu Berlin freigesprochen, da die
Geschworenen ihn als unzurechnungsfähig betrachteten. Dabei hatte der Mörder
seinem Opfer über mehrere Länder gefolgt und schließlich in Berlin unmittelbar
gegenüber der Wohnung seines Opfers Quartier genommen, bevor er ihn mit
einem Kopfschuß von hinten ermordete. Der Freispruch für den Mörder war nur
möglich, da die armenischen Nationalisten mittels einer großangelegten Propa-
gandawelle die deutsche Öffentlichkeit täuschen konnten. Dem Gericht wurden
gefälschte “Dokumente” als Beweismittel vorgelegt. Hochrangige Deutsche Of-
fiziere, die in den fraglichen Jahren in der Türkei dienten, und die Ereignisse
aus eigenem Augenschein kannten, wurden trotz ihrer Bereitschaft zur Zeugen-
aussage, nicht vernommen.

306
Bristol War Diary, 14.8.1922, U.S. 867.00/1540, zitiert nach Justin McCarthy, Death
and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-1922. Princeton, New Jer-
sey, 1995, S. 215
307
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 214
308
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 218

116
Im folgenden findet der Leser das Zeugnis des Generalleutnants Bronsart v.
Schellendorf, das er, da er vom Gericht nicht gehört wurde, nach dem Prozeß
am 24. Juli 1921 in der “Deutschen Allgemeinen Zeitung” veröffentlichte. 309
„Ein Zeugnis für Talaat Pascha
von Generalleutnant a.D. Bronsart v. Schellendorf, ehemaligem Chef des Ge-
neralstabes des türkischen Feldheeres, zuletzt Kommandeur des Königl. preuß.
5. Inf.-Div.
Im Prozeß Teilirian werden Zeugen vernommen, die entweder nichts Zur Sa-
che aussagen konnten oder die die zu bezeugenden Geschichten nur ,,gehört“
haben; Augenzeugen, die die Wahrheit gesehen haben, sind nicht vorgeladen
worden. Warum hat man die deutschen Offiziere, die zur Zeit der Arme-
niergreuel auf dem Schauplatz dieser im Prozeß eine so entscheidende Rolle
spielenden Begebenheiten dienstlich tätig waren, nicht vernommen ? -
Sie waren dem Gericht namhaft gemacht, hatten teilweise schon vom Gericht
die Aufforderung bekommen, sich als Zeugen bereit zu halten, und sind dann
schließlich nicht berufen worden. Ich hole darum auf diesem Wege noch nach-
träglich die ohne meine Schuld versäumte Zeugenpflicht nach, um der Wahrheit
zu ihrem Recht zu verhelfen. Daß dies so spät geschieht, liegt daran, daß ich mir
das Material erst nach und nach beschaffen konnte.
Um die dem ermordeten Großwesir zur Last gelegten Armeniergreuel zu ver-
stehen, ist es nötig, einen kurzen Rückblick zu tun.
Armeniergreuel sind uralt! Sie geschahen immer wieder, seit Armenier und
Kurden im Grenzgebiet Rußlands, Persiens und der Türkei dicht beieinander
wohnen.
Der Kurde ist Nomade und Viehbesitzer, der Armenier Ackerbauer, Hand-
werker oder Händler. Der Kurde hat keine Schulbildung, kennt Geld und Gel-
deswert nicht genau und weiß, daß Zinsennehmen durch den Koran verboten ist.
Der Armenier nutzt als Händler die Unerfahrenheit des Kurden skrupellos aus
und übervorteilt ihn. Der Kurde fühlt sich betrogen, rächt sich an dem Wucherer
und - die ,,Armeniergreuel‘ sind fertig! Es muß ausdrücklich betont werden,
daß Gegensätze in der Re1igion dabei niemals mitspielten.
Der uralte Zwist bekam neue Nahrung, als die Armenier während des großen
Krieges einen gefährlichen Aufstand in den östlichen Grenzprovinzen der Tür-
kei unternahmen; ein besonderer Grund dazu lag nicht vor, denn die von den
„Mächten“ der Türkei auferlegten Reformen begannen gerade zu wirken. Die
Armenier hatten Sitz und Stimme in dem neuen Parlament, stellten sogar zeit-
weise den Minister des Auswärtigen. Sie hatten die gleichen sozialen und politi-
schen Rechte wie die übrigen Völker des Staates. Die Ruhe in ihrem Lande

309
Erschienen in: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 342, 24.7.1921, Beiblatt Morgen -
Ausgabe

117
wurde durch die von dem französischen General Baumann ausgebildete Gen-
darmerie aufrecht erhalten.
Der Aufstand war von langer Hand vorbereitet wie die zahlreichen Funde an
gedruckten Aufrufen, aufhetzenden Broschüren, Waffen, Munition, Sprengstof-
fen u.s.w. in allen von Armeniern bewohnten Gegenden beweisen; es war sicher
von Rußand angestiftet, unterstützt und bezahlt. Eine armenische Verschwörung
in Konstantinopel, die sich gegen hohe Staatsbeamte und Offiziere richtete,
wurde rechtzeitig entdeckt.
Da sich alle waffenfähigen Mohammedaner beim türkischen Heere befanden,
war es den Armeniern leicht, unter der wehrlosen Bevölkerung eine entsetzliche
Metzelei anzurichten; denn sie beschränkten sich nicht etwa darauf, rein mili-
tärisch gegen die Flanke und gegen den Rücken der in der Front durch die Rus-
sen gebundenen türkischen Ostarmee zu wirken, sondern sie rotteten die mu-
selmanische Bevölkerung in jenen Gegenden einfach aus. Sie begingen dabei
Grausamkeiten, von denen ich als Augenzeuge wahrheitsgemäß bezeuge, daß
sie schlimmer waren, als die den Türken später vorgeworfenen Armeniergreuel.
Zunächst griff die Ostarmee ein, um ihre Verbindungen mit den Hinterlande
aufrecht zu erhalten; da sie aber alle Kräfte in der Front gegen die russische Ü-
berlegenheit brauchte, auch der Aufstand immer weiter, sogar In entfernteren
Gegenden des türkischen Reiches, um sich griff wurde die Gendarmerie zur
Dämpfung des Aufstandes herangezogen. Sie unterstand, wie in jedem geordne-
ten Staate, dem Ministerium des Inneren. Der Minister des Inneren war Talaat,
und er mußte als solcher die nötigen Anweisungen geben. Eile tat not, denn die
Armee war in ihren sehr empfindlichchen rückwärtigen Verbindungen schwer
bedroht, und die muselmanische Bevölkerung flüchtete zu Tausenden in Ver-
zweiflung vor den Greueltaten der Armenier. In dieser kritischen Lage faßte das
Gesamtministerium den schweren Entschluß. die Armenier für staatsgefährlich
zu erklären und sie zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen. Sie sollten in
eine vom Krieg unberührte, dünn besiedelte aber fruchtbare Gegend überführt
werden, nach Nord - Mesopotamien. Der Minister des Inneren und die ihm un-
terstehende, von dem französischen General Baumann für ihren Beruf beson-
ders ausgebildete Gendarmerie hatten lediglich diesen Entschluß auszuführen.
Talaat war kein unzurechnungsfähiger, rachsüchtiger Mörder, sondern ein
weitblickender Staatsmann. Er sah in den Armeniern die zwar jetzt von den
Russen un den russisch – armenischen Glaubensgenossen aufgehetzten, aber in
ruhigen Zeiten doch sehr nützlichen Mitbürger, und hoffte, daß es ihnen, ent-
fernt von russischen Einflüssen und kurdischen Streitereien, in den neuen
fruchtbaren Wohnsitzen gelingen würde, diese zukunftsreiche Gegend durch ih-
ren Fleiß und ihre Intelligenz zu hoher Blüte zu bringen.
Talaat sah ferner voraus, daß die Ententepresse die Ausweisung der Armenier
dazu benutzen würde, eine scheinheilige Propaganda gegen die „Christenver-
folgungen“ der Türken in Szene zu setzen und hätte schon deshalb gern jede

118
Härte vermieden. Er hat Recht behalten! Die Propaganda setzte ein und hatte
tatsächlich den Erfolg, daß überall Im Auslande diese unglaubliche Dummheit
geglaubt wurde. Christenverfolgung! Man bedenke: just in einem Lande, daß
mit christlichen Großmächten eng verbündet, eine große Zahl christlicher Offi-
ziere und Soldaten in seinem Heere als Mitkämpfer hatte.
Ich komme nun zur Ausführung des Planes der armenischen Umsiedelung. In
einem Lande von der Ausdehnung des türkischen Reiches, daß aber so mangel-
hafte Verbindungen hat, befinden sich die Provinzen in einer mehr oder weniger
großen Unabhängigkeit von der Zentralstelle. Die Gouverneure (Walis) haben
mehr Gerechtsame als z.B. unsere Oberpräsidenten. Hierauf fußend, nehmen sie
für sich in Anspruch, die Verhältnisse an Ort und Stelle oft richtiger beurteilen
zu können als dies in Konstantinopel möglich war. Befehle des Ministeriums
wurden daher gelegentlich anders ausgeführt, wie beabsichtigt. So ging es auf
der Beamtenstufenleiter nach unten weiten, wo in vielen Fällen die Einsicht
fehlte.
Die ungewöhnlicn schwierige Aufgabe, außer vielen Tausenden von musel-
manischen Flüchtlingen auch ebensoviele Armenier auf die richtigen Marsch-
straßen zu leiten, sie zu ernähren und unterzubringen, überstieg die Kräfte der
wenigen vorhandenen und noch dazu ungeschulten Beamten. Hier griff Talaat
mit größter Tatkraft und allen Mitte1n ein . Die von ihm erlassenen zweckmäs-
sigen Anweisungen an die Walis und an die Gendarmerie müssen noch vorhan-
den sein. Zahlreiche Schreiben des Ministeriums des Innern an das Kriegminis-
terium, die mir durch meine Dienststellung bekannt wurden, verlangten drin-
gend Hilfe von der Armee; sie wurde gewährt, soweit die Kriegslage es zuließ:
Nahrungs-und Beförderungsmittel, Unterkunftsräume, Ärzte und Arzneimittel
wurden zur Verfügung gestell, obwohl die Armee selbst empfindlichen Mangel
litt.
Leider sind trotz aller Mühe, ihr Los zu er1eichtern, Tausende von muselma-
nischen Flüchtlingen und armenischen Ausgesiedelten den Anstrengungen der
Märsche erlegen.
Hier liegt die Frage nahe, ob man solche Zustände nicht hätte voraussehen
und die Umsiedelung unterlassen können. Abgesehen davon, daß die türkischen
Flüchtlinge in ihrer berechtigten Angst vor den arrnenischen Schandtaten sich
einfach nicht hätten aufhalten lassen, muß auch die Staatsnotwendigkeit der ar-
menischen Abwanderung aus den Aufruhrgebieten bejaht werden! Die Folgen
mußte man auf sich nehmen!
Nehmen wir einmal unsere jetzigen Zustände in Deutschland. Wenn ein Mi-
nisterium sich fände und die Macht hätte, anzuordnen: ,,Alle polnischen Auf-
rührer werden aus Oberschlesien entfernt und in Gefangenenlager gebracht!“ -
oder: ,,Alle gewalttätigen Kommunisten werden eingeschifft und an den Küsten
Söwjet - Rußlands ausgebootet!“, würde nicht ein Beifallsturm durch ganz
Deutschland brausen? -

119
Vielleicht legen sich die Richter in Teilirian - Prozeß solche Fragen nachträg-
lich vor. - - - Sie werden dann zu der harten Maßnahme der Armenier-
Aussiedelung einen neuen Standpunkt gewinnen!
Talaat hat sich der militärischen Forderung, an der Mittelmeerküste alle Grie-
chen ausweisen zu lassen, widersetzt, denn dort wurde ,,n u r“ Spionage getrie-
ben. Ein gefährlicher Aufruhr, wie in Armenien, erfolgte nicht, obwohl der Ge-
danke dazu nahe lag. Talaat war ein Staatsmann, aber kein Mörder!
Nun aber die Greuel, die absichtlich an den Armeniern begangen worden
sind. Sie sind so vielfach bezeugt1 da3 an der Tatsache nicht zu zweifeln ist.
Ich beginne mit den Kurden. Selbstverständlich benutzte dieser Volksstamm
die seltene, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, die verhaßten Armenier,
die noch dazu solche Scheußlichkeiten gegen Mohammedaner begangen hatten,
bei ihrem Durchmarsch auszupIündern und gegebenenfalls totzuschlagen. Der
Leidenszug der Armenier führte viele Tage und Wochen lang durch Kurdistan!

Es gab keinen anderen weg nach Mesopotamien.
Über das Verhalten der den armenischen Scharen truppenweise beigegebenen
türkischen Gendarmen lauten die Urteile verschieden.
An manchen Stellen haben sie ihre Schützlinge gegen kurdische Banden tap-
fer verteidigt. An anderen Orten sollen sie geflohen sein. Es wird ihnen auch
vorgeworfen, mit den Kurden gemeinsame Sache gemacht, oder auch allein die
Armenier ausgeraubt und getötet zu haben: Der Beweis, daß sie hierbei auf hö-
heren Befehl gehandelt hätten, ist nicht erbracht worden.
Tallat kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden; die Ereignisse spiel-
ten sich 2000 km von ihm entfernt ab, und die Gendarmerie hatte, wie bereits
erwähnt, bis zum Ausbruch des Krieges eine lediglich französische Ausbildung
erhalten.
Es kann auch nicht geleugnet werden, daß türkische Offiziere sich an Arme-
niern bereichert und vergriffen haben, wo aber eine derartige Handlungsweise
zur Kenntnis der Vorgesetzten kam, wurde sofort scharf eingegriffen. So ließ
Wehib Pascha, Oberbefehlshaber der türkischen Ostarmee, zwei Offiziere aus
solchem Grunde kriegsgerichtlich erschießen; Enver Pascha bestrafte den Gou-
verneur von Aleppo, einen türkischen General, der sich auf Kosten der Arme-
nier bereichert hatte, mit sofortiger Dienstentlassung und langer Freiheitsstrafe.
Ich denke, diese Beispiele genügen, um zu beweisen, daß man die Arme-
niergreuel nicht wollte ! Aber es war Krieg und die Sitten waren verwildert. Ich
erinnere an die Grausamkeiten, die Franzosen an unseren Verwundeten und Ge-
fangenen verübt haben. Hat das Ausland endlich diese Schandtaten erfahren?
Außer dem ermordeten Großwesir ist, wie ich gehört habe, auch Enver Pascha
vor dem deutschen Gericht angegriffen worden. Enver liebt sein Vaterland glü-
hend; er ist ein ehrenhafter Soldat von großer Begabung und beispielloser Tap-
ferkeit, deren Augenzeuge ich wiederholt war. Seiner Tatkraft allein ist die

120
Neuschaffung des türkischen Feldheeres Zu danken, das, von seinem Geist er-
füllt, jahrelang gegen eine erdrückende Übermacht kämpfte und heute noch für
die Heimat kämpft!
Kein deutscher Offizier ist berufener, über ihn und seinen Freund Talaat Pa-
scha zu urteilen, wie ich, der Ich von 1914 bis Ende 1917 als Chef des General-
Stab des türkischen Feldheeres in den engsten Beziehungen zu diesen beiden
Männern stand.
Talaat Pascha ist ein Opfer seiner Vaterlandsliebe geworden! Möge es Enver
Pascha gelingen, wenn seine Zeit gekommen ist, sein Vaterland zu neuer Größe
zu erheben! Daß diese beiden Männer mir in schwerer Zeit ihr volles Vertrauen,
ich darf sagen, ihre Freundschaft, geschenkt haben, ist eine stolze Erinnerung
für mich.“

6) Die Verantwortlichen der Massaker

Es ist bis heute kein einziges Dokument gefunden worden, das als Nachweis
dafür dienen könnte, daß die türkische Regierung die Tötung der Armenier be-
absichtigt hätte. Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Dokumente, die zeigen, daß
die türkische Regierung detaillierte Anweisungen zum Schutz des Lebens und-
des Eigentums der Deportierten gegeben hat. Diese sind jedoch von den örtlich
zuständigen Stellen nicht immer eingehalten worden.
Während der Deportation kam es in Ost- und Südanatolien zu zahlreichen
Übergriffen und Massaker an den Armeniern. Einerseits waren die Moslems
voller Haß gegen die Armenier, wegen derer Zusammenarbeit mit dem Heran-
rückenden Feind, Rußland. Es gab Menschen, die die Armenier blindlings er-
mordeten. Auch die Angriffe der armenishen Banden auf die Moslemdörfer ta-
ten ein Übriges. Andererseits haben die Zuständigen Stellen die Anweisungen
der Regierung mißachtet und sich schuldig gemacht. Zum Teil fehlten auch die
Polizeikräfte, um die öffentliche Ordnung zu sichern.
Ein Teil der Verantwortlichen, die sich in diesem Zusammenhang schuldhaft
verhalten haben, wurden noch während des Krieges bestraft, es gab unter ande-
rem auch Hinrichtungen (siehe den Bericht des Generals v. Schellendorf).

7) Die Verluste der Moslems größer als die der Armenier

Udo Steinbach schreibt über die Folgen des I. Weltkrieges in Bezug auf die
Bevölkerung der Türkei:
“2,5 Millionen Muslime in Anatolien verloren ihr Leben, hinzu kamen etwa
600.000 bis 800.000 Armenier und etwa 300.000 Griechen. Alles in allem sank
die Bevölkerung Anatoliens um etwa 20 Prozent, ein Prozentsatz, der zwanzig-

121
mal höher war als derjenige Frankreichs, dem am schlimmsten betroffenen
Land unter den kriegsführenden Parteien Europas im Ersten Weltkrieg.”310
Über die Zahl der armenischen Opfer gibt es widersprüchliche Angaben. Hier
einige Zitate:
„Die größte Katastrophe ereignete sich mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges.
1915 beschlossen die Türken, die die Armenier als ein gefährliche ausländische
Elemente betrachteten, die gesamte armenische Bevölkerung von etwa
1.750.000 nach Syrien und Palästina zu deportieren. Etwa 600.000 starben an
Hunger oder wurden auf dem Weg getötet. Etwa ein Drittel entkam der Depor-
tation”311
Der britische Autor Dixon-Johnson weist schon während des I. Weltkrieges
auf die Widersprüchlichkeit der Zahlen hin, die bezüglich der armenischen Op-
fer veröffentlicht werden. So behauptete man in den britischen Zeitungen, das
25.000 Armenier aus der Stadt Mersin deportiert worden wären. Dixon-Johson
bemerkt, daß die gesamte Einwohnerzahl dieser Stadt 20.966 betrug und davon
nur 7.279 Personen Christen verschiedener Konfession (mindestens die Hälfte
Griechen) waren. Angesichts dieser Tatsachen sei schwer verständlich, wie aus
einer christlichen Bevölkerung von 7.279 Personen 25.000 Armenier deportiert
worden sein sollen.
Ein anderes Beispiel: Lord Bryce erklärte laut The Times in House of Lords,
daß die Türken in Trabzon die gesamte christliche Einwohnerschaft an den Ha-
fen trieb, sie dort in Segelboote packte und in einiger Entfernung im Schwarzen
Meer ertränkte. Die gesamte armenische Einwohnerschaft von ca. 8.000-10.000
Personen sei auf diese Weise an einem Nachmittag ausgelöscht worden. Dixon-
Johnson überlegt, wie viele Boote man brauchen würde, um diese Greuel an ei-
nem Nachmittag vollbringen zu können. The Time schreibt außerdem, daß “der
italienische Konsul, der diese Vorgänge berichtete, diese mit den eigenen Au-
gen gesehen hätte”. Dixon-Johnson weist daraufhin, daß in der römischen Zei-
tung Messagero die angeblichen Greueltaten in Trabzon ebenfalls mit Berufung
auf den italienischen Konsul [Signor Corrini] berichtet werden, doch jene Zei-
tung behauptet, daß die Opfer in den Straßen erschossen wären und daß die Er-
schießungen einen ganzen Monat gedauert hätten. Von Ertränken sei keine Re-
de gewesen.312
Der Präsident der armenischen Delegation bei den Friedensverhandlungen bei
Paris, Boghos Noubar Pascha, erklärte im Januar 1919:
„.. Obwohl die Verluste der Armenier sehr groß sind, waren die der Türken im
Verlauf des Krieges nicht weniger. Ein deutscher Bericht gibt die totale Zahl

310
Udo Steinbach, Die Türkei im 20. Jahrhundert, 1996, S. 121
311
Micropedia, The New Encyclopaedia Britannica, Vol. I, 15th edition, p. 565
312
C. F. Dixon-Johnson. The Armenians. Northgate, Blackburn, 1916, S. 50, zitiert
nach T. Ataöv, A British Source (1916) on the Armenian Question, Ankara, 1992, S. 15.

122
der türkischen Verluste in Folge des Krieges, der Epidemien und des Hunger-
nots mit 2.500.000 an. Die Seuchen führten wegen der ungenügenden Versor-
gung mit Krankenhauspersonal und Medizin zu einer entsetzlichen Verwüstung.
Wenigstens die Hälfte dieser Verluste wurden von der Bevölkerung der armeni-
schen Provinzen erlitten ... die von der russischen und der armenischen Armeen
besetzt wurden ...”313
Die Besetzung von Van durch die russischen Truppen war von kurzer Dauer.
Bereits Anfang August 1915 mußten sich die Russen zurück ziehen. Mit den
abziehenden Russen zogen auch die Armenier dieser Gegenden mit, da sie die
Rache der Moslems befürchten mußten. Die tagelangen Fußmärsche, Hunger
und Krankheiten, die Angriffe kurdischer Stämme führten zu hohen Verlusten.
Shaw gibt die Zahl der Flüchtlinge beim Rückzug aus Van mit fast 200.000, die
Zahl der Toten mit etwa 40.000 an.314 Ähnliches ereignete sich, als die russi-
schen bzw. die armenischen Armeen sich am Ende des Krieges angesichts der
anrückenden türkischen Truppen aus Erzurum und aus Kars zurückziehen muß-
ten. Auch hier floh die armenische Bevölkerung mit und erlitt hohe Verluste.
Diese Verluste sind nicht als Ergebnis der Deportation entstanden.
Die Angaben über die Zahl der armenischen Opfer liegen zwischen 600.000
und 1,5 Millionen. Udo Steinbach spricht von 800.000 armenischen und 2,5
Millionen islamischen Opfern. Die Zahl 800.000 entspricht auch den Feststel-
lungen des amerikanischen Historikers J. McCarthy. Aber selbst wenn man die
Zahl der armenischen Opfer mit 1,5 Millionen ansetzen würde, sind die Verlus-
te der islamischen Zivilbevölkerung um über 53 % höher! Das ist ein merkwür-
diges Völkermord, wo die Verluste der angeblichen “Täter“ um mehr als 50 %
höher ist, als die Verluste der Opfer!
Um die Gründe für die sehr hohen Opfer der Zivilbevölkerung und insbeson-
dere der Armenier während des I. Weltkrieges verstehen zu können, sollte man
folgende Punkte berücksichtigen:
In der Türkei gab es zu jener Zeit in den fraglichen Gebieten kaum Eisenbah-
nen oder sonstige Transportmöglichkeiten. Die türkischen Armeen, die gegen
die Russen an der Ostfront und gegen die Briten an der Südfront zu kämpfen
hatten, mußten Hunderte Kilometer marschieren, bevor sie die Front erreichen
konnten. Ein Beispiel: Eine Division, die am 11.12.1914 aus Istanbul per Eisen-
bahn Richtung Osten abreiste, erreichte am 2.2.1915 Erzurum. Inzwischen hat-
ten viele der Soldaten die ersten Anzeichen von Typhus. Die etwa 11.000 Mann
umfassende Division hatte für diese Strecke, die heute ein einzelnerReisender in

313
Richard Hovannisian, „The ebb and flow of the Armenian minority in the Arab Mid-
dle East“, Middle East Journal, No. 28, 1974, p. 20
314
Stanford J. Shaw, Ezel Kural Shaw, History of the Ottoman Empire and Modern
Turkey, Cambridge, London, New York, Melbourne, 1977, S. 316

123
24 Stunden bewältigen kann, fast zwei Monate gebraucht.315 Unter diesen Um-
ständen verloren gut ausgebildete Infanterie-Regimenter und Divisionen, die
aus gesunden und trainierten jungen Männer bestanden und die bei den Trans-
porten und der Versorgung höchste Priorität genossen, auf den Transporten re-
gelmäßig ein Viertel ihrer Männer wegen Hunger und Krankheiten.316
Daher mußten auch die deportierten Armenier, genauso wie die flüchtenden
Moslems, lange Strecken zu Fuß zurücklegen. Wenn man die allgemeine Hun-
gersnot und die Seuchen in Rechnung stellt, so wird die Zahl der Opfer nach-
vollziehbar.
Die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung war praktisch zusam-
mengebrochen, es herrschte allgemeine Hungersnot.
Damals lebten in Anatolien ca. 4 Millionen Flüchtlinge, die im 19. und
20. Jahrhundert aus dem Balkan und dem Kaukasus vertrieben worden waren.
Besonders die Flüchtlinge aus dem Kaukasus (in der Türkei und dem Sammel-
begriff „Tscherkessen“ bekannt) hatten gegen die russische Invasion bereits in
ihrer kaukasischen Heimat einen verlustreichen Guerillakrieg geführt (unter der
Führung des legendären eyh amil) der etwa 50 Jahre gedauert hatte. Danach
waren sie als bewaffnete Gruppen in die Türkei geflüchtet. Man kann sich vor-
stellen, mit welchem Haß diese Flüchtlinge auf die Versuche der armenischen
Geheimbünde reagierten, nun gemeinsame Sache mit den russischen Angreifern
zu machen. Es war den seit 35 Jahren mit rücksichtsloser Brutalität operieren-
den armenischen revolutionären Parteien gelungen, unter den Moslems einen
tiefen Haß gegen ihre armenischen Nachbarn zu säen. Dieser Haß entlud sich
nun in entsetzlichen Massakern.
Es gab kaum Polizeikräfte, die die Armenier vor den Übergriffen hätten
schützen können, da selbst die Gendarmerie-Divisionen an die Front bzw. zur
Bekämpfung der Aufstände eingesetzt werden mußten.
Nicht nur Zivilisten, sondern auch die Streitkräfte erlitten große Verluste we-
gen der Hungersnot und der Seuchen. Wie man der Tabelle unten entnehmen
kann war die Zahl der wegen Krankheit oder Hunger verstorbenen Soldaten fast
doppelt so hoch wie die Zahl derjenigen, die wegen feindlicher Einwirkungen
starben.
Hier die Angaben von Erickson über die Verluste der osmanischen Streitkräf-
te im I. Weltkrieg:

315
Edward J. Erickson, Ordered to Die, , Westport, Connecticut, London, 2000, S. 62 f.
316
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 103

124
Anzahl der Mobilisierten 2.873.000 einschl. Gendarmerie
und Flotte
Im Gefecht Gefallene 243.598 einschl. verstorbene
Verwundete
Vermißte 61.487
Wegen Krankheiten verstor- 466.759
bene
Schwerverwundete 303.150 nicht mehr kriegstaug-
lich
Verwundete insgesamt 763.753
Quelle: Erickson, Ordered to Die317
Zudem sollte berücksichtigt werden, daß die türkische Regierung in diesem
Krieg, in dem es um sein oder nicht sein der Nation ging, alle vorhandenen Mit-
tel vorrangig für die Streitkräfte zur Verfügung stellte. Daraus kann in etwa eine
Vorstellung der Situation gewonnen werden, in der sich die Zivilbevölkerung
befand.

8) Die Einschätzung eines britischen Offiziers und Diplomaten

Aubrey Herbert galt im britischen Parlament als Experte für die Fragen des
Nahen Ostens. Er hatte in der britischen Botschaft in Istanbul gedient, hatte
ausgedehnte Reisen unternommen. I. Weltkrieg kämpfte er an zwei Fronten
(Dardanellen und persischer Golf) gegen die Türken und in Frankreich gegen
die Deutschen. Ich zitiere seine Einschätzung zu den hier diskutierten Fragen,
die er 1923, kurz vor seinem Tod, diktierte, da er kaum mehr sehen konnte:
“... doch die Moslems und die Christen in Kleinasien verstanden aneinander.
Auch wenn es keine Liebesbeziehung war, ihre Beziehungen waren nicht zu
schlecht. Es war Europa, das bewußt und unbewußt jeden Unterschied zwischen
den Konfessionen und Rassen betonte. Es war Europa, das sowohl aus Versehen
wie auch absichtlich für die Katastrophe verantwortlich war, die über die un-
glücklichen christlichen Minderheiten in Kleinasien hereinbrach. Die amerika-
nischen und britischen Missionare waren unpolitisch, doch sie lehrten ihren
Schülern, daß Christentum dem Islam überlegen war, so waren Christen höher
und besser als die Moslems. In den alten Tagen nannte man die Armenier
“Millet-i sadık”318 – “das loyale Volk”; die Karamanlı Griechen, die nur Tür-
kisch sprachen und ihre christlichen Gottesdienste in jener Sprache feierten, wa-
ren zufriedene Leute.

317
Edward J. Erickson, Ordered to Die, Westport, Connecticut, London, 2000, S. 211
318
Herbert zitiert nicht ganz richtig: Es müßte “millet-i sadıka” heißen.

125
Doch die Propaganda zur Rückeroberung der asiatischen Territorien, die aus
Athen kam und als MEGALE IDEA (die große Idee) bekannt war, vermittelte
etwas von der Unruhe der Athener zu ihren ruhigeren Brüdern in Kleinasien....”
“Obwohl die Armenier bei der Entwicklung und Modernisierung der Türkei
eine Zukunft vor sich hatten, wurden sie von Europa verführt und zum Selbst-
mord verleitet.”319
“Als der große Krieg begann wurden die christlichen Minderheiten von den
Franzosen und von Mr. Lloyd George als die kleinen Allierten der Großmächte
begrüßt, die die Türkei bekämpften. Die Armenier, geschmeichelt durch diese
Anerkennung, machten sich daran, 1915 die angreifenden russischen Truppen
zu unterstützen und ab jenem Moment befanden sie sich in einer schrecklichen
und unmittelbaren Gefahr. Ihr Verhängnis wurde unwiderruflich, als Mr. Lloyd
George, der in jeder anderen Hinsicht zu Veränderungen bereit war, in seinem
Aufruf an die Minderheiten in Kleinasien, in unserem Namen Krieg zu führen,
beharrte. England bekämpfte eine insulare und entfernte Sinn Fein in Irland mit
Hilfe der Black and Tans; die Türkei stand einem kontinentalen Sinn Fein ge-
genüber und bekämpfte sie erbarmungslos mit ihren Bashi-bozouks.”320

III) Hovannisian: “Armenier waren die Tölpel”

Ohne die oben zitierten, so und ähnlich lautende Feststellungen von ausländi-
schen und armenischen Zeitzeugen und Wissenschaftlern zur Kenntnis zu neh-
men, behaupten Autoren wie Akçam und auch die „Wissenschaftlichen Dienste
des Bundestages“, daß die ausländische Intervention und die ausländische Hetze
eine Erfindung der Jungtürkischen Partei seien (eine türkische Version der
“Dolchstoß–Legende”), die damals einen Vorwand zur Vernichtung der Arme-
nier gesucht hätte.321 Der für die Armenier erfolgreiche Aufstand von Van, bei
dem alle Moslems, die nicht fliehen konnten, getötet wurden, der Aufstand in
Zeitun, in ebin Karahisar, der Aufstand in Urfa und in der Gegend um Adana,
die von Autoren wie Hovannisian nicht bestritten werden, kommen in dem Be-
richt der “Wissenschaftlichen Dienste” einfach nicht vor. Wohl, weil ihre Er-
wähnung Zweifel aufkommen lassen würde, ob “der von der osmanischen Re-
gierung behauptete Dolchstoß” doch mehr als eine bloße Legende ist. Der Ver-
such, die türkische Geschichte durch Analogien aus der deutschen Geschichte

319
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924, S. 274
320
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924, S. 275 f.
„Bashi-bozouk“ ist die englische Übertragung des türkischen Ausdrucks „baı-bozuk“,
die Bezeichnung für die irregulären Truppen im osmanischen Reich.
321
Roos, Das Osmanische Reich und die Armenier 1915, Wissenschaftliche Dienste des
Deutschen Bundestages, Reg-Nr. WD 1-35/01, 34/01, Abschluß 22.3.2001, S. 10

126
zu “erklären” mag für manche eine Anziehungskraft besitzen. Denken in sol-
chen Schablonen führt aber unweigerlich in eine Sackgasse.
Der Umstand, daß es in den ersten Monaten des Weltkrieges in Anatolien eine
Reihe von armenischen bewaffneten Aufständen hinter den Linien der tür-
kischen Streitkräfte gegeben hat, kann man bei Hovannisian nachlesen. Er inter-
pretiert diese als “hoffnungslose Schlachten”, die nicht “eine armenische Revo-
lution beweisen, sondern die Entschlossenheit eines verurteilten Volkes, im
Kampf zu fallen, anstatt hingeschlachtet zu werden”322. Auch Gust liefert Au-
genzeugenberichte für diese Aufstände und gibt eine ähnliche Interpretation.
Wenn man versucht, diese Aufstände als Versuche der armenischen Bevöl-
kerung zu verstehen, sich von dem “türkischen Joch” zu befreien, erscheinen sie
einem tatsächlich als sinnlos. Die türkischen Armenier waren sicherlich weit-
sichtig genug, die Perspektivlosigkeit solcher Aktionen zu erkennen.
Dennoch: Es gibt noch einen anderen Blickwinkel: den Standpunkt des russi-
schen Oberkommandos, bzw. der Entente–Mächte. Aus der Sicht des Zaren wa-
ren die armenischen Aufstände, so hoffnungslos und katastrophal sie für die in-
volvierten Armenier sein mochten, durchaus sehr nützlich, denn sie banden die
türkischen Kräfte. Allein schon die potentielle Möglichkeit, daß es zu Aufstän-
den kommen könnte, bedeutete eine erhebliche Entlastung für die russischen
Armeen, von tatsächlichen Aufständen ganz zu schweigen.
Die Tatsache, daß solche Aufstände zum Scheitern verurteilt waren, war aus
der Sicht des Zarismus kein Nachteil, sondern im Gegensatz, ein weiterer Vor-
teil. Die Russen wollten, wie Hovannisian vermerkt, “ein Armenien ohne Ar-
menier”323
Diese Interpretation fügt sich nahtlos in die Generallinie der russischen Au-
ßenpolitik seit dem Wiener Kongreß ein. Es wurden immer wieder Massaker
großen Ausmaßes organisiert, vorbereitet. Dabei spielten die möglichen
Nachteile für die Betroffenen nie eine Rolle.
Hatte nicht 1822 die aus Rußland drigierte griechische Geheimorganisation
“Philiki Etairia“ die Griechen in Istanbul aufgefordert „Brennt die Hauptstadt
nieder, die Matrosen sollen die Waffenlager stürmen, versucht mit allen Mitteln,
den Sultan in die Hand zu bekommen. Laßt die Stimme des Vaterlandes ertönen
... Der Erfolg ist sehr nahe.”?324 Was ein so provoziertes Blutbad für die Grie-
chen in Istanbul bedeuten würde, hatte sie nicht gekümmert. Genau so verfuh-
ren sie auf der Insel Chios, als sie damit anfingen, die Moslems der Insel zu er-
morden.

322
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 53
323
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 28
324
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 241

127
Hatte nicht die der Daschnak–Führer Armen Garo, der einer der Anführer der
Freiwilligenverbände des Jahres 1915 war, schon 1896 mit dem Überfall auf die
Osmanische Bank Massaker unter den armenischen Einwohnern Istanbuls pro-
vozieren wollen? Auch jene “Aktion” macht keinen Sinn, wenn man nichts von
dem Nelidov–Plan weiß 325, über den Langer berichtet: Zeitgleich mit dem Über-
fall auf die Osmanische Bank lag die russische Schwarzmeer-Flotte in Odessa
unter Dampf, auf ein Telegramm des russischen Botschafters wartend, um Mas-
saker in Istanbul als Vorwand zu benutzen und einen Teil der Meerengen zu
okkupieren. (Vgl. den entsprechenden Abschnitt weiter oben.)
Schließlich hatte Rev. Cyrus Hamlin schon 1893 in einem Offenenbrief die
Protestanten vor den Machenschaften der armenischen Revolutionäre gewarnt,
die die Massakrierung ihrer eigenen Leute provozieren wollten, um eine russi-
sche Invasion Anatoliens zu ermöglichen. 1915 wurde genau dieser Plan in die
Tat umgesetzt. Nur mit dem Unterschied, daß am Ende, entgegen der Voraussa-
ge, die russische Armee in Folge der Revolution in Rußland sich selbst auflöste.
Wenn man die Ereignisse von 1915 aus der Perspektive der russischen
Kriegspläne und Interessen betrachtet, erscheinen die aus der Sicht der Arme-
nier “hoffnungslosen” Aufstände sehr wohl einen Sinn. Viele Armenier wußten
das. Genau deswegen mußten die Daschnakisten die armenische Bevölkerung
teilweise mit Waffengewalt zu einem Aufstand zwingen (wie Gust berichtet)326.
Darauf deutete auch Papazian als er schrieb, daß in dem ganzen Unterfangen die
Interessen der türkischen Armenier nicht berücksichtigt wurden und die Interes-
sen Rußlands überwogen.
Auch Hovannisian gibt dies mehr oder weniger offen zu: “Dokumente der
Kriegszeit, die von der bolschewistischen Regierung veröffentlicht wurden, be-
leuchten die Außenpolitik, die von Nicholas II und seinen Ministern betrieben
wurde. Daß die Armenier im Spiel der internationalen Politik die Tölpel und die
Bauern abgaben, wird in jenen Dokumenten überdeutlich.”327 Der einzige Un-
terschied zu Papazian besteht darin, daß Hovannisian die Daschnakisten und die
Russen, also die Hauptakteure, nicht bei Namen nennt. Man beachte, daß diese
Feststellung von Hovannisian mit der Feststellung von Aubrey Herbert, die ich
eingangs zitierte, weitgehend übereinstimmt.

325
William L. Langer, The Diplomacy of Imperialism, 1890-1902, New York, 1968, S.
338-348, auf Seite 354 weitere Quellenangaben zu dem hier erwähnten “Nelidov Plan”.
Auch Mansel bestätigt diese Pläne. Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s
Desire, London, 1998, S. 338
326
Gust, Wolfgang, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993, S. 185
327
Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence 1918, Berkeley, Los
Angeles, London, 1967, S. 58 In Englisch: „Wartime documents, published by the
Bolshevik government cast a good deal of light upon the foreign policy fostered by Ni-
cholas II and his ministers. That the Armenians were dupes and pawns in the game of
international politics is glaringly exposed in these records.“

128
Kann man den Sachverhalt noch deutlicher zum Ausdruck bringen? Nichts
anderes als genau dies meine ich, wenn ich von ausländischer Hetze und auslän-
discher Intervention spreche.

IV) Briten: keine Grundlage für Anklageerhebung

Die Entente Mächte (England und Frankreich, später auch Italien) hatten be-
reits 1915 der osmanischen Regierung vorgeworfen, Massaker gegen die Arme-
nier zu verüben und angedroht, daß die Verantwortlichen nach dem Sieg der
Entente bestraft werden würden.
Die osmanische Regierung hatte diese Vorwürfe zurückgewiesen. Im Februar
1919, also nach dem Waffenstillstand, schlug die osmanische Regierung den
Vertretern der neutralen Mächte Dänemark, Schweiz, Niederlande, Spanien und
Schweden, vor, Personen zu benennen, die gemeinsam mit türkischen Mitglie-
dern an einem Ausschuß teilnehmen sollten. Der Ausschuß sollte die Vorwürfe
bezüglich Kriegsverbrechen untersuchen. Doch die Entente Mächte, vor allem
die Briten, verhinderten die Teilnahme der neutralen Mächte an diesem Vorha-
ben.328
Nach dem Waffenstillstand im Jahre 1918 ankerte die britische und die fran-
zösische Flotte vor Istanbul. Die Briten begannen, türkische Offiziere und Be-
amte sowie Politiker zu verhaften. Dabei arbeiteten die Briten sowohl mit dem
armenischen Patriarchat, wie auch mit der geheimen Daschnakpartei eng zu-
sammen. Der damalige Leiter des britischen Geheimdienstes in Istanbul schreibt
in seinen Memoiren, daß die verhafteten türkischen Parlamentsabgeordneten auf
seine Bitte hin bereits Tage vor der Verhaftung durch Agenten der Daschnak-
partei beschattet wurden und vermutet, daß wenigstens 300 Daschnakagenten in
diesem Zusammenhang mobilisiert worden sein müssen.329 Man verhaftete
hochrangige Persönlichkeiten, denen man
- Verstösse gegen die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens
- Mißhandlung britischer Kriegsgefangenen und
- Massaker gegen die Armenier vorwarf.
144 Personen wurden im Rahmen dieser Maßnahmen 1919-1920 auf die briti-
sche Insel Malta verbracht. Die Briten versuchten, Beweise für die angeblichen
Kriegsverbrechen zu sammeln, damit ein Gerichtsverfahren eröffnet werden
konnte. Obwohl zu jener Zeit die osmanische Hauptstadt Istanbul und zahlrei-
che andere wichtige Zentren von den Entente-Mächten besetzt worden waren
und die Archive aller staatlichen Stellen des osmanischen Reiches von den Bri-

328
FO 371/4173/47293 Webb to Balfour, 25.2.1919 (Sonyel, The Ottoman Armenians,
London 1987, S. 301 & 361 fn 76)
329
John Bennett, Witness, Turnstone Press Limited, 1983, S. 22

129
ten eingesehen werden konnten, gelang es nicht, Belastungsmaterial vorzulegen.
Schließlich waren die Briten gezwungen, am 31. Oktober 1921 auch die letzten
auf Malta festgehaltenen Türken freizulassen.330
Tessa Hofmann behauptet, daß die Briten gezwungen waren, die inhaftierten
auf Malta freizulassen, da die Regierung der Nationalen Versammlung in Anka-
ra (unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk) britische Offiziere als Geisel
verhaftet hatte. Eine fast gleichlautende Erklärung liefert Wolfgang Gust. Es
stimmt zwar, daß die Ankara Regierung 20 Briten als Geiseln verhaften ließ,
dies geschah jedoch erst nach dem 16. März 1920, als die Briten in Istanbul mit
Gewalt das letzte osmanische Parlament auflösten und zahlreiche Abgeordnete
dieses Parlaments ebenfalls nach Malta bringen ließen. Unter den deportierten
befanden sich so hochrangige Persönlichkeiten wie z. B. der Parlament-
spräsident, der Generalstabschef, ein Großvezir (Ministerpräsident), Regie-
rungsmitglieder, Armeekommandanten, zahlreiche Provinzgouverneure, auch
Eref Sencer Kuçubaı, der Gründer und Leiter des osmanischen Geheimdiens-
tes (“Tekilat-ı Mahsusa”), und mehrere Dutzend Parlamentsabgeordnete. Eref
Sencer Kuçubaı berichtet in seinen Memoiren, daß es unter den Personen, die
nach Malta verbracht wurden, sich auch Türken armenischer, griechischer und
jüdischer Abstammung befanden.331
Doch noch sechs Monate vor der Verhaftung der Briten durch die Regierung
in Ankara, am 21.9.1919 hatte der britische “High Commissioner at Istanbul”,
Admiral de Robeck in einem Schreiben an Lord Curson berichtet, daß es sehr
schwer werden würde, eine Anklage mit konkreten Beschuldigungen gegen vie-
le der verhafteten Personen vor einem alliiertem Gericht zu erheben und daß
man daher einen Weg finden sollte, sich dieser Personen zu entledigen!332
Taner Akçam erwähnt in seinem Buch 333 diesen Versuch der Briten, die be-
haupteten Kriegsverbrechen mit einem Gerichtsverfahren zu ahnden. Er ver-
schweigt jedoch die Tatsache, daß die Briten nicht in der Lage waren, genügend
Beweise für eine Anklageerhebung vor einem britischen Gericht beibringen
konnten. Das Schweigen von Akçam hat seinen Grund. Würde er die Ergebnis-
se der britischen Bemühungen referieren, würde dies seine eigenen Thesen er-

330
Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the Armenian Question, in: Armenians
in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-1926), Boaziçi Univ. Publication,
Ankara 1992, S. 39
331
Zitiert nach Cemal Kutay, „Lavrense karı Kuçubaı ve özel örgütün kuruluu“, Is-
tanbul 1978, Cemal Kutay Kitaplıı, S. 54)
332
FO 371/4174/136069, zitiert nach Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the
Armenian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-
1926), Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 30
333
Taner Akçam, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türki-
sche Nationalbewegung. Hamburger Edition, 1996.

130
schüttern. So zieht er es vor, mit dieser Begebenheit genauso zu verfahren, wie
mit den anderen, die ihm nicht passen und sie unter den Teppich zu kehren.
An Hand der offiziellen britischen Unterlagen zu diesem Komplex, die inzwi-
schen zugänglich sind, kann nachgewiesen werden, daß diese “Erklärung” von
Tessa Hofmann nicht zutrifft. Die Unterlagen des Foreign Office belegen, daß
keine Beweise gefunden werden konnten, die für eine Anklageerhebung (ge-
schweige denn Verurteilung) ausreichen würden. Es gibt eine detaillierte Unter-
suchung dieses Materials durch B. N. imir, die auch auf Englisch publiziert
wurde.334 Ich beschränke mich darauf, die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit
zu referieren.

A) Briten verhindern Untersuchung durch neutrale Staaten!

Die osmanische Regierung unter Tevfik Pascha schlug schon kurz nach dem
Waffenstillstand im I. Weltkrieg vor, daß ein gemischter Ausschuß die Vorwür-
fe im Zusammenhang mit dem Deportationsbefehl bezüglich der Armenier un-
tersuchen sollte. Zu diesem Zweck forderte sie fünf neutrale europäische Mäch-
te (Spanien, die Niederlande, Dänemark, Schweden und die Schweiz) im Febru-
ar 1919 mit einer Note auf, je zwei Bevollmächtigte für die Teilnahme an einem
entsprechenden Ausschuß zu benennen.335 Die spanische Regierung ließ ihren
Botschafter in London anfragen, wie die Haltung der britischen Regierung ge-
genüber diesem Vorschlag sei. Die britische Regierung ließ ihn ihre ablehnende
Haltung wissen und schrieb wörtlich “Die Annahme der türkischen Einladung
könnte, und wahrscheinlich würde, den Vorkehrungen widersprechen, die auf
der Friedenskonferenz getroffen werden mögen und würden zu ernsthaften
Komplikationen führen.”336
Diese Haltung legt nahe, daß die Briten sich bezüglich der Haltbarkeit der
Vorwürfe, die sie während des I. Weltkrieges erhoben hatten, nicht so sicher
waren.
Bereits Anfang Januar 1919 trafen die Briten Vorbereitungen, um verdächtig-
te Personen festzunehmen. Die britischen Stellen in Istanbul unter dem Befehl
des “High Commissioner” Admiral Calthorpe, bildeten unter der Leitung von

334
Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the Armenian Question, in: Armenians
in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-1926), Boaziçi Univ. Publication,
Ankara 1992
335
FO 371/4172/29498 (nach Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the Arme-
nian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-1926),
Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 28)
336
FO 371/Greham to Spanish Ambassador, 4.3.1919, zitiert nach Bilal N. imir, The
Deportees of Malta and the Armenian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire
and Modern Turkey (1912-1926), Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 28

131
Andrew Ryan, der 15 Jahre lang als Dragoman (Dolmetscher) der britischen
Botschaft in Istanbul gedient hatte337, eine besondere Abteilung, die die ent-
sprechenden Listen mit Hilfe des armenischen Patriarchats in Istanbul vorberei-
ten sollte. Man übergab in der Zeit Januar-April 1919 vier solche Listen an die
osmanische Regierung, es wurden etwa 200 Personen verhaftet. Man muß auch
berücksichtigen, daß Ryan aus seiner früheren Tätigkeit in Istanbul über sehr
gute Beziehungen zu den armenischen und griechischen Gemeinden in Istanbul
verfügte und von dieser Seite erhebliche Unterstützung erhielt.
Admiral Calthorpe verlangte von den türkischen Behörden die Übergabe der
Personen, die er benennen würde an die britischen Militärstellen. Die französi-
sche Regierung hingegen war gegen dieses Vorgehen, sie betrachtete es als
nicht angebracht, nur die Türken zu verhaften, während Bulgaren, Österreicher
und Deutsche, denen ebenfalls Übergriffe vorgeworfen wurden, unbehelligt
blieben.338 Diese ablehnende Haltung der französischen Regierung blieb auch
später bestehen. Damit hat die französische Regierung die Beschuldigungen ge-
gen die türkische Regierung, die sie während des Krieges erhob, nicht weiter
verfolgt.
Auch auf der britischen Seite sind bereits zwei Monate nach dem Beginn des
ganzen Unterfangens erhebliche Bedenken zu beobachten. Admiral Richard
Webb, der britische “Assistant High Commissioner at Istanbul”, brachte
am 11.3.1919 seine Zweifel zum Ausdruck, daß Beweise bezüglich der Massa-
ker gefunden werden können.339
Im August 1920 wurde der Friedensvertrag von Sevres der osmanischen Re-
gierung aufgezwungen (dieser Vertrag wurde von der Nationalversammlung in
Ankara niemals akzeptiert). Artikel 230 dieses Vertrages sah vor, daß die osma-
nische Regierung diejenigen Personen, die wegen “Massaker” beschuldigt wer-
den, den Alliierten übergibt und die Zuständigkeit von alliierten Tribunalen in
diesen Fällen anerkennt. Darüber hinaus war die osmanische Regierung ver-
pflichtet, alle einschlägigen Dokumente und sonstige Informationen herauszu-
geben. Damit waren alle technischen und juristischen Voraussetzungen für die
angestrebten Gerichtsverfahren geschaffen.

