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Rede

von Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder

anlässlich der Eröffnung


des akademischen Jahres
an der Universität Urbino

„Europas Zukunft
– Chancen und Herausforderungen
in Zeiten der Globalisierung“

am Freitag, 8. Januar 2010,


in Urbino / Italien

Sperrfrist: Redebeginn!
Es gilt das gesprochene Wort.

...
-2-

Sehr geehrter Herr Professor Pivato,


meine sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist für mich eine große Freude als


Ehrendoktor der angesehenen
Universität Urbino das akademische Jahr
mit eröffnen zu dürfen.

Sie haben mich gebeten, anlässlich


dieses Festaktes einen Vortrag zu
Europas Zukunft sowie den Chancen und
Herausforderungen in Zeiten der
Globalisierung zu halten.

Dieses Thema berührt die Frage, wie


Politik und Wirtschaft in Europa auf die
zentralen Ereignisse des vergangenen
Jahres reagiert haben - und weiter auf
die Folgen reagieren werden.

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-3-

Wir haben zum einen eine tiefe globale


Wirtschafts- und Finanzkrise erlebt, die
alle nationalen Volkswirtschaften in
Mitleidenschaft gezogen hat – mit
gewaltigen Auswirkungen auf die
staatlichen Finanzen, die Arbeitsplätze
und die Wirtschaftstätigkeit.

Zum anderen ist es der internationalen


Staatengemeinschaft nicht gelungen, auf
dem UN-Klima-Gipfel in Kopenhagen zu
einer Einigung zu kommen, die den
Klimawandel wirksam bekämpft.

Diese beiden Ereignisse – die globale


Wirtschafts- und Finanzkrise sowie der
globale Klimawandel – machen deutlich,
dass die großen Herausforderungen, vor
denen wir international stehen, nur
gemeinsam gelöst werden können.

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Nationale Alleingänge zur Bewältigung


globaler Herausforderungen sind nicht
mehr möglich. Stattdessen benötigen wir
eine multilaterale Politik, die auf
Verständigung und Dialog setzt.

Meine Damen und Herren,

die Europäische Union ist ein Vorbild für


kooperative Lösungen. Die Erinnerung
an die schmerzvolle Geschichte Europas
war einer der Hauptbeweggründe für den
Prozess der Integration.

Die Erinnerung an blutige


Erbfeindschaften, geschürt aus der Pest
des Nationalismus, des Rassenwahns
und des religiösen Fanatismus, hat nach
dem Zweiten Weltkrieg in ihrer
Konsequenz zum Schlusspunkt des „Nie
wieder“ geführt.

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Das ist die erste Zweckbestimmung der


europäischen Einheit: Frieden durch
Integration – und es ist die eigentliche
Erfolgsformel und Wesensbestimmung
der Europäischen Union.

Europa ist eine soziale, wirtschaftliche,


kulturelle und politische Gemeinschaft.

Der amerikanische Autor Jeremy Rifkin


hat die Europäische Union als ersten
transnationalen Traum des globalen
Zeitalters beschrieben.

Als eine Institution ganz eigener Art


ohne jedes historische Vorbild. Sie agiert
wie ein Staat, obwohl sie keiner ist.

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Mit diesem verfassten Europa, das es so


nie gegeben hat und das wir in diesem
Prozess erst gemeinsam erschaffen,
verbinden die Menschen die Hoffnung
auf ein Leben in Freiheit, in Frieden, in
Wohlstand und natürlich auch in
Sicherheit.

Aber die Europäische Union muss


sowohl nach Innen – im Verhältnis zu
den Nationalstaaten und den Bürgern –
sowie nach Außen im Verhältnis zu
anderen Staaten handlungsfähig sein.

Das bedeutet: „Mit einer Stimme“ zu


sprechen und Beschlüsse auch
umsetzen zu können. Der EU-
Grundlagenvertrag von Lissabon ist
hierzu ein erster wichtiger Schritt.

Ich kann mich noch gut an die


Entstehungsgeschichte dieses Vertrages
erinnern.
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-7-

Im Jahr 2001 beauftragten wir


Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten
einen Konvent unter der Leitung des
früheren französischen Präsidenten
Giscard d’Estaing mit der Ausarbeitung
eines neuen Verfassungsvertrages.

