You are on page 1of 119

ISSN 0007–3121

DER BÜRGER IM STA AT

DER BÜRGER IM STAAT IM INTERNET 4–2015


Aktuelle, ältere und vergriffene Hefte zum kostenlosen Herunterladen: www.buergerimstaat.de

BESTELLUNGEN
Alle Veröffentlichungen der Landeszentrale (Zeitschriften auch in Klassensätzen)
können schriftlich bestellt werden: Landeszentrale für politische Bildung, Marketing,
Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart, Telefax 07 11/16 40 99-77
marketing@lpb.bwl.de oder im Webshop: www.lpb-bw.de/shop

FORDERN SIE UNSERE VERZEICHNISSE AN


oder orientieren Sie sich im Internet unter lpb-bw.de.
Wenn Sie nur kostenlose Titel mit einem Gewicht unter 0,5 kg bestellen,
fallen für Sie keine Versandkosten an. Für Sendungen über 0,5 kg sowie bei
Lieferungen kostenpfl ichtiger Produkte werden Versandkosten berechnet.

www.lpb-bw.de
Fünf Jahre Grün-Rot

11000032015
11000012015

BiS2015_04_ums.indd u4-u1 11.01.16 11:04


DER BÜRGER IM STA AT LANDESZENTR ALE FÜR POLITISCHE
INHALT BILDUNG BADEN-WÜRT TEMBERG
Siegfried Frech/Klaus Detterbeck 172
Rückblick: Der Machtwechsel 2011
Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart
und die politische Bilanz von Grün-Rot 172 Telefon 0711/164099-0, Service -66, Fax -77
Klaus Detterbeck 179 lpb@lpb-bw.de, www.lpb-bw.de
Politikwechsel in Baden-Württemberg?
Zum Handlungsspielraum von Landesregierungen Direktor: Lothar Frick -60 Schule und Bildung/Integration und Migration:
im verflochtenen Bundesstaat 179 Büro des Direktors: Robert Feil -139
Sabina Wilhelm -62 Internationale Politik und Friedenssicherung/
Helmar Schöne/Stefan Immerfall 186 Stellvertretender Direktor: Karl-Ulrich Templ -40 Integration und Migration: Wolfgang Hesse -140
Grün-Rote Bildungspolitik in Baden-Württemberg 186 Europa – Einheit und Vielfalt: Thomas Schinkel -147
Stabstellen Hausmanagement: Julia Telegin -109
HEFT 4–2015 Renate Allgöwer 195
Kommunikation und Marketing
65. JAHRGANG Wissenschafts- und Hochschulpolitik 195
ISSN 0007-3121
Leiter: Werner Fichter -63 Außenstellen
Rüdiger Soldt 203 Daniel Henrich -64 Regionale Arbeit
Die Innen- und Rechtspolitik der grün-roten Regierung 203 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler/
Extremismusprävention Veranstaltungen für den Schulbereich
„Der Bürger im Staat” wird von der Landeszentrale Felix Hörisch 207 Leiter: Felix Steinbrenner -81
für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben.
Die Finanz- und Wirtschaftspolitik der ersten Team meX: Stefanie Beck -82 Außenstelle Freiburg
DIREKTOR DER LANDESZENTRALE grün-roten Landesregierung 207 Assistentin: Sheena Anderson -86 Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg
Lothar Frick Telefon: 0761/20773-0, Fax -99
Sandra Kostner 214 Abteilung Zentraler Service Leiter: Dr. Michael Wehner -77
REDAKTION Integrationspolitik: Neuausrichtung und/oder Kontinuität? 214 Abteilungsleiter: Kai-Uwe Hecht -10 Thomas Waldvogel -33
Prof. Siegfried Frech, siegfried.frech@lpb.bwl.de Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer -12
Hans Gebhardt 223 Personal: Sabrina Gogel -13 Außenstelle Heidelberg
REDAKTIONSASSISTENZ
Verkehr und Energie in Baden-Württemberg 223 Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich -14 Plöck 22, 69117 Heidelberg
Barbara Bollinger, barbara.bollinger@lpb.bwl.de
Klaudia Saupe -49 Telefon: 06221/6078-0, Fax -22
Martin Große Hüttmann 231
ANSCHRIFT DER REDAKTION Siegfried Kloske, Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-137 Leiter: Wolfgang Berger -14
Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Eine Bilanz der Europapolitik der Robby Geyer -13
Telefon 07 11/16 40 99-44, Fax 0711/16 40 99-77 grün-roten Landesregierung 231 Abteilung Demokratisches Engagement
Abteilungsleiterin/Gedenkstättenarbeit*: Sibylle Thelen -30 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler/
HERSTELLUNG Matthias Fatke 240
Landeskunde und Landespolitik*: Dr. Iris Häuser -20 Veranstaltungen für den Schulbereich
Schwabenverlag Media der Schwabenverlag AG Die Politik des Gehörtwerdens 240
Senefelderstraße 12, 73760 Ostfi ldern-Ruit Jugend und Politik*: Angelika Barth -22 Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Telefon 07 11/44 06-0, Fax 07 11/44 06-174 Ulrich Eith 248 Schülerwettbewerb des Landtags*: Monika Greiner/ -25 Thomas Franke -83
Baden-Württembergs Parteiensystem im Wandel 248 Stefanie Hofer -26
GESTALTUNG TITEL Frauen und Politik: Beate Dörr/Sabine Keitel -29/ -32
Bertron.Schwarz.Frey, Gruppe für Gestaltung, Ulm
Stefan Hupka 256 Freiwilliges Ökologisches Jahr*: Steffen Vogel -35 * Paulinenstraße 44-46, 70178 Stuttgart
GESTALTUNG INNENTEIL Die Spitzenkandidaten der Landtagswahl 2016 und Alexander Werwein-Bagemühl -36 Fax: 0711/164099-55
Schwabenverlag Media ihre Parteien 256 Stefan Paller, Sarah Mann -37/ -34
der Schwabenverlag AG
Dieter Roth 262 Abteilung Medien und Methoden
VERTRIEB Landtagswahl 2016: Prognosen und Szenarien 262 Abteilungsleiter/Neue Medien: Karl-Ulrich Templ -40
Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm
Politik & Unterricht/Schriften zur politischen Landes-
Nicolaus-Otto-Straße 14, 89079 Ulm Buchbesprechungen 274 kunde Baden-Württembergs: Prof. Dr. Reinhold Weber -42
Telefon 07 31/94 57-0, Fax 0731/94 57-224 LpB-Shops/Publikationsausgaben
www.suedvg.de Deutschland & Europa: Jürgen Kalb -43
Der Bürger im Staat/Didaktische Reihe:
Bad Urach Hanner Steige 1, Telefon 07125/152-0
Preis der Einzelnummer 3,33 EUR. Prof. Siegfried Frech -44
Jahresabonnement 12,80 EUR Abbuchung. Montag bis Freitag
Unterrichtsmedien: Michael Lebisch -47
8.00–12.00 Uhr und 13.00–16.30 Uhr
E-Learning: Sabine Keitel -32
Bitte geben Sie bei jedem Schriftwechsel mit
dem Verlag Ihre auf der Adresse aufgedruckte
Internet-Redaktion: Wolfgang Herterich -14 Freiburg Bertoldstraße 55, Telefon 0761/20773-0
Kundennummer an. Klaudia Saupe/Kata Kottra -49/ -48 Dienstag und Donnerstag 9.00–17.00 Uhr
Politische Bildung Online: Jeanette Reusch-Mlynárik,
Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-136 Heidelberg Plöck 22, Telefon 06221/6078-0
unbedingt die Meinung des Herausgebers und
Dienstag 9.00–15.00 Uhr
der Redaktion wieder.
Abteilung Haus auf der Alb Mittwoch und Donnerstag 13.00–17.00 Uhr
Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte
Tagungszentrum Haus auf der Alb,
übernimmt die Redaktion keine Haftung. Hanner Steige 1, 72574 Bad Urach Stuttgart Stafflenbergstraße 38,
Telefon 07125/152-0, Fax -100 Telefon 0711/164099-66
Nachdruck oder Vervielfältigung auf elektronischen Daten- THEMA IM FOLGEHEFT www.hausaufderalb.de Mittwoch 14.00–17.00 Uhr
trägern sowie Einspeisung in Datennetze nur
mit Genehmigung der Redaktion.
Inklusion Abteilungsleiter/Gesellschaft und Politik: Newsletter „einblick“
Dr. Markus Hug -146 anfordern unter www.lpb-bw.de

BiS2015_04_ums.indd u2-u3 11.01.16 11:04


Der grün-rote Koalitionsvertrag wurde 2011 mit „Der Wechsel beginnt“ überschrieben. Das Heft „Fünf Jahre Grün-Rot“
fokussiert die Frage, ob mit dem Regierungswechsel nach der Landtagswahl im Jahr 2011 auch ein Politikwechsel in Baden-
Württemberg verbunden war bzw. ist. picture alliance/dpa

169

BiS2015_04_umbr.indd 169 11.01.16 11:04


Fünf Jahre Grün-Rot
Der Machtwechsel 2011 markierte in der Politik Baden- sentlich ums Geld gedreht. Das „Meisterstück“ der Wissen-
Württembergs eine Zäsur. Am 27. März 2011 wurde Winfried schaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) – so die Sicht der
Kretschmann Ministerpräsident einer grün-roten Koalition – Autorin Renate Allgöwer – ist ein Hochschulfinanzierungsver-
der erste grüne Regierungschef eines Bundeslandes in trag, der beispielgebend für andere Bundesländer wirken
Deutschland überhaupt. Die 58 Jahre andauernde „natürli- könnte. Dahinter tritt die zweite Großtat der Legislaturperi-
che“ politische Dominanz der CDU in Baden-Württemberg ode, die Novellierung des Landeshochschulgesetzes, weit in
ging damit zu Ende. Dieser Machtwechsel wirft mehrere Fra- den Schatten. Renate Allgöwer erörtert den Hochschulfinan-
gen auf: Was entschied die Wahl? Wie lässt sich der Stim- zierungsvertrag und dessen finanzielle Eckpunkte sowie die
menverlust der CDU von immerhin 5,2 Prozentpunkten erklä- Novellierung des Landeshochschulgesetzes im Detail.
ren? Warum konnten die Grünen ihren Stimmenanteil von Rüdiger Soldt bilanziert die Innen- und Justizpolitik. Dabei
2006 mehr als verdoppeln? Haben sich langfristige Entwick- nimmt er im Bereich der Innenpolitik die Polizeireform und die
lungen in der Parteienlandschaft und im Wahlverhalten be- Kontroversen um den NSU-Untersuchungsausschuss in den
merkbar gemacht? Waren kontroverse politische Themen und Blick. Die 2012 zügig in Angriff genommene Polizeireform
aktuelle Ereignisse im Vorfeld der Landtagswahl wahlent- sollte wieder mehr Polizisten auf die Straße bringen und leis-
scheidend? Welche Rolle spielten die Spitzenkandidaten? tungsstarke Polizeipräsidien für die Region schaffen. Kritik
Klaus Detterbeck und Siegfried Frech skizzieren im einleiten- entzündete sich am Zuschnitt einzelner Präsidien und den zum
den Beitrag rückblickend die Landtagswahl 2011 und blicken Teil langen Anfahrtswegen für Polizeiaufgaben. Für politische
nach vorne auf die Landtagswahl 2016. Kontroversen sorgten nicht nur die zögerliche Einrichtung des
Im Zentrum des Heftes steht die Frage, ob mit dem Macht- NSU-Untersuchungsausschusses, sondern auch die aufge-
wechsel nach der Landtagswahl im Jahr 2011 auch ein Politik- deckten Ermittlungspannen und Fälle von Behördenversagen.
wechsel in Baden-Württemberg verbunden war bzw. ist. Im Bereich der Justizpolitik waren größere Reformen von An-
Wenn man die Handlungsspielräume einer amtierenden Lan- fang an nicht geplant. Rückgängig gemacht wurden Privati-
desregierung im verflochtenen deutschen Bundesstaat ange- sierungen (z. B. bei der Bewährungshilfe). Justizminister Sti-
messen einschätzen will, bedarf es der Betrachtung mehrerer ckelberger geriet Ende 2014 aufgrund mehrerer Todesfälle
theoretischer Parameter. Klaus Detterbeck erläutert zunächst von Häftlingen in Vollzugsanstalten in die Kritik. Aufgrund die-
die Theorie der Parteiendifferenz. Die Parteidifferenz-These ser Vorfälle wurde eine Expertenkommission eingesetzt, die
sieht in der programmatischen Färbung einer (Landes-)Regie- inzwischen Verbesserungsvorschläge vorgelegt hat.
rung den zentralen Faktor für politische Entscheidungen. Wei- Verantwortliche in Baden-Württembergs Wirtschaft blickten
tere Bestimmungsgrößen für die Chancen auf einen Politik- nach dem Wahlsieg von Grün-Rot gespannt auf die wirt-
wechsel sind die institutionellen Rahmenbedingungen, die die schaftspolitischen Weichenstellungen der neuen Landesre-
politischen Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussen. Im Einzel- gierung. Nach ersten Verunsicherungen wurde bald offen-
nen werden hier die Vetospieler-Theorie und der institutio- kundig, dass sich Wahlprogramme durchaus von der Regie-
nelle Ansatz der Pfadabhängigkeit skizziert. Entscheidend ist rungspraxis unterscheiden können. Um die Finanz- und
aber vor allem der Handlungsspielraum der Landesregierun- Wirtschaftspolitik der grün-roten Landesregierung beurteilen
gen im verflochtenen deutschen Bundesstaat, d. h. wie die Ar- zu können, sind mehrere Schritte notwendig: Zunächst bedarf
beitsteilung zwischen Bund und Ländern definiert ist. Die Aus- es einer Analyse der Aussagen in den Wahlprogrammen an-
gestaltung dieses Spielraums wiederum hängt vom strategi- lässlich der Landtagswahl 2011. Nimmt man sodann den Koa-
schen Geschick der Akteure, von den Problemstellungen litionsvertrag in den Blick, wird deutlich, welche programma-
sowie den aktuellen Umständen ab. tischen Schwerpunkte in den Koalitionsverhandlungen Be-
Das föderalistische Prinzip garantiert den Ländern im Bil- stand hatten. Erst anhand dieser Messlatte können die
dungsbereich eine weitgehende Autonomie und Gestaltungs- tatsächlich realisierten Reformen beurteilt werden. Diese Be-
freiheit. Deshalb ist Bildungspolitik für Landesregierungen ein wertung muss weitere ökonomische Faktoren einbeziehen: die
Kerngeschäft. Häufig entwickeln neu gewählte Regierungen wirtschaftliche Lage, die Entwicklung der Konjunktur sowie
ein anderes bildungspolitisches Profil als ihre Vorgängerre- das wirtschaftspolitische Umfeld. Felix Hörisch kommt nach
gierungen. Ein besonderes Gewicht erhält das Politikfeld Bil- seiner Analyse der grün-roten Finanz- und Wirtschaftspolitik
dung auch durch das vergleichsweise große öffentliche Inter- zu dem Fazit, dass es trotz eines Regierungswechsels nicht zu
esse am Thema. Mitunter können bildungspolitische Kontro- einem radikalen Politikwechsel gekommen ist.
versen sogar wahlentscheidend sein. Helmar Schöne und Das 2011 neu geschaffene und bundesweit erste Ministerium
Stefan Immerfall skizzieren die bildungspolitischen Eckpunkte für Integration wurde von der grün-roten Landesregierung
und Leitgedanken des grün-roten Koalitionsvertrags, porträ- eingerichtet, um Integrationshemmnisse zu verringern. Die ge-
tieren die verantwortlichen Akteure des Politikfeldes und be- genwärtige Legislaturperiode war von Kontroversen um die
leuchten die zentralen bildungspolitischen Reformfelder. Da- Notwendigkeit und den Nutzen des Integrationsministeriums
bei werden die Abschaffung der Grundschulempfehlung, die gekennzeichnet. In diesen Debatten spiegeln sich Unsicher-
Bildungsplanreform, die Umsetzung von Inklusion und schließ- heiten wider, die das dynamische und alle Lebensbereiche
lich die begonnene Strukturreform des Schulwesens in den berührende Politikfeld Integration charakterisieren. Sandra
Blick genommen. Kostner geht in ihrem Beitrag mehreren Fragen nach: Gibt es
Die grün-rote Landesregierung hat so viele Studierende zu Kontinuitäten zur Integrationspolitik der schwarz-gelben Vor-
versorgen wie keine Regierung vor ihr. Dieser Aufgabe ver- gängerregierungen oder hat sich das Integrationsverständnis
sucht die Wissenschaftspolitik gerecht zu werden, indem sie gewandelt? Hat die grün-rote Landesregierung einen pro-
Hochschulen mehr Autonomie und eine solide Finanzierung grammatischen Wechsel in der Integrationspolitik vollzogen?
gewähren will. Die Hochschulpolitik von Grün-Rot hat sich we- Hat sich dies in konkreten Gesetzen, Initiativen und Maßnah-

170

BiS2015_04_umbr.indd 170 11.01.16 11:04


men niedergeschlagen? Ist es gelungen, integrationspoliti- rinnen und Bürger empirisch zu belegen? Bewirkt ein Mehr an
sche Maßnahmen zu bündeln und wirksam zu gestalten? Bürgerbeteiligung höheres politisches Vertrauen und letztlich
Wurde die Teilhabegerechtigkeit für Menschen mit Migrati- größere Zufriedenheit mit der Demokratie?
onshintergrund erhöht oder betrieb das Integrationsministe- Das Parteiensystem Baden-Württembergs ist im Umbruch. Ul-
rium lediglich symbolische Politik? rich Eith zeichnet in seinem Beitrag mit dem analytischen Inst-
Von einer grün-roten Landesregierung erwartet man eine rumentarium der Parteien- und Wahlforschung die Entwick-
nachhaltige Verkehrs- und Energiepolitik. Hans Gebhardt lung des baden-württembergischen Parteiensystems nach.
zieht in seinem Beitrag eine Zwischenbilanz der Verkehrs- und Politische Kultur, Wählerverhalten und Parteiensystem lassen
Energiepolitik aus geographischer Sicht. Dabei werden zu- sich im zeitgeschichtlichen Längsschnitt mit der Entwicklung
nächst die jüngsten Entwicklungen der verschiedenen Ver- der Wirtschafts- und Siedlungsstrukturen aber auch mit der
kehrsträger und die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur Konfessionsstruktur des Südwestens erklären. Die Analyse
in den Blick genommen. Deutlich wird, dass die verkehrsgeo- dieser Faktoren und der Blick auf die Veränderungen der Zu-
graphische Lage Baden-Württembergs und die Pfadabhän- sammenhänge zwischen Sozialstruktur und Wählerverhalten
gigkeit langfristiger Verkehrsprojekte die Steuerungsmöglich- in den letzten drei Jahrzehnten tragen wesentlich zum Ver-
keiten im Bereich des Verkehrs beschränken. Auch in der Ener- ständnis der aktuellen Konstellation des baden-württember-
giepolitik sind die Handlungsspielräume auf der europäischen, gischen Parteiensystems bei. Ulrich Eith fokussiert mehrere
nationalen und lokalen Ebene je unterschiedlich. Am Beispiel Fragen: Welche Entwicklungslinien des parteipolitischen
der Windenergiegewinnung wird aufgezeigt, inwiefern eine Wettbewerbs lassen sich für Baden-Württemberg identifizie-
am Nachhaltigkeitsgedanken orientierte Politik überhaupt ren? Wie lässt sich die langjährige dominierende Stellung der
machbar ist. Bei Vorhaben im Bereich der regenerativen Ener- CDU erklären? Was entschied den Umbruch 2011? Und
gie und bei Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen zeigt sich, dass schließlich: Wie lässt sich die aktuelle Umbruchsituation –
die Probleme im Detail stecken: Landschaftsveränderungen, auch mit Blick auf die Landtagswahl 2016 – einschätzen?
Flächenverbrauch und Fragen der standortgerechten Pla- Demokratie, das ist das Spannende an ihr, mischt die Karten
nung verlangen eine räumlich differenzierte Planung mit Au- immer wieder neu – und manchmal auch die Mitspieler: Das
genmaß, um Interessenkonflikte zwischen Gegnern und Be- Quartett von Spitzenkandidaten, das die Baden-Württem-
fürwortern zu minimieren. berger auf den Wahlplakaten sehen, hat es so noch nicht ge-
Die geographische Lage und vor allem die wirtschaftliche geben bei den vier im Landtag etablierten Parteien, um die es
Verflechtung innerhalb Europas sind die Hauptgründe für die in dem Beitrag von Stefan Hupka geht. Zwei der vier Mitspie-
konsequent verfolgte Europapolitik Baden-Württembergs. ler geben ihr Debüt, Guido Wolf und Hans-Ulrich Rülke; auch
Die grün-rote Koalition hat 2011 die Europapolitik der frühe- ihre Parteien haben neue Rollen: CDU und FDP müssen erst-
ren Landesregierungen, die sich schon in den 1990er Jahren mals seit langer Zeit bei einer Landtagswahl aus der Opposi-
den Herausforderungen der Europäisierung gestellt haben, tion angreifen. Zwei weitere Mitspieler sind zwar alte Be-
fortgesetzt. Martin Große Hüttmann skizziert die historische kannte, Winfried Kretschmann und Nils Schmid, aber auch sie
Entwicklung der baden-württembergischen Europapolitik. Er und ihre Parteien haben einen neuen Part: Sie treten an, die
beschreibt frühere und aktuelle Projekte sowie neuere politi- erste grün-rote Regierungskoalition der Republik zu verteidi-
sche Akzentsetzungen. So wird am Beispiel der Donauraum- gen. Und nur einer der vier Spitzenkandidaten ist zugleich
strategie aufgezeigt, wie sich die politischen und wirtschaftli- auch Landeschef seiner Partei – der von der SPD. Das Personal
chen Interessen Baden-Württembergs mit der „großen“ Euro- am Spieltisch – eine Nahaufnahme.
papolitik verknüpfen lassen. Grün-Rot hat in diesem Politikfeld Dieter Roth warnt mit Blick auf die Landtagswahl 2016 vor
auf Kontinuität gesetzt, aber etwa durch die Fokussierung der allzu schnellen Prognosen. Er geht in seinem Beitrag zwei Fra-
Klima- und Umweltpolitik oder durch Anstrengungen, die „Po- gen nach: Welche Parteien werden in welcher Stärke wohl im
litik des Gehörtwerdens“ zu europäisieren, neue Akzente ge- neuen Parlament nach der Landtagswahl 2016 vertreten sein?
setzt. Nicht zuletzt hat Ministerpräsident Kretschmann ange- Welche Koalitionen sind möglich und wahrscheinlich? Um
sichts der aktuellen Fluchtmigration eine eindeutige Position diese Fragen beantworten zu können, wirft Dieter Roth zu-
bezogen und eine europäische Lösung gefordert. nächst einen Blick auf die strukturellen Gegebenheiten der im
Der nach dem Regierungswechsel initiierte Volksentscheid Landtag vertretenen Parteien sowie auf die Sozialstruktur ih-
über den Ausstieg aus der Projektfinanzierung beim Infra- rer Wählerschaft. Mehr als die Sozialstruktur der Wähler-
strukturprojekt Stuttgart 21 war der Auftakt der „Politik des schaft werden aber die Bilanz der grün-roten Landesre-
Gehörtwerdens“. Die grün-rote Landesregierung trat 2011 mit gierung, die Bewertung der Spitzenkandidaten und deren
dem Versprechen an, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen Positionierung zu zentralen und aktuellen Themen (z. B. Flucht-
und Baden-Württemberg zum Musterland der Bürgerbeteili- migration, Bildungspolitik) bei den Wählerinnen und Wäh-
gung zu machen. Nicht zuletzt die Einrichtung einer Stabs- lern ins Gewicht fallen. Abschließend wägt Dieter Roth mit der
stelle für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung beim Staats- gebotenen Vorsicht des Wahlforschers mögliche Regierungs-
ministerium war ein Beleg für diese ernsthafte Absicht. Mat- konstellationen ab.
thias Fatke geht in seinem Beitrag mehreren Fragen nach: Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich ge-
Inwiefern wurde unter der grün-roten Regierung tatsächlich dankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die mit der
eine Politik des Gehörtwerdens implementiert und praktiziert? notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt und mit großer Um-
Warum bauen Regierungen überhaupt direktdemokratische sicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht zuletzt dem
Mitspracherechte aus und schränken damit die Macht der Re- Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die stets gute und
präsentativorgane ein? Sind die mit direktdemokratischen In- effiziente Zusammenarbeit.
strumenten verbundenen Hoffnungen auf engagierte Bürge- Siegfried Frech

171

BiS2015_04_umbr.indd 171 11.01.16 11:04


DIE LANDTAGSWAHL 2011

Rückblick: Der Machtwechsel 2011


und die politische Bilanz von Grün-Rot
Siegfried Frech/Klaus Detterbeck

heit regierte oder Koalitionen mit der SPD (1992–1996) und


Der Machtwechsel 2011 markierte in der Politik Baden- ansonsten mit der FDP/DVP einging (vgl. Münnich-Mück/
Württembergs eine Zäsur. Am 27. März 2011 wurde Win- Weber 2011). In den 1970er Jahren gelang der CDU der
fried Kretschmann Ministerpräsident einer grün-roten Durchbruch zur „Landespartei“. In der 6. Wahlperiode er-
Koalition – der erste grüne Regierungschef eines Bundes- reichte sie 1972 mit 52,9 Prozent der Stimmen (und 65 von
landes in Deutschland überhaupt. Die 58 Jahre andau- 120 Sitzen im Landtag) die absolute Mehrheit. Ausschlag-
ernde „natürliche“ politische Dominanz der CDU in Ba- gebend war 1972 nicht zuletzt die politische Großwetter-
den-Württemberg ging damit spektakulär zu Ende. Der lage, d. h. die Mehrheit der Bevölkerung Baden-Würt tem-
Machtwechsel des Jahres 2011 wirft mehrere Fragen auf: bergs war gegen die 1969 an die Macht gekommene sozi-
Was entschied die Wahl? Wie lässt sich der Stimmenver- alliberale Koalition in Bonn eingestellt. Im Südwesten sollte
lust der CDU von immerhin 5,2 Prozentpunkten erklären? die CDU diese Mehrheit noch weitere zehn Jahre lang ver-
Warum konnten die Grünen ihren Stimmenanteil von teidigen. Lothar Späth, langjähriger Fraktionsvorsitzen der
2006 mehr als verdoppeln? Haben sich langfristige Ent- der CDU (1972–1978), „beerbte“ Filbinger 1978. Dieser
wicklungen in der Parteienlandschaft und im Wahlverhal- hatte seinen Rücktritt erklärt, nachdem ihn seine Vergan-
ten bemerkbar gemacht? Waren kontroverse politische genheit als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg eingeholt
Themen im Vorfeld der Landtagswahl wahlentscheidend? hatte. Späth hatte insgesamt vier Legislaturperioden das
Wie haben sich aktuelle Ereignisse ausgewirkt? Welche Amt des Ministerpräsidenten inne (1978–1980; 1980–
Rolle spielten die Spitzenkandidaten? Und schließlich: 1984; 1984–1988; 1988–1991). 1991 wurde ihm schließlich
Wie erklärt sich die entgegen aller Trends gestiegene ein allzu enges Verhältnis zu Wirtschaftseliten zum Ver-
Wahlbeteiligung? Klaus Detterbeck und Siegfried Frech hängnis: Als die „Maultaschen-Connection“ – so ein
skizzieren im einleitenden Beitrag rückblickend die Land- Schlagwort jener Zeit – ruchbar wurde, trat auch er zurück.
tagswahl 2011. Sie werfen, kurz vor Ablauf der (ersten?) Erwin Teufel amtierte die noch verbleibende Zeit der 10.
Amtsperiode von Grün-Rot, die Frage auf, in welcher Wahlperiode (1991–1992) als Ministerpräsident und koa-
Weise der Machtwechsel zu einem Politikwechsel in Ba- lierte nach der Landtagswahl 1992 mit der SPD. Von 1996
den-Württemberg geführt hat, und blicken nach vorne auf bis 2011 amtierte eine Regierungskoalition aus CDU und
die anstehende Landtagswahl 2016. FDP/DVP.
Bis in die 1980er Jahre waren für die Parteienlandschaft
Baden-Württembergs somit die gleichsam „natürliche“ Do-
minanz der CDU, die relative Schwäche der SPD und eine
Die Landtagswahl 2011 veränderte die starke liberale FDP charakteristisch.1 Der SPD gelang es zu
politische Kräfteverteilung keinem Zeitpunkt, die Machtstellung der CDU zu gefährden.
Über Jahrzehnte hinweg konnten Baden-Württembergs So-
Landtagswahlen und Europawahlen nehmen im Mehrebe- zialdemokraten dabei gut ein Drittel der Wählerstimmen
nensystem der Bundesrepublik Deutschland den Rang von verbuchen. In den 1990er Jahren jedoch näherte sich der
„Nebenwahlen“ ein, d. h. neben regionalen oder europäi- Stimmengewinn eher einem Viertel an. Bei der Bundestags-
schen Themen können auch die Einstellungen der Wählerin- wahl 2009 erlebte die SPD auf Landesebene mit einem
nen und Wähler zur aktuellen Bundespolitik für den Wahl- Wahlergebnis von nur 19,3 Prozent ein Desaster. In der Folge
ausgang entscheidend sein. Die Ergebnisse von Landeswah- versuchte sich die Partei in programmatischer wie auch in
len erklären sich so aus einer jeweils spezifischen Mischung personeller Hinsicht neu zu positionieren (vgl. Weber 2010:
aus landespolitischen Einflüssen und bundespolitischer 123 ff., 2011: 109 ff.). Für die FDP war Baden-Württemberg
Stimmung (vgl. Decker/Best 2014; Burkhard 2007). Die von den 1950er Jahren bis zur Landtagswahl 2011 das
baden-württembergische „Nebenwahl“ im Frühjahr 2011 Stammland schlechthin. Die Grünen konnten sich nach der
endete mit einem Paukenschlag, der die parteipolitische Gründung des Landesverbandes 1979 in Sindelfingen im
Kräfteverteilung veränderte. Die Abwahl der CDU-FDP-Re- Südwesten dauerhaft als ernstzunehmende politische Kraft
gierungskoalition am 27. März 2011 war eine Zäsur in der etablieren (vgl. Schlauch/Weber 2015). Bereits 1980 erhiel-
Politik und der Geschichte des Landes Baden-Württemberg. ten sie bei der Landtagswahl 5,3 Prozent der Wählerstim-
Die CDU verlor ihren „natürlichen Platzvorteil“, der sie über men und zogen somit erstmalig in den baden-württembergi-
58 Jahre hinweg in die Lage versetzte, unangefochten zu schen Landtag ein (vgl. Gabriel/Bauknecht 2011). Dass die
regieren (vgl. Münnich-Mick/Weber 2011: 285ff.). Zum ers- Grünen in Baden-Württemberg eine ernstzunehmende poli-
ten Mal wurde ein Politiker der Grünen Ministerpräsident tische Größe geworden sind, zeigte sich, neben den kommu-
eines Landes der Bundesrepublik Deutschland. nalen Erfolgen in den größeren Städten des Landes (etwa
Seit der ersten Landtagswahl 1952 hatte sich die CDU in bei OB-Wahlen), bereits lange vor der Wahl 2011 in Gedan-
Baden-Württemberg als dominante Partei etabliert, die kenspielen über die Möglichkeit einer schwarz-grünen Koa-
mehrere Wahlperioden (1972–1992) mit absoluter Mehr- lition – trotz programmatischer Unterschiede.

172

BiS2015_04_umbr.indd 172 11.01.16 11:04


Baden-Württembergs stabile Parteienlandschaft sorgte RÜCKBLICK: DER MACHTWECHSEL 2011
lange Jahre für vorhersehbare Wahlergebnisse (vgl. Hin UND DIE POLITISCHE BILANZ VON GRÜN-ROT
2011: 163 ff.):

Tabelle 1: Ergebnisse der Landstagswahlen in Baden-Württemberg seit 1952


Wahl Beteiligung CDU SPD FDP Grüne Sonstige
09.03.1952 63,7 % 36,0 % 28,0 % 18,0 % - 18,0 %
04.03.1956 70,3 % 42,6 % 28,9 % 16,6 % - 11,9 %
15.05.1960 59,0 % 39,5 % 35,3 % 15,8 % - 9,4 %
26.04.1964 67,7 % 46,2 % 37,3 % 13,1 % - 3,5 %
28.04.1968 70,7 % 44,2 % 29,0 % 14,4 % - 12,4 %
23.04.1972 80,0 % 52,9 % 37,6 % 8,9 % - 0,6 %
04.04.1976 75,5 % 56,7 % 33,3 % 7,8 % - 2,2 %
16.03.1980 72,0 % 53,4 % 32,5 % 8,3 % 5,3 % 0,5 %
25.03.1984 71,2 % 51,9 % 32,4 % 7,2 % 8,0 % 0,5 %
20.03.1988 71,8 % 49,0 % 32,0 % 5,9 % 7,9 % 5,2 %
05.04.1992 70,1 % 39,6 % 29,4 % 5,9 % 9,5 % 15,7 %
24.03.1996 67,6 % 41,3 % 25,1 % 9,6 % 12,1 % 11,9 %
25.03.2001 62,6 % 44,8 % 33,3 % 8,1 % 7,7 % 6,1 %
26.03.2006 53,4 % 44,2 % 25,2 % 10,7 % 11,7 % 8,4 %
27.03.2011 66,3 % 39,0 % 23,1 % 5,3 % 24,2 % 8,4 %
Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg

Das Ergebnis der Wahl 2011 kehrte das in Tabelle 1 skiz- Machtverhältnisse im Frühjahr 2011 lässt sich mit langfristi-
zierte langjährige Machtverhältnis um: Die CDU konnte 39 gen Entwicklungen bzw. Rahmenbedingungen und kurz-
Prozent aller Stimmen verbuchen. Die SPD kam auf 23,1 fristigen Einflussfaktoren – d. h. politisch kontroversen The-
Prozent, ihr schlechtestes jemals in Baden-Württemberg men und einschneidenden Ereignissen im Vorfeld der
erreichtes Wahlergebnis bei einer Landtagswahl. Die Grü- Landtagswahl – erklären (vgl. Roth 2012).
nen überholten die SPD mit 24,2 Prozent. Die FDP hingegen
musste sich mit bescheidenen 5,3 Prozentpunkten zufrie-
den geben, d. h. das lange Zeit in Baden-Württemberg Warum verlieren die „alten“ Parteien Stimmenanteile?
gern gesehene liberale Korrektiv der FPD wurde offenbar
schlicht nicht mehr gebraucht. Die Erosion sozialer Milieus, die letztlich auch Kernmilieus
Die Interpretation des Wahlerfolgs ist unter Wahl- und der Union und der SPD tangiert, sowie Prozesse der Indivi-
Parteienforschern umstritten: Sind die baden-württember- dualisierung und Fragmentierung haben dazu geführt,
gischen Grünen letztlich „Fleisch vom Fleische der CDU“, dass die alten politischen Trennlinien (cleavages) an Ein-
d. h. Kinder eher konservativ-traditioneller Elternmilieus, deutigkeit verloren haben und durchlässig geworden sind
die wertkonservativ, ökologisch und christlich sozialisiert (vgl. Detterbeck 2011: 50ff.). Indem gesellschaftliche Kon-
wurden, bevor sie flügge geworden das Elternhaus verlie- fliktlinien an Brisanz verloren, nahmen die Bedeutung und
ßen? Oder ist diese biographische Annäherung nicht in Durchsetzungskraft von Parteien ab, deren Programmatik
der Lage, die Abkehr der Grünen von etablierten Politiksti- sich wesentlich aus eben diesen Konfliktlinien speiste (vgl.
len zu erklären? War Kretschmann – selbst im oberschwä- Detterbeck 2011a). Hinzu kommt, dass die beiden Vorfeld-
bischen Milieu – eine Alternative zur CDU und zu dem von organisationen der großen Volksparteien, die Kirchen für
Stefan Mappus praktizierten „Basta-Stil“ des Regierens? die Union und die Gewerkschaften für die SPD, an Binde-
Fanden manche Wählerinnen und Wähler die „gute alte kraft und Rückhalt in der Bevölkerung verloren haben (vgl.
Tante SPD“ einfach nicht mehr „sexy“ genug? Sind einst- Roth 2012: 111). Die Kernmilieus machen nur noch einen
mals sicher geglaubte Parteibindungen überhaupt noch Bruchteil der Wählerschaft aus. Dennoch bedienen sich
zuverlässig? War Stefan Mappus gar – angesichts katast- Union und SPD in Wahlkampfzeiten immer noch dieser
rophaler Stimmungswerte – ein völlig ungeeigneter Kandi- „Wurzeln“. Der Wertewandel hat ein Übriges getan. Hel-
dat? War es Fukushima oder war es der politisch dilettan- mut Klages beschreibt die Veränderungen im gesellschaft-
tische Umgang mit dem nuklearen Desaster? lichen Werte- und Normengefüge seit den 1980er Jahren
als eine Verschiebung von Pflicht- und Akzeptanzwerten
hin zu Freiheits- und Selbstentfaltungswerten (vgl. Klages
Welche Faktoren und Themen entschieden die Wahl? 2002). Der Wandel gesellschaftlicher Wertorientierungen
hat zwar zu einem Mehr an Pluralität geführt, sorgt aber für
Drei Ergebnisse der Landtagswahl 2011 sind auffallend schwindende Parteibindungen und damit für ein hohes
und erklärungsbedürftig: (1) Die dramatischen Verluste der Ausmaß elektoraler Volatilität (vgl. Detterbeck 2011: 46ff.).
„alten“ etablierten Parteien CDU, SPD und FDP, (2) die au- Die Volatilität der Wählerschaft und damit der Zwang der
ßerordentlich hohen Stimmengewinne der Grünen und (3) Volksparteien, sich der Wählerschaft aktiv zuwenden zu
die Steigerung der Wahlbeteiligung. Der Wandel der müssen, um Stimmen zu gewinnen, haben sich vergrößert.

173

BiS2015_04_umbr.indd 173 11.01.16 11:04


Siegfried Frech/Klaus Detterbeck
Damit einhergehend lassen sich rückläufige Trends bei Ausschlaggebend für den hohen Stimmenzuwachs der
Wahlen auf der Bundes-, Landes- und europäischen Ebene Grünen, für die starke Wahlbeteiligung und letztlich für
konstatieren: Die Wahlbeteiligung ging nach einer Phase das Wahlergebnis war schließlich der Atomunfall in Fuku-
der „Vollmobilisierung“ Mitte der 1970er Jahre spürbar zu- shima. Mappus hatte sich in seiner ersten Regierungserklä-
rück (vgl. a. a. O.). Politiker- und Parteienverdrossenheit tun rung für die Atomkraft als „Brückentechnik“ und für eine
ein Weiteres, um die „kritische Masse“ von engagierten Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken ausgespro-
Demokratinnen und Demokraten, derer eine Demokratie chen (vgl. Behr 2011: 251). Unmittelbar nach der Kata-
bedarf, immer kleiner werden zu lassen (vgl. Frech/Juchler strophe erklärten sowohl die Südwest-CDU als auch die
2011: 9ff.). Parteienverdrossenheit meint nicht die pau- FDP, sie seien für einen „mittelfristigen“ Ausstieg aus der
schale, häufig vorurteilsgeladene Verurteilung von Par- Atomkraft. Die eilig vollzogene Kehrtwende vom einstigen
teien, sondern die klar erkennbare Distanz und zuneh- Apologeten des „Ausstiegs vom Ausstieg“ zum geläuterten
mende Distanzierung der Bürgerinnen und Bürger von den Ministerpräsidenten war unglaubwürdig und wurde von
Parteien. 2 Die Liste der Kritikpunkte an den Parteien ist hier- den Wählerinnen und Wählern als bloßes Taktieren be-
bei lang (vgl. Decker 2011: 118ff.). Die Erosion der sozialen wertet. 67 Prozent der Bevölkerung sahen im Kurswechsel
Basis des Parteiensystems, gewandelte politische Beteili- von Regierungschef Mappus ein wahltaktisches Manöver
gungs- und Engagementformen sowie parteispezifische (vgl. Forschungsgruppe Wahlen 2011: 1). Das Topthema
Faktoren sind für den Bedeutungsverlust der großen Volks- Atomkraft verstärkte die Wechselstimmung im Land. Der
parteien und für deren merklichen Mitgliederschwund ver- CDU-Spitzenkandidat saß in der „Atom-Falle“ (Wehner
antwortlich. 2012: 148). Ein weiterer strategischer Fehler war die klare
Diese strukturellen und langfristigen Prozesse lassen sich Festlegung auf die FDP als Koalitionspartner. Die „Perfor-
auch für Baden-Württemberg konstatieren: Deckten CDU mance“ der Liberalen und deren Präsenz im Wahlkampf
und SPD bis in die späten 1980er Jahren mehr als 80 Pro- waren eher bescheiden (a. a. O.). Erschwerend kam hinzu,
zent der Wählerinnen und Wähler ab, sank dieser Anteil dass das Image der FDP zum Zeitpunkt der baden-würt-
kontinuierlich und lag 2011 schließlich bei ca. 62 Prozent tembergischen Landtagswahl bundesweit auf einem Tief-
(vgl. Tabelle 1). Im Gegenzug bekamen im linken Lager an- punkt angelangt war. Die FDP schied im Superwahljahr
gesiedelte Parteien (2006 Wahlalternative Arbeit und So- 2011 – Baden-Württemberg und Hamburg ausgenommen
ziale Gerechtigkeit, 2011 Die Linke) und neue, inzwischen – aus vier Landesparlamenten aus.
wieder in die Bedeutungslosigkeit versunkene Parteien
(z. B. die Piratenpartei) Stimmenzuwächse.
Stimmenzuwächse und Wahlbeteiligung

Kontroverse politische Themen: Wie lässt sich der Anstieg der Wahlbeteiligung erklären?
Stuttgart 21, der „EnBW-Deal“ und Fukushima Baden-Württemberg hatte sich vor 2011 nicht durch allzu
hohe Wahlbeteiligungen hervorgetan (vgl. Tabelle 1). Dies
Neben der nuklearen Katastrophe in Fukushima (s. unten) ist keineswegs überraschend, gehört Baden-Württemberg
prägte das reichlich umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 doch zu den Ländern, deren wirtschaftlicher Wohlstand
die Stimmung vor der Wahl. Besonders die Eskalation am zur allgemeinen Zufriedenheit mit den politischen Verhält-
„Schwarzen Donnerstag“ (am 30. September 2010), bei
der die Einsatzkräfte der Polizei mit unverhältnismäßiger
Härte gegen demonstrierende S 21-Gegner – unter ihnen
auch Schülerinnen und Schüler – vorgingen und 164 De-
monstrierende verletzt wurden, prägte das negative Bild
von der amtierenden Landesregierung, allen voran von Mi-
nisterpräsident Stefan Mappus (vgl. Wehner 2012: 150).
Auch der Wandel vom Hardliner zum gemäßigten Regie-
rungschef, der schließlich der S 21-Schlichtung 3 durch
Heiner Geißler zustimmte, war nicht mehr überzeugend
genug.
Hinzu kam, dass die Landesregierung Anfang Dezember
2010 bekanntgab, von der Électricité de France 45,01 Pro-
zent der Anteile von EnBW, u. a. Betreiber von vier Atom-
kraftwerken in Baden-Württemberg, zu kaufen. Mappus Ein Mix aus kontroversen bun-
verkündete zunächst, der „Deal“ würde 4,67 Milliarden des- wie landespolitischen The-
Euro kosten, musste aber in einer nicht-öffentlichen Sitzung men, einschneidende Ereig-
des Finanzausschusses einräumen, dass der Aktienkauf nisse, eine magere Regierungs-
tatsächlich 5,9 Milliarden Euro kostete. Beim Rückkauf der bilanz und eine daraus resul-
Aktien überging Mappus im Dezember 2010 das Parla- tierende Unzufriedenheit mit
ment, sein Kabinett und zwang Finanzminister Willi Stä- der Landesregierung und mit
chele zur Anwendung des Notbewilligungsrechtes 4 . Der dem amtierenden Ministerprä-
Staatsgerichtshof stufte dies im Oktober 2011 in seinem sident Stefan Mappus führte im
Urteil als verfassungswidrige Entscheidung ein. Dieses Ur- Frühjahr 2011 zu einem Macht-
teil bestätigte im Nachhinein das negative Image des wechsel in Baden-Württem-
CDU-Spitzenkandidaten, der am Vorabend der Landtags- berg.
wahl als taktierender Machtpolitiker eingeschätzt wurde. picture alliance/dpa

174

BiS2015_04_umbr.indd 174 11.01.16 11:04


nissen beiträgt und deshalb bis 2011 Anlass zu geringerer RÜCKBLICK: DER MACHTWECHSEL 2011
Wahlbeteiligung gab. UND DIE POLITISCHE BILANZ VON GRÜN-ROT
Die um 12,9 Prozentpunkte gestiegene Wahlbeteiligung
verlief gegen den bundesweiten Trend. Obwohl die oben
beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen, d. h. der In der Zusammenschau war es ein Mix aus kontroversen
mit den 1980er Jahren einsetzende Wertewandel und das bundes- wie landespolitischen Themen, einschneidenden
Schwinden alter Konfliktlinien, die Wahlbeteiligung eher Ereignissen, einer mageren Regierungsbilanz und daraus
negativ beeinflusst haben, lässt sich für die Landtagswahl resultierenden Unzufriedenheit mit der amtierenden Lan-
2011 konstatieren, dass dramatische Zuspitzungen in der desregierung bzw. ihren Repräsentanten, der die Wahlbe-
(Bundes-)Politik breite Wählermassen mobilisieren können. teiligung in die Höhe schnellen ließ:
Es waren die Wahlthemen, die den Grünen die großen l Im Vorfeld der Wahl war die Situation durch kontro-
Stimmenzuwächse brachten und für Wanderungsbewe- verse, heftig umstrittene Themen charakterisiert: Der
gungen sorgten (vgl. Haas 2012). Wählerinnen und Wähler Atomunfall in Japan drängte alle Themen, mit denen
wurden – sowohl in der Gesamtheit als auch mit Blick auf sich die CDU hätte profilieren können, in den Hinter-
neue Stimmgeber – in erster Linie durch die Umwelt- und grund. Nur 18 Prozent der Wählerinnen und Wähler
Energiepolitik zur Stimmabgabe für die Grünen motiviert. fühlten sich beim Thema Atomkraft von der CDU, mehr
Immerhin sagten 53 Prozent der Baden-Württemberger, als 50 Prozent hingegen von den Grünen am besten ver-
dass die Grünen beim Thema Atomkraft am ehesten ihre treten (vgl. Forschungsgruppe Wahlen 2011: 1).
Meinung vertreten würden. Im Übrigen dachten so auch 28 l Vor allem die kompromisslose Reaktion auf Stuttgart 21
Prozent der CDU-Wähler und 63 Prozent der SPD-Wähler hatte die Glaubwürdigkeit der CDU-geführten Landes-
(vgl. Roth 2012: 114). Auf der Agenda der wahlentscheiden- regierung negativ beeinflusst und die Wechselstim-
den Themen in der grünen Wählerschaft folgte Stuttgart 21 mung, die sich bereits mittelfristig aufgebaut hatte, be-
an zweiter Stelle (vgl. Haas 2012: 126). fördert (vgl. Wehner 2012). Zudem wirkte die Person des
Die Grünen gewannen bei der Landtagswahl 2011 über Ministerpräsidenten und CDU-Kandidaten Stefan Map-
742.000 Wählerinnen und Wähler hinzu und konnten in pus überaus polarisierend. Nach gravierenden Image-
allen Altersgruppen im zweistelligen Bereich zulegen (vgl. verlusten von CDU und FDP, einem wenig beliebten Mi-
Brenner 2012: 117ff.). Bei den 45- bis 59-Jährigen verbuch- nisterpräsidenten und gleich mehreren polarisierenden
ten sie ein Plus von 18,5 Prozent. Besonders stark war der Politikinhalten war es für 57 Prozent der befragten Wäh-
Rückhalt bei den 35- bis 59-Jährigen: Von allen Wählerin- lerinnen und Wähler „Zeit für neue Parteien an der Re-
nen und Wählern dieser Altersgruppe entschieden sich gierung“ (Forschungsgruppe Wahlen 2011: 1). 5
31,9 Prozent für die Grünen. Dies deutet darauf hin, dass l Dass die CDU mit 39 Prozent dennoch stärkste politische
die Grünen gewaltige Stimmengewinne bei den mitten im Kraft blieb, verdankt sie ihrer treuen, überwiegend älte-
Beruf und Leben Stehenden erzielten – auch bei Stamm- ren Wählerschaft und ihrem Standortvorteil (vgl. Bren-
wählern der CDU. Am wenigsten Erfolg war ihnen bei den ner 2012: 118). In einem Bundesland mit wirtschaftlicher
70-Jährigen und Älteren beschieden, die zumeist CDU und Spitzenposition attestieren die Bürgerinnen und Bürger
SPD wählten (vgl. Brenner 2012: 119). Wie bereits bei der der CDU in Wirtschaftsfragen einen eindeutig höheren
Landtagswahl 2006 schnitten die Grünen 2011 bei Frauen Sachverstand als der SPD oder den Grünen (vgl. For-
(26,1 %) besser ab als bei Männern (22,2 %). schungsgruppe Wahlen 2011: 2).
l Winfried Kretschmann war ein Zugpferd für die Grünen,
wurde er doch – im Vergleich zu Stefan Mappus – als
sympathischer, glaubwürdiger und mehr Bürgernähe
verkörpernder Kandidat wahrgenommen. Die vor der
Landtagswahl amtierende Kabinettsspitze war für
Schwarz-Gelb ein signifikantes Manko. Stefan Mappus
bescheinigten 46 Prozent einen schlechten, nur 41 Pro-
zent hingegen einen guten Job (vgl. Forschungsgruppe
Wahlen 2011: 2). Trotzdem wurde Mappus für führungs-
stärker und wirtschaftskompetenter als Kretschmann ge-
halten. Kretschmann wiederum konnte mit Sympathie-
und Glaubwürdigkeitswerten punkten.
l Der Wahlkampf verlief emotionalisiert, die eher be-
schauliche Landespolitik hatte sich in ein „elektorales
Schlachtfeld“ (Zolleis u. a. 2012: 135) verwandelt. Er war
von einer polarisierten Zuspitzung und einem langen
„Vorwahlkampf“ um das Bahnprojekt Stuttgart 21 ge-
kennzeichnet.

Fünf Jahre Grün-Rot

Was hat sich seit dem Frühjahr 2011 in der Landespolitik


getan? Zu welchen Ergebnissen führt ein Vergleich anhand
der Kriterien „Programmatik“ – wie im Koalitionsvertrag
dargelegt – und „Reformbilanz“? Nach dem Machtwech-

175

BiS2015_04_umbr.indd 175 11.01.16 11:04


Siegfried Frech/Klaus Detterbeck
vorhaben – allen voran die Gemeinschaftsschule – seien
zwar auf den Weg gebracht, allerdings ließe die Konsoli-
dierungsphase noch auf sich warten. In der Schulpolitik,
die sich als Achillesferse herauskristallisierte, scheint in-
zwischen Frieden eingekehrt zu sein. Der ursprüngliche
Plan, bis 2020 über 11.000 Lehrerstellen abzubauen,
wurde aufgegeben. Willkommener Anlass für den Ausstieg
aus dem Sparbeschluss war die im Sommer 2014 vorge-
stellte Prognose des Statistischen Landesamtes zur Ent-
wicklung der Schülerzahlen. Ebenso stellt sich die Finanz-
lage positiv dar: Finanzminister Nils Schmid präsentierte
im November 2014 ein Investitionspaket von 730 Millionen
Euro. Die Finanzierung dieser Investitionen schöpft der Fi-
nanzminister aus den Überschüssen der Vorjahre und den
Steuermehreinnahmen. Auch das Jahr 2015 verspricht mit
Blick auf den Landeshaushalt eine finanziell positive Situa-
tion.
Die Beiträge in dem vorliegenden Heft nehmen – nach ei-
nem Rückblick auf das Wahljahr 2011 und nach theoreti-
schen Überlegungen zum Handlungsspielraum von Lan-
desregierungen im verflochtenen deutschen Bundesstaat
(vgl. den Beitrag von Klaus Detterbeck) – ausgewählte Po-
litikfelder in den Blick, – analysieren, bilanzieren und be-
werten diese. Kurz vor Ablauf der (ersten?) Amtsperiode
von Grün-Rot widmet sich das Themenheft somit der Frage,
Der mit „Der Wechsel beginnt“ überschriebene Koalitions- wie viel die neue Landesregierung in Baden-Württemberg
vertrag der grün-roten Koalition: Was hat sich seit dem bewegt hat. In welchen Bereichen und unter welchen Be-
Frühjahr 2011 in der Landespolitik getan? Zu welchen Ergeb- dingungen hat ein Politikwechsel stattgefunden? Wann
nissen führt ein Vergleich anhand der Kriterien „Programma- entsteht aus dem Machtwechsel auch ein neuer politischer
tik“ und „Reformbilanz“? picture alliance/dpa Kurs? Können sich in einem Bundesland wie Baden-Würt-
temberg, das durch die skizzierte jahrzehntelange Vor-
herrschaft der CDU geprägt ist, neue politische Vorstellun-
sel blickte man erwartungsvoll auf Änderungen in denjeni- gen durchsetzen? Der abschließende Teil des Heftes fokus-
gen Politikfeldern, in denen Grün-Rot unterschiedliche Prä- siert Wahlprognosen, mögliche parteipolitische Szenarien
ferenzen im Vergleich zur Vorgängerregierung hatte. 2012 und die vier Spitzenkandidaten der kommenden Landtags-
analysierte ein Heft der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wahl.
den Machtwechsel aus mehreren Perspektiven. 6 Neben
der Wahlanalyse, den Veränderungen der Parteienland-
schaft sowie der Erörterung der Volksabstimmung zu Stutt- Ausblick: Landtagswahl 2016
gart 21 wurde das erste Jahr der grün-roten Regierung,
d. h. der Regierungsstart, in den Blick genommen. Dabei Blickt man auf die Koalition selbst, so lassen sich die Jahre
wurde die Politik der Vorgängerregierung mit den pro- seit dem Amtsantritt Winfried Kretschmanns am 12. Mai
grammatischen Ansprüchen und der aktuellen Politik bzw. 2011 als Entwicklung einer „Liebesheirat“ zu einer „Ver-
Reformtätigkeit der neuen Landesregierung verglichen nunftehe“ charakterisieren. Im Laufe der Regierungszeit
(vgl. Wagschal 2012: 194ff.). Das Fazit dieser ersten Bilanz haben sich politische Schwerpunkte, aber auch Streit-
darf im Grunde nicht verwundern: In einigen Politikfeldern punkte der Koalitionäre herauskristallisiert. Im März 2013
waren die Unterschiede zur schwarz-gelben Vorgängerre- prägte Winfried Kretschmann gar den Begriff der „Kon-
gierung gering. Etablierte Politiken haben oftmals ein ho- fliktkoalition“. Die Medien konstatieren mit zuverlässiger
hes Maß an Beharrungsvermögen (vgl. den Beitrag von Regelmäßigkeit eine gewisse Nervosität um die Stabilität
Klaus Detterbeck in diesem Heft). Nach einem Regierungs- des Regierungsbündnisses.
wechsel muss mit einer gewissen Pfadabhängigkeit ge- Wie ist es um den Fortbestand der grün-roten Mehrheit be-
rechnet werden. Ein merklicher Richtungswechsel zeich- stellt? Bereits zweieinhalb Jahre nach dem Machtwechsel
nete sich in der Hochschul- und Bildungspolitik sowie in der veröffentlichte Infratest-Dimap im Auftrag des Südwest-
Polizeireform im Bereich der inneren Sicherheit ab (vgl. rundfunks und der Stuttgarter Zeitung eine Umfrage, der zu-
Wagschal 2012: 201). Auch bei den klassisch grünen Poli- folge die grün-rote Koalition keine Mehrheit mehr bekäme
tikfeldern Umwelt und Verkehr zeichneten sich 2011 und (vgl. Tabelle 2). Gleichwohl sind die passablen Werte für
2012 Reformmaßnahmen ab. In anderen Politikfeldern den Regierungschef Winfried Kretschmann unverändert
(Justiz, Finanzen, Energie, Sozialpolitik) hingegen wurde hoch: Zwei Drittel der Baden-Württemberger bewerten
eine hohe Kontinuität zur Politik der Vorgängerregierung seine Arbeit durchaus positiv. Sowohl dem eher liberal ge-
festgestellt. sonnenen und urbanen Günther H. Oettinger als auch Ste-
Wie sieht die Bilanz nun nach fünf Jahren Regierungszeit fan Mappus, der sich mit einem konservativen Profil von
aus? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatierte un- seinem Vorgänger Oettinger abhob (vgl. Behr 2011: 247),
längst, dass die Landesregierung auf ihren zentralen Re- ist es zu keiner Zeit gelungen, sich einen Amtbonus als
formbaustellen nur schleppend vorankomme. Die Reform- „Landesvater“ zu verschaffen. Winfried Kretschmann hin-

176

BiS2015_04_umbr.indd 176 11.01.16 11:04


gegen kann inzwischen von diesem Nimbus profitieren. RÜCKBLICK: DER MACHTWECHSEL 2011
Die Grünen Baden-Württembergs sind in der Mitte der UND DIE POLITISCHE BILANZ VON GRÜN-ROT
Gesellschaft angekommen und haben das Image der Ma-
schinenstürmer längst verloren. Auf ihrem Parteitag im No-
vember 2014 proklamierten sie einen engen Schulter- Wenn man die Gesetzmäßigkeiten der symbolischen Poli-
schluss mit der Industrie. Das Wochenmagazin Der Spiegel tik kennt, wird man sich von den Schaukämpfen und verba-
charakterisierte Kretschmann gar als „Lothar Späth mit Hy- len Attacken kaum beeindrucken lassen. Mit einem Lager-
bridantrieb“ (Der Spiegel, 47/2014). Im Oktober 2015 stell- wahlkampf wird wohl kaum zu rechnen sein. Grüne, SPD
ten sich die baden-württembergischen Grünen demonst- und CDU müssten bei einem Ausscheiden der FDP aus dem
rativ hinter die humanitäre Seite der Flüchtlingspolitik von Landesparlament damit rechnen, einen der beiden ande-
Kanzlerin Merkel (Süddeutsche Zeitung, 12.10.2015). ren Partner als Koalitionspartner zu brauchen. Die grün-
Insgesamt zeigt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt die rote Koalition wird eine eigene Mehrheit ins Auge nehmen,
Mehrheit der Bevölkerung Baden-Württembergs zufrie- aber keine Polarisierung wagen, die eine Kooperation mit
den mit der Landesregierung – wenn auch mit leicht ab- der CDU unmöglich machen würde. Spannend wird der
nehmender Tendenz. Mit einer Wechselstimmung ist es Wahlkampf aufgrund der Konstellationen allemal. Wahl-
also nicht weit her. entscheidungen sind komplexe Vorgänge, die zahlreichen
Der Wahlkampf, das „große Werben“, begann bereits im Einflüssen unterliegen. Es bleibt abzuwarten, zu welchen
Frühsommer 2015. Ersten Attacken in kleinen Dosierungen Veränderungen im Elektorat und gerade unter den Wähle-
folgten heftigere Sticheleien und Provokationen. So gei- rinnen und Wählern der Grünen die Landtagswahl führt.
ßelte Hans-Ulrich Rülke, der Spitzenkandidat der Südwest- Spannend ist ebenso die Frage, wie die CDU die Zeit in der
FDP, die „Bevormundungspolitik“ der Grünen und titulierte Opposition genutzt hat und ob sie programmatische und
den amtierenden Ministerpräsidenten als „Konsensdemo- personelle Alternativen entwickeln konnte.
kraten“ (Stuttgarter Nachrichten, 13.06.2015). Die SPD Und wie wird es um die kleineren Parteien bestellt sein?
kommentierte bereits im Januar die Wahl des CDU-Spit- Kann sich die FDP von ihren unverändert unter oder um die
zenkandidaten Guido Wolf als „Aufbruch in die Spießbür- fünf Prozent liegenden Umfragewerten erholen bzw. wird
gerlichkeit“ (Stuttgarter Zeitung, 24.01.2015). Und der in sie im neu zu wählenden Landtag vertreten sein? 2013 be-
der Kür zum Spitzenkandidat unterlegene CDU-Landes- trat mit der Alternative für Deutschland (AfD) ein neuer Ak-
chef Thomas Strobl erklärte markig: „Wir werden Grün-Rot teur die politische Bühne. Jede Prognose musste in den ver-
zu einer Fußnote in der Landesgeschichte machen“ gangenen zwei Jahren die Frage berücksichtigen, ob die
(a. a. O.). Kretschmann hingegen verspricht im Fall seiner eurokritische AfD den Sprung ins Landesparlament schaf-
Wiederwahl ein vernunftgeleitetes „Regieren ohne Berg- fen wird. Nach den innerparteilichen Querelen im Frühsom-
predigt“ (Stuttgarter Nachrichten, 27.02.2015). Im Vorfeld mer des Jahres 2015 darf man gespannt sein, ob sich der
der Wahl werden alle Spitzenkandidaten bemüht sein, die baden-württembergische Ableger der AfD erholt hat und
tagesaktuelle Presse mit zugkräftigen Aussagen zu bedie- den Sprung ins Landesparlament schafft. AfD-Spitzenkan-
nen. Die ansonsten eher beschauliche Landespolitik wird didat Jörg Meuthen, Professor an der Hochschule Kehl für
im Vorfeld der Landtagswahl 2016 wohl von Kontroversen öffentliche Verwaltung, kündigte auf dem Landesparteitag
geprägt sein, die Spitzenkandidaten werden sich zu insze- der AfD am 25.10.2015 in Horb bereits die Siegesfeier am
nieren wissen. Wahlabend an. Der AfD-Spitzenkandidat kündigte auf

Tabelle 2: Stimmungstests
Institut Datum CDU SPD Grüne FDP Linke Piraten AfD Sonstige
Forsa 04.05.2011 36 % 22 % 30 % 4% 2% * - -
Infratest-Dimap 18.08.2011 36 % 23 % 29 % 4% 3% * - 5%
Infratest-Dimap 17.11.2011 37 % 22 % 29 % 3% 2% 4% - 3%
Emnid 20.11.2011 34 % 20 % 32 % 4% 3% 4% - -
Infratest-Dimap 10.05.2012 37 % 21 % 28 % 4% 2% 6% - 2%
Infratest-Dimap 16.05.2013 39 % 19 % 28 % 4% 2% 3% 2% 3%
Infratest-Dimap 07.11.2013 43 % 19 % 22 % 4% 4% * 5% 3%
Infratest-Dimap 13.05.2014 41 % 20 % 21 % 3% 4% * 6% 5%
TNS-Infratest 17.09.2014 41 % 19 % 23 % 4% 4% * 4% *
Infratest-Dimap 13.11.2014 41 % 20 % 22 % 3% 4% * 5% 5%
Infratest-Dimap 26.03.2015 38 % 18 % 25 % 5% 5% - 4% 6%
Forsa 12.05.2015 38 % 20 % 29 % 4% 4% - 4% 1%
Infratest-Dimap 23.09.2015 39 % 17 % 26 % 5% 4% - 5% 4%
Forschungsgruppe 20.11.2015 37 % 18 % 27 % 5% 3% - 6% 4%
Wahlen
Infratest-Dimap 03.12.2015 37 % 18 % 25 % 5% 4% - 8% 3%
* Umfragewerte nicht ausgewiesen
Quelle: Eigene Zusammenstellung; die Aufstellung berücksichtigt Umfragen bis 3.12.2015.

177

BiS2015_04_umbr.indd 177 11.01.16 11:04


Siegfried Frech/Klaus Detterbeck
dem Landesparteitag – flankiert von Alexander Gaulands Eith, Ulrich/Mielke, Gerd (2012): Volksentscheide versus Parteiendemokra-
(AfD-Bundesvorstand) markigen Sprüchen – ebenfalls an, tie? Das Lehrstück Stuttgart 21. In: Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 188–
193.
die Flüchtlingskrise als Wahlkampfthema nicht auszuspa- Frech, Siegfried/Juchler, Ingo (Hrsg.) (2011): Bürger auf Abwegen. Politik-
ren (Stuttgarter Nachrichten, 26.10.2015). distanz und politische Bildung. Schwalbach/Ts.
Forschungsgruppe Wahlen (2011): Landtagswahl in Baden-Württemberg.
27. März 2011. URL: www.forschungsgruppe.de/Wahlen/Wahlanalysen/
NewsI_BaW11.pdf [27.09.2015].
LITER ATUR Frick, Lothar (2012): Die Schlichtung zu Stuttgart 21 – Vorbild für eine neue
Behr, Alfred (2011): Von Günther H. Oettinger zu Stefan Mappus: die Bürgerbeteiligung? In: Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 162–167.
Wahlperiode von 2006 bis 2011 – eine landespolitische Bilanz. In: Gabriel, Oscar W./Bauknecht, Jürgen (20119: Wahlrecht, Wahlergebnis-
Frech, Siegfried/Weber, Reinhold/Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): se und Wählerverhalten bei den Landtagswahlen in Baden-Württem-
Handbuch Landespolitik. Stuttgart, S. 234–253. berg. In: Frech, Siegfried/Weber, Reinhold/Wehling, Hans-Georg
Brenner, Carmina (2012): Wahlverhalten der Baden-Württemberger bei (Hrsg.): Handbuch Landespolitik. Stuttgart, S. 118–141.
der Landtagswahl 2011. In: Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 117–122. Haas, Stefanie (2012): Wandern ins Grüne: Wählerbewegungen in Ba-
Burkhart, Simone (2007): Der Einfluss der Bundespolitik auf die Landespo- den-Württemberg. In: Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 123–128.
litik. In: Schmid, Josef/Zolleis, Udo (Hrsg.): Wahlkampf im Südwesten. Hin, Monika (2011): Vor der Landtagswahl 2011: Rückblick auf die Wahl-
Parteien, Kampagnen und Landtagswahlen 2006 in Baden-Württem- ergebnisse von 1946 bis 2006. In: Frech, Siegfried/Weber, Reinhold/
berg und Rheinland-Pfalz. Berlin, S. 191–207. Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): Handbuch Landespolitik. Stuttgart,
Decker, Frank/Best, Volker (2014): Landtagswahlen und Bundespolitik. Ei- S. 163–189.
ne empirische Analyse des „Zwischenwahleffekts“ von 1970 bis 2013. Kersting, Norbert/Woyke, Wichard (2012): Vom Musterwähler zum Wut-
In: Gesellschaft – Wirtschaft – Politik, 2/2014, S. 175–188. bürger? Politische Beteiligung im Wandel. Münster.
Decker, Frank (2011): Parteien und Parteiensysteme in Deutschland. Stutt- Klages, Helmut (2002): Wertewandel. In: Greiffenhagen, Martin/Greif-
gart 2011. fenhagen, Sylvia (Hrsg.): Handwörterbuch zur politischen Kultur der
Detterbeck, Klaus (2011): Parteien und Parteiensystem. Konstanz und Mün- Bundesrepublik Deutschland. 2., überarbeitete und aktualisierte Aufla-
chen. ge, Wiesbaden, S. 638–647.
Detterbeck, Klaus (2011a): Die Veränderungen sozialer Milieus und die Kornelius, Bernhard/Roth, Dieter (2004): Politische Partizipation in
Krise der Volksparteien. In: Breit, Gotthard/Massing, Peter (Hrsg.): So- Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Hrsg. von der
ziale Milieus. Schwalbach/Ts., S. 31–48. Bertelsmann Stiftung. Bonn
Eilforth, Michael (Hrsg.) (2004): Parteien in Baden-Württemberg. Stutt- Münnich-Mick, Ralf/Weber, Reinhold (2011): Die Regierungen Baden-
gart. Württembergs seit 1952. In: Frech, Siegfried/Weber, Reinhold/Wehling,
Hans-Georg (Hrsg.): Handbuch Landespolitik. Stuttgart, S. 285–312.
Roth, Dieter (2012): Was entschied die Wahl? In: Der Bürger im Staat,
3/2012, S. 109–116.
UNSERE AUTOREN

Schlauch, Rezzo/Weber, Reinhold (2015): Keine Angst vor der Macht. Die
Grünen in Baden-Württemberg. Köln.
Weber, Reinhold (2006): Politische Kultur, Parteiensystem und Wählertra-
ditionen im deutschen Südwesten. In: Weber, Reinhold/Wehling, Hans-
Georg (Hrsg.): Baden-Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik.
Stuttgart, S. 56–89.
Wagschal, Uwe: Machtwechsel oder Politikwechsel? Eine Analyse zent-
raler Politikfelder nach einem Jahr Grün-Rot in Baden-Württemberg. In:
Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 194–201.
Walter, Franz/Marg, Stine/Geiges, Lars/Buztlaff, Felix (2013): Die neue
Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek bei
Hamburg.
Weber, Reinhold (2010): Baden-Württemberg – „Stammland des Libera-
lismus“ und Hochburg der CDU. In: Kost, Andreas/Rellecke, Werner/
PD Dr. Klaus Detterbeck vertritt derzeit eine Professur für Politik- Weber, Reinhold (Hrsg.): Parteien in den deutschen Ländern. Geschich-
wissenschaft an der PH Schwäbisch Gmünd. Er war zuvor als te und Gegenwart. München, S. 103–126.
Weber, Reinhold (2011): Parteien und Parteiensystem in Baden-Württem-
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft berg: Funktionen – Genese – Wettbewerb. In: Frech, Siegfried/Weber,
an der Universität Magdeburg tätig, wo er sich 2010 auch habi- Reinhold/Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): Handbuch Landespolitik.
litiert hat. Nach dem Studium an der Universität Heidelberg und Stuttgart, S. 85–117.
Wehner, Michael (2012): Die historische Niederlage der CDU – Ursachen
am Trinity College Dublin folgte 2001 die Promotion an der Uni- für das Scheitern. In: Der Bürger im Staat, 3/2012, S. 148–155.
versität Göttingen. In seiner Forschung beschäftigt sich Klaus Det-
terbeck vornehmlich mit politischen Parteien und Parteiensyste-
men, der vergleichenden Analyse von föderalen und dezentrali-
ANMERKUNGEN
sierten Systemen sowie der europäischen Integration, insbeson-
dere der Rolle von Regionen in der EU. 1 Zur Entwicklung der Parteienlandschaft in Baden-Württemberg und
zu den einzelnen Parteien vgl. Eilforth 2004; Weber 2006, 2010 und 2011.
2 Obgleich die Integrationskraft der Volksparteien abgenommen und
die Bindung der Wählerinnen und Wähler an die Parteien sich abge-
schwächt haben, ist die Demokratiezufriedenheit in Deutschland immer
noch hinreichend stabil (vgl. Kornelius/Roth 2004). Trotz aller Kritik stellt
eine überwältigen Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Verfassungs-
ordnung der Bundesrepublik nicht in Frage: Über 70 Prozent der Deutschen
halten die Demokratie für die beste Staatsform, nur 14 Prozent glauben,
dass es bessere Alternativen gäbe (vgl. a. a. O.).
3 Vgl. hierzu Frick 2012; Eith/Mielke 2012, Kersting/Woyke 2012: 89ff.
sowie Walter u. a. 2013: 48ff.
4 Das Notbewilligungsrecht ist in Artikel 81 der Landesverfassung von
Baden-Württemberg festgeschrieben und besagt, dass über- und außer-
planmäßige Ausgaben der Zustimmung des Finanzministers bedürfen.
Diese Zustimmung darf nur im Falle eines unvorhergesehenen und unab-
Prof. Siegfried Frech verantwortet bei der Landeszentrale für po- weisbaren Bedürfnisses erteilt werden.
5 Die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen basieren (1) auf einer tele-
litische Bildung Baden-Württemberg (LpB) die Zeitschrift „Der fonischen Umfrage unter 1.454 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten
Bürger im Staat“ und die didaktische Buchreihe der LpB. Er ist eine Woche vor der Landtagswahl sowie (2) auf einer Befragung unter
Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Eberhard 20.549 Wählerinnen und Wählern am Wahltag.
6 Vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.)
Karls Universität Tübingen. (2012): Der Bürger im Staat 3/2012: Der Machtwechsel: Das erste Jahr
Grün-Rot. URL: www.buergerimstaat.de [27.09.2015].

178

BiS2015_04_umbr.indd 178 11.01.16 11:04


THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN

Politikwechsel in Baden-Württemberg?
Zum Handlungsspielraum von Landes-
regierungen im verflochtenen Bundesstaat
Klaus Detterbeck

somit den politischen Willen zur Veränderung bekundet


Im Zentrum des vorliegenden Heftes steht die Frage, ob (Landtag von Baden-Württemberg 2011). Die Frage, ob mit
mit dem Machtwechsel nach der Landtagswahl im Jahr dem historischen Regierungswechsel auch ein Politikwech-
2011 auch ein Politikwechsel in Baden-Württemberg ver- sel verbunden war und ist, steht im Zentrum dieses Themen-
bunden war bzw. ist. Wenn man die Handlungsspiel- heftes und unterliegt all seinen Beiträgen. An dieser Stelle
räume einer amtierenden Landesregierung im verfloch- soll die theoretische Bandbreite der Debatte ausgeleuch-
tenen deutschen Bundesstaat angemessen einschätzen tet werden, um die nachfolgenden Diskussionen besser
will, bedarf es der Betrachtung mehrerer theoretischer einbetten zu können.
Parameter. Klaus Detterbeck erläutert zunächst die The- Wir werden zunächst mit der Theorie der Parteiendifferenz
orie der Parteiendifferenz. Sie sieht in der programma- einen Ansatz betrachten, der in der parteipolitischen Fär-
tischen Färbung einer (Landes-)Regierung den zentralen bung der Regierung den zentralen Faktor für politische Ent-
Faktor für politische Entscheidungen. Weitere Bestim- scheidungen sieht. In einer kritischen Auseinandersetzung
mungsgrößen für die Chancen auf einen Politikwechsel mit diesem Ansatz werden wir dann weitere Bestimmungs-
sind die institutionellen Rahmenbedingungen, die die größen für die Chancen auf einen Politikwechsel kennen
politischen Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussen. Im lernen. Im Fokus stehen dabei die institutionellen Rahmen-
Einzelnen werden hier die Vetospieler-Theorie und der
institutionelle Ansatz der Pfadabhängigkeit skizziert.
Entscheidend ist der Handlungsspielraum der Landesre-
gierungen im verflochtenen deutschen Bundesstaat, d. h.
wie die Arbeitsteilung zwischen Bund und Ländern defi-
niert ist. Die Ausgestaltung dieses Spielraums wiederum
hängt vom strategischen Geschick der Akteure, von den
Problemstellungen sowie den aktuellen Umständen ab.

Einleitung

Wahlen sind wesentlich für die Legitimation repräsentati-


ver Demokratien, erreichen sie doch die Beteiligung vieler
Bürgerinnen und Bürger an der Politik. Durch Wahlen wer-
den parlamentarische Mehrheitsverhältnisse und somit Re-
gierungsbildungen bestimmt. Im Sinne der Lehre der Par-
teiendemokratie geht es dabei nicht nur um die Auswahl
des Führungspersonals, sondern auch um politische In-
halte: Die Mehrheit der Wählerschaft legt den generellen
Kurs der Politik fest, indem sie einer bestimmten Partei oder
einem politischen Lager das Mandat dafür erteilt, konkrete
sachpolitische Entscheidungen voranzutreiben (Duverger
1951; Leibholz 1966). Ändern sich per Wahl die Mehrheits-
verhältnisse, dann wird sich, dieser Logik folgend, auch die
politische Richtung ändern. Ein Regierungswechsel führt
dann zu einem Politikwechsel, also einem signifikanten
Wandel in den verschiedenen Politikfeldern (policies),
möglicherweise auch in den politischen Strukturen (polity)
und Prozessen (politics) eines Landes (vgl. Schmidt 1996;
Zohlnhöfer 2001).1 Winfried Kretschmann schwört am 12.05.2011 nach seiner
Mit der Landtagswahl vom 27. März 2011 ist in Baden- Wahl zum Ministerpräsident von Baden-Württemberg seinen
Württemberg die jahrzehntelange Herrschaft der CDU Amtseid. Grün-Rot hat ihren Regierungsantritt mit einem
gebrochen und eine neue grün-rote Mehrheit geschaffen Bekenntnis zu einer Erneuerung des Landes verbunden und
worden. Diese hat ihren Regierungsantritt mit dem Be- den politischen Willen zur Veränderung bekundet.
kenntnis zu einer Erneuerung des Landes verbunden und picture alliance/dpa

179

BiS2015_04_umbr.indd 179 11.01.16 11:04


Klaus Detterbeck
bedingungen, die Einfluss haben auf die politischen Ge-
staltungsmöglichkeiten von Regierungen. Für unseren Zu-
sammenhang stellt sich vor allem die Frage nach dem
Handlungsspielraum der Landespolitik im deutschen Bun-
desstaat. Der landespolitische Spielraum kann jedoch
nicht allein institutionell vermessen werden. Seine Größe
hängt auch ab vom strategischen Geschick der handeln-
den Akteure, von spezifischen Problemlagen und aktuellen
Umständen, die ein Zeitfenster für Reformen öffnen oder
schließen können.

