You are on page 1of 5
Hintergrund: Brasilien Nr. 56 / 07. Oktober 2014 Präsidentschaftswahlen: Entscheidung auf die Stichwahl vertagt - wird

Hintergrund:

Brasilien

Nr. 56 / 07. Oktober 2014

Hintergrund: Brasilien Nr. 56 / 07. Oktober 2014 Präsidentschaftswahlen: Entscheidung auf die Stichwahl vertagt - wird

Präsidentschaftswahlen: Entscheidung auf die Stichwahl vertagt - wird die PT-Herrschaft nach zwölf Jahren beendet?

Dr. Gabriele Reitmeier & Beate Forbriger

Dilma Rousseff geht mit einem schlechteren Ergebnis als erwartet in die Stichwahl gegen Aécio Neves. Der Kandidat der PSDB steht für den Wechsel und für mehr liberale Politik. Eine spannende Stichwahl steht für den 26. Oktober bevor.

Der Wahlkampf so spannend wie nie zuvor Aufgrund der langen Militärdiktatur wird in Brasilien erst seit 1989 wieder direkt gewählt. Seitdem hat noch kein Wahlkampf für so viel Spannung, Emotionen und Überraschungen gesorgt wie dieser. Wie alle vorhergehenden Wahlkämpfe hatte auch dieser mit dem traditionellen Duell zwischen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) und der bürgerlichen PSDB (Par- tido da Social Democracia Brasileira) begonnen. Alle übrigen Kandidaten spielten nur eine untergeord- nete Rolle. Der tragische Flugzeugabsturz des drittplatzierten Kandidaten der PSB (Partido Socialista Brasileiro), Eduardo Campos, verlieh dem Wahlkampf Mitte August abrupt eine völlig neue Wende. Alle bis dahin formulierten Wahlprognosen und Wahlkampfstrategien mussten kurzfristig und unter extremem Zeitdruck umgeschrieben werden. An die Spitze der linksliberalen PSB rückte nun Marina Silva, die für viele Brasilianer aufgrund ihrer persönlichen und politischen Biografie glaubhaft das re- präsentierte, wonach sie suchten: den politischen Wandel und den Bruch mit dem traditionellen Es- tablishment. In einem kometenhaften Aufstieg avancierte sie, die bereits bei den letzten Präsident- schaftswahlen einen beachtlichen dritten Platz erreicht hatte, zur wichtigsten Herausforderin der am- tierenden Präsidentin Dilma Roussef.

Doch nur eine Woche vor dem Wahltermin wendete sich das Blatt erneut. Die heftigen Attacken aus dem Regierungslager auf Marina Silva, die an Aggression alles in den Schatten stellten, was man bis- her in brasilianischen Wahlkämpfen gesehen hatte, zeigten Wirkung und ließen ihre Zustimmungsra- ten signifikant schrumpfen. Die amtierende Präsidentin stellte Marina Silva als unkalkulierbares Risiko für Brasilien hin und warf ihr Unerfahrenheit sowie Unfähigkeit zur Bildung und Führung einer Regie- rung vor. Auch die häufigen Parteiwechsel (durchaus nicht unüblich in Brasilien) legte sie ihr zur Last. Am folgenreichsten war jedoch die Unterstellung, Marina Silva würde die Sozialprogramme beenden. Davon sollte sich die Konkurrentin nicht mehr erholen.

Das Rennen um das Präsidentenamt ist noch nicht entschieden Die Wahllokale schlossen um 17 Uhr und

Das Rennen um das Präsidentenamt ist noch nicht entschieden

Die Wahllokale schlossen um 17 Uhr und schon wenige Stunden später standen, dank des lan- desweiten Einsatzes der relativ fälschungssiche- ren elektronischen Wahlurnen, die wichtigsten Ergebnisse fest: Dilma Roussef (PT): 41,59%, Aécio Neves (PSDB): 33,54%, Marina Silva (PSB):

21,31%. Da keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erzielen konnte, müssen die Brasilianer am 26. Oktober in einer Stichwahl zwischen Amtsinhaberin Dilma Roussef und dem Heraus- forderer Aécio Neves über das höchste Amt im Staat entscheiden.

