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© F. Enke Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 26, Heft 5, Oktober 1997, S.

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Kulturtheorie, Systemtheorie und das


sozialtheoretische Muster der Innen-Außen-Differenz
Andreas Reckwitz
Universität Hamburg, Institut für Soziologie, Allendeplatz 1, 20146 Hamburg

Z u sa m m e n fa ssu n g : Niklas Luhmanns konstruktivistische Systemtheorie und die neueren Ansätze einer kulturtheo­
retischen Analyse wissensangeleiteter sozialer Praktiken, wie sie exemplarisch bei Pierre Bourdieu und Anthony Gid­
dens präsentiert wird, vollziehen die ’interpretative Wende’ in den Sozialwissenschaften in einer jeweils konträren
Theoriearchitektur. Luhmann baut mit seiner Leitunterscheidung zwischen psychischen Systemen und sozialen Syste­
men in Anlehnung an Descartes, Husserl und Dürkheim auf einer Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein und
Sozialwelt auf. Die Kulturtheorien bei Bourdieu und Giddens distanzieren sich hingegen in Anlehnung an Saussure und
den späten Wittgenstein von dieser Innen-Außen-Differenz und gehen stattdessen von der analytischen Leitdifferenz
zwischen Wissensstrukturen und Handlungspraxis aus. Rekonstruiert man Systemtheorie und Kulturtheorien in dieser
Weise, verschieben sich die Fronten gängiger Theoriekritik: Die Kulturtheorien erscheinen nicht als ’individualistisch’,
sondern umgekehrt als Vertreter eines sozialen Regelholismus. Demgegenüber besitzt Luhmanns vorgeblicher Holis­
mus im Begriff des psychischen Systems eine individualistische Kehrseite und sieht sich mit der kulturtheoretischen Kri­
tik konfrontiert, soziales ’Wissen’ auf Semantik zu reduzieren.

Um das Feld vergangener und gegenwärtiger So­ Wissenschaftstheorien der Sozialwissenschaft und
zialtheorien zu systematisieren, schlug George Methodologien zu sehen, die sich im weitesten Sin­
Ritzer Mitte der 1970er Jahre ein triadisches Sche­ ne unter dem Dach von Ritzers ’social definition’-
ma vor, das die drei nlöglichen ’Metatheorien’ der Paradigmas wiederfinden, allerdings mit diesem
Sozialwissenschaft voneinander unterscheiden Begriff wohl kaum mehr zu erfassen sind. Viel­
soll: das sich von Dürkheims Konzeption einer So­ mehr kann man eine weitreichende ’interpretative
zialphysik herleitende ’social facts’-Paradigma, das Wende’ in den neueren Sozialwissenschaften (Ra-
von der behavioristischen Psychologie beeinflußte binow/ Sullivan 1979; Bohman et al. 1991), eine
’social behavior’-Paradigma, schließlich das klas­ Entwicklung zu ’kulturtheoretischen’ oder ’kon­
sisch insbesondere in Max Webers Konzept einer struktivistischen’ Denkansätzen (Chaney 1994;
Soziologie der ’Sinnzusammenhänge’ verfochtene Schmidt 1987a) diagnostizieren, die weit über den
kulturwissenschaftliche ’social definition’-Paradig- mikrosoziologischen ’interpretative approach’
ma. Ritzer zufolge existierten in der Geschichte (T. Wilson) der 1960er Jahre hinausreicht.
der Sozialwissenschaften alle drei Denkschulen Die verschiedenen Spielarten einer solchen ’sinn­
durchgängig nebeneinander, allerdings begleitet orientierten’Sozialwissenschaft eint eine gemeinsa­
von gelegentlichen Gewichtsverschiebungen. (Rit­ me Grundposition: die Annahme einer sinnhaften
zer 1975) Konstitution der sozialen Welt. Grundlegend für die
Kaum überraschend haben, seitdem Ritzer seine Arbeit der Sozialwissenschaften muß aus dieser
Theoriesystematik formulierte, die theoretischen Perspektive die Einsicht sein, daß anders als die
Gewichte sich tatsächlich verschoben und zudem Welt der Natur die Reproduktion der Sozialwelt auf
die einzelnen Theorierichtungen ihre Gestalt ge­ der Existenz von kollektiven, handlungs- und kom-
ändert: Das ’social facts’-Paradigma verlor sowohl munikationsanleitenden Bedeutungsmustern be­
in der Version einer naturalistischen Soziologie so­ ruht, die bereits ganz ohne Zutun des Wissenschaft­
zialer Regelmäßigkeiten als auch in der Form ei­ lers wirken. Diese Sinnmuster und die Interpreta­
nes am ’Homo sociologicus’ orientierten Struktur­ tionsakte, die auf ihrer Grundlage vollzogen wer­
funktionalismus an Boden. Das methodologisch­ den, lassen sich damit nicht als bloße - gar die eigent­
individualistische ’social behavior’-Lager hat lichen ’sozialen Tatsachen’ verzerrenden - Epiphä­
durch die Ausbreitung des Rational Choice Ansat­ nomene abtun, sondern bilden die Basis, auf der die
zes in Soziologie und Politikwissenschaft eine un­ soziale Welt möglich ist und auf der allein sie ver­
geahnte Stärkung erfahren und sich damit von der stehbar wird. Damit stellt sich im übrigen auch die
Verhaltens- zur Handlungstheorie gewandelt. Die Wissenschaft, als Teil der Sozialwelt begriffen,
tiefgreifendste Gewichtsverschiebung ist aber Unauthenticated
zwangsläufig als eine interpretative, auf spezifi­
wohl in der Expansion derjenigen Sozialtheorien, Download
schen Date | 3/27/17
Sinnschemata 9:59 AMTätigkeit dar.
aufbauende
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Der in der gegenwärtigen deutschsprachigen Dis­ scheidung zwischen ’individualistischen’ Hand­


kussion prominenteste Ansatz, der in radikaler lungstheorien und ’holistischen’ Systemtheorien
Weise auf dem Gedanken einer sinnhaften Konsti­ begründet zu sehen. Die Unterschiede zwischen
tution der sozialen Welt aufbaut, ist wohl Niklas der Theoriearchitektur der Kulturtheorien und
Luhmanns systemtheoretischer Konstruktivismus, der konstruktivistischen Systemtheorie sind viel­
seine Theorie selbstreferentiell beobachtender, mehr primär in der konträren Behandlung von In­
sich autopoietisch reproduzierender Sinnsysteme. nen-Außen-Differenzen zu suchen.
Alternativ dazu und ohne gegenseitige Bezugnah­
me haben sich insbesondere in der angelsächsi­ Kulturtheorien und konstruktivistische System­
schen und französischen Theoriediskussion eine theorie gehen von unterschiedlichen begrifflichen
Reihe von Sozialtheorien ausgebildet, die vor al­ Leitdifferenzen aus. Die Leitdifferenz der Kultur­
lem in Anlehnung an Wittgenstein und an den theorien ist die zwischen Wissensstruktur und
Handlungspraxis, wobei letztere in erstere einge­
Strukturalismus soziale Praktiken als angeleitet
von kollektiven Wissensstrukturen und deren In­ bettet erscheint. Die Leitdifferenz der System­
terpretationsleistungen betrachten. Diese Theo­ theorie ist hingegen die zwischen sozialen Syste­
men und psychischen Systemen, die beide als auto-
rien wissensabhängiger sozialer Praktiken, die in
poietische, sich selbst produzierende Operations­
den Ansätzen von Pierre Bourdieu und Anthony
sequenzen gedacht sind. Vor dem Hintergrund
Giddens wohl ihre elaborierteste Form annehmen,
dieser Begriffsentscheidungen stehen Kulturtheo­
sollen unter der Überschrift ’Kulturtheorien’ zu­
rie und Systemtheorie in zwei unterschiedlichen, ja
sammengefaßt werden.
letztlich einander entgegengesetzten Relationen
Je nachdem, aus welcher Perspektive man diese zu jener philosophisch und sozialtheoretisch ein­
beiden Theorieoptionen betrachtet, scheinen sie flußreichen Tradition des Denkens in einer Innen-
sehr viel oder sehr wenig gemeinsam zu haben. Außen-Differenz zwischen ’Bewußtsein’ und ’Au­
Zunächst gilt es festzuhalten, daß sowohl die ßenwelt’, die von Descartes’ Subjekt-Objekt-Dua-
Theorie selbstreferentieller Beobachtungssysteme lismus zu Husserls Differenz zwischen ego cogito
als auch die Theorien wissensangeleiteter sozialer und cogitatum einerseits, zu Dürkheims Dualis­
Praktiken ’Sinn’ als Grundbegriff der Sozialwis­ mus zwischen Individuum und sozialen Tatsachen
senschaften voraussetzen und damit die Sozialität andererseits reicht.1
menschlicher Welt in sozialen Konstruktions- und
Interpretationsleistungen begründet sehen. Bei Die Kulturtheorien unterschiedlichster Prove­
Luhmann sind die sozialen und psychischen Syste­ nienz, am deutlichsten in den Ansätzen von Pierre
me Sinnsysteme: ihre Kommunikationen und Ge­ Bourdieu und Anthony Giddens, situieren sich mit
danken operieren auf der Grundlage von spezifi­ ihrem Konzept wissensangeleiteter sozialer Prak­
schen Beobachtungsschemata. Für die Kulturtheo­ tiken jenseits des Dualismus zwischen Innenwelt
rien werden soziale Praktiken durch die kollekti­ der Bewußtsein und (sozialer) Außenwelt (1).
ven Sinnschemata der Akteure, über die diese in Luhmanns Systemtheorie hingegen knüpft in ihrer
Form eines impliziten Wissens verfügen, begrenzt Unterscheidung zwischen individuellen psychi­
und ermöglicht. Wenn Luhmann die Aufgabe der schen Systemen und sozialen Systemen in flexibili­
Sozialwissenschaften primär als die einer Beob­ sierter Form ausdrücklich an diese Innen-Außen-
achtung von Beobachtungen definiert, so ist im Differenz an (2). Rekonstruiert man die Theorien
Prinzip Ähnliches gemeint wie bei Giddens, wenn in dieser Weise, lassen sich gängige gegenseitige
dieser von einer Konstellation ’doppelter Herme­ Kritikpunkte nicht aufrechterhalten. Die Kultur­
neutik’ spricht (Luhmann 1990: 68ff; Giddens theorien lassen sich nicht als methodologisch-indi­
1976: 163ff): In beiden Fällen werden die Sozial­ vidualistisch einordnen, sondern im Gegenteil als
wissenschaften auf eine Rekonstruktion von sozia­ Formen eines sozialen Regelholismus. Umgekehrt
len Sinnzusammenhängen festgelegt - dies ist die besitzt Luhmanns ’holistische’ Theorie sozialer Sy­
fundamentale Gemeinsamkeit zwischen der kon­ steme eine ’individualistische’ Kehrseite in ihrem1*
struktivistischen Systemtheorie und den
kulturtheoretischen Ansätzen. 1 Ähnliches, aber nicht Identisches ist gemeint, wenn
Plessner von einer Tradition ’cartesianischer Sozialwissen­
Andererseits sind nun aber die Differenzen in der schaft’ spricht: Hier wird die sozialwissenschaftlich ein­
Theoriearchitektur dieser beiden in den weiteren flußreiche cartesianische Innen-Außen-Differenz primär
Kontext der ’interpretativen Wende’ einzuordnen­ als eine solche zwischen menschlichem Bewußtsein und
den Ansätze beträchtlich. Es wäre allerdings irre­ menschlichem Körper Unauthenticated
interpretiert. (Plessner 1928:
führend, diese Differenzen in der gängigen Unter­ Kap.Download Dateauch
2). Vgl. dazu | 3/27/17 9:591989:
Grathoff AM Kap. 2.
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 319