Die Theorie der Parteiendifferenz

Die Theorie der Parteiendifferenz erklärt staatliches Han-


deln anhand der parteipolitischen Zusammensetzung der
Regierung. Die einfache Formel lautet: Parteien machen ei-
nen Unterschied (Hibbs 1977; Schmidt 1982; Garrett 1998).
Im Einklang mit Annahmen, die der Lehre der Parteiende-
mokratie zugrunde liegen, vertreten demnach Parteien un-
terschiedliche gesellschaftliche Interessen und program-
matische Überzeugungen. Erreichen sie bei Wahlen die
erforderlichen Mehrheiten, sind Parteien in der Lage, ihre
Programmatik in Regierungshandeln umsetzen. Unter der
Prämisse, dass es im Parteienwettbewerb sachpolitische
Alternativen gibt, bedingt somit ein Regierungswechsel
politische Reformen.
In der empirischen Überprüfung haben Studien seit den Unter einem Vetospieler wird ein Akteur verstanden, dessen
1970ern wiederholt nachweisen können, dass sich im inter- Zustimmung zu einer politischen Entscheidung unbedingt
nationalen Vergleich die Wirtschafts- und Sozialpolitiken notwendig ist. Ein Vetopotenzial kann verfassungsrechtlich
von linken und bürgerlichen Regierungen unterscheiden. normiert sein. Durch die Zustimmungspflicht des Bundesrates
Sozialdemokraten widmen sich demzufolge stärker der Be- wird dieser zu einem institutionellen Vetospieler.
kämpfung von Arbeitslosigkeit und sind für höhere Sozial- picture alliance/dpa
ausgaben verantwortlich. Bürgerliche Regierungen setzen
hingegen vermehrt auf den Schutz vor Inflation und brem-
sen den weiteren Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Partei- Bestimmungsfaktoren der Staatstätigkeit. Dazu zählen ne-
politische Differenzen im Regierungshandeln zeigten sich ben den institutionellen Strukturen des politischen Prozes-
auch bei anderen Politikfeldern (vgl. Schmidt 1996). 2 ses, mit denen wir uns gleich noch etwas ausführlicher be-
Zwei gewichtige Einwände sind gegen die Theorie der Par- schäftigen werden, ökonomische Rahmenbedingungen,
teiendifferenz erhoben worden. Zum einen ist argumen- die Einflussnahme von Interessengruppen und die Behar-
tiert worden, dass es über die letzten Jahrzehnte hinweg in rungskräfte von Ministerialbürokratien und Verwaltungen
nahezu allen demokratischen Staaten zu einer Konvergenz gegenüber Reformen (Schmidt 1996). Hinzu komme, dass
der Parteien gekommen sei. Die programmatischen Unter- sich der Handlungsspielraum nationalstaatlicher Politik in
schiede zwischen den Parteien hätten sich verwischt im den letzten Jahrzehnten verringert habe. Mit den Prozes-
Wettbewerb um eine weniger durch klare Interessen- sen der Internationalisierung und Europäisierung seien le-
gegensätze geprägte Wählerschaft. Generell sei die Re- gislative und regulative Kompetenzen verloren gegangen;
gierungstätigkeit zunehmend weniger von ideologischen zudem übe der ökonomische Standortwettbewerb Druck
Grundsätzen denn von pragmatischen Überlegungen und aus, etwa auf die Höhe von Steuern und Sozialabgaben,
sachpolitischen Handlungszwängen geprägt. Die marktli- und verringere so das Menü möglicher Optionen politi-
beralen Reformen sozialdemokratischer Regierungen ab schen Handelns (Scharpf 1999; Mair 2008). Kurzum: Selbst
den 1990ern gelten als Paradebeispiel für diese Entwick- wenn die Parteien wollten, sie könnten gar keine signifikan-
lung (Mair 2008). Empirisch zeigen jüngere Studien denn ten Politikwechsel mehr durchführen.
auch abnehmende Variationen zwischen dem Regierungs-
handeln von Parteien unterschiedlicher Farben, gerade in
den oftmals untersuchten Feldern der Wirtschafts- und So- Der institutionelle Rahmen der Politik:
zialpolitik. Dennoch haben sich in diesen Bereichen wie Von Vetospielern und Pfadabhängigkeiten
auch in anderen Politikfeldern (z. B. Bildung, Familien, Um-
welt) durchaus parteipolitische Differenzen erhalten (vgl. Die oben aufgeführten Einwände haben zu einer Weiter-
Zohlnhöfer 2013). entwicklung der Theorie der Parteiendifferenz geführt. In
Zum anderen ist der Theorie der Parteiendifferenz entge- erster Linie ist dabei versucht worden, den institutionell
gengehalten worden, dass sie die Steuerungsfähigkeit von vorgeprägten Handlungsspielraum von Regierungen nä-
Regierungen überschätze. Die Vorstellung, dass sich poli- her zu bestimmen (Hicks/Swank 1992; Schmidt 1996). Die
tische Programme unbeschadet in konkrete Regierungspo- Fähigkeit zur politischen Steuerung ist je nach politischem
litiken übertragen lassen, vernachlässige wichtige weitere System und auch je nach Politikfeld unterschiedlich stark

180

BiS2015_04_umbr.indd 180 11.01.16 11:04


POLITIKWECHSEL IN BADEN-WÜRTTEMBERG?
ZUM HANDLUNGSSPIELRAUM VON LANDES-
REGIERUNGEN IM VERFLOCHTENEN BUNDESSTAAT

hen lässt. Solche Lösungen werden sich deutlich von den


ursprünglichen Plänen unterscheiden und keine klare politi-
sche Linie mehr erkennen lassen. Dies ist vor allem dann der
Fall, wenn sich zwischen den Akteuren mit Vetopotenzial
größere programmatische Differenzen zeigen, das gemein-
same Handeln also durch ideologische Distanz und feh-
lende Kongruenz belastet ist (vgl. Blank 2012).
Dies deutet auf einen wichtigen Punkt hin, den eine bloß
formale Nutzung des Vetospieler-Ansatzes übersehen
würde. Wichtiger als das Vorhandensein von Vetopositio-
nen in der Gesetzgebung ist deren aktueller Gebrauch
(oder zumindest deren Androhung im Verhandlungspro-
zess), der wiederum von politischen Positionen und Zielen
abhängt. Ob der Bundesrat der Bundesregierung in den
Arm greift oder nicht, um ein Beispiel zu nennen, hängt von
der Konstellation parteipolitischer Mehrheiten in den bei-
den Kammern und von der Bestimmung genuiner Länderin-
teressen durch die Landesregierungen ab (vgl. Schmidt
2002; Ganghof/Schulze 2015). Die institutionellen Struktu-
ren geben nur die Spielregeln vor. Was im Spiel selbst pas-
siert, wird von den Akteuren bestimmt.
Ähnliches gilt auch für einen weiteren institutionellen An-
satz, der für unser Thema von der Gestaltungsfähigkeit
neuer Regierungen höchst relevant ist, die Theorie der
Pfad abhängigkeit (Pierson 2000; Lehmbruch 2002). Diese
ausgeprägt. Parteieneffekte hängen demnach etwa da- geht davon aus, dass heutige politische Entscheidungen zu
von ab, ob wir es mit föderalen oder unitarischen Struktu- einem erheblichen Teil determiniert sind durch frühere
ren zu tun haben, ob Einparteienregierungen oder Koaliti- Weichenstellungen. Der Spielraum von Regierungen ist
onen üblich sind und ob es institutionell verankerte, von danach eher gering, d. h. viele politische Strukturen und
der Regierung unabhängige Gegengewichte wie Verfas- bestehende Verpflichtungen in den einzelnen Politikfel-
sungsgerichte und Zentralbanken gibt. Je konzentrierter dern werden von den Amtsvorgängern ererbt. Der einmal
die Macht bei der politischen Exekutive liegt, umso höher eingeschlagene Pfad wird in der Regel nicht verlassen,
die Chancen auf einen Politikwechsel. Politische Machttei- höchstens mit kleinen Schritten leicht angepasst an neue
lung mindert hingegen die Wahrscheinlichkeit von Refor- Umstände.
men (vgl. Lijphart 1999). Bei den in der Literatur genannten Gründen für eine solche
Dieser Gedanke liegt der Vetospieler-Theorie zugrunde. Pfadabhängigkeit lassen sich die Dimensionen Interessen
Durch die Vermessung der Anzahl und Stärke institutionel- und Ideen unterscheiden (vgl. Beyer 2015). Zum Bereich
ler Barrieren soll der Gestaltungsspielraum von Regierun- der Interessen zählt, dass sich politische und gesellschaft-
gen bestimmt werden (Tsebelis 2002). Unter einem Veto- liche Akteure, die durch den Status quo Machtpositionen
spieler wird ein individueller oder ein kollektiver Akteur und Vorteile erworben haben, oftmals einer Veränderung
verstanden, dessen Zustimmung zu einer politischen Ent- in den Weg stellen. Sie bilden Abwehrkoalitionen gegen
scheidung unbedingt notwendig ist. Ein Vetopotenzial Reformen. Staatliche Ausgabenprogramme begründen zu-
kann zum einen verfassungsrechtlich normiert sein, sich dem Ansprüche in der Bevölkerung, etwa in der Renten-
zum anderen aber auch aus den politischen Mehrheitsver- und Sozialpolitik, die nicht so einfach negiert werden kön-
hältnissen ergeben. Die Theorie spricht im ersten Fall, bei nen. Zur Verfestigung bestehender Pfade trägt auch bei,
dem man etwa an die Zustimmungspflicht des Bundesrates dass Reformen ein politisches Risiko darstellen, da sie exis-
oder auch an die Normenkontrolle des Bundesverfas- tierende Privilegien gefährden und in ihrer Wirkung nicht
sungsgerichtes denken kann, von institutionellen Vetospie- intendierte Konsequenzen haben können. Das politische
lern. Mit dem zweiten Fall sind hingegen parteipolitische Interesse an Wiederwahl seitens der Regierenden kann
Vetospieler bezeichnet, beispielsweise die Koalitionspart- somit die Chancen des Politikwandels begrenzen. Im Be-
ner in einer Regierung (vgl. Ganghof/Schulze 2015). reich der Ideen wird Pfadabhängigkeit mit den kognitiven
Die zentrale Aussage des Ansatzes ist, dass Politikwechsel Mustern von Akteuren begründet, die in vorgefundene
durch eine hohe Anzahl an Vetospielern erschwert werden. Strukturen hineinsozialisiert worden sind. Das Bekannte
Bedarf es der Zustimmung vieler Akteure, wird der politi- wird als richtig und angemessen betrachtet, solange sich
sche Prozess von Aushandlungen statt von Mehrheitsbe- keine gravierenden Probleme zeigen. Eingeschliffene Rou-
schlüssen bestimmt. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Re- tinen und erprobte Lösungsmodelle werden bevorzugt ge-
formen entweder scheitern oder nur als Ergebnis von Kom- genüber der Unsicherheit neuer Wege und Experimente
promisslösungen gelingen können. Der Vetospieler-Ansatz (Pierson 2000).
spricht hier von einem variabel großen „winset“, dem Raum, Die Theorie der Pfadabhängigkeit betont somit die Konti-
der sich als Schnittmenge der Interessen der Akteure verste- nuität politischen Handelns. Dennoch ist sie nicht blind für

181

BiS2015_04_umbr.indd 181 11.01.16 11:04


Klaus Detterbeck
den Wandel. Sie geht allerdings davon aus, dass sich Ak- wachsen, so dass der Grundpfeiler des kooperativen Fö-
teure an den bestehenden Institutionen und Vorstellungen deralismus, der Interessenausgleich zwischen den Län-
orientieren, Reformen daher in der Regel inkrementell und dern, aufgeweicht geworden ist. Der anhaltende Streit um
gemäß der Logik des bisherigen Pfades daherkommen. den Finanzausgleich zwischen stärkeren und schwachen
Dennoch kann es Brüche und Pfadwechsel geben. Hierfür Ländern zeigt, wie schwierig es geworden ist, die Solidari-
bedarf es jedoch einschneidender Ereignisse (critical junc- tät unter den Ländern beizubehalten. Die gewachsene He-
tures), die zu einer Erschütterung des bisherigen Weges terogenität hat, zweitens, alte Steuerungs- und Effizienz-
führen. Ein Schock, wie der Reaktorunfall in Fukushima probleme des verflochtenen Bundesstaates verstärkt, etwa
2011, kann bestehende Interessenkoalitionen sprengen die Gefahr der Einigung auf den kleinsten gemeinsamen
und die Denkmuster von Akteuren radikal verändern. An Nenner und das Vetopotenzial des Bundesrates gegen Re-
einem solchen Wendepunkt ergibt sich ein Zeitfenster für formen. Drittens hat die Vertiefung der europäischen Inte-
tiefgreifende Reformen und die Gelegenheit zu signifikan- gration die Handlungsmöglichkeiten der Regionen in der
tem Politikwechsel. Der alte Pfad kann verlassen und ein EU vervielfältigt. Die Regionen sind, spätestens mit dem
neuer Pfad beschritten werden (Schmidt 2014). Vertrag von Maastricht 1992, zu einer politischen Ebene im
europäischen Mehrebenensystem herangereift, in dem die
meisten Entscheidungen gemeinsam ausgehandelt wer-
Reformpolitik im verflochtenen Bundesstaat den. Als Reaktion haben auch die Bundesländer mehr Ge-
staltungsraum gefordert, um endogene Entwicklungspo-
Die Einbeziehung institutioneller Faktoren kann die Erklä- tenziale zu fördern und ihre individuellen Interessen eigen-
rungskraft der Lehre von der Parteiendifferenz deutlich er- ständig zu vertreten, auch in Brüssel (vgl. Sturm 2005).
höhen. Für die Frage, ob die grün-rote Landesregierung Die Föderalismusreform von 2006, die unter dem Stichwort
nach 2011 zu einem Politikwechsel in Baden-Württemberg der Entflechtung zu einer Stärkung der politischen Hand-
in der Lage gewesen ist, bedarf es daher einer Analyse der lungsfähigkeit von Bund und Ländern führen sollte, kann
Handlungschancen der Landespolitik im deutschen Bun- als Antwort auf diese Herausforderungen verstanden wer-
desstaat. Dabei ist zunächst einmal festzustellen, dass das den. Sie hat zu einem graduellen Wandel des Bundesstaa-
föderale System der Bundesrepublik durch die enge Ver- tes geführt, vor allem durch die Rückgewinnung legislativer
flechtung zwischen Bund und Ländern geprägt ist. Verfas- Kompetenzen seitens der Länder, etwa im Beamtenrecht,
sungspolitisch ist dies in der funktionalen Arbeitsteilung dem Strafvollzug, dem Umweltschutz oder der Hochschul-
des deutschen Föderalismus angelegt, die dem Bund den politik. Das kooperative Grundmuster des deutschen Föde-
Vorrang in der Gesetzgebung einräumt, während die Län- ralismus ist beibehalten worden, aber die Gestaltungs-
der primär für den Vollzug der Gesetze zuständig sind. möglichkeiten der Bundesländer sind gewachsen. Es ist
Die Länder besitzen wenig eigenständige legislative Kom- mehr Raum für Unterschiedlichkeit geschaffen worden (vgl.
petenzen, verfügen jedoch mit dem Bundesrat über ein Benz 2008). 3
höchst effektives Instrument der Teilhabe an der Bundes- Der Amtsantritt der grün-roten Regierung in Stuttgart fällt
politik. Als ausführender Ebene kommt den Landesverwal- somit in eine Zeit, in der die Handlungschancen der Lan-
tungen zudem eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung despolitik größer geworden sind. Im Kontext von Bundes-
der Bundespolitik zu. Folglich ist der deutsche Bundesstaat staatsreform und europäischem Binnenmarkt gibt es eine
gekennzeichnet durch ein dichtes Netz an Aushandlungs- höhere politische Akzeptanz – zwischen den Ländern,
gremien und eine intensive fachpolitische Kooperation aber auch innerhalb der Parteien –, mit dem Verweis auf
zwischen den Exekutiven der beiden Ebenen, komplettiert Landesinteressen eigene Wege zu gehen. Mit dem jüngs-
durch die Zusammenarbeit der Länder in den ihnen eigen- ten Zuwachs an legislativen Kompetenzen und den bereits
ständig verbliebenen Politikfeldern, etwa in der Bildungs- zuvor vorhandenen Differenzen in den landespolitischen
politik (vgl. Detterbeck et al. 2010; Laufer/Münch 2010). Bedingungen und Traditionen haben die Bundesländer
Der deutsche Föderalismus der Nachkriegszeit war somit genügend Spielräume (zumindest bei haushaltspolitischer
von Beginn an weniger auf die Bewahrung regionaler Un- „Luft“), um in einzelnen Politikfeldern eigenständige Profile
terschiedlichkeit denn auf die Herstellung einheitlicher Le- zu entwickeln. Dementsprechend lässt sich auch das Fazit
bensverhältnisse im Bundesgebiet ausgerichtet. Dieses einer breit angelegten Studie zur Staatstätigkeit in den
Ziel sollte nicht durch einen Zentralstaat, sondern durch Bundesländern interpretieren (Wolf/Hildebrandt 2008).
gegenseitige Machtkontrolle, durch vielfältige Beteili- Die Autoren Frieder Wolf und Achim Hildebrandt sehen die
gungsrechte und gemeinsam ausgeübte Kompetenzen von Länder in einem „Wettbewerb um adäquate Problemlösun-
Bund und Ländern erreicht werden. Vor dem Hintergrund gen“, der durch eigenständige, wenn auch interdepen-
einer relativ hohen sozialen und wirtschaftlichen Homoge- dente Prozesse in den einzelnen Ländern geprägt ist
nität Westdeutschlands, einer unitarisch geprägten politi- (a. a. O.: 369). Dazu gehört auch das Lernen von innovati-
schen Kultur sowie einer dominierenden Rolle der beiden ven Modellen, die anderswo erfolgreich ausprobiert wor-
Großparteien CDU und SPD, die bei föderalen Konflikte den sind.
intern vermitteln konnten, wuchs das Ausmaß der Politik- Generell ist der institutionelle Rahmen des Bundesstaates
verflechtung, etwa mit der Reform der Finanzverfassung weiterhin kein leichtes Terrain für Politikwechsel. Die Ver-
und der Einführung der Gemeinschaftsaufgaben 1969, be- flechtungen zwischen den föderalen Ebenen sind stark ge-
trächtlich an (Scharpf et al. 1976; Lehmbruch 2002). blieben, die Kooperation zwischen den Ländern ist ausge-
Seit den 1990ern lassen sich jedoch gegenläufige Tenden- prägt, und besonders viel Sympathie für unterschiedliche
zen feststellen, die durch drei neue Herausforderungen staatliche Leistungen in den Ländern können die Bundes-
hervorgerufen worden sind (Detterbeck 2007). Erstens sind bürgerinnen und -bürger auch weiterhin nicht aufbringen,
die politischen und sozio-ökonomischen Differenzen zwi- wie viele Studien belegen (vgl. Grube 2009). Insgesamt
schen den Bundesländern seit der deutschen Einheit ge- hat die Landespolitik seit den 1990ern jedoch an Autono-

182

BiS2015_04_umbr.indd 182 11.01.16 11:04


mie gewonnen. Es braucht hierbei den genauen Blick in die POLITIKWECHSEL IN BADEN-WÜRTTEMBERG?
einzelnen Politikfelder, um anhand der jeweiligen Vertei- ZUM HANDLUNGSSPIELRAUM VON LANDES-
lung der Kompetenzen, des Zuschnittes der spezifischen REGIERUNGEN IM VERFLOCHTENEN BUNDESSTAAT
Entscheidungsstrukturen und -netzwerke (policy networks)
sowie der gegebenen sozio-ökonomischen Rahmenbedin- mehrheitsfähige Allianzen zu bilden und Widerstände zu
gungen den Handlungsspielraum von Landesregierungen überwinden, angegangen wird. Der politische Unterneh-
genauer bemessen zu können. mer kann gekonnt auf der Klaviatur des institutionellen Um-
feldes spielen. Er oder sie verfügt über ausformulierte
Ideen und programmatische Konzepte für einen neuen po-
Das Handeln der Akteure litischen Kurs, kann das Thema auf der politischen Agenda
platzieren, kennt die Ausgangsbedingungen und sieht
Ein letzter argumentativer Schritt ist noch zu gehen. Bis- Wege, wie das Ziel erreicht werden kann. Politische Füh-
lang galt unser Blick den institutionellen Rahmenbedin- rung bedeutet in diesem Sinne auch Risiken einzugehen,
gungen des politischen Handelns. Diese können den poli- also bei ungewissem Ausgang und möglichem Scheitern
tischen Reformwillen von parteipolitischen Akteuren brem- die politische Verantwortung für eine Entscheidung zu
sen oder auch begünstigen. Der Spiegel kann aber auch übernehmen (vgl. Rüb 2014: 25–26).
umgedreht werden: Institutionen entfalten ihre Wirkung Ein Politikwechsel bedarf somit eines politischen Unterneh-
erst in der Art und Weise, wie sie von den Akteuren verstan- mers, vielleicht auch mehrerer gemeinsam handelnder Ent-
den und genutzt werden. Es sind die Spieler, die die Bühne repreneure, die Reformen angehen und durchsetzen. Zum
gemäß ihren Vorstellungen bespielen (Scharpf 2000). Geschick gehört dabei auch, die Unzulänglichkeiten des
Folgt man einem solchen akteurszentrierten Blick, dann gegenwärtigen Zustandes offen zu legen, also den Bedarf
steht der Handlungsspielraum von Landesregierungen in für neue Wege zu zeigen. Die Problemdichte in einem kon-
enger Verbindung mit den Qualitäten politischer Führung. kreten Politikfeld kann durch erschütternde Ereignisse,
Das gängige Bild, das sich hierfür in der Policy-Forschung denken wir an die Ergebnisse der erste PISA-Studie, offen-
eingebürgert hat, ist das vom „politischen Unternehmer“ bar werden, aber auch gezielt von politischer Seite ins
(entrepreneur). Ihm oder ihr wird ein hohes Engagement für Licht der politischen Aufmerksamkeit gerückt werden (vgl.
eine bestimmte politische Zielsetzung zugeschrieben, die Schmidt 2014). Die Diskreditierung des Status quo ist eine
mittels persönlicher Ausstrahlung, der Autorität des Amtes, wichtige Voraussetzung, um ein Zeitfenster für Reformen
persönlichem Einsatz und der strategischen Fähigkeit, öffnen zu können.

Die politischen und


sozio-ökonomischen Differen-
zen zwischen den Ländern sind
seit der deutschen Einheit
gewachsen, so dass der
Grundpfeiler des kooperativen
Föderalismus, der Interessen-
ausgleich zwischen den Län-
dern, aufgeweicht worden ist.
picture alliance/dpa

183

BiS2015_04_umbr.indd 183 11.01.16 11:04


Klaus Detterbeck
Fazit: Der Handlungsspielraum von die beste Problemlösung. Es hängt somit vieles vom politi-
Landesregierungen im verflochtenen deutschen schen Gestaltungswillen ab, ebenso wie von der Fähigkeit
Bundesstaat zur Durchsetzung. Wer nach Spielräumen in der Landes-
politik sucht, der sollte neben formalen Kompetenzen in
Auf den ersten Blick laden die Theoriediskussionen, die wir den einzelnen Politikfeldern auch nach dem Handeln der
uns angeschaut haben, eher zu einer gewissen Skepsis ein, politischen Akteure, und somit nach der Qualität der politi-
was die Chancen auf einen Kurswechsel in der Politik an- schen Führung fragen.
geht. Es scheint fraglich, ob Parteien, die neu in Regie- Baden-Württemberg ist sicherlich nicht unbedingt prädes-
rungsverantwortung kommen, einen klaren Bruch mit ihren tiniert für einen radikalen Politikwechsel. Das Land ist ge-
Vorgängern wollen und ob sie dazu überhaupt in der Lage prägt von einem historisch gewachsenen „milderen“ Klima
wären. Die Debatten um eine programmatische Konver- einer konsensorientierten politischen Kultur, einer eher
genz der Parteien und einen Verlust der Steuerungsfähig- konservativen Sozialstruktur und einer langen Tradition
keit der (nationalstaatlichen) Politik deuten in diese Rich- christdemokratischer Vorherrschaft in der Nachkriegszeit
tung. Verstärkt wird diese Skepsis noch durch Argumente (Weber 2011). Es ist zudem wirtschaftlich eines der erfolg-
der Pfadabhängigkeit, die davon ausgehen, dass der Wi- reichsten Bundesländer. Dennoch kam es 2011 zu einem
derstand etablierter Interessenkoalitionen und Vetospieler dramatischen Machtwechsel in politisch aufgewühlter
sowie die Wirksamkeit traditioneller Denkmuster Reformen Stimmung. Die Wahl war geprägt von hoher Unzufrieden-
erschweren. Erwartet wird somit eher Kontinuität in der Re- heit mit der CDU-geführten Landesregierung und deren
gierungspolitik, ergänzt durch einen eher behutsamen und Umgang mit sensiblen politischen Themen (Stuttgart 21,
pfadbezogenen Wandel. Rückkauf der EnBW-Aktien, Wende in der Atomkraft). 4
Wenden wir den Blick nun auf die Landesebene, so stellt Die neue Regierung konnte hier durchaus ein Mandat für
der institutionelle Rahmen des deutschen Bundesstaates einen politischen Kurswechsel herauslesen. Genauso
eine weitere Hürde für Politikwechsel dar. Der Handlungs- deutlich wird sie jedoch die politischen Widerstände,
raum von Landesregierungen ist begrenzt durch die ge- etwa auf kommunaler Ebene und bei den Verbänden, und
ringe Anzahl autonom verwalteter Politikfelder und den die Zweifel in Wirtschaft und Gesellschaft an grundlegen-
hohen Grad an Verflechtung zwischen den Ebenen. Die den Veränderungen im Land vernommen haben. Es bleibt
Länder können vieles mitbestimmen, aber wenig alleine also spannend zu fragen, mit welchen Strategien des Poli-
entscheiden. Dennoch haben die Länder, und dies gilt tikwechsels Grün-Rot versucht hat, das Zeitfenster für die
nach der Föderalismusreform von 2006 und im Rahmen des angekündigte politische Erneuerung in den verschiedenen
europäischen Mehrebenensystems noch verstärkt, die Feldern der Landespolitik zu nutzen.
Funktion des föderalen Laboratoriums im Wettbewerb um

Winfried Kretschmann wäh-


rend seiner Rede bei einer
Kundgebung des Beamtenbun-
des (03.03.2012) . Etwa 2500
Anwesende protestierten in
der Stuttgarter Liederhalle
gegen die grün-rote Sparpoli-
tik. Grün-Rot hat im Laufe der
Legislaturperiode sehr wohl
die politischen Widerstände
auf kommunaler Ebene und bei
den Verbänden vernommen.
picture alliance/dpa

184

BiS2015_04_umbr.indd 184 11.01.16 11:04


LITER ATUR POLITIKWECHSEL IN BADEN-WÜRTTEMBERG?
ZUM HANDLUNGSSPIELRAUM VON LANDES-
Benz, Arthur (2008): Föderalismusreform in der „Entflechtungsfalle“. In: REGIERUNGEN IM VERFLOCHTENEN BUNDESSTAAT
Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Hrsg.):
Jahrbuch des Föderalismus 2008. Föderalismus, Subsidiarität und Regi-
Tsebelis, George (2002): Veto Players. How Institutions Work. Princeton.
onen in Europa. Baden-Baden, S. 180–190.
Weber, Reinhold (2011): Parteien und Parteiensystem in Baden-Württem-
Beyer, Jürgen (2015): Pfadabhängigkeit. In: Wenzelburger, Georg/Zohln-
berg: Funktionen, Genese, Wettbewerb. In: Frech, Siegfried/Weber,
höfer, Reimut (Hrsg.): Handbuch Policy-Forschung. Wiesbaden, S. 149–
Reinhold/Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): Handbuch Landespolitik.
172.
Stuttgart, S. 85–117.
Blank, Florian (2012): Vetospieler und Policy-Analyse – Institutionen und
Wolf, Frieder/Hildebrandt, Achim (2008): Sechzehn Länder, sechzehn Fel-
Dynamik. In: Ders. (Hrsg.): Vetospieler in der Policy-Forschung. Wiesba-
der: Erträge des Vergleichs. In: Dies. (Hrsg.): Die Politik der Bundeslän-
den, S. 175–191.
der. Staatstätigkeit im Vergleich. Wiesbaden, S. 363–370.
Detterbeck, Klaus (2007): Was bleibt vom deutschen Föderalismus? Die
Zohlnhöfer, Reimut (2011): Politikwechsel nach Machtwechseln: Die Wirt-
Reföderalisierungsdebatte in Deutschland und der Verfassungsprozess
schaftspolitik der Regierungen Kohl und Schröder im Vergleich. In: Der-
in Europa. In: Renzsch, Wolfgang (Hrsg.): Perspektiven ostdeutscher
lien, Hans-Ulrich/Murswieck, Axel (Hrsg.): Regieren nach Wahlen.
Länder in der Europäischen Union. Baden-Baden, S. 18–33.
Opladen, S. 167–193.
Detterbeck, Klaus/Renzsch, Wolfgang/Schieren, Stefan (Hrsg. 2010): Fö-
Zohlnhöfer, Reimut (2013): Politische Parteien und öffentliche Politik: Zum
deralismus in Deutschland. München.
Einfluss von Parteien auf die Staatstätigkeit. In: Korte, Karl-Rudolf/Grun-
Duverger, Maurice (1951): Les partis politiques. Paris.
den, Timo (Hrsg.): Handbuch Regierungsforschung. Wiesbaden,
Ganghof, Steffen/Schulze, Kai (2015): Vetospieler und Institutionen. In:
S. 267–276.
Wenzelburger, Georg/ Zohlnhöfer, Reimut (Hrsg.): Handbuch Policy-
Forschung. Wiesbaden, S. 113–148.
Garrett, Geoffrey (1998): Partisan Politics in the Global Economy. Cam-
bridge.
Grube, Norbert (2009): Nähe und Distanz. Föderale Einstellungen der ANMERKUNGEN
Bevölkerung in 60 Jahren Bundesrepublik Deutschland. In: Europäi-
1 Die politikwissenschaftliche Forschung zum Politikwechsel unterschei-
sches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Hrsg.): Jahrbuch
det dabei nicht nur nach den drei Dimensionen der Politik (polity, politics,
des Föderalismus 2009. Föderalismus, Subsidiarität und Regionen in
policies), sondern auch nach der Tiefe des Wandels. Etliche Autoren neh-
Europa. Baden-Baden, S. 149–160.
men dabei eine weitere Dreiteilung vor. Sie sehen besonders große Ver-
Hall, Peter (1993): Policy Paradigms, Social Learning, and the State. The
änderungen gegeben, wenn sich auf einer höchsten Ebene die Ziele,
Case of Economic Policy-making in Britain. In: Comparative Politics,
Überzeugungen und Leitideen der Politik (core beliefs) wandeln. Die mitt-
3/1993, S. 275–296.
lere Ebene stellen Wechsel in den Gestaltungsprinzipien der Politik dar,
Hibbs, Douglas A. (1977): Political Parties and Macroeconomic Policy. In:
die sich vor allem in den zentralen Institutionen und Steuerungsmechanis-
American Political Science Review, 4/1977, S. 1467–1487.
men der einzelnen Politikfelder (policy beliefs) zeigen. Die unterste Ebene
Hicks, Alexander M./ Swank, Duane H. (1992): Politics, Institutions, and
bezieht sich auf konkrete Ausprägungen, Techniken und Instrumente der
Welfare Spending. In: American Political Science Review, 3/1992,
staatlichen Politik (policy instruments). Es besteht weithin Konsens, dass der
S. 658–674.
Begriff des Politikwechsels auf Fälle beschränkt werden sollte, in denen es
Laufer, Heinz/ Münch, Ursula (2010): Das föderale System der Bundesre-
zu einem Paradigmenwechsel auf der höchsten und/oder der mittleren
publik Deutschland. München.
Ebene gekommen ist (vgl. Lepsius 1990; Hall 1993; Sabbatier 1993; Rüb
Landtag von Baden-Württemberg (2011): Regierungserklärung von Minis-
2014).
terpräsident Winfried Kretschmann, am 25. Mai 2011 im Landtag von
2 Die empirischen Studien zur Parteiendifferenz haben jedoch wieder-
Baden-Württemberg. Stuttgart.
holt auf die Sonderstellung christdemokratischer Parteien hingewiesen.
Lehmbruch, Gerhard (2002): Der unitarische Bundesstaat in Deutschland:
Diese sind, stärker als ihre konservativen und liberalen Mitstreiter, als Vor-
Pfadabhängigkeit und Wandel. In: Benz, Arthur/Lehmbruch, Gerhard
reiter des Wohlfahrtsstaates in Erscheinung getreten und haben höhere
(Hrsg.): Föderalismus. Analysen in entwicklungsgeschichtlicher und ver-
Staatsausgaben verantwortet. Für die Bundesrepublik ist das Bild von zwei
gleichender Perspektive. Opladen, S. 53–110.
konkurrierenden „Sozialstaatsparteien“, CDU und SPD, geprägt worden
Leibholz, Gerhard (1966): Das Wesen der Repräsentation und der Gestalt-
(Schmidt 1982; Zohlnhöfer 2013).
wandel der Demokratie im 20. Jahrhundert. Berlin.
3 Es lässt sich allerdings kritisch einwenden, dass der höhere Freiraum
Lepsius, M. Rainer (1990): Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen.
der Länder in der Gesetzgebung bislang noch nicht mit mehr fiskalischer
Lijphart, Arend (1999): Patterns of Democracy. Government Forms and Per-
Eigenständigkeit einhergeht. Die mit der zweiten Stufe der Föderalismus-
formance in Thirty-Six Countries. New Haven.
reform 2009 im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse, der zufolge die
Mair, Peter (2008): The Challenge to Party Government. In: West Europe-
Bundesländer ab 2020 keine neuen Schulden mehr aufnehmen dürfen,
an Politics, 1–2/2008, S. 211–234.
schmälert zudem potenziell die Haushaltsautonomie der Länder. Eine um-
Pierson, Paul (2000): Increasing Returns, Path Dependence, and the Study
fassende Neuregelung der Finanzverfassung steht noch aus (Laufer/
of Politics. In: American Political Science Review, 2/2000, S. 251–267.
Münch 2010, S. 273–278).
Rüb, Friedbert W. (2014): Rapide Politikwechsel in der Bundesrepublik.
4 Das Themenheft „Der Machtwechsel. Das erste Jahr Grün-Rot“ (Der
Eine konzeptionelle Annäherung an ein unerforschtes Phänomen. In:
Bürger im Staat, 3/2012) informiert umfassend über die Hintergründe und
Ders. (Hrsg.): Rapide Politikwechsel in der Bundesrepublik. Theoreti-
Ergebnisse der Landtagswahl 2011 sowie den Regierungsstart der grün-
scher Rahmen und empirische Befunde. Baden-Baden, S. 9–46.
roten Regierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Sabbatier, Paul A. (1993): Policy Change over a Decade or More. In: Ders./
Jenkins-Smith, Hank (Hrsg.): Policy Change and Learning. Boulder,
S. 13–39.
Scharpf, Fritz W. (1999): Regieren in Europa. Effektiv und demokratisch?
Frankfurt am Main.
UNSER AUTOR

Scharpf, Fritz W. (2000): Interaktionsformen. Akteurszentrierter Institutio-


nalismus in der Politikforschung. Wiesbaden.
Scharpf, Fritz W./Reissert, Bernd/Schnabel, Fritz (1976): Politikverflech-
tung. Theorie und Empirie des kooperativen Föderalismus in der Bundes-
republik. Kronberg. PD Dr. Klaus Detterbeck vertritt derzeit eine Professur für
Schmidt, Manfred G. (1982): Wohlfahrtsstaatliche Politik unter bürgerli- Politikwissenschaft an der PH Schwäbisch Gmünd. Er war
chen und sozialdemokratischen Regierungen. Ein internationaler Ver- zuvor als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Poli-
gleich. Frankfurt am Main.
Schmidt, Manfred G. (1996): When Parties Matter: a Review of the Possi- tikwissenschaft an der Universität Magdeburg tätig, wo er
bilities and Limits of Partisan Influence on Public Policy. In: European sich 2010 auch habilitiert hat. Nach dem Studium an der
Journal of Political Research, 2/1996, S. 155–183. Universität Heidelberg und am Trinity College Dublin folg-
Schmidt, Manfred G. (2002): Parteien und Staatstätigkeit. In: Oscar Gab-
riel/Niedermayer, Oskar/Stöss, Richard (Hrsg.): Parteiendemokratie. te 2001 die Promotion an der Universität Göttingen. In
Bonn, S. 522–550. seiner Forschung beschäftigt sich Klaus Detterbeck vor-
Schmidt, Manfred G. (2014): Rapide Politikwechsel. Ein Kommentar. In: Rüb, nehmlich mit politischen Parteien und Parteiensystemen, der
Friedbert W. (Hrsg.): Rapide Politikwechsel in der Bundesrepublik. Theo-
retischer Rahmen und empirische Befunde. Baden-Baden, S. 239–249. vergleichenden Analyse von föderalen und dezentralisier-
Sturm, Roland (2005): Föderalismusreform. Kein Erkenntnisproblem, warum ten Systemen sowie der europäischen Integration, insbe-
aber ein Gestaltungs- und Entscheidungsproblem? In: Politische Viertel- sondere der Rolle von Regionen in der EU.
jahresschrift, 2/2005, S. 195–203.

185

BiS2015_04_umbr.indd 185 11.01.16 11:04


NACHHOLENDE MODERNISIERUNG IM BILDUNGSSYSTEM

Grün-Rote Bildungspolitik in
Baden-Württemberg
Helmar Schöne/Stefan Immerfall

ganz besonders die Bildungspolitik. Sie wird unter der


Bildungspolitik ist Ländersache! Das föderalistische Prin- Überschrift „Bessere Bildung für alle“ nicht nur gleich im
zip garantiert den Ländern im Bildungsbereich eine weit- ersten Kapitel, sondern mit neun Seiten auch sehr umfang-
gehende Autonomie und Gestaltungsfreiheit. Deshalb ist reich (die Wissenschaftspolitik noch nicht einmal mitge-
Bildungspolitik für Landesregierungen ein Kerngeschäft. zählt) thematisiert. Im Laufe der Legislaturperiode zeigte
Häufig entwickeln neu gewählte Regierungen ein anderes sich dann, etwa beim Streit über neue Bildungspläne, die
bildungspolitisches Profil als ihre Vorgängerregierungen. Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung
Ein besonderes Gewicht erhält das Politikfeld Bildung oder den Ausbau der Gemeinschaftsschule, das dem Poli-
auch durch das vergleichsweise große öffentliche Inter- tikfeld innewohnende Konfliktpotenzial; viele Debatten
esse am Thema. Mitunter können bildungspolitische Kon- verliefen polarisiert zwischen Opposition und Regierungs-
troversen sogar wahlentscheidend sein. Helmar Schöne mehrheit und begleitet von großer öffentlichen Resonanz.
und Stefan Immerfall skizzieren die bildungspolitischen Wir skizzieren im Folgenden zunächst die bildungspoliti-
Eckpunkte und Leitgedanken des grün-roten Koalitions- schen Ansprüche, mit denen Grün-Rot angetreten ist, stel-
vertrags, porträtieren die verantwortlichen Akteure des len dann die für dieses zentrale landespolitische Politikfeld
Politikfeldes und beleuchten sodann die zentralen bil- maßgeblichen Akteure vor, um schließlich die aktuelle Situ-
dungspolitischen Reformfelder. Dabei werden die Ab- ation in ausgewählten wichtigen bildungspolitischen Re-
schaffung der Grundschulempfehlung, die Bildungsplan- formfeldern zu beleuchten. Das Augenmerk liegt auf der
reform, die Umsetzung von Inklusion und schließlich die Abschaffung der Grundschulempfehlung, auf der Bil-
begonnene Strukturreform des Schulwesens in den Blick dungsplanreform, auf der Umsetzung von Inklusion und auf
genommen. Trotz mancher Kritikpunkte – z. B. die Einfüh- den begonnenen Schulstrukturreformen. Zuvor aber wird
rung des Faches „Wirtschaft“ auf Kosten des Lernzeitbud- die Ausgangssituation, welche die grün-rote Landesregie-
gets der politischen Bildung – lässt eine erste Bilanzie- rung bei ihrem Amtsantritt vorfand, dargestellt.
rung der bisherigen Reformmaßnahmen den Schluss zu,
dass Grün-Rot in der Bildungspolitik eine „nachholende
Modernisierung“ in Gang gesetzt hat. Ausgangslage

Baden-Württemberg zählte bis zum Regierungswechsel im


März 2011 zu den Bundesländern mit einem dreigeglie-
Kerngeschäft Bildungspolitik derten Schulsystem. Etwa 90 Prozent der Grundschülerin-
nen und Grundschüler wechselten nach der vierten Klasse
Traditionell zählt die Bildungspolitik in den Ländern der auf Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen. Die Ein-
Bundesrepublik Deutschland zu den besonders beachte- führung der sogenannten Werkrealschule im Jahr 1990 er-
ten und auch umstrittenen Politikfeldern. Eine zentrale Ur- möglichte es Schülerinnen und Schülern, auch an Haupt-
sache für die besondere Aufmerksamkeit, die der Bildungs- schulen einen mittleren Schulabschluss zu erwerben. Dafür
politik zuteil wird, liegt in der Aufgabenverteilung zwi- führten manche Hauptschulen zusätzliche Unterrichtsstun-
schen Bund und Ländern im deutschen Föderalismus. Durch den und ein 10. Schuljahr ein. Die Werkrealschule war so
ihre Kulturhoheit verfügen die Länder im Bereich der Bil- keine eigenständige Schulart, sondern vielmehr ein Ver-
dungspolitik über eine weitgehende Gestaltungsautono- such, die Hauptschule attraktiver zu gestalten, um auf die
mie. Bildungspolitik gehört damit zu den wenigen, den bereits seit den 1970er Jahren sinkendem Übergangsquo-
Ländern uneingeschränkt verbliebenen Kompetenzen. Da- ten auf die Hauptschule zu reagieren (vgl. Abbildung 1).
her stellt die Bildungspolitik für alle Landesregierungen ein Der damalige Kultusminister Helmut Rau (CDU) zählte zu
wichtiges Kerngeschäft dar; in der Regel sind sie bestrebt, den beharrlichsten Befürwortern eines Erhalts der Haupt-
gerade auf diesem Felde die eigene Handschrift zu hinter- schule (die tageszeitung, 30.12.2009). Am Streit um die Zu-
lassen. Häufig gilt die Bildungspolitik sogar als wahlent- kunft dieser Schulform artikulierte sich dann auch eine
scheidend. Entsprechend halten große Teile der Bevölke- wachsende öffentliche Unzufriedenheit mit dem baden-
rung Bildung für ein „Top-Thema“, und die Bildungspolitik württembergischen Schulsystem bereits lange vor einem
ist ihnen ein wichtiges Anliegen (vgl. ifo 2014) – kein Wun- möglichen Regierungswechsel.
der, sind doch Familien von bildungspolitischer (Um)Steue- Diese Unzufriedenheit entstand insofern überraschend,
rung und von bildungspolitischen Reformen bzw. deren als sich die Bildungspolitik Baden-Württembergs eine
Unterlassung unmittelbar betroffen. Die Bildungspolitik ist Reihe von Erfolgen zuschreiben konnte. Dazu zählten die
ein alltagsnahes Politikfeld! regelmäßig vorderen Plätze, die das Bundesland in den
Das war nach dem Regierungswechsel in Baden-Württem- innerdeutschen PISA-Ländervergleichen belegte, in denen
berg 2011 nicht anders. „Der Wechsel beginnt“, heißt es im die Kompetenzen am Ende der neunten Klasse gemessen
grün-roten Koalitionsvertrag, und dieser Anspruch betraf werden. Hinzu kam, dass die guten Ergebnisse – im Ver-

186

BiS2015_04_umbr.indd 186 11.01.16 11:04


gleich zum benachbarten Bayern – mit einer geringeren GRÜN-ROTE BILDUNGSPOLITIK IN
sozialen Selektivität und einer höheren Abiturquote ein- BADEN-WÜRTTEMBERG
hergingen (vgl. Neumann/Trautwein 2014). Hierzu trägt
das berufliche Gymnasium bei, in dem fast jedes dritte
baden-württembergische Abitur erworben wird. Ähnlich Der Koalitionsvertrag
wie die Duale Hochschule hat es sich als Exportmodell in
andere Bundesländer erwiesen. Die Initiative der „Hauptschulrebellen“ hatten die damali-
Dennoch zeichnete sich zum Ende der CDU/FDP-geführten gen Oppositionsparteien SPD und Grüne bereits öffentlich
Regierungszeit Unmut mit dem Schulsystem ab, der sich unterstützt. In ihrem Koalitionsvertrag vom 9. Mai 2011 lei-
mehr und mehr öffentlich zu äußern begann. In einigen tete die neue Regierungsmehrheit den geforderten Para-
Teilen der Elternschaft hatte die Einführung des achtjäh- digmenwechsel dann ein. Das Leitthema der bildungspoli-
rigen Gymnasiums große Widerstände ausgelöst. Initia- tischen Abschnitte des Koalitionsvertrages ist die Bildungs-
tiven und Kampagnen gegen „G8“ verzeichneten regen gerechtigkeit, für die nach der Auffassung der Koalitionäre
Zulauf und wurden in den Medien immer stärker wahrge- bereits in der frühkindlichen Bildung gesorgt werden
nommen (vgl. Kratzmeier 2013). Als Achillesferse der müsse: mit dem Ausbau der Kleinkindbetreuung, mit einem
schwarz-gelben Landesregierung er wies sich aber die verbindlichen Orientierungsplan für die Arbeit in Kinder-
Hauptschule. Enorme öffentliche Aufmerksamkeit – auch tageseinrichtungen, um deren Qualität zu verbessern, und
über die Ländergrenzen hinweg – erregte der offene Brief mit einem Sprachförderprogramm. Der schulpolitische
der sogenannten „Hauptschulrebellen“ an Kultusminister Teil des Koalitionsvertrages beginnt mit einer deutlichen
Rau, welcher von etwa 100 Schulleiterinnen und Schullei- Zu stands beschreibung: „Das baden-württembergische
tern unterschrieben war (vgl. Offener Brief 2007). Mit deut- Schul system ist nicht auf der Höhe der Zeit. Es ist sozial un-
lichen Worten wurde dort einem von der Landesregierung gerecht und basiert auf dem Prinzip des Aussortierens.“
ins Spiel gebrachten „Fitnessprogramm“ für die Hauptschu- (Koalitionsvertrag 2011: 5). Als Leitgedanken grün-roter
len widersprochen. Die Unterzeichnenden zeigten auf, Bildungspolitik werden „individuelle Förderung“, „Ver-
dass die zurückgehende Nachfrage nach der Hauptschule schiedenheit als Wert“ und das „Prinzip der Chancenge-
nichts mit der Schulqualität zu tun habe, sondern ein „so- rechtigkeit“ benannt. Das Ziel, bessere Bildungschancen
ziologisches Phänomen“ sei. Die „Abwahl“ der Hauptschule für alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von der so-
sei nämlich auf die mangelnden Berufschancen zurückzu- zialen Herkunft und den Einkommensverhältnissen der El-
führen, die der in der Hierarchie der Bildungsabschlüsse tern zu erreichen, soll vor allem durch vier zentrale Maß-
ganz unten stehende Hauptschulabschluss eröffne. Zudem nahmen erreicht werden:
schrecke das Image der „Restschule“, welche die Haupt- l Gefördert werden soll der Ausbau von Ganztagsschu-
schule durch die Konzentration von Kindern mit großen len mit dem Ziel, eine „rhythmisierte Ganztagsschule
Leistungsschwächen, oft verbunden mit sozialen Proble- ohne Hausaufgaben, in der Unterricht, Lernzeit, Arbeits-
men, erhalten habe, die allermeisten Eltern ab. In der Kon- gemeinschaften sowie Freizeit- und Bildungsangebote“
sequenz forderten die Verfasserinnen und Verfasser des (Koalitionsvertrag 2011: 7) integriert sind, zu schaffen.
Offenen Briefes einen Paradigmenwechsel weg vom drei- l Als Schulform der Zukunft wird die Gemeinschaftsschule
gliedrigen hin zu einem integrativen Schulsystem, in „dem für alle Kinder bis Klasse 10 verstanden, weil es mit ihr
Kinder und Jugendliche, wie in anderen Staaten üblich, am besten gelänge, Chancengleichheit zu gewährleis-
länger gemeinsam miteinander und voneinander lernen ten, individuelle Förderung zu sichern und wohnortnahe
und dabei individuell gefördert werden.“ Schulstandorte zu erhalten. Allerdings soll die Einrich-

Abbildung 1: Übergänge von Grundschulen an weiterführende Schulen seit dem Schuljahr 1990/1991
in %
50

Gymnasien
40 Werkreal-/Hauptschulen1)

30 Realschulen

20

10
Gemeinschaftsschulen

0
1990/91 95/96 2000/01 05/06 10/11 14/15

*) Übergänge von Grundschulen einschließlich Grundschulen im Verbund mit einer Gemeinschaftsschule. Ohne Übergänge auf integrierte Schulformen und Sonderschu-
len. – 1) Vor dem Schuljahr 2010/11 Hauptschulen.
Datenquelle: Amtliche Schulstatistik.

Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 168 15

Quelle: Statistisches Landesamt (2015): Bildung in Baden-Württemberg 2015 (Dritter Bildungsbericht). Stuttgart.

187

BiS2015_04_umbr.indd 187 11.01.16 11:04


Helmar Schöne/Stefan Immerfall
tung von Gemeinschaftsschulen nicht zentral verordnet Personen und Strukturen
werden, sondern von unten wachsen; die Initiative zum
Aufbau einer Gemeinschaftsschule müsse von den Kom- Mit dem Koalitionsvertrag war ein ambitioniertes Arbeits-
munen als Schulträger ausgehen und würde dann ent- programm in der Welt, mit dem die Koalitionäre selbst den
sprechend gefördert. Maßstab für Erfolg oder Misserfolg ihrer Bildungspolitik
l Ein wichtiges Anliegen ist den Koalitionären die Inklu- definiert hatten. Entsprechend groß waren die Erwartun-
sion behinderter Kinder. Mindestens im Grundschulbe- gen an und der Handlungsdruck auf die neue Kultusminis-
reich sollen alle Eltern ein wohnortnahes inklusives An- terin Gabriele Warminski-Leitheußer, die vormalige Bil-
gebot an Regelschulen vorfinden. dungsbürgermeisterin Mannheims. Sie hatte mit Projekten
l Auch ein Dauerärgernis in vielen Familien mit Kindern zur Verbesserung der Bildungschancen von Kindern aus
greift der Koalitionsvertrag auf: den hohen Unterrichts- einkommensschwachen Familien Aufmerksamkeit erwor-
ausfall, der mit einem Sonderprogramm und der Erhö- ben. Ein anderer – quasi natürlicher – Ministerkandidat,
hung der Krankheitsreserve bekämpft werden soll. Frank Mentrup, der bildungspolitische Sprecher der SPD-
Neben diesen vier Kernvorhaben finden sich weitere Landtagsfraktion, musste sich mit dem Posten des Staatsse-
Pläne, so etwa Aussagen zu inhaltlichen Bildungszielen kretärs begnügen bis er zum Oberbürgermeister Karlsru-
(Nachhaltigkeit, Demokratie, Toleranz), die Schwerpunkt- hes gewählt wurde und das Ministerium verließ. Als Amts-
setzungen in der späteren Bildungsplanreform vorweg- chefin des Kultusministeriums wurde die Rektorin der
nehmen und zu weiteren Schulstrukturfragen, wie die Pädagogischen Hochschule Weingarten, Margret Ruep,
Entwicklung der Werkrealschule oder des achtjährigen berufen, eine vormalige Oberschulamtspräsidentin in Tü-
Gymnasiums. Die Abschaffung der verbindlichen Grund- bingen und Stuttgart. Damit standen zwei Frauen mit Ver-
schulempfehlung, die in der öffentlichen Debatte der erste waltungserfahrung an der Spitze des Ministeriums, und
große bildungspolitische Streit der Legislaturperiode wer- umso überraschender war es, dass es ihnen nicht gelang,
den sollte, wird hingegen eher beiläufig erwähnt. die Amtsübernahme reibungslos zu organisieren. Als struk-
turelle Fehlentscheidung erwies sich der Aufbau einer
Stabsstelle Gemeinschaftsschule, weil sie im Ministerium
als Fremdkörper erschien und der Eindruck entstand, die
Amtsspitze schotte sich ab und wolle die neuen bildungs-
politischen Ziele von oben dekretieren (Süddeutsche Zei-
tung, 30.03.12; Stuttgarter Zeitung, 07.01.12). Erst der
Amtsnachfolger, Kultusminister Andreas Stoch, korrigierte
hier, indem er die Stabsstelle auflöste und stattdessen ein
Referat Gemeinschaftsschulen einrichtete (Stuttgarter Zei-
tung, 20.01.15).
Aber nicht nur im eigenen Haus hatte die Kultusministerin
einen schweren Stand, sondern auch gegenüber der eige-
nen Fraktion, in der sie als vormalige Bürgermeisterin über
keine gewachsene Hausmacht verfügte. Ihr Verhältnis zur
Fraktion trübte sich nochmals ein, als die Landesregierung
– einer Empfehlung des Landesrechnungshofs folgend –
bekannt gab, bis ins Jahr 2020 11.600 Lehrerstellen ein-
sparen zu wollen. (Im Doppelhaushalt von 2015/16 korri-
gierte die Landesregierung diese Entscheidung wieder
und schuf sogar neue Stellen.) Diese für Anhänger von
Grün-Rot fatale Nachricht wurde der Ministerin angelas-
tet, die sich gegen die Kürzungen nicht genügend zur Wehr
gesetzt habe (Stuttgarter Zeitung, 27.12.12). Die eher kon-
servativen Lehrerverbände standen ohnehin bereits in Op-
position zu den grün-roten Reformvorhaben. Der Philolo-
genverband etwa hatte das Protegieren der Gemein-
schaftsschulen und die Vernachlässigung der Gymnasien
beklagt (Stuttgarter Zeitung, 25.11.11). Ähnlich fürchtete
der Berufsschullehrerverband eine Vernachlässigung der
beruflichen Bildung (Stuttgarter Zeitung, 20.11.11). Mit den
angekündigten Stellenkürzungen hatte die Ministerin nun
auch noch die Lehrergewerkschaft GEW, eine potenzielle
Verbündete für schulpolitische Reformen, gegen sich. Öf-
fentlich scharf kritisiert, im eigenen Ministerium ungeliebt,
vor allem aber ohne den Rückhalt in der eigenen Fraktion
Ein wichtiges Anliegen der grün-roten Bildungspolitik ist die blieb der Ministerin nach nicht einmal zwei Jahren Amts-
Inklusion. Wie andere Bundesländer ist Baden-Württemberg zeit nur der Rücktritt.
gefordert, die von Deutschland in der UN-Behinderten- Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen verwundert es
rechtskonvention eingegangene Verpflichtung zu erfüllen, nicht, dass bei der Suche nach einem Amtsnachfolger die
allen Kindern, also auch solchen mit Handicap, Zugang zu Wahl auf eine in der Landtags-SPD fest verankerte Person
den Regelschulen zu gewähren. picture alliance/dpa fiel: auf den Parlamentarischen Geschäftsführer Andreas

188

BiS2015_04_umbr.indd 188 11.01.16 11:04


Stoch, einem Juristen. Zur Staatssekretärin wurde die stell- GRÜN-ROTE BILDUNGSPOLITIK IN
vertretende Vorsitzende des DGB-Bezirks Baden-Würt- BADEN-WÜRTTEMBERG
temberg, Marion von Wartenberg, berufen. Mit dem Per-
sonalwechsel an der Spitze des Ministeriums wurden die
grün-roten Reformvorhaben aber nicht zur Disposition ge- Verbindliche Grundschulempfehlung
stellt, vielmehr wurde vom neuen Minister erwartet, das Bis zum Schuljahr 2012/13 erhielten Baden-Württembergs
„Handwerkliche“ zu verbessern, für öffentliche Akzeptanz Viertklässler von der Klassenkonferenz eine, im Wesentli-
der Bildungspolitik zu sorgen (Stuttgarter Zeitung, 07.01.13) chen am Notendurchschnitt ausgerichtete „Empfehlung“
und den roten Faden der Reformen besser sichtbar zu ma- darüber, welche Schulart sie besuchen sollten. Ihr nicht zu
chen (Stuttgarter Zeitung, 02.05.13). Zur Halbzeitbilanz folgen war sehr aufwändig. Nunmehr können die Erzie-
der grün-roten Landesregierung schien es, dass der Neu- hungsberechtigten – im Anschluss an ein Beratungsge-
start gelungen sei: die hausinternen Querelen verstumm- spräch – selbst und in eigener Verantwortung entscheiden,
ten, und das Verhältnis zu Lehrerverbänden und Schulträ- auf welche weiterführende Schule sie ihr Kind schicken.
gern entspannte sich spürbar. Allein, in der Bevölkerung Grün-Rot begründete diese erste weitreichende bil dungs-
war dieser Stimmungsumschwung nicht angekommen. Im po li tische Gesetzesinitiative nach der Regierungsüber-
November 2013 waren zwei von drei Baden-Württember- nahme mit der Stärkung der Elternrechte und der Umset-
gern (61 %) mit der grün-roten Bildungspolitik wenig oder zung langjähriger Forderungen aus der Elternschaft und
gar nicht zufrieden. Selbst die eigenen Anhänger kamen in dem Landeselternbeirat. Von der Opposition wurde die
der Mehrheit zu einem kritischen Urteil. Nur jeder Vierte Gesetzesänderung stark kritisiert und als „überhastet“ und
(27 %) bewertete die Schul- und Bildungspolitik der Regie- „nicht überlegt“ abgelehnt, insbesondere weil ein ausge-
rung wohlwollend (Infratest-Dimap 2013). arbeitetes Beratungskonzept fehle. Als Kronzeugen gegen
den Reformplan wurden die Bildungsverbände, insbeson-
dere der Philologenverband und der Realschullehrer-
Ausgewählte bildungspolitische Projekte – verband in Stellung gebracht (vgl. Landtag von Baden-
Eine erste Bilanz Württemberg 2011). Neben den Elternrechten verband die
Regierungsmehrheit mit der Neuregelung der Grund-
Wo steht die Bildungspolitik am Ende der Legislaturperi- schulempfehlung auch die Erwartung, mehr Bildungsge-
ode? Zur Beantwortung dieser Frage werden im Folgenden rechtigkeit zu schaffen. Schließlich zeigen Studien ein ums
einige ausgewählte bildungspolitische Projekte näher be- andere Mal, dass bei gleicher Begabung und Leistung
trachtet. Akademikerkinder deutlich öfters eine Gymnasialempfeh-

Grün-Rote Bildungspolitik – Eine Chronologie wichtiger Entscheidungen


Mai 2011 Koalitionsvertrag verabschiedet
Mai 2011 Kultusministerin Warminski-Leitheußer vereidigt
Dez. 2011 Verbindliche Grundschulempfehlung durch Schulgesetzänderung abgeschafft
Sept. 2012 Erste Staffel von 22 G9-Modellschulen startet,
zweite Staffel folgt im Schuljahr 2013/14, insgesamt 44 Modellschulen
Sept. 2012 42 Gemeinschaftsschulen gehen an den Start,
insgesamt sind es 2015 277 Schulen
Dez. 2012 Arbeit am neuen Bildungsplan beginnt
Jan. 2013 Kultusministerin Warminski-Leitheußer erklärt Rücktritt
und Kultusminister Andreas Stoch tritt Amt an
März 2013 Expertenkommission zur Lehrerbildung legt Empfehlungen vor
Juli 2013 Landesregierung verabschiedet Eckpunkte für die regionale Schulentwicklung
Dez. 2013 Kabinett beschließt Reform der Lehrerausbildung
April 2014 Kabinett ändert im Bildungsplan Querschnittsthema „Sexuelle Vielfalt“ in neue allgemeine Leitpers-
pektive, „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“
April 2014 Einführung der neuen Bildungspläne wird um ein Jahr zum Sommer 2016 aufgeschoben
Juli 2014 Landtag stimmt für Verankerung der Ganztagsgrundschule im Schulgesetz;
172 Grundschulen starten im Schuljahr 2014/15 mit neuer Ganztagskonzeption, zum Schuljahr
2015/16 nochmals 112 Grundschulen
Feb. 2015 Neues Referat im Kultusministerium für Gemeinschaftsschulen ersetzt Stabsstelle
Feb. 2015 Kabinett regelt Besoldung von zukünftigen Haupt- und Werkrealschullehren neu: A13 statt A12
April 2015 Landtag beschließt Nachtragshaushalt 2015/16: ursprünglich zum Abbau vorgesehene 1.829
Lehrerstellen bleiben erhalten
Juli 2015 Landesregierung bringt Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung der Realschule in den Landtag ein:
An Realschulen nicht nur Realschul-, sondern auch Hauptschulabschluss möglich
Juli 2015 Landtag verabschiedet Änderung des Schulgesetzes zur Inklusion: Abschaffung der Pflicht zum Be-
such einer Sonderschule bzw. Einführung des Elternwahlrechts

189

BiS2015_04_umbr.indd 189 11.01.16 11:04


Helmar Schöne/Stefan Immerfall
lung erhalten als Arbeiterkinder (vgl. Maaz u. a. 2013). Ob
hier ausgerechnet der Wegfall der verbindlichen Grund-
schulempfehlung Abhilfe schaffen kann, erscheint indes
zweifelhaft. Bundesweite Studien deuten darauf hin, dass
die Ausgestaltung der Schulformempfehlung auf die sozi-
ale Ungleichheit einen überraschend geringen Einfluss hat
(vgl. Roth/Siegert 2015; Immerfall/Faak 2015).
Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfeh-
lung hat die bisherigen Trends im Übertrittsverhalten wei-
ter verstärkt: die Übergänge auf Werkreal-/Hauptschulen
sind 2012/13 noch einmal gesunken (auf 15,8 %), auf die
Realschulen gestiegen (37,1 %) und die Gymnasien konn-
ten ihre vorherrschende Stellung mit 44 Prozent noch wei-
ter ausbauen (vgl. Schwarz-Jung 2013). Der Philologenver-
band beklagt denn auch, die Gymnasien hätten verstärkt
mit überforderten Fünft- und Sechstklässlern zu kämpfen
(Die Welt, 07.10.14). Allerdings hatten 89 Prozent von den
Übergängern auf das Gymnasium auch die entsprechende
Empfehlung. Die übergroße Mehrheit der Eltern folgt wei-
terhin der Grundschulempfehlung – außer wenn ihr Kind
für die Werkreal-/Hauptschule empfohlen wurde! Es gibt
aber auch Eltern – vor allem im ländlichen Raum –, die trotz
Empfehlung darauf verzichten, ihr Kind auf das Gymna-
sium zu schicken.
Eltern, Schüler und Grundschullehrkräfte sind mit der
neuen Situation überwiegend zufrieden (vgl. Schmid u. a.
2015). „Die Gespräche mit den Eltern haben sich dadurch
deutlich entschärft, man kann als Pädagoge viel offener
und ohne die Faust im Nacken über Noten und Lernverhal-
ten sprechen“, berichtet eine Grundschulrektorin (Süd-
westpresse, 02.02.2013). Trotz des anfänglichen Streits um
die Grundschulempfehlung ist es nicht sehr wahrschein- Befürworter der grün-roten Bildungsplanreform haben am
lich, dass bei einem eventuellen Regierungswechsel die 11.10.2015 in Stuttgart eine Regenbogenflagge mit der Auf-
Entscheidungsfreiheit der Eltern wieder beschnitten wird, schrift „Vielfalt“ vom Staatstheater herabgelassen. Die Far-
zumal mit Ausnahme von Bayern alle westdeutschen Bun- ben des Regenbogens sind ein Zeichen der Toleranz. Selten
desländer die verbindliche Grundschulempfehlung mitt- hat eine Bildungsplanreform die Öffentlichkeit derart
lerweile abgeschafft haben. Der damalige CDU-Frakti- gespalten. Die öffentliche Debatte trug streckenweise Züge
onsvorsitzende Peter Hauk erklärte bereits im Frühjahr eines Kulturkampfes. picture alliance/dpa
2014, die Erziehungsrechte der Eltern nicht wieder ein-
schränken zu wollen (Stuttgarter Zeitung, 21.02.2014).
orien tierung an die im Bildungsplan 2004 eingeführten –
Bildungsplanreform aber nicht gelungen umgesetzten – Bildungsstandards an-
Bildungspläne werden von den Kultusministerien der Län- geknüpft werden. Drittens finden Veränderungen auf der
der erlassen und definieren die Lehrinhalte und Lehrziele, Fächerebene statt, indem z. B. die bisherigen Fächerver-
die im Schulunterricht erreicht werden sollen. Damit sollen bünde aufgelöst werden und ein neues Fach Wirtschaft/
sie als Steuerungsinstrument der Bildungspolitik dienen. Berufs- und Studienorientierung geschaffen wird. Viertens
Welches Steuerungspotenzial sie tatsächlich entfachen, werden sogenannte fächerübergreifende Leitperspektiven
ist aber strittig (vgl. z. B. Wacker 2008). Oft sind die ge- verankert (Bildung für nachhaltige Entwicklung, Bildung für
schriebenen Lehrpläne nicht identisch mit den tatsächlich Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt, Prävention und Ge-
realisierten (vgl. Grammes 2004). In jedem Fall erfüllen sie sundheitsförderung).
aber eine wichtige symbolische Funktion, indem sie die bil- Vor allem diese Leitperspektiven – und hier ein ausgewähl-
dungspolitischen Vorstellungen einer Landesregierung tes Detail – haben dann die Diskussion um den Bildungs-
transportieren. Selten zuvor hat eine Bildungsplanreform plan bestimmt. In einem ersten Arbeitspapier des Kultusmi-
so viel, auch überregionale, Öffentlichkeit erfahren, wie nisteriums nämlich wird die Forderung nach der „Akzep-
die von Grünen und SPD angestoßene, inklusive mehrerer tanz sexueller Vielfalt“ zum Bildungsziel erklärt und u. a.
Petitionen, wiederholten Demonstrationen von Gegnern gefordert, Schülerinnen und Schüler sollten auch „die ver-
und Befürwortern, der Thematisierung in Fernsehtalkshows schiedenen Formen des Zusammenlebens von LSBTTI-
und einer überaus polarisierten öffentlichen Debatte, die Menschen“1 kennen lernen (vgl. Arbeitspapier 2013). Dar-
streckenweise Züge eines Kulturkampfes trug. Es sind vor aufhin gelang es vor allem konservativen, evangelikalen
allem vier Kerngedanken, die dem neuen Bildungsplan und pietistischen Gruppierungen, eine öffentliche Kampa-
zugrunde liegen: Statt schulartspezifischer Bildungspläne gne gegen die grün-rote Bildungspolitik zu organisieren,
gibt es nun einen gemeinsamen, schulartübergreifenden der sich die CDU in Baden-Württemberg nur zu gerne an-
Bildungsplan für die Sekundarstufe I. Zweitens soll mit schloss. Unter dem Titel „Kein Bildungsplan 2015 unter der
einer verbesserten Operationalisierung der Kom pe tenz- Ideologie des Regenbogens“ wurden in einer Online-Peti-

190

BiS2015_04_umbr.indd 190 11.01.16 11:04


GRÜN-ROTE BILDUNGSPOLITIK IN
BADEN-WÜRTTEMBERG

lass gibt. Zunächst sind die Leitperspektiven gegen ihre


Kritikerinnen und Kritiker in Schutz zu nehmen, weil sie ein
Instrument sind, erstens einen öffentlichen Diskurs über die
Ziele schulischer Bildung anzuregen und zweitens darauf
hinweisen, mit welchen Herausforderungen und Erwartun-
gen Schule unter den Bedingungen einer zunehmend di-
versifizierten Gesellschaft umzugehen hat (vgl. Markert
2014). Ebenso folgerichtig ist die schulartenübergreifende
Anlage der Bildungspläne, um den Umgang mit wachsen-
der Heterogenität und notwendiger Individualisierung des
Unterrichts voranzubringen und zu unterstützen; der ge-
meinsame Bildungsplan kann ein Schritt zur Förderung der
Durchlässigkeit des Bildungssystems sein (vgl. Bergner
2015). Prinzipiell begrüßenswert ist schließlich die Weiter-
entwicklung und Detaillierung der Kompetenzorientie-
rung, weil der bisherige Bildungsplan aus dem Jahr 2004
unter der mangelnden Akzeptanz der Lehrerinnen und Leh-
rer litt (vgl. Maier/Jäger 2009), denen konkrete Hinweise
und geeignete Materialien zur Umsetzung im Unterricht
fehlten.
Freilich sind Zweifel erlaubt, ob der vorliegende Bildungs-
plan dies besser meistert: Die Anhörungsfassung (vgl. Ar-
beitsfassungen 2014) umfasst ca. 4.000 Seiten, die eine
Fülle an Querverweisen enthalten, um inhalts- und pro-
zessbezogene Kompetenzen miteinander zu verbinden.
Wird ein solches Textmonstrum tatsächlich ein handhab-
bares Instrument für den Schulalltag sein? Auch sind nicht
alle curricularen Entscheidungen zu begrüßen. Sinnvoll ist
fraglos die Auflösung der bisherigen Fächerverbünde, die
tion gut 190.000 Unterschriften gesammelt, u. a. mit dem im Unterrichtsalltag kaum handhabbar waren. Schwer
Argument, der Bildungsplan würde auf eine „pädagogi- nachvollziehbar ist hingegen die Einführung eines Faches
sche, moralische und ideologische Umerziehung an den „Wirtschaft“, das auf Kosten der Lernzeitbudgets von poli-
[…] Schulen“ zielen (vgl. Petition 2013). In eine ähnliche tischer Bildung und Geografie entstehen soll. Wenn Land-
Richtung äußerten sich kritisch auch die Kirchen (Die Welt, tagsabgeordnete unverhohlen einräumen, das neue Fach
10.01.14) und der Philologenverband. Dessen Landesvor- sei auf die erfolgreiche Lobbyarbeit der Wirtschaftsver-
sitzender, Bernd Saur, stellte sich mit seiner Äußerung, es bände zurückzuführen, nährt das die Befürchtung, dass
fände eine Pornografisierung des Schulunterrichts statt, sich hier ein Einfallstor für die Vermittlung einseitig öko no-
selbst ins Abseits (Stuttgarter Zeitung, 21.10.14). mis ti scher Kompetenzen zu Lasten der ge sell schafts po li-
Die Demonstrationen und Proteste zeigten Wirkung. Der tischen und sozioökonomischen Allgemeinbildung auftut.
Ministerpräsident kündigte an, mit Umformulierungen in Damit handelt die grün-rote Regierung entgegen der An-
den Leitperspektiven missverständlichen Interpretationen kündigungen in ihrem eigenen Koalitionsvertrag, in dem
entgegentreten zu wollen. Eine Revisionsfassung stellt das sie noch den Ausbau der politischen Bildung angekündigt
Toleranzgebot nun in einen weiteren Zusammenhang, der hatte – diese Privilegierung der Unternehmens- und Arbeit-
sich nicht nur auf sexuelle Orientierungen, sondern auf di- geberlobby ist völlig unverständlich für eine Regierung,
verse Lebensformen im Allgemeinen bezieht. Aber auch die die sich doch der Förderung der politischen Aufklärung
überarbeitete Variante passte der CDU nicht, die eine voll- und des gesellschaftlichen Engagements der Bürgerinnen
ständige Abschaffung der Leitperspektiven forderte (Stutt- und Bürger verschrieben hatte.
garter Zeitung, 23.05.14). Dass die Einführung des neuen
Bildungsplans dann um ein ganzes Jahr verschoben wurde Inklusion
und erst zum Schuljahr 2016/17 stattfinden soll, ist aller- Wie andere Bundesländer ist Baden-Württemberg gefor-
dings weniger dem Streit um die Leitperspektiven, sondern dert, die von Deutschland in der UN-Behindertenrechts-
der Komplexität des Erarbeitungsprozesses und dem Vor- konvention eingegangene Verpflichtung zu erfüllen, allen
haben geschuldet, eine längere Erprobungsphase einzu- Kindern, also auch solchen mit Handicap, Zugang zu den
richten und mit einem umfassenden Fortbildungsangebot Regelschulen zu gewähren. Mit einer Inklusionsquote von
für Lehrerinnen und Lehrer die Umsetzungschancen des Bil- 2,0 Prozent liegt es im Schuljahr 2013/14 knapp unter dem
dungsplans zu erhöhen (Stuttgarter Zeitung, 24.04.14). bundesdeutschen Durchschnitt von 2,1 Prozent (vgl. Klemm
Bedauerlicherweise hat die Debatte um die Akzeptanz se- 2015) 2 . Beispielhaft zeigte 2014 für Baden-Württemberg
xueller Vielfalt die ernsthafte und sachliche Auseinander- der Fall eines kleinen Jungen mit Trisomie 21 aus Walldorf,
setzung um den Bildungsplan verschüttet, der viele posi- wie schwer sich Schulsystem und Öffentlichkeit mit behin-
tive Ansätze enthält, aber auch zu berechtigter Kritik An- derten Kindern immer noch tun. Die Eltern des Jungen woll-

191

BiS2015_04_umbr.indd 191 11.01.16 11:04


Helmar Schöne/Stefan Immerfall
ten erreichen, dass ihr Sohn mit seinen Freunden aus der der Einführung der Gemeinschaftsschule die bil dungs po li-
Grundschulzeit zusammenbleibt und auf das nahe gele- ti sche Auseinandersetzung im Lande noch einmal zu. Der
gene Gymnasium wechselt. Obwohl das zuständige Schul- Versuch der Landesregierung, die von ihr eingeführten Re-
amt Mannheim den Schulversuch im Gymnasium befür- formen durch einen „Schulfrieden“ abzusichern, scheiterte
wortet hatte, lehnte das Kollegium ab, auch weil es Pro- an der Absage der CDU, welche die Bildungspolitik zu ei-
teste von Eltern gab, die um das Niveau der Klasse bangten nem zentralen Wahlkampfthema machen möchte (Süd-
(Die Welt, 10.05.2015). Nunmehr hat sich eine Realschule deutsche Zeitung, 23.03.2015). Während die Befürworter
zur Aufnahme bereit erklärt (Süddeutsche Zeitung, in der Gemeinschaftsschule eine längst fällige pädagogi-
08.05.2015). sche Antwort auf die Heterogenität sehen, mit der sich
Nach dem Inklusionskonzept der Landesregierung werden Schulen seit langem und immer mehr konfrontiert sehen,
keine Schwerpunktschulen gebildet, sondern möglichst erwarten Kritiker, dass schwache Schülerinnen und Schü-
viele Schulen sollen in die Lage versetzt werden, potenziell ler nicht besser, gute Schülerinnen und Schüler aber
inklusiven Unterricht anbieten zu können. Mit dem Schul- schwächer abschneiden würden. Für den neugewählten
jahr 2015/16 wird die Sonderschulpflicht ganz abge- Oppositionsführer Guido Wolf kommt die Gemeinschafts-
schafft: Eltern von Kindern mit Behinderungen entscheiden schule, wenn überhaupt, dann nur unter „ferner liefen“
dann selbst, ob sie ihr Kind in eine allgemeine Schule oder (Deutschlandfunk, 02.02.2015).
in eine Sonderschule schicken wollen. Ein Anspruch auf Ob die neue Schulform soziale Selektivität vermindern
eine bestimmte Schule oder eine bestimmte Schulart be- kann, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Erfolgreich
steht aber nicht. Die bisherigen Sonderschulen werden zu dürfte sie mit Blick auf die demographische Herausforde-
sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren rung sein, welche vor allem die ländlichen Regionen be-
weiterentwickelt, die ihre Expertise auch anderen Schulen trifft. Ihre entschlossenere Bewältigung hatte schon der
zur Verfügung stellen. Inklusiven Schulen werden zusätzli- Expertenrat der CDU-geführten Vorgängerregierung an-
che Lehrdeputate und Fortbildungen zur Verfügung ge- gemahnt (vgl. Expertenrat 2011). Auch CDU-geführte Kom-
stellt. Allerdings musste das Kultusministerium einräumen, munen bewerben sich als Standort für eine Gemeinschafts-
die benötigten Sonderpädagoginnen und -pädagogen schule, da sie darin die einzige Möglichkeit sehen, trotz
seien derzeit gar nicht zu finden (SWR Landesschau Aktu- sinkender Schülerzahlen ein umfassendes Schulangebot
ell, 03.09.2015). am Ort zu halten. So zweckmäßig die regionale Schulent-
wicklung von unten im Sinne politischer Konfliktminimie-
Die neue Gemeinschaftsschule rung auch sein mag, sie ist auch mit Nachteilen verbunden.
Das bildungspolitisch zweifellos ambitionierteste Vorha- Da die Gemeinschaftsschule zusätzlich eingeführt wurde,
ben von Grün-Rot stellt die Einführung der Gemeinschafts- gibt es derzeit in Baden-Württemberg nicht weniger als
schule dar. „Die Gemeinschaftsschule vermittelt in einem sieben weiterführende Schularten! Sicher ist, dass die
gemeinsamen Bildungsgang Schülern der Sekundarstufe I Schließung von Haupt- und Werkrealschulen weitergehen
je nach ihren individuellen Leistungsmöglichkeiten eine der wird. Doch auch die Zukunft der Realschule, die in Baden-
Hauptschule, der Realschule oder dem Gymnasium ent- Württemberg ein hohes Ansehen besitzt (vgl. Dimap 2013),
sprechende Bildung“ (Schulgesetz für Baden-Württem- ist ungewiss. Bislang genießt sie Bestandsschutz; sie soll
berg (SchG) § 8a (1)). sogar zusätzliche Lehrerstellen bekommen. Was aber,
Neben integrierter Schulform und Ganztagsform weist die wenn die Realschule im Zweifelsfall vielen Eltern attraktiver
Gemeinschaftsschule baden-württembergischer Prägung erscheint als die Gemeinschaftsschule? Zumal auch die ak-
mit ihrem ausdrücklichen Verzicht auf Leistungsgruppen- tuell 44 Gymnasien, die zum neunjährigen Abitur zurück-
differenzierung eine bundesdeutsche Besonderheit auf kehren durften, mit potenziellem Gemeinschaftsschulklien-
(vgl. Wacker/Rohlfs 2014: 5f.; allg. Bohl/Meissner 2013). tel konkurrieren. Wenn aber die Gemeinschaftsschule die
An ihre Stelle soll das Prinzip des individuellen und koope- neue Hauptschule wird, würde auch ihre Pädagogik schei-
rativen Lernens treten. Es gibt auch kein „Sitzen bleiben“ tern. Denn ohne leistungsstarke Schülerinnen und Schüler
und (außer in den Abschlussklassen) keine Ziffernoten 3 wird ihr binnendifferenzierter und zieldifferenter Unter-
mehr. Dieser Ansatz bündelt sich in dem Motto „Vielfalt richt nicht funktionieren.
macht schlauer“ (vgl. Kultusministerium o. J.).
Es versteht sich, dass diese, der bundesdeutschen Schulge-
schichte weitgehend fremde Unterrichtsform mit grund- Fazit
sätzlicher Kritik, aber auch mit selbstverschuldeten Anlauf-
schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die FAZ bezeichnete sie Zum Beginn der Legislaturperiode startete Grün-Rot mit
jüngst (17.08.2015) gar als „schwäbisches Himmelfahrts- kaum verhohlener Gestaltungseuphorie in die Reform des
kommando“. Vielfach fehlten Lehr-Lern-Materialien und baden-württembergischen Schulwesens. Kein Zweifel
Aus- und Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte, die der wurde in Planungspapieren und öffentlichen Verlautba-
geforderten neuen Lernkultur entsprechen. Hier haben die rungen daran gelassen, dass die neue Landesregierung
sogenannten 42 Starterschulen Pionierarbeit geleistet, das Bildungswesen im Lande in weiten Teilen für veraltet
welche in einem strengen Auswahlverfahren für den Start und überlebt hielt („Das baden-württembergische Schul-
der neuen Schulform 2012/13 ausgewählt wurden (vgl. system ist nicht auf der Höhe der Zeit“). Umso überraschter
Lehren & Lernen 2012). In den folgenden Genehmigungs- und enttäuschter waren manche Akteure und Parteigänger
runden folgte ein rascher Ausbau, so dass es zum Schuljahr als sich zeigte, wie mühsam und langsam die Umsetzung
2015/16 insgesamt 271 öffentliche (und sechs private) der angestrebten Reformen voranging. Einerseits hatte
Gemeinschaftsschulen im Land geben wird. 4 man Blockade- und Protestmöglichkeiten von Opposition
Der Tragweite der Strukturreform für die ba den- würt tem- und diversen Interessenverbänden unterschätzt, wie sie
ber gi sche Schullandschaft entsprechend, spitzte sich an sich insbesondere in den Diskussionen zu den neuen Bil-

192

BiS2015_04_umbr.indd 192 11.01.16 11:04


dungsplänen zeigten. Andererseits waren den – nach lan- GRÜN-ROTE BILDUNGSPOLITIK IN
gen Oppositionsjahren unerfahrenen – Regierungsneulin- BADEN-WÜRTTEMBERG
gen auch handwerkliche Fehler unterlaufen, so dass sich
die Stimmung zwischen Regierung und Verbänden und im
Kultusministerium erst nach dem Ministerwechsel wieder All diese Baustellen sind in den letzten Jahren in Angriff
verbesserte. Abgesehen davon, dass die neue Regierung genommen worden; auf vielen aber sind, um im Bild zu
einen Beamtenapparat vorfand, der durch 58 Jahre CDU- bleiben, die Handwerker noch tätig, was eine abschlie-
Herrschaft geprägt war. ßende Bilanz erst in der Zukunft ermöglichen wird. Aller-
Der Vorwurf an die grün-rote Regierung, ihre bildungspoli- dings haben sie das „schwere Gerät“ beiseite geschoben
tischen Vorhaben seien zuvorderst ideologisch motiviert und agieren etwas geräuschloser. Nach dem bildungspo-
und würden einseitig auf das Ziel der Schaffung von mehr litischen Übermut der ersten Stunde setzt Grün-Rot jetzt
Chancengleichheit ausgerichtet sein, ist zwar ein oft ver- pragmatisch auf Freiwilligkeit und Schulentwicklung von
wendetes Diskursmuster in der politischen Auseinanderset- unten. Das von ihrer Expertenkommission zur Weiterent-
zung, hält aber einer sachlichen Überprüfung nicht stand. wicklung der Lehrerbildung (2013) empfohlene gemein-
Tatsächlich stellen viele eingeleitete Reformmaßnahmen same Lehramt für alle weiterführenden Schulen wurde still
Schritte einer „nachholenden Modernisierung“ dar, die beerdigt. Das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und
von der bisherigen Landesregierung versäumt worden wa- Gemeinschaftsschule als einzigen Sekundarschulen soll
ren – und die inzwischen auch von der oppositionellen „auf leisen Sohlen“ kommen. Fast scheint es, als ob der
CDU teilweise anders beurteilt werden: Eine verbindliche Landesregierung durch die Proteste, die ihre bil dungs po li-
Grundschulempfehlung entspricht kaum dem Leitbild ge- ti sche Agenda anfänglich ausgelöst hatte, ein wenig der
stärkter Elternrechte, der bisherige Bildungsplan von 2004 Mut verloren gegangen ist. Vor allem der schulstrukturelle
hatte Schwächen in der Kompetenzorientierung und litt un- Umbau lässt sich als teils zögerlich, teils widersprüchlich
ter mangelnder Akzeptanz in der Lehrerschaft, der Schul- beschreiben. Andere Bundesländer, z. B. Schleswig-Hol-
unterricht kann veränderte Formen des gesellschaftlichen stein (vgl. Wiechmann 2011), haben auf dem Weg zur Ge-
Zusammenlebens und die Vielfalt von Lebensentwürfen meinschaftsschule weitaus stärkere Steuerungsimpulse ge-
nicht ignorieren, die Hauptschule hat sich durch gesell- setzt. Ob sich ohne solche der pädagogische Anspruch
schaftlichen Wandel als Schulform überlebt und mehr An- der Gemeinschaftsschule einlösen lässt, ist keineswegs
strengungen für die Umsetzung inklusiver Unterrichtsange- gewiss. Und nicht absehbar ist, wie es nach einem eventu-
bote sind vonnöten, damit Deutschland seine eingegange- ellen Regierungswechsel weitergeht, zumal ein parteipoli-
nen internationalen Zusagen erfüllen kann. tischer Schulfrieden nicht erreicht werden konnte.

Der Versuch der Landesregie-


rung, die von ihr eingeführten
Reformen durch einen „Schul-
frieden“ abzusichern, scheiterte
an der Absage der CDU, wel-
che die Bildungspolitik zu
einem zentralen Wahlkampf-
thema machen möchte.
picture alliance/dpa

193

BiS2015_04_umbr.indd 193 11.01.16 11:04


Helmar Schöne/Stefan Immerfall
ifo (2014): Was die Deutschen über die Bildungspolitik denken – Ergebnis-
LITER ATUR se des ersten ifo Bildungsbarometers. ifo Schnelldienst 18, 25.09.14.
Arbeitsfassungen zur Erprobung des Bildungsplans 2016 (2014). URL: Immerfall, Stefan/Faak, Stefanie (2015): Schulformempfehlung und Eltern-
http://www.bildung-staerkt-menschen.de/bp2016 [18.09.2015]. recht. Mögliche Zusammenhänge zwischen Übertrittsregelung und
Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage sozialer Selektivität im Bundesländervergleich. Manuskript.
und Orientierung zur Verankerung der Leitprinzipien. Stuttgart, Stand: Infratest-Dimap (2013): Baden-Württemberg Trend November 2013. URL:
18.11.2013. URL: http://www.kultusportal-bw.de/site/pbs-bw/get/ http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/
documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/Bil- baden-wuerttemberg/laendertrend/2013/november/ [18.09.2015].
dungsplanreform/Arbeitspapier_Leitprinzipien.pdf [18.09.2015]. Klemm, Klaus (2015): Inklusion in Deutschland. Daten und Fakten. Studie
Bergner, Johannes (2015): Bildungsplanreform 2016 – Bildung, die allen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 2015. URL: http://www.bertels-
gerecht wird. In: Schule im Blickpunkt. Informationen des Landeseltern- mann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikatio-
beirats Baden-Württemberg, 4/2015, S. 3–4. nen/Studie_IB_Klemm-Studie_Inklusion_2015.pdf [18.09.2015].
Bohl, Thorsten/Sibylle Meissner (Hrsg.) (2013): Expertise Gemeinschafts- Koalitionsvertrag zwischen Bündnis90/Die Grünen und der SPD Baden-
schule. Forschungsergebnisse und Handlungsempfehlungen für Baden- Württemberg (2011): Der Wechsel beginnt. Baden-Württemberg 2011–
Württemberg. Weinheim. 2016. Stuttgart. URL: http://www.baden-wuerttemberg.de/de/regie-
Dimap (2013): Die Zukunft der Realschulen in Baden-Württemberg. Eine rung/landesregierung/koalitionsvertrag/ [18.09.2015].
dimap-Studie im Auftrag der CDU-Landtagsfraktion. URL: http:// Kratzmeier, Ute (2013): Die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-
fraktion.cdu-bw.de/themen/bildung/wissen/detail/artikel/die-zu- Württemberg. In: Bohl, Thorsten/Sibylle Meissner (Hrsg.): Expertise
kunft-der-realschule-in-baden-wuerttemberg.html [18.09.2015]. Gemeinschaftsschule. Forschungsergebnisse und Handlungsempfeh-
Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung in Baden- lungen für Baden-Württemberg. Weinheim, S. 19–30.
Württemberg (2013): Empfehlungen vom 22. Februar 2013. URL: http:// Kultusministerium (o. J.): Gemeinschaftsschule. Vielfalt macht schlauer.
www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/ URL: http://www.km-bw.de/,Lde/Startseite/Schule/Gemeinschaftsschu-
weiterentwicklung_lehrerbildung.pdf [18.09.2015]. le [18.09.2015].
Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ (2011): Empfehlungen für Landtag von Baden-Württemberg (2011): Plenarprotokoll 15/20,
Bildungspolitische Weichenstellungen in der Perspektive auf das Jahr 07.12.2011, S. 928–937.
2020 (BW 2020). URL: http://www.kultusportal-bw.de/site/pbs-bw/ Lehren und Lernen (2012): Zeitschrift für Schule und Innovation aus Baden-
get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportal-bw/ Württemberg, 8–9/2012.
zzz_pdf/ExpertenberichtBaW%C3 %BC_online.pdf [18.09.2015]. Maaz, Kai/Baeriswyl, Franz/Trautwein, Ulrich (2013): „Herkunft zensiert?“
Grammes, Tilman (2004): Architektoniken des Lehrplans – Welche Inhalte Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. In: Deiß-
umfasst die politische Bildung? In: Breit, Gotthard/Schiele, Siegfried ner, David (Hrsg.): Chancen bilden. Wege zu einer gerechteren Bildung
(Hrsg.): Demokratie braucht politische Bildung. Schwalbach/Ts., S. 99– – ein internationaler Erfahrungsaustausch. Wiesbaden, S. 185–188.
116. Maier, Uwe/Jäger, Sibylle (2009): Sind Bildungsstandards eine Hilfe für
Hauptschulen? Ergebnisse einer längsschnittlichen Lehrerbefragung
zur Rezeption der baden-württembergischen Bildungsplanreform
2004. In: Schwab, Götz/Schneider, Karl (Hrsg.): Hauptschulforschung
konkret. Hohengehren, S. 205–214.
UNSERE AUTOREN

Markert, Hartmut, 2014: Bildungsplanreform. Umsetzung bleibt an-


spruchsvoll und schwierig. In: bildung und wissenschaft. Zeitschrift der
GEW Baden-Württemberg, 6/2014, S. 6–7.
Neumann, Marko/Trautwein, Ulrich (2014): Die (Rück?)Reform der gymna-
sialen Oberstufe. Hintergründe, Entwicklungen in den Bundesländern
und empirische Befunde aus der TOSCA-Repeat-Studie. In: Ritzi, Chris-
tian/Tosch, Frank (Hrsg.): Gymnasium im strukturellen Wandel. Befunde
und Perspektiven von den preußischen Reformen bis zur Reform der
gymnasialen Oberstufe. Bad Heilbrunn, S. 247–276.
Offener Brief zur aktuellen Schulentwicklungsdebatte (2007), Ravensburg.
URL: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/oberschwaebische-
rebellen-der-rektoren-brief-im-wortlaut-a-481826.html [18.09.2015].
Petition (2013): Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015
unter der Ideologie des Regenbogens. URL: https://www.openpetition.
Prof. Dr. Helmar Schöne ist Professor für Politikwissenschaft und ihre de/petition/online/zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-
Didaktik an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd. 2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens [18.09.2015].
Nach seinem Studienabschluss in Berlin hat er u. a. an den Univer- Roth, Thomas/Siegert, Manuel (2015): Freiheit versus Gleichheit? Der Ein-
fluss der Verbindlichkeit der Übergangsempfehlung auf die soziale Un-
sitäten Dresden und Leipzig gearbeitet. Lehr- und Forschungsauf- gleichheit in der Sekundarstufe. In: Zeitschrift für Soziologie, 2/2015,
enthalte haben ihn an die University of Iowa und die Grand Valley S. 118–136.
State University in Michigan geführt. Er arbeitet schwerpunktmäßig Schmid, Steffen/Wasserfall, Nicola/Schröder, Ines/Eschenbeck, Heike/
Worth, Annette/ Kohlmann, Carl-Walter (2015): Stress und Wohlbefin-
zum politischen System der Bundesrepublik Deutschland. den von Kindern in der Grundschule: Was bewirkt der Wechsel von der
verbindlichen Grundschulempfehlung zum beratenden Elterngespräch?
In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 3/2015, S. 218–227.
Schwarz-Jung, Silvia (2013): Übergänge auf weiterführende Schulen:
Werkreal-/Hauptschulen verlieren weiter. Grundschulempfehlung
2012 erstmals nicht mehr verbindlich. In: Schulverwaltung. Baden-Würt-
temberg, 4/2013, S. 101–104.
Wacker, Albrecht (2008): Bildungsstandards als Steuerungsinstrumente
der Bildungsplanung: eine empirische Studie zur Realschule in Baden-
Württemberg. Bad Heilbrunn.
Wacker, Albrecht/Rohlfs, Carsten (2014): Gemeinschaftsschule – Gesamt-
schule – Intergrierte Schule? In: Lehren und Lernen, 6/2014, S. 4–8.
Wiechmann, Jürgen (2011): Vollständiger Systemwandel in Schleswig-
Holstein. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 1/2011, S. 119–139.

Prof. Dr. Stefan Immerfall ist Professor für Soziologie an der Päd- ANMERKUNGEN
agogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Zuvor hat er an den 1 LSBTTI steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender
Universitäten Passau, Mannheim und North Carolina at Chapel und intergeschlechtlich.
2 Die Inklusionsquote gibt an, wie viele Schülerinnen und Schüler mit
Hill (USA) gelehrt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Be-
besonderem Förderbedarf – gemessen an allen Schülerinnen und Schülern
reich der Bildungssoziologie, Politischen Ökonomie und des Ge- im schulpflichtigen Alter – an allgemeinen Schulen unterrichtet werden.
sellschaftsvergleichs (u. a. Hrsg. „Handbook of European Socie- 3 Eltern können allerdings die „Übersetzung“ der differenzierenden Be-
urteilung über den individuellen Entwicklungs- und Leistungsstand ihres
ties“). Stefan Immerfall leitet den Master-Studiengang „Interkultu-
Kindes in Noten verlangen.
ralität und Integration“ (M. A. IKU). 4 Zum Vergleich: 2013/14 gab es in Baden-Württemberg 378 öffentliche
und 80 private Gymnasien.

194

BiS2015_04_umbr.indd 194 11.01.16 11:04


AUS DEM VOLLEN GESCHÖPFT

Wissenschafts- und Hochschulpolitik


Renate Allgöwer

im Saarland fiel sie zum Sommersemester 2010. Seit dem


Die Hochschulen in Zeiten der Rekorde: Die grün-rote Wintersemester 2014/15 werden in Deutschland keine all-
Landesregierung hatte zwischen 2011 und 2016 so viele gemeinen Studiengebühren mehr erhoben.
Studierende zu versorgen wie keine Regierung vor ihr. Die Universitäten und Hochschulen in Baden-Württem-
Dieser Aufgabe wird die Wissenschaftspolitik gerecht. berg sahen den Verzicht auf die Gebühren mit Sorge. Doch
Sie will der modernen Hochschule mehr Autonomie ge- ihnen entstand kein Schaden. Die Koalition hat von Anfang
währen und stellt sie auf solide finanzielle Füße. Auf an die ausgefallenen Studiengebühren kompensiert. 280
mehr als einem Gebiet erweist sich Baden-Württemberg Euro pro Studentin bzw. Student und Jahr erhalten die
unter Grün-Rot als bundesweiter Vorreiter. Die Hoch- Hochschulen seit 2012 aus der Staatskasse, als Ersatz für
schulpolitik der grün-roten Landesregierung hat sich we- die entgangenen Gebühren. Das macht etwa 170 Millio-
sentlich ums Geld gedreht. Das Meisterstück der Wissen- nen Euro im Jahr aus. So großzügig war kein anderes Land.
schaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist ein Hoch-
schulfinanzierungsvertrag, der mithin beispielgebend
für andere Bundesländer wirken könnte. Dahinter tritt die Geld, Geld, Geld: Auf die Solidarpakte folgt ein
zweite Großtat der Legislaturperiode, die Novellierung Hochschulfinanzierungsvertrag
des Landeshochschulgesetzes, weit in den Schatten. Re-
nate Allgöwer erörtert den Hochschulfinanzierungsver- Die Rektoren der Universitäten und Hochschulen sind des
trag und dessen finanzielle Eckpunkte sowie die Novel- Lobes voll über die Wissenschaftsministerin. Dabei waren
lierung des Landeshochschulgesetzes im Detail. Die wis- vor dem Amtsantritt der Heidelberger Politikwissenschaftle-
senschafts- und hochschulpolitische „Leistungsbilanz“ rin Bauer skeptische Stimmen laut geworden. Als Fachpoliti-
von Grün-Rot wird von Studierenden und Externen (z. B. kerin hatte es Bauer zu einigem Ansehen gebracht. Aller-
Vertretern der Wirtschaft), naturgemäß von der Oppo- dings in überschaubarem Kreis. Akribisch, sachorientiert,
sition und auch von den Hochschulen selbst unterschied-
lich bewertet.

Hochschulpolitische Marksteine

An Marksteinen in der Wissenschaftspolitik fehlt es nicht.