Uns war bewusst, dass die Europäische


Union nach dem Beitritt von zwölf neuen
Mitgliederstaaten grundlegend reformiert
werden musste. Die Strukturen waren für
27 Mitgliedsstaaten nicht ausgelegt, die
Entscheidungsprozesse kompliziert und
nicht transparent.

Im Jahr 2004 konnten wir den Text einer


Europäische Verfassung in Rom
unterzeichnen. Sie wäre ein wirklicher
Meilenstein in der europäischen
Einigungsgeschichte gewesen– etwa mit
der Festschreibung von Grundrechten.

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Leider scheiterte die Verfassung in


Referenden in zwei Mitgliedsstaaten.
Aber wesentliche Punkte sind in den
EU-Grundlagenvertrag von Lissabon
übernommen worden.

Für wichtig halte ich folgende


Änderungen:

- Die Rechte des Europäischen


Parlamentes sind gestärkt worden.
Damit sind europäische
Entscheidungen stärker
demokratisch legitimiert als früher.

- Mit den neuen Ämtern des


Präsidenten des Europäischen Rates
und des EU-Außenministers wird die
Europäische Union nach Außen
wahrnehmbarer.

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- Die Gemeinsame Sicherheits- und


Verteidigungspolitik wird ausgebaut.
Damit wird Europa
handlungsfähiger, um sich für
Frieden, für die Prinzipien des
Multilateralismus und für eine
internationale Ordnung auf der Basis
des Völkerrechts einzusetzen.

Das sind wichtige Weichenstellungen,


um die Europäische Union zukunftsfest
zu machen. Aber uns Europäern muss
klar sein, dass die Europäische Union
sich in einem ständigen
Veränderungsprozess befindet.

Die Strukturen müssen weiter verbessert


werden, damit die Union zum einen bei
den Bürgern ihre Legitimationsbasis
nicht verliert und zum anderen
aufnahmefähig für neue Mitgliedsstaaten
bleibt.

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Meine Damen und Herren,

eine wichtige Aufgabe ist es, unser


einzigartiges europäisches Sozialmodell
zu sichern. Nur in Europa hat sich bisher
diese spezifische Art des Arbeitens, des
Wirtschaftens und des solidarischen
Zusammenlebens herausgebildet.

Hier ist ein Sozialmodell im Geist und in


der Tradition der Aufklärung entstanden,
das der Würde und den individuellen
Rechten eines jeden Einzelnen
verpflichtet ist.

Und das zugleich auf dem Prinzip der


Teilhabe möglichst aller Menschen am
erarbeiteten Wohlstand, aber auch an
den Entscheidungen in der gesamten
Gesellschaft beruht.

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Dieses Sozialmodell ist nicht zu


verwechseln oder gleichzusetzen mit
ganz konkret ausgestalteten
Sozialsystemen, die durchaus
unterschiedlich sind, nein:

Angesichts der gewachsenen


Unterschiede wird es eine solche
Vereinheitlichung nicht geben.
Charakteristisch für ganz Europa ist aber
die hinter diesem Sozialmodell stehende
Philosophie:

- Für alle Menschen existiert ein freier


Zugang zu Bildung. Die Gleich-
berechtigung der Geschlechter soll
in allen Lebensbereichen
verwirklicht werden.

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- Die Arbeitsbeziehungen sind


rechtlich verbindlich geregelt.
Willkür und menschenunwürdige
Arbeitsbedingungen bleiben
ausgeschlossen.

- Vor allem: In allen Mitgliedstaaten


besteht die Erwartung, dass
ungleiche Lebenschancen durch
aktive Gesellschaftspolitik
ausgeglichen werden.

- Dass Staat und Politik verpflichtet


sind, sozialen Schutz und soziale
Balance zu garantieren, und dafür zu
sorgen, dass es in unseren
Gesellschaften auch gerecht zugeht.

Ich denke, das hat etwas zu tun mit


einem bestimmten Menschenbild, das
wir miteinander pflegen. Das ist, wenn
man so will, der europäische Mittelweg.