337
Andrew Ryan bezeichnet sich selbst in seinen Memoiren als „den am meisten
gehaßten Mann in der Türkei”. Siehe: Sir Andrew Ryan, The Last of the Dragomans,
London 1951, Vorwort, zitiert nach Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the
Armenian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-
1926), Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 27
338
Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the Armenian Question, in: Armenians
in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-1926), Boaziçi Univ. Publication,
Ankara 1992, S. 27 f.
339
FO 371/4172/41634. Webb to FO, tel. No. 532 of 11.3.1919, nach Bilal N. imir,
The Deportees of Malta and the Armenian Question, in: Armenians in the Ottoman Em-
pire and Modern Turkey (1912-1926), Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 29

132
Es spricht für den tiefwurzelnden Respekt der Briten für die Grundsätze eines
fairen Gerichtsverfahrens, daß die Zahl der Zweifler an dem Sinn des angestreb-
ten Tribunals mit jeder Woche, die ins Land ging, zunahm.
Inzwischen hatte man die “Law Officers of the Crown“ eingeschaltet. Diese
überreichten der britischen Regierung am 4. August 1920 ein Memorandum, in
dem festgehalten wurde, daß diese “Law Officers” kein Material bzw. keine
Beweise über die Verfolgung der Armenier feststellen konnten und daher Be-
schuldigungen dieser Art nicht erheben wollten.340
Am 8.2.1921 informierte der “Attorney General” (der oberste Staatsanwalt)
das britische Außenministerium (Foreign Office), daß er sich lediglich mit 8
Türken wegen schlechter Behandlung von Kriegsgefangenen befaßte und keine
weiteren Ermittlungen führte und erbat Belastungsmaterial gegen die restlichen
Türken, die verfolgt werden sollten.341

B) Kein Belastungsmaterial aus den USA

Da es nicht möglich war, gerichtlich verwertbare Beweise gegen die Internier-


ten in Malta zu finden, informierte Lord Curzon, der damalige britische Au-
ßenminister Sir A. Geddes, den britischen Botschafter in Washington, daß es
„erhebliche Schwierigkeiten“ gab, die Schuld der türkischen Internierten in
Malta nachzuweisen und bat ihn, die Regierung der USA zu fragen, ob diese im
Besitz von entsprechendem Material sei, womit die Schuld hätte nachgewiesen
werden können.342
Die britische Botschaft in Washington erwiderte am 13. Juli 1921 wie folgt:
„Ich bedauere, Eure Lordschaft informieren zu müssen, daß es hier nichts gibt,
das als Belastungsmaterial gegen die Türken in Malta genutzt werden könnte.“
Der Botschafter wies daraufhin, daß die Berichte in dem amerikanischen Au-
ßenministerium offensichtlich keine Informationen enthalten, die als Beweisma-
terial in Frage kämen und riet von weiteren Nachforschungen ab.343
Die Leser sollten folgendes im Auge behalten: Im ersten Weltkrieg hatten die
USA und das osmanische Reich kein Krieg gegeneinander geführt. Deswegen

340
FO 371/5090/E. 9934 and C.P. 1770, nach Bilal N. imir, The Deportees of Malta
and the Armenian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire and Modern Turkey
(1912-1926), Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 32
341
FO 371/64999/E. 1801, nach Bilal N. imir, The Deportees of Malta and the Arme-
nian Question, in: Armenians in the Ottoman Empire and Modern Turkey (1912-1926),
Boaziçi Univ. Publication, Ankara 1992, S. 32 f.
342
FO 371/6502/E. 5845
343
FO 371/6504/E.8519. R.C. Craige , British Embassy in Washington to Lord Curzon,
No. 722, of July 13, 1921.

133
waren während des ganzen Krieges sowohl die US Botschaft in Istanbul wie
auch eine Reihe von US Konsulaten sowie eine Vielzahl von amerikanischen
Schulen und Missionsstationen überall in der Türkei geöffnet. Somit befanden
sich zahlreiche amerikanische Diplomaten und Bürger während des ganzen
Krieges in der Türkei. Die US Regierung hätte also auf die Berichte und Aussa-
gen dieser Personen zurückgreifen können. Trotzdem sah sie sich nicht in der
Lage, dem Bitten ihres engsten Verbündeten zu entsprechen und Belastungsma-
terial vorzulegen.

Diese Begebenheit gibt uns auch die Möglichkeit, die Vertrauenswürdigkeit


des bekannten Buches des US Botschafters Henry Morgenthau344, das eine gan-
ze Reihe von schwerwiegenden Anschuldigungen gegen die damalige türkische
Regierung enthält, einzuschätzen. Dieses Buch war 1918 erschienen. Doch die
US Regierung sah sich schon drei Jahre später, 1921 nicht in der Lage, die An-
gaben, die in dem Buch ihres eigenen Botschafters gemacht wurden, als Belas-
tungsmaterial vorzubringen, weil sie offenbar wußte, daß diese einer gerichtli-
chen Prüfung nicht standhalten würden. Morgenthau selber hätte als Zeuge auf-
treten können, er hätte weitere Zeugen benennen, Berichte vorlegen können.
Nichts geschah, obwohl die damalige US Regierung sich mit aller Kraft für die
Bildung eines unabhängigen Armeniens auf türkischem Boden einsetzte und
auch sonst die armenischen Wünsche voll unterstützte. So hatte der US Präsi-
dent Woodrow Wilson am 22.11.1920 die westlichen Grenzen des angestrebten
armenischen Staates festgelegt und dabei große Teile von Ostanatolien diesem
neuen Staat überlassen.345 Der politische Wille fehlte also nicht, doch es gab of-
fensichtlich nichts, was als Beweismaterial hätte dienen können.

Das gleiche gilt für das berühmte “Blue Book”, das die Briten während des
ersten Weltkrieges veröffentlichten und das der türkischen Regierung Massaker
an Armenier vorwarf. Offensichtlich wußten dessen Produzenten, daß die soge-
nannten Beweise, die dort vorgelegt wurden, vor keinem britischen Gericht hät-
ten bestehen können. Deswegen verzichtete man darauf, sich auf die Angaben
in diesem Buch zu stützen. Damit war auch dieses Buch als das entlarvt, was es
war: Kriegspropaganda.

344
Henry Morgenthau, Ambassador Morgenthau's Story, Doubleday, Page & Co., Gar-
den City, New York (1918)
345
Andrew Mango, Ataturk, The Biography of the Founder of Modern Turkey, The
Overlook Press, 2000, p. 294.

134
C) Britische Juristen: Verurteilung nicht möglich!

Das Foreign Office wollte aus politischen Gründen die in Malta internierten
Türken vor Gericht stellen. Doch die Juristen des britischen Generalstaatsan-
walts, kamen zu dem Ergebnis, daß angesichts mangelnder Beweise eine Verur-
teilung nicht möglich sein würde. In der zweiten Hälfte von 1921 traf ein Beam-
ter des Foreign Office aufgrund eines entsprechenden Schreibens der General-
staatsanwaltschaft seiner Majestät (HM Attorney General) die folgende Feststel-
lung:
„Aus diesem Brief entsteht der Eindruck, daß die Chancen, Verurteilungen zu
erteilen, fast Null sind. ...
Es wird versichert, daß die amerikanische Regierung nicht mit Beweismaterial
behilflich sein kann..
Zur Ermangelung von gesetzlich verwertbaren Beweisen kommt hinzu, daß es
sehr unwahrscheinlich ist, daß die Franzosen und Italiener bereit sein werden,
die Richtung einzuschlagen, die in dem Artikel 230 (gemeint ist der Vertrag von
Sévres gegeben ist.
Auf der anderen Seite können wir sicherlich keine Türken freilassen, bis unse-
re eigenen Gefangenen freigelassen werden.“346
In diesem Zusammenhang schrieb Sir Horace Rumbold an Lord Curzon die
folgenden Zeilen: „Da die Möglichkeit, gegen diese Türken Beweismaterial zu
erhalten, das ein britisches Gericht befriedigen würde, nicht zutrifft, würden wir
durch weitere Internierung der fraglichen Türken den Eindruck erwecken, als ob
wir eine technische Ungerechtigkeit begehen würden. Darum denke ich in die-
ser Sache, um soweit wie möglich ein Gesichtsverlust zu vermeiden, alle Tür-
ken bis auf acht ... für Austauschzwecke zur Verfügung stehen sollten.“347 (Die
acht erwähnten Türken waren Personen, denen Grausamkeit gegenüber Kriegs-
gefangenen vorgeworfen wurde.) Schließlich beschloß die britische Regierung
im September 1921, alle internierten Türken gegen die britischen Gefangenen
auszutauschen.
Damit ist klar, daß die Briten trotz ihrer fast zwei Jahre dauernden Bemühun-
gen nicht in der Lage waren, Belastungsmaterial gegen die türkischen Verant-
wortlichen vorzulegen, obwohl ihnen alle Archive der türkischen Regierung zu-
gänglich waren und sie von dem armenischen Patriarchat in Istanbul umfassend
beraten wurden.

346
FO, 371/6504/E. 8745. Zitiert nach: „Armenians in the Ottoman Empire and Modern
Turkey (1912-1926), Ankara 1992, S. 38, Meine Übersetzung.
347
FO, 371/6504/E. 10023. Zitiert nach: „Armenians in the Ottoman Empire and Mo-
dern Turkey (1912-1926), Ankara 1992, S. 38, Meine Übersetzung.

135
V) Armenier, die der Heimat loyal blieben

Die Fragestellung zwingt uns, auf Episoden der türkischen Geschichte zu zei-
gen, wo die Zusammenarbeit der eigenen Bürger mit den Feinden, die ausdrück-
lich erklärt hatten, daß sie „die Türken von der Weltkarte streichen“ wollten (so
z. B. Lord Curzon, der britische Premier nach dem I. Weltkrieg) dem Land gro-
ßen Schaden zugefügt hat.
Damit die Leser nicht den völlig falschen Eindruck gewinnen, daß alle Grie-
chen oder Armenier gemeinsame Sache mit dem Feind gemacht hätten, wollen
wir mit wenigen Worten an diejenigen Türken armenischer und griechischer
Abstammung erinnern, die ihr Leben für die Verteidigung der gemeinsamen
Heimat geopfert haben.
Die Zeitung Milliyet hat kürzlich eine Liste bezüglich der Dardanellen-
schlacht, deren 90. Jahrestag in diesem Jahr begangen wird, veröffentlicht, aus
der hervorgeht, daß die Namen von 105 bei der Verteidigung der Dardanellen
gefallenen türkischen Soldaten, die Armenier, Griechen oder Juden waren, fest-
gestellt werden konnten. Auch an allen anderen Fronten kämpften zahlreiche
nicht-islamische Soldaten und Offiziere mit, die der Heimat treu ergeben waren.
Stellvertretend für viele Tausende nenne ich Agop Elmasyan, ein Schüler der
berühmten „Kaiserlichen Schule“ (Mekteb-i Sultani, heute Galatasaray Lisesi)
in Istanbul. Dies fällt mir um so leichter, als sein Name auf einer Marmortafel in
der Schule nachzulesen ist.
Agop Elmasyan war ein Arzt armenischer Herkunft. Er hatte sich als 60 jähri-
ger freiwillig gemeldet, um im I. Weltkrieg zu dienen. Am 23.2.1918 wurde er
an der Dardanellenfront bei einer feindlichen Bombardierung getroffen, als er
Verwundete behandelte, und starb den Heldentod. Ebenso wie er fielen auch
griechisch und jüdisch stämmige Türken an allen Fronten des I. Weltkrieges.
Die Türken jüdischer Herkunft haben seit Jahrhunderten sehr viele Beispiele
ihrer Loyalität gegenüber der gemeinsamen Heimat gegeben. Dennoch ist diese
Tatsache in der türkischen Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt. Hier zwei Na-
men:
Als Griechenland nach dem I. Weltkrieg am 15. Mai 1919 unter dem Bruch
der Waffenstillstandsvereinbarungen (ermutigt durch England) Izmir besetzte,
erschoß ein Türke jüdischer Herkunft (gazeteci Hasan Tahsin) den Fahnenträger
der ersten griechischen Militäreinheit. Hasan Tahsin, der auf diese Weise den
ersten Schuß des Nationalen Befreiungskrieges abgefeuert hat, wurde sofort an
Ort und Stelle erschossen. Sein Denkmal steht an der Stelle, an der er fiel. Die
Besatzungstruppen töteten bei diesem Vorfall mit Schüssen und Bajonetten
mehr als 50 weitere Menschen.
Wenige Tage später, riß ein anderer türkischer Jugendlicher jüdischer Ab-
stammung, Nesim Navaro, die griechische Fahne, die in einer öffentlichen Ver-

136
sammlung an die Wand des Saales gehängt worden war, von der Wand und de-
monstrierte erneut, daß die türkische Bevölkerung von Izmir nicht bereit ist,
sich mit der griechischen Besetzung abzufinden.
Die Tatsache, daß es in der Türkei viele Bürger armenischer Abstammung ge-
geben hat, die die verräterischen Pläne der armenischen Revolutionäre durch-
schauten und mit der Mehrheit der Bevölkerung für die gemeinsame Heimat
kämpften, ist der beste Beweis dafür, daß es sich nicht um eine ethnische, son-
dern um eine politische Auseinandersetzung handelte.
Hierzu zunächst die allgemeine Einschätzung des Leiters des osmanischen
Geheimdienstes, den die Briten auf der Insel Malta internierten, um ihm als
Verantwortlicher für „Armeniengreuel“ den Prozeß zu machen. Später mußten
sie ihn und die anderen Internierten frei lassen, da sie keine Beweise für eine
Anklageerhebung vor einem britischen Gericht bereitstellen konnten.
E ref Sencer Ku çuba ı, 348der Gründer und Leiter des osmanischen Geheim-
dienstes (“Te kilat-ı Mahsusa”) nach 1912 schreibt in seinen Memoiren (ich zi-
tiere ausführlich, damit man sich ein Bild von den Menschen machen kann, die
sich 1915 an den Schalthebeln der Macht befanden):
“Die heutigen Generationen sollten wissen, daß niemals alle Griechen, Arme-
nier und Juden, die innerhalb der Grenzen des osmanischen Reiches lebten,
«Verräter» waren. Es gab unter ihnen Menschen, die wie ein echter und unver-
fälschter Türke mit dieser Erde verbunden waren, und sogar für diese Erde
freudig ihr Leben gegeben haben. Selbst als unsere ehemalige Peleponnes-
Halbinsel infolge der moskovitischen Einflußnahme in den Kampf für die
Lostrennung eintrat, gab es Menschen, die gegenüber diesem Land, in dem sie
seit Jahrhunderten lebten und dessen Früchte sie genossen, loyal geblieben sind,
die deswegen umgebracht, ja mit ihrer ganzen Familie ausgelöscht wurden.
Te kilat-ı Mahsusa (der osmanische Geheimdienst) hat in jenen schwierigen
und krisengeschüttelten Tagen von zahlreichen armenischen und griechischen
Bürgern unseres Landes eine Hinwendung erfahren, eine Haltung, die selbst die
patriotischsten Türken beneiden würden. Menschen wie der armenische Kese-
ryan Efendi, der griechische Dr. stalyanos Efendi, der jüdische Avram Galanti
Efendi349 blieben nicht alleine. Diese ehrenvollen Menschen haben mit uns ge-
lacht und geweint. Unter den Gefangenen von Malta gab es Griechen, Armenier
und Juden. Es ist die Grundvoraussetzung eines gerechten Vergleichs, daß ne-

348
E. S. Ku çuba ı wurde im I. Weltkrieg im Zuge der Kämpfe in Arabien von den Eng-
ländern als Verwundeter gefangengenommen und gehörte später zu den Internierten auf
der Insel Malta.
349
Der hier genannte Avram Galanti Efendi wurde nach der Gründung der Republik
Abgeordneter aus Nide und Professor in Ankara. Er publizierte ein Buch mit dem Ti-
tel: „Türkler ve Yahudiler“ (Türken und Juden). A. S.

137
ben der Benennung der Verrätern, der Unbarmherzigen und der Meister des
Hasses und des Unheils auch das Andenken der Patrioten geehrt wird.”350

A) Unterstützung im Kampf gegen die Allierten

Die heutige Türkei konnte nur errichtet werden, weil Patrioten ohne Ansehen
der Religion und der Abstammung zum Schutz der gemeinsamen Heimat ihr
Leben einsetzten. Nach dem I. Weltkrieg, als große Teile der Türkei von den
feindlichen Armeen besetzt wurde und es das erklärte Ziel der Siegermächte
war, die Türken von der Landkarte zu tilgen, haben patriotische Armenier einen
großartigen Beitrag geleistet, um die gemeinsame Heimat zu verteidigen. Der
damalige Leiter des britischen Geheimdienstes in Istanbul, J. Bennett (im Zivil-
leben Mathematiker und Linguist), berichtet in seiner Autobiographie, wie die
geheime Daschnak Partei in Istanbul während der Besatzung durch die Allierten
nach dem I. Weltkrieg mehrere Armenier ermordete, weil diese mit den Türken
zusammenarbeiteten.351 Hier einige Beispiele:352
So war Pandikyan Efendi, der nach 1919 in der besetzten Hauptstadt Istan-
bul einen hohen Posten bei der britischen Militärpolizei bekleidete353, ein Mit-
glied des türkischen Geheimdienstes und rettete das Leben zahlreicher Wider-
standskämpfer, die von den Briten verhaftet worden waren. Als weitere Arme-
nier, die in Istanbul unter der Besatzung der Entente-Mächte in den Reihen des
türkischen Geheimdienstes dienten, können Terziyan Efendi und Hogasyan
Efendi genannt werden. Auch Murad Davutyan (damals von den Türken
„Küçük Davut“ genannt) gehörte zu denjenigen armenischen Patrioten, die bei
den Besatzungsmächten in stanbul eine hohe Position bekleideten und auf-
grund ihrer Stellung den Waffenschmuggel für den nationalen Widerstand in
Anatolien deckten.354
Eine weitere armenische Persönlichkeit, die ab 1919 den türkischen Befrei-
ungskampf gegen die Entente Mächte unterstützte, war der Bankier Kalçi efen-
di, der damals der Direktor einer französischen Reederei war. Kalçi efendi stell-

350
Zitiert nach Cemal Kutay, „Lavrense kar ı Ku çuba ı ve özel örgütün kurulu u“, Is-
tanbul 1978, Cemal Kutay Kitaplıı, S. 54)
351
John Bennett, Witness, Turnstone Press Limited, 1983, S. 23
352
Hier ist es mir leider nicht gelungen, westliche Quellen zu finden. Ich verweise auf
das Buch von General Koçer „Kurtulu Sava ımızda Istanbul“ (Istanbul im Befreiungs-
krieg) und auf das Buch von Sadi Koça „Tarih boyunca Ermeniler ve Türk-Ermeni i-
li kileri“, Ankara 1967, S. 183-186
353
Der Chef des britischen Geheimdienstes in Istanbul, John Bennett erwähnt in seinen
Memoiren einen Armenier den er „Mr. P.“ nennt und als seinen zuverlässigsten
Agenten bezeichnet. John Bennett, „Witness“, Turnstone Press Limited, 1983, S. 22
354
Torkom Istepanyan, hepimize bir bayrak, stanbul, 1967, S. 40 f.

138
te die Schiffe seiner Reederei zur Verfügung, damit mit diesen Schiffen Muniti-
on und Waffen aus Istanbul nach Anatolien geschmuggelt werden konnte.

B) Armenische Schule als Stützpunkt der Patrioten

Der armenische Schuldirektor Bedros Garabetyan efendi, (1872-1937) der


eine armenische Privatschule in Üsküdar (asiatische Küste von Bosphorus) lei-
tete, stellte seine Schule als Stützpunkt für den türkischen Geheimdienst im
besetzten Istanbul zur Verfügung. Er baute unter den Armeniern in Istanbul eine
geheime Widerstandsgruppe auf, die die nationale Bewegung in Ankara
unterstützte. Bedros Garabetyan arbeitete gleichzeitig in der armenischen
Kirche, leitete später ein Waisenhaus, war mit der Leitung verschiedener
Stiftungen betraut und hatte eine herausragende Position in der armenischen
Gemeinde inne. Zudem war er Sekretär des Staatsrates des osmanischen
Reiches. In dieser Funktion erhielt er auch den Namen Zeki, so daß er auch als
Bedros Zeki bey bekannt ist. Er hat zahlreiche Bücher (darunter mehrere
Wörterbücher, Bücher über die Geschichte der armenischen Gemeinde, Bücher
über osmanische Literaturgeschichte) verfaßt und gilt als einer der wichtigen
Turkologen seiner Zeit. Bedros Garabetyan verstarb 1937 an einem Herzinfarkt,
gerade als er eine Rede für eine kirchliche Feier vorbereitete.355

355
Angaben über das Leben von Bedros Garabetyan aus dem Aufsatz von Varujan Kö-
seyan, erschienen in der armenisch-türkischen Zeitschrift AGOS, die in Istanbul er-
scheint, 3.1.2003

139
C) Keresteciyan
finanzierte die Waffen

Die Geschichte356 von Berc Keresteciyan, der im besetzten Istanbul der Di-
rektor der osmanischen Bank und zugleich der zweite Vorsitzende des türki-
schen roten Halbmondes 357 (entspricht dem Roten Kreuz in Europa) war, ist ein
außerordentliches Beispiel des Patriotismus. Keresteciyan kannte Mustafa Ke-
mal (Atatürk) schon vor
dem Balkankrieg. Im
Frühjahr 1919 informierte
Keresteciyan Mustafa
Kemal Pascha, der sich
damals noch in Istanbul
befand, über einen Plan
der Briten, ihn zu töten.
Als Vorsitzender des ro-
ten Halbmondes organi-
sierte er persönlich die ge-
heime Versorgung der na-
tionalen Bewegung in An-
kara mit medizinischer
Ausrüstung. Gleichzeitig
mit den Medikamenten
wurden auch Munition
und Waffen geschmuggelt.
Keresteciyan finanzierte
mit seinem Privatvermö-
gen den geheimen Kauf
der Verschlußblöcke der
türkischen Geschütze, die
von den Briten abmontiert
und nach Istanbul trans-
portiert worden waren, um die Geschütze der türkischen Armee in Anatolien
unbrauchbar zu machen.358. Diese Geschützteile, ohne die der Einsatz der Ge-

356
Diese Begebenheit ist von Cemal Kutay publiziert worden.
357
Allein dieser Umstand erzählt Bände über die Situation der Armenier in der Türkei
während des I. Weltkrieges: Der zweite Vorsitzende des roten Halbmondes ist ein ar-
menisch-stämmiger Türke. Er nimmt damit eine Position inne, in der er Zugang zu mili-
tärisch äußerst wichtigen Informationen hat.
358
John Bennett, der 1920-22 Leiter des britischen Secret Service in Istanbul war,
erwähnt in seinen Memoiren die Aufregung in dem britischen Hauptquartier in Istanbul,

140
schütze der nationalen Armeen für den Krieg gegen die griechischen Invasoren
unmöglich gewesen wäre, wurden ebenso wie tonnenweise Munition und sons-
tige Waffen, unter anderem mit Hilfe des oben erwähnten armenischen Patrio-
ten (Kalçi efendi), der der Direktor einer Reederei war, insgeheim aus Istanbul
nach Anatolien verschifft.
Nach der Gründung der Republik wurde Keresteciyan, dem Atatürk persön-
lich den Familiennamen “Türker” verliehen hatte, zum ersten christlichen Ab-
geordneten der Republik Türkei (Abgeordneter für Afyon). Er ist 1944 verstor-
ben, sein Grab befindet sich in dem armenischen Friedhof in
i li, Istanbul. Ke-
resteciyan war nach der Gründung der Republik Mitglied des Ausschusses, der
die Errichtung des Siegesdenkmals (Cumhuriyet anıtı) auf dem Taksimplatz in
Istanbul überwachte. Dieses Denkmal ist das erste Denkmal dieser Art, das in
der Türkei errichtet wurde (vor der Republiksgründung wurden wegen des
Bildnisverbots im Islam keine Standbilder errichtet).

D) Armenischer Offizier als Berater Atatürks

Eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit ist Prof. Agop Dilâçar, (der armeni-
sche Name von Prof. Agop Dilaçar lautet Martayan, der türkische Name
Dilâçar wurde ihm von Atatürk verliehen und bedeutet “Der, der die Zunge
bzw. die Sprache löst”) ein armenisch stämmiger Turkologe359. Agop Martayan
Dilâçar (1895-1979) war der Sohn eines protestantischen armenischen Juweliers
in stanbul. Die protestantische Kirche in Gedikpa a (Stadtteil von stanbul)
wurde auf einem Grundstück errichtet, der von dem Großvater von Agop Mar-
tayan zu diesem Zweck vermacht wurde. Der junge Agop besuchte die renom-
mierte Robert College. Dabei fiel er als ein außerordentlicher Student auf, der
buchstäblich alle Vorlesungen belegte, die zu belegen waren, bis hin zu den
Kochkursen, die eigentlich für die Studentinnen bestimmt waren. Eine der Ar-
beiten von ihm, die die Pflanzenarten auf den Hügeln von Bosporus behandelt,
wird an der heutigen Boaziçi Universität (ist aus Robert College hervorgegan-
gen) aufbewahrt. Gleichzeitig wurde durch seine Initiative „Der fortschrittliche
armenische Verein von Boyacıköy“ (Boyacıköy ist der Viertel, in dem seine
Familie wohnte) gegründet. Darüber hinaus ist er während seines Studiums in
drei armenischen Schulen als Lehrer für die armenische Sprache tätig und pub-
liziert in armenischen Zeitungen in stanbul diverse Artikel. Trotz seiner vielfäl-
tigen Aktivitäten macht der junge Agop Martayan 1915 seinen Abschluß an
Robert College mit Auszeichnung. Bereits zwei Tage nach der Aushändigung

die durch das Auftauchen dieser Verschlußblöcke in Anatolien ausgelöst wurde, J. Ben-
net, Witness, Turnstone Press Limited, 1983, S.25
359
Bezüglich der Angaben über Agop Dilâçar siehe: Kaya Türkay, A. Dilâçar, Türk Dil
Kurumu Yayınları, Ankara 1982

141
seines Diploms wird er aufgrund der Mobilmachung eingezogen und dient im I.
Weltkrieg als Offizier (Unterleutnant) in der 2. Armee in Diyarbakır. Von dort
wird er an die kaukasische Front geschickt. Er nimmt an den Gefechten teil und
wird verwundet. Aufgrund seiner Tapferkeit erhält der junge Martayan eine
Auszeichnung. Gegen Ende des Krieges wurde Agop Martayan ähnliche wie
nicht moslemische christliche Offiziere der Armee nach Halep (heute in Syrien)
geschickt, da man von Fluchtgefahr ausging. Dort wurde er wegen eines unbe-
deutenden Vorfalls mit der Beschuldigung der unerlaubten Kontaktaufnahme
mit gefangenen britischen Offizieren (eigentlich hatte er lediglich zwischen ei-
nem gefangenen Briten und dem beaufsichtigenden türkischen Offizier gedol-
metscht) festgenommen und nach Damaskus verbracht, wo sich das Hauptquar-
tier der betreffenden Armee befand. In Damaskus wurde er Mustafa Kemal Pa-
scha (Atatürk), der damals der Befehlshaber der 7. Armee war, vorgeführt. Es
ergab sich ein Zwiegespräch. Ich will diese Szene wörtlich schildern, wie sie
von Agop Dilâçar selbst geschildert worden ist:360
“... Dann hat man mich von Halep nach Damaskus geschickt. Denn das
Hauptquartier der 7. Armee befand sich dort. Ich wurde in den Raum des
Kommandanten gebracht. Mit mir war ein Wachsoldat mit aufgesetztem Ba-
jonett. Die Bücher und mein Dienstbefehl, die sie in meiner Tasche gefunden
hatten sowie meine Dienstpistole befand sich in der Hand eines Hauptmanns
der Militärpolizei. Als die Tür geöffnet wurde sah ich, daß drinnen ein Gene-
ral mit dem Rang eines Brigadegenerals saß. Der Hauptmann legte den Be-
richt, in dem ich als Spion bezeichnet wurde, dem General vor. Der General
las den Bericht und blickte mich an. Er sagte: „Wie kommt es, daß du nicht
Fahnenflucht verübt hast?“ Ich wurde plötzlich wütend und sagte: „Ich be-
dauere, daß ich nicht Fahnenfluch verübt habe!“ Dann fügte ich hinzu: „Ich
habe mein Blut für das Vaterland vergossen, diese Auszeichnung ist keine
Fälschung.“ Der Band der Medaille befand sich auf meiner Brust. „Wer an
der kaukasischen Front nicht fahnenflüchtig wurde, wird wohl in den Stra-
ßen von Damaskus nicht fliehen. Bitte befehlen Sie, daß das Bajonett abge-
nommen wird.“
Der Hauptmann trat zur Seite, denn der General hätte einfach seine Pistole
ziehen und mich erschießen können. Nicht nur ein General, sondern selbst
ein Major hätte mich erschießen können. Doch der General verhielt sich um-
sichtig. Er dachte nach und befahl dem Soldaten, das Bajonett abzunehmen.
Der General rief den Hauptmann und sagte: “Leg mal seine Sachen auf den
Tisch.” Meine Pistole, mein Dienstbefehl und dieses Buch, das Sie hier se-
hen, wurden auf den Tisch gelegt. Die zweite Auflage dieses Buches. “Tür-
kische Grammatik”361. Als ich in Diyarbakır war, gab es dort eine deutsche
Transportbatallion. Ich hatte mit Hilfe dieses Buches den Offizieren dort

360
Kaya Türkay, A. Dilâçar, Türk Dil Kurumu Yayınları, Ankara 1982, S. 14 ff.
361
Es handelte sich um das Buch von J. Németh, Türkische Grammatik

142
Türkisch beigebracht. Sie hatten das Buch aus Deutschland selbst mitge-
bracht und ein Exemplar mir gegeben. Der General sagte dem Hauptmann:
“Sie können gehen”, worauf der Hauptmann sich entfernte. Der General
stand auf und sagte mir: “Erzähl mal, wie das alles passiert ist.” Darauf er-
zählte ich den Vorfall genauso, wie es sich zugetragen hatte. Er sagte mir:
“Du beschuldigst den General in Halep, der dich festnehmen ließ, doch, er
war im Recht.“ Er kam noch näher und berührte mich mit seinem Finger und
sagte: „Aber ich verstehe dich, du bist jung, du bist ein Reserveoffizier. Du
hast die Militärgesetze noch nicht gelesen. Es ist verboten, Verbindung mit
den Gefangenen aufzunehmen.“
Dann sagte er: „Setzt dich“ und ließ mich Platz nehmen und gab mir meine
Pistole und meinen Dienstbrief. Dann hat er sich dieses Buch angeschaut.
Atatürk hat in diesem Buch zum ersten Mal mit lateinischen Buchstaben ge-
schriebene türkische Sprache gesehen. Nicht die Buchstaben, die wir heute
benutzen, aber so ähnlich. Wir unterhielten uns darüber. Dann fragte er:
„Kennst du Damaskus?“ Ich antwortete: „Mein General, ich kenne Damas-
kus nicht.“ Daraufhin sagte er: „Geh etwas spazieren und komme dann wie-
der zurück.“
Ich hatte meinen Dienstbrief in meiner Tasche, das heißt, ich hätte fliehen
können. Denn ich war noch nicht dort eingetragen worden. Grade als ich den
Raum verließ, rief mich der General zurück und sagte: „Komm mal her, dei-
ne Uniform ist ja in einem unmöglichen Zustand.“ Er hatte gemerkt, daß
meine Uniform zerrissen und zerschliessen war. Er zog seine Karte hervor
und schrieb darauf: „Sorgen Sie für die Einkleidung und Verpflegung dieses
Unterleutnants.“
Ich bedankte mich und begab mich zu der Versorgungsstelle. Ein Schnei-
der kam, nahm meine Maße, ein Friseur kam und schnitt mein Haar und ra-
sierte mich. Nach einigen Tagen ging ich wieder zum Hauptquartier und be-
gab mich zum Kommandanten. Als ich die Tür öffnete sah er mich und sag-
te: „Oh, du bist aber sehr schneidig geworden. Hast du immer noch nicht
keine Fahnenflucht verübt?“ Er scherzte mit mir. Dieser General war Musta-
fa Kemal. Später wurde jener General Atatürk.”
Der Unterleutnant Martayan blieb nicht lange in Damaskus, Atatürk schickte
ihn zu einer Einheit an der Mittelmeerküste. Er beendete sein Militärdienst dort
und begab sich 1918 nach Beirut. Martayan arbeitete in Beirut als Direktor einer
armenischen Schule. Gleichzeitig war er der Chefredakteur der ersten armeni-
schen Zeitung in Libanon (Luys). Ein Jahr später kehrt er nach stanbul zurück
begann eine Tätigkeit als Englisch Lehrer an Robert College. Er schreibt dort
sein erstes Theaterstück, übersetzt andere Stücke, die an den Bühnen stanbuls
gespielt werden. Agop Martayan heiratete in stanbul seine Frau Meline und ü-
bersiedelte mit ihr nach Sofia. Er lehrte an der dortigen Universität die alten öst-
lichen Sprachen, unter anderem Alttürkisch und Uygurisch. Gleichzeitig schrieb

143
er für armenische Zeitschriften und Zeitungen überall in Europa (natürlich auch
in stanbul) und publiziert seine ersten Bücher.
Nach der Gründung der Republik (1923) wurde Mustafa Kemal Pascha (nun-
mehr Staatspräsident) durch einen Aufsatz, der am 1./3. August 1932 in der ar-
menischen Zeitung „Arevelk“ in Istanbul erschien, auf Agop Martayan auf-
merksam. Darin hatte Agop Martayan den 1200. Jahrestag der türkischen In-
schriften in Zentralasien zum Anlaß genommen, um über das alttürkische Al-
phabet zu berichten. In jenen Monaten hatte Atatürk entsprechend seinem be-
reits als junger Offizier gefaßten Vorsatz die Erneuerung der türkischen Sprache
in Angriff genommen, die Vorbereitungen für die erste Konferenz über die tür-
kische Sprache waren bereits angelaufen. Atatürk erinnerte sich an den arme-
nischstämmigen Reserveoffizier, mit dem er in Damaskus über die Probleme
der türkischen Sprache diskutiert hatte, ließ nachforschen und stellte fest, daß es
sich um die selbe Person handelte. Darauf hin ließ Atatürk Agop Martayan zur
Teilnahme an der Konferenz in stanbul einladen. Agop Martayan und seine
Frau kamen nach stanbul, wo Agop Martayan einer der Referenten der Konfe-
renz wurde. Nach der zweiten Konferenz über die türkische Sprache wurde
Martayan, der neben Armenisch, Türkisch, Englisch, Deutsch, Französisch, La-
tein, Spanisch, Italienisch, Russisch, Bulgarisch, Serbisch, Arabisch auch Per-
sisch und einige weitere Sprachen beherrschte, zum Hauptsachverständigen des
türkischen Sprachinstituts (Türk Dil Kurumu) ernannt (1934) und ließ sich in
Ankara nieder. im Rahmen der Arbeiten zur Reformierung der türkischen Spra-
che wurde. Später erhielt Agop Martayan aufgrund seiner außerordentlichen
Beiträge im Rahmen des Sprachreforms von Atatürk den türkischen Nachnamen
Dilâçar und lehrte als Professor der Turkologie an der Universität Ankara. Er
stand sowohl im Rahmen seiner Arbeit an der Reformierung der türkischen
Sprache, wie auch außerhalb der Arbeit in einem engen Verhältnis zu Atatürk
und gehörte zu den wenigen Personen, die Atatürk in den letzten Tagen seines
Lebens an sein Sterbebett rufen ließ.
Dilâçar verfaßte zahlreiche wichtige Arbeiten über die türkische Sprache und
war ein führendes Mitglied des türkischen Sprachinstituts (Türk Dil Kurumu).
Gleichzeitig publizierte er Arbeiten über die armenische Sprache und Kultur.
Agop Dilâçar ist am 12.9.1979 in stanbul verstorben. In dem Bibliotheksge-
bäude der Boaziçi Universität in stanbul ist die Büste dieses großartigen Wis-
senschaftlers und Patrioten zu sehen.
Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Arbeit auch nur einen zusammengeraff-
ten Überblick über den Beitrag der armenisch-stämmigen Bürger der Türkei
zum Aufbau der modernen Türkei zu geben. Dennoch ist es notwendig, zumin-
destens einen Eindruck zu vermitteln. Diese Beispiele mögen illustrieren, daß
nach 1918 zahlreiche Türken armenischer Abstammung unter Einsatz ihres Le-
bens im besetzten Istanbul die türkische Nationalbewegung unterstützt haben
und nach der Befreiung des Landes ihr ganzes Wissen und Können in den
Dienst des Aufbaus gestellt haben. Wie kann man dieses Verhalten erklären,

144
wenn man davon ausgeht, daß drei Jahre vorher die Türken ein Völkermord ge-
gen die Armenier verübt hätten?
Dieses Verhalten wird dann nachvollziehbar, wenn man bedenkt, daß diese
Patrioten sehr wohl wußten, von wem der tragische Bürgerkrieg zwischen Ar-
meniern und Moslems in Ostanatolien angezettelt worden war.

VI) Besteht eine Ähnlichkeit mit Holocaust?

Am 30.3.2002 wurde in dem National Press Club in Washington, DC eine


Diskussion über die islamische Welt geführt, an der der britische Historiker
Bernard Lewis und Akbar Ahmed, ein früherer pakistanischer Botschafter in
England und Autor, teilnahmen. Im Verlauf dieser Diskussion wurde Prof. B.
Lewis gefragt, ob man das Vorgehen der Türken gegen die Armenier im I.
Weltkrieg als Völkermord bezeichnen kann. Die vollständige Antwort von Prof.
B. Lewis findet sich als Anhang. Hier eine Zusammenfassung.

Prof. Lewis meinte, wenn man behauptet, daß das, was den Juden im III.
Reich angetan wurde, das selbe ist, was den Armeniern in der Türkei passierte,
müßte man behaupten,

daß die Juden einen bewaffneten Kampf gegen Deutschland geführt


hätten, um einen jüdischen Staat auf deutschem Boden zu errichten;
daß die Juden über Jahrzehnte blutige Terroranschläge in Deutschland
verübt hätten, um Massaker gegen Juden zu provozieren;
daß die Juden dabei im Zusammenspiel mit einer feindlichen Groß-
macht gehandelt hätten;
daß die Nazis die deutschen Juden bis nach Ungarn oder Polen ver-
bracht und dort diejenigen, die den Marsch überlebten, freigelassen hät-
ten, ohne sie in KZ’s vergasen zu lassen.
daß die Nazis die Juden in Berlin, Köln und Hamburg sowie alle Ju-
den im Staatsdienst samt ihrer Familien von den Deportationen ausge-
nommen hätten,
Der armenisch-türkische Bruderkrieg der Jahre 1915-1920 gehört zu den
größten Tragödien des 20. Jahrhunderts. Das friedliche Zusammenleben zweier
Völker unterschiedlicher Religion, daß 800 Jahre (1070-1870) gedauert hatte,
und von dem beide Seiten profitiert hatten, endete in einem gegenseitigen Mor-
den, in einem Blutbad, daß das Blut unschuldiger Menschen buchstäblich in
Strömen floß.

145
Die Millionen unschuldigen Opfer dieses Gemetzels, die ohne eigenes Zutun
hineingezogen wurden und für die es kein Entrinnen gab, aber auch die Ma-
chenschaften derjenigen, die dieses Gemetzel über Jahrzehnte bewußt vorberei-
teten und gezielt daraufhin arbeiteten, dürfen nicht vergessen werden.
Es ist zu hoffen, daß eine offene Diskussion dazu beitragen kann, denen, die
auch heute noch Feindschaft säen, die Jugend durch einseitige Informationen
irreleiten, und ihre Ziele durch Mord und Terror erreichen wollen, das Hand-
werk zu legen.

VII) Die armenischen Terroristen nach 1919

Bedauerlicherweise spielt der Terrorismus auch heute eine unheilvolle Rolle


in Armenien und in der armenischen Diaspora. Wir wollen die Umrisse dieses
Problems skizzieren.

A) Armenien verbietet Daschnak-Partei

Die Tatsache, daß die Daschnak-Partei nach wie vor Mord und Terror als Mit-
tel des politischen Kampfes einsetzt, ist unbestreitbar. Diese Tatsache wurde
durch die höchsten Stellen der armenischen Republik bestätigt, als der erste ar-
menische Präsident, Ter-Petrosyan am 28. Dezember 1994 die Daschnak-Partei
wegen Terrorismus, Waffen- und Rauschgiftschmuggel verbot.362 Der Vorsit-
zende der Partei, Vahan Hovannisyan und weitere führende Parteimitglieder
wurden in Armenien wegen Terrorismus vor Gericht gestellt und verurteilt.
Kann man sich eine überzeugendere Offenbarung der wahren Natur dieser „Par-
tei“ vorstellen? (Im übrigen hält es die Dashnak-Partei nicht erforderlich, den
eigenen Terrorismus verbergen: Der Parteiwappen beinhaltet auch heute noch
einen Dolch und zahlreiche armenische Terroristen, die in den Jahren 1974-84
Bombenanschläge auf unschuldige Zivilisten verübt haben, werden auf den In-
ternetseiten dieser Partei als „Märtyrer“ gefeiert.)
Doch, der erste Präsident der armenischen Republik hatte die Macht der
Daschnak-Partei und ihren Einfluß in der armenischen Diaspora unterschätzt.
Ter-Petrosyan, der sich für eine Aussöhnung zwischen Armenien, Azerbaid-
schan und der Türkei einsetzte, und in dieser Hinsicht erste Erfolge erreicht hat-
te, wurde unter dem Vorwurf, die armenischen Interessen zu verraten, zum
Rücktritt gezwungen, sein Nachfolger Kocharian hob das Verbot auf, obwohl
die Daschnak-Partei sich in keiner Weise gebessert hat, wie Gerard Libaridian

362
Siehe z. B.: http://mccccm.free.fr/html/archives/ne/ne32/ne3219.html

146
in seinem Vortrag am 5. März 1998 in Berkeley festgestellt hat.363 Zur Informa-
tion: G. Libaridian, der selber armenischer Abstammung ist, ist einer der promi-
nentesten Armenienfachleute in den USA. Er war der Hauptberater des armeni-
schen Präsidenten Levon Ter-Petrosyan in den Jahren 1991-1997, in den Jahren
1982-1990 war er der Direktor der Zoryan Institute for Contemporary Armenian
research and documentation in Cambridge, Massachusetts.

B) Die Ermordeten türkischen Diplomaten

In den Jahren 1973–1984 wurden weltweit Terrorangriffe gegen türkische


Diplomaten verübt. Die Verantwortung wurde von verschiedenen armenischen
Terrororganisationen übernommen, meistens jedoch von der sogenannten
ASALA. Die meisten der Täter konnten nicht ermittelt werden, nur wenige
wurden verurteilt.
Es ist bemerkenswert, daß Taner Akçam und Tessa Hofmann in ihren Bü-
chern diese Mordanschläge zwar erwähnen, jedoch mit keiner Silbe bedauern
oder verurteilen. Hofmann spricht von “Aktionen”, Akçam von “Attentaten”.
Türkische Diplomaten, die durch armenische Terroristen ermordet wur-
den:
27.01.1973,
Generalkonsul Mehmet BAYDAR
Santa Barbara, USA
27.01.1973,
Konsul Bahadır DEMR
Santa Barbara, USA
22.10.1975, Wien Botschafter Dani TUNALIGL
24.10.1975, Paris Botschafter smail EREZ
24.10.1975, Paris Fahrer des Botschafters Talip YENER
16.02.1976, Beirut Hauptsekretär Oktar CRT
09.06.1977, Vatikan Botschafter Taha CARIM
02.06.1978, Madrid Frau des Botschafters Necla KUNERALP
02.06.1978, Madrid Botschafter a. D. Be ir BALCIOLU
12.10.1979, Den Haag Sohn des Botschafters Ahmet BENLER
22.12.1979, Paris Botschaftsrat Yılmaz ÇOLPAN
31.07.1980, Athen Verwaltungsattaché Galip ÖZMEN
Tochter des Attachés,
31.07.1980, Athen Neslihan ÖZMEN
14 Jahre alt

363
Gerard Libaridian, Change and Continuity in Armenia Today, http://ist-
socrates.berkeley.edu/~bsp/caucasus/newsletter/1998-05.pdf

147
17.12.1980, Sydney Generalkonsul arık ARIYAK
17.12.1980, Sydney Attaché Engin SEVER
04.03.1981, Paris Attaché Re
at MORALI
04.03.1981, Paris Attaché Tecelli ARI
09.06.1981, Genf Sekretär M. Sava
YERGÜZ
24.09.1981, Paris Attaché Cemal ÖZEN
28.01.1982,
Generalkonsul Kemal ARIKAN
Los Angeles
04.05.1982, Boston Honorarkonsul Orhan GÜNDÜZ
07.06.1982, Lissabon Attaché Erkut AKBAY
27.08.1982, Ottawa Militärattaché, Oberst Atilla ALTIKAT
Frau des Attachés
(Frau Akbay wurde am
07.06.1982 bei dem Mordan-
08.01.1983 Nadide AKBAY
schlag, bei dem ihr Mann
starb, verwundet und starb am
08.01.1983 im Krankenhaus)
09.09.1982, Burgas
Attaché Bora SÜELKAN
(Bulgarien)
09.03.1983, Begrad Botschafter Galip BALKAR
14.07.1983, Brüssel Attaché Dursun AKSOY
Es starben 4 Franzo-
15.07.1983, Paris,
Bombenanschlag sen, 2 Türken, 1 US-
Flughafen Orly
Amerikaner
Cahide
27.07.1983, Lissabon Frau des Botschaftsrates
MIHÇIOLU
28.04.1984, Teheran Frau des Sekräters I
ık YÖNDER
20.06.1984, Wien Attaché Erdoan ÖZEN
19.11.1984, Wien Internationaler Beamter Enver ERGUN

C) Terror in Armenien

Die schwere Erbe des Terrorismus prägt auch heute noch das politische Leben
in Armenien. Sie ist wahrscheinlich das größte Hindernis auf dem Weg zur Sta-
bilität, Frieden und wirtschaftliche Entwicklung. Politische Morde, die in der
Regel ungeklärt bleiben, sind an der Tagesordnung. Seit dem Amtsantritt von
Präsident Kocharian am 3. Februar 1998 wurden unter anderem der General-
staatsanwalt (am 6. August 1998), der stellvertretende Verteidigungsminister

148
(am 10. Dezember 1998) und der stellvertretende Innenminister (am 9. Februar
1999) umgebracht worden, wobei keines dieser Mordtaten (Stand Juli 2002)
aufgeklärt wurde.364

D) Das Blutbad im Parlament

Es gab jedoch noch folgenreichere Attentate als die oben erwähnten Mordta-
ten. Am 27.10.1999 um 17:15 wurde das armenische Parlament mitten in einer
Sitzung von fünf mit Kalaschnikovs bewaffneten Männern überfallen. Wie die
Angreifer mit ihren Kalaschnikovs in das Parlamentsgebäude gelangen konnten,
ist bis heute nicht geklärt, es gibt zahlreiche weitere Einzelheiten des Überfalls,
die ebenfalls nicht geklärt werden konnten. Die Angreifer erschossen den Mi-
nisterpräsidenten Vazgen Sarkisyan, den Parlamentspräsidenten Karen Demir-
ciyan, die stellvertretenden Parlamentspräsidenten Yuri Bakschinan und Ruben
Miroyan, den Minister Leonard Petrosyan und drei weitere führende Politiker.
Sie nahmen die Abgeordneten als Geisel und erklärten, daß es sich bei ihrem
Angriff um einen Staatsstreich handeln würde. Nach stundenlangen Verhand-
lungen mit dem Staatspräsidenten Robert Kocharian wurde am nächsten Tag
eine Erklärung der Angreifer im staatlichen Fernsehen vorgelesen, worauf sie
ihre Geisel freigaben und von den Sicherheitskräften abgeführt wurden. Vom
Staatsstreich war keine Rede mehr.
Es stellte sich heraus, daß der Anführer der Angreifer, Nairi Unanian (man
schreibt seinen Namen auch als Hunanian) ein für seine Radikalität bekanntes
Mitglied der Daschnak-Partei war. Auch sein Bruder und sein Onkel hatten sich
an dem Angriff beteiligt. Die Daschnak-Partei erklärte, daß sie mit dem Angriff
nichts zu tun hätte und daß die Daschnak-Partei Nairi Unanian bereits vor meh-
reren Jahren ausgeschlossen hätte. Später fand ein Parlamentsausschuß des ar-
menischen Parlaments heraus, daß Unanian Verbindungen zum armenischen
Geheimdienst unterhielt. Es ist bezeichnend für die politischen Verhältnisse in
Armenien, daß bis heute (März 2005) so gut wie nichts über die Hintergründe
dieser Bluttat, die das politische System in Armenien in ihren Grundlagen er-
schüttert hat, bekannt wurde.

