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Deutsche Texte des Mittelalters

herausgegeben

von der

Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften,

Band XXil.

Das Väterbuch.

BERLIN

Weidmannsche Buchhandlung

1914.

1)^

Das Väterbuch

aus der Leipziger, Hildesheimer und Straßburger Handschrift

herausgegeben

Karl Reissenberger.

Mit drei Tafeln in Lichtdruck.

503526

50 . I 50

BERLIN

Weidmannsche Buchhandlung

1914.

t

Einleitung,

Das ' VäterhucK' ^) das in diesem Bande dargeboten wird, ist eine umfang- reiche Sammlung von Legenden, in denen der Dichter das Leben der 'Altväter\

d. h. der ersten Mönche, die sich in die Wüste und Einsamkeit zurückzogen, zur

Besserung und zum Vorbilde für die ' Gemeinschaff darzustellen unternimmt.

Aber im Laufe seiner Arbeit erweitert sich ihm die Aufgabe, er bleibt nicht bei den

Altvätern, sondern schildert zur Erreichung seines Zweckes auch andere Persön-

lichkeiten, die ein iveltabgewandtes, gottseliges Leben führten und für ein solches

zum Muster dienen konnteyi, ob sie nun Männer oder Frauen waren. Ja, zu letzteren

gewinnt er den Übergang bereits in seiner lateinischen Quelle, da hier neben dem

Leben der alten Einsiedler auch jenes frommer oder frommgewordener Frauen er-

zählt wird. Den Abschluß findet das ganze Werk in einer Schilderung des jüngsten Gerichtes. Und ivenn diese auch auf den ersten Blick nicht in das Väterbuch zu

gehören scheint, so ivird man bei näherer Erwägung doch nicht verkennen, daß

gerade der Hinweis auf das letzte Gericht ein wirksames Mittel zur Herbeiführung

eines Lebens sein konnte, ivie es die Altväter geführt und wie es somit der Tendenz

des Dichters recht eigentlich ents}yricht.

Wie Hohmann S. 66 Anm. mitteilt, bildet

auch in einem französischen Väterbuch aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts

ein Gedicht vom Antichrist den Schluß, und welche Rolle das jüngste Gericht in der Gedankenwelt des deutschen Dichters gespielt hat, dafür zeugen auch schon

mehrere der Schilderung dieses Gerichtes voraufgehende Stellen in seinem Werke

(so 15172 ff. 28232 ff. 29558 ff. 30095 ff.).

Franke^) fand, daß Theodora, Eustachius, Siebenschläfer und Jüngstes Gericht,

^) Von vornherein verweise ich auf die 'Beiträge zum Väterbuch von Karl Hohmann,

Halle 1909, Hermaea VII,' worin nicht bloß die anregenden und fördernden Ergebnisse der

eigenen Forschung des Verfassers dargelegt werden, sondern auch eine Übersicht über die gesamte wissenschaftliche Literatur zum Väterbuch bis 1909 und eine vollständige Zusammenstellung des

bis jetzt bekannt gewordenen handschriftlichen Materiales des Väterbuches gegeben wird.

Unter

Hinweis auf diese dankenswerte Publikation kann ich mich in meinen Ausführungen und Zitaten

kürzer fassen. Zur wissenschaftlichen Literatur wäre nun noch hinzuzufügen: 'Mai, Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Mönch Felix. Berlin 1912.'

'^J Das Veterbüch,

her. v. Dr. Carl Franke.

Erste Lieferung.

Paderborn 1880.

S.

18 ff.

Die Ausgabe reicht bloß bis V. 4958 und wurde nicht fortgesetzt.

Vgl. Schönbach, Anz. f. d, A.

VII, S. 164 ff.