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- 13 -

Er liegt zwischen einem extremen


Individualismus, in dem der Einzelne
alles gilt, wie wir ihn aus Amerika
kennen.

Und einem extremen Kollektivismus, in


dem der Einzelne wenig gilt, wie wir es
aus Asien kennen.

Europa zeichnet sich durch eine


Symbiose von Individualität und
Solidarität aus. Das ist ein Modell, das
die besten Zukunftschancen bietet. Wir
müssen es bewahren.

Meine Damen und Herren,

und das gilt es insbesondere angesichts


der globalen Wirtschafts- und
Finanzkrise zu betonen. Wir brauchen
eine Moral, eine Ethik des Wirtschaftens
– nicht nur auf dem Papier, sondern vor
allem in der Praxis.
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Heute erkennen auch die größten


Propagandisten des freien Marktes, dass
ohne vom Staat aufgestellte Regeln ein
soziales und nachhaltig erfolgreiches
Wirtschaften nicht möglich ist.

In den vergangenen Jahren sind in den


Führungsetagen vor allem der Banken
das Maß und der Sinn für Proportionen
verloren gegangen.

Wenn kurzfristige Renditeziele für


Quartalsberichte ausgegeben werden,
hohe Renditen als Begründung für
Entlassungen genannt werden, dann ist
das im wahrsten Sinne des Wortes nur
noch als „unmenschlich“ zu bezeichnen.

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Und wenn Manager Millionen-


Abfindungen erhalten, nachdem sie ein
Unternehmen in die Pleite gefahren
haben, Banker maßlose Boni kassieren,
dann ist das schlicht unanständig.
Solche Vorgänge verletzen das
Gerechtigkeitsgefühl.

Was wir jetzt brauchen, ist eine


Rückbesinnung auf die Stärke des
europäischen Sozialstaatsmodells.
Europa zeichnet sich durch sozialen
Ausgleich und ein friedliches
Miteinander aus. Dieses Maß an sozialer
Sicherheit für die Menschen und ihre
Familien müssen wir erhalten.

Wir müssen nun ein Wirtschaftssystem


wiederherstellen, in dem Wirtschaft den
Menschen dient, in dem die Wirtschaft
ein verantwortlicher Teil der Gesellschaft
ist.

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Die Krise hat insofern auch etwas Gutes.


Sie ist nach meiner Meinung ein
Wendepunkt hin zu einem nachhaltigen
Wirtschaften, einem gerechten
Miteinander und einer geregelten
Weltordnung. Diese Chance müssen wir
begreifen und nutzen.

Meine Damen und Herren,

im Zuge der globalen Finanzkrise hat es


eine historische Zäsur gegeben:
Aufstrebende Länder wie Brasilien,
Russland, Indien und China haben
wirtschaftlich und politisch an Macht
gewonnen.

Diese vier Märkte erwirtschaften heute


zusammen 15 Prozent der globalen
Wirtschaftsleistung, 13 Prozent des
internationalen Handels und sie besitzen
die Hälfte aller weltweiten
Devisenreserven.
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Mit diesem Zuwachs an


Wirtschaftsmacht geht auch eine größere
internationale Verantwortung einher.

Diese einzufordern ist die eine Seite.


Aber auf der anderen Seite gilt es auch,
Schluss mit einer Zwei-Klassen-Politik in
der Staatengemeinschaft zu machen.

Diesen Ländern muss mehr Einfluss in


den internationalen Institutionen gewährt
werden. Deshalb brauchen wir eine
Institution wie die G20 als neue globale
Steuerungsgruppe, die auch die
Schwellenländer einbezieht.

In der Frage, wie die Wirtschafts- und


Finanzkrise gelöst werden kann, sind die
Vorschläge der G20, die auf dem letzten
Treffen in Pittsburgh beschlossen
wurden, richtig.

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Insbesondere die globalen


Finanzmarktreformen und die Öffnung
des Welthandels können wegweisend
sein, wenn sie weltweit umgesetzt
werden.