Mangelnder Eifer wird der Wissenschaftsministerin nie-
mand nachsagen können. Gleich die erste weitreichende
Entscheidung im Wissenschaftssektor betraf das Geld.
Getreu dem Versprechen der Koalition, dass Bildung nichts
mit dem Geldbeutel der Eltern zu tun haben dürfe, fiel in
Baden-Württemberg kurz nach dem Regierungswechsel
eine Bastion.
Die allgemeinen Studiengebühren wurden im Südwesten
zum Sommersemester 2012 abgeschafft. Das Land hatte mit
Bauers Vorgänger, dem CDU-Wissenschaftsminister Peter
Frankenberg zu den entschiedenen Vorkämpfern für die all-
gemeinen Studiengebühren gehört. 2005 war Baden-Würt-
temberg zusammen mit sechs weiteren unionsgeführten Län-
dern gegen die 6. Novelle zum Hochschulrahmengesetz
des Bundes, die die Gebührenfreiheit des Erststudiums er-
laubte, vor Gericht gezogen und hatte in Karlsruhe Recht
bekommen. Ab Sommersemester 2007 mussten in Baden-
Württemberg alle Studentinnen und Studenten 500 Euro
Studiengebühren pro Semester bezahlen. Dabei stand der
Südwesten nicht einmal an der Spitze – Niedersachsen und
Nordrhein-Westfalen waren schneller.
Die Abschaffung der Gebühren war der SPD weit mehr ein
Herzensthema als den Grünen und ihrer Wissenschaftsmi-
nisterin Theresia Bauer. Der Verzicht auf allgemeine Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen) hat es auf ihre akri-
Studiengebühren lag im Jahr 2011 allerdings längst wie- bische, fleißige und sachorientierte Art gleich zweimal (2013
der im Trend. Hessen hatte die sogenannte Campusmaut und 2015) geschafft, Wissenschaftsministerin des Jahres zu
schon nach einem Jahr bereits 2008 wieder abgeschafft, werden. picture alliance/dpa

195

BiS2015_04_umbr.indd 195 11.01.16 11:04


Renate Allgöwer
fleißig, verschaffte sich Bauer als hochschulpolitische Spre- Milliarden. In den kommenden sechs Jahren bis zum Jahr
cherin der Grünen im Landtag schnell Respekt im Parlament 2020 sollen die Hochschulen 1,7 Milliarden Euro mehr be-
und die Anerkennung ihres Fraktionschefs Winfried Kretsch- kommen. So steht es im Hochschulfinanzierungsvertrag
mann. Doch Wissenschaftsministerin, als Magistra, ohne „Perspektive 2020“, dem unbestrittenen Glanzstück grün-
weitergehende akademische höhere Weihen? Viele zwei- roter Wissenschaftspolitik. Während der Laufzeit werden
felten, ob die Rektoren und Präsidenten Bauer, die eine Zeit- keine Kürzungen, Stelleneinsparungen und sonstige Haus-
lang als Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung tätig haltssperren erfolgen, sagt die Regierung den Hochschu-
war, akzeptieren würden. Ihr Vorgänger Peter Frankenberg len zu. Stattdessen gibt es Planungssicherheit bis 31. De-
hatte immerhin die Universität Mannheim geführt und war zember 2020, Erhöhung der Grundfinanzierung von 2,47
so bei den Rektoren von vorneherein eine feste Größe. Milliarden Euro um jährlich drei Prozent und 600 Millionen
Theresia Bauer hat es auf ihre Art gleich zweimal (2013 und Euro mehr für den Hochschulbau bis 2020. Mit dieser
2015) zur Wissenschaftsministerin des Jahres gebracht. Ein Großzügigkeit, die dieses „Großprojekt der Legislaturperi-
Titel, der vom akademischen Personal der deutschen Hoch- ode“, wie es Theresia Bauer nennt, beinhaltet, konnten die
schulen verliehen wird. Ein Zeichen der Anerkennung ist Hochschulrektoren nicht rechnen. „Dass das Land so deut-
das allemal. Bauer habe ihren Weg gefunden, ließ sich liche Schwerpunkte auf die Bildung gelegt hat“, hat sogar
etwa ihr Parteifreund, der Tübinger Oberbürgermeister Hans-Jochen Schiewer, den Rektor der Universität Freiburg
Boris Palmer, zitieren, sie sei niemals als „Oberprofessorin“ und Chef der Landesrektorenkonferenz der Universitäten,
aufgetreten. Die Opposition betrachtet die Würden und mächtig „beeindruckt“.
Weihen sehr prosaisch. „Es ist keine große Regierungs- Die starke Betonung von Bildung und Wissenschaft kommt
kunst, das Füllhorn über den Hochschulen auszuschütten“, an: Der Arbeitgeberverband lobte „das gute Signal für
findet etwa Andreas Deuschle von der CDU. den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Baden-
Das Bild vom Füllhorn kommt dem Verhältnis zwischen Wis- Württemberg“ ausdrücklich. Baden-Württemberg ist mit
senschaftspolitik und Hochschulen ziemlich nahe. Der diesem Vertrag Vorreiter: Kein Land zuvor hatte die Forde-
Haushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung rung des Wissenschaftsrates umgesetzt und die Grundfi-
und Kunst ist der drittgrößte Posten im Staatshaushalts- nanzierung um drei Prozent jährlich angehoben.
plan. Im Jahr 2011, dem letzten, für das CDU und FDP den Insgesamt wird die Erhöhung der Grundfinanzierung bis
Haushalt aufgestellt hatten, umfasste er 4,09 Milliarden 2020 laut Ministerium rund 2,2 Milliarden Euro ausma-
Euro, 2015 sind es 5,03 Milliarden und im Jahr 2016 soll das chen. Die Hälfte davon stammt jedoch aus Programmmit-
Volumen auf 5,08 Milliarden Euro ansteigen. teln, die umgewidmet werden sollen. „Veredelung“ nennt
2,47 Milliarden betrug im Jahr 2014 die Grundfinanzie- das die Ministerin. Denn so könnten die Hochschulen frei
rung der Hochschulen – bei einem Gesamtplan von 4,7 über das Geld verfügen, das bisher an Programme gebun-

Wachsende Studierendenzah-
len sorgen nicht nur für über-
volle Hörsäle, sie bringen auch
die Finanzbasis der Hochschu-
len in eine gewaltige Schief-
lage. Das Meisterstück von
Theresia Bauer ist ein Hoch-
schulfinanzierungsvertrag, der
die Grundfinanzierung der
Hochschulen erhöhte.
picture alliance/dpa

196

BiS2015_04_umbr.indd 196 11.01.16 11:04


den war. „Prinzip linke Tasche, rechte Tasche“ nennt es die WISSENSCHAFTS- UND HOCHSCHULPOLITIK
Opposition.
Der Hochschulfinanzierungsvertrag ist der dritte in der
Reihe bisheriger Vereinbarungen. Er folgt auf zwei Solidar-
pakte, die den Hochschulen in den Jahren seit 1997 zwar Das Programm führt aber auch zu Ernüchterungen. Viele
feste Budgets garantiert hatten, ihnen aber niemals Zu- der Stellen sind im Verwaltungsbereich angesiedelt. Viele
wächse brachten. Der Name ist Programm für Grüne und sind an den Hochschulen bereits vorhanden und werden
SPD. Die vergangenen Pakte hätten den Hochschulen viel schlicht entfristet. So hat sich gezeigt, dass an den Hoch-
Solidarität abverlangt. „Jetzt eröffnet das Land den Hoch- schulen für angewandte Wissenschaften (HAW, früher:
schulen durch verbesserte Rahmenbedingungen Perspekti- Fachhochschulen) kaum echte zusätzliche neue Stellen
ven für die Zukunft“, betonten Theresia Bauer und Finanz- entstehen werden, wie Bastian Kaiser, der Vorsitzende der
minister Nils Schmid (SPD) bei der Präsentation der neuen HAW-Rektorenkonferenz klarstellte.
Hochschulfinanzierung im Sommer 2014. Solche Einwände greift die Opposition beinahe dankbar
auf. Gegen verlässliche Finanzierung lässt sich wenig ein-
wenden, schließlich halten alle Parteien die Bedeutung der
Solidarpakt I und II Bildung für das Land hoch. Da überrascht es wenig, dass
auch die CDU „ausreichende und verlässliche Finanzie-
Mit dem ersten Solidarpakt für Hochschulen betrat Baden- rung der Kernaufgaben einer Hochschule“ zum zentralen
Württemberg im Jahr 1997 Neuland. Er galt nur für Univer- Punkt ihres Positionspapiers zur Hochschulfinanzierung
sitäten. Diesen wurde für die Jahre bis 2007 ein festes Bud- gemacht hat. Die FDP hat ebenfalls ausdrücklich begrüßt,
get auf dem Niveau von 1997 garantiert – was eine fakti- dass die Finanzausstattung der Hochschulen mit dem
sche Kürzung bedeutete. Auch verpflichteten sich die Hochschulfinanzierungsvertrag um 1,7 Milliarden Euro
Universitäten, innerhalb der zehnjährigen Laufzeit des verbessert wird und würdigt den „finanziellen Kraftakt“.
Pakts, etwa zehn Prozent ihrer Stellen einzusparen. Im Soli- Was der Opposition bleibt, ist der Vorwurf, mit frischem
darpakt II, der alle Hochschularten einschloss, wurde das Geld für die Hochschulen sei es nicht weit her. Die Millio-
Budget gedeckelt. Die Grundfinanzierung wurde bis 2014 nen, die das Land früher über Programme in die Hochschu-
auf 2,2 Milliarden Euro festgeschrieben. len geleitet habe, würden jetzt eben nur anders deklariert.
Im gleichen Zeitraum schossen aber die Studierendenzah- In der Detailbetrachtung relativiert sich manche Größen-
len in die Höhe. Zählte das Statistische Landesamt im Win- ordnung. Bei der Berechnung der zusätzlichen 1,7 Milliar-
tersemester 1997/98 noch 206.550 Studierende im Land, den Euro wird zugrunde gelegt, wie der Hochschulsektor
waren es 2007 schon 231.500, 2011 knapp 305.000 und im dastehen würde, wenn alle bis 2020 auslaufenden Pro-
Wintersemester 2014/15 stolze 354.166. gramme ersatzlos gestrichen würden. So ergeben sich
Die Zuwächse wurden schon von der CDU/FDP-Landesre- hohe Summen. Das macht sich öffentlich gut, jedoch hätte
gierung durch Sonderprogramme aufgefangen. Für den niemand jemals alle Programme auslaufen lassen, so Bas-
doppelten Abiturientenjahrgang 2012 hatte Peter Franken- tian Kaiser, Chef der Rektorenkonferenz.
berg das Ausbauprogramm „Hochschule 2012“ aufgelegt. Die Darstellung ändert aber nichts daran, dass der ge-
Das brachte die Finanzbasis der Hochschulen in eine ge- samte Ausbau der Studienanfängerplätze nur befristet fi-
waltige Schieflage. Der Anteil der Grundfinanzierung an nanziert war. Das Ausbauprogramm „Hochschule 2012“
den Finanzmitteln der Hochschulen sank stetig. Zuletzt war wurde im Jahr 2007 aufgelegt mit dem Ziel, bis zum Jahr
sie laut Bauer auf im Durchschnitt 53 Prozent abgerutscht. 2012 16.000 neue Studienanfängerplätze zu schaffen. Es
Das Resultat: befristete Arbeitsverhältnisse, unsichere Be- zeigte sich schnell, dass das nicht ausreichend war. 2012
schäftigungen an den Hochschulen und nicht einmal die hatte das Programm einen Umfang von 22.500 neuen An-
Möglichkeit, Räumlichkeiten längerfristig anzumieten. fängerplätzen. Die Hochschulen erhielten von 2007 bis
2014 rund 956 Millionen Euro an Landesmitteln und zu-
sätzlich 691 Millionen aus dem Bundesprogramm „Hoch-
Der Hochschulfinanzierungsvertrag im Detail schulpakt 2020“.
Mit dem Finanzierungsvertrag wird die Regierung den Pro-
Die Leistung des neuen Hochschulfinanzierungsvertrags gnosen gerecht, dass die Studierendenzahlen – anders als
liegt im Wesentlichen darin, die Grundfinanzierung zu er- zu Beginn der Ausbauprogramme angenommen – zumin-
höhen und die bisherigen Programme zu verstetigen. Das dest für die Laufzeit des Vertrags bis zum Jahr 2020 auf
war der Wunsch der Hochschulen, für den sie lautstark auf einem hohen Niveau bleiben werden. Die Plätze sind nun
die Straße gegangen waren. Sie hatten sogar gedroht, abgesichert. Während an der Finanzierung im Grundsatz
einzelne Fachbereiche zu schließen. Die Demonstrationen nicht viel ausgesetzt wird, vermissen Kritiker eine strategi-
mögen der Wissenschaftsministerin bei den Verhandlun- sche Weichenstellung für die Zukunft. Das verweist Bauer
gen mit dem Finanzminister gar nicht so ungelegen gekom- auf die Zeit nach 2020.
men sein. Jedenfalls zeigte Bauer sehr viel Verständnis für Das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag, eine verläss-
die Forderungen. liche Grundfinanzierung für die Hochschulen sicherzustel-
Nun betont die Wissenschaftsministerin Bauer, dass schon len, hat die Koalition üppig eingelöst. Die versprochenen
in den Jahren 2015 und 2016 mehr als 2.200 Stellen ausge- Zielvereinbarungen zur Profilbildung der Hochschulen und
bracht werden können. „Bis zum Ende des Pakts wollen wir die Einführung von Elementen leistungsorientierter Mittel-
bis zu 3.800 Stellen schaffen“, verspricht sie in Interviews. zuweisung, mit denen Grün-Rot Lehrleistungen und Gleich-
Die Duale Hochschule, die überproportional viele Studien- stellungsaspekte stärker gewichten wollte, sind jedoch
plätze neu eingerichtet hatte, zeigte sich begeistert über weitgehend vertagt worden.
367 neue Stellen.

197

BiS2015_04_umbr.indd 197 11.01.16 11:04


Renate Allgöwer
Die Studierenden und ihre Mitspracherechte

„Überall dort, wo es um Studium und Lehre geht, müssen


Studierende mitgestalten können. Künftig sollen Studie-
rende auf Augenhöhe über die Verwendung der vom Land
zur Verfügung gestellten Kompensationsmittel für die weg-
fallenden Studiengebühren mitent scheiden.“1 So steht es
im Koalitionsvertrag.
Den habe Grün-Rot glatt gebrochen, klagen Studieren-
denvertreter und -vertreterinnen. Sie sind die Gruppe, die
dem Hochschulfinanzierungsvertrag am wenigsten abge-
winnen kann. Nach dem Fall der Studiengebühren, als die
Regierung den Hochschulen Kompensationsmittel zur
Qualitätssicherung zur Verfügung stellte, konnten die Stu-
dierendenvertreter und -vertreterinnen bei der Verteilung
von rund 170 Millionen Euro im Jahr mitbestimmen.
Durch den Hochschulfinanzierungsvertrag ist ihr Spiel-
raum auf 20 Millionen Euro gesunken. So hoch ist der „stu-
dentische Korridor“, den die Regierung aus den Kompen-
sationsmitteln ausgeklammert hat, und bei dem die Studie-
renden mitreden können. Das lobt die Regierung nach wie
vor als bundesweit einmalige Beteiligungsmöglichkeit.
Doch der Löwenanteil der Qualitätssicherungsmittel fließt
in die Grundfinanzierung. Das ist den Studierendengre-
mien zufolge der Haken an der Geldvermehrung für die
Hochschulen. Sie verlören ein zentrales Mitspracherecht,
protestieren sie und fürchten um die Qualität der Lehre. Sie
bangen um die langen Öffnungszeiten der Bibliotheken
und argwöhnen, dass die Anzahl der Tutorien einge- Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Bündnis 90/Die
schränkt werden könnte. Unterstützer finden die Studieren- Grünen) erläutert am 23.07.2104 im Landtag in Stuttgart im
den in Vertretern von CDU und FDP. Die Opposition reiht Rahmen einer Pressekonferenz die Eckpunkte für ein Paket
sich bei den Kritikern ein, spricht von „Studierendenent- zur Hochschulfinanzierung von 2015 bis 2020. Rechts sitzt
mündigungsgesetz“ (FDP) und von einem „herben Rück- der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid
schlag für die Studierenden“ (CDU). (SPD), links der Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Frei-
Allerdings bestimmen bisher die Studierenden nicht alleine burg, Hans-Jochen Schiewer. picture alliance/dpa
über die Qualitätssicherungsmittel, hält Bauer entgegen.
Diverse Hochschulgremien sind bisher mit der Geldvertei-
lung befasst. Das bringt Abstimmungsprobleme mit sich, der, die längst wieder Verfasste Studierendenschaften im-
wie die Koalition einräumen musste. Im Jahr 2013 konnten plementiert hatten. Einzige Ausnahme ist nach wie vor Bay-
so laut Bauer knapp 90 Millionen aus dem Topf der Quali- ern. Der Plan, Studierenden mehr Mitsprache einzuräu-
tätssicherungsmittel gar nicht ausgegeben werden. men, stammt indes noch von CDU-Wissenschaftsminister
Peter Frankenberg. Der Grund war damals schlicht das
Geld. Als Studiengebühren eingeführt wurden, folgten die
Die schleppende Rückkehr der Verfassten damaligen Regierungsparteien der Auffassung, wer zahle,
Studierendenschaft wolle auch mitreden. Gesucht wurde jedoch die geeignete
Beteiligungsplattform.
Der eingeschränkte Spielraum ist schwer vereinbar mit Abgeschafft unter Ministerpräsident Hans Filbinger, um
dem grün-roten Anspruch, dass „alle Hochschulgruppen“ den angeblichen „terroristischen Sumpf an den Universitä-
Mitspracherechte erhalten sollten und dass Studierende ten trocken zu legen“, hält der Streit darüber an, was die
„überall dort, wo es um Studium und Lehre geht“, mitgestal- wieder eingeführte Verfasste Studierendenschaft darf und
ten sollen. Dieses Ziel wollte die Koalition mit der Wieder- was nicht. Soll sie ein allgemeines politisches Mandat er-
einführung der Verfassten Studierendenschaft (VS) errei- halten oder nur Mitspracherechte in direkten Belangen der
chen. Was Grünen und SPD von Anfang an den Vorwurf Universität? An dieser Frage scheiden sich die Geister.
von CDU und FDP eintrug, die grün-rote Wissenschaftspo- Die Gegner in den Reihen von CDU und FDP kritisieren
litik sei „keineswegs frei von ideologisch motivierten Maß- „Zwangsmitgliedschaft“ und „Zwangsbeiträge“ und leh-
nahmen“ (FDP). Das unterscheidet die Wissenschaftspolitik nen das politische Mandat nach wie vor rundweg ab. Sie
nicht von der Bildungspolitik, die derselben Kritik ausge- wollen nicht, dass sich Studenten und Studentinnen zu al-
setzt ist. len Politikfeldern äußern können und machen seit der Ein-
Im Juni 2012 hat die grün-rote Mehrheit im Landtag die führung der Verfassten Studierendenschaft regelmäßig
1977 in Baden-Württemberg abgeschaffte Verfasste Stu- Kompetenzüberschreitungen aus. So sei es mit der gefor-
dierendenschaft wieder eingeführt, um den Studierenden derten weltanschaulichen, religiösen und parteipoliti-
„eine starke Stimme“ zu verleihen. Ideologie, wie von der schen Neutralität nicht weit her, klagt etwa Sabine Kurtz,
Opposition vermutet, oder nicht – mit dem Gesetz folgte die hochschulpolitische Sprecherin der CDU. Die Verfasste
Baden-Württemberg dem Vorbild der anderen Bundeslän- Studierendenschaft der Universität Heidelberg habe eine

198

BiS2015_04_umbr.indd 198 11.01.16 11:04


WISSENSCHAFTS- UND HOCHSCHULPOLITIK

Das Landeshochschulgesetz (LHG)

„Wir setzen uns für selbstbewusst handelnde Hochschulen


ein: Sie sollen mehr Gestaltungsfreiheit erhalten und mehr
Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung wahr-
nehmen können […]. Das Leitbild der ‚Unternehmerischen
Hochschule‘ […] hat noch nie zu den Hochschulen gepasst.
Gemeinsam mit den Hochschulen wollen wir das Lan-
deshochschulgesetz neu ausrichten und dabei demokrati-
sche Strukturen stärken.“ 2 So skizzieren Grüne und SPD im
Koalitionsvertrag ihr Bild der modernen Hochschule.
Was Peter Frankenberg als Modell der Zukunft lobte, das
Leitbild der unternehmerischen Hochschule, war Grünen
und SPD von Anfang an ein Dorn im Auge. Vorstandsvorsit-
zende statt Universitätsrektoren, Aufsichtsräte statt Hoch-
schulräte hielten die Koalitionäre schon von der Termino-
logie her für unvereinbar mit dem Konzept Hochschule.
Tatsächlich nannte sich wohl kein Rektor Vorstandsvorsit-
zender, kein Hochschulrat Aufsichtsrat.
Frankenberg hatte mit der Änderung des Landeshoch-
schulgesetzes 2005 ein wettbewerbliches Hochschulsys-
tem propagiert. Er strebte effizientere Leitungsstrukturen
an. Der Hochschulrat sollte als Aufsichtsrat gegenüber
dem Vorstand fungieren und strategische Aufgaben über-
nehmen. Aufsichtsratsvorsitzender war ein Externer, das
Gremium von Externen dominiert. Die Wirtschaft lobte die
Busfahrt zu einer Protestaktion anlässlich des neuen Ge- Hochschulräte als die Schnittstelle, um die Anliegen der
bäudes der Europäischen Zentralbank in Frankfurt unter- Betriebe in die Hochschulen einzubringen und entsandte
stützt, was ihr nicht zustehe. In Freiburg seien im Rahmen eifrig Vertreter.
des Senatswahlkampfs einzelne Wahlvorschläge unter- Nach dem Regierungswechsel sollte Ministerpräsident
stützt worden. Das gehe nicht an, wenn alle Studierenden Winfried Kretschmann erklären, an den Hochschulen gehe
Mitglied der Verfassten Studierendenschaft sein müssten es mehr um „wissenschaftliche Wahrheit und weniger um
und Beiträge bezahlen würden. marktwirtschaftliche Prinzipien“.
Die Regierung legt das politische Mandat so aus, dass sich Im Koalitionsvertrag kündigte die Regierung an, „anstelle
Studierende zu den Politikfeldern äußern könnten, die mit der bestehenden Aufsichtsräte wollen wir externe Hoch-
dem Studium zu tun haben. Dazu kann auch der ÖPNV ge- schulbeiräte etablieren, die die Hochschulen mit Blick von
hören, wenn es um das Semesterticket geht. außen beratend begleiten.“ 3 Die Wirtschaftsvertreter, de-
Ob der Plan aufgeht, Studierende durch die Institution VS ren Expertise die CDU als unschätzbar gepriesen hatte,
an die Politik heranzuführen, ist jedoch fraglich. Bauer sieht sollten ihre Dominanz in den Hochschulräten verlieren. Die
die Verfasste Studierendenschaft als einen Ort der politi- Koalition wollte mehr gesellschaftliche Vielfalt in den Gre-
schen Debatte, der zur Persönlichkeitsbildung beitrage. mien.
Das Bedürfnis der Studierenden scheint das nur bedingt zu Das brachte die Manager auf die Barrikaden und beson-
treffen. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gingen ders die Grünen einmal mehr in den Ruch, die Wirtschaft
im Juli 2015 gerade mal 6,6 Prozent der Studierenden zur einfach nicht zu verstehen. Eine Reduzierung der Funktion
Wahl, um die „gesetzlich verankerte Stimme der Studieren- auf eine bloße Begleitung, eventuell eine Beschneidung
denschaft“ zu stärken. Die Uni Heidelberg kam im Dezem- der Entscheidungsbefugnis, das wollte die Mehrheit der
ber 2014 auf 12,55 Prozent. In Freiburg lag die Wahlbeteili- aus der Wirtschaft entsandten Hochschulräte nicht mitma-
gung bei knapp elf Prozent. „Ausbaufähig“ nennt die Wis- chen. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels könne
senschaftsministerin Bauer diese Wahlbeteiligung. nicht auf die Expertise der Wirtschaft verzichtet werden,
Doch war in den Jahren der angeblichen Politisierung der argumentierte der Präsident der Industrie- und Handels-
Studenten und Studentinnen das allgemeine Interesse nicht kammer (IHK) Region Stuttgart.
viel größer. Eine Wahlbeteiligung von 11,5 Prozent meldet Die Ministerin hielt den Aufschrei der Wirtschaft für teil-
die Uni Freiburg aus dem Jahr 1977, dem für 35 Jahre letz- weise inszeniert. Man wolle gar nicht auf den Sachver-
ten Jahr der Verfassten Studierendenschaft in Baden-Würt- stand der Wirtschaftsfachleute verzichten, beschwichtigte
temberg. Neben den kläglichen Wahlbeteiligungen hatte sie. Aus der Degradierung des Kontrollorgans zu einem rei-
die neu erstandene „rechtlich verankerte Stimme der Stu- nen Beratungsgremium wurde nichts. Nach wie vor können
dierendenschaft“ weitere Hürden zu nehmen. Im Jahr drei die Hochschulräte die strategischen Entscheidungen über
ihres Bestehens wird von Streitigkeiten an den Hochschulen die Hochschulen treffen.
um die Abgrenzung der Zuständigkeiten und die Beziehung Konkret wurde die Koalition bei der Frauenquote. Mit der
zwischen den Hochschulgremien berichtet. Änderung des Landeshochschulgesetzes 2014 wurde eine

199

BiS2015_04_umbr.indd 199 11.01.16 11:04


Renate Allgöwer
Frauenquote in den Räten von mindestens 40 Prozent ein- Nur an Universitäten sei „die fachliche Breite, die interdiszi-
geführt. Bei anderen Quotierungen blieb die Koalition hin- plinäre Vielfalt und die Verbindung von Grundlagenfor-
ter den Erwartungen der Gewerkschaften zurück. Eher schung und angewandter Forschung gegeben.“ 5 Ein Promo-
vage heißt es jetzt im Gesetz, der Hochschulrat solle sich tionsrecht für Fachhochschulen würde die arbeitsteilige
aus Persönlichkeiten zusammensetzen, „die zur Gewähr- Aufstellung des deutschen Wissenschaftssystems schwä-
leistung einer Perspektivenvielfalt unterschiedlichen Berei- chen. Auch die Fachhochschulen liefen Gefahr, ihren Mar-
chen des gesellschaftlichen Lebens angehören, mit dem kenkern, die praxisorientierte Lehre, zu verlieren.
Hochschulwesen vertraut sind und in Bereichen der Wis- In Baden-Württemberg gilt inzwischen das gemeinsame
senschaft, Kunst, Wirtschaft oder beruflichen Praxis tätig Promotionskolleg als Königsweg. Darin arbeiten Professo-
sind oder waren, die für die Aufgaben der Hochschule re- rinnen und Professoren von Universitäten und Hochschulen
levant sind.“4 Neben den Gewerkschaften hätten sich auch für Angewandte Wissenschaften zusammen. Diese Vari-
soziale Organisationen gerne explizit im Gesetz aufge- ante bevorzugen Universitäten, Hochschulen und die Mi-
führt gesehen. Der DGB hatte sich konkrete Vorgaben für nisterin. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass die Expe-
die Zusammensetzung der Hochschulräte gewünscht. rimentierklausel als ein politisches Druckmittel eingesetzt
Die Wirtschaft hat mit der Novellierung keinen Frieden ge- werden kann, falls den promotionswilligen HAW-Absolven-
macht. Im Sommer 2015 erneuerten die Arbeitgeber Ba- tinnen und -Absolventen von Seiten der Universitäten unge-
den-Württemberg ihre Kritik an der Neuregelung zur Be- bührlich große Steine in den Weg gelegt werden sollten.
setzung der Hochschulräte. „Die mit der Novellierung des
Landeshochschulgesetzes 2014 eingeführten politischen
Proporzvorgaben und Quoten bei der Besetzung der Politik des Gehörtwerdens beim Gesetzentwurf
Hochschulräte schwächen die Hochschulen“, kritisierte
Karl Schäuble, der Vizepräsident der Arbeitgeber Baden- Als zukunftsweisend wurde auch das Zustandekommen
Württemberg unverändert. In den Hochschulräten würden des Gesetzes eingestuft. Die Wissenschaftsministerin be-
„die kompetentesten und unabhängigsten Köpfe“ ge- trachtet es als Ausdruck der von der grün-roten Koalition so
braucht, so Schäuble, „keine politisch motivierte Steue- hochgehaltenen Politik des Gehörtwerdens. Zwei Jahre
rung“. Und schon ist er wieder da, der Ideologieverdacht, lang wurde diskutiert und angehört. Es gab ein Online-
allem Entgegenkommen von Grün-Rot zum Trotz. Beteiligungsverfahren zur Qualitätssicherung in Promoti-
onsverfahren, Arbeitsgruppen zu den Maßnahmen für den
wissenschaftlichen Nachwuchs und eine öffentliche Anhö-
Mehr Begleitung für Studierende rung, die zu 50 substanziellen Änderungen führte. Auch
das mag zum Ansehen der Ministerin beigetragen haben.
Unumstritten ist dagegen, dass die Hochschulen nun Anders als in anderen Bundesländern wurde das LHG ge-
„durch eine frühzeitige Begleitung der Studierenden für ei- meinsam mit den Rektoren, nicht gegen sie, novelliert.
nen Studienerfolg Sorge tragen“ müssen. Die Klagen der Der damalige Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz
Bachelorstudenten hatten schon im Jahr 2011 überhand der Universitäten, Karl Joachim Ebeling, jedenfalls lobte
genommen. Die jungen Frauen und Männer kritisierten, in bei der Anhörung im Februar 2014: „Die Universitäten be-
sieben Semestern sei ihr Studium nicht zu schaffen. Die grüßen diesen Dialogprozess ganz deutlich. Wir freuen
knappe Zeit sei gespickt mit Prüfungen. Dem Prüfungsma- uns alle, dass es dort so viele Dinge gibt, die adjustiert
rathon und dem Stress wollte die Regierung abhelfen. wurden in dem Sinne, wie wir es uns gewünscht haben. Ich
Doch die Hochschulen wehrten sich gegen zu genaue Vor- denke, das Gesetz ist gegenüber der ursprünglichen Fas-
gaben. Die Ministerin dachte zunächst an eine verpflich- sung deutlich besser geworden.“ Damit sprach Ebeling
tende Orientierungsprüfung und ein obligatorisches Bera- auch für seine Kolleginnen und Kollegen der anderen
tungsgespräch. Die Hochschulen winkten ab, verwiesen Hochschularten. Noch breiter könne man die Beteiligung
auf den hohen Personalaufwand und damit verbundene kaum aufstellen, hielt sich die Regierung zugute.
Kosten. Jetzt können die Hochschulen hinreichend vage Die Studierenden fanden sich dennoch nicht ausreichend
„geeignete Maßnahmen“ ergreifen. Was sie längst täten, gehört. Sie vermissen nach wie vor eine Masterplatzgaran-
sagen die Rektoren und kommentieren: „Das Gesetz hinkt tie für Bachelorabsolventen. Geändert wurde jedoch die
der Wirklichkeit hinterher.“ ursprünglich vorgesehene Verpflichtung, Prüfungsgebühren
Seiner Zeit voraus ist das LHG jedoch bei der Frage der zu erheben. Neben der geplanten Orientierungsprüfung
Promotionen der Fachhochschulen. In Gestalt einer Experi- wurde auch eine Promotionshöchstdauer verworfen.
mentierklausel gesteht es den Hochschulen für Ange- Statt Wettbewerb und unternehmerischer Ausrichtung lau-
wandte Wissenschaften unter bestimmten Bedingungen ten die Leitbegriffe der grün-roten Hochschulrechtsnovelle
für gewisse Zeiträume ein eigenständiges Promotionsrecht „Freiheit und Verantwortung“, wie Theresia Bauer sagt. Die
zu. Die Fachhochschulen fühlen sich in ihrer Forschungs- Freiheit geht insbesondere den oppositionellen Liberalen
leistung gewürdigt, die Universitäten sehen ihr Privileg in nicht weit genug. Die FDP macht „jede Menge bevormun-
Gefahr. dender und überflüssiger Regelungen“ im LHG aus. Ein be-
Mit der Experimentierklausel ist Baden-Württemberg bun- sonderer Dorn im Auge ist der Opposition wie auch der
desweit vorgeprescht, um die alte Forderung der Fachhoch- Wirtschaft das neue Transparenzregister. Der Senat erhält
schulen zu erfüllen. In eine ähnliche Richtung gehen Hessen laut Ministerium Auskunftsrechte darüber, was mit welchen
und Brandenburg. Dagegen erhebt sich von Seiten der Uni- Drittmitteln an den Hochschulen geforscht wird.
versitäten heftiger Widerstand. Es sei „ein Irrweg, an des- Das nennt die FDP „ideologisch motivierte Einschränkung
sen Ende die ‚Einheitshochschule‘“ warte, schreibt etwa der der Forschungsfreiheit“. Auch die Arbeitgeber Baden-
Präsident der Universität Gießen, Joybrato Mukherjee, im Württemberg betrachten die Transparenzklausel zur Of-
September 2015 in der Zeitschrift „Forschung und Lehre“. fenlegung von Forschungsprojekten als schädlich für die

200

BiS2015_04_umbr.indd 200 11.01.16 11:04


vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft WISSENSCHAFTS- UND HOCHSCHULPOLITIK
und Wirtschaft. Es bestehe die Gefahr der Einschränkung
der Forschungsfreiheit und des Schutzes hochsensibler Da-
ten. Klauseln wie diese störten den Dialog zwischen Wis-
senschaft und Wirtschaft, klagt für die CDU deren hoch- Den Run auf die Hochschulen sieht vor allem das Hand-
schulpolitische Sprecherin Sabine Kurtz. Von der beab- werk skeptisch und sorgt sich um die Facharbeiter der Zu-
sichtigten Stärkung der Hochschulautonomie können kunft. Grüne und SPD haben sich dem Verdacht ausge-
hierbei weder die Arbeitgeber noch die Oppositionspar- setzt, sie wollten immer mehr Abiturientinnen und Abituri-
teien viel erkennen. enten an die Hochschulen bringen. Im Koalitionsvertrag
Der Vorwurf der von Ideologie getriebenen Wissen- sprechen sie sich dafür aus, „dass mittelfristig 50 Prozent
schaftspolitik mag Theresia Bauer besonders hart treffen. eines Altersjahrgangs im Lauf ihres Lebens ein Hochschul-
Immer wieder hatte die grüne Wissenschaftsministerin studium abschließen“. 6 Das hat zum Teil heftigen Wider-
Mühe, ihre Partei auf ihrem Weg mitzunehmen. Mit großem spruch hervorgerufen. Der SPD-Kultusminister Andreas
Einsatz konnte sie ein von einem erheblichen Teil der Grü- Stoch sah sich genötigt, mehrfach zu betonen, dass der
nen gewünschtes Verbot militärischer Forschung abwen- Mensch nicht erst beim Abitur anfange.
den und eine Zivilklausel im Landeshochschulgesetz ver- Die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer relati-
hindern. vierte: „Es geht nicht mehr vorrangig um eine Erhöhung der
Studienanfängerquoten.“ Das Wissenschaftsministerium
bemühe sich vielmehr um eine Senkung der Abbruchquo-
Der Streit um die Akademikerquote ten und die Förderung lebenslangen Lernens. Der Hoch-
schulzugang für Meister und Facharbeiter wurde erleich-
Ein Rekord hat sich in der grün-roten Regierungszeit an den tert. Die Weiterbildung an den Hochschulen soll nach dem
anderen gereiht. Das gilt besonders für die Studierenden. Willen der Koalition zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Erwartungsgemäß schnellten die Anfängerzahlen im Jahr Es wurde ein berufsbegleitender Bachelor geschaffen, der
2012 nach oben, als in Baden-Württemberg zwei Jahr- allerdings noch nicht sonderlich nachgefragt wird. Mehr
gänge Abitur machten. Doch auch in den Folgejahren stieg Marktchancen könnten die Masterangebote der Dualen
die Zahl der Studierenden regelmäßig auf ein neues All- Hochschule haben, die dort seit kurzem entwickelt werden.
zeithoch. Im Wintersemester 2014/15 waren nach Daten Die Beratung und Begleitung an den Hochschulen rückte in
des Statistischen Landesamts an den baden-württember- Baden-Württemberg in den Mittelpunkt. Information soll
gischen Hochschulen 354.166 Studierende eingeschrie- schon vor Studienbeginn groß geschrieben werden. Dazu
ben. Das waren 10.000 mehr als ein Jahr zuvor. wird 2016 an den Schulen die Berufsorientierung institutio-

Der Run auf die Hochschulen


ist ungebrochen. Im öffentli-
chen Streit um den angebli-
chen „Akademisierungswahn“
– so der Titel eines Buches von
Julian Nida-Rümelin – positio-
nierte sich die Wissenschafts-
ministerin eindeutig. Sie will die
„Lust auf Bildung als Ressource
begreifen“ – so eine ihrer The-
sen zur Akademisierungsde-
batte.
picture alliance/dpa

201

BiS2015_04_umbr.indd 201 11.01.16 11:04


Renate Allgöwer
nalisiert. Doch schon jetzt besteht Handlungsbedarf. Die Das dürfte vor allem der Dualen Hochschule und den
Abbrecherquoten sind hoch: vor allem in den mathema- Hochschulen für Angewandte Wissenschaften zugutekom-
tisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen, in den viel men. Ein Masterprogramm ist aufgelegt: Es sieht bis 2015
gefragten MINT-Fächern, geben viele Studierende vorzei- insgesamt 6.300 neue Anfängerplätze vor, dann soll es
tig auf. Insgesamt schmeißen in Deutschland 28 Prozent 15.800 Masterstudienplätze geben, etwa einen für jeden
der Bachelorstudenten ihr Studium. Die Koalition propa- zweiten Bachelor. Der Opposition, die sonst häufig davor
giert die Durchlässigkeit der Systeme: nicht nur bei der warnt, Grün-Rot vernachlässige die berufliche Bildung,
Öffnung der Hochschulen, sondern auch bei der Entwick- geht das Angebot eher nicht weit genug.
lung von „Bildungsweichen“, wie das Ministerium sagt. Die Ministerin jedenfalls gibt sich in eigens aufgestellten
Diese Weichen zielen darauf ab, „Studienabbrecherinnen „Thesen zur Akademisierungsdebatte“ 9 entschlossen, nie-
und Studienabbrecher für die berufliche Bildung zu gewin- manden, der will, von einem Studium abzuhalten. Sie will
nen“. Ziel müsse es sein, dass man zwischen den Systemen die „Lust auf Bildung als Ressource begreifen“.
leichter umsteigen könne. Ernsthaft in die Kritik geriet die Wissenschaftspolitik bei
der Debatte um die Musikhochschulen. Früh wurde der
Plan publik, sie wolle den Empfehlungen des Rechnungs-
Der angebliche Akademisierungswahn hofs folgen und an den teuren Musikhochschulen 500 Stu-
dienplätze abbauen. Ein Aufschrei und heftige Vorwürfe
Erkennbar schwer tat sich die Koalition bei der Debatte folgten. Die Ministerin reagierte schnell und organisierte
um die Akademisierung der Gesundheitsberufe oder der auch hier eine breite Beteiligung. Am Ende sollte sogar Ru-
Berufe in der frühkindlichen Bildung. Bedenken hatte vor dolf Meister, der Chef der Rektorenkonferenz der Musik-
allem die SPD, die die Berufsfelder für Nichtakademiker hochschulen und Rektor in Mannheim, die „ergebnisoffene
offen halten wollte. An der Dualen Hochschule und an Debatte“ bei den fünf Fachsymposien an den Standorten
verschiedenen Fachhochschulen und Pädagogischen der fünf Musikhochschulen im Land loben. 2.000 Men-
Hoch schulen entstanden diverse neue Studiengänge. Ten- schen hatten mitdiskutiert. „Das habe es in Deutschland
denz: wachsend. noch nicht gegeben“, hob auch Meister hervor. Mit dem
Die Koalition bemühte sich nach Kräften, die berufliche Ergebnis waren die Hochschulen ebenfalls zufrieden: Es
nicht gegen die akademische Bildung auszuspielen. wurde kaum gestrichen.
Im aufkeimenden Streit um den angeblichen „Akademisie- Der Ideologieverdacht gegen Grüne und SPD geht in der
rungswahn“ positionierte sich die Wissenschaftsministerin Wissenschaftspolitik meist ins Leere. Das zeigt sich exemp-
jedoch klar gegen den Akademisierungskritiker Julian larisch am Konzept der neuen Lehrerbildung. Das Studium
Nida-Rümelin. Der Kulturstaatsminister aus der ersten Re- wird nun zum Wintersemester 2015/16 vom Staatsexamen
gierung Schröder warnt landauf landab, in 15 Jahren wür- auf die Bachelor- und Masterstruktur umgestellt. Doch
den deutlich mehr dual ausgebildete Fachkräfte fehlen als blieb die Koalition weit unter den Möglichkeiten. So hatte
Akademiker. 7 die Expertenrunde vorgeschlagen, Lehrerinnen und Lehrer
Theresia Bauer wendet sich gegen die Abschottung von in Zukunft nicht mehr für Schularten, sondern für Altersstu-
beruflicher und akademischer Bildung. Sie sagt, „eine fen auszubilden – das wäre das ideale Lehramt für die
wachsende Zahl junger Menschen wird künftig eine beruf- neuen Gemeinschaftsschulen geworden. Nach lauten Pro-
liche Ausbildung nur dann beginnen, wenn sie mit der Op- testen, dass eine solche Struktur die Gymnasien gefährden
tion auf ein paralleles oder späteres Studium einhergeht“. 8 könnte, wurde dieser Plan nie ernsthaft erwogen.
Bauer plädiert für die „freie und informierte Entscheidung“
und will dafür ausreichend Studienplätze bereitstellen.
ANMERKUNGEN
1 Koalitionsvertrag zwischen Bündnis 90/Die Grünen und der SPD Ba-
den-Württemberg (2011): Der Wechsel beginnt. Baden-Württemberg
UNSERE AUTORIN

2011–2016. Stuttgart, S. 12.


2 Ebenda.
3 Ebenda.
4 Vgl. Gesetz über die Hochschulen in Baden-Württemberg (Lan-
deshochschulgesetz – LHG) vom 1. Januar 2015/gültig ab 09.04.2014,
§ 20/Absatz 4.
5 Mukherjee, Joybrato (2015): Nein zur Einheitsschule. In: Forschung und
Lehre, 9/2015. URL: http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/
?page_id=28 [18.09.2015].
6 Koalitionsvertrag zwischen Bündnis 90/Die Grünen und der SPD Ba-
den-Württemberg (2011): Der Wechsel beginnt. Baden-Württemberg
2011–2016. Stuttgart, S. 12.
7 Vgl. Nida-Rümelin, Julian (2014): Der Akademisierungswahn. Zur Krise
beruflicher und akademischer Bildung. Hamburg.
Renate Allgöwer arbeitet seit 1996 als Redakteurin bei der Stutt- 8 Bauer, Theresia (2014): Lust auf Bildung als Ressource begreifen. The-
garter Zeitung. Seit dem Jahr 2000 ist sie landespolitische Kor- sen zur „Akademisierungsdebatte“. URL: http://mwk.baden-wuerttember.
respondentin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der de.fileadmin/redaktion/m-mwk/intern.dateien/pdf/grundsatzthemen/
Thesenpapier_Lust_auf_Bildung_als_Ressource_begreifen.pdf
Bildungspolitik in Baden-Württemberg. Sie studierte in Tübingen [18.09.2015].
Germanistik und Anglistik und volontierte in Schwäbisch Hall. 9 Ebenda.

202

BiS2015_04_umbr.indd 202 11.01.16 11:04


INNERES UND JUSTIZ UNTER DER REGIERUNG KRETSCHMANN

Die Innen- und Rechtspolitik der


grün-roten Regierung
Rüdiger Soldt

Polizeireform
Rüdiger Soldt bilanziert die Innen- und Justizpolitik unter
der Regierung Kretschmann. Dabei nimmt er im Bereich Die CDU hatte sich in den beiden vorherigen Legislaturpe-
der Innenpolitik die Polizeireform und die Kontroversen rioden an eine grundlegende Polizeistrukturreform nicht
um den NSU-Untersuchungsausschuss in den Blick. Die herangetraut. Das Prinzip der alten Organisationsstruktur
von Minister Gall 2012 zügig in Angriff genommene Po- lautete: für jeden Landkreis ein Polizeipräsidium, für jeden
lizeireform sollte wieder mehr Polizisten auf die Straße Landrat einen Polizeipräsidenten. Diese Struktur war seit
bringen und leistungsstarke Polizeipräsidien für die Re- vielen Jahren zu kleinteilig, in die Infrastruktur und in mo-
gion schaffen. Kritik entzündete sich vor allem am Zu- derne Leitstellen war wenig investiert worden. Heribert
schnitt einzelner Präsidien und den zum Teil langen An- Rech, der letzte CDU-Innenminister, verspürte nach der
fahrtswegen für Polizeiaufgaben. Die Opposition nutzte Verwaltungsreform 2005 – mit der Verlegung der vormals
die Gunst der Stunde und machte die Polizeireform für selbstständigen Landespolizeidirektionen in die Regie-
den Anstieg von Einbruchsdiebstählen verantwortlich. rungspräsidien – wenig Neigung, unter Ministerpräsident
Für politische Kontroversen sorgten nicht nur die zöger- Günther Oettinger (CDU) eine große Polizeireform auf den
liche Einrichtung des NSU-Untersuchungsausschusses,
sondern auch die aufgedeckten Ermittlungspannen und
Fälle von Behördenversagen. Im Bereich der Justizpolitik
waren größere Reformen von Anfang an nicht geplant.
Rückgängig gemacht wurden Privatisierungen (z. B. bei
der Bewährungshilfe). Justizminister Stickelberger geriet
Ende 2014 aufgrund mehrerer Todesfälle von Häftlingen
in Vollzugsanstalten in die Kritik. Aufgrund dieser Vor-
fälle und weiterer Missstände im Strafvollzug setzte er
eine Expertenkommission ein, die inzwischen Verbesse-
rungsvorschläge vorgelegt hat.

Einleitung

Bei der Besetzung der Posten im Innen- sowie Justizministe-


rium spielten für die SPD Verlässlichkeit und Kontinuität
eine Rolle. Deshalb machten die Sozialdemokraten den er-
fahrenen Innenpolitiker Reinhold Gall und den ebenso er-
fahrenen Rechtspolitiker Rainer Stickelberger zu Ministern.
Gall war der fünfte sozialdemokratische Innenminister seit
Gründung des Bundeslandes 1952, Stickelberger hinge-
gen erst der dritte Sozialdemokrat in diesem Amt. Größer
als im Innenministerium, wo 1996 mit Frieder Birzele der
letzte SPD-Innenminister abgetreten war, stellte sich der
Kontinuitätsbruch im Justizressort dar, wo der letzte SPD-
Justizminister 1972 gesessen hatte. Mit dem Machtwech-
sel von der christlich-liberalen Koalition zur ersten grün-
roten Regierung Baden-Württembergs knüpften sich vor
allem an Justizminister Stickelberger große Erwartungen.
Verlangt wurde eine andere Personalpolitik als diejenige,
die der Ministerialdirektor Michael Steindorfner von der Innenminister Reinhold Gall (SPD) informiert sich im Polizei-
CDU über viele Jahre verantwortet hatte. Von Gall wurden präsidium in Offenburg über die Polizeireform. Die 2012
im Wesentlichen eine Polizeireform und die solide Führung zügig in Angriff genommene Polizeireform sollte wieder
des Innenressorts erwartet. Beide Politiker hatten sich auch mehr Polizisten und Polizistinnen auf die Straße bringen und
bei den Regierungsparteien Respekt erworben. Kritik an leistungsstarke Polizeipräsidien für die Region schaffen. Kritik
der Personalauswahl des SPD-Landesvorsitzenden Nils entzündete sich vor allem am Zuschnitt einzelner Präsidien
Schmid gab es in beiden Fällen nicht, Gall und Stickelber- und den zum Teil langen Anfahrtswegen für Polizeiaufga-
ger galten als gesetzt. ben. picture alliance/dpa

203

BiS2015_04_umbr.indd 203 11.01.16 11:04


Rüdiger Soldt
Weg zu bringen und sich mit den Landräten der CDU an- ode sicher noch einmal überprüft und gegebenenfalls kor-
zulegen. Gall, der in den ersten Monaten seiner Amtszeit rigiert werden. Kritik zog Gall bei der Auswahl der neuen
viel mit den Polizeieinsätzen zur Durchsetzung des Baupro- Polizeipräsidenten auf sich: Der Minister hatte für die Be-
jekts Stuttgart 21 zu tun hatte, legte sehr zügig ein Konzept werber keine zusätzlichen Beurteilungen anfertigen las-
zur Polizeistrukturreform vor, seinem größten Vorhaben. sen. Im Februar 2014 rügte das Verwaltungsgericht Karls-
Anfang 2012 präsentierte er erste Eckpunkte, wenige Mo- ruhe das Auswahlverfahren, die erst Anfang 2014 einge-
nate später schon den Flächenzuschnitt der Reform. Gall setzten Polizeipräsidenten mussten wieder abberufen
ließ sich bei der Reform von Plänen seines Vorgängers in werden. Ein strukturelles Führungsproblem in der baden-
Zeiten der Großen Koalition in den 1990er Jahren, Frieder württembergischen Polizei ist auch dadurch entstanden,
Birzele, inspirieren und war inhaltlich und personell gut dass die wichtigsten Führungspositionen nicht mehr mit Ju-
vorbereitet ins Amt gekommen. Er habe, sagte er einmal, risten, sondern nur noch mit dem eigenen Nachwuchs aus
das Innenministerium nicht „handelsblank“ übernehmen den Polizeihochschulen besetzt worden sind. Das er-
wollen. schwert die „Checks and Balances“ innerhalb des Polizei-
Ziel der umfangreichsten Polizeireform in der Geschichte apparates, ist aber ein Trend, der sich schon vor der Über-
des Landes war es, mehr Polizistinnen und Polizisten auf die nahme der grün-roten Regierung abgezeichnet hatte.
Straße zu bringen und große leistungsstarke Polizeipräsi-
dien für Regionen und nicht mehr für Landkreise zu schaf-
fen. Aus 35 Polizeipräsidien machte die grün-rote Koalition Einbruchdiebstähle
zwölf aus ihrer Sicht handlungsfähige Großpräsidien. Die
Landespolizeidirektionen löste Gall auf. Für spezielle Auf- Seit 2007 kam es – ähnlich wie in anderen Bundesländern
gaben schuf die Regierung drei Sonderpräsidien: für Tech- – zu einem sprunghaften Anstieg der Einbruchskriminalität,
nik, für Ausbildung und für die Bereitschaftspolizei. Gall vermutlich durch Einbrecherbanden aus Georgien und Al-
nahm Anregungen aus der Polizei auf und achtete auf die banien. Moderne Kommunikationstechniken erleichtern
Interessen der etwa 30.000 Beamtinnen und Beamten, die den Dieben ihre Arbeit, erschweren aber die Ermittlungen
zur sozialdemokratisch geneigten Wählerklientel zählen. und stellen größere technische Anforderungen. Betroffen
123 Millionen Euro sollten in den kommenden 15 Jahren waren häufig Wohngebiete an den großen Autobahnen.
durch die Reform gewonnen werden, vor allem sollte sie In Einzelfällen wehrten sich Bürgerinnen und Bürger gegen
personelle Umschichtungen möglich machen. Für neue diese Entwicklung, indem sie private Sicherheitsdienste
Aufgaben, wie zum Beispiel die Bekämpfung der Cyberkri- beauftragten. 2013 stieg die Zahl der Einbruchsdiebstähle
minalität, wären insgesamt 1.000 zusätzliche Stellen nötig im Südwesten um 32 Prozent, 2014 dann abermals um 20
gewesen. Die Reform sollte es ermöglichen, mit Personal- Prozent. 2012 lag die Steigerungsrate bei fünf Prozent. Die
umschichtungen diesen neuen Anforderungen gerecht zu Opposition im Landtag machte für die besorgniserregende
werden. Entwicklung auch die Polizeireform per se verantwortlich,
An der Basisstruktur mit 150 Polizeirevieren und 360 Polizei-
posten änderte Gall nichts, dennoch gab es Befürchtun-
gen, die Polizei sei wegen der Großpräsidien nun in der
Fläche nicht mehr ausreichend präsent. Außerdem gerieten
einige der neuen Polizeipräsidien so groß, dass es vielfach
Kritik von Kommunalpolitikern und Kommunalpolitikerinnen
gab. Das Polizeipräsidium Karlsruhe mit 1,2 Millionen Ein-
wohnern, 2.800 Beamten und einer Fläche von der Größe
des Saarlandes geriet riesig, Städte wie Pforzheim oder so-
gar Mannheim verfügten dagegen über kein eigenes Präsi-
dium mehr. Historische Trennungslinien, wie im Falle des
Karlsruher Präsidiums zwischen der Kurpfalz und Baden,
ignorierten die Architekten der Polizeireform, was langfris-
tig zu Integrationsproblemen führt. Im Zuge der Reform wur-
den auch spezialisierte „Kriminaldauerdienste“ und Einhei-
ten zur Aufnahme von schweren Verkehrsunfällen einge-
richtet, das ist in den Großpräsidien aber häufig mit
längeren Wartezeiten verbunden. Das Polizeipräsidium Der NSU-Untersuchungsaus-
Tuttlingen ist zum Beispiel für Freudenstadt zuständig, zwi- schuss tagt im Landtag von
schen den Orten liegt eine Stunde Autofahrt. Polizisten aus Stuttgart. Der Ausschuss hat
den Polizeirevieren sind natürlich als erste am Ort. bislang zahlreiche Ermittlungs-
Auch Kritiker der Polizeireform wie der Karlsruher Polizei- pannen bei der Aufklärung des
präsident Günther Freisleben äußerten sich positiv über Selbstmordes im Fall des
die Personalreserven, die sie zum Beispiel für Schwer- Rechtsextremisten Florian H.
punktfahndungen nutzen konnten. Optimierungsbedarf aufgedeckt. Der Untersu-
besteht weiterhin, überschaubare Strukturen kosten aber chungsausschuss konnte auch
mehr Geld. Anfang 2015 gab das Innenministerium be- die geringe Aufklärungsbereit-
kannt, dass in den Polizeirevieren durch die Reform etwa schaft zeigen, mit der die Poli-
370 Stellen verlagert worden seien. Sie stammten aus den zei gegen eigene Beamte vor-
abgeschafften Landespolizeidirektionen. Die Zuschnitte gegangen war.
einzelner Präsidien müssen in der nächsten Legislaturperi- picture alliance/dpa

204

BiS2015_04_umbr.indd 204 11.01.16 11:04


allerdings hatte der Anstieg der Einbruchskriminalität DIE INNEN- UND RECHTSPOLITIK DER
schon Jahre vor Inkrafttreten der Reform eingesetzt, zudem GRÜN-ROTEN REGIERUNG
war die Entwicklung in anderen Bundesländern noch dra-
matischer. Anfang 2015 reagierte die grün-rote Landesre-
gierung auf die Situation und kündigte ein „Offensivkon- Möglichkeit: Sie musste der Einsetzung eines Untersu-
zept“ zur Bekämpfung der Einbruchskriminalität an. 226 chungsausschusses zustimmen. Der Ausschuss hat bislang
zusätzliche Stellen wurden bewilligt. Kritiker sagen, dass zahlreiche Ermittlungspannen bei der Aufklärung des
der Reformprozess die Polizei in den Jahren 2013 und 2014 Selbstmordes im Fall des Rechtsextremisten Florian H. auf-
so belastet habe, dass die Bekämpfung der Einbruchskri- gedeckt; er konnte auch die geringe Aufklärungsbereit-
minalität hierunter gelitten habe. schaft zeigen, mit der die Polizei gegen eigene Beamte vor-
gegangen war, die sich der rechtsextremistischen Organi-
sation Ku-Klux-Klan angeschlossen hatten. Auch wenn der
Diskussion über den NSU-Untersuchungsausschuss Ausschuss den Mord an Michèle Kiesewetter wahrschein-
lich nicht wird klären können, war er unumgänglich. Innen-
Für politische Kontroversen sorgte in der grün-roten Legis- minister Galls Weigerung wirkt rückblickend schwer nach-
laturperiode auch die Frage, ob die Tätigkeit der rechtsex- vollziehbar, weil bei der Polizei und beim Verfassungs-
tremistischen Terrorzelle Nationalsozialistischer Unter- schutz in einigen Fällen Behördenversagen aufzuklären
grund (NSU) und die Umstände der Ermordung der Polizis- war.
tin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 auf der Heilbronner
Theresienwiese mit einem eigenen Untersuchungsaus-
schuss des Landtags aufgeklärt werden sollten. Zusätzlich Justizpolitik
zum Untersuchungsausschuss des Bundestages hatten fast
alle Länder, in denen eine Tätigkeit des NSU nachgewie- Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) hatte von seinem
sen werden konnte, eigene Ausschüsse eingerichtet, nur Vorgänger Ulrich Goll (FDP) ein gut bestelltes Haus über-
Baden-Württemberg hinkte hier weit hinterher. Bei den nommen, größere Justizreformen waren von Anfang an
Grünen gab es grundsätzlich die Bereitschaft hierfür, al- nicht geplant. Geeinigt hatte man sich in den Koalitions-
lerdings fühlte sich die Partei angesichts zweier weiterer vereinbarungen eher auf Korrekturen früherer Reformen:
Untersuchungsausschüsse überfordert. Innenminister Gall Die Teilprivatisierung der Justizvollzugsanstalt Offenburg
und die SPD plädierten lange für die Aufklärung durch eine machte die Regierung rückgängig. Auch von der bundes-
polizeiinterne Ermittlungsgruppe „Umfeld“ sowie eine En- weit einmaligen Privatisierung der Bewährungshilfe nahm
quetekommission. Nachdem diese Kommission an ihren man wieder Abstand. Beide Rückreformen waren auch der
unzureichenden Befugnissen sowie am Fehlverhalten der grundsätzlichen Skepsis der Sozialdemokraten gegen-
grünen Obleute gescheitert war, blieb der SPD nur eine über der Privatisierung staatlicher Kernaufgaben geschul-
det. Die Einspareffekte solcher Privatisierungen sind in der
Regel relativ gering, aber im Fall der Bewährungshilfe tru-
gen sie zu einer Modernisierung und Verbesserung der Be-
währungshilfe und zu guten Resozialisierungserfolgen bei.
2007 war die Bewährungshilfe auf den gemeinnützigen,
aus Österreich stammenden Träger „Neustart“ übertragen
worden. Das Ergebnis: Ein Bewährungshelfer betreute nur
noch 70 und nicht mehr 95 Personen, die Organisation war
effizienter geworden und die Abwicklung computerisiert.
Ein beamteter Bewährungshelfer hatte erfolgreich gegen
die Privatisierung geklagt, außerdem war das Bundesver-
waltungsgericht am 27. November 2014 zur Ansicht ge-
langt, dass das Gesetz unvollständig sowie unklar sei und
beamtete Bewährungshelfer von privaten Trägern keine
Weisungen erhalten dürften. Aus Sicht der SPD war es
zwingend, die Bewährungshilfe wieder in staatliche Hand
zu geben, die Opposition regte eine Novellierung des Ge-
setzes an. Ende 2016 läuft die private Bewährungshilfe
aus. Es soll dann eine landeseigene GmbH gegründet wer-
den.

Neubau einer Justizvollzugsanstalt

In die Legislaturperiode fiel auch die Entscheidung, in Rott-


weil eine neue Justizvollzugsanstalt mit bis zu 500 Plätzen
zu bauen und damit viele kleine, veraltete Haftanstalten zu
ersetzen. Nachdem der Bau der JVA in Tuningen im
Schwarzwald-Baar-Kreis 2014 an einem Bürgerentscheid
gescheitert war, erklärten sich die Bürger in Rottweil Ende
September 2015 mit dem Bauvorhaben einverstanden.

205

BiS2015_04_umbr.indd 205 11.01.16 11:04


Rüdiger Soldt
Situation in den Gefängnissen worden. Der Leiter der JVA Bruchsal wurde entlassen, auch
den langjährigen Leiter der Strafvollzugsabteilung im Mi-
Ende 2014 geriet Justizminister Stickelberger in Erklä- nisterium musste der Minister ablösen. Berichte über die
rungsnöte, weil es in Justizvollzugsanstalten mehrere To- schlechte psychiatrische Betreuung der Häftlinge, Schika-
desfälle unter Häftlingen gegeben hatte. Am 9. August nen wie „Nacktdurchsuchungen“ und die rechtswidrige
2014 war der burkinische Staatsangehörige Rasmane K. in Unterbringung eines Häftlings in einem Kellerverlies in Ra-
seiner Zelle verhungert. Der schwer gewalttätige Täter saß vensburg wurden öffentlich. Im Dezember 2014 setzte Sti-
in Einzelhaft. Stickelberger wurde zweimal vor den Ständi- ckelberger eine Expertenkommission ein, die die Aufgabe
gen Ausschuss des Landtags zitiert, zudem stellte die Op- hatte, Verbesserungen bei der psychiatrischen Betreuung
position einen Abwahlantrag. Es hatte sich im Zusammen- von Häftlingen zu erarbeiten. Einen Abschlussbericht mit
hang mit diesem Fall herausgestellt, dass die Zustände in 20 Verbesserungsvorschlägen stellte die Kommission im
den Gefängnissen des Landes verbesserungswürdig sind. September 2015 vor. Unter anderem wurde angeregt, in
Im Fall von Rasmane K. war die Anordnung der Einzelhaft einem Modellprojekt zu prüfen, ob Ethikkomitees in Haft-
vom Justizministerium nicht ordnungsgemäß verlängert anstalten die Situation der Häftlinge verbessern können.

Konflikt um Personalpolitik
UNSER AUTOR

Im Jahr 2013 musste Stickelberger die Stelle des Stuttgar-


ter Generalstaatsanwalts neu besetzen. Die Grünen wa-
ren mit der Personalpolitik des Justizministers ohnehin un-
zufrieden, weil sie die aus ihrer Sicht starke Durchsetzung
des Justizapparates mit CDU-nahen sowie mancherorts
auch FDP-nahen Richtern und Staatsanwälten gern auf-
gebrochen hätten. Diese kritische Einstellung hatten die
Grünen wegen zahlreicher Ermittlungsverfahren gegen
Stuttgart 21-Gegner. Zudem kreideten sie der Staatsan-
waltschaft Stuttgart an, die Ermittlungen gegen die SS-
Rüdiger Soldt berichtet seit 2006 als politischer Korrespondent Mitglieder, die im Sommer 1944 im Bergdorf Sant’ Anna di
für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aus Baden-Württemberg. Stazzema in Italien für den Tod von 560 Menschen verant-
Nach dem Studium der mittleren und neueren Geschichte und wortlich gewesen sein sollen, nicht weiter verfolgt zu ha-
Politikwissenschaft in Göttingen und Berlin arbeitete er als freier ben. Als Stickelberger dann den Leiter der Strafrechtsab-
Mitarbeiter bei der „Berliner Zeitung“ und beim Deutschlandra- teilung in seinem Ministerium, Achim Brauneisen, als neuen
dio. Von 1998 bis 2001 war er Landespolitikkorrespondent der Generalstaatsanwalt vorschlug, gab es einen Koalitions-
„Welt“ in Berlin. 2001 wechselte er zu den „Berliner Seiten“ der streit. Brauneisen war den Grünen zu strukturkonservativ.
FAZ, danach schrieb er als Mitglied der Nachrichtenredaktion Doch Stickelberger zeigte sich von den Beeinflussungsver-
einige Jahre über Familien- und Sozialpolitik, Parteien und Kom- suchen unbeeindruckt und wertete die Unabhängigkeit
munalpolitik; mit Tobias Dürr gab er den Sammelband „Die CDU der Justiz und die fachliche Eignung höher als die politi-
nach Kohl heraus“. sche Opportunität.

Die Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wird herausgegeben von der LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG Baden-Württemberg.
IMPRESSUM

Direktor der Landeszentrale: Lothar Frick


Redaktion: Prof. Siegfried Frech, Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart, Telefax (07 11) 16 40 99-77
Herstellung: Schwabenverlag Media der Schwabenverlag AG, Senefelderstraße 12, 73760 Ostfildern (Ruit),
Telefon (07 11) 44 06-0, Telefax (07 11) 44 06-174
Vertrieb: Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm, Nicolaus-Otto-Straße 14, 89079 Ulm,
Telefon (07 31) 94 57-0, Telefax (07 31) 94 57-224, E-Mail: www.suedvg.de
Preis der Einzelnummer: EUR 3,33, Jahresabonnement EUR 12,80 Abbuchung.
Die namentlich gezeichneten Artikel stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte
übernimmt die Redaktion keine Haftung.
Nachdruck oder Vervielfältigung auf Papier und elektronischen Datenträgern sowie Einspeisung in Datennetze nur mit
Genehmigung der Redaktion.

206

BiS2015_04_umbr.indd 206 11.01.16 11:04


MEHR INDUSTRIE WAGEN!?

Die Finanz- und Wirtschaftspolitik


der ersten grün-roten Landesregierung
Felix Hörisch

CDU? Und welche dieser Schwerpunktsetzungen findet


Die Verantwortlichen in Baden-Württembergs Wirt- sich auch im Koalitionsvertrag wieder? Anschließend soll
schaft blickten nach dem Wahlsieg von Grün-Rot ge- zweitens ein Überblick über die wesentlichen tatsächlich
spannt auf die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen getätigten Reformen der grün-roten Landesregierung ge-
der neuen Landesregierung. Nach ersten Verunsicherun- geben werden. Wie beeinflussten die wirtschaftliche Lage
gen wurde bald offenkundig, dass sich Wahlprogramme und das wirtschaftspolitische Umfeld während der Legisla-
und Koalitionsverträge durchaus von der Regierungspra- turperiode die Politik? Wie beeinflusste die Finanzkrise bei
xis unterscheiden können. Ebenso können sich Parteidif- gleichzeitig guter konjunktureller Lage in Baden-Württem-
ferenzen, die sich in den Wahlprogrammen niederschla- berg die Opportunitätsstrukturen für die Finanz- und Wirt-
gen, im Laufe der Zeit nivellieren. Um die Finanz- und schaftspolitik von Grün-Rot? Wie beeinflusste die Schul-
Wirtschaftspolitik der grün-roten Landesregierung beur- denbremse, nach der alle Bundesländer spätestens 2020
teilen zu können, sind mehrere Schritte notwendig: Zu- einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren müssen, die
nächst bedarf es einer Analyse der Aussagen in den Politik unter Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid
Wahlprogrammen anlässlich der Landtagswahl 2011. (SPD)? Abschließend soll drittens eine Einordnung der
Nimmt man sodann den Koalitionsvertrag in den Blick, durchgeführten Reformen vorgenommen werden und die
wird deutlich, welche programmatischen Schwerpunkte Wirtschafts- und Finanzpolitik der ersten vier Jahre Grün-
in den Koalitionsverhandlungen Bestand hatten. Erst an- Rot bewertet werden.
hand dieser Messlatte können die tatsächlich realisierten
Reformen beurteilt werden. Diese Bewertung muss wei-
tere ökonomische Faktoren einbeziehen: die wirtschaft-
liche Lage, die Entwicklung der Konjunktur sowie das
wirtschaftspolitische Umfeld. Felix Hörisch kommt nach
seiner Analyse der grün-roten Finanz- und Wirtschafts-
politik zu dem Fazit, dass es trotz eines Regierungswech-
sels in den vergangenen Jahren nicht zu einem radikalen
Politikwechsel gekommen ist. Gleichwohl wurden einige
wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen, die von
einer CDU-geführten Landesregierung nicht zu erwarten
gewesen wären.

Vorbemerkung

Nach 58 Jahren Regierungsbeteiligung der CDU kam 2011


in Baden-Württemberg mit der Koalition aus Grünen und
SPD erstmals in einem deutschen Bundesland eine Koali-
tion unter einem grünen Ministerpräsidenten zustande. Die
Frage, die in diesem Artikel gestellt und beantwortet wer-
den soll, ist, ob dieser Regierungswechsel nach über fünf
Jahrzehnten mit CDU-Regierungsbeteiligung hin zu Grün-
Rot auch zu einem entsprechend rapiden Politikwechsel im
Bereich der Finanz- und Wirtschaftspolitik geführt hat; und
wenn ja, in welche Richtung, oder ob die Kontinuität in den
ersten vier Jahren der grün-roten Koalition überwog und
es zu keinem Pfadbruch kam.
Diese Fragestellung soll in drei Schritten beantwortet wer-
den. Zunächst sollen erstens die Wahlprogramme zur
Landtagswahl 2011 von Grünen, SPD und CDU miteinan- Nach der Parteiendifferenzthese setzen sich grüne Parteien
der und mit dem anschließend ausgehandelten Koalitions- für eine ökologische Modernisierung und umweltverträgli-
vertrag verglichen werden. Was fällt im Vergleich der che Wirtschaftspolitik ein. Dementsprechend fokussierte der
Wahlprogramme untereinander auf? Was haben sich die Koalitionsvertrag u.a. das Politikfeld „Umwelttechnologien,
verschiedenen Parteien vor der Wahl vorgenommen? Wel- Erneuerbare Energien und Ressourceneffizienz“.
che Schwerpunkte legten Grüne und SPD im Vergleich zur picture alliance/dpa

207

BiS2015_04_umbr.indd 207 11.01.16 11:04


Felix Hörisch

Thomas Weber, Vorstandsmit-


glied der Daimler AG, und
Winfried Kretschmann nach
dem Spatenstich für das Prüf-
und Technologiezentrum in
Immendingen. Nach anfängli-
chen Irritationen erfolgte rasch
der Schulterschluss mit der
Automobilindustrie. Das
Wochenmagazin Der Spiegel
charakterisierte Kretschmann
gar als „Lothar Späth mit Hyb-
ridantrieb“.
picture alliance/dpa

Die Wahlprogramme und der Koalitionsvertrag im 18) festgesetzt, von denen sich die Koalitionspartner be-
Vergleich sondere Wachstumsdynamiken versprechen. Mit dieser
Schwerpunktsetzung – drei der vier Bereiche können zu-
In ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 hatte die mindest teilweise der „Green Economy“ zugeordnet wer-
SPD im Kapitel zur Wirtschaftspolitik gleich zu Beginn in den – setzt die grün-rote Koalition im Koalitionsvertrag
der ersten Überschrift postuliert: „Die Industrie bleibt das durchaus Akzente, die so nicht von einer CDU-geführten
Herz unserer Wirtschaft“ (SPD-Regierungsprogramm 2011: Landesregierung zu erwarten wären.1 Diese Schwerpunkt-
62). Die Grünen fordern dagegen an der gleichen Stelle, setzung entspricht dem, was auch die klassische Parteien-
den „Industriestandort Baden-Württemberg ökologisch differenzthese (vgl. Hibbs 1977; Schmidt 2010; Wenzel-
umgestalten“ zu wollen (Grünes Landtagswahlprogramm burger 2015) erwarten ließe: Grüne Parteien an der Regie-
2011: 18). Diese Überschriften sind symptomatisch für eine rung setzen sich für eine ökologische Modernisierung und
unterschiedliche wirtschaftspolitische Schwerpunktset- eine möglichst umweltverträgliche Wirtschaftspolitik ein.
zung von Grünen und SPD in ihren Wahlprogrammen. Auf Insgesamt scheinen sich die Grünen bei der Wahl der
der einen Seite kündigten die Grünen einen umfassenden Schwerpunktsetzung im Koalitionsvertrag etwas stärker
ökologischen Umbau des Wirtschafts- und Industriestand- durchgesetzt zu haben als die SPD, jedoch ist mit dem Poli-
orts Baden-Württemberg mithilfe eines „Green New Deal“ tikfeld „Gesundheit und Pflege“ auch ein Schwerpunkt
(Grünes Landtagswahlprogramm 2011: 14) an. Auf der an- klassischer Sozialpolitik enthalten.
deren Seite strebte die SPD eine „Politik für die solidarische Ebenfalls im Einklang mit der Parteiendifferenzthese stehen
Mitte“ an (SPD-Regierungsprogramm 2011: 73), die zum eine Reihe weiterer finanz- und wirtschaftspolitischer Ver-
Beispiel mithilfe der Mitbestimmung in wesentlichen Teilen einbarungen der grün-roten Koalition im Koalitionsvertrag.
eine Politik für die klassische sozialdemokratische Kern- Ein Beispiel ist hier die Anhebung der Grunderwerbssteuer
wählerschaft der Industriearbeiter ankündigte. Diese bei- um 1,5 Prozentpunkte, die bereits im Koalitionsvertrag an-
den klaren – aber unterschiedlichen – Festlegungen zur gekündigt (Koalitionsvertrag 2011: 57) und nach Antritt der
Entwicklung Baden-Württembergs als Industriestandort Koalition auch sehr schnell beschlossen wurde (siehe un-
münden im Koalitionsvertrag in die Formulierung: „Den In- ten). Auch die Erklärung, sich für eine deutliche Rücknahme
dustrie- und Wirtschaftsstandort stärken – dynamische von Public Private Partnership-Maßnahmen einzusetzen,
und nachhaltige Wachstumsfelder erschließen“ (vgl. Koa- (Koalitionsvertrag 2011: 19) entspricht mit ihrer Hinwen-
litionsvertrag 2011: 17). Diese, beide Schwerpunktsetzun- dung zum Staat als Wirtschaftsakteur anstatt einer Ausla-
gen verbindende Kompromissformel wird im Koalitionsver- gerung öffentlicher Aufgaben hin zu privaten Wirtschafts-
trag weiter konkretisiert. So wird im Koalitionsvertrag zwi- akteuren diesen klassischen Parteiendifferenzen.
schen Grünen und SPD darüber hinaus eine Fokussierung Insgesamt ist somit im Vergleich der Wahlprogramme un-
der Wirtschaftspolitik auf die vier Felder „nachhaltige Mo- tereinander und mit dem Koalitionsvertrag eine unter-
bilität“, „Umwelttechnologien, Erneuerbare Energien und schiedliche Schwerpunktsetzung der Parteien festzuhal-
Ressourceneffizienz“, „Gesundheit und Pflege“ sowie „In- ten, die in wesentlichen Teilen den klassischen Parteiendif-
formations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Green ferenzen entspricht. Grüne und SPD haben jeweils in ihren
IT und intelligente Produkte“ (Koalitionsvertrag 2011: 17– Wahlprogrammen wie auch im Koalitionsvertrag eine

208

BiS2015_04_umbr.indd 208 11.01.16 11:04


Wirtschafts- und Finanzpolitik angekündigt, die einer ge- DIE FINANZ- UND WIRTSCHAFTSPOLITIK
nuin grün-roten Schwerpunktsetzung entspricht: ökologi- DER ERSTEN GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
sche Reformen einerseits und klassische industrie- und ar-
beitnehmerfreundliche Politik andererseits.
In manchen Bereichen der Wirtschafts- und Finanzpolitik sisches Industrieland 3 mit einer Exportquote von 43 Prozent
deutet der Koalitionsvertrag allerdings auch einiges an (im Vergleich zu 33 Prozent im Schnitt aller Bundesländer)
Kontinuität in Relation zur Politik der schwarz-gelben Vor- stark von der wirtschaftlichen Entwicklung insbesondere
gängerregierung an. So kündigt Grün-Rot in der Finanzpo- in der Euro-Zone abhängt, war der Einfluss der Finanz-
litik beispielsweise bereits hier an, sich für eine Reform des krise auf die wirtschaftliche Entwicklung in Baden-Würt-
Länderfinanzausgleichs einzusetzen, mit dem Ziel, Geber- temberg vor dem Regierungsantritt von Grün-Rot beson-
länder wie Baden-Württemberg selbst zu entlasten und ders groß gewesen. 64 Prozent des Exports gehen in die
größere Anreize zur Stärkung der Steuereinnahmen in Ge- europäischen Länder. 4 Dementsprechend war zwar der
ber- und Nehmerländern zu schaffen (vgl. Koalitionsver- Einbruch der Wirtschaftsleistung infolge der internatio-
trag 2011: 56). nalen Finanzkrise und der Eurokrise in Baden-Württem-
berg erheblich, entsprechend wirkungsmächtig fiel aller-
dings auch die anschließende Erholung wieder aus. So
Überblick über die Finanz- und Wirtschaftspolitik lag das Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg im
gesamten Zeitverlauf der Legislaturperiode ab 2011 so-
Wahlprogramme und Koalitionsverträge sind das eine. In wohl deutlich über dem gesamtdeutschen Durchschnitt wie
der politischen Praxis werden diese Ankündigungen und auch dem Mittelwert der westdeutschen Länder. Nach ei-
Vorhaben jedoch häufig schnell von aktuellen Entwicklun- nem starkem Einbruch der Wirtschaftsleistung Ba den-
gen überrollt, auf die die Politik reagieren muss. Die vier Würt tembergs im Zuge der Finanzkrise im Jahre 2009
ersten Jahre grün-roter Wirtschaftspolitik waren geprägt wuchs die Wirtschaft im Südwesten 2011 mit fast fünf Pro-
von den Nach- bzw. Auswirkungen der Finanz- und Euro- zent besonders beeindruckend – ein Effekt der guten wirt-
krise, bei gleichzeitig sehr positiver wirtschaftlicher Ent- schaftlichen Erholung nach dem starken Einbruch, insbe-
wicklung in Baden-Württemberg selbst sowie dem institu- sondere der Industrieleistung während der Wirtschafts-
tionellen Diktat der Schuldenbremse. Deshalb soll im Fol- krise. In den Folgejahren wuchs die Wirtschaft mit 0,3
genden ein Überblick sowohl über die wirtschaftliche Prozent in den Jahren 2012 und 2013 und 2,4 Prozent im
Entwicklung im „Ländle“ und die wesentlichen tatsächlich Jahr 2014 zwar deutlich schwächer, aber doch – gerade im
getätigten Reformen der Regierung Kretschmann gegeben Vergleich zu anderen Bundesländern – in einem soliden
werden. Ausmaß.
Ähnliches zeigt sich beim Blick auf die Arbeitslosenquote,
die mit ca. vier Prozent im Laufe der gesamten Legislaturpe-
Finanz- und Wirtschaftspolitik in sehr günstigem riode konstant auf einem sehr niedrigen Level blieb, vergli-
Umfeld chen mit ebenfalls eher günstigen sechs bis sieben Prozent
im Schnitt der westdeutschen Länder beziehungsweise im
Betrachtet man die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts gesamten Bundesgebiet. Diese konstant niedrige Arbeits-
und der Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg seit 2011 losenquote in Baden-Württemberg ist besonders beein-
(vgl. Grafik 1 und 2) 2 , so zeigt sich, dass die grün-rote druckend, wenn man sich vor Augen führt, dass Volkswirte
Finanz- und Wirtschaftspolitik in einem sehr günstigen häufig schon bei einer Arbeitslosenquote von drei bis vier
Umfeld agieren konnte. Da Baden-Württemberg als klas- Prozent von Vollbeschäftigung sprechen; ein Niveau, das

5
Veränderung gegenüber Vorjahr in %
BIP (preisbereinigt, verkettet),

0
2011 2012 2013 2014
-1
Jahr
Baden-Württemberg Westdeutscher Bundesländerschnitt Deutschland Abbildung 1: Wirtschafts-
wachstum 2011–2014
Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten des Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (2015a).

209

BiS2015_04_umbr.indd 209 11.01.16 11:04


Felix Hörisch

7
aller zivilen Erwerbspersonen in %

5
Arbeitsloenquote

0
2011 2012 2013 2014

Jahr Abbildung 2: Entwicklung


Baden-Württemberg Westdeutscher Bundesländerschnitt Deutschland der Arbeitslosenquote
2011–2014
Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten der Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit (2015).

in Baden-Württemberg während der gesamten Legislatur- bei hier natürlich die Einführung der Schuldenbremse für
periode von Grün-Rot nahezu erreicht wurde. Im Hinblick die Bundesländer ab dem Jahr 2020 eine gewisse Be-
auf die Lage am Arbeitsmarkt stand Baden-Württemberg schränkung der Handlungsmöglichkeiten der Landesre-
somit sowohl im nationalen wie auch im internationalen gierung im Hinblick auf zusätzliche Kreditaufnahmen dar-
Vergleich mit anderen EU-Mitgliedsstaaten außergewöhn- stellte. Diese wurde wegen steigender und hoher Steuer-
lich gut da (vgl. Arndt/Hörisch 2015; Hörisch et al. 2014; einnahmen und einer verbesserten Einnahmebasis im Laufe
Tosun 2015). Insgesamt bestätigen diese Zahlen den Be- der Legislaturperiode auch nicht notwendig (siehe unten).
fund, dass die Regierung Kretschmann zu einem Zeitpunkt,
an dem viele europäische Staaten noch mit massiven Aus-
wirkungen der Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrise Die Reformen der grün-roten Landesregierung
kämpf(t)en, Politik in einem wirtschaftlich vergleichsweise im Überblick
günstigen Umfeld bei soliden Wachstumsraten und gerin-
ger Arbeitslosigkeit gestalten konnte. Wie hat nun die grün-rote Landesregierung diese ver-
Dementsprechend lag auch die Verschuldung mit relativ gleichsweise günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedin-
konstanten Werten von 17 Prozent der Wirtschaftsleistung gungen genutzt? Welche Reformen im Bereich der Wirt-
in 2011 und 16 Prozent in 2012 und 2013 deutlich unter dem schafts- und Finanzpolitik wurden im Laufe der Regierung
Durchschnittswert der westdeutschen Bundesländer, wo- Kretschmann umgesetzt?

90%

80%

70%
Schulden in % am BIP

60%

50%

40%

30%

20%

10%

0%
2011 2012 2013
Abbildung 3: Entwicklung
Jahr der Schuldenquote
Baden-Württemberg Westdeutscher Bundesländerschnitt Deutschland
2011–2014
Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten des Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (2015b) sowie des Bundesministe-
riums für Finanzen (2015).