Konzept des psychischen Systems. Aus der Sicht sehen Perspektive ist ebenso einfach wie folgen­
der Kulturtheorien muß sie sich dann der Frage reich: Die alltäglichen sozialen Praktiken3 des
stellen, ob die Innen-Außen-Differenz zwischen Menschen - kommunikativer und nicht-kommuni­
psychischen und sozialen Systemen nicht einer kativer Art - werden ermöglicht und einge­
Eingrenzung des - kulturtheoretisch zum Ver­ schränkt durch kollektive Sinnmuster, durch meist
ständnis sozialer Reproduktion zentralen - Kon­ implizit bleibende Wissensstrukturen,4 die in der
zepts des sozialen Wissens auf ’Semantik’ Vor­ sozialen Praxis eingesetzt werden und diese anlei­
schub leistet (3). ten.
In die neuere kulturtheoretische Diskussion gehen
1. Die Kulturtheorien jenseits der Innen- strukturalistische und poststrukturalistische,
Außen-Differenz sprachspieltheoretische, pragmatistische und her-
meneutisch-interpretative Theorieelemente in ver­
Der Begriff ’Kulturtheorie’ wird in der sozialwis­ schiedenartigen Spielarten ein. In exemplarischer
senschaftlichen Theoriediskussion nicht in eindeu­ Weise ist der kulturtheoretische Argumentations­
tiger Weise verwendet. ’Kultur’ ist ein chronisch kern, in dem die strukturalistische und die inter-
vieldeutiger Begriff geblieben,2 und eine ’Kultur­ pretativ-verstehende Theorietradition letztlich
theorie’ im Singular gibt es nicht. Man sollte viel­ konvergieren, jedoch wohl in Pierre Bourdieus
mehr vorsichtiger von einer kulturtheoretischen ’Theorie der Praxis’ und in Anthony Giddens’
Perspektive sprechen, die man idealtypisch her­ ’Theorie der Strukturierung’ skizziert worden, die
ausfiltern kann. Eine solche hat sich in der zweiten trotz gewisser Differenzen ein gemeinsames kul­
Hälfte, insbesondere im letzten Viertel des turtheoretisches Vokabular bieten. Grundlegend
20. Jahrhunderts in den Arbeiten von Autoren wie ist hier die Annahme, daß menschliches Handeln -
Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Ulrich Oever- nicht als ein Konglomerat diskreter, intentionaler
mann, Mary Douglas, Alfred Schütz, Clifford Einzelhandlungen, sondern als kontinuierliche Se­
Geertz, Erving Goffman, Anthony Giddens oder quenz von Praktiken begriffen - nur vor dem Hin­
Charles Taylor in mannigfachen Variationen her­ tergrund kollektiver Wissensbestände zu verste­
ausgeschält. Der Kerngedanke der kulturtheoreti- hen ist, welche wiederum keine praxisenthobenen
Ideenwelten, sondern ein know how von Deu­
2 Der Begriff Kultur wird in der sozialtheoretisch rele­ tungsregeln der Akteure darstellen. Diese Wis­
vanten Begriffsgeschichte vor allem in vier verschiedenen sensstrukturen geben den Handelnden kaum je
Bedeutungen verwendet: 1) der normative Kulturbegriff, verbalisierte Sinnmuster an die Hand, die ihnen
der sich in der Aufklärung ausbildet (Pufendorf, Adelung, dazu verhelfen, die Welt, ihre Handlungsumwelt,
Kant) und bis in die Kulturkritik des 19. und 20. Jahrhun­ das eigene Ich, das Verhalten anderer Akteure und
derts reicht (M. Arnold, G. Simmel, A. Weber): hier er­ deren Objektivationen zu deuten. Die Sinnzu­
scheint ’Kultur’ als eine zivilisatorisch oder moralisch aus­ schreibungen auf der Basis der impliziten Wissens­
gezeichnete menschliche Lebensform; 2) der holistische
strukturen befähigen zum Handeln und schließen
Kulturbegriff, der von Herder herkommend sich in der
Kulturanthropologie und den cultural studies fortsetzt:
gleichzeitig andere Handlungsweisen als ’undenk­
Kultur ist die historisch-spezifische gesamte Lebensform bar’ aus. Die Relation zwischen Wissensformatio­
eines Kollektivs in Differenz zu anderen Kollektiven; 3) nen und Handeln läßt sich damit als Verhältnis von
der differenzierungstheoretische Kulturbegriff: Kultur ist Struktur und Praxis verstehen, von generativen
hier ein gesellschaftlich ausdifferenziertes Teilsystem, in
dem in institutionalisierter Form Kunst, Bildung und Wis­ 3 Der Begriff der ’sozialen Praktiken’ hat sich in der neue­
senschaft situiert sind (vgl. Parsons’ pattern maintenance- ren kulturtheoretischen Diskussion zur Bezeichnung von
bzw. Treuhandsystem); 4) der sinn- und wissensorientierte durch implizite, kollektive Wissensstrukturen ermöglich­
Kulturbegriff: in der neueren sozialtheoretischen Diskus­ ten Handlungsweisen eingebürgert, die von den Akteuren
sion wird Kultur als eine analytische Dimension identifi­ - für ihre Umwelt sichtbar - ’kompetent’ hervorgebracht
ziert, die sozialen Praktiken und ihren Produkten zugrun­ werden (vgl. auch Cohen 1996, kritisch dazu Tbrner 1994).
deliegt bzw. dadurch erzeugt wird, als die Dimension der Der Begriff wird in dieser Weise nicht nur bei Giddens
Bedeutungen, wie sie in den praxisanleitenden Wissensbe­ und Bourdieu, sondern auch bei Foucault, den Ethnome-
ständen auf Dauer gestellt werden: „ ... a new view of cul­ thodologen und in den cultural studies verwendet und soll­
ture as shared knowledge - not as people’s customs and ar­ te nicht mit der Begriffsverwendung in der Tradition der
tifacts and oral traditions, but what they must know in or­ normativ-kritischen sog. ’Praxisphilosophie’ aus der
der to act as they do, making things they make, and inter­ Budapester Schule verwechselt werden.
Unauthenticated
pret their experiences in the distinctive way they do.“ 4 Zum BegriffDate
Download des impliziten Wissens
| 3/27/17 9:59 AM vgl. die Skizze von
(Quinn/ Holland 1987: 4) Michael Polanyi (1966: Kap. 1).
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Deutungsregeln und kontextspezifischer Hand­ Die sozialwissenschaftliche Kulturtheorie, die in


