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Auszüge aus „Auf den Höhen des Geistes -

Gespräche eines russischen Mönches über das Jesus-Gebet“


Von S. N. Bolsakov
Übers. von P. Bonifaz Tittel OSB
Wien 1976 ISBN: 3-85243-0019
(Verlag Dr. Herta Ranner, A-1070 Wien, Zeismannsbrunngasse 1)

Vater Dorofej
In Konevica im Hohen Norden verbrachte ich 1951 einige Wochen als Einsiedler in einer
kleinen Hütte mitten im Wald. Der Juli näherte sich seinem Ende, die Tage waren warm und
sonnig. Wälder und Seen, Seen und Wälder, soweit das Auge reicht. Das Kloster in der Nähe
war nicht groß, es lebten dort nur wenige alte Mönche. Unter ihnen gab es Brüder mit einer
tiefen geistlichen Erfahrung.
An einen von ihnen erinnere ich mich noch am besten, an Vater Dorofej. Eines Tages fragte
ich ihn:
"Wie kann man den Frieden des Geistes erlangen?"
"Man muss zur Ruhe kommen", antwortete Vater Dorofej und lächelte.
"Was heißt das - zur Ruhe kommen?" fragte ich von neuem.
"Nun, damit verhält es sich so: Als ich noch ein junger Novize in Walaam war, sagte mir
einmal mein Starez, dem ich zum Dienst zugeteilt war: 'Dimitrij, Dir wird es schwer fallen,
die Ruhe zu erringen. Du bist ein überaus unruhiger Geist mit einem schalkhaften Gemüt.
Aber wenn du dich nicht zur Ruhe bringst, dann wirst Du nicht zum reinen Gebet kommen, ja
dann wird Dir das ganze Mönchtum nichts nützen' - und da habe ich ihn genauso gefragt wie
Ihr mich jetzt: 'was heißt denn das - zur Ruhe kommen?' Der Starez antwortete mir: 'Es ist
sehr einfach. Jetzt haben wir Sommer, aber Du wartest sicher auf den Herbst, wenn die Arbeit
auf den Feldern weniger wird.' - 'Sicher, Vater... ' 'Nun, dann kommt der Herbst, und Du
wartest auf den Winter, die erste Schlittenfahrt, auf die Weihnachtszeit, und wenn sie
gekommen ist, dann wartest Du auf den Frühling, auf Ostern - das lichte Fest der
Auferstehung Christi? ' - 'Es stimmt, mein Vater.' - 'Schau, jetzt bist Du Novize, aber Du
wartest sicher auf die Zeit, wo Du in den Mönchsstand aufgenommen wirst?' - 'Ja, Vater ...' -
'Nun, dann wirst Du auf die Mantia warten, dann auf die Priesterweihe. Das alles bedeutet,
dass Du noch nicht die Ruhe gefunden hast. Erst dann, wenn Dir alles gleich viel bedeutet,
Frühling oder Herbst, Sommer oder Winter, Weihnachtszeit oder Ostern, Novize oder Mönch,
erst wenn Du für den heutigen Tag lebst, weil jeder Tag genug an seiner Plage hat, wenn Du
nicht vor Dich hinträumst und alles mögliche erwartest, sondern Dich voll und ganz dem
Willen Gottes übergibst, dann erst wirst Du zur Ruhe kommen.'...
Viele Jahre vergingen, ich bekam das Ordenskleid, ich wurde zum Priester geweiht und
immer noch wartete ich auf irgendetwas. Wir wurden in die Verbannung geschickt, ich wollte
nicht, aber man musste sich dreinfügen. Nun, als man uns wirklich hierher deportierte, da
ging ich heiter, die anderen aber weinten. Über allem ist der Wille Gottes. Wenn Du den
Willen Gottes mit der Güte Deines Herzens und in Liebe annimmst und nicht von Dir selbst
weiß Gott was für Wunderdinge erwartest, dann erst kommst Du zur Ruhe.
Nur seid Ihr davon noch weit entfernt, Sergej Nikolaevic. Ihr 'sucht noch Euch selbst'. Ohne
die Ruhe werdet Ihr allerdings nicht zum reinen Gebet kommen."
"Sagt, Vater Dorofej, worin besteht das reine Gebet?" –
"Es ist das Gebet ohne Träumerei, wenn die Gedanken nicht durcheinander laufen, die
Aufmerksamkeit sich nicht zerstreut und Dein Herz wachsam ist, das heißt in Furcht oder
Liebe ergriffen ist. Wenn Du mit den Lippen betest, Deine Gedanken aber weit weg sind -
dann ist das kein Gebet."
"Wie kann denn das reine Gebet erworben werden?" –
"Nur mit Mühe natürlich. Haben Sie vom Jesusgebet gehört?" –
"Ich habe davon gehört." –
"Haben Sie auch versucht es zu tun?" –
"Ich habe es versucht." –
"Und wie ging’s?" –
"Schlecht!" –
"Verlieren Sie den Mut nicht. Sprechen Sie es immer wieder und es wird zu seiner Zeit von
selbst kommen." –
"Ja, aber wie weiß ich dann, dass ich das reine Gebet erreicht habe?"
Vater Dorofej hob langsam den Kopf und schaute mich forschend an: "Haben Sie schon etwas
über den Starzen von der Moldau gehört?" –
"Nein." –
