Hintergrund: Ukraine Nr.

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Neue Werkhowna Rada nur Anfang vom Ende der Krise

Miriam Kosmehl

Die ukrainischen Wähler haben bei der vorgezogenen Parlamentswahl rund ein Jahr nach dem Beginn
ihrer Freiheitsrevolution Parteien vorgezogen, die sich als „proeuropäisch“ einstufen. Wie ist der Erfolg
dieser Parteien zu bewerten, wie ihre Reformfähigkeit einzuschätzen?

Die herausragenden Ergebnisse der Wahl sind die Erfolge der Parteien „Volksfront“ und „Selbsthilfe“.
Die erste hat das ungleiche Tandem Arsenij Jatzenjuk und Oleksandr Turtschynow
1
kurzfristig gegrün-
det, als sie sich vor der Wahl von Julia Timoschenko und ihrer „Vaterlandspartei“ distanzieren wollten,
aber im Zusammenschluss mit der Präsidentenpartei „Block Petro Poroschenko“ scheiterten – entwe-
der weil man dort auf dem Namen Poroschenkos als Parteinamen bestand, oder weil man sich nicht
einigen konnte, wer welche Minister bestimmen würde. Die zweite gründete der progressive Lember-
ger Oberbürgermeister Andrij Sadowy bereits 2004 als Nichtregierungsorganisation. Der erste politi-
sche Erfolg gelang der dann im Dezember 2012 als Partei registrierten Gruppierung im Mai 2014 mit
der Wahl ins Kiewer Stadtparlament.

Auffällig ist ebenso das gegen Präsident Poroschenko oder sein „Monopol“ gerichtete „Misstrauensvo-
tum“. Der Präsident stand zwar nicht zur Wahl, aber er wollte sich eine eigene Machtbasis im Parla-
ment schaffen.
2
Nachdem die Präsidentenpartei „Block Petro Poroschenko“ in Vorwahlumfragen bei
mehr als 30 Prozent lag, fiel die Parteiliste des „Blocks“ aber mit nur 21,82 Prozent sogar hinter die
„Volksfront“ (22,16 Prozent) zurück.
3
Positiv lässt sich deshalb formulieren, dass die Wähler dem Prä-

1
Arsenij Jatzenjuk ist der Gründer der Partei „Front des Wandels“, ging jedoch 2013 mit der „Vaterlandspartei“ zusammen;
Oleksandr Turtschinow, ehemals „Vaterlandspartei“, wurde im Februar 2014 Übergangspräsident
2
Gewählt wurde nach dem alten, noch geltenden Wahlgesetz: 225 Abgeordnete werden nach dem Verhältniswahlsystem
von geschlossenen Listen gewählt, die andere Hälfte erhält Einzelmandate in 225 Wahlbezirken nach dem Mehrheitswahl-
system. Wegen der Annexion der Krim (10 Wahlkreise sowie 3 Wahlkreise der Stadt Sewastopol) und der anhaltenden
Kampfhandlungen im Osten werden 27 Abgeordnetenmandate ungenutzt bleiben (Donezk: Nur Wahl in 13 von 21 Bezir-
ken; Luhansk: Nur Wahl in 5 von 11 Bezirken).
3
Diese Angaben (sowie die folgenden zum Proporz) beruhen auf Veröffentlichungen der Zentralen Wahlkommission vom
30.10.14, 12:45h.
Hintergrund:
Ukraine


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sidenten und dem alten und neuen Premierminister den Auftrag geben wollten, ihr Land gemeinsam
auf proeuropäischen Kurs zu bringen.

Nur mit den eigenen,
von ihren Parteien auf-
gestellten Direktkandi-
daten können die Par-
teien „Volksfront“ (vo-
raussichtlich 82 erfolg-
reiche Listen- und
Mehrheitskandidaten),
die Präsidentenpartei
(voraussichtlich 137
Abgeordnete insgesamt)
und die Partei „Selbst-
hilfe“ (voraussichtlich
insgesamt 33 Abgeord-
nete) aber noch keine
Zweidrittelmehrheit von
300 Abgeordneten im
Parlament bilden. Die ist
aber wichtig, um Verfas-
sungsreformen auf den
Weg zu bringen, die das
Land einschneidend
verändern könnten, wie
etwa Verwaltungsreform und Dezentralisierung. Von den voraussichtlich 94 sog. selbstaufgestellten
Direktkandidaten wird nur ein gutes Dutzend als auf Seiten einer proeuropäischen Regierungsmehrheit
eingeschätzt, der Rest als oppositionsnah.