lungssequenz. den Arbeiten von Pierre Bourdieu und Anthony
Zwei philosophische ’Revolutionen’ des 20. Jahr­ Giddens präsentiert wird, schließt nun sowohl an
hunderts sind für die sozialwissenschaftlichen Kul­ den Strukturalismus als auch an Wittgenstein - in
turtheorien im allgemeinen, für die Ansätze von jeweils unterschiedlicher Gewichtung - an.5 Bour­
Giddens und Bourdieu im besonderen wegwei­ dieu geht von der strukturalistischen Differenz
send: der Strukturalismus, programmatisch von von langue und parole aus, die bei ihm jedoch im
Saussure formuliert, einerseits, Wittgensteins Phi­ Sinne einer Theorie der Praxis und unter Berufung
losophie der ’Sprachspiele als Lebensformen’, wie auf Wittgenstein umakzentuiert wird. Wenn in
dieser sie in seinem Spätwerk skizziert, anderer­ Saussures Strukturalismus die parole, die Sequenz
seits. Saussure stellt für den Fall der Sprache und dessen, was gesprochen wird, durch das generative
im übertragenen Sinne für sämtliche Bedeutungs­ Regelsystem einer langue ’erklärt’ wird, dann las­
systeme fest, daß diese keine singulären Produkte sen sich in Bourdieus Kulturtheorie soziale Prakti­
einzelner Subjekte darstellen, sondern Systeme ken generell - von motorischem Handeln des Lei­
von Zeichen, die unabhängig vom Einzelnen im­ bes bis hin zu diskursiven Sprechhandeln - erklä­
manent nach Maßgabe interner Form- und Bedeu­ ren, wenn sie als generiert durch die Habitusfor­
tungsdifferenzen strukturiert sind. Saussures mationen der jeweiligen sozialen Gruppe/ Klasse
Strukturalismus setzt die Präexistenz zeitlich dau­ erscheinen. Der Habitus ist das „System der orga­
erhaft bestehender Regelsysteme (langue) voraus, nischen oder mentalen Dispositionen und der un­
die sich unabhängig vom Subjekt als diesem voran­ bewußten Denk-, Wahrnehmungs- und Hand­
gehende ’soziale Entitäten’ darstellen. Gleichzeitig lungsschemata, das die Erzeugung (von) Gedan­
können die Regelsysteme jedoch nur wirksam wer­ ken, Wahrnehmungen und Handlungen (bedingt)“
den, indem die (Sprech-) Handelnden über sie ver­ (Bourdieu 1970: 40). Habitusformationen haben
fügen und damit in der Lage sind, regelentspre­ nach Bourdieu sowohl einen dispositionalen als
chende Handlungssequenzen (parole) hervorzu­ auch einen dekodierenden Charakter: Sie wirken
bringen, ohne daß sie die von ihnen angewandten als kollektive Dispositionen zu bestimmten Hand­
Regeln unbedingt explizit formulieren können. lungsformen, sie liefern nach Art eines ’Ethos’
Der Strukturalismus geht mithin von einem gene­ Modelle des Wünschenswerten und leiten derge­
rativen Status der Regelsysteme aus, die auf diese stalt - scheinbar - ’subjektive’ Interessen an, sie
Weise ’durch die Subjekte hindurch’ wirken. bieten als ’Sinn für...’ ein kaum verbalisierbares
(Saussure 1916) praktisches know how dafür, wie in einzelnen
Handlungsfeldern kontextadäquat zu handeln ist.
Wittgensteins Ausgangspunkt sind die ’gemeinsa­
Dekodierend wirken die Habitusformationen
men menschlichen Handlungsweisen’. Diese Le­
gleichzeitig, indem sie den Akteuren ermöglichen
bensformen beruhen auf gemeinsamen ’Regeln’
und erzwingen, den Objekten in ihrer Handlungs­
und ’Bedeutungen’, die den Handelnden ein frag­
umwelt im Rahmen eines habitusspezifischen Dif­
loses praktisches Wissen an die Hand geben, wie
ferenzensystems spezifische Bedeutungen zuzu­
im entsprechenden Kontext angemessen und kom­
schreiben. (Bourdieu 1972,1980)
petent zu handeln ist. ’Wissen’ ist zwangsläufig auf
das regelmäßige Tun, auf die Praxis bezogen und Was für Bourdieu der Habitus ist, sind für Antho­
wäre als praxisenthobene ’Bewußtseinsstruktur’ ny Giddens im Rahmen seiner Strukturierungs­
mißverstanden. ’Wissen’ und ’Bedeutungen’ hän­ theorie die Regeln des practical consciousness.
gen zusammen: Das Wissen ermöglicht es den Ak­ Giddens schließt in erster Linie an Wittgensteins
teuren, sich in einer für sie bedeutungsvollen, sinn­ Begriffe der Regeln und des Wissens an, erst in
haften Welt zurechtzufinden, durchdringt selbst
ihre scheinbar subjektiven Empfindungen, ohne 5 Die Sozialtheorien von Bourdieu und Giddens gehen
daß dabei jedoch explizite Interpretationsakte selbstverständlich nicht vollständig in der hier skizzierten
vollzogen werden müßten; das sozialisierte Wissen kulturtheoretischen Argumentation auf, sondern reichen
bleibt in der Regel implizit. Der Gedanke, es kön­ jeweils sehr viel weiter: Bourdieu präsentiert eine Theorie
des Zusammenhangs zwischen Kapital, Habitus und Feld,
ne private Regeln und Bedeutungen geben, wird
Giddens eine Theorie des Zusammenhangs von Regeln,
von Wittgenstein zurückgewiesen: Wenn die Vali­ Ressourcen und unintendierten Handlungsfolgen. Gleich­
dität des Wissens nicht in der Welt selber fundiert wohl läßt sich das kulturtheoretische Argument der A b­
sein kann, so muß sie in der Pragmatik des gemein­ hängigkeit sozialer Unauthenticated
Praktiken von Habitusformationen
samen Handelns begründet sein, nicht in individu­ bzw. von Regeln
Download Datedes praktischen
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9:59 AM
ellen Vorstellungen. (Wittgenstein 1953,1969) der beiden Ansätze festmachen.
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zweiter Linie an den Strukturalismus (und Garfin- tionen, von Giddens als Regeln des practical con­
kels Ethnomethodologie), so daß sich gegenüber sciousness eingeführt werden.6 Gleichzeitig kann
Bourdieu eine stärkere Betonung der handlungs­ man die kulturtheoretische Differenz zwischen
kontrollierenden Kompetenz des einzelnen Ak­ Praxis und Struktur als eine Differenz zwischen
teurs gegenüber den inkorporierten Regeln er­ dem Zeitkontingenten und dem Zeitresistenten
gibt. Prinzipiell ist das hier angenommene Modell sowie zwischen dem Kontextspezifischen und dem
von sozialen Praktiken und implizitem Regelwis­ Kontext übergreifenden interpretieren. Soziale
sen aber ähnlich: Handeln in der zeitlichen Se­ Praktiken finden zu bestimmbaren Zeitpunkten an
quenz ist unweigerlich ermöglicht und einge­ bestimmten Orten, damit in einem jeweils einzig­
schränkt durch Strukturen, durch Regeln (und artigen Kontext statt. Die den Praktiken zugrun­
Ressourcen), die gleichzeitig im Handlungsvoll­ deliegenden Wissensstrukturen müssen hingegen
zug reproduziert (oder gegebenenfalls verändert) als relativ zeitresistent und kontextunspezifisch ge­
werden. Diese Regeln haben nicht den Charakter dacht werden: sie existieren über zeitliche und
von externen, sanktionierten Normen, sondern ei­ räumliche Grenzen hinweg (Giddens 1979: 59ff).
nes vorbewußt bleibenden, impliziten Regelwis­ Als analytisch-heuristische Differenz bezieht sich
sens, das in Form von ’Erinnerungsspuren’ des die Unterscheidung von ’Wissensregeln’ und
praktischen Bewußtseins (abzugrenzen vom dis­ ’Handlungssequenzen’ jedoch nicht auf operativ
kursiven Bewußtsein und vom Unbewußten) voneinander unabhängig existierende Phänome­
wirkt. Das Regel wissen, das die Akteure routini- ne: Wissensstrukturen existieren immer nur inso­
siert einsetzen, liefert sowohl ein methodisches weit, als sie tatsächlich in beobachtbaren Prakti­
know how, das ihnen angibt, ’how to go on’ als ken wirken und sich dort ’manifestieren’. Die
auch ein System interpretativer Schemata. Die Praktiken können von den Akteuren andererseits
Wissensstrukturen lassen sich für den Sozialwis­ aber nur dadurch hervorgebracht werden, daß die­
senschaftler je nach Fragestellung entweder als se über die entsprechenden Wissensbestände ver­
Eigenschaft eines Bewußtseins oder Akteurs (so fügen. Auch die Differenz zwischen der unter­
daß von der Strukturdimension abstrahiert wird) schiedlichen Zeitlichkeit und Kontextualität von
oder als überindividuelle Regelstruktur (was mit Praxis und Struktur kann nicht ontologisch, son­
einer Einklammerung der Akteure verbunden ist) dern allein analytisch-heuristisch begründet sein:
begreifen. Letztendlich existieren die ’abwesen­ Wenn Wissensstrukturen nur in ihrer realen An­
den’ Wissensstrukturen jedoch allein im realen wendung in der Handlungssequenz existieren,
Handlungsprozeß, und umgekehrt setzt die Hand­ muß ihre zeitliche Stabilität gegenüber dem Hand­
lungsfähigkeit der Akteure wiederum die Verfü­ lungsstrom ebenso relativiert werden wie die prin­
gung über implizite Wissensstrukturen voraus. zipielle Kontextfreiheit der Regeln. Die Wissens­
(Giddens 1979,1984) bestände stellen dann nur in einem eingeschränk­
Mit der Differenz zwischen ’Struktur’ und ’Pra­ ten Sinne einen ’Bestand’ dar, da sie im zeit- und
xis’ werden keine eigenständig existierenden kontextspezifischen Handeln potentiell modifi­
Sphären voneinander geschieden, sie muß bei zierbar sind (Giddens 1979: 81ff).
Giddens und Bourdieu vielmehr als eine analy­ Die Besonderheit der kulturtheoretischen Per­
tisch-heuristische Unterscheidung verstanden spektive wird erst dann deutlich, wenn man ihren
werden. Als eine solche bezieht sie sich einerseits an der Leitdifferenz von Wissensstrukturen/ Re­
auf die Differenz zwischen beobachtbaren Regel­ geln und Handlungspraxis ausgerichteten Theorie­
mäßigkeiten und nicht direkt beobachtbaren ’ge­ rahmen als ein Vokabular interpretiert, das sich
nerativen’ Regeln, gleichzeitig auf die Differenz
zwischen dem, was unter spezifischen zeitlichen 6 Hier ist nicht der Ort, auf die internen Unterschiede in­
und räumlichen Bedingungen geschieht, und nerhalb des kulturtheoretischen Feldes einzugehen, die
dem, was unabhängig vom zeitlichen und räumli­ vor allem eine unterschiedliche Behandlung der Frage be­
chen Kontext existiert. trifft, wie der Akteur mit seinen inkorporierten Wissens­
Soziale Praktiken sind selber keine Regeln, son­ strukturen umzugehen vermag: Giddens etwa geht von
der basalen Fähigkeit des Akteurs zu einem ’reflexive mo­
dern Handlungsregelmäßigkeiten, beobachtbares
nitoring of action’, einer Fähigkeit der Handlungssteue­
repetitives Handeln. Regelcharakter haben hinge­ rung aus, die auch kontextspezifische Regelmodifikatio­
gen die Wissensstrukturen: Die Regelmäßigkeit nen einschließt, während Bourdieu eine Neigung hat, in
der Handlungsformen erscheint nur erklärbar, strukturalistischer Manier die Reproduktion der Wissens­
wenn man ihre Einbettung in jene Wissens-’Re­ strukturen ’durch den Unauthenticated
Handelnden’ hindurch anzuneh­
geln’ begreift, die von Bourdieu als Habitusforma­ men.Download Date | 3/27/17 9:59 AM
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jenseits der philosophisch und sozialtheoretisch nimmt und die Welt damit als Korrelat dieses Be­
wirkungsmächtigen Innen-Außen-Differenz von wußtseins deutet, so geht Dürkheim gewisserma­
Subjekt und Objekt, von Bewußtsein und Welt, ßen von der res extensa aus, verstanden als eine ge­
von Individuum und Gesellschaft bewegt. Drei sellschaftliche res extensa sozialer Tatsachen, die
Versionen einer solchen Innen-Außen-Differenz kausal auf die Subjekte und Bewußtseine einwir­
sind von besonderer Relevanz und gegen alle drei ken. Die faits sociaux, die in erster Linie sanktio­
richtet sich das Vokabular der kulturtheoretischen nierte Normensysteme der Gesellschaft darstellen,
Perspektive: die Subjektphilosophie bei Descartes üben ’von außen auf die Individuen Zwang aus’,
und bei Husserl sowie das Paradigma des Homo wirken damit als soziale Determinationskräfte von
sociologicus bei Dürkheim. ’außen’ nach ’innen’. Die für das Bild des Homo
sociologicus typische Voraussetzung einer Exter-
Die Initialzündung zu einem ontologischen Deu­
nalität des Sozialen baut damit nur in einer ande­
tungsschema, das um eine Innen-Außen-Differenz
ren Version wiederum auf der prinzipiellen Unter­
zwischen dem Bewußtsein einerseits, der ’Welt’
scheidbarkeit zwischen einer subjektiven Innen­
außerhalb des Bewußtseins andererseits zentriert
welt - hier: der individuellen ’Neigungen’ - und
ist, läßt sich in Descartes’ erkenntnisphilosophi­
der Außenwelt - hier: der gesellschaftlichen Nor­
schen ’Meditationes’ finden. Res cogitans und res
men - auf. (Dürkheim 1895)7*
extensa erscheinen hier als ontologisch differente
Entitäten, die sich eindeutig voneinander abgren­ So unterschiedlich und in manchen Hinsichten ge­
zen lassen: das ’private’, allein der Introspektion gensätzlich die Perspektiven von Descartes, Hus­
zugängliche, unteilbare Ich auf der einen Seite, die serl und Dürkheim auch sein mögen, alle drei
’ausgedehnte’ Objektewelt außerhalb des Bewußt­ exemplifizieren damit das Denken in der Innen-
seins, als Gegenstand der (Natur-)Wissenschaft Außen-Differenz zwischen der Innenwelt eines
auf der anderen Seite. (Descartes 1641) ’eigenen’ Ego und einer natürlich-körperlichen,
intentional konstituierten oder sozialen ’fremden’
Die Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein
Außenwelt.
und Welt, die bei Descartes noch als ontologischer
Dualismus gedacht ist, wird in Husserls Phänome­ Das Konzept einer Ermöglichung und Einschrän­
nologie und in Dürkheims Gesellschaftstheorie kung der sozialen Praktiken durch kollektive, im­
entontologisiert und in gegensätzlicher Form ver­
arbeitet: In seiner Differenz zwischen ego cogito 7 Vgl. auch die Dürkheim-Interpretation von Steven Lu­
und cogitatum ’subjektiviert’ Husserl die Außen­ kes (1973:16- 23), der zudem auf die Mehrdeutigkeiten im
welt des Bewußtseins. Diese existiert nicht als ei­ Durkheimschen Dualismus zwischen Gesellschaft und In­
genständige Entität, sondern allein als Korrelat dividuum hinweist. Die Innen-Außen-Differenz zwischen
Individuum und Gesellschaft wird dabei besonders deut­
der Bewußtseinsintentionen des Ego, das im zeitli­
lich in den ’Regeln der soziologischen M ethode’ formu­
chen Vollzug seiner ’cogitationes’ die Welt als kon­ liert, während sich Dürkheims kultursoziologisches Spät­
stituiert durch einen spezifischen Sinnhorizont er­ werk, das auf dem Begriff der ’representations collectives’
faßt. Diese Vorstellung setzt jedoch die Differenz aufbaut, von diesem Dualismus löst. Daß Dürkheims
zwischen Innen und Außen, zwischen, so Husserl, Homo sociologicus und Saussures Strukturalismus - der
dem ’Eigenen’ des Ego und dem ’Fremden’, dem oben als Ahnherr der Kulturtheorien eingeordnet wurde -
Nicht-Ego, zwischen Noetischem und Noemati- im übrigen zwei parallele Fälle eines anti-individualisti­
schem voraus. Die phänomenologische Epoche schen Denkens darstellen, das die Annahme einer emer-
zwingt dazu, - vergleichbar Descartes’ Methode genten Ebene des Sozialen eint, ist unbestritten. Der ent­
des radikalen Zweifels - zunächst allein das ’reine scheidende Unterschied ist jedoch im jeweiligen Status
dieser Emergenzebene zu sehen: Im Strukturalismus han­
Bewußtseinsleben’ vorauszusetzen, um dann die
delt es sich hier primär um eine kognitive Ordnung, die
Außenwelt des Bewußtseins als Phänomen, wel­ sich dem Individuum einschreibt und dieses dadurch erst
ches von dem Bewußtsein als solches erfaßt wird, konstituiert. Im Konzept des Homo sociologicus geht es
von diesem different setzen zu müssen. (Husserl hingegen primär um eine moralisch-normative Ordnung,
1931) der sich die Individuen - verstanden als neo-kantische ho­
mines duplices zwischen allgemeinen Pflichten und sub­
Genau umgekehrt verfährt Dürkheim in seiner jektiven Neigungen - gegenüberstehen. Wenn im Bild des
Verarbeitung der Innen-Außen-Differenz. Hier Homo sociologicus die normative Ordnung wegfällt, blei­
wird nicht die Außenwelt subjektiviert, sondern in ben immer noch die Individuen mit ihren subjektiven Nei­
der Differenz zwischen Individuen und sozialen gungen übrig. Wenn im Strukturalismus die kognitive
Unauthenticated
Tatsachen die Innenwelt objektiviert. Wenn Hus­ Ordnung wegfiele, verschwänden auch die Akteure, es
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serl Descartes’ res cogitans zum Ausgangspunkt bliebe - nichts.
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 323