"Der Mönch Parfenij schreibt über ihn in seinen Reiseerinnerungen. Vielleicht haben Sie sie
gelesen?" –
"Nein."
"Lesen sie es, es ist sehr lehrreich und nützlich. Einmal hat ihn Parfenij über das reine Gebet
gefragt. Nun, auch Starez Ioann von der Moldau antwortete, wie er sich anfangs im Jesus-
Gebet nur mit großem Zwang, dann aber immer leichter übte. Schließlich wurde es mit ihm
selbst ganz verbunden und es floss wie ein Bach, ja das Gebet wurde ganz selbständig. Es
fließt leise vor sich hin und ergreift das Herz. Er begann dann, sich von den Leuten
abzusondern und ging in die Einsamkeit. Er empfing keine Laien mehr, ja auch Mönche nur
noch selten. Und es zeigte sich bei ihm ein unüberwindlicher Drang zum Gebet. Als Parfenij
den Starzen fragte: 'Was ist das unbezwingbare Gebet?' - da antwortete Vater Ioann: 'Es
besteht darin: Bei Sonnenuntergang stelle ich mich zum Gebet hin und wenn ich aus
dem Gebet wieder zu mir komme, steht die Sonne schon hoch am Himmel und ich habe es
noch nicht bemerkt.' So ist das reine Gebet."
"Sagen Sie, Vater Dorofej, welche Bedeutung hat dann eigentlich das reine Gebet für das
aktive, praktische Leben, zum Beispiel für einen Missionar?" –
"Es ist sehr nützlich. Wenn ein Mensch sich im Jesus-Gebet betätigt, dann gleicht er, nun
sagen wir einer blühenden Linde. Hat die Linde keine Blüten, dann fliegen ihr keine Bienen
zu. Aber sowie die Linde zu blühen anfangt, lockt der Duft ihrer Blüten von überallher die
Bienen an. So verhält es sich mit einem Helden, der durch das Jesusgebet gestärkt worden ist.
Der Wohlgeruch des Gebetes, die guten Eigenschaften, die es bewirkt, ziehen von überall
gute Menschen in seinen Bann, die suchen, wo sie das Gebet lernen könnten. Wer in Christus
lebt, den trägt Gott auf seinen eigenen Händen. Er braucht sich um nichts Sorgen zu
machen. Von allen Seiten strömen zu ihm gute Menschen und hüten ihn wie ihren Augapfel.
Wer sich im wahren Gebet betätigt, der ist ruhig im Schatten des Herren. Er macht sich um
nichts Sorgen. Alles kommt von selbst."
"Gibt es dann auch Leid?" –
"Wie soll es das nicht geben, aber es verwandelt sich in Freude. Dafür fehlt Euch jetzt noch
das Verständnis, aber es wird zu seiner Zeit kommen." –
"Sagen sie, Vater Dorofej, kann man in der Welt, außerhalb des Klosters, auch gerettet
werden?" –
"Warum soll es nicht möglich sein? Das Reich Gottes ist in uns, wenn wir in unserem Herzen
vor dem Herrn niederfallen und zu ihm den wohlriechenden Duft des reinen Gebetes
aufsteigen lassen. Haben Sie die 'Erzählungen eines Pilgers gelesen?'" –
"Ich habe sie gelesen!" –
"Nun, dann handeln sie ebenso. Nemytov aus Orel war ein reicher Kaufmann, aber durch sein
Gebetsleben setzte er sogar den Starzen Makarij aus Optina in Erstaunen. Übrigens wurde
auch er Mönch, als er die Möglichkeit dazu hatte. Wer begonnen hat mit Gott zu leben und
die Herrlichkeiten des geistlichen Lebens erblickt hat, dem wird es schwer, in der Welt zu
bleiben. Wie ein Adler schwebt er hoch am Himmel und kann nicht mehr dem Huhn ähnlich
werden, das am Weg herumpickt."
Wir saßen auf einer kleinen Bank am Ufer eines stillen Sees. Über den blauen Himmel zogen
weiße, leichte Wolken. Die Stämme der schlanken Hochwaldkiefern brannten wie purpurne
Kerzen in den Strahlen der untergehenden Sonne. Der See, umgeben vom grünen Rahmen der
Wälder, glänzte wie ein goldener Spiegel. Überall herrschte die Stille des Hohen Nordens.
"Schau, mein Freund", sagte plötzlich Vater Dorofej, "wenn einmal Dein Herz dem heutigen
Abend ähnlich geworden ist, seiner Stille und seinem Frieden, dann wird es das Licht jener
Sonne durchdringen, die nicht untergeht - dann wirst Du aus Erfahrung wissen, worin das
reine Gebet besteht."
Nach einer Weile des Schweigens begann ich wieder: "Vater Dorofej, sagt, wie können wir
den Willen Gottes für uns erkennen?"-
"Die geistlichen Väter sagen, dass die Fügungen des Lebens selbst ihn uns zeigen, dann kann
man mit Glauben einen Starzen oder überhaupt einen weisen Menschen fragen, was man tun
soll. Schließlich soll man auf die Neigung des Herzens achten. Bitte dreimal den Herrn, Dir
seinen Willen zu zeigen, wie der Erlöser im Garten Getsemane gebetet hat - wohin sich
dann das Herz neigt, das tue."