210

BiS2015_04_umbr.indd 210 11.01.16 11:04


Gleich zu Beginn der Legislaturperiode wurde von der DIE FINANZ- UND WIRTSCHAFTSPOLITIK
grün-roten Landesregierung beschlossen, die Grunder- DER ERSTEN GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
werbssteuer – wie im Koalitionsvertrag angekündigt – mit
Wirkung zum 5. November 2011 von 3,5 Prozent des Kauf-
preises auf fünf Prozent zu erhöhen. Die Grunderwerbs- Die Schuldenbremse legt fest, dass die deutschen Bundes-
steuer gehört im deutschen Steuersystem zu den ver- länder spätestens 2020 strukturell ausgeglichene Haus-
gleichsweise wenigen reinen Landessteuern, deren Höhe halte aufzuweisen haben. Dies bedeutet eine deutliche
allein das Land festlegen kann. Vom Gesamtvolumen be- Einschränkung der fiskalpolitischen Handlungsoptionen
trachtet, ist die Grunderwerbssteuer in Baden-Württem- für die Landesregierungen, konjunkturell bedingte Neuver-
berg die umfangreichste reine Landessteuer. Deshalb kann schuldung bleibt jedoch ebenso möglich wie verschiedene
man zunächst konstatieren, dass es unter Finanzminister Formen der „Sparpolitik“. Haushaltskonsolidierungen kön-
Nils Schmid (SPD) durchaus zu wesentlichen Änderungen nen nämlich stets auf zwei Arten und Weisen durchgeführt
im Bereich der Steuerpolitik gekommen ist. Diese substan- werden (vgl. zu verschiedenen Haushaltskonsolidierungs-
tielle Erhöhung der Grunderwerbssteuer ist besonders be- strategien in den deutschen Bundesländern Wagschal et
achtlich, wenn man bedenkt, dass sie ausgerechnet im al. 2009; zu den Bestimmungsfaktoren erfolgreicher Bud-
„Land der Häuslebauer“ die in der Regel politisch sehr getkonsolidierungsprozesse in Bundesländern siehe Wag-
durchsetzungsfähige und bestens vernetzte obere Mittel- schal und Wenzelburger 2009). Einerseits kann der Staat
schicht (zumindest gefühlt) besonders betrifft. Umgekehrt seine Staatsausgaben kürzen, indem er etwa seine Sozial-
gilt es jedoch auch zu bedenken, dass einer Landesregie- ausgaben, staatliche Gehälter oder Investitionen senkt.
rung, die den Haushalt konsolidieren möchte, kaum um- Andererseits kann die Haushaltskonsolidierung aber auch
fangreiche Landessteuern zur Verfügung stehen. Möchte staatseinnahmeseitig erfolgen, indem der Staat etwa
eine Landesregierung den Haushalt nicht oder nicht voll Steuern oder Abgaben erhöht. Interessanterweise hat sich
umfänglich durch Kürzungen auf Seite der Staatsausga- die erste grün-rote Landesregierung mit der Erhöhung der
ben durchführen, so bleiben der Landesregierung deshalb Grunderwerbssteuer und der Schaffung zusätzlicher Stel-
nur wenig Alternativen zu einer Erhöhung der Grunder- len im Bereich der Steuerfahndung primär für die zweite
werbsteuer. Variante der Verbreiterung der Staatseinnahmebasis zum
Das Tariftreuegesetz 5 , das bereits im Koalitionsvertrag an- Zwecke der Haushaltskonsolidierung entschieden.
gekündigt wurde (Koalitionsvertrag 2011: 21) trat zum Einzelne Maßnahmen, wie die Kürzung der Lehrerstellen,
1. Juli 2013 in Kraft. Auch hier zeigt sich eine genuin sozial- trugen jedoch auch staatsausgabeseitig zur Haushalts-
politische Zielrichtung der Wirtschaftspolitik unter Minis- konsolidierung bei. Allerdings wurden die ursprünglich
ter Schmid, in der wirtschaftspolitische Ziele verfolgt wer- sehr weitgehenden Pläne, 11.600 Lehrerstellen abzu-
den, die relativ weitgehend klassischer sozialdemokrati- bauen, im Laufe der Legislaturperiode zunehmend abge-
scher Programmatik entsprechen. Im Gegensatz dazu mildert – auch wegen des verringerten Spardrucks auf-
stehen jedoch auf der anderen Seite insbesondere die Per- grund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Ba-
sonalkürzungen vorwiegend bei den Lehrerinnen und Leh- den-Württemberg. Diese Pläne waren ursprünglich auch
rern, die unter dem Druck der Schuldenbremse und des de- nicht in den Wahlprogrammen von Grünen oder SPD oder
mographischen Wandels durchgeführt wurden, wenn- im Koalitionsvertrag verankert, sondern wurden von Minis-
gleich diese Kürzungen zumindest teilweise im Laufe der terpräsident Kretschmann infolge von Berechnungen des
Legislaturperiode zurückgenommen beziehungsweise re- Statistischen Landesamtes aufgrund des Schülerrückgangs
lativiert wurden (vgl. den Artikel von Helmar Schöne und zu Beginn der Legislaturperiode kurzfristig auf die politi-
Stefan Immerfall in diesem Heft). Im Bereich der Steuerver- sche Agenda gesetzt.
waltung des Landes wurden dagegen 500 zusätzliche Eine eher wirtschaftsfreundliche Position bezog die grün-
Stellen sowie 500 weitere Ausbildungsstellen geschaffen, rote Landesregierung in der Diskussion um das Freihan-
insbesondere mit dem Ziel, Steuerhinterziehung zu be- delsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment
kämpfen und die Staatseinnahmeseite zu stärken. 6 Eben- Partnership), das die Regierung Kretschmann grundsätz-
falls mit dem Ziel der Steigerung der Steuereinnahmen lich befürwortete. Das Freihandelsabkommen biete die
setzte sich die Landesregierung für den Kauf der so ge- Chance, „Impulse für eine nachhaltige Entwicklung der
nannten Steuersünder-CDs ein. Den Kauf dieser CDs mit Wirtschaft in Baden-Württemberg, Deutschland, der EU
den Daten deutscher Kundinnen und Kunden, die mutmaß- und den USA zu geben“. 8 Gleichzeitig stellte die Landesre-
lich Steuern hinterzogen und bei Schweizer Banken depo- gierung auch Bedingungen an das Freihandelsabkommen,
niert haben, hatte die schwarz-gelbe Vorgängerregierung insbesondere in Bezug auf die Sicherung des bestehenden
in Baden-Württemberg noch abgelehnt. Im Gegensatz zur Schutzniveaus in den Bereichen des Verbraucher-, Sozial-,
Vorgängerregierung unter Stefan Mappus befürwortete Umwelt-, Arbeits- und Datenschutzes sowie die Einhaltung
die grün-rot geführte Landesregierung von Winfried der demokratischen Gesetzgebungsbefugnisse der Mit-
Kretschmann und Nils Schmid den Kauf von Steuer-CDs, gliedstaaten (vgl. ebd.). Begleitet wurde die Diskussion um
um zusätzliche Steuereinnahmen zu generieren und so die TTIP von einem eigens von der Landesregierung eingerich-
Staatseinnahmebasis zu stärken und um für mehr Steuer- teten 33-köpfigen Beirat aus Vertretern von Verbänden,
gerechtigkeit zu sorgen. 7 Gewerkschaften, Kommunen, Wissenschaft, Kirchen und
So zeigt die Analyse der Reformen von Finanz- und Wirt- der Zivilgesellschaft.9 Unter anderem bei diesem Thema
schaftsminister Schmid, dass die Haushaltskonsolidierung legte sich der Ministerpräsident Kretschmann persönlich
einen Schwerpunkt der Finanz- und Haushaltspolitik der jedoch insgesamt mit einem klaren Bekenntnis zum Frei-
ersten grün-roten Landesregierung in Baden-Württem- handel gegen die grundsätzliche Linie der Grünen-Bun-
berg darstellte. Dies ist natürlich auch insbesondere dem despartei auf wirtschafts- und industriefreundliche Positio-
institutionellen Diktat der Schuldenbremse zuzuschreiben. nen fest: „Wir wollen eine ambitionierte TTIP, die unserer

211

BiS2015_04_umbr.indd 211 11.01.16 11:04


Felix Hörisch
starken Exportwirtschaft im Land, aber gleichermaßen ob im Wesentlichen die Politik der Vorgängerregierung
auch den Bürgerinnen und Bürgern nutzt.“10 fortgesetzt wurde, soll hier auf die Klassifizierung von Re-
Auch in der Diskussion um die Neuregelung des Länderfi- formen durch Peter Hall zurückgegriffen werden. Hall un-
nanzausgleichs gab es durchaus Pfadabhängigkeiten und terscheidet dabei zwischen Reformen erster, zweiter und
Kontinuität zu den bürgerlichen Vorgängerregierungen. dritter Ordnung (Hall 1993). Reformen werden dabei als
Hier legten Winfried Kretschmann und Nils Schmid im Reformen erster Ordnung bezeichnet, wenn die grundle-
März 2015 ein „Kompromiss-Konzept“ zur Neugestaltung genden Ziele und verwendeten Maßnahmen der Politik
der Bund-Länder-Finanzbeziehungen vor, das unter ande- gleich bleiben und es lediglich zu einer Veränderung des
rem zusätzliche Investitionen, die belastungs- und aufkom- Ausmaßes des Einsatzes der verschiedenen Politikinstru-
mensneutrale Integration des Solidaritätszuschlags in die mente kommt, indem beispielsweise eine bestehende
Tarife der Einkommens- und Körperschaftsteuer, eine Über- Steuer erhöht oder gesenkt wird. Reformen zweiter Ord-
nahme von Sozialleistungen durch den Bund und eine Ent- nung liegen dagegen vor, wenn es zur Veränderung der
lastung der Steuerpflichtigen durch den Abbau der kalten eingesetzten Politikinstrumente kommt, also beispielsweise
Progression vorsah.11 Von der Verteilungswirkung würde ein neuer Steuerungsmechanismus wie eine neue Abgabe
das Konzept insbesondere eine Entlastung für die Finanzsi- oder Steuer eingeführt wird. Reformen dritter Ordnung set-
tuation der Länder auf Kosten des Bundes bedeuten, wo- zen darüber hinaus voraus, dass ein Wandel des der Politik
bei die Geberländer des Finanzausgleichsystems beson- zugrundeliegenden Paradigmas stattfindet, dass die Poli-
ders profitieren würden.12 Hier zeigt sich somit – ähnlich tik also zum Beispiel fundamental neue Ziele ihrer Finanz-
wie bei dem für die Industrie wichtigen Freihandelsabkom- und Wirtschaftspolitik formuliert.
men TTIP – die Dominanz der spezifischen Länderinteres- Betrachtet man nun die oben skizzierten, von der grün-ro-
sen Baden-Württembergs für die Regierung Kretschmann/ ten Landesregierung durchgeführten Reformen und be-
Schmid, für die beide gelegentlich bereit waren, die Lan- wertet sie nach dem Schema der Reformklassifikation von
desinteressen über die Positionierungen ihrer jeweiligen Hall, so fällt zunächst auf, dass der Regierungswechsel hin
(Bundes-)Parteien zu stellen. Dies gilt in besonderem Maße zu Grün-Rot nicht zu einem radikalen Politikwechsel oder
für Winfried Kretschmann, der versuchte, durch einen „prä- zu elementaren Pfadbrüchen im Bereich der Finanz- und
sidentiellen Regierungsstil“ den Ruf als über den Parteien Wirtschaftspolitik geführt hat. Reformen dritter Ordnung,
stehender Landesvater zu verfestigen. wie sie beispielsweise eine deutliche Abkehr vom Indust-
rie- und Automobilstandort Baden-Württemberg darge-
stellt hätte, haben nicht stattgefunden. Auch in der Diskus-
Fazit: Einordnung der Reformen nach der sion um eine mögliche Reform des Länderfinanzausgleichs
Reformklassifikation von Peter Hall überwiegt die Kontinuität zur Position der Vorgängerregie-
rung: Sowohl Schwarz-Gelb wie auch Grün-Rot setzten
Zur genaueren Beantwortung der Frage, ob die dargestell- sich für eine Reform des Länderfinanzausgleichs ein, an
ten Reformen der grün-roten Landesregierung in der Fi- dessen Ende eine Verringerung der Zahlungsverpflichtun-
nanz- und Wirtschaftspolitik einen radikalen Pfadbruch gen Baden-Württembergs stünde. Insofern lässt sich fest-
oder einen substantiellen Politikwechsel darstellen, oder halten, dass Winfried Kretschmann in seiner Regierungser-
klärung mit der Ankündigung „Baden-Württemberg steht
keine politische Revolution bevor, sondern eine ökolo-
gisch-soziale Erneuerung“ zumindest im ersten Teil Recht
behalten sollte (Regierungserklärung 2011: 3).
Auf der Ebene der Reformen erster oder zweiter Ordnung
sind in den vier Jahren Grün-Rot nach dem Regierungs-
wechsel 2011 jedoch zahlreiche interessante Reformen
durchgeführt und zum Teil andere Schwerpunktsetzungen
gewählt worden, die so bei einer anderen Regierungskon-
stellation nicht zu erwarten gewesen wäre. Ein Beispiel
stellt hier insbesondere die Erhöhung der Grunderwerbs-
steuer von 3,5 Prozent auf fünf Prozent dar. Diese Steuerer-
höhung, wahltaktisch geschickt gleich zu Beginn der Legis-
laturperiode beschlossen und verabschiedet, hat – neben
der oben beschriebenen positiven wirtschaftlichen Lage
– ihren Teil dazu beigetragen, dass die Staatseinnahme-
seite in der Finanzpolitik gestärkt wurde und im Jahr 2012
ein ausgeglichener Landeshaushalt präsentiert werden
konnte, wobei freilich 2013 und 2014 wieder leichte Defi-
zite verzeichnet wurden.
Bewertet man die oben dargestellten Reformen der Regie-
rung Kretschmann aus politikwissenschaftlicher Sicht, so
fällt insgesamt auf, dass es trotz des Regierungswechsels
Mit dem Ziel der Steigerung der Steuereinnahmen setzte sich nach jahrzehntelanger CDU-Regentschaft nicht zu radika-
die grün-rote Landesregierung für den Kauf der Steuersün- len Pfadbrüchen und Politikwechseln in der grün-roten Re-
der-CDs ein. Damit sollten zusätzliche Steuereinnahmen gierungszeit gekommen ist. Wesentliche Teile der Wirt-
generiert und Steuergerechtigkeit hergestellt werden. schafts- und Finanzpolitik der Regierung Kretschmann be-
picture alliance/dpa finden sich durchaus in Kontinuität zu der Politik der

212

BiS2015_04_umbr.indd 212 11.01.16 11:04


bürgerlichen Vorgängerregierungen, etwa bei den Positi- DIE FINANZ- UND WIRTSCHAFTSPOLITIK
onierungen zum Länderfinanzausgleich und zum Freihan- DER ERSTEN GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
delsabkommen TTIP. Unterhalb der Ebene radikaler Politik-
wechsel kann jedoch festgestellt werden, dass sehr wohl
auch erkennbare Unterschiede in der Schwerpunktsetzung
ANMERKUNGEN
von finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf
der Ebene Reformen erster und zweiter Ordnung erfolgt 1 So findet sich zwar interessanterweise auch im CDU-Wahlprogramm
eine ähnliche Schwerpunktsetzung: „Vor allem vier Wirtschaftsbereiche
sind, die den Annahmen der klassischen Parteiendifferenz- versprechen nachhaltige Wachstumschancen im neuen Jahrzehnt. Diese
these in weiten Teilen entsprechen, etwa bei der Erhöhung Wachstumsfelder sind: Nachhaltige Mobilität und automobile Zukunft,
der Grunderwerbssteuer und beim Tariftreuegesetz. So Umwelttechnik und Ressourceneffizienz, IT-Systeme und -Dienstleistungen
sowie Gesundheit und Pflege“ (vgl. CDU-Regierungsprogramm 2011: 40).
zeigt die Analyse der tatsächlich durchgeführten Reformen Die Ähnlichkeiten in der Schwerpunktsetzung sind wohl auch durch eine
der grün-roten Finanz- und Wirtschaftspolitik, dass zahl- Orientierung an den Empfehlungen des Innovationsrats Baden-Württem-
reiche wirtschaftspolitische Entscheidungen gefällt wur- berg zu erklären. Allerdings scheint durch kleine, aber wesentliche Ände-
rungen die Formulierung des grün-roten Koalitionsvertrags ökologischen
den, die in dieser Form von einer CDU-geführten Landesre- Zielen noch etwas mehr Raum einzuräumen. Bemerkenswert sind hier ins-
gierung nicht zu erwarten gewesen wären, während in an- besondere das Weglassen der „automobile(n) Zukunft“ und die Ergän-
deren Bereichen durchaus Kontinuität zur Politik der zung um die „Erneuerbaren Energien“ im grün-roten Koalitionsvertrag im
Vergleich zum Wahlprogramm der CDU.
Vorgängerregierung(en) gewahrt wurde. 2 Für Unterstützung bei der Datenrecherche und -aufbereitung möchte
ich mich sehr herzlich bei Sophie Dolinga und für zahlreiche hilfreiche
Kommentare bei Johannes Scharr bedanken.
3 Der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung ist in Baden-
LITER ATUR Württemberg mit 29 Prozent deutlich höher als im Bundesdurchschnitt (21
Prozent). Rund 1,5 Millionen Arbeitnehmer sind in Baden-Württemberg in
Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (2015a). der Industrie beschäftigt (vgl. http://mfw.baden-wuerttemberg.de/de/
URL: http://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/tab.asp?rev=RV2011&tbl= mensch-wirtschaft/wirtschaftsstandort/wirtschaftsstruktur/).
tab02&lang=de-DE [18.03.2015]. 4 Vgl. http://mfw.baden-wuerttemberg.de/de/mensch-wirtschaft/
Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (2015b). wirtschaftsstandort/aussenwirtschaft/.
URL: http://www.vgrdl.de/VGRdL/MethDef/brochure.pdf [19.03.2015]. 5 Tariftreuegesetze legen fest, dass bei der Vergabe öffentlicher Auf-
Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit (2015). URL: träge nur solche Unternehmen zum Zug kommen, die ihre Arbeitnehmerin-
https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach- nen und Arbeitnehmer mindestens nach Tarif entlohnen (vgl. Sack 2010).
Regionen/Politische-Gebietsstruktur-Nav.html?year_month=201502 6 Vgl. http://mfw.baden-wuerttemberg.de/de/haushalt-finanzen/haushalt/
[18.03.2015]. haushaltspolitik/.
Arndt, Christoph/Hörisch, Felix (2015): Flexicurity Policies in Europe – Dif- 7 Vgl. http://www.welt.de/wirtschaft/article117628938/Baden-
fusion and Effects of Flexicurity Labour Market Policies. CUPESSE Work- Wuerttemberg-will-mehr-Steuer-CDs-kaufen.html.
ing Paper No. 2. CUPESSE Working Paper Series. Heidelberg. 8 Vgl. http://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/
Bundesministerium für Finanzen (2015). URL: http://www.bundes- PDF/150317_Anlage_TTIP.pdf.
finanzministerium.de/Content/DE/Monatsberichte/2015/02/Inhalte/ 9 Vgl. https://www.baden-wuerttemberg.de/index.php?id=205&no_
Kapitel-5-Statistiken/5–1-13-schulden-der-oeffentlichen-haushalte.html cache=1&tx_rsmpress_detail[message]=73889.
[18.03.2015]. 10 Vgl. taz (2015): Freihandelsabkommen TTIP – Kretschmann freut sich
CDU-Regierungsprogramm (2011): Chancen ergreifen. Wohlstand si- drauf. Abrufbar auf: http://m.taz.de/!156674;m/.
chern. Regierungsprogramm der CDU Baden-Württemberg. Stuttgart. 11 Vgl. https://mfw.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/
Grünes Landtagswahlprogramm (2011): Das neue Programm für Baden- PDF/150319_Anhang_PM_Kompromiss-Konzept_Kretschmann_Schmid.pdf.
Württemberg. Stuttgart. 12 Vgl. https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/
Hall, Peter (1993): Policy Paradigms, Social Learning, and the State. The PDF/150319_Anhang_PM_Tabelle_Konzept_LFA.pdf.
Case of Economic Policymaking in Britain. In: Comparative Politics,
3/1993, S. 275–296.
Hibbs, Douglas A. (1977): Political Parties and Macroeconomic Policy. In:
American Political Science Review, 4/1977, S. 1467–1487.
Hörisch, Felix/Shore, Jennifer/Tosun, Jale/Werner, Claudius (2014): La-
bour Market Policies and Youth Unemployment. Policy Brief No. 1 of the
Project Cultural Pathways to Economic Self-Sufficiency and Entrepre-
neurship (CUPESSE). Mannheim.
Koalitionsvertrag (2011): Der Wechsel beginnt. Koalitionsvertrag zwi-
schen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD Baden-Württemberg.
UNSER AUTOR
Stuttgart.
Regierungserklärung (2011): Regierungserklärung von Ministerpräsident
Winfried Kretschmann am 25. Mai 2011 im Landtag von Baden-Würt-
temberg. Stuttgart.
Sack, Detlef (2010): Europäisierungsdruck und Parteiendifferenz in den
deutschen Bundesländern. Die Rechtsprechung des EuGH und die No-
vellierung von Tariftreueregelungen. In: Politische Vierteljahresschrift,
4/2010, S. 619–642.
Schmidt, Manfred G. (2010): Parties. In: Castles, Francis G./Leibfried,
Stephan/Lewis, Jane/Obinger, Herbert/Pierson, Christopher (Hrsg.):
The Oxford Handbook of the Welfare State. Oxford, S. 211–226.
SPD-Regierungsprogramm (2011): Regierungsprogramm der SPD Baden-
Württemberg 2011–2016. Baden-Württemberg.
taz (2015): Freihandelsabkommen TTIP – Kretschmann freut sich drauf. Ar-
tikel vom 18.3.2015. URL: http://m.taz.de/!156674;m/ [10.07.2015]. Dr. Felix Hörisch ist Postdoktorand am Lehrstuhl für Politische Wis-
Tosun, Jale (2015): Jugendarbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik in senschaft sowie Projektmitarbeiter im EU-FP 7-Projekt „Kulturelle
der EU. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 4–5/2015, S. 12–19. Pfade zu wirtschaftlicher Selbstsuffizienz und Unternehmertum:
Wagschal, Uwe/Wintermann, Ole/Petersen, Thieß (2009): Konsolidie-
rungsstrategien der Bundesländer. Gütersloh. Familienwerte und Jugendarbeitslosigkeit in Europa (CUPESSE)“
Wagschal, Uwe/Wenzelburger, Georg (2009): Determinanten der Haus- am Institut für Politische Wissenschaft der Ruprecht-Karls-Univer-
haltskonsolidierung der Bundesländer (1992–2006). In: Zeitschrift für sität Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der
vergleichende Politikwissenschaft, 1/2009, S. 33–58.
Wenzelburger, Georg (2015): Parteien. In: Wenzelburger, Georg/Zohln- Politischen Ökonomie und der vergleichenden Policy-Forschung,
höfer, Reimut (Hrsg.): Handbuch Policy-Forschung. Wiesbaden, S. 81– insbesondere in der Analyse von Arbeitsmarktpolitik, Fiskalpoli-
112. tik, Unternehmensmitbestimmung und politischen Strategien.

213

BiS2015_04_umbr.indd 213 11.01.16 11:04


INTEGR ATIONSPOLITIK

Integrationspolitik: Neuausrichtung
und/oder Kontinuität?
Sandra Kostner

griffsfläche für oppositionelle Stimmen mit sich gebracht.


Baden-Württemberg hat sich relativ spät um eine aktive So ist beispielsweise die Größe des von Bilkay Öney gelei-
Integrationspolitik bemüht. Das 2011 neu geschaffene teten Ministeriums – das mit circa 60 Mitarbeiterinnen und
und bundesweit erste Ministerium für Integration wurde Mitarbeitern das kleinste Ressort ist – für die CDU von An-
von der grün-roten Landesregierung eingerichtet, um die beginn Stein des Anstoßes gewesen. Das Ministerium ist in
Integrationshemmnisse zu verringern. Auch die Vorgän- den Augen der CDU wahlweise „eine Fehlkonstruktion“
gerregierungen haben die Verringerung dieser Defizite (Bernhard Lasotta) oder ein „grün-rotes Sonnenscheinmi-
als Ziel formuliert. Die gegenwärtige Legislaturperiode nisterium“ (Thomas Strobl): Einerseits da es als zu teuer ein-
war von Kontroversen um die Notwendigkeit und den gestuft wird und andererseits weil es sich bei Integration
Nutzen des Integrationsministeriums gekennzeichnet. In um eine Querschnittsaufgabe handelt, die ressortüber-
diesen Debatten spiegeln sich letztlich auch Unsicherhei- greifende Zuständigkeiten erfordere. 2
ten wider, die das relativ junge, dynamische und alle Integration ist in der Tat ein Politikfeld, das alle Lebensbe-
Lebensbereiche berührende Politikfeld Integration cha- reiche und damit Ressorts berührt. Diesem Umstand trägt
rakterisieren. Sandra Kostner geht in ihrem Beitrag meh- die grün-rote Landesregierung dadurch Rechnung, dass
reren Fragen nach: Gibt es Kontinuitäten zur Integrati- neben der institutionellen Aufwertung der Integrationspo-
onspolitik der schwarz-gelben Vorgängerregierungen litik durch die Einrichtung eines eigenständigen Ministeri-
oder hat sich das Integrationsverständnis gewandelt? ums auch weiterhin für spezifische Politikfelder, wie z. B.
Hat die grün-rote Landesregierung einen programmati- Bildung oder aufenthaltsrechtliche Fragen, die Hauptzu-
schen Wechsel in der Integrationspolitik vollzogen? Hat ständigkeiten bei den entsprechenden Ressorts liegen,
sich diese Neuausrichtung in konkreten Gesetzen, Initia- also in den beiden genannten Beispielen beim Kultus- bzw.
tiven und Maßnahmen niedergeschlagen? Ist es gelun- Innenministerium. Diese Aufteilung von Zuständigkeiten
gen, integrationspolitische Maßnahmen stärker zu bün- zwischen dem Integrationsministerium und anderen Res-
deln und wirksamer zu gestalten? Wurde die Teilhabe- sorts bietet aus Sicht der Opposition allerdings wiederum
gerechtigkeit für Menschen mit Migrationshintergrund
erhöht oder betrieb das Integrationsministerium ledig-
lich symbolische Politik?

Das Politikfeld Integration betrifft alle


Lebensbereiche

Der zur Bevölkerungsbeschreibung im Jahr 2005 vom Sta-


tistischen Bundesamt eingeführte Begriff „Menschen mit
Migrationshintergrund“ trifft auf 28 Prozent der baden-
württembergischen Bevölkerung zu. Damit ist Baden-Würt- Der zur Bevölkerungsbeschrei-
temberg das Flächenland mit dem höchsten Anteil an Men- bung im Jahr 2005 vom Statis-
schen, die entweder selbst nach 1955 eingewandert sind, tischen Bundesamt eingeführte
einen nach 1955 eingewanderten, im Ausland geborenen Begriff „Menschen mit Migrati-
Elternteil haben oder zum Zeitpunkt der Geburt in Deutsch- onshintergrund“ trifft auf 28
land eine ausländische Staatsangehörigkeit hatten.1 Prozent der baden-württem-
Nach dem Regierungswechsel im Frühjahr 2011 war es in bergischen Bevölkerung zu.
erster Linie die SPD, die mit der Einrichtung des bundesweit Damit ist Baden-Württemberg
ersten – und auch im Jahr 2015 noch einzigen – Ministeri- das Flächenland mit dem
ums für Integration ein sichtbares Zeichen für die ge- höchsten Anteil an Menschen,
sellschaftliche Bedeutung der Herstellung von Partizipati- die entweder selbst nach 1955
onsgerechtigkeit für Menschen mit Migrationshintergrund eingewandert sind, einen nach
setzen wollte. Zudem zielte die Einrichtung eines eigen- 1955 eingewanderten, im Aus-
ständigen Ressorts darauf ab, integrationspolitische Maß- land geborenen Elternteil
nahmen stärker zu bündeln, zu steuern und somit wirksa- haben oder zum Zeitpunkt der
mer zu machen. Die größere Sichtbarmachung von Integ- Geburt in Deutschland eine
rationspolitik durch die Etablierung eines entsprechenden ausländische Staatsangehörig-
Ressorts hat auch zu höheren Erwartungen und Ansprü- keit hatten.
chen an das Politikfeld geführt sowie eine sichtbarere An- picture alliance/dpa

214

BiS2015_04_umbr.indd 214 11.01.16 11:04


Anlass zur Kritik, nunmehr mit dem Hinweis, dass, wenn INTEGRATIONSPOLITIK: NEUAUSRICHTUNG
Kompetenzen ohnehin verteilt sind, ein eigenständiges Mi- UND/ODER KONTINUITÄT?
nisterium auch nicht notwendig sei und dieses damit in die
Kategorie „Symbolpolitik“ falle. 3
Die sich durch die Legislaturperiode ziehenden Kontrover- matischen Wechsel in der Integrationspolitik vollzogen,
sen um Notwendigkeit und Nutzen des Integrationsministe- der seinen Niederschlag in konkreten Gesetzen, Initiativen
riums sind gleichsam Ausdruck für ein vergleichsweise jun- und Maßnahmen gefunden hat? In welchen Handlungsfel-
ges, dynamisches und viele Lebensbereiche tangierendes dern der Integrationspolitik lassen sich Kontinuitätslinien
Politikfeld, in dem Inhalte und Kompetenzen noch weniger zur Vorgängerregierung finden? Handelt es sich insge-
klar abgesteckt sind – und vielleicht auch weniger eindeu- samt bei der grün-roten Integrationspolitik um ein effekti-
tig abgesteckt werden können – als in anderen politischen ves Instrument zur Schaffung von Partizipationsgerechtig-
Handlungsfeldern. Trotz des eingangs erwähnten hohen keit oder, wie seitens der CDU behauptet, vorwiegend um
Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund an der Symbolpolitik? Zur Beantwortung dieser Fragen wird zu-
baden-württembergischen Bevölkerung hat sich das Bun- nächst das im Koalitionsvertrag 2011 und im Partizi pations-
desland relativ spät einer aktiven, auf Gestaltung ausge- und Integrationsgesetz 6 2015 dargelegte Integrationsver-
richteten Integrationspolitik zugewandt. Erst im Jahr 1996 ständnis betrachtet und mit dem integrationspolitischen
richtete die Landesregierung das Amt des Ausländerbeauf- Verständnis der CDU, wie es von dieser im Koalitionsver-
tragten (ab Juni 2006 Integrationsbeauftragten) ein, das trag 2006, im Integrationsplan 2008 und in ihren integrati-
der damalige Justizminister Ulrich Goll (FDP) in Personal- onspolitischen Leitsätzen 2012/2015 zum Ausdruck ge-
union mit seinem Ministeramt bis zum Regierungswechsel bracht wird, verglichen. Danach wird anhand einiger zen-
2011 ausübte. 4 Im Koalitionsvertrag des Jahres 2006 wur- traler Initiativen des Integrationsministeriums beleuchtet,
den unter der Überschrift „Ausländer- und Integrationspoli- inwieweit der programmatische Anspruch des Koalitions-
tik – Miteinander in Baden-Württemberg“ die Eckpunkte vertrags mit dem Titel „Der Wechsel beginnt“ eingelöst
einer gestaltenden Integrationspolitik skizziert, die in nicht werden konnte. 7
unwesentlichem Maße Impulse aus der Bundespolitik auf-
griff. 5 Vergleicht man die integrationspolitischen Ziele des
Koalitionsvertrages mit den im Lauf der Legislaturperiode Integrationsverständnis im Wandel
angestoßenen Initiativen, tritt die Dynamik des Politikfeldes
anschaulich zutage und verdeutlicht, dass sich Veränderun- Im Koalitionsvertrag 2011 kündigten die grün-roten Koaliti-
gen nicht nur durch Regierungswechsel, sondern auch in- onspartner eine Neuausrichtung der Integrationspolitik
nerhalb von Legislaturperioden vollziehen. mit folgenden Worten an: „Die Integrationspolitik der ver-
Vor diesem Hintergrund geht es nachfolgend um die Fra- gangenen Jahrzehnte hat durch zu spätes, unverbindli-
gen: Hat die grün-rote Landesregierung einen program- ches Handeln Integrationshemmnisse geschaffen, die wir
abbauen wollen. Wir streben eine Neuausrichtung der In-
tegrationspolitik an. Unser Ansatz soll seinen Ausdruck in
einem Partizipations- und Integrationsgesetz finden, das
verbindliche und messbare Ziele definiert.“ 8 Auf welchem
Verständnis von Integration beruht diese Neuausrichtung
und inwiefern unterscheidet sich das grün-rote Integrati-
onsverständnis vom dem der Vorgängerregierung?
Da die grün-roten Regierungspartner eine Neuausrich-
tung der Integrationspolitik ankündigten, wäre es nahelie-
gend gewesen, wenn das dieser Neuausrichtung zugrunde
liegende Integrationsverständnis im Koalitionsvertrag ex-
pliziter ausgeführt worden wäre. Der Koalitionsvertrag
des Jahres 2011 – im markanten Gegensatz zum Koaliti-
onsvertrag der Vorgängerregierung aus dem Jahr 2006 –
gibt nur an wenigen Stellen Aufschluss über das Integrati-
onsverständnis, auf dem er beruht. Eindeutiger tritt das In-
tegrationsverständnis der grün-roten Landesregierung aus
dem Entwurf des Partizipations- und Integrationsgesetzes
vom 21. Juli 2015 hervor. In diesem heißt es: „Integration ist
keine einseitige Forderung an Menschen mit Migrations-
hintergrund, sondern eine gemeinschaftliche Aufgabe der
ganzen Gesellschaft. Sie kann nur durch das Zusammen-
wirken aller Menschen vor Ort gelingen. Erfolgreiche Inte-
gration erfordert somit Engagement und Verantwortungs-
übernahme aller hier lebenden Menschen. Dies kann zum
Beispiel konkret bedeuten, dass die Gesellschaft Men-
schen mit Migrationshintergrund Angebote zur Beteiligung
eröffnen muss. Von Menschen mit Migrationshintergrund,
vor allem von denjenigen, die Teilhabedefizite haben, wer-
den der Wille und das Engagement zur Annahme dieser
Angebote erwartet.“ 9 Wenngleich die grün-rote Regierung

215

BiS2015_04_umbr.indd 215 11.01.16 11:04


Sandra Kostner
Integration als zweiseitigen Prozess sieht, der sowohl Ver-
änderungsbereitschaft seitens der migrations- als auch
der deutschstämmigen Bevölkerung erfordert, so nimmt sie
in erster Linie den deutschstämmigen Teil der Gesellschaft
in die Pflicht. Vor allem hebt sie auf die Verantwortung der
mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen ab, mittels Aner-
kennung und Wertschätzung migrationsbedingter Diversi-
tät und durch eine partizipationsfreundliche Ausrichtung
der Strukturen und Dienstleistungen die Grundlagen dafür
zu schaffen, dass sich „Bereitschaft und Fähigkeit der Mig-
rantinnen und Migranten zur Integration erhöhen.“10 Insge-
samt zeigt die Analyse aller Ausführungen der grün-roten
Koalitionspartner zum Thema Integration, dass die Wech-
selseitigkeit des Integrationsprozesses vor allem durch ent-
sprechende Anerkennungs- und Öffnungsprozesse auf
Seiten der Mehrheitsgesellschaft in Gang gebracht wer-
den soll, nach dem Motto: Öffnen sich die Deutschstämmi-
gen für migrationsbedingte kulturelle Vielfalt, öffnen sich
auch die Migrationsstämmigen für Integrationsmaßnah-
men.
Auch in den Augen der CDU handelt es sich bei Integration
um einen zweiseitigen Prozess, der auf der Integrationsma-
xime „Fördern und Fordern“ basiert. Zur Illustration des In-
tegrationsverständnisses der CDU, das diese konsistent
seit dem Koalitionsvertrag 2006 so vertritt, nachfolgend
ein Textauszug aus dem Integrationsplan Baden-Württem-
berg „Integration gemeinsam schaffen“ (2008): „Sie [Inte-
gration] setzt einerseits die Integrationsbereitschaft der
Migrantinnen und Migranten und andererseits die Bereit-
schaft der Aufnahmegesellschaft voraus, sich zu öffnen.
Eine Gesellschaft bzw. ein Staat kann noch so offen sein, wie im Fall der CDU, explizit herausgestellt. Ferner vollzieht
ist aber der Wille einer Person nicht vorhanden, sich der sich der emotionale Integrationsprozess im Verständnis
Gemeinschaft anzuschließen, ist keine Integration mög- der grün-roten Regierung genau umgekehrt, d. h. bringt
lich. Migrantinnen und Migranten sind daher gefordert, die Mehrheitsgesellschaft migrationsbedingter kultureller
Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ihre Integra- Vielfalt Anerkennung und Wertschätzung entgegen, liegt
tion gelingt. Hierzu wird erwartet, dass sie sich aktiv in die die Voraussetzung dafür vor, dass sich Migrantinnen und
Gesellschaft einbringen, unsere Rechts- und Werteord- Migranten zugehörig fühlen und sich mit der baden-würt-
nung akzeptieren, Integrations- und Bildungsangebote tembergischen Gesellschaft identifizieren können.13
nutzen oder sich anderweitig aktiv um ihre Integration be- Die wohl deutlichste Abgrenzung von Grün-Rot zur Hal-
mühen.“11 Die CDU artikuliert zwar, dass es sich bei Integ- tung der CDU tritt hinsichtlich der Verknüpfung von Zuwan-
ration um ein Fördern und Fordern handelt, wenn es um derung und Integration zutage, welche für letztere vor al-
konkrete Forderungen geht, richten sich diese jedoch fast lem im Koalitionsvertrag 2006 – in abgeschwächter Form
ausschließlich an die migrantische Bevölkerung, die sozu- aber bis heute14 – die Grundlage der Integrationspolitik
sagen zunächst in Vorleistung treten soll und dann als Be- bildet. Unter der Überschrift „Zuwanderung steuern und
lohnung auf eine sich für ihre Belange öffnende bzw. of- begrenzen“ hieß es im Koalitionsvertrag 2006: „Integrati-
fene Mehrheitsgesellschaft trifft. onskraft und Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft
Unterschiede im Integrationsverständnis zwischen Grün- dürfen nicht überfordert werden. Zuwanderung muss des-
Rot und der CDU zeigen sich auch bei der Frage, welchen halb, orientiert an den Interessen des Landes, wirksam be-
Integrationsbedarf migrationsbedingte Diversität in den grenzt und gesteuert werden.“15 Die schwarz-gelben Koa-
Bereichen Identität, Zugehörigkeit und Wertegemein- litionspartner führten damit eine klare Unterscheidung in
schaft nach sich zieht. Die CDU misst diesen Punkten deut- „erwünschte“ und „unerwünschte“ Zuwanderinnen und Zu-
lich größere Bedeutung bei und sieht zudem die Integrati- wanderer in die Landespolitik ein. Zu ersteren zählen hoch-
onsverantwortung schwerpunktmäßig bei den Menschen qualifizierte Fachkräfte, deren Zuwanderung die CDU zur
mit Migrationshintergrund, an welche die nachstehende Standortsicherung begrüßt, zu letzteren all diejenigen,
Forderung gerichtet wird: „Wir wollen eine emotionale In- denen nicht zugesprochen wird, dass sie das Humanka-
tegration der hier lebenden Menschen mit Migrationshin- pital mitbrächten, das der Standortsicherung diene, und
tergrund schaffen. Integration ist mehr als äußerliches ‚Da- deren Zuwanderung daher tendenziell als Belastung der
zugehören‘. Zur gelungenen Integration gehört die innere Sozialkassen gesehen wird.16 Die Sichtweise, dass Zuwan-
Haltung, sich mit unserer Werte- und Verantwortungsge- derungssteuerung und Zuwanderungsbegrenzung unab-
meinschaft zu identifizieren.“12 Obwohl auch für Grün-Rot dingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integrati-
die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der freiheitlich-de- onspolitik sind, wird von Grün-Rot nicht vertreten. Der
mokratischen Grundwerte integraler Bestandteil der er- Hauptgrund hierfür ist, dass die grün-roten Koalitionspart-
folgreichen Integration von Migrantinnen und Migranten ner ein deutlich größeres Vertrauen in die Integrationsfä-
ist, wird dieser Aspekt eher am Rande erwähnt und nicht, higkeit der Gesellschaft haben. Ferner stehen sie kulturel-

216

BiS2015_04_umbr.indd 216 11.01.16 11:04


INTEGRATIONSPOLITIK: NEUAUSRICHTUNG
UND/ODER KONTINUITÄT?

Grün-Rot spricht der Einbürgerung einen Katalysatoreffekt


für weitere Integrationsprozesse zu, während für die CDU
die Einbürgerung „am Ende eines erfolgreichen Integrati-
onsprozesses“ steht.17 Beide politischen Richtungen ver-
knüpfen die Aspekte identifikatorische Integration und
Vorleistungsprinzip, jedoch im Einklang mit ihrem Inte-
grationsverständnis in umgekehrter Art und Weise. Aus
Sicht von Grün-Rot stärkt die Einbürgerung „die Identifika-
tion mit dem demokratischen Gemeinwesen und das Zuge-
hörigkeitsgefühl der eingebürgerten Menschen.“18 Für die
CDU ist Einbürgerung „ein Bekenntnis zu unserem Land.
Wer unsere Gesellschaftsordnung nicht verinnerlicht hat,
Deutsch: Na klar! – Politisch kann sich auch nicht verantwortungsvoll zu ihr bekennen.“19
strittig ist jedoch, welches Inte- Somit muss in den Augen von Grün-Rot der Staat in Vorleis-
grationsverständnis diesem tung treten, indem er die Identifikation mit Deutschland
Bekenntnis zugrunde gelegt durch Einbürgerungserleichterungen verstärkt. Die CDU
wird: Ist die Einbürgerung individualisiert die Vorleistung und überträgt diese auf die
„krönender“ Abschluss der Menschen mit Migrationshintergrund. Erst müssen sich
Integration oder Katalysator Menschen mit Migrationshintergrund mit „unserem Land“
der Integration? Muss der identifizieren, dann können sie sozusagen als Zeichen ei-
Einbürgerungsbereite oder nes ihre Integration „krönenden“ Abschlusses eingebür-
die Gesellschaft in Vorleistung gert werden. Zusätzlich fordert die CDU ein klares Be-
treten? kenntnis zu Deutschland, womit auch gemeint ist, dass die
picture alliance/dpa doppelte Staatsbürgerschaft ein Ausnahmefall bleiben
soll. 20
Unter der Überschrift „Einbürgerung erleichtern“ haben
ler Vielfalt per se – also nicht nur produktiver Diversität – Bündnis 90/Die Grünen und die SPD im Koalitionsvertrag
positiver gegenüber als die CDU und tragen sich weniger 2011 nachfolgende Ziele vermerkt: „Wie werden für eine
mit Sorgen um das Erreichen einer imaginierten Akzep- größere Akzeptanz der doppelten Staatsbürgerschaft und
tanzgrenze kultureller Vielfalt seitens der Mehrheitsgesell- eine Abschaffung des Optionszwangs auf Bundesebene
schaft. eintreten. Unser Ziel ist es, unter Ausschöpfung des bun-
Insgesamt lässt sich festhalten, dass erstens das Integrati- desgesetzlichen Rahmens Einbürgerungen zu erleichtern
onsverständnis der CDU vorwiegend auf dem Prinzip der und das Verfahren insgesamt zu vereinfachen und zu be-
Eigenverantwortung gründet, während das Verständnis schleunigen. In diesem Sinne streben wir eine Verringe-
von Grün-Rot in erster Linie vom Prinzip der gesellschaft- rung der Einbürgerungstatbestände an, die der Zustim-
lichen Verantwortung getragen wird. mung der Regierungspräsidien als höhere Staatsangehö-
Zweitens spielt eine auf den Erhalt einer identitätsstiften- rigkeitsbehörde bedürfen.“ 21
den Wertege meinschaft abzielende identifikatorische In- Diese klar abgesteckten Ziele stellten für das Integrations-
tegration im Verständnis der CDU eine viel bedeutsamere ministerium vor allem in den ersten beiden Jahren der
Rolle für gelingende Integrationsprozesse als für Bündnis Legislaturperiode das zentrale Handlungsfeld der Integ-
90/Die Grünen und die SPD. rationspolitik dar. Bereits am 29. Juli 2011 wurde der Ge-
Und drittens beruht das In te gra tions verständnis der CDU sprächsleitfaden, der auch weit über die ba den- würt tem-
auf der Maxime, dass die Integration der „erwünschten“ ber gischen Landesgrenzen hinaus als „Gesinnungstest für
Migrantinnen und Migranten nur gelingen und die Akzep- Muslime“ bekannt geworden war, abgeschafft. Der 30 Fra-
tanz für Zuwanderung seitens der Bevölkerung nur auf- gen umfassende Gesprächsleitfaden war am 1. Januar
rechterhalten werden kann, wenn die „unerwünschten“ Mi- 2006 eingeführt worden. Er diente dazu, den Einbürge-
grantinnen und Migranten „draußen bleiben“. Das Integ- rungsbehörden in Zweifelsfällen ein Instrument zur Prüfung
rationsverständnis der grün-roten Regierungskoalition ist der Akzeptanz der deutschen Werte- und Rechtsordnung
deutlich weniger restriktiv ausgerichtet und vollzieht die seitens der Bewerberinnen und Bewerber um die deutsche
Verknüpfung von Zuwanderung und Integration nicht. Staatsangehörigkeit an die Hand zu geben. Die Bezeich-
nung „Gesinnungstest für Muslime“ oder „Muslim-Test“
rührte daher, dass der Test vorwiegend angewandt wer-
Von der Einbürgerung als „krönendem“ Abschluss den sollte, um die innere Haltung zu den Werten des
der Integration zur Einbürgerung als Katalysator der Grundgesetzes bei Staatsangehörigen aus den 57 Staa-
Integration ten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit zu
überprüfen. Begründet wurde die Abschaffung des von
Im Hinblick auf die Fragen, was Einbürgerung bedeutet Grün-Rot seit Einführung heftig kritisierten Gesprächsleit-
und auf welcher Stufe des Integrationsprozesses sie erfol- fadens einerseits damit, dass aufgrund der Fokussierung
gen soll, tritt das unterschiedliche Integrationsverständnis auf Einbürgerungswillige muslimischen Glauben diese un-
von Grün-Rot und der CDU besonders augenfällig zutage. ter Generalverdacht gestellt und diskriminiert würden. An-

217

BiS2015_04_umbr.indd 217 11.01.16 11:04


Sandra Kostner
dererseits wurde angeführt, dass der Gesprächsleitfaden Einbürgerungen nun weniger um einen „krönenden“ Ab-
die ihm zugedachte sicherheitspolitische Funktion nicht er- schluss der Integration, als um einen Zwischenschritt der
füllen könne, die „wahre“ Gesinnung von einbürgerungs- Integration handelt. Eine Neuausrichtung der Einbürge-
willigen Islamisten aufzudecken. 22 rungspolitik wurde vor allem hinsichtlich der Hinnahme von
Die Rahmenbedingungen für Einbürgerungen werden vom Mehrstaatigkeit verwirklicht. Außerdem wurden durch die
Bund vorgegeben. Die Länder haben allerdings Gestal- Verfahrenserleichterungen und die Einbürgerungskampa-
tungsspielraum bezüglich der Ausgestaltung der Verwal- gne Signale an Menschen mit Migrationshintergrund ge-
tungspraxis mittels der sogenannten Ländererlasse. Erste sandt, dass das Land sie als dazugehörig ansieht und des-
Einbürgerungserleichterungen führte das Integrationsmi- halb ihre Einbürgerung anstrebt. Die vorgenommenen Ein-
nisterium im Februar und März 2012 ein. Mit der im August bürgerungsreformen vereinfachen und erhöhen zugleich
2013 dann in Kraft getretenen „Verwaltungsvorschrift zum den Zugang zur Staatsbürgerschaft und stellen daher In-
Staatsangehörigkeitsgesetz“ folgten weitere Einbürge- strumente zur Herstellung größerer Partizipationsgerech-
rungserleichterungen. Großzügiger gehandhabt wird seit- tigkeit dar.
dem die Hinnahme von Mehrstaatigkeit, indem zum einen
die Zahl der Staaten, die ihren Staatsangehörigen unzu-
mutbare Entlassungsbedingungen aus der „alten“ Staats- Chronologie: Meilensteine der Integrationspolitik
angehörigkeit auferlegen, ausgeweitet wurde. Zum ande- 29.07.2011 Abschaffung „Gesprächsleitfaden“ zur
ren findet bei Staaten, deren Staatsangehörige ihren Einbürgerung
Wehrdienst vor der Entlassung aus der Staatsangehörig-
24.11.2011 Erstes Treffen Runder Tisch Islam
keit ableisten müssen, diese Entlassungsbedingung ab der
zweiten Generation keine Anwendung mehr. Außerdem 07.02.2012/ Einbürgerungserleichterungen
wurde das Einbürgerungsverfahren für Personen, die über 19.03.2012
60 Jahre alt sind und seit mindestens zwölf Jahren recht- 15.11.2012 Land unterzeichnet „Charta der Vielfalt“
mäßig in Deutschland leben, erleichtert. Diese Personen- 01/2013 Das einjährige Modellprojekt „Anonym
gruppe muss seit Februar 2012 keine schriftlichen Sprach- Bewerben in Baden-Württemberg“ startet
kenntnisse mehr nachweisen und seit August 2013 auch
01.08.2013 Verwaltungsvorschrift zum Staatsangehö-
keinen Einbürgerungstest mehr ablegen. Zudem werden
rigkeitsgesetz bringt weitere Einbürge-
bei Personen, die eine Ausbildung oder ein Studium in
rungserleichterungen
Deutschland absolviert haben, Ausbildungszeiten als Auf-
enthaltszeiten gewertet. Darüber hinaus kann bei ihnen 09/2013 Einbürgerungskampagne „Deutsche
die für eine Einbürgerung erforderliche Aufenthaltsdauer Sprache, Deutsche Vielfalt, Deutscher
von acht auf sechs Jahre verkürzt und auf einen Sprach- Pass“ startet
nachweis verzichtet werden. 23 29.08.2013 Verwaltungsvorschrift VwV-Integration
Um Menschen mit Migrationshintergrund zur Einbürge- zur Förderung der Integrationsarbeit in
rung zu motivieren, hat das Integrationsministerium im den Kommunen tritt in Kraft
September 2013 die Kampagne „Deutsche Sprache, Deut- 01.01.2014 Neues Flüchtlingsaufnahmegesetz tritt in
sche Vielfalt, Deutscher Pass“ ins Leben gerufen. Die Kam- Kraft (u. a. Abschaffung der Residenz-
pagne setzt auf das „Botschaftermodell“, d. h. eingebür- pflicht)
gerte Migrantinnen und Migranten, die ein breites demo- 11.01.2014 Landesanerkennungsgesetz tritt in Kraft
graphisches Spektrum abdecken (z. B. unterschiedliches
03/2015 Kampagne „Vielfalt macht bei uns Karri-
Alter, unterschiedliche Migrationsbiographien), werben
ere. Willkommen im öffentlichen Dienst“
mittels ihrer persönlichen Erfahrungen für die Einbürge-
ins Leben gerufen
rung. 24
Wie im Koalitionsvertrag angekündigt, haben sich die 21.07.2015 Ministerrat gibt Gesetzentwurf des Parti-
grün-roten Regierungspartner auf der Bundesebene für zipations- und Integrationsgesetzes be-
die Abschaffung der Optionspflicht und die größere Ak- kannt
zeptanz der doppelten Staatsbürgerschaft eingesetzt.
Wenngleich eine Abschaffung der Optionspflicht 25 im
Bundestag an der CDU/CSU-Fraktion scheiterte, so ist Bleibt zu fragen: Wie wirksam waren diese Neuregelun-
doch eine Neuregelung erreicht worden, die am 20. De- gen bislang? Sowohl Einbürgerungserleichterungen als
zember 2014 in Kraft getreten ist. Diese Neuregelung sieht auch Einbürgerungskampagne werden ihre volle und sicht-
unter bestimmten Bedingungen die Befreiung von der Op- bare Wirksamkeit erst im Lauf der Zeit entfalten können. Als
tionspflicht für in Deutschland geborene und aufgewach- Zeichen der Wirksamkeit kann, wenngleich die Zahlen in
sene Kindern ausländischer Eltern und damit die Hinnahme Tabelle 1 keine Kausalitäten widerspiegeln, mit gebotener
von Mehrstaatigkeit vor. Die Bedingungen sind dann er- Vorsicht der Aufwärtstrend der jährlichen Einbürgerungs-
füllt, wenn Mitglieder dieser Personengruppe entweder zahlen gewertet werden.
seit acht Jahren ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutsch-
land haben, sechs Jahre in Deutschland eine Schule be-
sucht oder einen Schul- bzw. Berufsabschluss in Deutsch- Das Partizipations- und Integrationsgesetz als
land erworben haben. 26 „Herzstück“ der grün-roten Integrationspolitik
Resümierend lässt sich sagen, dass die grün-rote Landesre-
gierung ihre im Koalitionsvertrag anvisierten Vorhaben Relativ spät in der Legislaturperiode legte die grün-rote
umsetzen konnte – gänzlich im Bereich der Landespolitik, Landesregierung im Juli 2015 mit dem Entwurf des Partizi-
partiell im Bereich der Bundespolitik, sodass es sich bei pations- und Integrationsgesetzes das von ihr im Koaliti-

218

BiS2015_04_umbr.indd 218 11.01.16 11:04


Tabelle 1: Einbürgerungen in Baden-Württemberg INTEGRATIONSPOLITIK: NEUAUSRICHTUNG
(2008–2014) in Zahlen UND/ODER KONTINUITÄT?

Jahr Einbürgerungen
2008 11.281 delung bestehender Initiativen und Regelungen darstellt
2009 12.212 bzw. eine Neuausrichtung verkörpert. Zu den Regelungen,
2010 12.778 die durch das Gesetz neu hinzukommen, gehören u. a. die
„Dienst- oder Arbeitsfreistellung“ für Beschäftigte
2011 14.223
muslimischen und alevitischen Glaubens an ihren drei je-
2012 16.390 weils wichtigsten Feiertagen, 30 die anteilsmäßige Beset-
2013 16.062 zung von Gremien mit Menschen mit Migrationshinter-
2014 16.804 grund, „für die dem Land ein Berufungs- oder Vorschlags-
Quelle: http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Pressemitt/2014183. recht zusteht“ sowie eine Reihe an Berufen betreffende
asp und http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Pressemitt/2015090. Änderungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnungen
asp
durch die Aufnahme des Passus, dass die Vermittlung inter-
kultureller Kompetenz Ausbildungsbestandteil ist. 31
onsvertrag angekündigte „Herzstück“ der Neuausrichtung Die wichtigsten der bestehenden Initiativen, die Eingang in
ihrer Integrationspolitik vor – eine Neuausrichtung, die, so das Gesetz gefunden haben, sind die interkulturelle Öff-
der formulierte Anspruch, mit der Definition verbindlicher nung der Landesverwaltung und die Verwaltungsvorschrift
und messbarer Ziele einhergehen soll. 27 Im Gesetzentwurf Integration (VwV-Integration). Im Hinblick auf das Hand-
selbst werden die Ziele folgendermaßen vorgegeben: lungsfeld Arbeitsmarktintegration verweist das Gesetz auf
„Dieses Gesetz soll dazu beitragen, gleichberechtigte die Partizipationsförderungsinstrumente Landesanerken-
Teilhabe von Menschen mit und ohne Migrationshinter- nungsgesetz (regelt die Prüfung von ca. 260 ausländischen
grund in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Berufsqualifikationen auf Gleichwertigkeit mit einem deut-
über soziale und ethnische Grenzen hinweg zu verwirkli- schen Referenzberuf) und die in einem Modellprojekt er-
chen und auf diese Weise das friedliche Zusammenleben probten anonymisierten Bewerbungsverfahren. 32 Da-
von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sowie den durch, dass diese Initiativen in das Gesetz eingeflossen
Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern.“ 28 Hat Grün- sind, ist zumindest eine gewisse Ressourcenausstattung
Rot mit diesem Gesetzesentwurf den hochgesteckten An- gegeben. So stehen durch die VwV-Integration jährlich
spruch der Neuausrichtung, Verwirklichung von Teilhabe- mehr als drei Millionen Euro für die Förderung kommunaler
gerechtigkeit, Verbindlich- und Messbarkeit von Integra- Integrationsprojekte zur Verfügung. Über die VwV-Integ-
tion eingelöst? Da das Gesetz bislang nur im Entwurf ration werden drei Bereiche gefördert: der Auf- und Aus-
vorliegt, wird die Wirksamkeit der Regelungen und Bestim- bau kommunaler Integrationsstrukturen, die Förderung der
mungen erst in der nachfolgenden Legislaturperiode ein- „Elternbeteiligung am Bildungsweg der Kinder und Ju-
zuschätzen sein. Somit geht es im Folgenden nur um die gendlichen mit Migrationshintergrund“ sowie die „Stär-
Verwirklichung des Anspruchs auf der konzeptionellen kung des Zusammenlebens und des gesellschaftlichen Zu-
Ebene. sammenhalts zwischen Menschen mit und ohne Migrati-
Eine Neuerung stellt das Gesetz insofern da, als dass es onshintergrund“, und damit verbunden auch die größere
den Verbindlichkeitsgrad aller Landesinstitutionen erhöht, Teilhabe der migrationsstämmigen Bevölkerung am zivil-
ihr Handeln auf die Herstellung von Teilhabegerechtigkeit gesellschaftlichen Leben vor Ort. 33
für Menschen mit Migrationshintergrund auszurichten. Zu- Ein Förderschwerpunkt im Bereich der kommunalen Integ-
mindest die Entwurfsfassung lässt aber hinsichtlich des rationsstrukturen sind „Maßnahmen zur interkulturellen
konkreten Erreichens dieser Teilhabegerechtigkeit in den Öffnung der Kommunalverwaltung“. 34 Damit wird von der
einzelnen Handlungsfeldern Zweifel bezüglich der voraus- grün-roten Regierung neben der interkulturellen Öffnung
sichtlichen Effektivität des Gesetzes zu. Einerseits ist frag- der Landesverwaltung auch die interkulturelle Öffnung der
lich, ob Partizipationsgerechtigkeit, wie das Gesetz mehr- Kommunalverwaltung gefördert. Dabei baut das Hand-
fach betont, kostenneutral verwirklicht werden kann; an- lungsfeld der interkulturellen Öffnung auf einer breiten Ba-
dererseits bleibt das Gesetz an vielen Stellen unbestimmt sis an bestehenden Konzepten und Initiativen auf, die in
hinsichtlich konkreter Umsetzungsstrategien. Die Er fahrung die Zeit der Vorgängerregierung zurückreichen. Die
zeigt allerdings: Wenn Institutionen lediglich allgemeine schwarz-gelbe Regierung hatte im Integrationsplan 2008
Zielvorgaben und keine Ressourcenausstattung erhalten, das Ziel der interkulturellen Öffnung der Verwaltung aus-
krankt die Umsetzung tendenziell daran, dass keine auf gegeben, dabei aber ausschließlich auf die Handlungs-
den spezifischen Handlungskontext maßgeschneiderten ebene abgehoben. Die Beschäftigten sollten durch ent-
Konzepte entwickelt und implementiert werden, worunter sprechende Schulungen interkulturelle Kompetenz erwer-
letztendlich die Effektivität leidet. Es lässt sich also fra- ben, um einen „bürgernahen und individuelleren Service“
gen: Hat der integrationspolitische Sprecher der CDU- für Migrantinnen und Migranten anbieten zu können. 35 In
Landtagsfraktion, Bernhard Lasotta, recht, wenn er den dem nur fünf Tage vor der Landtagswahl 2011 vom Minis-
Gesetzentwurf als „reine Symbolpolitik“ bezeichnet und terrat beschlossenen Leitbild „Vielfalt als Ressource. Wege
hinzufügt, dass dieser „vor allem bekannte Regelungen“ zur interkulturellen Öffnung der Landesverwaltung Baden-
enthalte, „die bereits ohne gesetzliche Grundlage funktio- Württemberg“ wird weiterhin im interkulturellen Kompe-
nieren“? 29 tenzerwerb der Beschäftigten ein Schlüssel zur interkultu-
Da die Wirksamkeit des Gesetzes zum gegenwärtigen rellen Öffnung gesehen. Das Leitbild enthält darüber hin-
Zeitpunkt noch nicht bewertet werden kann, kann nur auf- aus aber zum ersten Mal Öffnungsstrategien, die mit der
gezeigt werden, inwieweit das Gesetz in der Tat eine Bün- Gewinnung von Personal mit Migrationshintergrund und

219

BiS2015_04_umbr.indd 219 11.01.16 11:04


Sandra Kostner
der Anpassung der Verwaltungskultur an die Bedürfnisse Tabelle 2: Erstanträge von Asylsuchenden (2007–
einer von migrationsbedingter Diversität geprägten Bevöl- 2014) in Zahlen
kerung auf der Organisationsebene ansetzen. 36 Die drei
Bausteine interkulturelle Kompetenz, Gewinnung migrati- Jahr Baden-Württemberg Deutschland
onsstämmiger Beschäftigter und Etablierung einer diversi- 2007 1.595 19.164
tätsgerechten Verwaltungskultur bilden auch die Grund- 2008 2.448 22.085
lage der interkulturellen Öffnungsstrategien von Grün-Rot, 2009 3.022 27.649
dargelegt in der Broschüre „Land der Vielfalt – Land der
Chancen“ und in Paragraph 6 des Partizipations- und Inte- 2010 4.753 41.332
grationsgesetzes. 37 Im Handlungsfeld interkulturelle Öff- 2011 5.262 45.741
nung der Verwaltung zeigen sich somit starke Kontinuitäts- 2012 7.913 64.539
linien zwischen der alten und neuen Landesregierung. So 2013 13.853 109.580
geht auch der Beitritt des Landes Baden-Württemberg zur 2014 25.673 173.072
„Charta der Vielfalt“ im November 2012, mit der die Unter-
zeichner eine Selbstverpflichtungserklärung zur Förderung 2015 (bis 31.07.) ca. 29.000 ca. 218.000
Quelle: http://www.integrationsministerium-bw.de/pb/,Lde/Startseite/
und Wertschätzung von Vielfalt abgeben, auf den Minis- Fluechtlingspolitik/Asylbewerber_+Zahlen+und+Daten
terratsbeschluss vom 22. März 2011 zurück. 38
Hat die Konzeption des Partizipations- und Integrations-
gesetzes also den Anspruch der inhaltlichen Neuausrich- grieren lassen, all dies sind Fragen, die die politische
tung eingelöst? Ja, im Hinblick darauf, dass die Signal- Agenda seit dem Spätsommer 2015 maßgeblich geprägt
funktion, die von einem solchen Gesetz ausgeht, nicht zu haben. Liberalisiert wurden bis zum Sommer 2015 u. a. die
unterschätzen ist. Ja auch hinsichtlich der im Gesetz ent- Zugangsmöglichkeiten von Asylsuchenden und Flüchtlin-
haltenen neuen Regelungen. Nein jedoch bezüglich der gen zum Arbeitsmarkt, die Residenzpflicht sowie die Leis-
zentralen Partizipationsförderungsinstrumente interkultu- tungsgewährung, die den Vorrang von Geld- vor Sachleis-
relle Öffnung, kommunale Integrationsstrukturen, Eltern- tungen vorsieht. Der „Preis“ für diese Liberalisierungen war
beteiligung und zivilgesellschaftliche Teilhabe; einzig der auf Bundesebene (Asylkompromiss vom 19. September
Verpflichtungsgrad wurde hier – zunächst auf dem Papier 2014) die Zustimmung von Ministerpräsident Winfried
– erhöht. Abschließend soll es um die Frage gehen: Stehen Kretschmann zur Einstufung Serbiens, Mazedoniens und
die Inhalte des Gesetzes mit dem Integrationsverständnis Bosnien-Herzegowinas als „sichere Herkunftsstaaten“. 41
von Grün-Rot im Einklang? Hierauf kann eindeutig mit Ja Im Sommer 2015 nahm die schwarz-rote Bundesregierung
geantwortet werden, zielen doch alle Regelungen auf das ferner die Einstufung von Albanien, Kosovo und Montene-
Vorleistungsprinzip der Mehrheitsgesellschaft und ihrer gro als sichere Herkunftsstaaten in den Blick, um die Zahl
Institutionen ab. der Asylsuchenden aus dieser Region weiter zu begren-
zen. In einem am 18. August 2015 vorgelegten Positionspa-
pier sprachen sich Bündnis 90/Die Grünen in allen von ih-
Wie hält es Baden-Württemberg zukünftig mit nen mitregierten Bundesländern geschlossen gegen die
der Integration? Erklärung dieser Staaten zu sicheren Herkunftsstaaten
aus. Die zahlenmäßigen Entwicklungen der Asyl- und
Gegen Ende der Legislaturperiode sind die Themen Mig- Fluchtmigration in den nachfolgenden Wochen hat dann
ration und Integration aufgrund der zunehmenden Zuwan- aber dazu geführt, dass am 16. Oktober bei der Abstimmung
derung von EU-Staatsangehörigen aus Süd-, Ost- und im Bundesrat über das Gesetzespaket zur restriktiveren
Südosteuropa und vor allem der stark ansteigenden Flucht- Ausgestaltung des Asylrechts, das u. a. Albanien, Kosovo
migration deutlich weiter oben auf der politischen Agenda und Montenegro zu sicheren Herkunftsstaaten erklärte,
angesiedelt, als zum Zeitpunkt des Regierungswechsels im nun auch von Bündnis 90/Die Grünen mitregierte Länder,
Frühjahr 2011. Im Lauf der Legislaturperiode wurde die darunter Baden-Württemberg, mit ja stimmten. 42
Zahl der Erstaufnahmeplätze für Asylsuchende und Flücht- An welchen weiteren Punkten wären bei einem Regierungs-
linge von 900 auf 9.000 erhöht. Nach dem zweiten, von wechsel migrations- und integrationspolitische Akzentver-
der Landesregierung Ende Juli 2015 ausgerichteten Flücht- schiebungen zu erwarten? Mit Blick auf das Thema Zu-
lingsgipfel wurde bekannt gegeben, dass die Erstaufnah- zugsbegrenzung von Asylsuchenden und Flüchtlingen
mekapazitäten in den kommenden Monaten um 5.700 und würde sich eine CDU-geführte Landesregierung voraus-
im Jahr 2016 um weitere 5.000 Plätze erhöht werden sollen sichtlich der von der Bundesregierung erwogenen Ein-
(siehe Tabelle 2 für eine Übersicht zur Entwicklung der schränkung des Familiennachzugs anschließen. Da auch
Asylsuchenden im Zeitraum 2007 bis 31. Juli 2015). 39 die CDU die frühzeitige Arbeitsmarktintegration von
Mitte August hat Bundesinnenminister Thomas de Maizi- Flüchtlingen befürwortet und in ihnen ein Arbeitskräftere-
ère die Zahl der für 2015 deutschlandweit erwarteten Asyl- servoir zur Abfederung des viel beschworenen Fachkräfte-
anträge auf bis zu 800.000 geschätzt. Dies würde für Ba- mangels sieht, ist davon auszugehen, dass die Maßnah-
den-Württemberg bedeuten, dass nach dem Königsteiner men zur „arbeitsmarktnahen Aktivierung von Flüchtlin-
Schlüssel ca. 100.000 Asylsuchende zu betreuen wären. 40 gen“43 Bestand haben bzw. weiter ausgebaut werden. 44
Was diese zahlenmäßige Entwicklung für den heraufzie- Die von beiden politischen Richtungen vorgenommene
henden Landtagswahlkampf bedeutet, ob die von Grün- Fokussierung auf den Humankapitalaspekt birgt jedoch
Rot auf Landesebene vollzogenen und auf Bundesebene auch die Gefahr, dass dadurch einer auf Nützlichkeitser-
mitgeprägten Reformen des Asylrechts sich weiter in Rich- wägungen basierenden Debatte Vorschub geleistet wird.
tung Liberalisierung oder neuerlicher Restriktionen entwi- Unabhängig davon, welche Parteien nach der Landtags-
ckeln und wie sich steigende Zahlen von Flüchtlingen inte- wahl 2016 in der Regierungsverantwortung sein werden,

220

BiS2015_04_umbr.indd 220 11.01.16 11:04


ist absehbar, dass sie sich intensiv mit dem Thema Integra- INTEGRATIONSPOLITIK: NEUAUSRICHTUNG
tion von Flüchtlingen befassen müssen. Das Politikfeld wird UND/ODER KONTINUITÄT?
an Bedeutung eher zu- als abnehmen. Was die Zukunft
konkret bringen wird, ist natürlich offen. Aber sicher ist,
dass wir im Bereich der Integrationspolitik in zunehmend Justizministerium Baden-Württemberg (22. März 2011): Leitbild Vielfalt als
Ressource. Wege zur interkulturellen Öffnung der Landesverwaltung
spannenden – und hoffentlich nicht zunehmend ange- Baden-Württemberg. Stuttgart.
spannten – Zeiten leben. Landesregierung Baden-Württemberg (19. Dezember 2013): Gesetz über
die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen in Baden-Würt-
temberg (Landesanerkennungsgesetz Baden-Württemberg). In: Geset-
zesblatt für Baden-Württemberg, Stuttgart, 10. Januar 2014. URL: ht-
LITER ATUR tp://www.kmk.org/fileadmin/pdf/ZAB/Berufliche_ Anerkennung_Re-
ferenzberufe/BW_ Anerkennungsgesetz.pdf [03.08.2015].
Bündnis 90/Die Grünen und SPD Baden-Württemberg (2011): Der Wech- Landesregierung Baden-Württemberg (19. Dezember 2013): Gesetz über
sel beginnt. Koalitionsvertrag zwischen BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN die Aufnahme von Flüchtlingen (Flüchtlingsaufnahmegesetz). URL: ht-
und der SPD Baden-Württemberg, Stuttgart, 9. Mai 2011. URL: http:// tp://www.landesrecht-bw.de/jportal/?quelle=jlink&query=Fl%C3 %
www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/Ko- BCAG+BW&max=true&aiz=true [19.08.2015].
alitionsvertrag-web.pdf [03.08.2015]. Landesregierung Baden-Württemberg (21. Juli 2015): Gesetz zur Verbes-
Bundesregierung (2007): Nationaler Integrationsplan. Neue Wege – serung von Chancengerechtigkeit und Teilhabe in Baden-Württem-
Neue Chancen. URL: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/ berg, Entwurf. URL: www.service-bw.de [17.08.2015].
Publikation/IB/nationaler-integrationsplan.pdf;jsessionid= 66F06BD6 Landesregierung Baden-Württemberg (27. Juli 2015): Pressemitteilung:
966006A5415A76044C877610.s4t2?_ _blob=publicationFile&v=3 Flüchtlingsgipfel schnürt Maßnahmenpaket. URL: https://www.baden-
[03.08.2015]. wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/fluecht-
Bundesregierung (2012): Nationaler Aktionsplan Integration. Zusammen- lingsgipfel-schnuert-massnahmenpaket/ [24.08.2015].
halt stärken – Teilhabe verwirklichen. URL: http://www.bundesregie- Lasotta, Bernhard (8. Juli 2015): Das Integrationsministerium ist eine Fehl-
rung.de/Content/DE/_ Anlagen/IB/2012–01–31-nap-gesamt-barrie- konstruktion. URL: http:// fraktion.cdu-bw.de/no_cache/druckansicht/
refrei.pdf?_ _blob=publicationFile&v=5 [03.08.2015]. meldung/artikel/das-integrationsministerium-ist.eine-fehlkonstruktion.
Bundesregierung (2014): Optionspflicht neu geregelt. URL: http://www. html [18.08.2015].
bva.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/BVA/ Ministerium für Integration (2012): Pressemitteilung vom 7. Februar: Minis-
Staatsangeh%C3 %B6rigkeit/Staatsangeh%C3 %B6rigkeitsgesetz_ terium für Integration erleichtert Einbürgerungen. URL: http://www.in-
Bundestag.html [21.08.2015]. tegrationsministerium-bw.de/pb/,Lde/1772241/?LISTPAGE=1771528
Bundesregierung (31. Oktober 2014): Gesetz zur Einstufung weiterer Staa- [18.08.2015].
ten als sichere Herkunftsstaaten und zur Erleichterung des Arbeitsmarkt- Ministerium für Integration (2012a): Pressemitteilung vom 19. März: Ba-
zugangs für Asylbewerber und geduldete Ausländer. URL: http://www. den-Württemberg erleichtert Einbürgerung ausländischer Studien- und
bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?start=%2F%2F*[%40attr_ Ausbildungsabsolventen. URL: https://www.baden-wuerttemberg.de/
id%3D%27bgbl114s1649.pdf%27]#_ _bgbl_ _%2F%2F*[%40attr_ de/service/presse/pressemitteilung/pid/baden-wuerttemberg-er-
id%3D%27bgbl114s1649.pdf%27]_ _1440670322175 [26.08.2015]. leichtert-einbuergerung-auslaendischer-studien-und-ausbildungsab-
CDU und FDP Baden-Württemberg (2006): Vereinbarung zwischen der solventen/ [18.08.2015].
Christlichen Demokratischen Union Deutschlands, Landesverband Ba- Ministerium für Integration (2013): Verwaltungsvorschrift des Ministeriums
den-Württemberg, und der Freien Demokratischen Partei, Landesver- für Integration zum Staatsangehörigkeitsgesetz (VwV StAG) vom 8. Juli
band Baden-Württemberg, über die Bildung einer Koalitionsregierung 2013. URL: http://www.integrationsministerium-bw.de/pb/site/pbs-
für die 14. Legislaturperiode des Landtags von Baden-Württemberg. bw-new/get/documents/mfi/MFI/Abteilung2/Referat21/20150216_
URL: https://www.nachhaltigkeit.info/media/1234776207phpeB3fSx. VwV%20StAG.pdf [18.08.2015].
pdf [03.08.2015]. Ministerium für Integration (2013a): Verwaltungsvorschrift des Ministeri-
CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (22. Dezember 2012): Vielfalt ums für Integration über die Gewährung von Zuwendungen zur Förde-
in Verantwortung. Integrationspolitische Leitsätze der CDU-Landtags- rung der gesellschaftlichen Teilhabe und Integration (VwV-Integration),
fraktion. URL: http://fraktion.cdu-bw.de/fileadmin/user_upload/info- 12. August 2013. URL: http://www.integrationsministerium-bw.de/pb/
thek/Allgemein/175_ ANLAGE_Integrationspolitische_ site/pbs-bw/get/documents/mfi/MFI/pdf/VwV-Integration%20-%20
Leits%C3 %A4tze_der_CDU-Landtagsfraktion.pdf [18.08.2015]. GABl-2013 %2B397.pdf [18.08.2015].
CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (2014): Diskussionsbeiträge Ministerium für Integration (2014): Land der Vielfalt – Land der Chancen.
für die baden-württembergische Landespolitik. Humanitäre Flüchtlings- Interkulturelle Öffnung der Landesverwaltung Baden-Württemberg.
politik – Moderne Zuwanderungspolitik – Kommunalfreundliche Asyl- Stuttgart.
politik. URL: http://fraktion.cdu-bw.de/fileadmin/user_upload/info- Ministerium für Integration (2014a): Die Charta der Vielfalt und ihre Um-
thek/Innenpolitik/CDU-Fl%C3 %BCchtlingspolitik-2015.pdf setzung in der Landesverwaltung Baden-Württemberg. Stuttgart.
[18.08.2015]. Ministerium für Integration (2015): Integration von Flüchtlingen. „Chancen
CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (2015): Vielfalt in Verantwor- gestalten – Weg der Integration in den Arbeitsmarkt öffnen“. URL: ht-
tung. Integrationspolitische Leitsätze der CDU-Landtagsfraktion. URL: tp://www.integrationsministerium-bw.de/pb/site/pbs-bw-new/get/
http://fraktion.cdu-bw.de/fileadmin/user_upload/infothek/Integrati- documents/mfi/MFI/Abteilung3/Konzeption%20Integration%20
on/CDU-Integration-2015.pdf [18.08.2015]. Fl%C3 %BCchtlinge%20Schlussfassung.pdf [17.08.2015].
Deutschlandfunk (19. August 2015): Neue Prognose. De Maizière rechnet Ministerium für Integration (o. J.): Broschüre „Anerkennung ausländischer
mit 800.000 Asylanträgen URL. http://www.deutschlandfunk.de/neue- Berufsqualifikationen in Baden-Württemberg“. Stuttgart.
prognose-de-maiziere-rechnet-mit-800–000-asylantraegen.1818. Ministerium für Integration (o. J.): Die Einbürgerungskampagne des Landes
de.html?dram:article_id=328721 [24.08.2015]. Baden-Württemberg. URL: http://www.mein-deutscher-pass.de/start-
Die Welt (4. Januar 2006): Fragen an einbürgerungswillige Muslime in Ba- seite.html [24.08.2015].
den-Württemberg. URL: http://www.welt.de/print-welt/article188598/ Staatsministerium Baden-Württemberg (2006): Pressemitteilung vom
Fragen-an-einbuergerungswillige-Muslime-in-Baden-Wuerttemberg.html 10. Januar: Oettinger und Rech halten an Gesprächsleitfaden für Ein-
[20.08.2015]. bürgerungsbehörden fest. URL: https://www.baden-wuerttemberg.de/
Die Welt (18. August 2015): Grüne gegen Ausweitung sicherer Herkunfts- de/service/presse/pressemitteilung/pid/oettinger-und-rech-halten-
staaten. URL: http://www.welt.de/politik/deutschland/article145361613/ an-gespraechsleitfaden-fuer-einbuergerungsbehoerden-fest/
Gruene-gegen-Ausweitung-sicherer-Herkunftsstaaten.html [24.08.2015]. [20.08.2015].
Focus-Online (29. Juli 2015): CDU-Chef Strobl nimmt Integrationsministerin Statistisches Bundesamt (o. J.): Personen mit Migrationshintergrund. URL:
in Schutz. URL: http://www.focus.de/regional/heilbronn/regierung- https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevo-
cdu-chef-strobl-nimmt-integrationsministerin-in-schutz_id_4847819.ht- elkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Aktuell.html
ml [18.08.2015]. [20.08.2015].
Institut zur Zukunft der Arbeit (2014): Abschlussbericht des Projektes „An- Statistisches Bundesamt (2014): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevöl-
onym Bewerben in Baden-Württemberg“. Bonn/ Stuttgart. URL: http:// kerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2013
www.integrationsministerium-bw.de/pb/site/pbs-bw-new/get/docu- – Fachserie 1 Reihe 2.2. URL: https://www.destatis.de/DE/Publikatio-
ments/mfi/MFI/Abteilung3/Referat34/Anonym%20Bewerben%20 nen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshin-
in%20Baden-W%C3 %BCrttemberg/IZA_ Abschlussbericht_BW_fi- tergrund2010220137004.pdf?_ _blob=publicationFile [20.08.2015].
nal.pdf [17.08.2015]. Stuttgarter Zeitung (24. Juli 2011): Einbürgerung. Gesinnungstest vor dem
Integrationsbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg (8. Sep- Aus. URL: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.einbuergerung-
tember 2008): Integrationsplan Baden-Württemberg. „Integration ge- gesinnungstest-vor-dem-aus.6e99bbf1-f657–4e91–936e–
meinsam schaffen“. URL: http://www.esslingen.de/site/Esslingen- Internet/ 580c8ac91b50.html [20.08.2015].
get/1470698/Landesintegrationsplan%202008.pdf [17.08.2015].

221

BiS2015_04_umbr.indd 221 11.01.16 11:04


Sandra Kostner
24 Ministerium für Integration (o. J.): Die Einbürgerungskampagne. Stutt-
ANMERKUNGEN
gart.
1 Statistisches Bundesamt (o. J.), Personen mit Migrationshintergrund. 25 Die Optionspflicht wurde mit der Reform des Staatsangehörigkeitsge-
2 Bernhard Lasotta, integrationspolitischer Sprecher der CDU-Land- setzes im Jahr 2000 eingeführt und sah vor, dass alle in Deutschland ge-
tagsfraktion (8. Juli 2015): Das Integrationsministerium ist eine Fehlkonst- borenen Kinder ausländischer Eltern, die seit mindestens acht Jahren
ruktion; Focus-Online (29. Juli 2015): CDU-Chef Strobl nimmt Integrations- rechtmäßig in Deutschland lebten und einen unbefristeten Aufenthaltstitel
ministerin in Schutz; Integrationsplan 2008, S. 16. besaßen, sich zwischen ihrem 18. und 23. Lebensjahr für eine der beiden
3 Focus-Online 2015. Staatsangehörigkeiten entscheiden mussten. Diese Regelung traf ab 2007
4 Ulrich Goll war von 1996 bis 2002 Justizminister und von 2004 bis nicht mehr auf Staatsangehörige von EU-Mitgliedstaaten und der Schweiz
2011 Ausländerbeauftragter. Zwischen 2002 und 2004 zog er sich aus der zu.
Regierung zurück und arbeitete als Anwalt. 26 Bundesregierung (2014): Optionspflicht neu geregelt.
5 Koalitionsvertrag 2006, S. 40–43. 27 Koalitionsvertrag 2011, S. 70.
6 Gesetzentwurf Gesetz zur Verbesserung von Chancengleichheit und 28 Gesetzentwurf, § 2 „Ziele“, S. 7.
Teilhabe in Baden-Württemberg vom 21. Juli 2015 umfasst in Artikel 1 das 29 Bernhard Lasotta, Pressemitteilung 115/2015 vom 21. Juli 2015.
Partizipations- und Integrationsgesetz; die weiteren Artikel des Gesetzes 30 Die drei jeweils wichtigsten Feiertage wurden im Frühjahr 2015 durch
beziehen sich auf konkrete Änderungen/Ergänzungen bestehender Ge- den Runden Tisch Islam in Anlehnung an die bestehenden Freistellungs-
setze und Regelungen in den Bereichen Bildung und Ausbildung. möglichkeiten für christliche und jüdische Erwerbstätige vorgeschlagen.
7 Der Fokus liegt einerseits aufgrund begrenzt zur Verfügung stehender Der Runde Tisch Islam ist ein Arbeitsgremium, das muslimische und minis-
Zeilen auf den Initiativen des Integrationsministeriums und andererseits terielle Vertreterinnen und Vertreter umfasst. Das Arbeitsgremium besteht
deshalb, da die Zuständigkeiten dieses Ressorts die zentralen integrati- seit November 2011 und tagt halbjährlich. Für die Regelungen zur Dienst-
onspolitischen Punkte des Koalitionsvertrags abdecken. Darüber hinaus und Arbeitsfreistellung aus religiösen Gründen, siehe Gesetzentwurf, § 8,
erlaubt der Fokus auf die Integrationspolitik des Ministeriums eine Aussa- S. 11, 54f.
ge darüber, ob der institutionelle Bedeutungsgewinn des Politikfeldes In- 31 Gesetzentwurf, § 7 und Artikel 7–23.
tegration zu weitreichenderen Gestaltungsmöglichkeiten geführt hat. 32 Das Ministerium für Integration startete Anfang 2013 das einjährige
8 Koalitionsvertrag 2011, S. 70. Modellprojekt „Anonym Bewerben“, an dem elf Organisationen, darunter
9 Gesetzentwurf 2015, S. 37. fünf private Arbeitgeber, drei Landesministerien, darunter auch das Minis-
10 Koalitionsvertrag 2011, S. 70. terium für Integration, zwei Kommunen und die Ingenieurkammer Baden-
11 Integrationsplan 2008, S. 13. Württemberg teilgenommen haben. Obwohl das Modellprojekt positiv
12 CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (2015): Vielfalt in Verant- evaluiert wurde, sind bislang keine Schritte unternommen worden, die
wortung. S. 7. flächendeckende Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren im
13 Siehe z. B. Gesetzentwurf 2015, S. 26, 30. Land zu bewerben. Für Details zum Projektverlauf und den Projektergeb-
14 Zuwanderungssteuerung und -begrenzung als unabdingbare Voraus- nissen siehe: Institut zur Zukunft der Arbeit (2014): Abschlussbericht des
setzung für eine gelingende Integrationspolitik findet sich auch im Integ- Projektes „Anonym Bewerben in Baden-Württemberg“. Beim Landesaner-
rationsplan 2008 unter dem Punkt „Integration im Kontext ausländerrecht- kennungsgesetz handelt es sich um eine Ergänzung des am 1. April 2012
licher Zielsetzungen“ (S. 15f.) in den integrationspolitischen Leitlinien der in Kraft getretenen Bundesanerkennungsgesetzes. In die Zuständigkeit
CDU 2015 unter „Zuwanderung intelligent steuern“ (S. 19). der Länder fiel die Ausgestaltung der Anerkennungsverfahren, d. h. die
15 Koalitionsvertrag 2006, S. 40. Prüfung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsqualifikationen mit ei-
16 Koalitionsvertrag 2006, S. 40. nem deutschen Referenzberuf für die ca. 260 landesrechtlich geregelten
17 Vielfalt in Verantwortung, S. 22. Berufe. Wird die Gleichwertigkeit mit einem deutschen Referenzberuf fest-
18 Gesetzentwurf, S. 39. gestellt, erfolgt die formale Anerkennung; wird festgestellt, dass die
19 CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (2015): Vielfalt in Verant- Gleichwertigkeit nicht gegeben ist, können die Unterschiede durch einen
wortung. S. 22. Anpassungslehrgang oder eine Eignungsprüfung ausgeglichen werden.
20 CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (2015): Vielfalt in Verant- Baden-Württemberg hat sein Landesanerkennungsgesetz relativ spät ein-
wortung. S. 22. geführt, d. h. im Januar 2014, hat aber im Vorfeld im Gegensatz zu anderen
21 Koalitionsvertrag 2011, S. 71. Bundesländern ein gutes Netz an Anerkennungsstellen aufgebaut sowie
22 Die Welt (2006): Fragen an einbürgerungswillige Muslime in Baden- als eines von wenigen Bundesländern einen gesetzlichen Anspruch auf
Württemberg; Staatsministerium Baden-Württemberg (2006), Pressemit- eine Anerkennungsberatung eingeführt.
teilung; Stuttgarter Zeitung (2011): Einbürgerung. Gesinnungstest vor dem 33 Ministerium für Integration, 2013a, S. 397ff. Die Förderschwerpunkte
Aus. der VwV-Integration entsprechen den in § 5 des Partizipations- und Inte-
23 Ministerium für Integration (2012): Pressemitteilung: Ministerium für grationsgesetzes definierten „Aufgaben des Landes“ unter Ziffer 2., 3. und
Integration erleichtert Einbürgerungen; Ministerium für Integration 5.
(2012a): Pressemitteilung: Baden-Württemberg erleichtert Einbürgerung 34 VwV-Integration, S. 398.
ausländischer Studien- und Ausbildungsabsolventen; Ministerium für Inte- 35 Integrationsplan 2008, S. 88ff.
gration (2013a): Verwaltungsvorschrift des Ministeriums für Integration 36 Leitbild 2011, S. 24–40 und S. 45f.
zum Staatsangehörigkeitsgesetz. 37 Ministerium für Integration (2014): Land der Vielfalt – Land der Chan-
cen. Gesetzentwurf, S. 10.
38 Die „Charta der Vielfalt” ist eine im Jahr 2006 ins Leben gerufene
Unternehmensinitiative zur Förderung und Wertschätzung von Vielfalt in
Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Gegenwärtig hat die Char-
ta 2.200 Unterzeichner. Für Details siehe: http://www.charta-der-vielfalt.
UNSERE AUTORIN

de/startseite.html [24.08.2015].
39 Landesregierung (2015): Pressemitteilung: Flüchtlingsgipfel schnürt
Maßnahmenpaket.
40 Deutschlandfunk (2015): Neue Prognose. Auf Grundlage des König-
steiner Schlüssel wird auf der Basis der Steuereinnahmen und der Bevöl-
kerungszahl der Bundesländer jährlich festgelegt, welchen Anteil der
Asylsuchenden sie unterbringen und betreuen müssen. Im Jahr 2015 ent-
fallen auf Baden-Württemberg 12,97 Prozent; dies entspricht nach Nord-
rhein-Westfalen und Bayern dem drittgrößten Anteil.
41 Landesregierung (2013): Gesetz über die Aufnahme von Flüchtlingen;
Bundesregierung (2014): Gesetz zur Einstufung weiterer Staaten.
42 Die Welt (2015): Grüne gegen Ausweitung sicherer Herkunftsstaaten;
CDU-Landtagsfraktion (2014); Diskussionsbeiträge.
43 Ministerium für Integration (2015): Integration von Flüchtlingen. Stutt-
Dr. Sandra Kostner ist seit Mai 2010 Geschäftsführerin des Mas- gart, S. 9.
terstudiengangs „Interkulturalität und Integration“ an der Päda- 44 http://www.migazin.de/2015/08/17/neue-debatte-sozialleistungen-
gogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Ihre Forschungs- bundesregierung-rueckkehr/ [24.08.2015]. Die Welt (2015); CDU-Land-
tagsfraktion (2014); Diskussionsbeiträge.
schwerpunkte sind vergleichende Migrations- und Integrations-
politik mit dem Fokus Deutschland, Australien und Großbritanni-
en sowie Prozesse der interkulturellen Öffnung und Diversitätsori-
entierung von Hochschulen, Verwaltungen und Kultureinrichtun-
gen.

222

BiS2015_04_umbr.indd 222 11.01.16 11:04


VERKEHRS- UND ENERGIEPOLITIK AUS GEOGR APHISCHER SICHT

Verkehr und Energie in Baden-Württemberg


Hans Gebhardt

des Verkehrs. Baden-Württemberg ist im Fernstraßenver-


Von einer grün-roten Landesregierung erwartet man kehr, aber auch beim Schienen- und Flugverkehr, Teil einer
eine nachhaltige Verkehrs- und Energiepolitik. Hans europäischen Verkehrsschiene und direkte Steuerungs-
Gebhardt zieht in seinem Beitrag eine Zwischenbilanz möglichkeiten ergeben sich am ehesten auf der lokalen
der Verkehrs- und Energiepolitik aus geographischer Ebene. Verkehrsprojekte sind überdies in der Regel Lang-
Sicht. Dabei werden zunächst die jüngsten Entwicklun- zeitprojekte und damit pfadabhängig. Der derzeit im Bau
gen der verschiedenen Verkehrsträger und die Investiti- befindliche neue Stuttgarter Bahnhof (Stuttgart21), den
onen in die Verkehrsinfrastruktur in den Blick genommen. die Grünen im Land, der Stuttgarter Oberbürgermeister,
Deutlich wird, dass die zentrale verkehrsgeographische aber auch Bürgerinitiativen vehement bekämpft hatten, ist
Lage Baden-Württembergs und die Pfadabhängigkeit hierfür das beste Beispiel.
langfristiger Verkehrsprojekte die Steuerungsmöglich- Anders sieht es im Energiebereich aus. Hier sind die Mög-
keiten im Bereich des Verkehrs beschränken. Auch in der lichkeiten und Beschränkungen auf den verschiedenen
Energiepolitik sind die Handlungsspielräume auf der eu- Maßstabsebenen unterschiedlich. Auf der europäischen
ropäischen, nationalen und lokalen Ebene je unterschied- Ebene stellt sich beispielsweise die Frage einer transnatio-
lich. Am Beispiel der Windenergiegewinnung wird auf- nalen Zusammenarbeit im Bereich der Nordsee mit einem
gezeigt, inwiefern eine am Nachhaltigkeitsgedanken Zusammenschluss von Windkraftanlagen Deutschlands,
orientierte Politik überhaupt möglich und machbar ist. der Niederlande und Großbritanniens zu einem soge-
Sowohl bei Vorhaben im Bereich der regenerativen Ener- nannten „Supergrid“.1 Auf der nationalen Ebene dominieren
gie als auch bei Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen zeigt die Konflikte insbesondere zwischen Bayern und den Bun-
sich, dass die Probleme im Detail stecken: Landschafts- desländern Baden-Württemberg und Hessen um die not-
veränderungen, Flächenverbrauch und Fragen der stand- wendigen drei neuen Stromtrassen, welche den überwie-
ortgerechten Planung verlangen eine räumlich differen-
zierte Planung mit Augenmaß, um Interessenkonflikte
zwischen Gegnern und Befürwortern zu minimieren.

