Fokus Menschenrechte

Nr. 10 / März 2015

Ein Hilfeschrei von der Krim

Dissident Sinawer Kadyrow zur Annexion der Krim
Eskender Barijew
1944 deportierte das sowjetische Regime das gesamte Volk der Krimtataren – mehrheitlich Alte, Frauen
und Kinder – nach Zentralasien, Sibirien und in den Ural. Fast die Hälfte starb infolge der Deportation. Als
die Männer nach dem Krieg von der Front zurückkehrten, organisierten sie die nationale Bewegung der
Krimtataren. Deren Ziele waren die Rückkehr in die Heimat, die Wiederherstellung der Krimtatarischen
Autonomen Sowjetrepublik und die vollständige rechtliche Rehabilitierung.

Sinawer Kadyrow. ©www.avdet.org

Nachdem 1956 das Sonderreglement aufgehoben wurde,
welches strikt auferlegte, wo genau sich die Krimtataren in
der Sowjetunion ansiedeln durften, konnte sich die nationale
Bewegung besser organisieren. In der Folge entwickelte sich
daraus die größte Menschenrechtsbewegung der UdSSR. Die
Anführer der Bewegung kooperierten eng mit anderen Dissidenten der Sowjetunion. Das sowjetische totalitäre Regime verurteilte hunderte Aktivisten und sperrte sie hinter die
Mauern von Lagern und psychiatrischen Anstalten. Mustafa
Dzhemilev, einer der bekannte©sten Sowjetdissidenten und
langjähriger Vorsitzender des Medschlis, des höchsten repräsentativen Organs der aus der Verbannung zurückgekehrten
Krimtataren seit 1991, verbrachte fünfzehn Jahre seines Lebens in sowjetischen Lagern. Für andere Aktivisten wie etwa
Jurij Osmanow, ebenfalls Sowjetdissident und führende Persönlichkeit der krimtatarischen nationalen Bewegung, 1993
unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen, waren
es mehr als zehn.

Erst durch Gorbatschows Perestroika konnte der Großteil des krimtatarischen Volkes nach einem 50 Jahre
währenden Kampf in die Heimat zurückkehren. Doch die Wiederherstellung ihrer politischen Rechte bleibt
ihnen bis heute verwehrt.
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Das folgende Interview führte Eskender Barijew, Krimtatar, Bürgerrechtsaktivist und langjähriger Partner
der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, im Februar 2015 mit Sinawer Kadyrow, einem der Koordinatoren des Komitees für die Verteidigung der Rechte der Krimtataren, das Kadyrow als Antwort auf die
russische Annexion der Krim initiierte (das Komitee ist seit Frühling 2014 aktiv und seit der Annexion der
Krim immer wieder Repressalien seitens der russischen Besatzungsbehörden ausgesetzt). Schon während
des kommunistischen totalitären Regimes setzte sich Kadyrow aktiv für die Rechte der Krimtataren in der
Sowjetunion ein und wurde dafür mehrmals verhaftet.
Sinawer Bej1, erzählen Sie kurz
de am 8. Dezember, vier Tage vor
über Ihr Wirken als Bürgerdem eigentlichen Ende meiner
rechtler zur Sowjetzeit. Wofür
Strafe, plötzlich entlassen. Alwurden Sie verurteilt? Wann
les geschah sehr eilig, ich wurde
kamen Sie frei und unter welsprichwörtlich hinausgeworfen.
chen Bedingungen?
Ich verstand nichts und sah erst
abends in den Nachrichten, dass
Mein Engagement für die MenMichail Gorbatschow nach New
schenrechte ergab sich, wie das
York gereist war, um vor der Gevieler meiner Kollegen, im Rahneralversammlung der Vereinten
men der nationalen Bewegung
Nationen zu sprechen. Zu Hause
der Krimtataren. Wir wurden in
erst erzählten mir meine Freunder Verbannung geboren, noch
de von den Umständen meiner
vor 1967, als das Präsidium des
Befreiung – und der Reschat AbObersten Sowjets per Erlass die
lajews, der etwas früher frei geRückkehr unseres Volkes in die Eskender Barijew als Seminarleiter der FNF.
kommen war. AMNESTY INTERHeimat ausschloss. Und während
NATIONAL
hatte Gorbatschow
die krimtatarischen Aktivisten
eine Liste mit 300 politischen Häftlingen in der UdSSR
der älteren Generation noch überwiegend einen Peübergeben, die er sich freizulassen verpflichtete. Unter
titionskrieg führten, hat sich unsere Generation dann
diesen 300 waren auch unsere Namen.
mehrheitlich im aktiven gewaltfreien Widerstand organisiert. Genau dank dieser Entwicklung haben wir
uns auch nicht an der Umsetzung der Programme der
Die Annektierung der Krim – wie haben Sie sie erKommunistischen Partei beteiligt, die unsere Verwurlebt, als Bürgerrechtler und Aktivist der nationalen
zelung an den Orten unserer Verbannung zum Ziel hatBewegung der Krimtataren?
te, vor allem in Usbekistan, und so konnten wir dann
später in unsere historische Heimat, auf die Krim, zuPolitische Prozesse verstehen und analysieren zu könrückkehren.
nen – und in gewissem Sinn die Fähigkeit, diese beeinflussen zu können – sind nicht die wesentlichen FähigMeine Verhaftung fand am 12. Dezember 1985 statt.
keiten, die ein Aktivist haben sollte, der von Menschen
Mir wurde der Versuch vorgeworfen, Informationen
in Tarnuniformen umgeben ist, mit hinter Masken verüber die Lage der Menschenrechte in der UdSSR ins
steckten Gesichtern und echten Sturmgewehren und
Ausland weiter zu geben. Ich wurde angeklagt, DokuMGs. Überall Soldaten, Soldaten und Soldaten. Soldamente organisiert und ausgearbeitet zu haben, die das
ten zu Fuß, auf Lastwagen, auf gepanzerten Transportsowjetische System diskreditieren sollten. Außer mir
wagen, Schützenpanzern, welche jeden Moment bereit
kam auch Reschat Ablajew [ebenfalls krimtatarischer
sind, bei jeder kleinsten Bewegung, auf unbewaffnete
Aktivist – Anm. d. Red.] vor Gericht. Wir wurden zu drei
Bürger zu schießen. In so einer Situation ist SelbstbeJahren Freiheitsentzug verurteilt. Das war das maxiherrschung das Wichtigste. Meiner Meinung nach war
male Strafmaß für die uns vorgeworfene Tat.
es die Hauptaufgabe des MEDSCHLIS und anderer Vertretungsorgane, sowie auch von Aktivisten unserer naVollzogen wurde die Haftstrafe in der Stadt Lensk, in
tionalen Bewegung, keine Panik unter den Menschen
der Jakutischen Autonomen Sowjetrepublik. Ich wurzuzulassen und zu verhindern, dass sich Menschen1