Vater Evfimij, Dionisiat


Ende Oktober 1951 war ich einige Wochen im griechischen Kloster Dionisiat. Dort lernte ich
einen Griechen aus Sikon kennen, der zuerst in Rußland im Kaukasus lebte, dann zur Zeit des
Bürgerkrieges auf den Athos ging. Er hieß Vater Evfimij, war über 60 Jahre und zeichnete
sich durch Weisheit aus. Er war der Bibliothekar des Klosters. Mit ihm konnte ich einige
bedeutsame Gespräche führen. Einmal saßen wir auf dem kleinen Balkon seines Kellions,
direkt über dem Meer. Am Ende eines ruhigen, warmen Herbsttages ging gerade die Sonne im
Westen unter. Himmel und Meer erglänzten unter den letzten Strahlen.
"Vater Evfimij", fragte ich, "in Konevica sprach ich mit Vater Dorofej über das reine Gebet,
im Kloster Neu-Walaam mit Vater Michail über die letzten Grenzen des Gebetes. Was sagen
sie dazu?"
"Wenn auch die öffentlichen kirchlichen Gebete oder das Privatoffizium im Kellion nach
Büchern und Noten überaus nützlich sind, so sind sie nichtsdestoweniger doch zeitlich
begrenzt" antwortete Vater Evfimij. "Nicht immer haben wir Bücher und Noten, wir können
ja auch nicht die ganze Zeit in der Kirche oder im Kellion sitzen - wir müssen unsere
Pflichten erfüllen, um zu leben. Ich weiß nicht, welches Gebet außer dem Jesus-Gebet immer
gebetet werden kann. Für dieses Gebet brauchen wir nicht in der Kirche oder im Kellion sein,
benötigen wir keine Bücher. Das Jesus-Gebet kann immer gebetet werden - zu Hause, auf der
Straße, auf der Reise, im Gefängnis, im Krankenhaus. Allerdings muss man es erlernen."
"Wie?"
"Es ist an sich ganz gleich wie. Am Anfang wiederhole es für Dich, laut, sooft Du kannst, zu
Hause, auf dem Weg, wenn keine Leute in der Nähe sind. Wiederhole es aber mit
Aufmerksamkeit, langsam, wie ein Bettler in flehentlichem Ton: Herr Jesus Christus, Sohn
Gottes, habe mit mir Sünder Erbarmen! Wiederhole es öfter, wenn es nur möglich ist. Dann
wiederhole es in deinem Geist, aber immer langsam und mit Aufmerksamkeit. Schließlich
kannst Du es mit deinem Atem und mit deinem Herzschlag vereinen. Daran wage Dich aber
nicht selbst heran, sondern las Dich von einem anderen, der selbst so betet, unterweisen, sonst
gerätst du in Träumerei und anderes mehr. Das kann sich nun über Jahre hinziehen, du kannst
es aber auch schon bald erlernt haben. Und dann kommt in deinem Geist dieses Gebet von
selbst, wie ein Bach: ob Du nun gehst, arbeitest oder schläfst. Ich schlafe, aber mein Herz
wacht. Später braucht man keine Worte oder Gedanken mehr, Dein ganzes Leben
wird zum Gebet. Das ist es, was Vater Dorofej Dir über Ioann von der Moldau erzählt hat."
"Gibt es eigentlich sonst noch Leute wie Starez Ioann?" –
"Ja, es gibt sie. Nicht weit von hier, auf dem Athos, in Karul gibt es Einsiedler, von denen
einige sehr hoch erhoben wurden."
"Wie kann man erkennen, Vater Evfimij, ob einer tief in das Jesus-Gebet gedrungen ist?"
"Wenn Du bei jemand im Gebet unterrichtet werden willst, dann suche Dir einen ruhigen und
bescheidenen Starzen aus, der niemand verurteilt, vielleicht auch als Einzelgänger angesehen
wird, der nicht streitsüchtig ist, nicht schreit, mit niemand herum kommandiert. Es gibt
freilich auch Starzen, die sich herausnehmen andere zu führen, obwohl sie sich selbst nicht
beherrschen können. Sie haben, so könnte man vielleicht sagen, nur die äußere, technische
Seite des Gebetes gelernt, seinen Geist aber nicht empfangen. Sag selbst, wie kann einer
andere verurteilen, der selbst andauernd bittet: Erbarme dich meiner, denn ich bin ein
Sünder."
"Vater, was ist die höchste geistige Stufe?" –
"Bei den Leuten als Narr zu gelten. Denn die Weisheit dieser Welt ist Narrentum vor dem
Herrn und umgekehrt. Auf diesen mühsamen Kampf kann man sich aber nur unter der
Führung eines Starzen einlassen." –
"Was kommt dann?"
"Nun, das Leben als Pilger, wie es der Autor der "Aufrichtigen Erzählungen" eines Pilgers"
war. Für die Welt gilt auch das fast als Unsinn. Dann kommen das Einsiedlertum und das
einfache Mönchtum. Aber denk daran, nicht das Äußere ist wichtig, sondern das Innere. Es
gibt auch heuchlerische "Narren in Christus", arbeitsscheue Pilger, aufgeblasene Eremiten,
Einsiedler, die alle verachten und nichtsnutzige Mönche. Gerettet kann man überall werden,
nicht nur im Kloster, auch in der Welt. Es ist nur leichter in den Klöstern oder in der
Einsamkeit, es gibt weniger Ablenkung. Wenn Du aber im Kloster nicht betest, wie es sein
soll, dann wirst Du langsam einschlafen und vor Dich hindösen, und Du wirst nicht nur ganz
verlieren, was Du einmal besessen hast, sondern auch in einen noch schlechteren Zustand
geraten und sogar ganz von Gott abfallen. Auch das kommt vor."
"Es wird bald zur Vesper schlagen, Vater Evfimij". –
"Bald", sagte er, "da schlägt es schon. Es ist Zeit in die Kirche zu gehen".
Wir verließen den Balkon und begaben uns über Gänge und Treppen in die Kapelle, die in das
Licht der untergehenden Sonne getaucht war. Der Gottesdienst begann, langsam, mit
Andacht, wie auf dem Athos üblich.
"Du mildes Licht der heiligen Dreifaltigkeit des Unsterblichen, des himmlischen Vaters, des
Heiligen, Seligen: Du, Jesus Christus. Zum Untergang gekommen ist die Sonne, sie zeigt uns
ihr abendliches Leuchten. Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist besingen wir als
Gott...."
Abends trat ich noch einmal auf den Balkon meines Kellions und betrachtete den mit
unzähligen Sternen bedeckten Himmel. Leise trat Vater Evfimij zu mir.
"Du betrachtest den Himmel? Schau nur, wie großartig und schön die Schöpfung ist. Es wird
einmal die Zeit kommen, da wirst Du nicht nur grübeln, sondern selbst begreifen, wie man die
Höhen des Gebetes erreicht. Dann wirst Du es nicht nur durch den Verstand begreifen,
sondern durch die Erleuchtung. Über all ihren Sorgen bemerken die Menschen in der Welt
nichts von alledem, sondern wie die Schweine, entschuldige, schauen sie auf die Erde und
suchen ihr Fressen. Das wahre Glück und die Schönheit eröffnen sich dem, der in Gott lebt.
Ja, groß und wohltätig ist die Macht des Gebetes. Im Vergleich mit ihr ist alles andere - Staub,
Nichtigkeit der Nichtigkeiten und nichts als Nichtigkeit."

