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Campus Essen

Fachbereich Bildungswissenschaften
- Professur für Klinische Psychologie –
Arbeitsschwerpunkte: Klinische Sozialpsychologie
Psychoanalytische Subjektpsychologie
Forensische Psychologie

Dipl.-Psych. Dr. Ulrich Kobbé


Universität Duisburg-Essen ? 45117 Essen
Telefon (02 01) 1 83 – 2232
Fax (02 01) 1 83 – 3141

E-Mail ulrich.kobbe@uni-essen.de
ulrich@kobbe.de

Gebäude Universitätsstr. 12, Raum R11 T03 C32

Datum 15.06.2005

Subjektiv(ierend)er Faktor & experimentelle Kunst –


Eine sozialpsychologische Feldstudie
Das Niedersächsische Landeskrankenhaus Wunstorf feiert am 15.06.2005 sein
125-jähriges Bestehen. Die Einladung zur Teilnahme an den Feierlichkeiten durch Herrn
Professor Dr. Andreas Spengler war Anlass, die eigenen sozialpsychiatrischen Lehrjahre
(1980-1984) im NLKH Wunstorf nicht nur Revue passieren zu lassen, sondern auch ein
unpubliziertes Manuskript damaliger Feldforschung aus einem Ablagestapel, einem Wust
umzugsgeschädigter, zerfledderter Papiere hervorzusuchen.

q unpublished – Eine unveröffentlichte Studie

Das Skript gibt nicht nur Eindrücke eines scheinbar marginalen – und, wie sich
zeigen lassen wird, subjektiv doch zentralen – »Restphänomens« (Alheit) des Wunstorfer
Alltagslebens wieder, wie sie auch sonst von ›ganz am Rande der Psychiatrie‹ (Kobbé
1986) vermerkt wurden: Der quasi-historische Text reflektiert zugleich Denk- und Argu-
mentationsfiguren, wie sie Ende der siebziger / Anfang der achtziger Jahre für Angehöri-
ge gesellschaftskritischer Psy-Berufe charakteristisch waren, und macht einen Spagat
deutlich, wie er in der Sozialpsychologie zwischen universitärem Wissenschaftsanspruch
und subjektbezogener Feldforschung gewagt werden muss.

Für die Relektüre und Revision der deskriptiven Emotionsanalyse wird das sonst
nicht zugängliche Skript (Kobbé 1983b), dem ein vorläufiger klinikinterner – und nicht
mehr verfügbarer – Bericht (Kobbé 1983a) zugrunde liegt, zunächst im Original wieder-
gegeben:
-2-

1
»… pour ne pas pleurer«
Emotionsanalyse eines Kunst-am-Bau-Projekts im Landeskrankenhaus 2
Ulrich Kobbé
Niedersächsisches Landeskrankenhaus Wunstorf

„Kunst hat immer zu tun mit Realität, und zwar mit der Realität des machenden Subjektes und des zu ge-
staltenden Objektes. Hier ist der Gestaltende mit seinen Anschauungen, seinen Erfahrungen, seinen Wün-
schen und Hoffnungen, seinem familiären und gesellschaftlichen Umfeld, und da ist der Gegenstand seiner
Gestaltung, das Material, das Thema, zu dem er sich gestaltend in Beziehung setzt“ (Neuenhausen 1983, 9).
So leitet ein Kunstprofessor das Thema ‚Kunst in der Psychiatrie’ ein – was meinen die ‚anderen’ zu einem
Projekt, Kunst – und hier speziell Bildhauerei – in einem Landeskrankenhaus zu versuchen, versucht zu ha-
ben? Immerhin ist Wahn ja ‚in’:
„Diese Formulierung ist nicht zynisch von mir gegen Wahnsinn, sondern im Gegenteil Beschreibung bür-
gerlichen Chics: dessen Massen füllen die Ausstellungen von Wölfli, der Prinzhorn-Sammlung, bejubeln
Publikationen aus dem Hause Navratil undsoweiter, lassen diese zu Erfolgen werden. Die übergroße Frem-
de wird über den Markt heimgeholt, und dernier cri ist dann, aus sicherer Entfernung Nähe zu behaupten,
wirklich bleibt sie fein sauber in der Distanz“ (Erlhoff 1980, 31).
Und im Gegensatz dazu stellt Burk fest, daß bei Interessierten „ein tiefes Gefühl“ anklinge „oder es wird
die spontane Erkenntnis von verdrängten Zusammenhängen möglich“ (Burk 1978, 51), wenn sie die künst-
lerischen Ergebnisse von z.B. schizophren-psychotisch Erkrankten betrachten.

P rojektbeschreibung
1982 fand im Rahmen der Verwendung von Kunst-am-Bau-Geldern ein Projekt im Niedersächsischen Lan-
deskrankenhaus Wunstorf statt, bei dem Patienten und Mitarbeiter der Klinik unter Anleitung einiger junger
Künstler Steinplastiken schufen. Ziel war die Gestaltung eines „plastischen Ambientes im Klinikpark“
durch die diesen später auch benutzenden Personen: Patienten, Krankenschwester und -pfleger, Ärzte, Psy-
chologen, Sozialarbeiter, Beschäftigungstherapeuten ... Die Steinbildhauerei war dabei für alle Beteiligten
neu, die Teilnahme daran freiwillig. Zugleich stellte ein solches Vorhaben Anforderungen an die o. g. Per-
sonen hinsichtlich ihres Sich -einlassen-Könnens, war doch das Ergebnis weder vorhersehbar noch geplant,
fand dort doch eine klinikinterne Aktivität statt, die nicht Therapie sein sollte, aber „therapiehaltig“ (Neu-
enhausen) sein konnte und m. E. war.

Zur Theorie
Wenn dieses Kunstprojekt keine Therapie und dennoch therapiehaltig ist, muß nach den Funktionen bildne-
rischer Tätigkeit gefragt werden, deren Produkte Vergegenständlichungen, Exteriorisierung menschlicher
Fähigkeiten, Eigenschaften und Gefühle ist.
„Beliebigkeiten, Zufälligkeiten, Schwankungen als Vorgänge des Subjekts und dessen Subjektivität der in
die Gestaltung eingehenden Welt und Selbsterlebnisse werden allmählich überwunden zugunsten der Fil-
trierung der Erfahrung durch die Objektivität des Erkennens. Dadurch wird die faktische Gesellschaftlich-
keit, die in jeder noch so subjektiven Erfahrung letztlich beschlossen liegt, in ihren wesentlichen Momenten
verdeutlicht, der situativen Beimengung entkleidet, damit intersubjektiv fassbar“ (Holzkamp 1974, 24).
Hinsichtlich der Anstaltssituation der am Projekt teilnehmenden Patienten und Klinikmitarbeiter wird so
deren gesellschaftlich -allgemeine Erfahrung mit der Psychiatrie als totaler Institution und mit psychiatr i-
scher Krankheit überhaupt im Besonderen ihrer individuellen Position und Befindlichkeit ihnen selbst er-
fahrbar, den späteren Betrachtern erkennbar.
1
„Ich schaffe pour n e p as pleurer , das ist der letzte und der erste Grund“ (Klee).
2
Zur Verö ffentlichung angeno mmen in: Kunst & Therapie [Anm.: Publikation wegen Verlags- und mehrfachem Redaktionswechsel der Zeitschrift zu-
nächst verschoben, dann jedoch wegen mittlerweile fehlender Aktualität nicht mehr realisiert]
-3-