Ökologisch orientierte Verkehrs- und Energiepolitik

Die Erwartungen an eine grün-rot geführte Landesregierung


gehen bei Wählerinnen und Wählern wohl zunächst primär
in Richtung einer stärker am Nachhaltigkeitsgedanken orien-
tierten Politik. Ökologische, ergänzt um soziale und ökonomi-
sche Nachhaltigkeit bezieht sich auf ein Handeln, das so mit
den Ressourcen umgeht, dass die nachfolgenden Generati-
onen noch die gleichen Nutzungschancen haben wie wir.
Allerdings ist der Begriff inzwischen weitgehend zu einem
„leeren Signifikanten“ verkommen, d. h. Nachhaltigkeit ist
zu einem verschwommenen, letztlich fast auf jeden Gegen-
standbereich anwendbaren Prinzip geworden, zu einem
beliebigen, kaum mehr hinterfragbaren Diskurs.
Im Verständnis einer ökologisch orientierten Politik dürfte
sich nachhaltige Politik in Baden-Württemberg vor allem,
wenn auch nicht ausschließlich, in den Bereichen Verkehr
und Energie konkretisieren. Ein Schwergewicht an Projek-
ten und Entwicklungen sollte dem öffentlichen Per so nen-
nah ver kehr (ÖPNV) gegenüber dem Individualverkehr zu-
kommen. Zugleich sollte Formen regenerativer Energie, wie
Nutzung der Wasserkraft, Solarenergie, Windkraft und
Bioenergie, eine höhere Priorität eingeräumt werden.
Steuerungsmöglichkeiten einer Landesregierung sind im
Bereich des Verkehrs relativ eingeschränkt. Viele Verkehrs-
Verkehrsgeographische Gegebenheiten, projekte sind in der Regel Langzeitprojekte und damit pfad-
Pfadabhängigkeiten und Handlungsebenen abhängig. Der derzeit im Bau befindliche neue Stuttgarter
Bahnhof (Stuttgart 21), den die Grünen im Land, aber auch
Dabei sind die Steuerungsmöglichkeiten einer Landesre- Bürgerinitiativen vehement bekämpft hatten, ist hierfür das
gierung allerdings eingeschränkt, insbesondere im Bereich beste Beispiel. picture alliance/dpa

223

BiS2015_04_umbr.indd 223 11.01.16 11:04


Hans Gebhardt
gend im Norden Deutschlands erzeugten und im Süden
gebrauchten Strom aus Windenergie transportieren sol-
len. Hier herrscht das Sankt-Florians-Prinzip: „Verschone
unser Haus, zünd andere an“. Auf der lokalen Ebene hinge-
gen kommen kleinräumige Standortkonflikte zum Tragen:
Abstandsbestimmungen von Windrädern zur Wohnbe-
bauung, erwartete Windstärken und generell Verläss-
lichkeit der klimatischen Parameter. Die Akzeptanz von
Windkraftanlagen vor Ort wird wesentlich vom Erfolg der
politischen Kommunikation vor Ort abhängen. Das „Vor-
schussmisstrauen“ der Bevölkerung gegenüber Planungen
für großflächige Infrastruktureinrichtungen ist, dank der Er-
fahrungen mit Kernkraftwerken, Betrieben der Großche-
mie, Flughafen- und Autobahnausbauten, inzwischen ver-
breitet. Windparks werden dabei nicht nur als ästhetisches
Problem – „Verspargelung“ der Landschaft – gesehen, son-
dern gerade in Baden-Württemberg hat die Bevölkerung
wenig Erfahrung mit solchen Einrichtungen und ist daher
misstrauisch. Anders als in Schleswig-Holstein oder in den
neuen Bundesländern ist der Anteil des aus Windenergie
erzeugten Stroms noch sehr gering: er liegt bei gerade ein-
mal 0,2 Prozent, gegenüber 1,4 Prozent in Gesamtdeutsch-
land. Alle erneuerbaren Energieträger zusammen kommen
auf 11, 9 Prozent und liegen damit knapp über dem Bundes-
durchschnitt (alle Angaben für das Jahr 2013). 2
Besonders hoch lag in Baden-Württemberg hingegen bis
vor wenigen Jahren der Anteil der Kernenergie; noch 2008
erreichte er 50 Prozent an der gesamten Stromerzeugung. wenigen spezialisierten Akteuren (große Energieversor-
Inzwischen ist der Anteil aufgrund der jüngsten Stilllegun- gungsunternehmen, Stadtwerke etc.) kommen hier eine
gen zurückgegangen. Bis zum Jahr 2022 soll vollständig Vielzahl von Akteuren mit sehr unterschiedlichen raumbe-
auf Kernenergie verzichtet werden. Gleichzeitig wird an- zogenen Perspektiven und Interessen ins Spiel (Landkreise,
gestrebt, bis zum Jahre 2020 den Anteil der regenerativen regionale Planungsstellen, Netzbetreiber, Energiegenos-
Energien auf 38,5 Prozent zu steigern. Dazu werden ganz senschaften, Anlagenhersteller etc.). Nutzungs- und Inter-
erhebliche Anstrengungen notwendig sein, denn erstens essenkonflikte sind dabei vorprogrammiert. Gegensätze
sind die Möglichkeiten der Steigerung der Wasserkraft- zeigen sich nicht nur bei den „Durchleitungsregionen“ zwi-
nutzung ausgeschöpft, und zweitens sind die Steigerungs- schen Nord- und Süddeutschland, in denen Konflikte um
möglichkeiten von Biomasse in Baden-Württemberg deut- den Ausbau der Höchstspannungsnetze entstehen, son-
lich begrenzter als in den neuen Bundesländern mit ihrer dern auch zwischen Stadt und Land. Konventionelle Kraft-
anderen Agrarstruktur. Es wird in Baden-Württemberg werkseinheiten liegen meist in Verdichtungsräumen, wäh-
folglich primär um Windkraft und um Solarenergie gehen rend bevorzugte Standorte regenerativer Energieerzeu-
müssen. gung im ländlichen Raum, d. h. in der Fläche, liegen, die
erzeugte Energie aber in den Ballungsräumen verbraucht
wird.
Nutzungs- und Interessenkonflikte In den folgenden Abschnitten soll eine Zwischenbilanz des
Ausbaus bzw. der Anpassung der Verkehrsinfrastruktur an
Sowohl der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur als auch die die Forderungen einer nachhaltigen Entwicklung sowie
Erzeugung von regenerativer Energie sind in der Regel mit der aktuellen Diskussion speziell der Windenergiegewin-
erheblichem Flächenverbrauch und entsprechenden Ein- nung aus geographischer Sicht gezogen werden.
griffen in das Landschaftsbild verbunden 3 . Dies zeigt sich
aktuell zum einen bei den Ausbaumaßnahmen im Auto-
bahnnetz und an parallel dazu verlaufenden neuen Hoch- Verkehr in Baden-Württemberg im Kontext der
geschwindigkeitstrassen der Bahn, z. B. zwischen Wend- Europäischen Union
lingen und Ulm, und zum anderen an den Kontroversen um
den Ausbau der Strecken am südlichen Oberrhein. In der „Wir machen Baden-Württemberg zu einem Pionierland
Landwirtschaft dominiert als Energiepflanze derzeit (noch) für nachhaltige Mobilität“, lautet die vollmundige Ankündi-
Mais, und es werden die landschaftlichen Folgen, Mono- gung von Verkehrsminister Winfried Hermann (vgl. Minis-
tonie und Wegfall von Wegrainen und kleinräumigen Bio- terium für Verkehr und Infrastruktur 2015). Die Steuerungs-
topen beklagt. Besonders komplexe Probleme stellen sich möglichkeiten sind hierbei allerdings, insbesondere was
beim in den kommenden Jahren notwendigen Ausbau der kurzfristige Erfolge betrifft, begrenzt.
Windenergie. Verkehr ist eine der Grundlagen für das Funktionieren der
Die Energiewende ist, wie Klaus Beckmann et al. (2013), Wirtschaft und die Befriedigung privater Mobilitätsbe-
Ludger Gailing (2015) und Britta Klagge (2013) feststellen, dürfnisse (vgl. Kagermeier 2007). Mobilität ist eine zent-
eine Mehrebenen-Governance-Frage geworden. Anders rale Daseinsfunktion der postindustriellen Dienstleistungs-
als bei der konventionellen Energieversorgung mit relativ gesellschaften geworden. Dabei haben sich Verkehrsmit-

224

BiS2015_04_umbr.indd 224 11.01.16 11:04


VERKEHR UND ENERGIE IN BADEN-WÜRTTEMBERG

Der Güterverkehr hat sich seit 1976 nahezu vervierfacht,


wobei der Zuwachs fast ausschließlich auf die Straße ent-
fiel. Eisenbahn und Binnenschifffahrt verloren sowohl in
absoluten wie relativen Zahlen. Im Jahr 2012 entfielen in
Baden-Württemberg 77 Prozent der Güterverkehrsleis-
tung auf Lkw, gegenüber 14,8 Prozent auf die Bahn und 6,7
Prozent auf die Wasserstraßen (vgl. Ministerium für Ver-
Der tägliche Stau in der Lan- kehr und Infrastruktur 2015). Nur in einigen Branchen, wie
deshauptstadt Stuttgart ist der chemischen Industrie oder Teilen der Automobilzulie-
kennzeichnend für die immer ferer, ist der Anteil höher; diese Branchen waren auch von
noch zunehmende Motorisie- den Bahnstreiks 2014 am meisten betroffen. Im Personen-
rung privater Haushalte und verkehr erwächst der Bahn durch die inzwischen zugelas-
den infolgedessen nach wie senen Fernbusse eine zunehmende Konkurrenz.
vor steigenden Anteil des Pkw- Um den Zuwächsen gerecht zu werden, wurde vor allem
Verkehrs am gesamten Ver- das Straßennetz in den letzten Jahrzehnten massiv ausge-
kehrsaufkommen. Mobilität ist weitet, während im Schienennetz eher ein Investitionsstau
eine zentrale Daseinsfunktion zu beobachten war und manche Streckenabschnitte (z. B.
der nachindustriellen Dienst- über die Schwäbische Alb) nicht mehr den heutigen Anfor-
leistungsgesellschaft gewor- derungen entsprechen.
den. Im transnationalen Schienenverkehr spielt Baden-Württem-
picture alliance/dpa berg eine zunehmend wichtige Rolle. Durch Baden-Würt-
temberg verlaufen zwei der bedeutendsten europäischen
Schienenwege. Die Nord-Süd-Transversale führt von Rotter-
tel und Wegezwecke in den letzten Jahrzehnten deutlich dam über Mannheim und Freiburg bis nach Genua. In den
verändert. Kennzeichnend sind eine immer noch zuneh- letzten Jahren wurde vor allem der Streckenabschnitt Kehl-
mende Motorisierung der privaten Haushalte und infolge- Appenweier ausgebaut, der sich genau am Schnittpunkt der
dessen nach wie vor steigende Anteile des Pkw-Verkehrs künftig ähnlich wichtigen West-Ost-Transversale befindet.
am gesamten Verkehrsaufkommen. Die Gütertransporte Baden-Württemberg verfügt mit Stuttgart über einen inter-
sind ebenfalls stark gewachsen. Die modernen Netzwerke nationalen Flughafen; die Flughäfen Karlsruhe/Baden-
der stark dienstleistungsgeprägten industriellen Fertigung Baden und Friedrichshafen sind die größten regionalen
von leichten und hochwertigen Waren basieren vor allem Verkehrsflughäfen des Landes, welche vor allem von Char-
auf dem Straßengüterverkehr. Neue Logistikkonzepte (just- ter-Fluglinien bedient werden. Kleinere Flugplätze (Ver-
in-time) verlagern die Lagerhaltung ein Stück weit auf die kehrslandeplätze) befinden sich in Lahr, Donaueschingen,
Straße, arbeitsteilige Produktionen innerhalb der EU füh- Mannheim und Schwenningen.
ren zu deutlich angestiegenen Zwischentransporten von Die Verkehrsnachfrage am Stuttgarter Flughafen hat sich
Land zu Land. in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt. Im Jahr
Das heutige Baden-Württemberg, vor dem Zweiten Welt- 2000 wurden erstmals mehr als acht Millionen Passagiere
krieg eher in einer Randlage mit Grenzen nach Frankreich auf dem Landesflughafen abgefertigt, derzeit sind es 9,7
und der Schweiz gelegen, ist heute im Kontext des Zusam- Millionen (2014). Dabei entfallen etwa 30 Prozent aller
menwachsens der EU in eine zentrale verkehrsgeographi- Starts in Stuttgart auf den innerdeutschen Verkehr. Im Früh-
sche Lage geraten. Dies zeigt sich in einem seit Jahrzehn- jahr 2004 wurde das Terminal 3 für den Flugverkehr freige-
ten überproportional zunehmenden Verkehr, insbeson- geben. Auch der in Karlsruhe/Baden-Baden gelegene Ba-
dere in der Zunahme des Straßenverkehrs, und einem den-Airpark hat sich sehr rasch entwickelt und kommt in-
wachsenden Anteil am überregionalen Transitverkehr. Ba- zwischen auf rund eine Million Fluggäste pro Jahr.
den-Württemberg hat Anteil an der „Rheinschiene“, einem Möglicherweise wird er künftig zu einer Entlastung des
der wichtigsten europäischen Verkehrskorridore für Straße, Stuttgarter Flughafens beitragen können; in den letzten
Schiene und Schifffahrt. Nach dem Wegfall des „Eisernen Jahren wurde der Baden-Airpark auch zu einer wichtigen
Vorhangs“ Ende der 1980er Jahre waren zudem auf den Drehscheibe für den regionalen Güterverkehr.
West-Ost-Korridoren drastische Zunahmen zu verzeich- Es ist ein erklärtes Ziel der Landesregierung, künftig nach-
nen (Transitverkehr nach Tschechien und in die übrigen haltigen Formen der Mobilität den Vorrang einzuräumen.
ost- und südosteuropäischen Staaten). Die Erweiterung Ansatzpunkte hierfür bestehen vor allem auf der kommuna-
der EU um die Staaten Rumänien und Bulgarien, im Jahr len Ebene. In der kommunalen Verkehrsinfrastruktur sollen
2013 Kroatien, hat diesen Prozess beschleunigt. künftig rund 60 Prozent in den ÖPNV fließen, gegenüber
Die Straße ist und bleibt der wichtigste Verkehrsträger im rund 40 Prozent bei der Vorgängerregierung. Eine gewisse
Personen- wie im Güterverkehr. Straßen werden aber nicht Trendumkehr zeigt sich vor allem darin, dass inzwischen
ausreichen, das zu erwartende Verkehrsaufkommen aufzu- der größere Anteil der Investitionen im Straßenbau in die Er-
fangen. Die Mobilität der Zukunft wird nur durch das intel- haltung, nicht mehr in den Neu- und Ausbau fließt. Dies ist
ligente Zusammenspiel von Straße, Schiene, Wasserstraße allerdings mehr den bundesdeutschen Rahmenbedingun-
und Luftraum in einem vernetzten System zu bewältigen gen als der Landespolitik geschuldet.
sein.

225

BiS2015_04_umbr.indd 225 11.01.16 11:04


Hans Gebhardt

Abbildung 1: Investitionen
in Neu- und Ausbau sowie
Erhaltung von Bundesfern-
straßen in Baden-Württem-
berg (in Mio. Euro)
Quelle: Ministerium für Verkehr und Infrastruktur 2015: 9

Für den ÖPNV ergeben sich Ansatzpunkte vor allem beim (davon rund die Hälfte Tunnelstrecken) parallel zur Auto-
Ausbau von S-Bahnen in den Großräumen Rhein-Neckar bahn A 8 bis zur geplanten Inbetriebnahme Dezember
und Mittlerer Neckar sowie beim Ausbau von Infrastruktur- 2021 nicht nur eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke,
einrichtungen einschließlich Versorgungsinfrastruktur an sondern es findet – auf der alten Trasse – auch eine Entlas-
Knoten des „gebrochenen, multimodalen Verkehrs“. In Ein- tung für den Güterverkehr statt.
zelnen sind folgende Maßnahmen geplant:
l Neubauprojekt Baden-Württemberg 21 mit der Neu-
baustrecke Wendlingen – Ulm und Stuttgart 21; Regenerative Energien
l Ausbau der S-Bahn Stuttgart;
l Ausbau der sogenannten Gäubahn; Die Ausgangssituation zur Förderung regenerativer Ener-
l zweite Ausbaustufe der S-Bahn Rhein-Neckar und Aus- gien in Baden-Württemberg war zum Regierungsantritt
bau Mannheim – Heidelberg; der rot-grünen Koalition 2011 keineswegs günstig. Seit den
l Neubaustrecke Rhein/Main – Rhein/Neckar; 1970er Jahren hatte das Land sehr deutlich auf den Aus-
l Neubaustrecke bzw. Ausbaustrecke Karlsruhe – Basel; bau von Kernenergie gesetzt. Deren Anteil an der gesam-
l Streckenelektrifizierungen im Breisgau, auf der Süd- ten Stromerzeugung betrug noch 2008 fast 50 Prozent,
bahn und auf der Allgäubahn.
Im Bereich des Güterverkehrs ist es Ziel der Landesregie- Abbildung 2: Bahnhofsmodernisierungsprogramm
rung, mehr Transporte auf Schiene und Binnenschiff zu ver- Baden-Württemberg sowie weitere Ausbaumaßnah-
lagern. Dazu müssen Engpässe im Schienennetz beseitigt men an Stationen
werden, leistungsfähige Binnenschifffahrtswege weiter
ausgebaut und Standorte für Umschlaganlagen für den
kombinierten Verkehr eingerichtet werden. Geplant sind
u. a. folgende Maßnahmen:
l Durchgängiger viergleisiger Ausbau der Rheintalbahn
als Güterzugzulauf zu den neuen Alpentunneln in der
Schweiz. Dabei werden Gelder für eine menschen- und
umweltverträgliche Trassierung des Schienenverkehrs
im Breisgau und im Markgräflerland zur Verfügung ge-
stellt.
l Modernisierung und Verlängerung der Neckarschleu-
sen;
l evtl. ein weiteres Umschlagterminal Straße-Schiene in
der Metropolregion Stuttgart zur Stärkung des kombi-
nierten Verkehrs.
Fahrgast- und Transportprognosen (Planung Transport
Verkehrs AG) lassen für die kommenden Jahre im Schienen-
verkehr einige Engpasssituationen erwarten, welche im
Sinne einer nachhaltigen Entwicklung jenseits des Stra-
ßenverkehrs zu lösen sind. Hierzu gehören das Rheintal
zwischen Mannheim und Karlsruhe, der derzeit in Bau be-
findliche Korridor Stuttgart-Ulm sowie der Korridor Bruch-
sal-Stuttgart. Insbesondere für den letzteren wird mehr als
eine Verdoppelung der Zugzahlen, vor allem im Güterver-
kehr, notwendig werden. Zwischen Wendlingen und Ulm
entsteht auf einer Gesamtstreckenlänge von 60 Kilometern Quelle: GVP Baden-Württemberg 2010

226

BiS2015_04_umbr.indd 226 11.01.16 11:04


hinzu kamen weitere 27 Prozent aus Steinkohle. Erneuer- VERKEHR UND ENERGIE IN BADEN-WÜRTTEMBERG
bare Energieträger kamen auf 14 Prozent, der größte Anteil
entfiel damals noch auf die Wasserkraft.

Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie Teilräume in den Mittelgebirgsregionen des Landes in


In den letzten Jahren wurde der Ausbau regenerativer Frage (Schwarzwald, Schwäbische Alb, Teile von Hohen-
Energie in Baden-Württemberg neben der Solarenergie lohe). Aufgrund der landschaftlichen Bedeutung der
(mit einem allerdings nur geringen Anteil von 1,4 Prozent Schwäbischen Alb und des Schwarzwaldes, unter ande-
der Primärenergieerzeugung) vor allem von nachwachsen- rem als Naherholungsorte und Naturhabitate, entstehen
den Rohstoffen im Bereich der Landwirtschaft bestimmt. dort allerdings auch die gravierendsten Probleme. Nach
Anbauentscheidungen der Landwirte werden zunehmend einer Studie des Bundesverbandes WindEnergie e. V.
durch die Nachfrage aus dem Energiesektor bestimmt, als (2011) über das Potenzial für die Windenergie in Baden-
Energiepflanze dominiert der Mais, wobei es deutliche Un- Württemberg ist die Realisierung von Windenergienut-
terschiede in den verschiedenen Landesteilen gibt. Zwi- zung auf zwei Prozent der Landesfläche als ein gut umsetz-
schen 1999 und 2010 hat die Maisanbaufläche in Baden- bares Ziel einzuschätzen.
Württemberg um 32,1 Prozent zugenommen, so dass mitt- Hier ist in statistischer Hinsicht der Nachholbedarf des
lerweile eine Gesamtfläche von knapp 170.000 Hektar mit Landes auch erheblich. Mit 368 installierten Windkraftan-
Mais bebaut wird (nach Megerle 2013; vgl. Abb. 4). Beson- lagen erreicht Baden-Württemberg weniger als sieben
ders hohe Anteile weist das Oberrheingebiet aus, beson- Prozent der in Niedersachsen befindlichen 5.365 Anlagen.
ders deutliche Zuwächse hingegen Oberschwaben sowie Der Südwesten ist hiermit, abgesehen vom Saarland, das
der Zollernalbkreis. Trotz mitunter geäußerter Kritik an die- absolute Schlusslicht unter den Flächenstaaten Deutsch-
ser zunehmenden Monotonisierung und damit z. B. Beein- lands (Bundesverband WindEnergie e. V. 2011, zit. nach
trächtigung des Tourismus ist in den letzten Jahren die kon- Megerle 2013). An dieser Situation hat sich in den letzten
troverse Diskussion um Biogasanlagen und die Rolle des Jahren wenig geändert. Der traditionellen, aber kaum aus-
Mais etwas abgeebbt, nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher baufähigen Wasserkraftnutzung und der in den letzten
Bestimmungen, welche den Maisanteil begrenzen. Ange- Jahren langsam ansteigenden Biomasse sowie dem inzwi-
strebt wird künftig ein höherer Anteil anderer Energie- schen relativ stabilen Anteil an Photovoltaik stehen sehr
pflanzen mit geringerer Wuchshöhe und damit geringerer geringe Zuwächse der Windkraft bei der Erzeugung von
Beeinträchtigung des Landschaftsbildes. Strom gegenüber.
In Anbetracht der Potenziale legt die grün-rote Landesre-
Windkraft gierung einen Schwerpunkt auf den verstärkten Ausbau
Die aktuelle öffentliche Diskussion ist vor allem vom Aus- der Windenergie, um bis zum Jahr 2020 bis zu zehn Pro-
bau der Windenergie geprägt. Aufgrund der Kleinkamme- zent des Strombedarfs hierdurch decken zu können. Um
rung des Landes mit Anteilen sehr unterschiedlicher Natur- dieses Ziel zu erreichen, sollen etwa 1.200 Windkraftanla-
räume (Gebhardt 2008) kommen hierfür vor allem einige gen installiert werden (Windenergieerlass 2012). Der

Abbildung 3: Bruttostromerzeugung 2008

Quelle: Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg (2010): Energiebericht 2010, Stand Juli 2010

227

BiS2015_04_umbr.indd 227 11.01.16 11:04


Hans Gebhardt
Abbildung 4: Maisanteil an den Ackerflächen für Windkraftanlagen ausgewiesen hatten, wurde die Pla-
Baden-Württembergs auf Gemeindeebene nungskompetenz für Windenergieanlagen dezentralisiert.
Es ist nunmehr vorgesehen, dass die Regionalverbände
eine Ausweisung von Vorranggebieten, jedoch keine Fest-
legung von Ausschlussgebieten für Windenergieanlagen
vornehmen können. Eine weitere Neuheit ist, dass Gemein-
den und Städte sich auch außerhalb der ausgewiesenen
Vorranggebiete für die Errichtung von Windkraftanlagen
entscheiden können, solange die Anlagen innerhalb ihrer
Flächennutzungspläne festgelegt werden. Diese Politik
wird von verschiedenen Seiten, u. a. in einem Positionspa-
pier der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Baden-Würt-
temberg der Akademie für Raumforschung und Landespla-
nung kritisch gesehen. Bemängelt wird vor allem, dass ein
konsistentes und einheitliches Verfahren so nicht sicherge-
stellt werden kann. Die knappe Übergangsfrist setzt die
Träger der Flächennutzungsplanung unter Zeitdruck, der
zu einem „Flickenteppich unterschiedlich qualitätvoller
Planungen“ führen kann (LAG 2012: 1), kurz: es fehle an
einem koordinierten Verfahren.
Bei der Energiewende über Windkraftanlagen wird es ent-
scheidend auf die Akzeptanz der betroffenen Bevölkerung
ankommen. Insgesamt ist, wie entsprechende Untersu-
chungen zeigen (Schmid/Zimmer 2012), zunächst schon
von einer generellen Zustimmung für solche Anlagen aus-
zugehen. Wenn es allerdings auf lokaler Ebene konkret
wird, sieht die Sache oft anders aus. Dabei ist vielfach
noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, dass neuere Anla-
gen nicht mehr die im allgemeinen Verständnis „normalen“
Nabenhöhen von 60 Meter aufweisen, sondern über 160
Meter oder noch mehr. Sie sind damit höher als das Ulmer
Wert soll nicht alleine durch den Bau von Neuanlagen er- Münster, der höchste Kirchturm der Welt (161 Meter).
reicht werden, sondern auch durch „Re-Powering“, d. h. be- Wie die Ufu-Studie (Schmid/zimmer 2012) an zwei Beispie-
reits bestehende Anlagen werden durch leistungsstärkere len deutlich machen konnte, hängt die Akzeptanz entschei-
Modelle ersetzt. dend von der Kommunikation in der Gemeinde ab; hier soll-
Im Zusammenhang mit der Energiewende wurden in den ten wirklich Bürgerbeteiligung und gegebenenfalls Geduld
letzten Jahren einige Gesetze novelliert, insbesondere die und Nachbesserungen ins Auge gefasst werden, um Kon-
Novellierung des Landesplanungsgesetzes zur Beschleu- flikte schon im Vorfeld zu entschärfen. Ebenso entschei-
nigung und Vereinfachung des Ausbaus der Windenergie. dend ist natürlich, dass überhaupt potenziell geeignete
Während vor 2012 die Regionalverbände im Rahmen der Standorte gewählt werden, bei denen weniger Flächennut-
Regionalplanung sowohl Vorrang- wie Ausschlussgebiete zungskonflikte mit Schutzgebietsinteressen, Interessen des

Abbildung 5: Anteil erneu-


erbarer Energieträger an
der Bruttostromerzeugung
in Baden-Württemberg

228

BiS2015_04_umbr.indd 228 11.01.16 11:04


Abbildung 6: Überlegungen zur Windhöffigkeit4 in VERKEHR UND ENERGIE IN BADEN-WÜRTTEMBERG
Regionen Baden-Württembergs

munikations- und Konstruktionsprozesse gesehen (Leibe-


nath 2014), es geht um Konflikte, d. h. „um die materielle
Manifestationsmacht eigener Interessen in einem häufig
als Landschaft konstruierten Raum“ (Kühne/Schönwald
2014: 63). Olaf Kühne und Antje Schönwald (2014: 69) be-
schreiben hier die Zusammenhänge zwischen Macht, Dis-
kurs und Raum sehr anschaulich: „Art, Ausmaß und Standort
der Erzeugung erneuerbarer Energien sind Ergebnis einer
hochkomplexen Topographie der Macht. Gemäß der spe-
zifischen Kalküle der beteiligten AkteurInnen und Akteur-
Innengruppen (InvestorInnen, PlanerInnen, PolitikerInnen,
Wissen schaftlerInnen, BürgerInnen-Initiativen, Verbänden
u. a.) […] werden in komplexen Aushandlungsprozessen
Entscheidungen über z. T. deutliche Veränderungen der
materiellen Grundlagen von Landschaften getroffen. Diese
Ergebnisse der komplexen Machttopographie sind daher
keineswegs der Ausfluss eines rein rationalen Abwägungs-
prozesses, sondern der Fähigkeit, flächenspezifisch die ei-
genen Interessen (z. B. des Naturschutzes) gegenüber al-
ternativen Interessen (z. B. von InvestorInnen) durchzuset-
zen.“
Bei der Windenergie werden sehr unterschiedliche Raum-
bilder von Gegnern wie Befürworten konstruiert, um die
jeweiligen Interessen in den Vordergrund zu rücken. Ge-
rade Befürworter werden sich hier aktiv an der Produktion
auch räumlicher Diskurse beteiligen müssen, wenn sie das
Feld nicht denjenigen überlassen wollen, „die einen ‚Land-
schaft-als-schönes-und-wertvolles-Gebiet‘-Diskurs immer
wieder mit dem Anti-Windkraft-Diskurs verschmelzen“ (Lei-
benath 2014: 130).

Tourismus etc. auftreten. Die nächsten Jahre werden zei-


gen, ob die sehr anspruchsvoll und auch etwas kurzfristig DIREK T ZITIERTE LITER ATUR
formulierten Ziele der Landesregierung hier erreicht wer-
Beckmann, Klaus/Gailing, Ludger/Hülz, Martina/Kemming, Herbert/Lei-
den können. benaht, Markus/Libbbe, Jens/Stefansky, Andreas (2013): Räumliche
Implikationen der Energiewende. Positionspapier. Deutsches Institut für
Urbanistik (Difu), Berlin.
Bieber, Andreas (2013): Akzeptanz von Windkraftanlagen: Eine Gegen-
Ein kurzes Fazit aus geographischer Sicht überstellung der Fallbeispiele Pforzheim-Büchenbronn/Engelsbrand
und Malsch unter besonderer Berücksichtigung des Planungsprozesses
Formen von green economy erreichen in der Bevölkerung und der Öffentlichkeitsarbeit. Heidelberg (Bachelorarbeit am Geogra-
phischen Institut der Universität Heidelberg).
Baden-Württembergs in der Regel einen recht hohen Kon- Bonn, Thomas (2013): Geographien regenerativer Energieerzeugung. Do-
sensgrad, wie sich nicht zuletzt im Wahlverhalten bei der kumentation zum Projekt „Global Change and the Energy System: As-
letzten Landtagswahl gezeigt hat. Gleichwohl stecken bei sessing Options and their Impacts – the Geographical Perspective“.
Heidelberg (Berichte aus dem Arbeitsbereich Anthropogeographie 9).
allen wünschenswerten Zielen einer nachhaltigen Ent- Bundesverband WindEnergie e. V. (2011): Potenzialstudie 2011 Baden-
wicklung in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Sozi- Württemberg. Berlin.
alem viele Probleme im Detail. Für Humangeographen ste- Egenlauf, Luise (2010): Die Offshore-Allianz der Nordseestaaten – Pers-
pektiven eines möglichen Megaprojekts. Heidelberg (Bachelorarbeit
hen hier an erster Stelle die Themen „Flächenverbrauch am Geographischen Institut der Universität Heidelberg).
und Landschaftsveränderungen“ sowie Fragen einer Gailing, Ludger (2015): Energiewende als Mehrebenen-Governance. In:
„standortgerechten“ Planung. Nicht überall im „Ländle“ Nachrichten. Magazin der Akademie für Raumforschung und Raumpla-
nung, 2/2015, S. 7–10.
lassen sich bestimmte Einrichtungen und Entwicklungen in Gebhardt, Hans (Hrsg.) (2008): Geographie Baden-Württembergs. Stutt-
gleichem Maße „anzetteln“, und für unser Bundesland mit gart.
seiner naturräumlichen wie kulturellen Kleinkammerung GVP Baden-Württemberg (2010): Prognose der Fahrgastzahlen im
Schienenpersonennahverkehr und der Güterzugbelastungen bis 2025.
gilt dies in besonderem Maße. Eine räumlich differenzierte URL: https://mvi.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mvi/
Planung „mit Augenmaß“ ist gerade bei den sensiblen The- intern/dateien/PDF/GVP/GVP_Schienenverkehr.pdf [18.10.2015].
men Verkehr und Energie unverzichtbar. Heberle, Johannes (2010): Bürgerinitiativen im Bereich der erneuerbaren
Energien. Heidelberg (Bachelorarbeit am Geographischen Institut der
Landschaften werden derzeit in hohem Maße „politisiert“ Universität Heidelberg).
und durch normative Diskurse unterlegt. Begriffe wie „Ver- Kagermeier, Andreas (2007): Verkehrsgeographie. In: Gebhardt, Hans/
spargelung“, „Vermaisung“ etc. sind dafür typisch. Hier Glaser, Rüdiger/Radtke, Ulrich/Reber, Paul (Hrsg.): Geographie. Physi-
sche Geographie und Humangeographie. Heidelberg, S. 735–749.
werden Landschaften nicht als etwas Gegebenes, sondern Klagge, Britta (2013): Governance-Prozesse für Erneuerbare Energien –
als das Ergebnis individueller und gesellschaftlicher Kom- Akteure, Koordinations- und Steuerungsstrukturen. In: Klagge, Britta/

229

BiS2015_04_umbr.indd 229 11.01.16 11:05


Hans Gebhardt
Arbach, Cora (Hrsg.): Governance-Prozesse für erneuerbare Energien. tion von regenerativen Technologien in den ländlichen Raum. URL:
Arbeitsberichte der ARL 5, Hannover, S. 7–16. http://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/index/index/
Kropp, Carsten (2010): Der Weg zum europäischen „Supergrid“: Notwen- docId/1967 [18.10.2015].
dige Infrastrukturerweiterungen und Probleme der Implementierung. Brücher, Wolfgang (2009): Energiegeographie. Wechselwirkungen zwi-
Heidelberg (Bachelorarbeit am Geographischen Institut). schen Ressourcen, Raum und Politik. Studienbücher der Geographie.
Kühne, Olaf/Schönwald, Antje (2014): Macht – Einflussfaktor auf Entschei- Berlin, Stuttgart.
dungen über Art, Ausmaß und Standort erneuerbarer Energien. In: De- Demuth, Bernd/Heiland, Stefan/Wiersbinski, Norbert/Hildebrandt,
muth et al., a. a.O., S. 63–72. Claudia (Hrsg.) (2014): Energielandschaften – Kulturlandschaften der
LAG BW (= Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg der Akade- Zukunft? Bundesamt für Naturschutz, BfN-Skripten 364, Bonn, S. 102–
mie für Raumforschung und Landesplanung) (2012): Position zur Novel- 117.
le des Landesplanungsgesetzes BW („Windnovelle 2012“) vom 10. Mai Gailing, Ludger/Leibenath, Markus (Hrsg.) (2013): Neue Energieland-
2012. URL: http://www.arl-net.de/system/fi les/position_lag_bw_ schaften – Neue Perspektiven der Landschaftsforschung. Wiesbaden.
windnovelle_stand_10.Mai 2012–1.pdf. [18.10.2015]. Gailing, Ludger/Leibenath, Martin (2015): The Social Construction of
Leibenath, Markus (2014): Politische Landschaften: Windenergie als Kon- Landscapes: Two Theoretical Lenses and their Empirical Applications.
fliktfall zwischen Energieversorgung und Landschaftsschutz. In: Demuth In: Landscape Research, 2/2015, S. 123–138. URL: http://dx.doi.org/
et al., a. a.O., S. 122–131. 10.1080/01426397.2013.775233 [18.10.2015].
Liebsack, Victoria (2010): All-inclusive oder jeder für sich? – Die Debatte Gebhardt, Hans (2009): Verkehr in Baden-Württemberg im europäischen
um die Überlegenheit zentraler oder dezentraler Systeme regenerativer Kontext. In: Frech, Siegfried/Große Hüttmann, Martin/Weber, Reinhold
Energieversorgung. Heidelberg (Bachelorarbeit am Geographischen (Hrsg.): Handbuch Europapolitik. Stuttgart, S. 112–123.
Institut der Universität Heidelberg). Hildebrandt, Claudia (2014): Energielandschaften – Kulturlandschaften.
Megerle, Heidi (2013): Landschaftsveränderungen durch Raumansprüche In: Demuth et al., a. a.O., S. 18–23.
erneuerbarer Energien – aktuelle Entwicklungen und Forschungspers- Institut für Länderkunde (Hrsg.) (2001): Nationalatlas Bundesrepublik
pektiven am Beispiel des Ländlichen Raumes in Baden-Württemberg. Deutschland, Band 9: Verkehr und Kommunikation. Heidelberg, Berlin.
In: Gailing, Ludger/Leibenath, Martin (Hrsg.): Neue Energielandschaf- Krauß, Laura (2011): Akteure im Prozess des kommunalen Ausbaus erneu-
ten. Neue Perspektiven der Landschaftsforschung. Wiesbaden, S. 145– erbarer Energien: Die Entwicklung eines Dorfes zu einem Energiedorf
164. am Beispiel Wildpoldsried. Heidelberg (Bachelorarbeit am Geogra-
Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (Hrsg.) (2015): Für Menschen, phischen Institut der Universität Heidelberg).
Mobilität und Lebensqualität. Zwischenbilanz und Perspektiven 2015. Megerle, Heidi (2013): Neue Landschaft(sbilder): Chancen und Risiken für
URL: https://mvi.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mvi/ Tourismus und Naherholung. In: Demuth et al., a. a.O., S. 102–117.
intern/dateien/Broschueren/Zwischenbilanz_2015.pdf [9.10.2015]. Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (Hrsg.) (2015): Ener-
Schmid, Sabrina Isabel/Zimmer, René (2012): Akzeptanz von Windkraft- giebericht kompakt 2015. URL: http://www.statistik.baden-wuerttem-
anlagen in Baden-Württemberg. Studie im Rahmen des Ufu-Schwer- berg.de/Veroeffentl/806115003.pdf [18.10.2015].
punktes „Erneuerbare Energien im Konflikt“. Berlin (Unabhängiges Ins- Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (Hrsg.) (2014): Erneu-
titut für Umweltfragen, Paper 2/12). erbare Energien in Baden-Württemberg 2014. Erste Abschätzung,
Schmücker, Robin (2015): Raumbezogene Konflikte der Energiewende – Stand April 2015. URL: https://um.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/
Eine handlungsorientierte Analyse der Auseinandersetzung um das redaktion/m-um/intern/Dateien/Dokumente/5_Energie/Erneuerbare_
geplante Pumpspeicherkraftwerk Atdorf. Heidelberg (Bachelorarbeit Energien/EE_in_BW_2014_Erste_ Abschaetzung.pdf [18.10.2015].
am Geographischen Institut der Universität Heidelberg). NBBW (= Nachhaltigkeitsbeirat Baden-Württemberg) (2012): Energie-
Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg (2010): Energiebericht 2010. wende: Implikationen für Baden-Württemberg. Stuttgart. URL:
Stuttgart. ht tp: //w w w.nachhaltigkeitsbeirat-bw.de/mainDaten/dokumente/
energiegutachten2012.pdf [19.10.2015].
Ohlhorst, Dörte (2009): Windenergie in Deutschland – Konstellationen,
Dynamiken und Regulierungspotenziale im Innovationsprozess. Wies-
WEITERFÜHRENDE LITERATUR baden.
Ammermann, Kathrin (2012): Landschaftsveränderungen durch die Ener- Potenzialatlas Erneuerbare Energien, Überblick. URL: http://www.lubw.
giewende. Einschätzung des Bundesamtes für Naturschutz. In: Demuth, baden-wuerttemberg.de/servlet/is/223149/ [9.10.2015].
Bernd/Heiland, Stefan/Wiersbinski, Norbert/Finck, Peter/Schiller, Jens Potenzialatlas Erneuerbare Energien, Windenergie. URL: http://rips-app.
(Hrsg.): Landschaften in Deutschland 2030: Erlittener Wandel – gestal- lubw.baden-wuerttemberg.de/maps/?lang=de&app=potenzialatlas
teter Wandel. Bonn, BfN-Skripten 314, S. 46–56. [19.10.2015].
Bosch, Stephan/Peyke, Gerd (2011): Gegenwind für die Erneuerbaren – Ruddat, Michael/Renn, Ortwin (2012): Wie die Energiewende in Baden-
Räumliche Neuorientierung der Wind-, Solar- und Bioenergie vor dem Württemberg gelingen kann. URL: http://www.et-energie-online.de/
Hintergrund einer verringerten Akzeptanz sowie zunehmender Flä- Zukunftsfragen/tabid/63/NewsId/375/Wie-die-Energiewende-in-
chennutzungskonflikte im ländlichen Raum. In: Raumforschung und BadenWurttemberg-gelingen-kann.aspx [19.10.2015].
Raumordnung, 2/105, S. 105–118. Szimba, Eckhard/Schoch, Michael (2002): Internationaler Verkehr in Ba-
Bosch, Stephan (2012): Erfassung und Bewertung des Einflusses der Res- den-Württemberg: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In: Landes-
source Raum im Rahmen der Förderung von Erneuerbaren Energien zentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Deutsch-
sowie Ableitung eines ganzheitlichen Ansatzes zur optimalen Integra- land & Europa, 43–44/2002 (Europa in Baden-Württemberg. 50 Jahre
– ein Panorama), S. 40–43.
Wilbrand, Hanna (2013): Kommunaler Ausbau Erneuerbarer Energien –
Eine qualitative Untersuchung lokaler Akteursstrukturen am Beispiel der
UNSER AUTOR

Gemeinde Wolpertshausen. Heidelberg (Bachelorarbeit am Geogra-


phischen Institut der Universität Heidelberg).

ANMERKUNGEN
1 Kropp, Carsten (September 2010): Der Weg zum europäischen „Su-
pergrid“: Notwendige Infrastrukturerweiterungen und Probleme der Im-
plementierung (Bachelorarbeit Geographisches Institut Heidelberg).
2 Vgl. Energiebericht kompakt 2015.
3 Siehe auch Megerle 2013. Am Geographischen Institut der Universität
arbeiten wir seit einigen Jahren über Fragen der regenerativen Energie,
Prof. Dr. Hans Gebhardt ist Professor für Anthropogeographie am insbesondere in Form kleinerer Projekte und einer Reihe von Abschlussar-
beiten. Siehe: Bonn 2013; Kropp 2010; Egenlauf 2010; Liebsack 2010;
Geographischen Institut der Universität Heidelberg. Zuvor war er Heberle 2010; Bieber 2013; Willbrand 2013; Schmücker 2015.
von 1990 bis 1996 Professor für Anthropogeographie/Landes- 4 Der Begriff „höffig“ kommt aus der Bergmannsprache und bedeutet,
kunde Südwestdeutschlands am Geographischen Institut der ein reiches Vorkommen versprechend. Der Begriff ist auf das Ertragspoten-
zial anderer Ressourcen übertragen worden. So spricht man im Zusam-
Universität Tübingen. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die geo- menhang mit der Eignung von Standorten für Windenergieanlagen von
graphische Stadtforschung und die politische Geographie, regi- der Windhöffigkeit eines Gebietes[
onal neben Südwestdeutschland auch der Nahe und Mittlere
Osten und Südostasien.

230

BiS2015_04_umbr.indd 230 11.01.16 11:05


„BADEN-WÜRTTEMBERG MIT STARKER STIMME IN EUROPA“1

Eine Bilanz der Europapolitik der


grün-roten Landesregierung
Martin Große Hüttmann

dungsmaßnahmen und den „dynamischen Europapool“,


Die geographische Lage und vor allem die wirtschaftli- eine Datenbank, in der die (Sprach-)Kompetenzen und
che Verflechtung innerhalb Europas sind die beiden Verwendungsmöglichkeiten von Landesbeamtinnen und
Hauptgründe für die konsequent verfolgte Europapolitik -beamten für europäische Aufgaben abrufbar sind. Es wird
Baden-Württembergs. Die grün-rote Koalition hat 2011 im Koalitionsvertrag deutlich gemacht, dass die Landesre-
die Europapolitik der früheren Landesregierungen, die gierung „Europa mitgestalten“ will. Hier werden politische
sich schon in den 1990er Jahren den Herausforderungen Ziele formuliert, die von einer grün-roten Regierung erwar-
der Europäisierung gestellt haben, fortgesetzt. Martin tet werden können: „Soziale Gerechtigkeit und ökologi-
Große Hüttmann skizziert die historische Entwicklung sche Verantwortung gehören für uns zusammen – auch auf
der baden-württembergischen Europapolitik. Er be- europäischer Ebene. Wir stehen für eine Europäische
schreibt frühere und aktuelle Projekte sowie neuere po- Union, die Klima und Umwelt schützt und ihrer weltweiten
litische Akzentsetzungen. So wird am Beispiel der Do- Vorreiterrolle auch gerecht wird. Wir wollen Europa sozia-
nauraumstrategie aufgezeigt, wie sich die politischen ler machen.“ Und dann wird auch zwischen Landespolitik
und wirtschaftlichen Interessen Baden-Württembergs mit
der „großen“ Europapolitik verknüpfen lassen. Grün-Rot
hat in diesem Politikfeld auf Kontinuität gesetzt, aber
etwa durch die Fokussierung auf Klima- und Umweltpo-
litik oder durch Anstrengungen, die „Politik des Gehört-
werdens“ zu europäisieren, neue Akzente gesetzt. Nicht
zuletzt hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann an-
gesichts der gegenwärtigen Flüchtlingskrise eine ein-
deutige Position bezogen und eine gesamteuropäische
Lösung gefordert.

Kontinuität in der Europapolitik

Baden-Württemberg liegt in der Mitte Europas. Das Land


ist also schon wegen seiner geographischen Lage, aber
vor allem aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflech-
tung innerhalb Europas an einer guten Entwicklung der Eu-
ropäischen Union (EU) interessiert. Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft sind deshalb europäisch ausgerichtet. Die
2011 ins Amt gekommene grün-rote Landesregierung hat
zwar eine Reihe von wichtigen Akzenten gesetzt, im Kern
hat sie die Europapolitik der CDU-geführten Landesregie-
rungen jedoch fortgesetzt, so dass am Ende der Legislatur-
periode in diesem Politikfeld sehr viel mehr Kontinuität als
Wandel festzustellen ist. Schon der zwischen dem grünen
Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und seinem
Stellvertreter, dem Wirtschafts- und Finanzminister Nils
Schmid (SPD), unterzeichnete Koalitionsvertrag hat erken-
nen lassen, dass in der Europapolitik – im Unterschied zu
anderen Politikbereichen – keine großen Veränderungen
und keine Experimente zu erwarten waren. Unter der Über-
schrift „Baden-Württemberg mit starker Stimme in Europa“
wurde im Koalitionsvertrag der ersten grün-roten Landes-
regierung an die bisherige Politik angeknüpft und auf Er-
rungenschaften, die die Europapolitik des Landes aus- Nimmt man die Wahlbeteiligung an den Europawahlen 2014
zeichnen, verwiesen. Zu diesen Errungenschaften gehören als Indikator für die Verbundenheit der Bürgerinnen und
die – im Vergleich zu anderen Bundesländern – starke Stel- Bürger mit Europa, dann steht Baden-Württemberg mit 52,1
lung des Landtages in der Europapolitik und die Betonung Prozent besser da als etwa Gesamtdeutschland mit 47,9 Pro-
der „Europafähigkeit“ der Landesverwaltung durch Fortbil- zent. picture alliance/dpa

231

BiS2015_04_umbr.indd 231 11.01.16 11:05


Martin Große Hüttmann
und EU-Politik ein direkter Bezug hergestellt: „Indem wir reich von Forschung und Entwicklung (FuE) steht Baden-
die ökologische Modernisierung in Baden-Württemberg Württemberg in Europa ebenfalls an der Spitze. Nimmt
vorantreiben, leisten wir auch einen Beitrag zu klimafreund- man die Wahlbeteiligung an den Europawahlen 2014 als
licher, sauberer Energie und nachhaltigem Wachstum in einen Indikator für die Verbundenheit und Offenheit der
Europa.“1 Bürgerinnen und Bürger mit Europa, dann steht Baden-
Im vorliegenden Beitrag möchte ich zeigen, wie sich die Württemberg mit 52,1 Prozent auch hier besser da als etwa
Europapolitik in Baden-Württemberg historisch entwickelt Gesamtdeutschland mit 47,9 Prozent. Das politische Sys-
hat, welche Ziele und Projekte früher und heute verfolgt tem Baden-Württembergs, also die Regierung, der Land-
wurden bzw. werden. Am Beispiel der Donauraumstrate- tag und die Verwaltung, ist seit jeher, aber verstärkt seit
gie, einem der Lieblingsprojekte der 2011 ins Amt gekom- den 1990er Jahren, auf die Herausforderungen der Euro-
menen grün-roten Landesregierung, das sie von der Vor- päisierung eingestellt. Das Land besitzt die notwendigen
gängerregierung übernommen hat, will ich zeigen, wie personellen und finanziellen Ressourcen, um die Europaar-
sich politische und wirtschaftliche Interessen eines Bun- beit in den Ministerien in Stuttgart und auch in den Vertre-
deslandes mit der „großen“ Europapolitik, der Kultur und tungen in Berlin und Brüssel professionell zu betreiben. Da-
Geschichte Europas im Rahmen einer Zusammenarbeit der mit gelingt es dem Land, wie wenigen anderen Bundeslän-
Donauanrainerstaaten verknüpfen lassen. dern in Deutschland, auf nationaler wie auch auf
europäischer Ebene als Mitgestalter und Mitspieler aufzu-
treten und mit einer Politik der Vernetzung im europäischen
Bestimmende Faktoren der Europapolitik Mehrebenensystem auf unterschiedlichen Kanälen eigene
Interessen einzubringen und damit die Chancen der EU zu
Fragt man, welche Faktoren die Europapolitik eines Landes nutzen. 4 Ein historischer Höhepunkt der baden-württem-
– unabhängig von der parteipolitischen Ausrichtung der bergischen Europaarbeit war die Mitwirkung des Minister-
Landesregierung – bestimmen, dann sind folgende Punkte präsidenten Erwin Teufel im EU-Verfassungskonvent in den
besonders wichtig: die Wirtschaftskraft des Landes, die Jahren 2002 bis 2003. Er war als Vertreter des Bundesrates
Offenheit für Europa auf Seiten der politischen Parteien, in den Konvent entsandt worden und verstand es, Themen
Verbände und der Bürgerinnen und Bürger sowie der insti- wie die Neuordnung der Kompetenzverteilung in der EU
tutionelle Rahmen („politisches System“). 2 Die Wirtschafts- und das Subsidiaritätsprinzip, die ihm und den Ländern am
kraft Baden-Württembergs liegt kaufkraftbereinigt 40 Pro- Herzen lagen, auf die Reformagenda der Europäischen
zent über dem EU-Durchschnitt; 3 beziffert man die Wirt- Union zu setzen. Der überaus enge Draht zu Valérie Gis-
schaftsleistung des Landes in Zahlen, dann sind dies 407 card d’Estaing, dem Präsidenten des Verfassungskonvents,
Milliarden Euro im Jahr 2013. Baden-Württemberg gehört hat Teufel dabei sehr geholfen. 5
damit zu den wohlhabendsten Regionen Europas; die wirt- Aber nicht nur die Landesregierungen haben sich frühzei-
schaftliche Verflechtung mit dem EU-Binnenmarkt trägt tig um eine Stärkung ihrer „Europafähigkeit“ bemüht; auch
ganz wesentlich dazu bei: 50,4 Prozent der Exporte gehen der Landtag von Baden-Württemberg hat durch die Ände-
in andere EU-Staaten, davon acht Prozent in das Nachbar- rung der Landesverfassung mit dem Artikel 34a seine
land Frankreich und 6,9 Prozent in die Niederlande. Im Be- europapolitische Verantwortung deutlich gemacht und

Ministerpräsident Winfried
Kretschmann, EU-Kommissar
Günther Oettinger und Peter
Friedrich, Minister für Bundes-
rat, Europa und Internationa-
les, beim Donauforum 2015 in
Ulm. In der Donauraumstrate-
gie konnte Europaminister
Peter Friedrich eine von der
Vorgängerregierung erfolg-
reich implementierte Politik
fortführen und verstetigen.
picture alliance/dpa

232

BiS2015_04_umbr.indd 232 11.01.16 11:05


seine Kontrollmöglichkeiten gegenüber der Landesregie- EINE BILANZ DER EUROPAPOLITIK DER
rung erheblich erweitert. Mit einem Beteiligungsgesetz zu GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
Fragen der Europapolitik und der Errichtung eines eigenen
Büros in Brüssel hat der Landtag von Baden-Württemberg
Maßstäbe gesetzt und wurde zum Vorbild für andere li ti sche Rolle der Länder gestärkt. Der Artikel 23 des Grund-
Landtage. 6 gesetzes („Europaartikel“) und die entsprechenden Ge-
setze haben die Politikverflechtung zischen Bund und Län-
dern auch in der Europapolitik auf ein neues Niveau
Die Länder im EU-Mehrebenensystem – gehoben. Die Mitwirkung der Länder an der Europapolitik
ein kurzer Überblick des Bundes wurde im Zusammenhang mit den EU-Vertrags-
änderungen seit Mitte der 1980er Jahre bis zum Vertrag
Alle deutschen Länder verfolgen eine mehr oder weniger von Lissabon, der 2009 in Kraft getreten ist, mehrfach an-
eigenständige Europapolitik. Dies war nicht immer so. Bis gepasst und erweitert. 7
in die 1990er Jahre hinein gab es zwischen der Bundesre-
gierung und den Landesregierungen immer wieder Streit
über die Frage, ob die Länder überhaupt der Europäischen Politikverflechtung im Mehrebenensystem
Gemeinschaft oder anderen Regionen in Europa bzw. an-
deren Mitgliedstaaten der EU gegenüber, unabhängig Die für den deutschen Bundesstaat typische Form der Poli-
von der Bundesregierung, eine eigenständige Politik be- tikverflechtung, also die enge Verzahnung der Entschei-
treiben dürfen. Denn laut Grundgesetz (Art. 32 GG) ist der dungs- und Verwaltungsebenen von Bund und Ländern,
Bund verantwortlich für die „auswärtigen Beziehungen“. die dazu führt, dass die eine Seite ohne die andere nicht
Als zu Beginn der 1990er Jahre die ersten Länder eigene handlungsfähig ist, hatte Fritz Scharpf bereits in den
Vertretungs- oder Informationsbüros in Brüssel eröffneten, 1970er Jahren beschrieben. Diese Politikverflechtung
hatte dies noch zu politischen Spannungen zwischen Bund wuchs sich im Prozess der europäischen Einigung schritt-
und Ländern geführt. Das Auswärtige Amt hatte auf dem weise zur „doppelten Politikverflechtung“ aus. 8 Das bedeu-
(rechtlich korrekten) Standpunkt beharrt, dass es eine „Ver- tet, dass die Verflechtung an den Grenzen nicht endet.
tretung“ des Freistaates Bayern oder des Landes Baden- Bund und Länder sind somit nicht nur innerstaatlich auf
Württemberg in Brüssel aufgrund des Alleinvertretungsan- eine enge Zusammenarbeit angewiesen, sondern auch
spruchs des Bundes nicht geben dürfe. Briefe der bayeri- aufgrund der Verflechtung mit der „supranationalen“
schen „Vertretung“ in Brüssel wurden vom Auswärtigen Amt Ebene der Europäischen Union. Diese Verflechtung hat in-
entsprechend zunächst auch nicht beantwortet. zwischen auch längst die Städte und Gemeinden erreicht.
Inzwischen ist der Streit zwischen den Ländern und dem Diese betreiben – zumindest ab einer bestimmten Größe
Bund um den „Alleinvertretungsanspruch“ beigelegt, an – eine eigene Europapolitik, die über die Pflege von Städ-
seine Stelle ist eine mehr oder weniger geräuschlose und tepartnerschaften weit hinausgeht; sie unterhalten des-
pragmatische Zusammenarbeit getreten, von der beide halb seit vielen Jahren auch eine eigene Interessenvertre-
Seiten profitieren. Denn der Bund hat eingesehen, dass die tung in Brüssel.9 Eine Besonderheit stellt die Bürogemein-
Länder mit ihrer Arbeit in Brüssel, die sich auf klassisches schaft dar, die die baden-württembergischen, bayerischen
Wirtschafts-Lobbying, Landesmarketing und das in der EU und sächsischen Kommunen in Brüssel gebildet haben. Die
unverzichtbare „Netzwerken“ konzentriert, berechtigte In- Kommunen richten ihre Europaarbeit auf die Themen, die
teressen direkt bei der Europäischen Kommission, beim Eu- die EU-Kommission aktuell im Gesetzgebungsverfahren
ropäischen Parlament oder auch beim Ausschuss der Regi- bearbeitet oder im Rahmen von offenen Konsultationspro-
onen in Brüssel einbringen. Europapolitik ist längst nicht zessen vorbereitet, aus. Dazu gehören das transatlanti-
mehr klassische „Außenpolitik“, sondern „Innenpolitik“. sche Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and
Durch die schrittweise Übertragung neuer Kompetenzen Investment Partnership), weil hier die Frage zu klären ist,
von den Mitgliedstaaten auf die Ebene der Europäischen welche Folgen sich für die kommunale Daseinsvorsorge er-
Union gibt es inzwischen kaum mehr einen Bereich, in dem geben, aber auch der digitale Binnenmarkt oder die ange-
keine EU-Regelungen gelten. Zwischen den einzelnen Poli- kündigten Änderungen beim Thema Kreislaufwirtschaft
tikfeldern schwankt zwar der Grad an Europäisierung er- sind wichtige Themen für die kommunale Europaarbeit.
heblich: In der Umweltpolitik haben ca. 80 Prozent der Ge- Hier ist für die Kommunen wichtig, sich dem Politikstil der
setze, die im Deutschen Bundestag oder in den Landtagen Europäischen Union anzupassen. Martin Silzer, der Leiter
verabschiedet werden, ihren eigentlichen Ursprung in des Brüssel-Büros der baden-württembergischen Kommu-
Richtlinien oder anderen Vorgaben der EU; auf dem Ge- nen, beschreibt den Arbeitsstil der EU-Kommission, die als
biet der Bildungspolitik dagegen ist noch fast alles in der Schaltzentrale im Gesetzgebungsprozess fungiert, so:
Hand der Landesregierungen und der Landtage. „Die Brüsseler Arbeitsatmosphäre ist vom Leitbild der ‚win-
Die zunehmende Europäisierung vieler Politikfelder, in de- win-option‘ geprägt. Das bedeutet, dass nach Lösungen
nen traditionell die Länder das Sagen hatten, also in der gesucht wird, mit denen möglichst viele Beteiligte mög-
Regional- und Strukturpolitik, Verkehrspolitik, Kulturpolitik, lichst gut leben können.“10 Das bedeutet für die Europaar-
Forschungs- und Innovationspolitik und auch im Bereich beit der Kommunen und in gleicher Weise auch für die der
der Inneren Sicherheit (Polizei), veränderte jedoch das Ver- Länder, dass sie sehr frühzeitig ihre Fühler ausstrecken und
hältnis zwischen Bund und Ländern. Durch ein ganzes Bün- Kontakte zu den Dienststellen der Kommission suchen und
del an rechtlichen Vorgaben zur europapolitischen Zusam- nutzen, um in diesem Stadium des Entscheidungsprozesses
menarbeit zwischen Bundesregierung und Bundesrat als Einfluss nehmen zu können und sich mit anderen europäi-
dem zentralen Organ zur Mitwirkung der Länder an der schen Kommunen oder Regionen zusammenzutun. Die
Bundespolitik wurde seit den 1990er Jahren die euro pa po- deutschen Länder wie die Städte und Gemeinden sind also

233

BiS2015_04_umbr.indd 233 11.01.16 11:05


Martin Große Hüttmann
Teil des europäischen Mehrebenensystems und wichtige
Mitspieler im Prozess des „Mehrebenenregierens“ (engl.
multi-level governance). Die eigenen Büros, die die Länder
und Gemeinden in Brüssel unterhalten, sind wichtige Kno-
ten im europapolitischen Netzwerk. Das Staatsministerium
in Stuttgart fungiert dabei als federführende Institution;
die Landesvertretungen in Brüssel und Berlin sind Horch-
posten und Dienstleister, die Informationen sammeln und
weiterleiten bzw. als Anlaufstellen für Kontakte und Ge-
spräche vor Ort und auch als „Schaufenster“ für die Wirt-
schaft und Kultur des Landes dienen.11
Dass die Länder und Gemeinden inzwischen zu selbstver-
ständlichen Mitspielern im EU-Mehrebenensystem gewor-
den sind, ist das Ergebnis eines Lernprozesses in den
Hauptstädten der Mitgliedstaaten, die dieser „Nebenau-
ßenpolitik“ zunächst, wie oben erwähnt, sehr skeptisch ge-
genüber eingestellt waren. Aber auch in Brüssel und bei
den EU-Institutionen waren Lernprozesse vonnöten. Da die
Verwaltungen der Länder und am Ende auch die Städte
und Gemeinden für die Umsetzung bzw. Implementation
der Mehrzahl der EU-Gesetze am Ende im technischen
Sinne verantwortlich sind, lag es auf der Hand, das ge-
ballte Wissen der Landesverwaltungen frühzeitig in den
Entscheidungsprozess der EU und die gesetzgeberische
Arbeit in Brüssel einfließen zu lassen – dass dies nicht im- Ministerpräsident Kretschmann (2.v.l.), Wissenschaftsministe-
mer so gelingt, wie sich das die Länder und Kommunen rin Bauer (1.v.l.), Europaminister Friedrich (3.v.l.) und der Prä-
wünschen würden, liegt angesichts der Vielzahl von Mit- sident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (3.v.r.),
spielern und Interessenvertretern in Brüssel, die alle ihre sprechen im Europäischen Parlament in Brüssel mit Presse-
Sicht der Dinge an die Kommission verkaufen wollen, auf vertretern. Durch klassisches Lobbying, Landesmarketing und
der Hand. Im Prinzip hat die EU-Kommission diesen Wert das in der EU unverzichtbare „Netzwerken“ werden berech-
erkannt und bereits 2001 in ihrem „Governance“-Weiß- tigte Interessen der Länder direkt bei den europäischen Insti-
buch für diese offene Politik geworben. Denn am Ende sind tutionen eingebracht. picture alliance/dpa
es die Städte und Gemeinden, die dafür sorgen müssen,
dass eine EU-Feinstaubrichtlinie in Stuttgart, Mannheim
oder Freiburg durch die Einrichtung von Umweltzonen und Lage im Südwesten der Bundesrepublik und die Nachbar-
die Formulierung von lokalen Luftreinhalteplänen tatsäch- schaft zu Frankreich, Österreich und der Schweiz bestim-
lich wirksam wird und einen Beitrag zum europaweiten men die Europapolitik Baden-Württembergs.
Umweltschutz leisten kann. Von einer baden-württembergischen Europapolitik im en-
geren Sinne lässt sich jedoch erst seit den 1980er Jahren
sprechen. Diese hat sich, wie Claus-Peter Clostermeyer,
Von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der langjährige Leiter des Europareferats im Staatsministe-
zur Europapolitik Baden-Württembergs rium Baden-Württemberg, schreibt, aus „eher isolierte(n)
politische(n) Begegnungen oder fachliche(n) Kontakte(n)
Ein Info-Flyer beschreibt Baden-Württemberg als „Europas – vor allem im grenznahen Raum – […] zu einem institutio-
europäischste Region“. Dieser Flyer wurde noch von der nell abgesicherten, dichten Geflecht von Beziehungen
Vorgängerregierung herausgegeben. Er präsentiert das entwickelt“.12 Diese frühe Form der grenzüberschreitenden
Land im Stile des Landesmarketing („Baden-Württemberg: Politik ergab sich zum einen aus der geographischen Lage
Wir können alles. Außer Hochdeutsch“) und nennt jeweils des Landes und den vielfältigen Kontakten zu den Nach-
elf Gründe, weshalb Baden-Württemberg einerseits so eu- barstaaten Schweiz und Österreich. Ein Beispiel hierfür
ropäisch und andererseits Europa so baden-württember- ist die Internationale Bodenseekonferenz. Die Internatio-
gisch ist. Neben Sterneköchen aus dem Schwarzwald wie nale Bodenseekonferenz wurde bereits 1972 gegründet
Harald Wohlfahrt und Stargeigerinnen wie Anne-Sophie und versammelt die Anrainerstaaten Baden-Württemberg,
Mutter werden weitere berühmte „Marken“ des Landes, Bayern, Vorarlberg, St. Gallen, Schaffhausen und Thur-
etwa Mercedes, Porsche oder Steiff genannt, aber auch gau; 1993 sind die Kantone Appenzell-Außerrhoden und
die auf der Schwäbischen Alb entdeckte und 35.000 Jahre Appenzell-Innerrhoden und dann fünf Jahre später noch
alte Venus-Figur, die als „älteste Darstellung einer Europä- der Kanton Zürich und das Fürstentum Liechtenstein dazu-
erin“ beschrieben wird, fehlt nicht. Eine Aufgabe der Euro- gekommen. Im Mittelpunkt dieser Zusammenarbeit stan-
papolitik des Landes ist es, zu zeigen, dass Baden-Würt- den von Anfang an die politischen und wirtschaftlichen
temberg aufgrund seiner geographischen Lage „in der Schwierigkeiten, die sich durch Staatsgrenzen ergeben, an
Mitte Europas“ schon immer europäisch ausgerichtet war denen die Probleme bekanntlich nicht Halt machen. Von
und dass dies zum politischen und wirtschaftlichen Mar- besonderer Bedeutung war und ist die Versorgung mit sau-
kenzeichen des Landes gehört. Das politische und histori- berem Trinkwasser aus dem Bodensee, aber auch Projekte
sche Selbstverständnis, die wirtschaftliche Verflechtung zur Zusammenarbeit auf den Gebieten von Bildung, Wis-
mit dem Europäischen Binnenmarkt, die geographische senschaft, Umwelt, Verkehr, Gesundheit und Wirtschaft.

234

BiS2015_04_umbr.indd 234 11.01.16 11:05


EINE BILANZ DER EUROPAPOLITIK DER
GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG

Württemberg – mit Katalonien, der Lombardei und Rhône-


Alpes die wirtschaftlich stärksten Regionen in Spanien, Ita-
lien und Frankreich; wenige Jahre später wurden noch
Wales und Flandern als assoziierte Mitglieder in das
Netzwerk aufgenommen. Neben den wirtschaftlichen Sy-
nergieeffekten einer Zusammenarbeit sollten mithilfe des
„Vier Motoren“-Projektes auch die engen Fesseln der inner-
staatlichen Kompetenzverteilung, die die Außenbeziehun-
gen den Zentralregierungen als Aufgabe zuweisen, abge-
schüttelt werden. Gerade für die Regionen in Italien und
Spanien, aber auch für Baden-Württemberg bot das Netz-
werk einen Anreiz, den eigenen außenpolitischen Spiel-
raum zu erweitern. Die Chancen einer „Nebenaußenpoli-
tik“, so der gängige Begriff in der deutschen Debatte in
den 1980er und 90er Jahren, galt es aus Sicht der beteilig-
ten Regionen auszutesten.15
Von 2012 bis 2013 hatte das Land Baden-Württemberg
wieder den Vorsitz bei den „Vier Motoren für Europa“. Der
am Ende vorgelegte Bericht der Landesregierung zeigt,
dass der amtierende Vorsitz auch inhaltliche Akzente set-
zen kann; so gehörte etwa zu den Schwerpunkten ein
Thema, das auch für die Landespolitik zu den Vorzeigepro-
Der im Juli 2015 an den Landtag übermittelte Bericht über jekten gehört – die Stärkung der Zivilgesellschaft und Bür-
die Europapolitik Baden-Württembergs listet eine Reihe gerbeteiligung. Die grün-rote Landesregierung erläutert,
von Themen auf, die im Rahmen der Internationalen Bo- weshalb aus ihrer Sicht eine Europäisierung ihrer „Politik
denseekonferenz behandelt werden. Dazu gehören etwa des Gehörtwerdens“ notwendig sei: „Bürgerbeteiligung
die Herausforderungen der Digitalisierung für den Boden- lebt vom Mitmachen der verschiedenen Akteure und vom
seeraum, die Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie Wissensaustausch untereinander. Und da viele Fragen,
oder auch ein erstmals anberaumtes Treffen der Gesund- die die Demokratie bzw. die gelebte politische Praxis be-
heitsminister aus den Ländern und Kantonen in Konstanz treffen, heute in vielerlei Form mit Europa und der EU zu-
im Juni 2015: Hier standen die Themen Fachkräftemangel sammenhängen, kommt der europäischen Komponente
und Fachkräftemigration im Gesundheits- und Pflegebe- eine besondere Bedeutung zu.“16 Gisela Erler, die hierfür
reich, Möglichkeiten einer „Netzwerkbildung in der grenz- verantwortliche Staatsrätin, hatte im Dezember 2012 einen
überschreitenden Gesundheitsversorgung“ sowie die Workshop in Stuttgart zur Frage „How to make good citi-
„Bürgerbeteiligung an einer zukunftsorientierten Gesund- zen participation relevant in Europe“ organisiert, woraus
heitspolitik“ im Mittelpunkt der Gespräche.13 Die Ober- sich ein „Europäisches Netzwerk zur Bürgerbeteiligung“
rheinkonferenz ist ein weiteres Beispiel für diese frühe Form entwickelte.17 Ein weiterer Schwerpunkt der Präsident-
der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Sie geht zu- schaft war die Vernetzung im Donauraum. Dazu gehörten
rück auf eine Deutsch-Französisch-Schweizerische Regie- die Einberufung der ersten Donaugesundheitskonferenz in
rungsvereinbarung vom Oktober 1977. Ulm im Juli 2012 sowie eine Mission nach Novi Sad in der
Eine besondere Rolle für die Europapolitik des Landes Autonomen Provinz Vojvodina (Serbien) im Juni 2013. Hier
spielt – trotz mancher Schwierigkeiten im politischen All- standen Treffen zwischen Wirtschaftsvertretern, eine in-
tag – die Zusammenarbeit Baden-Württembergs mit einem ternationale Firmenkontaktbörse und Fragen von regio-
exklusiven Kreis von europäischen Regionen. Das Projekt nalen Innovationsstrategien („smart specialisation“) im
der „Vier Motoren für Europa“ geht zurück auf eine 1988 Mittelpunkt. Die sogenannte Donauraumstrategie der Eu-
gegründete Arbeitsgemeinschaft, die vier wirtschaftlich ropäischen Union ist eines der Prestigeprojekte der ba-
ähnlich starke Regionen zu einem Lobby-Netzwerk ver- den-württembergischen Europapolitik. Hier lassen sich die
knüpft. Der Geburtshelfer dieser Initiative war das 1985 wirtschaftlichen Interessen und Ziele Baden-Würt tem-
verkündete Projekt der Europäischen Gemeinschaft, einen bergs mit der politischen Verantwortung für das „größere
Gemeinsamen Binnenmarkt zu errichten. Die Idee des Europa“ verknüpfen. Dies ist meines Erachtens einer der
Netzwerkes war es, den wirtschaftlich stärksten Regionen Gründe, weshalb sich die Landesregierung hier wie ihre
in Europa ein größeres politisches Gewicht zu geben, so- Vorgängerin besonders stark engagiert.
wohl in Brüssel, als auch in den eigenen Hauptstädten; in
diesem Zusammenhang kam auch das Leitbild eines „Euro-
pas der Regionen“ auf. Die treibende Kraft hinter dieser Die Donauraumstrategie – ein Musterbeispiel für die
„Vier Motoren für Europa“-Idee war der Ministerpräsident Europapolitik Baden-Württembergs
Lothar Späth (CDU). Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel
schrieb damals, der Stuttgarter Regierungschef wolle eine Die EU-Strategie für den Donauraum wurde vom Europäi-
„eigene kleine EG, in der er das Sagen“ habe, schaffen.14 schen Rat, also der Versammlung der Staats- und Regie-
Zu den Gründungsregionen gehören – neben Baden- rungschefs, im Juni 2011 verabschiedet. Die Vorgängerin

235

BiS2015_04_umbr.indd 235 11.01.16 11:05


Martin Große Hüttmann
der grün-roten Landesregierung gehörte zu den treiben- papolitik weitreichende Verantwortung zuweist, wie seine
den Kräften einer engeren Zusammenarbeit der Donauan- Vorgänger auch, mit Leben gefüllt. 21
rainerstaaten. Das Netzwerk verbindet heute 14 Länder Friedrich hat die Politik der Vorgängerregierungen in wei-
und Staaten. Das sind neben Baden-Württemberg und ten Teilen fortgeführt, so dass er – zusammen mit dem Mi-
Bayern, Österreich, die Tschechische Republik, Ungarn, nisterpräsidenten – in der Europapolitik für Kontinuität
Rumänien, die Slowakische Republik, Slowenien und Kroa- steht. Da sich die wesentlichen Bestimmungsfaktoren der
tien und darüber hinaus auch die Nicht-EU-Staaten Ser- Europapolitik auch nicht geändert haben, wird diese Kon-
bien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, die Repub- tinuität nicht überraschen. Peter Friedrich hat aber auch
lik Moldau und die Ukraine. Zu den Bereichen, in denen neue politische Akzente gesetzt, indem er etwa die bilate-
eine intensivere Kooperation angestrebt wird, gehören ralen Beziehungen des Landes, zum Beispiel zu Kanada,
u. a. Infrastruktur, Umwelt, Beschäftigung sowie politische Südkorea und Burundi, erweitert und damit den außen-
und wirtschaftliche Stabilität und Entwicklung. Aus Sicht wirtschaftspolitischen Aktionsradius Baden-Württembergs
Baden-Württembergs und Bayerns oder der öster rei chi- über Europa hinaus vergrößert hat. Aber auch hier stehen
schen Länder bietet die Donauraumstrategie große Chan- Europaminister und Ministerpräsident der grün-roten Lan-
cen: Zum einen können die beteiligten Bundesländer, wie desregierung in einer Tradition, die zurückgeht auf den frü-
der baden-württembergische Europaminister Peter Fried- heren Ministerpräsidenten Lothar Späth in den 1980er
rich (SPD) in einem Beitrag hervorhebt, mit den nationalen Jahren. Die Reise von Winfried Kretschmann nach China in
Ministerien etwa Kroatiens, Ungarns und Rumäniens in Begleitung einer großen Wirtschaftsdelegation im Jahr
den Bereichen, die im Rahmen der Strategie behandelt 2015 steht stellvertretend für die in Baden-Württemberg
werden, „auf Augenhöhe“18 zusammenarbeiten, ohne dass und auch bei anderen Ländern zu beobachtende Ver-
ein Minister der Bundesregierung den Vertretern aus Stutt- knüpfung von Außenwirtschaftspolitik und regionaler
gart oder München die Kompetenz streitig machen würde; Standortwerbung mit dem außenpolitischen Anspruch ei-
zum anderen bietet die Donauraumstrategie auch auf an- ner der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen Europas.
deren Feldern der Landespolitik zusätzliche Möglichkeiten Ein Verdienst des Europaministers ist es, dass er die Koordi-
der Profilierung. Hier wird also das etwas in Vergessenheit nation und die Zusammenarbeit zwischen Stuttgart, Berlin
geratene Leitbild vom „Europa der Regionen“ in praktische und Brüssel, also den drei Orten, wo die Europapolitik
Politik übersetzt. Baden-Württembergs vorbereitet und umgesetzt wird, ver-
Der zuständige Europaminister Peter Friedrich konnte hier stärkt hat. Dadurch konnten Synergieeffekte erzielt wer-
also eine von der Vorgängerregierung erfolgreich einge- den. Gemeinsame Workshops oder Videokonferenzen, an
fädelte Politik fortführen und verstetigen.19 Einen Beitrag denen die zuständigen Beamtinnen und Beamten aus den
zur Verstetigung leisten die Einführung eines rotierenden entsprechenden Abteilungen des Staatsministerium, der
Vorsitzes und die Übertragung von wichtigen Routineauf- Landesvertretungen in Berlin und in Brüssel zu unterschied-
gaben an Nationale Koordinatoren in den beteiligten lichen Themen teilgenommen haben, erhöhten die Effizi-
Staaten und Regionen. Baden-Württemberg übernahm als enz der Arbeit. Zu den Themen, die hier besprochen und
erstes Donauanrainerland den Vorsitz; im Haushalt des abgestimmt wurden, gehörten etwa die Digitalisierung, für
Landes standen für 2014 allein 400.000 Euro zur Verfü- das der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger
gung, um Projekte ganz unterschiedlicher Art zu fördern. in der Europäischen Kommission zuständig ist, oder auch
Dazu gehören etwa ein Wettbewerb zur Entwicklung von der „Juncker-Plan“, also der vom Kommissionspräsidenten
Smartphone-Apps für Themen wie Kulturerbe und Touris- initiierte „Efsi“-Fonds, mit dem 315 Milliarden Euro bereit-
mus im Donauraum oder der Aufbau eines Netzwerks Um- gestellt werden sollen, um strategische Innovationspro-
welttechnik. Auf dem Vierten Jahresforum zur Donauraum- jekte zu unterstützen – beides Themen, an der eine wirt-
strategie, das Ende Oktober 2015 in Ulm stattfand, wurde schaftsstarke Region wie Baden-Württemberg besonders
der aktuelle Stand der Zusammenarbeit diskutiert. Die seit interessiert sein muss.
Sommer 2015 ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückte Eine weitere Beobachtung ist, dass sich der grüne Minister-
Flüchtlingskrise war auch ein zentrales Thema auf der Ver- präsident Winfried Kretschmann – von wenigen Ausnah-
anstaltung in Ulm; hier bot sich auch Gelegenheit für eine men abgesehen – in der Europapolitik kaum profiliert und
zum Teil kritische Diskussion über das Versagen eines dem zuständigen Europaminister das Feld weitgehend
europaweit koordinierten Umgangs mit den Flüchtlingen. überlassen hat. Zu den Ausnahmen gehört eine Reise von
Der Umgang mit der Flüchtlingsfrage habe neue „Gräben Kretschmann – in Begleitung von Kabinettsmitgliedern – in
zwischen europäischen Nachbarn“ aufgerissen, mahnte die Türkei im Oktober 2012. Anlässlich einer Rede an der
der Europaminister Friedrich schon im Vorfeld der Veran- Ankara Universität hat der grüne Ministerpräsident zum
staltung. Umso wichtiger seien Foren für den direkten Aus- Verhältnis Europas zur Türkei eine klare politische Position
tausch, wie sie die Donauraum-Kooperation biete. 20 bezogen, die sich deutlich von der seiner CDU-Vorgänger
im Amt unterschied. Sein „Plädoyer für die Wiederbele-
bung des Beitrittsprozesses“ 22 war 2012 auch in der deut-
Die Europapolitik der grün-roten Landesregierung – schen Politik und Öffentlichkeit kaum mehrheitsfähig;
der Versuch einer Bilanz gleichzeitig hat Kretschmann auch nicht mit Kritik an der
türkischen Regierung gespart und „einige Besorgnisse of-
Lässt man die erste Legislaturperiode der grün-roten Lan- fen“ angesprochen. Er nannte – bezugnehmend auf den
desregierung Revue passieren und zieht eine vorläufige wenige Tage zuvor, am 10. Oktober 2010, veröffentlichten
Bilanz ihrer europapolitischen Arbeit, dann springen meh- Fortschrittsbericht der EU-Kommission zur Lage in der Tür-
rere Punkte ins Auge. Eine erste Beobachtung ist: Europa- kei – „erhebliche Defizite u. a. bei der Justiz, der Wahrung
minister Peter Friedrich hat den Wortlaut der Geschäfts- der Presse- und Meinungsfreiheit und Einhaltung der
ordnung der Landesregierung, die ihm in Fragen der Euro- Rechte der kurdischen Minderheit“. 23

236

BiS2015_04_umbr.indd 236 11.01.16 11:05


Die von der Landesregierung in Stuttgart über den Bundes- EINE BILANZ DER EUROPAPOLITIK DER
rat angestoßene Initiative, das Kommunalwahlrecht auch GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
auf Nicht-EU-Ausländer anzuwenden, ist ein weiteres
Beispiel für neue Akzente, die die grün-rote Politik gesetzt
hat. Dieses Thema wird seit vielen Jahren diskutiert, weil es lingskrise gab, gibt es einen breiten Konsens darüber, dass
als „ungerecht“ empfunden wird, dass Unionsbürger („EU- eine europäische Lösung, etwa durch eine Quotenregelung
Ausländer“) sich seit den 1990er Jahren bei den Kommu- und andere Formen der Umverteilung und Koordinierung, an-
nalwahlen beteiligen können, nicht jedoch zum Beispiel zustreben sei. Winfried Kretschmann unterstützte ausdrück-
Bürgerinnen und Bürger mit türkischem Pass, die ebenso lich die Politik von Kanzlerin Angela Merkel („Wir schaffen
lange oder noch länger in Deutschland wohnen und arbei- das“) und sagte in einem Interview mit der taz im Oktober
ten als etwa vor kurzem erst zugezogene Unionsbürgerin- 2015, dass die Übereinstimmung in der Flüchtlingsfrage groß
nen und -bürger aus Spanien oder Frankreich. sei. Merkel zeige hier „Haltung und Klarheit“, trotz des inner-
Auch der Besuch der Ministerinnen und Minister der Lan- parteilichen Gegenwinds, der auch aus Baden-Württem-
desregierung in Brüssel und eine in der Hauptstadt Euro- berg komme. 24 Wäre die Griechenland- und Eurokrise seit
pas abgehaltene Kabinettssitzung sind Beispiele für die dem Sommer 2015 nicht völlig überlagert worden von der
demonstrative Verbundenheit des Landes mit der Europäi- Flüchtlingskrise, dann hätte das Euro-Thema von anderen
schen Union und ein politisches Signal in die Öffentlich- Parteien, etwa der Alternative für Deutschland (AfD), stärker
keit. Auch wenn dies in den Bereich der symbolischen und in den Mittelpunkt gerückt werden können. Nun bietet sich
medial inszenierten Politik fällt, sollten solche Auftritte in diesen Gruppierungen die Flüchtlingsthematik als Thema für
ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden – auch symbo- die politische Profilierung und Polarisierung an. Da sich je-
lische Politik ist Politik. doch die CDU in ihrem Wahlprogramm offiziell nicht allzu
Und schließlich ist in einer Bilanz am Ende der Legislaturperi- deutlich von der Politik der Bundeskanzlerin absetzen wollte25
ode festzuhalten, dass die Themen Europa oder Eurokrise in und die grün-rote Landesregierung durch eine pragmatische
der frühen Phase des Wahlkampfs, also bis zum Herbst 2015, Politik, etwa durch die Zustimmung im Bundesrat für die ent-
kein Thema im engeren Sinne waren. Für die Vertreter der sprechenden Anpassungen des Asylrechts, der Opposition
Landesregierung oder für den Herausforderer von der CDU, schon früh den Wind aus den Segeln zu nehmen suchte, bot
Guido Wolf, oder auch für die Partei Alternative für Deutsch- das Thema Flüchtlinge der CDU weniger Angriffspunkte als
land (AfD) waren Europa-Themen im engeren Sinne kein Mit- von der Opposition zunächst wohl erhofft. Dies öffnete aber
tel zur Profilierung oder gar Polarisierung. Europa war jedoch einer kleinen Partei wie der AfD, die laut Wahlanalysen häu-
seit dem Sommer 2015 indirekt über das Thema Flüchtlings- fig auch von Protest- und Wechselwählern gewählt wird,
politik eines der zentralen Themen im Wahlkampf. Auch eine Nische, sich hier umso stärker als „Alternative“ zu profi-
wenn es unterschiedliche Positionen zur sogenannten Flücht- lieren.

Die Vertretung des Landes in


Brüssel ist die Schnittstelle zwi-
schen Landespolitik und Euro-
päischer Union. Jede Landes-
regierung ist gut beraten,
wenn sie die Chancen einer
Europäisierung der eigenen
Politik erkennt, diese nutzt, kri-
tisch begleitet und gegenüber
den Bürgerinnen und Bürgern
vermittelt.
picture alliance/dpa

237

BiS2015_04_umbr.indd 237 11.01.16 11:05


Martin Große Hüttmann
Europapolitik ist heute in vielerlei Hinsicht Innenpolitik. LITER ATUR
Das bedeutet, dass klassische und für die Bundesländer
Abels, Gabriele (2011): Wandel oder Kontinuität? Europapolitische Refor-
wichtige Politikfelder europäisiert sind. Das heißt nicht, men der deutschen Landesparlamente in der Post-Lissabon-Phase. In:
dass die Landespolitik in ihrer täglichen Arbeit und Ver- Abels, Gabriele/Eppler, Annegret (Hrsg.): Auf dem Weg zum Mehrebe-
waltungspraxis keine politischen Spielräume mehr hätte; nenparlamentarismus? Funktionen von Parlamenten im politischen Sys-
tem der EU. Baden-Baden, S. 279–294.
dass sie diese noch hat, zeigt sich in vielen wichtigen Berei- Abels, Gabriele/Eppler, Annegret (2011): Die deutschen Länderparlamen-
chen, etwa in der Schulpolitik oder der Wirtschafts- und te nach Lissabon-Vertrag und -Urteil: Ein Problemaufriss entlang parla-
Umweltpolitik. Jede Landesregierung ist gut beraten, wenn mentarischer Funktionen am Beispiel des Landtags von Baden-Würt-
temberg. In: Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung (Hrsg.):
sie die Chancen einer Europäisierung der eigenen Politik Jahrbuch des Föderalismus 2011. Baden-Baden, S. 457–470.
erkennt, diese nutzt, kritisch begleitet und gegenüber den Clostermeyer, Claus-Peter (2001): Die Europapolitik Baden-Württembergs.
Bürgerinnen und Bürgern vermittelt. Auch hier, auf der In: Fischer, Thomas/Frech, Siegfried (Hrsg.): Baden-Württemberg und
seine Partnerregionen. Stuttgart, S. 35–47.
Ebene der politischen Kommunikation, hat die grün-rote Clostermeyer, Claus-Peter (2009): Die Europäische Union als politische
Landesregierung einiges erreicht. Dazu gehört etwa die Handlungsebene: ein Praxisbericht. In: Frech, Siegfried/Große Hütt-
Einrichtung eines TTIP-Beirats, der das in der Öffentlichkeit mann, Martin/Weber, Reinhold (Hrsg.) (2009): Handbuch Europapoli-
tik. Stuttgart, S. 32–41.
umstrittene Transatlantische Freihandelsabkommen be- Fischer, Thomas/Frech, Siegfried (Hrsg.) (2001): Baden-Württemberg und
gleiten und Verbänden, Kommunen, der Wissenschaft, den seine Partnerregionen. Stuttgart.
Kirchen und der Zivilgesellschaft ein Forum für den kriti- Frech, Siegfried/Große Hüttmann, Martin/Weber, Reinhold (Hrsg.)
(2009): Handbuch Europapolitik. Stuttgart.
schen Austausch bieten soll; der Beirat dient gleichzeitig Friedrich, Peter (2013): Die makroregionale Strategie für den Donauraum
als Beratungsorgan der Landesregierung. Am 30. Septem- im Mehrebenensystem der EU. In: Europäisches Zentrum für Föderalis-
ber 2015 fand die konstituierende Sitzung des TTIP-Beira- mus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des Föderalismus 2013. Baden-Baden,
S. 451–460.
tes unter dem Vorsitz von Europaminister Friedrich und Um- Große Hüttmann, Martin (2010): Europapolitik und deutscher Bundes-
weltminister Bonde statt; einen solchen Beirat gibt es auf staat. In: Detterbeck, Klaus/Renzsch, Wolfgang/Schieren, Stefan
Länderebene im Moment nur in Baden-Württemberg. Der (Hrsg.): Föderalismus in Deutschland. München, S. 351–376.
Große Hüttmann, Martin/Eppler, Annegret (2009): Die Europapolitik
in Lyon Anfang Juli 2015 veranstaltete „Weltklimagipfel der Baden-Württembergs im Dreieck Stuttgart-Berlin-Brüssel. In: Frech,
Regionen“ ist ein weiteres Beispiel ökologischer Akzente, Siegfried/Große Hüttmann, Martin/Weber, Reinhold (Hrsg.): Hand-
die die Landesregierung gesetzt hat. Ministerpräsident buch Europapolitik. Stuttgart, S. 11–31.
Große Hüttmann, Martin/Eppler, Annegret (2011): Vernetzte Landespoli-
Kretschmann nahm, zusammen mit dem kalifornischen Um- tik: Baden-Württemberg im deutschen und europäischen Mehrebenen-
weltminister und mit dem französischen Staatspräsidenten system. In: Frech, Siegfried/Weber, Reinhold/Wehling, Hans-Georg
Hollande an diesem Weltklimagipfel teil. Baden-Württem- (Hrsg.): Handbuch Landespolitik. Stuttgart, S. 65–84.
Große Hüttmann, Martin/Knodt, Michèle (2006): „Diplomatie mit Lokalko-
berg und der US-Staat Kalifornien hatten ein „Memoran- lorit“: Die Vertretungen der deutschen Länder in Brüssel und ihre Aufga-
dum of Understanding“ zum Klimawandel vorgelegt, wel- ben im EU-Entscheidungsprozess. In: Europäisches Zentrum für Födera-
ches offen steht für andere Regionen, und in Lyon auch von lismus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des Föderalismus 2006. Baden-Ba-
den, S. 595–605.
weiteren Regionen, die Teil des „Vier Motoren für Europa“- Hrbek, Rudolf (1986): Doppelte Politikverflechtung: Deutscher Föderalismus
Netzwerkes sind, unterzeichnet wurde. Auch dies ist ein und europäische Integration. Die deutschen Länder im EG-Entschei-
Beispiel für die Möglichkeiten eines Bundeslandes, auf dungsprozess. In: Hrbek, Rudolf/Thaysen, Uwe (Hrsg.): Die deutschen
Länder und die Europäischen Gemeinschaften. Baden-Baden, S. 17–36.
ganz unterschiedlichen Feldern (außen)wirtschaftspoli- Hrbek, Rudolf (2006): Baden-Württemberg im Bund und in der Europäi-
tisch oder gar „weltinnenpolitisch“ tätig zu werden, wenn schen Union. In: Weber, Reinhold/Wehling, Hans-Georg (Hrsg.): Baden-
es dazu finanziell in der Lage und politisch willens ist. 26 Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik. Stuttgart, S. 108–130.
Hrbek, Rudolf/Große Hüttmann, Martin (2002): Von Nizza über Laeken
Der 2011 von den Grünen und der SPD unterzeichnete Ko- zum Reform-Konvent: Die Rolle der Länder und Regionen in der Debatte
alitionsvertrag stand unter dem Motto „Der Wechsel be- zur Zukunft der Europäischen Union. In: Europäisches Zentrum für Föde-
ginnt“. Auf dem Gebiet der Europapolitik hat die grün-rote ralismus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des Föderalismus 2002. Baden-
Baden, S. 577–594.
Landesregierung, im Unterschied zu anderen Politikfel- Knodt, Michèle (1998): Tiefenwirkung europäischer Politik. Eigensinn oder
dern, vor allem auf Kontinuität gesetzt. Inhaltlich wurden Anpassung regionalen Regierens? Baden-Baden.
jedoch einige Akzente gesetzt und Akzentverschiebungen Lenz, Katharina (2014): Regionale Makrostrategie: Konzept, Umsetzung
und Finanzierung am Beispiel der Donauraumstrategie der Europäi-
vorgenommen, etwa durch die Betonung der Klima- und schen Union. Bachelorarbeit, Universität Würzburg.
Umweltpolitik oder die Fokussierung der Themen Zivilge- Palmer, Christoph-E. (2004) (Hrsg.): Europa in guter Verfassung. Erwin Teu-
sellschaft und Bürgerbeteiligung. Da das Thema Europa – fel – für die deutschen Länder im Konvent (Europaschriften des Staats-
ministeriums Baden-Württemberg, Heft 6). Stuttgart.
trotz aller Krisen und Verwerfungen in den letzten Jahren Reinhart, Wolfgang (Hrsg.) (2008): Europa Danubia – hin zu einem euro-
– noch immer von einem breiten allgemeinen Konsens auf päischen Kooperationsraum Donau (Europaschriften des Staatsminis-
Seiten der Bürginnen und Bürger, der politischen Parteien teriums Baden-Württemberg, Heft 10). Stuttgart.
Schächtelin, Tobias (2009): Die baden-württembergischen Gemeinden in
und Verbände und insbesondere in der von den Exporten der Europäischen Union. In: Frech, Siegfried/Große Hüttmann, Martin/
in den EU-Binnenmarkt profitierenden Wirtschaft in Ba- Weber, Reinhold (Hrsg.): Handbuch Europapolitik. Stuttgart, S. 154–172.
den-Württemberg getragen wird, eignet es sich schlecht Schumann, Wolfgang (1993): Die EG als neuer Anwendungsbereich für die
Policy-Analyse: Möglichkeiten und Perspektiven der konzeptionellen
für eine parteipolitische Profilierung. Diese Kontinuität hat Weiterentwicklung. In: Héritier, Adrienne (Hrsg.): Policy-Analyse. Kritik
der „Kleinen Außenpolitik“, von der der Koalitionsvertrag und Neuorientierung (PVS-Sonderheft 24). Wiesbaden, S. 394–431.
spricht, und dem Ländle in der Vergangenheit nicht ge- Silzer, Martin (2015): Kommunale Europaarbeit in Brüssel – Grundlagen,
Techniken, Themen. In: BWGZ, 2/2015, S. 113–115.
schadet und wird es auch in Zukunft nicht tun. Zimmermann-Steinhart, Petra (2001): Die Entstehung der Initiative „Vier
Motoren für Europa“. In: Fischer, Thomas/Frech, Siegfried (Hrsg.): Ba-
den-Württemberg und seine Partnerregionen. Stuttgart, S. 48–61.
Zoller, Alexandra (2008): Die Weiterentwicklung der Bund-Länder-Bezie-
hungen in EU-Angelegenheiten vor dem Hintergrund des Vertrags von
Lissabon. In: Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung (Hrsg.):
Jahrbuch des Föderalismus 2008. Baden-Baden, S. 570–581.