Die spannende Frage ist, ob sich die


G20-Staaten und die internationale
Staatengemeinschaft gegen die Kräfte in
der Wallstreet und der City of London
durchsetzen können, die ein Zurück in
die De-Regulation wollen.

Damit steht und fällt die Frage nach der


Wiederholbarkeit einer solchen globalen
Finanzkrise. Wir müssen alles tun, damit
so etwas unwahrscheinlich ist.

Die Staaten könnten es sich schlichtweg


auch nicht mehr leisten, ein zweites Mal
eine solche Krise finanziell zu
bewältigen.

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Also darf es sich nicht wiederholen. Und


deshalb brauchen wir globale Regeln, an
die sich alle zu halten haben.

Meine Damen und Herren,

zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben


wir einen politischen und ökonomischen
Aufstieg Asiens, insbesondere von
Indien und China. Die zentrale Frage für
uns in Europa ist: Welche Rolle wird
unser Kontinent in Zukunft spielen?

Wir Europäer müssen darauf hinarbeiten,


dass unser Kontinent nicht nur
ökonomisch, sondern auch politisch ein
globaler Machtfaktor wird. Wir müssen
neben China und den USA der dritte Pol
der Weltpolitik werden.

Der gescheiterte UN-Klimagipfel in


Kopenhagen hat der Europäischen Union
jedoch eines deutlich vor Augen geführt:
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Die Europäische Union ist noch weit


davon entfernt, ein globaler Machtfaktor
zu sein. In Kopenhagen waren die
Europäer an den Entscheidungen nicht
beteiligt. Verhandelt haben am Schluß
die USA, China, Indien, Brasilien und
Südafrika.

Kein europäisches Land, nicht


Frankreich, Deutschland, Großbritannien
oder Italien waren dabei. Auch nicht die
Europäische Union.

Das spiegelt die neue Weltordung wider.


Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ging
auch das bipolare System zu Ende.
Danach haben wir eine Zwischenphase
einer US-amerikanischen Hegemonie
gesehen, die mit den Folgen des
falschen Irak-Krieg tragisch geendet ist.

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Nun haben wir eine multipolare


Weltordnung, in der neben den USA
aufstrebende Staaten wie China, Indien,
Brasilien, aber auch Südarfika und
Russland eine größere wirtschaftliche
und politische Rolle spielen.

Die Europäische Union mit 500 Millionen


Einwohnern und als stärkste
Volkswirtschaft der Welt hat unbestritten
das Potenzial, ein entscheidender Akteur
der Weltpolitik zu sein.

Die Europäische Union und ihre


Mitgliedsstaaten müssen aber auch
willens sein, dieses Potenzial zu
nutzen.Das wird nur dann gelingen,
wenn wir die Integration nach Innen und
die Erweiterung nach Außen fortsetzen.

Für die Integration nach Innen gilt es den


Weg fortzusetzen, den der Lissabonner
Grundlagenvertrag vorgezeichnet hat.
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Darüber hinaus muss die Europäische


Union aber auch ihre
Erweiterungsmöglichkeiten nutzen. Der
Lissabonner Vertrag hat die
institutionellen Voraussetzungen
geschaffen, um weitere Mitglieder in die
Union aufzunehmen.

Das betrifft die laufenden


Beitrittsverhandlungen mit der Türkei
und Kroatien ebenso, wie die
Beitrittsperspektiven der weiteren
Länder des westlichen Balkans.

Unter geopolitischen Aspekten sind nach


meiner Meinung zwei Staaten für die
Euopäische Union von zentraler
Bedeutung: Die Türkei und Russland.

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Meine Damen und Herren,

es ist kein Geheimnis: Ich war und bin


ein Befürworter der Mitgliedschaft der
Türkei in der Europäischen Union. Und
ich habe während meiner Amtszeit alles
getan, damit der Beitrittsprozess
beginnen konnte.

Weil ich davon überzeugt war und bin,


dass diese Mitgliedschaft für beide
Seiten elementar wichtig ist und einen
Zugewinn an Wohlstand und Sicherheit
bedeutet.