Vater Tichon, Wilmuasson


Es war an einem warmen, sonnigen Frühlingstag, schon ganz gegen Ende Mai, am Fest
Christi Himmelfahrt, da setzte ich mich zu Vater Tichon auf eine kleine Bank in den Garten.
Der Flieder war fast schon verblüht, an den Obstbäumen zeigten sich schon kleine Äpfelchen
und Birnen.
"Was für ein Segen!" bemerkte Vater Tichon. "Es wird schon warm. Man muss leben und
sich
freuen. Wer das Jesus-Gebet verrichtet wie der Pilger, in dessen Seele ist immer Frühling.
Man soll sich an nichts anklammern. Man soll auch nicht in der Vergangenheit oder in der
Zukunft leben. Man soll in der Gegenwart leben, für den heutigen Tag, und für alles Gott
danken. Und so geht alles vorüber.
So hat einmal der heilige Tichon von Sadonsk, mein Schutzpatron, geschrieben: 'Alles läuft
wie Wasser vorüber: Ich war ein Waisenkind, litt Not - es ging vorüber.
In der Schule war ich ein armes Kind, man hat mich verlacht - es ging vorüber;
das Seminar habe ich als Bester absolviert, ich wurde Lehrer, ich war plötzlich geachtet - es
ging vorüber;
ich wurde Archimandrit eines großen Klosters, Rektor des Seminars, ich war von
Schmeichlern umgeben - es ging vorüber;
ich wurde Erzpriester, fuhr in einer großen Kutsche, weilte bei Hof, sah viel Gutes und
Schlechtes, man kroch vor mir auf dem Bauch - es ging vorüber.
Ich trat in den Ruhestand, man ließ mich langsam fallen, es kamen die Krankheiten - auch das
ging vorüber,
nun kommt das Alter, dann die ewige Ruhe.'
So ist unser Leben, Sergej Nikolaevic."
"Ich wurde in einer armen Familie geboren, ging in eine Dorfschule, ging dann zur Garde,
war bei Hof. Ich war dem Trinken verfallen wie Lev Tolstoj - es ging vorüber. Es kamen
Misserfolge in der Akademie, Heirat mit einer Geschiedenen, Intrigen, Übergabe ans Gericht,
Leiden über Leiden – es ging vorüber.
Ich wurde sehr jung Oberst, aber ich hatte schon das Interesse an der Karriere verloren.
Ich hatte erkannt, wie vergänglich und vorübergehend alles ist. Dann kam der Krieg,
Revolution, Bürgerkrieg, Emigration, schließlich eine schwere Krankheit, an der ich fast
starb; danach eine noch schlimmere und unheilbare Krankheit der Frau, ihr Tod, schwere
Arbeit als Hilfsarbeiter – es ging vorüber.
Alle diese Mühen und Leiden führten mich zum Glauben und zum Mönchtum. Ich
erlernte die Kunst des immerwährenden Gebetes und nun freue ich mich über alles. Ohne die
Leiden und schlimmen Erfahrungen wäre ich nicht zum Glauben gekommen."
"Vater Tichon", fragte ich den Mönch, "sagen Sie, wie kann man den Frieden der Seele
erwerben, wie unnütze Wünsche und Illusionen vermeiden?"
"Wie ich gesagt habe: Leben Sie in der Gegenwart. Es hat jeder Tag genug an seiner Plage.
Aber nähern Sie sich mehr dem Gebet. Dann eröffnet sich Ihnen eine neue, wunderbare Welt.
Wie soll man es nur ausdrücken? Kennen Sie den Nachtfalter? Uns erscheinen sie grau und
uninteressant, aber den anderen Faltern, deren Auge anders gebildet ist, erscheinen sie
auffallend schön, glänzend, wie in allen Regenbogenfarben schillernd. So kommt denen, die
neue Augen bekommen, wie zum Beispiel der Pilger, die Welt ganz anders vor. In allem
erscheint die Herrlichkeit des Schöpfers und seine unerschöpfliche Barmherzigkeit. Und wie
man beginnt, vom Gebet nicht mehr abzulassen, dann kommt plötzlich eine solche Freude,
und es eröffnet sich eine solche Einsicht in das Wesen der Dinge, dass man es nicht mehr
beschreiben kann. Das kann man nur mehr durch die eigene Erfahrung begreifen."
"Kann man dann nicht leicht dem Stolz verfallen?"
"Sogar sehr leicht. Aber man kann diesem Sturz ausweichen. Der ehrwürdige Makarios der
Große hat zu Recht gelehrt, dass man ohne alle Tugenden gerettet werden kann, nur ohne
Demut gibt es keine Rettung. Der Zöllner und der einsichtige Räuber besaßen gar nichts,
gerettet wurden sie allein durch die Demut. Satan hingegen besaß alles außer Demut und er
stürzte auf immer. Das Versenken in Gott und das Nachsinnen über die großen Geheimnisse,
die uns umgeben, sind sehr gut, aber nur mit Demut und ohne andere zu verurteilen,
ansonsten sind sie eine große Gefahr. Die Häretiker waren talentierte Menschen, aber es
fehlte ihnen an Demut. Sie ergingen sich im Philosophieren, widersetzten sich der Kirche und
kamen um."
"Ich habe gelesen, Vater Tichon, dass die tibetanischen Mönche, die sich in der Wiederholung
des Mantra-Gebetes: 'Om mani padme hum1 - das heißt: 'Schatz in der Lotosblüte, ich grüße
Dich'-, üben, stufenweise zu einer großen Ruhe und Verzückung gelangen. Wenn sie eine
bestimmte Grenze erreicht haben, dann verkürzen sie schrittweise das Mantra und schließlich,
eines Nachts, wenn sie aus ihrer Höhle sehen und die Herrlichkeit des bestirnten Himmels
erblicken, dann rufen sie nur: 'O' und werden starr vor Freude in der Betrachtung der
geoffenbarten Herrlichkeiten. Als man zum Beispiel Albert Einstein fragte, ob er einen
Glauben hätte, antwortete er: 'Ja, wenn man darunter das Staunen vor der Weisheit und Größe
versteht, die die Welt regieren.' Irgendeinen dogmatisierten Glauben aber wollte er nicht
anerkennen. Wie denken Sie darüber, Vater Tichon?"
"Nicht an uns liegt es, zu beurteilen, was die tibetanischen Mönche sehen oder wie Einstein
die Gottheit versteht. Wir haben die Heilige Schrift, die Sammlung 'Liebe zur Tugend' und die
Erfahrung vieler geistlicher Kämpfer. Wir werden das Jesus-Gebet in Demut und mit Geduld
tun und zu gegebener Zeit werden wir erkennen, was richtig ist, wenn wir nicht schwach
werden. Die Hauptsache aber, für die wir uns anstrengen müssen - das ist die Liebe, die Liebe
zur Wahrheit, das heißt zu Gott und zum Nächsten. Gott ist die Liebe. Darin besteht der
Unterschied zwischen uns und den Asketen des Buddhismus und Hinduismus: Bei ihnen ist
die Hauptsache - das Wissen, das Böse kommt vom Nichtwissen, bei uns hingegen ist die
Hauptsache - die Liebe. Im letzten Gericht wird man uns nicht fragen, wo, wie und wie viel
wir gebetet oder betrachtet haben, sondern, ob wir unserem Nächsten etwas zu essen oder zu
trinken gegeben haben, ihn angezogen oder besucht haben. Danach werden wir verurteilt oder
freigesprochen. Das heißt ja nicht, dass wir uns nicht der Betrachtung hingeben können. Das
ziemt aber besonders dem Alter, wenn wir keine Kraft zu tätiger Barmherzigkeit
mehr haben oder auch denen, die der Herr berufen hat, immer vor ihm zu stehen und ihm
nahe zu sein. Aber auch die Einsiedler dürfen sich nicht völlig absondern, sondern müssen
mündlich oder schriftlich antworten wie die geistlichen Väter, wenn man sie fragt. Alle
großen Einsiedler haben es so gehalten, sei es Antonius oder Makarios oder andere. Alles
muss man mit Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit tun.