Knapp schaffte es erwartungsgemäß die „Vater-
landspartei“ Julia Timoschenkos über die Fünf-
prozenthürde (5,68 Prozent), der es seit ihrem
ersten Auftritt auf dem „EuroMajdan“ bislang
nicht mehr gelang, im aktuellen politischen
Leben der Ukraine Fuß zu fassen. Insgesamt
wird die „Vaterlandspartei“ voraussichtlich 18
Sitze im Parlament haben.
Extreme Parteien abgeschlagen

Ukrainische Wähler haben weder der „Radikalen
Partei“ des Populisten Oleh Liaschko im erwar-
teten Umfang ihre Stimme gegeben (7,44 Pro-
zent im Gegensatz zu zweistelligen Vorwahlum-
fragen) noch der sog. Freiheitspartei „Swoboda“.
Letztere schafft es bei 4,71 Prozent nicht einmal über die Fünfprozenthürde, wenngleich „Swoboda“
voraussichtlich 6 Direktmandate gewonnen hat. Das schlechte Abschneiden der Partei, wie auch das
Die Angaben in der Graphik beruhen auf der Auszählung der Zentralen Wahlkommission von 99.56
Prozent und dem Stand vom 30.10.14, 12:45.
Quelle: http://www.cvk.gov.ua/pls/vnd2014/wp300pt001f01=910.html
Die Graphik beruht auf vorläufigen, nicht kompletten Auszählungen
der Zentralen Wahlkommission vom 30.10.14, gibt jedoch einen
voraussichtlichen Überblick über die gesamte Sitzverteilung in der
neuen Werkhowna Rada.
Quelle: http://www.liga.net/infografica/207632_konfiguratsiya-sil-v-
novoy-verkhovnoy-rade-obnovlyaetsya.htm.

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noch schlechtere Abschneiden der Partei „Rechter Sektor“ mit 1,8 Prozent und voraussichtlich 3 Di-
rektmandaten, macht erneut deutlich, dass die rechtsnationalen Kräfte in der Ukraine nicht die Bedeu-
tung haben, die der Kreml ihnen nachsagt.
Wahlbeobachtung und –beurteilung

Wahlbeobachter zeigten sich mit dem Verlauf der Wahlkampagne überwiegend zufrieden. Insbesonde-
re sei der Missbrauch von „administrativen Ressourcen“ (Euphemismus für großangelegten Wähler-
kauf) im Vorfeld der Wahl nicht der wesentliche Faktor gewesen wie regelmäßig bei vergangenen
Wahlen. Auch die Wahl selbst wird grundsätzlich positiv bewertet. Die Auswertung der Wahlergebnis-
se beurteilen die Beobachter negativer und verweisen auf Spannungen in einzelnen Fällen.
4

Wahlbeteiligung

Die mit durchschnittlich 52 Prozent geringe und regional sehr unterschiedliche Wahlbeteiligung ist
auch darauf zurückzuführen, dass auf der Krim und in 14 von 32 Wahlkreisen in den Gebieten Donezk
und Luhansk gar nicht gewählt werden konnte. Auch die nach Schätzung des Flüchtlingshilfswerks der
Vereinten Nationen etwa 800.000 Flüchtlinge
haben sich nicht durchgängig beteiligt. Das
Wählerregister erfasst aber alle Wahlberechtig-
ten. Beispielsweise gingen in dem Donezker
Wahlbezirk Nr. 45 nur rund 2000 Menschen zur
Wahl. Im Mai hatten dort noch über 114.000
Bürger an der Präsidentschaftswahl teilgenom-
men.

