Hintergrund: Ukraine Nr.

43 / Juli 2014 | 1













Gaskrise in der Ukraine

Miriam Kosmehl


Ministerpräsident Jatzenjuk hat es in einem Interview klar gesagt: „Ohne Lieferungen aus dem Westen
und ohne die Hilfe der EU schaffen wir es nicht durch den nächsten Winter.“ Seit Juni liefert der russi-
sche Energiekonzern Gasprom an die Ukraine nur noch gegen Vorkasse – das heißt gar nicht mehr.

Für die Ukraine steht Erdgas als Energieträger im Mittelpunkt, denn damit deckt sie gegenwärtig etwa
90 Prozent ihres Wärmebedarfs. Davon kommen über 50 Prozent aus Russland. Experten schätzen,
dass die Ukraine frühestens in zehn Jahren gänzlich auf russische Gasimporte verzichten könnte –
indem sie nach einer Umkehr der Fließrichtung Gas aus EU-Mitgliedsstatten importiert, die eigene
Erdgasförderung deutlich steigert und in ihrem notorisch ineffizienten Energiesektor deutlich mehr
Energie einspart.

Dass sich Gasprom und der ukrainische Gasversorger Nafto-
gas wieder über Lieferungen verständigen, ist angesichts der
katastrophalen Gesamtlage, in der sich die Ukraine befindet,
wünschenswert, aber es kann nicht davon ausgegangen wer-
den. Das werden in erster Linie die Menschen in der Ukraine
im kommenden Winter unangenehm zu spüren bekommen.
Viele Kiewer müssen bereits jetzt anstatt der üblichen zwei
Sommerwochen zu Wartungszwecken bis zum 1. September
ohne warmes Wasser auskommen, weil Gas gespart wird.
Aber auch in Südost- und Mitteleuropa kann es Versor-
gungsengpässe geben, falls Russland einen Transitstopp
durch das ukrainische Gastransportsystem verhängt.


Preisstreit zwischen Gasprom und Naftogas
Gespräche zur Lösung des Gasstreits zwischen Russland und der Ukraine, in deren Mittelpunkt der
Gaspreis für künftige Lieferungen und unbezahlte Rechnungen der Ukraine stand, sind im Juni ge-
scheitert. Weil Sommer ist und der Krieg im Donbass vieles in den Schatten stellt, steht das Thema
Hintergrund:
Ukraine


Nr. 43 / 29. Juli 2014

Bleiben die ukrainischen Heizungen kalt im Winter?
(Foto: tsn.ua)

Hintergrund: Ukraine Nr. 43 / Juli 2014 | 2
gerade nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es beschäftigt aber derweil das internationale Schieds-
gericht in Stockholm, zuständig wegen einer entsprechenden Klausel im Vertrag der Parteien Gasprom
und Naftogas.

Paradoxerweise war dem russischen Präsi-
denten Vladimir Putin bei seinen Bemü-
hungen um eine Lösung des Konflikts am
Mitwirken der Europäischen Union gele-
gen. Er lud deren Vertreter ausdrücklich
ein, die Verhandlungen zu begleiten. Doch
das einzige Ergebnis der Vermittlung des
EU-Energiekommissars Günther Oettinger
war, dass die Ukraine $786 Millionen ihrer
Gasschulden an Russland überwiesen hat,
die Moskau mit $4,4 Milliarden veran-
schlagt (ohne die Forderungen aus einer
strittigen „Take-or-Pay“-, also einer ver-
pflichtenden Abnahmeklausel, in Höhe von
$18,4 Milliarden).

Russland beruft sich auf einen mit Julia
Timoschenko 2009 abgeschlossenen Ver-
trag, dessen Anfechtbarkeit in der Ukraine
unabhängig von der politischen Ausrich-
tung der Machthaber immer wieder Thema
ist.
1
Seit April verlangt Gasprom $485 für
1.000 Kubikmeter Gas und schlägt allenfalls vor, für zunächst ein Jahr einen Nachlass von $100 zu
gewähren, was den Preis jenen $370 angleichen würde, den viele europäische Kunden Gasproms zah-
len. Kiew will aber nicht vom Gutdünken des Kreml abhängig sein und fordert, dass die Preisklausel
aus dem 2009-Vertrag revidiert und ein neuer, langfristig rechtsverbindlicher Vertrag abgeschlossen
wird. Ein von Kommissar Oettinger vorgeschlagener Kompromiss, nach dem Kiew $1 Milliarde seiner
Gasschulden sofort und den Rest in monatlichen Raten zurückzahlen würde sowie einen Gaspreis von
$385 im Winter und $300 im Sommer für 1.000 Kubikmeter, lehnte der Kreml ab.

Nun sind Preisverhandlungen kein Kampf zwischen Gut und Böse, sondern legitim. Es geht dem Kreml
allerdings nicht nur um einen möglichst hohen Preis (nach einer allgemeinen Formel wird ein ausge-
handelter Basispreis, der im Fall der Ukraine höher ist als der europäische Durchschnitt, an die Ent-
wicklung des Preises für Erdölprodukte gekoppelt): Gegenüber Präsident Janukowytsch bestand der
Kreml nicht auf der Umsetzung zentraler und nun strittiger Vertragsbestimmungen. Auch kam der
Kreml in der Vergangenheit stets mit jenen ukrainischen Entscheidungsträgern gut zurecht, die auf
Zwischenhändlern, Profiteuren undurchsichtiger Gasgeschäfte, bestanden.