Steinbildhauerei selbst ist Arbeit mit Werkzeugen an Steinquadern; und in der Arbeit entwickelt der einzel-
ne seine Fähigkeiten, Eigenschaften und Bedürfnisse. In der Entäußerung seiner selbst durch diese Arbeit
erlangt das Indiv iduum praktische und konkrete (Er-)Kenntnisse über sich in seiner Beziehung zu anderen.
In der bildnerisch gestaltenden Arbeit vergegenständlicht sich der einzelne, sodaß es zu einem Prozeß
[kommt], der dem mit der Aneignung verbundenen Prozeß der Interiorisierung gegenläufig ist, zur
Exteriorisierung individueller Erfahrung.
Die persönlichen Befindlichkeiten, ‚Probleme’, ‚Schwierigkeiten’, die durch den individualgeschichtlichen
Aneignungsprozeß gesellschaftlicher Widerspruchsverhältnisse in der Interiorisierung zu scheinbar ‚bloß
subjektiven’ Erlebnistatbeständen geworden sind, werden [...], durch die Exteriorisierung so auseinanderge-
legt, daß ihr gesellschaftlich -allgemeiner Ursprung in symbolischer Form sinnlich erkennbar wird“ (Holz-
kamp 1974, 35/36).
In der allgemeinen Arbeit muß sich der Mensch sonst in seiner Tätigkeit dem äußeren Zweck des zu schaf-
fenden Produkts unterordnen. In der schöpferischen Arbeit dagegen können objektive und persönliche Be-
deutung der bildnerischen Tätigkeit zusammenfallen. Das Therapiehaltige des Bildhauerprojekts wird
bspw. Deutlich in dem Bericht von Jacobi (1983) und Fichtner (1983) sowie dem Interview mit Georgus
(1983) im Ausstellungskatalog. Andererseits läßt sich die Wirkung kreativen Gestaltens auf Patienten nach
Burk “nicht so eindeutig als therapeutisch bestimmen, wie dies von Psych iatern gemeinhin beurteilt und
propagiert wird“ ( Burk 1978, 52).

F ragen
„Experiment“ nennt die Deister - und Weserzeitung (DWZ) vom 16.02.83 dieses „ungewöhnliche Unter-
nehmen aus dem Grenzbereich zwischen Kunst und Psychiatrie“: ‚Experiment’ angesichts der Einmalig-
keit, des Versuchscharakters, des Neuen und Unbekannten einer solchen Verwendung und Auffassung von
‚Kunst im öffentlichen Raum’.
„Aus Träumen und Ängsten“ überschreibt die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) vom 17.02.83 ih-
ren Artikel zur Eröffnung der Ausstellung der Plastiken und Bodenmosaike. In der Tat wußten wir nicht,
wie Patienten und Ko llegen dieses Unterfangen aufnehmen würden, waren sie doch bei der Planung schon
nicht gefragt wo rden ... „Es herrschte Unsicherheit und Skepsis“, faßt dies Häberle (1983) treffend knapp
zusammen. Denn immerhin steht sich das Individuum in seiner bildnerischen Tätigkeit und in der Steinpla-
stik selbst gegenüber. Andererseits entschärft das Alltagsbewußtsein im Allgemeinen derart manifest wer-
dende Widersprüche auf unwesentliche Konflikte, banalisiert sie sozusagen. Alltagsbewußtsein verhindert
die Wahrnehmung von Ecken und Kanten (der Welt und der Steinplastiken), blockiert Erkenntnis und Ein-
sicht.
„Im Alltagsbewußtsein ist die Schere, die das, was über den Kofferrand hinaussteht, sich unterm Koffer-
deckel hindurchquetscht, abschneidet“ (Lei thäuser 1975, 55).
Würde diese ‚Schere’ im konkreten Individuum auch in der generellen Bewertung des Projekts wir ksam
werden, es bspw. Lächerlich machend entwerten oder als ‚Spinnerei der Sozialpsychiater’ abtun?
Weiter gab es bis auf ein ähnliches Projekt von Neuenhausen im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-
Ochsenzoll keine uns bekannten Vorerfahrungen, es sei denn in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen;
das Kunst-am-Bau-Projekt von Laute (1981).
Weiter war überhaupt nicht erkennbar, inwiefern die Arbeit von Patienten und Pflegepersonal, Nicht-
Künstlern also, an Skulpturen überhaupt ‚Kunst’ sein konnte und würde. Holzkamp (1974, 27) merkt hierzu
an, zweifellos könne „auch Ergebnissen bildnerischer Tätigkeit ausgeprägter künstlerischer Wert zukom-
men, die nicht off iziell ‚Kunst’ sind und nicht von professionellen ‚Künstlern’ stammen. [...] Umgekehrt:
Von professionellen ‚Künstlern’ produzierten und auf dem Markt gehandelten Resultaten bildnerischer Tä-
tigkeit muß nicht notwendig auch ein hoher künstlerischer Wert zukommen.“
Da diese beiden Bestimmungen von ‚Kunst’ in Widerspruch zueinander treten können und in unserer Ge-
sellschaft auch häufig in einem solchen Widerspruch stehen, war uns die Einschätzung dieses Unterneh-
mens wichtig.
-4-

Weiter steht sich der einzelne in seinem Werk sozusagen sich selbst gegenüber, und zwar nicht nur als em-
pirisches Subjekt in seiner momentanen Befindlichkeit, sondern ebenfalls in objektivierter Form. Struktur
und Ordnung der gegenständlichen Gestaltung einer Skulptur wirken strukturierend und ordnend auf seine
Selbstwahrnehmung und sein Erkleben zurück (Langlois 1983), und dies keineswegs abstrakt, sondern als
„generalisierte Herausgehobenheit und Akzentuiertheit wesentlicher Charakteristika des Sich -Befindens“
(Holzkamp) unter den konkreten Bedingungen einer totalen Institution, wie sie ein Psychiatrisches Landes-
krankenhaus für Patienten wie für Mitarbeiter darstellt. Eine so lche Konfrontation mit den eigenen Ängsten
und Träumen läßt den Rückschluß auf die verschiedenen Gefühle gegenüber dem Projekt, der Teilnahme
daran und zu den entstand enen Plastiken nur in Form von Vermutungen zu.
Weiter weist Benedetti (1982) immerhin darauf hin, daß das gemeinsame Gespräch über die künstlerische
Arbeit helfen könne, „die psychotische Existenzbedrohung zu ertragen und zu überwinden“.