Die Wahlberechtigten waren bei Wahlpflicht aufgerufen, den Präsidenten, ein Drittel des

Das Rennen um das Präsidentenamt ist noch nicht entschieden Die Wahllokale schlossen um 17 Uhr und

Typisches Bild in den Straßen Brasiliens: da Wahlwerbung am Wahl-

sonntag verboten ist, werden die restlichen Flyer auf die Gehsteige

gekippt / Quelle: FNF-Brasilien

Senats, die Abgeordnetenkammer, sowie die Gouverneure und die Abgeordnetenhäuser der Bundestaaten neu zu bestimmen.

Das Rennen um das Präsidentenamt ist noch nicht entschieden Die Wahllokale schlossen um 17 Uhr und

Vor einem Wahllokal in Sao Paulo / Quelle: FNF-Brasilien

Mit 41,59% erzielte die linke Arbeiterpartei PT nicht nur ein schlechteres Ergebnis als von den Umfrageinstituten prognostiziert, sondern auch ihr schlechtestes Ergebnis seit 2002, als sie erst- mals die Präsidentschaftswahlen gewann. Ihr Ziel, eine hegemoniale Stellung mit 130 Sitzen im Parlament, einer Mehrheit im Senat und mit Gou- verneuren in den drei wichtigsten Bundesstaaten (Sao Paulo, Minas Gerais, Rio de Janeiro) zu errei- chen, hat die PT weit verfehlt: Im Parlament kam sie nur auf 70 Sitze und büßte damit gegenüber den letzten Wahlen 16 Sitze ein. Im Senat verlor sie zwei Sitze (von 14 auf 12). Im Hinblick auf die

o.g. drei wichtigsten Bundesstaaten wird sie le- diglich im Minas Gerais den Gouverneur stellen. Im Bundesstaat Sao Paulo fuhr sie trotz massiver Un- terstützung durch Ex-Präsident Lula das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein.

Im Gegensatz dazu übertraf die bürgerliche PSDB mit ihrem Wahlergebnis von 33,54% signifikant die Vorhersagen. Die Börse BOVESPA reagierte prompt mit einem starken Kursanstieg, Ihrem Präsident- schaftskandidaten Aécio Neves war es in der Woche vor den Wahlen wieder gelungen, sich als wich- tigster Konkurrent der amtierenden Präsidentin zu positionieren. Sowohl im Parlament wie im Senat konnte die PSDB die Zahl ihrer Sitze halten (54 bzw. 10). Geraldo Alckmin, ihr Kandidat im Bundes- staat Sao Paulo, dem bedeutendsten Wirtschaftsraum des Landes, fuhr mit 57,31% ein überragendes Ergebnis ein und wird zum vierten Mal das Gouverneursamt antreten.

Das Ergebnis der PSB-Spitzenkandidatin, Marina Silva, blieb mit 21,31% ebenfalls hinter den Wahl- prognosen zurück. Zum einen zeigten die heftigen Attacken der Amtsinhaberin ihre Wirkung, zum anderen ist offenbar vielen Wählern bis zum Schluss nicht klar geworden, wofür die Kandidatin Mari- na Silva eigentlich steht und wodurch sich ihre „neue Politik“ auszeichnet.

Nach der Wahl ist vor der Wahl – ein kritischer Blick auf die beiden Kandidaten der

Nach der Wahl ist vor der Wahl ein kritischer Blick auf die beiden Kandidaten der Stichwahl

Amtsinhaberin Dilma Roussef

Der erneute Sieg von Dilma Roussef im ersten Wahlgang löst beim kritischen Beobachter zu- nächst Unverständnis und Kopfschütteln aus, denn die Bilanz ihrer ersten Amtszeit ist wenig überzeugend:

Der Staatsapparat ist aufgebläht und ineffizient. Die Verschwendung öffentlicher Gelder und die Selbstbereicherung der politischen Klasse haben eklatante Ausmaße angenommen. Die Staats- ausgaben wachsen schneller als das Bruttoin- landprodukt und auch die Gehälter der Arbeit- nehmer steigen schneller als ihre Produktivität.

Nach der Wahl ist vor der Wahl – ein kritischer Blick auf die beiden Kandidaten der

PT-Wahlwerbung / Quelle: FNF-Brasilien

Das bisher praktizierte konsumorientierte Wachstumsmodell hat seine Grenzen erreicht, die Wirtschaft stagniert. Die Wettbewerbsfähigkeit Brasiliens im industriellen Bereich sinkt kontinuierlich. Wie der „Doing Business-Report“ jährlich zeigt, ist der brasilianische Markt für Unternehmer einer der feindlichsten weltweit und hat sich im Ge- gensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern wie Peru, Kolumbien und Mexiko - in den letzten 10 Jahren auch kaum verbessert. Das Vertrauen der brasilianischen Industrieunternehmer ist auf ei- nem historischen Tiefstand.