Archimandrit Arkadij, Höhlenkloster in Pskov


Vater Arkadij stand auf dem Balkon seines Zimmers und fütterte Tauben. Er war ein schöner,
hochgewachsener Mann von ungefähr 50 Jahren. Vater Arkadij befand sich immer im
Zustand der Milde und Herzensgüte.
"Sagen Sie, Vater Arkadij, wieso bleiben Sie immer so unverändert in einem solchen Zustand
der Güte?"
Leise lächelnd antwortete Vater Arkadij: "Worüber soll ich mich kränken? Ich bin satt,
gesund, bekleidet, arbeite in der Tischlerei in meinem Handwerk, ich lese nützliche geistliche
Bücher und lebe im Gebet. Was brauche ich noch. Die immer mehr wünschen, setzen sich,
nach dem Apostel Paulus, vielerlei Mühen und Leiden aus. Habsucht, Ehrsucht, Rachsucht
oder Gier bemächtigen sich ihrer. Wenn sie das, was sie wünschen, nicht erreichen können,
dann werden sie wütend und zornig. Haben sie es aber erreicht, dann verfallen sie in Unruhe,
wie sie nur ja nicht verlieren könnten, was sie besitzen. Daher leben sie immer in Sorge und
Zweifel. Sie, Sergej Nikolaevic, wenn Sie in der Güte des Herzens leben wollen, dann leben
Sie schlicht, grübeln Sie nicht in böser Absicht herum, und alles wird gut sein. Sagt doch auch
der Starez Amvrosij aus Optina: 'Lebe bescheiden und hundert Jahre wirst Du leben.'"
"Das geht im Kloster, Vater Arkadij, aber wie ist's in der Welt?" –
"Derselbe Starez Amvrosij fügt auch sofort hinzu: 'Genauso kann man in der Welt leben, nur
nicht in aller Öffentlichkeit, sondern verborgen.'" –
"Aber wenn nun jemand Sünden hat, was ist dann?"
"Auch das ist einfach, Sergej Nikolaevic. Es gibt da eine Erzählung von den Wüstenvätern:
'Eines Tages kam ein junger Mönch zum alten Abba und sagte: Was soll ich tun, Abba, ich
falle immer wieder in dieselbe Sünde? Der Starez antwortet ihm: Nun, wenn Du einmal
gefallen bist, dann steh auf und bereue. - Und wenn ich wieder gefallen bin? - Dann steh
wieder auf und bereue wieder. - Ja, aber wie lange? - Bis zum Tod!' Hierin liegt das
Geheimnis, Sergej Nikolaevic, wie man in der Güte des Herzens verbleiben kann. Es gibt
keinen Menschen in der Welt, der nicht sündigt. Das schreibt auch der heilige Apostel
Johannes der Evangelist. Aber in jeglicher Sünde gibt es auch eine Umkehr und Reue. Und
eben diese Reue rettet uns einerseits vor dem Stolz und Hochmut, andererseits lässt sie uns
nicht in Verzweiflung fallen."
"Hierher würde sehr gut das Jesus-Gebet passen, Vater Arkadij. Da wird doch die ganze Zeit
gerufen: Herr, erbarme dich, ich bin ein Sünder!"
"Genau so ist es, Bruder Sergej. Wir sündigen nicht nur stündlich, sondern jede Minute in
Worten, Taten, Gedanken - wir ergehen uns mit Vergnügen in Gedankenspielen, das sind
unanständige, misstrauische, gotteslästerliche oder lüsterne Gedanken, betrachten sie von
allen Seiten und stimmen ihnen zu. Sogar wenn wir dann nicht fallen, so oft nur, weil uns die
passende Gelegenheit fehlt. Hier ist der Platz für das Jesus-Gebet. Es ist Dir zum Beispiel ein
lästerlicher Gedanke in das Hirn gedrungen oder die Begier nach Frauen ist in Dir entbrannt
oder es drängt Dich, jemand zu beleidigen oder gar zu schlagen, dann wende Dich dem Jesus-
Gebet zu, flüstere oder sage im Geiste: 'Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes, habe mit mir
Sünder Erbarmen' - langsam, aufmerksam und mit Trauer. Dann werden die Gedanken
aufhören. Wenn Du aber auf sie hörst und fällst, dann verzweifle nicht und bete trotzdem das
Gebet. Und in Deine Seele wird Friede einziehen. Die Dämonen haben ja die Gewohnheit,
vor dem Fall uns Gott barmherzig und alles verzeihend vor Augen zu stellen. Sie flüstern uns
ein, dass der Herr weiß, wie sehr ein junger und kräftiger Mann zur Unreinheit neigt, und dass
er es nicht so streng bestraft. Aber nach der Sünde stellen uns die Dämonen den Herrn als
harten und unbarmherzigen Richter vor, damit sie uns zur Verzweiflung treiben. Manche
treiben sie bis zum Selbstmord, um nicht vom Wahnsinn zu reden. Aber wer den Herrn um
Barmherzigkeit anfleht, bleibt immer in der Demut. Der heilige und große Antonius sah
einmal die ganze Erde und wie auf ihr überall die Fallen des Teufels verstreut sind. Voll
Entsetzen rief er aus: 'Wie kann da noch einer gerettet werden?' Und er hörte die Antwort:
'Durch die Demut.' - Das ist der Grund, warum das unaufhörliche Jesus-Gebet so wichtig ist.
Viele, sogar in den Klöstern sagen: 'Was nützt das ganze schon! Die Gottesdienste, dazu noch
das kirchliche Breviergebet sind schon voll und ganz genug.' Aber erstens sind wir nicht
immer in der Kirche oder im Kellion, die Versuchungen folgen uns aber überall hin und
zweitens: Wenn das Singen und Vorbeten in der Kirche alleine wirklich retten würden, dann
müssten, wie der Starez Vasilij Pojapomerulskij schrieb, die Vorsänger und Vorbeter im
Klerus ja geradezu überall Musterbeispiele an Tugenden sein - und das sehen wir leider nicht.
Ja sogar, wenn man schön singt oder richtig vorliest, dann richtet sich die Aufmerksamkeit oft
mehr auf die Ordnung der Gesänge und Lesungen, oder wie man noch musikalischer
vorsingen und eindrucksvoller vortragen kann, als auf den eigentlichen Sinn des Gesungenen
oder Gelesenen. Freilich, es gibt schon Sänger oder Vorbeter, die ganz vom Geist erfüllt
sind."
"Sagen Sie, Vater Arkadij, was steht höher, das Leben in der Klostergemeinschaft oder in der
Einsamkeit, als Klausner in der Einöde?"
"Alles hat seine Zeit. Wer ganz neu anfängt, muss in die Gemeinschaft gehen, damit seine
Ecken abgeschliffen werden. Schau, die Steine am Ufer eines Sees oder des Meeres sind
normalerweise eckig und haben scharfe Kanten, wirft man sie ins Wasser, so reiben sie sich
aneinander und schleifen sich ab, so dass sie rund wie ein Ei oder eine Kugel werden. So
schleift die Gemeinschaft unsere Kanten ab und stellt unsere Demut, Geduld, Gelassenheit
und Uneigennützigkeit auf die Probe. Wenn uns diese Tugenden zur Gewohnheit geworden
sind, dann fühlt man sich immer mehr zur Einsamkeit hingezogen, allerdings im Alter,
vielleicht so ab 50 Jahre; früher ist das nur eine Laune und Unsinn, auch Selbstüberschätzung.
Aber wenn jemand seine schlechten Gewohnheiten abgeschliffen hat und im Jesus-Gebet lebt,
dann kann und muss er sogar in die Einsamkeit gehen und sich auf den Übergang in eine
andere Welt vorbereiten, in die Welt des Geistes. Und freilich, worin ich angetroffen werde,
danach werde ich gerichtet. Wer, wie die klugen Jungfrauen immer vorbereitet und im Jesus-
Gebet lebt, der besitzt Öl für die Lampe seiner Seele und er geht vorbereitet in die andere
Welt hinüber, wenn er gerufen wird. Um ein solches Ende beten wir in den Litaneien: 'Ein
christliches Ende unseres Lebens, ohne Qual und Schande und in Frieden und eine gute
Verantwortung vor dem furchtbaren Richterstuhl Christi lasst uns erflehen.' So ist das also mit
dem Jesusgebet. Wer richtig in ihm lebt, der bleibt demütig, einfach, herzlich, gütig. Was
können wir noch mehr wünschen?" –
Am strahlend blauen Himmel dieses Sommermorgens funkelten die goldenen Kreuze der
weißen, rötlichen, gelben Kirchen. Verdeckt vom hellen Grün der Bäume sangen die
Vögel. Über alles war eine stille Freude gebreitet.