Untersuchungsansatz
Im Bereich der mit dem Projekt verbundenen Gefühle und Emotionen bestand so eine Art ‚semantischer
Morast’ – siehe die eindrückliche Schilderung mitgeteilter und ausgelöster Gefühle bei Jarchov (1978),
weiter die Feststellung Burks (1978), von verwandten (Kunst-)Formen könne nicht auf verwandte Ge-
fühlswelten geschlossen werden. Daher erschien eine Erhebung der Gedanken und/oder Vorstellungen
und/oder Empfindungen zum Bildhauerprojekt wü nschenswert.
Eine wissenschaftliche Begleitung war jedoch anfangs nicht geplant, sodaß Impressionen und Einschätzu n-
gen erst im Nachhinein erfragt werden konnten. Hierzu wurde methodisch ein sogenanntes Polaritätenpro-
fil gewählt, das in der Psychologie auch als Semantisches Differential oder Eigenschaftswörterliste bekannt
und seit Jahrzehnten als einfache und ökonomische Methode zur Erlangung eines Stim mungsbildes bewährt
ist.
„Die von Osgood (1952) und Hofstätter (1955) entwickelte Methode des Polaritäten -Profiles (‚semantic
differential’) verlangt von den Vpn die Einstufung eines Begriffes oder auch eines Gegenstandes der An-
schauung [...] auf einer Reihe von Polaritäten, die zu diesem Gegenstand meist in keiner sachlichen, wohl
aber in einem möglichen assoziat iven Bezug stehen. Der quantitative Vergleich von Profilen [...] gestattet
Angaben über die (subjektive) Ähnlichkeit zwischen Gegenständen“ (Hofstätter 1972, 35).
Historisch ist dieses Vorgehen weiterhin auf den phänomenal-propositiven Ansatz Hevners (1936) zur Ge-
fühlsdimensionierung zurückzuführen. In dem hier verwendeten Polaritätenprofil waren nach dem Prinzip
des Semantischen Differentials 60 Adjektive und Gefühlsqualitäten auf 30 bipolaren Achsen angeordnet.
Das sprachliche Material wird so in seiner Überindividualität des semantischen Bestandes auf Ordnungs-
strukturen abgesucht (vgl. Ertel 1964). Das heißt, anhand individueller Implikationen sollen allgemein vor-
handene Ordnungen sichtbar gemacht und so der En twurf eines Gesamtsystems der emotionalen Besetzung
des Bildhauerprojekts, innerhalb dessen die befragten Individuen variieren, versucht werden. Wie Emotio-
nen auf einem Kontinuum oder auf mehreren Achsen angeordnet werden, sind auch künstlerische Qualität
und ihre Abwesenheit keine diskreten Kategorien, sondern vielmehr ein Kontinuum: jeder bildnerischen
Gestaltung kommt diese Qualität mehr oder w eniger zu.
Methodisch bleibt anzumerken, daß in derartigen Untersuchungen eine scheinbar geringe Dimensionalität
des Raumes der Konnotationen auftritt. Im Grunde bleibt so offen, wie weit man sich per Fragebogen von
den Phänomenen entfernen, von ihnen abstrahieren darf, um ihnen gerecht bleiben zu können. Die Annah-
me bei der Verwendung des Polar itätenprofils geht ja gerade dahin, daß die semantische Dimensionalität
als emotionale Dimensionalität zu b eschreiben ist.
Praktisch ist die durchgeführte Untersuchung eher als ein Art standardisiertes Interview oder als ‚Image-
Test’ (s. Noelle 1971) zu bezeichnen und erhebt so keinen Anspruch auf die Einhaltung wissenschaftlicher
Testkriterien der Objektiv ität, Validität und/oder Reliabilität.
-5-

Durchführung der Befragung


Vorgelegt wurde der Fragebogen bei Abschluß des Projektes sowohl beteiligten Patienten wie auch künstle-
rischen Mitarbeitern und therapeutischem Personal des Landeskrankenhauses. Für die Auswertung liegen
Ergebnisse von insgesamt n = 46 Personen vor, für die sich graphisch folgendes Polaritätenprofil ergibt:

abs t o ßend - anziehend


ho c h - tief
s c hwach - s t ark
farbig - farblo s
ak t iv - pas s iv
t rist - belebend
k lein - gro ß
k alt - warm
k lar - v ers c hwo m men
gleic hgült ig - bereic hernd
ruhig - erregt
k rank - gesund
k o nt akt f reudig - s cheu
gespannt - gelö s t
t raurig - lus t ig
unv ert raut - v ert raut
nic hts s agend - ausdruck s s t ark
s c hö n - häs s lic h
f risc h - müde
feige - mut ig
nahe - f ern
dynam is c h - s t atis c h
f rei - gezwungen
geo rdnet - ungeo rdnet
gut - s c hlecht
biegs am - s teif
unangenehm - wo hlt uend
aggres s iv - f riedf ert ig
v iel - wenig
t o t - lebendig

Abb. 1 -3 -2 -1 0 1 2 3

Ergebnisse
Der Graphik ist zu entnehmen, daß bei den dichotom angeordneten Eigenschaften bestimmte eindeutige
Zuordnungen erfolgten. So werden für das Projekt bzw. die bildnerische Tätigkeit und/oder die Skulpturen
globale Attribuierungen vorgenommen, die eine – vorläufige – Charakterisierung des gesamten Unterneh-
mens ermöglichen. So wurden folgende Gefühlsqualitäten zugeordnet:

1. anziehend 11. kontaktfreudig


2. stark 12. ausdrucksstark
3. farbig 13. schön
4. aktiv 14. frisch
5. belebend 15. mutig
6. groß 16. gezwungen
7. warm 17. gut
8. verschwommen 18. wohltuend
9. bereichernd 19. viel
10. gesund 20. lebendig

Auswertung und Interpretation


Der Versuch einer Cluster -Bildung dieser Gefühlszuordnungen und Attribuierungen ergibt die Möglichkeit
einer Anordnung der Begriffe auf den bipolaren Achsen
angenehm – unangenehm (Lust – Unlust ) und
-6-

Unterwerfung – Überhebung (Submission – Dominanz)


von Traxel (1960) sowie auf einer dritten unabhängigen Dimension, die orthogonal auf diesen beiden Ach-
sen steht. Traxel und Heide (1961) benannte diese zusätzli che eindimensionale (?) Achse als
Grad der Motivierung (Faktor der Aktivierung )
und erstellten so ein dreidimensionales Achsensystem im emotionalen / semantischen Raum. Die zugeord-
neten Gefühlsbegriffe lassen sich räumlich dreidimensional im Sektor Lust – Dominanz – (hohe) Motivie-
rung / Aktivierung situieren und graphisch wie in Abb. 2 dargestellt veranschaulichen:

Gefühlssektor
Lust

Aktivierung

Submission Dominanz

Unlust
Abb. 2
Insgesamt ergibt sich ein subjektives Stimmungsbild, das gleichzeitig auch eine entsprechende Bewertung
beinhaltet. Heller (1981) weist darauf hin, daß Gefühle immer bewertende emotionale Begriffe sind. „Füh-
len bedeutet, in etwas involviert [zu] sein“, und es bedeutet zugleich zu beurteilen, worin, auf welche Wei-
se, mit welcher Intensität invo lviert zu sein.
„Unsere Gefühle können ihre Funktion nur dann erfüllen, wenn sie auch ihre eigene Beurteilung beinhalten,
und zwar aus der Sicht des Anforderungs- und Gewohnheitssystems der jeweiligen Gesel lschaft“ (Heller
1981, 188).
Das heißt, im Gefühl zu jemandem oder zu etwas (hier: zum Bildhauerprojekt und den Skulpturen) drückt
sich nicht einfach ein Zustand des Individuums aus, sondern zugleich dessen Einstellung zur Außenwelt,
zum Objekt schlechthin.
Offensichtlich haben Patienten und Mitarbeiter das Bildhauerprojekt angenommen und als Bereicherung
der bestehenden therapeutischen Angebote durch kreative Elemente ohne ausdrücklich therapeutischen
Charakter erlebt. Das Ergebnis mag banal klingen, doch widerlegt es immerhin unsere Zweifel und Beden-
ken zu Anfang, ebenso die Ansicht Laubers (1983), die Ergebnisse derartiger Aktivitäten würden, „oft vom
Klinikpersonal selbst, herabgesetzt oder abgewertet“. Das ‚Anschmiegen’ an die Realität des Lebens in der
Psychiatrie, ihre Überprüfung an den ‚kaputten’ Formen des Umgangs miteinander wie denen der Standbil-
der kann von den meisten Teilnehmern an der Umfrage zugelassen werden, auch wenn ein hohes Ausmaß
an Aktivierung hierzu erforderlich ist oder z. B. bei der – mit n = 7 statistisch zu kleinen – Subgruppe der
Patienten der Tagesklinik die Gefühle (aufgrund geschärften Problembewuß tseins?) im Zaum gehalten und
so im wenig aussagekräftigen Mittelfeld zwischen den Polen angeordnet werden (mü ssen).
Das Resultat – sowohl das konkrete des Projekts wie auch dieser kleinen alltagspraktischen Feldforschung
– sollte uns ermutigen, ähnliche Aktivitäten externer Interessenten ins Landeskrankenhaus zu holen. Und
dies nicht nur, weil hierzu „viel Zeitaufwand und Energie“ (Lauber) benötigt werden, sondern auch, weil
derart ‚therapiehaltige’ Initiativen Öffentlichkeit herstellen, Patienten wie Klinikmitarbeitern das gesell-
schaftliche Interesse an ihrer Existenz und Arbeit dokumentieren, sie hierin unterstü tzen. Dies entspricht
letztlich der von Burk (1978) allgemein konstatierten Tendenz in der Psychiatrie, vermehrt Patienten künst-
lerisch zu fördern.
-7-

Literatur
Benedetti, G. 1982. Krankheits-Bilder. Über die Kreativität des schizophren Leidenden . In: Psychologie heute, 6, 32-43
Bode, U. 1983. Aus Träumen und Ängsten. „Kunst und Psychiatrie“ im Kunstverein Hannover. In: Hannoversche Allgemeine Zei-
tung (HAZ) vom 17.02.83
Burk, H. 1978. Die „Kunst“ der Geisteskranken . In: Psychologie heute, 6, 50- 57
Erlhoff, M. 1980. Anmerkung zu linkem Biedermeier. Heimvorteil und Außenseiter. In: Psychologie & Gesellschaftskritik, 16, 31-
49
Ertel, S. 1964. Die emotionale Natur des „semantischen“ Raumes. In: Psychologische Forschung, 28, 1-32
Fichtner, G. 1983. Meine Meinung zum Kunstprojekt. In: Kunstverein Hannover (1983) a.a.O., 47-48
Georgus, W. 1983. Vom Bildhauerprojekt im Bremer Gefängnis zum Bildhauerprojekt in der Wunstorfer Klinik. In: Kuns tverein
Hannover (1983) a.a.O., 58-63
Heller, A. 1981. Theorie der Gefühle. VSA-Verlag, Hamburg
Hevner, K. 1936. Experimental studies of the elements of expression in music. In: Journal of Applied Psychology, 49, 246-268
Hofstätter, P.R. 1972. Fischer Lexikon Psychologie. Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M.
Holzkamp, K. 1974. Kunst und Arbeit. Ein Essay zur „therapeutischen“ Funktion künstlerischer Gestaltung. In: Ho lzkamp, K.
1978. Gesellschaftlichkeit des Individuums. Aufsätze 1974 -1977 (17-40). Pahl-Rugenstein, Kö ln
Jacobi, U. 1983. „Es hat Spaß gemacht, das Steinekloppen!“. In: Kunstverein Hannover (1983) a.a.O., 32-42
Jarchov, I. 1978. Ernster nehmen als sämtliche Pinakotheken . In: Psychologie heute, 2, 64- 71
Jenner, I. 1983. Erste Erfahrungen in der Bildhauerei. In: Kunstverein Hannover (1983) a.a.O., 43-44
Klee, P. 1964. Das bildnerische Denken. Schwabe, Basel / Stuttgart [zitiert in: Arnheim, R. 1972. Anschauliches Denken. Zur Ein-
heit von Bild und Begriff (239). DuMont Buchverlag, Kö ln]
Kobbé, U. 1983[a]. Kunst und Psychiatrie. Deskriptive Analyse eines Bildhauerprojekts. Krankenhaus interner Bericht, LKH Wuns-
torf
Kunstverein Hannover (Hrsg.) 1983. Kunst und Psychiatrie. Siegfried Neuenhausens Bildhauerprojekte mit Patienten in Wunstorf
und Ochsenzoll. Hannover
Langlois, J. 1983. Art-thérapie à la Française. In: ›psychologie‹, 155, 50- 54
Laute, R. 1981. Der Weg durch die Furt. In: W ir helfen in den Alsterdorfer Anstalten, 5, 7-9
Leithäuser, Th. 1975. Das, was schwer zu machen ist: Undogmatische Theorie und phantasievolle Praxis. In: Horster, D.; Leithäu-
ser, Th.; Negt, O.; Perels, J.; Peters, J. (Hrsg.) 1975. Es muß nicht immer Marmor sein. Erbschaft aus Ungleic hzeitigkeit. Ernst
Bloch zum 90. Geburtstag (47-58). Wagenbach, Berlin
Neuenhausen, S. 1983. Kunst in der Psychiatrie. In: Kunstverein Hannover (1983) a.a.O., 8-11
o. Verf. 1983. Experiment gewagt. Die Werke psychisch Kranker ausgestellt. In: Deister- und Weserzeitung vom 16.02.83
Traxel, W. 1960. Empirische Untersuchung zur Einteilung von Gefühlsqualitäten. In: Bericht vom 22. Kongreß der Deutschen Ge-
sellschaft für Psychologie in Heidelberg 1959, 290-294
Traxel, W.; Heide, H.J. 1961. Dimensionen der Gefühle. Das Problem der Klassifikation der Gefühle und die Möglichkeit seiner
empirischen Lösung. In: Psychologische Forschung, 26, 179-204

