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Emir Kusturica

Singen für den Kriegsverbrecher


An allen Fronten kämpft der Regisseur Emir Kusturica für Großserbien –
jetzt kam es beim Filmfestival von Antalya zum Eklat.

Von Rüdiger Rossig und Boris Zujko


21. Oktober 2010, 8:00 Uhr / Editiert am 5. Februar 2012, 4:17 Uhr / 53 Kommentare

AUS DER ZEIT NR. 43/2010 [h p://www.zeit.de/2010/43?

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Den Mann mit dem strähnigen, schwarz-grauen Haar vorn auf der Bühne
kennen alle im Saal. Trotzdem wird er extra vorgestellt: "On guitar", brüllt der
Sänger ins Mikrofon, "Mister Emir Kusturica!" Das Publikum johlt begeistert,
lange und laut. Dann erschallt der Ruf: "Ne damo" – "Wir geben nicht..." Die
tobende Masse brüllt gemeinsam mit der Band: "Kosovo
[h p://www.zeit.de/thema/kosovo]!"

Ob in Berlin [h p://www.zeit.de/thema/berlin] oder Buenos Aires


[h p://www.zeit.de/thema/buenos-aires] – das Ritual ist jedes Mal dasselbe bei
den Konzerten der serbischen Rockgruppe Emir Kusturica and the No Smoking
Orkestra. Emir Kusturica hat massiv an der Popularisierung der Truppe, die
einmal als Punkband anfing, mitgewirkt. Er stockte sie durch Profimusiker auf,
widmete ihr den Dokumentarfilm Super 8 Stories, warb mit seinem Namen.
Heute spielen Emir Kusturica and the No Smoking Orkestra vor Zehntausenden
Menschen in Europa [h p://www.zeit.de/thema/europa], Russland
[h p://www.zeit.de/thema/russland], Nord- und Südamerika
[h p://www.zeit.de/thema/suedamerika]. Und kämpfen von der Bühne aus
gegen ein unabhängiges Kosovo – und für Großserbien.

Im ehemaligen Jugoslawien [h p://www.zeit.de/thema/jugoslawien] ist


Kusturicas nationalistisches Engagement bekannt. In Europa oder den USA
dagegen steht sein Name vor allem für Filme wie Arizona Dream, eine Satire auf
den amerikanischen Traum mit Johnny Depp [h p://www.zeit.de/thema/johnny-
EMIR KUSTURICA depp]; seinen Dokumentarfilm über den Fußballstar
Der serbische Regisseur Diego Maradona [h p://www.zeit.de/thema/diego-
sorgte kürzlich beim maradona]; oder für Melodramen und Burlesken wie
Filmfestival von Antalya für
Zeit der Zigeuner (1986) und Schwarze Katze, weißer
einen Eklat:
[h p://www.zeit.de/kultur/ Kater (1998). Wenn der Regisseur und zweimalige
film/2010-10/kusturica- Gewinner der Goldenen Palme von Cannes
filmfestival-antalya]
[h p://www.zeit.de/thema/cannes] im Westen
Demonstranten ha en
seinen serbischen
überhaupt politisch verortet wird, dann im
Nationalismus und seine alternativen Multikulti-Spektrum.
Gleichgültigkeit gegenüber
den Bürgerkriegsmorden Nur hin und wieder dringt an die Öffentlichkeit, wes
an muslimischen Geistes Kind Emir Kusturica ist. Etwa kürzlich beim
Bosnjaken kritisiert.
Filmfestival von Antalya
Kusturica reiste daraufhin
ab und bezeichnete den [h p://www.zeit.de/kultur/film/2010-10/kusturica-
ebenfalls Kritik übenden filmfestival-antalya], wo Kusturica als Jurymitglied zu
türkischen Kulturminister
Gast war. Nachdem ihm Protestierende vorwarfen,
als seinen "Feind".
Der 1954 in Sarajevo
dass er während des Bürgerkrieges nicht gegen die
geborene Kusturica ist "ethnischen Säuberungen" und gegen die Morde an
einer der bekanntesten muslimischen Bosnjaken protestiert habe, reiste
Regisseure des
Kusturica ab. Nicht ohne vorher den türkischen
internationalen
Autorenkinos. 1985 Minister für Kultur und Tourismus, der Druck auf die
gewann er mit seinem Film Organisatoren ausgeübt hatte, zu seinem "Feind" zu
Papa ist auf Dienstreise die
erklären. Da hatte der türkische Regisseur Semih
Goldene Palme von Cannes.
1995 erhielt er seine zweite
Kaplanoğlu, Berlinale-Gewinner mit seinem Film Bal,
Palme für den Film seinen Festivalbesuch aus Protest gegen Kusturicas
Underground über den Anwesenheit bereits abgesagt.
Bürgerkrieg im ehemaligen
Jugoslawien. Der Film Inzwischen muss man sich fragen, weshalb Kusturica
geriet in die Kritik wegen
überhaupt noch zu Festivals eingeladen wird. Seine
seiner burlesken
Verharmlosung des
politischen Ansichten hält er keineswegs geheim. Der
Krieges und wegen seiner No-Smoking-Orkestra-Song Wanted Man etwa ist
proserbischen Haltung. einem "Rašo Dabić" gewidmet. Unter diesem
Auch als Musiker seiner
Decknamen lebte der Kriegsverbrecher Radovan
Band No Smoking Orkestra
vertri Kusturica Karadžić über zehn Jahre lang in Serbien – während
nationalistische Positionen er weltweit vom UN-Kriegsverbrechertribunal
bis hin zu
gesucht wurde.
Solidaritätserklärungen
mit dem Kriegsverbrecher
[h p://www.zeit.de/online/2008/31/stanisic] "Wer Rašo
Radovan Karadžić. 2005 Dabić nicht liebt, der kann uns mal", singen Kusturica
ließ sich Kusturica zum und seine Band in Reimform. Auf die Frage nach
serbisch-orthodoxen
seiner Karadžić-Affinität antwortet Kusturica dem
Christen taufen.
kroatischen Magazin Globus: "Ich bin immer auf der
Seite der Verfolgten."