„Bej“ ist die krimtatarische Höflichkeitsanrede. Anm. d. Red.

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die Krimtataren, oder ein „Hilfeschrei der
Seele“?
Weder noch. Obwohl, unter den gegenwärtigen Umständen, wenn Russen versuchen, die
Bevölkerung in dem nun von Russland kontrollierten Territorium total einzuschüchtern,
dann erinnert die Errichtung eines Komitees
zum Schutz von Bürgerrechten tatsächlich an
einen „Hilfeschrei der Seele“. Doch ich denke,
das ist nicht ganz korrekt. Das Komitee ist viel
mehr der Versuch der Selbstorganisation, der
Versuch, Mechanismen eines effektiven Widerstandes zu schaffen, oder nennen wir es einen Versuch, dem Aggressor gewaltfrei etwas
entgegenzusetzen, mit der Unterstützung der
Weltgemeinschaft und ihrer Institutionen.
Die Schwarzmeerregion um 1600 mit dem Khanat der Krim.
Quelle: FNF

mengen zu Provokationen hinreißen lassen. Ich denke,
diese Aufgabe hat unsere nationale Bewegung sehr
gut bewältigt.

Kann man sich einen anderen Lauf der Ereignisse vorstellen, wenn die ukrainischen Politiker sich
die vergangenen 23 Jahre anders gegenüber den
Krimtataren verhalten hätten?
Man sagt, die Geschichte kenne keinen Konjunktiv.
Aber wenn die Ukraine den Status unseres Volkes auf
der Krim rechtzeitig wiederhergestellt hätte, wenn die
krimtatarische nationale Autonomie wiedererrichtet
worden wäre, die die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik 1944 liquidiert hat, nachdem sie
unser gesamtes Volk deportierte – wir können sagen,
dass sich der Prozess der ukrainisch-russischen Beziehungen in der Krim-Frage ein wenig anders gestaltet
hätte. Und hätten die russischen Soldaten unter solchen Umständen eine gewaltsame Besetzung der Krim
versucht, so hätte es bereits von Beginn an heftigen
Widerstand seitens der krimtatarischen Bevölkerung
gegeben, und, möglicherweise, hätten sich die Ereignisse gar nicht bis zum Osten der Ukraine weiterentwickelt.

