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Ensemble Modern

Magazin Nr. 48

#18/2
Frankfurt, den 26.04.2018

Liebe Leserin, lieber Leser,


die deutsche Musikwelt ist in Aufruhr. Die irritierende Preisvergabe beim
diesjährigen ECHO hat schlagartig vor Augen geführt, dass Musik – entgegen
anderslautenden Überzeugungen und Beteuerungen – sehr wohl in einem
politischen Kontext steht. In besonderem Maße dann, wenn sie von vermeint­
lich objektiven Instanzen ausgezeichnet wird. Über Entscheidungskriterien
lässt sich natürlich trefflich streiten. Ein Musikpreis, der künstlerisches
Niveau und inhaltliche Aussage unbeachtet lässt und sich allein auf Ver­
kaufszahlen verlässt, ist aber zweifelsfrei eine grandiose Fehlkonstruktion.
Er suggeriert, dass kommerzieller Erfolg einhergeht mit künstlerischer
Qualität und degradiert damit künstlerisches Schaffen zum banalen Produkt.
­
Der Massenmarkt als Gütesiegel. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser
Preisverleihung eine verheerende Perspektive. Für Kunst und Kultur, weiter­
gedacht aber für unsere gesamte Gesellschaft.
Auch wenn die Diskussion der vergangenen Monate einen anderen Eindruck er­
weckt haben mag, die Vergabegrundsätze sind nicht erst mit der diesjährigen
Ausgabe des Preises bekannt geworden. Das Befremden über die Modalitäten
zieht sich vielmehr durch seine 26-jährige Geschichte. Die Preisträgerinnen
und Preisträger, darunter auch das Ensemble Modern, müssen sich den Vorwurf
gefallen lassen, das Spiel aus welchen Beweggründen auch immer mitgemacht
zu haben. Eine Rückgabe der Trophäen macht das nicht ungeschehen. Der dies­
jährige Skandal, und nichts anderes war die Entscheidung der sogenannten
Jury, wird somit hoffentlich nachträglich zum Weckruf: zu einem Appell an
die Künstlerinnen und Künstler und die von ihnen profitierende Musikindustrie,
ihre Verantwortung gegenüber einer freiheitlichen und von gegenseitigem Res­
pekt geprägten Gesellschaft wahrzunehmen. Gerade in Zeiten, in denen diese
Grundwerte infrage gestellt und mit politischem Kalkül erfolgreich attackiert
werden, ist eine klare Positionierung aller demokratischen Kräfte dringend
notwendig.
Das Ensemble Modern steht seit bald 40 Jahren für das Neue, Verbindende
und Grenzüberwindende ein. Wir verurteilen nachdrücklich alle ausgrenzenden,
anti­
semitischen, frauen- und religionsfeindlichen, rassistischen und homo­
phoben – kurz jegliche herabwürdigenden und gewaltverherrlichenden Äuße­
rungen und Hand­
lungen. Die Freiheit unserer Gesellschaft und die Freiheit
der Kunst sind nur in einem verantwortungsvollen Miteinander zu haben.
Wir glauben daran – jetzt und in Zukunft!

Ihr Ensemble Modern


Frankfurt, April 26, 2018

Dear Reader,
The German music world is in uproar. The irritating award cere­
mony for this year’s Echo Awards suddenly illustrated that
­music – despite convictions and assertions to the contrary – has
a political context. This is true to an even greater extent when
awards are bestowed by supposedly objective institutions. Argu­
ing about decision-making criteria is certainly easy. However,
a music prize which disregards artistic standards and content,
­relying exclusively on sales figures instead, undoubtedly suffers
from faulty design. It suggests that commercial success is coupled
with artistic quality, degrading artistic creativity to a banal
­product and elevating the mass market to a seal of approval. Ensemble Modern
Given the background of this award ceremony, that is a fatal
­perspective – not only for the arts and culture, but by extension 3
also for our society as a whole. Inhalt Index
Even if the discussion of the past months may have created a
different impression, the principles leading to the bestowal of 4 Story Water
the echo Award were not unknown before this year’s edition of Emanuel Gat & Ensemble Modern
the prize. Instead, astonishment at its modalities has run through Story Water
the 26 years of its history. The prize winners, including Ensemble Emanuel Gat & Ensemble Modern
Modern, must live with the accusation of having played the
game, for whichever reasons. Returning the trophies does not 10  raxis permanenten Lernens
P
undo the damage. This year’s scandal – and the decision of the 15 Jahre iema
so-called jury cannot be called by another name – will hopefully The Practice of Permanent Learning
become a call to action in retrospect: an appeal to the artists, iema at 15 Years
and the music industry profiting from their work, to assume res­­
pon­sibility for a liberal society marked by mutual respect. Espe­ 16 Aus den Fesseln befreit
cially during these times, when such basic values are questioned  um Orchesterstück ›passage/paysage‹
Z
and successfully attacked for calculated political gain, it is para­ von ­Mathias Spahlinger
mount that all democratic powers adopt a clear stance. Liberated from Shackles
On Mathias Spahlinger’s ›passage/paysage‹
For almost 40 years, Ensemble Modern has stood for novelty, for for ­Orchestra
art that unites and transcends borders. We expressly condemn
any statements and actions which are exclusionary or anti-­Semitic, 22 D
 onaueschinger Musiktage
which discriminate against women, religions or races, or are Neue Werke von Isabel Mundry, Brigitta Muntendorf
homophobic – in short, any that denigrate others and cele­brate und Oscar Strasnoy
violence. Freedom in our society and freedom of the arts can only Donaueschinger Musiktage
be attained through responsible coexistence. This we believe – New Works by Isabel Mundry, Brigitta Muntendorf
now and in the future! and Oscar Strasnoy

Yours, 27 Kurz notiert
Ensemble Modern Briefly Noted

32 EM-Musiker individuell
EM-musicians individual

Konzertkalender & Poster
Concert Calendar & Poster
4

story water Emanuel Gat Dance & Ensemble Modern


›story water‹ bringt das Ensemble Modern mit
einem der führenden europäischen Choreografen,
Emanuel Gat, zusammen. Gemeinsam loten das
Ensemble Modern und die Tänzerinnen und
­Tänzer von Emanuel Gat Dance, der Residenz­­-
kom­panie an der Maison de la Danse im süd­fran­
zösischen Istres, in einem abendfüllenden Pro-
gramm das Verhältnis von Musik und Tanz neu
aus. Ein Teil der Choreografie wird auf Basis beste-
hender ­Werke entwickelt: Pierre Boulez’ ›Dérive 2‹
und Rebecca Saunders’ Kontrabasskonzert ›Fury
II‹. Für den anderen Teil ›FolkDance‹ erschaffen
11 Tänzerinnen und Tänzer sowie 13 Musikerinnen
und Musiker gemeinsam eine musikalisch-­
choreo­grafische Gesamtpartitur, in der die Gesten
der Klangerzeugung und des Tanzes ineinander
übergehen – tradierte Grenzen und Zuständig­
keiten werden überschritten und aufgelöst.
Die Produktion wird im Juli 2018 beim Festival
d’Avignon uraufgeführt und ist in der Folge beim
Beethovenfest Bonn, beim Tanzfestival Rhein-
Main in Frankfurt sowie in Antwerpen und Paris
zu erleben. Die Tanzjournalistin Melanie Suchy
sprach mit Emanuel Gat und dem Ensemble 5
­Modern über die Herangehensweise an dieses
Projekt, bei dem die beiden Kunstformen Musik
und Choreografie in einen gleichberechtigten
­Dialog treten.