Die Türkei hat sich unter der Führung


von Ministerpräsident Erdogan in einem
Maße verändert, demokratisiert und
modernisiert, wie es sich vor zehn
Jahren noch niemand in seinen kühnsten
Träumen hat vorstellen können.

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Wir sehen eine grundlegende


Demokratisierung des Landes. Die
Schritte, die getan werden, haben
durchaus historischen Charakter.

Der politische Ansatz, die kurdische


Minderheit im Land anzuerkennen und
gleich zu stellen, kann die
Voraussetzungen schaffen, um einen
langandauernden blutigen Konflikt
friedlich zu beenden und dauerhaft zu
lösen.

Dies gilt es insbesondere jetzt zu


betonen, zu einem Zeitpunkt, an dem in
der Türkei die nationalistischen Gegner
dieses Versöhnungsprozesses aktiv
sind. Und es ist ein Grund, die türkische
Regierung bei ihrer progressiven
Kurdenpolitik zu unterstützen.

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Von ähnlich großer innen- und


außenpolitischer Bedeutung ist der
türkisch-armenische
Verständigungsprozess. Dieser Prozess
eröffnet eine Perspektive, um die
konfliktreiche Kaukasusregion zu
befrieden.

Ein Frieden, ohne den Entwicklung und


wirtschaftlicher Wohlstand für die ganze
Region nicht möglich sind.

Die Europäische Union sowie die


internationale Staatengemeinschaft sind
gut beraten, diese beiden politischen
Entwicklungen, aber vor allem die
türkische Regierung zu unterstützen.

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Das betrifft auch den Beitrittsprozess der


Türkei. Der Beitritt dieses aufstrebenden
Landes ist ökonomisch für die
Europäische Union wichtig. Aber noch
bedeutsamer sind die geopolitischen
Konsequenzen.

Die Fähigkeit der Türkei, eine Brücke


zwischen Europa und dem Nahen und
Mittleren Osten zu sein, kann nicht hoch
genug eingeschätzt werden.

Deswegen ist ein Beitritt der Türkei zur


Europäischen Union von großer
sicherheitspolitischer Bedeutung für
unseren ganzen Kontinent.

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Meine Damen und Herren,

zum Anderen bin ich davon überzeugt,


dass Europa nur dann seine globale
Macht entfalten wird, wenn es von den
Ressourcen und Potenzialen Russlands
profitiert.

Und ich bin fest davon überzeugt, dass


wir Russland möglichst eng an Europa
und die europäischen Strukturen binden
müssen. Denn nur so werden wir Frieden
und Stabilität auf unserem Kontinent
bewahren.

Das ist gerade für Deutschland eine


Aufgabe, wenn nicht gar eine
Verpflichtung, die aus der deutschen
Geschichte erwächst.

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- 28 -

Im Zweiten Weltkrieg – und das ist erst


etwas mehr als sechs Jahrzehnte her –
haben sich junge Russen und junge
Deutsche in einem mörderischen, von
Hitler-Deutschland entfachten Krieg
gegenüber gestanden.

In der damaligen Sowjetunion verloren


27 Millionen Menschen ihr Leben.
Deshalb wissen viele, vor allem
diejenigen, die das miterlebt haben, wie
wichtig Frieden und Stabilität in Europa
sind.

Daher tun wir gut daran, uns auch


öffentlich immer wieder zu vergewissern,
dass die geschichtliche Entwicklung für
Russland und für das integrierte Europa
auf eine partnerschaftliche Perspektive
zusteuert und zusteuern muss.

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Das macht die Bedeutung der


Aussöhnung mit Russland aus, die ich
angesichts der deutsch-russischen
Geschichte schon fast für ein Wunder
halte.

Und es sei mir als Sozialdemokrat


erlaubt, daran zu erinnern, dass es vor
allem Willy Brandt war, der die Mauer der
scheinbar unauslöschbaren Feindschaft
mit seiner Ostpolitik durchbrochen hat.

Das ist ein hohes Gut, welches wir


wahren und pflegen müssen.

Deshalb dürfen wir nicht auf diejenigen


hören, die wieder Mauern, diesmal
rhetorische und ideologische, aufbauen
wollen. Sondern wir müssen dafür
sorgen, dass das europäisch-russische
Verhältnis möglichst eng und
vertrauensvoll bleibt.