Es mag absurd anmuten, einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher zum


Verfolgten und Outlaw zu stilisieren. Doch genau diese manchmal direkte,
manchmal indirekte Rechtfertigungsstrategie durchzieht auch Kusturicas
Filme. Deren Helden sind durchaus liebenswert – aber sie haben einen Hang
zur Unberechenbarkeit, der auch mal zu Mord und Totschlag führen kann.
Dieses regionale Kriegs-Gen machte Kusturica nicht nur in seinen
Balkankriegsfilmen Underground (1995) und Das Leben ist ein Wunder (2004)
zum Grund für den Zerfall Jugoslawiens. In Underground ist es zudem der
großdeutsche Imperialismus, der die Völker Jugoslawiens entzweit, in die
Verräter einerseits und die Standhaften andererseits. Und natürlich gibt es für
Kusturica keinen Zweifel darüber, wer die Verräter sind: Der Einmarsch der
deutschen Wehrmacht 1941 wird von der Bevölkerung von Slowenien und
Kroatien bejubelt. Die Straßen von Belgrad [h p://www.zeit.de/thema/belgrad]
hingegen sind menschenleer.

Millionen Flüchtlinge, 150.000 Tote, doch bei Kusturica können die Serben
nichts dafür, dass sie Krieg führen. Sie sind halt nun mal so. "Und vor allem
sollen sie rein serbisch sein. Das Konzept Multikulturalismus funktioniert
nicht", sagt Kusturica, "meine Familie ist ein symptomatisches Beispiel dafür."

 
Was lief falsch bei den Kusturicas? Vater Murat wurde in eine Familie
hineingeboren, die während der Herrschaft der türkischen Osmanen über
Bosnien [h p://www.zeit.de/thema/bosnien] (1481 bis 1878) zum Islam
konvertiert war. Er bekannte sich zum Atheismus. Mutter Senka kam aus
serbisch-orthodoxem Hause. Gläubig war die Gerichtssekretärin nicht. Das war
nicht ungewöhnlich im Jugoslawien der fünfziger, sechziger und siebziger
Jahre. Solange der sozialistische Staat seinen Bürgern Jahr für Jahr einen
höheren Lebensstandard bescherte, spielten Religion und Nationalität eine
immer geringere Rolle. "Gemischte" Ehen waren Normalität. Die
"Dysfunktionalität" der Familie Kusturica bestand für den Sohn vermutlich
gerade in deren selbstverständlicher Nichtreligiosität.