story water Emanuel Gat Dance & Ensemble Modern

›story water‹ brings Ensemble Modern together


with one of the leading European choreographers,
Emanuel Gat. Together, the Ensemble Modern
­musicians and the dancers of Emanuel Gat Dance,
the resident company at the Maison de la Danse
in Istres in the South of France, explore the re­la­
tion­ship between music and dance in this evening-
length programme. Part of the choreography will
be developed on the basis of existing works: Pierre
Boulez’ ›Dérive 2‹ and Rebecca Saunders’ double
bass concerto ›Fury II‹. For the other part, entitled
›FolkDance‹, 11 dancers and 13 musicians create a
musical-choreographic overall score ­together,
where the gestures of sound production merge
with those of the dance, crossing and b ­ lurring
traditional boundaries and responsibilities. ›story
water‹ will have its world premiere on July 19, 2018
at the Festival d’Avignon and will subsequently be
shown at the Beethovenfest in Bonn, at the Tanz­
festival Rhein-Main in Frankfurt and in Antwerp
and Paris. The dance journalist Melanie Suchy
spoke to Emanuel Gat and Ensemble Modern about
their approach to this project, which positions the
two art forms music and choreography as equal
partners in a dialogue.
melanie suchy: Herr Gat, Sie haben melanie suchy: Mr. Gat, you yourself die unabhängig ist, mit eigenem
selbst einmal Musik studiert? studied music originally? Charakter, doch offen genug, um in
emanuel gat: Ich spiele Klarinette emanuel gat: I am a clarinet player, einen Dialog mit der Musik zu treten.
und wollte Dirigent werden. Ein Jahr and I wanted to become a conductor. em: Der Dirigent Franck Ollu schlug
lang habe ich an der Tel Aviv Aca­demy I was already in my first year of schon vor einigen Jahren vor,
studiert, da kam ich zufällig zum ­music studies at the Tel Aviv Academy, ­Boulez’ ›Dérive 2‹ mit Tanz aufzu­
Tanzen. Ich war schon 23, das ist spät. and then I accidentally came across führen. Und Pierre Boulez selbst sag­
Mein Entschluss stand sehr schnell ­dancing. I was 23, that is late. It was te einmal, es würde sich gut eignen
fest, mich auf Tanz und Choreogra­ a very quick choice to focus on dance in einer choreografierten Fassung
fie zu konzentrieren. and choreography. ­aufgeführt zu werden.
ms: Das haben Sie nie bereut? ms: You never regretted that? eg: Das stimmt. Es ist so präzise und
eg: Nein, denn ich wäre wahrschein­ eg: No, I don’t think I would be a good streng strukturiert, seine endlosen
lich kein guter Dirigent. Mein jetzi­ conductor. I think my profession now Variationen sind so unerbittlich.
ger Beruf entspricht, glaube ich, viel is much more suited to my personality. Doch andererseits erlaubt dieses
mehr meiner Persönlichkeit. ms: ›story water‹ consists of three Kaleidoskop, sich auf viele Weisen
ms: ›story water‹ besteht aus drei pieces of music … darauf zu beziehen. Es bietet viel
Stücken … eg: But it’s one continuous choreo­ Freiheit in einem sehr strikten Rah­
eg: Aber es wird ein einziges kon­ graphic piece, with three musical men: eine interessante Balance.
tinuierliches choreografisches Stück, scores woven into it. At the beginning em: Es wird also die Weltpremiere
in das die drei musikalischen Parti­ of the project, I brought a few of my der choreografischen Version von
turen hineingewebt werden. Zu dancers, we worked in the space of ›Dérive 2‹. Nicht der Tanz illustriert
Beginn des Projekts haben wir drei the Ensemble Modern and tried out die Musik oder die Musik den Tanz,
6 Tage lang mit einigen meiner Tänzer different things together. We didn’t das ist die Basis dieses Projekts.
in den Räumen des Ensemble Modern go deep, just jumped from idea to ­Dieser Ansatz manifestiert sich in
ein paar Dinge ausprobiert. Wir sind idea, to get a kind of taste of how ›FolkDance‹, dem Teil des Abends,
da nur von Idee zu Idee gehüpft, um to align ­different ideas of musical den wir komplett gemeinsam
einen Eindruck zu bekommen, wie production and composition with erschaffen.
wir unterschied­liche Auffassungen the chorographical composition. eg: Als Ausgangspunkt dient uns
von musikalischer Klangerzeugung ensemble modern: One might Volksmusik. Diese Art von Musik hat
und Kompo­sition mit choreografi­ say that you choreograph music. einige sehr klar definierte Charak­
scher Komposition verbinden könnten. Do you agree? teristiken, bestimmte Rhythmen und
ensemble modern: Man könnte eg: Yes, choreography and composing Skalen etc., die wir unterschiedlich
sagen, du choreografierst Musik. music have so much in common, in zusammenbauen und ausweiten
Stimmst du dem zu? the logic of how you organize a work. können. So habe ich z.B. bei meiner
eg: Ja, Choreografie und musika­ Basically, you organize information Choreografie ›Sacre‹ zum ›Frühlings­
lische Komposition haben viel ge­ through time and space; whether opfer‹ von Igor Strawinsky auch
meinsam hinsichtlich der Logik, it is musical information, tones and ­gearbeitet, da war das Ursprungs-
wie man organisiert. Im Grunde frequencies and sounds, or people Bewegungsvokabular kubanische
organisiert man Information in Zeit and movements. What fascinated me Salsa, die wir völlig dekonstruiert
und Raum; egal ob es musikalische is to see whether I can use the same und restrukturiert haben. So etwas
In­formation, Töne, Frequenzen, Klän­ procedures and modalities of work möchte ich hier auch versuchen.
ge sind oder Menschen und Bewe­ that I have with the dancers, but with ms: Welche Volkstänze und -musiken?
gungen. Mich fasziniert es heraus­ musicians; the result would then Woher nehmen Sie die?
zufinden, ob ich mit Musikern manifest itself in music instead of eg: Die einzelnen Musikerinnen und
dieselben Arbeitsprozeduren und movement and choreography. Musiker und Tänzerinnen und Tänzer
Modalitäten nutzen kann wie mit ms: So do you listen to the compo­ werden sie mitbringen und damit
Tänzern, nur dass sich das Resultat sitions by Boulez and Saunders parti­c­ die Vielfalt ihrer kulturellen Herkunft
in musikalischer Weise manifestiert, ularly frequently now? spiegeln.
statt in Bewegung und Choreografie. eg: Of course, I have listened to them. ms: Rebecca Saunders schreibt in der
ms: Hören Sie sich die Komposi­tio­ But in general I don’t choreograph Einführung zu ihrer Komposition
nen von Boulez und Saunders nun for a certain music. I don’t try to ›Fury II‹: »Stille ist die Leinwand, auf
besonders häufig an? illustrate or interpret the music, but der alle Klänge auftauchen und in
eg: Natürlich habe ich sie mir ange­ I want to create a choreographic die hinein sie wieder verschwinden.«
hört. Aber im Allgemeinen mache structure that is independent, with Ihre Komposition gründet stark auf
ich ja keine Choreografie zu einer its own character, open enough to Klängen, auf Klangexplosionen;
bestimmten Musik. Ich versuche enter into a dialogue with the music. diese kontrastiert sie mit Stille. Stille
nicht, sie zu illustrieren oder zu inter­ em: Our conductor Franck Ollu verstärkt also diese Klänge. Das­
pretieren, sondern möchte eine ­suggested many years ago to perform selbe kann man über Tanz sagen: Man
­choreografische Struktur erschaffen, Boulez’ ›Dérive 2‹ with dance. And sieht oder erfährt eine Bewegung
Pierre Boulez himself once said it viel klarer, wenn sie in der Komposi­ the double bass concerto ›Fury II‹.
would be a good piece to choreograph. tion oder Choreografie in Beziehung The fact that we are playing it once
eg: It’s true! On one hand, the way zu völlig stillen Momenten steht. more is also due to the composer’s
the work is structured is so clear and em: Das Ensemble Modern hat enthusiasm about the interpretation
precise, with those endless variations, ­Rebecca Saunders im vergangenen of Paul Cannon, our bass player,
it’s so relentless. On the other hand, Jahr ein ›Happy New Ears‹-Konzert and his strong physical presence.
somehow this kaleidoscope gives you in der Oper Frankfurt gewidmet. eg: Rebecca Saunders says that in her
so many opportunities to react: a In diesem Konzert haben wir auch compositions she very much con­siders
lot of freedom in a very defined en­ das Kontrabasskonzert ›Fury II‹ präsen­ the physical action of the musician,
vironment. That’s a very interesting tiert. Dass wir es jetzt wieder aufneh­ especially with a double bass, this very
balance. men, liegt auch an der Begeis­terung demanding physical aspect of playing
em: This will be the world premiere der Komponistin über die Interpreta­ the instrument. That is another paral­
of the choreographic version of tion und starke körperliche Präsenz lel between music and dance.
­›Dérive 2‹. Neither does dance illustrate unseres Bassisten Paul Cannon. ms: The project takes its title from a
the music, nor does the music illus­ eg: Rebecca Saunders sagt ja über text by the Persian mystic Rumi, ›­ story
trate the dance. This approach is es­ ihre Kompositionen, sie bedenke water‹. Did you choose the title?
pecially manifested in ›FolkDance‹, darin auch die körperliche Aktivität eg: I came across this poem and liked
the part of the evening we are creat­ der Musiker. Dies gilt besonders the idea that there is always some
ing jointly in its entirety. für den Kontrabass, den zu spielen kind of intermediate between the
eg: As a starting point we will use folk ­physisch ja sehr anspruchsvoll ist; source and the experience that fol­
music. This kind of music has some wieder eine Parallele zwischen lows. I like the very striking metaphor
characteristics that are very clearly ­Musik und Tanz. of water: we cannot sit in the fire. If
defined in terms of rhythm and scales ms: Ein Text des persischen Mys­tikers you want to profit from the warmth 7
etc. How can we reconfigure or Rumi hat dem Projekt den Titel ver­ of the fire, you have to warm the
stretch them? It is a process I have liehen, ›story water‹. Haben Sie ihn ­water of the bath, and then you sit
used with choreography as well, e.g. ausgewählt? in the water and get the benefits of
with ›The Rite of Spring‹ by Igor eg: Ich bin diesem Gedicht einmal the fire. It’s a bit similar to what art is:
Stravinsky. The initial vocabulary for begegnet und mochte den Gedanken, it is an intermediate between certain
the choreography was Cuban Salsa, dass es immer eine Art Z­ wischen­stufe human experiences and the audience,
that we completely deconstructed zwischen einer Quelle und der Erfah­ so they can experience them.
and restructured. I want to try to do rung gibt, die dann folgt. Mir gefällt em: The text, however, is meant more
the same here. diese beeindruckende Metapher des as an inspiration, it has no other
ms: Which folk dances and music will Wassers: Wir k­ önnen nicht im Feuer function in the programme.
those be? How do you find them? sitzen. Willst du von der Wärme des ms: Your way of choreographing
eg: The musicians and dancers them­ Feuers profitieren, musst du mit has changed over the years. You seem
selves will bring them along, re­ ihm das Wasser eines Bades erhitzen, to rely much more on the dancers?
flecting the diversity of their cultural dann setzt du dich da hinein, und so eg: Absolutely. Over the years I be­
background. hast du den Nutzen des Feuers. Das came much more interested in de­
ms: Rebecca Saunders writes in the Wasser ist vielleicht, was Kunst ist: fining the environment, rather than
introduction to her composition ein Zwischenstadium zwischen be­ controlling the actual actions of the
›Fury II‹: »Stille ist die Leinwand, auf stimmten menschlichen Erfahrun­ dancers. It opens much more possi­
der alle Klänge auftauchen und in die gen und dem Publikum, das diese bilities, both for the work itself and
hinein sie wieder verschwinden.« dann nachvollzieht. the performers. I basically teach them
(»Silence is the canvas on which all em: Der Text ist allerdings mehr als a certain language or give them the
sounds appear and into which they Inspiration gedacht, er hat in dem rules of a certain game. Given a very
disappear again.«) Her composition Programm sonst keine Funktion. clear environment, you know how it
is very much sound-based, she con­ ms: Ihre Art zu choreografieren hat functions, who your team mates are,
trasts  sound explosions with silence. sich im Lauf der Jahre verändert. what the purpose is, where you want
So, the silence amplifies the sounds. Jetzt verlassen Sie sich offenbar viel to go – and then you are free as a
You can say the same thing about mehr auf die Tänzer? dancer to use your capacities, your
dance. A movement becomes much eg: Ja, genau. Mit den Jahren hat talents, your creativity, originality in
clearer if it is positioned within the mich immer mehr interessiert, eine thinking, all that.
composition or choreography so Umgebung zu definieren, statt die ms: You do not fix these rules or this
as to relate to moments of complete tatsächlichen Aktionen der Tänzer environment in advance?
silence. festzuschreiben. Das eröffnet dem eg: We try out different things. What
em: Ensemble Modern dedicated a Werk und den Performern viel mehr happens if we adopt this or that rule?
›Happy New Ears‹ concert to Rebecca Möglichkeiten. Im Grunde lehre ich How do the dancers or musicians
Saunders last year at the Frankfurt sie eine Sprache oder gebe ihnen ­react? Then we can see which ele­
Opera. In this concert, we presented Regeln eines Spiels vor. Innerhalb ments work and what is interesting.
der klar gesetzten Umgebung weiß ms: You gave the dancers the task, ms: Was mir auffiel bei der Auf­
man dann, was wie funktioniert, wo­ for example, to be especially aware führung Ihres Werkes ›sunny‹: Die
rum es geht, wohin man will, wer die of the distances between them … Tänzer sehen einander häufig an.
­Mitspieler sind – und dann ist man eg: Choreography is organizing eg: Weil die Choreografie nicht
als Tänzer frei, die eigenen Fähig­ ­people in space and time. If you just ­fixiert ist und die Tänzer eben nicht
keiten anzuwenden, seine Talente, focus on the element of space and in einer Art Automatikmodus fahren
Kreativität und Originalität, all das. expand it, researching how this ques­ und immer wissen, was gleich
ms: Diese Regeln oder Rahmen­ tion of the distance between dancers ­passiert. Sie komponieren und struk­
bedingungen fixieren Sie schon happens on stage in a dynamic turieren in Echtzeit. Da brauchen
vorher? ­constellation – this is very revealing. sie natürlich Augenkontakt, müssen
eg: Wir probieren verschiedene If  a certain dancer is closer to an­ versuchen zu verstehen, was passiert,
­Dinge aus. Was passiert, wenn wir other, will he follow him, will he move um dann die richtige Entscheidung
diese oder jene Regeln setzen? Wie away? It’s like watching a flock of zu treffen für ihre nächste Aktion.
reagieren die Tänzer oder Musiker birds in the sky. How do they manage Das ist es, was ich auch mit den
darauf? Dann können wir sehen, to keep this amazing formation, so Musikern ausprobieren möchte. Es
welche Elemente funktionieren close to each other, without bumping gibt in dem neuen Werk ›FolkDance‹
und was interessant ist. into each other? Because there is keinen Dirigenten. Es wird von den
ms: Sie geben den Tänzern Aufgaben: some kind of logic to this system that Musikern in Echtzeit gemanagt.
etwa die Distanzen zwischen sich makes it so efficient. The visual result Sie folgen zwar derselben Partitur,
auszuloten ... is what you might call choreography. doch wird jeder Abend anders, je
eg: Choreografieren bedeutet, Men­ ms: You once said everything is about nachdem, wie sie ihn interpretieren.
schen in Zeit und Raum zu organi­ relations, i.e. a creation comes about in Jede Entscheidung wirkt auf die
8 sieren. Fokussiert man sich auf die­ relation to the people you do it with. ­ganze Gruppe ein und ruft wiede­
ses eine Element Raum und weitet eg: Yes. If I don’t take into considera­ rum Reaktionen hervor.
es sozusagen aus, untersucht die tion the people I’m going to work ms: Das erwähnte Rumi-Gedicht
Frage der Distanzen zwischen den with, I would just impose my ideas on spricht von dem Zwischenstadium
Tänzern in einer dynamischen Kon­ them. I would miss all of their ideas, und von dem Verbergen und
stellation, so ist das sehr aufschluss­ I would miss all the possibilities that Her­zeigen des Verborgenen als
reich. Ist jemand näher oder ent­ can come out of a group of people Bewegungen oder Tätigkeiten darin.
fernter von jemand anderem, folgt going into a room and trying to do ­Spielen Geheimnisse, spielt das
oder entfernt sich? Das ist, als beo­ something together. There are far Verborgene bei Ihnen eine Rolle?
bachte man einen Schwarm Vögel more ideas this way than I would eg: Wir zeigen alles. Aber jeder im
am Himmel. Wie schaffen sie es, have on my own. It gives me another Zuschauerraum wird etwas anderes
diese erstaunliche Formation auf­ role: I need to steer the ideas in a cer­ sehen und darf frei interpretieren.
rechtzuerhalten, so nah beieinander, tain direction to give them coherence. Doch die Sache mit dem Zwischen­
ohne anzustoßen? Weil dem System This is difficult, but very interesting. raum ist wichtig. Choreografie findet
eine bestimmte Logik zugrunde liegt, ms: One thing I noticed during a mehr in dem Raum zwischen den
die es so effizient macht. Das visu­elle ­performance of your work ›sunny‹ Tänzern statt als in ihnen selbst.
Resultat könnte man Choreo­grafie was that the dancers look at each Willst du eine Choreografie wirklich
nennen. other frequently. verstehen, achte auf die Räume zwi­
ms: Sie sagten einmal, es gehe im­ eg: This is because the choreography schen den Tänzern. Thelonius Monk
mer um Relationen und dass eben is not set and they are not on a sagte ­einmal über Musik: »Manche
auch ein Werk in Beziehung mit den kind of automatic mode, knowing  Musik ist nur vorgestellt. Was man
Beteiligten entstehe. exactly what will happen. So they are nicht spielt, kann wichtiger sein als
eg: Ja! Wenn ich nicht die Menschen composing in real time. They have das, was man spielt.« Anders gesagt,
bedenke, mit denen ich arbeite, to look at each other, to understand Musik passiert zwischen den Noten.
stülpe ich ihnen ja bloß meine Ideen what is happening while it is hap­ Es sind gar nicht die Noten selbst.
über. Und dabei übergehe ich die pening, so they can make the right
vielen Ideen, die sie haben, all die decisions. Das Gespräch mit Melanie Suchy
Möglichkeiten, die mit einer Gruppe und Emanuel Gat führten vonseiten
von ­Leuten entstehen, die in einem des Ensemble Modern Christian
Raum gemeinsam etwas auspro­ Fausch (Künstlerischer Manager und
bieren. Das übersteigt bei Weitem Geschäftsführer) und Rainer Römer
das, was ich mir allein ausdenken (Schlagzeug und Vorstand).
könnte. Meine Rolle ist dann eine
andere: Ich muss das alles in eine
gewisse Richtung lenken, um Kohä­
renz herzu­stellen. Das ist schwierig,
aber sehr interessant.
This is what I want to try to do togeth­
er with the musicians too. There won’t
be a conductor in that new piece,
›FolkDance‹. It will be managed by the
musicians in real time. Although they
will be following the same score,
every performance will be different,
depending on how they interpret the
score. Every decision will influence
the group and induce reactions from
the other musicians.
ms: The Rumi poem mentioned earlier
speaks of an in-between stadium, Termine
of hiding and showing what is secret
as movements or activities therein. 19.07. | 20.07. | 21.07. | 22.07. | 23.07.2018, 22 Uhr
Do secrets, does what is hidden play Avignon, Cour d’honneur du Palais des Papes
a role in your work? Festival d’Avignon
eg: We show everything, but every­
body in the audience will see some­ 09.09.2018, 19.30 Uhr
thing else and is free to arrive at their Bonn, Opernhaus
own interpretation. Beethovenfest Bonn
However, this issue of the space in
between is very important. The chore­ 07.11. | 08.11.2018, 19 Uhr 9
ography is something that happens Frankfurt am Main, Frankfurt lab
more in the space between the dan­ Tanzfestival Rhein-Main
cers than in the dancers themselves.
If you really want to understand a 14.12. | 15.12.2018, 20 Uhr
choreography, you have to look at the Antwerpen, deSingel
spaces between the dancers. There
is a quote by Thelonious Monk, who 10.01.2019, 19.45 Uhr | 11.01.2019, 20.30 Uhr |
says about music: »Some music is just 12.01.2019, 19.45 Uhr | 13.01.2019, 15.30 Uhr
imagined. What you don’t play can Paris, Théâtre National de Chaillot
be more important than what you
do play.« In other words, it happens Story Water – Emanuel Gat Dance & Ensemble Modern
between the notes. It’s not the notes Pierre Boulez: Dérive 2 für 11 Instrumente
themselves. ­(1988–2006/2009)
Rebecca Saunders: Fury II – concerto for solo double bass
The interview with Melanie Suchy and ensemble (2009)
and Emanuel Gat was conducted Emanuel Gat/Ensemble Modern: FolkDance (2018)
on behalf of Ensemble Modern by ­(Uraufführung)
­Christian Fausch (Artistic Mana­ Emanuel Gat Choreografie, Bühne und Licht | Franck Ollu
gement and General Manager) Dirigent | Josep Planells Schiaffino Dirigent (07./08.11.)
and Rainer Römer (percussion and Thomas Bradley Kostüme | Guillaume Février Lichtregie |
member of the board). Norbert Ommer Klangregie | Felix Dreher ­Live-Elektronik