plizite und zugleich im einzelnen Akteur inkorpo­ turen „Explicitly or otherwise, such authors [das
rierten Wissensstrukturen in den Kulturtheorien heißt Vertreter der an Dürkheim angelehnten soci­
ist nun von vornherein so gebaut, daß weder wie in al facts-Soziologie] have tended to see in structural
der Subjektphilosophie ’das Bewußtsein’ noch wie constraints a source of causation more or less equi­
beim Homo sociologicus ’die sozialen Tatsachen’ valent to the operation of impersonal causal forces
außerhalb des Bewußtseins und damit auch keine in nature.. .The structural properties of social sys­
quasi-natürliche Differenz zwischen beiden als ge­ tems, in other words, are like the walls of a room
geben vorausgesetzt werden können. Wissens­ from which an individual cannot escape but inside
strukturen werden einerseits als Regeln, die Sinn­ which he or she is able to move around at whim.“
zuschreibungen anleiten, beschrieben, als überin­ (Giddens 1984: 174; 1979: 49- 53).
dividuelle, in diesem Sinne soziale Entitäten, die
den jeweiligen ’subjektiven’ Motiven und Hand­ Die Innen-Außen-Differenz muß aus der Perspek­
lungen immer schon vorausgehen und sich auch tive der Kulturtheorien entweder in eine subjekti-
unabhängig vom einzelnen Subjekt analysieren vistische Soziologie oder in das Bild des Homo so­
lassen. Gleichzeitig können sie aber nur wirksam ciologicus oder in eine Kombination beider füh­
werden, indem sie von den Akteuren, die sie in ihr ren. In allen Fällen separiert sie eine Sphäre des
Handeln einfließen lassen, inkorporiert, implizit Subjektiven und Psychischen von einer Sphäre des
gewußt und im Handeln angewandt werden. Wis­ Sozialen: entweder muß dann der individuelle,
sensgeleitete Praktiken lassen sich für die Kultur­ dem Sozialen äußere Charakter der Subjekte be­
theorien nur jenseits einer Differenz von privatem hauptet werden oder aber der eigenständige,
Bewußtsein und externer sozialer Welt begreifen; emergente Charakter des Sozialen jenseits und au­
die Wissensregeln seien sozial, überindividuell und ßerhalb des Bewußtseins der Subjekte - letztlich
doch gleichzeitig ’im Akteur’ vorhanden. zwei Positionen, die nur die Kehrseite der jeweils
anderen darstellen. Die kulturtheoretische Kon­
Pierre Bourdieu und Anthony Giddens argumen­ zeption wissensangeleiteter Praktiken geht hinge­
tieren beide in ihren jeweiligen Fassungen einer gen immer schon davon aus, daß das, was schein­
’Kulturtheorie’ gegen das sozialtheoretische Den­ bar subjektive Besitzstände des einzelnen Bewußt­
ken in Innen-Außen-Differenzen. Ihre Argumen­ seins sind, tatsächlich in übergreifende Regel­
tation wendet sich dabei einerseits gegen Versuche strukturen eingebettet ist, während umgekehrt die
einer phänomenologischen Soziologie,8 anderer­ scheinbar eigenständigen, subjektunabhängigen
seits und vor allem gegen das Bild des Homo soci­ sozialen Tatsachen nur bestehen, wenn sie in Form
ologicus: Beide kritisieren an letzterem, daß hier von Wissensstrukturen das reale Handeln der Ak­
’das Soziale’ als eine den Subjekten äußerliche teure in deren ’Bewußtsein’ (wenn auch ’vorbe­
Sphäre dargestellt wird, der nur deshalb in einem wußt’) anleiten.9
zweiten Schritt ’kausaler’ Einfluß zugeschrieben
werden kann, da sie von Anfang an dem Innern
des Individuums gegenüber als different gedacht 2. Die Innen-Außen-Differenz der
ist. Bei Bourdieu wird die Kritik am Homo socio- Systemtheorie
logicus-Modell in eine Kritik am normativistisch-
legalistischen Denken in der Soziologie gekleidet, Die Ausgangsunterscheidung von Luhmanns kon­
welches Handeln als Produkt externer, expliziter struktivistischer Systemtheorie ist nicht die Diffe­
Normen statt inkorporierter, impliziter Habitus­ renz zwischen Wissensstruktur und Handlungspra­
formationen deutet (1972: 203- 227). Für Giddens xis, sondern die zwischen System und Umwelt,
handelt es sich in dieser ’strukturtheoretischen So­ zwischen einem sich selbst von seiner Umwelt dif­
ziologie’ um eine Variante eines präjudizierten
Dualismus zwischen Akteuren und sozialen Struk- 9 Zygmunt Bauman formuliert in ähnlicher Richtung:
Kultur „transcend(s) the opposition between the subject­
8 Eine systematische kritische Auseinandersetzung mit ive and the objective.... It is, simultaneously, the objective
Husserls Bewußtseinsphilosophie vor dem Hintergrund foundation of the subjectively meaningful experience and
einer von Wittgenstein (allerdings kaum von Strukturalis­ the subjective ’appropriation’ of the otherwise inhumanly
mus) beeinflußten Sozialtheorie findet sich bekanntlich alien w orld.... It resists stubbornly all attempts to associ­
bei Habermas (1971). Zur Interpretation von Wittgen­ ate it unilaterally with either one or the second pole of the
stein und von Saussure als zwei Versuche, die bewußt­ experimental frame. The concept of culture is subjectively
seinstheoretische Innen-Außen-Differenz zu überwinden objectified; it is an effort to understand how an individual
Unauthenticated
vgl. auch Harland (1987: 123ff) und Rubinstein (1981: action can possess a supra-individual validity (in: Bauman
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1973:116f).
95ff).
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ferent setzenden System - das erst durch die Diffe­ ist somit die Voraussetzung der Existenz von Ope­
rentsetzung seine Identität erlangt - und eben die­ rationen, von Ketten ereignishafter Elemente glei­
ser Umwelt.101*Dieses Schema der sich selbst von­ chen Typs, die sich ’autopoietisch’ aus sich selber
einander different setzenden Systeme läßt sich auf produzieren. Sofern in diesen Operationen Sinn
verschiedenartige Systemtypen anwenden, beson­ prozessiert wird, handelt es sich gleichzeitig um
ders folgenreich wird die System-Umwelt-Unter- ’Beobachtungen’, Beobachtungen der Umwelt
scheidung jedoch in der Differenz zwischen den oder des eigenen Systems, die in der Form von Be­
beiden verschiedenartigen Typen von Sinnsyste­ zeichnungen auf der Grundlage sinnhafter Unter­
men, den psychischen und den sozialen Systemen. scheidungen verlaufen. In Luhmanns ’operativem
Konstruktivismus’ bildet sich damit das, was man
Warum soll man nach Luhmann dem Imperativ ein ’System’ nennen kann, dadurch, daß Beobach­
’draw a distinction’ nun aber genau so und nicht tungsoperationen sich von fremden Operationen
anders folgen und zwischen sozialen und psychi­ und Beobachtungen selber unterscheiden und sich
schen Systemen unterscheiden? Solange man Sy­ durch diese Unterscheidung als eigene Beobach­
stemtheorie betreibt, stellt sich diese Differenz - tungsoperationen zu identifizieren vermögen.
ebenso wie die zwischen einzelnen psychischen
und zwischen einzelnen sozialen Systemen - nicht Ein psychisches System ist daher ein psychisches
als eine ’analytische’, ’lediglich’ heuristisch moti­ System, nicht weil der wissenschaftliche Beobach­
vierte Theorieentscheidung dar, sondern ist ’durch ter es auf diese Weise identifiziert, sondern weil es
den Gegenstand selber aufgezwungen’. Die Frage, sich selber als Kette von Gedanken von ’allem an­
ob ein System vorliegt oder nicht, fällt, so Luh­ deren’, das heißt von fremden, unzugänglich er­
mann, nicht in den Ermessensspielraum des wis­ scheinenden Ketten von Gedanken - also anderen
senschaftlichen Beobachters, sondern ist in der be­ psychischen Systemen (’ich im Unterschied zu den
obachteten ’Realität’ bereits immer schon beant­ anderen’) - sowie von ihnen ’äußeren’ Kommuni­
wortet:11 Die operativen Beobachtungen der sinn­ kationen - die im Unterschied zu den privaten Ge­
haften Realität - die die Sozialwissenschaft nun danken öffentlich stattfinden (’mein Denken im
ihrerseits beobachtet - setzen sich nämlich selber Unterschied zum Reden’) - unterscheidet und da­
bereits von anderen Operationen und Beobach­ mit eine eigene ’Identität’ als ’Bewußtsein’ erlangt.
tungen different und legen damit fest, wo die eige­ Analoges gilt für ein soziales System: Ein soziales
nen und wo die fremden Operationen und Beob­ System ist ein soziales System, indem sich eine
achtungen verlaufen, bestimmen mithin, was zum Kette von Kommunikationen selber von allem an­
eigenen System gehört und was zur Umwelt dieses deren außer ihr unterscheidet - von Kommunika­
Systems (Luhmann 1988: 38; 1990: 65; 1992b: 28). tionen anderen Typs, denen andere Erwartungs­
strukturen und Semantiken zugrundeliegen, und
Entscheidend für die systemtheoretische Voraus­ erst recht von den ’unzugänglichen’ privaten Ge­
setzung einer Differenz von System und Umwelt danken innerhalb der Bewußtseine - und sich da­
mit als soziales System zu identifizieren weiß. Psy­
10 A uf diesen Prozeß des systemischen Sich-von-der- chische Systeme/ Bewußtseine und soziale Syste­
Umwelt-Differentsetzens, der erst die eigene Identität er­ me/ Kommunikationen konstituieren sich jeweils
möglicht, wird verwiesen, wenn Luhmann von der ’Diffe­ dadurch als ein ’Selbst’, daß sie sich von allem
renz zwischen Identität und Differenz’ der neueren, beob­ Fremden, Äußeren different setzen. Luhmann ver­
achtungstheoretischen Systemtheorie spricht (1984: 26). wendet dabei selber den Begriff der Tnnen-
Freilich baut diese Differenz weiterhin auf der ’älteren’
Außen-Differenz’ (1996: 33): Das System identifi­
System-Umwelt-Differenz auf. Wagner/ Zipprian (1992)
weisen daher zurecht darauf hin, daß letztlich bei Luh­
ziert sich selbst als ein Innen dadurch, daß es sich
mann immer eine Identität vorausgesetzt bleiben muß: von einem Außen sinnhaft unterscheidet.
die der beobachtenden Operation selber. Luhmanns auf der Differenz zwischen System und
11 „Das Belieben des Beobachters liegt in der Wahl des Umwelt beruhender Konstruktivismus erweist
Systems, von dem er ausgeht, nicht aber in der Frage, was sich damit - vielleicht überraschenderweise - in ei­
er als System behandeln kann.“ (Luhmann 1990: 65). G e­ ner neuartigen Form als ’teilnehmerorientierte’
legentlich klingt Luhmanns Begründung für die Wahl des
Soziologie. Im Gegensatz etwa zur Systemtheorie
systemtheoretischen Unterscheidungsschemas dabei er­
staunlich ’realistisch’: „...m uß man bei einer theoreti­
Parsons’, die ihre strikt ’analytischen’ Unterschei­
schen Erklärung, die sich auf die wirklichen Verhältnisse dungen zwischen verschiedenen Systemtypen al­
einläßt, Bewußtseinssysteme und kommunikative Syste­ lein dem wissenschaftlichen Beobachter schuldet,
Unauthenticated
me (soziale Systeme) streng unterscheiden.“ (1988: 39, will Luhmann die Differenz zwischen psychischen
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Hervorhebung A.R.) und sozialen Systemen (sowie zwischen einzelnen
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 325

psychischen und zwischen einzelnen sozialen Sy­ verschiedene Beobachtungsschemata: „Würde