Will Brasilien künftig an Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, braucht es dringend eine Liberalisierung seiner stark regulierten Märkte im Innern wie nach außen. Auch muss es seine Investi- tions- und Sparrate spürbar erhöhen. Damit jedoch noch nicht genug. Eine Verschlankung und Moder- nisierung des Staatsapparates und die Senkung seiner exzessiven Ausgaben könnten nicht nur zu mehr Effizienz, sondern auch zu einer Reduzierung der völlig überhöhten Steuersätze führen.

Doch anstatt diese längst überfälligen strukturellen Reformen einzuleiten, hat die Regierung Roussef die staatlichen Interventionen in den Wirtschaftssektor und die protektionistischen Maßnahmen noch weiter ausgebaut. Mit konjunkturellen Stimuli wie Steuersenkungen, billigen Krediten und Subventio- nen versuchte sie, die realen Probleme des Industriesektors zu verschleiern. Mit Hilfe einer rigiden Außenhandelspolitik hat sie ihn zudem lange vom Ausland abgeschottet. Gleichzeitig hat sie es ver- säumt, neue Exportmärkte zu erschließen, die den einbrechenden Binnenmarkt ersetzen könnten. Hier ist Brasilien gegenüber den auf Freihandel orientierten Staaten der Pazifik-Allianz weit ins Hintertref- fen geraten.

Aber auch in den zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, öffentlicher Nah- verkehr und öffentliche Sicherheit sind trotz der Massenproteste des vergangenen Jahres kaum Ver- besserungen zu spüren. Die Qualität staatlicher Dienst-leistungen in diesen Bereichen bleibt weit hin- ter jener in anderen Schwellenländern zurück, während gleichzeitig das Steuerniveau in Brasilien das Niveau der OECD-Länder erreicht hat.

Doch Amtsinhaberin Dilma Roussef hat es geschickt verstanden, im Wahlkampf von wirtschaftlichen Themen abzulenken und ihn

Doch Amtsinhaberin Dilma Roussef hat es geschickt verstanden, im Wahlkampf von wirtschaftlichen Themen abzulenken und ihn stattdessen auf den Erfolg der staatlichen Sozialprogramme wie v.a. „Bolsa Familia“ und „Minha Casa, Minha Vida“ zu lenken, die im Norden und Nordosten seit langem die wichtigsten Wahlhelfer der PT sind. Rund 50 Mio. Brasilianer, d.h. ein Viertel der Gesamtbevölke- rung, kommt in den Genuss von „Bolsa Familia“. Dies entspricht ca. 20 Mio. Wählerstimmen - eine solide und verlässliche Basis für die PT. Auch war Dilma Roussef im Wahlkampf sehr darum bemüht, den im Vorfeld der Wahlen aufgedeckten Korruptionsskandal beim Energiekonzern Petrobras herunter zu spielen. Wie beim großen Mensalão-Skandal, dem größten Korruptionsskandal in der Geschichte Brasiliens, waren auch hier führende Mitglieder ihrer Arbeiterpartei PT und auch sie selbst als Vorsit- zende des Verwaltungsrates verwickelt.

Der Herausforderer Aécio Neves

Doch Amtsinhaberin Dilma Roussef hat es geschickt verstanden, im Wahlkampf von wirtschaftlichen Themen abzulenken und ihn

PSDB-Wahlwerbung / Quelle: FNF-Brasilien

Als Enkel des legendären Tancredo Neves, des ersten demokratisch gewählten Präsidenten nach der Militärdiktatur (der jedoch einen Tag vor Amtseinführung starb), betrat Aécio Neves schon sehr früh die politische Bühne. Nach vier Manda- ten als Abgeordneter im Nationalkongress war er von 2003 - 2010 sehr erfolgreicher Gouverneur des wirtschafts-starken Bundesstaates Minas Gerais in zwei Amtszeiten. Mit einem exzellenten Team war es ihm dort gelungen, aus dem vorher fast bankrotten einen der am besten verwalteten und erfolgreichsten Bundesstaaten zu machen. Er schied mit Zustimmungswerten von über 90 Pro- zent aus dem Amt. Im März 2013 rückte er an die Spitze der PSDB.