VI

Stücke, die er ober zunächst nur aus den Königsherger, Regenshurger und Meraner

Fragmenten kannte, in Dialekt, Phrasenbau und Metrik große Übereinstimmung

mit dem Väterhuch zeigen, mit dessen Teilen sie an den genannten Orten gemeinsam

überliefert sind, während die in der Königsberger Hs. stehende Alexiuslegende,

die sich als Auszug aus einer Legende der Wiener Hojhibliothek 3007 erweist, in

sprachlicher und metrischer Beziehung von dem Väterhuche abweicht. Trotz der Über- einstimmungen ivollte Franke jene Legenden nicht als Bestandteile des Väterbuches ansehen, da sie in dem von dem Dichter selbst als seine Quelle bezeichneten Werke nicht enthalten sind.^) Daß dies kein Hindernis für ihre Zugehörigkeit zum Väter-

buch ist, wird sich später ergeben.

Auch hielt sie Franke für Schöpfungen des

Väterbuchdichters. Für Teile des Väterbuches aber erklärte er Theodora, Eustachius,

Siebenschläfer in dem Vorworte seiner Ausgabe, nachdem er während des Druckes

derselben mit der eben aufgefundenen Hildesheimer Hs. bekannt geworden war.

'mehrere kleine und

große Legenden von Einsiedlern, deren vollständige Reihe in keiner Hs. über-

Die Bruchstücke des jüngsten Gerichtes in der Meraner Hs. zählt

liefert ist\

er nicht dem Väterbuche zu.

Nach J. Haupt-)

gehören zu dem Buch

der Väter

Er erkennt sie nicht einmal als solche.

'Sie sind,'

beynerkt er S. 131,

'aus einer oder mehreren geistlichen Reden, ivie deren noch

mehrere vorhanden sind\ Dagegen faßt er von der Alexiuslegende nicht die

Form der Königsberger, sondern jene der Hamburger Hs. ins Auge und behauptet

S. 141, daß sie 'wo nicht von unserem Dichter, doch von einem Zeitgenossen und

Landsmanne herrühren müsse'. Daß dieser Alexius gleich Abraham, Zosimas,

Margareta, Theodora, Eustachius, Siebenschläfern und Jüngstem Gericht zum Väter buch gehört, kann heute aus sprachlichen und metrischen Gründen keinem Zweifel

mehr unterliegen. Aber besonderen Wert für diese Frage hat, wie Hohmann S. 5

richtig bemerkt, die Auffindung der Straßburger Hs. des Väterbuches, die nicht

nur alles bietet, was die Leipziger Hs. enthält, sondern im Anschlüsse daran auch

die oben erwähnten Legenden samt einer Schlußrede als einheitliches Ganzes.

Für die Erweiterung seines ursprünglichen Planes spricht übrigens gerade diese

Schlußrede des Dichters.

Das Leben der Altväter berührt er dort nicht mehr als

die Aufgabe, die er sich gestellt, wohl aber erwähnt er die Tendenz, die er von Aii-

fang an gehabt hat.

So heißt es in der Schlußrede V. 41478 ff .:

Da ist furbar an geschriben

Wie man der werlt entweich

Und zu Got streich

In sein raine hut

Mit tugentlichem mut.

Hie von sol er haben ruch,

Wer ditz vor geschriben puch

^) Dagegen zweifelte er nicht, daß Abraham und Zoaimaa Teile des Väterbuches seien.

VII

Hör lesen oder les, Das er sorgveltig wes

Wie er der guten, lawt leben

Zu pild im selber well geben

Und lernen mynnen Götz gepot.

Am Ende des Werkes stehen nach dem 'Amen' in roter Schrift die beiden Verse :

Hie ist das puch volant Das Vitas patrum ist genant.

Ob diese Verse von dem Dichter selbst herrühren oder von einem Späteren bei-

gefügt sind, ist gleichgültig.

Im ersteren Falle hätte der Dichter den ursprünglich

gefaßten Titel auch für das erweiterte Buch bewahrt, im letzteren der Fremde

das, ivas Ausgangspunkt war und ihm die Hauptsache sein mochte, festgehalten.

Jedenfalls aber beruft sich der Dichter in seiner Schlußrede nicht mehr auf die Vitae patrum, wie er das früher getan hat (vgl. Franke S. 2 ff.). Noch V. 11513 ff.

sagt er :

Swie mir ez wisete daz latin.