...
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Was bedeutet das? Wir haben für die


eurpäisch-russischen Beziehungen den
Begriff der „strategischen Partnerschaft“
gewählt. Wir sollten als Europäer aber
darüber nachdenken, ob wir diese
Partnerschaft noch weiter vertiefen, auch
institutionell.

Wenn eine „privilegierte Partnerschaft“


mit einem Land außerhalb der
Europäischen Union Sinn macht, dann
mit Russland. Damit meine ich eine enge,
assoziierte Zusammenarbeit in
gemeinsamen Strukturen.

Meine Damen und Herren,

Russland hat weitreichende Interessen


und Traditionen, die von Europa bis
Asien reichen. Aber in erster Linie sieht
sich Russland als ein europäisches
Land. Und dies sollten wir als unsere
Chance begreifen.
...
- 31 -

Denn Russland hat noch eine politische


Alternative: Die Hinwendung nach Asien.

Wir sehen den Aufbau bilateraler


Militärstrukturen in Zentralasien sowie
multilateraler Strukturen in der
eurasischen Region, wie etwa die
Shanghaier Organisation für
Zusammenarbeit.

Dieser gehören China, Russland und vier


zentralasiatische Republiken an, die eng
mit Indien, Pakistan und dem Iran
kooperieren. Dort entsteht ein
gemeinsamer Raum der politischen,
ökonomischen und vor allem
energiepolitischen Zusammenarbeit.

Das muss nicht negativ sein, denn


Stabilität in dieser Region ist auch gut
für Frieden und Entwicklung im globalen
Kontext.

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- 32 -

Aber wir Europäer müssen darauf


achten, dass Russland sich nicht zu
stark in diese Richtung orientiert. Das ist
weder politisch noch ökonomisch in
unserem Interesse.

Europa kann im Rahmen dieser


strategischen Partnerschaft bei der
Modernisierung Russlands helfen
- sowohl der Modernisierung der
Wirtschaft als auch der Gesellschaft.

Auf der anderen Seite können wir an den


immensen Rohstoffen Russlands
teilhaben. Rohstoffe, die uns in
Deutschland und in Europa fehlen.

Und Rohstoffe, zu denen wir sonst in der


Welt nur einen schwierigen, umkämpften
und deswegen vor allem begrenzten und
teuren Zugang haben.

...
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Meine Damen und Herren,

Russland spielt eine zentrale Rolle bei


der Frage, wie wir Europäer angesichts
einer verstärkten globalen Nachfrage
nach Energie einen gerechten und vor
allem friedlichen Zugang zu diesen
Reserven sicherstellen können.

Denn Europa wird, auch wenn wir unsere


Anstrengungen bei Erneuerbaren
Energien verstärken, in den nächsten
Jahrzehnten in zunehmendem Maße auf
Öl- und Gasimporte angewiesen sein.

Wer einen Blick auf die Weltkarte wirft,


der wird feststellen, dass auf Grund der
Instabilität im Nahen Osten und in Afrika
vor allem Russland in der Lage ist,
langfristig und verlässlich diesen Bedarf
zu decken.

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- 34 -

Weniger als 40 Prozent unserer


Gasimporte werden von Russland
gedeckt. Diese Zahl muss uns nicht
erschrecken; denn es ist noch kein
Zeichen von Abhängigkeit. Was uns aber
schrecken muss, ist die Tatsache, dass
80 Prozent der russischen Lieferungen
über nur eine Leitung durch die Ukraine
laufen.

Wir haben also keine Lieferprobleme,


wohl aber haben wir ein Transitproblem.
Und deswegen müssen wir soviel
Transportrouten wie möglich entwickeln
– nicht nur aus Russland, sondern auch
aus anderen Ländern.

Und genau aus dieser Erkenntnis


erwächst der Sinn von Projekten wie
Nord Stream, der Gaspipeline durch die
Ostsee, und anderer Pipelineprojekte wie
etwa South Stream, an der italienische
Firmen beteiligt sind.
...
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Die Diskussion um diese


Pipelineprojekte zeigt aber auch, dass
wir gut beraten sind, unsere
internationalen Energiepartnerschaften
weiter auszubauen.