Eine Produktion von Emanuel Gat Dance, Ensemble Modern


und Frankfurt LAB e.V.
Gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die
Stadt Frankfurt am Main und die Ensemble Modern Patro­
natsgesellschaft e.V., mit Unterstützung des Fonds Trans­
fabrik – Deutsch-französischer Fonds für darstellende Künste.
Emanuel Gat Dance koproduziert von Chaillot – Théâtre
National pour la Danse, Festival d’Avignon, deSingel –
International Campus for the Arts und Pôle Arts de la Scène –
Friche la Belle de Mai. Residenz bei FabricA des Festival
d’Avignon. Gefördert durch die BNP Paribas Foundation.
Ensemble Modern koproduziert von Beethovenfest Bonn
und Künstlerhaus Mousonturm.
Praxis permanenten Lernens The Practice of Permanent Learning
15 Jahre iema iema at 15 Years

von Egbert Hiller


by Egbert Hiller

»Wer hier war, ist danach ein anderer Mensch, »Anyone who has been here emerges a different
in seinem Selbstverständnis, seiner nicht nur spiel- person, in self-concept, in experience – not just in
praktischen Erfahrung, sondern in seiner ganzen terms of playing, but in aesthetic and general life
ästhetischen Erfahrung, und in seiner Erfahrung experience.« It would be difficult to outline the
vermittelt werden, dann in der Umgebung des Ensemble Modern. (Helmut Lachenmann)

prinzipiell.« Eindringlicher als mit diesen Worten importance of the International Ensemble Modern
Helmut ­Lachenmanns kann die Bedeutung der Academy (iema) in more impressive terms than
Inter­nationalen Ensemble Modern Akademie ­Helmut Lachenmann. The impulse driving iema’s
(iema) kaum skizziert werden. Der Impuls zur founding in 2003, now 15 years ago, was to pass on
Wenn es einen Ort gibt, an dem Abenteuer- und Öffnungsbereitschaft

Gründung der iema im Jahr 2003 – vor nunmehr the »memory« of Ensemble Modern, its enormous
15 Jahren – war der, das »Gedächtnis« des Ensem­ treasure of knowledge and experience in the inter­
10 ble Modern, seinen gewaltigen Wissens- und Er­ pretation of New Music, to coming generations –
fahrungsschatz in der Interpretation Neuer Musik, and this concern has lost none of its current value
an die näch­sten Generationen weitergeben zu or impact, on the contrary. It is ever more clear
wollen – und dieses Anliegen hat nichts von seiner that the practice of permanent learning and open-
Aktualität und Wirkkraft eingebüßt, im Gegenteil. mindedness bears rich fruit, for example »in ex­
Immer klarer tritt zutage, dass die Praxis des ploring new pieces, which also opens new manners
perma­nenten Lernens und Sich-Öffnens reiche of interpretation and solves aesthetic and technical
Früchte trägt, etwa »in der Auseinandersetzung problems. This is best achieved together, and it is
mit ­neuen ­Stücken auch neue Wege der Interpre­ a very good task for life«, as the cellist Michael M.
tation aufzuzeigen und ästhetische wie spieltech­ Kasper explains. Like all Ensemble Modern members,
nische Probleme zu lösen. Das geht am b ­ esten he is also a iema docent. In this role, the musicians
Das Ensemble Modern hat u.a. mit Stockhausen, Kagel, Lachenmann,

gemeinsam und ist für das Leben eine sehr gute of Ensemble Modern not only lead the various iema
Zender zusammengearbeitet und weiß aus erster Hand, wie sie ihre

Auf­gabe«, wie der Cellist Michael M. Kasper be­ training programmes personally, but also play a
tont. Wie alle Mitglieder des Ensemble Modern ist leading role in conceiving them. Thus, in parallel to
er zugleich iema-Dozent. In dieser Funktion führen its concert and touring activities, Ensemble Modern
die Musikerinnen und Musiker des Ensemble Mo­ maintains continuous educational oper­ations at
dern nicht nur die verschiedenen Ausbildungspro­ its home base in Frankfurt, a fact which also boosts
gramme der iema selbst durch, sondern sind auch its own projects.
maßgeblich an deren Konzeption beteiligt. Parallel
“The Ensemble Modern has worked with Stockhausen, Kagel,
Lachenmann, Zender among others, and knows first-hand
what they wanted.” (Michael M. Kasper)

zu seinem Konzert- und Tourneebetrieb unterhält


das ­Ensemble Modern damit in seinem Frankfurter
Domizil mit der iema einen ständigen, auch
auf die eigenen Projekte zurückstrahlenden
Aus­bil­dungsbetrieb.
“If there is a place where the willingness to be adventurous
of Ensemble Modern.” (Helmut Lachenmann)
and open-minded are taught, then it is the environment
Musik gemeint haben. (Michael M. Kasper)



Each work is a universe unto itself Jedes Werk ist ein Universum für sich
»It was a very intense year, my iema year«, the »Es war ein sehr intensives Jahr, mein Jahr bei der
flutist Bettina Berger says, who graduated from the iema«, resümiert die Flötistin Bettina Berger, die

Ich habe mich gefreut auf ein Jahr intensiv zeitgenössische Musik spielen
iema Master’s degree course at the Frankfurt am vor acht Jahren den iema-Masterstudiengang an

zu dürfen und mit den besten Leuten zu arbeiten, die es gibt, mit dem
Main Academy of Music and Performing Arts eight der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
years ago: »It was wonderful to be able to work Frankfurt am Main absolvierte: »Ganz toll war,
with the members of Ensemble Modern and to mit den Mitgliedern des Ensemble Modern arbei­
experience the broad differentiation of contempo- ten zu können und auch die Differenziertheit der
rary music. Each work is a universe unto itself. And ­zeitgenössischen Musik zu erleben. Jedes Werk ist
­Ensemble Modern conveys this fact to the students ein Universum für sich. Und das Ensemble
as well. Our class of students experienced great ­Modern vermittelt das auch an die Studierenden.
­affinity, both for each other and for the music. Now, In ­un­serem Jahrgang haben wir uns musikalisch
eight years later, some of them are my best friends, und menschlich sehr gut verstanden. Jetzt, acht
and we have founded an ensemble together, Jahre später, gehören einige davon zu meinen
­›Ensem­ble Interface‹. Without iema, we would not besten Freunden, und wir haben ein Ensemble
exist.« In the meantime, several formations have gegründet, das ›Ensemble Interface‹. Ohne die
sprung directly or indirectly from the annual class iema gäbe es uns nicht.«
of ­students and the iema Ensembles they have Mittlerweile existieren etliche Formationen, die
formed, for example ›Trio Catch‹ oder ›mam.Manu- direkt oder indirekt aus Studienjahrgängen und
faktur für aktuelle Musik‹. The Master’s degree den daraus gebildeten iema-Ensembles hervor­

Ensemble Modern. (Bettina Berger)


course is one of the four pillars upon which iema gegangen sind, zum Beispiel ›Trio Catch‹ oder
is built. Individual educational elements are con- ­›mam.Manufaktur für aktuelle Musik‹. Der Master­ 11
tinuously being tweaked, incorporating innovative studiengang ist eine von vier Säulen, auf denen
ideas and insights. One trail-blazing extension die iema basiert. Stets werden einzelne Aus­
regarding the Master’s degree course is that its bildungselemente nachjustiert, innovative Ideen
students, inclu­ding many graduates, can be inte- und Erkenntnisse fließen ein. Dass die Studie­
grated into the projects of the Ensemble Modern renden, auch viele Ehemalige, in die Projekte des
Orchestra (emo). Thus, they contribute to the profile ­Ensemble Modern Orchestra (emo) integriert
of emo on the one hand and also maintain their ­werden, ist eine bahnbrechende Erweiterung hin­
direct artistic contact with Ensemble Modern on sichtlich des Masterstudiengangs. So können
the other. So far, 213 musicians have completed sie zum einen das Profil des emo mitprägen und
the iema curriculum, and they are making their zum anderen den unmittelbaren künstlerischen


ever-increasing mark upon musical life, not only in Kontakt zum Ensemble Modern halten.
the New Music field. After all, even those who do 213 ­Musi­kerinnen und Musiker haben das Studien­
not remain dedicated to New Music, but turn to programm der iema bislang durchlaufen, und
the classical, romantic or baroque repertoire, profit, ihre Spuren ziehen sich immer markanter durch

“I was very happy to have that year of playing contemporary


Ensemble Modern.” (Bettina Berger)
music intensively with the best people there are, with
contributing to over­coming the separation be- das Musikleben, nicht nur durch das der Neuen
tween the spheres of older and New Music with Musik. Denn auch diejenigen, die nicht der Neuen
their open mind for contemporary arts. Musik verpflichtet bleiben, sondern sich Klassik,
Romantik oder Barockmusik zuwenden, profi­
tieren und tragen durch ihre Offenheit für das
Zeitgenössische dazu bei, die überkommene
Trennung der Sphären von älterer und Neuer
Musik aufzuheben.
Helmut Lachenmann zu Gast im Masterstudiengang (oben),

>
Masterstudiengang (unten)

www.internationale-em-akademie.de/de/mediathek
www.internationale-em-akademie.de/en/media
… unlimited potentials … … unbegrenzte Potenziale …
iema’s second pillar is the International Compo­ Die zweite Säule der iema ist das Internationale
sition Seminar, which is also open to applicants Kompositionsseminar, das sich ebenfalls an Be­
from all over the world and takes in four to six werberinnen und Bewerber aus aller Welt richtet
young composers every two years, with Ensemble und alle zwei Jahre vier bis sechs junge Tonschöp­
Modern as a mentor and performing body. During fer aufnimmt. Das Ensemble Modern wirkt hier
the last edition of the Seminar, the composer and als Mentor und Klangkörper. Der Komponist und

künstlerische Qualitäten mitbringt. Wir möchten diese Leute


conductor Enno Poppe was the seminar’s guest Dirigent Enno Poppe war beim letzten Komposi­
­docent. He has worked with Ensemble Modern for tionsseminar Gastdozent, er arbeitet schon sehr
many years. In 1996, he himself was a student lange mit dem Ensemble Modern zusammen.

fördern und einfach nur mit ihnen arbeiten. (Paul Cannon)


­participant in Ensemble Modern’s International 1996 nahm er als Student selbst am Internationa­

Wir suchen jeden, der etwas zu sagen hat und hohe


Young Artist Forum, which can be considered the len Nachwuchsforum des Ensemble Modern teil,
precursor of the Composition Seminar. Poppe em­ welches als Vorläufer des Kompositionsseminars
phasizes how important it is to open the ears of gelten darf. Poppe hebt hervor, wie wichtig es ist,
young composers at the outset of their careers »for den am Beginn ihrer Laufbahn stehenden Kompo­
the stylistic diversity of New Music and the almost nistinnen und Komponisten die Ohren zu öffnen
unlimited technical and expressive potential of »für die stilistische Vielfalt der Neuen Musik und
­Ensemble Modern’s instrumentalists. That is some­ die schier unbegrenzten technischen und aus­
thing one can only find out in direct communication.« drucksspezifischen Potenziale der Instrumenta­
Communication is also the precondition for making listen des Ensemble Modern. Das kann man nur
fruitful use of the participants’ divergent cultural in der direkten Kommunikation herausfinden.«
12 backgrounds and differences in musical sociali­ Diese Kommunikation ist auch Voraussetzung da­
zation: »Many composers«, says Poppe, »no longer für, die divergierenden kulturellen Hintergründe
have a classical music background today, but come und Unterschiede in der musikalischen Sozialisa­
from computers, from pop music, or are influenced tion fruchtbar zu machen: »Viele Komponisten
by other art forms. Especially for these composers, kommen«, so Poppe, »heute nicht mehr aus der
exchange with the highly specialized musicians of klassischen Musik, sondern vom Computer, aus
Ensemble Modern is essential in order to broaden der Popmusik oder sie sind von anderen Künsten
their own horizons. That is the main takeaway for beeinflusst. Gerade für sie ist der Austausch mit
the participants in the International Composition den hoch spezialisierten Musikern des Ensemble
Seminar.« Modern wesentlich, um den eigenen Horizont zu

Young composers are very grateful for this highly erweitern. Das ist das, was die Teilnehmer des
concentrated lab setting. Rehearsing and colla­ Internationalen Kompositionsseminars vor allem
borating over a longer period of time provides ex­ mitnehmen.«
traordinary support for their creative process – and Die jungen Komponisten wissen diese hoch kon­
“The International Composition Seminar is an
effort of the Ensemble Modern to identify and
compositional world.” (Paul Cannon)
work with the brightest young talents of the

constitutes an absolute exception within musical zentrierte Laborsituation sehr zu schätzen. Über
life, which tends to be increasingly accelerated. einen längeren Zeitraum miteinander proben
However, it is exactly these exceptions which are und arbeiten zu können, unterstützt den schöpfe­
required to give great talents the chance to mature rischen Prozess außerordentlich und stellt im
into artist personalities, in lively personal exchange with schnelllebiger werdenden Musikleben eine abso­
conductors and docents of the Composition Seminar. lute Ausnahme dar. Doch es bedarf genau solcher
Ausnahmen, um großen Talenten die Chance zu
Finding the path to unity eröffnen, im regen persönlichen Austausch mit
The participants in the International Master den Dirigenten und Dozenten des Kompositions­
­Courses for Music Students and Young Professional seminars zu Künstlerpersönlichkeiten heran-
Musicians, iema’s third pillar, also receive plenty zureifen.
of input. Since 2004, the ten-day Master Courses
have taken place as part of the festival Klang­
spuren in Schwaz in Tyrol, with approximately ­
35 ­par­ti­­ci­pants­– instrumentalists and conductors –
every year. Final concerts present the works
rehearsed during the course to the Klangspuren
audience. Learning from Ensemble Modern and
expan­ding one’s knowledge of contemporary music,
in which the participants already have a profound
interest, would be sufficient motivation, but in
­addition, the special atmosphere at Klangspuren
makes for a particularly pleasant human factor.
Gelegenheit haben, von Mitgliedern des Ensemble
Ein Ort, an dem junge Musiker und Dirigenten die
The participants come from many countries and Zu einer Einheit zusammenfinden
cultures to work painstakingly on New Music in Sehr viel Input erhalten auch die Teilnehmerinnen
monastic seclusion, within a setting of rich nature und Teilnehmer der Internationalen Meisterkurse
and ancient cultural landscapes. They delve into für Studierende und junge professionelle Musi­ke­
their own intellectual world and into that of the rinnen und Musiker: Das ist die dritte Säule der
works and their composers, perceiving their selves iema. Seit 2004 finden zehntägige Meisterkurse
as reflected by others, and finding their way to­ im Rahmen des Festivals Klangspuren Schwaz in
wards unity. Tirol mit etwa 35 Teilnehmern – Instrumentalisten
For each Master Course, the Ensemble Modern und Dirigenten – statt. In Abschlusskonzerten

Modern zu lernen. (Franck Ollu)