Der mere ist keinez min.

Ich han anders niht getihte Noch zu dute berihte

Danne als ich in dem buche vant

Daz Vitas patrum^) ist genant.

Aber mit V . 15927 verläßt er, zunächst nur vorübergehend, diese Quelle, um

einer anderen zu folgen, der Legenda aurea. Es ist in der Geschichte von einem hl. Bischof, wie das Hohmann nachiveist. Dieser neuen Quelle bedient er sich dann

noch einige Male, namentlich in den Schlußlegenden. '^) In der Schilderung des

jüngsten Gerichtes schöpft er aus verschiedenen Quellen, die gleichfalls Hohmann aufgewiesen hat.^) Ob der Dichter in jenen Partien, die für seine eigene Dichtung

angesehen werden, nicht auch noch andere Quellen benützt hat, das festzustellen,

Zweifellos verfügt er

wird weiteren Untersuchungen vorbehalten bleiben müssen.

über eine gewisse Gelehrsamkeit, und für eine selbständige Persönlichkeit, die nicht

sklavisch dem Stoffe folgte, sondern denselben ziemlich frei gestaltete, müssen wir

^) Welche Fassung dieses Werkes unserm Dichter vorlag, ist nicht zu bestimmen. Nach Hohmann S. 40, Anm. 1 zeigt eine franz. Prosabearbeitung der Vies des peres einen ähnlichen

Inhalt wie das Väterbuch. Franke, Hohmann und ich haben die Ausgabe 'Vitae patrum de

vita et verbis Seniorum sive historiae Eremiticae Libri X

1628' benützt. ^) Jacobi a Voragine Legenda aurea recensuit Th. Graesse. Editio III, Vratislaviae 1890.

Hohmann 8. 24.

Heriberti Rosweydi, Antwerpiae

V S.

48 ff.

VIII

ihn auch erMären. Dies zeigt sich in dem Plane,^) den er seiner Dichtung gibt,

im großen wie im kleinen. Diesem Plane gemäß trifft er die Auswahl des Stoffes,

und der übernommene Stoff wird je nach dem Bedürfnis und Geschmack des Dichters

verkürzt, erweitert und vertieft.

Mit fortschreitender Arbeit gewinnt der Dichter

an poetischer Auffassung und Gestaltungskunst.

Besonders wirkungsvoll weiß er

die längeren Erzählungen des letzten Drittels darzustellen.

Seine dichterische Persönlichkeit tritt uns noch klarer und schärfer entgegen, ivenn wir auf das Passional sehen, dessen Dichter auch der des Väterbuches ist.

In der Einleitung zu den ''Marienlegenden' hatte Pfeiffer S. XIV zum ersten

Male die Behauptung aufgestellt, daß beide Werke von einer und derselben dichte-

rischen Persönlichkeit stammten und das mit einer Anzahl von Reimen, Ausdrücken

und Eedensarten begründet. Seine Ansicht wurde nachher von Zingerle, J. Haupt,

K. Schröder, Franke und Hohmann nicht bloß aufgenommen, sondern mit neuen

Beweisen sprachlicher und sachlicher Art gestützt.'^) Von Hohmann wurden neuer-

dings die Eigentümlichkeiten der Rahmenstücke (Eingangs- und Schlußreden) und die lyrischen Elemente herangezogen. Das Entscheidendste bleiben aber die

Übereinstinnmungen in Wortschatz und Redewendungen^), und diese lassen keinen

Zweifel daran, daß beide Werke von einem Dichter herrühren. Mit iveniger Be- stimmtheit läßt sich dagegen die Behauptung Karl Schröders'^) wiederholen, auch

die Hester sei von demselben Dichter. Daß der Laubacher Barlaam, den J . Haupt

dem Dichter des Passionais zugesprochen luit, ihm nicht angehört, das hat Perdisch

1903 in seiner Göttinger Dissertation nachgewiesen.

Wer ist aber der Dichter des Passionais und des Väterbuches ? Er nennt sich

nicht, und was zur Feststellung seines Namens versucht wurde, ist mißlungen.