stemen) allein dadurch gewinnen, daß sich der So­ man für ein psychisches System optieren, stünde
zialwissenschaftler den entsprechenden Different­ man vor der Wahl: welches von den etwa fünf Mil­
setzungen der Teilnehmer’ selber anschließt: Die liarden? Und die Entscheidung könnte dann prak­
Teilnehmer sind hier nur nicht wie in der hand­ tisch nur lauten: ich selber.“ (1990: 63).
lungstheoretischen Soziologie die ’Akteure’, son­ Drittens umfaßt die Umwelt meines Ichs auch die
dern die Bewußtseine und die Kommunikationen, Sphäre der Kommunikationen: Im Alltagsver­
die in der sinnhaften Welt bereits ohne Zutun des stand wird natürlicherweise zwischen Denken und
Sozialwissenschaftlers operieren.12 Reden unterschieden. Das Reden erscheint hier
Luhmanns Innen-Außen-Differenz zwischen psy­ als öffentlich, das Denken als privat. Der Alltags­
chischen und sozialen Systemen sowie zwischen verstand weiß, daß Reden und Denken vonein­
einzelnen psychischen Systemen greift auf zwei ander differieren können; was gesprochen wird
Argumentationsquellen zurück: einerseits auf die und was jemand denkt, muß nicht übereinstim­
des Alltagsverstandes, das heißt der Selbst- und men: „Ein Arzt tritt ans Krankenbett und fragt:
Fremdbeschreibungen der ’psychischen Systeme’, wie geht es Ihnen? Wie peinlich, wenn man dabei
andererseits auf die der Husserl’schen Bewußt­ etwas über das erfahren würde, was er sich dabei
seinsphilosophie. Luhmann appelliert regelmäßig denkt.“ (1992d: 140). Die Gedankenkette, die man
stillschweigend an den ’Alltagsverstand’ (selbst­ Bewußtsein nennt, setzt sich also selber von der
verständlich ohne diesen Begriff zu gebrauchen), Kommunikation ’außerhalb ihrer selbst’ different.
stützt sich auf Deutungsschemata der ’Lebenswelt Insgesamt gilt somit: Die Unterscheidung zwi­
des Alltags’, um sich der ’Selbstverständlichkeit’ schen einzelnen Bewußtseinen sowie zwischen Be­
der immer schon vorausgesetzten Innen-Außen- wußtsein und Kommunikation als zwei Opera­
Differenz zu versichern, die drei Aspekte umfaßt: tionstypen ist gerade keine kontraintuitive, ’ver­
Erstens muß man ’natürlicherweise’ eine Diffe­ fremdende’, sondern schließt an das gewohnte
renz zwischen ’meinem Ich’ und ’allem anderen’ Denken alltäglicher Deutungsschemata an.
außerhalb dieses Ichs voraussetzen. Dieses ’alles Philosophiehistorisch greift Luhmanns Innen-
Andere’ umfaßt zunächst die fremden Bewußtsei­ Außen-Differenz zwischen System und Umwelt
ne, die als black box prinzipiell unzugänglich blei­ sowohl mit Blick auf psychische als auch - im über­
ben, so wie meine Gedanken als privater Besitz tragenen Sinne - mit Blick auf soziale Systeme
anderen Ichs gleichfalls unzugänglich sind: „Be­ ausdrücklich auf Husserls Phänomenologie zurück
wußtsein ist intern - und zum Glück ist es intern, (1994, 1996):13 Für Luhmann läßt sich diese als
es wäre ja schrecklich, wenn jeder in das Bewußt­ Beispiel einer allgemeinen Theorie der Selbstpro­
sein eines anderen einsteigen und dort hineinden­ duktion von Innen-Außen-Differenzen neube­
ken könnte“ (1992c: Vorlesung 4) „Ich selbst je­ schreiben, das freilich noch allein auf die System­
denfalls würde mich in der Umwelt der Gesell­ referenz Bewußtsein bezogen bleibt. Das intentio­
schaft wohler fühlen als in der Gesellschaft, wo ... nale Bewußtsein Husserls ist für Luhmann nichts
andere Leute meine Gedanken denken.“ (1992c: anderes als ein autopoietisch-selbstreferentielles
Vorlesung 11) System, welches sich durch das Setzen einer Unter­
Zweitens gilt für den Alltagsverstand wie selbst­ scheidung (die dann entsprechende Bezeichnun­
verständlich: Wenn die Bewußtseine einander per gen anleitet) von seiner Umwelt different setzt
definitionem fremd sind, jedes für sich operiert, und sich damit als Bewußtsein konstituiert. Hus­
dann müssen sie allesamt verschieden sein. Mit serls Bewußtsein beobachtet wie Luhmanns Sy­
Gewißheit kann man damit nur Aussagen über das stem seine Umwelt gemäß eigener Unterschei­
eigene machen. Jedes dieser Bewußtseine sieht die dungsschemata und produziert sich damit - auf der
Welt anders, das heißt, jedes benutzt individuell Grundlage dieser mitlaufenden Selbstreferenz -
selber. Husserl unterscheidet allerdings noch eine
Ebene des Empirischen von der des Transzenden­
12 Insofern kann es nicht schlüssig erscheinen, wenn etwa talen - für Luhmann eine unnötige begriffliche
Habermas Luhmann „nicht etwa nur objektivierende,
sondern objektivistische Beschreibungen“ (Habermas
1985: 444) vorwirft. Objektivistisch wäre eine Beschrei­ 13 Habermas hat bekanntlich schon früh und in äußerst
bung, die (allein) selbstgewählte Unterscheidungen ver­ klarer Weise auf Luhmanns Verarbeitung von Husserls
wendet, aber nicht eine, die an Unterscheidungen an­ Subjektphilosophie hingewiesen (1985 : 426- 445). Vgl.
Unauthenticated
schließt, die in der sinnhaften Welt selber Vorkommen auch Englisch 1991 und Ellrich 1992. Mittlerweile hebt
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(zumindest dem Urteil des Beschreibenden nach). Luhmann ausdrücklich diese ’Erbschaft’ hervor.
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Verdopplung - und bezieht vor allem den Kernge­ mantik identisch. Wenn soziale Systeme nichts an­
danken der Selbstproduktion von Innen-Außen- deres sind als Kommunikationen, so müssen die
Differenzen allein auf das Bewußtsein. Luhmann stabilisierten Unterscheidungsschemata, so muß
überträgt ihn auch auf soziale Systeme, auf Kom­ das soziale Wissen eine sprachliche Form besitzen
munikationen, beläßt ihn aber mit Blick auf Be­ (zumindest soweit Kommunikation sprachlich ist)
wußtseine, auf psychische Systeme unverändert. und somit als ’Semantik’ auftreten, womit keines­
Die Systemtheorie „verwendet, wie die Bewußt­ falls allein die ’gepflegte Semantik’ der Schrift­
seinsphilosophie, das Konzept der Geschlossen­ sprache gemeint ist, sondern jegliche kommunika­
heit der selbstreferentiellen Reproduktion des Sy­ tionsstrukturierende Semantik. (1990: 107f,
stems.“ (1986b: 171) „Für den Fall von Bewußt­ Kap. 1-3)14*
seinsleistungen könnte man Husserls Analysen Wie sich die eigenständigen Beobachtungen der
wiederholen... Für den Fall von Kommunikatio­ psychischen Systeme beschreiben lassen, ist für
nen müßte man eine Parallelkonstruktion finden, eine Theorie sozialer Systeme umgekehrt nur ein
die auch hier das nachweist, was, und es so nach­ marginales Problem, vielmehr für Luhmann pri­
weist, wie es im Falle des Bewußtseins funktio­ mär die Aufgabe der Psychologie. Er legt lediglich
niert.“ (1996: 50). fest, daß psychische Systeme sich als Operationsty­
Luhmanns Innen-Außen-Differenz zwischen psy­ pus ’Gedanken’ identifizieren lassen, die, sobald
chischen und sozialen Systemen hat nun entschei­ sie ihrerseits (fremd- oder selbst-) beobachtet wer­
dende Konsequenzen für seine Konzeptualisie- den, die Form von ’Vorstellungen’ annehmen. Die
rung von Sinnmustern. Grundsätzlich ist das Me­ Unterscheidungen und Bezeichnungen der psychi­
dium ’Sinn’ den sozialen und psychischen Syste­ schen Systeme erlauben auch diesen - ähnlich den
men gemeinsam: Wenn sich Sinn als ein „Prozes­ sozialen Systemen -, kognitive ’Erwartungen’ an
sieren nach Maßgabe von Differenzen“ (1984: ihre Umwelt auszubilden, die sich insbesondere an
101) verstehen läßt, so stellen sich Kommunikatio­ bestimmtes ’Verhalten’ innerhalb von sozialen Sy­
nen wie Gedanken als sinnhafte Beobachtungen, stemen richten, Erwartungen, die sich dann zu
als Sinnsysteme dar. Aber das kann für das opera- kontrafaktisch stabilisierten ’Ansprüchen’ ver­
tionalistische Denken gerade nicht bedeuten, daß dichten. (1984: Kap. 7; 1987b)
Sinn gewissermaßen ’grenzüberschreitend’ beide Luhmann stellt fest, daß das einzelne psychische
Systemtypen als eine gemeinsame Struktur über­ System - und im übertragenen Sinne auch das ein­
wölbt. Die Innen-Außen-Differenz zwingt viel­ zelne soziale System - sich jeweils durch ’Indivi­
mehr zu einer Bifurkation von zwei irreduziblen dualität’ auszeichnen. Mit dieser Beschreibung
Typen von Sinnstrukturen, die die jeweiligen Be­ schließt er an die von ihm selber in anderem Kon­
obachtungsoperationen anleiten: Auf der einen text rekonstruierte typisch moderne Semantik des
Seite existieren jene Unterscheidungsschemata, Individuums und der Individualität positiv an
die den Beobachtungen eines psychischen Systems (Luhmann 1987c; 1989: 149- 258). ’Individualität’
zugrundeliegen, auf der anderen Seite jene, die die als semantisches Konzept, das sich ursprünglich in
Beobachtungen eines sozialen Systems anleiten. den ästhetischen, philosophischen und politischen
Nur diejenigen Sinnstrukturen, die den Kommuni­ Debatten um Originalität, Bewußtsein und Indivi­
kationen, den sozialen Systemen, zugrundeliegen, dualismus im 18. und 19. Jahrhundert ausgebildet
belegt Luhmann dabei ausdrücklich mit dem Be­ hat, läßt sich in dem Grundsatz zusammenfassen:
griff des ’Wissens’ (1990:133), während er sich für „Das Individuum ist die Welt im besonderen Ich“
psychische Systeme mit dem allgemeineren Begriff (1989: 207) „...Individualität ist, um eine glückli­
der ’Erwartungen’, vor allem in Form von ’An­ che Formulierung von Georg Simmel zu zitieren,
sprüchen’ behilft. die Normung des Ich durch das Ich.“ (1989: 213) -
Was ist nun ’Wissen’ als die Sinnstruktur von sozia­ und genau diese Aussage läßt sich im Kern nun auf
len Operationen? Sobald in einem sozialen System die psychischen Systeme allgemein übertragen.
Sinn ’kondensiert’, mithin auf Dauer gestellt und
’konfirmiert’ wird, das heißt, in verschiedensten
14 Der Wissensbegriff wird dabei von Luhmann in ähnli­
Situationen anwendbar ist, sobald sich damit rela­
cher Weise wie von Giddens temporalisiert: Strengge­
tiv stabile Unterscheidungsschemata ausgebildet nommen kann es keine überzeitlichen Wissensbestände
haben, kann man vom ’Wissen’ eines sozialen Sy­ geben, real ist vielmehr lediglich das Wissen, das in der
stems sprechen: „Nichts anderes ist gemeint, wenn operativen Sequenz bzw. in der Sequenz sozialer Prakti­
wir gelegentlich von Semantik sprechen“ (1990: ken angewandt wirdUnauthenticated
(Luhmann 1990: 128ff; Giddens
107). Wissen als soziale Sinnstruktur ist mit Se­ Download Date | 3/27/17 9:59 AM
1979:198ff).
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 327

Wenn für Luhmann psychische Systeme ’individu­ Kopplungen sind somit nichts anders als - allein
ell’ sind, es zur Zeit von ihnen - wie er gerne be­ durch einen externen Beobachter feststellbare
tont - ’sechs Milliarden verschiedene gibt’, so heißt (1990: 530 - hier muß Luhmann seine Teilnehmer­
dies nichts anderes, als daß jedes Bewußtsein ge­ perspektive verlassen) - regelmäßige Irritations­
mäß seinem eigenen, individuellen Beobachtungs­ verhältnisse zwischen verschiedenen Operations­
schema operiert: „Daher sieht für jedes psychische sequenzen, Irritation bedeutet für Luhmann Kon­
System die Welt anders aus.“ (1991: 145). Wenn frontation eines Systems mit Ereignissen aus sei­
man diese Einsicht nicht nur auf psychische, son­ ner Systemumwelt, und zwar eine Konfrontation
dern auch auf soziale Systeme bezieht, kann Luh­ nach Maßgabe der Unterscheidungsschemata des
mann seine Theorie berechtigterweise als einen eigenen Systembildschirms (1990: 38ff, 163ff).16
’radikal individualistischen’ Ansatz beschreiben: Das Konzept der strukturellen Kopplung bestätigt
„die Theorie autopoietischer, sich-selbst- damit die prinzipielle Bifurkation zwischen den
ausdifferenzierender Systeme (ist) eine radikal in­ Operationen des Psychischen und denen des So­
dividualistische Theorie ..., weil sie ihre Indivi­ zialen.
duen ... durch jeweils eigene, selbstkonstituierte Betrachtet man Luhmanns konstruktivistische Sy­
Umweltperspektiven, also durch jeweils anders stemtheorie vor dem Hintergrund der Kontrastfo­
konstruierte Welteinschnitte kennzeichnet.“ lie der ’Kulturtheorien’, so kommt man zu folgen­
(1994: 165). dem Schluß: Während die Kulturtheorien jenseits
Die Bifurkation zwischen den psychischen und der Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein
den sozialen Systeme auf der Ebene ihrer Opera­ und (sozialer) Welt formuliert werden, vielmehr
tionen, Beobachtungen und Schemata der Beob­ auf der analytischen Unterscheidung von Regeln
achtung bedeutet auch für die Systemtheorie nun und Handeln aufbauen und damit handlungsanlei-
bekanntlich nicht, daß beide beziehungslos neben­ tende Wissensstrukturen als sozial emergent und
einander existierten. Freilich muß das Verhältnis subjektiv wirksam gleichermaßen annehmen, baut
der Systeme zueinander so konzeptualisiert wer­ Luhmann umgekehrt mit expliziter Berufung auf
den, daß die operative Differenz zwischen beob­ Husserl auf dieser Innen-Außen-Differenz in der
achtenden Systemen und ihrer Umwelt erhalten flexibilisierten Form einer Theorie autopoietisch-
bleibt. Dies soll der Begriff der ’strukturellen selbstreferentieller Systeme auf. Die Sphäre des
Kopplung’ leisten. Strukturelle Kopplungen kön­ Psychischen und die Sphäre des Sozialen verlaufen
nen für Luhmann im Rahmen einer Theorie ope­ in diesem Theorierahmen voneinander separiert
rativ geschlossener Systeme keine Kausalitätsbe­ und stellen hier als psychische Systeme und als so­
ziehung bezeichnen. Die Annahme von intersyste­ ziale Systeme operational getrennte Sinnsequen­
mischen Ursache-Wirkungs-Beziehungen würde zen dar.
die Systeme als Trivialmaschinen mißverstehen, Luhmanns Bifurkation zwischen sozialen und psy­
die ein Input mit einem Output beantworten. chischen Systemen läßt sich theoriehistorisch als
Wenn jedes operative Sinnsystem, ob psychisch eine innovative Kombination der leitenden Innen-
oder sozial, nur entlang der eigenen Differenz­ Außen-Differenzen von Husserl und von Dürk­
schemata zu beobachten vermag, so kann es un­ heim lesen. Von Husserl entlehnt Luhmann den
möglich von außen determiniert, sondern allein Gedanken der sinnhaften Selbstproduktion von
durch Ereignisse in seiner Umwelt ’irritiert’ wer­ Innen-Außen-Differenzen, von Differenzen zwi-
den. Irritiert werden soziale Systeme nun regelmä­
ßig durch Ereignisse der psychischen Systeme so­ 16 Vom Begriff der strukturellen Kopplung zu unterschei­
wie möglicherweise durch bestimmte andere sozia­ den ist der neuerdings von Luhmann gelegentlich für in­
le Systeme in ihrer Umwelt, psychische Systeme tersystemische Beziehungen verwendete Begriff des ’Ma­
wiederum erfahren regelmäßige Irritationen durch terialitätskontinuums’ (1990:30,39). Während der Begriff
Ereignisse der Kommunikationen sozialer Syste­ ’strukturelle Kopplung’ ’lediglich’ Irritationsverhältnisse
me.15 ’Irritationen’ können per definitionem im­ bezeichnen kann, soll der Begriff ’Materialitätskonti­
mer nur auf der Grundlage der eigenen systemi­ nuum’ offenbar auf ’tieferliegende’ gegenseitige Konstitu­
schen Beobachtungsschemata wirken. Strukturelle tionsbeziehungen verweisen (die früher der Begriff der
Interpenetration mitabgedeckt hatte, vgl. 1984: Kap.
Kap. 6), darauf, daß System X auf die Existenz eines Sy­
15 Luhmann weist in diesem Zusammenhang im übrigen stems Y ’angewiesen’ ist. Diesen Zusammenhang in einer
darauf hin, daß ’Sprache’ das wichtigste Medium der operationstheoretisch fundierten Theorie präzise auszu­
Unauthenticated
drücken, scheint jedoch beträchtliche Schwierigkeiten zu
strukturellen Kopplung zwischen sozialen und psychi­
schen Sinnsystemen ist (1990: 47ff).
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bereiten.
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sehen ’eigenen’ und ’fremden* Operationen. Hus­ der relevanten Sinnsysteme zu lösen: Den gegen­
serl formuliert jedoch eine derartige Differenz all­ über der Phänomenologie unverändert gedachten
gemein zwischen Bewußtsein und ’Welt’ und nicht Bewußtseinen wird ein ähnlich gebauter Typus
im speziellen eine Differenz zwischen Bewußtsein ’Kommunikationssysteme’ gegenübergestellt, der
und Sozialwelt. Damit wird vorausgesetzt, daß das schon per definitionem aus einem genuin sozialen,
Selbst, das seine Identität durch Differentsetzung den Bewußtseinen theoretisch analog gebauten
zur ’Außenwelt’ gewinnt, immer nur das Bewußt­ Operationstyp besteht. Wenn das Bewußtsein als
sein und nicht die ’Welt’ außerhalb des Bewußt­ autopoietisch-selbstreferentielles System beschrie­
seins sein kann. Daß sich umgekehrt die Welt von ben wird und weiterhin beschrieben werden soll
den Bewußtseinen different setzen könnte, wäre (aus dem dann das Soziale konsequenterweise
undenkbar. nicht abgeleitet werden kann) und trotzdem die
Für Luhmanns Innen-Außen-Differenz ist nun aber Vorstellung einer emergenten Ebene des Sozialen
gerade die Differenz zwischen Bewußtsein und So­ zu verteidigen ist, dann bleibt als theoriearchitek­
zialwelt zentral - und diese kann er von Dürkheim tonisch konsequente Lösung, das Soziale wie das
übernehmen. Dürkheims theoriekonstitutive Bewußtsein als eigenständigen Typus einer auto-
Innen-Außen-Differenz ist die zwischen Indivi­ poietisch-selbstreferentiellen Operation zu den­
duum und Gesellschaft, zwischen Individuen und ken. Mit der Innen-Außen-Differenz zwischen
sozialen Tatsachen. Für Luhmann ist wie für Dürk­ Psychischem und Sozialem scheint es Luhmann
heim die Sozialwelt gegenüber der Innenwelt der damit möglich, ’to have the cake and to eat it’: Be­
Individuen ’extern’. Umgekehrt sind dann auch die wußtseine nach Art der Bewußtseinsphilosophie
Individuen gegenüber der Sozialwelt extern. Damit zu verstehen - und gleichzeitig begrifflich über
wird für Dürkheim wie für Luhmann jener Wechsel eine genuine Sphäre des Sozialen zu verfügen.
der Systemreferenz vollzogen, der für die Soziologie
entscheidend ist: das Innen braucht nicht mehr
zwangsläufig das Bewußtsein, sondern kann auch 3. Verschobene Fronten:
die soziale Welt sein. Freilich bleibt die Innen-Au­ Kulturtheoretischer Holismus,
ßen-Differenz bei Dürkheim dem Gedanken einer systemtheoretischer Individualismus und
vorkonstruktivistischen System-Umwelt-Differenz die Frage des Wissensbegriffs
verhaftet, die die selbstreferentielle Wende noch
nicht vollzogen hat, vielmehr System und Umwelt Es ist deutlich geworden, daß trotz ihrer grund­
als gegebene Entitäten mit Input-Output-Bezie- sätzlich gemeinsamen Einsicht in die sinnhafte
hungen statt als sich sinnhaft selbstproduzierende Konstitution der Wirklichkeit Luhmanns System­
Operationen konzeptualisiert. theorie und die Kulturtheorien völlig verschiede­
Das Ergebnis von Luhmanns Kombination von nen Aufbauprinzipien gehorchen: Im Kern von
Husserls Differenz zwischen Bewußtsein und Welt Luhmanns Ansatz steht die Innen-Außen-Diffe­
und Dürkheims Differenz zwischen Individuum renz zwischen Sozialem und Psychischem. Die
und Gesellschaft ist eine gegenüber Husserl flexi­ Kulturtheorien von Bourdieu und Giddens stehen,
bilisierte Form der Innen-Außen-Differenz. Was dem Strukturalismus und Wittgenstein folgend,
das ’Innen’ ist, das sich von einem ’Außen’ diffe­ diesem Denken in Innen-Außen-Differenzen fern.
rent setzt, erweist sich nun als variabel: die Sy­ Luhmann beschreibt deshalb in Form der Innen-
stemreferenz kann sich auf das psychische System Außen-Differenz - die sich auch auf die Bezie­
genausogut wie auf das soziale System beziehen. hung zwischen mehreren sozialen oder mehreren
Die bewußtseinsphilosophische Sackgasse, in die psychischen Systemen untereinander beziehen
Husserl geraten war und die ihm die Konzeptuali- läßt -, weil seine Theorie operationstheoretisch
sierung des Sozialen verunmöglichte (Schütz 1957; ausgerichtet ist: So soll sich ’wie natürlich’ die Dif­
Habermas 1971), wird von Luhmann mithin ferenz zwischen psychischen Operationen/ Gedan­
gleichfalls erkannt, aber radikal anders aufgelöst ken und sozialen Operationen/ Kommunikationen
als in den Kulturtheorien und ihren philosophi­ ergeben, die sich bereits selber in ihrer Beobach­
schen Vorläufern bei Saussure und Wittgenstein. tung voneinander different setzen. Die Praxistheo­
Während letztere sich jenseits des Denkmusters rien übernehmen demgegenüber nicht die Unter­
der Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein scheidungen, mit denen sich ’Bewußtseine’ oder
und Außenwelt situieren, schließt Luhmann aus­ ’Kommunikationen’ selber voneinander differie­
Unauthenticated
drücklich an diese Differenz an - und versucht das ren, sondern markieren eine analytische Differenz
Problem gewissermaßen durch eine ’Verdopplung’ zwischen Download Date | 3/27/17
Struktur 9:59 AM
und Praxis.
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 329