364
Siehe den Bericht der Forschungsabteilung des Europaparlaments vom 16. Juli 2002,
On The Political And Economic Situation In Armenia And Its Relations With The
European Union, Directorate-General For Research, International and Constitutional
Affairs Division, PN/JF/rf/ip/IV/WIP/2002/07/0022+0024

149
E) Auswirkungen des Blutbads im Parlament

Das Blutbad im armenischen Parlament hatte sehr weitgehende Auswirkun-


gen, die nicht nur Armenien, sondern die gesamte Region betrafen. Um diese
skizzieren zu können, müssen wir etwas weiter ausholen.
Seit der Erlangung ihrer Unabhängigkeit besteht ein Konflikt zwischen Ar-
menien und Azerbaidschan. Es geht um die Region Karabag, ein Gebiet inner-
halb des Staatsgebietes von Azerbaidschan, in dem mehrheitlich Armenier le-
ben. Die Armenier dieser Region haben sich als unabhängig von Azerbaidschan
erklärt, die dort lebenden Azeris mit Waffengewalt vertrieben. Es kam zu einem
Krieg zwischen Armenien und Azerbaidschan, in dessen Verlauf die Armenier
ca. 30 % des azerbaidschanischen Territoriums besetzten, mehrere Tausend Zi-
vilisten ermordeten und mehrere zehntausend vertrieben. Es muß hinzugefügt
werden, daß international die Zugehörigkeit des Gebiets zu Azerbaidschan u-
numstritten ist (auf der Tagung der OSCE in Lissabon wurde der Standpunkt
Armeniens nicht akzeptiert.) Die Armenier in Karabag weigern sich jedoch, sich
entsprechend den Beschlüssen der internationalen Gremien, wie z. B. UNO, zu
verhalten.
Wegen dieses ungelösten Konfliktes und wegen der fortdauernden Besetzung
großer Teile des azerischen Territoriums durch armenische Streitkräfte sind die
Beziehungen zwischen Armenien und Azerbaidschan sehr gespannt. Die Türkei,
die westlich an Armenien angrenzt, war der erste Staat, der die Unabhängigkeit
der armenischen Republik anerkannte. Sie hat jedoch bis heute die Aufnahme
von diplomatischen Beziehungen und die Eröffnung ihrer Grenze verweigert, da
die Armenier nach wie vor große Teile der aserbaidschanischen Republik be-
setzt halten. Die Türkei will auf diese Weise Druck auf Armenien ausüben, um
sie zu einer Aussöhnung mit Aserbaidschan zu bewegen. Die Türkei bemüht
sich seit Jahren, zu einer friedlichen Lösung der Probleme zwischen Armenien
und Aserbaidschan beizutragen, da sie an Stabilität und wirtschaftlicher Ent-
wicklung in dieser Region interessiert ist.
Nun trat der erste Präsident des unabhängigen Armeniens, Ter Petrosyan (von
der Unabhängigkeit am 21.9.1991 bis zu seinem Rücktritt am 3.2.1998) für ei-
nen Ausgleich ein. –Ter-Petrosyan weigerte sich zum Beispiel, die von den Ar-
meniern in Karabag 1992 einseitig ausgerufene Unabhängigkeit anzuerkennen
und trat für eine weitgehende Autonomie im Rahmen des aserbaidschanischen
Staatsverbandes ein. Auch die türkische und die azerbaidschanische Seite mach-
ten gewichtige Zugeständnisse. Doch leider war es dem Präsidenten Ter-
Petrosyan nicht möglich, in der nationalistisch sehr aufgeheizten Atmosphäre in
Armenien, die notwendige Unterstützung für einen Kompromiß zu finden. Er
wurde des Ausverkaufs der armenischen Interessen und des Verrats an der nati-
onalen Sache beschuldigt und mußte schließlich zurücktreten.

150
Der ermordete Ministerpräsident Vazgen Sargsyan war eine herausragende
Persönlichkeit der politischen Elite in Armenien. Er war der Erschaffer der ar-
menischen Streitkräfte und der Held des militärischen Sieges über Azerbaid-
schan in dem Konflikt bezüglich Karabag. Als beharrlicher Vorkämpfer für die
nationalen Belange der Armenier wurde er oft mit früheren armenischen Kämp-
fern wie Andranik Ozanyan (Ozanian) verglichen. Es war Sargsyan, der zu-
sammen mit dem jetzigen Präsidenten Kocharyan (Kocharian) den ersten Präsi-
denten Ter-Petrosyan wegen angeblich zu großer Konzessionsbereitschaft ge-
genüber Aserbaidschan und der Türkei aus dem Amt gedrängt hatte. Es hatte
sich jedoch in der politischen Einstellung von Sargsyan ein grundlegender
Wandel vollzogen. Gerard Libaridian berichtete in einem Gespräch in BCSIA
(John F. Kenndy School of Governement, Harvard University) am 8.11.1999
über diese Wandlung wie folgt:
Libaridian hatte am 6. Oktober Vazgen Sargsyan persönlich getroffen und
charakterisierte ihn als “einen veränderten Mann, sehr verschieden von dem
Sargsyan” war, der in den Jahren 1996-97 gemeinsame Sache mit Kocharyan
gemacht hatte, um Ter-Petrossyan aus dem Amt zu drängen. Seit seiner Amts-
übernahme als Ministerpräsident war Sargsyan, laut Aussage von Libaridian “in
mehr als einer Hinsicht ein gereifter Staatsmann” geworden. Er hatte begonnen,
einzusehen, daß die Überwindung der wirtschaftlichen Stagnation in Armenien
bessere wirtschaftliche Verbindungen mit dem Ausland erfordert und daß diese
wiederum von der Lösung des Konflikts mit Azerbaidschan abhängen. Somit
schien Sargsyan “die Angst vor dem Frieden”, die nach Ansicht von Libaridi-
an Teile der armenischen Gesellschaft beherrscht, überwunden zu haben und
hatte sich entschlossen, an dem Friedensprozeß teilzunehmen. Ein anderes posi-
tives Element war die Tatsache, daß die Allianz zwischen Demirciyan und
Sargsyan, die die Vorsitzenden der zwei größten Parteien im Parlament waren,
eine solide Mehrheit im Parlament sicherte.365 .
Libaridian fügte hinzu, daß das Blutbad einer allgemein erwarteten Aussöh-
nung Armeniens mit Azerbaidschan zuvorkam. Der Ministerpräsident Vazgen
Sargsyan und der Parlamentspräsident Karen Demirciyan waren zwei Schlüssel-
figuren in einem kritischen Moment, als Armenien drauf und dran war, die fest-
gefahrene Situation in dem Konflikt über Karabag zu überwinden. Der stell-
vertrende Außenminister der USA, Strobe Talbott war in Eriwan, als das Blut-
bad im Parlament verübt wurde (zuvor war er in Aserbaidschan gewesen). Es
wurde allgemein erwartet, daß bei dem OSCE Treffen in Istanbul am 18. No-
vember 1999 Armenien und Aserbaidschan ein Dokument unterschreiben wür-
den, der den Friedensprozeß einleiten würde. Libaridian sagte wörtlich: “Ich bin
sicher, daß Aliev und Kocharian sich zentimerweise in Richtung einer wie im-

365
Armenia In The Wake Of Assassination, Presentation by Gerard Libaridian siehe:
http://bcsia.ksg.harvard.edu/publication.cfm?program=CORE&ctype=event_reports&it
em_id=1

151
mer gearteten Übereinkunft bewegten.” Diese Aussage wird auch von
W. G. Lerch bestätigt, der hinzufügt, daß die armenischen Ultranationalisten
über die bevorstehende Aussöhnung äußerst besorgt waren.366
Es bleibt hinzuzufügen, daß insbesondere Rußland über die Friedensaussich-
ten zwischen Armenien und Aserbaidschan sehr beunruhigt war. Denn die ge-
genwärtige Isolierung Armeniens gibt Rußland die Möglichkeit, sich als
Schutzmacht aufzuspielen. Armenien ist das einzige Land in der Region, in dem
Rußland über beträchtlichen Einfluß verfügt.
Damit ist klar, daß das Attentat im Parlament das Ziel verfolgte, die bevorste-
hende Aussöhnung zwischen Armenien und Aserbaidschan zu verhindern. Die-
ses Episode zeigt auch, welche unheilvolle Rolle der Terrorismus auch heute
noch in Armenien spielt und wie ernsthaft dieser Terrorismus den Friedenspro-
zeß in der gesamten Region behindert.

a. Der wichtigste Zeuge wurde im Dezember 2002


ebenfalls ermordet:

Die offiziellen Ermittlungen wegen des Überfalls auf das Parlament wurden
durch Anschuldigungen des russischen Anwalts der Sarkisian Familie über-
schattet, der von einer Manipulation der Videofilme des Fernsehens sprach (die
Mordtat geschah vor laufenden Kameras). Auch der Hauptangeklagte, Hunanian
hat diese Anschuldigung, die von den Behörden bestritten wurde, übernommen.
Er sagte im Gericht:
„Ich habe einem Kameramann des staatlichen Fernsehens befohlen, alles zu
filmen. Ich verstehe nicht, wieso von einer Schießerei, die 15 bis 20 Minuten
dauerte, nur ein Film von 8 Minuten Länge geblieben ist.”
Im Dezember 2002 wurde der Chef des staatlichen Fernsehens, Tigran Nagh-
dalian erschossen. Es gab Gerüchte, daß die Ermordung von Naghdalian im Zu-
sammenhang mit den Manipulationen der Videobänder steht.

F) Die heutigen Propagandisten des Terrors

Der armenisch stämmige amerikanische Wissenschaftler G. Libaridian sieht


die eigentlichen Ursachen des Blutbades im armenischen Parlament in der Ei-
genart der politischen Kultur, die in dem letzten Jahrzehnt in Armenien entstan-
den sei. Er sagte, dieser Angriff würde eine bestimmte Art und Weise des politi-
schen Denkens reflektieren, „die den Einsatz von Gewalt «zur Rettung der Na-

366
Wolfgang Günter Lerch, Der Kaukasus. Hamburg, Wien, 2000, S. 91

152
tion» und zur Ausführung einer dramatischen historischen Tat legitimiert“.367
Libaridian weist hier genau auf die Einstellung hin, die die armenischen Revo-
lutionäre bereits im 19. Jahrhundert propagierten (siehe die Warnung von Rev.
Cyrus Hamlin, oben), unterläßt es jedoch, die Urheber zu nennen. Libaridian
spricht auch von „bestimmten Teilen der armenischen Gesellschaft, die den
Frieden fürchten“, oder weniger diplomatisch ausgedrückt, die den Krieg wol-
len.
Im Gegensatz zu Libaridian können wir Roß und Reiter nennen. Ein konkretes
Beispiel zur Veranschaulichung: Eine deutsche christliche Zeitschrift berichtet
in einer ihrer Ausgaben aus dem Jahre 2001 über die Reaktion der Seminaristen
im Priesterseminar in Etschmiadsin, dem Zentrum der armenischen Kirche. Als
der Name der früheren armenischen Hauptstadt Ani (die sich heute in der Tür-
kei befindet) erwähnt wird: “Der Gedanke an Ani versetzt die Seminaristen der
Geistlichen Akademie in Rage. »Sie haben uns alles geraubt«, ruft einer. »Aber
wir lassen uns das nicht gefallen. Wir werden kämpfen. Jetzt noch nicht, aber
später.«368 An anderer Stelle stellt der Berichterstatter von “Chrismon” fest:
“Die Türken, das sind die Feinde.” (S. 15)
Das ist der Geist, der in einer kirchlichen Akademie, in der angeblich die Bot-
schaft Christi gelehrt wird, weht. Selbst in Gegenwart von Ausländern erklären
die Seminaristen ohne Scheu ihre Bereitschaft zur Gewalt. (Bezeichnenderweise
findet sich in der evangelischen Zeitschrift, die diesen Bericht abdruckt, nicht
einmal die Spur einer Frage, wie sich diese Haltung in einer Priesterlehranstalt
mit dem Gebot der Nächstenliebe verträgt. Von einer Kritik ganz zu schwei-
gen.)
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie die Haltung der ar-
menischen Lehrerschaft sein muß, wenn schon die Kirchenmänner ihre Gewalt-
bereitschaft so offen verkünden. Kann es unter diesen Umständen irgendjeman-
den wundern, wenn junge Menschen, die in dieser Atmosphäre aufwachsen, mit
dem Kalaschnikov in der Hand das Parlament stürmen, den Ministerpräsidenten
und den Parlamentspräsidenten über den Haufen schießen und sich noch einbil-
den, eine Heldentat für das Vaterland vollbracht zu haben?
Selbst ein Mann wie Vazgen Sargsyan, der noch 1998 von den Armeniern mit
den größten Nationalhelden ihrer eigenen Geschichte in einem Atemzug ge-
nannt wurde (Sargsyan war der eigentliche Architekt des militärischen Sieges
über Azerbaidschan), wird im Parlament als „Verräter“ erschossen. Die Täter
bekennen sich zu ihrer Mordtat und sitzen im Gefängnis, aber selbst nach 3,5
Jahren ist noch kein Gerichtsverfahren eröffnet. Die armenische Öffentlichkeit

367
Armenia In The Wake Of Assassination, Presentation by G. Libaridian siehe:
http://bcsia.ksg.harvard.edu/publication.cfm?program=CORE&ctype=event_reports&it
em_id=1
368
„Chrismon. Das evangelische Magazin” (07/2001), S. 17

153
nimmt das hin, da Gewalt im politischen Leben (zumal gegen als „Verräter“ be-
schuldigte) als normal angesehen wird.
Kein Sturm der Entrüstung und auch keine Rede davon, daß mit der Bluttat im
armenischen Parlament die in die greifbare Nähe gerückte Aussöhnung mit A-
zerbaidschan und der Türkei verhindert wurde, daß Armenien in der Region
weiterhin isoliert bleibt, der wirtschaftliche Niedergang fortdauert, Rußland sich
weiterhin als Schutzmacht aufspielen und in Armenien alles blockieren kann,
was den russischen Zielen zuwiderläuft. Die Unheilige Allianz des armenischen
Terrorismus mit der russischen Großmachtpolitik ist im 21. Jahrhundert so ak-
tuell wie im 19. und 20. Jahrhundert.

VIII) Zur Situation in der Türkei heute

A) Bericht einer amerikanischen Delegation

Auch heute spielen die Türken armenischer Abtammung eine herausragende


Rolle im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Leben der Türkei.
Im Mai 2001 hat eine Delegation der US amerikanischen Kleinstadt Pleasant
Hill ihre türkische Partnerstadt Merzifon und andere Städte in der Türkei be-
sucht. Sie hatte den Auftrag, für den Stadtrat von Pleasant Hill herauszufinden,
wie die armenisch-stämmigen Türken heute in der Türkei leben. Diese Frage
war im Stadtrat aufgeworfen worden, als einige der Bürger von Pleasant Hill die
Fortsetzung der Städtepartnerschaft verhindern wollten, mit dem Argument, daß
in der Türkei die Armenier unterdrückt würden. Am 29.05.2001 erschien in der
Zeitung Contra Costa Times der folgende Bericht von Katie Oyan:
Amerikanische Erkundungsdelegation in der Türkei – Partnerstadt besucht
trotz armenischer Drohungen die türkische Stadt
Die Partnerstadtdelegation kommt aus der Türkei zurück. Die Pleasant Hill
Bürger berichten über positive Erfahrungen in Merzifon.
Sie wurden nicht ins Gefängnis geworfen, sie wurden nicht verprügelt.
Die Delegierten sind wohlbehalten von einer 15-tägigen Reise in die umstrit-
tene Partnerstadt von Pleasant Hill, Merzifon, zurückgekehrt, und sie haben ein
gutes Gefühl über die Dinge, die sie herausfanden. Sie fanden, daß die türki-
schen Armenier viel weniger feindlich gegenüber ihr Land eingestellt sind, als
die amerikanischen Armenier, die gegen die Städtepartnerschaft opponieren.
Dutzende von Bay Area Einwohnern hatten sich gegen diese Reise und gegen
den Beschluß der Stadt vom Juni, Merzifon als Partnerstadt anzuerkennen, aus-
gesprochen, und zwar wegen der Menschenrechtsverletzungen in der Türkei
und wegen der Weigerung des Landes, das, was von vielen als ein Völkermord
154
an mehr als 1.5 Millionen Armenier in den frühen Jahren vom 20. Jahrhundert
betrachtet wird. Der Stadtrat hatte die Entscheidung bis zur Berichterstattung
der Delegierten verschoben.
Die Gegner hatten die Gruppe aufgefordert, armenische Kirchen und Friedhö-
fe zu besuchen und Beweise für die Unterdrückung zu suchen. Eine der Haupt-
sorgen war es gewesen, daß die Türken den roten Teppich ausrollen und so die
Ansichten der Besucher beeinflussen würden. Die Gegner warnten, daß die Be-
sucher in Knast landen würden, wenn sie über den Völkermord sprechen wür-
den.
Die 12 Delegierten, die in Pleasant Hill entweder leben oder arbeiten, ver-
suchten, ein Gleichgewicht zu erreichen, sagte der stellvertretende Bürgermeis-
ter David Durant. Sie sprachen mit Kurden und besuchten den armenischen und
den griechischen Patriarchen, eine armenische Kirche und eine Grundschule,
eine Synagoge, eine christliche Kirche, den Hauptrabbi des Landes, den Vorsit-
zenden des Menschenrechtsausschusses und zwei Abgeordnete. „Ich glaube, wir
taten unser Bestes um mit Leuten zu treffen und einige der Dinge zu überprüfen,
die unsere Opposition als Gründe dafür genannt hatte, warum wir sie nicht als
Partnerstadt haben sollten,“ sagte Peggy Blake, deren Ehemann als erster die
Stadt Merzifon als Partnerstadt vorgeschlagen hatte. „Ich denke, jeder kam mit
dem Gefühl, daß das eine gute Sache ist.“ Die Gruppe besuchte auch Schulen,
ein Krankenhaus, eine Mehlfabrik, eine Feuerwehrwache, eine öffentliche Bib-
liothek, ein Polizeirevier, eine Bank und andere interessierende Stellen.
In Ankara trafen einige eine Gruppe von Uni Studenten und deren Professor.
Die Delegierten sagten, sie hätten keine Hindernisse gespürt, als sie ihre politi-
schen Probleme und Fragen formulierten. „Es gab keine Frage, die wir nicht
hätten stellen oder die sie nicht hätten anworten können,“ sagte John Blake. Die
Armenier in der Türkei teilen keine der Gefühle der Armenier hier369. Diese lei-
denschaftliche Feindschaft gegenüber den Türkein ist eine Besonderheit der
Armenier im Ausland.“ Die Delegierten besichtigten eine armenische Kirche,
zur Behebung der Schäden wegen des Erdbebens repariert wurde. „Sie haben
dort einen Platz, der würde im Vergleich Paläste bleich erscheinen lassen,“ sag-
te John Blake, „ich wünsche nur, daß die Opponierenden bereit wären, diese
Reise, die wir gerade unternommen haben, zu machen. Dann würden sie sehen,
daß fast alles, was sie die ganze Zeit sagten, nicht zutreffend ist.“ Während des
Besuchs bei dem Menschenrechteausschuß fragten die Delegierte über die Tö-
tungen in den frühen 1900. „Ja sagten sie, es hat eine Deportation gegeben, und
ja, es hat Massaker gegeben“, sagte Durant, „sie wollten es nicht Völkermord
nennen, aber es war nicht so, als ob wir darüber nicht sprechen durften.“ Der
Vorsitzender des Ausschusses gab zu, daß es Probleme mit Redefreiheit gäbe,
doch sagte Durant, daß er Zeitungskommentare sah, die die Positionen der Re-
gierung in Frage stellten. Die Uni-Studenten gaben zu, daß einige wirklich ent-

369
Gemeint sind die Armenier in den USA. Der Verfasser.

155
setzliche Sache passiert sind und daß es mehr offenen Dialog geben müsse,“
sagte Durant. „Doch auch sie dachten, daß Dinge wie Städtepartnerschaften nur
nützlich sein könnten.“ Die Frage der Stätdepartnerschaft soll am Montag in
dem Stadtrat aufgegriffen werden.
Katie Oyan covers Pleasant Hill. Reach her at 925-943-8011 or koy-
an@cctimes.com.

B) Zeugnis des armenischen Patriarchen

Es existiert ein Interview mit dem armenischen Patriarchen von Istanbul,


Mesrob II (geboren 1956), dem gewähltem Oberhaupt der armenischen Kirche
in der Türkei aus dem Jahre 1999, das auch im Internet nachgelesen werden
kann.370 Ich zitiere einige der Aussagen aus diesem Interview (das Interview
wurde in New York, während eines Besuchs des Patriarchen 1999 durchgeführt
und in einer armenischen Zeitschrift (Armenian Mirror-Spectator) in den USA
auf Englisch veröffentlicht):
Es gibt etwa 80.000-82.000 Angehörige der armenischen Kirche in der Tür-
kei, 60.000-65.000 von ihnen leben in Istanbul. Sie sind die größte christliche
Gemeinde in der Türkei.
In Istanbul gibt es zwei armenische Tageszeitungen in armenischer Sprache,
eine davon (Jamanak) ist mit 90 Jahren die älteste armenische Tageszeitung auf
der ganzen Welt.
“In der Türkei gibt es keine religiösen Beschränkungen irgendwelcher Art.
Die Türken selber sind religiöse Menschen. Wir haben die selbe Religionsfrei-
heit wie Moslems, Juden und Griechen.Keine ethnische oder religiöse Minder-
heit kann heute in der Türkei mit gutem Gewissen erklären, daß es irgendwel-
che Restriktionen gäbe.” Der Patriarch erklärt ferner, daß in seiner gesamten 22
jährigen Tätigkeit als armenischer Priester in Istanbul, er nie mit irgendwelchen
Restriktionen bezüglich des Kirchenlebens konfrontiert war.
“Es gibt eine einzige Schwierigkeit, aber das ist nicht eine direkte Einschrän-
kung der Religionsfreiheit, ist die Ausbildung neuer Priester. Das ist das Haupt-
problem, weil wir keinen armenischen Seminar in Istanbul haben.” “Es gibt je-
doch keine Probleme, die Kandidaten ins Ausland, zu anderen Seminaren, zu
schicken, und sie wieder zurück in die Türkei zu bringen.” “Ich kann auch nicht
sagen, daß dies eine Beschränkung für die armenische Gemeinde wäre, weil
diese Beschränkung für die Juden, die Griechen und die Moslems genauso gilt.
Die islamischen Gemeinschaften haben keine Seminare, es gibt jedoch an den
Universitäten theologische Fakultäten, wo islamische Theologie gelehrt wird.”
...

370
http://www15.dht.dk/~2westh/interview_with_patriarch_mesrob_.html

156
Auch das Problem der Priesterausbildung, das in Europa immer wieder the-
matisiert wird, wird von dem Patriarchen angesprochen:
“Es gibt keine Forderung, daß die Universitäten theologische Fakultäten für
die christliche Theologie eröffnen sollten, da die Türkei ein säkulares Land ist
und den Religionsgemeinschaften nicht erlaubt, ihre eigenen, unkontrollierten
religiös-theologischen Seminare zu eröffnen. Es ist ein nahöstliches Land, es
könnte religiösen Fanatismus geben, wie z. B. Islamismus. Wenn man den isla-
mischen Gemeinschaften nicht erlaubt, ihre privaten Seminare zu haben, dann
ist es nicht gerecht, den christlichen Gemeinschaften zu erlauben, ihre eigenen
privaten Seminare zu haben, denn das würde Ungleichbehandlung vor dem Ge-
setz bedeuten. Das ist der Grund, warum wir Probleme haben.“ Was wir ma-
chen ist, wir geben Ausbildung für Geistliche innerhalb des Patriarchats für
zwei drei Jahre, dann schicken wir diese Kandidaten für kürzere liturgische
Ausbildung z. B. nach Echmiadzin (armenische Republik). Sie absolvieren ein
oder zwei Jahre dort und werden dann von uns ordiniert. Wenn sie für weitere
Studien den Willen und die Fähigkeit haben, dann schicken wir sie zu europäi-
schen Schulen, wo sie ihre Ausbildung abschließen. Das ist ein kostspieliger
Weg.
Hierzu ein Exkurs, um die Problematik, die der Patriarch kurz anspricht, zu
verdeutlichen: Die Republik Türkei gestattet keine unkontrollierte religiöse
Ausbildung, das gilt sowohl für Moslems wie auch für Christen und alle ande-
ren Religionsgemeinschaften und hat historische Gründe.
Diese Regelung hängt auch damit Zusammen, daß der Islam keine Kirche371
und auch keine “Orthodoxie” (“die rechte Lehre”) im Sinne einer den Inhalt des
Glaubens zu bestimmen befugten Einrichtung kennt. Im sunnitischen Islam hat
es nie eine Institution gegeben, die dazu befugt gewesen wäre, den Inhalt des
Glaubens für alle Moslems verbindlich festzulegen. Da jedoch die Ausbildung
der Priester in der Regel wichtige gesellschaftliche und politische Folgen hat,
erfolgt die Ausbildung der sunnitischen Priester schon seit den Seldschuken (al-
so seit etwa 900 Jahren) in den staatlich kontrollierten Ausbildungsstätten, ge-
nannt “Medrese”. In der Republik Türkei erfolgt die Ausbildung der islami-
schen Geistlichen nur an den staatlichen Hochschulen. Personen, die z. B. in
Ägypten oder Saudiarabien ausgebildet wurden, dürfen in der Türkei nicht in
den Moscheen als islamische Priester tätig werden. Da die christlichen Gemein-
schaften sich dieser staatlichen Kontrolle nicht unterwerfen wollen, gibt es kei-
ne Ausbildungsstätten für christliche Priester in der Türkei.
Es gibt 19 armenische Tagesschulen in Istanbul, dieses Jahr haben wir 3.800
Schüler und Schülerinnen.

371
Bernard Lewis, "Der Glaube und die Gläubigen" in: Welt des Islam, Hrsgb. Von
Bernard Lewis, 1976, Braunschweig, S. 37

157
Es gibt Eheschließungen zwischen Moslems und Armenier, wobei jede Seite
ihre Religion behalten kann, da die Türkei ein säkulares Land ist. Wie die Kin-
der erzogen werden, hängt von den Eltern ab.
Es gibt keinerlei Restriktionen bei dem Erlernen oder Unterrichten der arme-
nischen Sprache. Es gibt armenische Professoren an den Universitäten.
Das Kirchenleben in den armenischen Kirchen der Türkei gehört zu den le-
bendigsten im Vergleich zu den armenischen Kirchen auf der ganzen Welt. Die
Kirchen sind überfüllt, es werden täglich Gottesdienste abgehalten. In Istanbul
gibt es 38 armenische Kirchen und außerhalb von Istanbul 6 armenische Kir-
chen, die “funktionieren” (“functioning”).
Diese Aussagen des Patriarchen kontrastieren auf angenehme Weise mit den
Horrorberichten in den deutschen Medien, daß “es in der Türkei keine christli-
chen Professoren gäbe”, daß “die christlichen Kirchen mit Tricks ums Überle-
ben kämpfen würden und es sie (die Kirchen) offiziell gar nicht gäbe”.372
Patriarch Mesrob II hat nicht nur die USA sondern auch Deutschland besucht,
traf vom 5. bis 11. Juni 2002 in Berlin mit dem Präses der EKD, Herrn Manfred
Kock zusammen, offenbar ist aber keine deutsche Tageszeitung auf die Idee ge-
kommen, ihm die Fragen zu stellen, die ihm in New York von der armenischen
Journalistin gestellt wurden.
Die Journalisten, die die erwähnten Berichte produzieren, ignorieren auch die
Tatsache, daß Frau Prof. A. Schimmel bereits 1955 als Christin einen Ruf an die
islamischen theologischen Fakultät von Ankara erhielt und dort jahrelang lehrte.
Damals war es noch ein Problem, daß eine Frau an einer deutschen Universität
eine Professur erhielt. Von einer Nicht-Christin, die an einer christlichen Theo-
logiefakultät lehrt, ganz zu schweigen. Auch in diesem Punkte eilte die Türkei
Europa weit voraus.

IX) “Softpower” der islamischen Welt, die Türken


und die Christen

„Aus Mohammeds synkretistischer Verschmelzung unterschiedlicher religiö-


ser Elemente – auch vielfach aus der israelischen und christlichen Religion, in
deren Tradition des Prophetentums er sich bewußt stellte – ist ein militanter,
expansionslustiger Monotheismus hervorgegangen, der seine Herkunft aus der
Welt kriegerischer Nomadenstämme nicht verleugnen kann.... Wann immer und
wo immer möglich müssen die Ungläubigen unterworfen und bekehrt werden,

372
Siehe z. B. den Bericht von Bernd Hauser in der Wochenendbeilage der Stuttgarter
Zeitung vom 20.4.2002, ähnlich lautende Berichte erschienen in der ersten Hälfte von
2002 in zahlreichen deutschen Zeitungen.

158
im Grenzfall durch den Dschihad, den Heiligen Krieg aller Muslims. Das galt
wortwörtlich seit dem 7. Jahrhundert, als der Islam in einem gewaltigen Anlauf
durch Nordafrika sogar bis nach Spanien expandierte, bis hin zur Vertreibung
der muslimischen Türkei vom Balkan im 19. Jahrhundert.”373
In diesen Worten steckt insofern ein Körnchen Wahrheit, als sie die Assozia-
tionen, die in den Köpfen zahlreicher Europäer mit Wörtern wie “Islam”, “Tür-
kei” und “Türken” heraufbeschworen werden, zutreffend wiederspiegeln.
Ich kenne auch Türken, die die Landkarte aufschlagen und sagen: “In weniger
als einem Jahrhundert hat sich der Islam von Medine über riesige Gebiete bis an
die Grenzen Frankreichs ausgebreitet. Das muß mit viel Blutvergießen einher-
gegangen sein.” Man kann zu solchen Schlußfolgerungen kommen, wenn man
sich nur die Landkarte anschaut. Wenn man sich mit der konkreten Ablauf der
Geschichte beschäftigt, gelangt man zu einem anderen Ergebnis.
Wolfgang Günter Lerch ist ein anerkannter Nahostkenner. Er schrieb über
Justinian und Theodora, über die Eroberung Ägyptens durch die Moslems:
“.. Später brachte sie [Theodora] eine Zeit in Ägypten zu, was ihre religiöse
Einstellung lebenslang prägte. Theodora hielt es nämlich mit den Ketzern, jenen
monophysitischen Kopten, die von der byzantinischen Reichskirche scheel an-
gesehen, zuweilen auch diskriminiert wurden. Während der Basileus [Justinian]
Ordnung und Orthodoxie repräsentierte, stand die Basileia für dieMinderheiten.
Eine Form religiös–politischer Doppelherrschaft, wie sie in der Weltgeschichte
öfter vorgekommen ist. Die Ketzer hatten den Beistand der Kaiserin dringend
nötig, denn ihre Lage war so bedrückend, daß sie im Jahrhundert danach
nichts sehnlicher wünschten als die Eroberung durch den jungen Islam.
Ägypten fiel nicht ohne tatkräftige Mithilfe der Kopten in muslimische
Hände.”374 Nur zur Erinnerung: Zu jener Zeit waren fast alle Christen in Ägyp-
ten Kopten. W. G. Lerch stellt fest: Ägypten, die Kornkammer des römischen
Reiches, stellte sich auf Wunsch der dortigen Christen unter die Herrschaft der
Moslems.
Im Falle von Spanien haben wir ein ähnliches Bild: Im 7. Jahrhundert herrsch-
ten die Westgoten in der iberischen Halbinsel. Die Häretiker und die Juden
wurden brutal verfolgt. Die Kirche und die politische Klasse war durch und
durch korrupt und in sich zerstritten. Der Feldherr Tarik wurde von einem der
christlichen Adelsfamilien, die mit dem Westgotenkönigs Roderich rivalisier-
ten, zur Hilfe bei der Absetzung dieses Herrschers aufgefordert. Eine relativ
kleine islamische Streitkraft setzte 711 über die Meeresenge und eroberte inner-
halb von zwei Jahren ganz Spanien, weil sie auf keinen nenneswerten Wider-

373
Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler, Fakultät für Geschichtswissenschaft und
Philosophie der Univ. Bielefeld am 14.06.2002 (Jahresempfang der Uni. Bielefeld)
374
Lerch, Wolfgang Günter, Istanbul, 1995, Solothurn und Düsseldorf, S. 39 (Hervor-
hebungen von mir. Söylemezolu)

159
stand stieß. Zum Vergleich: Die Römer hatten fast genau zwei Jahrhunderte ge-
braucht, um die iberische Halbinsel “befrieden” zu können!375
Die Moslems errichteten auf der Halbinsel ein tolerantes Regime, in dem alle
ihr Glauben frei praktizieren konnten, entwickelten die Landwirtschaft und den
Handel. Eine kulturelle Blüte, an der Juden, Moslems und Christen alle teil-
nahmen, folgte. Nicht ohne Grund verweist Voltair in seiner Enzyklopädie unter
dem Stichwort “Gedankenfreiheit” auf die Herrschaft der Mauren in Spanien.
Diese zwei Beispiele zeigen, daß die rasante Expansion des Islams nicht nur
mit dem Schwert erfolgte, sondern durch die Anziehungskraft eines toleranteren
Regimes, sozuzagen durch das “Softpower” des damaligen islamischen Herr-
schaftssystems begünstigt wurde.

A) „Der Sultan, Beschützer unseres Glaubens“

In einem Vortrag erklärte Prof. Wehler: „Das muslimische Osmanenreich hat


rund 450 Jahre lang gegen das christliche Europa nahezu unablässig Krieg ge-
führt; einmal standen seine Heere sogar vor den Toren Wiens. Das ist im Kol-
lektivgedächtnis der europäischen Völker, aber auch der Türkei tief verankert.
Es spricht darum nichts dafür, eine solche Inkarnation der Gegnerschaft in die
EU aufzunehmen“376
Haben die Osmanen „unablässig Krieg gegen das christliche Europa” geführt,
oder haben sie die einen Christen gegen die anderen Christen, die ihren Glau-
bensgenossen unbedingt ihre eigene Version des Christentums aufzwingen
wollten, verteidigt?
An Stelle einer eigenen Antwort zitiere ich den Patriarchen von Jerusalem,
Anthimos. Er schrieb vor über 200 Jahren:
“Schauen Sie, wie unser allwissender und allverzeihender Herr, alles einge-
richtet hat, um die Integrität unseres heiligen orthodoxen Glaubens erneut und
immer wieder zu bewahren ... Er hat an die Stelle unseres römischen Reiches,
das begonnen hatte, von unserem orthodoxen Glauben abzuweichen, aus dem
Nichts dieses mächtige Osmanische Reich gesetzt. Um zu beweisen, das dieses
Osmanische Reich sich mit seinem heiligen Willen im Einklang befindet, hat er
dieses Reich über alle anderen Reiche gestellt. Hören Sie nicht auf die neuen
Versprechen der Freiheit, die man ihnen macht. ... Das Heilige Buch lehrt uns
die Pflicht, ständig für unseren Kaiser [Sultan] zu beten.”377

375
The New Encyclopaedia Britannica, 1991, Vol. 28, S. 28 und insbesondere S. 30,
376
Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler, Fakultät für Geschichtswissenschaft und
Philosophie der Uni. Bielefeld am 14.06.2002 (Jahresempfang der Uni. Bielefeld)
377
Zitiert nach Dimitri Kitsikis, „L’Empire ottoman“, Paris 1991, S. 105 f.; auch: P.
Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 161-162

160
Das obige Zitat stammt aus einem Büchlein, das von dem (griechisch-
orthodoxen) Patriarchen von Jerusalem, Anthimos verfaßt und im Jahre 1789
durch die griechisch-orthodoxe Kirche in Istanbul mit dem Titel “Die Lehre der
Väter” (Patrike Didaskalla) veröffentlicht worden ist. Wie man sieht, bezeichne-
te die griechische Kirche das muslimische Osmanenreich als Retter, von Gott
zum Schutz ihres Glaubens eingesetzt. Als das griechisch-orthodoxe Patriarchat
in Istanbul dieses ermahnende Büchlein gegen die Anhänger der Ideen der fran-
zösischen Revolution unter den Griechen publizierte, waren seit der Eroberung
Istanbuls durch die Türken 336 Jahre vergangen, also eine Zeitspanne, die über
100 Jahre länger war, als die Zeitspanne, die uns von der französischen Revolu-
tion trennt. Wir stellen fest, daß die höchsten Vertreter der griechischen Kirche
nach dieser langen Erfahrung mit der Türkenherrschaft das Osmanenreich als
eine Macht zum Schutz ihres Glaubens und “im Einklang mit dem heiligen Wil-
len Gottes” bezeichnen.

161
B) Kurzer Vergleich der Türkei mit christlichen Ländern

Türkei In der Türkei gibt es über 1600 Jahre alte Kirchen, z.


B. die Mor Gabriel Kloster in Midyat, die im Jahre 397
gegründet wurde378 (geistiges Zentrum der syrisch-
orthodoxen Gemeinde).
Die älteste christliche Kirche überhaupt, die als solche
von der katholischen Kirche anerkannt wurde, befindet
sich in der Türkei. Es handelt sich um die St. Pierre Kir-
che (in der Nähe der heutigen Stadt Antakya), die sich in
einer Grotte befindet und die vom Papst Paul dem VI. im
Jahre 1963 als ein Wallfahrtsort proklamiert wurde. Die
katholische Kirche feiert an jedem 29. Juni einen Got-
tesdienst in dieser Kirche.
Deutschland Der erste offiziell erlaubte evangelische Gottesdienst
in Köln fand am 23.5.1802 nach dem Einmarsch der
französischen Truppen statt. Davor durften die evangeli-
schen Christen in Köln keine Kirche errichten.379
Erst mit dem am 30.9.1842 erlassenen Gesetz erhielten
die Juden im Königreich Hannover das Recht, innerhalb
der Stadtmauern zu wohnen. Davor durften sie nur au-
ßerhalb der Stadtmauern, in besonders zugewiesenen Or-
ten wohnen, von Synagogen ganz zu schweigen.380 Die
Gleichstellung der Juden mit den Christen erfolgte in
Bayern 1861, in Baden 1862.381
Österreich Moderne Garantien für Glaubensfreiheit wurden erst
1867 gesetzlich geschaffen, womit die Protestanten und
die Juden den Katholiken gleichgestellt wurden. Der Is-
lam wurde 1912 anerkannt.382

378
Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries. A Report
Prepared by the Law Library, Library of Congress, at the Request of the Commission on
Security and Cooperation in Europe, Washington DC., 2000, S. 130, siehe:
http://www.house.gov/csce/
379
Vgl.: Prößdorf, Detlev: 200 Jahre freie evangelische Wortverkündigung. Ein kleiner
Streifzug durch die protestantische Geschichte Kölns. Siehe: www.kirche-
koeln.de/nutzen/medien/doku/200J_DP.doc
380
Vgl.: Zur Geschichte der Juden in Celle. Festschrift zur Wiederherstellung der Syn-
agoge. Herausgegeben von der Stadt Celle, Celle 1974, S. 25
381
Vgl. Nipperdey, Thomas, Deutsche Geschichte 1800-186 6, München 1983, S. 251
382
Vgl: Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries, usw., S.
15-16, Vgl. auch Nipperdey, Thomas, Deutsche Geschichte 1800-186 6, München 1983,
S. 251

162
Frankreich Glaubensfreiheit wurde in Frankreich mit der Revolu-
tion von 1789 proklamiert.383 Davor wurden die Protes-
tanten massiv unterdrückt.
Schweden In Schweden hat erst 1780 König Gustavus III auf Bit-
ten der Stände den Christen, die nicht der schwedischen
Staatskirche angehörten und die in Schweden zwecks
Handel oder sonstigem Gewerbe wohnen möchten, er-
laubt, ihre Religion zu praktizieren!”384
Griechenland In Griechenland war die katholische Kirche selbst im
Jahre 2000 noch nicht als juristische Person anerkannt 385
Aufgrund dieser Situation wurde Griechenland von dem
europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verur-
teilt.386
Großbritannien Im Jahre 1826 wurde in dem Vereinigten Königreich
ein Gesetz erlassen (Roman Catholic Relief Act), wo-
nach Mitglieder des Jesuitenordens und anderer religiö-
ser Orden der römisch-katholischen Kirche (ausgenom-
men Nonnen) mit lebenslanger Verbannung bestraft
wurden. Dieses Gesetz galt bis 1926. 387
Ergebnis: die Protestanten in der Türkei konnten schon über 200 Jahre vor ih-
ren Glaubensbrüdern und Schwestern in Köln frei ihren Glauben praktizieren.
Zudem erhielten sie die Glaubensfreiheit in Köln in Folge des Einmarsches der
französischen Truppen. In der Türkei erhielten sie dieses Recht aufgrund der
Glaubensfreiheit, die seit der Errichtung der türkischen Herrschaft bestand. Die
Jesuiten, die seit ihrer Gründung in der Türkei sich frei betätigen konnten, muß-
ten noch am Anfang des 20. Jahrhunderts in England die lebenslage Verban-
nung fürchten!

C) Die Haltung gegenüber Andersgläubige

Die islamische Herrschaft hat in Spanien rund 700 Jahre gedauert, die Türken
beherrschten Griechenland über 400 Jahre und Bulgarien 500 Jahre. In allen
drei Ländern konnte sich die christliche Bevölkerung ihre Religion und Kultur
erhalten und entwickeln. Die ältesten christlichen Gemeinden (die Kopten, die

383
Vgl: Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries, S. 24,
384
Vgl: Catholic Encylopedia, New York 1908, Eintrag “Sweden”. Siehe
www.newadvent.org/cathen/14347a.htm
385
Vgl.: Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries, S. 59
386
Urteil 143/1996, siehe:
http://www.dhcour.coe.fr/eng/canea%20catholic%20church%20e.html
387
Vgl. Religious Liberty: The Legal Framework In Selected OSCE Countries, S. 163

163
asyrischen Christen) leben auch heute noch in islamisch beherrschten Ländern,
die ältesten Kirchen sind ebenfalls dort zu finden.388
Die türkische Herrschaft hat den Griechen nicht nur die Religion wurde be-
wahrt. Auch die wirtschaftlich-kulturelle Entwicklung, die unter der Herrschaft
der Osmanen vor sich ging, war beachtlich. So konnte sich das griechische
Großkaufmannstum, das sich insbesondere auf den Seehandel stützte, erst ent-
wickeln, nachdem die osmanische Flotte die Vorherrschaft der venezianischen
Flotte im Mittelmeer (und damit der venezianischen Kaufleute) gebrochen hat-
te.389
Zum Vergleich: Der katholische König Ferdinand von Aragon und die Köni-
gin Isabella von Spanien hatten bei der Übergabe von Granada im Jahre 1491
den Juden und den Moslems vertraglich Glaubensfreiheit zugesichert. Schon ein
Jahr später brachen sie ihr Eid und stellten die Moslems und die Juden vor die
Alternative, innerhalb eines Monats Spanien zu verlassen, oder zum Katholi-
zismus überzutreten. Millionen von Menschen wurden vertrieben bzw. in den
folgenden Jahren bei lebendigem Leibe verbrannt, wobei diese Menschen-
verbrennungen als gesellschaftliche Ereignisse galten, bei dem die ganze Ein-
wohnerschaft herbeiströmte.
Als die Truppen des berühmten Prinz Eugen, der „Philosoph in Rüstung“ ge-
nannt wurde und dem Leibniz sein „Principes de la nature et de la grace fondes
en raison“ (1714) eigenhändig überreicht und gewidmet hat 390, 1697 Sarajevo
für wenige Stunden beherrschten, zerstörten sie nicht weniger als 160 Mo-
scheen.391 Man sieht, vorzügliche Kenntnisse der Wissenschaften, der Kunst
und der Philosophie, persönlicher Umgang mit den hervorragendsten Philoso-
phen der Aufklärung führen nicht zwingend zu einer toleranten Haltung.

388
Die älteste christliche Kirche überhaupt, die als solche von der katholischen Kirche
anerkannt wurde, befindet sich in der Türkei. Es handelt sich um die St. Pierre Kirche,
die sich in einer Grotte befindet und die vom Papst Paul dem 6. im Jahre 1963 als ein
Wallfahrtsort proklamiert wurde. Die katholische Kirche feiert an jedem 29. Juni einen
Gottesdienst in dieser Kirche.
389
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 258-266
390
Eike C. Hirsch, Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie. München 2000, S. 567
391
Friedrich-Karl Kienitz, Städte unter dem Halbmond. Geschichte und Kultur der Städ-
te in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel im Zeitalter der Sultane 1071 bis 1922,
München 1972, S. 233

164
X) “Softpower” des osmanischen Reiches

Die rasche Ausdehnung des osmanischen Reiches war nicht nur durch ihre
militärische Überlegenheit bedingt. Sie resultierte auch aus der Anziehungs-
kraft, die das Reich auf die christlichen Bauern in den europäischen Staaten des
16. Jahrhunderts ausübte. Das war das “softpower” des osmanischen Reiches,
wie man das neuerdings nennt. (Weiter unten belege ich dies mit einigen Lu-
ther-Zitaten.) Was waren die Gründe dieses damaligen “softpowers” gewesen?
Allen voran die Glaubensfreiheit, die in der damaligen Welt einzigartig war.
Dies wird weiter unten mit zahlreichen Zitaten belegt werden. Deshalb weise
ich zunächst auf drei weitere Aspekte, die in der europäischen Öffentlichkeit
kaum bekannt sind.
In der Türkei gab es keine erbliche Privilegien, keinen Erbadel (keine Aristo-
kratie). Deswegen brauchte man die Aristokratie gar nicht erst mit einer Revolu-
tion zu entmachten. Es gab keine Verfolgung wegen abweichendem Glauben
oder Ansichten. So segensreiche Einrichtungen wie Inquisition und Ketzerver-
folgung392 kannte man nicht. Es gab auch keine Hexenverbrennung oder irgend-
etwas vergleichbares. Im Gegenteil: die Glaubensfreiheit in der Türkei war über
Jahrhunderte beispielhaft für die christliche Welt. Kurz: In der Türkei waren die
Menschen mit den Problemen, mit denen sich Menschen wie Voltaire, Locke,
Hume in Westeuropa auseinandersetzten mußten, nicht konfrontiert. Deswegen
hatte man es nicht nötig, einen Kampf für Glaubens- und Meinungsfreiheit zu
führen.
Kein geringerer als Voltaire hat das „Reich des großen Türken“ als Beispiel
genannt, als er in seinem Philosophischen Lexikon die Frage der Glaubensfrei-
heit behandelte.
Zur Untermauerung der obigen Behauptung sollen folgende Punkte an Hand
europäischer Quellen belegt werden:
• Erbliche Privilegien (auf deren Abschaffung der Grundsatz „Gleichheit“
der französischen Revolution abzielte) gab es nicht. Da es keinen Erbadel
gab, benötigte man auch keine Revolution, um die Adligen zu entmachten.
• Die Glaubensfreiheit war seit Jahrhunderten gewährleistet (das, was der
Grundsatz der „Freiheit“ bezweckte). Es kam sehr selten vor, daß Personen
wegen ihrer weltaunschaulichen Ansichten verfolgt wurden
• Die Stellung des einfachen Bauers war wesentlich besser als die Situation
der europäischen Leibeigenen.