­docents and a guest conductor are joined by a werden die einstudierten Werke bei den Klang­
Composer in Residence, and the list of these seems spuren präsentiert. Vom Ensemble Modern zu
almost like a Who’s Who of New Music – among ­lernen und das profunde Interesse an zeitgenös­
others, the role has been filled by George Benjamin, sischer Musik maßgeblich zu vertiefen, ist Moti­
Unsuk Chin, Beat Furrer, Sofia Gubaidulina, Heinz vation genug, doch darüber hinaus stimmt auch
Holliger, György Kurtág, Helmut Lachenmann, der menschliche Faktor, wozu die besondere
Enno Poppe, Steve Reich, Wolfgang Rihm, Rebecca ­Atmosphäre bei den Klangspuren beiträgt. Aus
­Saunders, Johannes Maria Staud and Hans Zender. vielen Ländern und Kulturen kommen die Teil­
nehmerinnen und Teilnehmer zusammen, um in
Walking, clapping, counting, calling klösterlicher Abgeschiedenheit, im Spannungsfeld
Apart from the Klangspuren courses, which also aus reicher Natur und alter Kulturlandschaft,


allow participants to enjoy the festival atmosphere, gemeinsam an Neuer Musik zu tüfteln, in die
the International Master Courses are tailored spe­ eigene wie in die Gedankenwelt der Werke und
“A place where young musicians and conductors
13
members of the Ensemble Modern.” (Franck Ollu)
have got the opportunity to get lessons from the
cifically to winners of national and international ihrer Komponisten einzutauchen, sich dabei im
competitions for young musicians. ›epoch_f‹ is Spiegel der anderen wahrzunehmen – und zu
the title of this project, which introduces about 20 einer Einheit zusammenzufinden.
promising young talents to New Music during an Den Dozenten des Ensemble Modern und dem
annual one-week study period. The workshop in­ Gastdirigenten steht jeweils ein Komponist zur
cludes not only practical musical training, but also Seite, als Composer in Residence. Deren Namen
reflection – with Ensemble Modern musicians and lesen sich wie ein Who’s who der Neuen Musik:
a renowned guest conductor as docents, it offers George Benjamin, Unsuk Chin, Beat Furrer,
ideal conditions to discover the appeal of con­ Sofia Gubaidulina, Heinz Holliger, György Kurtág,
temporary music – to internalize it, even. Lucas Vis ­Helmut Lachenmann, Enno Poppe, Steve Reich,
has been the course director several times. He Wolfgang Rihm, Rebecca Saunders, Johannes
­considers working on rhythm the foundation of ­Maria Staud, Hans Zender und weitere.
music-making – one that can be approached in
a playful way: »We start every morning with a Gehen, Klatschen, Zählen, Rufen
rhythm workshop, which means walking, clapping, Neben den Kursen bei den Klangspuren, wo sich
counting and calling – only then do we start zugleich Festivalluft schnuppern lässt, richtet sich
playing.« das Angebot der Internationalen Meisterkurse

Die IEMA ist für mich die Quelle, wo die Entwicklung


For many participants, it is their first time exploring auch gezielt an Preisträgerinnen und Preisträger
New Music. Their level of respect and nervousness nationaler und internationaler Jugendmusikwett­
is sometimes accordingly high, but learning by bewerbe. ›epoche_f‹ ist dieses Projekt überschrie­
­doing quickly dissolves fears and prejudice. ben, das in einer einwöchigen Studienphase jedes
›epoch_f‹ is an initial way to tune heart and mind Jahr etwa 20 junge vielversprechende Talente
to the sounds of the present time. The course’s an die Neue Musik heranführt. Der Workshop
“The IEMA is the source where development of

core repertoire, explains bassoonist and docent umfasst über die Musikausübung hinausgehende
der Neuen Musik stattfindet. (Lucas Vis)
New Music takes place.” (Lucas Vis)

­Johannes Schwarz, consists of works which »de­ Reflexionen und bietet mit den Musikern des
mand playing techniques which are beyond normal, ­Ensemble Modern und einem renommierten
thereby breaking up the patterns the students are Gastdirigenten als Dozenten beste Bedingungen,
used to from their usual education mode, expand­ die Reize des Zeitgenössischen zu entdecken, ja,
ing their potential for development«. The unusual zu verinnerlichen. Mehrfach war Lucas Vis der
becomes normal and vice versa, and the experience Kursleiter. Er sieht vor allem in der rhythmischen
of giving a joint concert with members of Ensemble Arbeit ein Fundament des Musizierens – und
Modern during the final public performance c­ annot nutzt dabei spielerische Mittel: »Wir beginnen
be overestimated. jeden Morgen mit einem Rhythmusworkshop,
das heißt mit Gehen, Klatschen, Zählen und Rufen,
erst danach wird gespielt.«
Michael M. Kasper und Rumi Ogawa unterrichten
im Master­studiengang (oben und Mitte),
Internationales Kompositions­seminar (unten)


… inventing their own music Für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist
iema’s education projects, its fourth pillar, are es das erste Mal, dass sie sich mit Neuer Musik
designed for children. Here, the point is not to build beschäftigen. Dementsprechend groß sind mit­
on existing skills or to professionalize, but to awak­ unter Respekt und Nervosität, doch im Learning
en enthusiasm for music, to foster creativity, allow by Doing lösen sich Ängste und Vorbehalte rasch
new experiences and sow the seeds of creative pro­ auf. ›epoche_f‹ stellt die Initialzündung dar, Herz
cesses. The central project among these educational und Hirn auf die Tonkunst der Gegenwart einzu­
activities is the interdisciplinary cultural project stimmen. Ins Zentrum des Kurses werden Werke
›CultureDayYear‹ in Frankfurt schools, initiated in gerückt, die, so der Fagottist und Dozent Johannes
2009 by the Foundation Nantesbuch (formerly Schwarz, »Spieltechniken abseits des Normalen
Altana Cultural Foundation) and further carried einfordern, um die Verhaftung der Schüler in
out by the iema and cooperating partners. The ihrem herkömmlichen Ausbildungsmodus zu
term ›CultureDayYear‹ is meant literally, as the verhindern und ihre Entwicklungsspielräume
project calls for one day a week being dedicated to zu vergrößern«. Das Ungewöhnliche gerät zum
culture by a complete 7th or 8th grade for one en­ Normalen und umgekehrt, und dabei kann das
tire year. In terms of cultural policy, the initiative’s gemeinsame Konzertieren mit den Mitgliedern
thrust is obvious – especially since it is an interdis­ des Ensemble Modern beim öffentlichen Ab­
ciplinary project involving visual arts, music, litera­ schluss des Kurses als Erfahrungswert kaum
ture and dance. Ensemble Modern’s members are hoch genug eingeschätzt werden.
responsible for the music area, guiding students
towards »inventing their own music«. … ihre eigene Musik erfinden
14 »This approach is challenging for both sides«, Die Educationprojekte, die vierte Säule der iema,
Christiane Engelbrecht, iema’s Managing Director, sind für Kinder konzipiert. Hier geht es nicht dar­
emphasizes – but the effort is worthwhile, for the um, auf Vorkenntnissen aufzubauen oder gar zu
sensual experience of sound and its haptic creation professionalisieren, sondern darum, einfach für
fire the imagination and enable important experi­ Musik zu begeistern, Kreativität zu fördern, neue
ences of perceiving one’s self and others. Erfahrungen zuzulassen und den Keim für schöp­
iema has heeded this insight by incorporating the ferische Prozesse zu legen. Der Kern der Education­
development of education tools into the curricu­ projekte ist das 2009 von der Stiftung Nantes­
lum of its Master’s degree course, thereby connect­ buch (vormals Altana Kulturstiftung) initiierte und
ing the dots between the fourth and the first pillar von der iema und weiteren Kooperationspartnern
of iema activities. In general, interconnections durchgeführte interdisziplinäre Kulturprojekt
between the four pillars are not only possible, but ›KulturTagJahr‹ in Frankfurter Schulen. ›KulturTag­
highly desirable, and they are increasingly reflected Jahr‹ ist wörtlich zu verstehen, denn während
in the biographies of young instrumentalists, eines gesamten Schuljahres wird in einer kom­
composers, conductors and sound directors. pletten 7. oder 8. Jahrgangsstufe ein ›KulturTag‹
pro Woche veranstaltet. Die kulturpolitische
Dimension dieser Initiative ist augenscheinlich –
umso mehr, als es sich um ein interdisziplinäres
Projekt in den Sparten Kunst, Musik, Literatur und
Tanz handelt. Die Mitglieder des Ensemble M ­ odern
verantworten die Sparte Musik und leiten die
Schüler an, »ihre eigene Musik zu erfinden«.
»Dieser Ansatz ist herausfordernd für beide Seiten«,
betont Christiane Engelbrecht, die Geschäftsfüh­
rerin der iema, aber das Engagement lohnt sich,
denn das sinnliche Erleben von Klang und seine
haptische Erzeugung beflügeln die Fantasie und
ermöglichen wichtige Erfahrungen der Selbst-
und Fremdwahrnehmung.
Dieser Erkenntnis trägt die iema Rechnung, indem One need not fear about the future of music
sie die Ausbildung von Education-Tools in den iema’s offerings continue to meet with a high level
Lehrplan des Masterstudiengangs aufgenommen of interest. As Johannes Schwarz explains, it is fasci­
hat – und mit dieser Verbindung zur ersten Säule nating to observe »how the young musicians them­
der iema schließt sich der Kreis. Überhaupt selves are transformed by increasing globalization
sind Querverbindungen zwischen den vier Säulen and digitization: their communication habits,
nicht nur möglich, sondern erwünscht – und their technical prowess, their social competencies
spiegeln sich immer häufiger in den Biografien are changing«. Musical life and music-making are
junger In­strumentalisten, Komponisten, Dirigen­ transformed by digitization; however, as Christiane
ten und Klangregisseure wider. Engelbrecht points out, music-making with instru­
ments remains »an analogue process«. Functioning
Für die Zukunft der Musik nichts zu fürchten as a magnifying glass, iema allows us to draw con­
Nach wie vor stoßen die Angebote der iema auf clusions with regard to social issues and tendencies,
gewaltige Resonanz. Dabei ist spannend zu beob­ for while it constitutes a protected space on the
Hier werden Musiker ausgebildet, die breit

achten, erläutert Johannes Schwarz, »wie sich die one hand, it is also part of a worldwide network
jungen Musikerinnen und Musiker im Zuge von on the other – both due to the personal contacts
aufgestellt sein wollen, um als Künstler

Globalisierung und Digitalisierung selbst verän­ of each of its members and institutionally through
dern: in ihrem Kommunikationsverhalten, ihrem the EU-funded Ulysses Network, initiated in 2012,
etwas zu bewegen. (Johannes Schwarz)

technischen Stand, ihrer sozialen Kompetenz«. which brings 14 European academies and festivals
Zwar wandeln sich auch das Musikleben und die together.
Musikausübung mit der Digitalisierung, das
Musizieren mit Instrumenten bleibt jedoch, so Even if John Cage’s claim that »one need not fear 15
­Christiane Engelbrecht, »ein analoger Vorgang«. about the future of music« seems rather optimistic
Wie unter einem Brennglas lassen sich in der iema today, given growing global problems and dangers,
auch Rückschlüsse im Hinblick auf gesellschaft­ iema is one of the central institutions which might
liche Fragen und Tendenzen ziehen; denn sie stellt make us believe these words. Within it, as Helmut
einerseits einen geschützten Raum dar und ist Lachenmann notes, we find »a form of education
andererseits weltweit vernetzt – sowohl durch which goes far beyond music. Indeed, it touches
die persönlichen Kontakte jedes Einzelnen als upon human and socio-political aspects.«
auch institutionell etwa über das 2012 ins Leben
ge­ru­fene Ulysses Netzwerk, das 14 europäische New webpage:

Aka­de­mien und Festivals miteinander verknüpft www.internationale-em-akademie.de


und von der EU gefördert wird.

Auch wenn John Cages Worte »Es gibt für die


“We train musicians here who want a broad level
(Johannes Schwarz)
of expertise, in order to change society as artists.”

Zukunft der Musik nichts zu fürchten« heute an­


gesichts wachsender globaler Probleme und
Be­drohungen sehr optimistisch klingen, ist die
iema eine der zentralen Institutionen, die an diese
Aussage glauben lassen. Und in ihr findet, wie
Helmut Lachenmann konstatiert, »eine Form der
Erziehung statt, die weit über das Musikalische
hinausgeht. Sie geht ins Menschliche und Gesell­
schaftspolitische hinein.«

Neue Website:
www.internationale-em-akademie.de
Meisterkurs epoche_ f
Aus den Fesseln befreit von Max Nyffeler
by Max Nyffeler

16
Zum Orchesterstück Liberated from Shackles
›passage/paysage‹ On Mathias Spahlinger’s
von Mathias Spahlinger ›passage/paysage‹ for Orchestra