Die unterschiedlichen Theorieentscheidungen in einzigartig verläuft, sondern innerhalb von sozia­


Luhmanns Systemtheorie und den Praxistheorien len Kollektiven in verhältnismäßig regelmäßigen
wirkt sich darauf aus, wo jeweils ’Sinnmuster’ und Mustern. Die klassische i.e.S. ’handlungstheoreti­
wo ’das Soziale’ zu verorten ist. ’Sinn’ muß für sche’ Unterscheidung zwischen ’Handeln’ und ’so­
Luhmann zwangsläufig den Operationen (die zialem Handeln’ verliert damit für die Kulturtheo­
dann gleichzeitig Beobachtungen sind) zugerech­ rien an Bedeutung: Indem Handeln auf der
net werden. Da hierbei jedoch zwei verschiedene Grundlage kollektiver Wissensregeln stattfindet,
Operations- und damit Systemtypen als mögliche hat es unweigerlich ein soziales Fundament. Ob
Kandidaten in Frage kommen, Kommunikationen Handeln subjektiv sozial orientiert ist oder nicht,
und Gedanken, so ist eine Bifurkation von Sinnse­ stellt sich damit für die Kulturtheorien als eine ver­
quenzen und damit Sinnmustern nötig: Dem in der fehlte Frage dar. Die sinnhaften Regelstrukturen,
Kommunikation prozessierten Sinn liegen - trotz die den Praktiken zugrundeliegen, sind nämlich
aller struktureller Kopplungen - zwangsläufig an­ zweifellos bereits sozial konstituiert - und wirken
dere Beobachtungsschemata zugrunde als dem in sich damit selbst auf das Handeln eines Robinson
Gedanken prozessierten Sinn. Aus der Sicht der aus, dessen Handeln keine intentionale ’soziale
Kulturtheorien hingegen besteht kein Grund, von Orientierung’ besitzt.
zwei verschiedenen Sinnstrukturen - die eine im Wenn man sich die Theoriebauprinzipien des sy­
Bewußtsein, die andere in der sozialen Welt - aus­ stemtheoretischen Konstruktivismus vor dem Hin­
zugehen: Sinnzusammenhänge liegen vielmehr tergrund der Theoriearchitektur der Kulturtheo­
den sozialen Praktiken als Wissensstruktur zu­ rien vergegenwärtigt, lassen sich gängige Linien
grunde. Die Sinnzusammenhänge müssen also ge­ der gegenseitigen Theoriekritik nicht aufrechter­
wissermaßen einer Struktur von sozialen Deu­ halten: Die Kritik Luhmanns an seinen ’hand­
tungsregeln und den Akteuren zugleich zugerech­ lungstheoretischen’ Konkurrenten läuft auf das
net werden, die diese in ihrem Handeln verwen­ Urteil hinaus, es handele sich hier um einen Me­
den. thodologischen Individualismus, der Soziales nicht
Entsprechend ergeben sich auch zwei unterschied­ wirklich zu konzeptualisieren vermag. Die gängige
liche Verortungspunkte des Sozialen: Das Soziale Kritik mancher Handlungstheoretiker an Luh­
muß für Luhmann eine Operation sein. Dafür manns Systemtheorie lautete in der Vergangenheit
kommt nur Kommunikation in Frage, da allein die umgekehrt, hier liege ein sozialer Holismus vor,
sprachliche Sequenz der Kommunikation eine im­ der die Individuen, Akteure, Subjekte dadurch
manent strukturierte und in diesem Sinne von sub­ marginalisiere, daß er diese in die Umwelt des So­
jektiven Intentionen unabhängig existierende, sich zialen ’abschiebe’.
selber reproduzierende Sinnebene darstelle.17 Luhmann setzt seine Systemtheorie bekanntlich
Folgt man dem Begriff des Bewußtseins der Sub­ von der Tradition der ’Handlungstheorie’ ab. Mit
jektphilosophie und der dortigen Unmöglichkeit, den ’Theorien der Praxis’ von Bourdieu und Gid­
eine Kollektivität von Bewußtseinen zu denken, dens, auch mit Wittgenstein und Saussure,18*mithin
können hingegen psychische Systeme selber nicht mit den Autoren die hier für eine Kulturtheorie
der Ort des Sozialen sein. bedeutsam erscheinen, findet zwar keine aus­
Aus der Sicht der Kulturtheorien ist das Soziale drückliche kritische Auseinandersetzung statt, es
demgegenüber in den als Wissen inkorporierten fällt aber nicht schwer, auch auf diese Ansätze
und von den Akteuren angewandten Regeln fest­ Luhmanns zentrales Argument gegen die Hand­
zumachen. Denn diese Wissensregeln sind es, die lungstheorien zu beziehen: Luhmann wirft diesen
dafür verantwortlich zeichnen, daß Handeln nicht vor, keinen Begriff des Sozialen jenseits des Be­
beliebig und individuell sowie kontextspezifisch griff des Subjekts zu besitzen. Das Soziale werde
letztlich in Beziehungen zwischen Subjekten, in
der ’Intersubjektivität’ festgemacht, die sich aber
17 Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, zu proble­ am Ende immer nur über die bereits vorausgesetz-
matisieren, ob und inwiefern es Luhmann tatsächlich ge­
lungen ist, ’Kommunikation’ als eigenständige, autopoie-
tische Operation zu beschreiben oder ob sich die ange­ 18 Gelegentlich bezieht sich Luhmann jedoch zustimmend
nommenen Selektionselemente der Kommunikation auf Saussures Semiotik als Begründung eines ’Unterschei­
(Mitteilung, Information und Verstehen) nicht vielmehr dungsrelativismus’ (1990:99), setzt sich jedoch an anderer
nur mit Bezug auf Akteure oder Bewußtseine nachvollzie­ Stelle vom strukturalistischen Kerngedanken einer G ene­
hen lassen (vgl. die entsprechende Kritik von Roth 1987 Unauthenticated
rierung von ’Operationen’ aus Regeln deutlich ab (1987b:
und Martens 1991). 61). Download Date | 3/27/17 9:59 AM
330 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 26, Heft 5, Oktober 1997, S. 317-336

ten Subjekte definieren lasse, so daß hier niemals re des Sozialen - nur dann ist man erfolgreich. Da
eine emergente Ebene des Sozialen erreicht werde die Handlungstheorien den zweiten Weg erkenn­
und letztlich immer eine Spielart des Methodologi­ bar nicht gehen, müssen sie umgekehrt für Luh­
schen Individualismus übrigbleibe. (Luhmann mann offenbar den ersten Weg, den der klassi­
1986b; 1990: 68- 72; 1995a: 153- 162) schen Bewußtseinsphilosophie beschreiten, Be­
Es wird nun deutlich, wie dieser Einwand eigent­ wußtsein und Außenwelt operational unterschei­
lich zu verstehen ist und daß er sich auf die Kultur­ den und sich damit in die bekannten subjektphilo­
theorien kaum beziehen läßt. Luhmanns Kritik an sophischen Probleme verstricken.
den Handlungstheorien setzt die Gültigkeit der Dieser Einwand mag für bestimmte Typen der
Innen-Außen-Differenz zwischen Bewußtsein und Handlungstheorie zutreffen.20 Luhmann nimmt je­
sozialer Welt immer schon voraus. Für Luhmann doch für alle ’handlungstheoretischen’ Ansätze
müssen die Handlungstheorien in ihrem Begriff und damit auch für jene, die von Wittgenstein und
des Sozialen dann offenbar in der gleichen Weise vom Strukturalismus ausgehen, eine Innen-
scheitern, wie Husserls Bewußtseinsphilosophie in Außen-Differenz von Bewußtsein und Sozialwelt
der Konzeptualisierung der Sozialität im Begriff an, die diese nicht als gültiges Differenzschema an­
der ’Intersubjektivität’ und der ’Monadengemein­ erkennen. Da die Kulturtheorien nicht operatio-
schaft’ - nach gängigem und auch nach Luhmanns nalistisch denken, setzen sie keine operative Diffe­
eigenem Urteil (Schütz 1957; Luhmann 1994) - renz zwischen ’inneren’ Gedanken und ’äußeren’
scheiterte. Die Systemtheorie geht selber von der Kommunikation voraus. Damit stellt sich aber
Innen-Außen-Gedankenfigur der Subjektphiloso­ auch nicht die Alternative, das Soziale entweder
phie aus (gibt dieser freilich mit dem Begriff des im einzelnen Bewußtsein oder mit Luhmann au­
außerpsychischen sozialen Systems eine Wen­ ßerhalb des Bewußtseins in den sozialen Systemen
dung) - und kann vor dem Hintergrund dieses zu suchen. Wenn die Kulturtheorien von Bourdieu
innen-außen-theoretischen Deutungsschemas of­ und Giddens auf jener Dezentrierung des Subjekts
fenbar nicht anders, als in die Handlungstheorien und der Sozialisierung des Bewußtseins aufbauen,
hineinzulesen, ebenfalls an die Subjektphilosophie wie sie von Wittgenstein und Saussure vollzogen
anzuschließen. Für Luhmann muß es sich bei den wurden, gehen sie damit vielmehr von einer Vor­
Handlungstheorien um Versionen der Bewußt­ stellung des Sozialen aus, die unabhängig von ei­
seinstheorie traditioneller Form handeln, in der ner Innen-Außen-Differenz besteht. Das Soziale
die Systemreferenz auf psychische Systeme festge­ erscheint hier nicht als eine spezifische Operation,
legt ist und soziale Systeme als eigenständige Ope­ sondern als eine praxisermöglichende Struktur:
rationsebene noch nicht erkannt werden. das Soziale sei in den sinnhaften Regeln fundiert,
Um auf der immer schon vorausgesetzten Grund­ die die Akteure in Form von Wissensstrukturen in
lage der Innen-Außen-Differenz ’das Soziale’ zu ihren sozialen Praktiken anleiten. Die Sozialwelt
erfassen, scheint es für Luhmann immer nur zwei sei in Form von Wissensregeln gewissermaßen in
Möglichkeiten zu geben: Entweder man sucht das den Akteuren ’inkorporiert’, und die Akteure -
Soziale klassisch bewußtseinstheoretisch, so wie weit entfernt davon, als klassische Subjekte begrif­
Husserl es in der fünften der Cartesianischen Me­ fen zu werden - vermögen umgekehrt nur auf der
ditationen vorführte, in einer Gemeinschaft der Grundlage dieses sozialisierten Wissens zu agie­
operational unabhängigen Bewußtseine - und ren. Damit werden in den Kulturtheorien die Be­
scheitert damit.19 Oder aber man sucht es außer­ wußtseine nicht als gegebene, nur der eigenen In­
halb der Bewußtseine in einer eigenständige Sphä- trospektion zugängliche, ’privatsprachliche’ Enti­
täten beschrieben, sondern erscheinen im Gegen­
19 Um die Existenz des Sozialen, hier definiert als ’Inter­ teil durch ihre Einbettung in kollektive Wissens­
subjektivität’, zu begründen, bleibt Husserl auf der strukturen, die die jeweiligen Lebensformen bil­
Grundlage der phänomenologischen Epoche nichts ande­ den, eigentümlich ’dezentriert’.
res übrig, als Intersubjektivität in der Fremderfahrung des Die Kulturtheorien stehen damit in ihrer Vorstel­
einzelnen Subjekts zu fundieren: Ego erfährt Alter Ego lung des Sozialen als praxisanleitenden Wissens-
als jemanden, der die Welt in gleicher Weise erfährt als er
selber. D ie Einstimmigkeit der Bewußtseinsoperationen,
der Monadengemeinschaft kann dann für die Bewußt­ 20 Das beste Beispiel für eine tatsächlich an Husserls B e­
seinsphilosophie jedoch immer nur ein intentionales Pro­ wußtseinsphilosophie anknüpfende Handlungstheorie -
dukt des einzelnen Bewußtseins sein - und niemals als ein und die sich damit ergebenden Probleme - ist der frühe
tatsächlich bewußtseinstranszendierendes Phänomen ge­ Unauthenticated
Alfred Schütz in seiner Arbeit ’Der sinnhafte Aufbau der
dacht werden (Husserl 1931: 91-155). Download
sozialen Welt’.Date | 3/27/17 9:59 AM
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 331