Theoretisch hätte es allen ukrainischen Bürgern,
etwa auch jenen der Krim oder der umkämpften
Ostbezirke, möglich sein sollen, in einem ande-
ren Wahlbezirk abzustimmen, doch in der Praxis
erwies sich das als nicht machbar, wenn sich
potentielle Wähler nicht bereits zuvor andern-
orts hatten registrieren lassen. Von der Krim
wird zudem berichtet, dass der russische Grenz-
schutz Krimtartaren unter dem Deckmantel einer Identitätsprüfung an der Weiterfahrt hinderte; aus
dem Osten, dass Separatisten es willigen Wählern nicht gestatteten, einen Bezirk, in dem nicht ge-
wählt werden konnte, für einen anderen zu verlassen.

Dass im Osten nicht durchgängig und auf der Krim gar nicht gewählt werden konnte, hat auch das
eindeutig „proeuropäische“ Wahlergebnis beeinflusst. Die betroffenen Regionen waren Hochburgen
der Nachfolgeparteien der „Partei der Regionen“. In den Donezker Bezirken, in denen gewählt wurde,
ging nur ein Direktmandat an einen Kandidaten der Präsidentenpartei und eines an den „Oppositions-
block“, die anderen an selbstaufgestellte Direktkandidaten; in Luhansk ging ein Mandat an einen Kan-

4
„Preliminary conclusions“ der Internationalen Beobachtermission mit Vertretern des Büros für Demokratische Institutio-
nen und Menschenrechte der OSZE und der Parlamentarischen Versammlungen der OSZE, des Europarats, des Europäischen
Parlaments und der NATO, http://www.osce.org/odihr/elections/ukraine/126043?download=true; für Probleme bei der
Auswertung s. S. 14.
Die Graphik gibt einen Überblick über die unterschiedliche Wahl-
beteiligung in den Gebieten der Ukraine.
Quelle: http://inosmi.ru/infographic/20141028/223954059.html

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didaten des Oppositionsblocks, alle anderen an selbstaufgestellte Direktkandidaten. Die Liste des „Op-
positionsblocks“, die landesweit bei 9,40 Prozent liegt, kam in den Bezirken in Donezk und Luhansk auf
über 30 Prozent.
Profiteure und Verlierer

Im Vorfeld der Wahl gab es immerhin rund 30 Prozent Unentschiedene, die sich vor dem Dilemma
sahen, zwischen zwei oder drei Parteien eine Entscheidung treffen zu müssen, die sich nicht eindeutig
unterschieden. So hob sich vor allem die Liste der Partei „Selbsthilfe“ von den anderen Parteilisten ab,
die einerseits vergleichsweise bekannte und etablierte Personen wie den Lemberger Oberbürgermeister
aufwies, aber andererseits keinen Alt-Politiker mit angekratztem oder gar ruiniertem Image. Weil die
Partei zudem bekannte Majdanaktivisten für ihre Liste gewinnen konnte, war auch „Negativcampaig-
ning“ gegen „Selbsthilfe“ ein Risiko, das niemand einging. Andere Parteien, die zunächst gute Umfra-
gewerte aufwiesen, litten erheblich unter aggressiven Angriffen, vor allem Oleh Liaschkos „Radikale
Partei“ und die „Zivile Position“ von Anatolij Hryzenko. Liaschko erwirkte zwar fünf Gerichtsentschei-
de zu seinen Gunsten, weil die aber, im Gegensatz zu ihn kompromittierenden TV-Berichten, die Wäh-
ler nicht erreichten, halfen sie ihm wenig. Julia Timoschenko schien in ihrer Kritik auf die Präsidenten-
partei fixiert, etwa indem sie an die Unternehmen des Präsidenten auf der Krim (Schiffsbau) und in
Russland (Schokolade) erinnerte und die Frage stellte, inwiefern der Präsident unabhängig agiere oder
doch von Partikularinteressen geleitet sei. Auch Gerüchte über eine Absprache Poroschenkos mit Serhij
Tihipko, Leiter der Partei „Starke Ukraine“, einer der beiden Nachfolgeparteien der „Partei der Regio-
nen“, und von vielen als „Wendehals“ wahrgenommen, dürften dem „Block Petro Poroschenko“ nicht
geholfen haben.