Wie ein erratischer Block liegt das Orchesterstück Like an erratic boulder, the orchestral piece
›passage/paysage‹ in der musikalischen Land­ ›­ passage/paysage‹ looms in the musical landscape.
schaft. Musikalisches Hartgestein, unverrückbar, Musical hard rock, unmovable, of imposing ap­
von imposanter Erscheinung und alle Propor­tio­ pearance, exceeding all proportions. Almost three
nen sprengend. Fast drei Jahrzehnte nach seiner ­decades after its creation, the Ensemble Modern 17
Entstehung befasst sich nun das Ensemble Orchestra now dedicates itself to this solitaire.
Modern Orchestra mit diesem Solitär. Nicht um Not to polish it up for easier consumption, for it
ihn konsumfreundlich zu polieren, denn dem con­sequently denies itself to »easy listening«, nor
»easy listening« verweigert er sich konsequent, to cater to nostalgia for the 1980s. Instead, for a
und auch nicht, um der Achtzigerjahre-Nostalgie very simple reason: it is a fascinating piece of music
zu huldigen. Sondern aus einem ganz einfachen which deserves to be rediscovered.
Grund: Es handelt sich um ein faszinierendes Stück
Musik, das es wieder zu entdecken gilt. Resistance and Freedom
After the abolition of generally binding aesthetic
Widerstand und Freiheit rules in the 20th century, freedom has become a
Nach dem Wegfall der allgemein verbindlichen central subject of artistic discourse. Which freedom,
ästhetischen Normen im 20. Jahrhundert ist Frei­ however, is meant? Is it the boundless freedom
heit zu einem zentralen Thema des künstlerischen of »anything goes« with its tendency towards
Diskurses geworden. Doch um welche Freiheit arbitrariness, or the kind of freedom that must be
geht es dabei? Um die schrankenlose, zur Belie­ ­attained against resistance? The second kind is
bigkeit tendierende Freiheit des »anything goes« doubtlessly the more sustainable. Suffice it to
oder um diejenige, die gegen Widerstände er­ mention two examples from the past: the famous
kämpft werden muss? Die zweite Art von Freiheit ­orator of antiquity, Demosthenes, is said to have
ist zweifellos die nachhaltigere. Dazu nur zwei practiced with pebbles in his mouth to prepare
Beispiele aus der Vergangenheit: Der berühmte for his speeches, and Igor Stravinsky emphasized
antike Redner Demosthenes soll übungshalber in his ›Poetics of Music‹ the importance of self-set
Kieselsteine in den Mund genommen haben, boundaries in composition: »My freedom will be
wenn er sich auf seine Reden vorbereitete, und so much greater and more meaningful the more
Igor Strawinsky betonte in seiner ›Musikalischen narrowly I limit my field of action and the more
Poetik‹, wie wichtig es sei, sich beim Komponieren I surround myself with obstacles. Whatever dimin­
Beschränkungen aufzuerlegen: »Meine Freiheit ishes constraint, diminishes strength. The more
wird umso größer und umfassender sein, je enger ­constraints one imposes, the more one frees one’s
ich mein Aktionsfeld abstecke und je mehr Hin­ self of the chains that shackle the spirit.«
dernisse ich ringsum aufrichte. Wer mich eines
Widerstandes beraubt, beraubt mich einer Kraft.
Je mehr Zwang man sich auferlegt, umso mehr
befreit man sich von den Ketten, die den Geist
fesseln.«
Um die Befreiung aus selbstgemachten Fesseln ›passage/paysage‹: Der Sprung von der Theorie
geht es auch in Mathias Spahlingers dreiviertel­ in die ästhetische Praxis
stündigem Orchesterstück ›passage/paysage‹. Diesen Punkt, die Kritik an der Totalität, hat
Das ist zwar nicht das erklärte Thema des Werks, ­Spahlinger in ›passage/paysage‹ zum komposi­
aber ein gewichtiger Subtext, der die Klang­ torischen Prinzip erhoben. Das Ganze ist das
erscheinung maßgeblich prägt. Hört man sich Unwahre. Seine theoretischen Überlegungen hat
die Aufnahme der Donaueschinger Uraufführung er dabei auf hörend nachvollziehbare Weise in
von 1990 unter der Leitung von Michael Gielen an, Klang umgesetzt – die musikalische Erfindung
so hat man den Eindruck, dass da einer vernehm­ hat sich gegen die Widerstände des begrifflichen
lich an den Gitterstäben eines selbstgebauten Denkens durchgesetzt, die »Ketten, die den Geist
Gehäuses rüttelt, um hinaus ins Freie zu gelangen. fesseln«, wurden gesprengt. Den Weg vorgespurt
Oder mit den Worten Strawinskys: um sich von hatte Spahlinger bereits in den Kompositionen
den Ketten, die den Geist fesseln, zu befreien. ­›extension‹ (1979/80) für Violine und Klavier
Diese Spannung von Kraft und Gegenkraft ist von und ›inter-mezzo‹ (1986) für Klavier und Orchester.
Anfang bis Ende spürbar und eine bestimmende Sie bilden mit ›passage/paysage‹ eine Trias. In
Größe, was die sperrige Form und die robuste ­allen drei Stücken geht es um die Zersetzung
­Körperlichkeit des Klangs angeht. von Ordnung, um die Kritik an der traditionellen
­Syntax und, was damit untrennbar zusammen­
Begriff und Klang, ein produktiver Widerspruch hängt, um die Beseitigung formaler Hierarchien.
Der Widerstand, an dem sich die Musik von
­›passage/paysage‹ ideenreich abarbeitet, besteht, Alles ist im Fluss
was etwas ungewöhnlich klingen mag, aus Be­ Für ›passage/paysage‹ heißt das: Nichts mehr ist
18 griffen. Genauer: aus theoretischen Überlegungen fest, alles im Fluss. Das ganze Stück ist im Grunde
zu Grundsatzfragen des Komponierens und zur genommen ein einziger Übergang. Die Klang­
Art und Weise, wie sich Kunst und Wirklichkeit  zustände verändern sich permanent, und keiner
zueinander verhalten. Spahlingers geistige Hei­ hat die Möglichkeit, sich so zu stabilisieren, dass
mat ist die Tradition des dialektischen Denkens er eine dominierende Funktion bekommt. Kaum
von Georg Wilhelm Friedrich Hegel über Karl Marx scheint er etabliert, wird ihm schon wieder der
bis zu den Nachfolgern im 20. Jahrhundert, zu Teppich unter den Füßen weggezogen. Das einzig
Ernst Bloch und vor allem Theodor W. Adorno, der Konstante ist paradoxerweise der andauernde
das Diktum von Hegel, »Das Wahre ist das Ganze«, Wechsel der Perspektive. Es gibt keine festen Met­
provokativ umformulierte in »Das Ganze ist das ren mehr, keine Tonfolgen in Gestalt von Melodien,
Unwahre«. Eine Pointe, die schon fast das Motto keinen klaren Unterschied zwischen Tonhöhe und
von ›passage/paysage‹ abgeben könnte. Klangfarbe; Einzeltöne werden in Minicluster,
Ein früher Grundgedanke Spahlingers lautet: Akkorde durch Zusatztöne und Geräusche in
Wirklichkeit ist nichts dem Subjekt Äußerliches, Klanggemische, polyphone Linien durch übermä­
sondern konstituiert sich erst in dessen Bewusst­ ßige Verdichtung in Klangströme verwandelt. Und
sein. Auf die Musik übertragen heißt das: Das selbstverständlich gibt es auch keine harmonische
­musikalische Werk ist nicht durch den Notentext Ordnung mehr in Form von tonalen Hierarchien.
ein für alle Mal definiert, sondern findet seine Dazu Spahlinger: »Es gibt keine etablierten Ge­
Endgestalt erst in der Wahrnehmung durch den stalten, sondern nur solche, die im Begriff sind,
geistig wachen Zuhörer. zu entstehen, und solche, die im Begriff sind, zu
Dieses Wahrnehmungsmodell erfährt in den vergehen, die also wechselnden Kategorien
­Achtzigerjahren eine Ausweitung und Differen­ angehören. Es befindet sich also möglichst alles
zierung. Es ist die Zeit der Postmoderne. Das ›between categories‹, das ist die Hauptidee.«
denkende Ich, zuvor eine weitgehend unangefoch­ An die Stelle der traditionellen Auffassungen von
tene Instanz, wird in Frage gestellt. Wahrheit Satztechnik, Musiksprache und Formbildung tritt
ist plötzlich nur noch etwas Relatives, und wenn damit ein umfangreiches Repertoire an neuen
es um die Wahrnehmung von Wirklichkeit geht, Strukturtechniken, Klanggestalten und Ausdrucks­
macht jetzt das Wort von der Perspektivenvielfalt formen. Man wird konfrontiert mit einer zerklüf­
die Runde. Mathias Spahlinger, der Dialektiker aus teten, bis ins letzte Detail durchgearbeiteten
Leidenschaft, muss da wohl aufgehorcht haben. Klangmasse, die in allen Farben funkelt. Wie ein
Als ä­ tzender Kritiker von festen Wahrheiten jeder Lavastrom frisst sie sich durch Raum und Zeit
Art hatte er früher auch gegenüber den eindimen­ und nimmt ständig neue Gestalt an.
sio­nalen Slogans der aktivistischen Achtundsech­
ziger stets eine gesunde Skepsis bewahrt. Nun hat­
te sich der Zeitgeist gewandelt, und die Wirklichkeit,
bisher mit Vorliebe als ein Ganzes gedacht, zerfiel
unter dem Ansturm der Kritik in Fragmente.
Liberation from self-imposed shackles is also the ›passage/paysage‹: Leaping from Theory
subject of Mathias Spahlinger’s 45-minute orches- into ­Aesthetic Practice
tral piece ›passage/paysage‹. It may not be the This point, criticism of totality, was elevated to a
­declared theme of the work, but it is an important compositional principle by Spahlinger in ›passage/
subtext with a major influence on the sound of the paysage‹. Totality is untruth. His theoretical con­
piece. Listening to the recording of the world pre- siderations were audibly transposed into sound –
miere, which Michael Gielen conducted at the 1990 musical invention overcoming the resistance of
Donaueschingen Festival, one has the impression ­notional thought, the »chains that shackle the
of  hearing someone rattling the bars of a self-con- ­spirit« destroyed.
structed cage, trying to break into the open. Or, in Spahlinger had already paved the way in his com­
Stravinsky’s words: to free himself from the chains positions ›extension‹ (1979/80) for violin and piano
that shackle the spirit. This tension between force and ›inter-mezzo‹ (1986) for piano and orchestra.
and counterforce is palpable from beginning to end, Together with ›passage/paysage‹, they form a triad.
defining the unwieldy form of the piece and the All three pieces are about the disintegration of
robust physicality of its sound. ­order, about criticism of traditional syntax and –
an aspect that is inseparable from these – the
Notion and Sound, a Productive Contradiction elimi­nation of formal hierarchies.
The resistance which the music of ›passage/­
paysage‹ confronts in so many of its ideas, consists – Everything Flows
as odd as that may sound – of notions. Or, in more For ›passage/paysage‹, that means: nothing is fixed,
concrete terms: of theoretical considerations on everything flows. The entire piece is basically one
fundamental issues in composition and the inter- major transition. The sound states undergo perma­
relation of art and reality. Spahlinger’s intellectual nent changes; none of them are given the possibil­ 19
background is the tradition of dialectic thought, ity to stabilize themselves to such an extent that
from Georg Wilhelm Friedrich Hegel via Karl Marx they might become dominant. No sooner does one
to their 20th-century followers, i.e. Ernst Bloch and seem established than the carpet is pulled out from
especially Theodor W. Adorno, who provocatively under its feet. The only constant, paradoxically, is
rephrased Hegel’s dictum that »truth is totality« the constant change of perspective. There are no
to read »totality is untruth«. A point that could fixed metres, no tone sequences in the form of
almost serve as the motto for ›passage/paysage‹. melodies, no clear difference between pitch and
One of Spahlinger’s early fundamental thoughts sound-colour; individual notes are transformed
is that reality is not external to the human subject, into mini-clusters, chords into sound mixtures by
but is constituted only in its consciousness. With  means of additional notes and noises, and poly­
regard to music, this means: the musical work is phonic lines into sound streams, by means of ex­
not defined for all times by the notated text, but treme densification. Of course, there is no harmonic
finds its final form only when perceived by the order in the shape of tonal hierarchies anymore
intellec­tually alert listener. either. In ­Spahlinger’s own words: »There are no
This model of perception was expanded and further established figures, only those about to develop
differentiated during the 1980s, in the era of post- and those about to dissipate; these belong to
modernism. The thinking ego, previously largely different categories. Thus, everything is ›between
uncontested, was suddenly questioned. Suddenly, categories‹ as much as possible – that is the main
truth was merely relative, and when it came to the idea.« The traditional concepts of compositional
perception of reality, the watchword of the hour technique, musical idiom and generation of form
was »diversity of perceptions«. Mathias Spahlinger, are thereby replaced with a voluminous repertoire
the passionate dialectician, must have taken notice. of new structural techniques, sound figures and
A caustic critic of fixed truths of any kind, he had expressive forms. The listener is confronted with a
always maintained a healthy scepticism towards craggy mass of sound, shaped to the most minute
the one-dimensional slogans of the activists of the detail and sparkling in all imaginable colours. Like
late 1960s. Now the zeitgeist had changed, and a stream of lava, it eats its way through space and
­reality, thus far preferably conceived as a whole, time, constantly shifting shape.
shattered into fragments under the onslaught of
criticism.
So ist auch der Titel zu verstehen: Eine offene ihn besonders diejenigen, die nach dem Ende der
Klanglandschaft mit Passagen, die in alle Richtun­ klassisch-romantischen Tonalität, aber vor der
gen führen, aber nicht mehr zu einem Zentrum. Etablierung des neuen Ordnungsprinzips der
Perspektivenvielfalt eben. »Das ist wie ein Spazier­ Zwölftontechnik entstanden sind. In diesen Wer­
gang, der auch nicht zwingend irgendwohin füh­ ken steht der Horizont weit offen, und dem Begriff
ren muss, aber der vielleicht eine zwingendere ›Neue Musik‹ wohnt noch ein Zauber inne.
Form von Erfahrung ist, als wenn man sich an die Die Ambivalenz zwischen tonaler Bindung und
vorgeschriebenen Wege hält«, sagt Spahlinger. Freiheit, wie sie bei Webern schon in der kleinsten
Eine komponierte Form, die eigentlich keine ist, Motivzelle angelegt ist, kann nach Spahlinger
weil sich alles stets im Übergang befindet, lässt sich auch auf andere kompositorische Kategorien
nur durch Paradoxien hinreichend beschreiben. übertragen werden, auf Thematik, Metrum oder
Form. So gerät alles Feste ins Wanken. In ›passage/
paysage‹ ist das auf beispielhafte Weise verwirklicht.