Das Komitee für die Verteidigung der Rechte des
krimtatarischen Volkes, das Sie mit anderen Aktivisten koordinieren – ist das ein Allheilmittel für

Sie wurden kürzlich von der Krim ausgewiesen? Wie geschah dies und warum?
Formell wurde ich wegen eines administrativen Gesetzesverstoßes ausgewiesen, nach Artikel 18.8
Teil 1.1 des russischen Verwaltungsstrafverfahrenskodex: Verstoß ausländischer Bürger gegen die Aufenthaltsbestimmungen in der Russischen Föderation
durch nicht rechtzeitige Ausreise nach Ablauf der Aufenthaltsfrist.
Es war merkwürdig, weil ich diesen russischen Kontrollpunkt zwischen dem Festland und der Krim seit
März 2014 schon mehrmals überquert habe, das letzte Mal am 20. Dezember. Aber dieses Mal galt ich als
ausländischer Staatsbürger und wurde aus dem „Russischen Staat“ ausgewiesen.
Ich bin sicher, dass der Hauptgrund meiner Ausweisung
meine Aktivitäten im Komitee für die Verteidigung der
Rechte des krimtatarischen Volkes liegen, wo ich den
Posten eines Koordinators wahrnehme. Am 17. Januar
2015 haben wir auf der Krim die zweite Krimkonferenz
des Komitees abgehalten, bei der ungefähr 40 Provokateure in Sportkleidung und Kapuzen, geschickt von den
lokalen „Machthabern“, die Veranstaltung zu verhindern suchten. Solche Leute nennt man in der Ukraine
„Tituschki“ [nach dem Familiennamen eines als bezahlt
entlarvten Störers – Anm. d. Red]. Dennoch gelang es
uns, vier aus meiner Sicht sehr wichtige Dokumente
anzunehmen. Erstens ein Schreiben an den Generalsekretär der VEREINTEN NATIONEN, Ban Ki Moon, in dem
wir die Weltgemeinschaft auffordern, uns dabei Hilfe
zu leisten, dass die „Urvölker“ der Krim, die Krimtata-

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ren, die Karaimen und die Krimtschaken, die als Volk
im Verschwinden begriffen sind, nicht in die russische
Armee einberufen werden.
Schreiben Nummer 2 ging an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, um zu den Falschinformationen Präsident Putins Stellung zu nehmen und auf
die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen
gegen die Krimtataren hinzuweisen. Schreiben Nummer 3 ging an den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, an das Parlament der Ukraine und an das
ganze ukrainische Volk aller Nationalitäten. Darin
rufen wir das ukrainische Parlament auf, sog. „Selbstbauten“ zu legalisieren, die zwischen zehn und zwanzig
Jahre alt sind [„Selbstbauten“ sind von den Krimtataren nach ihrer Rückkehr aus dem Exil gebaute Häuser,
für die sie von den Autoritäten der Krim keine Baugenehmigung erhielten – Anm. d. Red.]. Zudem rufen wir
dazu auf, die vorsowjetische Ortsnamensgebung der
Krim wiederherzustellen. Viertens verabschiedete die
Konferenz eine Resolution zur Gründung einer neuen
Bewegung von krimtatarischen Müttern, Schwestern
und Ehefrauen gegen den Dienst krimtatarischer Männer in der russischen Armee.
Was meine Ausweisung betrifft, so sind wir, die drei
Koordinatoren des Komitees, von Simferopol aus in
Richtung Cherson [Festlandukraine – Anm. d. Red.] gefahren. Wir hatten Flugtickets nach Istanbul. Ich hatte
mehrere Arztbesuche dort geplant, denn ich bin vor einem Jahr am Herzen operiert worden.

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weg. Nach mehreren Stunden wurde ich zu einem Gespräch geführt, in dem mir nahegelegt wurde, dass ich
einen administrativen Verstoß begangen hätte, nach
dem genannten Artikel des Verwaltungsstrafkodex der
Russischen Föderation – der Verstoß eines ausländischen Staatsbürgers gegen die Aufenthalts-(Melde-)
Richtlinien. Dabei bin ich schon 20 Jahre lang auf der
Krim gemeldet. Und obwohl ich dann einen Antrag auf
Verschieben des Gerichtsprozesses stellte, welcher
mein Flugticket sowie Belege zu meinem Gesundheitszustand enthielt, wurde ich ins Gericht der Stadt Armjansk gebracht, wo ich per Gerichtsurteil zur Ausreise
sowie zu einer Strafe von 2000 Rubeln verurteilt wurde. Ich verpasste meinen Flug und konnte erst einen
Tag später reisen.