Arsenij Jatzenjuk und seine „Volksfront“ punkteten
vor allem mit der Botschaft, dass es nicht nur um
die Wahl des Parlaments, sondern um die des
Premierministers gehe. Auch Jatzenjuks kompro-
misslosere Position gegenüber Russland dürfte der
Partei geholfen haben, obwohl auch aus der
„Volksfront“ keine konkreten Lösungsmöglichkei-
ten kamen, wie die anhaltende Gewalt im Osten
beendet werden kann, sieht man vom Vorschlag
eines Mauerbaus an der ukrainisch-russischen
Grenze einmal ab. Der Erfolg der Partei (und des
Premierministers) mag mit daran liegen, dass die
Ukrainer nach der Erfahrung mit Präsident Wiktor
Janukowytsch, der ein autoritäres Präsidialsystem
errichtete, zu viel präsidiale Macht fürchten. Nach
der gegenwärtigen Verfassung muss sich die Regierung – mit Ausnahme in der Außen- und Sicher-
heitspolitik – nicht den „Akten“ des Präsidenten unterordnen.

Derweil wurde die Präsidentenpartei zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben. Sog. „Falken“ kritisierten
Konzessionen an den Kreml im Zusammenhang mit dem Minsker Waffenstillstand, der ständig gebro-
chen wird, Bürger aus allen Lagern und durchaus mit Verständnis dafür, dass in der Ukraine Ressour-
cen gegenwärtig knapp sind, kritisierten Poroschenkos wiederholt vollmundige Äußerungen, an deren
Umsetzung es häufig scheitert. Dass die vorgezogene Parlamentswahl überhaupt stattfand – und sich
Wahlwerbung von und mit Arsenij Jatzenjuk für die "Volksfront"/
Quelle: FNF Kiew

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damit auch einmal eine von Poroschenkos ersten Ankündigungen erfüllte – konnte der „Block Poro-
schenko“ nicht für sich nutzen.
Die neue Opposition

Die erfolgreiche Nachfolgepartei der „Partei der Regionen“ des ehemaligen Präsidenten Janukowytsch
ist der „Oppositionsblock“, dessen Liste der ehemalige stellvertretende Premierminister und Energiemi-
nister unter Janukowytsch, Jurij Boiko, führt und weitere ehemalige Verbündete des Ex-Präsidenten
aufweist. Die Partei konnte sich als „die richtige“ Opposition positionieren (gegenüber der „Starken
Ukraine“ unter Serhij Tihipko). Sie hat sich auf ihre Hochburg, den Osten, konzentriert. Zudem stellten
sich finanzstarke und prominente Parteimitglieder wie Sergiy Liowotschkin, Präsidialamtschef unter
Janukowytsch und einer der reichsten Männer der Ukraine, als Männer aus der Region dar, die den
Osten wirtschaftlich unterstützen würden. Die Partei Serhij Tihipkos „Starke Ukraine“ hat eher auf den
Süden der Ukraine gesetzt. Zu dem zentralen Thema „Krieg und Frieden“ präsentierten sich beide Par-
teien als „Tauben“ und als ultimative Kraft für den Erfolg künftiger Verhandlungen mit dem russischen
Präsidenten und eine Konfliktlösung im Osten. Jurij Boiko war von 2002 bis 2005 Chef der nationalen
ukrainischen Gaskonzerns Naftogas, so dass er als erfahren im Umgang mit Russland gilt.

Jurij Boiko nannte die Parlamentswahl „die
schmutzigste aller Zeiten“, was bei allen Un-
regelmäßigkeiten der Realität nicht gerecht
wird. Das verspricht zumindest noch keine
neue Streitkultur für die Ukraine. Würde der
„Oppositionsblock“ es ernst nehmen mit wie
auch immer ausgerichteten Fortschritten für
das Land, müsste auch sie auf sachliche Aus-
einandersetzung setzen – anstatt auf Polari-
sierung und unversöhnliche Vorwürfe.

Die Kommunistische Partei der Ukraine ist
zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit
nicht mehr im Parlament vertreten. Auch
dieses schlechte Ergebnis dürfte beeinflusst
haben, dass in ihren Hochburgen gar nicht
oder wenig gewählt wurde. Zudem läuft ein
Verbotsverfahren gegen die Partei.
Regierungsbildung und Regierungsalltag – Hoffnung und harte Arbeit

Allen Beteiligten ist klar, dass es angesichts der schwierigen Situation, in der sich die Ukraine befindet,
mit der Regierungsbildung schnell gehen sollte. Die zentrale Frage ist, ob eine Zweidrittelmehrheit
zustande kommt – und wer sich dazu zusammenschließen und bekennen wird.