Wenn wir diese Energiepartnerschaften


– nicht nur mit Russland, sondern auch
mit Norwegen, Algerien, der arabischen
Welt – vertiefen, führt das zu einer
gegenseitigen Abhängigkeit.

Diese ist für beide Seiten wichtig, und sie


führt durch die Gegenseitigkeit im
Endeffekt zu einem Mehr an
Versorgungssicherheit.

Dies gilt auch für die Zusammenarbeit in


der Energiewirtschaft - insbesondere
durch gegenseitige Beteiligungen, bei
der Förderung, der Verteilung und einer
gemeinsamen Infrastruktur.

...
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Auch dies sind vertrauensbildende


Maßnahmen, die stabilisierend wirken
und Verlässlichkeit befördern. Allerdings
dürfen wir in Europa nicht unsere
heimischen Energiemärkte gegen
internationale Engagements abschotten.

Denn Abschottung wäre nicht im Sinne


einer gegenseitigen engeren
Verflechtung.

Und schließlich brauchen wir in der


globalen Energiepolitik einen
multilateralen Ansatz. Die Konkurrenz
um Rohstoffe muss – und ich bin
überzeugt: sie kann – friedlich gelöst
werden.

...
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Dazu bedarf es eines intensiven


politischen Dialoges zwischen Erzeuger-,
Transit-, und Abnehmerländern. Aber wir
sollten uns bewusst sein, dass dieses
Ziel nur kooperativ erreicht werden kann.

Wir sollten nicht auf diejenigen hören,


die Energiepolitik als Teil einer
militärischen Strategie betrachten. Der
Plan etwa, die Energiepolitik zu einer
Aufgabe der NATO zu machen, halte ich
für abwegig. Ebenso, dass die
Bundeswehr zur Sicherung von
Rohstofflieferungen bereit sein soll.

Das ist alles wie eine „self-fulfilling


prophecy“. Am Ende glauben einige
wirklich, dass man wegen Öl einen Krieg
führen sollte.

...
- 38 -

Stattdessen sollten wir auf Dialog und


gegenseitige Verflechtung setzen. Das
ist nach meiner festen Überzeugung der
richtige Weg – und deshalb trete ich so
engagiert für unsere
Energiepartnerschaft mit Russland ein.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich noch abschließend eine


Anmerkung zu einer Volksentscheidung
in der Schweiz machen, die zu einer
Belastung für ganz Europa geworden ist,
weil es unser Verhältnis zur islamischen
Welt berührt.

Der Volksentscheid in der Schweiz zum


Bauverbot für Minarette war nicht
besonders klug, um es vorsichtig
auszudrücken.

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Niemand bestreitet das Recht des


Schweizer Volkes auf demokratische
Teilhabe. Aber es kann nicht sein, dass
Grundrechte von Minderheiten in
Volksabstimmungen zur Disposition
gestellt werden.

Mit dieser Abstimmung ist ein Teil der


Gesellschaft bewusst ausgegrenzt
worden. Und die Gefahr ist groß, dass
dieses Ausgrenzen in anderen
europäischen Gesellschaften kopiert
wird. Das wäre fatal.

Denn wir müssen anerkennen, dass der


Islam ein Teil aller europäischen
Gesellschaften geworden ist. In der
Europäischen Union leben etwa
16 Millionen Menschen, die Anhänger
einer islamischen Glaubensrichtung
sind.

...
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Die Grundlage des Zusammenlebens in


einer multikulturellen und multireligiösen
europäischen Gesellschaft sind klar:

Menschen aus anderen Kulturkreisen,


die in Europa leben und leben wollen,
müssen sich klar und
unmissverständlich zu unserer
Rechtsordnung und unseren
demokratischen Spielregeln bekennen.

Aber Integration bedeutet nicht


Assimilation. Sie darf nicht bedeuten,
kulturelle und religiöse Unterschiede
beseitigen zu wollen. Ein solcher
Integrationsansatz ist zum Scheitern
verurteilt.