Evgenij Nikolaevic Rozov, Höhlenkloster in Pskov


Dr. Rozov traf ich 1926 im Höhlenkloster in Pskov. Er war Bezirksarzt und zu gleicher Zeit
versorgte er die Brüder des Klosters, wofür sie ihm eine Wohnung im ersten Stock des
Abthauses gegeben hatten. Evgenij Nikolaevic war ungefähr fünfzig Jahre alt, Witwer. Sein
Sohn, ein stiller und gescheiter Bursche, studierte im Klostergymnasium. Sie lebten sehr
einfach. Doktor Rozov entstammte einer geistlichen Familie, studierte im Seminar, kam aber
nicht bis zur Priesterweihe, sondern wurde Arzt und beendete mit Auszeichnung die
medizinische Fakultät der Universität in Tomsk in Sibirien. Evgenij Nikolaevic war nicht nur
fromm und theologisch gebildet, sondern auch ein vergeistigter Mensch. Tiefe Demut und
große Liebe zum Mitmenschen zeichneten ihn aus. Niemandem versagte er jemals etwas. Er
wurde gebeten, zu einem weit entfernten Kranken zu fahren - er fuhr unentgeltlich. Er wurde
um Rat gefragt - er gab ihn. Er wurde in ein Haus gebeten - er schlug es nicht ab. Trotzdem
litt er nie Not.
Eines Abends saß ich bei ihm. Durch das geöffnete Fenster drang der Duft von Flieder und
Jasmin aus dem Garten vor dem Haus. Die alten Klosterkirchen, rosa, gelblich, weiß, mit
ihren blauen sternenübersäten Kuppeln hoben sich deutlich vom Grün der Gärten in der
Abenddämmerung ab. Tiefe, feierliche Stille umgab alles. In dem kleinen Zimmer brannte vor
der alten Leone das ewige Licht. Evgenij Nikolaevic saß im Lehnstuhl in einem weißen
russischen Hemd mit einem weißen Gürtel. Mit dem schon ergrauten Bärtchen erinnerte er
sehr an einen Dorfpfarrer in seiner Gemeinde.
"Sagen Sie, Evgenij Nikolaevic, wie bringen Sie es fertig, immer fröhlich zu sein und ohne
Sorge um das Geld zu leben, wie man mir erzählt hat. Wie ist das möglich?"
"Die Leute reden viel herum, Sergej Nikolaevic. Ich sage Ihnen nur das eine: Suchen Sie, wie
es in den Evangelien heißt, zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles Übrige
wird Euch dazugegeben werden. Wie Sie wissen, bin ich der Sohn eines Protopopen, beendete
das Seminar. Mit meinen Eltern war ich in meiner Kindheit und Jugend oft in der Troizko -
Sergievskaja Lavra, in Optina, in Sarov, in Walaam und so fort. Einmal hörte ich folgende
Geschichte vom Gastmeister in Optina Pustyn:
Zur Wallfahrt kam eines Tages ein reicher Kaufmann aus Moskau. Wegen der
Schlammzeit musste er drei Tage länger bleiben, als er gedacht hatte. Als er mit seinem Sohn
wieder wegfahren wollte, fragte er den Gastmeister: 'Wie viel bekommen Sie von mir für
meinen Sohn und mich, Vater?' Dieser antwortete: "Wie viel Sie geben'. - 'Und wenn ich
nichts gebe?' - 'Es steht Euch frei. - 'Und wenn von hundert Pilgern dann nur einer bezahlt !' -
'Es kommt vor, dafür bezahlt der Hundertste für die anderen neunundneunzig. - 'Nun, mein
Sohn', sagte der Kaufmann, 'sei auch Du freigebig, dann zahlen wir beide für je hundert. Er
zahlte gerne und war zufrieden. Gott selbst segnet es, einen bedürftigen Bruder zu ernähren.
So sagte zu mir mein verstorbener Vater, der Protopope Nikolaj Rozov: 'Du wirst Arzt,
Evgenij, und es werden zu Dir arme Leute kommen, die nicht bezahlen können. Fordere ihre
Schuld nicht ein, ja kaufe ihnen sogar noch das Medikament. Der Herr wird Dich nicht
verlassen, Du wirst leben und Dein Herz wird immer ruhig sein und Dein Gewissen
wird Dich nicht verurteilen.' So tue und lebe ich. Wer zahlen kann - danke schön, wer nicht
kann - ich bemühe mich für Gott. Heißt es doch, dass wer dem Kleinen gedient hat, Gott
gedient hat. Schauen Sie, da hat jemand Büchsen mit köstlichem Braten gebracht, ich weiß
nicht einmal wer. Alles bringt man mir - Geld, Sachen. Es ist nicht nur genug für mich und
meinem Sohn, ich gebe auch noch anderen. Erinnern Sie sich, beim Apostel Paul steht: Ich
habe zu Essen und zu Trinken und bin zufrieden, die reich werden wollen, fallen in
Versuchung.' Erinnern Sie sich auch, was im Evangelium gesagt wird: 'Man kann nicht Gott
dienen und dem Geld', aber die geldgierigen Pharisäer haben dazu gelacht. So bemühen auch
Sie sich um das Einzige, was notwendig ist, das andere kommt hinzu."
"Was ist das Einzige, das notwendig ist, Evgenij Nikolaevic?"
"Da sieht man, dass Sie noch ein sehr kleingläubiger Mensch sind. Merken Sie sich ein für
allemal, was das Wichtigste ist - den Frieden des Herzens zu erwerben. Wenn Sie ihn
erworben haben, dann haben Sie in nichts einen Mangel, es wird ja gesagt: Erwirb den
Frieden des Herzens und Tausende um Dich herum werden gerettet werden. Und diese
Tausende bringen alles herbei, so dass Du nicht wissen wirst, wohin Du alles geben sollst.
Darüber soll man sich gar nicht beunruhigen. Nur die Ungläubigen, die brauchen viel. Sie
wollen alles besitzen - man lebt doch nur einmal, heißt es! Ja, bei ihnen wäscht eine Hand die
andere, sie tun nichts umsonst.
Sergej Nikolaevic, Sie fahren jetzt in die Fremde, zuerst nach Belgien und Frankreich, zu den
Katholiken, dann vielleicht später, zu den Protestanten, hierhin, dorthin. Es geschieht nichts
ohne den Willen Gottes. Das heißt wohl, Sie müssen fahren, wenn sich alles so von selbst
regelt. Sie fangen etwas Neues an, etwas, von dem man noch nie gehört hat, irgendeine
Gemeinschaft mit den Katholiken. Vielen scheint das verdächtig, Sie sind für diese nur ein
Mensch, der irgendwo gut unterkommen will. Aber diese irren sich, Sergej Nikolaevic. Ich
bin ein alter Arzt und habe viele Leute gesehen. Sie sind ein bescheidener, offener Mensch,
nicht einer aus der Art, die sich es billig richten möchten. Sie werden deswegen noch Leiden
erfahren, äußerste Armut, Unverständnis, Verachtung. Aber verzweifeln Sie nicht, ertragen
Sie es gleichmütig, leben Sie einfach, einfach und demütig. Und zu seiner Zeit wird kommen,
was Sie sich gar nicht vorstellen können - ich spreche von den Erfolgen Ihres Wagnisses.
Dann werden Sie verstehen, was es heißt, das Hundertfache zu erhalten. Aber am Anfang
müssen Sie viel leiden, um die Ruhe zu erlangen, die Unabhängigkeit von dieser Welt, um die
auch ich mich bemühe. Klammern Sie sich nicht an etwas Vorübergehendes fest, sondern
gehen Sie Ihren Weg. Haben Sie die 'Liebe zur Tugend ' gelesen?"
"Ich habe es gelesen, Evgenij Nikolaevic, aber ehrlich gesagt verstehe ich nur wenig."
"Später werden Sie alles aus Erfahrung verstehen, wenn Sie einmal in meine Jahre kommen.
Nun, dort steht viel über die Beobachtung der Gedanken, auch über das Jesus-Gebet. Es wird
Ihnen viel helfen." –
"Aber kann einer, der in der Welt lebt, ja, der so jung ist wie ich, sich an ein solches Gebet
heranwagen?"
"Ja, er kann es. Der Pilger in den 'Aufrichtigen Erzählungen' war in Ihrem Alter. Oder
nehmen sie nur zum Beispiel den Kaufmann Nemytov. Er war Millionär, aber er stieg so
hoch, dass selbst der Starez Makarij aus Optina sich wunderte. Freilich, Nemytov zog sich
gegen Ende seines Lebens von allem zurück, wie es auch mich dazu treibt. Der Sohn muss
allerdings zuerst richtig auf eigenen Füßen stehen. Im Gebet gehen Sie, wie in allem, maßvoll
vor. Alles kommt von selbst mit den Jahren, nur bemühen muss man sich. Als man den
Starzen Amvrosij bat, er möge sich für die höheren Weihen eines Bruders einsetzen,
antwortete dieser Starze: 'Mit der Zeit verleiht man alles, sei es die Mantia, sei es die
Priesterweihe, nur das Reich Gottes verleiht niemand, man muss sich selbst darum
bemühen.' Bemühen Sie sich so um das Gebet des Herzens, denn das 'Reich Gottes ist in
Euch' und die sich anstrengen, erlangen es!"