q re-checked – Aktualisierung der Studie

Unterzieht man das Feldforschungsergebnis einer eingehenderen statistischen


Untersuchung mit Hilfe der ›Repertory Grid Technik‹ (Riemann 1991), wie sie für die Be-
forschung semantisch codierter subjektiver Bedeutungsräume indiziert ist, so ergibt sich
eine unausgewogene 3-Faktoren-Struktur, welche die Gesamtvarianz zu 100 % erklärt:

Tab. 1: Eigenwerte der Faktoren

Eigw erkl. Var. cum % _


FA 1 126.902.678 99.60 % 99.60 %
FA 2 69.561 0.26 % 99.86 %
FA 3 37.760 0.14 % 100.00 %

Die anschließende Varimaxrotation des Komponentenraums der Daten führte zu


einer Differenzierung der nunmehr sinnvoll interpretationsfähigen Faktorenladungen. Für
die Berechnung der Hauptkomponentenanalyse wurden die Eigenwerte und Eigenvekto-
ren einer Ähnlichkeitsmatrix – Korrelationsmatrix – berechnet. Da in diesem Zusammen-
-8-

hang nur die Beziehung der Konstrukte zueinander von Interesse war, wurden nur die
Konstruktvektoren euklidisch normiert und die Elementvektoren (d. h. die Beziehungen
der Beurteiler zueinander) vernachlässigt.

Tab. 2: Normierte Ladungen der Konstrukte

FA 1 FA 2 FA 3
K_ 1 22.337 -23.703 -22.982
K_ 2 -10.718 10.468 11.855
K_ 3 18.885 -18.738 -16.317
K_ 4 -14.171 15.647 15.211
K_ 5 -22.967 22.554 23.513
K_ 6 20.296 -21.689 -21.039
K_ 7 18.884 -18.525 -19.627
K_ 8 16.843 -16.724 -14.374
K_ 9 16.213 -17.661 -17.154
K_10 22.066 -20.000 -20.931
K_11 5.614 -5.433 -6.998
K_12 16.723 -18.271 -15.984
K_13 -19.275 20.682 20.068
K_14 8.166 -7.844 -11.081
K_15 10.088 -11.618 -11.325
K_16 10.327 -8.524 -8.104
K_17 20.177 -23.449 -19.340
K_18 -25.367 19.714 23.934
K_19 -19.514 17.589 16.847
K_20 17.114 -20.428 -16.426
K_21 14.171 -15.647 -15.211
K_22 -10.327 8.524 8.104
K_23 19.905 -19.746 -17.288
K_24 10.838 -8.921 -10.245
K_25 -26.421 27.732 26.868
K_26 -13.031 16.399 12.540
K_27 18.613 -14.821 -17.575
K_28 8.948 -12.158 -11.964
K_29 -19.905 19.746 17.288
K_30 18.884 -18.525 -19.627

Inhaltlich beinhaltet dies ein Faktorenmodell, dessen Struktur sich inhaltlich nur
annäherungs- und versuchsweise interpretieren lässt:

Tab 3: Faktorenstruktur der Konstrukte

FA 1 FA 2 FA 3
K_ 1 anziehend
K_ 2 oben
K_ 3 schwach
K_ 4 farbig
K_ 5 aktiv
K_ 6 belebend
K_ 7 groß
K_ 8 kalt
K_ 9 verschwommen
K_10 gleichgültig
K_11 erregt
-9-

FA 1 FA 2 FA 3
K_12 gesund
K_13 kontaktfreudig
K_14 gelöst
K_15 lustig
K_16 unvertraut
K_17 ausdrucksstark
K_18 hässlich
K_19 müde
K_20 mutig
K_21 fern
K_22 statisch
K_23 frei
K_24 geordnet
K_25 gut
K_26 biegsam
K_27 unangenehm
K_28 friedfertig
K_29 wenig
K_30 lebendig

Tab. 4: Approximative Interpretation des Faktorenmodells

FA 1 FA 2 FA 3

• Unlust Lust
‚ Passivität Aktivität
ƒ Submission Dominanz Dominanz

Überprüft man die 1983 deskriptiv vorgenommene Interpretation, so lässt sich für
die Anordnung im dreidimensionalen Raum anhand des Faktorenmodells bestätigen,
dass die – hier fett markierten – Attributionen als Konstrukte auf den Faktoren laden, die
mit emotionalen Qualitäten und/oder Strukturen assoziiert sind, wie sie als Pole der Lust
(versus Unlust), der Dominanz (versus Submission) und der Aktivierung – hier bipolar
Aktivität (versus Passivität) – angebbar sind. Insofern bestätigt die faktorenanalytische
Prüfung das damalige Ergebnis hinsichtlich der angegebenen Struktur. Die bipolare
Struktur des Modells wird auch in der dreidimensionalen graphischen Darstellung der er-
rechneten Faktorenlösung ersichtlich:

Abb 3a: Dimensionen 1 & 2 Abb 3b: Dimensionen 1 & 3 Abb 3c: Dimensionen 2 & 3
-10-

Skeptisch macht allerdings, dass die Faktoren 2 und 3, auf denen die betreffenden
Items laden, lediglich 0,4 % der Varianz erklären. Einerseits ist dieses Ergebnis dahinge-
hend zu bewerten, dass es offensichtlich gerade die vermeintlich unbedeutenden, mithin
scheinbar zu vernachlässigenden Randphänomene sind, die im Sinne nicht-linearer Pro-
zesse – des ›Schmetterlingseffekts‹ der Systemtheorie – das (Beurteilungs-)System
durch minimale Einflüsse determinieren. Dies könnte im Kontext der diskutierten emotio-
nalen Stellungnahme nicht nur zum Bildhauerprojekt, sondern zugleich zum inszenierten
›therapiehaltigen‹ Klinikalltag, darauf hindeuten, dass öffentliche Erwartungen und expli-
zite Attribuierungen – analog zum »Unterleben« (Goffman) der formalen Anstaltsstruktu-
ren oder als Aspekt der Subversion formal-veranstalteter Strukturen – in diesen emotio-
nalen Stellungnahmen quasi ›unterlaufen‹ werden. Dies könnte die Interpretation nahe
legen, dass sich anhand »dieser kleinen alltagspraktischen Feldforschung« (Kobbé
1983b) eine Möglichkeit ergibt, anhand der projektbezogenen Emotionsanalyse auch die
unbewusst ablaufenden Prozesse einer Auseinandersetzung mit der institutionellen
›Grammatik‹ (Wulff) mit zu untersuchen.