392
Die Greuel der Inquisition sind allgemein bekannt. Laut Spiegel vom 1.6.98 schätzte
Voltaire die Zahl der Opfer der Inquisition auf rund zehn Millionen. Allein der als
Hexen verbrannten Frauen werden auf eine Million geschätzt. Einen guten Überblick
findet sich in: http://www.geocities.com/RainForest/3612/opfer.html

165
A) Es gab keine erblichen Privilegien

Was das Fehlen erblicher Privilegien betrifft, ist es nicht uninteressant, den
Bericht des habsburgischen Gesandten am osmanischen Hof, Ogier Ghiselin
von Busbeck aus dem Jahre 1555 zu lesen. Er schreibt über den Hof des Sul-
tans:
"Sein Hof war auf das dichteste besetzt, es waren viele hohe Würdenträger
anwesend. Es war dort die ganze reitende Garde, die Spahi, die Garipigi und die
Ulusagi sowie eine große Zahl von Janitscharen. Aber keiner in der ganzen Ver-
sammlung war adlig, außer durch seine Tüchtigkeit und seine Taten. Geburt un-
terscheidet hier keinen von den andern, Ehre wird jedem nach dem Maße seines
Standes und Amtes erwiesen, da gibt es keinen Rangstreit, die Stelle, die man
versieht, gibt jedem seinen Rang. Ämter und aber und Stellen verteilt der Sultan
selbst. Dabei achtet er nicht auf Reichtum, nicht auf den nebelhaften Adel, nicht
auf jemandes Ansehen oder auf das Urteil der Menge: sondern die Verdienste
zieht er in Betracht, Sitten, Begabung und Eignung sieht er an, nach seiner Tu-
gend wird jeder ausgezeichnet. So kommen die geeigneten Männer zu den füh-
renden Stellen, so hat dort jeder seine Geburt und sein Schicksal in der Hand
und mag es selbst gestalten. Die vom Sultan die größte Macht bekommen ha-
ben, sind meistens Söhne von Hirten und Ochsentreibern, und sie sind so weit
entfernt sich dessen zu schämen, daß sie sich sogar damit rühmen: sie gelten
sich um so mehr, je weniger sie den Eltern oder dem Glück der Geburt zu ver-
danken haben.393 Sie glauben nämlich nicht, daß Tugend mitgeboren und ver-
erbt werde, sondern zum Teil werde sie von Gott verliehen, zum Teil durch gute
Erziehung, viele Mühe und Eifer erworben; und wie kein väterliches Können,
weder Musik noch Rechenkunst noch Geometrie, so gehe auch Tugend nicht
auf den Sohn oder Erben über. ... So sind bei diesem Volk die Würden, Ehren
und und Ämter Lohn für Tugend und Verdienst, Verruchtheit, Feigheit und
Trägheit haben keinerlei Ehre, sie liegen und sind verachtet. Daher blühen sie in
geschichtlichen Taten, sie herrschen und breiten täglich die Grenzen ihres Rei-
ches aus. Bei uns lebt man nach anderen Sitten: der Tugend ist kein Raum ge-
lassen, alles der Geburt zugetraut; nach der Achtung vor der Geburt werden alle
Zugänge zur Ehre besetzt.”394 Zum Schluß schärft der Botschafter seiner Frau,
an die sich dieser Brief richtet, noch ein, das obige für sich zu behalten! Bus-
beck ist sich sehr wohl bewußt, wie aufrührerisch seine Worte in Europa klin-
gen müssen.

393
Dies erinnert an die amerikanischen Millionäre, die stolz darauf sind als selfmade
man “vom Tellerwäscher zum erfolgreichen Unternehmer” aufgestiegen zu sein.
394
Ogier Ghiselin von Busbeck, Vier Briefe aus der Türkei, aus dem lateinischen übers.
eingeleitet von Wolfram von den Steinen, Erlangen, 1926, S. 64 f.

166
Ein anderer europäischer Beobachter (Captain Adolphus Slade) schrieb um
1839, als Sultan Mahmut II, die Reformen nach europäischen Vorbildern einlei-
tete, und die Gleichstellung aller Glaubensrichtungen verkündete, über das os-
manische Reich:
„Bis jetzt hat der Osmane gewohnheitsmäßig einige der höchsten Privilegien
des freien Mannes genossen, für die die christlichen Völker so lange gekämpft
haben. Außer einer bescheidenen Landsteuer zahlte er nichts an die Regierung,
wenn er auch bisweilen Erpressungen unterworfen war, die zu den festgesetzten
Steuern hinzukommen konnten. .. Ohne Paß reiste er, wohin es ihm gefiel. Kein
Zollbeamter prüfte mit seinen Augen oder schmutzigen Fingern sein Gepäck.
Keine Polizei beobachtete seine Bewegungen oder horchte auf seine Worte.
Sein Haus war heilig, nur im Kriegsfall zog man seine Söhne ein. Seine Auf-
stiegschancen waren nicht durch Geburt oder Vermögen begrenzt. Er konnte,
ohne Vermessen zu sein, aus niederster Herkunft den Rang eines Paschas errei-
chen, wenn er lesen konnte, sogar den des Großwesirs. Dies Bewußtsein, durch
zahlreiche Präzedenzfälle bestärkt, veredelte seinen Geist und schuf die Mög-
lichkeit, ohne Minderwertigkeitsgefühle hohe Ämter zu bekleiden ...”395

B) Den Bauern ging es besser als den Leibeigenen in Europa

Hinsichtlich des Fehlens einer Leibeigenschaft schreibt Matuz: "Die Hinter-


sassen im Osmanischen Reich waren keine Leibeigenen, sondern personen-
rechtlich frei und den Pfründeninhabern weder untergeordnet noch von diesen
abhängig. Insbesondere unterlagen sie nicht der Gerichtsbarkeit der Inhaber des
Bodens."396
„Die maßvolle und vor allem strikt geregelte [also: der Willkür entzogene!
A.S.] Abgabepflicht hatte zur Folge, daß der Bauer an der Bearbeitung des ihm
überlassenen Bodens interessiert war. ... Es nimmt daher nicht wunder, daß so-
gar christliche Fronbauern in nicht-islamischen Gebieten wiederholt aus dem
Herrschaftsbereich ihrer Lehensherren, von denen sie ausgepreßt wurden, flüch-
teten und zu den Osmanen hinüberwechselten.“397
Die gesellschaftlichen Verhältnisse im osmanischen Reich, die dazu führten,
daß Christen die Herrschaft einer fremden, noch dazu einer islamischen Macht
einer christlichen Herrschaft vorzogen, werden von dem deutschen Historiker J.
Matuz wie folgt zusammengefaßt:

395
Elie Kedourie, Der Islam Heute, in: Welt des Islam, herausgegeben von Bernard Le-
wis, Braunschweig, 1976, S. 329
396
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 107
397
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 108

167
Die bereits erwähnte freie Religionsausübung spielte zweifellos eine wichtige
Rolle. „Trotz der letzlich eher praktischen Beweggründe398 ist es dennoch be-
merkenswert, daß der Osmanenstaat religiöse Duldsamkeit zu einer Zeit prakti-
zierte, als im christlichen Europa Andersgläubige den schlimmsten Verfolgun-
gen ausgesetzt waren. Die verschiedenen christlichen und jüdischen Religions-
gemeinschaften (millet) waren nicht nur in Glaubens- bzw. Ritualfragen auto-
nom, sie erhielten unter der Voraussetzung, daß keine Muslime beteiligt waren,
auch die Gerichtsbarkeit über die eigenen Religionsgenossen zuerkannt.“399
„Für die innere Strukturierung und Stabilität war die Tatsache nicht minder
wichtig, daß das Osmanenreich – an damaligen Maßstäben gemessen – ein
Rechtsstaat war. Es gab eine feste gesetzliche Ordnung, der sich jedermann,
auch der Sultan, zu unterwerfen hatte.“400
Es gab keine erblichen Privilegien,401 keinen erblichen Adelsstand. „Die Mo-
bilität zwischen der Schicht der Herrschenden und der der Beherrschten war
viel größer als im feudalen Europa. Angehörige der niederen Schichten hatten
im osmanischen Reich – vor allem infolge militärischer Tapferkeit- gute Auf-
stiegschancen; andererseits konnten Angehörige der herrschenden Klasse, etwa
bei Versagen oder Amtsmißbrauch, jederzeit zurückgestuft werden.“402 .
In dem osmanischen Herrschaftssystem waren Mechanismen eingebaut, die
Stellung der Steuerzahler (reaya) schützten und ihre Lage im Vergleich zu den
christlichen Staaten, in denen die Leibeigenen der Willkür des Adels ausgelie-
fert waren, erheblich verbesserten:
Die Bauern waren keinen Leibeigenen, sie waren persönlich freie Menschen.
Sie waren den Lehnsherren gegenüber weder untergeordnet noch von diesen
abhängig.403
Wenn man heute in den Niederlanden ein Gerichtsurteil erwirkt, so steht ganz
oben die Überschrift „im Namen der Königin“, weil die Königin die oberste
Richterin ist. Das ist heuzutage mehr oder weniger fiktiv, aber in der Ver-
gangenheit war das ganz real. Die Adligen hatten im europäischen Feudalismus

398
Die Bemerkung, daß die Osmanen lediglich „aus praktischen Gründen“ ihren Unter-
tanen freie Religionsausübung gewährt hätten, findet man immer wieder. Genau das
zeigt, mit welchem „common sense“ die Türken das Problem der unterschiedlichen
Glaubensrichtungen lösten. Sie benötigten keine abstrakten Abhandlungen über die
„Freiheit an sich“ und „die Religion für sich“, keinen „kategorischen Imperativ“, sie
handelten einfach als vernünftige Leute. Was sagte der gute Voltaire noch? Nicht auf
die Ideen, sondern auf die Taten kommt es an! (siehe, philosophisches Wörterbuch,
Stichwort „Dogma“.
399
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985., S. 113
400
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985., S. 85, Her-
vorhebung von mir. Der Verfasser.
401
J. Matuz, Das Osmani. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985., S. 110 und 114
402
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985., S. 111
403
J. Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985., S. 107

168
das Recht der Gerichtsbarkeit über die Bevölkerung in ihrem Herrschaftsbe-
reich. Damit waren die einfachen Leute dem Adel auf gedeih und verderb aus-
geliefert. Im osmanischen Reich war das nie der Fall. Es wurde nie im Namen
des Sultans Recht gesprochen. Die Lehnsherren waren im osmanischen Reich
jederzeit absetzbar und hatten kein Recht, als Richter zu fungieren. Vielmehr
unterstanden auch die Lehnsherren der Gerichtsbarkeit der „kadı“ (Richter), die
die gesamte Verwaltung und das staatliche Finanzwesen kontrollierten.404 Diese
„kadı“ wurden von dem kazasker von Rumelien bzw. Anatolien ernannt (obers-
te Richter für die asiatische bzw. europäische Reichsteile).
„Die Abgabepflichten waren maßvoll und strikt geregelt, es wurden ihnen [d.
h. den Bauern] kaum Fronarbeiten abverlangt“ (lediglich 7 Tage jährlich). 405
„Eine etwaige Peinigung der Untertanen zog schwere Strafen nach sich. Um
sie vor möglichen Übergriffen örtlicher Machthaber zu schützen, wurde ihnen
ein uneingeschränktes Beschwerderecht zugebilligt. Jeder Untertan –ob Mus-
lim, Christ oder Jude- konnte sich, wenn er sich in seinen Rechten verletzt fühl-
te, mit seinem Anliegen unmittelbar an den Reichsrat, an den 'Großherrlichen
Diwan' wenden. Dieses –übrigens häufig in Anspruch genommene –
Beschwerderecht ist natürlich auch ein wichtiges Indiz für die Rechtsstaatlich-
keit des Reiches.“406 (Nebenbei sei vermerkt, daß die Archive dieser zentralen
Beschwerdestelle erhalten sind und eine reiche Quelle für die Forschung bie-
ten).

C) Es gab keine unüberwindlichen Klassenschranken

Auch die dritte Losung der französischen Revolution, die Brüderlichkeit (so-
ziale Solidarität), kam in der Türkei nicht zu kurz: Ein britischer Beobachter,
der 1896 Istanbul besuchte, schreibt über seine Eindrücke in der damals größten
Moschee der Stadt (Aya Sofya – Haghia Sophia): „Alle Klassen bunt zusam-
mengewürfelt, der Pascha kniete neben dem Lastenträger, der einfache Soldat
neben dem Offizier. Eine Atmosphäre der ernsten und hingebungsvollen An-
spannung beherrschte die Szene. Dessen Aufrichtigkeit wurde durch die Kinder,
die unbekümmert in den hinteren Teilen des Gebäudes spielten und alten, ge-
brechlichen Männern – die allem Anschein nach Bettler oder Geistesgestörte
waren und die in dem Hauptraum zwischen den Knieenden hin- und hergingen,
ohne daß jemand eingreifen würde, noch betont.“407

404
J. Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 93, S. 104-105.
405
Josef Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 108
406
Josef Matuz, Das Osman. Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985. S. 85-86
407
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 28

169
Ein anderer intimer Kenner der Türkei, der britische Parlamentsabgeordnete,
Diplomat und Offizier, Sir Mark Sykes 408 schrieb über die „alte Ordnung“ als
sie bereits untergegangen war (1912), folgendes:
„Im alten régime ... gab es wohl Klassenunterschiede, doch es gab keine Ab-
gründe zwischen den Menschen unterschiedlicher Position. Das war insbeson-
dere unter den Moslems so, doch es galt zu einem geringeren Grad auch für die
verschiedenen christlichen Völker. Es war nichts besonderes, wenn ein Mäd-
chen vom Volk in den Palast eintrat, denn der ärmste Lastenträger war genau so
ein Teil der Ordnung wie der höchste Beamte des Staates. Die Wohltätigkeit des
Volkes war grenzenlos. Es gab eine großartige und noble Toleranz – der harm-
lose Idiot, die Hunde, die Armen, die Bettler, die Waisen, alle hatten ihren
Platz. Es gab bittere Fehden, wilde Feindschaften, ständige Angst, daß Massa-
ker ausbrechen würden - all das und mehr; doch tief unter der Oberfläche gab es
eine wunderbare Verwandschaft der Menschen. Der Bettler kam zum selamlık
409
; der Wagen des Paschas fuhr zur Seite, um dem verwahrlosten Welpen, der
sich auf der Straße tummelte, Platz zu machen; der Derwisch und der kranke
Bettler erhielten an den Stufen der Reichen Fleisch und etwas zu trinken. Ein
blinder Mann konnte den Verkehr auf den Straßen von Istanbul blockieren und
jeden, der ihn anstieß, verwünschen und kein vaterloses Mädchen mußte den
Weg der Schande gehen.“410
Wohlgemerkt, diese Einschätzung stammt nicht von einem exzentrischen
Engländer, der zum Zeitvertreib den Orient bereist, sondern von einem ausge-
wiesenen Türkei-Kenner des British Empire. Offenbar genoß Sir Mark Sykes
im Foreign Office ein hohes Ansehen, denn er vertrat die britische Seite bei den
Verhandlungen mit Frankreich über die Aufteilung der Türkei (1915) als
Kriegsbeute nach dem I. Weltkrieg. Der von ihm ausgehandelte Vertrag trägt
seinen Namen (Sykes-Picot Abkommen).

408
Sir Mark Sykes ist der selbe Offizier, der 1915 als Leiter der britischen Delegation
mit den Franzosen die Pläne für Aufteilung der Türkei unter den Entete-Mächten nach
dem I. Weltkrieg ausgehandelt hat. Das Abkommen, dessen Verwirklichung mit dem
türkischen Unabhängigkeitskrieg (1199-1922) unter Kemal Atatürk verhindert wurde,
trägt seinen Namen. Er verbrachte lange Jahre in der Türkei und unternahm ausgedehte
Reisen. Seine sehr detaillierten Berichte über das osmanische Reich sind auch heute ü-
beraus lesenswert.
409
Über Jahrhunderte hinweg gingen die osmanischen Sultane an jedem Freitag öffent-
lich in die Moschee, um das Freitagsgebet zu verrichten. Seine Fahrt in die Moschee
und die anschließende Begrüssung vor der Moschee waren ein Treffen für alle Schich-
ten des Volkes.
410
Sir Mark Sykes, The caliphs’ last heritage. A short history of the turkish Empire.
London 1915, S. 512

170
XI) Kriege gegen das Christentum?

A) Christen unter dem Schutz der Osmanen

Ein deutscher Historiker schreibt: „Das muslimische Osmanenreich hat rund


450 Jahre lang gegen das christliche Europa nahezu unablässig Krieg geführt;
einmal standen seine Heere sogar vor den Toren Wiens. Das ist im Kollektivge-
dächtnis der europäischen Völker, aber auch der Türkei tief verankert. Es
spricht darum nichts dafür, eine solche Inkarnation der Gegnerschaft in die EU
aufzunehmen“411
Die These, die Osmanen hätten 450 Jahre lang gegen das christliche Europa
Krieg geführt, ist nicht haltbar. Gerade der Historiker sollte wissen, daß nicht
wenige dieser Kriege der Osmanen dazu dienten, Christen vor anderen Christen
zu schützen. Beispiele dafür, daß christliche Völker die Herrschaft der Türken
der Herrschaft christlicher Mächte vorzogen, sind sehr zahlreich. Das folgende
Zitat soll diese Behauptung zunächst ganz allgemein untermauern:
„Der Zusammenstoß zwischen dem christlichen Europa und dem osmanischen
Islam wird häufig mit der Konfrontation unserer Tage zwischen der freien Welt
und der Sowjetunion verglichen, und das nicht zu Unrecht. ... Aber man darf
den Vergleich nicht überziehen. In der früheren Konfrontation waren Beflüge-
lung und Dogmatismus auf beiden Seiten und größere Toleranz auf türkischer
Seite zu finden. Während des 15. und 16. Jahrhunderts zogen die Flüchtlinge –
jene, »die mit den Füßen wählten«, Lenins anschauliche Wendung zu benutzen
– von Westen nach Osten und nicht, wie in unserer Zeit, von Osten nach Wes-
ten. Die Flucht der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden in die Türkei ist gut
dokumentiert, aber sie war keineswegs ein Einzelfall. Andere Flüchtlingsgrup-
pen –etwa abweichlerische Christen, die von der in ihren Ländern tonangeben-
den Kirche verfolgt wurden- fanden in den osmanischen Ländern Zuflucht.“412

1) Die Glaubensfreiheit war gegeben

Die Freiheit, entsprechend der Regeln der eigenen Religion zu leben, war eine
weitere Besonderheit, die die Untertanen des osmanischen Sultans genossen.
Viele Christen, die in den christlichen Ländern verfolgt wurden, da sie eine ab-

411
Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler, Fakultät für Geschichtswissenschaft und
Philosophie der Uni. Bielefeld am 14.06.2002 (Jahresempfang der Uni. Bielefeld)
412
Bernard Lewis, Stern, Kreuz und Halbmond. 2000 Jahre Geschichte des Nahen Os-
tens. München, Zürich, 1997, S. 162-163

171
weichende Richtung vertraten, konnten nur durch die Flucht in das osmanische
Reich überleben. Mansel schreibt:
„Nach 1453 glaubten die meisten Europäer, daß ein Land sich nur durch Er-
zwingung von religiöser Uniformität zur Wohlfahrt gelangen könne. In dem 16.
Jahrhundert wurden „Häretiker” in London und Berlin am lebendigen Leibe
verbrannt, in Paris massakriert, aus Wien vertrieben. 1685 vertrieb Louis XIV
alle Hugenotten aus Frankreich; bis 1700 schauten Menschenmassen, angeführt
von den Königen und Königinnen Spaniens, mit Vergnügen zu, wie Häretiker
auf dem Plaza Mayor in Madrid lebendig verbrannt wurden. Doch das osmani-
sche Reich gab Christen und Juden religiöse Freiheit. George von Ungarn
schrieb in dem fünfzehnten Jahrhundert: «Die Türken zwingen niemanden, sei-
nem Glauben abzuschwören, bestehen nicht darauf, irgendeinen zu überzeugen
und haben keine besonders hohe Meinung über Renegaten.» In dem 17. Jahr-
hundert gab es nach Ansicht des Schriftstellers und Reisenden Monsieur de La
Motraye: «kein Land auf der Erde, wo die Ausübung aller Arten von Religionen
noch freier und weniger irgendwelchen Einschränkungen unterworfen wäre, als
in der Türkei.» Er wußte, worüber er schrieb, denn er selber war ein Hugenotte,
der nach 1685 gezwungen worden war, Frankreich zu verlassen.”413
Ein britischer Beobachter schreibt am Ende des 19. Jahrhunderts: „Was die
Beschuldigung des Fanatismus und der Intoleranz betrifft, die so leichtfertig ge-
gen den Türken erhoben werden, was sollen wir gegen die unanzweifelbare Tat-
sache, daß die Kirche des Heiligen Kreuzes in Jerusalem seit Jahrhunderten un-
ter dem Schutz der türkischen Soldaten steht und kein einziger Fall von Schän-
dung oder eines Sakrilegs je berichtet wurde, entgegnen? Wie könnte es auch,
da der Koran die Verehrung von Christus und von allem, was mit unserem Erlö-
ser in Bezug steht, vorschreibt? Was für ein Kontrast ist dies zu der Gewalt und
Zerstörung, die in der Zeit der Reformation für den Kampf zwischen den Rö-
misch–katholischen und den Protestanten charakteristisch waren, nicht nur auf
dem europäischen Festland, sondern auch in England und Schottland, wo zum
Beispiel die Ruinen der Kathedrale von St. Andrews die erbarmungslosen Lei-
denschaften bezeugt, die sogar heute noch aus den Herzen zahlreicher soge-
nannter Christen nicht verschwunden sind. Ist es nicht eine Tatsache, daß noch
vor einigen wenigen Jahren, als der eucharistische Kongreß in London abgehal-
ten wurde, die britische Regierung sich nicht dazu entschließen konnte, das öf-
fentliche Tragen der Hostie durch die Straßen von Westminster zu erlauben,
während in Constantinople, am Tage des Corpus Christi die Hostie, eskortiert
durch mohemmedanische Soldaten, durch die Straßen getragen wird? Die Toten
der griechisch-orthodoxen Kirche werden öffentlich gezeigt, eine Prozedur, die
in Griechenland nicht erlaubt ist. Nur kürzlich wurde der Leichnam ihres Erzbi-
schofs, ausgeschmückt in voller Robe und sitzend in seinem erzbischöflichem
Stuhl, im Troß eine große Zahl von griechischen Prälaten, durch die Straßen pa-

413
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire. 1453-1924, London, S. 47

172
radiert, eskortiert und geschützt von türkischen Soldaten. Das ganze geschah
während ein fürchterlicher Krieg zwischen den Griechen und den Türken im
Gange war. Kein einziger Türke erhob seine Stimme, um diese religiöse Zere-
monie, die öffentlich von den Feinden ihres Glaubens und ihres Landes gefeiert
wurde, die einem Glauben anhängen, der angeblich von den Türken verachtet
und gehaßt wird, zu stören.” 414
Diese Beobachtung Whitman’s stammt aus dem Jahre 1897, während des tür-
kisch-griechischen Krieges. Zu Beginn jenes Krieges verübten die Griechen auf
der damals türkischen Insel Kreta entsetzliche Massaker gegen die dortigen
Moslems.415 Selbst in dieser Situation fiel es keinem Türken ein, das Begräbnis
des griechischen Erzbischoffs in Istanbul zu stören, wie Whitman oben in sei-
nem Augenzeugenbericht bezeugt.
Zum Vergleich: Es gibt ein Dokument, das in der westlichen Verfassungsge-
schichte als erstes Beispiel der Toleranz gefeiert wird: Es ist das “Maryland To-
leration Act” aus dem Jahre 1649. Dieses Gesetz in der damals britischen Kolo-
nie Maryland, (Amerika), erlaubte allen Menschen, die an die Dreifaltigkeit
glaubten, in der Kolonie zu leben (damit durften sowohl Katholiken wie auch
Protestanten dort leben). Diejenigen jedoch, die die Dreifaltigkeit ablehnten (z.
B. Unitaristen oder Juden), sollten mit dem Tode bestraft werden.416 Tatsächlich
wurde der Jude Jacob Lumbrozo, der es gewagt hatte, sich in Maryland nieder-
zulassen, am 23. Februar 1658 entsprechend diesem Gesetz zu Tode verurteilt.
Er entkam jedoch aufgrund einer Amnestie der Hinrichtung.417 Diese Art von
„Toleranz“ Gesetzen war in der Türkei nie erforderlich, weil niemand auf die
Idee kam, Menschen wegen ihrer Religion zu verfolgen.

2) Die Verehrung Jesu durch die Moslems

Da die Christen in der Regel den Propheten Mohammed verachteten (Luther


spricht von ihm als Werkzeug Satans), unterstellten sie ihrerseits den Osmanen
eine analoge Haltung gegenüber Jesus Christus. Die Annahme, daß die Osma-
nen (oder Moslems ganz allgemein) Jesus Christus ablehnten ist ein heute noch
verbreiteter Irrtum in der christlichen Welt. Der amerikanischen Missionar C.
Hamlin, der in den Jahren 1839-1873, also über 34 Jahre in der Türkei gelebt
hat, weist daraufhin, daß die Moslems die Bezeichnung „Sohn Gottes“ als Blas-
phemie ablehnen und Jesus als einen (vorbildlichen) Menschen und Propheten
verehren. Nach der islamischen Auffassung nimmt Jesus, durch seinen makello-
sen Lebenswandel, aufgrund des Umstandes, daß er von Maria durch jungfräu-

414
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 213 f.
415
Encyclopaedia Brittanica, 1971, Vol. 6, p. 740
416
http://press-pubs.uchicago.edu/founders/documents/amendI_religions5.html
417
http://www.jewishhistory.org.il/1650.htm

173
liche Geburt zur Welt gebracht worden ist und nicht am Kreuz starb sondern
von Gott zu sich erhöht wurde418, unter allen Menschen eine Sonderstellung ein.
Tatsächlich gehört Jesus, (wie Hamlin bestätigt) zu den höchst verehrten Per-
sonen im Islam.419 Jesus wird von den Türken auch mit dem Namen “Ruhullah”
bezeichet, was “Geist Gottes” bedeutet, jede herabsetzende Äusserung über Je-
sus wurde im osmanischen Reich entsprechend dem islamischen Recht mit dem
Tode bestraft.420 Man kann diese Verehrung auch darin erkennen, daß in der
Türkei die türkische Version des Namens Jesu (auf türkisch „sa“) selbst heute
noch ein nicht seltener Vorname für Männer darstellt.

3) Konstantinopolis: “Lieber die Türken als die Katholiken!”

In den letzten Tagen des oströmischen Reiches, als die Stadt bereits von den
Truppen des Sultan Mehmet II belagert wurde, boten Abgesandte des Papstes
militärische Hilfe unter der Bedingung an, daß die Griechen zum Katholizismus
übertreten würden. Der Kaiser war bereit, diese Bedingung zu akzeptieren, doch
das Volk und der Großteil der Oberenschichten widersetzten sich. Ein hoher
Beamter des oströmischen Reiches erklärte öffentlich, daß er lieber den Turban
der Türken in der Stadt sehen würde, als die Mitra der Kardinäle.421
Warum zieht ein Christ die Herrschaft der Türken der Herrschaft anderer
Christen vor? Für diejenigen, die in den Türken den Feind des Christentums se-
hen, ist diese Haltung völlig unverständlich. Doch dieses Bild entspricht nicht
der historischen Wirklichkeit. Im Gegenteil, über Jahrhunderte bedeutete die
Türkenherrschaft Glaubensfreiheit, wogegen die Herrschaft der Christen Un-
freiheit auch für die Christen mit sich brachte. Die Griechen im Ostrom wußten
dies und entschieden sich entsprechend.

4) Mehmet II (der Eroberer) setzte einen Patriarchen ein

Als Mehmet II (Fatih = der Eroberer) im Mai 1453 Konstantinopel eroberte,


gab es, in Folge der blutigen Auseinandersetzungen innerhalb der griechisch-
orthodoxen Kirche in den Jahren zuvor, seit Jahren keinen Patriarchen mehr.
Denn der letzte Patriarch, der sich in Abstimmung mit dem letzten oströmischen

418
Diese beiden Glaubenssätze, die jungfräuliche Geburt und die Unsterblichkeit Jesu
stehen im Koran und sind damit für alle Moslems verbindlich. Der Verfasser.
419
Vgl. auch: P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire. London, S. 9
420
Vgl.: Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 73-76. Vgl. auch Sidney
Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 213 f.
421
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 191

174
Kaiser für einen Zusammenschluß der orthodoxen Kirche mit der katholischen
Kirche ausgesprochen hatte, war durch einen Volksaufstand in Konstantinopel,
der von dem niederen Klerus angeführt wurde, aus seinem Amt gejagt worden.
Der Sultan hätte daher einfach durch Nichts tun das allmähliche Verschwinden
des Patriarchats herbeiführen können. Doch Mehmet II. entschied, daß das ö-
kumenische Patriarchat weiter bestehen sollte und setzte am 5.1.1454 einen re-
nommierten griechisch-orthodoxen Mönchen, George-Gennadios als Patriar-
chen ein und sicherte ihm alle Privilegien zu, die die Patriarchen im oströmi-
schen Reich gehabt hatten.422 Seit jener Zeit hatte das Oberhaupt der griechisch-
orthodoxen Kirche seinen Sitz in der osmanischen Hauptstadt. Das Patriarchat
besteht heute noch.

5) Die Kirchen in stanbul

Streng genommen durften nach dem islamischen Gesetz in einer islamischen


Stadt keine neuen Kirchen gebaut wurden. Die Osmanen verstanden sich jedoch
als ein Weltreich und förderten die andersgläubigen Gemeinden in ihren Städt-
ten, so daß im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Kirchen und Synagogen ge-
baut wurden. Mansel schreibt hierzu: “Theoretisch durften in einer islamischen
Stadt entsprechend dem islamischen Gesetz, keine neuen Kirchen gebaut wer-
den. Es durfte auch keine Kirche wiederaufgebaut werden, so lange die dort
wohnenden islamischen Ältesten nicht bezeugt hatten, daß auf diesem Grund-
stück eine Kirche bereits existiert hatte und ein offizieller Architekt nachgeprüft
hatte, daß der Wiederaufbau keine Vergrößerung mit sich brachte.

422
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 9 f.

175
In Wirklichkeit überwanden griechisches Zum Vergleich:
Geld und Entschlossenheit oft die osmani- Der erste offiziell erlaubte
schen Vorschriften. Wie alte Kirchen verlo- evangelische Gottesdienst in
ren gingen, wurden neue gebaut. Ohne Köln fand am 23.5.1802 nach
Türme oder sichtbare Kuppel mußten sie dem Einmarsch der französi-
diskret bleiben. Auch heute noch sind dieje- schen Truppen statt. Davor
nigen, die vor 1800 gebaut wurden, hinter durften die evangelischen
Mauern versteckt und von der Straße un- Christen in Köln keine Kirche
sichtbar. Kirchenglocken waren verboten. errichten.424
Die Gläubigen wurden durch Schläge auf Erst mit dem am 30.9.1842
Holz- oder Metallstangen bzw. durch Aus- erlassenen Gesetz erhielten die
rufer in den Straßen zum Gottesdienst geru- Juden im Königreich Hannover
fen. Im 18. Jahrhundert gab es vierzig Or- die Möglichkeit, innerhalb der
thodoxe Kirchen, von denen nur drei vor der Stadtmauern zu wohnen. Davor
Eroberung gebaut worden waren. Von 1453 durften sie sich nicht in den
bis heute wurden in Konstantinopel fünf- Städtten niederlassen, sondern
undfünfzig neue armenische Kirchen ge- nur in den Vorstädten, (außer-
baut, einige bereits im 16. Jahrhundert.“423 halb der Stadtmauern) in be-
„Im Jahre 1547 gab es in Konstantinopel sonders zugewiesenen Orten
siebenundsechzig (67) Kirchen und zehn wohnen. Von Errichtung von
(mehrheitlich katholische) Kirchen in Gala- Synagogen ganz zu schwei-
ta. Insgesamt also gab es in der osmanischen gen..425
Hauptstadt 77 Kirchen.
Diese Zahlen werden anschaulicher, wenn man sie mit der Zahl der Kirchen
in anderen großen Städtten vergleicht: Im 16. Jahrhundert gab es in London ca.
100 Kirchen, im 18. Jahrhundert 162 Kirchen und Kapellen in Paris.426 Ausge-
hend von diesen Zahlen kann man die Vermutung wagen, daß die Zahl der Kir-
chen in der osmanischen Hauptstadt im 16. Jahrhundert größer als die in den
meisten damaligen deutschen Großstädten war.
Um 1640 hatten die Franziskaner, die Dominikaner, die Jesuiten und die Ka-
puziner, die Säulen der Gegenreformation, alle ihre Kirchen in Galata. Katholi-
sche Straßenprozessionen, einschließlich öffentlicher Kasteiungen wurden am
Weihnachten und am Fronleichnam durchgeführt.”427

423
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 52
424
Vgl.: Prößdorf, Detlev: 200 Jahre freie evangelische Wortverkündigung. Ein kleiner
Streifzug durch die protestantische Geschichte Kölns. Siehe: www.kirche-
koeln.de/nutzen/medien/doku/200J_DP.doc
425
Vgl. Zur Geschichte der Juden in Celle. Festschrift zur Wiederherstellung der Syn-
agoge. Herausgegeben von der Stadt Celle, Celle 1974, S. 25
426
Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 36,
Fußnote.
427
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 48

176
6) Jerusalem: 600 Jahre Frieden unter türkischer Herrschaft

Ein weiteres Beispiel betrifft Jerusalem und ist gerade angesichts der tägli-
chen Berichte über die blutigen Kämpfe in diesem Gebiet nicht ohne Aktualität.
Bekanntlich befand sich Jerusalem 600 Jahre unter türkischer Herrschaft (vor
der Eroberung durch die Osmanen wurde die Stadt von den Mamulucken Dy-
nastie in Ägypten beherrscht, die ebenfalls eine türkische Dynastie war.
1948 wurde der renommierte schwedische Diplomat Counte Folke Bernadotte
als erster Friedensvermittler der Vereinten Nationen überhaupt für eine Frie-
densvermittlung zwischen den Arabern und der Israeli in den Nahen Osten ge-
schickt. Counte Bernadotte, der im Rahmen seiner Bemühungen, in dem ersten
Palästinakrieg eine friedliche Lösung zu finden, die Gegend bereiste und mit
allen Beteiligten zahlreiche Gespräche führte, traf im Hinblick auf Jerusalem
folgende Feststellung:428
„Was die religiöse Seite der Angelegenheit betrifft, muß man sich daran erin-
nern, daß die Stadt für annähernd 600 Jahre von den Türken regiert wurde.
Während der ganzen Zeit in diesem Zeitabschnitt gab es keine Komplikationen
religiöser Natur. Es gab keine religiösen Differenzen zwischen den Juden und
ihren Herren, den Türken. Auf der anderen Seite gab es gewalttätige Schismen
zwischen den christlichen Kongregationen betreffend das Recht, die heiligen
Stätten des Christentums zu kontrollieren. Die verschiedenen christlichen Kir-
chen waren nicht einmal in der Lage, sich darüber zu einigen, welche von ihnen
die Schlüssel zur heiligen Kreuzkirche aufbewahren sollte. Tatsächlich wurden
diese schließlich den Mohammedanern übergeben.“429 Die Schlüssel werden
seit über 600 Jahren von der Familie Nusseibeh treuhänderisch und völlig un-
parteiisch verwaltet, die täglich die Kirchentore öffnet und abends wieder ab-
schließt.
Die 600 Jahre, über die Bernadotte schreibt, war eine Zeitspanne, in der blu-
tigste Kriege zwischen Christen und den Moslems, schlimmste gegenseitige
Verfolgungen der Christen unter sich und ebenso schlimme Verfolgung der Ju-
den durch die Christen die Regel waren. Der erste Friedensvermittler der UNO
stellt dennoch fest: In Jerusalem herrschte Frieden, so lange dort die Türken die
Verantwortung trugen. Und zwar nicht durch Unterdrückung und Gewalt, son-
dern durch Konsens und Vermittlung. Über welche andere Nation kann man
nach 600 Jahren Herrschaft über die heiligsten Stätten dreier Weltreligionen et-
was vergleichbares sagen?
Die heilige Kreuzkirche in Jerusalem, die wir bereits erwähnt haben, bietet
weiteres Anschauungsmaterial für das Verhältnis zwischen Türken und Chris-

428
Den Hinweis auf diese Feststellung von Count Bernadotte verdanke ich dem türki-
schen Historiker Cemal Kutay.
429
Folke Bernadotte, To Jerusalem, London 1951, S. 153

177
ten. Die Türken hatten ursprünglich die Verwaltung dieser Kirche den christli-
chen Kirchen (Katholiken, Kopten, Griechisch-Orthodoxe, Armenier usw.) ü-
berlassen. Diese konnten sich jedoch nicht darüber einigen, wer dort welche Ri-
ten würde feiern dürfen, wo die Vertreter der einzelnen Kirchen würden sitzen
dürfen usw. Dieser Streit dauerte über Jahrhunderte und führte oft zu blutigen
Auseinandersetzungen. Schließlich war das osmanische Reich gezwungen, ein-
zugreifen. Unter Einbeziehung der Vertreter der fraglichen Kirchen wurde 1757
von den Türken eine Hausordnung ausgearbeitet, in dem dieses christliche Hei-
ligtum sozusagen Fliese für Fliese und Pfeiler für Pfeiler bis ins kleinste Detail
“aufgeteilt” wurde. Es wurde festgelegt, wo und wann die Vertreter der einzel-
nen Kirchen sitzen, stehen und auf welche Weise die Gottesdienste, die Riten
feiern dürfen. Jede Fliese, jeder Pfeiler, jedes Fenster wurde einbezogen. Es
wurde festgelegt, wer welche Bereiche der Kirche ausschmücken darf. Diese
von den Türken ausgearbeitete “Hausordnung” wurde 1852 bestätigt, war seit-
dem unbestritten und wird heute von dem israelischen Staat aufrechterhalten.430
Der ehemalige Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek schreibt hierzu:
„Die Kirche gehört sechs Konfessionen – die Griechisch-Orthodoxen, die Ar-
menier und die Katholiken haben die Hauptanteile, die Kopten, die Äthiopier
und die Syrer geringere. Jede Fliese und jede Säule ist sorgfältig zugeteilter Be-
sitz. Wer welche Türklinke putzt, ist von entscheidender Bedeutung, denn Rei-
nigen zeigt besitzt an. Bei Streitigkeiten dieses Ranges sind schon Geistliche
getötet worden.”431
Diese Hausordnung, die von den Türken im 17. Jahrhundert ausgearbeitet
wurde, ist noch heute, über 85 Jahre nach der Räumung Jerusalems durch die
Türken, in der Heiligkreuzkirche in Kraft und es gibt immer noch alle paar Jah-
re Schlägereien zwischen den Vertretern der einzelnen christlichen Kirchen,
wenn der eine der erlauchten Mönche glaubt, daß der Bruder von der anderen
Kongregation seinen Stuhl auf eine Fliese gesetzt hat, die ihm nicht zusteht.432
Das ist ein augenfälliges Beispiel dafür, wie die Türken die Rechte der einen
Christen gegen die anderen Christen verteidigten und zu einem friedlichen Aus-
kommen der Christen untereinander beitrugen. In Jerusalem, in der Heilig-
kreuzkirche, dauert dieser Beitrag bis heute.

430
Ron E. Hassner, The Causes and Characteristics of Conflicts over Sacred Place,
Stanford Univ., May 7, 2000
(http://www.stanford.edu/class/polisci243d/readings/hassner.pdf) Auch: Teddy Kollek,
Jerusalem. Der Bürgermeister führt durch seine Stadt. Frankfurt/M., 1990, S. 71-74.
431
Teddy Kollek, Jerusalem. Der Bürgermeister führt durch seine Stadt. Frankfurt/M.,
1990, S. 71. f.
432
Siehe zum Beispiel: Haim Shapiro, Fracas erupts at Holy Sepulcher, Jerusalem Post,
Jerusalem, May 5, 2002

178
7) Martin Luther: “Deutsche wünschen die Türken herbei”

Im Gegensatz zu heute, war im 16. Jahrhundert in Deutschland dem einfachen


Volk bekannt, daß die Türken, im Gegensatz zu den christlichen Herrschern,
ihren Untertanen Glaubensfreiheit gewährten. Deshalb wünschten 16. Jahrhun-
dert in Deutschland viele Deutsche die Herrschaft der Türken herbei und woll-
ten lieber unter der Herrschaft des türkischen Sultans leben, als unter der Herr-
schaft der deutschen Fürsten!
Als Zeuge hierfür können wir auf keinen geringeren als den Gründer des deut-
schen Protestantismus verweisen. Martin Luther stellt diese Tatsache in seiner
Schrift „Vom Kriege Wider die Türken“ aus dem Jahre 1529 fest und be-
schimpft das deutsche Volk als ein „wüstes wildes Volk“:
„Dazu, wie unser deutsches Volk ein wüstes wildes Volk ist, ja es schier halb
Teufel halb Menschen sind, begehren etliche der Türken Kommen und Herr-
schaft.“433
Weiter unten in der selben Schrift heißt es:
„Weiter höre ich sagen, daß man (Menschen) in deutchen Landen findet, die
des Türken Kommen und sein Regiment begehren, als die lieber unter den Tür-
ken als unter dem Kaiser oder den Fürsten sein wollen.“434
Luther gibt auch an, warum etliche Deutsche „das Regiment der Türken her-
beiwünschen“: „Denn obwohl etliche sein Regiment deswegen loben, weil er
jedermann glauben läßt, was man will, lediglich daß er der weltliche Herr sein
will...“435 Somit gibt Luther zu, daß im osmanischen Reich jeder glauben darf,
was er (oder sie) will.
Luther wiederholt seine Feststellung in einer anderen Schrift aus dem Jahre
1530, in der er im auch jedem, der im Kampf gegen die Türken fällt, das ewige
Leben verspricht: „Denn der Papst ist in diesem Stück viel ärger als der Türke.
Der Türke zwingt doch niemand, Christus zu verleugnen und seinem Glauben
anzuhangen.“436

433
Martin Luther, “Vom Kriege Wider die Türken”, in: Kurt Aland (Hrsgb.) Luther
Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Band 7, Göt-
tingen 1983, S. 94
434
Martin Luther, “Vom Kriege Wider die Türken”, in: Kurt Aland (Hrsgb.) Luther
Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Band 7, Göt-
tingen 1983., S. 107
435
Martin Luther, “Vom Kriege Wider die Türken”, in: Kurt Aland (Hrsgb.) Luther
Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Band 7, Göt-
tingen 1983., S. 99
436
Martin Luther, “Heerpredigt wider den Türken”, in: Kurt Aland (Hrsgb.) Luther
Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Band 7, Göt-
tingen 1983.., S. 146

179
Luther schätzte die Tendenz unter dem deutschem Volk, sich die Türken her-
beizuwünschen, als eine reale Gefahr ein, und entwickelte eine ganze Reihe von
Argumenten, mit denen dem „halb wilden“ deutschen Volk „das Herbeiwün-
schen der türkischen Herrschaft“ durch entsprechende Predigten ausgetrieben
werden sollte. Der interessierte Leser möge in den genannten Schriften nachle-
sen.

8) Der Sieg der Türken rettete die Protestanten

Im Jahre 1523 hatte der ungarische König Ludwig II auf betreiben des Papstes
Clemens VII ein Gesetz erlassen, wonach “alle Lutheraner und ihre Gönner wie
auch die Anhänger ihrer Sekte ... als öffentliche Ketzer und Feinde der allerhei-
ligsten Jungfrau Maria, am Leben bestraft” (sprich: hingerichtet) und sie “aller
ihrer Güter verlustig” erklärt werden würden. Im Jahre 1525 wurde auf dem
Rakoscher Landtag beschlossen, daß alle Lutheraner ausgerottet werden sollten.
Sie sollten nicht nur durch geistliche, sondern auch durch weltliche Autoritäten
ungehindert gefangen genommen und verbrannt werden.437 Diese grausamen
Gesetze konnten jedoch nicht mehr zur Anwendung kommen, da am 29. August
1526 die türkische Armee unter Süleyman dem Prächtigen die ungarische Ar-
mee vernichtete, wobei auch der ungarische König auf dem Schlachtfeld fiel.
Bezeichnenderweise vergleicht der Johannes Borbis diese Niederlage des unga-
rischen Königs mit einem “Gottesgericht.”
Mit dem Sieg der türkischen Armee war das Haupthindernis für die Ausbrei-
tung der lutherischen Richtung in Ungarn beseitigt. Bereits 1557 waren laut Jo-
hannes Borbis zwei Drittel der ungarischen Bevölkerung für die lutherische
Kirche gewonnen worden.

9) “Lieber Hundert Türken als zehn Österreicher”

Auch die Ungarn, die zudem die türkische Herrschaft durch eigene Erfahrung
kannten, zogen die Herrschaft der Türken den katholischen Österreichern vor.
In der Zeit vom 1526 bis zum Jahre 1683 gehörte ein großer Teil Ungarns
dem osmanischen Reich, während ein kleinerer Teil von den Habsburgern be-
herrscht wurde. Der österreichische Autor G. Schweizer vergleicht die Haltung
der ungarischen Bauern gegenüber den Türken und den Österreichern im 17.
Jahrhundert mit den folgenden Worten:
”[Die ungarischen]... Bauern prägten das geflügelte Wort: Lieber hundert
Türken im Dorf als zehn Österreicher oder Ungarn. ...[den österreichischen]

437
Johannes Borbis, Die evangelisch-lutherische Kirche Ungarns in ihrer geschichtli-
chen Entwicklung usw., Nördlingen 1861, S. 7-8

180
Generälen war es gleichgültig, wenn man ihren Soldaten nachsagte, daß sie die
Dörfer plünderten und sich um die Not der Bauern wenig kümmerten. Türkische
Truppen dagegen forderten von den Dörfern höchstens Proviant und bezahlten
dafür. Waren die Türken menschlicher? Es schien so. Auf jeden Fall waren sie
bessere Politiker. ( ...) Heute noch herrscht die weitverbreitete Meinung, die un-
garischen Christen hätten nichts sehnlicher gewünscht, als das türkische Joch
abzuschütteln und sich mit ihren Glaubensbrüdern im Westen zu vereinen. Die
osmanischen Untertanen jedoch brauchten nur einen Blick über die Grenze zu
werfen, um von dieser Sehnsucht geheilt zu werden. Zwar stöhnte das Volk in
Westungarn wie in Ostungarn unter hohen Steuern, aber sonst gab es bemer-
kenswerte Unterschiede. Unter osmanischer Herrschaft durften die verschiede-
nen christlichen Konfessionen einträchtig nebeneinander leben. Einem Moslem
war es gleichgültig, ob er es mit einem Katholiken, einem Protestanten oder ei-
nem Griechisch-Orthodoxen zu tun hatte. Für ihn waren sie eben alle Christen,
und sie genossen gleichermaßen jene Toleranz, die im Koran den »Völkern des
Buches« zugebilligt war. In Habsburgisch-Ungarn, wo Christen über Christen
regierten, gab es - paradoxerweise – diesen religiösen Frieden nicht.“438
In Osteuropa gab es hunderttausende von Christen, denen der Sieg der türki-
schen Waffen die Rettung vor Verfolgung bedeutete. So hat erst die vernichten-
de Niederlage des ungarischen Königs bei Mohács am 29. August 1526 vor der
Armee des Süleyman dem Prächtigen die Verfolgung durch die katholische Kir-
che beendet und die ungehinderte Ausbreitung des Protestantismus in Ungarn
und in Osteuropa ermöglicht.439
Umgekehrt bedeutete nicht selten die Niederlage der Osmanen Tod und Ver-
derben auch für tausende von Juden und Christen. So ermordeten die (katholi-
schen) österreichischen und bayrischen Truppen, die am 2.9.1686 die Stadt Bu-
da (heute Budapest) von den Türken eroberten, nicht nur alle Moslems, sondern
auch tausende von Calvinisten (also Christen) und Juden, die in der Stadt zu-
sammen mit den Türken gelebt hatten, einschließlich ihrer Frauen und Kin-
der..440

438
Gerhard Schweizer, Die Janitscharen. Geheime Macht des Türkenreiches. 1979
Salzburg, S. 236 f.
439
Johannes Borbis, Die evangelisch-lutherische Kirche Ungarns in ihrer geschichtli-
chen Entwicklung nebst einem Anhang über die Geschichte der protestantischen Kir-
chen in den deutsch-slavischen Ländern und in Siebenbürgen. Nördlingen, 1861, S. 8,
siehe auch S. 4 f.
440
Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte ei-
ner Großmacht, Augsburg 2002, S. 286.