Dramatik, Ruhe, Stagnation That also explains the title: an open soundscape
Trotzdem: Es gibt einige besonders markante with passages leading in all directions, but no
Übergange, die das Ganze gliedern; vielleicht nicht longer towards a central point. A multitude of pers­
in »Teile« – den Begriff lehnt Spahlinger ja ab –, pectives. »It resembles taking a walk: it is not that
sondern in etwas, das man als unterschiedliche you are necessarily going somewhere, but perhaps
Klassen von Materialzuständen bezeichnen könn­ it offers a more compelling kind of experience
20 te. So baut die kontrastreiche, blockartig struktu­ than always sticking to the prescribed paths«,
rierte Eröffnungspartie ihren hohen Energielevel says Spahlinger. A composed form that is not really
nach und nach ab und mündet nach etwa sechs one, as everything is always in flux, can only be
Minuten in eine Phase, in der die Klänge ruhig zu described sufficiently by paradoxes.
pulsieren beginnen. Es ist eine gleichsam atmen­
de Bewegung, die schließlich in Stagnation mün­ Drama, Calm, Stagnation
det – die Zeit bleibt hier einfach stehen. Es folgen And yet there are some particularly distinctive tran­
Momente des Aufruhrs mit dramatischen Auf­ sitions which lend this totality structure; perhaps
schwüngen und Abstürzen, Eruptionen des gro­ it is not broken down into »parts« – a notion that
ßen Schlagzeugapparats, Passagen, in denen der Spahlinger rejects – but into something that might
Klangstrom mit Accelerando und Ritardando kon­ be described as different classes of material states.
vulsivische Bewegungen vollführt und solche, in Thus, the opening section, which is high in contrasts
denen der Raum in weiten Bögen durchmessen wird. and structured in blocks, gradually loses its high
Die lange Schlusspartie – sie ist eigentlich gar level of energy, entering a phase after about six
keine, weil der Schluss offen bleibt – ist sodann minutes in which the sounds begin to pulse calmly.
ein Hörerlebnis der besonderen Art: die schier The movement resembles breathing, finally leading
endlose Wiederholung eines markanten, um den to stagnation – time simply seems to stop here. This
Ton H herum gruppierten Klangaggregats, dessen is followed by moments of upheaval, with dramatic
innere Zusammensetzung und äußere Konturen swoops and crashes, eruptions of the large percus­
sich über die lange Zeitstrecke hinweg immer sion ensemble, passages in which the sound stream
wieder verändern. Es ist dasselbe und doch nicht undergoes convulsive motions, accelerating and
dasselbe. Je länger diese repetitive Phase dauert, retarding, and passages in which the music sweeps
desto tiefer dringt man in das Innere des Klangs through space in broad arches.
ein – und dann merkt man plötzlich, dass innen Then, the long final section – a slight misnomer,
und außen dasselbe ist und man sich längst in der as the ending remains open – is a special listening
Überfliegerperspektive befindet. Eine Erfahrung ­experience: the sheer endless repetitions of a dis­
wie in der Virtual Reality. Und man hat vergessen, tinctive sound aggregate grouped around the note B,
dass es einmal so etwas wie einen Käfig der whose inner composition and outer contours keep
Begriffe gegeben hat. changing over a long period of time. It remains the
same, yet not the same. The longer this repetitive
Der erste Programmteil phase lasts, the deeper we delve into the sound’s
Die Überwindung von vorgegebenen Zwängen – innermost – suddenly noticing that inside and out
diesmal nicht inneren, sondern äußeren – spielt are the same, and that we have long assumed the
in einer etwas anderen Form auch in den Werken bird’s-eye perspective. The experience resembles
von Anton Webern eine Rolle, die im ersten Teil virtual reality. It makes us forget that once upon a
des Konzerts erklingen; ihre Auswahl beruht auf time, there was such a thing as a cage of notions.
einer Programmidee von Mathias Spahlinger.
»Von der Wiener Schule ist mir Webern der liebs­
te«, sagt er, und von seinen Werken interessieren
The First Part of the Programme
Overcoming given constraints – this time, not inner,
but external ones – also plays a role, albeit a slight­
ly different one, in the works by Anton Webern
which will be performed in the first half of the
concert; their selection goes back to a program­
ming idea by Mathias Spahlinger. »Of the Viennese 21
School, I love Webern most«, he says, and among
Webern’s works, he is most interested in those
­written after the end of classic-romantic tonality, Termine
but before the new ordering principle of dodeca­
phony was established. In these works, the horizon 03.09.2018, 20 Uhr
is wide open, and the term ›New Music‹ still rings Berlin, Philharmonie Berlin, Großer Saal ­
with enchantment. Spahlinger claims that the Berliner Festspiele/Musikfest Berlin
­ambivalence between tonal bonds and freedom,
apparent even in the smallest cell of a motif in 28.09.2018, 20 Uhr
­Webern’s works, can be transferred to other com­ München, Prinzregententheater
positional categories – to themes, metre or form. musica viva des Bayerischen Rundfunks
Thus, all certainties begin to tremble. ›passage/
paysage‹ is a perfect case in point. Anton Webern: Variationen für Klavier op. 27 (1936)
Anton Webern: 2 Lieder op. 8 nach Gedichten
von ­Rainer Maria Rilke (1910)
Anton Webern: 5 Stücke für Orchester op. 10 (1911–13)
Anton Webern: 4 Lieder op. 13 (1914–1918)
Anton Webern: 6 Bagatellen für Streichquartett op. 9 (1913)
Anton Webern: 3 Orchesterlieder op. posth. (1913/14)
Anton Webern: Variationen für Orchester op. 30 (1940/41)
Mathias Spahlinger: passage/paysage (1988–90)
Ensemble Modern Orchestra
Enno Poppe Dirigent
Caroline Melzer Sopran | Ueli Wiget Klavier

Eine Produktion des Ensemble Modern, der Berliner Fest­


spiele/Musikfest Berlin und der musica viva des Bayerischen
Rundfunks. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.
Das Ensemble Modern Orchestra setzt sich aus den Mit­
gliedern des Ensemble Modern, Absolventen der Internatio­
nalen Ensemble Modern Akademie sowie weiteren Gästen
zusammen.
Donaueschinger Musiktage
Neue Werke von Isabel Mundry,
Brigitta Muntendorf und
­Oscar Strasnoy

22 verrück te Donaueschinger Musiktage


New Works by Isabel Mundry,
Brigitta Muntendorf and
­Oscar Strasnoy
München, im Juli 2016. Ein Amoklauf hält die Stadt
in Atem. Neun Menschen, zumeist Teenager mit
Migrationshintergrund, werden getötet. Der Täter
richtet sich selbst. Auch Isabel Mundry weilt in
München, erlebt die unwirkliche Atmosphäre:
Angst und Ungewissheit, Panik und Schockstarre.
Sie informiert sich im Internet und stößt auf ein
Handyvideo, das sie fassungslos macht. Es zeigt
den Täter auf dem Dach eines Parkhauses. Von
einem Anwohner wird er angebrüllt, und dies in
einer Sprache, die ihrerseits gewaltvoll und vulgär
ist. Nicht minder verstörend die ruhige Reaktion
des Täters: »Ich bin Deutscher. Ich bin in einer
Hartz-IV-Gegend aufgewachsen. Ich habe nichts
getan.« Wenige Minuten zuvor hat er Menschen
umgebracht.

23

Wahrnehmung
von Marco Frei Munich, July 2016. The city watches in horror as a
by Marco Frei killing spree unfolds. Nine people, most of them
teenagers with migration backgrounds, are killed.
The killer commits suicide. Isabel Mundry is also
in Munich, experiencing the unreal atmosphere:
fear and uncertainty, panic and shocked paralysis. Skizzen von Oscar Strasnoy
Searching for information on the internet, she
­encounters a mobile phone video which stuns her.
It shows the killer on the roof of a car park.
A ­neighbour rages at him, screaming at him in
language full of violence and vulgarity. The calm
­reaction of the perpetrator is no less disturbing:
»I am German. I grew up in a Hartz IV 1 neighbour-
hood. I have done nothing wrong.« Minutes earlier,
he was killing people.

1 ›Hartz IV‹ denotes the German social


security plan for persons who are
long-term unemployed or disabled.
Dieser Dialog zwischen Mörder und Anwohner This dialogue between murderer and neighbour
bildet die Grundlage des neuen Werks von Mundry: forms the basis of Mundry’s new work. Fundamen­
Hier reiben sich im Grunde Sozialisation und tally, the dialogue is about socialization and disso­
­Dissoziation. Um dieses Thema kreisen auch die ciation. This is also the theme of the two works
beiden Werke von Brigitta Muntendorf und Oscar by Brigitta Muntendorf and Oscar Strasnoy which
Strasnoy, die das Ensemble Modern bei den Ensemble Modern premieres at the 2018
­Donaueschinger Musiktagen 2018 uraufführt und ­Donaueschingen Music Days and repeats a few
wenige Tage später in der Alten Oper Frankfurt days later at the Alte Oper in Frankfurt. In Mundry’s
gibt. Bei Mundry ist dieser Kontext besonders evi­ work, this context is particularly evident. »Many
dent. »Viele haben die Stimme des Anwohners für mistook the neighbour’s voice for that of the perpe­
die des Täters gehalten, was mich sehr beschäftigt trator, a fact I found particularly notable«, Mundry
hat«, so Mundry. »Es geht mir nicht darum, eine explains. »My point is not to take a moral position
moralische Position einzunehmen oder die Gewalt or to redouble the violence.« Rather, she aims to
zu verdoppeln.« Vielmehr solle der Dialog so lange uncover new and different sides and aspects of the
und unterschiedlich ausgestaltet werden, bis ganz dialogue by examining it extensively and from dif­
andere Seiten und Aspekte aus ihm hervorträten. ferent perspectives.

Mundry mentions a »kind of extended hearing of a


dialogue« which she aims to send to »other spaces
of perception«. The video dialogue takes about
1 minute and 30 seconds; Mundry’s work, on the
other hand, lasts approximately 35 minutes. After
24 all, the idea is a »huge process of transformation«,
the »transformation of a moment« – which is also
the work’s subtitle. There are no individuals; both
protagonists appear in a choral mode. Thus, the
voice of the neighbour is called out collectively by
a tape played back from behind the audience.
The shooter’s responses are performed by the Stutt­
garter Vocalsolisten, but this part is increasingly
Mundry spricht von einer »Art gedehntem Hören interwoven with instrumental elements: ambigu­
von einem Dialog«, den sie in »andere Wahr­ ous, multi-layered, expansive. Video excerpts are
nehmungsräume« schicken wolle. Der Dialogaus­ not used, but the piece features several original
schnitt dauert in der Videoaufnahme gut andert­ sound clips. In addition, Mundry includes an electric
halb Minuten, das Werk von Mundry zählt indes guitar, an instrument she discovered for herself in
Isabel Mundry etwa 35 Minuten. Denn die Idee ist ein »riesiger 2017. The electric guitar acts as an electronic sound
Transformationsvorgang«, die »Transformation and as alienation, its sound alone evoking a shift in
eines Augenblicks«, so auch der Untertitel des perception, which means that the unreal, or surreal,
Werks. Individuen gibt es nicht, die beiden Akteure situation is captured in a wholly idiosyncratic man­
sind chorisch gehalten. So wird die Stimme des ner. It is a strange sound for an estranged situation.
Anwohners kollektiv gerufen, von einem Tonband,
das hinter dem Publikum eingespielt wird. Die Muntendorf also uses electronics in her new work.
Erwiderungen des Amokläufers übernehmen die In principle, this is not a new development for her,
Stuttgarter Vocalsolisten, wobei sich dieser Part although »now it will be even more of a non-inte­
zusehends im Instrumentalen verzweigt: mehr­ grative element«, she explains. »This is not about
deutig, vielschichtig, weitläufig. Videoausschnitte synthesis; the point is that some things cannot
werden nicht eingespielt, wohl aber einige O-Töne. be unified«. In concrete terms, electronics form
Zudem wird eine E-Gitarre eingesetzt, ein Instru­ »a kind of corset« imprisoning the instrumentalists.
ment, das Mundry 2017 für sich entdeckt hat. Da­ »The musicians have to work through the electro­
bei agiert die E-Gitarre als Elektrosound und Ver­ nics intensely« with the ensemble also acting as
zerrer, assoziiert rein klanglich eine »ver-rückte« a »miniature community« and being questioned
Wahrnehmung, was die unwirkliche, surreale Situ­ as such. Here, Muntendorf refers to the 2016 book
ation auf ganz eigene Weise einfängt. Eine fremde ›Kultur der Digitalität‹ (published in English as
Klanglichkeit in einer befremdenden Situation. ›The Digital Condition‹) by Felix Stalder. In it, Stalder
describes a »community of practice« in which
Auch Muntendorf setzt in ihrem neuen Werk Elek­ people are increasingly able and forced to act upon
tronik ein. Grundsätzlich ist das für sie nicht neu, their own responsibility, without being able to
aber: »Jetzt wird es noch stärker ein nichtintegra­ influence outside conditions.
tives Element sein«, so Muntendorf. »Es geht hier
nicht um eine Synthese, sondern darum, dass sich
Dinge auch nicht vereinen lassen.« Konkret bilde
Therefore, she does not consider the musicians and
their eleven instruments merely as a music ensem­
ble, but as a »community in which scenarios are
depicted«. In pursuit of this goal, the performance
takes place at stations, with music played from the
sides and on stage. The musicians will also speak,
but not sing. The voices are also alienated, creating
die Elektronik »eine Art Korsett«, in dem die different vocal spaces. Furthermore, there are per­
Instrumentalisten gefangen seien. »Die Musiker formative elements and a video showing the musi­
müssen sich an der Elektronik abarbeiten«, wobei cians themselves. The players wear white costumes
das Ensemble zugleich als »Miniaturgemein­ onto which texts are projected. Thus, the musicians
schaft« begriffen und befragt wird. Hier verweist are used quasi as placards.
Muntendorf auf das Buch ›Kultur der Digitalität‹
von Felix Stalder, das 2016 erschienen ist. In ihm »I am looking for a sense of what we actually
skizziert Stalder eine »Community of Practice«, expect of musicians on stage today«, says
wonach Menschen zusehends selbstverantwort­ Muntendorf. »Can you do this with musicians?
lich handeln können und müssen, ohne jedoch To what extent is that performative? Our existence
Brigitta Muntendorf auf die Bedingungen Einfluss nehmen zu können. today consists of performing. That does not always
Die Musiker und ihre elf Instrumente betrachtet mean fulfilling ourselves, but lending ourselves
sie demzufolge nicht einfach als Musikensemble, to other causes and being labelled. In addition, all
sondern als »Gemeinschaft, in der Szenarien ab­ protagonists are driven by outside forces for 20
gebildet« würden. Hierfür werde die Aufführung minutes. To what purpose, and for whom do they
in Stationen stattfinden, wobei die Musik an den do this? At the same time, we have an active com­ 25
Seiten und auf der Bühne gespielt wird. Die Musi­ munity here, and highly moving moments may
ker werden auch sprechen, aber nicht singen. Um ensue.« Therefore, by no means does Muntendorf
verschiedene Stimmräume zu schaffen, werden see her new work as one-sided social criticism.
die Stimmen zudem verfremdet. Überdies gibt es
performative Elemente sowie ein Video, das die The native Argentinean Oscar Strasnoy, on the oth­
Musiker selbst zeigt. Außerdem tragen sie weiße er hand, questions traditional gender roles in his
Kostüme, auf die Texte projiziert werden. Die Per­ Concerto for Viola d’amore and Ensemble, seeking
sonen werden also gewissermaßen als Plakate to break up familiar clichés in a manner that is
genutzt. quite playful and ironic. In this reading, the orches­
tra plays the »masculine role«. Strasnoy character­
»Ich möchte der Frage nachspüren, was wir eigen­t­ izes it as »athletic, loud and extroverted«, while the
lich heute von Musikern auf der Bühne erwarten«, viola d’amore takes the »feminine role«. All of this
so Muntendorf. »Darf man das mit Musikern is staged in the form of a competition, specifically
machen? Inwieweit ist das performativ? Unsere a tennis match, with the groaning of the tennis
Existenz besteht heute darin zu performen. players and the noise of rackets hitting balls run­
Das bedeutet nicht immer, uns zu verwirklichen, ning through the entire work. These noises are
sondern uns herzugeben und beschriften zu played back from a vinyl record.
lassen. Noch dazu sind alle Ausübende für 20
Minuten Getriebene. Für was und für wen tun sie
das? Gleichzeitig agiert eine Gemeinschaft, und
da können sehr anrührende Momente entstehen.«
Deswegen betrachtet Muntendorf ihr neues
Werk keineswegs einseitig als Sozialkritik. Oscar Strasnoy