q revised – Korrektur der Studie

Andererseits ist das Ergebnis der explorativen Untersuchung semantischer, mithin


emotionaler Dimensionen subjektiv erlebter Kunstproduktion jedoch im Zusammenhang
mit sozialpsychologischen und sozialpsychiatrischen Fragestellungen zum Verhältnis von
Institution und Subjekt so – zunächst – wenig aussagekräftig. Darüber hinaus wirkt das
skizzierte Modell des Gefühlssektors in seiner abstrakten Wertneutralität nicht nur ideali-
stisch, sondern zudem als »›Anschmiegen‹ an die Realität des Lebens in der Psychia-
trie« (Kobbé 1983b) auf unkritische Art und Weise eklektisch verzerrt.

Für eine weitergehende Diskussion der Befunde und die Auswertung des Seman-
tischen Differentials lässt sich ein von Kluckert & Donzelli-Kluckert (1990) generiertes
Darstellungsschema für den ›Alltag‹ als Forschungsgegenstand nutzen. Mit Hilfe dieses
Schemas untersuchen die Autoren sie die »sinnstiftende Praxis« ästhetischer und künst-
lerischer Alltagserlebnisse darauf, in wie weit ›Kunst‹ »einen individuellen Sinn- und Le-
bensbezug zur Wirklichkeit« des konkreten Subjekts hat (Kluckert & Donzelli-Kluckert
1990, 10). Aus ihrer Unterscheidung

î von ›Alltag‹ als Wochen- und Arbeitstag, als Tagwerk und allgemeiner Realität des ge-
meinen Subjekts und
-11-

î von ›Nicht-Alltag‹ als Ruhe-, Frei- und Ferientag, Erholung und ›Tag des Herrn‹, als
Traum vom Müßiggang des besonderen Subjekts

resultiert ein Schema, in dem einerseits ›Alltag‹ und ›Volk‹ sowie andererseits ›Nicht-
Alltag‹ und ›Herrschaft‹ miteinander assoziiert werden und ineinander aufgehen. Als Kri-
terien-Paare dieser Schematisierung erarbeiten sie

î »Herrschaft: wenig, oben, fern, statisch«,

î «Volk: viel, unten, nah, dynamisch«,

die von ihnen als Merkmale der Differenzierung von Raum und Zeit beurteilt werden:
»oben – unten und nah – fern bezeichnen Orte im Raum; viel – wenig bezeichnet eine
Menge im Raum und statisch – dynamisch beschreibt Ruhe oder Bewegung in der Zeit«
(Kluckert & Donzelli-Kluckert 1990, 22).

Zusammenfassend stellen sie fest, dass diese Kriterienpaare in der Einteilung des
Raum-Zeit-Gefüges und als kognitives Orientierungsschema »einerseits auf metaphysi-
sche Grundstrukturen unseres Denkens und Handelns zurückzuführen sind und anderer-
seits Strukturelemente von kulturellen Topoi darstellen, die uns in der Literatur oder
Kunst in immer wieder abgewandelten Formen begegnen. Als solche sind sie Spiegel der
Realität und verweisen damit sowohl auf die Art und Weise der Rezeption als auch der
Produktion unserer Wirklichkeit« (Kluckert & Donzelli-Kluckert 1990, 29).

Extrahiert man diese Kriterienpaare aus dem Polaritätenprofil, so ergibt sich fol-
gendes Diagramm, das eine Interpretation des Kunst-am-Bau-Projekts nach den vorge-
nannten Kriterien ermöglicht (vgl. Abb. 1)

dynamisch - statisch -0,9

. nahe - f ern 1,5

oben - unten -1,9 -1,1

viel - w enig

Abb. 4: Polaritätenprofil (reduziert) -2 -1 0 1 2

î In der Auswertung wird auf der ersten Achse erkennbar, dass auch Steinmetzarbeiten
als ›dynamisch‹ erlebt werden können, was den Gestaltungsraum der Skulpturen als
plastisches Ambiente und kompositionelles Gefüge im Klinikpark – »fast möchte man
sagen: als lebendigen Organismus« – vorstellen lässt und offensichtlich als sozialen
-12-

Aktionsraum teilnehmender Selbstverwirklichung durchleben lässt (Kluckert & Donzelli-


Kluckert 1990, 110).

î Das Attribut ›fern‹ konterkariert diesen ersten Eindruck subjektnaher Erfahrung und
macht auf verspürte Distanz zur eigenen Aktivität, auf eine räumliche Objekterfahrung
ohne perzipierte Anknüpfungsmöglichkeiten, ohne inneren Bezug aufmerksam. Wenn
es für Künstler »dernier cri« ist, »aus sicherer Entfernung Nähe zu behaupten«, so ent-
larvt dieser Befund dies »fein sauber in der Distanz« verbleibende Haltung nicht invol-
vierter Subjekte (Erlhoff 1980, 31).

î An dieses Kriterium der Ferne schließt unmittelbar die Bedeutungsstruktur des Oben
als Ort des Fremden, Erhabenen, was auf eine entsprechend Perspektivenwahl von un-
ten, auf einen untergeordneten respektive sich unterordnenden Blickpunkt des profanen
Subjekts hinweist, war es »doch schon bei der Planung nicht gefragt worden« (Kobbé
1983b). Wenngleich die Konnotation von ›oben‹ aktuell »nicht mehr in dem Maße« wie
in früheren Jahrhunderten »Bedeutungsträger« für ›herrschaftlich‹ ist (Kluckert & Don-
zelli-Kluckert 1990, 137), wird anhand des Profils deutlich, dass dieses Bildhauerprojekt
nicht als alltagspsychiatrische Praxis, sondern – analog zum vorherigen Distanzerleben
– als Konzept einer Elite wahrgenommen wird.