238

BiS2015_04_umbr.indd 238 11.01.16 11:05


ANMERKUNGEN EINE BILANZ DER EUROPAPOLITIK DER
GRÜN-ROTEN LANDESREGIERUNG
1 Koalitionsvertrag („Der Wechsel beginnt“) zwischen Bündnis 90/Die
Grünen und der SPD Baden-Württemberg, Baden-Württemberg 2011–
2016. Stuttgart, S. 73.
19 Vgl. dazu Wolfgang Reinhart (Hrsg.) (2008): Europa Danubia – hin zu
2 Vgl. dazu Michèle Knodt (1998): Tiefenwirkung europäischer Politik.
einem europäischen Kooperationsraum Donau (Europaschriften des
Eigensinn oder Anpassung regionalen Regierens? Baden-Baden und
Staatsministeriums Baden-Württemberg, Heft 10). Stuttgart.
Wolfgang Schumann (1993): Die EG als neuer Anwendungsbereich für die
20 Vgl. Südwest Presse, 28.10.2015.
Policy-Analyse: Möglichkeiten und Perspektiven der konzeptionellen Wei-
21 Vgl. Geschäftsordnung der Regierung des Landes Baden-Württem-
terentwicklung. In: Adrienne Héritier (Hrsg.): Policy-Analyse. Kritik und
berg vom 6.3.2007, § 3: Staatsministerium und Vertretung des Landes nach
Neuorientierung (PVS-Sonderheft 24). Wiesbaden, S. 394–431.
außen, Satz 2: Dem Minister für Europa-Angelegenheiten ist unbeschadet
3 Alle Zahlen und Angaben, die im Folgenden genannt werden, sind
des Vertretungsrechts des Ministerpräsidenten nach außen (Artikel 50
entnommen aus: Statistisches Landesamt (2014): Baden-Württemberg –
Satz 1 der Landesverfassung) die ständige Wahrnehmung der Aufgaben
ein Standort im Vergleich. Stuttgart 2014.
und Interessen des Landes gegenüber den Organen und Institutionen der
4 Vgl. dazu die in der Literaturliste genannten Publikationen von Frech
Europäischen Union übertragen.
u. a. (2009), Große Hüttmann/Eppler (2009 und 2011), Große Hüttmann/
22 „Europa und die Türkei“. Rede von Ministerpräsident Winfried Kretsch-
Knodt (2006) und Hrbek (2006).
mann an der Ankara Universität am 15. Oktober 2012 in Ankara, Türkei,
5 Vgl. dazu Christoph-E. Palmer (2004) (Hrsg.): Europa in guter Verfas-
S. 7.
sung. Erwin Teufel – für die deutschen Länder im Konvent (Europaschriften
23 „Europa und die Türkei“. Rede von Ministerpräsident Winfried Kretsch-
des Staatsministeriums Baden-Württemberg, Heft 6). Stuttgart.
mann an der Ankara Universität am 15. Oktober 2012 in Ankara, Türkei,
6 Vgl. dazu Gabriele Abels (2011): Wandel oder Kontinuität?
S. 9.
Europapolitische Reformen der deutschen Landesparlamente in der Post-
24 Zitiert nach Staatsministerium Baden-Württemberg: Interview „Mir
Lissabon-Phase. In: Gabriele Abels/Annegret Eppler (Hrsg.): Auf dem
brennt hier jeden Tag der Kittel“, 19.10.2015, Quelle: Die Tageszeitung.
Weg zum Mehrebenenparlamentarismus? Funktionen von Parlamenten im
25 Frankfurter Allgemeine Zeitung („Treueschwüre für die Kanzlerin“),
politischen System der EU. Baden-Baden, S. 279–294 und Gabriele Abels/
27.10.2015.
Annegret Eppler (2011): Die deutschen Länderparlamente nach Lissabon-
26 Die Beispiele sind dem Bericht des Europaministers über aktuelle
Vertrag und -Urteil: Ein Problemaufriss entlang parlamentarischer Funkti-
europapolitische Themen vom 27.10.2015, Drs. 15/7616 entnommen.
onen am Beispiel des Landtags von Baden-Württemberg. In: Europäisches
Zentrum für Föderalismus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des Föderalismus
2011. Baden-Baden, S. 457–470.
7 Vgl. dazu Martin Große Hüttmann (2010): Europapolitik und deutscher
Bundesstaat. In: Klaus Detterbeck/ Wolfgang Renzsch/Stefan Schieren
(Hrsg.): Föderalismus in Deutschland. München, S. 351–376 und Alexand-
ra Zoller (2008): Die Weiterentwicklung der Bund-Länder-Beziehungen in
EU-Angelegenheiten vor dem Hintergrund des Vertrags von Lissabon. In:
Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des
Föderalismus 2008. Baden-Baden, S. 570–581.
8 Zum Begriff vgl. Rudolf Hrbek (1986): Doppelte Politikverflechtung:
Deutscher Föderalismus und europäische Integration. Die deutschen Län-
der im EG-Entscheidungsprozess. In: Rudolf Hrbek/Uwe Thaysen (Hrsg.):
Die deutschen Länder und die Europäischen Gemeinschaften. Baden-
Baden, S. 17–36.
9 Vgl. dazu Schächtelin, Tobias (2009): Die baden-württembergischen

UNSER AUTOR
Gemeinden in der Europäischen Union. In: Siegfried Frech/Martin Große
Hüttmann/Reinhold Weber (Hrsg.): Handbuch Europapolitik. Stuttgart,
S. 154–172 und Martin Silzer (2015).
10 Martin Silzer (2015): Kommunale Europaarbeit in Brüssel – Grundla-
gen, Techniken, Themen. In: BWGZ, 2/2015, S. 115.
11 Vgl. dazu ausführlich Martin Große Hüttmann/Annegret Eppler (2011):
Vernetzte Landespolitik: Baden-Württemberg im deutschen und europäi-
schen Mehrebenensystem. In: Siegfried Frech/Reinhold Weber/ Hans-
Georg Wehling (Hrsg.): Handbuch Landespolitik. Stuttgart, S. 65–84.
12 Vgl. zum Folgenden Claus-Peter Clostermeyer (2001): Die Europapo-
litik Baden-Württembergs. In: Thomas Fischer/Siegfried Frech (Hrsg.):
Baden-Württemberg und seine Partnerregionen. Stuttgart, S. 35–47.
13 Mitteilung der Landesregierung: Bericht über aktuelle europapolitische
Themen, Drucksache 15/7122, 06.07.2015, Stuttgart, S. 10.
14 Der Spiegel, Nr. 1/1990, S. 47. Martin Große Hüttmann ist Akademischer Oberrat am Institut für
15 Petra Zimmermann-Steinhart (2001): Die Entstehung der Initiative „Vier Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen
Motoren für Europa“. In: Thomas Fischer/Siegfried Frech (Hrsg.): Baden-
Württemberg und seine Partnerregionen. Stuttgart, S. 49. und geschäftsführendes Mitglied im Vorstand des Europäischen
16 Bericht über die Präsidentschaft von Baden-Württemberg 2012/2013, Zentrums für Föderalismus-Forschung (EZFF), Tübingen. Zu den
Stuttgart 2013, S. 1. Themen, die er in Forschung und Lehre bearbeitet, gehören u. a.
17 Vgl. Bericht über die Präsidentschaft von Baden-Württemberg
2012/2013. Stuttgart 2013, S. 2. die Verfassungsentwicklung der Europäischen Union sowie die
18 Peter Friedrich (2013): Die makroregionale Strategie für den Donau- Europapolitik der Bundesrepublik Deutschland und Baden-
raum im Mehrebenensystem der EU. In: Europäisches Zentrum für Födera- Württembergs.
lismus-Forschung (Hrsg.): Jahrbuch des Föderalismus 2013. Baden-Baden,
S. 455.

239

BiS2015_04_umbr.indd 239 11.01.16 11:05


EIN MUSTERLAND DER BÜRGERBETEILIGUNG?

Die Politik des Gehörtwerdens


Matthias Fatke

Nichts weniger als einen Paradigmenwechsel versprach


Der nach dem Regierungswechsel initiierte Volksent- der neue Ministerpräsident Winfried Kretschmann, als er
scheid über den Ausstieg aus der Projektfinanzierung eine „Politik des Gehörtwerdens“ verkündete. Die Legisla-
beim Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 war der Auftakt turperiode sollte geprägt sein von einer responsiven Art
der „Politik des Gehörtwerdens“. Die grün-rote Landes- der Entscheidungsfindung, die den Bürgerinnen und Bür-
regierung trat 2011 mit dem Versprechen an, einen Pa- gern eine Vielzahl von Möglichkeiten einräumt, ihre Wün-
radigmenwechsel zu vollziehen und Baden-Württemberg sche in den politischen Prozess einzubringen, und auf ihre
zum Musterland der Bürgerbeteiligung zu machen. Nicht Anliegen reagiert. Politik sollte also nicht mehr an Bürge-
zuletzt die Einrichtung einer Stabsstelle für Zivilgesell- rinnen und Bürgern vorbei, sondern gemeinsam mit ihnen
schaft und Bürgerbeteiligung beim Staatsministerium auf Augenhöhe gemacht werden. Bezogen auf Stuttgart 21
war ein deutlicher Beleg für diese ernsthafte Absicht. war die erste Maßnahme nach dem Regierungswechsel
Matthias Fatke geht in seinem Beitrag drei Fragen nach: entsprechend auch das Initiieren eines Volksentscheids
(1) Inwiefern wurde unter der grün-roten Regierung tat- über den Ausstieg aus der Projektfinanzierung.1 Auch wenn
sächlich eine Politik des Gehörtwerdens implementiert sich dadurch am Projekt selbst nichts ändern sollte, so wur-
und praktiziert? (2) Warum bauen Regierungen über- den mit der Abstimmung die Legitimierung des Bauvorha-
haupt direktdemokratische Mitspracherechte aus und bens gestärkt und der Konflikt in der Bevölkerung erheblich
schränken damit die Macht der Repräsentativorgane ein? befriedet. (vgl. Blumenberg/Faas 2013; Fatke/Freitag 2013
(3) Sind die mit direktdemokratischen Instrumenten ver- sowie Vatter/Heidelberger 2013.)
bundenen Hoffnungen auf engagiertere Bürgerinnen Doch die Volksabstimmung sollte nur der Auftakt zu einer
und Bürger empirisch zu belegen? Bewirkt ein Mehr an ganzen Reihe von Maßnahmen und Neuerungen sein, die
Bürgerbeteiligung höheres politisches Vertrauen und Bürgerbeteiligung auszuweiten und direktdemokratische
letztlich größere Zufriedenheit mit der Demokratie? Verfahren in Baden-Württemberg zugänglicher zu ma-
chen. Da sich die Legislaturperiode nun dem Ende zuneigt,
erscheint es angebracht, zu fragen, wie es um diese Politik
des Gehörtwerdens bestellt ist. Vor diesem Hintergrund
Die Hintergründe zur Politik des Gehörtwerdens geht der vorliegende Beitrag drei Fragen nach. Inwiefern
wurde erstens unter der grün-roten Regierung tatsächlich
Die baden-württembergische Landtagswahl 2011, aus der eine Politik des Gehörtwerdens implementiert und prakti-
Grüne und SPD als siegreiche Koalition hervorgingen,
stand noch ganz im Zeichen der heftigen Auseinanderset-
zungen um das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21. Neben
den ähnlich bedeutsamen Diskussionen über Bildungspoli-
tik und – im Zuge des Reaktorunglücks von Fukushima –
über Atomausstieg war die Tieferlegung des Stuttgarter
Bahnhofs das Thema, das den Wahlkampf dominierte und
die Wahl maßgeblich entschied (Roth 2013). Vordergrün-
dig mobilisierten das Für und Wider des Projekts dessen
Gegner und Befürworter. Darüber hinaus jedoch speiste
sich die Vehemenz des Konflikts vor allem aus der Art, wie
über Stuttgart 21 entschieden worden war, die vielen in
der Bevölkerung das Gefühl vermittelt hatte, kein Mitspra-
cherecht eingeräumt zu bekommen. Die konfrontative Hal-
tung der damaligen Landesregierung gipfelte ein halbes
Jahr vor der Wahl in der Eskalation der Proteste gegen die
Räumung des Stuttgarter Schlossgartens, als es am
„Schwarzen Donnerstag“ (30. September 2010) zum ge-
waltsamen Aufeinandertreffen von Polizei und Parkschüt- Die Bilder vom „Schwarzen
zern kam. Bilder von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Donnerstag“ (30. September
verwundeten Demonstranten bewegten und empörten die 2010) stehen paradigmatisch
Menschen nicht nur über die Lager von Projektgegnern und für die Missachtung des Bür-
-befürwortern hinweg, sondern ließen auch die Populari- gerwillens durch die Politik.
tätswerte von Ministerpräsident Stefan Mappus in den Ministerpräsident Winfried
Keller stürzen und trugen so letztlich zu seiner Abwahl bei. Kretschmann versprach 2011
Schließlich reflektierten diese Bilder vielen Wählerinnen daher einen Paradigmenwech-
und Wählern doch paradigmatisch die Missachtung des sel, als er die „Politik des
Bürgerwillens durch die Politik. Gehörtwerdens“ verkündete.
picture alliance/dpa

240

BiS2015_04_umbr.indd 240 11.01.16 11:05


ziert? Aus welchen Gründen bauen zweitens Regierungen DIE POLITIK DES GEHÖRTWERDENS
überhaupt direktdemokratische Mitspracherechte aus?
Und sind drittens die damit verbundenen Hoffnungen in
Anbetracht der Empirie begründet? Die folgenden drei Ab-
schnitte versuchen jeweils auf diese Fragen eine Antwort schneiden kommt? Auf Landesebene sieht die Verfassung,
zu geben. Der letzte Abschnitt zieht ein kurzes Fazit. ähnlich wie in den meisten anderen Bundesländern auch,
ein dreistufiges Verfahren bestehend aus Einleitungs-
phase, Volksbegehren und Volksentscheid vor, die jeweils
Direkte Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg mit Beteiligungshürden verknüpft sind. In der Einleitungs-
phase müssen 10.000 Unterschriften, die die Unterstüt-
Die grün-rote Regierung ist mit dem Versprechen angetre- zung des Vorhabens bezeugen, gesammelt werden. Erst
ten, Baden-Württemberg zu einem Vorzeigeland der dann beschäftigt sich der Landtag mit dem Antrag und
Bürgerbeteiligung zu machen. Das impliziert das Verab- nach erfolgter Zulässigkeitsprüfung müssen in nur 14 Ta-
schieden gesetzlicher Bestimmungen, die deren Möglich- gen ein Sechstel der Wahlberechtigten das Volksbegeh-
keiten und Anforderungen regeln. Dabei könnte man sa- ren unterschreiben. Bei etwa 7,8 Millionen Berechtigten
gen, Ziel sei es, Baden-Württemberg wieder zum Muster- sind das 1,3 Millionen zu sammelnde Unterschriften insge-
land zu machen (Wöll 2015). Denn als erstes Land der samt oder knapp 93.000 Unterschriften täglich. Und selbst
Bundesrepublik nahm der Südweststaat bereits 1955 di- wenn mit dem Volksentscheid die dritte Stufe erreicht wird,
rektdemokratische Elemente in die Gemeindeordnung auf. muss sich zusätzlich zur Mehrheit der Abstimmenden im-
Außerdem spielte direkte Demokratie in der Gründungs- mer noch ein Drittel der Stimmberechtigten, derzeit also
phase natürlich eine prägende Rolle, als der Zusammen- etwa 2,6 Millionen, dafür aussprechen, um das Gesetz tat-
schluss der Länder Baden, Württemberg-Baden und Würt- sächlich zu verabschieden. Durch das in Deutschland übli-
temberg-Hohenzollern, wie das Grundgesetz in Artikel 29 che Finanztabu sind allerdings Abgaben-, Besoldungs-
vorschreibt, in einer Volksabstimmung beschlossen wurde. und Staatshaushaltsgesetze explizit von direktdemokrati-
Seither hat das ehemalige Musterland jedoch stetig an schen Abstimmungen ausgenommen, und die rechtliche
Boden und schließlich den Anschluss verloren, was die Mit- Prüfung der Volksbegehren wird streng gehandhabt. Auf
tel direktdemokratischer Teilhabe vor allem auf Landes- kommunaler Ebene regelt die Gemeindeordnung Bürger-
ebene betrifft. Die vergleichsweise restriktive Ausgestal- begehren zwar etwas großzügiger und bürgerfreundli-
tung beschert Baden-Württemberg den letzten Platz im cher. So müssen (gestaffelt nach Einwohnerzahl) etwa
Ranking von Mehr Demokratie e. V. und das vernichtende zehn Prozent der Bürgerinnen und Bürger einer Kommune
Urteil als „bürgerfeindlich und prohibitiv“ (Rehmet/Weber innerhalb von sechs Wochen einen Bürgerentscheid for-
2013: 48). dern. Doch das Zustimmungsquorum liegt immer noch bei
Wie ist direktdemokratische Mitsprache in Baden-Würt- 25 Prozent und ein Negativkatalog schließt eine Reihe von
temberg geregelt, dass es nur in Ausnahmefällen zu deren Sachverhalten (z. B. bauliche Planungsverfahren) von der
Anwendung und daher zu solch einem schlechten Ab- Mitsprache der Bürgerinnen und Bürger aus (Wehling
2005). 2
Es ist also wenig verwunderlich, dass einerseits die Baden-
Württemberger selten an die Abstimmungsurne gerufen
werden, und dass sich andererseits die grün-rote Regie-
rung vorgenommen hat, diese Hürden abzusenken. Bereits
im Koalitionsvertrag kündigte sie unter der Überschrift
„Mehr Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie machen“
an, das Unterschriftenquorum abzusenken, Sammelfristen
auszuweiten und das Zustimmungsquorum beim Volksent-
scheid abzuschaffen. Bei der Umsetzung ist die Regierung
allerdings auf die Oppositionsparteien angewiesen, da
eine verfassungsändernde Mehrheit erforderlich ist. Das
konkrete Reformpaket, auf das sich die Landtagsfraktionen
einigen konnten, sieht vor, dass für ein erfolgreiches Volks-
begehren nunmehr Unterschriften von zehn Prozent der
Stimmberechtigten vonnöten sind. Die Sammlung ist zeit-
lich nicht begrenzt und darf auch außerhalb von Ratstuben
stattfinden. Das Zustimmungsquorum soll auf 20 Prozent
sinken (Wöll 2015). Zudem ist eine Volksinitiative anstelle
des Antrags auf Volksbegehren geplant. Auch auf kommu-
naler Ebene soll die Unterschriftenzahl bei Bürgerentschei-
den von zehn auf sieben Prozent sinken, die Sammelfrist
von sechs Wochen auf drei Monate steigen und der The-
menkatalog auch Bauplanverfahren umfassen (Wöll 2015).
Dass die im Koalitionsvertrag beabsichtigten Änderungen
nur teilweise und erst vier Jahre nach dem Regierungswech-
sel implementiert werden sollen, ist dem Kompromiss ge-
schuldet, den die grün-rote Regierung insbesondere mit der
CDU aushandeln musste, die die größte Fraktion im Land-

241

BiS2015_04_umbr.indd 241 11.01.16 11:05


Matthias Fatke

Dass Grün-Rot es ernst meinte


mit dem Ausbau der Bürgerbe-
teiligung wurde mit der Ein-
richtung einer Stabsstelle für
Zivilgesellschaft und Bürgerbe-
teiligung im Staatsministerium
deutlich. Dort wurden und wer-
den unter Leitung von Staats-
rätin Gisela Erler Reformbe-
strebungen strategisch koordi-
niert.
picture alliance/dpa

tag stellt. Die Christdemokraten stehen direktdemokrati- rätin Gisela Erler sämtliche Reformbemühungen in sehr
scher Bürgerbeteiligung traditionell skeptischer gegenüber strategischer Weise koordiniert und forciert. Unter ande-
und warnten auch diesmal vor einer Entmachtung der Re- rem findet der Gestaltungsprozess unter Berücksichtigung
präsentativorgane und unzureichend legitimierten Ent- von und in enger Abstimmung mit wissenschaftlicher Ex-
scheidungen. Zu Beginn des Jahres erklärte sich die CDU pertise statt. Ferner sucht man den Erfahrungsaustausch
schließlich bereit, den Kompromiss mitzutragen, und die mit Partnern aus Österreich und der Schweiz. Gerade die
Verfassungsänderung war für Oktober 2015 angesetzt. Gegenüberstellung mit der Eidgenossenschaft im Allge-
Auch bezüglich der Änderungen der Gemeindeordnung meinen und dem Kanton Aargau im Speziellen zeigt, dass
konnten die Fraktionen erst spät Übereinstimmung erzielen. die informellen Bürgerbeteiligungsverfahren im Südwest-
Hier wurde Widerspruch vor allem in den Kommunen selbst staat mitunter schon sehr tiefgreifend und fortschrittlich
laut, in denen auch grüne Politikerinnen und Politiker die modelliert sind. Die angestrebten Regeln zur formell ver-
Sorge äußerten, eine Minderheit könne dann unter Um- fassten, direktdemokratischen Teilhabe halten dem inter-
ständen über eine Mehrheit entscheiden. nationalen Vergleich indes nicht stand. Auch unter den
Nun stellen direktdemokratische Verfahren als formal ver- Bundesländern ist selbst mit reformierten Hürden keine
fasste und bindende Instrumente zwar die bekannteste, vordere Platzierung in Aussicht. Immerhin können bezüg-
aber nicht die einzige Art der Bürgerbeteiligung dar. Über lich des oft als maßgeblich erachteten Unterschriftenquo-
Volks- und Bürgerbegehren hinaus kann eine Regierung ih- rums Sachsen über- und Bayern, Thüringen sowie Nieder-
rer Bevölkerung weitere informelle Mitspracherechte wie sachen eingeholt werden (Eder et al. 2009). Gleichwohl
Planungszellen, Bürgerräte und Runde Tische einräumen. muss man die Reform in Anbetracht der sich sträubenden
Auch diese Formen will die Landesregierung explizit stär- Opposition einerseits und der grundsätzlich inkrementel-
ken und fördern. Komplementär zum direktdemokratischen len Logik von Verfassungswandel andererseits würdigen.
Prozedere sollen das Petitionsrecht weiterentwickelt und So stellen die anvisierten Regelungen vermutlich die fak-
als Online-Petition bürgerfreundlicher gestalten werden. tisch maximal möglichen Änderungen in der ersten Legisla-
Besondere Erwähnung verdient hierbei das Beteiligungs- turperiode dar und schaffen zugleich die Voraussetzung,
portal, welches das Land im Internet betreibt. Hier können in Zukunft direktdemokratische Mitsprache noch permissi-
sich Bürgerinnen und Bürger nicht nur über Beteiligungs- ver zu gestalten.
möglichkeiten informieren, sondern auch Gesetzentwürfe
direkt kommentieren.
Wie sind diese Reformleistungen der Landesregierung ab- Gründe für den Ausbau direktdemokratischer
schließend zu bewerten? Dass die Grünen und die SPD es Instrumente
ernst meinen mit dem Vorhaben, Bürgerbeteiligung auszu-
bauen, deutete sich zwar schon im Koalitionsvertrag an, An die Ausführungen zum jüngsten Reformprozess in Ba-
wurde dann aber vor allem kurz nach dem Regierungs- den-Württemberg schließt sich die Frage an, weshalb Re-
wechsel mit der Einrichtung einer Stabsstelle für Zivilge- gierungen überhaupt das Ziel verfolgen, direktdemokrati-
sellschaft und Bürgerbeteiligung im Staatsministerium sche Beteiligung zu ermöglichen und diese auch noch aus-
deutlich. Dort wurden und werden unter Leitung von Staats- zubauen. Schließlich bedeuten mehr direktdemokratische

242

BiS2015_04_umbr.indd 242 11.01.16 11:05


Rechte zunächst weniger Macht für die Repräsentativor- DIE POLITIK DES GEHÖRTWERDENS
gane.
Politikerinnen und Politiker schränken sich in ihrem Hand-
lungsspielraum ein, wenn sie Bürgerinnen und Bürgern die
Gelegenheit bieten, unmittelbar Gesetze zu verabschie- mehr politisches Engagement zeigen. Solche pädagogi-
den ohne das Zutun oder die Einflussnahme von gewählten schen Wirkungen sollten sich also in höherem politischen
Vertreterinnen und Vertretern. Daher mag es auch nicht Vertrauen und Wissen, größerer Systemzufriedenheit und
allzu sehr erstaunen, dass üblicherweise der Ausbau direk- mehr Beteiligung niederschlagen. Angesichts der tenden-
ter Demokratie nicht von Politikerinnen, Politikern oder Re- ziell widersprüchlichen empirischen Forschungsergeb-
gierungsparteien, sondern von Bürgerinnen und Bürgern nisse, die sich erst seit einiger Zeit und fast ausnahmslos mit
selbst durch Volksbegehren vorangetrieben wird. 3 Es müs- Daten zur Schweiz oder zu den USA der Fragestellung wid-
sen also gewichtige Hoffnungen mit solchen Instrumenten men, lässt die Literatur keine eindeutige Antwort zu, inwie-
verbunden sein, um verstehen zu können, warum Politike- fern die Hoffnung auf bildende Effekte direkter Demokratie
rinnen und Politiker, denen ja allzu gern eine Orientierung berechtigt ist (Fatke 2014).
am Eigen- statt am Gemeinwohl unterstellt wird, freiwillig Verfolgt man aber die Diskussionen hierzulande zwischen
Macht an die Bürgerinnen und Bürger abgeben. Kritikern und Befürwortern, so ist es in der Tat bemerkens-
In der politikwissenschaftlichen Literatur hat sich die Un- wert, dass im Gegensatz zur progressiven Ära nunmehr
terscheidung von zwei verschiedenen Auswirkungen ein- fast ausschließlich instrumentelle Folgen thematisiert und
gebürgert, die im Zusammenhang mit direkter Demokratie mögliche bildende Auswirkungen auf die Bevölkerung
vermutet werden (Smith/Tolbert 2007). Zum einen werden weitgehend außer Acht gelassen werden. Für Parteien, Po-
ihren Institutionen instrumentelle Effekte auf die Ergebnisse litikerinnen und Politiker geht der Zusammenhang von di-
des politischen Prozesses, zum anderen bildende Effekte rekter Demokratie und politischen Inhalten und Ergebnis-
auf die Verhaltensweisen und Einstellungen der Bevölke- sen in erster Linie mit dem bereits erwähnten Machtverlust
rung unterstellt. Diese Einteilung geht zurück auf die Dis- einher. In dieser instrumentellen Sichtweise erscheint es
kussion zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA, als die also kaum nachvollziehbar, weshalb regierende Parteien
Reformer der progressiven Ära diese zwei zentralen Argu- direktdemokratische Teilhabe propagieren sollten. Das
mente vorbrachten, weshalb die Bundesstaaten direktde- hieße ja in der Konsequenz, sie gestünden ein, dass Bürge-
mokratische Elemente aufnehmen sollten. rinnen und Bürger bessere Urteile treffen könnten als sie
Von den instrumentellen Effekten versprechen sich die Be- selbst. Aus Sicht der zweiten Argumentation jedoch lässt
fürworterinnen und Befürworter, direkte Demokratie würde sich eher verstehen, dass sie auch Fürsprecher direkter De-
im Gegensatz zum repräsentativen Prozess in stärker legi- mokratie sein können. Schließlich profitieren Parteien unter
timierten und letztlich besseren Politikinhalten resultieren. Umständen von einer engagierten, interessierten und mo-
Indem der Wählerschaft ein Mittel an die Hand gegeben bilisierten Wählerschaft. Das trifft allerdings – nach dem,
wird, durch Politikerinnen und Politiker getroffene Entschei- was uns die politikwissenschaftliche Literatur zu Wähler-
dungen rückgängig zu machen und eigene mehrheitsfä- klientelen lehrt – auf manche Parteien eher zu als auf an-
hige Sachverhalte zu verabschieden, ist die Repräsentati- dere.
vität der Politikinhalte gewährleistet. Außerdem ist das Traditionell sind sozialdemokratische und politisch links
Handeln von Politikerinnen und Politikern einer stärkeren orientierte Parteien beispielsweise auf eine hohe Beteili-
Kontrolle unterworfen, als wenn nur am Ende einer Legisla- gung angewiesen. Viele der Stammwählerinnen und -wäh-
turperiode über ihre Wiederwahl oder Abwahl entschie- ler sind aufgrund ihrer Ressourcenausstattung, empirisch
den werden kann. So wird verhindert, dass Volksvertreter gesehen, am ehesten gefährdet, den Weg zum Wahllokal
ihren eigenen Interessen anstatt den Wählerinteressen zu scheuen und sich zu enthalten. Somit ist es nur logisch,
folgen (Smith/Tolbert 2004: xv). Diese Sichtweise setzt na- wenn die SPD (und ebenso Die Linke) in der Hoffnung auf
türlich voraus, dass Wählerinnen und Wähler in politi- eine politisch engagiertere Bevölkerung, höhere Beteili-
schen Fragen auch über ausreichend Kompetenzen ver- gung und folglich mehr Stimmenprozente für Einführung
fügen und bereit sind, sich tatsächlich zu beteiligen, um und Ausbau direkter Demokratie eintritt. Postmaterialisti-
informierte und ihren Präferenzen entsprechende Entschei- sche Parteien wie die Grünen können im Gegensatz dazu
dungen zu fällen. Freilich besteht bisweilen Uneinigkeit auf eine leichter zu mobilisierende Unterstützung bauen.
darüber, ob Wählerinnen und Wähler den Anforderungen Deren Stammwählerinnen und Stammwähler sind vielfach
von komplexen Sachentscheiden gerecht werden können, bereits politisch interessiert und engagiert. Es sind solche
doch ein Großteil der Forschungsergebnisse erlaubt ein Menschen, die sich wiederum am ehesten an Volksabstim-
durchaus optimistisches Urteil. 4 mungen beteiligen oder Begehren selbst initiieren. Diese
Zusätzlich zu diesen direkten, instrumentellen Auswirkun- direktdemokratischen Formen politischer Beteiligung sind
gen auf politische Inhalte erhoffen sich die Befürworter, in der Regel anspruchsvoller und die zu entscheidenden
positive Effekte direkter Demokratie würden sich zusätzlich Fragen komplexer als das Kreuz für eine Partei. Das legt die
auf Verhalten und Einstellungen der Bürgerinnen und Bür- Vermutung nahe, dass sich gerade die Wählerklientel der
ger bezüglich Politik ausweiten, weshalb diese im Engli- Grünen direktdemokratische Mittel zunutze machen und
schen außer „educative“ auch „secondary“ oder „spill- damit ihre Interessen umsetzen kann. Daher ergibt es für
over effects“ genannt werden. Als Nebenprodukt prozedu- grüne Parteien durchaus Sinn, mit dem Versprechen, di-
raler Teilhabe an direkter Volksgesetzgebung machen die rekte Demokratie auszubauen, für sich zu werben. Diese
Bürgerinnen und Bürger Erfahrungen mit Politik aus erster Zusammenhänge mögen als Erklärungen dafür dienen,
Hand, sodass sie staatsbürgerliche Pflichten verinnerli- dass die grün-rote Landesregierung in Baden-Württem-
chen, sich mit politischen Sachverhalten auseinanderset- berg in ihrer ersten Legislaturperiode so vehement auf den
zen und eigene Vorschläge entwickeln, sowie insgesamt Ausbau direktdemokratischer Beteiligung gedrängt hat,

243

BiS2015_04_umbr.indd 243 11.01.16 11:05


Matthias Fatke
ungeachtet des scheinbar damit verbundenen Machtver- pektive politische Teilhabe am wenigsten erwarten würde.
lustes der Repräsentativorgane. Doch findet die These, di- Im Gegensatz dazu gelangt Armin Schäfer (2015) auf-
rekte Demokratie könne Bürgerinnen und Bürger zu poli- grund seiner Analysen zu einer weitaus kritischeren Hal-
tisch involvierten Menschen ausbilden, im Kontext der Bun- tung gegenüber mehr Direktdemokratie. Unter anderem
desrepublik überhaupt Bestätigung? untersucht er die Ungleichheit der Beteiligung in sozioöko-
nomischer Hinsicht bei den Volksentscheiden in Hamburg
über die Schulreform und in Bayern über den Nichtrau-
Bildende Auswirkungen direkter Demokratie auf die cherschutz. Aus den Resultaten schließt er, dass Verfahren,
Bürger die unmittelbare Sachentscheidungen zum Ziel haben,
eher von wohlhabenden, gebildeten Wählerinnen und
Der dritte Teil soll einen Einblick in die Empirie zu direkter Wählern genutzt werden und deshalb auch eher zu deren
Demokratie und politischem Verhalten in den deutschen Gunsten bzw. zulasten sozial schwächerer Bürgerinnen
Bundesländern gewähren. Steht die Ausgestaltung direkt- und Bürger ausfallen.
demokratischer Beteiligungsmöglichkeiten in einem syste- Um zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen, lässt sich
matischen Zusammenhang mit der Wahlteilnahme, dem der Grad direkter Demokratie in den Bundesländern in Be-
politischen Wissen oder der Demokratiezufriedenheit? ziehung setzen mit der durchschnittlichen Höhe der Wahl-
In der Tat gibt es bislang wenige Erkenntnisse über bil- beteiligung, des politischen Wissens und der Demokratie-
dende Auswirkungen außerhalb der Schweiz und den USA zufriedenheit. Dazu kann man in einem ersten Schritt quan-
– den Paradebeispielen direktdemokratischer Volksmit- tifizieren, wie niedrig die oben beschriebenen Hürden
sprache. Einen Meilenstein in deren empirischer Untersu- sind, wie einfach es also Bürgerinnen und Bürgern gemacht
chung repräsentiert das Buch von Daniel A. Smith und Ca- wird, direktdemokratische Mittel zu ergreifen. Im zweiten
rolin J. Tolbert (2004). Darin weisen sie, wie auch in darauf Schritt kann dann gezeigt werden, dass in Deutschland
folgenden Publikationen, einen positiven Zusammenhang (anders als in der Schweiz) niedrige Hürden tatsächlich
in den amerikanischen Bundesstaaten nach. Jedoch zie- auch häufigere Volksabstimmungen bedingen (Eder et al.
hen in jüngster Zeit Studien (beispielsweise von Joshua J. 2009). Je bürgerfreundlicher die Regeln ausgestaltet sind,
Dyck) diese Ergebnisse in Zweifel, indem mittels strikterer desto häufiger werden direktdemokratische Instrumente
Messungen und Methoden entweder kein statistisch signi- genutzt und Bürgerinnen und Bürger an die Abstimmungs-
fikanter, bisweilen gar ein negativer oder nur dann ein po- urnen gerufen. Um zu überprüfen, ob das auch die erhoff-
sitiver Zusammenhang aufgezeigt werden kann, wenn man ten bildenden Effekte zur Folge hat, werden im dritten
direkte Demokratie als die Anzahl an kurzfristig stattgefun- Schritt die Werte für direktdemokratische Hürden und für
denen Volksabstimmungen begreift. In der Eidgenossen-
schaft scheint die Empirie ebenfalls nicht so eindeutig, wie
die theoretischen Überlegungen aus der progressiven Ära
vermuten lassen. In Kantonen mit stark ausgebauten Volks-
rechten sind Beteiligung und Demokratiezufriedenheit
nicht signifikant höher, wohl aber das Vertrauen in politi-
sche Autoritäten. Werden auf kantonaler Ebene häufig
Volksabstimmungen abgehalten, verspüren die Bürgerin-
nen und Bürger Wahlmüdigkeit und die Beteiligung sinkt
tendenziell sogar. Die Demokratiezufriedenheit steigt da-
für.
Die empirischen Befunde der wissenschaftlichen Literatur
ergeben also kein einheitliches Bild. Zudem wird die Über-
tragbarkeit auf andere Länder, die kürzere Traditionen und
ein geringeres Maß an direkter Demokratie aufweisen, oft-
mals in Frage gestellt. Schließlich muss, selbst wenn ameri-
kanische und schweizerische Bürgerinnen und Bürger posi-
tiv beeinflusst werden, der Zusammenhang bildender Ef-
fekte nicht zwangsläufig auch in Baden-Württemberg so
zutage treten. Wie stellt sich also die Situation in der Bun-
desrepublik dar? Schenkt man dem von der grün-roten
Landesregierung unlängst beauftragten Demokratie-Mo- Volksentscheid in Hamburg
nitoring Glauben (Baden-Württemberg Stiftung 2015), so über die Schulreform
ist die Antwort auf die Frage nach bildenden Effekten – (18.07.2010): Direktdemokrati-
wenig überraschend – positiv. Demnach verlangen sche Verfahren, die unmittel-
Bürgerinnen und Bürger nicht nur mehr politische und ins- bare Sachentscheidungen zum
besondere direktdemokratische Gestaltungsmöglichkei- Ziel haben, werden eher von
ten, den Umfrageergebnissen zufolge steigern transpa- wohlhabenden, gebildeten
rente, offene und verbindliche Beteiligungsprozesse auch Wählerinnen und Wählern
die politischen Fähigkeiten der Bevölkerung. Interessanter- genutzt und deshalb auch
weise äußern in erster Linie bildungsferne, sozial schwa- eher zu deren Gunsten bzw.
che und mit dem demokratischen Geschehen unzufriedene zulasten sozial Schwächerer
Wählerinnen und Wähler diesen Wunsch – gerade dieje- aus fallen.
nigen also, von denen man aus wahlsoziologischer Pers- picture alliance/dpa

244

BiS2015_04_umbr.indd 244 11.01.16 11:05


das politische Verhalten der Bürgerinnen und Bürger mitei- DIE POLITIK DES GEHÖRTWERDENS
nander korreliert. Dabei stellt sich heraus, dass in den Bun-
desländern kein systematischer Zusammenhang besteht
zwischen der Ausgestaltung direkter Demokratie und einer
politisch gebildeten und involvierten Bevölkerung (Wöll ren konnte so ein Kurswechsel zu einer Politik des Gehört-
2015). Wie zum Teil in anderen Ländern erfahren die Er- werdens anvisiert werden, der Baden-Württemberg von
wartungen, die erstmals in der progressiven Ära formuliert der roten Laterne in Fragen der Bürgerbeteiligung befreien
wurden, keine Bestätigung. Auch die Hoffnung, dass sich sollte.
die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg durch Wie sich gezeigt hat, unternahm die Landesregierung
die Politik des Gehörtwerdens mehr politisch beteiligen, achtbare Anstrengungen, um dieses Ziel zu erreichen. Ins-
besser in politischen Fragen auskennen oder zufriedener besondere das Einrichten der Stabsstelle für Zivil ge sell-
mit der Demokratie zeigen würden, muss angesichts dieses schaft und Bürgerbeteiligung zeugt von ernsthaften Ab-
Ergebnisses in Frage gestellt werden. sichten, den Bürgerinnen und Bürgern Gehör zu schenken.
Dass es die Dauer von beinahe der gesamten Legislaturpe-
riode benötigt hat, um konkrete Regelungen für mehr di-
Fazit rektdemokratische Mitsprache im Landtag zur Abstimmung
zu bringen, mag genauso den langwierigen Aushand-
Die Wahl einer grün-roten Landesregierung in Baden- lungsprozessen mit den Oppositionsparteien geschuldet
Württemberg war ein bis dato einmaliges Ereignis in der sein, wie das Ausmaß der Änderungen, die Baden-Würt-
Geschichte des Südweststaats. Mit Winfried Kretschmann temberg keinesfalls zum bundesdeutschen Musterland di-
stellten zum ersten Mal die Grünen einen Ministerpräsi- rekter Demokratie werden lassen. Immerhin ermöglichen
denten in der Bundesrepublik. Dieser radikale Wechsel die neuen, abgesenkten Hürden in der Landesverfassung,
des politischen Personals war gleichzeitig die Folge des in dass Volksbegehren überhaupt als gangbare Alternative
der Bevölkerung verbreiteten Wunsches nach einer ande- zum Wählen von Repräsentanten in Frage kommen. Doch
ren Politik als auch dessen Voraussetzung. Eines der meist so inkrementell sich der Verfassungswandel mit Blick auf
diskutierten Politikfelder in dieser Hinsicht war die Bürger- Beteiligungsbarrieren darstellt, so ernüchternd sind auch
beteiligung. Zum einen profitierten die Grünen und die die empirischen Befunde zu den erhofften bildenden Effek-
SPD von der Enttäuschung der Bürgerinnen und Bürger ten direkter Demokratie. In Anbetracht der Tatsache, dass
über die unzugängliche und gerade bezüglich Stuttgart 21 in den deutschen Bundesländern die Hürdenhöhe nicht in
autoritäre Politik der Vorgängerregierung. Und zum ande- systematischer Weise mit politischem Engagement und In-

245

BiS2015_04_umbr.indd 245 11.01.16 11:05


Matthias Fatke
volviertheit zusammenhängt, erscheinen die Hoffnungen unberücksichtigt zu sehen, noch größer ist, nachdem doch
der Befürworter einer Politik des Gehörtwerdens diesbe- eigentlich die Möglichkeit bestand, angehört zu werden
züglich eher unbegründet. und sich zu beteiligen. Das ist den Ergebnissen des Demo-
Und tatsächlich ist sich die Landesregierung durchaus der kratie-Monitoring in Baden-Württemberg zufolge insbe-
Gefahr gewahr, dass Direktdemokratie auch unliebsame sondere der Fall, „wenn die Anbindung der Beteiligungser-
Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger zur Folge haben gebnisse an die formalen Entscheidungsprozesse unklar
kann. So schreibt Staatsministerin Erler (2015: 14) selbst im bleibt, Ergebnisse in der Schublade verschwinden und di-
Demokratie-Monitor, der Ruf nach mehr direkter Demokra- alog-orientierte Beteiligungsprozesse als Alibi-Veranstal-
tie gehe vor allem in sozial schwachen und bildungsfernen tungen wahrgenommen werden“ (Vetter et al. 2015: 260).
Schichten – scheinbar paradoxerweise – mit einem anti- Darin manifestiert sich abschließend das Dilemma einer
pluralistischen, bisweilen autoritären Demokratiever- Politik des Gehörtwerdens. Prinzipiell ist Aufgabe von Poli-
ständnis einher: „Dem liegt oftmals implizit ein plebiszitä- tik die verbindliche Allokation innerhalb des Gemeinwe-
res Demokratieideal zu Grunde, dass von einem a priori sens. Das beschwört zwangsläufig Interessenkonflikte he-
feststehenden homogenen Volkswillen im Rousseau’schen rauf, die mitunter autoritär gelöst werden müssen und ent-
Sinne ausgeht, den es lediglich zu erkennen und umzuset- sprechend unzufriedene Seiten zurücklassen. Diese sind
zen gilt. Politische Eliten in Form von Parteien und die Dis- nicht per se damit zu lösen, dass sich mehr Menschen be-
kussionsprozesse in den Institutionen der repräsentativen teiligen. Über etwaige Niederlagen und Enttäuschungen
Demokratie werden dabei als blockierende ‚Gegenstücke‘ in politischen Auseinandersetzungen müssen sich alle
[sic!] zu diesem Volkswillen empfunden. Diese Einstellun- Beteiligten vorab im Klaren sein, damit durch responsivere
gen werden von rechtspopulistischen Akteuren bedient, Politik und ausgeweitete Beteiligungsverfahren keine un-
dem es genauso entgegen zu treten gilt, wie einem eher gerechtfertigten Erwartungen geschürt werden, das Er-
links-progressiven Heilssprechen der direkten Demokra- gebnis des politischen Prozesses fiele dadurch eher zu den
tie“ (Erler 2015: 14). eigenen Gunsten aus. Andernfalls wird bei anders lauten-
So ist die Landesregierung gut beraten, eine Politik des den Ergebnissen der Unmut noch gesteigert und – ebenso
Gehörtwerdens nicht auf die formelle Ausgestaltung von unbegründet, aber noch bedenklicher – dem Verfahren
direkter Demokratie zu reduzieren. Vielmehr umfasst die- selbst die Schuld an der politischen Niederlage gegeben,
ses paradigmatische Leitbild auch eine grundsätzliche wobei gerade hierzulande die Legitimität auf grundsätzli-
Haltung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern und de- che Weise in Frage gestellt wird.
ren Interessen. Schließlich ist es prinzipiell auch ohne di-
rektdemokratische Instrumente möglich – wenn auch weni-
ger wahrscheinlich, wenn die Wiederwahl noch in weiter LITER ATUR
Ferne liegt –, dass sich die gewählten Vertreter der Anlie-
Baden-Württemberg Stiftung (Hrsg.) (2015): Demokratie-Monitoring Ba-
gen im Volk annehmen und diese im parlamentarischen den-Württemberg 2013/2014: Studien zu Demokratie und Partizipati-
Prozess behandeln. Eine solche Politik verfolgt sicherlich on. Wiesbaden.
hehre Ziele. Und der Landesregierung unter Winfried Blumenberg, Johannes N./Faas, Thorsten (2013): Stuttgart 21: Einstellun-
gen und Emotionen. In: Wagschal, Uwe/Eith, Ulrich/Wehner, Michael
Kretschmann ist zugutezuhalten, dass sie den Bürgerinnen (Hrsg.): Der historische Machtwechsel: Grün-Rot in Baden-Württem-
und Bürgern mit größerer Bereitschaft zu Responsivität und berg. Baden-Baden, S. 229–246.
Reaktion entgegen getreten ist, als es in den Jahren zuvor Eder, Christina/Vatter, Adrian/Freitag, Markus (2009): Institutional Design
and the Use of Direct Democracy: Evidence from the German Länder.
der Fall war. In: West European Politics, 3/2009, S. 611–633.
Jedoch löst auch das nicht unbedingt alle Probleme, die Erler, Gisela (2015): Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg: Bür-
aus dem ungleichen Verhältnis zwischen Bürgerinnen, Bür- gerbeteiligung stärkt die Demokratie. In: Baden-Württemberg Stiftung
(Hrsg.): Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/2014: Stu-
gern und Politik erwachsen, sondern schafft gegebenen- dien zu Demokratie und Partizipation. Wiesbaden, S. 11–16.
falls gar neue, wie das Beispiel des Nationalparks Nord- Fatke, Matthias (2014): The Political Sociology of Direct Democracy. Dis-
schwarzwald der Landesregierung jüngst vor Augen sertation. Universität Bern.
Fatke, Matthias/Freitag, Markus (2013): Zuhause statt oben bleiben. Stutt-
führte. Der von der Regierung angestrebten „Gesellschaft gart 21 und die direkte Demokratie in Baden-Württemberg. In: Wag-
des Dialogs“ entsprechend, waren einerseits große An- schal, Uwe/Eith, Ulrich/Wehner, Michael (Hrsg.): Der historische
strengungen unternommen worden, die Bürgerinnen und Machtwechsel: Grün-Rot in Baden-Württemberg. Baden-Baden,
S. 207–228.
Bürger so früh und umfassend zu informieren wie bei kei- Rehmet, Frank/Weber, Tim (2013): Volksentscheids-Ranking 2013. Berlin.
nem anderen vergleichbaren Projekt. Andererseits waren Roth, Dieter (2013): Was entschied die Wahl? In: Wagschal, Uwe/Eith,
den Bürgerinnen und Bürgern durch Veranstaltungen, In- Ulrich/Wehner, Michael (Hrsg.): Der historische Machtwechsel: Grün-
Rot in Baden-Württemberg. Baden-Baden, S. 15–29.
formationswanderungen, regionale Arbeitskreise, Info-Te- Schäfer, Armin (2015): Der Verlust politischer Gleichheit. Warum die sin-
lefone und eine Online-Beteiligung zum Gesetzesentwurf kende Wahlbeteiligung der Demokratie schadet. Frankfurt am Main.
zahlreiche Möglichkeiten eingeräumt worden, sich Gehör Smith, Daniel A./Tolbert, Caroline J. (2004): Educated by Initiative: The
Effects of Direct Democracy on Citizens and Political Organizations in
zu verschaffen und ihre Wünsche in das Gesetzesvorha- the American States. Michigan.
ben einfließen zu lassen. Ungeachtet der dadurch offen- Smith, Daniel A./Tolbert, Caroline J. (2007): The Instrumental and Educa-
sichtlichen Opposition unter vielen Bewohnerinnen und tive Effects of Ballot Measures: Research on Direct Democracy in the
American States. In: State Politics & Policy Quarterly, 4/2007, S. 416–
Bewohnern wurde der Nationalpark durch die Regie- 445.
rungsmehrheit im Landtag beschlossen. Auch eine darauf- Solar, Marcel (2015): Reformen direktdemokratischer Verfahren – Berlin,
hin von Gegnerinnen und Gegnern angestrengte Bürger- Bremen und Hamburg im Vergleich. In: Münch, Ursula/Hornig, Eike-
Christian/Kranenpohl, Uwe (Hrsg.): Direkte Demokratie, Tutzinger Stu-
befragung änderte aufgrund ihres nicht bindenden Cha- dien zur Politik 6. Baden-Baden, S. 53–68.
rakters nichts an der Entscheidung, zeigte aber, dass die Vatter, Adrian (2014): Das politische System der Schweiz. Baden-Baden.
große Mehrheit der Abstimmenden mit dem Beschluss un- Vatter, Adrian/Heidelberger, Anja (2013): Volksentscheide nach dem
NIMBY-Prinzip? Eine Analyse des Abstimmungsverhaltens zu Stuttgart
zufrieden ist. 5 Und es scheint dabei nicht abwegig, zu ver- 21. In: Politische Vierteljahresschrift, 2/2013, S. 317–335.
muten, dass die Unzufriedenheit, die eigenen Interessen

246

BiS2015_04_umbr.indd 246 11.01.16 11:05


Vetter, Angelika/Geyer, Saskia/Eith, Ulrich (2015): Die wahrgenommenen
Wirkungen von Bürgerbeteiligung. In: Baden-Württemberg Stiftung DIE POLITIK DES GEHÖRTWERDENS
(Hrsg.): Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/2014: Stu-
dien zu Demokratie und Partizipation. Wiesbaden, S. 223–242.
Wehling, Hans-Georg (2005): Direkte Demokratie in Baden-Württem-
berg. In: Kost, Andreas (Hrsg.): Direkte Demokratie in den deutschen
Ländern. Eine Einführung. Wiesbaden, S. 14–28.
Wöll, Larissa (2015): Zurück zum direktdemokratischen Musterland? Mög-
lichkeiten und sekundäre Auswirkungen der Bürgerbeteiligung in Ba-

UNSER AUTOR
den-Württemberg. BA-Arbeit, Ludwig-Maximilians-Universität Mün-
chen.

ANMERKUNGEN
1 Tatsächlich hatte der Koalitionspartner SPD trotz grundsätzlicher Be-
fürwortung von Stuttgart 21 bereits im Wahlkampf eine Volksabstimmung
propagiert und versprochen. Auf diese Weise ließ sich also nicht nur der
Konflikt in der Bevölkerung, sondern auch in der Regierung zwischen SPD
und Grünen elegant befrieden.
2 Erst 2005 wurden diese Regelungen erlassen. Zuvor lagen die jewei-
ligen Hürden auch auf Gemeindeebene noch höher und es existierte ein
Positivkatalog statt eines Negativkatalogs. Dr. Matthias Fatke ist derzeit Akademischer Rat an der Ludwig-
3 Das gilt beispielsweise für die Entwicklung sowohl in einigen deut- Maximilians-Universität München. Am Lehrstuhl für Vergleichen-
schen Bundesländern als auch in der Schweiz (Solar 2015; Vatter 2014).
4 Oftmals folgen Wählerinnen und Wähler ohnehin den Parolen und de Politikwissenschaft des Geschwister-Scholl-Instituts ist er als
Empfehlungen derjenigen Partei, der sie am nächsten stehen. Sie benutzen wissenschaftlicher Assistent tätig. Er studierte zuvor an der Univer-
also ihre Parteipräferenz als heuristische Abkürzung, um zu einem Urteil sität Konstanz und der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona
zu gelangen. Insofern unterscheiden sich die Wählerinnen und Wähler bei
Volksabstimmungen nicht sonderlich von Politikerinnen und Politikern in Politikwissenschaft. An der Universität Bern wurde er mit seiner
Parlamentsabstimmungen, die meist auch nur so votieren, wie es der Frak- Dissertation zu den gesellschaftlichen Auswirkungen direkter De-
tionsvorsitzende vorgibt. mokratie promoviert. Seine Forschung beschäftigt sich mit The-
5 Bei nicht bindenden Plebisziten ist es durchaus üblich, dass sich eher
Gegnerinnen und Gegner der aktuellen Situation mobilisieren lassen. Be- men der politischen Soziologie und politischen Psychologie und
fürworterinnen und Befürworter sehen dagegen kaum einen Anlass, sich behandelt unter anderem Partizipation, politische Einstellungen
zu beteiligen, da die Situation ungeachtet des Abstimmungsergebnisses und Verhaltensweisen, Sozialkapital und Parteien.
so bleibt, wie sie sie präferieren.

Lehrerin und Lehrer werden


Mit dem Leitfaden Referendariat im Fach Politik

hg. von Valeska Bäder und Siegfried Frech

Das Studium ist beendet, das Referendariat beginnt. Die Praxis des alltäg-
lichen Unterrichtens ist markanter Einschnitt und neue Herausforderung zu-
gleich. Bei der LpB ist dazu jetzt der „Leitfaden Referendariat im Fach Politik“
erhältlich.

Er bietet für verschiedene Unterrichtssituationen eine ideale Hilfestellung – für


die Kurzvorbereitung, die Planung eines kompetenzorientierten Unterrichts,
die Bewertung von Schülerleistungen, die Planung einer Einzelstunde oder der
Lehrprobe. Weitere Themen sind Methoden und Medien, Arbeitstechniken mit
und ohne Schulbuch, Einzel-, Partner und Gruppenarbeit. Auch die Aspekte
„Kategorien des Politischen“ und „Schule und Demokratie“ werden behandelt.
Die zahlreichen Checklisten, Kopiervorlagen und Quellentexte machen den
Band zum praktischen Arbeitsbuch.

Bestellung: 8.– Euro zzgl. Versand, BVTTDIMJF¨MJDIJN8FCTIPQEFS


Landeszentrale für politische Bildung www.lpb-bw.de/shop

247

BiS2015_04_umbr.indd 247 11.01.16 11:05


POLITISCHE KULTUR, PARTEIENSYSTEM UND WÄHLERVERHALTEN

Baden-Württembergs Parteiensystem
im Wandel
Ulrich Eith

SPD steht angesichts dieser Polarisierung in der Gefahr, in


Das Parteiensystem Baden-Württembergs befindet sich den öffentlichen Debatten nur unzureichend präsent zu
im Umbruch. Ulrich Eith zeichnet in seinem Beitrag aus sein. In den Umfragen verharrt sie unter 20 Prozent, wäh-
Sicht der Parteien- und Wahlforschung die Entwicklung rend bei den Grünen Wahlergebnisse bis zu 30 Prozent
des baden-württembergischen Parteiensystems nach. inzwischen nicht mehr auszuschließen sind. Unbezweifel-
Politische Kultur, Wählerverhalten und Parteiensystem bar ist allerdings auch, dass hieran die Person des Minis-
lassen sich im zeitgeschichtlichen Längsschnitt mit der terpräsidenten Winfried Kretschmann einen hohen Anteil
Entwicklung der Wirtschafts- und Siedlungsstrukturen hat.
aber auch mit der Konfessionsstruktur des Südwestens In diesem Beitrag wird nachfolgend die Entwicklung des
erklären. Die Analyse dieser Faktoren und der Blick Parteiensystems in Baden-Württemberg mit dem analyti-
auf die Veränderungen der Zusammenhänge zwischen schen Instrumentarium der Wahl- und Parteienforschung
Sozialstruktur und Wählerverhalten in den letzten drei nachgezeichnet. Aus dieser Sicht stehen Strukturen und
Jahrzehnten tragen wesentlich zum Verständnis der Akteure gleichermaßen im Mittelpunkt.
aktuellen Konstellation des baden-württembergischen Zentrale Kontextfaktoren des politischen Wettbewerbs
Parteiensystems bei. Ulrich Eith fokussiert mehrere Fra- bilden zunächst die sozio-ökonomischen Strukturen. Immer
gen: Welche Entwicklungslinien des parteipolitischen wieder hat die Wahlforschung die Bedeutung etwa der
Wettbewerbs lassen sich für Baden-Württemberg identi- Wirtschafts-, Siedlungs- oder auch Konfessionsstruktur für
fizieren? Wie lässt sich die langjährige dominierende das Wählerverhalten nachweisen können. Allerdings ent-
Stellung der CDU erklären? Was entschied den Umbruch wickeln strukturelle Ausgangsbedingungen keinen Auto-
2011? Wie lässt sich die aktuelle Umbruchsituation – matismus. Hinzu kommen ganz entscheidend die Fähigkei-
auch mit Blick auf die Landtagswahl 2016 – einschät- ten und das Geschick von Parteien und Kandidaten, durch
zen?* ein entsprechendes Programmangebot und zielgerichtetes
politisches Handeln Strukturvorteile für sich nutzen und
mögliche Nachteile ausgleichen zu können. Stabile Partei-
bindungen und konstante Wahlerfolge sind keine Naturer-
Umbrüche und Zäsuren

Das Parteiensystem Baden-Württembergs ist im Umbruch,


unabhängig davon, ob die jetzige grün-rote Landesregie-
rung im März 2016 im Amt bestätigt wird oder nicht. Über
Jahrzehnte hinweg konnte die CDU die Politik des Landes
maßgeblich prägen. Mit Ausnahme des ersten Minister-
präsidenten stellten die Christdemokraten bis 2011 stets
den Regierungschef, von 1972–1992 sogar aus eigener
Kraft ohne Koalitionspartner.
Eine Zäsur stellte die Landtagswahl vom 27. März 2011 dar.
Grüne und SPD errangen erstmals die Mehrheit im Land-
tag, und die CDU musste nach 58 Jahren in der Regie-
rungsverantwortung auf die Oppositionsbänke. Der grüne
Ministerpräsident Winfried Kretschmann schaffte es in
kurzer Zeit, sich weit über seine eigenen Wählerkreise hin-
aus Respekt und Anerkennung zu erwerben. Und selbst
drei Monate vor der Landtagswahl 2016 ist in den Umfra- Die Heiligkreuzkapelle in
gedaten keine Wechselstimmung zu erkennen. Die grün- Amtzell in der Region Ober-
rote Landesregierung mag aus der Sicht mancher CDU- schwaben. Der südliche Teil
Politiker ein Betriebsunfall sein. In den Augen einer über- Baden-Württembergs wird
wiegenden Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in durch die katholischen Milieus
Baden-Württemberg hat die Regierung Kretschmann be- Oberschwabens bestimmt. Ein
wiesen, dass sie das Regierungshandeln beherrscht. durch die Gegenreformation
Ein Zweites geht mit dem Regierungswechsel zu Grün-Rot gefestigter, konservativer
einher. Seit der Landtagswahl 2011 haben sich die Koordi- Katholizismus geht hier einher
naten des politischen Wettbewerbs gründlich verschoben. mit einer insgesamt barocken
Inzwischen sind CDU und Grüne die direkten Gegenspie- Liberalität der Lebensführung.
ler in den landespolitischen Auseinandersetzungen. Die picture alliance/dpa

248

BiS2015_04_umbr.indd 248 11.01.16 11:05


eignisse. Sie sind vor allem das Resultat einer erfolgrei- BADEN-WÜRTTEMBERGS PARTEIENSYSTEM
chen Vertretung und Umsetzung politischer Interessen. IM WANDEL
Nicht zuletzt stehen Landtagswahlen sodann auch unter
dem Einfluss der bundespolitischen Großwetterlage. Ge-
rade die baden-württembergischen Landtagswahlen la- Tugenden wie Fleiß, Selbstdisziplin und Erfindungsreich-
gen bis einschließlich 1980 im direkten Vorfeld von Bun- tum, aber auch eine hohe soziale Kontrolle und eine ge-
destagswahlen und galten häufig als entsprechende Test- wisse Risikoscheue hervorgebracht. Der südliche Teil Würt-
wahlen. tembergs wird durch die katholischen Milieus Oberschwa-
Welche Entwicklungslinien des politischen Wettbewerbs bens bestimmt. Ein durch die Gegenreformation gefestigter,
in Baden-Württemberg lassen sich nun aus dieser Perspek- konservativer Katholizismus geht hier einher mit einer ins-
tive identifizieren? Welche Erklärung findet sich für die gesamt barocken Liberalität der Lebensführung.
langjährige dominierende Stellung der CDU in diesem Die pietistischen Milieus Alt-Württembergs mit ihrer Enge
Bundesland, welche für den Umbruch 2011? Die Analyse und Strenge der Lebensführung stehen zudem im deutli-
der Entwicklung der letzten Jahrzehnte ermöglicht eine chen Gegensatz zum weitaus liberaleren Baden. Die dort
fundierte Einschätzung der aktuellen Umbruchsituation ebenfalls vorfindbare Teilung zwischen einem mehrheit-
des Parteiensystems in Baden-Württemberg und der Aus- lich protestantischen Norden und einem eher katholischen
gangslage kurz vor der Landtagswahl 2016. Süden hat in diesem Fall jedoch nicht zum Aufkommen reli-
giöser Sonderbewegungen geführt. Vielmehr ist das nach
fast allen Seiten offene Durchgangs- und Grenzland Ba-
Region, Konfession und Industrialisierung als sozio- den entlang des Rheins für seine aufgeschlossenere Geis-
ökonomische Kontexte des Parteienwettbewerbs in teshaltung bekannt (vgl. Bausinger 1996). Die direkt nach
Baden-Württemberg dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten vor-
genommene Aufspaltung der beiden Länder Württemberg
Das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Ba- und Baden in einen nördlichen und zwei südliche Teile hat
den entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge alte territorial-kulturelle Gegensätze und somit das Den-
der Neuordnung Europas durch Napoleon und umfassen ken in regionalen Zugehörigkeiten erneut akzentuiert, am
jeweils Gebiete ganz unterschiedlicher politisch-kulturel- stärksten angesichts der kontroversen Diskussionen im
ler Prägungen (vgl. Wehling 2006). In beiden Landesteilen Vorfeld der Staatsgründung 1952 wohl in Südbaden.
existiert ein bis heute spürbarer Nord-Süd-Gegensatz. Die politischen Auswirkungen dieser konfessionell-regio-
Württemberg wird zudem von starken konfessionellen Ge- nalen Gegensätze in Baden-Württemberg sind bis in die
gensätzen bestimmt. Der nördliche Teil ist geprägt durch späten 1970er Jahre im Wählerverhalten unübersehbar
die protestantisch-pietistischen Milieus Alt-Württembergs und verlieren auch in den folgenden Jahrzehnten nur lang-
rund um Stuttgart. Im Zusammenspiel mit der dort einstmals sam ihre Bedeutung. Außerdem bestimmte ein vor allem
geltenden erbrechtlichen Realteilung hat der rigide Pietis- auf Region und Konfession ausgerichtetes Proporzdenken
mus die Herausbildung solch sprichwörtlich schwäbischer stets die Zusammensetzung der CDU-Ministerriege im
Land (vgl. Eith 2001).
Zu diesen Strukturmustern kommen die Effekte einer klein-
städtisch-ländlichen Siedlungsform, die durch die im Süd-
westen verspätet einsetzende Industrialisierung lediglich
geringfügige Veränderungen erfahren hat (vgl. Mielke
1991). Nur ansatzweise hat die schnelle Ausdifferenzie-
rung und Spezialisierung des produzierenden Sektors zur
Herausbildung einer Industriearbeiterschaft und den in
anderen Teilen Deutschlands damit verbundenen großen
städtisch-industriellen Zentren geführt. Nennenswerte In-
dustrieagglomerationen finden sich in Baden-Württem-
berg bestenfalls im Mannheimer sowie im Stuttgarter
Raum. Die bis heute dominierende kleinstädtische Lebens-
weise federte die üblichen sozialen Verwerfungen der In-
dustrialisierung größtenteils ab und verhinderte weitge-
hend das Aufkommen eines proletarischen Klassenbe-
wusstseins. Entsprechend verbreitet ist die Bereitschaft,
zwischen Wohn- und Arbeitsort zu pendeln. Viele Arbeiter
konnten so in ihren traditionellen Bezügen verbleiben und
von Fall zu Fall sogar ihre bisherige Lebensform als nun-
mehr Nebenerwerbs-Landwirte fortführen.
Die politischen Wirkungen dieser spezifischen Industriali-
sierung sind offenkundig. Die kleinstädtisch-ländliche
Strukturierung hat die Chancen der Parteien der Arbeiter-
bewegung in Baden-Württemberg von Beginn an stark be-
schränkt. Demgegenüber stellten die auch nach dem Zwei-
ten Weltkrieg noch intakten katholischen und evangeli-
schen Milieus im ländlichen Südwesten eine strukturell
günstige Ausgangssituation für die politische Arbeit kon-

249

BiS2015_04_umbr.indd 249 11.01.16 11:05


Ulrich Eith
servativ-bürgerlicher Parteien – einerseits der CDU, ande- überdurchschnittlich von den mittleren Generationen, von
rerseits der FDP – dar. Männern weitaus stärker als von Frauen. Die höchsten
Stimmenanteile erzielten die Rechtsextremen – wie früher
bereits die Nationalsozialisten – in protestantischen
Der Aufstieg der CDU zur dominierenden Wahlkreisen Nordwürttembergs und Nordbadens. Hinzu
„Landespartei“ in den 1970er Jahren kamen im Süden Lörrach, Calw, Balingen und Reutlingen,
die katholisch dominierten nordbadischen Wahlkreise
Wie auch andernorts konnte die nach dem Zweiten Welt- Mosbach und Tauberbischofsheim sowie der südbadi-
krieg als überkonfessionell gegründete CDU zunächst an sche, ebenfalls katholische Wahlkreis Offenburg. Sozial-
die durch den Katholizismus geprägten Traditionen der strukturelle Zusammenhänge waren neben diesen konfes-
Weimarer Zentrumspartei anknüpfen. Bereits in den ersten sionell-regionalen Zuordnungen von nur nachrangiger Be-
Wahlen der 1950er Jahre kristallisierten sich die katholi- deutung (vgl. Mielke 1987), offenkundig hingegen war das
schen Wahlkreise im Süden des Landes, in Mittelbaden Protestmoment gegen die große Koalition in Bonn. Nach
zwischen Offenburg und Rastatt sowie diejenigen des der bundespolitischen Weichenstellung zur sozial-libera-
Main-Tauber- und Ostalbkreises als verlässliche christde- len Koalition 1969 war die Oppositionsrolle im Bundestag
mokratische Hochburgen heraus (vgl. Sepaintner 2002). wieder vernehmbarer besetzt und die Unterstützung für
Die im Kulturkampf zusammengeschweißten katholischen die NPD fiel rasch in sich zusammen.
Milieus Baden-Württembergs – insbesondere Ober- Der entscheidende Aufstieg der Union zur Landespartei
schwabens – bildeten bis in die 1980er Jahre unüberwind- Baden-Württembergs gelang dann zu Zeiten der sozial-
bare Bastionen der Union. liberalen Koalition in Bonn und beruhte auf organisatori-
Demgegenüber entwickelte die Sozialdemokratie letztlich schen und wahlsoziologischen Faktoren (vgl. Eith 2001).
weder zum liberalen noch zum pietistischen Protestantis- Organisatorisch führte der seit 1966 amtierende Minister-
mus in Baden-Württemberg eine vergleichbare Nähe. präsident Hans Filbinger 1971 die im Land bislang aus vier
Maßgebend für das Abschneiden der SPD war zudem we- unabhängigen Verbänden bestehende Union zu einem
niger der Konfessionsgegensatz als vielmehr der die Wirt- schlagkräftigen Landesverband mit strafferen Führungs-
schafts- und Erwerbsstruktur bestimmende Gegensatz von strukturen zusammen. Ab 1972 wurde das Staatsministe-
Kapital versus Arbeit. Entsprechend erzielten die Sozialde- rium zum Leit- und Koordinierungszentrum ausgebaut,
mokraten bei den ersten Landtagswahlen ihre besten Er- während sich die CDU-Fraktion in den folgenden Jahren
gebnisse in den industrieller geprägten Ballungszentren zunehmend zu einem selbstbewussten und eigenständi-
des Großraums Stuttgart sowie Nord- und Mittelbadens. gen Machtfaktor in der Landespolitik entwickelte. Als Re-
Überdurchschnittliche Wahlergebnisse gelangen aber gierungspartei mit absoluter Mehrheit war die Union in
auch im protestantisch-pietistischen Nordschwarzwald den 1970er Jahren zudem in der günstigen Lage, ihren
(Calw, Freudenstadt) sowie in kleineren Industriestädten neuen Status als Landespartei auch durch eine bis heute zu
mit einer überwiegend protestantischen Bevölkerung wie beobachtende gezielte Personal- und Versorgungspolitik
Lörrach, Reutlingen oder auch Mühlacker. absichern zu können.
Und dennoch war die Verankerung der SPD in der Arbei- Von wahlstrategischer Bedeutung für den christdemokrati-
terschaft in den 1950er und 1960er Jahren deutlich schwä- schen Aufschwung war der strikt konservative Abgren-
cher ausgeprägt als etwa der Rückhalt der CDU bei den zungskurs der Regierung Filbinger gegen die seit 1969 in
Katholiken. Bei den katholischen Arbeitern profitierten von Bonn regierende sozial-liberale Koalition. 1972 gelang
dieser sozialdemokratischen Schwäche vor allem die diese Polarisierung hauptsächlich durch einen Frontalan-
Christdemokraten, bei den protestantischen Arbeitern griff auf die Ost- und Gesellschaftspolitik der Regierung
CDU, FDP und 1968 auch die NPD (vgl. Biege 1972). Brandt, 1976 erfolgte sie auf eher ideologisch-symboli-
Den konfessionellen Gegenpart zur CDU stellte vielerorts scher Ebene unter dem Motto „Demokratischer Staat oder
zunächst die FDP dar. In den Landtagswahlen bis 1968 er- sozialistische Gesellschaft“ (vgl. Biege/Mann/Wehling
zielten die Liberalen Stimmenanteile von teilweise über 30 1976). Zudem setzte die CDU mit den Slogans „Mit uns für
Prozent im protestantisch geprägten Nordwürttemberg, Baden-Württemberg“ und „Die liberale und soziale Volks-
überdurchschnittliche Anteile aber auch in Pforzheim, Sins- partei der Mitte“ bereits 1976 erfolgreich auf die Selbstin-
heim, Calw, Freudenstadt und Reutlingen. Am erfolgreichs- szenierung als „Baden-Württemberg-Partei“.
ten waren die Liberalen in protestantischen Wahlkreisen In besonderer Weise profitierten die Christdemokraten
mit einem hohen Anteil von kleinen und mittleren Selbst- auch vom linksliberalen Schwenk der FDP im Bund 1969.
ständigen, Gewerbetreibenden oder auch Beschäftigten Das nunmehr verwaiste protestantisch-altliberale Wähler-
im öffentlichen Dienst (vgl. Adam 1979). Damit banden die milieu Baden-Württembergs konnte durch die konservative
Liberalen gerade im neuen Mittelstand Wählergruppen, Politik Filbingers in großen Teilen für die CDU gewonnen
die letztlich wiederum der SPD in der Endabrechnung zur werden, die 1972 erstmals die absolute Mehrheit errang.
CDU fehlten. Nur geringen Zuspruch erfuhr die FDP in ka- Darüber hinaus gelangen entscheidende Stimmenge-
tholischen Gegenden sowie von der Arbeiterschaft. Mit winne in städtischen Wahlkreisen, den bisherigen Hoch-
Beginn der sozial-liberalen Ära in Bonn 1969 fiel der lan- burgen der Sozialdemokratie. Deren Kurskorrektur in Rich-
desweite FDP-Stimmenanteil in Baden-Württemberg dann tung alternative Themen der neuen sozialen Bewegungen
dauerhaft unter die Zehnprozentmarke. unter ihrem langjährigen Landes- und Fraktionsvorsitzen-
1968 zog die rechtsextreme NPD mit einem Wahlergebnis den Erhard Eppler (vgl. Mann 1972) – vielfach übrigens in
von 9,8 Prozent für vier Jahre in den Stuttgarter Landtag Opposition zur eigenen Bundesregierung unter Helmut
ein, nachdem sie bereits zuvor in Schleswig-Holstein, Schmidt – hat der Union in den 1970er Jahren unverhofft
Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Bremen die Fünfpro- neue Zuwachsmöglichkeiten sowohl unter der städtischen
zenthürde hatte überspringen können. Gewählt wurde sie Arbeiterschaft als auch im protestantischen Bürgertum er-

250

BiS2015_04_umbr.indd 250 11.01.16 11:05


öffnet. Die SPD hatte es während ihrer Regierungsbeteili- BADEN-WÜRTTEMBERGS PARTEIENSYSTEM
gung 1966–1972 versäumt, ein für Volksparteien unver- IM WANDEL
zichtbares mehrheitsfähiges politisches und personelles
Profil zu entwickeln. Selbst bei Arbeiterinnen und Arbeitern
wurde sie nun von der Union überflügelt. strichen dann auch die Republikaner waren. Im neuen Mit-
telstand verloren die Sozialdemokraten seit den 1980er
Jahren vor allem bei den jüngeren Generationen zuguns-
Die Ausdifferenzierung des Parteiensystems seit den ten der Grünen. Über nunmehr drei Jahrzehnte hinweg hat
1980er Jahren die SPD den Spagat zwischen der traditionellen Arbeiter-
schaft und den postmaterialistischen Bildungseliten nicht
In den 1980er Jahren etablierten sich die Grünen. Die erfolgreich auflösen können. Hieran änderten auch zwi-
größte Unterstützung mobilisierten sie im badischen Süd- schenzeitliche Positionsverbesserungen in ländlichen und
westen rund um Freiburg, in Tübingen und Heidelberg so- katholischen Wahlkreisen kaum etwas. 1996 erzielte die
wie in der Hochrhein-Bodensee-Region. Bereits 1980 ge- SPD nach vierjähriger Regierungsbeteiligung mit ihrem
lang der Sprung über die Fünfprozenthürde, von 1984 bis Spitzenkandidaten, dem amtierenden Wirtschaftsminister
zur Wahl 2011 stellten die Grünen mit Ausnahme von 1992 und stellvertretenden Ministerpräsidenten Dieter Spöri,
(Republikaner) und 2001 (FDP) die drittstärkste Landtags- gerade noch 25,1 Prozent, 2006 waren es aus der Opposi-
fraktion. Als stabile Hochburgen haben sich bis heute im- tion heraus ebenfalls nur 25,2 Prozent.
mer wieder die Dienstleistungs- und Universitätsstädte des Die FDP hat im Verlauf der 1980er Jahre ihre ehemals ge-
Landes erwiesen. Die grüne – dem studentischen Dasein festigte strukturelle Verankerung in Baden-Württemberg
mittlerweile zumeist entwachsene – Wählerschaft weist weitgehend verloren. Der erneute Koalitionswechsel auf
die höchste formale Bildung auf, viele arbeiten in Human- Bundesebene 1982 – diesmal zurück zur Union – führte in
dienstleistungsberufen, häufig in gehobenen Angestell- den darauffolgenden Wahlen zu starken Verlusten nun
ten- oder Beamtenpositionen. auch bei linksliberalen Wählern in den städtischen Dienst-
Der Aufschwung der Grünen verringerte nochmals die leistungszentren. Ihr früherer Alleinvertretungsanspruch
Chancen der SPD auf eine eigenständige Machtperspek- bürgerlich-protestantischer Interessen war somit weitge-
tive in Baden-Württemberg. Gleich von zwei Seiten gerie- hend relativiert, auch wenn die liberalen Hochburgen – al-
ten die Sozialdemokraten unter Druck. Unter der Arbeiter- lerdings auf inzwischen deutlich niedrigerem Niveau –
schaft hatte bereits der von Erhard Eppler vollzogene post- noch immer im protestantischen Württemberg liegen. Wie
materialistische Schwenk zu massiven Verlusten in den auch in anderen Teilen der Bundesrepublik wird die FDP in
städtischen Ballungsgebieten geführt, deren Nutznießer ihrem „Stammland“ seit den 1990er Jahren vor allem noch
in erster Linie zunächst die Christdemokraten und mit Ab- als wirtschaftsliberale Funktionspartei wahrgenommen.

Der ehemalige Grünen-Abge-


ordnete Holger Heimann über-
gibt in Stuttgart seine Latzhose
aus dem Jahr 1980 der Leiterin
des Hauses der Geschichte,
Paula Lutum-Lenger. Heimann
trug die Hose, als er 1980 im
Landtag dem damaligen Minis-
terpräsident Lothar Späth
einen Kaktus überreichte.
picture alliance/dpa

251

BiS2015_04_umbr.indd 251 11.01.16 11:05


Ulrich Eith
Hieran konnte auch die erneute Regierungsbeteiligung
1996–2011 unter den Ministerpräsidenten Erwin Teufel,
Günther Oettinger und Stefan Mappus nichts Entschei-
dendes ändern.
Den Wendepunkt des christdemokratischen Integrations-
prozesses markiert die Regierungsübernahme von Lothar
Späth 1978. Sein wirtschaftlich durchaus erfolgreicher, al-
lerdings stark auf den Stuttgarter Raum konzentrierter Mo-
dernisierungskurs stellte vor allem die vermeintlich allein
wahlentscheidenden neuen Mittelschichten in den größe-
ren Städten in den Mittelpunkt. Die kleinstädtisch-ländli-
che Struktur Baden-Württembergs geriet damit zu sehr aus
dem Blick. Folgerichtig wurde das Image Baden-Würt-
tembergs als modernes „Musterländle“ letztlich auch mit
massiven Abkopplungstendenzen unter den Traditions-
wählern in der ländlichen Peripherie und in den städti-
schen Problemzonen erkauft (vgl. Oberndörfer/Mielke/
Eith 1992). 1988 entzündete sich der zunehmende Unmut
über den Stuttgarter Regierungskurs im katholischen Ober-
schwaben an der Frage des Schwangerschaftsabbruchs
und der als bedrohlich empfundenen Situation der Bauern.
Ab 1992 konnten sich dann die rechtextremen Republika-
ner für zwei Legislaturperioden im Stuttgarter Landtag ein-
richten.
Starke Unterstützung erfuhren die Republikaner vor allem
im Nordschwarzwald und in Nordwürttemberg rund um Die Landtagswahl 2011 führte zum ersten vollständigen
Stuttgart. Hinzu kamen einzelne Regionen in Oberschwa- Regierungswechsel in Baden-Württemberg und brachte
ben. Die niedrigsten rechtsextremen Stimmenanteile wa- zugleich mit Winfried Kretschmann den ersten Grünen ins
ren hingegen in Südbaden zu verzeichnen. Überdurch- Amt des Ministerpräsidenten eines Bundeslandes.
schnittliche Ergebnisse erzielten die Republikaner stets in picture alliance/dpa
Wahlkreisen mit einem hohen Anteil an produzierendem
Gewerbe, bei Arbeitern, Gewerkschaftsmitgliedern, jün-
geren Männern und Kirchenfernen. Katalysatorisch wirkte 2011: Betriebsunfall oder Umbruch?
1992 die von der Union inszenierte Asyldebatte, 1996 die
von der SPD forcierte Aussiedlerdiskussion. Die Landtagswahl 2011 führte dann zum ersten vollständi-
Auffällig ist darüber hinaus, dass die republikanischen gen Regierungswechsel in Baden-Württemberg und
Hochburgen der 1990er Jahre – von wenigen Ausnahmen brachte zugleich mit Winfried Kretschmann den ersten
im katholischen Oberschwaben einmal abgesehen – vor Grünen ins Amt des Ministerpräsidenten eines Bundeslan-
allem in protestantisch-pietistisch geprägten Wahlkreisen des. Dieser Machtwechsel beruht auf kurz- und längerfris-
liegen. Dies legt die Frage nach möglichen Besonderhei- tigen Ursachen (vgl. Roth 2011).
ten der dortigen regionalen politischen Kultur nahe (vgl. Die Landtagswahl fand vor dem Hintergrund der Ereig-
Eith 2003). Vieles deutet darauf hin, dass der zunächst re- nisse um Stuttgart 21 sowie der Reaktorkatastrophe in Fu-
ligiös begründete rigide moralische Anspruch zusammen kushima statt, was in beiden Fällen das sowieso schon
mit der hohen sozialen Kontrolle in seiner säkularisierten schlechte Ansehen des CDU-Ministerpräsidenten Stefan
Form die Ausprägung von stark gesinnungsethischen poli- Mappus verstärkte. Die Auseinandersetzungen um den
tischen Orientierungen befördert hat. Im günstigen Fall Bahnhofsneubau in Stuttgart hatten ihren unrühmlichen
führt dies zu politischem Engagement, im ungünstigen Fall Höhepunkt am 30. September 2010 durch den massiven
zu Formen ausgeprägter politischer Frustration und dicho- Einsatz von Wasserwerfern gegen friedlich Demonstrie-
tomen Freund-Feind-Wahrnehmungen. Letzteres bietet ge- rende. Verantwortlich gemacht wurde dafür in der Öffent-
rade bei ungenügender (partei-)politischer Eingebunden- lichkeit Ministerpräsident Mappus, der in den Auseinan-
heit vielfache Anknüpfungspunkte für autoritäre Politikfor- dersetzungen mit den Gegnern des Projekts Stuttgart 21
derungen und Sündenbocktheorien. stets eine harte Linie vertrat und wenig Kompromissbereit-
In der Summe bleibt somit festzuhalten, dass sich die Zu- schaft erkennen ließ. Über den Jahreswechsel 2010/2011
sammenhänge zwischen Sozialstruktur und Wählerverhal- gelang es durch die Schlichtungsverhandlungen von Hei-
ten in Baden-Württemberg im Verlauf der letzten drei Jahr- ner Geißler, die Situation etwas zu beruhigen.
zehnte schrittweise verändert haben. Im Verhältnis von Am 11. März 2011 nahm dann die Reaktorkatastrophe in
Christ- und Sozialdemokraten profitierte von diesen Ent- Fukushima ihren Anfang. Nur wenige Tage später reagier-
wicklungen letztlich die CDU, die trotz zeitweiliger Mobili- ten Bundes- und Landesregierung mit der Ankündigung
sierungsschwächen in katholisch-ländlichen Wahlkreisen des Atomausstiegs. Insbesondere im Falle der Landesre-
und absoluten Stimmenverlusten im Land inzwischen selbst gierung war diese Kehrtwende des bisherigen Atombefür-
bei Arbeitern und kleineren Angestellten eine zunehmend worters Mappus für viele Wählerinnen und Wähler höchst
klarere Vormachtstellung gegenüber der SPD behaupten unglaubwürdig.
konnte. Hinzu kam, dass die CDU und insbesondere ihr Minister-
präsident Mappus bereits vor diesen Ereignissen schlechte

252

BiS2015_04_umbr.indd 252 11.01.16 11:05


BADEN-WÜRTTEMBERGS PARTEIENSYSTEM
IM WANDEL

entscheidung sowie eine aus Sicht der breiteren Öffent-


lichkeit im Großen und Ganzen doch geräuschlose, kom-
petente Regierungsarbeit von Grün-Rot hat zu den bereits
beschriebenen Veränderungen in der Struktur des politi-
schen Wettbewerbs im Land geführt. Die Vorbehalte ge-
gen grünes Regierungshandeln sind weithin abgebaut.
Und mit Grünen und Sozialdemokraten in der Regierungs-
verantwortung sind die Lichter in Baden-Württemberg kei-
neswegs ausgegangen, wie von manchen Konservativen
zu Beginn der Legislaturperiode befürchtet wurde. Eine
Wechselstimmung ist daher im Land nicht erkennbar. Die
Landtagswahl von 2011 hat somit aus historischer Perspek-
tive alle Chancen, zukünftig als critical election, als Wahl
des Umbruchs und einer Neustrukturierung des politischen
Wettbewerbs in Baden-Württemberg zu gelten.