Strukturen auch den klassischen, intentionalisti- ’individualistische’, die nicht nur im übertragenen,
schen Handlungstheorien entgegen, die das Sozia­ sondern im wörtlichen Sinne bewußtseinsphiloso­
le dem ’sozialen Handeln’ zurechnen, mithin von phische Kehrseite des Konzepts des sozialen Sy­
der sozialen Orientierung des subjektiven Sinns stems offensichtlich, die sich hinter dem Konzept
des Handelnden abhängig machen.21 Wenn für die des psychischen Systems verbirgt.23*Exakt wie in
Kulturtheorien hingegen nicht die Art der Hand­ der Husserl’schen Phänomenologie will Luhmann
lungsintention für die Sozialität des Handelns ver­ das psychische System als inneres Bewußtseinsle­
antwortlich ist - was tatsächlich auf jene von Luh- ben verstanden wissen, das auf der Grundlage sei­
mann kritisierte Subjektivierung des Sozialen hin­ nes eigenen, aus keinem Äußeren ableitbaren
ausläuft -, sondern jedem Handeln ein kollektives Sinnhorizontes operiert. Konsequenter als dies in
Regelwissen zugrundeliegt, betrifft dies nicht al­ Husserls Cartesianischen Meditationen geschieht,
lein die Fälle ’sozialen’, am Handeln anderer soll das Bewußtsein zudem nicht in eine ’Mona­
orientierten Handelns, sondern auch etwa instru- dengemeinschaft’ der Bewußtseine eingeordnet,
mentell-objektorientierte und motorische Hand­ sondern tatsächlich als eine autopoietisch sich
lungsweisen.22 Tatsächlich beruht die Konzeption selbst reproduzierende, im modernen Sinne ’indi­
wissensangeleiteter Praktiken damit nicht auf ei­ viduelle’ Beobachtungsperspektive respektiert
nem individualistischen Denken, welches soziale werden. Damit vertritt Luhmann gerade keinen al­
Eigenschaften auf individuelle Eigenschaften les umfassenden sozialen Holismus - wie er etwa
rückführen wollte, sondern auf dem eines sozialen von Parsons formuliert wird, wenn er von einer In­
Holismus, das von der impliziten Regelabhängig­ ternalisierung der sozialen Werte und Normen in
keit der Akteure und ihres Handelns ausgeht. die Akteure ausgeht -, sondern parallel zu seiner
Interpretiert man Luhmanns Ansatz als Version Theorie sozialer Systeme eine Theorie des autono­
einer Innen-Außen-Differenz, so wird jedoch um­ men, autopoietischen Bewußtseins. Nimmt man
gekehrt deutlich, daß ein gängiges Vorurteil ge­ die Bifurkation zwischen psychischen und sozialen
genüber der Systemtheorie sich ebenso wenig auf­ Systemen ernst und versteht beide als irreduzible
rechterhalten läßt: der Vorwurf des sich aus dem Typen von Beobachtungsoperationen, stellt sich
’Holismus’ der Systemtheorie ergebenden ’Anti- Luhmanns Ansatz damit plakativ gesprochen zur
Individualismus’. Tatsächlich steht Luhmanns Be­ Hälfte als ’holistisch’, zur Hälfte als ’individuali­
griff eines sozialen Systems als einer sich selbst re­ stisch’ heraus: Soziale Systeme lassen sich ’holi­
produzierenden Operation, in diesem Sinne einer stisch’ als irreduzible soziale Kommunikationen
emergenten Ebene des Sozialen in strikter Geg­ begreifen, psychische Systeme ’individualistisch’
nerschaft zu jedem ’Methodologischen Individua­ als irreduzible individuelle Gedankensequenzen.
lismus’. Wenn man jedoch deutlich macht, daß Es ist letztlich eine Frage der Perspektive, eine
Luhmanns Ansatz auf der Bifurkation von sozia­ Frage der Systemreferenz, ob man von den sozia­
len und psychischen Systemen beruht, so wird die len Operationen oder den Gedanken ausgeht. Kei­
ner der beiden Operationen erscheint für Luh­
21 Diese Position ist bekanntlich von Max Weber in den mann durch die jeweils andere präformiert oder
’Soziologischen Grundbegriffen’ vertreten worden (1922: determiniert (höchstens irritieren sie einander) -
llf).
22 Damit ist ein interessanter Punkt berührt, der hier 23 In einem übertragenen Sinne kann Luhmann nicht nur
nicht genauer verfolgt werden kann: die Folgen der Luh- sein Konzept des psychischen Systems, sondern sein ge­
mann’sehen Entscheidung, nicht Handeln, sondern Kom­ samtes Systemkonzept als ’individualistisch’ bezeichnen:
munikation als basale ’Operation’ zu wählen. Dies er­ die operative Schließung jedes Systems ermögliche dessen
scheint Luhmann notwendig, da nur Kommunikation als Einzigartigkeit und damit Individualität (vgl. 1994: 165).
Operation verspricht, schon per definitionem ’sozial’ zu Man muß hier aber sorgfältig zwischen drei verschiedenen
sein, während Handeln, insbesondere in den Fällen instru- Bedeutungen des Terminus ’Individualismus’ unterschei­
mentell-objektorientierten Handelns (Luhmanns Beispiel den: 1) Mit dem gängigen Begriff des ’Methodologischen
hier: Zähneputzen; 1992c: Vorlesung 4) auch nicht sozial Individualismus’ wird eine allgemeine Reduktion von So­
sein könne. Für die Kulturtheorien stellt sich diese Frage zialem auf Individuelles bezeichnet - eine Position der so­
jedoch nicht in dieser Weise: wenn das Soziale des Han­ wohl die System- als auch die Kulturtheorien entgegenste­
delns nicht in dem subjektiven Handlungssinn, sondern in hen. 2) In Luhmanns eigener Begriffsverwendung wird
den kollektiv wirkenden Wissensregeln zu suchen ist, die ’Individualismus’ zur Charaktierisierung des Systemkon­
dieses Handeln anleiten, dann ist instrumenteiles Handeln zepts des operativen Konstruktivismus benutzt. 3) Wir
genauso sozial fundiert wie Kommunikationshandeln: wollen hier mit dem Begriff des Individualismus hingegen
Unauthenticated
auch Zähneputzen ist eine kulturspezifische soziale Prak­ auf eine Fassung des Konzepts des Bewußtseins verwei­
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tik. sen, die in der Tradition der Subjektphilosophie steht.
332 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 26, Heft 5, Oktober 1997, S. 317-336

dies gilt auch für die psychischen Systeme und für die Bedeutung von Wörtern, Sätzen und ihre Ver­
ihre ’Individualität’. wendung, als auch nicht-semantisches Wissen.
Aus der Sicht einer an Wittgenstein und Saussure Nicht-semantisches Wissen läßt sich wohl am be­
geschulten Kulturtheorie werden Fragen damit sten unter Gilbert Ryles Oberbegriff des knowing
nicht an den vermeintlich subjektfeindlichen Ho­ how (im Gegensatz zum knowing that) zusammen­
lismus von Luhmanns Systemtheorie zu richten fassen: Knowing how-Wissen umfaßt, Ryle fol­
sein, jedoch umgekehrt an deren ’individualisti­ gend, ’Handlungskriterien’, Dispositionen’ und
sche’ Elemente. Nicht eine ’Marginalisierung’ des ’Regeln’, die „the ability ... to do certain sorts of
Individuums ist das Merkmal der Systemtheorie, things“ (28) begründen (Ryle 1949: 13- 60, 112-
sondern die Anlehnung des Konzepts des psychi­ 147) und die damit Ähnliches wie das bezeichnen,
schen Systems an die Bewußtseinsphilosophie, da­ was Schütz unter dem Oberbegriff des ’Routine­
mit letztendlich die A-priori-Individualisierung wissens’ als Fertigkeiten, Gebrauchs- und Rezept­
des Subjekts als eines autopoietisch-selbstreferen- wissen umschreibt (Schütz/ Luckmann: 1975). Ent­
tiellen Bewußtseins. Wenn man philosophiehisto­ scheidend für die Kulturtheorien ist, daß auch die­
risch argumentieren wollte, könnte man auf die in ses knowing how, das in semantischem Wissen
der neueren Philosophiegeschichte angeführten nicht aufgeht - die Fähigkeit Schach zu spielen, zu
kritischen Argumente gegen die Bewußtseinsphi­ schreiben, sich gegenseitig mit Höflichkeit zu be­
losophie, formuliert von Peirce und Saussure bis gegnen etc. -, ein kollektives Wissen darstellt, wel­
Heidegger und Wittgenstein und dessen Nachfol­ ches soziale Reproduktion ermöglicht.25
ger, zurückgreifen und diese Kritik auf Luhmanns Wo sind diese Phänomene in Luhmanns Theorie­
Begriff des psychischen Systems anwenden.24 Pro­ gebäude zu finden? Es hat den Anschein, daß die
bleme, die sich aus Luhmanns Bifurkation zwi­ Differenz zwischen sozialen und psychischen Sy­
schen Psychischem und Sozialem für sozialwissen­ stemen Luhmann zu einer Fassung des Wissensbe­
schaftliche Analysen ergeben können, kann man griffs zwingt, die das kollektive knowing how-Wis­
jedoch auch konkret festzumachen versuchen, sen zu einer Art ausgeschlossenem Dritten macht,
wenn man die Systemtheorie vor dem Hintergrund das sich weder der einen noch der anderen Seite,
des Analyserahmens der Kulturtheorien betrach­ weder den Sinnmustern des sozialen noch denen
tet. Ein einzelnes, aber exemplarisches Problem des psychischen Systems zurechnen läßt. Wie dar­
soll hier herausgegriffen werden: der Wissensbe­ gestellt, ist auch für Luhmann der Begriff des ’Wis­
griff. Die Innen-Außen-Differenz zwischen psy­ sens’ zentral, erhält aber eine andere Stoßrichtung
chischen und sozialen Systemen bei Luhmann als der Wissensbegriff der Kulturtheorien. Soziales
führt offenbar zu einer Engführung des Begriffs Wissen, das heißt nicht-subjektives Wissen ist für
des sozialen Wissens auf semantisches Wissen und Luhmann eindeutig den sozialen Systemen zuzu­
einer Zurechnung von nicht-semantischem, kno­ rechnen, nicht den psychischen Systemen. Da so­
wing how-förmigem Wissen auf psychische Syste­ ziale Systeme aber in Form von Kommunikatio­
me, das damit nicht mehr als soziales, kollektives nen operieren, muß soziales Wissen kommunika­
Wissen behandelt werden kann. tionsstrukturierendes Wissen sein und wird von
Für die Kulturtheorien und die an sie anschließen­ Luhmann daher konsequent als Semantik identifi­
den Analysen bildet kollektives Wissen als „shared ziert (1990: 107). Die Identifikation von sozialem
knowledge“ ein Feld von all dem, „what (people) Wissen bzw. der Struktur von Kommunikation mit
must know in order to act as they do, making Semantik ist nicht zufällig, sondern ergibt sich
things they make, and interpret their experiences zwingend aus dem Theoriedesign: Wenn Kommu­
in the distinctive way they do.“ (Quinn/ Holland nikation in aller Regel sprachliche Kommunika­
1987: 4) Diese Wissensstrukturen umfassen so­
wohl semantisches Wissen, das heißt Wissen um 25 Die hier verwendete Unterscheidung zwischen seman­
tischem und nicht-semantischem Wissen scheint auf den
ersten Blick mit Polanyis Differenz zwischen implizitem
24 Luhmann selber erwähnt nur an einer Stelle die mögli­ und explizitem Wissen verwandt zu sein. Letztlich scheint
che Angreifbarkeit eines bewußtseinstheoretischen Kon­ eine Gleichsetzung dieser beiden Unterscheidungen je­
zepts des psychischen Systems, wenn er vielsagend formu­ doch nicht sinnvoll: Während nicht-semantisches knowing
liert: „Ob und wie man damit [mit einer Theorie autopoie- how-Wissen tatsächlich im wesentlichen ’implizit’ bleibt,
tischer psychischer Systeme] aus bekannten Schwierigkei­ gilt im Umkehrschluß nicht die Explizitheit des semanti­
ten einer Philosophie des selbstreferentiellen Bewußt­ schen Wissen. Im Gegenteil ist auch dieses - so wie Searle
Unauthenticated
seins (etwa Fichtescher Prägung) herauskommt, muß ei­ es etwa in seiner
Download Theorie
Date der 9:59
| 3/27/17 ’Präsuppositionen’
AM darstellt
ner späteren Prüfung überlassen bleiben.“ (1984: 355). - zum großen Teil ’implizit’.
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 333