Wegen der Bedeutung der Ukraine als Transitland, aber auch zwecks Stabilität in der eigenen Nach-
barschaft, ist es auch im Interesse Deutschlands und der Europäischen Union, wenn Gasprom und
Naftogas einen transparenten und rechtsverbindlichen Liefervertrag unter marktüblichen Bedingungen
schließen.

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Gasprom betrachtet seine Lieferverträge mit einzelnen Ländern als Geschäftsgeheimnis, so dass nicht immer bekannt ist,
welches Land wieviel zahlt. Der Vertrag mit der Ukraine aus 2009 gelangte aber in die Öffentlichkeit.
Russische Gaspipelines nach Europa (Karte: Samuel Bailey/Wikimedia)

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Auswirkungen auf Europa
Die Ukraine hat gegenwärtig noch 14 Milliarden Kubikmeter Gas in ihren unterirdischen Speichern
vorrätig, knapp die Hälfte des Jahresimports von 2013. Das reicht allenfalls bis zum Jahresende. Dass
die Menschen in der Ukraine im kommenden Winter frieren werden, wenn es keine Einigung gibt, ist
für den Kreml nur insofern ungünstig, als dass dann der Transit nach Europa in Mitleidenschaft gezo-
gen werden dürfte, der gegenwärtig normal weiter läuft. Die EU bezieht mehr als 30 Prozent ihres
Gases aus Russland, davon 50 Prozent über das ukrainische Gastransitsystem.

Deshalb ist Moskau auch besonders an der Umgehungsleitung „South Stream“ interessiert, die ab
2019 Gaslieferungen von Russland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und weiter bis nach Ös-
terreich und Italien gewährleisten soll. Dieses Projekt versucht die EU nun unter Verweis auf Verstöße
gegen Wettbewerbs- und Vergaberecht zumindest auf Eis zu legen, wenn nicht ganz zu stoppen.

Die Ukraine hat zwar beteuert, dass ihr Gasstreit
mit Russland die Weiterleitung in die EU nicht
beeinträchtigen werde, doch Erfahrungen aus
den Gaskonflikten 2006 und 2009 lassen anderes
vermuten. Allerdings ließ sich in der Vergangen-
heit nicht zweifelsfrei feststellen, ob und wie viel
Gas die Ukraine zum eigenen Gebrauch entnahm.
Jetzt will die EU Gasmessstationen an der Rus-
sisch-Ukrainischen Grenze installiert wissen, um
den Nachweis erbringen zu können, wie viel Gas
Russland tatsächlich liefert. Das wird allerdings
keinen Aufschluss darüber geben, wo genau Gas
entnommen wird (falls es zu unautorisierten
lokalen Entnahmen kommt, was in Anbetracht
der zu erwartenden Versorgungsengpässe zumin-
dest nicht unwahrscheinlich ist).

Der Konflikt birgt deshalb die Gefahr, dass Russland den Transit unterbricht. Das würde nicht nur die
Gasversorgung in Europa gefährden, sondern dürfte auch zur Folge haben, dass Europa der Ukraine
kein Gas mehr in umgekehrter Fließrichtung liefert.

Ungewiss ist zudem die Rolle der künftigen Nutzung der großen ukrainischen Erdgasspeicher, die eine
Gesamtkapazität von 30 Milliarden Kubikmetern haben, und damit etwa die Frage, inwieweit die Uk-
raine ihre Gasspeicher Gasprom als Zwischenlager zur Verfügung stellen muss – eine weitere Voraus-
setzung für die zuverlässige Belieferung von Kunden in Westeuropa.

Für Europa würde die Unterbrechung des Transits durch die Ukraine etwa 40 Prozent weniger Gas be-
deuten. Der Löwenanteil käme durch Belarus und über die Ostseepipeline. Experten urteilen, dass sich
das ausgleichen ließe, außer in Südost- und Mittelosteuropa, wo entsprechend notwendige technische
Anpassungen vorgenommen werden sollten.

Kommissar Oettinger, der sich weiter als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine engagiert, will
insgesamt darauf hinarbeiten, dass alle europäischen Gasspeicher gefüllt sind.


Bauarbeiten an der Erdgaspipeline Urengoi-Pomari-Uschgorod,
auf die im Juni 2014 im Gebiet Poltawa ein Anschlag verübt
wurde (Foto: World Bank/Flickr)

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Reformbedarf in der Ukraine
Fakt ist, dass die Ukraine auch im Fall einer Neubewertung des Vertrages von 2009 durch das Stock-
holmer Schiedsgericht Erdgasschulden in Milliardenhöhe wird bezahlen müssen und dies aufgrund der
IWF-Kredite (Gesamtsumme $17 Milliarden) auch kann. Kiew muss diese IWF-Kredite freilich zurück-
zahlen. Um dies leisten zu können, wird sie Vorkehrungen treffen und einschneidende Veränderungen
vornehmen müssen, um ihren Eigenbedarf an Erdgas nachhaltig zu finanzieren. Die Übergangsregie-
rung hat damit angefangen und zum 1. Mai dieses Jahres den Preis, den Privathaushalte für Gas zah-
len müssen, um 40 Prozent angehoben. Zum 1. Mai 2016 und zum 1. Mai 2017 sind weitere Preiser-
höhungen von jeweils 20 Prozent geplant.