Poroschenko irritierte bereits am Wahlabend mit einem vermeintlichen „Koalitionsvertrag“ und musste
sich kritische Fragen gefallen lassen, das Produkt welcher beteiligten Seiten dieser Vertragsentwurf
eigentlich sei. Aber auch die „Volksfront“ hat inzwischen einen „Koalitionsvertrag“ – und nur die
„Selbsthilfe“ äußerte am Mittwoch nach der Wahl die berechtigte Forderung, dass alle Koalitions-
Links zu sehen die Wahlwerbung des "Oppositionsblocks" mit Nr. 1 der
Liste Jurij Bojko; rechts die Wahlwerbung des "Block Petro Poro-
schenko": "Stimme für Sieg! Frieden!" / Quelle: FNF Kiew

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partner an der Formulierung einer Koalitionsvereinbarung beteiligt sein sollten und machte am 30.10.
ihre Verhandlungsposition transparent.
5


Traditionell leitet in der Ukraine die größte Partei im Parlament die Koalitionsverhandlungen. Weil sie
mehr Direktmandate erwarb (voraussichtlich 67 gegenüber 18 der „Volksfront“) wird die Präsidenten-
partei die größte Partei im Parlament sein, auch wenn ihr Listenergebnis schlechter ist als das der
„Volksfront“. Arsenij Jatzenjuk trat am Mittwoch nach der Wahl aber offensiv auf und erklärte, dass er
sich darum kümmern würde, in Partnerschaft mit Poroschenko, die neue Koalition zu bilden – was ein
Hinweis auf seine Absicht ist, Premierminister zu bleiben. Der „Block Poroschenko“ hat sich aber bis-
lang zurückgehalten, Jatzenjuk als Premierminister zu bestätigen. Der stellvertretende Ministerpräsi-
dent Volodymyr Groissman, Nummer 4 auf der Liste des „Blocks“ und nach allgemeiner Einschätzung
selbst Wunschkandidat Poroschenkos für das Amt, vermied eine Aussage. Es spiele keine Rolle, wer
Premierminister werde; das müsse noch diskutiert werden.

Beide Parteien haben unterschiedliche Wünsche für die Mehrheitskoalition. Jatzenjuk nannte den
„Block Petro Poroschenko“ einen „strategischen Partner“, möchte aber noch mindestens drei andere
Parteien in der Koalition sehen: „Vaterland“, „Selbsthilfe“ und die „Radikale Partei“. Groissman sprach
sich für die „Volksfront“, „Selbsthilfe“ und „Vaterland“ als „Schlüsselpartner“ aus. Die Teilnahme der
„Radikalen Partei“ bezeichnete er zurückhaltender als „eine Möglichkeit“.

Die neue Regierung muss schwierige Reformen wie etwa das Erhöhen der Gaspreise und das Senken
der öffentlichen Ausgaben durchsetzen, weil das Voraussetzung dafür ist, mit weiteren Rettungsmaß-
nahmen des IWF und der EU bedacht zu werden. Bislang war die Kiewer Politik wenig sachbezogen.
Einzelpersönlichkeiten haben es nicht geschafft, sich im Dienste eines Ziels zu einigen und an einem
Strang zu ziehen. Es ist in der gegenwärtigen Situation zentral, dass sich diese alten Fehler nicht wie-
derholen und die Mitglieder der neuen Regierung, sowie auch der Premierminister und der Präsident,
nicht gegeneinander arbeiten und sich nicht lähmen.