î Die ausgeprägte Bewertung ›viel‹ kann als Indiz für vielseitige, reichhaltige Aktivitäts-
merkmale, für gruppenbezogen-soziale, gemeinschaftliche Interaktionen verstanden
werden, bei denen individuelle Entfaltungschancen und Verwirklichungsmöglichkeiten
als besonderes Subjekt »unter den konkreten Bedingungen einer totalen Institution, wie
sie das Landeskrankenhaus für Patienten wie für Mitarbeiter darstellt« (Kobbé 1983b),
nicht oder kaum realisierbar erscheinen.

q clinamen – Der subjektiv(ierend)e Faktor

Psychologische Mainstream-Wissenschaft tendiert dazu, eine methodische Nega-


tion des Qualitativen zugunsten des – vermeintlich wissenschaftlicheren – Quantitativen
vorzunehmen. Will man der hieraus resultierenden Gefahr einseitiger Reduktion des Be-
sonderen (Subjektiven) auf ein nur noch Allgemeines begegnen, bedarf es – wie anhand
der diskutierten Interpretationsmöglichkeiten der Befunde ersichtlich wird – einer dialekti-
schen Vermittlung quantitativer und qualitativer Daten.

Dabei kann das Experiment eines Kunstprojekts mit psychiatrischen Patienten in-
nerhalb der klinischen Institution im Fazit weder als ›Sprengung‹ herkömmlicher sozialer
-13-

Wahrnehmungsmuster noch als ›befreiende‹ sublimierende Praxis des Kreativen dienen:


Es wiederholt und verfestigt lediglich die bisherige Alltagserfahrung sozialer (Rang-)Ord-
nung ohne kulturelle Bruchstellen, indem gerade das Besondere dieser Ausnahme vom
psychiatrischen Klinikalltag als elitäre, ich-dystone Mode ohne affektiven Subjektbezug,
ohne weiterführenden Objektbezug beurteilt wird. Das Subjekt ($) tritt ›hinter‹ das Projekt

zurück, es wird angesichts dieser Objektdominanz zur Funktion künstlerischer Ambitio-


nen anderer ("), zu einer abhängigen Variable des Kunstobjekts • $ = f(") •.3

Das psychologisierbare Subjekt selbst kann hierbei als eine dynamische und duale
Struktur verstanden werden, bei der sich das konkrete Patientensubjekt keineswegs –
mehr – in Opposition zu einer ihm äußerlichen Objekt- und sozialen Anstaltswelt befindet,
sondern bei der die Subjekt-Objekt-Verhältnisse in das instituierte4 Subjekt selbst hinein-
verlagert sind. Das heißt, dass das Subjekt als die »pathologische Verwerfung (clina-
men)« jener universellen Ordnung5 erscheint, die sich zugleich auf diesen »unausbalan-
cierten Exzess« gründet: Das Subjektive repräsentiert sozusagen diejenige Abweichung
von der institutionellen Ordnung, welche ebendiese psychiatrische Ordnung determiniert
und aufrechterhält (Žižek 1999, 34).

Andererseits zielt die Studie darauf ab, die konkret vorfindbare institutionelle Wirk-
lichkeit der Anstaltspsychiatrie in den hier projektbezogen untersuchten Einzelaspekten
abzubilden, auf ihre Strukturen und/oder Dynamik hin zu untersuchen und zu theoretisie-
ren sowie der Verdinglichung der in Behandlung kommenden Patienten dadurch entge-
genzuwirken, dass sie als konkrete wie empirische Subjekte in ihrer Alterität erkennbar
und auf der Ebene institutioneller Subjektivierung in ihrer Partikularität geachtet werden.
Das heißt, das Subjekt erweist sich entgegen der damaligen Interpretation als fraglos –
weiterhin – verdinglicht und mit dieser entfremdenden Verobjektivierung erfährt es eine
Pervertierung seines Begehrens • $ = f(") = "&$ •. Damit erlebt sich das Subjekt inner-
halb öffentlich präsentierter Kunst als Objekt »eine[r] Scheinwelt, die am sozialen Status
der Benutzer natürlich nichts ändert. Das Schema bleibt erhalten – die Formen haben
sich lediglich geändert« (Kluckert & Donzelli-Klukkert 1990, 138).

3
Die Matheme dieser Formelsprache werden der wissenschaftlichen Formalisierung psychoanalytischer Theorie durch Lacan entlehnt
(vgl. Evans 2000, 36).
4
»instituieren«: Terminus technicus bei Legendre, abgeleitet von der altrömischen Formel ›vitam instituere‹, die er als Prozess, »das
Menschenleben zu instituieren«, als Prozess, den Menschen als Mensch durch soziale Systeme in Form gesellschaftlicher Institutio-
nen unterschiedlichster Art auffasst (Legendre 1994, 19, 114; 2000 passim).
5
»clinamen« = der Terminus technicus bezeichnet bei Epikur und Lucrez die willkürliche Abweichung der Atome von ihrer geradlini-
gen Bewegung; von Jarry (1911) wird der Begriff ironisch verwendet, um die – indizierte – Abweichung der surrealistischen Pataphysik
von den sterilen rationalen Axiomen einer inadäquaten, menschenfeindlichen Naturwissenschaft zu charakterisieren; hier bezeichnet
-14-

Mithin stellt diese Studie in ihrem nüchtern-ernüchternden Forschungsergebnis


mehr als nur ein emotionsanalytisches Fragment dar, das heißt, als sozialpsychologische
Untersuchung die Basis für eine metapsychologische Reflektion des Verhältnisses von
Patient und Psychiatrie – von Subjekt und Institution – zur Verfügung. Das Kunstprojekt
erscheint dabei letztlich lediglich als Kulisse eines ›assujettissements‹6 in Form institutio-
neller Subjektivierung, sprich, als Simulakrum möglich scheinender Autonomie. Abstrakt
formuliert: Wenngleich sich Subjekt und Institution in Opposition zueinander zu befinden
und infrage zu stellen scheinen, wird davon ausgegangen, dass es dieser Unterwerfung
unter die Bedingungen der institutionellen Matrix des Sozialen, der intersubjektiv verge-
genständlichenden Entfremdung, grundsätzlich – bis zu einem gewissen Grad – bedarf,
um überhaupt dieses Subjekt zu werden. Diese Abstraktion verdeutlicht die Dynamik der
Teilnahme am Kunst-am-Bau-Projekt wie an der Befragung innerhalb dieser Studie:

î Einerseits beinhaltet die Teilhabe an einem solchen Kunstprojekt im öffentlichen


Raum, dass sich die Patienten in die ›Gesetze‹ der psychiatrischen Klinik ›einschrei-
ben›, dass sie deren Struktur und Systemdynamik über identifikatorische Adaptations-
prozesse verinnerlichen

î Andererseits nehmen dieselben Patienten aktiv Einfluss auf die vorfindbaren Struktu-
ren, eignen sie sich diesen öffentlichen Raum an und heben sie partiell ihren Patien-
tenstatus insofern auf, als sie – entgegen der sonst attribuierten geduldigen / duldsa-
men Passivität (›patientia‹) – Eigenaktivität und emotionales Engagement entwickeln.