Der IWF rät zu einer umfassenden Reform des ukrainischen Energiesektors, auf der Basis von vier Teil-
bereichen:
1. Kostendeckende Tarifanpassungen, die die chronischen Verluste von Naftogas eliminieren,
während bedürftige Gesellschaftsgruppen einen Ausgleich erhalten.
2. Vermehrte Installation von Wärme- und Gaszählern sowie Energiesparmaßnahmen, um die
unverzichtbaren Tariferhöhungen zu komplementieren.
3. Verminderung der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen, d. h. verstärkte Diversifizie-
rung.
4. Steigerung der heimischen Gasexploration und –produktion sowie Beseitigung der Hindernisse,
die die Erschließung ukrainischer Schiefergasreserven verzögern.
2


Für die Ukraine bleibt es essentiell, ein
zuverlässiges Transitland zu sein. Dafür
müsste sie ihr veraltetes Gastransportsys-
tem mit seinen Pipelines, Gasspeichern
und Kompressorstationen modernisieren.
Der ukrainische Energieminister veran-
schlagt $4 Milliarden allein für eine erste
Investition. Dessen Management durch ein
multinationales Gastransportkonsortium
wird seit über zehn Jahren immer wieder
thematisiert. Die ukrainische Übergangs-
regierung verfolgte den Plan, ausländische
Investoren für die Modernisierung des
Transitsystems zu interessieren. Über-
gangspremier Jatzenjuk unterstrich in
seiner Rücktrittsrede am 24. Juli seine
persönliche Enttäuschung, dass das ukrainische Parlament einen fertigen Gesetzentwurf nicht verab-
schiedet hat, der die 49-prozentige Beteiligung europäischer und amerikanischer Unternehmen an
einem solchen Konsortium ermöglicht und damit auch Diversifizierung weg von russischem Gas er-
möglicht hätte.
3
Jatzenjuk, der zumindest noch als Ministerpräsident die Regierungsgeschäfte führt,
erklärte am 28. Juli, die Regierung werde den Gesetzentwurf, der es ermöglichen soll, ausländische
Investoren an einem Konsortium für das Gastransitsystem zu beteiligen, auf der für den 31. Juli anbe-
raumten außerordentlichen Parlamentssitzung erneut einbringen.
4



2
http://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2014/cr14145.pdf.
3
http://www.kmu.gov.ua/control/ru/publish/article?art_id=247482075&cat_id=244313343.
4
http://www.pravda.com.ua/rus/news/2014/07/28/7033225
Marode Pipeline in Dnipropetrovsk (Foto: gTarded/Flickr)

Hintergrund: Ukraine Nr. 43 / Juli 2014 | 5
Fazit
Die ukrainische Führung kann gerade mit einer tiefgreifenden Reform ihres traditionell intransparen-
ten, hoch korrupten Energiesektors beweisen, dass sie es ernst meint mit dem Ende von Seilschaften
und Korruption. Im Gegensatz zu früheren Gaskonflikten mit Russland 2006 und 2009 hängt Kiew
heute bei seinem wirtschaftlichen Überleben von den Milliarden des IWF ab – muss aber im Gegenzug
auch die mit diesen Krediten verbundenen Auflagen zur Reform des für die eigene Entwicklung zent-
ralen Energiesektors umsetzen. Die mit der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens begonnene
europäische Integration in Handel und Wirtschaft ist ein weiteres Druckmittel, um notwendige Refor-
men tatsächlich auf den Weg zu bringen.

Kurzfristig ist es auch im eigenen Interesse der Ukraine, dass Russland den Transit durch das ukraini-
sche System nicht unterbricht, weil die Ukraine ihrerseits auf Gaslieferungen aus Europa als Alternati-
ve zu russischem Gas angewiesen ist.

Eine ganz andere Lösung für seine Gasversorgung hat Belarus gewählt. Zum einen erhält das Land
einen politischen Gaspreisrabatt, seit Präsident Lukaschenka sich für die Eurasische (Wirtschafts-)
Union unter der Ägide des Kreml entschieden hat. In der Regel entschädigt der Kreml Gasprom für
verminderte Einnahmen dieser Art durch niedrigere Steuern oder den Erlass der Exportsteuer. Zudem
übereignete Präsident Lukaschenko Ende 2011 Gasprom – gegen einen weiteren Preisnachlass – das
belarussische Gastransportsystem.



Miriam Kosmehl ist Projektleiterin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kiew für die
Ukraine und für Belarus.
















Impressum

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Bereich Internationale Politik
Referat für Querschnittsaufgaben
Karl-Marx-Straße 2
D-14482 Potsdam

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