Ein Jahr Okkupation der Krim und seiner Bewohner.
Wird die Bevölkerung der Krim die Rückkehr in die
Ukraine wollen? Was muss dafür geschehen?
Wenn wir über die Bevölkerung der Krim sprechen,
müssen wir, so denke ich, uns klar machen, über wen
wir sprechen. Heute leben auf der Krim mehrheitlich
Menschen, mit denen die Krim nach der vollständigen Deportation der Krimtataren im Mai des Jahres
1944 besiedelt wurde. Wenn wir ein Augenmerk auf
den sozialen Status dieser „Krim-Bürger“ legen, sehen
wir, dass fast die Hälfte von ihnen pensionierte Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums oder anderer
„Spez“-Behörden der früheren UdSSR sind [Behörden

Wie gewohnt kamen wir zum Kontrollpunkt, wo die Pässe kontrolliert
werden. Wir waren es gewohnt, am
Kontrollpunkt von einer Stunde bis
zu dreieinhalb Stunden festgehalten
zu werden. Doch dieses Mal gab man
uns nach einer Stunde und zehn Minuten die Anweisung, unser Auto an der
Grenzkontrollstation zu parken und
auszusteigen. Dann bat man uns aus
dem Auto in einen kleinen Waggon,
wo wir in ein Zimmer mit einem zweistöckigen Bett gesperrt wurden. Wir
beschwerten uns und forderten Dokumente, welche unsere Festsetzung
rechtfertigten. Wir bekamen die Antwort, gar nicht festgehalten zu werden
und durften in unser Auto zurückkehren. Allerdings sperrte man uns auch Physische Karte der Krim.
dort ein; die Schlüssel nahm man uns CC BY-SA 2.0/Maximilian Dörrbecker
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vor allem sensibler Bereiche wie Sicherheit und Aufklärung – Anm. d. Red.], sowie Pensionäre aus der alten Nomenklatura der Kommunistischen Partei. Genau
dieses Kontingent der Bevölkerung stimmte nach der
Unabhängigkeit [der Ukraine] zu jeder Zeit gegen das
Werden und die Entwicklung der unabhängigen Ukraine.
Und eben deshalb würde ich sie aus der Zahl der Menschen, deren Meinung wir berücksichtigen sollten, ausschließen – wie es nach 1991 in Estland und Lettland
geschah. [Nach der Unabhängigkeit Estlands und Lettlands 1991 mussten nach der Annexion der genannten
Länder durch die UdSSR eingewanderte Sowjetbürger
zunächst einen Prozess der Naturalisierung zur Erlangung der jeweiligen Staatsbürgerschaft durchlaufen.
Erst so erhielten sie Wahl- und Mitbestimmungsrechte
– Anm. d. Red.] Was die anderen betrifft, die sich als
Russen oder Slawen identifizieren, so hat sich für deren
Meinung niemand besonders interessiert. Bei egal welchem Szenario kam ihnen die Rolle jubelnder Massen
zu.
Alles, was im Frühling 2014 auf der Krim passiert ist,
sollten wir richtigerweise eine militärische Spezialoperation zur Eroberung
von Territorium nennen, die, das kann
man nicht umhin
festzustellen, glänzend durchgeführt
wurde. Alles sah wie
ein innerstaatlicher,
sozial-politischer,
nationalistisch gefärbter Aufstand aus,
welcher mit Blick auf
die instabile Situation in Kiew und die
schwache ukrainische Führung benutzt wurde.

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Krim durch Russland im Jahre 1783 [durch Zarin Katharina II.- Anm.d. Red.] kontinuierlich – und bis heute
– gewaltsam unterdrückt.

Wie sehen Sie die Rolle der Ukraine und ihres politischen Establishments bei der Wiederherstellung
des Status quo ante (die Krim unter Kontrolle der
ukrainischen Regierung)?
Für die Wiederherstellung des Status quo ante ist die
Rolle der Ukraine gar nicht zu überschätzen. Bei jeder
möglichen Entwicklung wird sie das letzte Wort haben. Leider ist das kein an einem Tag lösbares Problem,
und gerade deshalb ist es sehr wichtig, eine Strategie
des Zusammenwirkens des ukrainischen Staates und
der pro-ukrainischen Bevölkerung auf der okkupierten Krim zu entwickeln. Allein die Parole „Die Krim ist
ukrainisch!“ reicht nicht aus, wenn man dabei untätig
bleibt, oder, noch schlimmer, Gesetze wie zum Beispiel
das zur freien Wirtschaftszone annimmt. [Im September 2014 unterschrieb Präsident Poroschenko ein Gesetz zum Schaffen einer freien Wirtschaftszone auf der
Krim, mit besonderen Zoll- und Personenverkehr-Bestimmungen – Anm. d. Red.]