Er war wohl ein Geistlicher.

Dafür spricht nicht bloß seine ausgebreitete theolo-

gische Bildung, sondern auch die Bemerkung in der Nachrede zum zweiten Buche des Passionais : waz ich hüte predegen pflege, daz verget mit dem galme,-) und

noch bezeichnender Pass. K. 319, 6 der mich zu pristere hat gewit.^) Früher aber

tvar er ein Weltlicher,'^) erfreute sich an weltlicher Dichtung und nahm wohl selbst

daran teil. Mit Reue gedenkt er dieser Zeit. Nicht bloß zur Besserung für andere, sondern auch zur Buße für sich wendet er sich der geistlichen Dichtung zu. Aber

Neid und Haß, die er so gerne verhüten möchte, bleiben ihm nicht erspart. Auch

seine Glaubwürdigkeit wird in Zweifel gezogen. So muß er sich gegen seine Wider-

^) Selbst wenn

er einen guten Teil davon seiner Vorlage dankte, müßten wir ihm noch

viel Kunstverständnis und Kunstfertigkeit zugestehen.

^) Hohmann S. 66 ff.

») Zingerle,

Wortverzeichnis.

Wiener S. B. 64,

S.

264 ff.,

Franke S. 68 ff.,

J. Haupt a. a. 0. und mein

Doch ließen sich die stilistischen Übereinstimmungen noch vermehren.

^) Germ. Studien I, S. 295. Zu Pfeiffers Vermutung über die Verfasserschaft der Felix-

legende vgl.

Mai a. a. O. S. 63ff.

^) Marienlegenden XI.

^)

Tiedemann, Passional und Legenda aurea. Berlin 1909. S. 73 f.

<^- Haupt a. a.

0. 106 ff., Hohmann 75 ff.

IX

sacher kehren. Dies alles führt noch auf einehesondere seiner Beziehungen. Wilhelm^)

beinerkt : 'Nirgends in der deutschen Legendenliteratur kommen solche 'persön- liche Polemiken vor, nur in der vom deutschen Orden ausgehenden.' Das Passional stellt er auch in diesen Kreis. Er folgt dabei nur der Ansicht, die zuerst J. Haupt

ausgesprochen und Hohmann mit neuen Argumenten ausgestattet hat.^) Deshalb

braucht man jedoch die Heimat des Dichters nicht im Ordenslande zu suchen. 'Der

deutsche Orden hatte seine Kanzleien auch im westlichen Deutschland. Ein Wan-

dern der Ordensmitglieder von einer Besitzung des Ordens zur andern ist nicht aus-

geschlossen, im Gegenteil sehr wahrscheinlich," sagt Wilhelm S. 60, aber die Frage

nach der Heimat des Passionaldichters wagt er nicht zu beantworten.

Über diese

sind im Laufe der Zeit verschiedene Vermutungen ausgesprochen ivorden. Mone^)

war für die Gegend zwischen Nahe und Mosel, während Pfeiffer^) allgemeiner für die Gegenden am Mittelrhein eintrat. Bartsch^) versetzte die Heimat des Dichters nach

Schlesien, J. Haupt^) in das Ordensland, K. Schröder'^) und Weinhold^) erklärten

Thüringen dafür. Franke^) kam zu dein Schlüsse, daß der Dichter östlich von der

Wetterdu, ivestlich von Thüringen und südlich von Fritzlar zu Hause gewesen sei,

also etwa in den nordöstlichen Ausläufern des Vogelberges. Wie Wilhelm zivischen

dein Osten und Westen nicht entscheiden möchte, so tut es auch Hohmann,^^) wenn ihm auch Frankes Ansicht, daß die Mundart unseres Dichters der Herborts von Fritzlar ziemlich ähnlich sei, beachtenswert scheint. Nach meinem Dafürhalten

müssen wir wieder zu Pfeiffer zurückkehren.^'^) Der Dichter bindet ft mit ht : Väterb.