Dagegen befragt der gebürtige Argentinier Oscar


Strasnoy in seinem Konzert für Viola d’amore und
Ensemble tradierte Geschlechterrollen, um gän­
gige Klischees aufzubrechen: durchaus spielerisch
und ironisch. In dieser Lesart wird dem Orchester
der »maskuline Part« zuteil. Strasnoy charakteri­
siert diesen als »sportlich, laut und extrovertiert«,
während die Viola d’amore den »femininen Part«
übernimmt. Das alles ist durchaus als Wettstreit
inszeniert, konkret als Tennismatch, wobei das
Stöhnen der Tennisspieler sowie das Geräusch
der geschlagenen Bälle das ganze Werk durch­
läuft. Diese Geräusche werden von einer Vinyl­
platte eingespielt.
Zugleich spielen die Musiker zu Beginn Schlag­ Furthermore, there are allusions to Johann Sebas­
instrumente, die Geräusche hervorrufen wie tian Bach’s ›Brandenburg Concerto No. 4‹, but only
­Tennisbälle. Nach und nach bespielen sie ihre eige­ formally, not in form of quotations, as Strasnoy
nen Instrumente semiperkussiv, bis sie schließlich emphasizes. A melody from Leoš Janáček’s String
»wie gewohnt« spielen. Wenn diese Zustände Quartet No. 2, ›Intimate Letters‹, is also present,
­ineinander übergehen, entstehen besondere touching upon this work’s actual message. After all,
Klanglichkeiten. Zudem sollen die Instrumente it is about love, from which Strasnoy draws an as­
des Orchesters die spezielle Schwingung der Viola sociative connection with the musical technique
d’amore dank ihrer parallelen Resonanzsaiten of loops. Strasnoy refers to »manic repetitions of
aufgreifen und erweitern. In Strasnoys Werk mani­ physical and verbal rituals. This will be reflected in
festiert sich die Frage nach der Sozialisation auch the music through repetitions and variations, as in
in der Reflexion des kulturellen Erbes. Dafür steht a mega-rondo.« Thus, the new works by Mundry,
schon allein die Viola d’amore als Instrument. Muntendorf and Strasnoy are united by the fact
that the reflection upon present circumstances
Überdies wird auf das ›Brandenburgische Konzert is conveyed by the very music itself: through form
Nr. 4‹ von Johann ­Sebastian Bach angespielt: and specific sonorities. In the context of socializa­
nur formal und nicht als Zitat, wie Strasnoy tion and dissociation, multiple frictions and frag­
betont. Präsent ist auch eine Melodie aus dem mentations are manifested. The interfaces mark
Streichquartett Nr. 2 von Leoš Janáček, den ›Inti­ the questions of integration and alienation, condi­
men ­Briefen‹, was die eigentliche Botschaft dieses tioning and self-determination: the subject within
Werks berührt. Denn es geht um die Liebe, worin the collective, the ego within the world.
Strasnoy eine assoziative Verbindung zur musika­
26 lischen Loop-Technik sieht. Von »manischen
Wiederholungen physischer und verbaler Rituale«
spricht Strasnoy. »Dies wird sich in der Musik
durch Wiederholungen und Variationen wider­
spiegeln, wie in einem Mega-Rondo.« So vereint
die neuen Werke von Mundry, Muntendorf und
Strasnoy, dass sich die Reflexion von Ist-Zuständen
gerade auch durch die Musik selbst vermittelt:
durch die Form und die spezifischen Klanglich­ Termine
keiten. Im Kontext von Sozialisation und Dissozia­
tion manifestieren sich mannigfache Reibungen 20.10.2018, 11 Uhr
und Brechungen. Die Schnittstellen markieren Donaueschingen, Realschule
die Fragen nach Integration und Entfremdung, Donaueschinger Musiktage
Konditionierung und Selbstbestimmung: das Oscar Strasnoy: Neues Werk (2018) (Uraufführung)
Subjekt im Kollektiv, das Ich in der Welt. Brigitta Muntendorf: Neues Werk (2018) (Uraufführung)
Isabel Mundry: Neues Werk (2018) (Uraufführung)
Ensemble Modern
At the same time, the musicians initially play
Neue Vocalsolisten Stuttgart
percussion instruments producing similar sounds
Bas Wiegers Dirigent | Garth Knox Viola d’amore |
as tennis balls. They gradually begin playing their
Norbert Ommer Klangregie
own instruments in a semi-­percussive fashion,
before finally playing »as usual«. During the transi­
24.10.2018, 20 Uhr
tions between these states, special sonorities ensue.
Frankfurt am Main, Alte Oper Frankfurt,
Additionally, the orchestra instruments are to
­Mozart Saal
pick up and extend the special vibration of the
2. Abonnementkonzert der Saison 2018/19,
viola d’amore by means of their parallel resonance
19 Uhr Konzerteinführung
strings. The question of socialization is also mani­
Oscar Strasnoy: Neues Werk (2018)
fest in ­Strasnoy’s work in his reflection of cultural
Brigitta Muntendorf: Neues Werk (2018)
heritage. This is already illustrated by his choice
Isabel Mundry: Neues Werk (2018)
of the viola d’amore as an instrument.
Ensemble Modern
Neue Vocalsolisten Stuttgart
Bas Wiegers Dirigent | Garth Knox Viola d’amore |
Norbert Ommer Klangregie
Gefördert durch die Deutsche Bank Stiftung.
Kurz notiert
Briefly Noted

Thomas Larchers ›Das Jagdgewehr‹


bei den Bregenzer Festspielen

Thomas Larcher’s ›Das Jagdgewehr‹


at the Bregenz Festival

Thomas Larcher

Ein Dichter sieht aus der Ferne einen Jäger, der A poet observes a solitary hunter walk through 27
einsam durchs Gebirge zieht. Angerührt von ­faraway mountains. Touched by his loneliness and
dessen Einsamkeit und Verlorenheit schreibt er forsakenness, he writes the poem ›The Hunting
das Gedicht ›Das Jagdgewehr‹. Der Jäger Josuke Gun‹. The hunter Josuke reads the poem in his
liest das Gedicht in seiner ›Jägerzeitung‹, erkennt ›Hunter’s Gazette‹, recognizes himself in the verses
sich selbst in den Zeilen wieder und vertraut dem and entrusts the poet with the farewell letters of
Dichter die Abschiedsbriefe dreier Frauen an, die three women who have dominated his life: his wife
sein Leben bestimmten: seiner Frau Midori, seiner Midori, his lover Saiko and her daughter Shoko.
Geliebten Saiko und deren Tochter Shoko. Aus From three perspectives, these letters tell the story
drei Perspektiven erzählen diese Briefe die Ge­ of his life, full of conflicting emotions and hidden
schichte seines Lebens voller widersprüchlicher secrets, a tale of forbidden love. Published in 1949,
Gefühle und verborgener Geheimnisse, die Ge­ the short novel ›The Hunting Gun‹ by Yasushi Inoue
schichte ­einer verbotenen Liebe. Der 1949 erschie­ is one of the classics of Japanese modernism. The
nene Kurzroman ›Das Jagdgewehr‹ von Yasushi Tyrolean composer and pianist Thomas Larcher
Inoue zählt zu den Klassikern der japanischen (b. 1963) has based his first opera on this bestseller,
Moderne. Nach diesem Bestseller hat der aus Tirol which will be performed by Ensemble Modern and
stammende Komponist und Pianist Thomas Larcher Schola Heidelberg under the baton of Michael
(*1963) seine erste Oper komponiert, die am 15., Boder on August 15, 17 and 18 at the Bregenz
17. und 18. August 2018 bei den Bregenzer Fest­ ­Festival. »Beneath the apparently calm action, the
spielen mit dem Ensemble Modern und der Schola music’s role is to reveal the tempests raging within
­Heidelberg unter Leitung von Michael Boder auf­ the protagonists; it illuminates their feelings like a
geführt wird. »Unter der scheinbar ruhigen Hand­ microscope. Like so many Japanese texts, ›The
lung übernimmt es die Musik zu sagen, welche Hunting Gun‹ also has a ritual aspect, and I follow
Stürme in den handelnden Personen toben, mik­ this in my opera by using a structure reminiscent of
roskopisch fein leuchtet sie deren Empfindungen the Passions. The sound of the soloistic instruments
aus. Wie so viele japanische Texte besitzt auch is expanded in space by the seven choristers«,
›Das Jagdgewehr‹ eine ritualhafte Seite, der ich ­explains Thomas Larcher. The production is directed
in meiner Oper mit einer an Passionen erinnern­ by the Austrian actor and film director Karl Markovics.
den Anlage folge. Der Klang der solistisch besetz­ > Details in the Concert Calender
ten Instrumente wird durch die sieben Choristen
in den Raum hinein erweitert«, so Thomas Larcher
zu seinem Werk. Für die Inszenierung zeichnet
der österreichische Schauspieler und Filmregis­
seur Karl Markovics verantwortlich.
> Details im Konzertkalender
Rebecca Saunders im Porträt

Rebecca Saunders in Portrait

Rebecca Saunders

28 »Was mich interessiert, ist der Übergang zwischen »What I’m interested in is the transition between
Nicht-Klang und etwas Konkretem, der Übergang non-sound and something concrete, the transition
aus der Stille in die Stille, von Geräusch in Klang.« from silence into silence, from noise into sound.«
Rebecca Saunders (*1967) ist Meisterin wirkungs­ Rebecca Saunders (b. 1967) is a master of effective
voller Spannungsverläufe und expansiver Klang­ progressive tension and expansive sound archi­
architekturen. Ihre Musik zeichnet sich durch eine tecture. Her music is characterized by a great vari­
große Vielfalt klangfarblicher Nuancen, unge­ ety of sound nuances, unusual playing techniques,
wöhnlicher Spieltechniken, variabler Raumein­ variable spatial impressions and original textures.
drücke und origineller Texturen aus. Mit ihrer Her unique sound idiom makes the Berlin-based
unverkennbaren Klangsprache ist die in Berlin British composer one of the leading proponents
lebende britische Komponistin eine der führenden of her generation of composers. Ensemble Modern
Vertreterinnen ihrer Komponistengeneration. Das dedicates a portrait concert to Rebecca Saunders
­Ensemble Modern widmet Rebecca Saunders ein which will be performed at the Ruhrtriennale in
Porträtkonzert, das bei der Ruhrtriennale in Essen Essen (August 25, 2018), at Klangspuren Schwaz in
(25. August 2018), den Klangspuren Schwaz in ­Innsbruck (September 14, 2018) and the Southbank
Innsbruck (14. September 2018) sowie im South­ ­Centre in London (January 19, 2019). Under Vimbayi
bank Centre in London (19. Januar 2019) zu erleben Kaziboni’s baton, Ensemble Modern presents three
ist. Unter Leitung von Vimbayi Kaziboni präsen­ characteristic works by the composer. She likes to
tiert das Ensemble Modern drei markante Werke preface her scores with dictionary definitions of
der Komponistin. Ihren Partituren stellt sie gerne their titles: ›a visible trace‹: paths, tracks and clues,
lexikalische Definitionen voran: ›a visible trace‹: hints, following and imitating. ›Fury II‹ is the ex­
Wege, Pfade und Spuren, Hauch, zurückverfolgen tension for chamber ensemble of a major solo piece
und nachzeichnen. ›Fury II‹ ist die kammermusi­ for double bass (Paul Cannon, double bass). ›Fury‹:
kalische Erweiterung eines großen Kontrabass-­ not only an outburst of anger, but also a force of
Solo-Stücks (Kontrabass: Paul Cannon). ›Fury‹: nature, such as a storm or epidemic; the raging of
nicht nur Wutausbruch, sondern auch Natur­ madmen and furies. ›Skin‹: a taut, elastic, sealed
gewalt wie Unwetter und Seuchen; die Raserei der layer around a body or on top of a fluid or solid
Verrückten und der Furien. ›Skin‹: feine Membran, substance; a fine membrane separating inside and
die innen und außen trennt; tasten, aber auch out; to touch, but also to peel, to remove fur; to get
häuten, das Fell abziehen; unter die Haut gehen, under one’s skin, to irritate, stimulate, remain; skin
irritierend, stimulierend, bleibend; Haut als Meta­ as a metaphor for transience. ›Skin‹ was created in
pher der Vergänglichkeit. ›Skin‹ entstand in inten­ intense collaboration with the soprano Juliet Fraser,
siver Zusammenarbeit mit der Sopranistin Juliet who now takes on the solo part.
Fraser, die auch jetzt den Solopart übernimmt. > Details in the Concert Calender
> Details im Konzertkalender
Kurz notiert
Briefly Noted

Olga Neuwirths
›Lost Highway‹ in der Oper Frankfurt

Olga Neuwirth’s
›Lost Highway‹ at the Frankfurt Opera
Olga Neuwirth

Basierend auf David Lynchs Kinofilm ›Lost Olga Neuwirth (b. 1968) and Elfriede Jelinek based 29
­Highway‹, einer faszinierenden Verbindung aus their opera, first performed in 2003, on David
Psychothriller, Horror und Film noir, hat Olga Lynch's film ›Lost Highway‹, a fas­cinating combi­
Neuwirth (*1968) gemeinsam mit Elfriede Jelinek nation of psycho-thriller, horror and film noir.
2003 ihr gleich­namiges Musiktheater vorgelegt. ›Lost Highway‹ is the story of the jazz musician
›Lost Highway‹ ist die Geschichte des Jazzmusi­ Fred Madison, who becomes increasingly estranged
kers Fred Madison, der sich immer mehr seiner from his own existence. His doubts in his wife’s
eigenen Existenz ­entfremdet. Zweifel an der Treue faithfulness, in himself, finally also in her and his
seiner Frau, an sich selbst, schließlich auch an ihrer own identity, become obsessive and are accompa­
und seiner eigenen Identität führen zu Obsessio­ nied by a loss of a sense of reality. Throughout the
nen und einem wachsenden Realitätsverlust. script runs a very ambitious manner of storytelling,
Entlang des Drehbuchs führt eine überaus ambi­ constantly leading any kind of linear action into
tionierte Erzähltechnik jede vermeintliche Lineari­ dead ends. The scenes change like in a delirium:
tät der Handlung permanent in Sackgassen. Die time and space are unstable – as are identities and
Szenen wechseln fieberhaft: Zeit und Raum sind sound worlds. Olga Neuwirth’s score is intermedial
genauso instabil wie Identitäten und Klangwelten. and full of complex notation: fade-outs are altered
Olga Neuwirths Partitur ist die höchst komplexe sound spaces, lavish live electronics and the multi­
Notation eines intermedialen Geflechts: ple use of vocal expression are confronted with
Überblen­dungen sich verändernder Tonräume, visual dimensions even in the work’s texture. The
eine aufwendige Liveelektronik sowie der multiple integration of video makes fictional reality more
Gebrauch von vokalen Ausdrucksmöglichkeiten and more virtual – making the protagonists and
werden bereits in der Textur mit der visuellen audience feel as if they are being left at the mercy
­Dimension konfrontiert. Die Integration von Video of something menacing. ›Lost Highway‹, directed
lässt die fiktionalisierte Realität verstärkt ins by Yuval Sharon, will be performed six times start­
Virtuelle kippen – ein Zustand, der sowohl für den ing on September 12, 2018 at the Bockenheimer
Protagonisten als auch für das Publikum bedroh­ Depot, with Karsten Januschke conducting Ensem­
lich wirkt. ›Lost Highway‹, inszeniert von Yuval ble ­Modern. On October 30, 2018, Ensemble Modern
­Sharon, ist ab dem 12. September 2018 in sechs dedicates a portrait concert to Olga Neuwirth at
Vorstellungen im Bockenheimer Depot mit dem the Kassel Music Days. On February 19, 2019 she
Ensemble Modern unter der ­Leitung von Karsten will be the featured guest at the moderated Happy
­Januschke zu erleben. Am 30. Oktober 2018 wid­ New Ears concert at the Frankfurt Opera.
met das Ensemble Modern der Komponistin > Details in the Concert Calender
Olga Neuwirth zudem ein Porträtkonzert bei den
­Kasseler Musiktagen. Am 19. ­Februar 2019 ist sie
im Gesprächskonzert H ­ appy New Ears an der
Oper Frankfurt zu Gast.
> Details im Konzertkalender
Meersburger KonzertGespräche:
Hans Zender