Kusturica wählte den radikal anderen Weg. Als international anerkannter


Regisseur wurde er zunächst zum transjugoslawischen Idol. In seiner kroatisch-
muslimisch-serbisch gemischten Heimatstadt Sarajevo war "Kusta" ein
gefeierter Bürger. Umso schockierter reagierten die Sarajevoer, als der
Filmemacher seiner Stadt 1992 die Solidarität verweigerte. Als dort die ersten
Barrikaden des Bosnienkrieges gebaut wurden, verließ Kusturica seinen
zweiten Wohnsitz Paris – und flog nach Belgrad.

In der Hauptstadt Serbiens [h p://www.zeit.de/thema/serbien] machte er auf


Miloševićs Regime-Fernsehsender RTS seine Sicht der bosnischen Tragödie
öffentlich: Bosniens Muslime seien nicht wirklich für eine multikulturelle
Gesellschaft. Nicht die Serben, sondern die Muslime hätten sich als Erste mit
Waffen versorgt. Zudem vergäßen alle, die die Serben für das blutige Ende
Jugoslawiens verantwortlich machten, die Leiden dieses Volkes im Zweiten
Weltkrieg.

Die Belagerung der bosnischen Städte, die Vertreibung und Ermordung der
Muslime: eine Reaktion auf über vier Jahrzehnte zuvor erlittenes serbisches
Leid? Kusturicas Ansichten ähneln nicht nur an dieser Stelle denen Milošević-
Serbiens in den neunziger Jahren – für die heute die serbische extreme Rechte
einsteht. Zudem teilt er die Ansicht der serbischen Nationalisten, dass der
Westen und besonders die EU zutiefst antiserbisch seien: "Wenn es nach
Europa ginge", sagt er, "dann wären 99 Prozent dafür, dass alle Serben nach
Russland ausgesiedelt werden."

Serbe zu sein ist für Nemanja Kusturica – wie Emir seit seiner orthodoxen Taufe
2005 heißt – zentraler Bestandteil seines Selbstverständnisses. Ungeachtet des
erklärten Atheismus seiner Eltern ist er sicher: "Die Kusturicas waren 250
Jahre lang Muslime – aber nur, um die Osmanen zu überleben." Er habe diesem
"sich zum Türken machen" (Balkan-Slawisch "poturciti se") seiner Familie nun
ein Ende gemacht – und sie nun in die orthodoxe Kirche heimgeführt.

Der klare Bruch mit den "Sünden" der Vorfahren findet Beifall: Am 21. Januar
dieses Jahres verlieh der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill, Emir
beziehungsweise Nemanja Kusturica in Moskau den Jahrespreis des
Internationalen Fonds der orthodoxen Völker – für seine "herausragende
Tätigkeit zur Festigung der Einheit Orthodoxie". Dazu gehört auch Kusturicas
aktiver Einsatz gegen die Unabhängigkeit des Kosovos. Und so war Kusturica
im Februar 2008 einer der Hauptredner auf einer Massendemonstration in
Belgrad.

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Auf dem Platz der Republik im Zentrum der Stadt brüllte er den Zehntausenden
versammelten Ewiggestrigen und nationalistischen Ultras durch eine Wand
von Mikrofonen zu: "Zu welchem Mythos gehören wir? Zum Kosovo-Mythos!"
Wenn die Masse nach solchen Worten minutenlang im kollektiven Rausch
"Emire – Srbine!" ("Emir – Serbe!") skandiert, wenn Tausende Teilnehmer nach
der Demonstration westliche Botschaften mit Brandsätzen und Steinen
angreifen, dann wird klar, warum so viele Menschen im wirtschaftlich
desolaten Serbien immer noch auf den Nationalismus hereinfallen. Und welche
Rolle Prominente wie Kusturica dabei spielen.