26537 craft: zwidralit, Pass. ed. Hahn^^) 276,29 versmacht: cracht. Das ist eine

besonders mittelfränkische Eigentümlichkeit (vgl. Paul, Mhd. Gr.\ § 108, Wein- hold, Mhd. Gr.-, § 175). An den Rhein^^) iveist auch der zweifache Reim des Väter- buches ch : ff 18279: sluffen : cruffen und 40373 gecroffen : versloffen.i')

V Wilhelm, Deutsche Legenden und Legendare. Leipzig 1907, S. 134 f. E. Schröder ADBiogr. 28, 379.

Vgl. hierzu auch

^) Vgl. auch Helm, Das Buch der Maccabäer LXXXII.

^)

Anz. f. Kunde der deutschen

*) Marienlegenden S. XII.

'")

V

'>)

Mitteid. Oed. S. XII f. a. a. 0. 8. 127.

Germ. Stud. II, S. 197.

Vorzeit 1837, S. 147 ff.

«;

Mhd. Gr.'' § 190.

^)

S.

75.

lo;

S. 74 Anm.

Man beachte hier auch, was Tiedemann a. a. 0. S. 86 über des Dichters geographische

Kenntnis und dessen Lokalinteresse sagt. Au^ des Dichters rheinischer Heimat würde aber

noch nicht folgen, daß seine Werke auch dort entstanden sind.

*V

^'')

Weiterhin mit Pass. H. bezeichnet wie Pass. ed. Köpke mit Pass. K.

"^ Vgl. Wüst, Die Lilie, eine mittelfränkische Dichtung in Reimprosa.

d. M. A. XV.)

Berlin 1909.

8. XI.

'*J Nicht unerwähnt bleibe hier das durch den Reim gestützte git (=^ gät,

auch eine rheinische Eigentümlichkeit sein dürfte.

Vgl. Weinhold,

Mhd. Gr.

(Deutsche Texte

get) 19688,

§ 99.

352.

das

357,

Heinzel, Gesch. d. niederfr. Geschäftspr. 8. 334. In dem zum mittelfränk. 8prachzweige gehörigen

Sieb. -Sächsischen sind git und stit die gewöhnlichen Formen.

X

Die andern mundartlichen Eigentümlichkeiten schließen sich dem an, wenn sie

mehr oder minder auch andern Gegenden des md. Sjyrachgehietes angehören. Ich

meine hier namentlich das unverschobene t in dit, kurt (Franke S. 65) und den Ausfall des alten h.^) Dagegen ist es mir nicht möglich geivesen, aus dem Wort-

schatze bestimmte Belege für die rheinische oder westmitteldeutsche Heimat

dieser doch spät fallenden Dichtungen zu geicinnen^) Ja, unter den Worten, die

dem Väterbuch und Passional angehörig, von Franke S. 68 ff. als md. angeführt

werden, ist manches, das zur Zeit der Abfassung dieser Dichtungen nicht mehr oms-

schließlich mitteldeutsch war.

Welches ist aber diese Zeit? Über die Entstzhungszeit des Passionales äußert

sich Pfeiffer^) mit den Worten: ''Der ausgebildete Vers und Reim, der freie und

geioandte Vortrag, kurz der ganze Anstrich des Werkes deutet auf die ziveite Hälfte

des 13. Jahrhunderts.^ J. Haupt setzt (S. 127 ff.) die Wirksamkeit des Dichters

in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts, Franke (S. 96) das Passional um 1300,

das Väterbuch in die Jahre 1290 95. Hohmann aber hat sicher Recht, wenn er

behauptet, daß beide Werke noch dem 13. Jahrhundert angehören und in dem letzten

Viertel des 13. Jahrhunderts entstanden sind. Doch ist das Väterbuch dem Passional,

wie schon J. Haupt und Franke ausführten, vorausgegangen, aber nicht in seinem

ganzen Umfange, wie ich meine. Im Anz. f.d.A. XXIII, 8. 280 hat Strauch die An- sicht geäußert, daß das Väterbuch und das Passional vielleicht partiemveise neben- einander gedichtet seien. Diese Annahyne, der Hohmann (S. 84) noch nicht bei-