Mit dieser Struktur lassen sich Vorgänge skizzieren, wie sie entwicklungspsychologisch
als komplementäre, strukturbildende Prozesse der Assimilation und Akkommodation be-
kannt sind. Indem diese mit Aspekten der Funktionslust, des Gefühls narzisstischen Ver-
gnügens verknüpft sind, handelt es sich um sowohl kognitive wie affektive Begleitdyna-
miken motorischer Aktivität, mithin um höchst ›therapiehaltige‹ Bedingungen der
Differenzierung und Integration von Schemata. Insofern spiegelt das widersprüchlich er-
scheinende Ergebnis dieser Feldforschung ein nur dialektisch aufzulösendes Verhältnis
von ebenso verschränkten wie kontradiktorischen Subjekt-Objekt-Verhältnissen wider.
Anders formuliert: »Das Subjekt existiert nur in dieser ›Spaltung‹ zwischen dem Allge-
meinen und dem Partikulären, in dieser ›verfehlten Begegnung‹ zwischen ihnen« (Žižek

er bei Žižek (1999) die – ggf. pathologische – Abweichung des Individuums von der gesellschaftlichen / institutionellen Ordnung, des
Subjektiven oder Partikulären vom Objektivierbaren bzw. Allgemeinen.
6
Unter »assujettissement« ist die Entstehung von Subjektivität durch Prozesse der Subjektivierung in der Unterwerfung – im Verzicht
– zu verstehen (vgl. Butler 2001 passim).
-15-

2002, 42). Die auf dieses individuelle Abweichen – ›clinamen‹ – gerichtete psychiatrisch-
psychologisch fundierte Programmatik impliziert letztlich die therapeutische Kunst, »lang-
sam und nur nach Maß der Möglichkeit das zerrissene Gewebe der individuell gelebten
Geschichte zu flicken. Sie ist eine mühsame Praxis mit einem alltäglichen konkreten
Menschen, der spektakuläre Erfolge in der Regel versagt bleiben. Und so hebt sich das
Hoffnungslose in der [Psychiatrie] wieder auf; sie ist nämlich desillusionierte Skepsis,
aber gleichzeitig auch eine hartnäckige, fast unsinnige Hoffnung darauf, dass der Mensch
sich selbst dazu aufrufe, mehr Mensch zu werden« (Caruso 1972, 142), sprich, sich in
der Selbstunterwerfung unter die Regeln der Gesellschaft gleichzeitig aktiv gestaltend zu
diesen zu verhalten und in dieser Interaktivität eine intersubjektive Ethik zu entwickeln.7

Was aber bleibt? Indem sich die damaligen Wunstorfer Patienten an diesem Pro-
jekt beteiligten, verhielten sie sich nicht nur im oben als ›Instituierung‹ skizzierten Sinne:
Nicht als einfaches Kunstprojekt, sondern als Projektvorhaben einer experimentellen
›Kunst am Bau‹ ermöglichte ihnen das von Neuenhausen und der damaligen Klinikleitung
– namentlich dem damaligen Ärztlichen Direktor, Professor Dr. Asmus Finzen – initiierte
Projekt die Gestaltung dieses öffentlichen Raums über die Zeit ihres Aufenthaltes hinaus.
Ob die damals geschaffenen Kunstwerke die Neu- und Umbauten der Klinik und die Wei-
terführung der damals begonnenen Umgestaltung des Klinikgeländes zum tatsächlich ›öf-
fentlichen Raum‹ überdauert haben, ist dem Verfasser – noch – unbekannt. Photos auf
der Website der Klinik zeigen Skulpturen im neu gestalteten Parkbereich: Dass es sich
auch um die Arbeiten dieses Projekts handeln möge, bleibt gerade unter den oben ent-
wickelten Aspekten zu hoffen und zu wünschen …

q Literatur
Alheit, Peter. 1983. Alltagsleben. Zur Bedeutung eines gesellschaftlichen ›Restphänomens‹. Frankfurt a.M.:
Campus
Butler, Judith. 2001. Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Caruso, Igor A. 1972. Soziale Aspekte der Psychoanalyse . Reinbek: Rowohlt
Evans, Dylan. 2002. W örterbuch der Lacanschen Psychoanalyse . Wien: Turia + Kant
Jarry, Alfred. 1911. Gestes et opinions du docteur Faustroll, pataphysicien . (livre VI, chapitre XXXIV Clina-
men). Web-Publ.: http://www.efields.org/ouinpo/faustroll/livre_sixieme.php#XXXIV
Kluckert, Ehrenfried & Donzelli-Kluckert, Daniela. 1990. Computer und geisteswissenschaftliche For-
schung. Alltag: Themen – Motive – Symbole. Darmstadt: WBG

7
In diesem Sinne gilt die Überarbeitung dieser Studie nicht nur einer Würdigung der sozialpsychiatrischen Reform des 125-jährigen
Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf. Sie ist auch persönliche Geste, mit der der Verfasser einerseits der eigenen 25-
jährigen Psychiatriegeschichte Rechnung zu tragen sucht, andererseits den damaligen Wunstorfer KollegInnen Dank für ein solida-
risch-kollegiales Arbeitsklima sagen will.
-16-

Kobbé, Ulrich. 1983b. ›… pour ne pas pleurer‹ - Emotionsanalyse eines Kunst-am-Bau-Projekts im Lan-
deskrankenhaus . Zur Publikation angenommen bei ›Kunst & Therapie‹, unveröffentlicht [vgl. Fn. 29]
Kobbé, Ulrich. 1986. Ganz am Rande der Psychiatrie. Geschichten und Gedichte von Patienten . Reihe
Treffbuch 13. Bonn: Psychiatrie-Verlag
Legendre, Pierre. 1994. Leçons III: Dieu au Miroir. Étude sur l’institution des images. Paris: Fayard
Legendre, Pierre. 2000. La 901ème conclusion – Études sur théâtre de raison. Paris: Fayard
Riemann, Rainer. 1991. Repertory Grid Technik. Handanweisung und Computerprogramm. Göttingen: Ho-
grefe
Wulff, Erich. 1977. Über den Aufbau einer therapeutischen Gemeinschaft. In: Wulff, E. (Hrsg.). Psychiatrie
und Klassengesellschaft. Zur Begriffs- und Sozialkritik der Psychiatrie und Medizin (214-226). Frankfurt
a.M.: Athenäum / Fischer
Žižek, Slavoj. 1999. Liebe Deinen Nächsten! Nein, danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoder-
ne. Berlin: Volk & Welt.
Žižek, Slavoj. 2002. Der erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen
Idealismus. Wien / Berlin: Turia & Kant

Dr. Ulrich Kobbé


Universität Duisburg-Essen
FB Bildungswissenschaften
45117 Essen
eMail: ulrich@kobbe.de