Priestermönch Michail, Neu-Walaam


Mein letztes Gespräch mit Vater Michail war das tiefste und lehrreichste. Vater Michail war
damals schon 80 Jahre alt, aber jung im Herzen und im Verstand. Ich saß bei ihm im Kellion.
Es war August. Die Sonne wanderte am Ende eines warmen Abends auf die andere Seite des
Sees, über die endlosen Wälder. Tiefe Stille, wie auf dem Bild Levitans "Ewige Ruhe"
beherrschte alles.
"Sagen Sie Vater Michail, worin bestehen die wichtigsten Abschnitte des geistlichen
Lebens?"
"Es ist so, wie es Vater Arkadij im Pecersker Kloster erklärt hat: Niemand wird ohne Demut
gerettet. Erinnere Dich, dass Du bis ans Lebensende in Sünden fallen wirst, schwere und
leichte, in Zorn geraten wirst, Dich in den Mittelpunkt stellen wirst, äußeren Ehren nachjagen
wirst, andere kränken wirst, habsüchtig sein wirst. Das Wissen darum wird Dich in der Demut
halten. Worauf soll man denn stolz sein, wenn man täglich Sünden begeht und dem Nächsten
wehtut? Aber für jede Sünde gibt es eine Reue. Du hast gesündigt, Du hast bereut, Du hast
wieder gesündigt - dann bereue wieder, handle so bis zu Deinem Ende. Wenn Du das machst,
wirst Du nicht verzweifeln, sondern Schritt für Schritt zum Frieden kommen. Dazu muss man
freilich die Gedanken unter Aufsicht halten, es gibt gute, gleichgültige und schlechte. Die
letzteren lasse niemals heran. Wenn Dir so ein Ansinnen kommt, dann schlage es sofort durch
das Jesus-Gebet ab. Wenn Du diesen schlechten Vorschlag genauer betrachtest, dann wird er
noch näher zu Dir kommen. Du beginnst Dich für ihn zu interessieren. Er bezaubert Dich, Du
stimmst ihm zu, Du wirst überlegen, wie Du ihn ausführen kannst, dann tust Du ihn wirklich -
das ist die Sünde. Es gibt auch Gedanken, die sich ganz harmlos geben, aber schließlich zu
großen Versuchungen und schweren Sünden führen.
Man hat mir folgende Geschichte erzählt:
Im Frauenkloster in Ufinsk lebte eine Stariza mit prophetischem Blick. Der geistliche Leiter
dieses Klosters war ein sehr guter verwitweter Priester von 60 Jahren. Eines Tages, als er sich
schlafen legte, erinnerte er sich an die Zeit vor 30 Jahren, als er verheiratet war und die
Kinder zu Bett brachte. Und er dachte mit Freude daran. Dann dachte er an seine nun
verstorbene Frau und langsam wanderten seine Gedanken in eine Richtung, in die sie nicht
gehörten. So verbrachte er die ganze Nacht in Gebet und Verbeugungen, so stark war die
Versuchung. Am Morgen rief ihn die Stariza, die weise Frau, zu sich und fragte:
'Was war denn mit Ihnen los, Vater? Unreine Kräfte umschwärmten Sie wie Fliegen.'
Der Geistliche erkannte mit reinem Herzen: Soweit können einen Gedanken führen, die am
Anfang gut ausschauen.
Die Psychiater sprechen von Psychoanalyse und verschiedenem anderen, aber wodurch
sollen wir denn wissen, was gut ist oder nicht. Rufe daher unablässig zum Herrn: 'Herr Jesus
Christus, Sohn Gottes, habe mit mir Sünder Erbarmen'. Beim Apostel Paulus wird gesagt,
dass, wer Christus als Sohn Gottes offen bekennt und zu ihm andauernd ruft, gerettet wird.
Du lieber Serjoschka, übe Dich, so wie Du nur kannst, im Jesus-Gebet und Schritt für Schritt
wirst Du zur Versöhnung kommen, Du wirst den tiefen Frieden der Seele selbst kennenlernen,
die unbegreifliche Ruhe."
"Was kommt dann, Vater Michail", fragte ich den Starzen.
"Nun es ist so: Es gibt zwei Arten der Stille. Die erste Art ist das Schweigen. Das ist nicht
schlecht, im äußersten Fall wirst Du andere nicht beleidigen oder kränken. Aber das genügt
noch nicht. Die Wüstenväter sagen, dass ein Einsiedler, der in seiner Höhle sitzt und niemand
sieht, trotzdem einer Schlange gleicht, die in ihrem Versteck lauert und voll tödlichen Giftes
ist, wenn er an erlittene Beleidigungen zurückdenkt und auf jemand zornig ist. Die zweite Art
der Stille das ist die innere Stille. Darüber erzählen die Väter: Es gibt Starzen, die von
morgens bis abends sprechen und dennoch unablässig in der Ruhe bleiben, weil sie nichts
sagen, was nicht anderen oder ihnen selbst nützlich wäre. Das ist eigentlich das innere
Schweigen. Bemühe Dich darum, Serjoschenka. Wenn Du es erreicht hast und aufhörst,
andere zu verurteilen, dann stelle Dich vor Gott und danke ihm, dass er Dir eine solche
Barmherzigkeit erwiesen hat. Dann bist Du von der Reinheit des Herzens nicht mehr weit
entfernt. Du weißt ja, dass man nur mit reinem Herzen Gott schauen kann. Es gibt noch einen
anderen Weg für manche, es ist der Weg der segensreichen Tränen. Diese Tränen sind nicht
dieselben, die alle vergießen, wenn das Herz vom Verlust eines lieben Menschen erschüttert
wird, oder die beim Lesen von Büchern, beim Erzählen einer rührseligen Geschichte in die
Augen steigen. Die segensreichen Tränen fließen wie Bäche, vielleicht zwei, drei Jahre
unaufhörlich im Herzen. Durch diese Tränen wird, wie im Feuer, die ganze Unreinheit des
Herzens verbrannt und man kommt zu einem großen Frieden und schaut Gott."
"Was heißt das, 'Gott schauen, ' Vater Michail. Ist das ein Bild, oder was sonst?"
Forschend schaute Vater Michail mich an und begann nachdenklich zu sprechen:
"Freilich, niemand hat Gott jemals gesehen, der Sohn, der an der Brust des Vaters sitzt, hat
uns von ihm Kunde gebracht. Es heißt auch noch: 'Die Cherubim und Seraphim, die vor Gott
stehen, verbergen ihr Angesicht.' Gott, das Wesen Gottes, können wir weder sehen noch
verstehen. Aber wir können die Herrlichkeit Gottes sehen, das ungeschaffene und
unaussprechliche Licht vom Tabor, das die drei auserwählten Apostel am Berg sahen. Dieses
Licht sah auch Motovilov, als er mit dem ehrwürdigen Seraphim sprach. Es ist das
Herabsteigen des Heiligen Geistes, das Reich Gottes, das in Macht gekommen ist. Tichon von
Sadonsk hat es auch gesehen bis zum Bischofsamt. Auch Igumen Anton Putilov aus
Malojaroslavsk wurde gewürdigt, es zu sehen, als er noch ein Jüngling war. Ich spreche
gar nicht von den Schauungen des ehrwürdigen Simeon des Neuen Theologen. Dieses Licht
zu sehen wird allerdings nur überaus wenigen zuteil."
"Vater, gibt es auch heute Asketen, die dieses unzugängliche Licht gesehen haben?"
"Warum nicht? Es gibt solche Asketen, man darf es ruhig sagen. Aber was soll man weiter
danach fragen? Wenn Du glaubst, dass es dieses Licht gibt, was willst Du dann noch mehr
wissen. Selig sind, die nicht sehen, sondern glauben. Auch Motovilov war die Schau dieses
Lichtes zur Bekräftigung des Glaubens gegeben!"
"Wie ist die Bekräftigung sonst, Vater Michail?"
"Das könnte man am besten mit einer der Erzählungen über den sibirischen Starzen Daniel
Aginskij, den übrigens der ehrwürdige Serafim von Sarow sehr gut kannte, zeigen:
Eine reiche Frau aus Sibirien, deren Seelenführer der Starze Daniel war, wollte in ein Kloster
eintreten. Nicht wenige Nonnenklöster besuchte sie in Rußland und Sibirien und noch immer
wusste sie nicht, welches sie wählen sollte. Da fuhr sie zu Vater Daniel und bat ihn, ihr zu
zeigen, wo sie eintreten solle. Er aber antwortete ihr: 'Wenn ich Dir eines zeige, das Dir dann
nicht gefällt, dann sagst Du nachher: Ich wäre niemals da eingetreten, aber der Starze hat
mir's gesagt. Auf mich wirst Du einen Zorn haben, selbst wirst Du unglücklich sein. Suche
selbst noch, und wenn Du das Richtige gefunden hast, dann wird das Herz in Dir vor Freude
hüpfen und das wird für Dich die Bestätigung sein.' So geschah es auch, als die Frau in das
Jungfrauenkloster in Irkutsk kam. Ihr Herz sprang vor Freude und sie blieb dort; später wurde
sie die Äbtissin Susanne.
Deine Berufung, Serjoschenka, ist die, wie der ehrwürdige Seraphim dem Abt Timon
Nadejevskij sagte: 'Das gute Wort fiel dorthin auf den Weg, unter Dickicht, auf Steine, auf
gute Erde. Dort ging es auf und brachte Frucht, sogar hundertfach.' Aber man muss sich
bemühen, die Ruhe des Herzens zu erlangen, denn in einem aufgewühlten Herzen kann nichts
Gutes wachsen. Aber wenn man zur Ruhe gekommen ist, wird man weise und vermag viel.
Ich spreche zu Dir über das innere Schweigen - es ist eigentlich die wahre Klausur und
Einsiedelei. Das Jesus-Gebet, der unablässige Gottesdienst im Inneren des Herzens, wo das
Reich Gottes ist, wird Dir in allem helfen."