Fazit und Ausblick auf die Landtagswahl 2016

Die in diesem Beitrag diskutierten Entwicklungslinien des


politischen Wettbewerbs in Baden-Württemberg verdeut-
lichen, dass strukturelle Voraussetzungen keine Zwangs-
läufigkeiten begründen und zielgerichtetes politisches
Umfrageergebnisse erzielten. In der CDU-Wählerschaft Handeln nicht ersetzen.
hatte sich den verfügbaren Umfragedaten zufolge über Die CDU konnte im Verlauf der Jahrzehnte die sich ihr in
Jahre hinweg das Gefühl verstärkt, dass die Regierung den Baden-Württemberg bietenden Strukturvorteile zunächst
Kontakt zu den eigenen Wählerinnen und Wählern immer nutzen und in den 1970er Jahren zur beherrschenden Lan-
stärker vermissen ließ und zunehmend abgekoppelt von ih- despartei aufsteigen. Die mit dem Modernisierungskurs
rer Basis handelte. Insbesondere in den größeren Städten unter Ministerpräsident Lothar Späth einsetzenden Wahl-
und bei Frauen traf die CDU immer weniger das vorherr- verluste haben allerdings auch die Bedingungen erfolgrei-
schende Lebensgefühl. Stefan Mappus verstärkte mit sei- chen politischen Handelns in Baden-Württemberg deut-
nem brachialen Regierungsstil dieses Unbehagen. Seit lich werden lassen. Der Erfolg der CDU gründete zum ei-
dem Herbst 2010 hatte sich eine Wechselstimmung im nen auf einer sorgsam ausgewogenen Berücksichtigung
Land aufgebaut, die zusammen mit den Auswirkungen von der politischen Interessen im Koordinatensystem von Kon-
Stuttgart 21 und der Reaktorkatastrophe in Fukushima fessionen, sozialer Lage und territorialen Zugehörigkeiten,
letztlich dann zur Abwahl der amtierenden Regierung auf einem Ausgleich zwischen Traditionsbewusstsein und
führte. Modernisierungswillen. Hinzu kam zum anderen die Not-
Nutznießer dieser Entwicklungen waren in erster Linie die wendigkeit, die anstehenden Führungswechsel in den poli-
Grünen, die zeitweise im Verlaufe der Auseinandersetzun- tischen Spitzenpositionen des Landes mit größtmöglichem
gen um Stuttgart 21 und dann ab der Reaktorkatastrophe Konsens erfolgreich zu bewältigen. Als dies nicht mehr op-
in den Umfragen besser als die Sozialdemokraten ab- timal klappte, erfolgte der Abschwung. Dem Verlust der
schneiden konnten. Unter dem Eindruck von Fukushima kam Regierungsverantwortung 2011 gingen ein schleichender
es bei der Landtagswahl zu einer Steigerung der Wahlbe- Prozess der Entfremdung der politischen Spitze von ihren
teiligung von über zwölf Prozentpunkten, was überwie- Wählerinnen und Wählern sowie eine implizite Spaltung
gend den Grünen zu Gute kam. Die Tatsache, dass die der Parteispitze in rivalisierende Lager voraus.
Grünen in der Endabrechnung vor der SPD lagen und somit Der SPD ist es demgegenüber nicht gelungen, die Struktur-
den Ministerpräsidenten stellen konnten, ist in hohem nachteile für klassische Arbeitnehmerparteien in Baden-
Maße dem zu diesem Zeitpunkt hochaktuellen Thema Württemberg durch eine Erschließung neuer Wählerseg-
Atomausstieg geschuldet. mente entscheidend auszugleichen. In traditionelle Arbei-
Ist die grün-rote Regierung unter Kretschmann somit vor al- termilieus konnte zwischenzeitlich die Union eindringen, in
lem ein Betriebsunfall in der baden-württembergischen der Auseinandersetzung um die strategischen Stimmenan-
Geschichte, verursacht durch sehr spezifische Umstände teile bei den neuen Mittelschichten ist den Sozialdemokra-
bei der Landtagswahl 2011? ten in Gestalt der Grünen ein neuer Konkurrent erwachsen.
Eine solche Sicht vernachlässigt den enormen Vertrauens- Zudem gelang es den Sozialdemokraten selbst in der Re-
verlust der vorherigen CDU-Regierungen sowie den Ver- gierungsverantwortung nicht, im größeren Umfang neue
lauf der aktuellen Regierungsperiode. Das schnelle Hin- Wählergruppen hinzuzugewinnen. Im politischen Wettbe-
einwachsen des Ministerpräsidenten Kretschmann in die werb fehlt der SPD auch bundesweit inzwischen ein präg-
Rolle des weithin geschätzten Landesvaters, der Einstieg in nantes Alleinstellungsmerkmal. Für soziale Gerechtigkeit
ein verändertes Verhältnis von Politik und Bürgerschaft steht auch die Linke, für Ökologie und Umweltschutz die
durch den Ausbau von Bürgerbeteiligung und Bürgermit- Grünen, für Wirtschaft die CDU. In der aktuellen baden-

253

BiS2015_04_umbr.indd 253 11.01.16 11:05


Ulrich Eith
Die kleineren Parteien in Baden-Württemberg weisen der-
zeit keine gefestigten Strukturverankerungen auf, die sie
sicher über die Fünfprozenthürde bringen. FDP, Linke und
AfD sind darauf angewiesen, von aktuellen Themen zu pro-
fitieren. Bei der kommenden Landtagswahl hat somit die
überwiegend rechtspopulistische AfD als Protestpartei
und Projektionsfläche für Fremdenangst und Bedrohungs-
gefühle die besten Chancen. Der Vergleich mit den Wahl-
erfolgen der NPD und der Republikaner zeigt, dass bei
Wahrnehmung und öffentlicher Diskussion der Flüchtlings-
situation als Bedrohung für die einheimische Bevölkerung
Wahlergebnisse von über zehn Prozent möglich sind.
Nennenswerte Wählerpotenziale für rechtsextreme und
rechtspopulistische Parteien finden sich vor allem in den
protestantischen Landesteilen Baden-Württembergs. Es
liegt angesichts der Zusammensetzung ihrer Wählerschaf-
ten ganz entscheidend an den Christ- sowie den Sozialde-
mokraten, den rechtspopulistischen Bedrohungs-, Sünden-
bock- und Verschwörungstheorien durch eine verlässliche
Politik der Interessenvertretung für untere und mittlere sozi-
ale Schichten entschieden entgegenzuwirken. Darüber hi-
naus ist die Landesregierung gefordert. Dringend nötig
sind Bildungs- und Ausbildungsprogramme, Arbeitsein-
gliederungsmaßnahmen und sozialer Wohnungsbau, da-
mit sozial Schwächere und Flüchtlinge nicht unnötig zu
Konkurrenten werden.
Beim baden-württembergischen Landesparteitag der Alter- Die in den aktuellen Umfragen zum Ausdruck kommende
native für Deutschland (AfD) wird am 25.07.2015 in Pforz- Zufriedenheit mit dem Ministerpräsidenten Winfried
heim eine Stimmkarte in die Höhe gehalten. Bei der Land- Kretschmann und seiner grün-roten Landesregierung ist
tagswahl 2016 hat die überwiegend rechtspopulistische AfD auch drei Monate vor der Landtagswahl ausgesprochen
als Protestpartei und Projektionsfläche für Fremdenangst hoch. Im persönlichen Vergleich liegt Winfried Kretsch-
und Bedrohungsgefühle gute Chancen, ins Landesparlament mann um Längen vor seinem Herausforderer, dem Christ-
einzuziehen. picture alliance/dpa demokraten Guido Wolf. Dennoch wird die kommende
Landtagswahl vor allem wohl dadurch entschieden wer-
den, wie viele Parteien in den Stuttgarter Landtag gewählt
württembergischen Polarisierung zwischen CDU und werden. Angesichts der Umfragedaten wird Winfried
Grüne drohen der SPD trotz anerkanntermaßen guter Kretschmann bei drei und eventuell sogar noch bei vier
Regierungspolitik weitere Verluste und das Abrutschen Landtagsfraktionen mit Grün-Rot weiterregieren können.
deutlich unter 20 Prozent. Für eine erfolgreiche Wirt- Bei fünf Fraktionen braucht es dazu dann schon eine Am-
schafts- und Finanzpolitik und einen ausgeglichenen pelkoalition. Kommt diese nicht zustande, wird Baden-
Haushalt bekommt der sozialdemokratische Minister und Württemberg nach fünf Jahren Grün-Rot erneut von einem
Parteivorsitzende Nils Schmid durchaus hohe Anerken- CDU-Ministerpräsidenten regiert werden, der zudem zwi-
nung, unterdurchschnittlich allerdings von seinen eigenen schen mindestens zwei Koalitionspartnern wählen kann.
Traditionswählern. Die „Schwarze Null“ ist bei vielen Sozi-
aldemokraten kein Selbstzweck, bestenfalls die Voraus-
setzung zur Finanzierung weiterer sozialpolitischer Maß-
nahmen zur Reduzierung von sozialen Ungerechtigkeiten. LITER ATUR
Die Grünen haben sich in Baden-Württemberg als neue * Dieser Beitrag beruht in Teilen auf einer überarbeiteten Version des Bei-
Milieupartei des urbanen Bildungsbürgertums fest etab- trags „Wählerverhalten in Baden-Württemberg – Strukturen, Akteure,
Entwicklungslinien“, erschienen in: Eilfort, Michael (Hrsg.): Parteien in
liert. Zudem nutzten sie erfolgreich die Chance, durch Ab- Baden-Württemberg. Stuttgart 2004, S. 219–229.
wahl der CDU 2011 den Ministerpräsidenten stellen zu Adam, Uwe Dietrich (1979): Politischer Liberalismus im deutschen Südwes-
können. Mit Winfried Kretschmann an der Spitze gelan- ten 1945–1978. In: Rothermund, Paul/Wiehn, Erhard R. (Hrsg.): Die
F.D.P./DVP in Baden-Württemberg und ihre Geschichte. Stuttgart,
gen in der aktuellen Regierungsperiode beachtliche Ver- S. 220–253.
trauenszuwächse und der Abbau alter Vorurteile bei Wäh- Biege, Hans-Peter (1972): Wer wählt was in Baden-Württemberg? Wähler,
lerkreisen der politischen Konkurrenz. Dass die Grünen in Wahlkampf und Wahlerfolg im Lichte der Wahlforschung. In: Der Bür-
ger im Staat, 1/1972, S. 27–32.
sämtlichen Umfragen seit 2011 konstant vor der SPD ste- Biege, Hans-Peter/Mann, Hans Joachim/Wehling, Hans-Georg: Die
hen, verdeutlicht das Ausmaß dieser Veränderungen. Die Landtagswahl vom 4. April 1976 in Baden-Württemberg. Bewährungs-
sich abzeichnende Polarisierung im Wahlkampf kann den probe für die Thematik des Bundeswahlkampfes? In: Zeitschrift für Par-
lamentsfragen, 4/1976, S. 329–352.
Stimmenanteil der Grünen durchaus bis in die Nähe der Bausinger, Hermann (1996): Zur politischen Kultur Baden-Württembergs.
Dreißigprozentmarke treiben. Für die Zukunft ist zumindest In: Bausinger, Hermann/Eschenburg, Theodor u. a.: Baden-Württem-
absehbar, dass es bei entsprechenden Mehrheitskonstel- berg. Eine politische Landeskunde, 4. Auflage, Stuttgart, S. 14–42.
Eith, Ulrich (2001): Regierungsperioden und politische Dominanz in Ba-
lationen wohl auch bei der CDU keine grundsätzlichen den-Württemberg: Die CDU als „Landespartei“. In: Hirscher, Gerhard/
Vorbehalte mehr gegen einen Koalition mit den Grünen Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Aufstieg und Fall von Regierungen. München,
geben wird. S. 249–277.

254

BiS2015_04_umbr.indd 254 11.01.16 11:05


Eith, Ulrich (2008): Das Parteiensystem Baden-Württembergs. In: Jun,
Uwe/Haas, Melanie/Niedermayer, Oskar (Hrsg.): Parteien und Partei- BADEN-WÜRTTEMBERGS PARTEIENSYSTEM
ensysteme in den deutschen Ländern. Opladen, S. 103–123. IM WANDEL
Eith, Ulrich/Mielke, Gerd (2013): Volksentscheide versus Parteiendemo-
kratie? Das Lehrstück Stuttgart 21. In: Wagschal, Uwe/Eith, Ulrich/
Wehner, Michael (Hrsg.): Der historische Machtwechsel: Grün-Rot in
Baden-Württemberg. Baden-Baden, S. 155–165.
Mann, Hans-Joachim (1992): Die SPD in Baden-Württemberg von 1952 bis

UNSER AUTOR
zur Gegenwart – Politik, innere Entwicklung, Organisation. In: Schadt,
Jörg/Schmierer, Wolfgang (Hrsg.): Die SPD in Baden-Württemberg und
ihre Geschichte. Stuttgart, S. 233–299.
Mielke, Gerd (1987): Sozialer Wandel und politische Dominanz in Baden-
Württemberg. Eine politikwissenschaftlich-statistische Analyse des Zu-
sammenhangs von Sozialstruktur und Wahlverhalten in einer ländlichen
Region. Berlin.
Mielke, Gerd (1991): Alter und neuer Regionalismus: Sozialstruktur, politi-
sche Traditionen und Parteiensystem in Baden-Württemberg. In:
Oberndörfer, Dieter/Schmitt, Karl (Hrsg.): Parteien und regionale poli-
tische Traditionen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin, S. 299–
313.
Oberndörfer, Dieter/Mielke, Gerd/Eith, Ulrich (1992): Die These vom
Denkzettelvotum greift viel zu kurz. Der Erfolg der Rechtsradikalen re-
sultiert aus der Entfremdung der Traditionsparteien von der Lebenswelt Prof. Dr. Ulrich Eith studierte Politikwissenschaft, Mathematik und
ganzer Bevölkerungsschichten. Analyse der Landtagswahl in Baden- Soziologie in Freiburg. Nach Promotion und Habilitation in
Württemberg. In: Süddeutsche Zeitung vom 11.04.1992, S. 9. Politikwissenschaft lehrte er zunächst in Freiburg und Göttingen.
Roth, Dieter (2011): Baden-Württemberg 2011: Was entschied die Wahl?
In: Wagschal, Uwe/Eith, Ulrich/Wehner, Michael (Hrsg.): Der histori- Heute ist er Direktor des Studienhauses Wiesneck, Institut für po-
sche Machtwechsel: Grün-Rot in Baden-Württemberg. Baden-Baden. litische Bildung Baden-Württemberg e. V. in Buchenbach und
Baden-Baden, S. 15–29. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg. Seine
Sepaintner, Fred Ludwig (2002): 50 Jahre Landtagswahlen in Baden-
Württemberg. Grundzüge und Tendenzen. In: Der Bürger im Staat, Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die Wahl- und Ein-
1/2002, S. 79–88. stellungsforschung, die Parteienforschung und das deutsche Re-
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Baden-Württem- gierungssystem im Systemvergleich. Darüber hinaus ist er als
berg in Wort und Zahl, (Berichterstattung zu den Landtagswahlen);
verschiedene Jahrgänge. Stuttgart. Fachgutachter für politische Stiftungen und Fachzeitschriften so-
Weber, Reinhold (2006): Politische Kultur, Parteiensystem und Wählertra- wie als wissenschaftlicher Kommentator in Printmedien, Rundfunk
ditionen im deutschen Südwesten. In: Weber, Reinhold/Wehling, Hans- und Fernsehen aktiv.
Georg (Hrsg.): Baden-Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik.
Stuttgart, S. 56–89.
Wehling, Hans-Georg (2006): Baden-Württemberg: Zur Geschichte eines
jungen Bundeslandes. In: Weber, Reinhold/ Wehling, Hans-Georg
(Hrsg.): Baden-Württemberg. Gesellschaft, Geschichte, Politik, Stutt-
gart, S. 9–32.
Wagschal Uwe/Eith, Ulrich/Wehner, Michael (Hrsg.) (2013): Der histori-
sche Machtwechsel: Grün-Rot in Baden-Württemberg. Baden-Baden.

Menschenrechte und Geschichte


Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs

Band 43, hrsg. von Sylvia Schraut, Peter Steinbach,


Menschenrechte Wolfgang M. Gall und Reinhold Weber
und Geschichte Die 13 Forderungen des Volkes in Baden, am 12. September 1847 im Offenburger
Die 13 Offenburger Forderungen
des Volkes von 1847
Gasthaus Salmen verlesen, gehören zu den wichtigsten Zeugnissen deutscher
Hrsg. von Sylvia Schraut, Peter Steinbach,
Wolfgang M. Gall und Reinhold Weber
Demokratiegeschichte. Sie symbolisieren das Freiheitsverlangen der Deutschen.

In prägnanten Essays ordnen bekannte Autorinnen und Autoren die 13 Forderungen


in die historischen und politischen Zusammenhänge ein, um die Bedeutung der
Menschenrechte in Geschichte und Gegenwart zu bekräftigen. Interviews mit
prominenten Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Kunst ergänzen das weit
gespannte Panorama deutscher Freiheits- und Demokratiegeschichte.

Bestellung: 6.50 Euro zzgl. Versand, Bestellung ausschließlich im Webshop


der Landeszentrale für politische Bildung: www.lpb-bw.de/shop
E-Book (kostenlos) unter www.lpb-bw.de/e-books.html

255

BiS2015_04_umbr.indd 255 11.01.16 11:05


EIN NEUES QUARTETT – UND VIER NEUE ROLLEN

Die Spitzenkandidaten der Landtagswahl 2016


und ihre Parteien
Stefan Hupka

früherer SPD-Landeschef, warnte spöttisch vor einem


Demokratie, das ist das wahrlich Spannende an ihr, „Bündnis der Väter und Söhne aus den Villenvororten“.
mischt die Karten immer wieder neu – und manchmal Kretschmann also wollte nochmal, aber zeigte wenig Nei-
auch die Mitspieler: Das Quartett von Spitzenkandida- gung, sich auf etwas einzulassen, das bei den Grünen zur
ten, das die Baden-Württemberger auf den Wahlplaka- guten Ordnung gehört: die Spitzenkandidatur zu teilen
ten sehen, hat es so noch nicht gegeben bei den vier im wie die anderen Führungsämter auch und sie einem Tan-
Landtag etablierten Parteien, um die es in dem Beitrag dem aus Mann und Frau zu übertragen. Es drängte sich
von Stefan Hupka geht. Zwei der vier Mitspieler geben allerdings auch niemand auf damals, auf den das Anforde-
ihr Debüt, Guido Wolf und Hans-Ulrich Rülke; auch ihre rungsprofil gepasst hätte: weiblich, links, jünger und zu-
Parteien haben neue Rollen: CDU und FDP müssen erst- gleich politisch versiert. Also machte die Partei einen ihrer
mals seit sehr langer Zeit bei einer Landtagswahl aus der gefürchteten Mauschelkompromisse: Um nicht in den Ver-
Opposition angreifen. Zwei weitere Mitspieler sind zwar dacht des Personenkults zu geraten und gleichzeitig den
alte Bekannte, Winfried Kretschmann und Nils Schmid, linken Flügel ruhig zu stellen, verfiel der Landesvorstand im
aber auch sie und ihre Parteien haben einen neuen Part: Juni 2010 auf ein dreiköpfiges „Spitzenteam“, das man
Sie treten an, die erste grün-rote Regierungskoalition der dem Spitzenkandidaten zur Seite stellte. Es bestand mehr-
Republik zu verteidigen. Und nur einer der vier Spitzen- heitlich aus Linken und Frauen, erfahrenen Fachpolitikerin-
kandidaten ist zugleich auch Landeschef seiner Partei – nen, die aber nicht gerade das hatten, was man bei Wah-
der von der SPD. Das Personal am Spieltisch – eine Nah- len braucht – Ausstrahlung.
aufnahme. Natürlich konnte damals noch keiner ahnen, dass der
Name dieses kauzigen Veteranen ein Dreivierteljahr spä-
ter mit dem größten Triumph verbunden sein würde, den je
ein Landespolitiker seiner Partei feiern konnte. Da lösten
Der Alte will nochmal die Grünen die Sozialdemokraten auf Platz 2 der Wähler-
gunst ab, beendeten mit ihnen zusammen ein 58 Jahre
(Winfried Kretschmann, Bündnis 90/Die Grünen) währendes Machtabonnement der CDU in Baden-Würt-
temberg, und Kretschmann wurde der erste grüne Minis-
Manche wollten ihn schon aufs Altenteil schicken. Anfang terpräsident der Republik – in einem der drei bevölke-
2010, die nächste Landtagswahl war noch mehr als ein rungsreichsten Flächenländer Deutschlands.
Jahr hin, maulten Grüne vom linken Flügel der Landespartei: Und nun, 2015? In diesem Vorwahljahr ist wohl keine Perso-
„Er will nochmal, da kann man wohl nichts machen.“ Er – nalie, die die Grünen je zu entscheiden hatten, so früh und
das war Winfried Kretschmann, seit acht Jahren Fraktions- klar entschieden worden, wie die des grünen Spitzenkan-
chef der Grünen im Landtag. Und was der damals bald didaten für die Landtagswahl am 13. März 2016. Noch nie
62-Jährige nochmal wollte, war die Spitzenkandidatur für ist ein Grüner im eigenen Verein derart unangefochten in
die Landtagswahl 2011, zum zweiten Mal nach 2006. einen Wahlkampf gestartet wie Kretschmann – schon gar
Das fanden nicht alle Grünen toll, aber damit konnte nicht die alten Lokomotiven Joschka Fischer oder Jürgen
Kretschmann leben. Ganz unumstritten ist der gebürtige Trittin. Kretschmanns offizielle Kandidatenkür am 10. Ok-
Spaichinger ja nie gewesen in seiner Partei, seit er sie in tober 2015 war nur noch Formsache. Und die 96,8 Prozent
Baden-Württemberg 1979/80 mitgegründet hat: rheto- Zustimmung im Pforzheimer Kongresszentrum erinnerten
risch brillant oft, belesen und gedanklich von einem weiten fast an jene maoistischen Zeiten, denen der Hohenheimer
Horizont, aber eben auch eigensinnig, in mancher Frage Student und AStA-Chef Kretschmann einst gehuldigt hatte,
stur, der Parteilinie gern mal untreu und aus Sicht der Linken was er später als schweren Fehler beichtete.
insgesamt zu bürgerlich-konservativ-katholisch – unter Was muss man daraus schließen? Auch die Grünen sind –
den Realos ein Realissimo. wenigstens in Baden-Württemberg – eine Machtpartei
Aber zur hiesigen politischen Landschaft passte das nicht geworden. Das klingt schlimm in manchen Ohren, bedeu-
schlecht, man verstand sich hier schon länger ganz gut tet aber nur: Eine Partei sucht aktiv nach Möglichkeiten, zu
zwischen grünen Realos wie Fritz Kuhn, Dieter Salomon, regieren, anstatt sich damit zu begnügen, im Landtag die
Biggi Bender oder Rezzo Schlauch und jüngeren Christde- Oppositionsbank zu drücken. Und sie ist, um dieses Ziel zu
mokraten wie Günther Oettinger oder Andreas Renner. Ja, erreichen, zu manch personellem Kompromiss oder pro-
sogar alte Unionsgranden wie Lothar Späth und Erwin Teu- grammatischen Abstrich von der reinen Lehre bereit. Bei
fel kokettierten immer mal wieder mit schwarz-grüner Tuch- manchen Parteien war das schon immer so, bei den Grü-
fühlung – aus der freilich nie eine Koalition wurde. Es ge- nen ist es, auf die ganze Republik gesehen, bis heute kei-
nügte, Sozialdemokraten oder Liberale eifersüchtig zu ma- neswegs selbstverständlich.
chen, und das war wohl auch der Sinn: Ulrich Maurer, ein So hätten die Grünen etwa nach der Bundestagswahl im
Spätherbst 2013, wenn es nach Kretschmann gegangen

256

BiS2015_04_umbr.indd 256 11.01.16 11:05


wäre – der bei den Verhandlungen dabei war – eine Koa- DIE SPITZENKANDIDATEN DER LANDTAGSWAHL 2016
lition mit der Union unter Kanzlerin Angela Merkel ge- UND IHRE PARTEIEN
schlossen. Stattdessen müssen sie seitdem versuchen, im
Bundestag als kleinste Oppositionsfraktion hinter den Lin-
ken einer erdrückenden Überzahl der Großen Koalition ruhig „Landesvaters“, müssen die Sorgen eines Berliner
Paroli zu bieten. Dies schien dem immer noch einflussrei- Oppositionspolitikers nicht sein. Der darf sich darum sor-
chen Altlinken Jürgen Trittin das kleinere Übel, gemessen gen, ob die Realitäten sich fairerweise daran halten, was
an einem Bündnis mit dem Erbfeind – und gegen Trittin & in seinem Parteiprogramm dazu und gegebenenfalls zu
Co. konnten Kretschmann und seine Realos sich letzlich deren Überwindung geschrieben steht.
nicht durchsetzen. Aber auch auf anderen Handlungsfeldern erfuhren der
Dieser Zustand – Regieren im Land, Opponieren im Bund grüne Regierungschef und seine Leute bei ihrem Debüt sehr
– ist für die grüne Partei ein Dilemma (wie umgekehrt übri- praktisch, was Oppositionspolitikerinnen und -politikern
gens auch für Guido Wolf und seine CDU). Denn Länderre- allenfalls theoretisch klar ist: dass der Regierungsalltag
gierungen untereinander und die Bundesregierung haben, ihm und seiner Koalition so ganz andere Antworten abver-
ungeachtet gegnerischer Parteifarben, mehr gemeinsame langt, als sie in einem über Wochen ausgehandelten, 84
Interessen, als eine Regierungspartei im Land und eine Seiten (!) starken Koalitionsvertrag nachzuschlagen wä-
gleichfarbige Opposition im Bund. Das trat krass im Herbst ren. Ja, die dort versammelten, zum Teil aus den Parteipro-
2014 zutage, bei Kretschmanns Zustimmung zum ersten grammen abgeschriebenen Spiegelstriche und frommen
Asylkompromiss im Bundesrat, als es darum ging, be- Wünsche widersprechen einander manchmal sogar dia-
stimmte Balkanländer zu so genannten sicheren Herkunfts- metral. „Mit der Erfahrung von heute“, bekannte Innenmi-
ländern zu erklären – mit der Folge, dass Asylbewerberin- nister Reinhold Gall (SPD) im Jahr 2013 einmal freimütig,
nen und -bewerber aus diesen Ländern leichter dorthin „hätte ich da vor zwei Jahren manches nicht hineinge-
abgeschoben werden können. schrieben.“
Zwar hatte Kretschmann im Gegenzug der Kanzlerin Er- Dabei gehört der Realpolitiker Kretschmann unter den De-
leichterungen der Arbeitsaufnahme für Asylsuchende ab- bütanten noch zu denjenigen, die Regierende lange ge-
gehandelt. Dennoch musste er sich etwa von Bundestags- nug bei der Arbeit beobachten konnten, um sich keine allzu
Grünen wie Volker Beck vorwerfen lassen, er habe das in- falschen Vorstellungen von deren Arbeit zu machen. Und
dividuelle Grundrecht auf Asyl – Essential des grünen nicht nur das: Schon 1986 und 1987, als Kretschmann eine
Parteiprogramms und dort im Rang nur dem Atomausstieg Legislaturperiode lang nicht dem Landtag angehörte (weil
vergleichbar – „für einen Appel und ein Ei verdealt“. Auch ein grüner Kreisgeschäftsführer in seinem Wahlkreis Nür-
andere Bundestags-Grüne ballten die Faust – aber nur in tingen die Frist zur Abgabe der Kandidatenunterlagen ver-
der Tasche. Sie ahnten oder wussten, dass der Regierungs- schlafen hatte), sammelte er bereits Regierungserfahrung.
chef eines Bundeslandes anderen Handlungsmaximen ge- Joschka Fischer, damals in Hessen der erste grüne Umwelt-
horcht – und gehorchen muss, als ein Oppositionspolitiker minister der Republik, auch „Turnschuhminister“ genannt,
im Bundestag. machte Kretschmann zum Ministerialrat in seiner Grund-
Die Suche nach ausreichenden und zumutbaren Unterkünf- satzabteilung. Es war die Zeit, da sich die Grünen – mit den
ten für die vielen Flüchtlinge, das Engagement der Ehren- Hanauer Nuklearbetrieben – erstmals administrativ hart
amtlichen, die Motivation der bis zum Anschlag geforder- und direkt mit der Atomindustrie anlegten.
ten Landes-, Kreis- und Kommunalverwaltungen, der Poli- Auch hätte sein ursprünglicher Beruf, Gymnasiallehrer für
zei und der Hilfsdienste, aber auch, last not least, das Biologie, Chemie und Ethik, den Politiker Kretschmann leh-
Wohlwollen der aufnehmenden Bevölkerung – all diese ren können, einen Fehler zu vermeiden, zu dem es dann
Sorgen eines Regierungschefs, sagen wir an dieser Stelle doch kam: Dass man nicht eine neuartige Gemeinschafts-
schule einführen, die Grundschulempfehlung abschaffen,
die Inklusion behinderter Kinder und die Integration fremd-
sprachiger junger Flüchtlinge vorantreiben und gleichzei-
tig mehr als 11.000 Lehrerstellen einsparen kann, das
leuchtet auch dem Laien ein. Seriosität heißt auch Haus-
haltskonsolidierung, dachte dagegen Kretschmann und
brauchte viel zu lange – und den Druck des Koalitionspart-
ners –, um diese von ihm selbst in die Welt gesetzte Haus-
nummer wieder aus der Welt zu schaffen. Da war das Be-
triebsklima an den Schulen des Landes gegenüber der zu-
nächst freundlich begrüßten grün-roten Regierung schon
nüchtern bis frostig.
Überhaupt wird es spannend sein zu sehen, ob Kretschmann
und die Grünen bei dieser Wahl rechnerisch ohne manchen
Fanklub auskommen, den sie seither enttäuscht haben,
etwa die Stuttgart 21-Gegner. Denn dass sich der grüne
Wahlerfolg von 2011 einer Sonderkonjunktur verdankt, zu
der u. a. der GAU von Fukushima, ein außergewöhnlich
Winfried Kretsch- unbeliebter CDU-Ministerpräsident, vor allem aber der
mann, Bündnis 90/ Stuttgarter Bahnhofsstreit wesentlich beigetragen haben,
Die Grünen das bestreiten nicht einmal die Grünen selbst. Mancher
picture alliance/dpa der so betont graswurzeldemokratischen Tief bahn hofs-

257

BiS2015_04_umbr.indd 257 11.01.16 11:05


Stefan Hupka
geg ner sah seine Wählerstimme als „imperatives Mandat“
an Kretschmann und hält es bis heute für Verrat, dass
dieser sich dem eindeutigen Votum einer verlorenen
Volksabstimmung (59 Prozent pro, 41 kontra Neubau)
gebeugt hat.
Auch Belastbarkeit und Ausdauer des bald 68-Jährigen
werden im beginnenden Wahlkampf bereits subtil oder of-
fen zum Thema. Dass Kretschmann die höheren Weihen
einer Wiederwahl sucht, sehen die Leute. Und dafür lässt
er keine Gelegenheit breitenwirksamer Inszenierung aus
– ob als Wanderer en famille, Biogärtner oder im Cockpit
von Hightech-Autos. Er hat imposante Zustimmungswerte
weit über das grüne Lager hinaus und muss sich nicht mehr
auf jeden Stammwähler angewiesen fühlen. Doch dass
Winfried Kretschmann noch Lust auf eine weitere, volle
Wahlperiode hat, darauf möchten nur wenige wetten.
Eines hat Kretschmann – rundheraus, wie er manchmal ist
– auch schon verraten: Eine Rückkehr auf die Oppositions- Hans Ulrich Rülke,
bank kommt für ihn nicht in Frage. Entweder nochmal Mi- FDP
nisterpräsident oder Abschied von der Tagespolitik. Das picture alliance/dpa
ist zwar nur allzu logisch bei einem Regierungspolitiker sei-
nes reifen Alters, dennoch: So etwas sagt man nicht in ei-
nem beginnenden Wahlkampf. Das denkt man höchstens tungsrunden zum Tiefbahnhof unter Heiner Geißler fanden
still vor sich hin. ohne nennenswerte FDP-Beiträge statt. Und von der ge-
planten Rückverstaatlichung des EnBW-Konzerns hat
Mappus seinen Vize Goll zwar früh informiert. Jedoch ist
Aktion Wiederbelebung nicht bekannt, dass der damalige Justizminister sich, was
seine Amtspflicht gewesen wäre, um eine verfassungskon-
(Hans Ulrich Rülke, FDP) forme Abwicklung des Geschäfts – nämlich unter Einschal-
tung des Landtags – gekümmert hätte.
Er hat vielleicht den schwierigsten Part aller vier Spitzen- Der Sturz war tief nach 15 Jahren Regierungsbeteiligung
kandidaten. Er soll seiner Partei den Verbleib im Parlament der Liberalen im Land. Für die Bundespartei kam es zwei-
sichern und ihr womöglich zurück an die Macht verhelfen, einhalb Jahre später noch dicker: Sie flog aus dem Bundes-
einer Partei, von der viele gar nicht wissen, dass es sie tag und ist seitdem erstmals in der deutschen Nachkriegs-
überhaupt noch gibt: die FDP. Und das als ein weitgehend geschichte außerparlamentarische Opposition. Im Land
Unbekannter. Denn, Hand aufs Herz, wer kennt Hans-Ul- bewirkte die Niederlage mit einem halben Jahr Verzöge-
rich Rülke, außer den landespolitischen Insidern? Und na- rung einen Wechsel an der Spitze: Birgit Homburger
türlich den Bewohnern von Pforzheim – der Stadt, in der musste gehen. Im Kampf um ihre Nachfolge setzte sich Mi-
dieser Liberale zu Hause ist, in der er als Gymnasiallehrer chael Theurer, vormals lange Oberbürgermeister von Horb
tätig war und seit langem in der Kommunalpolitik mitmischt. und seit 2009 Europaabgeordneter, im November 2013
Der 54-Jährige ist Chef der FDP-Landtagsfraktion zwar knapp gegen Rülke durch. Theurer machte aber überra-
schon seit 2009. Dennoch hat wohl nicht er die Wahlnie- schend schnell klar, dass er keinen Durchmarsch im Sinn
derlage seiner Partei von 2011 in erster Linie zu verantwor- hat und keinen Mitgliederentscheid zur Spitzenkandidatur
ten, sondern der damalige Spitzenkandidat, Justizminister anstrebt, sondern die FDP im Team mit einem Spitzenkandi-
und stellvertretender Ministerpräsident Ulrich Goll, und daten Rülke in die Landtagswahl führen will – im Ergebnis
sein Kabinettskollege für Wirtschaft, Ernst Pfister. Auch war also eine ähnliche Konstellation wie bei der CDU mit ihrem
die Wahlschlappe Folge einer damals äußerst schlechten Spitzenkandidaten Guido Wolf und dem Landesvorsitzen-
Performance der Bundespartei unter ihrem damaligen Vor- den Thomas Strobl.
sitzenden, Bundesaußenminister Guido Westerwelle, und Jetzt ruhen die Hoffnungen nicht nur der Landespartei,
seiner Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Birgit Hombur- auch der Bundespartei auf dem Team Theurer/Rülke in ih-
ger, zugleich Landesvorsitzende der Südwest-FDP. rem „Stammland“, wie die Liberalen Baden-Württemberg
Denn bei allen landläufigen Schuldzuweisungen für den gerne nennen – eine Reminiszenz an Urahnen wie Theodor
am 27. März 2011 so spektakulär gescheiterten CDU-Mi- Heuss (aus Brackenheim bei Heilbronn) und Reinhold
nisterpräsidenten Stefan Mappus bleibt zu dessen Guns- Maier (aus Schorndorf im Remstal) und deren stabil zwei-
ten festzuhalten: Die CDU hat damals mit 39 Prozent ein für stellige Wahlergebnisse. Ein 7,5-Prozent-Erfolg bei der
die widrige Großwetterlage noch achtbares Ergebnis ge- Wahl im Stadtstaat Hamburg im Februar 2015 stimmte die
holt. Dass es für eine Fortsetzung der schwarz-gelben Ko- deprimierten Liberalen hoffnungsfroh, war aber noch nicht
alition nicht reichte, lag vor allem an der FDP und daran, repräsentativ. Der 13. März 2016 – an dem auch in Rhein-
dass sich ihre Stimmenprozente gegenüber 2006 glatt hal- land-Pfalz und Sachsen-Anhalt die Landtage neu gewählt
biert hatten. werden – soll vor allem im Südwesten das politische Come-
Die Landtags-FDP hat damals in wahlentscheidenden Fra- back der Partei einläuten. Und Parteichef Christian Lind-
gen wie Stuttgart 21, Fukushima-Unglück und EnBW-Rück- ner, ein Rheinländer, wird gerade hier alles in die Waag-
kauf eine erstaunlich passive Rolle gespielt, auch zum Leid- schale werfen, was er rhetorisch, taktisch und marketing-
wesen der Landesvorsitzenden Homburger. Die Schlich- technisch zur Verfügung hat.

258

BiS2015_04_umbr.indd 258 11.01.16 11:05


So wurde Rülke auf Betreiben Lindners schon unmittelbar DIE SPITZENKANDIDATEN DER LANDTAGSWAHL 2016
nach seiner Kür zum Spitzenkandidaten dem FDP-Bundes- UND IHRE PARTEIEN
präsidium kooptiert. Seither hat er erkennbar an sich gear-
beitet, nicht nur optisch an einer neuen, „weicheren“ Frisur.
Bis dahin trug er Bürstenschnitt und wegen mancher Auf- Umfragen zufolge – mögen und das ihm schon den Spott
tritte im Landtag den Spitznamen „Brüllke“ – und musste vom „grünen Erwin Teufel“ eingetragen hat – dergleichen
etwa in der Stuttgarter Zeitung über sich lesen: „Keiner in fehlt seinem Vize. Der wiederum gewinnt durch Fakten- und
der Landes-FDP versteht sich auf die Kunst der rhetorischen Aktenkenntnis, kann auswendig Leistungsbilanzen und
und inhaltlichen Zuspitzung wie eben Rülke, der auch nicht Haushaltsdaten herbeten und zeigt sich bei öffentlichen
davor zurückschreckt, zur Not auch einmal Treffer unter der Auftritten in der Sache oft glänzend präpariert. Managern
Gürtellinie zu setzen. Jedenfalls besitzt er einen scharfen und Mittelständlern, die ihn auf Delegationsreisen ins Aus-
Verstand, der die Schwächen in der gegnerischen Argu- land begleiten, imponiert das. Für diesen Reiseleiter muss
mentation schonungslos erfasst. Und schonungslos ist man sich nicht schämen. Schmid strahlt Korrektheit, Kom-
dann mitunter auch seine Wortwahl bis hin zur Demago- petenz und Gelassenheit aus – übrigens auch Courage:
gie.“ Unter den Reisezielen, die er als Wirtschaftsminister und
Gerade Krisenzeiten gelten zwar als Zeiten der Zuspit- Türöffner für heimische Firmen gewählt hat, waren verminte
zung, aber die Themen der aktuellen Krisen spielen einer Gegenden wie Nordirak oder auch diplomatisch vermin-
liberalen Partei nicht gerade in die Hände. Deshalb wird tes Gelände wie Iran.
es spannend sein zu sehen, ob und wie die FDP und ihr Spit- Woran es Nils Schmid eher mangelt – oder worauf er viel-
zenkandidat zum Vorschein kommen in den Auseinander- leicht einfach keine Lust hat – ist eine gewisse Leutseligkeit
setzungen zwischen rechts und links, fremdenfeindlich und – das Bad in der Menge, die spontane Debatte mit wild-
kosmopolitisch, auch in einer anstehenden personellen Po- fremden Leuten oder hemdsärmelige Runden beim Bier. Da
larisierung Kretschmann kontra Wolf. Kurz: Ob die Baden- sieht man ihn, wenn sich das schon nicht vermeiden lässt,
Württemberger finden, dass sie noch gebraucht werden, vor einem großen Glas Mineralwasser sitzen und bald das
diese Liberalen. Weite suchen. Das heißt nicht, dass ihm Inszenierungen
fremd wären. Schmid lässt es sich nicht nehmen, für den
besseren Marktstart eines schwäbischen Mittelständlers
G‘scheitr Kerle in China selbst zum Dampfstrahler zu greifen und dort vor
Fotografen eine Denkmaltreppe zu kärchern. Auch kennt
(Nils Schmid, SPD) man, in letzter Zeit gehäuft, nette Fotos des Paten Schmid
mit Elefanten und anderen hohen Tieren in der Wilhelma,
„Das geht schon in Ordnung so“, knurrte Peter Conradi (82) dem Stuttgarter Zoo, dessen oberster Dienstherr der Fi-
am Wahlabend des 27. März 2011, als Grüne und Rote ihre nanzminister ist.
Mehrheit feierten, die Grünen vielleicht noch ausgelasse- Wie wird man das? Schmid stammt aus einer Beamtenfami-
ner als die Roten, „umgekehrt wäre mir das merkwürdig lie und wächst in der Region Stuttgart auf. Als Gymnasiast
vorgekommen.“ Der prominente alte Stuttgarter Sozialde- engagiert er sich bei den Jusos, als Jurastudent leitet er
mokrat meinte den sensationellen Umstand, dass seine seine erste SPD-Gliederung, den Ortsverein Nürtingen.
Genossinnen und Genossen mit 53.000 Stimmen, das ent- Bei Ferdinand Kirchhof in Tübingen promoviert Schmid mit
sprach 1,1 Prozent und einem Landtagssitz weniger, hinter Bestnote über „Staatliches Liegenschaftsmanagement,
dem Resultat der Grünen zurückgeblieben waren und Staatsverschuldung und Staatsvermögen“. Er wird finanz-
diese nun den Ministerpräsidenten stellten. Ein Minister- politischer Sprecher der Fraktion. Doch der Senkrechtstart
präsident Nils Schmid (damals 37) und ein Stellvertreter muss warten. Schmids erster Versuch, eine Kampfabstim-
Winfried Kretschmann (damals 62)? Dieser ebenfalls denk-
bare Wahlausgang schien Conradi – und nicht nur ihm –
eine unangemessene Rollenverteilung zu sein.
Das lag nicht daran, dass man Schmid die Aufgabe intel-
lektuell nicht zutraute, eher schon daran, dass er immer
noch so jugendlich wirkt, Schwaben würden sagen, ein
g‘scheitr Kerle Ende 20, frisch von der Uni vielleicht. Fak-
tisch dagegen ist er aber, was seine Zuständigkeiten
anlangt, der derzeit wohl mächtigste Landespolitiker
Baden-Württembergs: Als Superminister für Wirtschaft
und vor allem Finanzen hat Schmid ein Vetorecht bei allen
Regierungsbeschlüssen, die mit Geldausgeben zu tun ha-
ben. Und welcher Beschluss von Gewicht hätte das nicht?
Auch parteipolitisch hat Schmid den meisten Einfluss, denn
er ist unter den vier Spitzenkandidaten der einzige Partei-
chef. Erst am 9. Oktober 2015 haben ihn die Genossen in
Mannheim mit 91 Prozent für weitere zwei Jahre in diesem
Amt bestätigt.
Und dennoch wirkt Schmid an der Seite Kretschmanns wie
der klassische Juniorpartner. Der landesväterliche Habitus
Kretschmanns, seine demonstrative Sorge um das große Nils Schmid, SPD
Ganze, das Bedächtig-Philosophische, das die Leute – picture alliance/dpa

259

BiS2015_04_umbr.indd 259 11.01.16 11:05


Stefan Hupka
mung um den Fraktionsvorsitz im Landtag nach dem Rück-
tritt von Ute Vogt, verliert der 34-Jährige Anfang 2008
knapp gegen den 22 Jahre älteren Claus Schmiedel. Re-
vanchieren kann sich Schmid knapp zwei Jahre später.
Eine Befragung der SPD-Mitglieder, wer nach Ute Vogt
Landesvorsitzender werden soll, gewinnt Nils Schmid im
November 2009 klar gegen Schmiedel und die Parteilinke
Hilde Mattheis und wird von einem Parteitag zum Landes-
chef gewählt.
Leutseligkeit geht allerdings nicht selten einher mit einer
anderen Eigenschaft: Menschenkenntnis. Auch da scheint
der junge Karrierepolitiker noch zulegen zu können, wie
sich an mancher Personalentscheidung zeigt, die auf sein
Konto ging und sich als problematisch erwiesen hat. So
war die Kultusministerin, mit der die grün-rote Regierung
ihr anspruchsvolles Reformprogramm startete, eine Fehlbe-
setzung: Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) mochte
eine annehmbare Schulbürgermeisterin für Mannheim ge-
wesen sein, als Ministerin war sie überfordert. Ihre Aus- Guido Wolf, CDU
wechslung durch den Genossen Andreas Stoch Anfang picture alliance/dpa
2013 war unumgänglich, das Ganze kostete die Koalition
bei ihren Reformvorhaben aber wertvolle Zeit. Gehen
musste auch binnen kurzer Zeit ein junger SPD-Netzwerk- Oktober 2011 Kurzzeitamtsinhaber Willi Stächele, der we-
Kumpel Schmids, den er zum Ministerialdirektor, also zum gen des vernichtenden Urteils des Staatsgerichtshofs zum
höchsten Beamten seines Hauses gemacht hatte. Er stürzte EnBW-Rückkauf und weil er diesen als ehemaliger Finanz-
über unbeherrschte Äußerungen in sozialen Netzwerken, minister abgesegnet hatte, gehen musste. Aber wegen der
die er auch noch mit dem Landeswappen garniert hatte. parteipolitischen Mäßigungspflichten eines Parlaments-
Als weitsichtig erwies sich dagegen Schmids Berufung ei- präsidenten war Wolf als Frontkämpfer damals noch nicht
ner Integrationsministerin, der türkischstämmigen Genos- in Erscheinung getreten.
sin Bilkay Öney, die selbst Integrationserfahrungen hat „Wir brauchen einen Neuanfang“, war ein oft gehörter
und deshalb für dieses Amt prädestiniert ist. Schmid, des- Satz in den Tagen und Wochen vor dem Mitgliedervotum.
sen Frau Tülay ebenfalls türkische Wurzeln hat und der Strobl, Generalsekretär sowohl unter Günther Oettinger
selbst leidlich türkisch spricht, konnte nicht ahnen, welche wie auch unter dessen glücklosem Nachfolger Stefan
Dramatik das Thema Flucht und Zuwanderung binnen we- Mappus, war nach Meinung vieler kein Neuanfang, son-
niger Jahre bekommen würde. Aber er ahnte, dass es an dern „kontaminiert“: Er hatte zu viele von dessen proble-
Bedeutung zunehmen würde. Und heute kann das Thema matischen Parforce-Ritten geschehen lassen oder gar un-
sogar Landtagswahlen entscheiden. terstützt. Wolf dagegen musste sich dergleichen nicht
nachsagen lassen, nicht mehr als andere Fraktionskolle-
gen. Er war erst seit 2006 Landtagsabgeordneter und
And the Winner is … hatte mit Mappus, sagt er jedenfalls, weder menschlich
noch politisch viel zu tun.
(Guido Wolf, CDU) Eines Besseren wurden übrigens diejenigen in der Partei
belehrt, die vor neuer Lagerbildung in der Südwest-CDU
Es ist die Überraschung am Tag vor Nikolaus. Der Spitzen- durch den Mitgliederentscheid gewarnt hatten. Sie hatten
kandidat der CDU für die Landtagswahl, der Mann, der mahnend an die Premiere zehn Jahre zuvor erinnert, als
nach dem klaren Mehrheitsvotum der Basis die Partei wie- CDU-Fraktionschef Oettinger nach langem Warten das
der dorthin zurückführen soll, wo sie immer war in Baden- Amt des Ministerpräsidenten beanspruchte und der noch
Württemberg und natürlich wieder hin will, an die Macht keineswegs amtsmüde Erwin Teufel seine Vertraute, die
– er heißt nicht Thomas Strobl, sondern Guido Wolf. Nicht Kultusministerin Annette Schavan, gegen Oettinger ins
der Landesvorsitzende, stellvertretende Bundesvorsit- Rennen schickte. Mit so etwas hatte die Partei keine Übung.
zende, erfahrene Berlin-Profi und noch dazu Schwieger- Bis dahin waren die Ministerpräsidenten der CDU traditi-
sohn des südbadischen Übervaters der Union, Wolfgang onell stets vom Sprungbrett des Fraktionsvorsitzes aus ins
Schäuble, tritt am 5. Dezember 2014 als Sieger des CDU- Amt gekommen, so Hans Karl Filbinger, Lothar Späth und
Mitgliederentscheids vor Kameras und Reporter. The Win- Erwin Teufel.
ner is – Wolf, der landespolitische Newcomer. Er ist es, der Der innerparteiliche Wahlkampf Oettingers und Schavans
nach dem Willen von 55,9 Prozent (19.261 Stimmen) der geriet 200 4 phasenweise zu einer Schlammschlacht, von
35.000 Christdemokraten, die sich beteiligt haben – das der sich die Partei lange nicht erholte. Eine solche Lagerbil-
entspricht einer Wahlbeteiligung von 51 Prozent – den po- dung hat sich bei der Partie Strobl gegen Wolf nicht wie-
pulären grünen Ministerpräsidenten kippen soll. Kann er derholt – wenigstens nicht sichtbar. Wie nachhaltig die
das? bekundete Unterstützung auch des Verliererlagers für den
Es scheint jedenfalls, als hätten die Mitglieder nicht aus Kandidaten Wolf sein wird, das muss sich am Abend der
Versehen, sondern mit Absicht gerade dem Neuling den Landtagswahl zeigen, nämlich im Fall einer Niederlage.
Vorzug vor dem alten Hasen gegeben. Zwar war Wolf da So waren nicht alle damit einverstanden, dass Wolf nach
schon seit drei Jahren Landtagspräsident – er beerbte im gewonnenem Mitgliederentscheid und kurzem Zaudern zu

260

BiS2015_04_umbr.indd 260 11.01.16 11:05


Jahresbeginn – machtpolitisch logisch – auch nach dem DIE SPITZENKANDIDATEN DER LANDTAGSWAHL 2016
Vorsitz der Landtagsfraktion griff, obwohl er dem amtie- UND IHRE PARTEIEN
renden Peter Hauk zunächst noch Bestandsschutz zu ge-
ben schien. Der Widerstrebende musste mit dem neu ge-
schaffenen Posten eines Ersten Stellvertreters abgefunden Doch wo steht Wolf politisch? Das ist nicht leicht zu ermit-
werden. teln, er sendet widersprüchliche Signale. „Ich bin kein Po-
Wer ist Guido Wolf? Der 54-Jährige stammt aus dem ober- larisierer“, behauptet er. Er selbst sehe sich als „Brücken-
schwäbischen Weingarten bei Ravensburg und lebt in bauer“. In der Flüchtlingsfrage scheint er unschlüssig zwi-
Tuttlingen. Wie es überhaupt auffällt – ein kleiner lands- schen Merkel und Seehofer zu pendeln. Wenn er sich zur
mannschaftlicher Exkurs sei an dieser Stelle erlaubt –, dass Bildungspolitik äußert oder zu gesellschaftspolitischen
drei der vier Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2016 Themen, dann hört man Verwandtschaft zu den Wortfüh-
eng mit dieser Gegend im Süden Altwürttembergs und Ho- rern einer ländlich-konservativen CDU heraus, welche Ehe
henzollerns zu tun haben. Ein Kandidat mit urbadischen und Familie privilegieren und das dreigliedrige Schulsys-
Wurzeln ist nicht darunter, was im Baden-Württemberg tem bewahren möchte. Dann wieder sieht man Wolf als
des 21. Jahrhunderts natürlich ohne Belang ist, zumal Tutt- Hochzeitsgast eines homosexuellen Stuttgarter Partei-
lingen und Rottweil mit der Gebietsreform der frühen freundes, der sich in einer Kirche feierlich mit seinem Part-
1970er Jahre dem südbadischen Regierungsbezirk Frei- ner vermählt. Bei einer politischen Sommertour durchs
burg zugeschlagen wurden. Winfried Kretschmann wurde Land bittet Guido Wolf, ganz der modern-urbane Unions-
als Kind vertriebener Ostpreußen in Spaichingen gebo- mann, an verschiedenen Orten die Damen zum „Ladies
ren, wo auch der aus Rottweil stammende CDU-Veteran Lunch“. Dann wiederum gelingt es ihm aber nicht, eine
Erwin Teufel lebt, und wohnt im hohenzollernschen Laiz bei chancenreiche Kollegin als Nachfolgerin – und erste Land-
Sigmaringen. Hans-Ulrich Rülke stammt aus Tuttlingen und tagspräsidentin Baden-Württembergs – in der Landtags-
lebt im nordbadischen Pforzheim. Nur der vierte, Nils fraktion durchzusetzen. Die Herren wählten mehrheitlich
Schmid, kam außerhalb der Landesgrenzen zur Welt, im lieber einen der ihren.
pfälzischen Trier, wuchs dann aber im Großraum Stuttgart Auch bündnispolitisch scheint sich Wolf noch nicht binden
auf und wohnt heute in Reutlingen. zu wollen – für ihn ist das eine Lehre aus dem Mappus-
Der Jurist Wolf hat die klassische Verwaltungslaufbahn Debakel von 2011. „Das darf uns nicht mehr passieren“,
eingeschlagen, mit Stationen, die sich in Baden-Württem- sagt er und meint den prekären Zustand, dass der CDU am
berg für Führungsposten sowohl in der Kommunal- wie der Wahlabend rechnerisch ihr Stammpartner FDP abhanden-
Landespolitik eignen. An der Universität Konstanz sattelte kommt, sie aber keinen Plan B in der Tasche hat. Mappus
er seinem Jurastudium noch ein Zusatzstudium in Verwal- hatte es sich mit Roten wie auch Grünen im Wahlkampf
tung und Finanzen drauf, war dann Dezernent beim Land- derart gründlich verdorben, dass sich jede Spekulation ei-
ratsamt Tuttlingen, 1992 persönlicher Referent des ersten, ner Mehrheit jenseits von Grün-Rot noch am Wahlabend
von Erwin Teufel damals neu installierten Verkehrsministers erübrigte. Heute dagegen kann es schon mal vorkommen,
Thomas Schäuble, des inzwischen verstorbenen jüngeren dass der oppositionelle Fraktionschef Wolf im Landtag sei-
Bruders von Wolfgang Schäuble. Später wurde Wolf Ver- nen regierenden SPD-Kollegen Claus Schmiedel am Red-
waltungsrichter in Sigmaringen und Referatsleiter in der nerpult des Landtags lobt, ja, sogar mit ihm gemeinsam vor
Grundsatzabteilung des Staatsministeriums unter Teufel. die Presse tritt. Das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel hat be-
1996 ließ er sich in Nürtingen zum Ersten Bürgermeister – gonnen und es wird wohl noch eine Weile weitergehen.
mithin Stellvertreter des OB – wählen, sechs Jahre darauf,
2002, wählte der Kreistag des Landkreises Tuttlingen ihn
zum Landrat.
Schon die relative Kürze der Stationen dieser Laufbahn – UNSER AUTOR
meist nur jeweils zwei Jahre vor der Zeit als Bürgermeister
und als Landrat – lässt auf eine gewisse Umtriebigkeit
schließen, die Wolf in der Tat auch ausstrahlt, nicht nur,
was die Karriereplanung betrifft. Den eigenen Nachna-
men parodiert er selbst, nennt Baden-Württemberg in An-
lehnung an die Wildbiologen ein „Wolfserwartungsland“,
und www.der-wolf-im-revier.de war lange Zeit die Be-
zeichnung seiner persönlichen Seite im Internet. Inzwi-
schen kommt die Seite seit Jahresbeginn mit www.guido-
wolf.info etwas staatsmännischer daher. Humor, Unbe- Stefan Hupka (Jg. 1955) ist Leitender Redakteur der Badischen
kümmertheit und ein ausgeprägtes Talent zum büttenreifen Zeitung, Freiburg, und dort zuständig für die Berichterstattung
Verseschmieden haben Wolf zum gern gesehenen Gast über Baden-Württemberg und die Landespolitik.
bei Fasnet und Brauchtumsfeiern gemacht.

261

BiS2015_04_umbr.indd 261 11.01.16 11:05


WAS WIRD DIE WAHL ENTSCHEIDEN?

Landtagswahl 2016: Prognosen und Szenarien


Dieter Roth

Rückblick: Das Wahlergebnis 2011


Wahlentscheidungen sind reichlich komplexe Vor-
gänge, die zahlreichen Einflüssen unterliegen. Dieter Das Ergebnis der Wahl 2011 in Baden Württemberg war
Roth warnt daher mit Blick auf die Landtagswahl am von einer großen Zahl von Erst- und Einmaligkeiten ge-
13. März 2016 vor allzu schnellen Prognosen. Er geht prägt. Erstmals erreichten die Grünen in einem Bundesland
in seinem Beitrag zwei Fragen nach: (1) Welche Par- ein Wahlergebnis weit über 20 Prozent. Erstmals waren die
teien werden in welcher Stärke wohl im neuen Parla- Grünen in einem Bundesland stärker als die SPD, und erst-
ment nach der Landtagswahl 2016 vertreten sein? (2) mals stellten die Grünen den Ministerpräsidenten in einem
Welche Koalitionen sind möglich und wahrscheinlich? weitgehend konservativ geprägten Bundesland. Die CDU
Um diese Fragen beantworten zu können, wirft Dieter verlor nach 58 Jahren Regierungstätigkeit, in denen sie im-
Roth zunächst einen Blick auf die strukturellen Gege- mer das Amt des Ministerpräsidenten innehatte, mit ihrem
benheiten der im Landtag vertretenen Parteien sowie schlechtesten Wahlergebnis seit ihrer Gründung die
auf die Sozialstruktur ihrer Wählerschaft. Dabei be- Macht und musste diese an eine Koalitionsregierung aus
zieht er sich auch auf das Wahlergebnis der Landtags- Bündnis 90/Die Grünen und SPD übergeben. Die CDU
wahl 2011. Mehr als die Sozialstruktur der Wähler- blieb zwar trotz satten Verlusts mit 39 Prozent stärkste Par-
schaft werden aber die Bilanz der grün-roten Landesre- tei, aber sie hatte keinen Koalitionspartner mehr, denn die
gierung, die Bewertung der Spitzenkandidaten und FDP erreichte nur knapp den Klassenerhalt; beide zusam-
deren Positionierung zu zentralen Themen (z. B. Flucht- men waren nicht stark genug, um das Regierungsbündnis
migration, Bildungspolitik) bei den Wählerinnen und fortzusetzen. Die FDP verlor die Hälfte ihres früheren Stim-
Wählern ins Gewicht fallen. Abschließend wägt Dieter menanteils. Aber auch die Sozialdemokraten konnten von
Roth mit der gebotenen Vorsicht des Wahlforschers der Schwäche der bürgerlichen Parteien nicht profitieren.
mögliche Regierungskonstellationen ab. Alle etablierten Parteien – die Altparteien CDU, SPD und
FDP – des südwestdeutschen „Musterländle“ erzielten ihr
schlechtestes Ergebnis seit Bestehen des Landes. Die
Wahlbeteiligung wuchs entgegen dem allgemeinen Trend
Wahlentscheidungen sind komplexe Vorgänge bei anderen Landtagswahlen zweistellig. Über eine Mil-
lion neue Wählerinnen und Wähler gingen zur Urne. Da-
Aussagen über den Ausgang einer Wahl, die in der Zukunft
liegt, haben immer einen gewissen Wettcharakter. Damit
hat das Thema einen ziemlichen Unterhaltungswert, denn
Wetten kann man verlieren und Dritte können dabei zu-
schauen. Dies gilt auch für Wahlforscherinnen und -for-
scher, die normalerweise über Theorien zur Erklärung des
Zustandekommens von Wahlentscheidungen verfügen
und es deshalb eigentlich leichter haben müssten, Progno-
sen zu erstellen. Sie müssen nur die Variablen ihres Erklä-
rungsmodells kennen und diese quantifizieren. Hier aber
liegt die Crux. Denn: Wahlentscheidungen sind äußerst
komplex. Sie hängen von einer Vielzahl von Einflüssen ab,
die einem relativ großen Wandel ausgesetzt sind und bei
jeder Wahl neu definiert und, insofern möglich, neu ge-
messen werden müssen.
Um den „Wettanteil“ an einer Aussage über die Wahl
2016 in Baden-Württemberg gering zu halten, müssen wir
versuchen, möglichst viele Einflussfaktoren zu erkennen,
deren Gewicht zu bemessen, auf Fortdauer oder Verfall
zu prüfen und zu quantifizieren. Eine erste große Hilfe bei
der Ermittlung dieser Einflussvariablen ist eine feinglied-
rige Analyse der Landtagswahl 2011 und ein Modell zur Wahlentscheidungen sind
Erklärung des Wahlverhaltens. Die Analysen der letzten äußerst komplex. Sie hängen
Landtagswahl in Baden-Württemberg liegen vor.1 Es gibt von einer Vielzahl von Einflüs-
einen weiteren Grund, sich die Wahl von 2011 genau an- sen ab, die einem relativ gro-
zuschauen: Bei der Hochrechnung einer Wahl aus mehre- ßen Wandel ausgesetzt sind
ren Teilergebnissen hat sich das alte Wahlergebnis unter und bei jeder Wahl neu defi-
allen greifbaren Indikatoren als der beste Prädiktor für niert und neu gemessen wer-
das Errechnen des neuen Wahlergebnisses herausge- den müssen.
stellt. picture alliance/dpa

262

BiS2015_04_umbr.indd 262 11.01.16 11:05


von profitierten vor allem die Grünen. Ihr Ergebnis war auf LANDTAGSWAHL 2016:
der Landesebene ein Rekord. Sie erreichten neun Direkt- PROGNOSEN UND SZENARIEN
mandate, drei von vier Stuttgarter Wahlkreisen, beide Frei-
burger Wahlkreise, die Wahlkreise Tübingen, Konstanz,
Heidelberg sowie Mannheim II. Erklärungsansätze der Wahlforschung
Das war mit einem kurzfristig eingetretenen Ereignis vor
der Wahl – wie Fukushima – nicht erklärbar, wenn auch die Es gibt nun leider nicht das eine und einzig wahre Modell
Parteien, insbesondere die Verlierer unter ihnen, aber auch zur Erklärung von Wahlverhalten, denn Wahlverhalten ist
einige Presseorgane, die schreckliche Katastrophe in Ja- menschliches Verhalten – also hochkomplex – und hat
pan hauptsächlich für den Ausgang der Wahl verantwort- lang- und kurzfristige Komponenten, strukturelle wie kon-
lich machten. Die Wahlforschung hat diesem schnellen Ur- junkturelle Momente und natürlich auch emotionale und
teil widersprochen und in seriösen Analysen nach der rationale Einflussfaktoren. Es gibt mehrere Theorien oder
Wahl ausführlich dargelegt, dass das Wahlergebnis 2011 Modelle zur Erklärung von Wahlverhalten, die jeweils be-
eine Vielzahl von langfristigen und natürlich auch kurzfris- stimmte Aspekte in den Vordergrund stellen. Drei theoreti-
tigen Ursachen hatte, und dass rationale und emotionale sche Erklärungsansätze mit unterschiedlichen Schwer-
Gründe Wählerinnen und Wähler bewogen haben, so zu punkten haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts heraus-
wählen, wie sie es taten. Natürlich spielten auch struktu- gebildet, die das Verhalten des Souveräns in einer
relle Ursachen sowie konjunkturelle Einflussfaktoren bei Demokratie nachvollziehbar oder auch prognostizierbar
dieser Wahl in unterschiedlicher Stärke für die jeweiligen machen sollen:
Parteien ebenfalls eine Rolle. 2 l Der sozialstrukturelle Erklärungsansatz, der davon aus-
Deshalb ist es notwendig, sowohl bei der Retrospektive auf geht, dass die einzelne Wählerin bzw. der einzelne
eine Wahl (d. h. einer Analyse), als auch bei der Perspek- Wähler bei ihrer/seiner Entscheidung hauptsächlich
tive auf eine Wahl (d. h. einer Prognose) ein möglichst prä- vom sozialen Umfeld gelenkt oder sogar bestimmt wird.
zises Modell zu haben, das Wahlverhalten erklärt. Erklär- Die langfristigen Einflüsse stehen dabei im Mittelpunkt.
tes Verhalten, das die einzelnen Variablen der Entschei- l Der sozialpsychologische Ansatz, der neben Lang-
dung enthält, muss ja nur umgekehrt werden, um zu einer zeiteinflüssen (die er glaubt, mit dem Instrument der
Prognose zu gelangen; vorausgesetzt man kennt den In- „Parteiidentifikation“ messen zu können) auch noch
halt und das Gewicht der einzelnen Variablen. Empirische kurzfristige Einflüsse berücksichtigt sehen will. Dies sind
Wahlforschung versucht, die einzelnen Wirkungsfaktoren vor allem die zu wählenden Kandidaten und die zu lö-
auf das Wahlverhalten zu quantifizieren. Das ist ihre Auf- senden politischen Probleme.
gabe. Und wenn sie ganz erfolgreich ist, setzt sie diese l Der rationale Ansatz, der davon ausgeht, dass die Wäh-
Faktoren auch noch in eine gegenseitige Beziehung, um lerin bzw. der Wähler eine hauptsächlich ökonomische
die Stabilität ihrer Messungen zu prüfen und ihren Beitrag Nutzenabwägung vornimmt und deshalb die Politikerin
zum Gesamtergebnis zu eruieren. bzw. den Politiker oder die Partei wählt, die ihr/ihm den
größten wirtschaftlichen Vorteil bringt.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass jeder Ansatz einen Teil


des Wahlergebnisses sinnvoll erklären kann, jedoch in den
meisten Fällen nicht das gesamte Ergebnis. 3 Deshalb ist es
nahe liegend, für eine Analyse, wie auch für eine Prognose,
nicht ein einzelnes Modell heranzuziehen, sondern je nach
Fragestellung sich eines Modells oder einer Kombination
mehrerer Modelle zu bedienen. Unsere Fragen in diesem
Beitrag sind schlicht: (1) Welche Parteien werden in wel-
cher Stärke im neuen Parlament vertreten sein? (2) Welche
Koalitionen werden möglich sein? (3) Welche Koalitionen
haben welche Wahrscheinlichkeit, auch geschlossen zu
werden?
Für die einzelnen Parteien wird man versuchen, jeweils das
theoretische Modell heranzuziehen, das in der Vergan-
genheit die größte Erklärungskraft hatte. Davor ist es je-
doch nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, Annahmen
über die Wahlbeteiligung anzustellen.

Die Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung ist bei der Wahl 2011 in Baden Würt-


temberg um nahezu 13 Prozentpunkte gestiegen. Mehr als
eine Million Wählerinnen und Wähler traten neu den Ur-
nengang an. Diese neuen Wählerinnen und Wähler haben
sich keinesfalls ergebnisneutral, d. h. schön anteilig über
die einzelnen Parteien verteilt. Vielmehr wurden die Grünen
durch diese Entwicklung am deutlichsten begünstigt. 4

263

BiS2015_04_umbr.indd 263 11.01.16 11:05


Dieter Roth

Ministerpräsident Winfried
Kretschmann und Vize-Regie-
rungschef Nils Schmid mit
gegenseitig ausgetauschten
Rucksäcken in Rot und Grün
auf dem Rücken. Bündnis 90/
Die Grünen und SPD haben
ihren Willen bekundet, im Jahr
2016 nach der Landtagswahl
gemeinsam weiter regieren zu
wollen. picture alliance/dpa

Für die anstehende Wahl im März 2016 ist aus heutiger Chance haben, ins Parlament zu gelangen. Das sind ne-
Sicht keine weitere Steigerung der Wahlbeteiligung zu er- ben den gesetzten Parteien CDU, Grüne und SPD die der-
warten, sondern eher ein Rückgang. Die besonderen Be- zeit noch im Parlament vertretene FDP, die Linke, die 2011
dingungen vor der Landtagswahl 2011 werden sich ein an der Fünfprozenthürde scheiterte und auch 2016 ge-
zweites Mal so nicht einstellen. 2011 waren es mehrere ringe Chancen hat, den Einzug ins Parlament zu schaffen,
heftig umstrittene Themen im Vorfeld der Wahl, ein stark und die neue Partei AfD (Alternative für Deutschland). Es
polarisierender Ministerpräsident und die Katastrophe in wird darüber hinaus noch Stimmen für kleinere Parteien
Fukushima, die eine klare Positionierung der Wählerinnen geben, die wir aber insgesamt als verbleibenden Rest
und Wähler geradezu herausforderten. Die Frage wird zu 100 Prozent der abgegebenen Stimmen betrachten.
sein, welche Parteien ein Rückgang der Wahlbeteiligung Sie spielen bei der Machtverteilung nur insofern eine
am ehesten trifft? Rolle, als sie die Hürde zum Erreichen der absoluten
Allerdings ist schon jetzt abzusehen, dass das hohe Flücht- Mehrheit verringern. Auf die Sitzverteilung, das tatsächli-
lingsaufkommen, das uns derzeit beschäftigt und über den chen Ergebnis bei der Wahl, haben sie keinen Einfluss.
Wahltag hinaus beschäftigen wird, zu verschiedensten Re- 2011 waren das insgesamt 8,4 Prozent aller Stimmen; ein-
aktionen in der wahlberechtigten Bevölkerung führen und schließlich der Linken (2,8 %), der Piraten (2,1 %), der Re-
einen unterschiedlichen Einfluss auf die Wahlbeteiligung publikaner (1,1 %), der NPD (1,0 %) und weiteren elf Par-
einzelner Anhängergruppen haben wird. teien (unter 1 %). Folglich konnte 2011 eine Regierung bil-
Der allgemeine Trend einer eher rückläufigen Wahlbeteili- den, wer mindestens 45,3 Prozent der Stimmen als Partei
gung bei Landtagswahlen hat wohl eine größere Wahr- oder als Koalition auf die Waage bringen konnte bzw.
scheinlichkeit, sich auch in Baden-Württemberg bei der eine Mehrheit der Abgeordnetensitze. 2011 erreichten
kommenden Wahl durchzusetzen als die Konstanz oder dies die Grünen und die SPD zusammen, also bildeten sie
sogar eine Steigerung. Änderungen der Wahlteilnahme die Regierung. Aber auch CDU und SPD oder CDU und
werden sich nicht neutral auf das Abschneiden der Par- Grüne hätten eine Regierungsmehrheit zustande ge-
teien auswirken. Bei einem Rückgang der Wahlbeteiligung bracht. Mangels gemeinsamer Ziele und ideologischer
ohne vorherige spektakuläre kurzfristige Ereignisse steigt Übereinstimmung kam es nicht zu diesen Koalitionen. Es
die Wahrscheinlichkeit, dass eher die Oppositionspar- wird zu diskutieren sein, ob diese Unvereinbarkeit in den
teien begünstigt werden, weil ein Teil des Frusts, der zur Zielsetzungen weiterhin besteht oder ob inzwischen Kon-
Wahlenthaltung führt, vor allem bei denjenigen anzutref- stellationen denkbar sind, die 2011 noch nicht machbar
fen ist, die 2011 der jetzigen Regierung ihre Stimme gaben. waren.

Zum Abschneiden der Parteien Strukturelle Gegebenheiten der Parteien

Vermutlich wird eine ganze Reihe von Parteien zur Wahl Die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD können aus
antreten. Letzter Termin für die Wahlvorschläge der Par- der Sicht der Wahlforschung zunächst zusammen betrach-
teien ist der 14. Januar 2016. Wir werden uns im Folgen- tet werden, weil sie – zumindest in der Vergangenheit –
den nur mit solchen Parteien beschäftigen, die eine reelle beide strukturell abgesicherte Stammwählerschaften hat-

264

BiS2015_04_umbr.indd 264 11.01.16 11:05


ten, die zwar zunehmend erodieren, aber noch bei jeder LANDTAGSWAHL 2016:
Wahl nachgewiesen werden konnten. 5 Diese Stammwäh- PROGNOSEN UND SZENARIEN
lerinnen und -wähler machen zwar in fortschreitendem
Maße immer geringer werdende Anteile an der Gesamt-
wählerschaft der beiden Parteien aus, aber sie existieren parteien (Kapital versus Arbeit, Kirche versus Staat) und
noch und bleiben für beide Parteien kleinere, aber doch deren Verankerung in der Bevölkerung gefunden.
recht stabile Sockel, auf denen in der Auseinandersetzung Der Einfluss von anstehenden Problemen und ihrer Lösung
mit den politisch zu lösenden Problemen im Lande und mit durch eine Partei oder auch die eine Partei vertretenden
dem politischen Führungspersonal Mehrheiten angestrebt Person(en) auf die individuelle Wahlentscheidung ist ein
werden können. Das Wichtige dabei ist, dass sowohl das wichtiger Bestandteil der theoretischen Überlegungen der
politische Führungspersonal als auch die Themen und die Ann-Arbor School. Deren Modell ist das sogenannte sozi-
vorgeschlagenen Lösungskonzepte mit der grundlegen- alpsychologische Modell zur Erklärung von Wahlverhal-
den Ausrichtung, die sich aus der strukturellen Ausgangssi- ten, auch Ann-Arbor Modell genannt, nach dem Ort in Mi-
tuation der Parteianhängerinnen und -anhänger ergeben, chigan (USA), in dem die Politikwissenschaftler Angus
ebenfalls harmonieren sollten. Gemeint ist der Grundkon- Campell, Gerald Gurin und Warren E. Miller am Institute
sens in der Anhängerschaft der jeweiligen Partei oder for Social Research (ISR) ab den 1950er Jahren forschten
auch die in der Wählerschaft wahrgenommene Position und lehrten. Das Modell geht davon aus, dass die Wähle-
der Partei auf der Links-Rechts-Skala, die nach wie vor eine rinnen und Wähler neben der Prägung durch ihre unmittel-
beherrschende Dimension der politischen Auseinander- bare Umwelt, d. h. durch die primäre und sekundäre Sozia-
setzung ist. lisation, durch Elternhaus, Schule, Bildung, spätere Berufs-
Die Strategien der alten Parteien CDU und SPD müssen tätigkeit und Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe, Nähe
demnach darauf gerichtet sein, möglichst viele Wahlbe- oder Ferne zu einer Religionsgemeinschaft, Familien- und
rechtigte, die ihr aus strukturellen Gründen nahe stehen, Berufsstatus und schließlich Alter und Geschlecht sowie
mit möglichst überzeugenden Lösungsvorschlägen für die von weiteren, eher kurzfristigen Faktoren beeinflusst wer-
anstehenden Probleme zu mobilisieren bzw. zu gewinnen; den. Zu den kurzfristigen Faktoren zählen die Glaubwür-
und zwar für Probleme, die für diese Wählerinnen und digkeit und Durchsetzungskraft von Persönlichkeiten sowie
Wähler wichtig sind und deren Lösung von ihnen als dring- das Image, das Politikerinnen und Politiker aufgebaut ha-
lich empfunden wird. Damit ist aber auch die Vorgehens- ben oder ausstrahlen (emotionale Faktoren); darüberhin-
weise zur Überprüfung eines möglichen Erfolgs bei der aus von der Fähigkeit der Parteien, politische Probleme, die
Mobilisierung der Anhängerschaft beschrieben. Es muss wichtig für die Wählerinnen und Wähler sind, auch wirk-
versucht werden, die wichtigsten Probleme zu finden, die lich in ihrem Sinne lösen zu können (rationale Faktoren).
Relevanz oder Betroffenheit für die einzelne Wählerin bzw. Nur wenn man die Gesamtheit der drei Faktorenbündel
den einzelnen Wähler haben. Danach gilt es festzustellen, Sozialstruktur, Themen- und Personeneinfüsse beachtet
mit welcher Partei, der strukturell nahe stehenden Partei und ihr Gewicht auf die Einzelentscheidung messen und
oder einer anderen, die Wählerin und der Wähler diese darstellen kann, wird man das Ergebnis einer Wahl erklä-
Probleme und deren Lösungen in Verbindung bringt und ren oder prognostizieren können.
deren Lösungskompetenz für ausreichend erachtet.
Erst dann kann eine Auswirkung auf das Wahlverhalten
angenommen werden. Vorbedingung dazu ist allerdings, Sozialstruktur der Wählerschaft
dass sich die Wählerin bzw. der Wähler überhaupt im Ein-
flussbereich der Partei befindet, d. h. über eine gewachse- Gemäß dem Ann-Arbor-Modell ist die Parteiidentifikation
nen Nähe zu ihr aufgrund der Zielsetzungen im weitesten ein ausschlaggebendes Moment bei Wahlen. Für die Er-
Sinne (Ideologie) verfügt oder positive Erfahrungen bei fassung der wichtigen Probleme und deren Lösungsfähig-
Entscheidungen der Vergangenheit mit ihr verbindet. Die keit durch die einzelnen Parteien gibt es Fragen bzw. Fra-
Umfrageforschung hat auf der Basis solcher theoretischen genbündel, deren Brauchbarkeit und Treffsicherheit viel-
Überlegungen Instrumente entwickelt, mit denen diese fach überprüft wurden, die aber von Wahl zu Wahl jeweils
Probleme und ihre Relevanz für potenzielle Wählerinnen neu gewichtet werden müssen. Der Einfluss der Personen,
und Wähler erfasst werden können. Zudem kann mit die- die zur Wahl stehen, wird ebenfalls mit Fragen zu erfassen
sen Instrumenten die Lösungskompetenz der Parteien ge- versucht.
messen werden. Aus diesen Messungen kann wiederum Zunächst zur Sozialstruktur der einzelnen Parteien: Die
etwas zur wahrscheinlichen Auswirkung auf das Abschnei- CDU hat die älteste Wählerschaft unter allen Parteien in
den der Parteien gesagt werden. Baden Württemberg. Nur 15,3 Prozent der CDU-Wähler
Diese Überlegungen gelten für die potenziellen Regie- waren 2011 unter 35 Jahre, aber 47,4 Prozent ihrer Wähle-
rungsparteien besonders, im Fall von Baden-Württemberg rinnen und Wähler sind jenseits von 60 Jahren. Da diese
aber auch für die Grünen, die zwar keine gewachsene aber eine besonders starke Gruppe unter den Wählerin-
strukturelle Basis haben, diese aber durchaus durch politi- nen und Wählern insgesamt darstellen (2011: 37 %) und in
sche Milieubildung, die ihnen in der Vergangenheit in vie- dieser Altersgruppe auch die Wahlbeteiligung (2011:
len Fällen gelungen ist (z. B. in Groß- und Universitätsstäd- 71 %) weit über dem Durchschnitt liegt, bilden die über
ten), in vergleichbarer Form und Größenordnung ausglei- 60-jährigen Männer (2011: CDU 48,3 %), vor allem aber
chen können. Darüberhinaus haben die Grünen über ihre die Wählerinnen in dieser Altersgruppe (2011: CDU 51,1 %)
Zuständigkeit für umweltpolitische Themen, die ihnen weit den maßgebenden Sockel für die Union im Land. 6 Dies ist
über ihre Wählerschaft hinaus unter den Wahlberechtig- keine neue Erkenntnis, denn die CDU erreichte in der
ten zugebilligt wird, durchaus einen adäquaten Ersatz für Gruppe der über 60-Jährigen schon bei allen zurücklie-
die historisch gewachsenen ideologischen Ziele der Alt- genden Wahlen seit den 1990er Jahren rund zehn Prozent

265

BiS2015_04_umbr.indd 265 11.01.16 11:05


Dieter Roth
mehr als im Landesdurchschnitt. Man darf davon ausge-
hen, dass diese Säule auch 2016 hohen Bestand haben
wird.
Die CDU hat einen leicht überdurchschnittlichen Erfolg bei
Arbeiterinnen und Arbeitern, einen deutlich unterdurch-
schnittlichen hingegen bei Angestellten und Beamten, und
sie schneidet deutlich überdurchschnittlich bei Selbststän-
digen ab, die aber nur elf Prozent der Gesamtwählerschaft
ausmachen. Sie wird durch keine Berufsgruppe eindeutig
geprägt, obwohl sie von Arbeitern am häufigsten gewählt
wird, was schon überraschend genug ist. Allerdings hat sie
ihren größten Erfolg bei gewerkschaftlich nicht gebunde-
nen Arbeitern (44 %), bei Arbeitern mit Gewerkschaftsbin-
dung erreicht sie nur 29 Prozent. 35 Prozent der Wähler-
schaft Baden-Württembergs sind katholisch, 40 Prozent
evangelisch, 16 Prozent gehören keiner der beiden Religi-
onsgemeinschaften an. Die Katholiken wählen weit über-
durchschnittlich die CDU (48 %), beim evangelischen Teil
der Wählerschaft erreicht die CDU 37 Prozent, bei den
Wählern ohne Kirchenbindung 20 Prozent. 7 Trotz dieser
überproportionalen Nähe der Katholiken zur Union kann
man nicht von einer eindeutigen Prägung der Partei durch
eine Religionsgemeinschaft sprechen.
Etwas klarer ist das Bild, wenn man die einzelnen Bildungs- Die AfD wird wahrscheinlich ins Landesparlament einziehen.
gruppen betrachtet. Wählerinnen und Wähler mit Haupt- Ihr Stimmengewinn wird wesentlich von der Diskussion um
schulabschluss wählen weit überdurchschnittlich die CDU den Zuzug von Flüchtlingen abhängen. Die AfD ist zurzeit
(47 %), bei Schulabgängern mit mittlerer Reife schneidet nicht koalitionsfähig. Ihr Spitzenkandidat Jörg Meuthen, Pro-
die Partei mit 39 Prozentpunkten durchschnittlich ab. Wäh- fessor an der Hochschule Kehl für öffentliche Verwaltung,
ler aus höheren Bildungsgruppen bedenken die CDU in kündigte auf dem Landesparteitag im Oktober 2015 bereits
Baden-Württemberg weit unterdurchschnittlich. die Siegesfeier am Wahlabend an.
Die strukturelle Betrachtung der Wählerschaft der Union picture alliance/dpa
ergibt also keinen Hinweis auf starke Veränderungen der
Parteistärke bei der bevorstehenden Wahl. Das ist nicht
überraschend, denn Strukturen und deren Veränderungen her ebenfalls bestes Territorium für die Sozialdemokratie,
geschehen langsam im Gegensatz zu wichtigen Themen, werden mit Ausnahme Mannheims von den Grünen klar
die sehr schnelle Veränderungen in der Wählerschaft her- dominiert. In Stuttgart und Freiburg haben die Grünen so-
beiführen können. Die zur Verfügung stehenden Umfrage- gar deutlich besser abgeschnitten als die CDU. Die Bil-
ergebnisse widersprechen dieser Aussage nicht. dungsstrukturen der Wählerschaft der beiden Parteien
Auch die Sozialdemokraten erzielten 2011 ihr bestes Wahl- CDU und SPD unterscheiden sich in Baden-Württemberg
ergebnis bei den über 60-jährigen Wählerinnen und Wäh- nicht. Die Zusammensetzung der Wähler in beiden Par-
lern. 41 Prozent ihrer Wählerschaft sind über 60 Jahre alt. teien ist praktisch gleich: 32 Prozent sind Wählerinnen und
Die Abweichungen zum Durchschnitt (41 zu 37) sind jedoch Wähler mit Hauptschulabschluss, 30 Prozent haben einen
deutlich kleiner als bei den Christdemokraten (47 zu 37). mittleren Bildungsabschluss, 14 bzw. 15 Prozent haben die
Die SPD gewann sogar gegen den Trend bei den über Hochschulreife und 15 bzw. 16 Prozent einen Hochschul-
60-Jährigen hinzu (vier Prozentpunkte). Im Gegensatz abschluss. Die für die Sozialdemokratie strukturell günsti-
dazu verloren die Sozialdemokraten weit überdurch- gen Ausgangsbedingungen in Baden-Württemberg, ein
schnittlich bei den unter 30-Jährigen (minus acht Prozent- relativ hoher Arbeiteranteil (22 %) unter den Wählerinnen
punkte insgesamt, elf Punkte bei den Frauen in dieser Al- und Wählern sowie ein hoher Anteil an Protestanten (40 %),
tersklasse), wo sie bisher einen guten Stand hatte. Den kann die Partei nicht für sich nutzen. Es gibt keine Anzei-
Grünen kam ein Großteil dieser SPD-Verluste bei den unter chen, dass sich dies in nächster Zeit ändern wird.
30-Jährigen zugute, aber auch den kleinen Parteien, wie Wenn eine Partei wie die Grünen ihren Anteil an den Wäh-
den Piraten auf der linken Seite des Parteienspektrums und lerstimmen mehr als verdoppelt, wie 2011 geschehen, än-
der NPD auf der rechten Seite (hier aber eher durch das dert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die sozial-
Wahlverhalten der jungen, gering gebildeten Männer, als strukturelle Zusammensetzung der Partei. Das muss aber
durch das der gleichaltrigen Frauen). nicht so sein, wenn eine Partei sehr hohe Zuwächse aus der
Das strukturelle Profil der SPD ist weniger stabil als das der Gruppe früherer Nichtwähler gewinnt, was den Grünen
CDU. Arbeiterinnen und Arbeiter, die ehemalige struktu- 2011 gelungen ist. Die höchsten Steigerungen bei der
relle Stüze der Partei, machen nur noch 25 Prozent der SPD- Wahlbeteiligung gab es in Städten und Großstädten, in
Wählerschaft aus, Angestellte 45 Prozent. Bei der Union denen die Grünen bereits strukturell und über die Themen-
machen Arbeiterinnen und Arbeiter 23 Prozent der Ge- zuständigkeit begünstigt sind. Überdurchschnittliche Ge-
samtwählerschaft aus, 40 Prozent kommen von den Ange- winne erzielen die Grünen bei den über 35-jährigen Män-
stellten. Die Partei mit dem größten Arbeiteranteil ist – nicht nern und Frauen mit hohem Bildungsgrad. Die Hälfte ihrer
erstaunlich – die Linke. Arbeiterinnen und Arbeiter machen Wählerschaft kommt inzwischen aus dieser Wähler-
bei ihr 30 Prozent der Wählerschaft aus. Großstädte, frü- gruppe, die insgesamt etwas über ein Drittel der Gesamt-

266

BiS2015_04_umbr.indd 266 11.01.16 11:05


LANDTAGSWAHL 2016:
PROGNOSEN UND SZENARIEN

Die Sozialstruktur der Wählerschaft der Linken ist klarer.