Auch die Vertreter der neuen Partei „Selbst-
hilfe“ werden zeigen müssen, dass sie sacho-
rientierter zusammenarbeiten können als ihre
Vorgänger im Parlament das getan haben.
„Samopomitsch“ war zunächst eine Nichtre-
gierungsorganisation engagierter regionaler
Aktivisten, die aber Kontakte zu Gleichgesinn-
ten in anderen Landesteilen unterhielt.
6
Die
Wahlen bestritt die Partei mit dem Slogan
„Pack’s an und tu es selbst“ (freie Übersetzung
des ukrainischen „Wismi i srobi“) und der For-
derung, dass das Parlament endlich kompe-
tente Abgeordnete brauche. Das Programm
der Partei ist zumindest inhaltsreicher und
konkreter als das vieler anderer Parteien.
7
Vor
der Parlamentswahl gesellten sich zudem

5
Auf Ukrainisch http://samopomich.ua/samopomich-ozvuchyla-osnovni-zasady-formuvannya-koalitsiji/.
6
Als Partei registrierte der Lemberger Oberbürgermeister die „Vereinigung Selbsthilfe“ am 29.12.12, nachdem ihm am
21.12.12 ein Mitglied der rechtsnationalistischen sog. Freiheitspartei zuvorgekommen war, der eine Partei des Namens
„Selbsthilfe“ registrierte hatte, um politische Absichten der tatsächlichen Organisation zu stören.
7
Auf Ukrainisch http://samopomich.ua/program/.
Wahlslogan von "Selbsthilfe“: Pack‘ es an und tu es selbst.
Quelle: FNF Kiew

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Mitglieder der angesehenen Aktivistengruppierung „Reanimation Package of Reforms“ auf die Liste der
Partei, EuroMajdan-Aktivisten, die nach dem Umsturz im Frühjahr die Politik der Übergangsregierung
permanent begleiteten und für Transparenz sorgten. Allerdings wird Hanna Hopko, die als Nummer 1
die Liste der „Selbsthilfe“ anführt, von ehemaligen Mitstreitern dafür kritisiert, die Entscheidung zum
Zusammenschluss mit „Selbsthilfe“ nicht transparent betrieben zu haben. Weitere zivilgesellschaftli-
che Vertreter auf der „Selbsthilfe“-Liste sind Mitglieder der neuen Kleinpartei „Wolia“, wie etwa Jehor
Soboliew, der sich für Lustration stark macht.

Eine generell schwer einzuschätzende Gruppe im neuen Parlament sind die Feldkommandeure, die sich
in fast allen Parteien finden, auch auf der Liste der „Selbsthilfe“.
Parteiübergreifend gegen politische Korruption

Noch in anderer Hinsicht wird die Abgeordneten im Parlament kein leichtes Leben erwarten. Einige der
Neuen verstehen sich auch innerparteilich als Gegner politischer Korruption. Serhij Leschtschenko,
früher Investigativjournalist und nun Parlamentarier für den „Block Poroschenko“, formulierte es ge-
genüber der New York Times so: „Wir wol-
len der Gesellschaft und unserer politi-
schen Partei gleichzeitig demonstrieren,
dass wir diese korrupte Konspiration nicht
tolerieren werden. Wir möchten das alte
politische Establishment und die Regeln
der alten politischen Elite von innen zer-
stören.“ Leschtschenko sagte, er werfe
Poroschenko Absprachen „hinter den Ku-
lissen“ nicht vor, aber er werde ihn dafür
in die Verantwortung nehmen. „Nur weil
sein Name der der Partei ist, ist die Partei
nicht sein Privateigentum. Die Partei ist
eine Institution, die die Gesellschaft re-
flektiert. Ich bin Poroschenko dankbar
dafür, dass er diesen internen Wettbewerb
möglich gemacht hat. Poroschenko
braucht Leute wie mich und meine Kolle-
gen, um die Partei von innen zu kontrol-
lieren.“
8


Viktoria Sjumar, die sich als „Wolia“-
Mitglied entschied, nach Möglichkeit über die Liste der „Volksfront“ ins Parlament einzuziehen, erin-
nerte nach ihrer Wahl daran, dass 61 der neu gewählten Direktkandidaten am 16. Januar 2014 für die
sog. Diktaturgesetze gestimmt hatten, die zivilgesellschaftliche Aktivitäten unmöglich gemacht hätten
und den Protest gegen Ex-Präsident Janukowytsch wieder anschwellen ließen.