tion ist, dann muß auch die Sinnstruktur, die diese autopoietisch-selbstreferentiellen Verständnisses
sprachliche Kommunikation anleitet, eine sprach­ des Bewußtseins die Gedankenfigur eines gemein­
liche, damit eine semantische Sinnstruktur sein. samen, sozialen Wissens der psychischen Systeme
einzubauen, müssen nach Luhmanns Urteil genau­
Der Ort von nicht-semantischem Wissen scheint so scheitern, wie Husserls Versuch, in seine Be­
dann nur konsequent: Es bleiben die einzelnen wußtseinsphilosophie doch noch gewissermaßen
psychischen Systeme. Luhmann bringt die Unter­ nachträglich die Figur einer Intersubjektivität und
scheidung zwischen dem (semantischen) Wissen „Monadengemeinschaft“ einzufügen. Damit er­
von Sozialsystemen und dem ’Wissen’ psychischer gibt sich jedoch folgendes Bild: Soziales Wissen ist
Systeme mit Polanyis Differenz zwischen explizi­ semantisches Wissen und der Gegenstand soziolo­
tem und implizitem Wissen in Zusammenhang und gischer Wissensanalyse. Nicht-semantisches ’Wis­
stellt fest: „Ein Beobachter kann das System ... sen’ nach Art des kulturtheoretischen knowing
mit Hilfe der Unterscheidung explizit/ implizit be­ how kann dann umgekehrt nur in den psychischen
obachten und beschreiben. Er kann in das, was als Systemen einen Platz finden - muß dann jedoch als
Wissen geschieht, zusätzlich die strukturellen individuelles Wissen der ’sechs Milliarden ver­
Kopplungen hineinsehen“ (1990: 42). Aus der Per­ schiedenen’ Bewußtseine gedacht werden und
spektive der sozialen Systeme heißt dies dann: wäre damit für die Soziologie wohl verloren.
gleichzeitig zu dem in der Kommunikation verar­
beiteten semantischen Wissen existieren in der Nun kann kein Zweifel darüber bestehen, daß ein
Umwelt der - dann ’angekoppelten’ - psychischen Teil des sozial relevanten Wissens einer Gesell­
Systemen jeweils andere Wissensbestände. (1990: schaft in der Form von Semantik auftritt, daß die
41-44) Es gibt also auch für Luhmann Wissen au­ Analyse der semantischen Bestände für eine Ana­
ßerhalb der sozialen Systeme und ihrer Semantik lyse der Kultur und des Wissens einer Gesellschaft
(wobei hier der Wissensbegriff vermieden wird): von beträchtlicher Relevanz ist. Jedoch haben kul­
Wenn soziales Wissen semantisches Wissen ist, turtheoretisch motivierte Analysen regelmäßig
dann scheint die Schlußfolgerung berechtigt, daß darauf hingewiesen, daß man dieses Wissen um die
bei Luhmann nicht-semantisches Wissen, das Ry­ Verwendung von Wörtern und Sätzen als die ’Spit­
les knowing-how ähnelt, den einzelnen psychi­ ze des Eisberges’ betrachten muß, daß die Repro­
schen Systemen zuzurechnen ist. Beispielsweise duktion der sozialen Welt ohne die Existenz und
„kann das Bewußtsein im Fortschreiten von Ge­ permanente Anwendung knowing how-förmiger -
danken zu Gedanken sich auf bestimmtes Können und dabei ebensosehr kollektiver - Wissensbe­
verlassen..., ohne darüber bewußt entscheiden zu stände kaum begreifbar wäre. Wenn Bourdieu die
müssen.“ (1990: 43)26 Abgesehen davon, daß es verschiedenen Ausformungen des ’praktischen
Schwierigkeiten machen würde, diese Vorstellung Sinns’ untersucht, die scheinbar zwanglos die je­
mit dem Konzept des knowing how vollends zu weiligen Vorlieben und Abneigungen im Konsum
identifizieren - dieser Begriff bezieht sich bei Ryle unterschiedlicher sozialer Klassen hervorbringen,
schließlich gerade nicht auf Bewußtseinsprozesse, wenn Goffman die Interaktionsregeln herausar­
sondern auf aktivierte Handlungskriterien und beitet, die wirken, damit jedes Ich sein Gesicht vor
Dispositionen - muß man nun aber an dieser Stelle den anderen wahren kann, wenn Schütz und Luck-
die Einsicht wiederaufgreifen, daß psychische Sy­ mann die universalen Schemata zur Konstitution
steme für Luhmann jeweils individuelle Systeme des sozialen Raums und der sozialen Zeit be­
bilden, die nur dem eigenen Ich zugänglich sind: schreiben, wenn schließlich Garfinkei die Fertig­
Jedes dieser Bewußtseine stellt eine eigenständige keiten rekonstruiert, die nötig sind, damit eine
Operationssequenz dar, jedes verfügt über seine Person ’geschlechtsadäquates’ Verhalten hervor­
eigenen Beobachtungsschemata, deren Ausbil­ zubringen vermag, so liegen in allen Fällen Ana­
dung durch Umweltereignisse höchstens ’irritiert’ lysen von sozialem knowing how-Wissen vor, von
werden kann. Das ’nicht mitkommunizierte’ ’Wis­ Sinnmustern, die kollektiv wirksam sind, ohne mit
sen’ der psychischen Systeme muß für Luhmann semantischem Wissen identisch zu sein (Bourdieu
also zwangsläufig individuelles, bewußtseinsspezi­ 1979; Goffman 1971; Schütz/ Luckmann 1975:63-
fisches Wissen sein. Alle Versuche, im Rahmen des 87; Garfinkei 1967:116-185). Kollektives knowing
how-Wissen liefert dabei mehr als bloß ein mehr
26 Allerdings scheint Luhmanns Darstellung an dieser oder minder interessantes Untersuchungsobjekt:
Stelle es nahezulegen, daß dieses knowing how wiederum aus der Sicht der Kulturtheorien wäre soziale Re­
Unauthenticated
als eine strukturelle Kopplung von psychischen und orga­ produktion, wäre die Repetitivität der mensch­
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nischen Systemen zu begreifen ist. lichen Praktiken, die letztlich der sozialen Welt
334 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 26, Heft 5, Oktober 1997, S. 317-336

ihre relative Geordnetheit verleiht, ohne sie nicht lung nicht modifiziert, sondern nur bestätigt wer­
denkbar. den.
Die Innen-Außen-Differenz zwischen sozialen Es scheint, daß die Bifurkation von Bewußtsein und
und psychischen Systemen zwingt Luhmann je­ Kommunikation Luhmann zu einer ’Intellektuali­
doch zu einer eindeutigen Zurechnung von Wissen sierung’ des Begriffs sozialen Wissens führt. Die
auf Kommunikation und damit zu einer Identifi­ Kulturtheorien folgen in ihrem Verständnis von
zierung von Wissen und Semantik. Zwar wird bei Wissen jener Umdeklinierung des Wissensbegriffs
ihm, wie dargestellt, eine Hilfskonstruktion ge­ vom knowing that auf ein knowing how, wie sie Ryle
nannt: die strukturelle Kopplung zwischen Kom­ in seiner Kritik der Subjektphilosophie im Kielwas­
munikation und Bewußtsein, „...die strukturelle ser Wittgensteins angemahnt hatte. Für Luhmann
Kopplung dieser sequentiellen [kommunikativen] bleiben die Strukturen des sozialen Wissens, wenn
Ereignisse mit Bewußtseinszuständen, die nicht sie schon keine Gedankeninhalte mehr sind, hinge­
mitkommuniziert werden.“ (1990: 43) Der Begriff gen allein semantische Bestände der Kommunika­
der strukturellen Kopplung soll mithin das wieder tionssysteme. Die Ausgangsdifferenz von Innen
zusammenbinden, was vorher als operational ge­ und Außen, zwischen Sozialwelt und Bewußtsein
trennt voraussetzt worden war: die sozialen Syste­ scheint zu dieser Festlegung zu zwingen.
me und die psychischen Systeme, damit das se­
Wenn man, Luhmann folgend, „Kultur“ in einem
mantische Wissen und das aus Sicht der Sozialsy­
ganz allgemeinen Sinn als „eine Perspektive für
steme ’implizite Wissen’ der einzelnen psychischen
die Beobachtung von Beobachtern“ (1995a: 54)
Systeme. Der Begriff der strukturellen Kopplung
auffaßt, dann liefern alle Typen sinnverstehender
wirft jedoch in diesem Zusammenhang offensicht­
Sozialwissenschaft im weitesten Sinne ’Kulturana­
lich zwei Probleme auf:
lysen’: Sowohl die konstruktivistische Systemtheo­
Wenn man der Selbstlimitation des autopoieti- rie als auch jene Theorien wissensangeleiteter so­
schen Theoriedesigns folgt, kann der Begriff zialer Praktiken, die wir als Kulturtheorien um­
’strukturelle Kopplung’ keine Abhängigkeits- oder schrieben haben, bieten Rekonstruktionen sozia­
Generierungsbeziehung, sondern nichts anderes ler Sinnmuster und Sinnprozesse und damit ’Beob­
als ein Irritationsverhältnis zwischen Kommunika­ achtungen von Beobachtungen’. Die Frage ist
tion und Bewußtseinen behaupten. Für ein solches dann, von welchen - notwendigerweise kontingen­
Irritationsverhältnis gilt jedoch, wie bereits festge­ ten - begrifflichen Unterscheidungen sich eine sol­
stellt, daß ein System sich nur nach Maßgabe der che sinnorientierte Sozialtheorie leiten lassen soll­
eigenen Sinnschemata von einem fremden System te. Das Muster einer Innen-Außen-Unterschei­
irritieren lassen kann. Das heißt aber, daß seman­ dung zwischen Sozialwelt und Bewußtsein liefert
tisch angeleitete Kommunikationen sich nur dann eine, im modernen Denken durchaus traditionsrei­
vom knowing how-Wissen einzelner psychischer che Option. Die Sabotierung dieser Innen-Außen-
Systeme irritieren lassen können, wenn das, was Differenz stellt eine andere, zumindest im Denken
dort implizit vorhanden ist, in irgendeiner Weise in des 20. Jahrhunderts nicht minder traditionsreiche
die Kommunikation des sozialen Systems über­ dar. Allein die gegenseitige Beobachtung beider
setzt wird - dann aber kein knowing how mehr Theorievokabulare vermag wohl die notwendigen
darstellt. Eine direkte Ermöglichung bzw. Ein­ immanenten Limitationen der beiden Unterschei­
schränkung von sozialen Praktiken auch durch dungssysteme aufzudecken.
nicht-semantisches Wissen, wie in den Kulturtheo­
rien gedacht, erscheint damit nicht möglich. Vor
allem aber ändert auch der Begriff der strukturel­ Literatur
len Kopplung nichts an der Vorannahme, daß die­
ses nicht-semantische im Unterschied zum seman­ Bauman, Zygmunt, 1973: Culture as praxis, London/ New
tischen Wissen einzelnen psychischen und damit York: Routledge
individuellen Systemen zugerechnet bleiben muß, Bohman, James/ David Hiley/ Richard Shusterman, 1991:
selber per definitionem keine kollektiv-soziale The Interpretive Tum, Ithaca: Cornell University
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schaften bilden kann. Die klassisch-subjektphilo­ (auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen
sophische Fassung des Bewußtseins und damit Gesellschaft), Frankfurt/ Main 1979 (frz.: Esquisse
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auch jenes ’Wissens’, das dort zugerechnet wird, d’une th^orie de la pratique, precede de trois etudes
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kann durch den Begriff der strukturellen Kopp­ d’ethnologie kabyle): Suhrkamp
Andreas Reckwitz: Kulturtheorie, Systemtheorie 335

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