181
10) Das Zeugnis des ungarischen Nationalhelden

„Es ist erwähnenswert, daß der Türke niemals sein Eid gebrochen
hat. Dahingegen gibt es auf dem europäischen Kontinent kaum eine
einzige Dynastie, wo König, Prinz, Herzog oder Kaiser nicht sein
Glauben vor Gott und den Menschen gebrochen hätte.”441
Zwei Freiheitshelden Ungarns (Rákóczi und Kossuth) sind nach den Nieder-
lagen der (protestantischen) Ungarn gegen die (katholischen) Österreicher in die
Türkei geflüchtet. Rákóczi (1676-1735) lebte bis zum Ende seines Lebens unter
dem Schutz des osmanischen Reiches. Das Haus, in dem er etwa ab 1717 bis zu
seinem Tod in 1735 lebte, befindet sich in Tekirda am Marmara Meer442 und
ist heute ein Museum, dessen Besuch sich lohnt.
Nach der Niederwerfung des ungarischen Aufstands von 1848 durch die Ös-
terreicher und die Russen flüchteten zahlreiche Anführer der ungarischen Nati-
onalbewegung in die Türkei, unter ihnen befand sich auch Layos Kossuth
(1802-1894), der Held der ungarischen Nationalbewegung.443 In dem dtv Lexi-
kon findet sich kein Hinweis darauf, daß Kossuth in der Türkei Asyl erhielt,
doch die Ungarn haben diese Tatsachen, die sicherlich zu den heutigen freund-
schaftlichen Beziehungen zwischen Ungarn und der Türkei beigetragen haben,
immer betont.
Wir sind auch in der Lage, eine vergleichende Einschätzung von L. Kossuth
persönlich über die Situation in Ungarn unter der türkischen Herrschaft und un-
ter der Herrschaft der christlichen Österreicher nachzulesen. Kossuth hatte, nach
dem er zwei Jahre zusammen mit seiner Familie und zahlreichen Getreuen in
der Türkei gelebt hatte, anschließend die USA und verschiedene europäische
Länder bereist, um dort um Unterstützung für die ungarische Nationalbewegung
zu werben. Die Reden, die er während seines Aufenthalts in den USA hielt, sind
bereits 1852 mit seinem Einverständnis als Buch publiziert worden. Dieses
Buch kann heute auch über Internet eingesehen werden.444 Die Rede über die
Türkei trägt den Titel „Über die Verdienste der Türkei“ (On the merits of Tur-
key). Es folgt daraus der Teil, der die Religionsfreiheit betrifft:

441
Newman, Francis W. Select Speeches of Kossuth. Condensed and Abridged, with
Kossuth's Express Sanction, by Francis W. Newman. New York: C. S. Francis &
Co./Boston: Crosby, Nichols & Co.,1854, S. 155; auch:
http://www.hrfa.org/kossuth/kos17.html
442
dtv Lexikon, 1997, Band 15, S. 40
443
dtv Lexikon, 1997, Band 10, S. 117
444
Newman, Francis W. Select Speeches of Kossuth. Condensed and Abridged, with
Kossuth's Express Sanction, by Francis W. Newman. New York: C. S. Francis &
Co./Boston: Crosby, Nichols & Co.,1854, S. 152 ff.; auch:
http://www.hrfa.org/kossuth/kos17.html

182
„Wenn wir einen Vergleich zwischen der türkischen Regierung und der öster-
reichischen und der russischen Regierung bezüglich der Religionsfreiheit zie-
hen, so neigt der Zeiger völlig zu Gunsten der Türkei. Dort gibt es nicht nur To-
leranz für alle Religionen, sondern die Regierung mischt sich nicht in deren re-
ligiöse Angelegenheiten ein, sondern überläßt es völlig ihrer eigenen Kontrolle.
Demgegenüber unter Österreich, obwohl Autonomie445 im Ergebnis von drei
siegreichen Revolutionen gesichert wurde, mit Verträgen, die diese Revolutio-
nen absicherten, und durch Hunderte von Gesetzen, Österreich hat trotzdem die
Autonomie der protestantischen Kirche in Ungarn ausgelöscht, während die
Türkei die Autonomie einer jeden religiösen Konfession akzeptiert und schützt.
Rußland (wie es wohl bekannt ist) benutzt die Religion als ein politisches
Werkzeug, verfolgt die Römisch-Katholischen und auch die Griechen und die
Juden auf eine solche Art und Weise, daß das Herz eines Mannes dagegen re-
voltieren muß. Der Sultan ist, wann immer ein Fanatiker es wagt, in seinen wei-
tem Herrschaftsgebiet die Religionsfreiheit eines Einzigen zu behelligen, der
unermüdliche Vorkämpfer jener Religionsfreiheit, die überall unter seiner Herr-
schaft zugelassen ist.
Ich muß wieder aus der Geschichte Ungarns folgende Tatsache zitieren: Als
die eine Hälfte Ungarns sich unter türkischer Herrschaft befand und die andere
Hälfte unter österreichischer, wurde die Religionsfreiheit in jenem Teil, der sich
unter türkischer Herrschaft befand, immer ermutigt und es gab nicht nur eine
volle Entwicklung von Protestantismus sondern auch Unitarismus wurde ge-
schützt; doch später wurden die Unitaristen durch Österreich aller ihrer Bürger-
rechte beraubt, weil sie Unitaristen waren, obwohl unsere Revolution ihre natür-
lichen Rechte wieder anerkannt hatte. So waren die Bedingungen bezüglich der
Religionsfreiheit unter der österreichischen und der türkischen Herrschaft.“ So-
weit Layos Kossuth.

11) Siebenbürgen: Türkenherrschaft „goldenes Zeitalter“

Man muß sich nicht unbedint mit der türkischen Geschichte beschäftigt ha-
ben, um zu sehen, das die Türken nicht „der Erzfeind der Christen“ waren, wie
Wehler behauptet. Einigermaßen gute Kenntnisse der deutschen Geschichte ge-
nügen, um zu erkennen, daß dem nicht so war.
Bemerkenswert ist das Schicksal von Siebenbürgen (auf türkisch „Erdel“):,
wo bekanntlich seit Jahrhunderten eine deutsche Minderheit lebt.
Siebenbürgen stand von 1541 bis 1683 unter osmanischer Souveränität, wobei
die Osmanen diesem Fürstentum eine weitgehende Autonomie gewährt hatten.
Laut Brockhaus erlebte Siebenbürgen in dieser Zeitspanne ihr “goldenes Zeital-

445
Wörtlich: Selfgovernment

183
ter”446 eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. (Dazu eine kleine Bemerkung:
Brockhaus bezeichnet den Zeitraum vom 1541 bis 1683 als “goldenes Zeital-
ter”, schreibt aber nicht explizit, daß dies die Zeit der Türkenherrschaft war.
Dies müssen die Leser, schon selber herausfinden. Wo kämen wir auch hin,
wenn Brockhaus die Zeit der Türkenherrschaft als “goldenes Zeitalter” bezeich-
nen würde!)
Während in christlich regierten Ländern der Welt die verschiedenen christli-
chen Gruppen sich gegenseitig auf das blutigste verfolgten und die Gläubigen
der jeweils anderen Konfessionen mit den brutalsten Folterungen ermordeten,
profitierten die christlichen Konfessionen (Katholiken, Lutheraner, Calvinisten,
Unitarier und Orthodoxen) in Siebenbürgen wie alle Menschen im osmanischen
Reich von der dort herrschenden Atmosphäre und “beachteten seit 1557 eine
beispielhafte religiöse Toleranz”447. Diese Toleranz endete, als das Land nach
1683 unter österreichische Herrschaft geriet.

12) Hinrichtung von Apostaten

Eine wichtige Einschränkung der Religionsfreiheit im osmanischen Reich be-


traf die Moslems: Laut islamischen Gesetz wurden alle Moslems, die vom Islam
abfielen (also z. B. zu einem anderen Glauben konvertierten) hingerichtet. Der
Betroffene wurde mehrfach zur Rückkehr zum islamischen Glauben aufgefor-
dert. Eine verbale Erklärung, daß er sich zum Islam bekennt, genügte, um den
Betroffenen zu retten. Wenn er (bzw. sie) jedoch explizit bei seinem (neuen)
Glauben verharrte, wurde die betreffende Person hingerichtet.
Im Jahre 1839 verkündete Sultan Abdül Mecid „Gülhane Hattı Hümayun“448.
Demnach sollten fortan
• alle Untertanen ohne Rücksicht auf Religion Gleichberechtigt sein,
• Strafen durften nur noch nach öffentlichem Gerichtsverfahren verhängt
werden,
• die Aufgabe der Regierung sollte darin bestehen, die Sicherheit und die
Wohlfahrt des Volkes zu gewährleisten.
Die Gleichstellung der Moslems, der Christen, der Juden und aller anderen
Religionsgemeinschaften vor dem Gesetz bedeutete eine tiefgehende Umwäl-
zung der osmanischen Ordnung, in der die Moslems die beherrschende Schicht
gewesen waren. Die konservativen Kreise der Gesellschaft (Moslems und auch
Christen) stellten sich gegen diese Erklärung. Insbesondere viele konservative
Griechen waren gegen die Gleichstellung, da sie bis dahin den 2. Rang nach den

446
Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1973, Band 17, S. 388
447
Brockhaus Enzyklopädie, Wiesbaden 1996, Band 20, S. 180
448
“Hattı Hümayun” kann als “kaiserlicher Erlaß“ übersetzt werden. „Gülhane“ war der
Rosengarten des Topkapı Palastes, wo der Erlaß verkündet wurde. Der Verfasser.

184
Moslems eingenommen hatten und nun mit Armeniern (bis dahin Rang 3) und
Juden (Rang 4) gleichgestellt werden sollten. Ebenso die griechische Kirche wie
auch die armenische Kirche, die ihre umumschränkte Macht über ihre Völker in
Gefahr sahen, lehnten diese Erklärung ab.449 Denn damit verloren die jeweiligen
Patriarchen das Recht, die Angehörigen seiner Kirche willkürlich bestrafen zu
können. Die reformorientierten Kräfte aller Glaubensrichtungen hingegen unter-
stützten sie.
Nach der Verkündung des Hattı Hümayun wurde nur noch ein Fall bekannt, in
dem ein Armenier namens Karabet, hingerichtet wurde. Karabet hatte seinen
Übertritt zum Islam erklärt, um einem persönlichen Feind eins auswischen zu
können. Später widerrief er seinen Übertritt und vertraute darauf, daß man ihn
nicht erkennen würde. Er wurde gefaßt, zur Rückkehr zum Islam aufgefordert
und als er sich beharrlich widersetzte, enthauptet.450 Hamlin schreibt, daß ihm
nach der Hinrichtung von Karabet keine weiteren Fälle bekannt geworden sind.
Der amerikanische Missionar Goodell schreibt in einem Brief datiert vom
6.11.1860, daß nunmehr zahlreiche Moslems, die zum Christentum übergetreten
sind, sich völlig frei bewegen: „Jetzt können solche Apostaten451 zu jeder Ta-
geszeit beobachtet werden, wie sie ohne eine ersichtliche Gefahr frei auf den
Straßen laufen, wie sie selbst in den Moscheenhöfen zum Christentum aufrufen,
in den Kapellen und in privatem Kreis und manchmal sogar in den Palästen der
Großen predigen und lehren, daß Jesus Christus ist der Herr, zur Herrlichkeit
Gottes. Und all diese wunderbare Sicherheit schulden wir ... zu Hatti Hümay-
un.“452

13) Christen flüchten aus Rußland in die Türkei

Selbst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als das osmanische Reich von großen
Katastrophen erschüttert wurde, und der russische Zar Nicholas der I. im Jahre
1853 in einer Unterredung mit dem britischen Botschafter in St. Petersburg von
dem „kranken Mann am Bosphorus“ sprach, dessen Erbe geregelt werden sollte,
suchten zehntausende christliche Untertanen (Katholiken und sogenannte „Alt-
gläubige” Orthodoxe) des Zarenreiches den Schutz des osmanischen Reiches
und flohen in die Türkei.453
Es gibt nicht wenige Fälle, bei denen die osmanischen Sultane den Bau von
christlichen Kirchen in Gänze finanzierten oder zum Bau einen finanziellen Bei-

449
Vgl. William Goodell, Forty Years in the Turkish Empire, edited by Dr. E. D. G.
Prime, New York, S. 403
450
Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 84
451
Moslems, die zum Christentum bekehrt wurden. Der Verfasser.
452
William Goodell, Forty Years in the Turkish Empire, New York, S. 404
453
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 268

185
trag leisteten..454 Diese türkische Tradition der aktiven Förderung von Anders-
gläubigen ist durchaus nicht auf die Osmanen beschränkt. W. Scharlipp weist
auf eine „außergewöhnliche religiöse Toleranz“ 455 in dem uigurischen König-
reich von Chotscho (Ostturkistan, heute chinesisch „Sinkiyang“) hin. In diesem
türkischen Reich lebten im 8. Jahrhundert christliche (nestorianische), manichä-
ische und buddhistische Türken.
Damals „kam es vor, daß ein Stifter, der der einen Religion angehörte, die re-
ligiösen Verdienste aus seinem frommen Werk einem Angehörigen einer ande-
ren Religion widmen konnte. Auch kam es vor, daß z. B. manichäische Herr-
scher [die türkischen Herrscher waren seit 762 zum Manichäismus bekehrt wor-
den. A. S.] buddhistischen Einrichtungen Stiftungen zukommen ließen. Man
stelle sich – transponiert in die heutige Zeit – vor, eine christliche Gemeinde
sammele Geld, um einer buddhistischen Gemeinde beim Bau ihres Tempels zu
helfen.“456
Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, daß Jahrhunderte lang
unzählige Christen aus den christlich regierten Ländern in das osmanische
Reich flohen bzw. Botschaften an den osmanischen Sultan schickten, damit ihr
Land auch von den Osmanen erobert werden möge.

14) Katholische Polen finden Zuflucht in der Türkei

Nicht nur Protestanen, sondern auch zehntausende von Katholiken fanden in


der Türkei Zuflucht. So flüchteten nach der Niederlage der Revolution von 1848
zahlreiche Polen in die Türkei. Nach Verhandlungen mit der osmanischen Re-
gierung erhielt der berühmte polnische Staatsmann Prinz Adam Jerzy Czarto-
ryski (1770-1861) von der osmanischen Regierung die Erlaubnis, in der Nähe
von Istanbul ein Dorf für die polnischen Flüchtlinge zu gründen. Dieses Dorf,
das damals “Adampol” genannt wurde, spielte eine auch eine Rolle in der polni-
schen Nationalbewegung (in Warschau gibt es ein Museum über dieses Dorf).
Die polnischen Einwohner dieses Dorfes (heute bekannt als „Polonezköy“), leb-
ten bis heute in Bezug auf ihre kulturellen und religiösen Angelegenheit völlig
autonom und spezialisierten sich auf die Lieferung von Wein und Schweine-
fleisch für die Christen in Istanbul. Das Dorf mit seiner katholischen Kirche ist
heute noch erhalten und ist ein beliebtes Ausflugsziel der Istanbuler.

454
Als ein Beispiel unter zahlreichen anderen weise ich auf die Kirche und die Synago-
ge hin, die in Istanbul bei der Errichtung von „Darülacize“ (Haus der Hilfsbedürftigen)
gemeinsam und Seite an Seite mit einer Moschee von dem Sultan Abdülhamit II im 19.
Jahrhundert gebaut wurden.
455
Scharlipp, Die Frühen Türken, 1992 Darmstadt, S. 117
456
Scharlipp, Die Frühen Türken, 1992 Darmstadt, S. 117

186
Viele der polnischen Freiheitskämpfer ließen sich in der Türkei (ähnlich wie
die ungarischen Revolutionäre) nieder, Hunderte von ihnen traten zum Islam
über und machten als Offiziere, Ärzte, Ingenieure und hohe Beamte im osmani-
schen Staatsdienst Karriere. Sie haben sich große Verdienste bei der Moderni-
sierung der osmanischen Armee und der Staatsverwaltung erworben. Nicht we-
nige sind im Kampf gefallen, andere wurden als Helden ausgezeichnet. Es ist
nicht möglich, im Rahmen dieser Arbeit auch nur einen kleinen Überblick über
diese gemeinsamen Seiten der türkischen und polnischen Geschichte zu geben.
Stellvertretend für Hunderte von Schicksalen, möchte ich zwei kurz erwäh-
nen.457
Mustafa Celaleddin Paa (1826-1876) (sein polnischer Name lautete Konstan-
ty Borzecki), hatte an der ungarischen Revolution von 1848 teilgenommen.
Nach der Niederlage der Revolution flüchtete er in die Türkei, nahm den islami-
schen Glauben an, und diente als Offizier in den osmanischen Streitkräften, wo
er bis zum Rang eines Generals aufstieg und Chef der topographischen Abtei-
lung des türkischen Generalstabes wurde. Er nahm an zahlreichen Schlachten
teil und fand in dem türkisch-serbischen Krieg im Jahre 1876 bei Spuz den Hel-
dentod. Mustafa Celaleddin Paa gilt als einer der Gründer des türkischen Nati-
onalismus und hat unter anderem als einer der ersten das lateinische Alphabet
für die türkische Sprache verwendet. Einer seiner leiblichen Enkel ist Nazım
Hikmet, einer der größten und bekanntesten Dichter der türkischen Sprache. Als
Nazim Hikmet wegen seiner Mitgliedschaft in der verbotenen kommunistischen
Partei der Türkei in der Türkei verfolgt wurde und das Land verlassen mußte,
erhielt er die polnische Staatsangehörigkeit.
Die zweite Person, die ich nennen möchte, ist General Ludomil Rayski (1892-
1977), der 1936 bis 1939 der Oberbefehlshaber der polnischen Luftwaffe war,
und seine Ausbildung als Flieger während des I. Weltkrieges in der türkischen
Luftwaffe erhalten hatte. Er war im I. Weltkrieg als mehrfach verwundeter tür-
kischer Kampfpilot mit drei Medaillen ausgezeichnet worden. (Bereits sein
Großvater, Teodor Rayski, war als einer der Kämpfer für die polnische Unab-
hängigkeit nach einem erfolglosen Aufstand in die Türkei geflüchtet und hatte
in der osmanischen Armee als Offizier gedient.)
L. Rayski hat in den 20’er und 30’er Jahren eine führende Rolle bei dem Auf-
bau der polnischen Flugzeugindustrie gespielt und besuchte in den zwanziger
Jahren (nach der Gründung der Republik) die Türkei. Durch diese Verbindun-
gen kaufte die Republik Türkei die Lizenz zur Produktion eines polnischen
Kampfflugzeugs (PZL, Modell P24). dieses Flugzeug ist das erste Militärflug-
zeug, daß in der Türkei (in Kayseri) produziert wurde. Die ersten Anfänge der

457
Einen Überblick (auf türkisch) und zahlreiche Quellenangaben findet man in dem
Aufsatz von Jerzy Drozdz auf der Website der polnischen Botschaft in Ankara:
www.polonya.ort.tr

187
türkischen Flugzeugindustrie gehen somit auf diese türkisch-polnischen Ver-
bindungen zurück.
Man sieht, daß die Polen, die in der Türkei eine zweite Heimat gefunden hat-
ten, gute Dienste für ihre Wahlheimat geleistet haben. Durch die traditionelle
Haltung der türkischen Regierungen, verfolgten Menschen Hilfe und Schutz zu
gewähren (und zwar unabhängig davon, ob die betreffenden Moslems, Christen
oder Juden waren), konnte die Türkei (ähnlich wie die USA) von den Fähigkei-
ten zahlreicher gut ausgebildeter unt tatkräftiger Menschen profitieren.
Diese Beispiele mögen zeigen, daß die Kriege zwischen den Osmanen und
den europäischen Mächten keineswegs nur als ein Kampf zwischen Christen
und Moslems verstanden werden können. Selbstverständlich hat man in Europa
aus propagandistischen Gründen die Sache so dargestellt und tut es (wenn es
sich als zweckmäßig erweist) auch heute noch.

15) Gesellschaft Jesu entführt den armenischen Patriarchen

Das tragische Schicksal dieses armenischen Patriarchen zu Istanbul möge die


Methoden illustrieren, mit denen noch im 18. Jahrhundert die Auseinanderset-
zungen zwischen den Christen ausgefochten wurden.458
1706 hatte der französische Monarch seinen Botschafter in Constantinopolis
beauftragt, die Arbeit der Jesuiten zu unterstützen, die seit über einem Jahrhun-
dert in der Türkei tätig waren.
Der damalige armenische Patriarch Avedik war aufgrund seiner persönlichen
Qualitäten ein sehr geliebter und tief respektierter Kirchenführer der armeni-
schen Gemeinde. Er hatte die Jesuiten mit großer Freundlichkeit und Fürsorge
behandelt und hatte den Jesuiten sogar erlaubt, in seiner Kirche Gottesdienste
abzuhalten und trat für Frieden und Brüderlichkeit zwischen ihnen und seinem
Volk ein. Die Jesuiten, die diese Freundlichkeit des Patriarchen für ein Zeichen
der Schwäche hielten, verlegten sich auf eine härtere Gangart und versuchten,
die armenische Kirche zu dominieren. Patriarch Avedik stellte sich diesem An-
sinnen entgegen. Als die heiligen Väter feststellen mußten, daß der Patriarch ih-
re Pläne zunichte machte und die Eigenständigkeit seiner Kirche verteidigte, be-
schlossen sie, ihn aus dem Weg zu räumen.
Nun kam der französische Botschafter Marquis de Ferriol459 ins Spiel. Der
unglückliche Patriarch wurde unter einem Vorwand auf ein französisches Schiff

458
Vgl. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 69-71. Vgl. auch Philip
Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 200
459
Marquis de Ferriol, der in dem Krieg der Osmanen gegen die „Heilige Liga“ (1968-
1699) als Militärberater für die Osmanen gedient hatte und sich am liebsten nach
türkischer Art kleidete, war ein ungewöhnlicher Mensch. Viele hielten ihn für verrückt.
Er hatte unter anderem anläßlich seiner ersten Audienz beim Sultan ein Skandal verur-

188
gelockt, dort Gefangen gesetzt und heimlich nach Frankreich verbracht. Man
warf ihn in ein Kerker, wo er Jahre lang in völliger Isolierung unter Kälte und
Hunger leiden mußte und dennoch dem Druck seiner Entführer widerstand.
Zum Schluß konvertierte er zum Katholizismus und starb in einem Kloster.
Hamlin schreibt, daß das Schicksal dieses Mannes die Vorlage für den bekann-
ten Roman von Marius Topin „Der Mann mit der eisernen Maske“ geliefert hat.
Die osmanische Regierung verlangte die sofortige Rückführung des Entführ-
ten, doch der französische Botschafter antwortete, er sei von Piraten entführt
oder sonst unauffindbar. Daraufhin ließ die osmanische Regierung zwölf Jesui-
ten festnehmen und erklärte, daß diese hingerichtet werden würden, wenn der
Patriarch nicht zurückgebracht werde. Dem französischen Botschafter war das
Schicksal der Jesuiten gleichgültig, er blieb bei seiner Haltung. Am Ende wur-
den sechs der Jesuiten hingerichtet, sech von ihnen retteten ihre Haut, in dem
sie zum Islam übertraten. Somit triumphierte „Die Gesellschaft Jesu“ über die
osmanische Regierung in dieser Auseinandersetzung, verlor jedoch dermaßen
an Ansehen unter den Armeniern, daß sie fast ein Jahrhundert lang keine Rolle
mehr spielte.

16) Türken schützen armenische Protestanten gegen Gewaltakte

Gewalttätigkeit gegen andere Christen beschränkte sich nicht auf die Katholi-
ken. Die apostolischen Armenier ihrerseits bekämpften die protestantischen
Armenier ebenso rabiat. Die amerikanischen Missionare schildern zahlreiche
Fälle, in denen die türkischen Behörden oder aber einfach die türkischen Nach-
barn die zum Protestantismus konvertierten Armenier vor den Gewaltakten der
apostolischen Armenier schützten. Hier drei Beispiele:
Hamlin berichtet, wie das erste Begräbnis eines protestantischen Armeniers
(Mr. Oscan) nur Dank des Schutzes der türkischen Polizei durchgeführt werden
konnte (der Trauerzug wurde von 16 Polizisten mit blankem Säbel begleitet)
und sie zum Schluß dennoch von einem wütenden Mob, der aus mehreren hun-
dert Menschen bestand, mit Steinen beworfen wurden.460

sacht, da er unbedingt ohne seinen Schwert abzulegen vor den Sultan treten wollte und
damit gegen die Regeln am osmanischen Hof verstieß. Als die Bemühungen, ihn umzu-
stimmen, nicht fruchteten, warf man den Marquis aus dem Palast hinaus. Wir verdanken
Ferriol auch wichtige Bilddokumente der osmanischen Zeit. Er hat den Maler Jean-
Baptiste Vanmour, der 1699 bis zu seinem Tod 1737 in Istanbul lebte, 100 Bilder der
osmanischen Hauptstadt zu malen die später in Frankreich publiziert wurden. (siehe
Mansel, Constantinople ..., S.217. Ferriol hat sich auch als Komponist hervorgetan und
Stücke komponiert, die sich an türkische Vorbilder anlehnen. Zwei seiner Stücke wur-
den in dem CD „Dream of the Orient“ (Concerto Köln – Sarband) herausgegeben.
Siehe: Musicline.de - Sarband/Cok: Dream Of The Orient
460
Cyrus Hamlin, My Life and Times, Boston, 1924 (6th Edition), S. 286-290.

189
1847 wurde die kleine Gemeinde der protestantischen Armenier in Adapa-
zarı 461 von einem Mob angegriffen. Es handelte sich um apostolische Armenier,
die von dem armenischen Klerus aufgehetzt worden waren. Die Türken, die in
der Nachbarschaft wohnten, sahen diesen Angriff, ergriffen Schlagstöcke und
Waffen und retteten die Protestanten vor dem wütenden Mob. Dabei spielte der
Umstand, daß die Protestanten es ablehnten, Bilder anzubeten, eine solidarisie-
rende Rolle. Bemerkenswerterweise wurde der rettende Gegenangriff der türki-
schen Nachbarn von türkischen Frauen angeführt!462
Die protestantischen Armenier aus Adapazarı, die in Folge der Angriffe der
apostolischen Armenier ihr gesamtes Hab- und Gut einschließlich ihrer Häuser
verloren hatten, und auch nicht mehr in ihre zerstörten Häuser zurückkehren
konnten, wurden von einem türkischen Han-Besitzer aufgenommen (Hasan
Aa), der die Flüchtlinge über mehrere Wochen kostenlos beherbergte und mit
Nahrung versorgte. Hamlin schreibt, daß dieser gläubige Moslem die Protestan-
ten symphatisch fand, da sie, ebenso wie die Moslems, den Götzendienst463 ab-
lehnten. Die Angelegenheit wurde der Regierung vorgelegt und die protestanti-
schen Armenier in Adapazarı konnten schließlich ihre Häuser wiederaufbauen.
Doch die protestantische Kapelle befand sich in Adapazarı auch drei Jahre spä-
ter in dem von den Türken bewohnten Stadtteil, da dies sicherer war.464

17) Über das Verhältnis der Türken zu den Protestanten

Eine Episode aus den Memoiren des amerikanischen Missionars Dr. Goodell
beleuchtet die Haltung der einfachen Türken gegenüber Menschen anderer
Glaubensrichtungen im Allgemeinen und den Protestanten im Besonderen.465
Ende März 1862 begab sich Dr. Goodell zusammen mit einigen anderen Missi-
onaren auf eine Überlandreise zu Pferde von skenderun (Alexandretta) nach
Halep (Aleppo). Die Reisenden mußten eine Nacht in einem türkischen Café
übernachten. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, fanden sie sich in Mitten
einer Menge von Türken, die laut miteinander redeten. Da sie keinen anderen
Platz hatten, kamen die Missionare überein, im Café in der Mitte der lärmenden
Türken nieder zu knieen und das morgendliche Gebet zu sprechen. Ein Teil der
heiligen Schrift wurde laut vorgetragen und die Dr. Goodell begann laut zu be-
ten, zunächst auf Englisch. Kaum hatte er angefangen, verstummten die Türken.
Bald begann Dr. Goodell, auf Türkisch zu beten. Er bat um Gottesschutz und
Segen für seine Leute, bat um Segen in weltlicher und seelischer Hinsicht für

461
Eine Stadt in Anatolien, etwa 150 km östlich von stanbul.
462
Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 138-139.
463
Der Islam verbietet das Anbeten jeglicher Bilder als Götzendienst. Anmerkung des
Verfassers. Vgl. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 139-144
464
Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 145
465
Vgl. William Goodell, Forty Years in the Turkish Empire, New York, S. 409

190
die Menschen im Land und insbesondere für die Anwesenden. Er bat um Ver-
gebung der Sünden im Namen von Jesus Christus. Als er abschloß, wurde sein
Amen von zahlreichen Anwesenden im Café mit kräftiger Stimme wiederholt.
Als die Gruppe wieder aufgestanden war, wurden sie von den Türken um-
ringt, die wissen wollten, wer sie waren. „Seid ihr Protestanten?“ sagten sie.
„Wer sind die Protestanten?“ fragen Dr. Goodell. „Das sind die, die nicht lü-
gen,“ antwortete einer. „Die, die nicht betrügen,“ sagte ein anderer. „Das sind
die, die nur an die Bibel glauben, und versuchen, entsprechend der Bibel zu le-
ben,“ fügte ein Dritter hinzu. „Ja“, sagte Dr. Goodell, wir sind Protestanten.

18) Ein Missionar über die Religionsfreiheit in der Türkei

„Wer den in den letzten vierzig Jahren „Missionary Herald“ gelesen hat,
muß gesehen haben, daß vielleicht 99 aus 100 Verfolgungen, die dort zur
Sprache gebracht werden, nicht von den Türken kamen, sondern von jenen
korrupten Kirchen.“
Die Memoiren der amerikanischen Missionare, die sich ab 1821 jahrzehnte
lang in der Türkei der Missionsarbeit widmeten sind sehr aufschlußreich. Diese
Menschen kamen zumeist mit ihren Familien in die Türkei und lebten und ar-
beiteten 30 oder gar 40 Jahre in diesem Land. Sie waren überzeugte Christen,
die ihr ganzes Leben der Ausbreitung ihres Glaubens in der Türkei widmeten.
Um so interessanter ist es, aus der Feder dieser überzeugten Christen zu lesen,
wie sie den Stand der Glaubensfreiheit in der Türkei bewerten. Dr. W. Goodell,
aus dessen Memoiren wir nachfolgend zitieren wollen, wird heute in den USA
als einer der Vorkämpfer der Sklavenbefreiung verehrt.
Der amerikanische Missionar W. Goodell schrieb am 6.11.1860 einen Brief,
in dem er seine Ansichten über die Situation der Christen in der Türkei zum
Ausdruck brachte: 466
„Es wird gesagt, daß die große Charta der religiösen Toleranz in der Türkei
nur nominal existiert und sie eigentlich nur ein totes Papier bedeuten würde.
Darauf genügt die Antwort, daß vor dem Hattı Hümayun uns wöchentlich mehr
Fälle von Verfolgung gemeldet wurden, als jetzt in einem ganzen Jahr. Damals
wurde ein großer Teil unserer Zeit und Kraft dafür verbraucht und all unsere
Weisheit und unser Einfluß wurden für die Bemühungen verwendet, für dieje-
nigen, die wegen ihrer Aufrichtigkeit verfolgt wurden, einen sicheren Schutz zu

466
Reverend William Goodell, Forty Years in the Turkish Empire, New York, S. 402-
403. W. Goodell befand sich, als er diesen Brief schrieb, bereits 30 Jahre in Istanbul. Er
war einer erfahrensten Missionare des (protestantischen) “American Board of Missions”
und hat sein ganzes Leben der Missionsarbeit gewidmet. Heute erinnert man sich in den
USA an Rev. Goodell als einen führenden Aktivisten der amerikanischen Bewegung zur
Abschaffung der Sklaverei.

191
sichern. Jetzt sind Fälle von Verfolgung nur sporadisch und unsere Zeit und un-
sere Kraft werden für unsere eigentliche Missionsarbeit eingesetzt.
Auch wird gesagt, daß die Türken in ihren Erklärugen bezüglich der Tolerati-
on unaufrichtig sind und sie nur unter ausländischem Druck überhaupt dazu ge-
bracht wurden, in diesem Sinne zu handeln. Doch, es würde der Wahrheit viel-
mehr entsprechen, zu sagen, daß sie, was den Protestantismus betrifft, überhaupt
nur unter einem solchen Druck dazu gebracht worden sind, dagegen Maßnah-
men zu ergreifen. Es wird und es wurde schon immer zehn Mal (vielleicht sollte
ich hundert Mal sagen) mehr Einfluß ausgeübt, um die türkische Regierung da-
zu zu bringen, gegen die Gewissensfreiheit vorzugehen, als zu Gunsten dersel-
ben. Diese armenischen, griechischen und katholischen Gemeinden sind mäch-
tig und sie üben einen mächtigen Einfluß aus; und sie üben sie immer gegenein-
ander aus, jede versucht, die Türken auf ihre Seite zu zieheh. Nun alle diese
mächtigen Gemeinden vereinigten sich, um mit all ihrer mächtigen Energie ge-
gen den Protestantismus vorzugehen. Um den Schwert von Mohammed für die
eigene Sache zu gewinnen, haben sie weder vor Bestechungen noch vor Falsch-
heit zurückgeschreckt. Und außerdem wurden sie durch den Einfluß der griechi-
schen, der russischen und fast aller papistischen467 Regierungen unterstüzt, die
durch ihre Gesandten, Konsuls, Dragomanen und zahlreichen Attachés bei der
Hohen Pforte unterstützt.
Der Einfluß dann, der damals gegenüber der türkischen Regierung gegen die
Religionsfreiheit ausgeübt wurde, und immer noch ausgeübt wird, ist so mäch-
tig, daß man das gar nicht richtig zum Ausdruck bringen kann. Doch gesegnet
sei Gott! Jetzt gibt es einen anderen Einfluß, dessen Druck sie nun zu spüren
beginnen, und wir beten inbrüstig, daß sie ihn immer mehr spüren mögen. Wel-
chen Einfluß die Vertreter von England und anderer protestantischer Regierun-
gen gegenüber der türkischen Regierung zu Gunsten des Protestantismus auch
ausgeübt haben mögen, war zu meist im Gegensatz zu anderen mächtigen
Einflußnahmen mit einem völlig gegensätzlichen Charakter. Wer den in den
letzten vierzig Jahren „Missionary Herald“ gelesen hat, muß gesehen haben, daß
vielleicht 99 aus 100 Verfolgungen, die dort zur Sprache gebracht werden, nicht
von den Türken kamen, sondern von jenen korrupten Kirchen – die Türken
zeigten nie von sich aus eine Neigung, uns zu belästigen, sie wurden nur unter
dem erwähnten schrecklichen Druck von Außen dazu gebracht, sich auf die Sei-
te unserer Verfolger zu begeben.
Doch es wird immer noch gefragt, haben denn die anderen europäischen
Mächte sich nicht mit England verbunden, um die Hattı Hümayun zu erreichen?
Wir antworten: Ja, auf jeden Fall bekannten sie sich dazu, einige von ihnen ha-
ben dabei nie geglaubt, daß sie je in Kraft gehen würde oder daß sie je allge-

467
Gemeint sind katholische Länder wie Frankreich und Österreich, Anmerkung des
Verfassers.

192
mein angewandt werden würde. Denn es ist eine Tatsache, daß sie468 mehr oder
weniger gegen die Praktiken und Grundsätze ihrer Regierungen zu Hause ge-
richtet ist. Und die [uns] verfolgenden Kirchen hier betrachten diejenigen Teile
dieser Regelung, die die Gewissensfreiheit betreffen, alles andere als einen Se-
gen. Denn sie stellt eine Einschränkung ihrer Freiheit dar, «sich gegenseitig zu
beißen und zu bekämpfen». Freiheit des Gottesdienstes in ihren eigenen Kir-
chen und entsprechend der eigenen Formen hatten sie bereits bis zur Voll-
kommenheit gehabt. 469«Sie brauchten nichts mehr», wie mir ein intelligenter
griechischer Gentleman sagte. «Was» sagte er mir, in einem Gespräch über die-
ses Dokument in Bezug auf die Gewissenfreiheit, «was ist der Nutzen dieses
Hattı Hümayun? Wir hatten davor genau so viel Freiheit, wie wir wollten!» Und
so hatten sie sie. Doch, gesegnet sei Gott! Dieses Hattı erif470 verhindert sie
daran, die Freiheit der anderen einzuschränken. Und so erfüllt die Verwirkli-
chung dieses Grundsatzes in dem Dokument alle diese sündhaften Kirchen mit
Schrecken. Und es ist genau dieser Punkt, der den Zorn eines nahen Nachbarn
(Rußland) fast bis zur Raserei gebracht hat, sie bezeichnen das als «Verfol-
gung».“
So viel Rev. W. Goodell. Festzuhalten bleibt, daß dieser engagierte Christ
nach fast 40 Jahren Missionsarbeit in der Türkei vier Punkte betont:
• Die europäischen Mächte üben Druck auf die Türkei aus, um sie zum Vor-
gehen gegen die (jeweils anderen) Christen zu bringen.
• Die Türken unternehmen von sich aus keine Schritte, um die Glaubenfrei-
heit der Christen zu beschränken.
• 99 von 100 Fällen der Verfolgung der Christen wird von den bestehenden
Kirchen (die apostolische armenische Kirche, die griechisch-orthodoxe o-
der die katholische Kirche) verursacht.
• Diese Kirchen genießen eine „vollkommene Freiheit der Religionsaus-
übung.“ Die Gleichstellung aller Religionen haben diese Kirchen mit Skep-
sis betrachtet, da sie den Verlust ihrer Machtpositionen befürchten.
Auch hier haben wir ein Zeugnis, wie man es für ein anderes Land nicht so
leicht wird finden können.

19) Türkische Herrscher finanzieren den Bau von Kirchen

Es gibt nicht wenige Fälle, bei denen die osmanischen Sultane den Bau von
christlichen Kirchen in Gänze finanzierten oder zum Bau einen finanziellen Bei-

468
Gemeint ist die „Hattı Hümayun“, Anmerkung des Verfassers.
469
Hervorhebung nicht von Goodell, sondern vom Verfasser.
470
Dies ist eine alternative Bezeichnung des „Hattı Hümayun“. Der Verfasser.

193
trag leisteten..471 Diese türkische Tradition der aktiven Förderung von Anders-
gläubigen ist durchaus nicht auf die Osmanen beschränkt. W. Scharlipp weist
auf eine „außergewöhnliche religiöse Toleranz“ 472 in dem uigurischen König-
reich von Chotscho (Ostturkistan, heute chinesisch „Sinkiyang“) hin. In diesem
türkischen Reich lebten im 8. Jahrhundert christliche (nestorianische), manichä-
ische und buddhistische Türken.
Damals „kam es vor, daß ein Stifter, der der einen Religion angehörte, die re-
ligiösen Verdienste aus seinem frommen Werk einem Angehörigen einer ande-
ren Religion widmen konnte. Auch kam es vor, daß z. B. manichäische Herr-
scher [die türkischen Herrscher waren seit 762 zum Manichäismus bekehrt wor-
den. A. S.] buddhistischen Einrichtungen Stiftungen zukommen ließen. Man
stelle sich – transponiert in die heutige Zeit – vor, eine christliche Gemeinde
sammele Geld, um einer buddhistischen Gemeinde beim Bau ihres Tempels zu
helfen.“473
Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, daß Jahrhunderte lang
unzählige Christen aus den christlich regierten Ländern in das osmanische
Reich flohen bzw. Botschaften an den osmanischen Sultan schickten, damit ihr
Land auch von den Osmanen erobert werden möge.

B) Allianzen mit christlichen Staaten

Mansel stellt fest: „Was auch die Eiferer auf beiden Seiten behaupten mögen,
es gab keinen heiligen Krieg zwischen dem Islam und dem Christentum.“474 Es
folgen einige Beispiele zur Illustration dieser Tatsache.
Das osmanische Reich zur Zeit seiner größten Ausdehnung von Marokko bis
zum Kaspischen Meer und von Polen bis Yemen. Heute befinden sich auf dem
selben Territorium 27 Staaten. Schon allein diese Ausdehnung brachte es mit
sich, daß das Reich zahlreiche Nachbarn hatte und ein weit verzweigtes Netz
von Außenbeziehungen unterhalten mußte.

471
Als ein Beispiel unter zahlreichen anderen weise ich auf die Kirche und die Synago-
ge hin, die in Istanbul bei der Errichtung von „Darülacize“ (Haus der Hilfsbedürftigen)
gemeinsam und Seite an Seite mit einer Moschee von dem Sultan Abdülhamit II im 19.
Jahrhundert gebaut wurden.
472
Scharlipp, Die Frühen Türken, 1992 Darmstadt, S. 117
473
Scharlipp, Die Frühen Türken, 1992 Darmstadt, S. 117
474
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 189

194
1) Die Osmanen und die Griechen gegen die Serben

Bereits in den ersten Jahren der osmanischen Staatsgründung hatten Allianzen


mit christlichen Staaten eine wichtige Rolle gespielt. So war die erste Überset-
zung der osmanischen Truppen von Kleinasien nach Europa (über die Dardanel-
len) auf Aufforderung durch das oströmische Reich etwa im 1335 im Jahre (zur
Abwehr serbischer Angriffe gegen Ostrom) verwirklicht worden.475 Im Jahre
1349 eroberte der serbische König Stephan Du an (1331-1355) Thesaloniki.
Daraufhin rief der oströmische Kaiser Kantakuzenos den Herrscher der Osma-
nen, seinen Schwiegersohn Orhan bey zur Hilfe. Eine osmanische Streitmacht
befreite in Zusammenarbeit mit der oströmischen Flotte die Stadt und übergab
sie dem Kaiser.476

2) Die Osmanen und die Griechen gegen die Katholiken

Im Jahre 1333 schlossen das orthodoxe Ostrom einen Bündnis mit den Osma-
nen gegen die katholischen Mächte Venedig und Genua. Majoros und Rill spre-
chen von einer „politischen Symbiose zwischen Griechen und Türken, aus der
beide den Lateinern gegenüber Vorteile zogen.“477

3) Der Sultan und der Kaiser gemeinsam gegen die eigenen Söhne

Bereits 1346 wurden zwischen dem osmanischen Herrscher Orhan bey 478 und
dem oströmischen Kaiser Kantakuzenos verwandschaftliche Beziehungen her-
gestellt, als Kantakuzenos seine Tochter dem Orhan bey zur Frau gab.479 Die
Beziehungen zwischen den beiden Herrscherhäusern wurden so eng, daß in der
2. Hälfte des 14. Jahrhunderts der oströmische Prinz Andronikos (Sohn von des
Kaisers Johannes V.) und der älteste Sohn des osmanischen Sultan (Murat I.),
Savcı, konspirierten, um gemeinsam ihre betagten Väter zu stürzen und sich an
ihre Stelle zu setzen. Darauf gingen der osmanischen Sultan und der oströmi-
sche Kaiser gemeinsam gegen die beiden Prinzen vor, sie wurden gefaßt und

475
Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 190
Vgl. Auch Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Ge-
schichte einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 103
476
D. Kitsikis, Türk-Yunan mparatorluu, 1996, stanbul, S. 50 f.
477
Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte ei-
ner Großmacht, Augsburg 2002, S. 104
478
Damals wurden die osmanischen Herrscher noch als „Bey“ und noch nicht als „Sul-
tan“ bezeichnet.
479
Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschich-
te einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 104

195
geblendet.480 Es ist dies der selbe Sultan Murat, der nach dem Sieg über die
Serben in der Schlacht bei Amselfeld (1389) von einem Serben getötet wurde.

4) Franz I. von Frankreich bittet die Osmanen um Hilfe

Die christlichen Staaten versuchten immer wieder, die Macht der Osmanen im
Kampf mit den rivalisierenden christlichen Herrschern für sich zu nutzen. Be-
rühmt ist der Brief des französischen Königs François dem I., der nach seiner
Niederlage gegen Kaiser Karl dem V. des Heiligen Römischen Reiches im Jahre
1525, mit einem Brief an den osmanischen Sultan Süleyman dem Prächtigen um
Hilfe bat.481 So entstanden enge Beziehungen zwischen den beiden Staaten, die
bis zur französischen Revolution in 1789 andauerten. Ihre Seestreitkräfte ope-
rierten 1551-1555 im Mittelmeer gemeinsam gegen die Spanier.482 Majoros und
Rill schreiben, daß „die osmanisch-französische Freundschaft zu einer Konstan-
te der Weltpolitik“ wurde.483

5) Freundschaftsvertrag mit Polen

Noch vor Frankreich hatte das polnische Königreich enge diplomatische Be-
ziehungen mit dem osmanischen Reich. Beide Staaten schlossen 1553 einen
Vertrag der „ständigen Freundschaft und Allianz“. Süleyman der Prächtige sag-
te, als er 1548 die Nachricht vom Tode des polnischen Königs Sigismund dem
I. erhielt “Wir waren wie zwei Brüder mit dem alten König und wenn es Gott
gefällt, werden wir mit diesem König wie Vater und Sohn sein.“484
Die weitere Entwicklung zeigte, daß diese Allianz den polnischen nationalen
Interessen entsprach. Als die Polen sich anders besannen und in den Jahren
1684-1699 gemeinsam mit Österreich die entscheidende Schwächung der os-
manischen Stellung im Mitteleuropa herbeiführten, wurde bereits nach wenigen
Jahren das polnische Königreich zwischen Österreich und Rußland aufgeteilt.

480
Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte ei-
ner Großmacht, Augsburg 2002, S. 115
481
Vgl P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 191;
vgl. auch Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Ge-
schichte einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 56
482
Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 192
483
Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschich-
te einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 57
484
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 192

196
6) Belagerung von Wien: Protestanten auf osmanischer Seite

Sowohl protestantische wie auch katholische Ungarn hofften in der zweiten


Hälfte des 17. Jahrhunderts, ein ungarisches Königreich unter dem Schutz der
Osmanen zu schaffen und schlugen dem dem osmanischen Großvesir ein ge-
meinsames Vorgehen gegen die Österreicher vor.485
Als der osmanische Großvesir Kara Mustafa 1683 gegen Wien zog, schloß
sich am 7. Juni 1683 bei Eszék an der Drau Graf Imre Thököly mit seinem
Korps dem türkischen Heer an. Somit kämpften bei der Belagerung von Wien
zehntausende von protestantischen Ungarn unter dem Befehl Thököly mit den
Türken gegen die katholischen Habsburger.486

7) 1684-1699 Französische Militärberater im osmanischen Heer

In dem langen Krieg (1683 bis 1699), den das osmanische Reich nach der
verheerenden Niederlage vor Wien (1683) gegen Österreich, Polen, Venedig
und Rußland (“Heilige Allianz”) führen mußte, wurde das osmanische Heer von
französischen Militärberatern unterstützt.487 Die Beziehungen zwischen den
Franzosen und den Osmanen war so eng, daß der damalige französische Bot-
schafter in Istanbul, Monsieur de Chateauneuf, in der Regel türkische Kleider
trug. Der französische König Ludwig XIV. begann 1688 einen Angriff über den
Rhein (der “pfälzische Krieg”), unter anderem auch, um die Osmanen, die ge-
gen Österreich kämpften, zu entlasten.488
Auch in diesen Kriegen kämpften protestantische Ungarn Seite an Seite mit
den Türken gegen die katholischen Österreicher. Viele der führenden ungari-
schen Protestanten flüchteten nach 1699 in die Türkei, so z. B. der ungarische
Nationalheld Kossuth, der sich mit seiner Gefolgschaft in Tekirda niederließ
und dort verstarb. Sein Haus ist heute ein Museum.

485
Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschich-
te einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 279
486
Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschich-
te einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 281
487
Vgl. Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die
Geschichte einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 285.
488
Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 198,
Vgl. auch Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die
Geschichte einer Großmacht, Augsburg 2002, S. 286 f.

197
8) Ein König wird “in das Inventar aufgenommen”

Der Krieg des osmanischen Reiches gegen Rußland (Peter der Große) im Jah-
re 1711 wurde geführt, da das osmanische Reich dem Schwedenkönig Karl dem
XII. samt seiner Getreuen, nach der Niederlage des schwedischen Heeres vor
den Russen Asyl gewährt hatte und die Russen seine Herausgabe erzwingen
wollten.489 Die Osmanen schlugen die russische Armee unter dem Befehl des
Peter des Großen an der Prut und zwangen den Zaren zum Rückzug. Der
Schwedenkönig .blieb fünf Jahre (1709-1714) in der Türkei, in Bender (heute
Bendery, in Moldavien) und versuchte mit allen Mitteln, den Sultan zu einem
neuen Krieg mit Rußland zu bewegen. Karl der XII regierte Schweden von der
Türkei aus per Brief.490 Da Karl, trotz der ständigen Aufforderungen aus
Schweden und der Türkei, er möge zurückkehren, mehrere Jahre blieb, erhielt er
von den Türken den Spitznamen “Demirba arl” (“Karl, der zum Inventar ge-
hört”). Die schwedische Speise „kåldolmar“ oder gefüllte Kohlrouladen (auf
Türkisch: „dolma“), hat der König in der Zeit seines Türkeiaufenthalts kennen-
gelernt und nach Schweden gebracht.
Nach dieser Episode wurden die Beziehungen zwischen den beiden Staaten
enger, 1740 wurde ein Vertrag zwischen dem osmanischen Reich und dem
schwedischen Königreich unterzeichnet.491

9) Mit England und Frankreich gegen Rußland

Ein sehr bekanntes Beispiel für die Bündnisse mit christlichen Mächten ist der
Krimkrieg (1853-1856), in dem das osmanische Reich, England, Frankreich und
Piemont gemeinsam gegen Rußland kämpften. Auch Österreich unterstüzte die-
se christlich-islamische Allianz gegen Rußland.492 Der Krieg endete mit emp-
findlichen Rückschlägen für das Zarenreich.

