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Mein kleines Märchenbuch

Buch Nr. 01-02

JORINDE UND JORINGEL

Ein Märchen der Brüder Grimm.


Impressum:
Herausgeber und Inhaber:
hisbook.de (Eigenverlag)
Monika Steinhäuser
Prohliser Allee 13
D-01239 Dresden

Satz: Monika Steinhäuser

Tel.: +49 351 2679801


Email: hisbook@bbsdd.de
Web: http://www.hisbook.de/
JORINDE UND JORINGEL

Ein Märchen der


Brüder Grimm.
JORINDE UND JORINGEL

Es war einmal ein altes Schloß mitten in


einem großen, dicken Wald, darinnen
wohnte eine alte Frau ganz allein, das war
eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich
zur Katze oder zur Nachteule, des Abends
aber wurde sie wieder ordentlich wie ein
Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und
die Vögel herbeilocken, und dann schlach-
tete sie’s, kochte und briet es. Wenn je-
mand auf hundert Schritte dem Schloß
nahe kam, so mußte er stille stehen und
konnte sich nicht von der Stelle bewegen,
bis sie ihn lossprach; wenn aber eine Jung-
frau in diesen Kreis kam, so verwandelte
sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie
dann in einen Korb ein und trug den Korb
in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte
wohl siebentausend solcher Körbe mit so
raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß
Jorinde. Sie war schöner als alle anderen
Mädchen. Die und dann ein gar schöner
Jüngling namens Joringel hatten sich zu-
sammen versprochen. Sie waren in den
Brauttagen, und sie hatten ihr Vergnügen
eins am andern. Damit sie nun einstmalen
vertraut zusammen reden könnten, gingen
sie in dem Wald spazieren. „Hüte dich“,
sagte Joringel, „daß du nicht so nahe ans
Schloß kommst.“ Es war ein schöner
Abend, die Sonne schien zwischen den
Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün
des Waldes, und die Turteltaube sang
kläglich auf den alten Maibuchen. Jorinde
weinte zuweilen, setzte sich hin im Son-
nenschein und klagte; Joringel klagte
auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie
hätten sterben sollen; sie sahen sich um,
waren irre und wußten nicht, wohin sie
nach Hause gehen sollten.

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Noch halb stand die Sonne über dem Berg
und halb war sie unter. Joringel sah
durchs Gebüsch und sah die alte Mauer
des Schlosses nah bei sich; er erschrak
und wurde todbang. Jorinde sang:
„Mein Vöglein mit dem Ringlein rot
singt Leide, Leide, Leide:
Es singt dem Täubelein seinen Tod,
singt Leide, Lei-zicküth, zicküth, zicküth.“
Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in
eine Nachtigall verwandelt, die sang
„zicküth, zicküth“. Eine Nachteule mit
glühenden Augen flog dreimal um sie
herum und schrie dreimal „schu, hu, hu,
hu“. Joringel konnte sich nicht regen; er
stand da wie ein Stein, konnte nicht wei-
nen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß
regen.
Nun war die Sonne unter; die Eule flog in
einen Strauch, und gleich darauf kam eine

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alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb
und mager: große rote Augen, krumme
Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte.
Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug
sie auf der Hand fort.
Joringel konnte nichts sagen, nicht von
der Stelle kommen; die Nachtigall war
fort. Endlich kam das Weib wieder und
sagte mit dumpfer Stimme: „Grüß dich,
scheint, bind los, Zachiel, wenns Möndel
ins Körbel scheint, bind los,Zachiel, zu
guter Stund.“ Da wurde Joringel los. Er
fiel vor dem Weib auf die Knie und bat
sie, sie möchte ihm seine Jorinde wie-
dergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie
wieder haben, und ging fort. Er rief, er
weinte, er jammerte, aber alles umsonst.
„Uu, was soll mir geschehen?“
Joringel ging fort und kam endlich in ein
fremdes Dorf; da hütete er die Schafe
lange Zeit. Oft ging er rund um das

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Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei.
Endlich träumte er einmal des Nachts, er
fände eine blutrote Blume, in deren Mitte
eine schöne große Perle war. Die Blume
brach er ab, ging damit zum Schlosse;
alles, was er mit der Blume berührte,
ward von der Zauberei frei; auch träumte
er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder-
bekommen.
Des Morgens, als er erwachte, fing er an
durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine
solche Blume fände; er suchte bis an den
neunten Tag, da fand er die blutrote Blu-
me am Morgen früh. In der Mitte war ein
großer Tautropfen, so groß wie die schön-
ste Perle. Diese Blume trug er Tag und
Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert
Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward
er nicht fest, sondern ging fort bis ans
Tor. Joringel freute sich hoch, berührte
die Pforte mit der Blume, und sie sprang

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auf. Er ging hinein, durch den Hof, horch-
te, wo er die vielen Vögel vernähme; end-
lich hörte er’s.
Er ging und fand den Saal, darin war die
Zauberin und fütterte die Vögel in den
siebentausend Körben. Wie sie den Jorin-
gel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt,
spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie
konnte auf zwei Schritte nicht an ihn
kommen. Er kehrte sich nicht an sie und
ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da
waren aber viele hundert Nachtigallen,
wie sollte er nun seine Jorinde wiederfin-
den? Indem er so zusah, merkte er, daß
die Alte heimlich ein Körbchen mit einem
Vogel wegnahm und damit nach der Türe
ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das
Körbchen mit der Blume und auch das alte
Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern,
und Jorinde stand da, hatte ihn um den
Hals gefaßt, so schön wie sie ehemals war.

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Da machte er auch alle die andern Vögel
wieder zu Jungfrauen, und dann ging er
mit seiner Jorinde nach Hause, und sie
lebten lange vergnügt zusammen.

Ende

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JORINDE UND JORINGEL
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