8
“Parliamentary Elections Show Political Turmoil Is Continuing in Ukraine”, David M. Herszenhorn, 25.10.2014.
Die Graphik zeigt, welche 61 der neu in die Werkhowna Rada gewählten
Direktkandidaten aus welchen Bezirken am 16. Januar 2014 für die
Diktaturgesetze stimmten, die den Protest gegen Ex-Präsident
Janukowytsch wieder anschwellen ließen und ihn schließlich zu Fall
brachten. / Quelle: Zentrum für politische Studien und Analyse, Kiew

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Der vielversprechende Wahlausgang ist noch nicht das Ende der politischen Krise

Natürlich muss bedacht werden, dass die geringe Wahlbeteiligung ein schlechtes Zeichen und auch
nicht unter Verweis auf Krieg und Krise abzutun ist, denn genauso lässt sich argumentieren, dass es
Menschen gerade vor dem Hintergrund immenser Herausforderungen zur Wahl zieht. In jedem Fall
dürfte sie ein Indikator dafür sein, dass nicht alle Ukrainer einschneidende Reformen unterstützen
werden – so dass es nicht einfach werden wird, etwa unpopuläre Wirtschafts- und Strukturreformen
auch umzusetzen.

Es ist eine große Erleichterung, dass die Wahl ruhig verlaufen ist, aber die Konfliktgefahr ist nicht ge-
bannt. Vereinzelte Fälle von Lynchjustiz vor der Wahl, als Kandidaten tätlich angegriffen wurden, ha-
ben gezeigt, wie nah das Land mit seiner gegenwärtigen Stabilität am Abgrund balanciert. Auch eine
Demonstration der Nationalgarde vor dem Parlament kurz vor der Wahl hat gezeigt, dass Versuche,
Unruhe zu schüren, durchaus aussichtsreich sein können. Sowohl die neu gewählten Parlamentsmit-
glieder als auch die noch zu bestimmende Regierung übernehmen also eine immense Verantwortung.

Am 2. November wird in der Ukraine schon wieder gewählt. Dann ist Lokalwahl im Osten in den von
den Separatisten kontrollierten Bezirken. Präsident Poroschenko hat diese Wahl, die auf Punkt 9 der
Minsker Friedensvereinbarung zurückgeht, gemäß einer Entscheidung des ukrainischen Parlaments für
den 7. Dezember angesetzt. Doch die Separatisten halten am 2. November fest, und der Kreml unter-
stützt sie in ihrer Absicht. Am 28.10.2014 sagte Präsident Putin, die Minsker Vereinbarung sehe nicht
vor, dass die Wahl „in Übereinstimmung mit“ ukrainischem Recht, sondern nur „koordiniert mit“ ukrai-
nischem Recht stattfinden solle.
9
Außenminister Lawrow bestätigte bereits, dass man diese Wahl „na-
türlich“ anerkennen werde. Wegen der nach wie vor angespannten Sicherheitslage ist nicht klar, wie
diese Wahl vorbereitet und durchgeführt wird. Auf internationale Wahlbeobachtung wie bei der Par-
lamentswahl legen jene, die sie unbedingt an kommenden Sonntag durchführen wollen, in jedem Fall
keinen Wert.

Es ist zu bezweifeln, dass als Ergebnis dieser Wahlen Vertreter der sich bislang immer wieder zerstrei-
tenden Separatisten als langfristig verantwortliche und entscheidungsfähige Ansprechpartner für die
umkämpften Regionen herauskommen werden, mit denen sich Konflikt und Krieg im Donbass lösen
lassen werden – so wie es eigentlich die Absicht war, als der Punkt „Lokalwahl im Osten“ in Minsk
vereinbart wurde.

Und nur Präsident Putin selbst weiß, wie viel schwerer er es der Ukraine noch machen wird.


Miriam Kosmehl ist Projektleiterin bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kiew.

Impressum

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Bereich Internationale Politik
Referat für Querschnittsaufgaben Karl-Marx-Straße 2
D-14482 Potsdam

9
Es ist nicht klar auf welcher Basis der russische Präsident diese Aussage trifft, denn der offizielle Text, den die
OSZE veröffentlichte, enthält die Formulierung „in Übereinstimmung mit“, s. (nur auf russisch)
http://www.osce.org/ru/home/123258?download=true.

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