pflichten zu können glaubt, ist nicht ganz zu unterschätzen. Derin zunächst ist nicht

zu verkennen, daß in den langen Erzählungen des Väterbuches, die mit Euphrosyna

heginnen, ein größerer, reiferer Zug in die Dichtung hineinkommt, der diese dem

Passional künstlerisch näher stellt. Man kann mit der Vorrede zu Euphrosyna

(V. 27569

wol dir wai't kuscher jugent) etwa ein neues Stadium in der Arbeit

des Dichters beginnen sehen, das auch zeitlich von dem Voraufgehenden erheblich

abliegt.

Sodann ober ist über die Worte des Dichters, die er zwischen Abraham

und Zosimas eingeschaltet hat, nicht hinwegzukommen. Er denkt an den nahenden

Tod und die Rechenschaft, die er ablegen soll, und sagt V. 33463 ff.

Nu ist zit daz ich mich sehe vur.

Ich han die boten vur der tur

Beide gewis und war:

Daz sint myne grawen har.

'^) Zu den Beispielen

hei Franke vgl. noch Wüst a. a. 0. IX ff.; zu gesät,

das auch ober-

deutsch vorkommt, Zwierzina Zs. f. d. A. 45, 8. 44.

^) Übrigens halte auch ich mit E. Schröder Anz. f. d. A. XXXII, S. 50 eine genaue 'Sichtung des Sprachmateriales im Passional und Väterbuch nach seiner anderweit gesicherten Herkunft und Heimat' für notwendig. Schröder glaubt schon jetzt sagen zu können: 'man wird neben

ost- und westmitteldeutschen und vereinzelten niederdeutschen zahlreiche bairische Elemente finden, aber nichts alemannisches.'

XI

Und iveiter V. 33472 ff.:

Oucli hat mir unse herre

Andere boten nie gesant.

Umme die ist ez so gewant

Daz sie mit starkeme suse

An mynes libes huse

Mit ir craft gesturmet han

Und heizen mich vur gerichte gan:

Die boten heizen siechtage.

Die ich mit swerlicher clage

Entpfangen vil dicke han.

Gegenüber diesem Geständnis ist es sehr schwer, die Abfassung des ganzen

Väterbuches vor die des Passionales zu setzen. Es ist kaum anzunehmen, daß der Dichter in diesem Alter und körperlichem Zustande noch an die Abfassung eines

so großen Werkes, wie das Passional ist, ging, zumal zwischen dem obigen Geständnis und dem Anfang der Arbeit am Passional noch die Vollendung des Väterbu/^hes und

iceiter vier Jahre (Pass. H. 3, 50) liegen müßten. Auch hätte der hohe Gönner, von

dem der Dichter spricht (Pass. H. 333,72 ff.) einem alten, kranken Manne ein so großes poetisches Unternehmen nicht dringend empfohlen. Annehmbarer dünkt es

mich, daß er in allerdings nicht mehr jungen Jahren, da er das Weltleben bereits hinter sich hatte, seine Arbeit an dem Väterbuch begann (V. 149ff.), das sein erstes

geistliches Werk gewesen ist. Aber er führte es zunächst nicht bis zu Ende, sondern etwa nur bis zur Geschichte der Euphrosyna, wiewohl ich nfiich auf die Ausschließ-

lichkeit dieser Grenze nicht steifen möchte. Dann wandte er sich dem Passional zu,

und erst Jahre nachher, in einer Zeit, in der sein Alter sehr vorgerückt und seine Gesundheit gebrochen war, kehrte er zu seinem ersten Werke zurück, um ihm die

Vollendung zu geben. Vielleicht führte er darnach auch noch das Passional zu Ende. Doch dafür habe ich keinen Anhaltspunkt. An dem Gedanken möchte ich jedoch

festhalten, daß die Vollendung des Passionales und jene des Väterbuches nicht weit voneinander abstehen, der Anfang des Väterbuches jedoch bedeutend früher erfolgt

ist, noch vor der Fertigstellung der Legenda aurea,^) die der Dichter, wie Hohmann

annimmt, erst während der Arbeit am Väterbuche kennen lernte (weshalb er sie

früher neben den Vitae patrum nicht nannte) und zuerst in dem Abschnitte von

einem hl. Bischof benützte (15927 ff.).