 
Nicht nur wenn ihn weltberühmte Freunde wie Johnny Depp oder Maradona
besuchen, ist Emir Kusturica Dauerthema in den serbischen Medien. Er ist ein
Vorbild. Was er sagt, wird gehört, diskutiert, ernst genommen. Und diese Rolle
nutzt der Regisseur und Musiker, um seine nationalistischen Ansichten zu
verbreiten. Zum Beispiel, indem er den russischen Maler Andrej Budajew
fördert und sich in Ausstellungskatalogen gemeinsam mit ihm ablichten lässt.
Auf dessen Bildern wird Kusturicas großserbisches Weltbild schlagend sichtbar:
Da steht Ex-Serbenführer Karadžić [h p://www.zeit.de/thema/radovan-
karad%C5%BEi%C4%87] mit traurigem Blick und mit Handschellen gefesselten
Händen – ein Held, der sich für die Orthodoxie opfert. Ebenso gut weg kommen
Milošević und der nach wie vor vom Kriegsverbrechertribunal gesuchte Ex-
Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladić. Deren Feinde sind westliche
Politiker wie Madeleine Albright, George und George W. Bush und oder Javier
Solana – eine auf Budajews Bildern in Naziuniformen und blutige Metzgerkittel
gekleidete Bande, die nur ein Ziel kennt: Serbien zu zerteilen.

Budajews Werke kann man in Kusturicas Ethno-Dorf Drvengrad ("Holzstadt")


bestaunen. Der Regisseur hat die Siedlung im Westen Serbiens für die
Dreharbeiten zu Das Leben ist ein Wunder bauen lassen. Schon seit den Zeiten
Miloševićs war Kusturica Direktor des sein Dorf umgebenden Nationalparks
Mokra Gora ("Nasse Höhe"). Kusturica ist der einzige Arbeitgeber in der
Umgebung. Mittlerweile lebt er die meiste Zeit in dem im Volksmund
"Kustendorf " genannten Ort. Er betreibt eine Filmschule, alljährlich findet –
unter Schirmherrschaft des serbischen Kulturministeriums – das International
Kustendorf Film Festival statt.

"Ich habe hier einen Lebensraum aus dem Mittelalter erstehen lassen", sagt
Kusturica dem Fernsehsender Arte, "eine Art Zitadelle, hinter deren Mauern die
Menschen Zuflucht finden. Denn ich glaube, man muss sich heute in Enklaven
vor der drohenden Katastrophe schützen." Vor welcher Katastrophe?
Tatsächlich erinnert Drvengrad eher an einen Vergnügungspark. So empfinden
es auch die Busladungen von Schulkindern, die täglich aus allen Teilen Serbiens
nach Kustendorf gekarrt werden.

Dort wird ihnen im lokalen Kino, einer – serbisch-orthodoxen – Holzkirche, den


– serbischen – Restaurants, Geschäften und Ständen mit – serbischen – Waren
auf lockere Weise das Weltbild der serbischen extremen Rechten
nähergebracht. Dazu läuft die aus Kusturicas Ethno-Filmen und vom No
Smoking Orkestra bekannte "Zigeunermusik". Im Gegensatz zu ihren
ungarischen oder rumänischen Pendants sind die serbischen Ultrarechten
keine Antiziganisten. Roma dürfen bei ihnen durchaus mitmachen – sofern sie
dem serbischen Zigeuner-Stereotyp entsprechen. Also: orthodox und Musiker
sind.

Als Schüler, Studenten, Lehrer, kurz: normale Angehörige der Gesellschaft


dagegen haben "cigani" bei den serbischen Nationalisten so wenig zu melden
wie in Kusturicas Filmen. Das widerspräche wohl ihrer Natur, über die der
Regisseur im Interview dem deutschen Magazin Novo sagt: "Zigeuner
überleben wie Insekten, nach dem Prinzip der Selektion aufgrund von Farb-
und Formschönheit ihrer Flügel."

Ist das Rassismus? Fragen wie diese schätzt Kusturica nicht. Sein ruppiger
Umgang mit Kritikern ist berüchtigt. Im Herbst vergangenen Jahres ließ er ein
kroatisches TV-Team aus Kustendorf hinauswerfen. Die Journalisten hatten auf
einer Aussage zum Verhältnis zu Milošević beharrt.

Hatte Kusturica nicht der New York Times einmal einen denkwürdigen Satz
gesagt? "Ich halte nichts von Demokratie. Wenn ich schon eine eigene Stadt
habe, dann kann ich mir auch die Bürger aussuchen."

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