10) Mit Deutschland und Österreich gegen Rußland, England und


Frankreich

Im I. Weltkrieg kämpfte das osmanische Reich mit Deutschland und Öster-


reich gegen Rußland, England und Frankreich.

489
Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte ei-
ner Großmacht, Augsburg 2002, S. 292 f.
490
The New Encylopaedia Britannica, Vol. 28, p. 344, 15. Auflage, 1985
491
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 201
492
Ferenc Majoros, Bernd Rill. Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte ei-
ner Großmacht, Augsburg 2002, S. 335

198
XII) Über die assyrischen Christen in der Türkei

„Christliche Minderheit in der Türkei kämpft ums Überleben


Vergessen in Raum und Zeit
Nur noch wenige Aramäer leben in den Dörfern an der syrischen Grenze –
seit Jahrzehnten werden sie von der Regierung und den Kurden ignoriert oder
schikaniert / Von Wolfgang Koydl
Mardin, im Mai – So voll ist die Kirche wohl nur selten. Meist reicht das
schmale Mittelschiff des 1600 Jahre alten Gotteshauses aus, um alle Gläubigen
zu fassen. Doch am Ostersonntag sind die Menschen von weit her nach Mardin
in die Kirche der 40 Märtyrer geströmt: Aus den Dörfern im Hinterland, aus
dem fernen Istanbul, ja sogar aus Europa sind einige für den Feiertag in die
Heimat weit hinten im Südosten der Türkei zurückgekehrt. Bis auf den letzten
Platz ist die Kirche gefüllt. Nach Geschlecht geschieden – links die Frauen,
rechts die Männer – hat sich die Gemeinde versammelt. Weihrauch erfüllt den
Raum; die Stimmen der Chöre dringen bis in den Hof.
Aber auch türkische Fernsehsender haben an diesem Tag ihre Aufnahmeteams
geschickt: Aufdringlich quetschen sie sich durch die Reihen, voyeuristisch
schieben sie den Gläubigen ihre Kameras ins Gesicht, sobald sie sich bekreuzi-
gen, und sie versuchen sogar dem Priester in den geheiligten Altarraum zu fol-
gen. Der Einsatz lohnt, denn diese Fernsehbilder sind wichtig für den Ruf der
Türkei. Der türkische Staat möchte sich und dem Ausland beweisen, wie liberal,
aufgeschlossen und tolerant er gegenüber religiösen Minderheiten ist.
Vertrieben oder abgeworben
Im Fall der Syrisch-Orthodoxen, einer der ältesten christlichen Gemeinden der
Welt, kommt diese öffentliche Aufmerksamkeit keinen Augenblick zu früh:
Denn von einst Zehntausenden Süryanis, wie sie in der Türkei genannt werden,
sind kaum 2500 im Tur Abdin, ihrer ursprünglichen Heimat rund um die Klein-
stadt Midyat nahe der syrischen Grenze, übrig geblieben. So wenige sind es,
dass heute darüber nachgedacht wird, wie man Ausgewanderte und Vertriebene
wieder zurücklocken kann, um eine fast 2000 Jahre alte Kultur vor dem Aus-
sterben zu bewahren.
Die Geschichte des Exodus der Süryanis ist lang. Sie begann im Ersten Welt-
krieg, als kurdische Stämme ihre Dörfer überfielen und türkische Truppen sie
vertrieben. Sie endete im nun ausklingenden Bürgerkrieg gegen die Kurden, als
die Christen abermals zwischen die Fronten gerieten und zwischen der „Arbei-
terpartei Kurdistans“ (PKK) und den Streitkräften Ankaras aufgerieben wurden.
Dazwischen lagen ganz alltägliche Drangsalierungen und Schikanen türkischer
Behörden. Sie konfiszierten Kirchengüter und piesackten sie mit bösartigen
Vorschriften; mal untersagten sie den Schulunterricht, mal den Gebrauch ihrer
Sprache, des Aramäischen, eines Idioms, das Jesus gesprochen haben soll. Viele

199
Süryanis rings um die Bischofsstädte Mardin und Midyat wurden in den sechzi-
ger Jahren gezielt als Gastarbeiter für Deutschland angeworben – als Glaubens-
brüdern unterstellte man ihnen größeren Fleiß und höhere Qualifikationen als
den muslimischen Kurden. Als Christen erwiesen sie sich zudem als Objekt
missionarischer Begierden protestantischer Kirchen. Diese wollten das Bekeh-
rungswerk fortsetzen, das sie hier im 19. Jahrhundert aufgenommen hatten.
Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass sich manche Süryanis den
Aufenthalt in Europa mit dem wohlfeilen Hinweis auf ihre Religion erschlichen,
ohne religiös oder politisch verfolgt zu sein. Kirchenkreise bürgten im Zweifel
blind für den Status des Verfolgten. Noch bis vor wenigen Jahren verbreiteten
evangelische Landeskirchen in Deutschland die gruselige, aber unzutreffende
Information, dass die Pässe der syrisch-orthodoxen Christen mit einem großen
„C“ gebrandmarkt seien. Das war allein schon deshalb unmöglich, weil Christ
auf türkisch Hristiyan heißt und folglich mit „H“ beginnt. Was immer der
Grund war, Europa übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.
„Ihr Europäer habt den Tur Abdin leer gefischt“, klagt denn auch Ibrahim
Türker, der Abt des Klosters Dar ul-Zafaran, das vor den Toren von Mardin auf
den letzten Gebirgsausläufern hoch über der Ebene von Harran liegt. Türker
vertritt als Patriarchal-Vikar Seine Heiligkeit Ignatius Zakka. Das Oberhaupt
der syrisch-orthodoxen Kirche residiert seit seiner Vertreibung durch die Trup-
pen des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in der syrischen Hauptstadt
Damaskus. Der größte Teil seiner Gemeinde lebt in Europa: Auf rund 100 000
wird die Zahl der Süryanis, die sich auch Aramäer oder Assyrer nennen, in
Deutschland, Schweden und in der Schweiz geschätzt. Rund 10 000 leben in
Istanbul, dazu kommen Gemeinden in Australien und Nordamerika. In der Tür-
kei waren die Süryanis kaum jemandem bekannt, da sie nicht zu den durch den
Vertrag von Lausanne geschützten griechischen, armenischen oder jüdischen
Minderheiten gehören. Erzbischof Timotheos Aktas von Midyat kann sich daher
den Spott nur schwer verkneifen, wenn er vom Verhältnis zu den türkischen
Landsleuten spricht. „Manche Türken sehen uns an, als ob wir vom Himmel ge-
fallen wären“, sagt er. „Sie sind überrascht, wenn sie erfahren, dass es uns
schon sehr lange gibt.“ Seit er Anfang der neunziger Jahre in ein Gefecht regie-
rungstreuer Dorfschützer und PKK-Freischärler geriet, verlässt der Metropolit
ungern die festungsartigen Mauern des mehr als 1600 Jahre alten Klosters Mor
Gabriel. Wie die meisten süryanischen Christen spielt auch Timotheos echte
oder vermeintliche Sorgen herunter. „Probleme?“, fragt er und setzt ein leicht
höhnisches Lächeln auf, „Probleme haben wir keine. Wie denn auch? Es gibt ja
kaum noch Christen hier.“
Tatsächlich geht es dem Kloster, dem geistigen Zentrum der Süryanis, so gut
wie schon lange nicht mehr. Immer öfter kommen Pilger; für sie werden derzeit
weitere Zimmer gebaut. Auch in den Dörfern des Tur Abdin ist nicht von Prob-
lemen die Rede. Wie seit jeher duckt man sich lieber weg, wenn der Staat in
Gestalt eines seiner Repräsentanten zu nahe kommt. Araber, Kurden, Türken –

200
hier leben sie seit Generationen zusammen – manchmal miteinander, manchmal
gegeneinander. Es sind Christen, Muslime, Aleviten oder Jesiden, und sie alle
haben irgendwann einmal selbst das bittere Los der Vertreibung und Verfolgung
kennen gelernt. Dörfer mit rein christlicher Bevölkerung gibt es kaum noch. In
manchen Weilern leben nur noch eine oder zwei süryanische Familien, andere
stehen ganz leer. Die Bewohner von Zaz beispielsweise hatten den Fehler be-
gangen, ein achtköpfiges PKK-Kommando in der Grundschule übernachten zu
lassen. Die Armee ordnete schließlich die Räumung des Dorfes an.
Mission Traditionserhalt
Der Krieg mit der PKK scheint beendet, doch andere Probleme sind geblie-
ben. Es gibt keine Arbeit und kaum Perspektiven für die Jugend. Es erscheint
ein schier übermenschliches Unterfangen, die Landflucht der christlichen Ju-
gendlichen stoppen zu wollen. Einer, der dies gleichwohl versucht, ist der Lin-
zer Theologe Hans Hollerweger, der sich seit Jahren mit den Süryanis beschäf-
tigt und vor kurzem ein Buch über sie publiziert hat. Nun sitzt er auf dem
Kirchplatz von Bakisyan, einem Dorf von 15 Familien, und redet mit Engels-
zungen auf die Frauen und auf die Jugendlichen ein. Früher waren Süryanis be-
kannt für ihren Silberschmuck, sagt er, er kenne einen Silberschmied, der bereit
sei, sein Handwerk zu lehren. Ja, das sei vielleicht keine schlechte Idee, sagt ei-
ner der jungen Männer. Enthusiastisch klingt es nicht. Hollerweger ist dennoch
zufrieden. „Vor zwei Jahren habe ich den Vorschlag zum ersten Mal gemacht.
Jetzt scheinen sie sich allmählich mit ihm anzufreunden.“ 493

XIII) Gab es eine Vertreibung der Griechen?

Es wird immer wieder der Vorwurf erhoben, die Türken hätten ein Völker-
mord an Armenier verübt und die Griechen vertrieben und ermordet. So schreibt
z. B. Prof. Wehler: „Die türkische Politik und Geschichtsschreibung leugnet bis
heute „den genozidähnlichen Massenmord an 1,5 Millionen Armeniern
(1915/1916)“ und geht stillschweigend „über den Massenmord und die Vertrei-
bung von 1,5 Millionen Griechen fünf Jahre später.“494
Es gibt Europäer, intime Kenner der Verhältnisse in der Türkei am Anfang
des 20. Jahrhunderts, die diese Fragen ganz anders bewerteten. So schreibt z. B.
der britische Diplomat, Offizier und Parlamentsabgeordnete A. Herbert, 1922:

493
Süddeutsche Zeitung vom 10.05.2000
494
Kölner Stadtanzeiger, 21.12.2002, Nr. 296

201
“Obwohl die Armenier bei der Entwicklung und Modernisierung der Türkei
eine Zukunft vor sich hatten, wurden sie von Europa verführt und zum Selbst-
mord verleitet.”495
Die Diskussionen über das Schicksal der Armenier und der Griechen in der
Türkei erfordert aus zwei Gründen eine eingehendere Auseinandersetzung. Ei-
nerseitst haben die Armenier 800 Jahre und die Griechen über 400 Jahre mit den
Türken zusammengelebt, sodaß allein das historische Material sehr umfangreich
ist. Hinzu kommt die intensive ideologische Überfrachtung der beiden Fragen-
komplexe, die den erforderlichen Aufwand für eine „Gegendarstellung“ erhöht.

A) Atatürk für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen

Die Verfechter der „Vertreibungsthese“ müßten erklären, wieso E. K. Venize-


los,496 der mehrfache Ministerpräsident Griechenlands, ein engagierter griechi-
scher Nationalist, der unter anderem 1919 die Besetzung der westlichen Türkei
durch die griechischen Truppen in die Wege geleitet hatte, um dort das “Groß-
Griechische Reich” zu gründen, mit seinem Brief vom 12. Januar 1934 an das
Nobel Friedenspreiskomitee in Norwegen “Mustafa Kemal Pascha” (Atatürk),
den Mann also, der ab 1919 die Geschicke der Türkei an höchster Stelle leitete,
für den Friedensnobelpreis 1934 vorgeschlagen und dabei Atatürk’s Verdienste
für die Errichtung des Friedens zwischen Griechenland und der Türkei hervor-
gehoben hat. Wenn es eine Vertreibung gegeben hat, so waren Atatürk und sei-
ne Regierung hierfür verantwortlich.
Hätte Venizelos Atatürk für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, wenn er
geglaubt hätte, daß unter Atatürk’s Führung massenhafte Ermordung und Ver-
treibung der Griechen verübt worden ist? Venizelos ist unbestritten “der promi-
nenteste griechische Politiker und Staatsmann in dem frühen
20. Jahrhundert”.497
Tatsächlich mußten im Jahre 1923 Personen griechisch-orthodoxen Glaubens
unfreiwillig die Türkei und Personen islamischen Glaubens ebenso unfreiwillig
Griechenland verlassen und in das griechische Königreich bzw. die Türkei e-
migrieren. Es handelte sich um einen Bevölkerungsaustausch, der entsprechend
einem Vertrag zwischen Griechenland und der Türkei verwirklicht wurde.
Der betreffende Vertrag über den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen-
land und der Türkei wurde unter der Federführung des Völkerbundes498 von

495
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924, S. 274. (Die
Memoiren wurden nach dem Tod von A. Herbert veröffentlicht.)
496
Venizelos gehört zu den Unterzeichnern des Vertrages über Bevölkerungsaustausch.
497
The New Encylopedia Britannica, Vol. 12, 1985, S. 307
498
Völkerbund war eine internationale Organisation, die nach dem I. Weltkrieg gegrün-
det wurde und als Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen gilt. Der Verfasser.

202
dem norwegischen Diplomaten Dr. Fridtjof Nansen, der vom Völkerbund nach
stanbul geschickt worden war, geplant, ausgehandelt und am 30.1.1923 in Lau-
sanne unterschrieben.499 Nansen erhielt für seine Bemühungen den Nobelpreis
für den Frieden (1922). Im Rahmen dieses Vertrages, der einen sowohl für die
Moslems in Griechenland, wie auch für die griechisch-orthodoxen Bürger in der
Türkei zwangsweise Umsiedlung vorsah (Istanbul, Bozcaada und Imroz in der
Türkei sowie West-Thrakien in Griechenland waren ausgenommen) Im übrigen:
Dieser Vertrag war in groben Zügen eine Neuauflage des Vertrages über Be-
völkerungsaustausch, der kurz vor dem I. Weltkrieg zwischen Griechenland
(damals war Venizelos Ministerpräsident in Griechenland) und der Türkei aus-
gehandelt worden war, wegen des Ausbruch des I. Weltkrieges jedoch nicht
mehr ausgeführt werden konnte.500

B) Warum wurde ein Bevölkerungsaustausch vereinbart?

Es wird immer wieder behauptet, daß die Griechen in Kleinasien in den Jah-
ren 1920/21 ermordet bzw. vertrieben worden seien. 1920/21 befand sich fast
ganz Westanatolien unter der Besatzung der griechischen Armeen, die dort, wo
die Griechen seit Jahrhunderten sich einer beispiellosen Freiheit erfreuten 501,
jedoch nur eine Minderheit bildeten, (mit Unterstützung und im Auftrag Groß-
britanniens) ein Großgriechenland errichten wollten. Zu diesem Zweck versuch-
ten die Griechen (nicht nur die griechischen Soldaten sondern insbesondere
auch die ortansässigen Griechen in Anatolien) ab 1919 die Moslems, die in die-
sen Regionen die Mehrheit bildeten, durch Greueltaten zu vertreiben, wie dies
bereits seit 1821 auf dem Balkan und in Kreta geschehen war. Wer sich über
diese Vorgänge informieren will, kann z. B. bei McCarthy502 oder Shaw &
Shaw 503 nachschlagen.504
Bereits im März 1919 hatte das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche
in Istanbul als offizieller Oberhaupt und Vertreter aller griechisch-orthodoxen

499
Dieses Dokument ist auch über Internet lesbar:
http://www.hri.org/docs/straits/exchange.html#4
500
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 200
501
Näheres dazu in den folgenden Seiten. Der Verfasser.
502
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 258-278
503
Stanford J. Shaw, Ezel Kural Shaw, History of the Ottoman Empire and Modern
Turkey, Cambridge, London, New York, Melbourne, 1977, S. 329
504
Es gibt auch griechische Darstellungen: Ein Bekannter hat mich auf ein Buch von
Hristos Samuelidis mit dem Titel „Mavri Thalasa“ (1970 in Athen erschienen) aufmerk-
sam gemacht, das aufschlußreiche Einzelheiten enthalten soll.

203
Untertanen des Sultans die griechisch-orthodoxen Untertanen des osmanischen
Reiches “formal von ihren Bürgerpflichten gegenüber der Türkei entbunden”505,
obwohl die damalige türkische Regierung den Patriarchen vor diesem Schritt
zurückhalten wollte. Damit hatte die griechisch-orthodoxe Minderheit in der
Türkei eigenmächtig ihren kollektiven Austritt aus der türkischen Staatsbürger-
schaft erklärt und sich selber zu Ausländern gemacht.
Dieser riskante Schritt des Patriarchen wird nachvollziehbar, wenn man den
Hintergrund kennt: Etwa in jenen Tagen hatten die Sieger des I. Weltkrieges in
der Person von Venizelos Griechenland beauftragt, in die westlichen Gebiete
der Türkei einzufallen und diese Gebiete Griechenland einzuverleiben. Es war
bereits beschlossen, die Türkei von der Landkarte zu streichen. Da die Türkei
im I. Weltkrieg zusammen mit Deutschland und Österreich besiegt worden war,
gingen die Europäer davon aus, daß die damals mächtigsten Länder der Welt,
England und Frankreich, ihren Willen würden durchsetzen können. Besonders
die Griechen waren überzeugt, daß ihr jahrhunderte alter Traum von Großgrie-
chenland in wenigen Monaten Wirklichkeit werden würde.
Der Patriarch hatte den kollektiven Austritt der griechisch-orthodoxen Unter-
tanen des Sultans aus dem türkischen Staatsverband erklärt, damit diese nun-
mehr als frisch gewonnene Untertanen des griechischen Königs für die griechi-
sche Invasionsarmeen rekrutiert werden konnten. Man bedenke: Die türkische
Regierung hätte rechtlich schon allein mit dem Hinweis auf den kollektiven
Austritt der griechischen Untertanen des Sultans, die durch die oben erwähnte
Erklärung des Patriarchen vollzogen war, die griechisch-orthodoxe Bevölke-
rung, die ja damit zu Ausländern geworden war, zum Verlassen des Landes auf-
fordern können. Die Rektrutierung der Griechen in die Invasionsarmee und ihre
Greueltaten gegen die türkische Zivilbevölkerung kamen als weitere Begrün-
dungen noch hinzu.
Die griechische Armee wurde am 30.8.1922 vernichtend geschlagen und
flüchtete an die ägäische Küste, um mit Hilfe der griechischen Flotte zu fliehen.
Die griechische Zivilbevölkerung der betreffenden türkischen Gebiete, die an
den Greueltaten gegen die Türken teilgenommen und zudem für die griechische
Invasionsarmee Rekruten und Offiziere gestellt hatte, flüchtete mit den griechi-
schen Soldaten, wobei während des Rückzuges zahlreiche Städte und Dörfer
niedergebrannt wurden. In zahlreichen westlichen Berichten (sowohl Printme-
dien wie auch Filme) wird ohne jede Beweise behauptet, die Türken hätten die
Städte, die sie befreiten, selbst in Brand gesetzt, insbesondere zmir. Abgesehen
davon, daß es für die Türken völlig irrsinnig gewesen wäre, ihr eigenes Land zu
zerstören und die Dörfer und die Städte in den reichsten Landstrichen Anato-
liens dem Erdboden gleich zu machen, gibt es Berichte von amerikanischen

505
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 200

204
Augenzeugen, daß die Brandstifter die Griechen bzw. die Armenier (in zmir)
waren. Die Niederbrennung von Dörfern und Städten durch flüchtende Invaso-
ren ist dagegen eine oft beobachtete Vorgehensweise, die als „Politik der ver-
brannten Erde“ bezeichnet wird.
Damit nicht genug: Griechenland hat 1923 auf der internationalen Friedens-
konferenz von Lausanne anerkannt, daß die griechischen Armeen und die grie-
chische Verwaltung während der Besatzung in Anatolien im Gegensatz zu dem
Kriegsgesetzen verhalten haben und daß Griechenland verpflichtet ist, die ver-
ursachten Schäden zu bezahlen. Diese Anerkenntnis wurde im Artikel 59 des
Lausanner Friedensvertrags, der von 11 Ländern, darunter Griechenland, die
Türkei, England, Frankreich, Italien und Japan unterschrieben und ratifiziert
wurde, festgehalten.506
Nach dem Sieg der türkischen Armeen unter der Führung von Mustafa Kemal
Pascha (später: Atatürk) wurde ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechen-
land und der Türkei vertraglich vereinbart.
Prof. Wehler bezeichnet den Bevölkerungsaustausch, der entsprechend einem
bereits vor dem I. Weltkrieg frei verhandelten Vertrag zwischen Griechenland
und der Türkei realisiert wurde, als “Massenmord und Vertreibung der Grie-
chen”, wobei er kein Wort über die griechische Invasion in Kleinasien, und die
griechischen Greuel in der Türkei verliert. Ebenso verschweigt er die 354.647
Moslems, die damals Griechenland mit Richtung Türkei verlassen mußten.
Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Anthimos, verfasste 1798,
mehr als 300 Jahre nach der Eroberung Istanbuls durch die Türken, eine Denk-
schrift, die mit dem Titel Patriki Didaskalia (die Lehre der Väter507) von dem
Patriarchat in Istanbul publiziert wurde. Darin wird das osmanische Reich als
ein Teil der göttlichen Werke bezeichnet, mit dem die Integrität des orthodoxen
Christentums geschützt wird. Anthimos schreibt, daß Gott den Sultan inspiriert,
damit dieser gegen diejenigen Christen vorgeht, die von der rechten Lehre ab-
weichen.508

XIV) Die Griechen unter der Türkenherrschaft

Es wurde bereits oben nachgewiesen, daß die Griechen die Türkenherrschaft


bewußt der Unterwerfung unter die anderen Christen (Katholiken) vorgezogen
haben und in nicht wenigen Fällen gemeinsam mit den Türken gegen die Katho-

506
Siehe z. B.: Soysal, ., Türkiyenin Siyasal Andlamaları, cilt I, Ankara 1989, S. 106
507
Gemeint sind die Kirchenväter.
508
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 191

205
liken (in der Hauptsache Venedig und Genua) aber auch gegen die Serben ge-
kämpft haben. Auch nach der Eroberung Konstantinopols durch die Türken hat
es zahlreiche Fälle gegeben, in denen die Griechen die Herrschaft der Türken
der Herrschaft anderen Christen vorzogen.

A) Zypern: Befreiung durch die Osmanen

120 Jahre nach der Eroberung Istanbuls durch die Türken baten die orthodo-
xen Griechen auf der Insel Zypern den osmanischen Sultan, daß er sie von der
Unterdrückung durch die katholischen Venezianer, die nach den Kreuzfahrern
die Herrschaft über diese Insel gewonnen hatten, befreien möge.509 Dieser Bitte
entsprechend eroberte eine osmanische Streitmacht im Jahre 1571 Zypern. Da-
mit erhielt die christliche und die jüdische zypriotische Bevölkerung die Glau-
bensfreiheit, denn die Kreuzfahrer und nach ihnen die Venezianer hatten ihnen
die Ausübung ihres Glaubens verboten.510 Außerdem wurden sie von der Leib-
eigenschaft befreit. Sie erhielten die Ländereien, die von Venezianern und den
Franken konfisziert worden waren, wieder zurück.511 Während der Belagerung
von Nikosia (die jetzige Hauptstadt) wurden die türkischen Streitkräfte nicht nur
von den Griechen, sondern auch von den dort lebenden Armeniern (die eben-
falls wegen ihres vom Katholizismus abweichenden Glaubens verfolgt worden
waren) unterstützt. Deshalb schenkte Sultan Selim der II. den Armeniern in Ni-
kosia die Kirche „Notre Dame de Tyre“, die von den Benediktinern erbaut wor-
den war. Seit dem wird diese Kirche in Nikosia von den Türken die “armeni-
sche Kirche” genannt.
In seinem Buch „Geschichte Zyperns“, das Kyprianos in 1788 in Venedig
publizierte, schreibt er, daß die Griechen in Zypern lieber die Untertanen des
osmanischen Sultans als einer katholischen Macht sind, da sie auf diese Weise,
was die Riten und Sitten betrifft, der Tyrannei der Katholiken entkommen
sind.512 Wir können also festhalten, daß die zypriotischen Griechen mehr als
zwei Jahrhunderte nach der Errichtung der türkischen Herrschaft über der Insel
es nicht bereut hatten, 1571 die Türken zur Hilfe gerufen zu haben.

509
D. Kitsikis, „L’Empire Ottoman“, Paris, 1991 (zweite korrigierte Auflage), S. 66
510
Siehe: La Grande Larousse 1972, Paris. Vol. 14, p. 2860
511
La Grande Encyclopédie Larousse, 1972, Paris, Vol. 14, S. 2860
512
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 204, Fußnote 37.

206
B) Kreta: Griechen bitten die Osmanen, die Venezianer zu
vertreiben

In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, waren es die Griechen aus Kreta, die die
Osmanen zur Hilfe riefen, um sich aus dem Joch der Venezianischen Dogenre-
publik befreien zu lassen.513 Die Britannica schreibt hierzu: “Die venezianische
Verwaltung sicherte die äußere Ruhe der Insel und unternahm viel, um materiel-
le Wohlfahrt zu schaffen und Handel und Handwerk zu ermutigen. Unter ihr
war Kreta wahrscheinlich wohlhabender als in jeder anderen Zeit. Doch war das
System willkürlich und opressiv und führte zu zahlreichen Aufständen. Als die
Hoffnung auf eine genuesische Besatzung enttäuscht wurde, wandten sich die
Kreter an die Türken.”514 Die Insel wurde nach verlustreichen Kämpfen 1670
erobert.

C) Die Griechen begrüssen die Türken als Befreier

Die Geschichte wird oft so dargestellt, als ob die Türkenherrschaft für die
Griechen eine entsetzliche Prüfung gewesen wäre. Man kann jedoch auch den
Standpunkt vertreten, daß die Türken das Überleben der griechischen Nation
überhaupt ermöglicht haben. Ein Blick auf die Landkarte mag das verdeutli-
chen: Der Hellenismus hat nur in den Gebieten überlebt, die von den Türken
beherrscht wurden. Dagegen ist in den Ländern wie Sizilien und Süditalien, in
denen sich früher eine griechisch geprägte Kultur befand, die aber später unter
die Herrschaft der katholischen Kirche fielen, vom Hellenismus keine Spur (au-
ßer den steinernen) mehr geblieben. Wohl deswegen schreibt die Britannica:
„ ... diejenigen Teile des griechishen Territoriums, die der türkischen Beset-
zung entkamen oder wo sich diese Besetzung verzögerte, waren kaum je unab-
hängig. Die Alternative war im Allgemeinen Unterwerfung unter die Macht
Venedigs, die im Allgemeinen weniger beliebt war, als die des Sultans. Nach-
dem Venedig mit dem Frieden von Karlowitz (1699) die Peloponnes erhalten
hatte, waren die Türken in der Lage, sie innerhalb von 20 Jahren mit der bereit-
willigen Zustimmung der griechischen Bevölkerung zurückzugewinnen. 515
“1687 eroberte der Venezianische General Francesco Morosini die Halbinsel
Peleponnes von den Osmanen, wobei seine Kanonen auch für Zerstörung des

513
D. Kitsikis, „L’Empire Ottoman“, Paris, 1991 (zweite korrigierte Auflage), S. 66.
514
Britannica, 1971, S. 740 (Stichwort: Kreta)
515
Ich führe diese Stelle in voller Länge an, umzubelegen, daß die hier vertretene Posi-
tion den Positionen der allgemein akzeptierten Geschichtswissenschaft entspricht.

207
Parthenons in Athen verantwortlich waren. 516 Doch führte diese Eroberung
durch eine christliche Macht nicht zu einem Funken von Begeisterung von Sei-
ten der Griechen. Die Rückkehr der Türken in der nächsten Generation wurde
als das kleinere Übel akzeptiert.” 517
Der bereits mehrfach zitierte griechische Historiker Kitsikis schreibt, “daß die
Türken 1715, als sie Peleponnes zurückeroberten, nicht nur von den griechi-
schen Bauern, sondern auch von der griechischen Bourgeoisie, den Grundbesit-
zern und dem Klerus als Befreier begrüßt wurden.“518
Die Leserin bzw. der Leser möge es sich vor Augen halten: Im Jahre 1715
waren seit der Eroberung Istanbul’s (und auch Peleponnes) durch die Türken
über 260 Jahre vergangen. Die Griechen, die aufgrund ihrer Tätigkeit als see-
fahrende Kaufleute die Verhältnisse in Europa bestens kannten, hatten Gelegen-
heit gehabt, innerhalb eines Zeitraumes, der länger war als der zwischen der
französischen Revolution (oder auch: der amerikanischen Unabhängigkeitser-
klärung) und unserer Zeit, die Herrschaft der Türken kennenzulernen und sie
mit der Herrschaft der christlichen Mächte zu vergleichen. An Hand dieser Er-
fahrung entschieden sie sich im Jahre 1715, in einer Zeit, in der sich das osma-
nische Reich bereits im Niedergang befand und die einst vorbildliche Ord-
nung519 kaum mehr funktionierte, für die Herrschaft der Türken.

D) Die Positionen griechisch-orthodoxer Untertanen

Im osmanischen Reich gab es lange Zeit kein Außenministerium, die Bezie-


hungen mit den anderen Staaten wurden über den Hauptdragomanen des Rei-
ches (batercüman) geführt. Deswegen hatte der Inhaber dieses Amtes eine sehr
wichtige Position. Der Inhaber führte den Titel „efendi“ und war zuerst dem
Hauptsekretär des Ministerrates („Reissülkütab“) und ab 1794 unmittelbar dem
Großvezir (sadrazam) unterstellt.

516
Ich fand diese Feststellung über die Zerstörung des Parthenon in der Britannica
bemerkenswert, da heuzutage die Fremdenführer in Athen immer wieder behaupten, das
Parthenon sei “während des griechischen Befreiungskrieges von den Türken zerstört
worden.” Der Verfasser.
517
Encyclopaedia Britannica, Vol. 10, 1971, S. 814 f. Meine Übersetzung. Verfasser
518
Dimitri Kitsikis, „L’Empire Ottoman“, Paris, 1991 (zweite korrigierte Auflage),, S.
67. Meine Übersetzung. A. S.
519
„Das Osmanenreich war zu Beginn des 16. Jh. zweifellos eines der am besten orga-
nisierten, vielleicht sogar zeitweilig das bestorganisierte Staatswesen im Weltmaßstab.“
J. Matuz, Das Osmanische Reich. Grundl. s. Gesch. Darmstadt, 1985, S. 113

208
In den Jahren 1661 – 1822 waren alle 34 Hauptdragomane griechisch-
orthodoxe Untertanen (auf Türkisch: Rum). Auch unter den ihnen untergeordne-
ten anderen Dragomanen bildeten die griechisch-orthodoxen die Mehrheit.520
Um einen Eindruck über die Bedeutung dieses Amtes zu geben möchte ich
kurze Angaben zu zwei berühmten Persönlichkeiten machen, die dieses Amt in-
ne hatten:
Panayoti Nikosios efendi, der der erste Hauptdragoman war, war ein grie-
chisch-orthodoxer Untertan. Geboren auf der Insel Khios (auf Türkisch Sakız
adası), war er in seiner Jugend von Jesuiten ausgebildet worden. Später studierte
er in Istanbul und in Padova, wobei er sich mit Philosophie, Astronomie, Mate-
mathik und Medizin beschäftigte. Er beherrschte Lateinisch, Griechisch, Tür-
kisch, Arabisch, Persisch, Französisch und Italienisch. Es wird berichtet, daß er
sehr intelligent war und von dem berühmten Großvezir Köprülü Fazıl Ahmet
Pa a sehr geschätzt wurde. Es wird ferner berichtet, daß Köprülü pa a 1669 das
Amt des Hauptdragomanen speziell für Nikosios Panayoti efendi geschaffen
hat. Später erhielt Panayoti efendi, der äußerst einflussreich war (man berichtet,
daß er bei allen wichtigen Entscheidungen von dem Großvezir Köprülü konsul-
tiert wurde) und zahlreiche persönliche Privilegien genoß, zusätzlich das Amt
des Hauptdrogamanen der kaiserlichen Flotte. Auch dieses Amt soll speziell für
ihn geschaffen worden sein. In dieser Eigenschaft spielte er eine wichtige Rolle
bei der Eroberung von Kreta durch die Osmanen.521
Alexandros Mavrokordatos (auf Türkisch „skerletzade Mavrokordato efen-
di“), der in den Jahren 1673-1709 dieses Amt bekleidete, hatte Kara Mustafa
Pa a auf dem Feldzug gegen Österreich (letzte Belagerung von Wien 1683) be-
gleitet, und war nach der Niederlage der osmanischen Truppen ein Mitglied der
osmanischen Delegation in den Friedensverhandlungen im Jahre 1699 in Kar-
lowitze (Karlofça), in der Friedensurkunde ist sein Siegel und seine Unterschrift
zusammen mit denen des Hauptsekretärs Mehmet Rami efendi zu sehen. Es
wird berichtet, daß Mavrokordatos bei den Verhandlungen, an denen das osma-
nische Reich, Österreich, Rußland, Venedig und Polen beteiligt waren, eine
Schlüsselrolle spielte. (Es ist inzwischen bekannt, daß Mavrokordatos unter
dem Decknamen „Ali“ insgeheim als Spion, und zwar gleichzeitig für Frank-
reich und Österreich, „tätig“ war. Die Osmanen haben dies nie bemerkt.) Als
Mavrokordatos, der auch sonst eine sehr wichtige Rolle bei den diplomatischen

520
Dimitri Kitsidis, “Türk-Yunan mparatorluu”, Istanbul 1996, S.162-163. Achtung:
Ich benutze die türkische Übersetzung der 1. Ausgabe (1985) des bereits zitierten Bu-
ches „L’Empire Ottoman“, da Kitsidis in der zweiten Ausgabe diese Stelle gestrichen
hat und ich die Originalausgabe der 1. Ausgabe nicht zur Verfügung habe.
521
Zeynep Sözen, Fenerli Beyler, stanbul 2000, Aybay Yayınları, S. 45-54. Die Anga-
ben zu Panayoti und zu Mavrokordatos sind auch durch zahlreiche westliche Quellen,
bei Sözen angegeben sind, gut belegt. Unter anderem siehe P. Mansel, Constantinople.
City of the World’s Desire, London, 1998, S. 148-159

209
Verhandlungen mit den europäischen Ländern spielte, 1709 verstarb, hatte sein
Vermögen einen Wert von 500 Beutel („kese“) Gold. Zum Vergleich: Im Jahre
1703 betrug die Höhe der Steuern, die das reiche Fürstentum „Eflak“ (ein Teil
der heutigen Republik Rumänien) an die „Hohe Pforte“ (d. h. an das osmani-
sche Reich) jährlich entrichten mußte, lediglich 200 Beutel Gold. Sein Grab be-
findet sich in der Aya Yani Kirche in stanbul, Galata.522. Auch er war in Rom
von Jesuiten ausgebildet worden und hatte in Padova Medizin studiert und in
Bologna promoviert. Neben seinen weltlichen Ämtern hatte er verschiedene ho-
he Positionen in der griechisch-orthodoxen Kirche, z. B. als Hauptprediger.
Eine weitere herausragende Position, die vom 1711 bis 1821 ausschließlich
von den griechisch-orthodoxen Phanarioten (auf Türkisch Fenerli beyler) be-
kleidet wurde, war das Amt „Hospador“. Die Hospadoren waren die vom Sultan
befristet ernannten Fürsten der Fürstentümer Wallachei (auf Türkisch: Eflak)
und Moldawien (Bodan), die in etwa dem heutigen Rumänien (ohne Sieben-
bürgen) entsprechen. Mit anderen Worten, über ein Jahrhundert lang wurde ein
Land von der Größe Rumäniens im Namen des Sultans von griechisch-
orthodoxen Fürsten regiert. Auch über sie gibt es sehr reichhaltige und farbige
Berichte. Für einen Überblick verweise ich auf das bereits vielfach zitierte Buch
von Mansel.
Auf jeden Fall war die Position der griechisch-orthodoxen Untertanen im os-
manischen Reich so herausragend, daß der bereits verschiedentlich zitierte grie-
chische Historiker D. Kitsidis die These vertritt, man müßte in Bezug auf das
Osmanenreich von einem „türkisch-griechischen Reich“ sprechen.
In der Britannica kann findet sich folgende Bemerkung, die die These von
Kitsidis bestätigt: „Bis zur Intervention der Russen im 18. Jahrhundert gab es
keine ernsthafte Rebellion auf griechischem Boden. Und wieder waren die Mo-
tive nicht mit irgendeiner realen Forderung nach nationaler Unabhängigkeit
verbunden. In der Zwischenzeit verfolgten die einflußreichen Griechen in Kon-
stantinopel tatsächlich eine eigene, ganz andere Politik, die darauf gerichtet war,
das osmanische Reich nicht zu zerstören, sondern zu übernehmen.“523
Als 1789 die Forderungen der französischen Revolution auch im osmanischen
Reich vernommen wurden, veröffentlichte das griechisch-orthodoxe Patriarchat
in Istanbul eine Broschüre mit dem Titel „Patrike Didaskalla“ (Väterliche Mah-
nungen), die von dem Patriarch von Jerusalem Anthimos unterschrieben war
und in dem es unter anderem hieß:
„Schauen Sie, wie Gott der Allwissende und Allvergebende, alles geordnet
hat, um jedes Mal die Unversehrtheit unseres geliebten orthodoxen Glaubens zu
bewahren... Er hat jedenfalls an Stelle des römischen Reiches, das begonnen
hatte, von unserem orthodoxen Glauben abzuweichen, aus dem Nichts heraus

522
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 148-159
523
Encyclopaedia Britannica, 1971, Vol. 10, p. 814

210
dieses mächtige osmanische Reich geschaffen. Er hat, um zu beweisen, daß die-
ses Reich sich mit seinem heiligen Willen im Einklang befindet, das osmanische
Reich über all die anderen Reiche gesetzt. ... Hören Sie nicht auf die neuen Ver-
sprechungen der Freiheit, die Ihnen gemacht werden. Das Heilige Buch gebietet
uns, ohne Unterlaß für unseren Kaiser (gemeint ist der Sultan) zu beten.“524
D. Kitsidis weist darauf hin, das auch der griechische Revolutionär Rigas
(1757-1798), der 1793 eine republikanische Verfassung für das osmanische
Reich entworfen hatte, keineswegs die griechische Unabhängigkeit als Ziel hat-
te, sondern die Fortführung des osmanischen Reiches in Form einer Republik
(allerdings mit christlich-griechischem Vorzeichen). In seinem Verfassungs-
entwurf gibt es die folgende Einschätzung über das osmanische Reich:
„In Anbetracht des Umstandes, daß das schönste Königreich, das von
allen Weisen aller Regionen gelobt wurde, zu einem Opfer der Instinkte
des altersschwachen Tyrannen, der Sultan genannt wird, geworden ist und
wo nunmehr niemand mehr sich seines Lebens, seiner Ehre und seines
Vermögens sicher sein kann, proklamieren wir ...“525
Es soll auch die französische Fassung zitiert werden, damit der Leser sich ei-
nen besseren Eindruck verschaffen kann:
« Considérant que le tyran nommé sultan est la proie de ses instincts séni-
les ... et que le plus beau royaume du monde, que les savants de toutes parts
ont vanté, est tombé dans un état danarchie abominable, à tel point que nul
.. nest plus sûr de sa vie, ni de son honneur, ni de ses biens, ... nous procla-
mons ... »526
Bemerkenswert, daß derjenige griechischer Revolutionär, der sich an den Ide-
alen der französischen Revolution orientiert, und der als einer der wichtigsten
Figuren in der neueren griechischen Geschichte gilt, in einem seiner zentralen
politischen Texte das osmanische Reich, wenn auch rückblickend, als „das
schönste Königreich, das von allen Weisen aller Regionen gelobt wurde“ be-
zeichnet. Zeitgleich mit diesem griechischen Revolutionär tritt der konservative
Flügel der griechischen Gemeinde in dem Büchlein „Patrike Didaskalla“ für das

524
Th. Papadopullos, Studies and Documents relating to the History of the Greek
Church and People under Turkish domination, Bruxelles, 1952, S. 143-145, zitiert nach
dem griechischen Historiker Dimitri Kitsikis, „L’Empire ottoman“, Paris 1991, S. 105 f.
Vgl. auch: Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians
and Jews in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benja-
min Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 191
525
Ap. Daskalakis, Les Oeuvres de Rhigas Velestinlis, Paris 1937, S. 75 f., zitiert nach
D. Kitsidis, “Türk-Yunan mparatorluu”, Istanbul 1996, S. 168-169. Diejenigen, die
die französische Fassung lesen möchten, können den Text am Ende dieses Anhangs fin-
den. Hervorhebung von mir. AS
526
Dimitri Kitsidis, L’Empire ottoman, Paris 1991, S. 106

211
osmanische Reich ein und bezeichnet es als „im Einklang mit dem heiligen Wil-
len Gottes“.
Halten wir fest: Das Zeugnis, das die beiden verfeindeten Gruppen innerhalb
der griechischen Gemeinde nach ca. 350 Jahren praktischer Erfahrung der Tür-
kenherrschaft stellen kann sich sehen lassen.

E) Die erste „ethnische Säuberung“ auf dem Balkan

Es ist lehrreich, sich den Ablauf der ersten nationalen Erhebung der Griechen
gegen die Osmanen in Einzelheiten anzuschauen. Die Ähnlichkeit der Ereignis-
se von 1991-1996 in Bosnien mit den Ereignissen von 1821 ist erstaunlich.
Wie das folgende Zitat aus Britannica belegt, wurde der Ausbruch und der
Verlauf des griechischen Unabhängigkeitkampfes weitgehend durch die russi-
sche Einflußnahme geprägt. 1814 wurde in Odessa die geheime Gesellschaft
„Gesellschaft der Freunde“ gegründet. Ihre erste Aktion im März 1821 unter
dem Befehl des russischen Generals griechischer Abstammung, Alexandros
Ypsilantis, scheiterte wegen der mangelnden Unterstützung durch die Bevölke-
rung in Moldawien. Im Verlauf der Gefechte metzelten die Streitkräfte von
Ypsilantis „alle Türken, derer sie habhaft werden konnten, nieder.“527
[The Greek] “... secret society, the Etaireia, was founded in Odessa in 1814.
The society passed into action with the help of Alexandros Ypsilantis, son of
hospodar Ypsilantes, a Greek who had become a general in the Russian Army
and used his forces to support insurgents in Moldavia in 1821. The emperor A-
lexander’s aversion to supporting a revolutionary, even against the infidel Turk,
together with the preference of the population of the Danubian principalities for
the Turkish rule rather than that of the hated Phanariotes, considerably weake-
ned the cause of the insurgents. Thus, the first serious rising was put down at
the battle of Dragashani on June 19, 1821. The Greek rebels in the Morea, ho-
wever, had massacred almost to extermination the native Muslims and the Sul-
tan retaliated by executing the Greek patriarch in Istanbul on the charge of ha-
ving instigated the slaughter”528
Die von der geheimen Gesellschaft organisierten griechischen Rebellen nutz-
ten diese Gelegenheit, um im April 1821 über die nichtsahnenden Moslems auf
der Halbinsel Pellepones herzufallen und die gesamte islamische und jüdische
Bevölkerung (einschließlich der Frauen und der Kinder, ein geringfügiger Teil
der Frauen und der Kinder wurden versklavt) der Halbinsel innerhalb weniger
Wochen kaltblütig abzuschlachten.529 McCarthy schätzt die Zahl der ermordeten

527
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 11
528
Encyclopaedia Britannica, 1971, Vol. 22, p. 379
529
Encyclopedia Britannica, 1971, Vol. 22, p. 379

212
Moslems auf mehr als 25.000.530 Die Zahl der von den Griechen ermordeten Ju-
den wird auf ca. 8.000 geschätzt. Dadurch erreichte die russisch inspirierte, ge-
heime „Gesellschaft der Freunde“ drei Ziele:
- Einerseits wurde die Halbinsel „türken- und judenfrei“, die erste „ethni-
sche“ Säuberung auf dem Balkan war realisiert, es konnte ein „ethnisch rei-
nes Staatsgebilde“ errichtet werden;
- andererseits wurde der Keim der Feindschaft und des Mißtrauens gegen die
Griechen im osmanischen Reich eingeplanzt,
- die Menschen, die sich an dem Massaker beteiligt hatten, lehnten fortan jeg-
liche Verständigung mit dem osmanischen Reich ab, da sie befürchten muß-
ten, daß sie zur Verantwortung gezogen würden.
Die Massaker auf Chios (1822)
Die Insel Chios (auf türkisch: Sakız Adası) war eine der reichsten Handels–
und Reedereizentren im östlichen Mittelmeer. Das osmanische Reich hatte der
Inselbevölkerung eine weitestgehende Autonomie gewährt. Die reichen christli-
chen Familien aus Chios, die die Insel in einer ähnlich Form wie die herrschen-
den Familien in den anderen Handelsstädten des Mittelmeers, Dubrovnik und
Venedig regierten, spielten auch eine prominente Rolle in der Hauptstadt Istan-
bul. Die Handelsbeziehungen der Insel umspannten ein weites Gebiet, das von
England bis Indien reichte. Die Insel hatte in der osmanischen Zeit sowohl wirt-
schaftlich wie auch kulturell den Zenith ihrer Geschichte erreicht.
Mit dem Beginn der von Rußland finanzierten und angefachten griechischen
Rebellion fand diese Periode der Wohlfahrt und des Friedens ein jähes und blu-
tiges Ende. Im März 1822 landeten etwa 4.000–5.000 Tausend aufständische
Griechen auf der Insel, die von einer entsprechenden Flotte unterstützt wurden.
Sie griffen die dortigen Truppen an, die in die Festung flüchten. In den nächsten
Wochen wurden alle Moslems auf der Insel, die die Aufständischen ergreifen
können, umgebracht, die Moscheen wurden zerstört. Die Angreifer, die gierig
auf Beute waren, griffen teilweise auch die Christen an, töten, vergewaltigen
und beraubten sie. Die Inselbevölkerung zögert zunächst, sich den Aufständi-
schen anzuschließen (auch mit Rücksicht auf die Nähe zum türkischen Fest-
land), machte dann schließlich (eventuell auch notgedrungen) mit. Bald gerieten
die Aufständischen miteiander in Streit und teilen die Insel unter sich auf. Eine
allgemeine Anarchie brach aus.
Am 12. April 1822 landeten schließlich türkische Truppen (ca. 7.000) auf der
Insel und unterdrücken die Rebellion auf blutigste Art. Nicht nur die Bewaffne-
ten, sondern auch ein großer Teil der Inselbevölkerung wurde durch die türki-

530
Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-
1922. Princeton, New Jersey, 1995, Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic
cleansing of Ottomon Muslims, 1821-1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 12

213
schen Truppen umgebracht. Frauen und Kinder wurden als Sklaven verkauft. 531
Die griechischen Quellen geben etwa 20.000 getötete an. Für eine Übersicht
siehe z. B. die Webseite von Christopher Long, der nach eigenen Angaben einer
der Nachkommen der christlichen Insel-Aristokratie ist:
http://www.christopherlong.co.uk/per.chiosmass.html
Es ist beachtenswert, daß die Geheimgesellschaft Philiki Etairia in Istanbul, in
der Stadt also mit der weltweit größten griechischen Gemeinde, trotz aller An-
strengungen ihrerseits nur einen geringen Anhang gewinnen konnte. Nur 9 %
ihrer 946 Mitglieder kamen aus Istanbul.
Dennoch wollten die Aufständischen auch in der osmanischen Hauptstadt ein
Gemetzel veranstalten. Der (griechisch stämmige) Prinz von Moldawien, Mi-
chael Soutzo, schickte mit Hilfe von russischen Diplomaten einen geheimen
Brief an die Untergrundorganisation Philiki Etairia532 in Istanbul, in dem er zur
Rebellion aufrief: „Brennt die Hauptstadt nieder, die Matrosen sollen die Waf-
fenlager stürmen, versucht mit allen Mitteln, den Sultan in die Hand zu bekom-
men. Laßt die Stimme des Vaterlandes ertönen ... Der Erfolg ist sehr nahe.” 533
Man kann sich kaum vorstellen, zu was für einem Blutbad es gekommen wäre,
wenn diese Pläne verwirklicht worden wären. Doch eine Rebellion in Istanbul
konnte verhindert werden.
Die osmanischen Behörden stellten fest, daß der griechische Patriarch in die
Rebellion verwickelt war. Daraufhin wurde der Patriarch unter dem Torbogen
des Patriarchats gehenkt. Auch Mansel vermerkt, daß der Patriarch von der Re-
bellion wußte und mit ihr sympatisierte.534
Friedrich Engels schreibt folgende Zeilen über die Hintergründe der „griechi-
schen Empörung“. Es ist bemerkenswert, daß Engels nicht von einer “Revoluti-
on” sondern von einer “Empörung” scpricht: „Hunderte von russischen Agenten
durchzogen die Türkei und lenkten die Aufmerksamkeit der griechischen Chris-
ten auf den orthodoxen Herrscher als das Haupt, den natürlichen Beschützer und
schließlichen Befreier der unterdrückten orientalischen Kirche; den Südslawen
wieder zeigten sie diesen selben Herrscher als den allmächtigen Zaren, der frü-
her oder später alle Stämme der großen slawischen Rasse unter ein Zepter ver-
einigen und sie zur herrschenden Rasse Europas machen werde. Die Geistlich-
keit der griechisch-orthodoxen Kirche bildete bald eine einzige große Ver-
schwörung zur Verbreitung dieser Ideen. Die serbische Erhebung 1804 und die
griechische Empörung 1821 waren mehr oder weniger direkt durch russisches
Gold und russischen Einfluß angestiftet, und wo immer von türkischen Paschas

531
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 258
532
„Philiki Etairia“ bedeutet „die Gesellschaft der Freunde“, und sollte als Tarnname
dienen.
533
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 241
534
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 240-241

214
die Fahne der Empörung gegen die Zentralregierung erhoben wurde, da fehlte
es weder an russischen Intrigen noch an russischen Geldern.“535
Die Rolle der griechisch-orthodoxen Kirche hat sich seit dem leider wenig
verändert. Sie hat nicht nur die Massaker der Serben auf dem Balkan (1993–95),
insbesondere die gegen Moslems, vorbehaltlos unterstützt. Sie spricht auch heu-
te noch von West–Anatolien als “hellenistisches Vaterland, das wieder zu ge-
winnen” sei.
Diese systematische Ermordung aller Türken und Juden auf der Halbinsel Pe-
leponnes stellt den Beginn der ethnischen „Säuberungen“ auf dem Balkan dar,
die bis zu dem Völkermord in Bosnien fortgesetzt wurden. Augenzeugenberich-
te darüber wurden auch in den westlichen Publikationen festgehalten.536 Die
Aktualität des Problems “ethnische Säuberung” gebietet es, sich mit diesen Er-
eignissen zu beschäftigen. Es gibt auf jeden Fall zahlreiche Belege dafür, daß
die gesamte islamische und jüdische Bevölkerung der Halbinsel Peleponnes oh-
ne jeden Anlaß angegriffen und getötet wurde. In vielen Orten wurden die Op-
fer zuvor gefoltert. Das Blut floß in Strömen.
Trotzdem ist dieser erste Völkermord auf dem Balkan in der westlichen Öf-
fentlichkeit praktisch unbekannt, man spricht in diesem Zusammenhang nur von
türkischen Grausamkeiten gegen die Griechen wobei die Ermordung der Grie-
chen auf der Insel Chios als Beispiel herangeführt wird. Dies ist sicherlich auf
die damals wie heute gut organisiert Propagandanetzwerke der Griechen zu-
rückzuführen. Damals hatten in Westeuropa angesehene Persönlichkeiten wie
Victor Hugo gegen die türkischen Greuel protestiert, Delacroix hatte die Mas-
saker auf Chios in einem berühmten Gemälde festgehalten, doch die Massaker
auf Peleponnes wurden mit keinem Wort erwähnt. Sicherlich ist die Ermordung
von zehntausenden von Griechen nach der Niederschlagung der Rebellion ein
Verbrechen, das nicht verteidigt werden kann und verurteilt werden muß. Den-
noch bleibt festzuhalten: Die Massaker auf Chios wurden von griechischer Seite
vom Zaun gebrochen, die angefangen haben, die auf der Insel lebenden Mos-
lems zu ermorden. Im Gegensatz hierzu wurden die Massaker auf Peleponnes-
völlig unprovoziert verübt.
Die Einseitigkeit in der Berichterstattung angesichts dieser beiden Massaker
wird bis heute fortgesetzt. Selbst Mansel, der in seiner Darstellung eine objekti-
vere Haltung gegenüber den Türken einzunehmen bemüht ist, geht auf die türki-
schen Verbrechen auf der Insel Chios ein, läßt jedoch die Massaker auf Pele-
ponnes völlig unerwähnt. Auch die Britannica, die noch in ihrer Ausgabe aus
dem Jahre 1971 über die Massaker gegen die Türken berichtete, hat in ihren

535
Friedrich Engels, „Die türkische Frage“, geschrieben Ende März 1853, in: Karl Marx
- Friedrich Engels - Werke, Band 9, S. 22-27, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960
536
Z. B.: George Finlay, A History of Greece, edited by H. F. Tozer, 6 (Oxford 1877),
zitiert nach Justin McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Mus-
lims, 1821-1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 10-13

215
neueren Ausgaben die Linie des Verschweigens eingeschlagen: So fehlen die
Informationen über die Vernichtung der Türken auf der Halbinsel Peleponnes in
der neuen Ausgabe von Britannica aus dem Jahre 1985. Die Ermordung der
Griechen auf der Insel Chios sind dagegen auch in den neuen Ausgaben vor-
handen.
Man darf nicht alle in einen Topf werfen. E ref Sencer Ku çuba ı, der Grün-
der und Leiter des osmanischen Geheimdienstes (“Te kilat-ı Mahsusa”), erin-
nert in seinen Memoiren daran, daß es auch 1821 auf der Halbinsel Peleponnes
Griechen gegeben hat, die sich schützend vor ihre türkischen Nachbarn stellten
und deswegen von den Aufständischen zusammen mit ihren Familien ermordet
wurden.537 Genauso war es auch auf Chios, es gab Griechen, die versucht ha-
ben, sich in den Weg der Aufständischen zu stellen. Sie wurden ermordet.