Das Väterbu^h erfreute sich (wie auch das Passional) großer Beliebtheit.

Dafür zeugen alte Bibliothekskatalog e,'^) aber auch die vielen Hss.^) und Hand-

schriftenbruchstücke, die sich davon erhalten haben.

y Über die Abfassungszeit vgl. Hohmann S. 82 ff.

k

^)

^)

Zs. f. d. A. 13, S. 569 f.; J. Haupt a. a. 0. S. 127.

Vgl. dazu nun auch Schönbach, Beiträge 33, S. 344 ff.

Eine Zusammenstellung des

XII

bisher bekannt gewordenen Handschriften- Materiales mit ziffernmäßiger Angabe

seines Inhaltes und der davon schon gemachten Abdrücke gibt Hohmann 8. 13 ff.

Indem im übrigen darauf verwiesen wird, myogen hier die Codices mit den ihnen von Franke und Hohmann gegebenen Buchstaben- Bezeichnungen, die ich beibehalte, an-

geführt werden: Ä. Leipziger Hs., B. Regensburger Fragmente, C. Donaueschinger

Fragmente, D. Königsberger Fragment, E. Breslauer Fragynent, F. Königsberger

Hs. 900, G. Frankfurter Fragmente, H. Meraner Fragmente, I. Regensburger Frag- mente, K. Hildesheimer Hs., L. Wiener Hs. 2779, M. Klosterneuburger Hs., N. Melker Fragmente, O. Wiener Fragment, P, Göttweiher Fragment, Q. Hamburger Hs. 213 in scrinio, R. Stuttgarter Fragment, S. Straßburger Hs., T. Kölner Frag- mente, U. Münchener Fragment, V. Tölzer Fragmente, W. Regensburger Fragment, X. Marburg-Göttinger Fragment, Y. Darmstädter Fragment, Z. Düsseldorfer

Fragme7it.

Die größten und für diese Textausgabe vor allem in Betracht kommenden Hand- schriften sind die Leipziger, Hildesheimer und Straßburger. Diese sollen denn auch

in dem Folgenden eingehender beschrieben loerden.^)

A, der Codex der Leipziger Universitätsbibliothek 816

ist eine Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts in Klein-Folio.

Tittmann,

der 1826 in den ''Beiträgeyi zur vaterländischen Altertumskunde'' 1, 1 41 zuerst

davon Kunde gab und einiges daraus mitteilte, setzte sie in das 13. Jahrhundert

U7id vermutete auch, daß sie in einem der sächsischen Klöster, vielleicht iii Alten- zelle, geschrieben worden und vo7i da in die Pauliner Bibliothek gekommen sei Sie ist 25,8 cm hoch und 17,9 cm breit, in Holzdeckel gebunden, deren Überzug aus

Leder, aber stark defekt ist, wie auch die Deckel Wurmstiche zeigen. An den Ecken

und auf dem Rücken ist neuer Lederüberzug . Von dem MessingverSchlüsse sind nur noch kümmerliche Überreste vorhanden : auf dem vorderen Deckel oben ein

schmaler Messingstreifen mit zivei Nägeln, darunter ein Rest von Leder, unten die ganze Messingplatte mit drei Nägeln und Leder darunter, auf dem hintern Deckel

ist gar keine Spur von Verschluß mehr. Die Hs. besteht aus 160 Blättern in 8 Lagen.

Einige von den Blättern haben kleine Löcher, die aber schon vor der Niederschrift vor-

handen waren. Das Väterbuch reicht bloß bis Bl. 158''. Mit der Geschichte der Pelagia

und der darauf folgeyiden Nachrede des Dichters bricht es (V