Bedauerlicherweise ist nach den


Ereignissen vom 11. September 2001 das
in Europa existierende Bild vom Islam
und von den Muslimen negativ geprägt.

...
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Ich halte das für gefährlich: Wir sollten


uns hüten vor Verzerrungen und
vorschnellen Verallgemeinerungen. Wir
müssen bereit sein zu differenzieren.

Und wir dürfen nicht zulassen, dass


Fremdes von vornherein als feindlich
angesehen wird. Die Anerkennung des
Anderen als eines Gleichen ist ein
kultureller Fortschritt, der uns in Europa
auszeichnet und für den wir überall in
der Welt eintreten wollen.

Zur Differenzierung gehört daher


Fairness, und das muss unseren
Umgang mit jeder Minderheit prägen. Der
Islam ist verschiedenartig und die
islamischen Gesellschaften sind
vielfältig. Wir sollten Menschen nicht
einzig und allein über ihre Religion
definieren.

...
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Jede und Jeder handelt im Rahmen


seiner gesellschaftlichen Bedingungen,
die nicht nur durch die Religion definiert
werden, sondern auch durch
ökonomische, soziale und politische
Faktoren. Das betrifft Muslime ebenso
wie Christen, Hindus oder Buddhisten.

Zudem ist der Islam keine politische


Ideologie. Er ist der Glaube von mehr als
einer Milliarde Menschen, die wie alle
Menschen in Frieden, Wohlstand und
Sicherheit leben wollen.

Der interreligiöse Dialog ist also wichtig,


um Frieden zu erlangen, denn es gibt in
jeder Religion fundamentalistische
Minderheiten. Aber wenn wir uns von
diesen Minderheiten das gesellschaft-
liche Zusammenleben definieren lassen,
haben wir schon verloren.

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Nun wird in der Debatte häufig die


Religionsfreiheit ins Feld geführt.

Defizite bei der Religionsfreiheit in


einigen, bei weitem nicht in allen,
islamischen Staaten sind nicht zu
bestreiten, aber sie können nicht als
Begründung für eine Einschränkung der
Rechte in Europa dienen.

Wir verstehen uns in Europa als


aufgeklärte Gesellschaften. In der
Aufklärung hat sich die Vorstellung des
säkularen Staates durchgesetzt.

Das war ein enormer zivilisatorischer


Fortschritt, der eine Voraussetzung für
das friedliche Zusammenleben in Europa
bildete. Und auf dieser Basis heißt
Aufklärung eben nicht,
Unzulänglichkeiten anderer
Gesellschaften bei uns zu wiederholen.

...
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Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut,


das wir aus guten Gründen schützen -
und schützen müssen.

Das pauschale Verbot von Minaretten ist


daher einen Bruch mit zentralen
Prinzipien des europäischen Projekts als
einer transnationalen, multireligiösen
und multiethnischen
Willensgemeinschaft.

Es ist ein Bruch mit der Aufklärung und


den Werten, die aus der französischen
Revolution erwachsen sind.

Und was besonders gefährlich ist: Die


Populisten auf der politischen Rechten
greifen vordergründig den Islam an, aber
in Wirklichkeit wollen sie das
europäische Projekt zerstören.

...
- 45 -

Sie sind Gegner des europäischen


Einigungsprozesses. Und deswegen
müssen wir diesen Rechtspopulisten mit
aller Kraft entgegentreten.

Meine Damen und Herren,

daran, wie Deutschland, Europa und die


internationale Staatengemeinschaft die
Finanz- und Wirtschaftskrise bewältigen,
wird sich nach meiner festen
Überzeugung entscheiden, wie sich
unser globales Zusammenleben
entwickeln wird - politisch, ökonomisch
und kulturell.

Wir müssen in der internationalen Politik


den partnerschaftlichen Weg wieder
aufnehmen und die alten „Freund-
Feind“-Denkmuster überwinden.

...
- 46 -

Wir brauchen dafür das Instrument, auf


welches das gute „alte Europa“ immer
gesetzt hat: Dialog und Kooperation.

Herzlichen Dank für Ihre


Aufmerksamkeit!