Igumen Ioann, Neu Walaam


Ende August unterhielt ich mich einmal mit Igumen Ioann im Garten von Neu Walaam.
Frische Luft kündigte an diesem sonnigen Morgen schon das Nahen des Herbstes an.
"Vater Ioann, sprechen Sie offen über die Fehlentwicklungen beim Jesus-Gebet. Gibt es sie
oder nicht?"
"Warum sollte es sie nicht geben? Der Teufel versucht es auf alle Weise. Wenn dem Laien ein
Dämon zur Versuchung beigestellt wird, dann dem Mönch zwei, dem wahren Beter aber drei.
Haben Sie die 'Sammlung über das Jesus-Gebet' und 'Gespräche über das Jesus-Gebet'
gelesen, die Igumen Chariten herausgegeben hat?"
"Ich habe es gelesen."
"Dort steht ziemlich viel darüber. Das wesentlichste ist, dass man beim Jesus-Gebet in tiefer
Demut bleiben muss und sich auf keine Weise etwas einbilden darf. Manche tun es aber.
Wozu beten wir denn eigentlich das Jesus-Gebet? Doch nur, weil wir durch das andauernde
Denken an den Herrn und die Reue über unsere Sünden zum Frieden des Herzens kommen,
die innere Stille erlangen und in der Liebe zu unserem Nächsten und zur Wahrheit wachsen -
dann leben wir wirklich in Gott, denn Gott ist die Liebe. Aber es gibt Leute, die betrachten
dieses Gebet wie irgendeine Magie, die ihnen die Kunst des Gedankenlesens, Prophetie, die
Gabe der Wundertätigkeit und Heilung verleiht. Ein solcher Zugang zum Gebet ist äußerst
sündhaft. Die so zum Gebet treten, werden von Dämonen verblendet, die ihnen tatsächlich
eine gewisse Macht geben, damit sie fallen, für immer. Ich war einmal Abt in Pecenga. Das
ist sehr weit von hier, an den Ufern des nördlichen Eismeeres. Im Sommer geht die Sonne
drei Monate nicht unter, im Winter dauert die Nacht drei Monate lang. Der Ozean ist
stürmisch, ringsum gibt es nur die menschenleere, schwermütige Tundra. Unter diesen
Bedingungen, in dieser großen Einsamkeit, kommt es vor, dass manche Mönche beim Gebet
in Ekstase geraten, Stimmen hören und Gesichter sehen. Ein solcher hörte auf einmal eine
engelsgleiche Stimme in seiner Zelle, die ihm einredete, dass er eine wunderbare Höhe
erreicht hätte. Nun könne er Wunder wirken, ja sogar wie der Erlöser über Wasser gehen. Die
Stimmen überredeten den Armen, er solle tatsächlich versuchen, über eine dünne Eisscholle
zu gehen. Nun, er ging und stürzte ins Wasser. Auf sein Schreien hin wurde er
herausgezogen, aber er erkrankte durch das kalte Wasser schwer und starb, nachdem er bereut
hatte. Das ist sicher ein Sonderfall, aber andere betörten die Dämonen eben auf andere Weise.
Manche beten und sehen bei sich einen gewissen Fortschritt, dann fangen sie an, sich zu
brüsten und halten die anderen für unwürdiger als sich, sich selbst schätzen sie als
'auserwähltes Gefäß Gottes'. Solche Beter sitzen gewöhnlich zu Gericht über andere, sind bei
Vorwürfen leicht beleidigt, befinden sich immer in einer gewissen Unruhe. Wenn auch beim
Apostel Paul steht, dass gerettet wird, wer den Herrn Jesus Christus anruft und den Sohn
Gottes offen bekennt, so hat der Erlöser selbst gelehrt, dass nicht der, der 'Herr, Herr!' ruft,
erhört wird, sondern wer den Willen des himmlischen Vaters erfüllt. Diese Leute beten wohl,
aber ihr Herz ist weit vom Herrn entfernt. Zum Gebet muss auch das Tun der Gebote
hinzukommen, denn der Glaube ohne Werke ist tot und erst durch das Tun wird der Glaube
vollkommen."
"Wie kann man wissen, an welchen geistlichen Vater man sich um Rat wenden soll?"
"Suche Dir einen ruhigen Starzen, einen guten, demütigen, der im Frieden des Gewissens und
im inneren Schweigen bleibt, das heißt, der niemanden verurteilt. Solche, die über alle
urteilen, die mit allem unzufrieden sind, ja vielleicht auch ins Geld verliebt sind - vor diesen
fliehe, sonst wirst Du genauso wie sie. Denke auch daran, dass man wohl beim Starzen auf
Zeit leben kann, aber so wie man das Gebet und die Kontrolle der Gedanken gelernt hat, wozu
brauchst Du dann einen Starzen? Man kann nicht die ganze Zeit Kind bleiben, mit der Zeit
wirst Du selbst für alles verantwortlich. Du kannst sogar selbst Starez werden, wenn die Zeit
gekommen ist."
"Was ist eigentlich ein Starez?"
"Das ist leicht zu sagen: Ein Starez ist ein Mensch reich an geistlicher Erfahrung, Weisheit
und mit einer großen Liebe zu den Menschen. Starzen können einfache Mönche sein, wie zum
Beispiel der wohlbekannte Zosima Verchovskij, den Dostojewskij als seinen Starez Zosima in
den 'Brüdern Karamasow' beschreibt. Lies einmal das Leben des Starzen Zosima, dann wirst
Du es selbst sehen. So ähnlich waren auch die Starzen Vasilisk Turinskij, Joann Moldavskij,
Erzdiakon Melchisidech, ein sehr berühmter Starez, der 125 Jahre alt wurde. Starez Daniil
Aginskij in Sibirien dagegen, ein großer Asket und Lehrer, wie auch Kuzma Birskij waren
einfache Laien, aber zu ihnen kamen nicht nur Laien und Priester, sondern auch Mönche,
Bischöfe und Gelehrte. Warum soll der Schreiber der 'Erzählungen eines Pilgers' nicht selbst
Starze gewesen sein? In der Korrespondenz des Vaters Amvrosij aus Optina habe ich
gefunden, daß er zwar ein Bauer aus Orel war, die auf dem Berg Athos in
Panteleimonkloster aufgefundene Handschrift aber dürfte das Original sein. Vermutlich ging
der Pilger auf der Heimreise vom Heiligen Land nach Rußland wie viele andere auch auf den
Berg Athos und erzählte seine Fahrt einem Starzen, dem Priestermönch Ieronim Solomenzev.
Dieser ließ es aufschreiben, vielleicht hat der Pilger es selbst aufgeschrieben und blieb am
Athos? Wer weiß?"
"Ist die Pilgerfahrt eine geistliche Heldentat, Vater Ioann?"
"Das schon, aber die Narrheit in Christus steht höher, ist aber auch schwerer. Als Narr in
Christus zu leben wird nur wenigen gestattet und das nur unter der Führung großer Starzen.
Wir können schon wenig Übel kaum ertragen, warum soll man dann viel suchen. Vom
Starzen Leonid aus Optima erzählt man folgende Geschichte: Ein Mönch bedrängte ihn mit
seinen Bitten, er möge ihn zum Zeichen seiner Demut Ketten tragen lassen, aber der Starze
antwortete ihm: 'Wozu brauchst du Ketten? Das Mönchtum selbst ist eine schwere Kette,
wenn man alles so macht, wie es sein soll.' Aber der Mönch hörte nicht auf zu betteln.
Schließlich erlaubte es ihm der Starze, rief aber den Klosterschmied zu sich und sagte ihm:
'Morgen wird ein Mönch Dich bitten, dass Du ihm Ketten anlegst. Frag ihn: Wozu brauchst
Du Ketten? und hau ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.'
Am nächsten Tag kam der Mönch ganz erzürnt zum Starzen gelaufen und sagte ihm, dass er
vom Schmied statt Ketten eine Ohrfeige bekommen hätte. 'Nun,' sagte der Starze, 'eine
Ohrfeige erträgst Du nicht und läufst schon, Dich zu beschweren. Wie willst Du dann Ketten
tragen? Man soll nicht höher greifen, als die Arme lang sind.'"
"Vater Michail sagte: 'Das gute Wort ist überall, im Gestrüpp, am Weg, unter Steinen und
immer kann es noch irgendwie zu wachsen anfangen und sogar einmal hundertfältige Frucht
bringen.' Was denken Sie darüber, Vater?"
"Wie Vater Michail Dir sagte: Man muss gehorchen. Dann findest Du das gute Wort überall,
auch auf der Pilgerreise. Es ist aber kein kleiner Kampf, Bruder."
"Und werde ich ihn aushalten, mein Vater?"
"Nur im Glauben, wie geschrieben steht: Alles kann ich in Jesus, der mich stärkt. Halte Dich
ans Jesus-Gebet, es wird Dich überall weiterführen."

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