1) Die Griechen im osmanischen Reich nach den Greueltaten

Nach diesen Grausamkeiten der griechischen Revolutionäre und dem türki-


schen Gegenterror könnte man erwarten, daß die griechischen Untertanen im
osmanischen Reich ihre herausragenden Positionen verlieren würden. Es er-
weist sich jedoch, daß dem nicht so war.
So war der erste Botschafter, den die Osmanen nach Athen schickten, der be-
rühmte (griechisch stämmige) Kostaki Pascha (Kostakis Musurus), der dort von
1834 bis 1846 das Reich vertrat. Kostakis Pascha war danach Botschafter in der
damals für die Osmanen wichtigsten europäischen Hauptstadt, in London.538 Al-
lein dieser Umstand sollte genügen, um zu beweisen, daß die osmanische Re-
gierung die Menschen nicht nach ihrer Abstammung oder Religion, sondern
entsprechend ihren persönlichen Eigenschaften beurteilte.
Ein anderer, sehr bekannter osmanischer Diplomat griechischer Abstammung
war Karateodori Pa a (Alexandros Karatheodoris, 1833-1906). Er war ebenfalls
Botschafter in London und vertrat 1878 auf dem für die Osmanen lebenswichti-
gen Berliner Kongreß als Chef der osmanischen Delegation das osmanische
Reich.539
Hier Beispiele für weitere griechisch-orthodoxe Osmanen im diplomatischen
Dienst 540

537 537
Zitiert nach Cemal Kutay, „Lavrense kar ı Ku çuba ı ve özel örgütün kurulu u“,
Istanbul 1978, Cemal Kutay Kitaplıı, S. 54)
538
D. Kitsidis, “Türk-Yunan mparatorluu”, S. 165
539
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, Anhang Lichtbilder: Sonyel
schreibt, das Karatheodori Pascha 1878-1879 außerdem Außenminister des osmanischen
Reiches war.
540
Alle Angaben zu den griechisch-orthodoxen Diplomaten aus: D. Kitsidis, ““Türk-
Yunan mparatorluu”, S. 164-166, wenn nicht anders angegeben.

216
Ioannis (1811-97) Botschafter in Berlin

Pavlos (1810-76) Botschafter Wien

Fotiadis Botschafter in Rom und Brüssel

Kostakis Anthopulos Pa- Botschafter in London, um 1896


scha
Kostaki Musurus Pascha Botschafter in London (1881-1885)541

Um diese Situation (Vertretung des osmanischen Reiches in den damals wich-


tigsten europäischen Hauptstädten durch Osmanen griechischer Herkunft) rich-
tig würdigen zu können, muß man wissen, daß seit 1821 die Greueltaten gegen
die Moslems auf dem Balkan weiter gingen. So “verübten Griechen auf Kreta
1897 entsetzliche Massaker gegen die Moslems”.542.

2) Türken, Griechen, Armenier entwerfen die Verfassung

Auch die Art und Weise der Vorbereitung der ersten osmanischen Verfassung
zeigt, wie eng die Zusammenarbeit der Türken, Griechen und Armenier in der
osmanischen Elite war: Die erste Verfassung des osmanischen Reiches wurde
Ende 1876 von einem Ausschuß entworfen, der aus drei Türken (Namık Kemal,
Mithat Paa, Süleyman Paa), einem Griechen (Karateodori Paa) und einem
Armenier (Krikor Odian bzw. Odyan) bestand.543

3) Griechen emigrieren in die Türkei

Ein bemerkenswerter Beweis dafür, wie gut es den Griechen in der Türkei
ging, liefert die Tatsache, daß bald nach der Errichtung des unabhängigen grie-
chischen Königreichs 1822 eine wachsende Emigration von Griechen aus Grie-
chenland in das osmanische Reich einsetzte. Diese Einwanderung wurde im
ganzen 19. Jahrhundert beschleunigt fortgesetzt, so daß die Zahl der Griechen in

541
Sonyel, The Ottoman Armenians, London 1987, Anhang, Lichtbilder
542
Encyclopaedia Brittanica, 1971, Vol. 6, p. 740. Ich zitiere diese Stelle etwas ausführ-
licher, zumal sie in den späteren Ausgaben von Britannica nicht mehr zu finden ist:
“The Greek government now dispatched an ironclad a a cruiser to Canea, and its
commander, Colonel Vassos, proclaimed the occupation of the island in the name of
King George. This move caused immense excitement among the Christian population,
who indulged in terrible massacress of the Muslim peasantry.”
543
P. Mansel, Constantinople. 1998, St. Martin’s Griffin, New York, S. 303

217
Westanatolien dramatisch stieg.544 Die Griechen erfreuten sich aller Freiheiten.
Im Gegensatz zu der türkischen Bevölkerung, für die der Militärdienst545 schwe-
re Menschenverluste bedeutete, wurden sie nicht zum Militär eingezogen. Die
europäischen Firmen bevorzugten die Griechen und die Armenier als ihre Han-
delsvertreter vor Ort, auf diese Weise konnten diese riesige Vermögen erwirt-
schaften.

4) Die Drahtzieher und Hauptakteure der anti-türkischen Propaganda

Trotz des wachsenden Wohlstandes wurde in zahlreichen griechischen Schu-


len und Kirchen im osmanischen Reich ein feuriger griechischer Nationalismus
im Sinne der Errichtung eines hellenistischen Großreiches und für die Zerstö-
rung des osmanischen Reiches propagiert.546
Friedrich Engels schreibt hierzu: „Hunderte von russischen Agenten durchzo-
gen die Türkei und lenkten die Aufmerksamkeit der griechischen Christen auf
den orthodoxen Herrscher als das Haupt, den natürlichen Beschützer und
schließlichen Befreier der unterdrückten orientalischen Kirche; den Südslawen
wieder zeigten sie diesen selben Herrscher als den allmächtigen Zaren, der frü-
her oder später alle Stämme der großen slawischen Rasse unter ein Zepter ver-
einigen und sie zur herrschenden Rasse Europas machen werde. Die Geistlich-
keit der griechisch-orthodoxen Kirche bildete bald eine einzige große Ver-
schwörung zur Verbreitung dieser Ideen. Die serbische Erhebung 1804 und die
griechische Empörung 1821 waren mehr oder weniger direkt durch russisches
Gold und russischen Einfluß angestiftet, und wo immer von türkischen Paschas
die Fahne der Empörung gegen die Zentralregierung erhoben wurde, da fehlte
es weder an russischen Intrigen noch an russischen Geldern.“

Überall in der Türkei haben griechischstämmige Bürger, die von dem griechi-
schen Nationalismus und Großmachtträumen verblendet waren, über Jahrzehnte
öffentlich für die griechischen Armeen, die gegen die Türkei kämpften, Partei
ergriffen. Der britische Diplomat A. Herbert vermerkt in seinen Memoiren, wie
während des griechisch-türkischen Krieges im Jahre 1897 griechische Ange-
stellte aus Istanbul ganz offen Istanbul verließen, um für “Hellas” (also mit der

544
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 195 f. Vgl. auch P. Man-
sel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 278
545
Der reguläre Militärdienst der Türken dauerte am Ende des 19. Jahrhunderts 6 Jahre.
546
Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews
in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin
Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 198

218
griechischen Armee gegen die Türken) zu kämpfen und nach dem Krieg unbe-
helligt zurück kamen.547 Auch Whitman berichtet über die griechisch stämmi-
gen Bürger in Saloniki, die während des griechisch-türkischen Krieges 1897
und der griechischen Massaker gegen die Moslems in Kreta, demonstrativ Par-
tei für Griechenland ergriffen. Er bemerkt, dieses Verhalten wäre in jedem an-
deren europäischen Land als Hochverrat betrachtet worden, jedoch nicht in der
Türkei. Die Betreffenden wurden sowohl von der türkischen Bevölkerung wie
auch von den türkischen Soldaten toleriert.548 Die offiziellen Berichte der euro-
päischen Diplomaten aus der Türkei nennen zahlreiche ähnliche landesverräteri-
sche Aktivitäten der griechischen Minderheit. Trotzdem haben die Türken nicht
alle Griechen über einen Kamm geschoren und den loyalen Griechen weiterhin
verantwortungsvolle Positionen eingeräumt. Auch an dieser Stelle sei die Frage
erlaubt, ob es je in anderen Ländern eine vergleichbare Haltung gegenüber
Minderheiten gegeben hat.
Der letzte griechisch-orthodoxe osmanische Botschafter wurde 1912 (d.h. im
Zuge des Balkankrieges, als die griechischen Mannschaften in der osmanischen
Armee zu Tausenden zum Feind überliefen) aus Wien zurückberufen.

5) Zusammenschluß mit der Türkei wird gefordert

“Die Türken schützen uns wie freundliche Riesen”


Unter den griechischen Nationalisten gab es zwei Lager: die eine Gruppe
kämpfte für die Einverleibung möglichst großer Gebiete aus dem osmanischen
Reich in das neu gegründete griechische Königreich. Represäntativ für diese
Gruppe ist der mehrfache Ministerpräsident Griechenlands, Venizelos549.
Die zweite Gruppe forderte den Zusammenschluß Griechenlands mit der Tür-
kei, weil sie davon ausging, daß die kapitalstarke und gut ausgebildete griechi-
sche Oberschicht über kurz oder lang den so gebildeten türkisch-griechischen
Staat dominieren und dem Vordringen der Slaven auf dem Balkan Einhalt ge-
bieten würde. Ein griechischer Unternehmer drückte dies wie folgt aus: “Wir
leihen ihnen [gemeint sind die Türken] die Lebenskraft unserer Intelligenz und
unsere kaufmännischen Fähigkeiten, sie schützen uns mit ihrer Kraft, wie
freundliche Riesen ... In einem Punkte bin ich sicher. Die Zukunft gehört den

547
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924, S. 273.
Siehe auch: Richard Cloog, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians
and Jews in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benja-
min Braude and Bernard Lewis, New York and London, Vol. I, S. 199
548
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 251
549
Es ist dies der selbe Venizelos, der 1934 Mustafa Kemal Paa (Atatürk) für den No-
belfriedenspreis vorschlug.

219
Griechen; kein Zweifel, es ist eine entfernte Zukunft, doch Völker können war-
ten.”550
Diese zweite Gruppe bezeichnete die Zerstückelung des osmanischen Reiches
als Verrat an dem hellenistischen Ideal.551 So reichte der griechische Parlament-
sabgeordnete Georgios Typaldos-Iakovatos am 25.11.1880, also knapp 60 Jahre
nach der griechischen Unabhängigkeit, im Parlament in Athen den Vorschlag
ein, eine türkisch-griechische Konföderation zu bilden. Er forderte, daß die
Bürger des so zu bildenden Staates als “Türken” bezeichnet werden sollten552.
Das Symbol des angestrebten gemeinsamen Staates sollte ein Halbmond sein!553
Die Bemühungen dieser “Hellene-Türkisten”, wie sie von Kitsikis bezeichnet
werden, und die nicht nur in Griechenland, sondern auch im osmanischen Reich
tätig waren, dauerte bis zum Balkankrieg (1912) an. Auch dieser Umstand
spricht Bände über die Situation der Griechen unter der türkischen Herrschaft.
Hätten die Griechen in Griechenland 60 Jahre nach der Erringung der Unabhän-
gigkeit einen Zusammenschluß mit dem osmanischen Reich gefordert, wenn es
den Griechen unter der türkischen Herrschaft schlecht ergangen wäre?

XV) Die Türken retten die Juden vor Verfolgung

Während die Juden in dem christlich beherrschten Teil Europas vom 11. Jahr-
hundert bis weit in das 20. Jahrhundert hinein schlimmsten Verfolgungen aus-
gesetzt waren, konnten sie fast immer im osmanischen Reich Zuflucht finden
und leisteten mit ihrem Fleiß und Kenntnissen einen wichtigen Beitrag zur Ent-
wicklung der Gesellschaft. Es muß auch betont werden, daß die Juden die Un-
terstützung der Türken nie vergessen haben und in der Türkei sich immer pat-
riotisch verhalten haben. Das ist eine der Gründe für die heutigen guten Bezie-
hungen zwischen der Türkei und Israel.554 Hier einige Beispiele aus der gemein-
samen Geschichte.

550
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 337
551
D. Kitsikis, L’Empire ottoman, Paris 1991, S. 119 f. Siehe auch: Richard Cloog,
„The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews in the Ottoman
Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin Braude and Bernard
Lewis, New York and London, Vol. I, S. 197
552
Dies ist insoweit pikant, als damals die Türken sich offiziell als „Osmanen“ bezeich-
neten!
553
Kitsikis hat diese Stelle aus seiner zweiten französischen Ausgabe gestrichen, des-
wegen zitiere ich aus der ersten Ausgabe, die mir nur in türkischer Übersetzung vor-
liegt: D. Kitsikis, Türk-Yunan mparatorluu, 1996, stanbul, S. 193-195
554
Es gibt auch andere, weit zurück reichende Verbindungen zwischen Juden und
Türken. Es waren die türkischen Hazaren (oder Chasaren), die den mosaischen Glauben
angenommen hatten, und die ein großes Reich an der unteren Wolga und Don gegründet

220
„Orhan Gazi, der Sohn des Gründers der osmanischen Dynastie, hatte nach
der Eroberung von Bursa im Jahre 1326 eine unterdrückte jüdische Gemeinde
vorgefunden. Er erließ ein Ferman (königlicher Befehl) zum Bau der Synagoge
„Etz Ha Hayim“ und forderte Juden von überall dazu auf, sich in der neuen
Hauptstadt niederzulassen. Angezogen durch das neue Klima der Freiheit zogen
Juden aus Arabien in die Stadt.“555
„Der Sohn von Orhan Gazi, Murat der I., siedelte die Juden, die aus Ungarn
geflohen waren, in Thrakien und Anatolien an.“ Nach der Eroberung von Edirne
„kamen die unterdrückten Juden aus dem Balkan, die die Freiheit und die Tole-
ranz, die die Juden unter dem osmanischen Halbmond genossen, erfuhren, auch
in diese Stadt“556
„Im Jahre 1394 forderte Sultan Yıldırım Beyazid die von dem König Charles
VI. bedrängten französischen Juden auf, sich in dem osmanischen Reich nieder-
zulassen. Sie wurden in Edirne und auf dem Balkan angesiedelt. 557
1421 erlaubte Sultan Murat der II. die Niederlassung der deutschen Juden, die
wegen der Verfolgungen in Deutschland geflohen waren, in Edirne und Saloni-
ki. 558
Mehmet der Eroberer, lud nach der Eroberung von Istanbul 1453 alle Juden
ein, sich in der neuen Hauptstadt niederzulassen. Damals hatte der Bayrische
Kurfürst Ludwig der III. entsprechend den Einflüsterungen des italienischen
Mönches Jean de Capistrano die Juden ausgewiesen, die an die südlicheren Ufer
der Donau ziehen mußten. Später wurde Capistrano von dem Papst Nicholas
dem V. angewiesen, in der Slowakai die Anhänger von Jean Huss (Huss selber
war bereits als Ketzer verbrannt worden) zu bekämpfen, bei dieser Gelegenheit
vergaß Capistrano auch die Juden nicht. Daraufhin wurde auf Befehl des Sul-
tans ein Sonderregiment mit der Bezeichnung „Söhne von Moses“ („Evladı Mu-
sa Gariban Alayı“) geformt, an dem sich die Juden, die aus den ägäischen Inseln
und aus Kreta in das osmanische Reich geflüchtet waren, beteiligten. Die jüdi-
schen Leibärzte des Sultans, shak Paa Galeon und Ribi Sonsino waren als
Ärzte zu diesem Regiment beigeordnet worden. In einem Gefecht enthauptete
Ribbi Sonsino den Mönch Jean de Capistrano, bevor er selber fiel. Später wurde
Capistrano von der katholischen Kirche heilig gesprochen. Nach diesem Krieg
lud Mehmet der Eroberer die Juden von Transylvannia und Slowakei ein, sich
in dem osmanischen Reich anzusiedeln. 559

hatten (8.-13. Jahrhundert). Ihre Nachfahren, die jüdischen Türken (die Karaim) sind
heute noch im Baltikum zu finden.
555
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul 1999, S. 22
556
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul 1999, S. 26
557
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 30
558
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 40
559
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999., S. 44-47

221
Etwa im Jahre 1454 veröffentlichte der Rabbiner Isaak Zarfati, der in
Deutschland geboren aber wegen der Verfolgungen in das osmanische Reich
geflüchtet war, einen Brief an seine Glaubensbrüder in Deutschland, in dem er
sie dazu aufforderte, in die Türkei zu kommen. Er schreibt unter anderem:
„...Brüder und Lehrer, Freunde und Bekannte! Ich, Isaak Zarfati, der ich,
obwohl ich französischen Ursprungs bin, in Deutschland geboren wurde
und dort zu Füßen meines verehrten Lehrers saß. Ich rufe Euch auf, daß die
Türkei ein Land ist, wo es an Nichts fehlt und wo, wenn Ihr es wollt, sich
für Euch Alles zum Guten wenden wird. Der Weg in das Heilige Land ist
für Euch durch die Türkei offen. Ist es nicht besser für Euch, unter den
Moslems zu leben als unter den Christen? Hier lebt jeder Mensch in Frieden
unter seinem eigenen Feigenbaum und Rebstock. Hier ist es Euch erlaubt,
die teuersten Kleider zu tragen...“560
Das bekannteste Beispiel ist die Einladung durch den Sultan Beyazit II. an die
in Spanien verfolgten Juden, sich in dem osmanische Reich niederzulassen. Der
katholische spanische König Ferdinand und die Königin Isabelle hatten im Jahre
1491 aufgrund eines schriftlichen Vertrages, das sie unter anderem zur Respek-
tierung des Rechts der freien Religionsausübung für die Moslems und die Juden
verpflichtete, Granada von dem letzten islamischen Herrscher kampflos über-
nommen. Das hinderte sie jedoch nicht daran, ihr Eid zu brechen und am
31. März 1492 ein Dekret zu unterschreiben, in dem ihre sämtlichen Untertanen
gezwungen wurden, zum Katholizismus überzutreten oder das Land bis zum 2.
August 1492 zu verlassen, wobei das gesamte Vermögen konfisziert werden
sollte. Diejenigen, die sich widersetzten, sollten beim lebendigen Leibe ver-
brannt werden.561 Etwa 1000 Juden, die am letzten Tag der gesetzten Frist in
den Schiffen in dem südspanischen Hafen von Cadiz Spanien verlassen wollten,
jedoch aus Angst vor den Piraten auf offener See es nicht wagten, die Schiffe
auslaufen zu lassen, wurden von einer Abteilung der osmanischen Flotte unter
dem Befehl von Kemal Reis gerettet, der im letzten Augenblick in Cadiz er-
schien, ein Ferman des Sultans mit der Einladung, in das osmanische Reich zu
übersiedeln, überbrachte und den Flüchtlingen Geleitschutz gab. Von den ca.
600.000 Juden, die damals in Spanien lebten, war etwa die Hälfte gezwungen,
sich taufen zu lassen. Etwa 150.000 Juden kamen in das osmanische Reich Etwa
100.000 flüchteten nach Portugal, wurden aber 1497 auch von dort vertrieben,
sodaß auch von diesen Personen ein großer Teil in das osmanische Reich über-
siedelte. Die Übersiedlung derjenigen, die zwangsweise getauft worden waren,

560
Zitiert nach Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul,
1999, S. 49. Für den vollen Text des Briefes und zahlreiche weitere Informationen siehe
auch: Bernard Lewis, The Jews of Islam, 1984, Princeton, S. 135-136
561
Spiegel (vom 1.6.98) schätzt die Zahl der aus Spanien vertriebenen zwischen
300.000 und 3 Millionen.

222
verlief allmählich über lange Jahre.562 Die neuen Untertanen des Sultans konn-
ten im osmanischen Reich ihre gewohnte Lebensweise fortsetzen. So kommt es,
daß heute in Istanbul immer noch Türken jüdischen Glaubens leben, die die
altspanische Sprache aus dem 15. Jahrhundert beherrschen, eine Sprache, die
sonst nirgends mehr gesprochen wird. Bis vor wenigen Jahren gab es sogar eine
Zeitung, die in dieserSprache publiziert wurde.
Yavuz Sultan Selim (Regierungszeit 1512-1520) eroberte 1517 Ägypten und
beendete “Das Gesetz der Verbannung”, das im Jahre 60 unserer Zeitrechnung
von dem römischen Senat gegen die Juden erlassen worden war. Dieses römi-
sche Gesetz hatte die Vertreibung der Juden aus Palästina zum Ziel. Da die rö-
mischen Kaiser sich als „göttlich“ betrachteten, wollten sie die Juden dazu
zwingen, die Statuen der römischen Kaiser in dem jüdischen Tempel in Jerusa-
lem aufzustellen. Die Juden lehnten dies als Götzendienst ab. Deswegen kam es
immer wieder zu Aufständen. Nach der Niederschlagung des letzten Aufstandes
wurde die gesamte jüdische Bevölkerung aus Palästina vertrieben. Das Gesetz
beinhaltete auch einen Passus, nach dem jeder Jude, der in einem Schiff ent-
deckt wurde, das in Richtung Palästina segelte, ins Meer geworfen werden soll-
te. Dieses Gesetz wurde auch von allen anderen Mächten, die das Gebiet nach
den Römern beherrschten, in Kraft belassen. Yavuz Sultan Selim hob es sofort
nach der Eroberung im Jahre 1517 auf und ermöglichte jüdische Niederlassun-
gen in Palästina.
In diesem Zusammehang wird die folgende Episode berichtet: Der osmani-
sche Sultan Yavuz Sultan Selim hatte zur Finanzierung seines Ägyptenfeldzu-
ges (1516-1517) von einem jüdischen Bankier Kredit aufgenommen. Doch der
Bankier verstarb, bevor der Betrag fällig wurde. Daraufhin verfaßte der Fi-
nanzminister ein Schreiben an den Sultan mit dem Vermerk, daß wegen des Ab-
lebens des Gläubigers die Rückzahlung des Kredits unterbleiben könne. Der
Sultan schrieb unter dieses Schreiben eigenhändig folgende Notiz: „Möge der
Tote in Frieden ruhen, seine Waisen sich guter Gesundheit erfreuen, sein Ver-
mögen möge gedeihen. Der Intigrant aber sei verflucht!“563
1527 ließ sein Sohn Sultan Süleyman der Prächtige die Juden von Buda (Un-
garn) mit der osmanischen Donauflotte nach Istanbul bringen.564 Der selbe Sul-
tan ließ am Ufer des Sees Gennesaret (Kinneret) in Palästina tausende von Ju-
den ansiedeln. Als Papst Paul der IV. die Juden von Ancona (Italien) der Inqui-
sition übergeben wollte, wurden diese durch eine rechtzeitige Intervention des
Sultans gerettet.565

562
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 56
563
Auf türkisch: “Merhuma rahmet, yetimlerine afiyet, malına bereket, gammaza lanet.“
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 60-62
564
The Quincentennial Foundation. A Retrospection ..., Istanbul, S. 16
565
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 67

223
Da in dem osmanischen Reich auch Millionen von Christen lebten, kam es
immer wieder vor, daß interessierte Kreise versuchten, bei einer günstigen Ge-
legenheit die christlichen Gemeinden gegen die Juden aufzuwiegeln und
Pogromme der Christen gegen die Juden anzuzetteln, in dem sie die Juden be-
schuldigten, Kinder zu ermorden, um deren Blut in geheimen religiösen Zero-
monien zu verwenden. Insbesondere auf den ägäischen Inseln mit einer über-
wiegend griechisch-orthodoxen Bevölkerung waren eine Reihe solcher Vorfälle
zu verzeichnen. Die osmanische Regierung unternahm die erforderlichen Schrit-
te, um die jüdischen Untertanen zu schützen. 1810 und 1866 erließen die Sulta-
ne jeweils ein “Ferman” (Dekret), in dem auf die Haltlosigkeit solcher Beschul-
digungen hingewiesen wurde und harte Bestrafung derjenigen, die sich der Ü-
bergriffe schuldig machten, angedroht wurde. Daraufhin mußte auch das grie-
chisch-orthodoxe Patriarchat in Istanbul Enzyklien erlassen, in denen den unter-
stellten Kirchen das Ausstreuen von Gerüchten mit verleumderischem Inhalt
verboten wurde.566

XVI) Ämter der Nicht-Muslime im osmanischen


Reich

“Das osmanische Reich verfügte über die internationalste Bürokra-


tie vor der Gründung der europäischen Kommission”
Die meisten Zeitgenossen (Türken wie Europäer) können sich kaum vorstel-
len, welch hohe Ämter die Christen im osmanischen Reich bekleideten und wie
sehr sie in die Ausübung der hoheitlichen Aufgaben einbezogen waren. Der
englische Historiker P. Mansel stellt fest, daß das osmanische Reich über die
“internationalste Bürokratie vor der Gründung der europäischen Kommission
verfügte”.567 Da die herkömmlichen Geschichtsbücher in der Regel keine In-
formationen über die Herkunft der einzelnen Personen in den verschiedenen
Ämtern enthalten, sind diese Informationen für Personen ohne Spezialkenntnis-
se kaum zugänglich. Aus diesem Grunde soll hier versucht werden, in Form von
tabellarischen Aufstellungen einen Eindruck zu geben. Die folgenden Angaben
basieren im wesentlichen auf vier Quellen, eine amerikanische, eine armenische
und zwei türkische. Zunächst die Angaben der türkischen Quellen:

566
Harry Ojalvo, Ottoman Sultans and their Jewish Subjects, Istanbul, 1999, S. 166-170
567
Vgl. P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 318

224
A) Armenier in wichtigen Ämtern:

Agop Gircikyan: Berater von Resid Pascha, dem ersten Botschafter


des Osmanischen Reiches (in Paris), Geschäfts-
führer (Maslahatgüzar) der Botschaft des Osma-
nischen Reiches in Paris (1834-)
Krikor Agaton: Generaldirektor der osmanischen Post (1864)
(Osmanlı PTT Umumi Müdürü), Angestellter im
Außenministerium (1848-1850)
Sahak Abro: Generalsekretär des Außenministeriums (1850-)
(Hariciye Vekaleti Umumi Katibi)
Sebuh Laz: Sekretär der türkischen Botschaft in Minas, Paris
(1863)
Krikor Odyan: Verfahrensdirektor des Außenministeriums
(1870) (Hariciye Muhakemat Müdürü)
Serkis Efendi: Hauptvertrauenssekretär im Außenministerium
(1870-1871) (Hariciye’de Ba Sır Katibi)
Ovakim K. Reisyan: Gerichtspräsident der Ortschaft Vize bei Istanbul,
(1879), Präsident des Vorbereitungsgerichtes auf
der Insel Chios (1885) (hzari Mahkeme), Präsi-
dent des Vorbereitungsgerichtes auf der Insel
Rhodos (1887)
Artin Dadyan Pascha: Staatssekretär im Außenministerium (ab 1880)
(Hariciye Müstearı)
Diran Aleksan Bey : Türkischer Botschafter in Belgien (1862), Postin-
spektor (PTT Müfettii)
Yetvart Zohrab Efendi: Botschafter in London (1838-1839)
Hirant Düz Bey: Botschafter in Mesine (Italien) (1900-1907)
Hovsep Misakyan Efendi: Botschafter in Den Haag (1900-1907)
Sarkis Balyan: Türkischer Konsul in Montenegro und Italien
(1900-)
Azaryan Manuk Efendi: Staatssekretär im Außenministerium (Hariciye
Müstearı)
Kapriyel Noradunkyan: E- Außenminister im Kabinett von Gazi Ahmet
fendi Muhtar Pascha (1912) (Hariciye Nazırı)
Agop Kazazyan Pascha: Finanzminister, Tresorminister (Hazine-i Hassa
Nazırı)

225
Mikael Portukal Pascha568: Berater im Finanzministerium (Maliye Nezareti
Mü aviri) (1886), Generaldirektor der Agrarbank
(Ziraat Bankası), Tresorminister (1891) (Hazine-i
Hassa Nazırı)
Sakız Ohannes Pascha: Generalsekretär im Außenministerium (1871),
Tresorminister569 (1897) (Hariciye Vekaleti U-
mumi Katibi, Hazine-i Hassa Nazırı)
Garabet Artin Davut Pa- Botschafter in Wien (1856-1857), Governeur von
scha: Lebanon (1861), Minister für Post und öffentliche
Arbeiten (1868) (PTT ve Nafia Nezaretlerinde
Nazır)
Krikor Sinapyan: Minister für öffentliche Arbeiten (Nafia Nazırı)
Krikor Agaton: Generaldirektor der Post (1864) (PTT Umumi
Müdürü)
Jorj Serpos Efendi: Generalsekretär der türkischen Telegrafenanstalt
(Türkiye Telgrafları Umum Sekreteri) (1868)
Osgan Mardikyan: Postminister (1913) (PTT Nezareti Nazırı)
Tomas Terziyan, Nisan Gu- Hochschullehrer and der kaiserlichen Hochschule
gasyan,Tavit Çıracıyan: für höhere Beamte (Mülkiye)
Krikor Zohrab, Bedros Hal- Abgeordnete in Istanbul ( stanbul Mebusları)
laciyan:
Mıgırdıç
inabyan Direktor des Amtes für Statistik (1897-1903)
(„ statistik Umum Müdürlüü“)
Quellen :
Türk Devleti Hizmetinde Ermeniler (1453-1953). Rahip Komidos Çarkçiyan.
Istanbul. 1953 Temel Kaynaklar : British documents on Ottoman Armenians (4
cilt),1983,1989,1990,Türk Tarih Kurumu Osmanli Idaresinde Ermeniler, Nejat
Göyünç,1983
Tarih Boyunca Türklerin Ermeni Toplumu ile Iliskileri Sempozyumu.Atatürk
Üniversitesi.1985 Türk Tarihinde Ermeniler (Tebligler ve Panel Konusmalari).9
Eylül Üniversitesi.1985
Osmanli Ermenileri. Bilal Simsir,1986
Osmanli Arsivleri ve Ermeni Sorunu,Türkkaya Ataöv,1989
Die Familie Dadyan Seit der Zeit des Sultan Abdülme-
cid waren Angehörige dieser Fami-
lie fast 50 Jahre lang mit der Lei-

568
Sein Sohn Mıgırdıç Portukalyan ist der Gründer der „Armenekan Partei“, einer Par-
tei, die Vorbereitungen für einen bewaffneten Aufstand traf und Terrorakte verübte.
Siehe den Abschnitt „Terrorismus als Programm“.
569
Dies wird auch von Whitman bestätigt: Sidney Whitman, Turkish Memories, Lon-
don und New York, 1914, S. 19

226
tung der Munitionsproduktion für
das gesamte osmanische Reich be-
traut (Barutçu ba ı)
Haçik Efendi Direktor der Chiffrierabteilung des
Außenministeriums im Jahre 1892
(Hariciye
ifre Kalemi)
Mihirdat Efendi Leiter der Dokumentenverwaltung
des Außenministeriums (Hariciye
Evrak Müdürü), die fünf Sekretäre
unter seiner Leitung waren eben-
falls Armenier.
Quelle: Galib Kemali Söylemezolu, Hariciye Hizmetinde 30 sene, IV. Cildin
son kısmı, s. 104, stanbul 1955
Darüber hinaus waren im 19. Jahrhundert die persönlichen Ärzte, Fotografen
und Schatzmeister der Sultane Armenier.570 Besonders die Position des Arztes
ist eine Position, die erstens wegen der staatspolitischen Konsequenzen des Ge-
sundheitszustandes des Staatsoberhaupts außerordentliches Vertrauen voraus-
setzt, und zweitens aufgrund des unmittelbaren Zugangs zum Sultan auch einen
nicht zu unterschätzenden politischen Einfluß mit sich bringt.
Versuchen wir eine Zusammenfassung: Zahlreiche sicherheitspolitisch wich-
tige Posten im osmanischen Reich waren seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts
bis in den ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts durch Osmanen armenischer
Abstammung besetzt. Dazu zählen neben sehr wichtigen Botschafterposten in
Europa (London, Paris, Wien) der Sekräter des Außenministeriums, Leitung der
Chifrierabteilung des Außenministeriums, Leitung der Dokumentenverwaltung
des Außenministeriums (diese Positionen ermöglichen den Zugang zu fast allen
außenpolitischen Staatsgeheimnissen), Postminister, Generalsekräter der türki-
schen Telegraphenanstalt, Generaldirektion der Post (diese Positionen ermög-
lichten den Zugang zu der gesamten Kommunikation im Reich), Generaldirek-
tion der ersten türkischen Bank (Ziraatbank), Finanzminister (diese Positionen
ermöglichten erhebliche Möglichkeiten der Einflußnahme auf die wirtschaftli-
che Entwicklung), Leitung des Amtes für Statistik (Zugang zu wichtigen wirt-
schaftlichen, militärischen und politischen Informationen). Verfährt man so mit
den Angehörigen einer Volksgruppe, die man verachtet oder gar vernichten
will?
Bemerkenswert auch, daß in der Zeit des absolutistisch regierenden Sultan
Abdülhamid II, in der der persönliche Zugang zu dem Herrscher überaus wich-
tig war, mindestens drei Personen aus der unmittelbaren Umgebung des Sultans
(Sakız Ohannes Pascha, Leiter des persönlichen Schatzes des Sultans, d. H.,
seiner persönlichen Einnahmen und Ausgaben), Artin Dadyan Pascha (Staats-

570
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 297

227
sekretär im Außenministerium, besuchte den Sultan täglich571, um ihm über die
neuesten internationalen Entwicklungen zu informieren) und der Chef der Zen-
surbehörde (hier hatte sogar der Sohn die Positon seines Vaters übernommen,
nachdem dieser verstorben war572) Osmanen armenischer Abstammung waren.
Ein weiterer Osmane armenischer Abstammung, der enge persönliche Bezie-
hungen zu dem osmanischen Sultan hatte, ist Harutyan Amira Bezciyan. Er war
ein Freund und Berater des Sultan Mahmut II. Der Sultan besuchte ihn in sei-
nem Haus, als er erkrankte.573

B) Die Angaben des Missionars Rev. C. Hamlin:

Cyrus Hamlin gibt uns eine längere Liste von nicht-Moslems, die im 19. Jhr.
in der osmanischen Staatsverwaltung höhere Ämter bekleideten:574

1 Prinz Etienne Bulgarischer Abstammung (Orthodox). Vo-


gorides Prinz von Samos, großer Würden-
träger des Reiches, Kapukahya (Gouver-
neur) von Moldavien. Als die Tochter von
Vogorides den griechisch stämmigen Photi-
ades Bey heiratete, nahm der Sultan Abdul
Mecid persönlich an der Hochzeit teil, was
eine großes Aufsehen erregte. Die Teilnah-
me des Sultans an der Hochzeit im Jahre
1851 wird auch von Mansel erwähnt.575
2 Cezayirli Mıggırdıc Aga Armenischer Abstammung, Leiter der Zölle
des Hafens von Istanbul (um 1850)
3 Davud Paa Armenischer Abstammung, katholisch, Bot-
schaftsrat in Wien, Gouverneur von Leba-
non, Minister für Bauwesen
4 Aristarchi Bey (Nikolas) Griechischer Abstammung, Sekretär von
Sultan Mahmut II, Mitglied des imperialen
Justizrates
5 Franco Paa Syrischer Abstammung, katholisch, Gou-

571
Unveröffentlichte Memoiren von Galip Kemali Söylemezolu, damals als junger
Diplomat enger Mitarbeiter von Artin Dadyan Paa.
572
Sidney Whitman, Turkish Memories, London und New York, 1914, S. 24
573
Barsoumian, S. 176, vgl auch P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire,
London, 1998, S. 253
574
Vgl. Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 371-376
575
P. Mansel, Constantinople. City of the World’s Desire, London, 1998, S. 282

228
verneur von Lebanon
6 Agathon Efendi Armenischer Abstammung, Minister für
Bauwesen
7 Prinz Karaca Griechischer Abstammung, Gesandter in
Den Hague.
8 Mussurus Bey Griechischer Abst., Chargé Affairs in Turin,
Mitglied des imperialen Justizrates
9 Mussurus Bey (Paul) Griechischer Abst., Mitglied d. imperialen
Justizrates, Prinz von Samos, Mitglied des
Staatsrates
10 Vartan Paa Armenischer Abst., katholisch, Mitglied der
Admiralität
11 Faik Paa, Della Sudda Italienischer Abst., katholisch, Direktor der
militärischen Pharmazie
12 Aristarchi Bey (Demetrius) Griechischer Abst., Direktor des Presseam-
tes, Vize-Gouverneur von Kreta
13 Ohannes Efendi Armenischer Abst., katholisch, Mitglied des
Staatsrates
14 Prinz Callmachi Griechischer Abst., Gesandter in Paris, Bot-
schafter in Wien
15 Sefer Paa Katholisch, Divisionskommandant
16 Muhlis Paa Griechisch orthod., Divisionskommandant
17 Sadık Paa Katholisch, Divisionskommandant
18 Emile Efendi Griechischer Abst., Mitarbeiter im Kriegs-
ministerium
19 Aristides Bey (Baltaci) Griechischer Abst., Direktor der öffentli-
chen Schuldenverwaltung
20 Prinz Aristarchi Miltiades, Griechischer Abst., Mitglied des Staatsrates
Prinz von Samos
21 John Aristarchi Bey Griechischer Abst., Botschafter in Berlin
22 braham Paa Armenischer Abst., Kapukahya des Khidi-
ven, wurde zum Rang eines Vesir erhoben
(zweit höchster Rang)
23 Nubar Paa Armenischer Abst. Paa von Ägypten, wur-
de zum Rang eines Vesir erhoben (zweit
höchster Rang)
24 Odian Efendi Armenischer Abst., Unterstaatssekretär im
Außenministerium
25 Diran Bey Armenischer Abst., katholisch, Chargé Af-
fairs in Brüssel

229
26 Yaver Paa Armenischer Abst., katholisch, Mitglied im
Kriegsministerium, Mitglied des Staatsra-
tes, Generaldirektor der Post
27 Aristarchi Bey (George) Griechischer Abst., Attaché beim Außen-
ministerium
28 Aristarchi Bey (Alexander) Griechischer Abst., Botschaftssekretär
29 Mussurus Paa (Constanti- Griechischer Abst., Gesandter in Athen, in
ne) Wien, später Botschafter in London
30 Prinz Alexander Vogorides, Griechisch orthod., bulgarischer Abstamm.,
später Aleko Paa Botschafter in Wien, hatte auch sonst zahl-
reiche hohe Ämter inne
31 Serpos Efendi Armenischer Abst., katholisch, Inspektor
der Telegraphendienste
32 Artin Efendi, Dadian Armenischer Abst., Unterstaatssekretär im
Außenministerium, hatte zahlreiche weitere
hohe Ämter inne
33 Rüstem Paa Katholisch, Gesandter in Turin und Florenz,
Botschafter in St. Petersburg, Gouverneur
von Lebanon
34 Savar Paa Griechischer Abst., Gouverneur von Kreta,
usw., später Gouverneur von Archipelago
35 Ohannes Efendi Tchamitch Armenischer Abst., katholisch, Direktor der
öffentlichen Schuldenverwaltung, Minister
für Handel und Landwirtschaft

36 A. Karathéodori Efendi Unterstaatssekretär im Außenministerium,


Gesandter in Rom usw.
37 S. Aristarchi Bey Griechischer Abst., Grand Logthete, usw.
Senator
38 Davidschon Efendi Israelite, Senator
39 Anthopoulos Efendi Griechischer Abst., Mitglied des Justizho-
fes, Senator
40 J. Photiades Bey Griechischer Abst., Gesandter in Rom, Ge-
sandter in Athen [wie bereits oben ver-
merkt, nahm an der Hochzeit von J. Photia-
des Bey der Sultan Abdülmecid persönlich
teil.
41 Kostaki Paa Gouverneur von Mirabella, Prinz von Sa-
mos usw., Unterstaatssekretär im Innenmi-
nisterium

230
42 Reit Paa Protestant, Kommandant der Artillerie
43 C. Photiades Bey Griechischer Abst., Prinz von Samos, da-
vor Direktor der imperialen Schule Galata-
saray
44 Serkis Hamamciyan Efendi Armenischer Abst., Gesandter in Rom,
Hauptsekretär im Außenministerium
45 Servitschen Efendi Armenischer Abst., Senator
46 Blum Paa Protestant, ungarischer Abst., General der
Pioniertruppen
47 G. Aristarchi Bey Griechischer Abst., Direktor der politi-
schen Abteilung in Kreta, Vizegouverneur
der Provinz Izmir, Gesandter in Washington
48 Etienne Karatheodori Efen- Griechischer Abst., Chargé Affairs in Ber-
di lin und in St. Petersburg, Gesandter in
Brüssel
49 Konemenos Bey Griechischer Abst., Chargé Affairs in A-
then und St. Petersburg, Gouverneur von
Samos, Generalkonsul in Korfu
50 Blaque Bey Katholisch, Botschaftssekretär, Generalkon-
sul in Neapel, Gesandter in Washington, Di-
rektor des Pressewesens, Mitglied des
Staatsrates
51 Bohor Efendi Israelit, Mitglied des Staatsrates
52 Joseph Ikiades Efendi Griechischer Abst., Mitglied des Justizho-
fes
53 Yovantcho Efendi Bulgarischer Abst., Mitglied des Staatsrates
54 John Ikiades Efendi Griechischer Abst., Mitglied des Justizho-
fes
55 Mihran bey, Düzoglu Armenischer Abst., katholisch, Mitglied des
Staatsrates, Senator
56 Franco Paa Griechischer Abst., Direktor des imperialen
medizinischen Hochschule
57 Bedros Efendi, Kuyumcuy- Armenischer Abst., katholisch, Leiter der
an Forstverwaltung, Mitglied des Staatsrates
58 C. Calliades Efendi Griechischer Abst., Generalkonsul in Pa-
lermo, Direktor des Pressewesens, Mitglied
des Staatsrates
59 Sakissian Ohannes Efendi Armenischer Abst., katholisch, Unterstaats-
sekretär für Handel, Mitglied des Staatsrates
60 Dr. C. Karathéodori Efendi Griechischer Abst., Mitglied des Staatsra-

231
tes
61 K. Karathéodori Efendi Griechischer Abst., Direktor der Eisenbah-
nen
62 Constantin Paa Armenischer Abst., Gouverneur von Herzo-
govina
63 Faik Paa Gabriel Efendi Bulgarischer Abst., Mitglied des Staatsrates
64 Mourad Bey Armenischer Abst., Gesandter in den Haag
und in Stockholm
65 Vasa Efendi Armenischer Abst., Vizegouverneur von
Bosnien
66 Guatili Paa Katholisch, Kapellmeister der imperiallen
Kapelle
67 Serkis Efendi, Balyan Armenischer Abst., Chefarchitekt
[des Sultans]
68 Dr. Mavroyeni Bey Griechischer Abst., Chefarzt des
Sultans
69 Jean Axelas Efendi Griechischer Abst., Generalkonsul
in Lyra
70 M. Axelas Efendi Griechischer Abst., Generalkonsul
in Athen
71 C. Axelas Efendi Griechischer Abst., Vizegouverneur
der Provinz Kreta
72 Horasancı Ohannes Efendi Armenischer Abst., politischer Be-
amter im Außenministerium
73 Etienne Mussurus Bey Griechischer Abst., 1. Sekretär der Bot-
schaft in London
74 Paul Mussurus Bey Griechischer Abst., 2. Sekretär d. Botschaft
in London
75 Nasri bey, Syrisch katholisch, 1. Sekretär d. Botschaft
in Paris
76 Falcone Efendi Armenischer Abst., katholisch, 1. Sekretär
d. Botschaft in Wien
77 Xenophon Baltacı Efendi Griechischer Abst., 1. Sekretär der Gesand-
schaft in Washington
78 Rüstem Efendi Griechischer Abst., 2. Sekretär d. Gesand-
schaft in Washington
79 E. Photiades Bey Griechischer Abst., Sekretär der Gesand-
schaft in Athen
80 Chrysides Efendi Griechischer Abst., Vizegouverneur von
Epirus

232
81 Dani Efendi Katholisch, Generalkonsul in Ragussa
82 Loghades Efendi Griechischer Abst., politischer Beamter in
Saloniki
83 Dr. Parnys Efendi Protestant, Mitglied des außenpolitischen
Rates
84 Tarin Efendi Katholisch, Mitglied des außenpolitischen
Rates
85 Diran Efendi Armenischer Abst., politischer Beamter in
Izmir
86 Agathone Efendi Armenischer Abst., Vizegouverneur von
Erzurum
87 N. Petropoulos Efendi Griechischer Abst., Konsul in Kertch
Da Rev. Cyrus Hamlin 1873 die Türkei endgültig verließ, müssen seine An-
gaben auf den Zeitraum vor 1873 beziehen. Hamlin schließt diese diese Aufstel-
lung mit Bemerkungen ab, aus denen hier die ersten Sätze zitiert werden sollen:
„Diese Liste könnte noch erheblich erweitert werden, doch um dies genau
machen zu können, müßte man Zugang zu den Unterlagen der Hohen Pforte 576
haben. Die obigen Beamten haben, durch ihre direkte Patronage oder durch ih-
ren Einfluß haben in den unteren Ränge Hunderte von christlichen Angestellten
eingestellt. Diese werden durch ihre größere Fähigkeiten und Aktivitäten sicher-
lich die Moslems verdrängen und ihre Positionen einnehmen. Die Zölle, die öf-
fentlichen Werke, die Marinewerfte, die Münzpräge, die Telegraphenämter, die
Eisenbahnen, die Hohe Pforte selbst sind voller Christen jeglicher Klasse. Der
Fortschritt in dieser Richtung war in den letzten zehn Jahren sehr groß.“577

C) Die Positionen der Armenier in den ostanatolischen


Provinzen:

Der armenisch stämmige Autor Mesrop K. Krikorian hat eine Untersuchung


über die Armenier im Dienste des osmanischen Reiches vorgelegt, wobei er die
Situation in den ost-, südost anatolische und einige arabische Provinzen im Au-
ge hatte. Hier eine Auswahl aus dieser Arbeit.578, Interessierte werden auf das
Buch von Krikorian verwiesen, das umfangreiche Informationen enthält.