Neves gilt als Liebling der Märkte“, sein Programm trägt wirtschaftsliberale Züge: Er fordert weniger Einfluss des Staates auf die Wirtschaft, tritt für größere Planungssicherheit für Investoren und insge- samt wirtschaftsfreundlichere Rahmen-bedingungen ein. Auch eine Reduzierung der derzeit 39 Mini- sterien, die Reduzierung der Staatsausgaben, Korruptionsbekämpfung sowie eine größere Autonomie der Gemeinden sind Eckpunkte seines Programmes. Ferner spricht er sich gegen den so genannten „Assistentialismus“ aus, d.h. gegen permanente staatliche Transferzahlungen an rund ein Viertel der brasilianischen Bevölkerung. Diese belasten die öffentlichen Kassen, verleiten zu Missbrauch und führ- ten nicht zu den erwarteten Ergebnissen. Zur Verbesserung der „Lebenschancen“ der Menschen strebt er stattdessen ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell und eine Verbesserung der sozialen Infrastruktur an, d.h. mehr öffentliche Investitionen in Bildung, Transport und Gesundheit. Genau dies fehlt in Bra- silien.

Die Stichwahl worauf es im Vorfeld ankommt

Für die Stichwahl wird es von entscheidender Bedeutung sein, welche Parteien (und damit Wähler) die beiden Kandidaten jeweils auf ihre Seite bringen können. Im Falle von Dilma Roussef dürften dies rela- tiv unstrittig die Parteien ihres Wahlbündnisses „Com a Força do Povo(Mit der Kraft des Volkes) sein. Dabei handelt es sich um die Parteien PT, PMDB, PSD, PP, PR, PROS, PDT, PCdoB und PRB. Ein unsi- cherer Kandidat ist dabei jedoch die PMDB, einst der wichtigste und loyalste Bündnispartner der PT. Teile der PMDB haben sich bereits für eine Unterstützung von Aécio Neves ausgesprochen.

Im Falle von Aécio Neves sind dies zunächst ebenfalls die Parteien seines Wahlbündnisses “Muda Bra- sil”

Im Falle von Aécio Neves sind dies zunächst ebenfalls die Parteien seines Wahlbündnisses “Muda Bra- sil” (verändere Brasilien): PSDB, PMN, SD, DEM, PEN, PTN, PTB, PTC e PTdoB. Darüber hinaus wird er aber auf die Unterstützung von Parteien aus dem Wahlbündnis der ausgeschiedenen Kandidatin Mari- na Silva angewiesen sein. Deren Wahlbündnis “Unidos pelo Brasil” (vereint für Brasilien) umfasst die Parteien PSB, PPS, PPL, PHS, PRP, PSL. Und auch die Anhänger des Rede Sustentabilidade”, das noch keinen Parteienstatus erlangen konnte, gilt es zu gewinnen. Eine zentrale Rolle fällt in diesem Zu- sammenhang der PSB zu. Sie könnte Aécio Neves gerade in jenen Regionen zu den erforderlichen Stimmen verhelfen, wo er selbst noch relativ unbekannt ist, seine Konkurrentin aber traditionell ihre Hochburgen hat: im Norden und Nordosten. Hier wohnen die meisten Empfänger der staatlichen Sozi- alprogramme.

Da Marina Silva sich im Wahlkampf immer klar gegen die Arbeiterpartei PT und die Regierung Dilma Roussef positioniert hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Parteien ihres Wahlbündnisses auch in der Stichwahl diesen Kurs beibehalten werden. Dies sicher zu stellen, ist eine zentrale Aufgabe von Marina Silva in den nächsten Wochen. Hier fällt ihr eine Schlüsselrolle und eine große politische Ver- antwortung zu. Damit bleibt der Wahlkampf auch in den nächsten drei Wochen spannend.

Dr. Gabriele Reitmeier ist Projektleiterin der FNF für Brasilien mit Sitz in São Paulo.

Beate Forbriger ist FNF-Projektberaterin für Brasilien.

Impressum

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) Bereich Internationale Politik Referat für Querschnittsaufgaben Karl-Marx-Straße 2 D-14482 Potsdam