Meiner
Meinung
nach ist es unabdingbar, schnell ein
Gesetz über den
Status des krimtatarischen
Volkes
als Urvolk der Krim
anzunehmen
und
alle Gesetze abzuschaffen, welche die
Rechte der krimtatarischen Bevölkerung
beschneiden
und
noch zu Sowjetzeiten
angenommen
wurden. Dazu gehört
Khanpalast von Bachtschyssaraj - Palast des Gartens
auch der Erlass über
Deshalb bin ich der
die Änderungen der
Meinung, dass die Frage der Rückkehr der Krim in die
krimtatarischen Ortsbezeichnungen ins Russische.
Ukraine nicht von den Wünschen oder Launen der geDie Krimtataren sollten als eigenständiges Subjekt
nannten Kategorien von Menschen abhängig gemacht
oder als dritte Seite im ukrainisch-russischen Konflikt
werden sollte. Wenn man jemanden fragt, sollte das
über die Krim anerkannt werden.
rechtmäßig von statten gehen, und rechtens wäre es,
die wirkliche Bevölkerung der Krim zu fragen – die
Krimtataren. Unsere Staatlichkeit hat man zerstört,
und unser Volk hat man seit der ersten Annexion der
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Was muss die Ukraine für eine
friedliche Rückgabe der Krim
unternehmen?
Wenn man mit Russland zu tun
hat, klingt die Formulierung
„friedliche Rückgabe“ irgendwie
unangebracht. Man kann über
eine Rückgabe mit minimalen
Opfern und Verlusten reden. Aber
schon früher ist die Ukraine mit
diesem Problem alleine nicht zu
Recht gekommen. Sie braucht
Hilfe. Die EU und die USA, Kanada
und die anderen demokratischen
Staaten müssen die unumstößlichen Verbündeten der Ukraine
Geschichtliche Entwicklung des Staatsgebietes der Ukraine im 20 Jh.
bleiben. Die Zahl der die Ukraine
CC BY-SA 3.0/Spiridon Ion Cepleanu
unterstützenden Staaten sollte
Ist der krimtatarische Faktor ein Mechanismus, auf
mit jedem Tag, an dem die Krim
Russland oder die Ukraine einzuwirken, oder akokkupiert bleibt, wachsen. Es ist unabdingbar, die Zahl
zeptieren Sie das schwere Schicksal des krimtatader Unterstützer der Ukraine zu erhöhen. Aber das ist
rischen Volkes?
schon die Aufgabe der Ukraine und ihres politischen
Der Faktor „Krimtataren“ hat alle rechtlichen GrundlaEstablishments.
gen, um einbezogen zu werden, um auf Russland und
auch auf die Ukraine einzuwirken. Alles hängt davon
ab, welche der Parteien davon richtig Gebrauch machen kann.

Was ist die Rolle der EUROPÄISCHEN UNION bei
der Wiederherstellung des Status quo ante und bei
der Garantie der Sicherheit des krimtatarischen
Volkes?
Die Europäische Union besitzt ein breites Spektrum an
Möglichkeiten, auf die ukrainisch-russische Krise einzuwirken. Wichtig ist, dass die EU weiter konsequent
auf die Wiederherstellung der territorialen Einheit der
Ukraine pocht. Man muss leider eingestehen, dass das
krimtatarische Volk als die am Wenigsten geschützte
Bevölkerungsgruppe in diesem Konflikt dasteht. Ich
denke, eine wichtige Grundlage für die Sicherheit des
krimtatarischen Volkes könnte geschaffen werden,
wenn ein Punkt der an Russland gestellten Sanktionsbedingungen unmittelbar die Sicherheit der Krimtataren betreffen würde.

Das Interview spiegelt die persönliche Meinung von
Sinawer Kadyrow und nicht zwangsläufig der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wider.

Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Bereich Internationale Politik
- Referat Asien und Menschenrechte Karl-Marx-Str. 2
14482 Potsdam

menschenrechte@freiheit.org
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