576
„Hohe Pforte“ auf Türkisch „Bab-ı Ali“, Regierungssitz im osmanischen Reich.
577
Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 375 f.
578
Vgl. Krikorian, Mesrob K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977.

233
1) Die Armenier in Diyarbakır

Amasian Efendi Um 1892 Direktor des Telegraphenamtes Diy-


arbakır
Armenak Efendi 1903 Assistent des Landrates von Palu
Arpiarian, Philippos Direktor der Landwirtschaftsbank in Diyarbakır
Djenazian, Mattheos Efendi Kassenwart der öffentlichen Finanzen in Diyar-
bakır um 1898, vor ihm hatten sein Bruder und
davor sein Vater dieses Amt inne.
Djerrahian, Tigran um 1900, Mitglied der Staatsanwaltschaft in
Diyarbakır
Kazazian, Yovseph Efendi Etwa 1880, Mitglied des Verwaltungsrates von
Diyarbakır
Khandenian, Karapet Etwa 1900, Mitglied des Strafgerichts von Diy-
arbakır
Kirishdjian, Tigran Efendi Assistent des Landrates von Palu (1905-1908)
Minasian, Yaruthiwn 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Direktor des
Postamtes von Diyarbakır
Minasian, Yovhannes Efendi Mitglied des Verwaltungsrates von Diyarbakır
(1906-1908)
Nishan Efendi Assistent des Landrates von Maden (1903-
1908)

Kirkorian bemerkt ferner über die Provinz Diyarbakır, daß die Armenier in
den Verwaltungsräten der Kreise579 mit zwei gewählten Mitgliedern vertreten
waren. Zahlreiche Armenier wurden in die Stadträte gewählt, sodaß die Arme-
nier gelegentlich in der Mehrheit waren. Manchmal war auch der Bürgermeister
ein Armenier. Was die Justiz betrifft, befanden sich armenische Richter an den
Gerichten der ersten Instanz, an dem Apellationsgericht und an dem Handelsge-
richt, beim letzteren waren die Armenier zusammen mit den Griechen zahlrei-
cher als die Türken. Ferner waren die Armenier in dem Komittee der Staatsan-
waltschaft vertreten.580 Der Leser möge beachten, daß die strategisch sehr wich-
tige Position als Direktor des Telegraphenamtes von einem Armenier besetzt ist.
Würde ein Staat, der Massaker gegen seine armenischen Bürger vorbereitet, ei-
ne solch wichtige Position so besetzen?

579
Auf türkisch “sancak” oder “kaza”.
580
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S. 21 f.

234
2) Die Armenier in Van

Aghabekian, Markos Efendi 1896 war er für eine kurze Zeit Assistent des
Gouverneurs von Van 581 (ab 1896 war der As-
sistent des Gouverneurs in Van immer ein Ar-
menier)
Amirdjanian, Tigran (1835-97) 1893-1897 Leiter des Provinzausschusses für
Erziehung und der Provinzübersetzer und
Dolmetscher (einige Armenier versuchten, ihn
umzubringen)
Boyadjian, Armenak Assistent des stellvertr. Landrats des Kreises 582
von Geva
Boyadjian, Yovhannes Ferit Assistent des Gouverneurs in Van, 1896-1907
Karapet Efendi Assistent des stellvertr. Landrats des Kreises
von atak (1902-1903)
Melikian, Stephan Assistent des Gouverneurs in Van, ab April
1896 nur bis Oktober 1896 im Amt. Er diente
auch jahrelang als Dolmetscher in osmanischen
Konsulaten und Botschaften und wurde später
zum Botschafter ernannt.
Tcharukhdjian, Nazareth Um 1908 war er in Van als Polizeioffizier tä-
tig.
Vardan Efendi Assistent des stellvert. Landrats des Kreises
von Geva (1902-1903)
Krikorian stellt fest, daß immer zwei Armenier Mitglied in den Verwaltungs-
rat der Provinz gewählt wurden. In der Stadt Van wurden zwei Armenier als
Mitglieder in den Stadtrat gewählt. Armenier waren Mitglieder der Justizinspek-
tion583 und des Komittees der Staatsanwaltschaft, hatten Sitze in den Gerichten.
Normalerweise gab es vier armenische Richter an dem Apellationsgericht, zwei
an dem Zivilgericht und zwei an dem Strafgericht, ferner zwei Richter an den
Gerichten der ersten Instanz (einer am Zivil-, der andere am Strafgericht). An
dem Handelsgericht gab es genauso viele armenische Richter wie Moslems. 584

581
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S. 36 ff.
582
Auf türkisch „kaza“.
583
Auf Türkisch „adliye müfettilii“.
584
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, 32 ff.

235
3) Die Armenier in Erzurum

Aydjian, L. Assistent des Gouverneurs von Erzurum


Ballarian, Hamazasp Er wurde 1876 als Abgeordneter für das erste
osmanische Parlament in Istanbul gewählt.
Billorian, Andranik Assistent des Gouverneurs von Erzurum
Darpasian, Derenik Leiter des Standesamtes 585 Krikorian vermerkt,
daß Darpasian seine Stellung ausnutzte, um
„seinen Landsleuten“ neue Personalausweise
um Reisedokumente zu verschaffen.
Der-Nersesian, Khatchadur Er war Direktor der Zölle erst in Erzurum, spä-
(1810-95) ter in Van. Außerdem war er für lange Zeit Mit-
glied des Verwaltungsrates von Erzurum. 1877
wurde er von dem russischen Konsulat in Erzu-
rum als Dolmetscher angestellt. Im selben Jahr
wurde er als Abgeordneter für das erste osmani-
sche Parlament gewählt. Am Ende seiner
Dienstjahre erhielt er eine staatliche Auszeich-
nung des osmanischen Reiches.
Karadjian, Daniel Wurde 1876 als Abgeordnete in das erste osma-
nische Parlament gewählt.
Papazian, Dr. Enovch (?- War der Chefarzt der medizinischen Abteilung
1913) der osmanischen Armee in Erzurum.
Shabanian, Krikor (Gregor) Er wurde 1865 in das Verwaltungsrat von Erzu-
Efendi rum gewählt, 1885 war er der Leiter der öffent-
lichen Schuldenverwaltung, um 1893 wurde er
zum Assistenten des Staatsanwaltes ernannt,
reichte jedoch bald seinen Rücktritt ein.
Yarmayan, Dr. Minas (?- Diente als Arzt an dem Militärkrankenhaus Azi-
1915) ziye in Erzincan.
Allgemeine Bemerkungen zu den Positionen der Armenier in Erzurum: 586
Die Bischöfe der armenischen Gemeinde (der katholische und der apostoli-
sche) waren vom amtswegen Mitglieder des Verwaltungsrates, außerdem wur-
den zwei weitere Armenier hinzugewählt. Normalerweise wurden zwei Arme-
nier in den Stadtrat gewählt (die Zahl der Türken betrug zwischen vier und

585
Im englischen heißt dieses Amt „notary“, was „Notar“ bedeuten würde. Da jedoch
Personalausweise und Pässe besorgt wurden, gehe ich davon aus, daß das Standesamt
gemeint ist. Der Verfasser.
586
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S. 42 ff.

236
sechs). In den Kreisen der Provinz gehörten die geistlichen Führer der Armenier
vom amtswegen dem Verwaltungsrat an (so in Ovacık, Kıı, Tercan, Hasankale,
Bayburt, spir, Doubeyazıt, Arı und Ele kirt). Außerdem gehörten zwei Ar-
menier als gewählte Vertreter diesen Gremien an. In den Stadträten gab es nor-
malerweise zwei gewählte Armenier. In der Justiz waren die Armenier in dem
Apellationsgericht, in den Gerichten der ersten Instanz und in dem Handelsge-
richt als Richter vertreten. Auch in den unteren Gliederungen der Provinz (Krei-
se) waren die Armenier mit einem Richter an den Gerichten vertreten. Auf dem
Gebiet der Erziehung waren die Armenier in den Ausschüssen für die Erziehung
vertreten. Ab 1896 wurde die armenische Sprache an den mittleren Schulen der
Stadt Erzurum unterrichtet. Außerdem waren Armenier als Polizeibeamte und
Polizeioffiziere in Erzurum tätig. 587

4) Die Armenier in Sivas

Baliozian, Ara (geb. um 1865) Hatte “lange Zeit” eine leitende Stelle (superin-
tendent) bei der Polizei in Sivas.
Daghavarian, Dr. Nazareth Studierte Medizin und Landwirtschaft. Wurde
(1862-1915) 1908 für die Provinz Sivas als Abgeordneter in
das osmanische Parlament gewählt.
Frengülian, Yovhannes Architekt der Stadtverwaltung in Sivas in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Kalpaklıyan, Dr. Avedis Studierte an der imperialen Militärhochschule
(1872-1935) für Medizin in Istanbul. Nach erhalt seines
Diploms 1898 wurde er erst in Zile und danach
in Gürün als Arzt der Stadtverwaltung einge-
setzt. Nach 1905 arbeitete er in Mara in einer
staatlichen Mittlerenschule als Lehrer für Phy-
sik. Während des I. Weltkrieges diente er in der
osmanischen Armee und wurde wegen seiner
Verdienste dekoriert.588
Mesropian, Karapet (zweite Hälfte des 19. Jhr.) Lehrer in der staat-
lichen Mittlerenschule in Tokat.
Michayel Efendi Assistent des Gouverneurs von Tokat (1907-
1908).
Nazareth Efendi Assistent des Gouverneurs von «Sancak» von
Amasya (1900-1906)

587
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S. 39 ff.
588
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S 60

237
Pascal Efendi Assistent des stellvertr. Landrats von Gürün
(1903-1908)
Pashayan, Dr. Karapet (1864- Arbeitete als städttischer Arzt in Palu, Malatya
1915) und Divrii. Später war er als Arzt in ebinka-
rahisar tätig.
Seferian, Yakob Hatte vor 1890 als Richter eine leitende Stelle
in der Juztizverwaltung von Tokat.
Shahinian, Yakob Wurde 1876 als Abgeordneter von Sivas in das
osmanische Parlament gewählt.
Shirinian, Kevork (1828-99) Arzt, arbeitete lange Jahre in Tokat als Arzt in
der Stadtverwaltung.
Tcherasunian, Avedis War in der zweiten Hälfte des 19. Jhr. Richter
in Tokat
Tıngırian, Yakob (1839-1909) 1900-1903 Assistent des Gouverneurs von To-
kat.
Vezneyan, Dr. Yaruthiwn Ab 1907 Arzt in den Stadtverwaltungen von
(1883-1915) Talas und Zile.
Für weitere Angaben siehe Krikorian 589.

XVII) Ein amerikanischer Missionar über die


Türkei–Feindlichkeit

Ich zitiere aus dem Bericht eines amerikanischen Missionars (Rev. Cyrus
Hamlin), der als einer der ersten protestantischen Missionare in die Türkei ge-
kommen war, über 30 Jahre in der Türkei lebte und nach seiner Rückkehr in die
USA zwei Bücher über seine Eindrücke verfaßte, die sehr detaillierte und inte-
ressante Berichte enthalten. Rev. Hamlin war empört über die haltlosen An-
schuldigungen, die in der europäischen und amerikanischen Presse gegen die
Türkei erhoben wurden und erläutert, wie diese Falschmeldungen entstehen.
Sein Bericht ist immer noch aktuell:
„Dies ist ein Thema, das ich mit wahrer Unsicherheit anpacke. Aus vielen
Gründen ist es das schwierigste Thema, das man sich vornehmen kann. Die
Zeugen, die in diesem Fall aussagen, sind alle einseitig. Die osmanischen Tür-
ken lernen nie, oder sehr selten, Fremdsprachen. Sie beachten die Meinungen
im Ausland viel zu wenig. Wenn sie von einem monströsen Fall von Ungerech-
tigkeit erfahren, die ihnen in ausländischen Zeitungen angetan wurde, sagt eine

589
Vgl. Krikorian, M. K., Armenians in the Services of the Ottoman Empire, 1860-
1908, London, 1977, S. 53 ff.

238
Gruppe von ihnen: „So sind diese Giauren.“590 Die Gläubigeren würden sagen:
“Wir nehmen Zuflucht zu Gott,” und würden weiter rauchen. Doch keiner wür-
de je eine Widerlegung versuchen. Der jetzige Krieg 591 hat die Regierung dazu
gebracht, noch nie dagewesene Anstrengungen zu unternehmen, um falsche
Eindrücke zu korrigieren.
Die Berichte über die Verhältnisse in der Türkei stammen erstens von Reisen-
den. Diese beabsichtigen, im Allgemeinen, die genaue Wahrheit zu berichten
und mit wenigen Ausnahmen von Personen, die, wie Macfarlane, mit üblen Ab-
sichten im Dienste einer politischen Partei dahin gefahren sind, berichten sie,
ohne Frage, was sie gesehen und gehört haben. Sie verstehen die Sprache nicht.
Sie erhalten von dem Hotel einen netten, intelligenten und aktiven Dragoma-
nen.592 Der Dragoman weiß alles und kennt alle Leute und hat die besten Emp-
fehlungen von früheren Reisenden. Er ist ein Levantiner. Er gehört zu keiner
besonderen Rasse an. Er wird Ihnen vielleicht sagen, daß er ein Grieche ist.
Wenn es auf der Welt eine Klasse von Menschen gibt, die völlig von der Wahr-
heit entfremdet sind, denen Falschheit süßer schmeckt als die Wahrheit und die
darin perfektioniert sind, in jedem gegeben Fall zu ermessen, wieviel einem
Mann aufgetischt werden kann, ohne Verdacht zu erregen, dann sind es diese
Levantiner. Sie verfügen über eine Liste von klassischen Horrorgeschichten ü-
ber den „unaussprechlichen Türken“, die einem arglosen Reisenden präsentiert
werden. Unser Wissen über die Türkei kommt eigentlich von denen. Ich habe
einmal einer solchen Person, die überraschende Informationen über die Türkei
anbieten wollte, lediglich gesagt, «ich habe in der Türkei so viele Jahre gelebt,
war in jenen Orten und kenne jene Personen». Ich sagte nichts mehr und kom-
mentierte seine Angaben nicht. Darafhin hat er seine Geschichte nicht fortge-
setzt und verschwand Hals über Kopf. Der Reisende, der auf der Durchreise ist,
muß ein Mann von seltenem Scharfsinn sein, der in der Lage ist, die Wahrheit
aus den Lügen raus zu waschen, wenn er sich in den Händen eines Levantinen
befindet.
Wir besitzen alle eine natürliche und noble Neigung, das zu glauben, was wir
lesen oder hören. Doch wenn ich die östlichen Nachrichten in die Hand nehme,
bete ich immer insgeheim „O Herr, gebe mir einen passenden Geist des Un-
glaubens!“
Ein anderer Punkt, den man beachten muß ist der, daß die gesamte Klasse die-
ser Levantinen Feinde der Türkei sind. Sie berichten nie etwas gutes und ihr
Vorrat an Schlechtem ist ebenso unerschöpflich wie ihre Phantasie.

590
„Giaur“ oder auf türkisch „gavur“ bedeutet so viel wie „gottlos“. Anmerkung des
Verfassers.
591
Vermutlich ist der Krieg gegen Rußland im Jahre 1878 gemeint. Anmerkung des
Verfasser.
592
Die damalige Bezeichnung für Dolmetscher. Anmerkung des Verfassers.

239
Eine andere Quelle unseres Wissens über die Türkei kann in dem Zeitungs-
korrespondenten und dem Telegraphen gefunden werden. Da das Telegraph von
gegensätzlichen Parteien benutzt wird, muß man die Dinge, die da ankommen
betrachten und entsprechend der eigenen Fähigkeiten die Wahrscheinlichkeit
einschätzen und je nach eigenen Neigungen und Vorlieben glauben oder nicht
glauben.
Eine weitere Quelle findet sich in politischen Pamphleten. Es wurde in Eng-
land eine große Vereinigung gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Feh-
ler der Türkei bloß zu stellen. Die Zeugnisse stammen meistens von Reisenden.
Es ist nicht erforderlich, die Ehrlichkeit oder die Integrität der Autoren oder die
Reinheit ihrer Beweggründe in Frage zu stellen. Doch es sollte erlaubt sein, zu
fragen, ob irgendeine Regierung eine solche Prüfung ohne Schaden überstehen
könnte....593
...

XVIII) Bernard Lewis: kein Holocaust

Description: From the National Press Club in Washington, DC, a discussion


on the Islamic World featuring historian and author Bernard Lewis, along with
author and former Pakistani Ambassador to England, Akbar Ahmed. The two
men discuss the role of Islam and Islamic states, from an Islamic viewpoint as
well as the perception held by the Western World. After the discusssion, the two
panelists answered questions from members of the audience. 30. März 2002
Author Biographies: Akbar Ahmed is a former Pakistani ambassador to the
United Kingdom. He is also previously the author of numerous books including
"Postmodernism and Islam," "Jinnah, Pakistan and Islamic Identity," and "Li-
ving Islam." He is currently the chair of Islamic studies and a professor of Inter-
national Relations at American University. Bernard Lewis is professor emeritus
at Princeton University and a historian of the Muslim world. He is previously
the author of many books including "The Middle East: A Brief History of the
Last 2, 000 Years," "Islam and the West," and "The Jews of Islam."
Question from the audience: “In 1997 the british press reported, that in your
view the killing of one million Armenians did not amount to genocide. You ha-
ve said, that there was no Armenian genocide. ... Have your view changed
whether the killig of one million Armenians amounts to genocide?”
Bernard Lewis: “This is a question of definition. Nowadays the word geno-
cide is used very loosely, even in cases, when no bloodshed is involved at all.
And I can understand the annoyance of those, who find it refused. In this parti-
cular case, the point thas has been made, was that the massacre of the Armeni-

593
Cyrus Hamlin, Among the Turks, New York, 1878, S. 356-358

240
ans in the Ottoman empire was the same as what happened to the Jews in Nazi
Germany . And that is a downright falsehood. What happened to the Armenians
was the result of a massive Armenian armed rebellion against the Turks, which
began even before the war broke out and continued on a larger scale. Great
numbers of Armenians, including members of the armed forces deserted crossed
the frontier and joined the Russian forces invading Turkey. Armenian rebells
actually seized the city of Van and held it for a while, intending to hand it over
to the invaders. There was guerilla warfare all over Anatolia. I mean, this was,
what we nowadays call a national liberation movement of the Armenian against
Turkey. And the Turks certainly resorted to very ferocious methods in repelling
it. There is clear evidence of a decision to deport the Armenian population from
the sensitive areas. Which meant actually the whole of Anatolia, not including
the Arab provinces, which were then still part of the Ottoman Empire. There is
no evidence of a decision to massacre. On the contrary, there is considerable e-
vidence of attempts to prevent it, which were not very sucsessful. Yes, there we-
re tremendous massacres, the number is very uncertain, but a million may well
be likely. The massacres were carried out by irregulars, by local villagers,
responding to what have been done to them and a number of other ways. But to
make this a parallel with the holocaust in Germany, you would have to assume
that the Jews in Germany had been engaged in an armed rebellion against the
German State, collaborating with the Allies against Germany, that in the depor-
tation order the cities Hamburg and Berlin were exempted and persons in the
employement of the state were exempted and that the deportation only applied
to the Jews of Germany proper, so that when they got to Poland they were wel-
comed and sheltered by the Polish Jews. This seems to me a rather absurd paral-
lel.”

XIX) Anhang

A) Der Brief von Cyrus Hamlin (1893) auf Englisch

A Dangerous Movement Among The Armenians.


An Armenian “revolutionary party” is causing great evil and suffering to the
missionary work and to the whole Christian population of certain parts of the
Turkish Empire. It is a secret organization and managed with a skill in deceit
which is known only in the East.
In a widely distributed pamphlet the following announcement is made at the
close.

241
HUNTCHAGIST REVOLUTIONARY PARTY
This is the only Armenian party which is leading on the revolutionary move-
ment in Armenia. Its center is Athens, and it has branches in every village and
city in Armenia, also in the colonies. Nishan Garabedian, one of the founders of
the party, is in America, and those deiring to get further information may com-
municate with him, addressing Nishan Garabedian, No. 15 Fountain Street,
Worcester, Mass., or with the center, M. Beniard, Poste Restante, Athens, Gree-
ce.
A very intelligent Armenian gentlemen, who speaks fluently and correctly
English as well as Armenian, and is an eloquent defender of the revolution, as-
sured me that they have the strongest hopes of preparing the way for Russia’s
entrance to Asia Minor to take possession. In answer to the question how, he
replied: “These Huntchagist bands, organized all over the empire, will watch
their opportunities to kill Turks and Kurds, set fire to their villages and then
make their escape into the mountains. The enraged Moslems will then rise and
fall upon the defenseless Armenians and slaughter them with such barbarities
that Russia will enter in the name of humanity and Christian civilization and
take possession.” When I denounced the scheme as atrocious and infernal bey-
ond anything ever known, he calmly replied: “It appears so to you, no doubt,
but we Armenians are determined to be free. Europe listed to the Bulgarian hor-
rors and made Bulgaria free. She will listen to our cry when it goes up in the
shrieks and blood of millions of women and children.” I urged in vain, that this
scheme will make the very name of Armenian hateful among all civilized peo-
ple. He replied: “We are desperate; we shall do it.” “But your people do not
want Russian protection. They prefer Turkey, bad as she is. There are hundreds
of miles of conterminous territory into which is emigration is easy at all times.
It has been so for all the centuries of the Moslem rule. If your people preferred
the Russian Government there would not be now an Armenian family in Tur-
key”. “Yes” he replied, “and for such stupidity they will have to suffer.” I have
had conversations with others who avow the same things, bu no one acknow-
ledges that he is a member of the party. Falsehood is, of course, justifiable whe-
re murder and arson are.
In Turkey the party aims to excite the Turks against Protestant missionaries
and against Protestant Armenians. All the troubles at Marsovan originated in
their movements. They are cunning, unprincipled and cruel. They terrorize their
own people by demanding contributions of money under threats of assassination
– a threat which has often been put into execution.
I have made the mildest possible disclosure of only a few of the abominations
of this Huntchagist revolutionary party. It is of Russian origin. Russian gold and
craft govern it. Let all missionaries, home and foreign, denounce it. Let all Pro-
testant Armenians everywhere boldly denounce it. It is trying to enter every
Sunday school and deceive and pervert the innocent and ignorant into suppor-
ters of this craft. We must therefore be careful that in befriending Armenians we
242
do nothing that can be construed into an approval of this movement, which all
sholud abhor. While yet we recognize the probability that some Armenians in
this country, ignorant of the real object and cruel designs of the Huntchagists,
are led by their patriotism to join with them, and while we smphathize with the
sufferings of the Armenians at home, we must stand aloof from any such despe-
rate attempts, which contemplate the destruction of Protestant missions, chur-
ches, schools and Bible work, involving all in a common ruin that is diligently
and craftily sought. Let all home and foreign missionaries beware of any allian-
ce with, or countenance of, the Huntchagists

Lexington, Dec. 23, Cyrus Hamlin.


In: The Congregationalist, 28 December 1893, Page 992

B) Papazian: Zusammenarbeit mit den Russen

Wegen der Bedeutung dieses Berichtes wird die entsprechende Stelle auch in
der Originalsprache zur Verfügung gestellt:
„When the world war broke out in Europe, the Turks began feverish prepara-
tions for joining hands with the Germans. In August 1914 the young Turks
asked the Dashnag Convention, then in session in Erzerum, to carry out their
old agreement of 1907, and start an uprising among the Armenians of the Cau-
casus against the Russian government. The Dashnagtzoutune refused to do this,
and gave assurances that in the event of war between Russia and Turkey, they
would support Turkey as loyal citizens. On the other hand, they could not be
held responsible for the Russian-Armenians.
The Turks were not satisfied. They suspected them of duplicity. This perhaps
was not true, because the answer given the Turks was based on a resolution a-
dopted by the convention. The fact remains however, that the leaders of the
Turkish Armenian section of the Dashnagtzoutune did not carry out their
promise of loyalty to the Turkish cause when the Turks entered the war.
The Dashagtzoutune in the Caucasus had the upper hand. They were
swayed in their actions, by the interests of the Russian government, and dis-
regarded, entirely, the political dangers that the war had created for the Armeni-
ans in Turkey. Prudence was thrown to the winds; even the decision of their
own convention of Erzerum was forgotten, and a call was sent for Armenian vo-
lunteers to fight the Turks on the Caucasian front.
...
On the other hand, the methods used by the Dashnagtzoutune in recruiting
these regiments were so open and flagrant, that it could not escape the attention
of the Turkish authorities, who were looking for an excuse to carry out their

243
program of exterminating the Christian population which they had adopted as
early as 1911.
Many Armenians believe, that the fate of two millions of their co-nationals in
Turkey might not have proved so disastrous, if more prudence had been used by
the Dashnag leaders during the war. In one instance, one Dashnag leader, Ar-
men Garo 594, who was also a member of the Turkish Parliament, had fled to the
Caucasus and had taken active part in the organization of volunteer regiments
fight the Turks. His picture, in uniform, was widely circulated in the Dashnag
papers, ant it was used by Talat Pasha, the arch assassin of the Armenians, as an
excuse for his policy of extermination. [Hier fügt Papazian die folgende Fußno-
te ein: „When the deportation and exile of Armenian leaders began in the sum-
mer of 1915, an Armenian lady, the wife of another Armenian deputy in the Ot-
toman Parliament, had gone to plead with Talat Pasha, asking the return of her
husband from exile and probable death. During the interview, Talat Pasha pro-
duced a copy of the Dashnag paper «Horizon» in which Armen Garo’s picture
in the uniform of a volunteer was published, and pointing to the picture, said,
«Madam, look at our mebous (deputy)». Armen Garo, incidentally, was one of
the «heroes» of the Bank Ottoman episode of 1896.]
The fact remains that the real representatives of theArmenians in Turkey, the
Patriachate and its organs, were never consulted by the Caucasian leaders of the
Dashnagtzoutune in adopting their policies with regard to the Armenian people;
yet, the disastrous consequences of these policies were suffered by the Armeni-
ans in Turkey.”595

C) Der Boxeraufstand und die Großmächte

Der britische Hautmann Mark Sykes weist daraufhin, daß die christliche Welt,
die dem osmanischen Reich Brutalität bei der Niederschlagung der armenischen
Aufstände im Jahre 1894 vorwirft, die Brutalität und die Massaker ihrer eigenen
Armeen bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China im Frühjahr und
Sommer 1900 vergißt.596 Da die Vorgehensweise der Großmächte gegen die
Chinesen auch heute weitgehend unbekannt ist, sollen hier einige Einzelheiten
angegeben werden.

594
Armen Garo ist der Deckname von Karekin Pasdermadjian (auf türkisch:
Pastırmacıyan), Abgeordneter des osmanischen Parlaments für die Provinz Erzurum.
(siehe Sonyel, The Ottoman Armenians, S. 290)
595
K. S. Papazian, Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934, S. 37-39, Hervorhebungen von mir. A. S.
596
Mark Sykes, Dar-ul-Islam. A record of a journey through ten of the asiatic provinces
of Turkey, 1904, Neuauflage 1988, Exeter, Devon (Great Britain), S. 72-78

244
1) Hintergrund

Als am Ende des 19. Jahrhunderts zehntausende von Chinesen durch den Bau
von Eisenbahnen und durch die von den westlichen Mächten sowie Japan und
Rußland erzwungene wirtschaftliche Öffnung des Landes für ausländische In-
dustrieprodukte arbeitslos wurden, erhielten geheime Sekten großen Zulauf.
Diese Sekten hatten sich den Kampf gegen die „fremden Teufel“ auf die Fahnen
geschrieben. Ihr Zorn richtete sich ebenso gegen die christlichen Missionare, die
sie als Vertreter der westlichen Kultur ansahen. Eine von diesen Sekten, die spä-
ter die größte Anhängerzahl erreichte, wurde unter den Europäern als “die Bo-
xer” bekannt. Anfang 1900 kamen es zu Übergriffen gegen Chinesen, die zum
Christentum übergetreten waren, sowie gegen Missionare. Eisenbahnstrecken,
Fabriken und Missionsstützpunkte wurden zerstört. Obwohl es zu Plünderungen
und Zerstörungen gekommen war, waren zunächst keine Menschenleben zu be-
klagen.

2) Russische Intrigen zur Ausweitung des Aufstandes

Es gibt zahlreiche Beweise dafür, daß Rußland insgeheim Schritte unternom-


men hatte, um den Boxeraufstand anzuheizen und auf diese Weise einen Vor-
wand für die Besetzung von Provinzen in der Mandschurei zu erhalten. Wie in
den Memoiren des russischen Außenministers Witte nachzulesen ist, war der
russische Kriegsminister Kuropatkin entzückt, als die ersten Nachrichten über
den Aufstand in St. Petersburg eintrafen. Er rief aus: “Ich bin begeistert. Das ist
der beste Vorwand für die Besetzung der Mandschurei. Wir werden die Man-
dschurei zu einem zweiten Buchara machen.”597

3) Ermordung des deutschen Gesandten

Nach dem die ausländischen Mächte als Antwort auf die Unruhen am 17. Juni
1900 die chinesische Festung Fort Ta-ku besetzt hatten598, wurde am 20.6.1900
Peking der deutsche Gesandte Klemens Freiherr von Ketteler von aufständi-
schen Chinesen kaltblütig ermordet.599 Am selben Tag Begann die Belagerung
des Gesandschaftsviertels in Peking, in dem sich einige hundert Europäer und
Japaner verschanzt hatten, durch zehntausende von Chinesen. Am 21. Juni 1900

597
Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München
1980, S. 264
598
Fischer Weltgeschichte. Das chinesische Kaiserreich, 1981, Frankfurt/M., S. 334
599
Handbuch der Deutschen Geschichte, Neu herausgegeben von Prof. Dr. Leo Just,
Band IV, 1. Teil, 1973, Frankfurt/M, S. 147

245
erklärte China offiziell den Krieg gegen die Westmächte. Daraufhin mobilisier-
ten England, Frankreich, Rußland, die USA, Italien, Deutschland und Japan ein
Expeditionskorps, das nach heftigen Kämpfen am 16. August 1900 Peking ero-
berte.
Die Vorgehensweise der christlichen Großmächte und Japans gegenüber den
Chinesen ist insofern bemerkenswert, als die selben Mächte den Türken Brutali-
tät gegenüber den Christen vorwarfen.

4) Kaiser Wilhelm: Aufruf zum Massenmord

Der deutsche Kaiser (Wilhelm II) rief in seiner Ansprache an die nach Ost-
asien fahrenden deutschen Truppen am 27. Juli 1900 unverblümt zum Massen-
mord auf. Er sagte unter anderem:
“Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Wer euch in
die Hände fällt, sei auch verfallen. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ih-
rem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung
und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China
auf tausend Jahre durch euch in einer Weise betätigt werden, daß niemals wie-
der ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“600
Dieser Auftrag des Kaisers wurde in China pflichtgemäß in die Tat umgesetzt.
Nicht nur die deutschen Truppen, sondern auch alle anderen allierten Truppen
in China verhielten sich dementsprechend. Die Brutalität, die 1900 in China
demonstriert wurde, war die übliche Vorgehensweise der europäischen Truppen
gegenüber Nichteuropäern.
Die Besonderheit dieses Falles liegt darin, daß es nicht irgendein obskurer
Kolonialoffizier, sondern der deutsche Kaiser persönlich war, der in Europa und
in aller Öffentlichkeit seinen Truppen zu diesen (von den europäischen Mächten
stillschweigend praktizierten) Massenmord befohlen hatte.

5) Die „Befriedung“ Chinas

Im Ergebnis standen die deutschen Truppen in China, was Mordtaten, Verge-


waltigungen und Plünderungen gegen die Unschuldigen betraf, dem Rest der
allierten Truppen nicht nach. Es ist nicht möglich, diese Ereignisse hier im Ein-
zelnen zu schildern, eine stichpunktartige Zusammenfassung muß genügen:601

600
Handbuch der Deutschen Geschichte, Neu herausgegeben von Prof. Dr. Leo Just,
Band IV, 1. Teil, 1973, Frankfurt/M, S. 148
601
Eine gute Darstellung liefert Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige
Tragödie, München 1980

246
- Peking, die Hauptstadt Chinas, wurde von den Allierten Truppen ge-
plündert. Auch die Angehörigen der Gesandschaften und Missionare
beteiligten sich an der Plünderung.602 Sogar die Frau des britischen Ge-
sandten, Lady Macdonald plünderte mit.603
- Chinesen, die man verdächtigte, Boxer gewesen zu sein oder mit ihnen
sympathisiert zu haben, wurden gefoltert und getötet.604
- Vergewaltigungen waren gang und gäbe, zahlreiche Chinesinnen nah-
men sich das Leben, um der Vergewaltigung zu entgehen.605
- Der amerikanische General Chaffee erklärte gegenüber einem Journa-
listen: „Auf einen einzigen Boxer, den man getötet hatte, kamen fünf-
zehn harmlose Kulis oder Landarbeiter, nicht mitgerechnet die unbeab-
sichtigt getöteten Frauen und Kinder.“606
- Unwiderbringliche Kulturgüter (z. B. uralte Bibliotheken)607 wurden so
zerstört. Die Briten sprengten nach der Niederschlagung des Aufstandes
mehr als ein halbes Dutzend Pagoden (Tempel der Chinesen) als
„Denkzettel“ in die Luft, darunter auch die mehr als tausend Jahre alte
Porzellanpagode aus weißem Porzellan. Der amerikanische General
James H. Wilson versuchte, die Sprengung zu verhindern, jedoch ohne
Erfolg.608
- Die Deutschen (deren Truppen erst nach der Einnahme Pekings in Chi-
na eingetroffen waren) verlangten zusammen mit einigen anderen Alli-
ierten, daß die ganze kaiserliche Stadt dem Erdboden gleichgemacht
werden sollte. Die Russen verhinderten die Ausführung dieser Maß-
nahme.609
Nach diesen Zerstörungen wurde China noch dazu gezwungen, 450 Millionen
Silberdollar als Entschädigung an die Alliierten zu zahlen.610

602
Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München
1980, S. 247-248
603
Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München
1980, S. 255
604
Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München
1980, S. 252
605
Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München
1980, S. 249
606
Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München 1980, S.
264
607
R. O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas blutige Tragödie, München 1980, S. 247
608
.Vgl. Richard O’Connor, Der Boxeraufstand. Chinas .., München 1980, S. 261-262
609
Vgl. R. O’Connor, Der Boxeraufstand., München 1980, S. 265
610
Vgl. Fischer Weltgeschichte. Das chinesische Kaiserreich, Frankfurt, 1981, S. 334

247
XX) Kritik, kurzgefaßt:

Die Autoren, die die These eines „Völkermords“ an Armeniern vertreten, be-
nützen die Methode des Verschweigens, um die eigenen Behauptungen glaub-
haft zu machen. Bestimmte Tatsachen aus der Geschichte werden hell beleuch-
tet, andere, ebenso wichtige Tatsachen werden jedoch in völliger Dunkelheit be-
lassen:
1. Man stellt das Leiden der Armenier dar, blendet aber das Leiden der
Moslems in den Händen der armenischen Banden aus.
2. Weiterhin verschweigt man, daß das ganze Blutbad von armenischen
Terrororganisationen gezielt vorbereitet wurde, und zwar Jahrzehnte
lang, ihrerseits angeleitet und unterstützt vom zaristischen Rußland.
3. Das koordinierte Vorgehen der armenischen Terrororganisationen ge-
meinsam mit den Alliierten im I. Weltkrieg wird verleugnet.
4. Auf diese Weise wird aus einem gegenseitigen Morden, das von arme-
nischen Organisationen und den Alliierten bewußt provoziert wurde,
um den Kriegsgegner (osmanisches Reich) von Innen zu schwächen,
ein Völkermord, den die Türken an den Armeniern verübt haben sollen.
Der Brief des amerikanischen Missionars Cyrus Hamlin aus dem Jahr 1893, in
dem Hamlin das ganze Geschehen vorweg nimmt und die Hintergründe auf-
zeigt, wird von Autoren wie Akçam, Gust, und Dadrian überhaupt nicht er-
wähnt. Auch die zwei Bücher von Hamlin werden verschwiegen. Ebenso fehlen
jegliche Hinweise auf Goodell611, Herbert 612, Papazian 613 und Sonyel614. Das
kann nicht daran liegen, daß man diese Autoren “übersehen” hat, denn sie wer-
den in den türkischen Publikationen, die die Genannten in ihren Bücherlisten
anführen, sehr wohl erwähnt. Die einzige Erklärung ist: Die Werke dieser ame-
rikanischen, armenischen oder britischen Autoren passen nicht ins Konzept ei-
nes “Völkermords an Armeniern” und werden schlicht totgeschwiegen.
Dort, wo weithin bekannte Autoren nicht ignoriert werden können und in die
Bibliographien aufgenommen werden (Nalbandian, Langer, Shaw), werden die
Aussagen dieser Autoren, die der These des Völkermords widersprechen oder
sonst nicht ins Konzept passen, weil sie z. B. den Terror der armenischen Ban-

611
Goodell, W., Forty Years in the Turkish Empire, edited by Dr. E. D. G. Prime, New
York
612
Aubrey Herbert, Ben Kendim. A record of eastern travel, London 1924
613
Papazian, K. S. , Patriotism Perverted. A discussion of the deeds and misdeeds of the
Armenian Revolutionary Federation, the so-called Dashnagtzoutune. Boston, Massa-
chusetts, 1934
614
Sonyel, Salahi R., The Ottoman Armenians. Victims of Great Power Diplomacy.
London 1987

248
den verdeutlichen, einfach ignoriert. Offenbar sieht man sich nicht in der Lage,
die Aussagen dieser Autoren durch Kritik zu entkräften, man kehrt das Unlieb-
same unter den Teppich.
Konkrete Beispiel hierzu: Taner Akçam615, ein Mitarbeiter des Hamburger O-
rient Instituts, schreibt ein Buch mit dem Titel „Armenien und der Völker-
mord“, “vergißt” jedoch zu erwähnen, daß der langjährige Leiter seines eigenen
Instituts, Udo Steinbach, in einem Buch über die Türkei folgendes feststellt hat:
Im ersten Weltkrieg kamen in der Türkei ca. 800.000 Armenier, aber 2,5 Milli-
onen Moslems um616.
Die armenischen Revolutionäre haben die Massaker an den Armenier bewußt
provoziert und haben diese Tatsache sogar in ihren Parteiprogrammen fest-
gehalten, wie man bei (der armenisch–stämmigen Autorin) Nalbandian617 nach-
lesen kann. Taner Akçam sinniert 4,5 Seiten über „Spannungen zwischen Mus-
limen und Nichtmuslimen“ im 19. Jahrhundert und bringt dabei das Kunststück
fertig, kein einziges Wort über den bewaffneten Kampf und die Terrorüberfälle
der armenischen Revolutionäre zu verlieren 618, über die Nalbandian ein ganzes
Buch geschrieben hat und über die Shaw ausgiebig berichtet. Die beiden Auto-
ren müssen Akçam bekannt sein, denn er gibt sowohl Nalbandian als auch Shaw
in seiner Literaturliste an. Dennoch sucht man in seiner Arbeit vergeblich eine
Stellungnahme zu den Aussagen der beiden Autoren. Hat er die Bücher, die er
angibt, nicht gelesen? Für dieses Verschweigen gibt es nur eine Erklärung:
Akçam will die betreffenden Stellen nicht erwähnen, weil sie ihm nicht in das
Konzept passen.
Akçam arbeitet mit Auslassungen. Wesentliche Aspekte des Geschehens wer-
den ausgeblendet. Das ist eine Vorgehensweise, die wir bei allen Verfechtern
der “Völkermord–These” beobachten können.

615
Akçam, Taner, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die tür-
kische Nationalbewegung. Hamburger Edition, 1996.
616
Udo Steinbach, Die Türkei im 20. Jahrhundert, 1996, S. 121
617
Nalbandian, Louise, The Armenian Revolutionary Movement, Los Angeles, 1963
618
Akçam, Taner, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die tür-
kische Nationalbewegung. Hamburger Edition, 1996, S. 22-26.

249
Liste der zitierten Quellen
"King-Crane report on the Near East" in Editor & publisher. [New York, Editor & Publisher
Co., 1922, v. 55, no. 27, 2nd section (Dec. 2) xxviii p. illus. (incl. map), auch im Internet zu-
gänglich: http://www.hri.org/docs/king-crane/
“Türkischer Genozid an den Armeniern im Jahre 1915“, 03. April 2000, Bearbeiter VAe Fabel-
je, Reg.-Nr. WD 1 – 23/00, S. 8 (Eine Ausarbeitung der wissenschaftlichen Dienste des deut-
schen Bundestages).
Aghassi. Zeïtoun, depuis les origines jusqu'à l'insurrection de 1895... Traduction d'Archag
Tchobanian. Préface par Victor Bérard, Paris, 1897
Akçam, Taner, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nati-
onalbewegung. Hamburger Edition, 1996.
Angaben über das Leben von Bedros Garabetyan aus dem Aufsatz von Varujan Köseyan, er-
schienen in der armenisch-türkischen Zeitschrift AGOS, die in Istanbul erscheint, 3.1.2003
Armenia In The Wake Of Assassination, Presentation by Gerard Libaridian siehe:
ttp://bcsia.ksg.harvard.edu/publication.cfm?program=CORE&ctype=event_reports&item_id=1
Artinian, Vartan , The Armenian Constitutional System in the Ottoman Empire, 1839-1863. A
Study of its Historical Development, Istanbul [Anmerkung des Herausgebers: Es handelt sich
um eine Dissertation, die 1970 an der Brandeis University (USA) verteidigt wurde. Nach dem
die Arbeit 18 Jahre lang nirgends gedruckt oder zitiert wurde, wurde sie in Istanbul publiziert.]
Barsoumian, H., “The Dual Role of the Armenian Amira Class within the Ottoman Government
and the Armenian Millet (1750-1850)” in: “Christians and Jews in the Ottoman Empire. The
Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin Braude and Bernard Lewis, New York and
London, Vol. I
Barth, Hans, Türke wehre Dich!, Leipzig 1898
Bennett, John, „Witness“, Turnstone Press Limited, 1983
Bericht der Forschungsabteilung des Europaparlaments vom 16. Juli 2002, On The Political
And Economic Situation In Armenia And Its Relations With The European Union, Directorate-
General For Research, International and Constitutional Affairs Division,
PN/JF/rf/ip/IV/WIP/2002/07/0022+0024
Bernadotte, Folke, To Jerusalem, London 1951
Borbis, Johannes, Die evangelisch-lutherische Kirche Ungarns in ihrer geschichtlichen Ent-
wicklung nebst einem Anhang über die Geschichte der protestantischen Kirchen in den deutsch-
slavischen Ländern und in Siebenbürgen. Nördlingen, 1861
Bristol War Diary, 14.8.1922, U.S. 867.00/1540, zitiert nach Justin McCarthy, Death and exile.
The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-1922. Princeton, New Jersey, 1995, S. 215
Busbeck, Ogier Ghiselin von, Vier Briefe aus der Türkei, aus dem lateinischen übers. eingeleitet
und mit Anm. versehen von Wolfram von den Steinen, Erlangen, 1926
Cloog, Richard, „The Greek Millet in the Ottoman Empire“, in: “Christians and Jews in the Ot-
toman Empire. The Functioning of a Plural Society, edited by Benjamin Braude and Bernard
Lewis, New York and London, Vol. I, S. 191
Dabag, Mihran, „Die türkische Frage“, FAZ vom 24.4.2001, Feuilleton
Dadrian, Vahakn N., The History of the Armenian Genocide, Providence & Oxford, 1995
Dixon-Johnson, C. F., The Armenians. Northgate, Blackburn, 1916, S. 48, zitiert nach T. Ataöv,
A British Source (1916) on the Armenian Question, Ankara, 1992, S. 14 f.
Drozdz, Jerzy, Aufsatz auf der Website der polnischen Botschaft in Ankara: www.polonya.ort.tr
Erickson, Edward J., Ordered to Die, , Westport, Connecticut, London, 2000

250
Finlay, George, A History of Greece, edited by H. F. Tozer, 6 (Oxford 1877), zitiert nach Justin
McCarthy, Death and exile. The ethnic cleansing of Ottomon Muslims, 1821-1922. Princeton,
New Jersey, 1995
Fischer Weltgeschichte. Das chinesische Kaiserreich, 1981, Frankfurt/M.
General Koçer „Kurtulu Savaımızda Istanbul“ (Istanbul im Befreiungskrieg) und auf das
Buch von Sadi Koça „Tarih boyunca Ermeniler ve Türk-Ermeni ilikileri“, Ankara 1967
Goodell, William, Forty Years in the Turkish Empire, edited by Dr. E. D. G. Prime, New York
Gust, Wolfgang, Der Völkermord an den Armeniern, München, Wien 1993
Hamlin, Cyrus, A dangerous movement in Armenia, (Leserbrief) Publiziert in Boston, USA, in
der christlichen Zeitschrift “The Congregationalist”, Ausgabe vom 28. Dezember 1893, S. 992
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