Eine Altersgruppe bei den Wählerinnen und Wählern der
Linken sticht besonders hervor: Es sind die 45- bis 59-Jähri-
gen, die den höchsten Anteil ihrer Wählerschaft ausma-
chen. Es sind diejenigen, die noch in Arbeit sind, und es sind
zu einem großen Teil Arbeiterinnen und Arbeiter, auch ge-
werkschaftlich gebundene. Hingegen sind in der Wähler-
schaft unterdurchschnittlich weniger Angestellte zu finden,
eher solche in einfachen Tätigkeiten; es sind mithin Wähle-
rinnen und Wähler, die am unteren Ende der sozialen Leiter
stehen und um ihren ökonomischen Status bangen. Die
Wählerinnen und Wähler der Linken sind eher kirchenfern.
Die AfD gab es 2011 noch nicht. Sie taucht in Baden Würt-
temberg in Umfragen erstmals 2013 auf. Die Anhängerin-
nen und Anhänger der AfD sind in Baden Württemberg im
bundesweiten Vergleich ähnlich strukturiert wie die An-
hängerschaft in anderen Bundesländern. Der Steckbrief
der AfD-Wählerschaft sieht wie folgt so aus: 8 sehr männ-
lich (80 %), viele Hauptschülerinnen und Hauptschüler
(35 %), aber auch Hochgebildete (ebenfalls 35 %), Männer
zwischen 35 und 59 Jahren machen 55 Prozent ihrer Wäh-
wählerschaft ausmacht. Ihren Status als Partei der höheren lerschaft aus. Die AfD ist keine Großstadtpartei, ihre An-
und höchsten Bildungsgruppen hat sie damit eher noch hänger kommen eher aus dem ländlichen Raum (zwei Drit-
ausgebaut. Sie ist gleichzeitig aber auch die Partei mit dem tel aus Gemeinden unter 5000 Einwohnerinnen und Ein-
höchsten Erwerbstätigenanteil (63 %), weil sie eine sehr wohnern) und sind eher katholisch geprägt. Ein Drittel ihrer
viel jüngere Partei ist, als die SPD und die CDU. Sie hat den Anhänger in Baden Württemberg gibt an, bei der letzten
höchsten Anteil an Angestellten (50 %) und einen über- Wahl die CDU gewählt zu haben, 20 Prozent die Grünen
durchschnittlichen Anteil an Beamten in der Wählerschaft, und 15 Prozent die SPD. Der Rest hat nicht gewählt, war
weil sie formal höher Gebildete anspricht, und sie hat aus noch nicht wahlberechtigt oder hat eine der kleinen Par-
dem gleichen Grund den geringsten Arbeiteranteil (16 %) . teien unterstützt.
Die FDP hatte, obwohl Baden Württemberg als „Stamm- Als Fazit aus der Betrachtung der Sozialstruktur der ver-
land der Liberalen“ gilt, nie eine strukturell abgesicherte schiedenen Parteien in Baden-Württemberg lässt sich fest-
Stammwählerschaft, wohl aber für eine lange Zeit eine halten, dass wir im Jahre 2015 kaum Schlüsse zu Verände-
ausreichende Zahl treuer Wählerinnen und Wähler, die ihr rungen der Parteienstärke bei der kommenden Wahl zie-
den Status einer kleinen, aber doch beständigen Partei im hen können, obwohl die bekannten Zusammenhänge von
Landesparlament sicherte und, wenn die CDU nicht die Sozialstruktur und Parteienerfolg nach wie vor vorhanden
absolute Mehrheit erreichte, auch als Koalitionspartner und auch nachweisbar sind, zumindest für die „alten“ Par-
bereitstand, was wiederum zu ihrem Überleben beitrug. teien. Die Veränderungen im Parteiengefüge sind nicht pri-
Größere konjunkturelle Sprünge nach oben und unten gab mär auf sozialstrukturelle Veränderungen in der Wähler-
es schon früher, denn die Treue ist keinesfalls eine verläss- schaft insgesamt zurückzuführen, sondern eher auf die
liche Verhaltenshilfe. Nichtbeachtung bestimmter Interessen von Wählergrup-
2011 allerdings kämpfte die FDP ums Überleben. Bei den pen durch die etablierten Parteien. Die AfD erreicht Wäh-
Selbstständigen, einer ehemaligen Domäne, verlor sie mit lerinnen und Wähler aus vielen sozialstrukturellen Unter-
elf Prozentpunkten doppelt soviel wie im Landesdurchschnitt; gruppen. Die Veränderungen dort geschehen schleichend
der größte Einbruch in einer Berufsgruppe überhaupt. Bei und sind kurzfristig schwer zu erkennen. Anders ausge-
allen anderen Berufsgruppen liegt sie an oder unter der drückt: Trotz einer völlig neuen Parteienkonstellation in der
Fünfprozenthürde. Nur noch in der Gruppe der über 60-jäh- Landesregierung erkennen wir keine neuen Konstellatio-
rigen Männer ist sie auf sicherem Terrain (7 %); und die nen in der Zusammensetzung der Parteianhängerschaften.
Gruppe der über 60-Jährigen insgesamt hat ihr zum Ver- Der Umbruch des Jahres 2011 – vor allem zu Gunsten der
bleib im Parlament verholfen. Und dies alles, obwohl die Grünen – hatte deshalb entweder keine sozialstrukturellen
große Unzufriedenheit mit dem Koalitionspartner CDU ei- Gründe oder er ist bereits vor dem Wahltag geschehen.
gentlich die Chance geboten hätte, konservative Unions- Wahrscheinlich ist letzteres der Fall: Wie wir und viele
wählerinnen und -wähler zu gewinnen, ohne dass diese Analysten festgestellt haben, ist die Entscheidung gegen
ihre politische Grundorientierung hätten aufgeben müssen. die Vorgängerregierung nicht am Wahltag, sondern lange
Denn die FDP in Baden Württemberg ist ähnlich strukturiert davor gefallen.
wie die Union, in ihrem Kern konservativ und bürgerlich. Für eine Prognose mit Blick auf die Landtagswahl 2016 ist
Drei Monate vor dem nächsten Urnengang ist das Ansehen es deshalb wichtig, zu bilanzieren, was in der Zeit nach der
der FDP in der neuen Rolle als Oppositionspartei im negati- Wahl 2011 im Bereich der zu lösenden Probleme durch die
ven Bereich – noch schlechter als 2011, was bereits ein Tief- Regierung geschehen ist und inwieweit die Wahlberech-
stand war. tigten dies gutgeheißen haben.

267

BiS2015_04_umbr.indd 267 11.01.16 11:05


Dieter Roth
Die Bilanz der grün-roten Regierung9 Möglichkeiten der weitgehenden Information der Bürge-
rinnen und Bürger über Vorhaben der Regierung, mit mo-
Die grün-rote Landesregierung hat am Anfang der Legisla- dernen Kommunikationsmitteln und einem eigens entwi-
turperiode ein Programm veröffentlicht, an dem sie sich am ckelten „Leitfaden für eine Planungskultur“. Dieser Dialog
Ende messen lassen muss. Das gilt für die Themen, die be- mit den Bürgerinnen und Bürgern ist ein mühsames, aber
reits 2011 von landesweiter Bedeutung waren, wie die lohnendes Geschäft. In der Frage des Nationalparks wur-
Wirtschaft im Lande oder die Bildungspolitik, sowie für den in davon betroffenen Gemeinden Meinungsbilder er-
Versprechen, die sie aufgrund ihrer Programmatik gemacht stellt, die zum Teil gegen das Vorhaben votierten. Die Re-
hat – z. B. ein neues Verhältnis von Regierenden zu Regier- gierung machte jedoch klar, dass es sich um ein Landes-
ten zu schaffen – oder auch für neue Probleme, die sich im projekt handele und deshalb letztlich das Parlament
Lande auftun, auch wenn sie diese nicht selbst zu verant- entscheiden werde. Das hat die Wut zunächst noch gestei-
worten hat. gert. Und doch sei das Projekt durch die Kritik und die An-
Wohl wissend, was die politischen Gegner im Wahlkampf regungen der Bürgerinnen und Bürger besser geworden,
2011 als Befürchtung für das Land voraussagten, bestand sagt der zuständige Minister Alexander Bonde. Der Natio-
einer der Kernsätze in der Regierungserklärung Winfried nalpark ist mittlerweise sehr beliebt und laut einer Um-
Kretschmanns aus dem Versprechen: „Baden-Württem- frage im Sommer 2015 fühlen sich die Bürgerinnen und Bür-
berg steht keine politische Revolution bevor, sondern eine ger auch ausreichend eingebunden.12
ökologisch-soziale Erneuerung.“ Und weiter heißt es: „Wir Ein zweites wichtiges Versprechen im Regierungspro-
wollen Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen.“ Wei- gramm der grün-roten Regierung war, alles zu tun, um die
tere Kernsätze waren: „Die Zeit des Durchregierens von Wirtschaft des Landes auf hohem Niveau zu stabilisieren.
oben ist zu Ende […]. Für mich ist die Einmischung der Bür- Hatte doch die Vorgängerregierung im Wahlkampf 2011
ger keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung.“ Kretsch- vor dem ökonomischen Niedergang des Landes bei einem
mann versprach eine „Politik des Gehörtwerdens“ und Sieg der Opposition gewarnt, und die CSU bot über ihren
mehr Bürgerbeteiligung. Die Menschen des Landes sollten Generalsekretär den Unternehmen in Baden-Württem-
bei der neuen Koalition ein offenes Ohr finden. berg nach einem Regierungsverlust der CDU-geführten
In der Bildungspolitik kritisierte Kretschmann die vorherigen Landesregierung wirtschaftliches Asyl in Bayern an. Die
Regierungen heftig: „Es ist ein Armutszeugnis der Vorgän- objektiven Zahlen kurz vor Ende der Legislaturperiode
gerregierungen, dass in Baden-Württemberg noch immer zeigen eine durchaus stabile, in Teilen verbesserte
die soziale Herkunft so sehr über den Bildungserfolg ent- Wirt schafts lage Baden-Württembergs.13 Wirtschaftliche
scheidet.“ Er kündigte an, die neue Landesregierung werde Ängste oder Gefahren sind aktuell kein Thema bei den
viel Geld in die Hand nehmen, damit jedes Kind in Baden- Menschen im Lande.14
Württemberg – unabhängig von Herkunft oder Geldbeutel
der Eltern – seine Fähigkeiten und Potenziale voll entfalten
könne. Vielen war klar, dass dieses Versprechen innerhalb
einer Legislaturperiode nicht einzulösen war. Unklar war
auch, ob die Mehrheit in Baden-Württemberg diese Verän-
derung in der Bildungspolitik überhaupt will.
Was wir aus Umfragen wissen, die in der Zeit nach dem
Regierungswechsel durchgeführt wurden, ist es der Regie-
rung durchaus gelungen, zumindest einigen Zielen näher
zu kommen, ohne ihr Regierungsprogramm gänzlich zu er-
füllen. Verglichen mit dem Wahlergebnis von 2011 wurde
die neue Regierung im ihrem ersten Jahr positiver beurteilt.
Das mag zum Teil über den sogenannten bandwagon effect
erklärbar sein, demzufolge viele Wählerinnen und Wähler
auf der Seite des Wahlgewinners sein wollen. Deshalb er-
reichten die Grünen nach der Wahl meist höhere Umfrage-
werte als sie Stimmen am Wahltag bekamen. Außerdem
wird einer neuen Regierung in der Regel eine gewisse
Schonfrist eingeräumt.
Als ein Beispiel für den Erfolg der grün-roten Regierungs-
koalition in einem schwierigen Feld – und nach dem Ver-
sprechen einer stärkeren Einbindung der Regierten in die Die Einrichtung des National-
Entscheidungen der Regierung – soll hier die Diskussion parks im Schwarzwald war ein
und das Ergebniss des wohl umstrittensten Infrastruktur- reichlich umstrittenes Infra-
projekts der Regierung Kretschmann, die Einrichtung des strukturprojekt. Der Dialog mit
Nationalparks im Schwarzwald, aufgeführt werden.10 den Bürgern, die gegen das
Auch nach der Wahl 2011 existiert der durch das Baupro- Projekt votierten, war mühsam.
jekt Stuttgart 21 und den Wasserwerfereinsatz im Stutt- Letztendlich stellte die Regie-
garter Schloßgarten geborene „Wutbürger“ weiter.11 Die- rung jedoch klar, dass es sich
sen „Wutbürger“ hat die Regierung versucht „einzuhegen“. um ein Landesprojekt handele
Auch durch die Berufung von Gisela Erler als Staatsrätin und deshalb das Parlament
für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft im Staatsminis- entscheiden werde.
terium. Ein solches Amt gibt es sonst nirgends. Es sorgt für picture alliance/dpa

268

BiS2015_04_umbr.indd 268 11.01.16 11:05


Die Entwicklung der Parteien im Meinungsbild der LANDTAGSWAHL 2016:
Bürgerinnen und Bürger PROGNOSEN UND SZENARIEN

Im Jahre 2012 waren die Umfrageergebnisse für die Grü-


nen, insbesondere die Akzeptanzwerte für den Minister- konstatierte folgende Zahlenwerte: 37 Prozent der Wahl-
präsidenten, höher als 2011. Ende 2013 bis Mitte 2014 gab berechtigten würden die CDU wählen, 27 Prozent die Grü-
es einen kleinen Abschwung. 2015 werden die Grünen nen, 18 Prozent die SPD, fünf Prozent die FDP, drei Prozent
wieder auf der Höhe ihres Wahlergebnisses von 2011 ge- die Linke und sechs Prozent die AfD. Für andere Parteien
messen.15 Drei Monate vor der Wahl hat sich die Unterstüt- würden sich vier Prozent der Wählerinnen und Wähler ent-
zung für die Grünen weiter verbessert und der Abstand zur scheiden.16
Union deutlich verkürzt. Der Koalitionspartner SPD liegt Das ist keine Prognose für den Ausgang der Wahl im März
dagegen fast über die gesamte Legislaturperiode hinweg 2016, aber immerhin ein Stimmungsbild für die Parteien
unter seinem Ergebnis von 2011. Aktuell liegen die Zahlen vier Monate vor der Wahl. Dieser Umfrage zufolge würde
für die SPD unter 20 Prozent. es zu einem Fünf-Parteien-Parlament kommen und damit zu
Die Zahlen für die Union hatten in den ersten beiden Jahren mehreren Koalitionsmöglichkeiten.
nach der Wahl 2011 einen leichten Einbruch. 2013 lagen sie
etwas über dem Ergebnis von 2011 und pendelten sich in
der Folgezeit wieder auf die Zahlen von 2011 ein. Vier Mo- Bewertung der Regierung und der Spitzenkandidaten
nate vor der Wahl 2016 und unmittelbar vor ihrem Landes-
parteitag liegt die CDU unter ihrem alten Wahlergebnis. Die Umfrage zeigt insgesamt eine gute Bewertung der
Die FDP wurde zunächst lange Zeit unter der Fünfprozent- grün-roten Regierung. Sie ist ungleich besser (1.2 auf einer
hürde gemessen; in neueren Umfragen von 2015 bekommt Skala von +5 bis –5) als die der alten Regierung aus CDU
sie um die fünf Prozent. Linke, Piraten und die noch kleine- und FDP vor der Wahl 2011 (0,3 auf der gleichen Skala).
ren Parteien bleiben in der Größenordnung der Vorwahl, Die Bewertung der FDP lag damals als Regierungspartei
also deutlich unter fünf Prozent. bei –0,4, jetzt als Oppositionspartei liegt sie bei –0,9. Die
Die neue Unbekannte im Parteienangebot ist die Alterna- Bewertung der beiden Koalitionspartner ist in etwa gleich
tive für Deutschland (AfD), die seit Ende 2013 in Umfragen (0,8 für Grüne, 0,9 für SPD). Selbst die CDU-Anhänger be-
auftaucht. Der AfD müssen aber angesichts der aktuellen urteilen die Regierungsarbeit von Grün-Rot positiv (0.9).
politischen Debatte Chancen eingeräumt werden, in den Das gilt auch für FDP-nahe Wahlberechtigte (0.5). Nicht
nächsten Landtag einzuziehen. jedoch für Anhänger der AfD; sie sind die eigentlichen Re-
Die eine Woche vor den Parteitagen der Grünen im Bund gierungsgegner (-0,9).
und der CDU in Baden-Württemberg im November 2015 Wer eher zufrieden ist mit der Regierung, will – nicht über-
durchgeführte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen raschend – auch für die Zukunft Winfried Kretschmann als

269

BiS2015_04_umbr.indd 269 11.01.16 11:05


Dieter Roth
Regierungschef. Seine Bewertung ist äußerst positiv (2.5). sind die schul- und bildungspolitischen Vorstellungen der
Selbst CDU-Anhänger vergeben an ihn einen deutlich bes- CDU eher in ihrem Sinn (bis 45 %). Insgesamt steigt die
seren Wert (2.2) als an ihren eigenen Spitzenkandidaten Wichtigkeit dieses Politikbereichs mit zunehmender Bil-
Guido Wolf (1.6). Ganz konkret gefragt, wen man denn als dung der Befragten deutlich an, und er ist hoch bei Eltern
zukünftigen Ministerpräsidenten möchte, entscheiden sich mit schulpflichtigen Kindern, aber auch bei den Groß-
58 Prozent für Winfried Kretschmann, ganze 17 Prozent für eltern.
seinen Herausforderer von der CDU; und auch hier erreicht
Kretschmann bei den Unionsnahen Wahlberechtigten ei-
nen leicht höheren Wert (42 %) als Wolf in dieser (bzw. Parteistärken
seiner) Gruppe (39 %).
Auch in Baden-Württemberg werden bei der bevorstehen- Setzt man Äußerungen der Wahlberechtigten zur Partei-
den Wahl Parteien und nicht Personen gewählt. Allerdings nähe in Beziehung zueinander, so zeigen sich für die Grü-
ist Winfried Kretschmann ein Landesvater, wie ihn sich die nen größere Chancen, ihr jetziges Ergebnis bis zur Wahl
Menschen in einem konservativen Land wünschen. Er steht 2016 zu verbessern als für die CDU. Auch für die SPD ist
bei den verschiedensten sozialen Gruppen mit Traumno- noch ein gewisses Wachstumspotenzial vorhanden, wäh-
ten auf der Wunschliste als Regierungschef an der Spitze, rend bei der FDP die Obergrenze schon weitgehend er-
bei Männern wie Frauen, bei den Jungen wie den Alten, reicht zu sein scheint.
über alle Berufs- und Bildungsgruppen hinweg, in Stadt Vieles wird für die größeren Parteien davon abhängen, ob
und Land und bei allen Konfessionen. sie ihre Anhängerschaft mobilisieren können, zur Wahl zu
gehen. Sowohl die Anhängerschaft der Grünen als auch
die der SPD ist insbesondere bei Landtagswahlen schwe-
Themen und Kompetenzen rer an die Wahlurne zu bringen, als dies für die Anhänger
der Union gilt. Zu den Tugenden von Konservativen gehö-
Natürlich sind die Zahl der nach Deutschland kommenden ren nun mal Pflichtgefühl und Treue und damit auch der
Flüchtlinge und die sich daraus ergebenden Probleme Gang zur Wahlurne, wenn dazu hörbar aufgerufen wird.
auch in Baden-Württemberg das dominierende Thema. Deshalb brauchen die Parteien den Wahlkampf heute stär-
Eine große Zahl und die klare Mehrheit im Lande (61 %) ker als früher.
glauben, dass Baden-Württemberg die Flüchtlinge ver- Sollten die in der Öffentlichkeit gehandelten Zahlen über
kraften kann. Außer bei den AfD-Anhängern glauben das das Abschneiden der Parteien in der heißen Wahlkampf-
Mehrheiten bei allen Parteien. phase der Regierungsseite oder auch der Oppositions-
Die Kompetenz zur Lösung dieses Problems sehen zunächst seite eine eindeutige Mehrheit versprechen, wird das für
alle Parteianhänger bei derjenigen Partei, der sie nahe- die Wahlbeteiligung nicht förderlich sein. Eine Wahl muss
stehen (bei den Regierungsanhängern zum Teil auch beim spannend bleiben. Aus heutiger Sicht ist diese Vorausset-
Koalitionspartner). Es gibt deshalb kein klares Bild, ob Re- zung nur schwerlich gegeben. Es fehlen die polarisieren-
gierung oder Opposition geeigneter sind, das Problem zu den Themen und Personen, die 2011 die Wahlbeteiligung
lösen, da es ja auch innerhalb der Parteien durchaus unter- nach oben getrieben haben. Auch die Flüchtlingsfrage
schiedliche Lösungsvorstellungen gibt. Die Mehrheit der wird diese starken Gegensätzlichkeiten bei der Wahl 2011
Bevölkerung Baden-Württembergs jedenfalls hält vier Mo- nicht ersetzen.
nate vor der Wahl die Probleme für lösbar.
Die Dimensionen der gemeinsamen Aufgabe bleiben bis
zur Wahl unklar, deshalb lässt sich auch die Größe des Mögliche Regierungskonstellationen und die
Einflusses auf das Wahlergebnis nur schwer abschätzen. Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens
Allerdings sind die Grundhaltungen der verschiedenen
Parteieliten in der Bevölkerung durchaus bekannt, sodass Insbesondere die Schwäche der SPD macht die Aufrechter-
völlig neue Meinungsbilder, die alles umkehren, nicht zu haltung der jetzigen Regierungsmehrheit fraglich. Aber
erwarten sind. Das Thema könnte der AfD helfen, in den auch eine Ablösung der Regierung durch die Parteien der
Landtag einzuziehen, obwohl sie durch die Spaltung der früheren Regierung und jetzigen Opposition aus CDU und
Partei im Sommer 2015 geschwächt erscheint. Radikale FDP liegt nicht nahe. Für beide Parteien ist der notwendige
Gegner eines Zuzugs von Flüchtlingen gibt es insbeson- Aufschwung nicht sichtbar und auch nicht wahrscheinlich.
dere auf der rechten Seite des Parteienspektrums. Es sind Gewünscht wird diese Konstellation von gerade mal acht
ausreichend viele, um der AfD zum Erfolg zu verhelfen. Prozent der Wählerschaft, und innerhalb der CDU-Anhän-
Anders hingegen sieht es bei dem zweitwichtigsten Thema, ger wünschen sich weniger als 20 Prozent ein Wiederauf-
der Schul- und Bildungspolitik aus. Insgesamt meinen leben dieser früheren Koalition.
knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten, eine Schul- und Fragt man die Bürgerinnen und Bürger des Landes nach
Bildungspolitik, wie sie die CDU propagiert, sei in ihrem ihren Wünschen, so wollen sie nicht nur Winfried Kretsch-
Sinn. Für eine grüne Schul- und Bildungspolitik sprechen mann als Ministerpräsident in der nächsten Legislaturperi-
sich knapp 20 Prozent aus. Gut 20 Prozent der Befragten ode wieder haben, sondern mehrheitlich auch die bishe-
befürworten die schul- und bildungspolitischen Vorstellun- rige Regierung (knapp 30 %). Die nach Auszählung der
gen der SPD. Die Unterschiede in den verschiedenen Al- Stimmen sicherlich mögliche Koalition von Grünen und
ters- und Bildungsgruppen sind recht groß. Unter 35-Jäh- CDU wollen signifikant weniger (16 %), und das gilt auch
rige mit überdurchschnittlicher Bildung finden sich in die- für eine große Koalition von SPD und CDU (17 %). Erfasst
ser Frage eher durch die Vorstellungen der beiden man die Bewertung der möglichen Koalitionsmodelle im
Regierungsparteien vertreten (über 55 %), für über 35-Jäh- Einzelnen so ergibt sich folgendes Bild:
rige und vor allem für über 60-Jährige mit höherer Bildung

270

BiS2015_04_umbr.indd 270 11.01.16 11:05


Abbildung 1: Bewertung
von Koalitionsmodellen in
Baden-Württemberg
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen: Politbarometer-Extra Baden-Württemberg, KW 47/2015

zusammen sind vermutlich stärker als die CDU allein. Die


Die derzeitige Regierungskoalition hat in der Beliebtheit Mehrheit für eine Regierung erreicht man dann bei ca. 45
einen kleinen Vorsprung. Die Vorgängerregierung wird am Prozent der Stimmen.
wenigsten als ein Modell der Zukunft gesehen. Eine solche Allerdings könnte eine starke oder sehr starke AfD das
Bewertung von verschiedenen Koalitionsmodellen durch grün-rote Bündnis stören. Dann nämlich, wenn die CDU
die Wählerinnen und Wähler macht jedoch keines davon und die AfD zusammen mehr Sitze erreichen als Grün-Rot.
wahrscheinlicher als ein anderes. Die Parteieliten werden Eine Koalition zwischen diesen beiden Parteien ist derzeit
nach anderen Kriterien als der Beliebtheit eines Modells auszuschließen. Als Alternative bliebe dann nur noch eine
entscheiden, welche Konstellation sie anstreben. Sie wer- grün-rote Minderheitsregierung. Diese Konstellation wäre
den nach dem 13. März 2016 versuchen, stabile Mehrhei- neu, nicht die reine Freude für Grün-Rot und zunächst wohl
ten zu bilden. Die Bevölkerung Baden-Württembergs wird nicht sehr stabil mit Blick auf bestimmte Projekte. Anderer-
mit keinem Modell völlig unglücklich sein. Schaut man sich seits dürfte es der CDU bei wichtigen Entscheidungen
die Beliebtheit bestimmter Modelle in den Anhängerschaf- schwer fallen, gemeinsam mit der AfD zu stimmen, um
ten der Parteien an, so stellt man fest: CDU-nahen Wähle- Mehrheiten zu erreichen bzw. inhaltlich vom Stimmverhal-
rinnen und Wählern ist der Koalitionspartner ziemlich ten der AfD abzuhängen.
egal, ob er nun FDP, SPD oder Grüne heißt. Die Wählerin-
nen und Wähler der Grünen hingegen favorisieren als Ko-
alitionspartner viel stärker die SPD (80 %) als die CDU Fazit
(55 %). Das gleiche Bild zeigt sich bei SPD-nahen Wähle-
rinnen und Wählern: Man will mit den Grünen koalieren Baden-Württemberg ist und bleibt in seiner Grundstruktur
(75 %), aber wenn es denn sein muss, auch mit der CDU ein konservatives Land. Das verhilft der Union zu einem so-
(57 %). liden Sockel von Wählerstimmen. Auf diesen hat sie immer
Neben den in jedem Fall möglichen Koalitionen ist beim vertraut, in der Regel zu Recht. 2011 hat sie aber über die-
Scheitern der Regierung auch eine Ampelkoalition denk- sen Sockel hinaus kaum Stimmen gewonnen. Sie hat bei
bar, d. h. eine Koalition aus Grünen, SPD und FDP. Über den mitten im Leben Stehenden 45- bis 59-Jährigen, vor
diese Konstellation wird derzeit nicht spekuliert, aber sie allem bei den Frauen dieser Altersgruppe, sogar über-
ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit rechnerisch möglich. durchschnittlich verloren. Die Gründe hierfür sind nicht
Sie hätte für die Grünen den Vorteil, dass Winfried Kretsch- wirklich verschwunden. Ihr Spitzenkandidat von damals,
mann Regierungschef bleibt und damit auch Garant für der hoch umstrittene Stefan Mappus, ist nach langen in-
eine grüne Landespolitik bleibt. Das Wahlvolk wäre zufrie- nerparteilichen Kämpfen durch ein Tandem ersetzt wor-
den. Zwar bestehen zwischen Grünen und FDP keine gro- den, das keineswegs so einheitlich in die Pedale tritt, wie
ßen politischen Gemeinsamkeiten, aber die FDP wird nicht das für den Erfolg der Partei nötig wäre. Die Wählerinnen
sehr wählerisch sein, wenn sie mitregieren kann, auch und Wähler einer konservativen Partei wünschen sich aber
wenn ihre Rolle eher bescheiden wäre. Der SPD bliebe klare Führungsstrukturen. Da ist wenig Platz für Experi-
keine große Wahl. Sie wäre ein kleiner Koalitionspartner in mente.
einer großen Koalition. Ihre Erfahrungen aus der Vergan- Auch als Oppositionspartei mit überzeugenden Alternati-
genheit aus Zeiten einer solchen Koalition sind nicht ge- ven zur Politik der amtierenden Regierung hat die CDU aus
rade vielversprechend. der Sicht der Bürgerinnen und Bürger nicht geglänzt. Ihre
Scheitert die FDP an der Fünfprozenthürde, ist ein „Überle- Behauptung, das Land werde hauptsächlich verwaltet und
ben“ der Regierung wahrscheinlich, denn Grüne und SPD nicht geführt, hat die Wahlberechtigten bisher nicht über-

271

BiS2015_04_umbr.indd 271 11.01.16 11:05


Dieter Roth
zeugt. Im Gegenteil, die Bevölkerung will Ministerpräsi- mann hat darüber hinaus alle Insignien eines Landesva-
dent Kretschmann über die Wahl 2016 hinaus im Amt se- ters, die er braucht, um ein konservatives Land zu regieren.
hen. Kretschmann hat eine der besten Einschätzungen als Dies ist wiederum für die Grünen eine große Hilfe, 2016 ein
Regierungchef eines Bundeslandes und das Image des gutes Ergebnis bei der Wahl zu erreichen. Ob es genügt,
„Landesvaters“, das Baden-Württemberg lange fehlte. um weit über ihren Erfolg von 2011 hinauszukommen, bleibt
Andererseits hat die CDU 2011 trotz schlechtestem Ergeb- offen. Schließlich hat sie mit dem Wahlergebnis von 2011
nis im Lande seit ihrem Bestehen und mit einem Minister- eine Obergrenze für eine Nicht-Volkspartei ohne entspre-
präsidenten und Spitzenkandidat, der eine der schlechtes- chende sozialstrukturelle Absicherung erreicht. Die Grü-
ten Beurteilungen aller Ministerpräsidenten hatte, immer- nen in Baden-Württemberg sind eine Partei, in der wert-
hin noch 39 Prozent der Stimmen erreicht und war damit konservative Strömungen dominieren. Sie erfährt Zuspruch
deutlich stärkste Partei geblieben. Das heißt: Die CDU ist durch große Erfolge auf der kommunalen Ebene.
auch in größter Not noch immer in der Lage, mit einem mit- Wie bei vielen Landtagswahlen müssen die zum Machtge-
telgroßen oder sogar einem kleinen Koalitionspartner zu- winn bzw. dessen Verteidigung notwendigen Stimmen für
sammen eine Regierung zu bilden, wenn die Randbedin- die jeweiligen Parteien (einschließlich der erstmalig antre-
gungen einigermaßen stimmen. tenden AfD) aus dem Bereich der wechselbereiten Wähle-
Als Koalitionspartner bieten sich die FDP und die AfD an, rinnen und Wähler kommen, der in Baden- Württemberg in
sofern sie die Fünfprozenthürde schaffen. Für die AfD ist ein einer Größenordnung von mehr als einem Drittel aller
Einzug ins Parlament sehr wahrscheinlich. Ihre Größe wird Wahlberechtigten liegt. Diese parteilich weitgehend Un-
stark von der Diskussion um den Zuzug von Füchtlingen ab- gebundenen sind über politische Themen, über Lösungs-
hängen. Aber diese Partei ist zurzeit nicht koalitionsfähig, angebote durch die Parteien angesichts aktueller Prob-
d. h. die CDU wird im Moment keine Koalition mit ihr einge- leme aber auch über deren Image sowie über die den Spit-
hen. Der Erfolg der FDP ist offen. Derzeit liegen ihre Umfra- zenkandidaten zugeschriebene Durchsetzungskraft und
gewerte um die fünf Prozent; aber das sagt nicht viel aus. Aura ansprechbar.
Eine Leihstimmenkampagne, wie sie die FDP verschiedent- Kurz gesagt: drei Monate vor der Wahl sind viele Fragen
lich in der heißen Wahlkampfphase einer Wahl versucht offen. Die CDU wird sich trotz der für sie günstigen struktu-
hat, kann durchaus erfolgreich sein. Allerdings wird sich rellen Vorbedingungen wahrscheinlich nicht verbessern,
die Summe aller Stimmen für die beiden bürgerlichen Par- sondern eher unter ihrem Ergebnis von 2011 bleiben. Sie
teien dabei kaum ändern. hat aus der Sicht der Wahlberechtigten keine gute Oppo-
Weitere Randbedingungen sind kleine oder Kleinstpar- sitionsarbeit geleistet, und sie hat keine überzeugenden
teien, die die Fünfprozenthürde nicht überwinden, aber Kandidaten an der Spitze der Partei. Sie ist keine inhaltli-
insgesamt die Obergrenze für das Erreichen der notwendi- che Alternative zur jetzigen Regierung. Und sie wird bei
gen Regierungsmehrheit senken. Diese Bedingung wird einem weiteren Wachstum der AfD am meisten zu leiden
wahrscheinlich in etwa gleicher Größenordnung wie bei haben. Ein Vergleich zu 1992 drängt sich auf. Damals er-
der Wahl 2011 gegeben sein. Rund acht Prozent aller Stim- lebte die CDU mit ihren Wahlkampfslogans, die sich ge-
men gingen 2011 nicht in die Sitzberechnung ein. Bei der gen Zuwanderung und Asyl richteten, ein Debakel. Volker
Annahme, dass sowohl FDP als auch AfD die Fünfprozent- Kauder leitete damals den Landtagswahlkampf. (Übrigens
hürde überwinden, wird eine Regierungsmehrheit für eine war auch die SPD unter Oskar Lafontaine schlecht beraten,
Partei oder eine Koalition mit etwa 46 Prozent erreicht. den Rechten damals Wählerinnen und Wähler abjagen zu
Scheitert die FDP an der Fünfprozenthürde, braucht die wollen). Das „Original“, damals die Republikaner, erreichte
CDU, um allein die Regierung bilden zu können, nur etwas zweistellige Werte zu Lasten der alten Volksparteien. Ein
mehr als 44 Prozent. Das liegt im Bereich des Möglichen, ist weiterer Faktor kommt hinzu: Im Gegensatz zu 1992 hat
aber derzeit nicht wahrscheinlich. zurzeit kaum jemand Angst um den Job. Arbeitsplätze wa-
Die Union geht unter keinen günstigen Bedingungen in ren und sind in Baden-Württemberg immer ein immens
diese Wahl. Sie hat keine wirklich überzeugenden Füh- wichtiges Thema. Aktuell braucht die Wirtschaft in Baden-
rungspersonen vorzuweisen und auch ihre Oppositionsar- Württemberg dringend Arbeitskräfte.
beit war nicht überzeugend. Sie hat viel zu lange ge- Die Grünen haben eine große Chance, vor allem wegen
braucht, um ihre Rolle als Oppositionspartei anzunehmen. des hohen Ansehens von Winfried Kretschmann, aber
Der Verlust vieler Ämter hat die Partei nicht gefestigt. Sie auch wegen einer gut beurteilten Landespolitik, Stimmen
hat ein „Tandem“ – so die Bezeichnung der CDU-Führung hinzu zu gewinnen, wenn sie ihre Anhängerschaft mobili-
für das Auseinanderfallen von Spitzenkandidat und Partei- sieren können, zur Wahl zu gehen. In der Flüchtlingsfrage
führer – anzubieten, das nach heftigen Wehen geboren haben die Grünen mit Boris Palmer, Oberbürgermeister in
wurde und das weit hinter dem erfolgreichen grünen Mi- Tübingen, die Oppposition in den eigenen Reihen. Aber
nisterpräsidenten rangiert. Die CDU-Führung ist sich in der das wird eine diskussionsfreudige Partei nicht sonderlich
Beurteilung des derzeit wichtigsten Themas, der hohen schädigen.
Flüchtlingszahlen, auch nach ihrem Parteitag nicht einig. Die Mobilisierung ihrer Anhänger wird auch eine wichtige
Guido Wolf hat eine eher harte Haltung, Thomas Strobl ist Frage für die SPD sein, die trotz gediegener Beurteilung
eher an der Seite seiner Bundesvorsitzenden Angela ihrer Leistungen innerhalb der Regierung, aber ohne einen
Merkel. beeindruckenden Spitzenkandidaten, nicht über das zu-
Kretschmann hingegen hat eine klare Haltung, er war letzt schlechteste Wahlergebnis in Baden-Württemberg
schließlich selbst einmal ein Flüchtling, dessen Bruder auf überhaupt hinaus kommen dürfte, denn auch sie leidet un-
der Flucht gestorben ist. Seine Grundhaltung ist durchaus ter der AfD.
mehrheitsfähig, denn sie ist von Menschlichkeit geprägt, Die FDP ist in der ablaufenden Legislaturperiode nicht son-
wie die der Bundeskanzlerin auch. Das erkennen die Bür- derlich positiv aufgefallen. Sie wird nicht an die Glanzzei-
gerinnen und Bürger Baden-Württembergs an. Kretsch- ten der Vergangenheit anschließen können, aber sie hat

272

BiS2015_04_umbr.indd 272 11.01.16 11:05


durchaus Chancen, die Fünfprozenthürde zu schaffen und LANDTAGSWAHL 2016:
sogar Regierungpartei zu werden, wenn Grün-Rot es al- PROGNOSEN UND SZENARIEN
leine nicht schaffen sollte.
Die Ampel ist als Koalitionsmöglichkeit real und sogar
wahrscheinlich, weil der anzunehmende Erfolg der AfD die 9 Zu Einzelthemen siehe die Beiträge in diesem Heft.
10 Siehe Josef Kelnberger: „Geburtsstunde des Wutbürgers“. In: Süd-
Regierungsmehrheiten der beiden großen Lager Grün-Rot deutsche Zeitung vom 30.09.2015.
und Schwarz-Gelb stören wird. 11 Dieser Polizeieinsatz ist am 18.11.2015 vom Verwaltungsgericht Stutt-
Die vielen Flüchtlinge im Lande werden bis zur Wahl das gart als rechtswidrig und als Verstoß der damaligen Landesregierung aus
CDU und FDP gegen das Grundgesetz erklärt worden.
beherrschende Thema bleiben, die Wahl aber letztlich 12 Einzelheiten siehe Pressemitteilung 144/2015 des Ministeriums für
nicht entscheiden. Steve Vertovec, Direktor des Max Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz.
Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multi- 13 Vgl. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, z. B. Statistisches
Monatsheft 8/2015: „Baden-Württembergs Wirtschaft dürfte 2015 preis-
ethnischer Gesellschaften, gibt einen plausiblen Grund bereinigt um knapp zwei Prozent wachsen“.
dafür an: „Folgt man den sozialwissenschaftlichen Analy- 14 In der jüngsten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen in Baden
sen, so wird die positive Aufnahme wie bei den vorange- Württemberg taucht in der offenen Frage nach den wichtigsten Problemen
im Lande die Wirtschaftslage mit 1,6 Prozent aller Nennungen an Stelle
gangenen Einwanderungswellen der Normalfall sein. Es 15 von 20 wichtigen Themen auf (vgl. Politbarometer-Extra Baden-Würt-
wird Frustrationen, aber auch Anpassungsprozesse ge- temberg, veröffentlicht am 20.11.2015, siehe Fußnote 16).
ben. Und obwohl eine allgemeine positive Atmosphäre 15 Alle Zahlen hierzu gehen auf Umfragen verschiedener Umfrageinsti-
tute zurück, die in „Wahlrecht.de“ nachzulesen sind.
durchaus von Bestand sein könnte, wird es zweifellos jede 16 Politbarometer-Extra Baden-Württemberg (November 2015): Reprä-
Menge Probleme geben. Viel wird davon abhängen, wie sentative Bevölkerungsumfrage der Forschungsgruppe Wahlen Mann-
die Neuankömmlinge in den Arbeitsmarkt integriert wer- heim; 1040 telefonisch Befragte vom 16–18.11.2015.
17 Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 28.10.2015, S. 2.
den können. Die Kommunen werden stark gefordert sein,
Institutionen wie Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrich-
tungen sowie der Wohnungsmarkt geraten unter erhebli-
chen Druck.“17
Die Problemsituationen in den Gemeinden und Kreisen
werden die Menschlichkeit, die den Haltungen der meisten
Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg zu Eigen
ist, nicht außer Kraft setzen. Irritationen sind möglich, aber
keine Umwälzungen.

UNSER AUTOR
ANMERKUNGEN
1 Vgl. Kornelius, Bernhard/Gabriel, Oscar W. (2011): Die baden-
württembergische Landtagswahl vom 27. März 2011: Zäsur und Zeiten-
wende? In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 4/2011, S. 784–804; Roth,
Dieter (2012): Baden-Württemberg 2011: Was entschied die Wahl? In:
Bürger im Staat, 3/2012, S. 109–116.
2 Als Überblick: Forschungsgruppe Wahlen e. V. (2011): Eine Analyse der
Landtagswahl vom 27. März 2011. Berichte der Forschungsgruppe Wahlen
e. V., Nr. 144. Mannheim.
3 Alle Theorien werden ausführlich dargestellt in: Roth, Dieter (2008):
Empirische Wahlforschung. Ursprung, Theorien, Instrumente und Metho- Prof. Dr. Dieter Roth ist Honorarprofessor am Institut für Politische
den. 2., aktualisierte Auflage, Wiesbaden. Wissenschaft der Universität Heidelberg und Mitbegründer der
4 Vgl. Roth (2012), S. 28; Forschungsgruppe Wahlen e. V. (2011), S. 18– Forschungsgruppe Wahlen e. V. in Mannheim, deren Vorstand er
19; Kornelius/Gabriel (2011), S. 791.
5 Vgl. hierzu den Bericht der Forschungsgruppe Wahlen zur Landtags- bis 2003 war. Er hat in Heidelberg, Frankfurt, Cornell und Mann-
wahl in Baden Württemberg 2011, S. 46–57. heim Volkswirtschaft, Politik und Soziologie studiert und über das
6 Quelle: Amtliche Repräsentativstatistik Landtagswahl 2011. Demokratieverständnis von Eliten in der Bundesrepublik promo-
7 Alle Zahlen gelten für das Jahr 2011.
8 Politbarometer-Extra Baden Württemberg (November 2015): Ergeb- viert. Neben zahlreichen anderen Publikationen hat Dieter Roth
nisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Forschungsgruppe ein Lehrbuch über empirische Wahlforschung geschrieben, das
Wahlen e. V. Mannheim. URL: http://www.forschungsgruppe.de/Aktuel- 2008 in aktualisierter Auflage erschienen ist.
les/PB-Extra_Baden-Wuerttemberg/ [04.12.2015].

273

BiS2015_04_umbr.indd 273 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN
Einwanderung und Asyl – Fakten und Zusammenhänge nen und Bürger überschätzt wird. Rund ein Drittel der Bür-
gerinnen und Bürger gehe sogar davon aus, dass es mehr
Karl-Heinz Meier-Braun: als zehn Millionen Muslime in Deutschland gebe. Laut ei-
Einwanderung und Asyl. Die 101 wichtigsten Fragen ner Schätzung sind es in Wirklichkeit nur rund vier Millio-
Verlag C.H. Beck, München 2015 nen. Das entspricht fünf Prozent der Bevölkerung. Die meis-
160 Seiten, 10,95 Euro. ten der Muslime stammen aus der Türkei. Sie sind Sunniten
oder Aleviten, und der weitaus größte Teil von ihnen will in
Es gibt kein Thema, das Politik und Gesellschaft derzeit so einer säkularen Gesellschaft leben. Die Furcht vor einer Is-
beschäftigt wie die aktuelle Flüchtlingsmigration. Leiden- lamisierung ist also offensichtlich nicht mit der Anzahl oder
schaftlich wird gestritten, wie Deutschland und die Euro- der Einstellung der Muslime in Deutschland zu begründen.
päische Union (EU) mit der gegenwärtigen Herausforde- Der Band zeigt hier seine Stärken. Es gelingt ihm, sachlich
rung umgehen sollen. Einwanderung und Integration sind und unaufgeregt Sorgen und Ängste abzubauen. Im letz-
die großen Fragen unserer Zeit. Viele sehen in den gegen- ten Kapitel schließlich geht es um die Zukunftsperspektiven
wärtigen Fluchtbewegungen einen Vorgang von histori- von Einwanderung und Asyl. Etwa um die Frage, ob Ka-
schem Ausmaß. Bei den täglichen Meldungen und Diskus- nada tatsächlich als Vorbild in Sachen Einwanderungspo-
sionen vermisst man allerdings oft grundlegende Fakten. litik taugt und wie sich der demographische Wandel auf
Der vorliegende Band leistet einen Beitrag dazu, diese Lü- Deutschland auswirken wird.
cke zu schließen, indem er Antworten auf Fragen gibt: Wie Karl-Heinz Meier-Braun liefert mit seinem Buch viele Fak-
verläuft ein Asylverfahren?, Welche Leistungen erhalten ten und Hintergründe. Er entkräftet dabei leicht verständ-
Asylbewerber?, Was ist Integration?. Das Buch von Karl- lich so manche Legende über die Zuwanderung und klärt
Heinz Meier-Braun beantwortet all diese Fragen kurz und Inhalte und Begriffe wie Duldung, Blue Card, Zuwande-
prägnant. Es ist ein kleiner, handlicher Band, den man rungsgesetz oder die Genfer Flüchtlingskonvention. Die
gerne zu Rate zieht. Der Autor ist Vorstandsmitglied im Rat Neuerscheinung ist ein kompakter und konziser Ratgeber
für Migration und Honorarprofessor für Politikwissenschaft für all diejenigen, die sich schnell und kompetent über ak-
an der Universität Tübingen. Er ist Integrationsbeauftrag- tuelle Fragen in der Flüchtlings- und Einwanderungsdiskus-
ter des Südwestrundfunks und hat dort die Fachredaktion sion informieren wollen.
für Migration geleitet. Utku Pazarkaya
Der Autor hat die „101 wichtigsten Fragen“ in neun Kapitel
gegliedert. Das erste Kapitel klärt grundlegende Fragen.
Zum Beispiel, wie viele Ausländer in Deutschland leben, Europäische Politik verstehen
wie „Migrationshintergrund“ definiert ist und wie viele
Migranten und Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Im Monika Oberle (Hrsg.):
zweiten Kapitel geht es um Historisches. Dort geht der Au- Die Europäische Union erfolgreich vermitteln:
tor auch populären, immer wieder diskutierten Fragen Perspektiven der politischen EU-Bildung heute
nach. Zum Beispiel, ob Deutsch tatsächlich beinahe Amts- Springer VS, Wiesbaden 2015.
sprache in den USA geworden wäre. Man erfährt auf un- 261 Seiten, 39,99 Euro.
terhaltsame Weise, wie es den deutschen Auswanderern
in Amerika erging, und ob Johann Wolfgang von Goethe Europäische Politik, d. h. die Entscheidungen und Wei-
tatsächlich türkische Vorfahren hatte. chenstellungen der Europäischen Union (EU), betrifft uns
Den aktuellen und brisanten Kontroversen und Konflikten alle. Dabei können nicht nur die großen aktuellen Themen
in Politik und Gesellschaft ist das achte Kapitel gewidmet. wie die Flüchtlingsthematik oder die Schuldenproblematik
Gleich zu Beginn stellt Meier-Braun die Frage: „War die in einigen Euro-Staaten als Beispiele dienen. Die Einfüh-
Gastarbeiteranwerbung ein Fehler?“ Ein Teil der Antwort rung des Euro, der mittlerweile in 19 EU-Mitgliedsländern
auf diese Frage steckt im sogenannten Fahrstuhleffekt. In offizielles Zahlungsmittel ist, gehört sicherlich zu den
der Zeit zwischen 1960 und 1970 gelangten rund 2,3 Milli- sichtbarsten Zeichen des voranschreitenden europäi-
onen deutsche Arbeiter in einer Art Fahrtstuhleffekt in An- schen Integrationsprozesses. Darüber hinaus werden kon-
gestelltenpositionen. Hintergrund dieses gesellschaftli- tinuierlich neue Verordnungen und Richtlinien in fast allen
chen Aufstiegs war der Zustrom ausländischer Arbeiter. Politikbereichen beschlossen, die für die EU-Staaten mit-
Auch unsere Rentenversicherung hat stark von diesen Jah- telbar oder unmittelbar verbindlich sind. Die stetige Er-
ren profitiert. Sie wurde von den ausländischen Arbeits- weiterung der EU und die Vertiefung der Zusammenarbeit
kräften geradezu subventioniert. Laut einer Umfrage sind in dem Sinne, dass die Mitgliedstaaten ihre Zusammenar-
allerdings zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, beit auf weitere Politikfelder ausweiten und nationalstaat-
dass Zuwanderung die Sozialsysteme belaste. Meier- liche Kompetenzen auf die EU übertragen, ist dabei nicht
Braun zeigt anhand aktueller Studien, dass die in Deutsch- nur als europäisches Friedensprojekt zu verstehen, son-
land lebenden Ausländerinnen und Ausländer auch heute dern gleichzeitig Ausdruck einer zunehmend denationali-
noch für ein erhebliches Plus in den Sozialkassen sorgen. sierten Welt.
Im Kapitel „Kontroversen und Konflikte“ geht es neben vie- Zugleich leidet die EU darunter, von vielen Bürgerinnen
len anderen Themen um den Islam, um den Kopftuchstreit und Bürgern als weit entferntes und nur schwer zu durch-
und um Pegida. „Wird Deutschland islamisiert?“, fragt der schauendes politisches System wahrgenommen zu wer-
Autor und macht in seiner Antwort deutlich, dass die Zahl den. Dies ist sicherlich zum Teil der Komplexität des euro-
der Muslime in Deutschland von 70 Prozent der Bürgerin- päischen Mehrebenensystems geschuldet. Allerdings tra-

274

BiS2015_04_umbr.indd 274 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

gen auch eine fehlende oder nur schwach ausgebildete ment steigt. Zusammen mit der Erkenntnis, dass die Einstel-
europäische Identität sowie Mängel in der demokrati- lungen der Bürgerinnen und Bürger gegenüber die EU zu-
schen Legitimationsgrundlage der EU und Unkenntnis nehmend von Skepsis und Unzufriedenheit geprägt sind,
über die europäische Diskussions- und Entscheidungs- wie es Wilhelm Knelangen in seinem Beitrag herausarbei-
strukturen zu einer gewissen EU-Skepsis der Bevölkerung tet, wird deutlich, welche Aufgaben sich daraus für die
bei. europapolitische Bildung ergeben. Lars Klein beschäftigt
In diesem Spannungsfeld kommt der europapolitischen sich in seinem Beitrag mit dem Konstrukt einer „europäi-
Bildung eine besondere Bedeutung zu, da durch schuli- schen Identität“. Zu Recht betont er, dass es im Bildungs-
sche und außerschulische Bildungsangebote und -formate kontext eher darum geht, eine „Zugehörigkeit zu Europa“
zumindest der Versuch unternommen werden kann, der zu vermitteln und erlebbar zu machen. Neben einer wirt-
EU-Skepsis und „EU-Uninformiertheit“ mit Aufklärung und schaftlichen und politischen geht es ihm auch um eine kul-
Information zu begegnen. Dabei sollte sich euro pa po li- turelle Dimension. Alle drei Bereiche können in unter-
tische Bildung jedoch nicht als Öffentlichkeitsarbeit für schiedlichen Schulfächern thematisiert werden, sodass
europäische Politik verstehen und sich an den Grundsät- europapolitische Bildung sich nicht nur auf den klassi-
zen des Beutelsbacher Konsenses orientieren. schen Politikunterricht beschränkt.
Der vorliegende Sammelband vereint siebzehn Beiträge, Dass das Thema Europäische Integration in den Bildungs-
die sich mit aktuellen Zielen, verschiedenen Ansätzen und und Lehrplänen gut verankert ist, bestätigen verschiedene
Angeboten der europapolitischen Bildung befassen. Ih- Autorinnen und Autoren in ihren jeweiligen Beiträgen.
nen allen ist gemein, dass sie die Notwendigkeit für und Nachholbedarf wird jedoch bei der Ausbildung bzw. der
den großen Bedarf nach Bildungsarbeit im Themenfeld Fortbildung von Lehrkräften sowie den Bildungsmateria-
Europa eindrücklich unterstreichen. Zugleich werden aber len gesehen, ohne die eine angemessene Umsetzung der
auch Grenzen und Probleme dieses Teilbereichs der poli- Inhalte von Bildungs- und Lehrplänen nur schwerlich ge-
tischen Bildung thematisiert. lingen kann. Monika Oberle und Johanna Forstmann zei-
Am Beispiel des Wissensstandes über das Europäische gen in ihrem Beitrag auf, wie erfolgreiche Fortbildung in-
Parlament und seine Arbeit konstatiert Bettina Westle, haltlich und organisatorisch umgesetzt werden kann. Au-
dass das Wissen über die EU unzureichend ist. Es fehle, so ßerdem müssen bei Angeboten und Materialien die
die Autorin, ein Bewusstsein über die eigene Betroffenheit unterschiedlichen Schularten besser berücksichtigt wer-
durch europäische Politik. Trotz schwacher Datenbasis den und vermehrt auch niedrigschwellige Angebote ent-
kann sie nachweisen, dass mit dem Wissen über die Ar- wickelt werden. Die Beiträge von Dagmar Richter und Eva
beit des Europäischen Parlaments auch die Bereitschaft Schauenberg können als eine Empfehlung für mehr Eu-
zur Beteiligung an den Wahlen zum Europäischen Parla- ropa-Unterricht in der Grundschule verstanden werden.

Landeszentrale trauert um Otto Bauschert


Wir können die traurige Nachricht vom Tod unseres langjährigen Mitarbeiters und geschätzten Kollegen Otto
Bauschert noch immer nicht begreifen. Um seine schwere Krankheit wussten wir, aber sein Lebensmut hatte schon
manche Krise überwunden. Jetzt war sein Kampf vergeblich. Mit 71 Jahren hat er uns verlassen.

Otto Bauschert trat am 1. Oktober 1979 seine Arbeit als Redakteur der Zeitschrift „Politik & Unterricht“ an. Er gab
der Zeitschrift ein eigenes und unwechselbares Profil. Mit seiner redaktionellen Arbeit hat er wesentlich zur Profes-
sionalisierung des Politikunterrichts in Baden-Württemberg beigetragen. Otto Bauschert war stets darum bemüht,
fachwissenschaftlich zuverlässige Wissensbestände und Unterrichtsmaterialien an Lehrende und Lernende weiter-
zugeben. Neben seiner redaktionellen Tätigkeit lag ihm seine Hohenloher Heimat besonders am Herzen. Er hat die
historisch-politischen, kulturgeschichtlichen und vor allem sprachlichen Besonderheiten seiner Heimat recherchiert
und in mehreren Büchern verständlich dargestellt. Otto Bauschert war als Kollege bei allen beliebt und geschätzt.
Sein oftmals trockener Humor war legendär und hat uns viele heitere Momente beschert.

Mit Otto Bauschert verliert die Landeszentrale für politische Bildung einen überaus engagierten und beliebten
Kollegen, dem die politische Bildung ein Herzensanliegen war. Wir wollen ihn dadurch ehren, dass wir seinen
Tugenden und Idealen, denen er verpflichtet war, in unserer Arbeit nachgehen.

Lothar Frick Torsten Böhm


Direktor Personalratsvorsitzender

275

BiS2015_04_umbr.indd 275 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

Dabei geht es jedoch weniger um die Vermittlung und An- sorin für Sachunterricht und seine Didaktik Dagmar Rich-
wendung von konzeptuellem Fachwissen, sondern um ter – unterstreicht die Bedeutsamkeit professioneller Pla-
Möglichkeiten, die Grundlagen für ein reflektiertes und nungskompetenz, die „ausschlaggebend für guten Politik-
differenziertes Europaverständnis zu legen und dabei unterricht“ (S. 8) sei. Unterrichtsplanung orientiere sich an
auch auf den Bereich Motivation und Einstellungen zu fo- didaktischen Modellen. In der Vergangenheit dominier-
kussieren. ten die bildungstheoretische Didaktik wie die lehr- bzw.
Stefan Rappenglück und Benedikt Dierßen sowie Simon lerntheoretische Didaktik, heute gelte es verstärkt, sich ei-
Raiser und Björn Warkalla setzen sich in ihren Beiträgen ner kompetenzorientierten Unterrichtsplanung gegenüber
mit europapolitischen Planspielen auseinander. Es über- zu öffnen. Den eigentlichen Unterschied macht das Auto-
rascht dabei nicht, dass die Autoren die Planspiel- renteam im Blick auf die „Lehr- und Lernprozesse der Schü-
methode als besonders geeignet erachten, um erfolgrei- lerinnen und Schüler“ (S. 12) aus. Fragen der „Implemen-
che europapolitische Bildung zu betreiben. Iris Weber tierung der Kompetenzorientierung“ rücken ins Zentrum
beschäftigt sich mit der Bedeutung von außerschulischen der zwölf Folgebeiträge. Sehr viel detaillierter als in der
Lernorten für die europapolitische Bildungsarbeit. Am Bei- Einführung geht Dagmar Richter im folgenden Beitrag –
spiel von Exkursionen nach Brüssel zeigt sich, wie EU-Ver- getitelt „Kompetenzorientierten Politikunterricht planen –
mittlung am politischen Ort gestaltet werden und gelin- zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ (S. 18–32) auf die
gen kann. Bei beiden Formaten gilt es jedoch zu beach- qua Kompetenzorientierung absehbaren Veränderungen
ten, dass diese besonders voraussetzungsvoll sind und der Unterrichtsplanung ein. Joachim Detjen aufgreifend
sich nicht uneingeschränkt für jede Ziel- bzw. Lerngruppe konkretisiert sie die „Planungsschritte im kompetenzorien-
eignen. tierten Unterricht“ (S. 25). Richter merkt an, dass die Im-
Auch wenn an dieser Stelle nicht auf alle Aspekte der ein- plementation der Kompetenzorientierung im Politikunter-
zelnen, allesamt lesenswerten Beiträge eingegangen richt gegenüber anderen Disziplinen noch nicht so weit
werden kann, so verdeutlichen sie doch alle, wie wichtig fortgeschritten sei. Da sei der Politikunterricht eher ein
es ist, das Thema Europäische Union dauerhaft in der „Spätentwickler“ (S. 19) – eine Entwicklung, die in ihren
schulischen und außerschulischen Bildung zu verankern. Augen sich keinesfalls nachteilig auswirken muss, da sich
Diese Einschätzung gilt unabhängig von vergangenen Fehler anderer Fächer vermeiden lassen.
und aktuellen Krisensituationen der EU, kann doch die Die drei folgenden Beiträge vertiefen die grundlegenden
europapolitische Bildung einen gewichtigen Beitrag zum Überlegungen zur Kompetenzorientierung. Den sprich-
Verständnis europäischer Politik leisten. Dabei sollten die wörtlichen Reigen eröffnet Thomas Goll mit dem Aufsatz
vielfältigen Lernarrangements zur Europäischen Union „Politikunterricht professionell planen – nach didaktischen
nicht nur auf Wissensvermittlung abzielen, sondern auch Prinzipien, nach Konzepten oder ganz anders?“ (S. 34–
die Einstellungs- und Motivationsebene angemessen be- 49). Sein Beitrag dürfte manche Skepsis gegenüber Kom-
rücksichtigen. Zugänge der europapolitischen Bildung petenzorientierung zerstreuen. Goll betont: „Kompetenz-
sollten zudem problem-, konzept- und handlungsorientiert orientierte Unterrichtsplanung ist kein Bruch mit bisheri-
ausgerichtet sein und einen multiperspektivischen Blick gen Planungskonzepten, sondern deren Aktualisierung“
auf Europa und die Europäische Union ermöglichen. (S. 47). Gleichsam fließend ineinander übergehend sind
Europapolitische Bildungsarbeit ist unerlässlich, wenn etwa die allgemeindidaktischen Perspektiven der Sozial-
möglichst viele mündige Bürgerinnen und Bürger den eu- erziehung und des sozialen Lernens (vgl. S. 40), die ihre
ropäischen Integrationsprozess kritisch begleiten und mit- kompetenzorientierte Wendung in der Dimension „Politi-
gestalten sollen. Gefragt ist aber auch die weitere Demo- sche Einstellung und Motivation“ (S. 41) finden würden.
kratisierung europäischer Politik, zum Beispiel durch den Auch die fachdidaktischen Prinzipien seien „problemlos
Ausbau von Partizipationsmöglichkeiten. Hier sind zu- mit Kompetenzorientierung vereinbar“ (S. 43). Den Reiz,
nächst die politischen Institutionen und Akteure in der der in der Kompetenzorientierung liegt, unterstreicht Goll
Pflicht. in seinem Schlussteil: „Alles in allem schafft so die Berück-
Robby Geyer sichtigung der Kompetenzorientierung in der Unterrichts-
planung bessere Vergleichbarkeit und eine höhere Zuver-
lässigkeit“ (S. 48). Michael May lenkt das Augenmerk auf
Kompetenzorientieren Politikunterricht planen die „Anforderungssituationen“ (S. 50–68), die er als „zen-
trale Komponente kompetenzorientierter Unterrichtspla-
Siegfried Frech, Dagmar Richter (Hrsg.): nung“ sieht. Seine Typisierung umfasst Anforderungssitua-
Politikunterricht professionell planen tionen – sprich Begegnungen mit „gesellschaftlichen und
Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2015. politischen Problemen“, „politischen Konflikten“, „politi-
253 Seiten, 19,80 Euro. schen Urteilen“, „personalisierten Problemen“, „Fällen“,
„politischen Manifestationen“, „unklaren Situationen“ und
Vorliegender Band dokumentiert die Beutelsbacher Ge- „Informationsdesideraten“ (S. 51–52).
spräche, die vom 10. bis 12. Februar 2014 sich der Thema- Sabine Manzel und Dennis Neumann unternehmen den
tik „Politikunterricht professionell planen“ widmeten. Die Versuch, die „Erkenntnisse der Fachdidaktik und empiri-
Einführung des Herausgeberteams – des bei der Landes- schen Bildungsforschung zusammengedacht“ nutzbar zu
zentrale für politische Bildung Baden-Württemberg täti- machen (S. 69–83). Von den vier Kompetenzdimensionen
gen Publikationsreferenten Siegfried Frech und der an der – „Fachwissen“, „Politische Urteilsfähigkeit“, „Politische
Technischen Universität Braunschweig lehrenden Profes- Handlungsfähigkeit“, „Politische Einstellungen/Motiva-

276

BiS2015_04_umbr.indd 276 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

tion“ (S. 70) sei das „Fachwissen“ nach wie vor umstritten. – ihre Partizipationsbereitschaften fördern“ (S. 112). Pla-
Die beiden Autoren stützen sich im Fortgang ihres Beitra- nungskompetenz sei lediglich geeignet, Chancen, das
ges auf das „Angebot-Nutzungs-Modell der Wirkungs- Planungsziel auch zu erreichen, zu erhöhen.
weise von Unterricht“ aus der Feder des Erziehungswis- Kerstin Pohl knüpft an 28 Interviews mit Politikdidaktikerin-
senschaftlers Andreas Helmke (vgl. S. 74). Gepaart mit nen und Politikdidaktikern an (S. 122–146). Sie gibt Ein-
empirischen Erkenntnissen der Bildungsforschung sehen blick in die Befunde, so lag der „Schwerpunkt […] eindeu-
sie die Möglichkeit, „Unterrichtsplanung aus drei Perspek- tig beim Professionswissen und hier beim fachwissen-
tiven anders“ zu „denken“ (S. 77ff.): a) Orientierung am schaftlichen wie fachdidaktischen Wissen“ (S. 125),
Kompetenzmodell von Detjen u. a. bei der Auswahl der überwiegend werde ein sozialwissenschaftliches Studium
Inhalte und Ziele, b) der Einsatz von aktuellen und authen- präferiert, die Notwendigkeit von Schulpraktika werden
tischen Unterrichtsmaterialien, c) die Ausgestaltung des abgesehen von vereinzelten Problematisierungen unter-
Qualitätsmerkmals Klarheit durch fachliche Präzision, Ko- stützt. Zu den sehr interessanten Ergebnissen kündigt Pohl
härenz und Korrektheit. die Neuauflage ihres Buches „Positionen der politischen
Die Beiträge von Wolfgang Sander, Monika Oberle und Bildung“ an. Leider haben verlagsseitige Entscheidungen
Kerstin Pohl sind gruppiert um die Frage „Brauchen Lehre- dazu geführt, dass dieser Band noch nicht in der Druck-
rinnen und Lehrer eine professionelle Planungskompe- fassung vorliegt. Hier sei der Verlag ermuntert, rasch eine
tenz?“. Die Offenheit der Fragestellung deutet an, dass Druckfassung in Angriff zu nehmen.
voreilige Rückschlüsse fehl am Platze sind. Naheliegend Der dritte und letzte Teil des Bandes geht über zur „Pla-
wäre, dass alle drei die professionelle Planungskompe- nung kompetenzorientierten Politikunterrichts“. Unter-
tenz entschieden bejahen. Eine erste Differenzierung be- schiedliche Adressatengruppen geraten in den Blick der
gegnet sogleich im Beitrag von Wolfgang Sander (S. 86– einzelnen Autoren. So hat Sabine Achour im Beitrag „Poli-
101), der mit einem „Ja, aber“ (vgl. S. 87) einsetzt. Unter tikdidaktisches Unterrichtscoaching – Ein Vorschlag zur
der Prämisse, dass „Kompetenz als eine Verbindung von Förderung der Planungskompetenz als Facette fachdidak-
Wissen und Können“ (S. 87) verstanden wird, folgt ein tischer Professionalität“ (S. 148–166) vornehmlich Mento-
„Ja“. Für das „Aber“ führt er gleich mehrere Aspekte ins rinnen und Mentoren vor Augen, denen sie u. a. einen Leit-
Feld, u. a. die Notwendigkeit „spontanen Agierens“, die faden zur Vorbesprechung (Vgl. S. 151) bietet. Gotthard
erforderliche „bildungstheoretische Rahmung und Be- Breit und Georg Weißeno gelingt es, die „Tauglichkeit
grenzung“ (S. 88) der Planungskompetenz, den Blick auf des Kompetenzmodells anhand der Planung einer Unter-
Schule als System. Ausführlich setzt er sich mit John Hattie richtseinheit“ (vgl. S. 168) herauszustellen. Vorteilhaft er-
auseinander und legt auch Missverständnisse in der bis- weist sich das veränderte Planungsvorgehen, da „mit den
herigen Rezeption seiner Gedanken offen, so sei die „For- Fachkonzepten leicht les- und verstehbare Hilfen angebo-
mel ‚Auf den Lehrer kommt es an’ eine grobe, ja verfäl- ten“ werden (S. 186). Ulrich Hagemann befasst sich
schende Vereinfachung“ (S. 92), vielmehr sensibilisiere schwerpunktmäßig mit der Implementierung professionel-
Hattie für ein „konsequent auf die Vorstellungen der Schü- ler Planungskompetenz (S. 188–206) bei Referendarinnen
lerinnen und Schüler“ bezogenes Lehrerhandeln (ebd.). und Referendaren. Obgleich er von der Situation im Land
Auf diesem Hintergrund steckt er das Feld der planbaren Berlin ausgeht, lassen sich seine Überlegungen auch bun-
Seiten des Unterrichts ab. Gegenüber der Erwartung, desweit übertragen. Ein Defizit – das macht der Beitrag
dass mehr Praxis im Studium zugleich zu erhöhter Professi- von Tilman Grammes „Was wissen wir über das professio-
onalität führe, äußert er sich skeptisch. Im Aufsatz von nelle Planungsdenken von Politiklehrerinnen und Politik-
Sander – wie auch in vielen anderen Beiträgen – wird lehrern?“ (S. 207–226) deutlich – liegt offensichtlich darin,
immer wieder der realistische Blick auf Schule und Unter- dass bislang Unterrichtsplanung noch nicht systematisch
richt erkennbar. Die Autorinnen und Autoren des Bandes und durchgängig empirisch erforscht wurde. Seine Vor-
sind davor gefeit, illusorische Erwartungen, die zuweilen schläge zur Qualifizierung von Lehramtsstudierenden und
mit Kompetenzorientierung einhergehen, zu wecken. Referendaren laden auch zu möglichen Veränderungen in
Der Beitrag von Monika Oberle – überschrieben „Pla- der Schulpraxis ein. Besonders bedenkenswert sind etwa
nungskompetenz von Politiklehrkräften – Bedeutung und die Rückmeldekulturen der Schüler und Schülerinnen, die
Anforderungen im kompetenzorientierten Unterricht“ Planung als kooperative Praxis in kollegialen Planungs-
(S. 102–121) – geht eingangs auf Alltagspraktiken der werkstätten (S. 221–222). Schließlich rückt der abschlie-
Lehrerinnen und Lehrer ein. Manch erfahrene Lehrkraft ßende Beitrag von Peter Massing die universitäre Ausbil-
dürfte sich in den Schilderungen wiederfinden. Auch sie dung in den Mittelpunkt (S. 227–244). Eine verstärkte Zu-
geht auf den Nutzen der Unterrichtsplanung ein. Hier sammenarbeit aller beteiligten Institutionen sei in der
schleicht sich im Band eine kleine Redundanz durch das Lehrerbildung wünschenswert.
abermalige Aufgreifen des Helmke-Schaubildes ein. Un- Der gesamte Band endet mit Kurzfassungen aller Beiträge
terrichtsplanung unter kompetenzorientierten Vorzeichen (S. 245–250). Zur ersten Orientierung mag eine solche
steckt sie wie folgt ab: „So sollte Politikunterricht neben Kurzfassung hilfreich sein. Derjenige Leser, der sich dar-
dem syste matischen Aufbau des konzeptionellen Fachwis- auf allerdings beschränkt, versäumt weitergehende Ein-
sens der Schülerinnen und Schüler insbesondere ihre po- sichten, die sich nur bei der gesamten Lektüre des Bandes
litischen Urteilsfähigkeiten und politischen Handlungsfä- erschließen. Der Tagungsband dürfte vor allem all jenen,
higkeiten, ihr politisches Interesse, ihre politikbezogenen die mit der Implementierung des kompetenzorientierten
Selbst wirksamkeitsüberzeugungen (internal efficacy), de- Unterrichts befasst sind, eine wertvolle Hilfe sein. Insge-
mokratischen Einstellungen sowie – je nach Bürgerleitbild samt laden die Beiträge ein, Veränderungen im Schulall-

277

BiS2015_04_umbr.indd 277 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

tag zu wagen. Angenehm ist – wie schon angemerkt – Herrn. Mit einem regelmäßigen Sold konnten sie zwar
durchgängig der sehr realistische Blick auf die Schulwirk- nicht rechnen, aber wenn ein Söldner ehrgeizig und skru-
lichkeit. pellos war, von Seuchen und Verletzungen verschont
Klaus Barheier blieb, so konnte er durch Plünderungen und Kriegsbeute
einiges an Kapital zusammenraffen. Zu den gut organi-
sierten Söldnertruppen gehörten die italienischen Con-
Sozialgeschichte des Krieges dottieri. Diese Truppen wurden von Angehörigen italieni-
scher Adelsfamilien rekrutiert und befehligt und an Fürs-
Lauro Martines: ten oder Stadtstaaten vermietet. Offiziere wurden zu
Blutiges Zeitalter. Europa im Krieg 1450–1700 militärischen Unternehmern, zu Warlords. In diese Epoche
Theiss Verlag – WBG, Darmstadt 2015. war auch das berühmte Kaufmannsgeschlecht der Augs-
320 Seiten, 29,95 Euro. burger Fugger darauf aus, sich im Krieg und unter Waffen
Ruhm und vor allem Wohlstand zu verschaffen.
„Wenn die Vergangenheit ein fremdes Land ist, dann ist Blieb der Sold einmal aus, dann holten sich die Söldner,
dieses Land erschreckend gewalttätig“ – so Steven Pinker was sie zum Lebensunterhalt brauchten (und was sie sonst
in seinem viel diskutierten Buch „Gewalt. Eine neue Ge- noch bekommen konnten), aus den Dörfern und Städten.
schichte der Menschheit“. Pinker vertritt mit Blick auf die Am Beispiel von Brescia (1512), Antwerpen (1576) und
lange Menschheitsgeschichte die These, dass unsere Magdeburg (1631) wird das Schicksal der Bevölkerung
Welt heute so friedlich sei wie nie zuvor. Frühere Genera- belagerter und geplünderter Städte plastisch beschrie-
tionen hätten unter einem unvorstellbaren Ausmaß an Ge- ben. Nach einer erfolgreichen Belagerung hatten die ma-
walt gelitten. rodierenden Truppen die „Lizenz zum Töten“. Sie konnten
Lauro Martines, renommierter Experte für die Geschichte nach Belieben morden, vergewaltigen und die Bewohner
Italiens zur Zeit der Renaissance und emeritierter Profes- foltern, damit sie verrieten, wo sie Wertgegenstände ver-
sor für Europäische Geschichte an der University of Cali- steckt hatten. Ebenso hatten Städte zu leiden, wenn Sol-
fornia Los Angeles, entfaltet in seinem neuesten Buch eine daten einquartiert und die Bewohner zum Bau der Vertei-
Sozialgeschichte des Krieges in der frühen Neuzeit. Lauro digungsanlagen oder anderen Arbeiten gezwungen wur-
Martines schildert über 200 Jahre Dauerkrieg aus der den. 1633 waren in Augsburg 4000 bis 5000 Soldaten
Perspektive der einfachen Soldaten und Söldner, der bei Bürgern einquartiert, d. h. bis zu zwanzig Prozent der
Dorfbewohner und der Bewohner belagerter und geplün- Stadtbevölkerung gehörte dem Militär an.
derter Städte. Dadurch rücken nicht Diplomatie und Poli- Armeen waren im Grunde „wandernde Städte“: In der
tik, Zahlen und Fakten, sondern gänzlich andere Aspekte Mitte des 17. Jahrhunderts bestand eine Armee von
ins Blickfeld: verhungernde Armeen, Hungersnöte, mas- 20.000 Mann zusammen mit ihrem Tross von 10.000 bis
sive Plünderungen von Lebensmitteln und Vieh, misshan- 20.000 Mitläufern aus mehr Menschen, als in den meisten
delte Kinder und Frauen, geplünderte Kirchen, verwüstete Städten Europas lebten. (Hamburg, damals Deutschlands
Bauernhöfe und Häuser, abgeschlachtete Menschen. Das größte Stadt, zählte 50.000 bis 60.000 Einwohner.) Zum
blutige und gewalttätige Panorama, das Martines in zehn Tross einer solchen „wandernden Stadt“ gehörten Fuhr-
Kapiteln detailliert zeichnet, ist mithin keine leichte Kost! leute, Schmiede, Zimmerleute, Bäcker, Marketender,
Zu kaum einer anderen Zeit wurde ein ganzer Kontinent Pfandleiher, Quacksalber und nicht zuletzt Ehefrauen,
so von Kriegen gezeichnet wie am Übergang vom Mittel- Kinder, Konkubinen und Prostituierte. Grimmelshausen
alter zur Moderne. Der Krieg überzog das Land wie eine porträtiert in einem 1670 verfassten Roman die Ertzbetrü-
chronische Seuche. Vor allem im Dreißigjährigen Krieg er- gerin und Landstörtzerin Courasche, die Bertolt Brecht als
reichte die Kriegführung einen Höhepunkt der Brutalität Vorlage für seine Mutter Courage diente. Eine Figur mit
und Sinnlosigkeit. Um überleben zu können, ernährten Wesenszügen, die der Moral der Epoche entsprechen:
sich die Söldnertruppen auf Kosten der Zivilbevölkerung. zynisch, ausfallend, derb, zu Extremen neigend und maß-
Militärische Operationen waren ein totaler Krieg gegen los am persönlichen Gewinn interessiert. Diese Heerscha-
die Zivilbevölkerung. Aus dem Tagebuch des nahe bei ren bildeten ein eigenes Gemeinwesen mit einem immen-
Ulm wohnenden Schuhmachers Hans Heberle werden die sen täglichen Bedarf an Lebensmitteln und Futter. Eine
Leiden des Dreißigjährigen Krieges ersichtlich: Der Groß- stete Achillesferse war die Ernährung der Armeen. Oft-
raum Ulm mit seinen verstreuten Dörfern wurde immer mals wurde in ganzen Regionen alles Essbare schlicht ge-
wieder von schwedischen und kaiserlichen Armeen mit ih- plündert. Die Bewegungen der Armeen waren weniger
rer Soldateska – Söldner aus Finnland, Irland, Spanien, von strategischen Gesichtspunkten bestimmt, sondern von
Polen, Ungarn, Italien und anderen Ländern – durchquert. der Suche nach noch nicht geplünderten Gebieten. Nicht
Aus Sorge um Leib und Leben flüchteten die Bewohner selten verwandelten sich ganze Armeen in „sterbende
nahe gelegener Dörfer hinter die Stadtmauern Ulms. He- Städte“: Tod, Verwundung, Seuchen, Hunger und Fahnen-
berle zählt im Laufe der 1630- und 1640er Jahre nicht we- flucht ließen sie zusammenschmelzen.
niger als dreißig solcher Fluchten! Wenn wundert es, dass Lauro Martines beantwortet mit seinem Buch die berühmte
die Landbevölkerung ihre Wut an verstreuten, einzeln Brechtsche Frage, ob Cäsar bei seinem Sieg über die Gal-
durchs Land ziehenden Soldaten aufgeriebener Armeen lier nicht wenigstens einen Koch bei sich hatte. Anstatt
ausließ. Kriegführung und Kriegsdynamik aus der Sicht der dynas-
Der Krieg war ein europäisches Gewerbe geworden: tischen Eliten, Diplomaten oder Generäle zu beschreiben,
Söldner aus ganz Europa dienten jedem beliebigen nimmt er konsequent die Perspektive einfacher Menschen

278

BiS2015_04_umbr.indd 278 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

ein. „Hohe Politik“ – so ein abschließender Gedanke von geworden – so der ehemalige Leiter des Ressorts Politik
Lauro Martines – verstellt oftmals den Blick auf Gut und der Zeit in einem Beitrag des Buches. Die Europawahl
Böse. Nimmt man die Sozialgeschichte als Maßstab, wird 2014 brachte rechtspopulistischen Parteien Rekordergeb-
die „Torheit der Regierenden“ (Barbara Tuchman) offen- nisse. Die bestens etablierte rechtspopulistische Dänische
kundig und man muss sich zwangsläufig mit der Frage der Volkspartei war bei der letzten Europawahl mit 26,6 Pro-
Moral auseinandersetzen. Dabei wird letztlich die „hohe zent Stimmenkönig in Dänemark. Front National ist immer-
Politik“ der Fürsten an den Pranger gestellt: Momente völ- hin die dritte politische Kraft in Frankreich geworden. Ob
liger Arroganz gegenüber der Bevölkerung treten ebenso Front National, UKIP, Lega Nord oder FPÖ – rechtspopu-
deutlich zu Tage wie politische Fehlentscheidungen, deren listische und europaskeptische Parteien gewinnen in fast
alleiniges Motiv im Machtstreben liegt. allen europäischen Gesellschaften an Einfluss. (Da macht
Siegfried Frech im Übrigen auch die Po de mos-Bewegung in Spanien
keine Ausnahme, die sich links und libertär gibt, aber
ebenso vom Euroskeptizismus profitiert.) In Ungarn hat
Europas Rechtspopulisten der Nationalpopulist Viktor Orbán eine „Demokratie
ohne Liberalismus“ (und mit rechtsstaatlichen Einschrän-
Ernst Hillebrand (Hrsg.): kungen) geschaffen. Auch in Deutschland hat sich die Par-
Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie? teienlandschaft gewandelt. Bereits 2013 hat mit der Alter-
Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2015. native für Deutschland (AfD) ein neuer parteipolitischer
192 Seiten, 16,90 Euro. Akteur die Bühne betreten. Obwohl sich die AfD im Som-
mer 2015 selbst demontierte, hat sie ein großes Unterstüt-
„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Po- zungspotenzial quer durch alle Bevölkerungsschichten er-
pulismus.“ Mit diesem Satz, frei nach Marx, charakteri- fahren. Vertraute politische Koordinaten und traditionelle
siert Ernst Hillebrand, Leiter des Referats Internationale Konfliktlinien (Cleavages) haben sich verschoben, demo-
Politikanalyse in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und kratische Systeme leiden an „Erosionserscheinungen“
Herausgeber des Buches „Rechtspopulismus in Europa. (Wolfgang Merkel) und die rechtspopulistischen Bewe-
Gefahr für die Demokratie?“, den merklichen Zulauf, den gungen dringen immer tiefer in die Wählerschichten der
rechtspopulistische Bewegungen in Europa bekommen etablierten Parteien ein.
haben. Galt der Rechtspopulismus bis Anfang der 2000er Das vorliegende Buch hat drei Schwerpunkte: Im ersten
Jahre für die etablierte Politik eher als obskur und lästig, Teil werden in zehn kurzen Fallstudien wichtige rechtspo-
ist daraus inzwischen in Europa ein „tektonisches Beben“ pulistische Parteien in Europa charakterisiert. Die Struktur

Entrechtet – verfolgt – vernichtet


NS-Geschichte und Erinnerungskultur im deutschen Südwesten

Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs


Entrechtet – Band 45, hrsg. von Peter Steinbach, Thomas Stöckle, Sybille Thelen,
verfolgt – vernichtet Reinhold Weber
NS-Geschichte und Erinnerungskultur
im deutschen Südwesten
Es dauerte lange, bis das Schicksal der Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik und
Hrsg. von Peter Steinbach, Thomas Stöckle , 
Sybille Thelen
und Reinhold Weber
    politischer Repression wahrgenommen wurde. Inzwischen ist die Geschichte der Opfer
des NS-Terrors ein wesentlicher Bezugspunkt der Gedenk- und Erinnerungskultur des
Landes. Dabei stellt sich mit dem Blick auf die Opfer immer auch die Frage nach den
Tätern, nach menschlichen Verhaltensweisen, staatlichen Zielen und Verfassungsnormen.

Dieser Band fasst erstmals für Baden-Württemberg die Geschichte der Opfergruppen
des NS-Regimes im Südwesten zusammen. Im Zentrum der zehn Kapitel stehen die
Ereignis- und die Rezeptionsgeschichte, jeweils ergänzt um den Blick auf aktuelle Formen
der Erinnerung.

Bestellung: 6.50 Euro zzgl. Versand, Bestellung ausschließlich im Webshop


der Landeszentrale für politische Bildung: www.lpb-bw.de/shop
E-Book (kostenlos) unter www.lpb-bw.de/e-books.html

279

BiS2015_04_umbr.indd 279 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

der einzelnen Studien ist ähnlich: Beschrieben werden die hegen und um seine Folgen für das politische und demo-
Geschichte der rechtspopulistischen Parteien, ihre Dyna- kratische System gering halten zu können. Mehrere Auto-
mik, ihr oftmals schillerndes politisches Führungspersonal rinnen und Autoren, in aller Regel Politologen und
und ihre soziale Verankerung sowie ihre politischen Pro- Soziologen, interpretieren den Zuspruch, den rechtspopu-
grammatik. Um die gesamte europäische Bandbreite dar- listische Parteien erfahren, als politischen Hilferuf von Be-
zustellen, werden nicht nur Frankreich, Großbritannien, völkerungsgruppen und sozial abgehängten Milieus, die
Schweiz oder Österreich, sondern auch die östlichen sich von sozialen, kulturellen und vor allem ökonomischen
Nachbarstaaten (Polen, Tschechien und Ungarn) fokus- Veränderungen bedroht fühlen. Es sind mithin die sozial
siert. Der dänische Rechtspopulismus, Geert Wilders Par- schwächeren Gruppen, die sich mit ihren Abstiegsängs-
tei für die Freiheit in den Niederlanden und Italiens Lega ten von der etablierten Politik allein gelassen sehen.
Nord werden ebenfalls in den Blick genommen. Die Fall- Gleichzeitig ist die Hinwendung zu rechtspopulistischen
studien zeigen, dass es in Europa keinen eindeutig defi- Positionen ein Indikator für die Unfähigkeit der europäi-
nierten, einheitlichen Rechtspopulismus gibt. Die ge- schen Sozialstaaten, sich immer weniger zugunsten der
schichtliche Entwicklung, die proklamierten Ziele und die Mittelschicht und sozial randständiger Milieus zu enga-
Wählermilieus unterscheiden sich ebenso wie die sozia- gieren. Der Erfolg der Rechtspopulisten hat viel mit den
len, politischen und ökonomischen Positionen. Am ehesten Defiziten der Politik der etablierten Parteien zu tun, mit
findet sich ein kleinster gemeinsamer Nenner in der denen einzelne Autoren hart ins Gericht gehen. Die Volks-
(Über-)Betonung des Nationalen und kulturell Vertrauten parteien haben – so die durchgängige Argumentation –
sowie einer klar ausgeprägten Abneigung gegenüber die Fähigkeit verloren, der Bevölkerung das Gefühl von
den etablierten Parteien und Eliten. Und eine weitere Ge- sozialer, kultureller und ökonomischer Sicherheit zu ver-
meinsamkeit zeichnet Europas Rechtspopulisten aus: Sie mitteln. Des Weiteren hat das traditionelle Rechts-Links-
instrumentalisieren die Abstiegsängste der Menschen Schema seine Wirkkraft und seine Wählerklientel verlo-
und deren Gefühl, zu den Fortschrittsverlierern zu gehö- ren, d. h. die Bindekraft der einst großen Volksparteien
ren. Dass diese Abstiegsängste keineswegs irrational hat deutlich nachgelassen.
sind, zeigt sich gegenwärtig im Süden Europas. Die Frage nach einem politisch vernünftigen Umgang mit
Im zweiten Teil des Buches werden die Ursachen für die den Wählerinnen und Wählern rechtspopulistischer Par-
Erfolge der Rechtspopulisten analysiert. Eine solide poli- teien bildet den dritten Schwerpunkt des Buches. Die ins-
tikwissenschaftliche Ursachenanalyse ist nicht zuletzt gesamt neun Beiträge im zweiten und dritten Teil des Bu-
ausschlaggebend für die Entwicklung angemessener Ge- ches räumen allesamt mit einer gängigen Fehleinschät-
genstrategien, um das Phänomen Rechtspopulismus ein- zung auf: Rechtspopulismus ist längst kein Problem mehr

Die Didaktische Reihe


Ein Muss für Gemeinschaftskundelehrer

Die didaktische Reihe der Landeszentrale


n beinhaltet Standardwerke der politischen Bildung
n veröffentlicht erfolgreiche Praxisbeispiele politischer
Bildungsarbeit
n setzt bundesweit Impulse
n greift Desiderate auf
n offeriert neue didaktische Handlungsfelder
n begleitet und fördert die Diskussion der Didaktik
politischer Bildung

2.– Euro zzgl. Versand


#FTUFMMVOHBVTDIMJF¨MJDIJN8FCTIPQEFSLandeszentrale für politische Bildung
XXXMQCCXEFTIPQPEFSwww.lpb-bw.de/didaktische_reihe.html

280

BiS2015_04_umbr.indd 280 11.01.16 11:05


BUCHBESPRECHUNGEN

für die etablierten konservativen Parteien. Rechtspopulis- dass man „Gesellschaft“ analytisch nur erfassen könne,
tische Parteien gewinnen ihre Wählerinnen und Wähler wenn man das Alltagsleben umfassend und langfristig
auch aus den traditionellen Wählermilieus der linken beobachte. Genau dies hat Armin Nassehi mit seinem
Mitte. Passgenau zur Ursachenanalyse wird die Repara- Buch „Mit dem Taxi durch die Gesellschaft. Soziologische
tur des brüchig gewordenen Vertrauensverhältnisses zwi- Storys“ getan. Die Metapher des Taxis hat er deshalb ge-
schen sozial schwachen Milieus und den Parteien der (lin- wählt, weil Taxis überall herumfahren, die Kommunikati-
ken) Mitte eingefordert. Es geht – so Ernst Hillebrand – im onsschwelle in ihnen ohnehin tief gehängt ist und man als
abschließenden Fazit in Anlehnung an Axel Honneths Fahrgast mit unterschiedlichen Alltagswahrnehmungen
Theorie um eine „Politik der Anerkennung“, d. h. die Men- konfrontiert wird.
schen wollen von der Politik (wieder) respektiert und ernst Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-
genommen werden. Die etablierten Parteien müssen unter Maximilians-Universität in München und seit 2012 Her-
Beweis stellen, dass sie mehr Vertrauen verdienen als die ausgeber der Zeitschrift Kursbuch, ist viel unterwegs. Er
Populisten. Wenn die sozialwissenschaftliche Theorie von tummelt sich auf Bahnhöfen, Flughäfen, in Hörsälen, auf
Axel Honneth stimmt, dass das Verlangen nach Anerken- Tagungen und Konferenzen. Als reisender und teilneh-
nung eine gewichtige Triebfeder menschlichen Handelns mender Beobachter stellt er sich die Frage, wie Menschen
ist, muss sich diese Politik der Anerkennung nicht nur um mit der Perspektivenvielfalt der modernen Welt umgehen.
eine Dialogoffensive bemühen und die Interessen, Ängste Er stürzt sich in seinen dichten Beschreibungen – so ein
und Sorgen der Menschen ernst nehmen, sondern wieder Terminus der Ethnologen – in Missverständnisse, in sozial
auf die soziale Frage rückbesinnen. Notwendig wäre – so zunächst paradox anmutende Situationen und in kommu-
der Tenor aller Beiträge – eine europäische Wirtschafts- nikative Irrwege und Sackgassen. Am Beispiel von All-
politik, die langfristig auf Wachstum und Beschäftigung tagssituationen – an „soziologischen Storys“ eben – ent-
ausgerichtet ist, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bei- faltet er auf kurzweilige Art und Weise, wie Menschen in
trägt, ökonomische Sicherheit bietet und letztlich für die ihre Perspektiven, Praktiken und Kontexte verstrickt sind.
Bürgerinnen und Bürger Europas sozial und solidarisch ist. Ob es nun das um Kunst bemühte Gespräch bei einer Ver-
Insgesamt handelt es sich bei dem vorliegenden Band um nissage ist oder die klassische Situation im Eisenbahnab-
ein klug konzipiertes Buch, das durch kurze, verständlich teil, ob es Gespräche mit Taxifahrern, mit Kollegen oder
und lesbar gehaltene Beiträge überzeugt. Zudem kommt Fachfremden sind, stets geht es um unterschiedliche Kon-
es ohne pädagogische Arroganz oder gar Moralisierung texte und Weltsichten und um „andere Blicke“ auf schein-
daher. Die Autorinnen und Autoren eint ne