Concert Conversations in Meersburg:


Hans Zender
Hans Zender

30 Am 21. und 22. September 2018 veranstalten die On September 21 and 22, 2018 the City of Meersburg,
Stadt Meersburg, die Internationale Ensemble the International Ensemble Modern Academy,
Modern Akademie (iema), das Ensemble Modern Ensemble Modern (iema) and the Institute of
und das Institut für Philosophie der Universität ­Philosophy of the Vienna University present the
Wien, gefördert durch die Hans und Gertrud ›Meersburger KonzertGespräche‹ (Meersburg
­Zender-Stiftung, die Meersburger Konzert­Gespräche. ­Concert Conversations), with the support of the
Die Lesungen, Vorträge, offenen Proben und das Hans and Gertrud Zender Foundation. The focus of
Konzert beleuchten Hans Zenders Werke ›Hölderlin these readings, lectures, open rehearsals and con­
lesen III und V‹ sowie die zugrunde liegenden cert is on Hans Zender’s works ›Hölderlin lesen III
Texte von Friedrich Hölderlin aus philosophischer, und V‹ and on the Friedrich Hölderlin texts they are
musik- und literaturwissenschaftlicher Sicht. Kern based upon, which will be illuminated from the
des interdisziplinären Projekts bildet die Erarbei­ perspectives of philosophy, musicology and litera­
tung von Zenders Streichquartett ›Hölderlin lesen ture. At the core of the interdisciplinary project is
III‹ durch Musikerinnen und Musiker der iema the presentation of Zender’s string quartet
mit Mitgliedern des Ensemble Modern und Hans ­›Hölderlin lesen III‹ by iema musicians, who will re­
Zender, bevor das Werk gemeinsam mit Salome hearse it with Ensemble Modern members and
Kammer als Sprecherin im Konzert auf­geführt Hans Zender before performing it in concert, joined
wird. Das Ensemble Modern wird Beethovens by Salome Kammer as narrator. Ensemble Modern
Streichquartett op. 18 Nr. 3 beitragen, Salome will contribute Beethoven’s String Quartet Op. 18
Kammer und Akkordeonist Teodoro ­Anzellotti No. 3; Salome Kammer and accordionist Teodoro
Hans Zenders ›Hölderlin lesen V‹. Das Konzert Anzellotti will also perform Hans Zender’s ›Hölder­
wird zudem am 9. November 2018 in Hellerau – lin lesen V‹. An additional performance of this con­
Europäisches Zentrum der Künste Dresden zu cert takes place at Hellerau – European Center for
erleben sein. Mit Hans Zender als Komponisten, the Arts Dresden on November 9, 2018. E­ nsemble
Initiator und Denker verbindet das E ­ nsemble Modern has enjoyed a profound and long-standing
Modern eine tiefe und langjährige Beziehung; relationship with Hans Zender as a composer, ini­
er gab Impulse zur Gründung des Ensemble tiator and thinker – he is one of those who provided
Modern, 1993 initiierte er die Gesprächskonzert­ impulses for the founding of ­Ensemble Modern; in
reihe ›Happy New Ears‹, die 2018 ihre 100. 1993 he initiated the series of moderated concerts
Ausgabe erlebte. Der Patronatsgesellschaft des ›Happy New Ears‹, which saw its 100th perfor­
Ensemble Modern e.V. ist die Hans und Gertrud mance in 2018. The Hans and ­Gertrud Zender
Zender-Stiftung eine maßgebliche Stütze. Mit Foundation is one of the pillars of the E­ nsemble
ihrer Stiftung bündelt das Ehepaar Zender das Modern Board of Patrons. Through their foundation,
künstlerische und kulturpolitische Engagement, the Zenders bundle their support for the arts and
mit dem es sich seit Jahrzehnten für einen wa­ cultural policy; for decades, they have championed
chen Umgang mit Musik – und mit Neugier und an alert attitude towards music and curiosity and
Offenheit für das Werk zahlreicher zeitgenössi­ open-mindedness regarding the work of numerous
scher Komponistinnen und Komponisten einsetzt. contemporary composers.
> Details im Konzertkalender > Details in the Concert Calender
Kurz notiert
Briefly Noted

Checkpoint Hidejiro Honjoh

Checkpoint Hidejiro Honjoh

Hidejiro Honjoh

Die Begegnung musikalischer Welten ist das The meeting of musical worlds is the theme of the 31
Thema der Konzertreihe ›Checkpoint‹, für die das latest instalment in the concert series ›Checkpoint‹,
­Ensemble Modern am 10. Oktober 2018 (20 Uhr) for which Ensemble Modern once again opens its
erneut den Dachsaal im Frankfurter Ostend ­öffnet. rooftop hall in Frankfurt’s Ostend on October 10,
Während das Ensemble bei den beiden letzten 2018 at 8 pm. For the last two concerts in this series,
Veranstaltungen mit Künstlern aus der elektro­ the Ensemble entered into a dialogue with artists
nischen Clubmusik in einen Dialog trat, richtet at home in the electronic club music scene; this
es nun auf Initiative der EM-Bratschistin Megumi time it focuses on Japanese music culture, at the
Kasakawa den Blick auf die japanische Musik­ initiative of Megumi Kasakawa, EM’s violist. The
kultur. Mit Hidejiro Honjoh (*1984), einem der featured guest at Schwedlerstraße is Hidejiro
führenden Virtuosen auf der japanischen ­Langhals- ­Honjoh (b. 1984), one of the leading virtuosos on
laute Shamisen, ist ein Grenzgänger zwischen the Japanese long-necked lute shamisen and a
­Tradition und zeitgenössischer Musik in der wanderer between the worlds of traditional and
Schwedlerstraße zu Gast. Historisch ist die Shami­ contemporary music. Historically, the shamisen is
sen eng mit den japanischen Bühnenkünsten closely associated with the Japanese theatrical
­Kabuki und Bunraku verbunden. Hidejiro Honjoh arts Kabuki and Bunraku. Hidejiro Honjoh studied
wurde durch den Shamisen-Meister Hidetaro with the shamisen master Hidetaro Honjoh, the
Honjoh, Leiter der renommierten Honjoh-Schule, director of the renowned Honjoh School. He also
ausgebildet. Daneben studierte er an der Toho studied with Kineya Katsuyoshiju at the Toho
Gakuen unter Kineya Katsuyoshiju. Di­verse ­Gakuen. Various orchestral projects and collabo­
Orches­terprojekte und Zusammenarbeiten mit rations with contemporary composers such as
zeitgenössischen Komponisten wie Ryuichi Ryuichi Sakamoto and Dai Fujikura spread the
­Sakamoto und Dai Fujikura trugen dazu bei, die shamisen’s renown on international concert stages.
Shamisen auf den internationalen Konzertbühnen In 2017 Hidejiro Honjoh was named an official
bekanntzumachen. 2017 wurde Hidejiro Honjoh cultural ambassador of Japan. Collaborating with
zu einem offiziellen Kulturbotschafter Japans Ensemble Modern for the first time, Hidejiro
ernannt. Gemeinsam mit dem Ensemble Modern, Honjoh will perform works commissioned espe­
mit dem er das erste Mal zusammenarbeitet, cially for this occasion from the composers Matej
bringt Hidejiro Honjoh beim ›Checkpoint‹-Konzert Bonin, Toshi ­Ichiyanagi, Yu Kuwabara and Gabriel
eigens für dieses Projekt in Auftrag gegebene Prokofiev during this ›Checkpoint‹ concert. In
Werke von Matej Bonin, Toshi Ichiyanagi, Yu Hidejiro Honjoh’s hands, the shamisen reveals
Kuwabara und Gabriel Prokofiev zur Aufführung. itself as an instrument which produces versatile
In den Händen Hidejiro Honjohs erweist sich sonorities and is eminently trendsetting in con­
die Shamisen als ein klanglich vielseitiges und temporary music.
eminent zukunftsweisendes Instrument zeitge­ > Details in the Concert Calender
nössischer Musik.
> Details im Konzertkalender
Max Bruchs Doppelkonzert für Klarinette und Viola Max Bruch’s Double Concerto for Clarinet and Viola

Am 24. November 2018 (19 Uhr) sind die Ensemble On November 24, 2018 (at 7 pm) the Ensemble
Modern-Musiker Jaan Bossier (Klarinette) und Modern musicians Jaan Bossier (clarinet) and
­Megumi Kasakawa (Viola) im Frankfurter Dr. Hoch’s ­Megumi Kasakawa (viola) will perform the solo parts
Konservatorium als Solisten von Max Bruchs Dop­ in Max Bruch’s Double Concerto in E-minor Op. 88
pelkonzert e-Moll op. 88 mit der F­ rankfurter Or­ with the Frankfurter Orchester Gesellschaft (fog)
chester Gesellschaft (fog) zu erleben. Die fog ist at Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt. The fog
eines der großen Amateur-­Sinfonieorchester im is one of the great amateur symphony orchestras in
Rhein-Main-Gebiet. Seit fast 25 Jahren spielen hier the Rhine-Main region. For almost 25 years, profes­
Profis, Musikstudenten und ambitionierte Laien sionals, music students and ambitious amateurs
unter der Leitung von Stefan Schmitt vorwiegend have performed mainly romantic works, but also
Werke der Romantik, auch weniger Bekanntes und lesser-known pieces and world premieres, under the
Uraufführungen. Die Gattung des Doppelkonzerts baton of Stefan Schmitt. As a genre, the double con­
taucht zum ersten Mal in der Barockzeit auf und certo first appeared during baroque times, resem­
ähnelt der damals sehr populären Form des Con­ bling the form of the concerto grosso, which was
certo grosso. Während es in der Klassik noch recht very popular at the time. While it remained relatively
beliebt war, trat es im 19. Jahrhundert immer wei­ wide-spread during the clas­sical era, in the 19th c
ter in den Hintergrund. Bruchs Konzert für Klari­ entury it faded into the back­ground. Bruch’s Con­
nette und Viola, ein Spätwerk aus dem Jahr 1911, ist certo for Clarinet and Viola, a late work dated 1911, is
ein fast retrospektives Stück, in einer konservativ- almost a retrospective piece, written in a conserva­
32 romantischen Grundhaltung geschrieben. Mit sei­ tive-romantic vein. With its combination of soloists –
ner Solistenkombi­nation aus Streich- und Blasinst­ one string, one wind instrument – it offers an ex­
rument ist es ein außergewöhnliches Hörerlebnis. traordinary listening experience.

www.frankfurter-orchester-gesellschaft.de

EM-Musiker individuell em-musicians individual

Hörspiel ›Radiofenster‹ Audio Play ›Radiofenster‹

Die 1973 errichtete und seither mehrfach er­wei­ First erected in 1973 and expanded several times
terte Starkenburg-Sternwarte in der südhes­sischen since, the Starkenburg Observatory in Heppenheim
Kreisstadt Heppenheim ist eine Amateur-Sternwar­ in southern Hesse is an amateur observatory. Its fo­
te. Der Fokus liegt hier auf der Beo­ba
­ ch­­tung von cus is on the observation of small planets and radio-
Kleinplaneten und radioastronomischen Phänome­ astronomical phenomena, flanked by numerous
nen, flankiert von zahlreichen öffentlichen Veran­ public events. The Frankfurt-based composer and
staltungen. Der Frankfurter Komponist und Ensem­ Ensemble Modern flutist Dietmar Wiesner is so fasci­
ble Modern-Flötist Dietmar Wiesner ist von der nated by the observatory that he has selected it as
Sternwarte so fasziniert, dass er sie zum Klangort the sound location for his audio play ›­ Radiofenster‹
seines Hörstücks ›Radio­fenster‹ macht: »Aus der (Radio Window): »From the historical centre of Hep­
Altstadt von Heppenheim heraus führt mich der penheim, the Planet Trail with its true-to-scale ren­
Planetenweg, auf dem die Planeten unseres Son­ dering of the distance between the planets of our
nensystems maßstabsgetreu in der Entfernung zur solar system and the sun takes me up through
Sonne wiedergegeben sind, durch die Weinberge Heppenheim’s vineyards to the Observatory. There I
Heppenheims hoch zur Sternwarte. Dort treffe ich meet Peter Riese, who founded the radio astronomy
Peter Riese, der Mitte der 1970er Jahre die Radioast­ department of the Observatory in the mid 1970s.
ronomie-Abteilung der Sternwarte gegründet hat. He recounts the exploration of the universe with the
Er erzählt von der Erforschung des Weltalls anhand help of radio frequencies received from the cosmos.«
von empfangenen Radiofrequenzen aus dem The audio play was broadcast by hr2 in April, 2018,
­Kosmos.« Das Hörspiel wurde im April 2018 in and can now be heard on D ­ ietmar Wiesner’s Sound­
hr2 gesendet und ist nun nachzuhören auf dem cloud channel.
Soundcloud-Kanal von Dietmar Wiesner.
www. soundcloud.com/wiesner31
33

Neue cd-Veröffentlichung: ›Sonorous for 2 Horns‹ New cd release ›Sonorous for 2 Horns‹

»Mit großer Freude stellen wir dieses Album vor, »It is with a special pleasure that we introduce
nicht nur, weil es die vielen Eigenschaften des this album, not only because it presents the many
Horns und seines Wohlklangs zeigt, sondern auch, ­characteristics of the horn in its sonorous voice
weil es eine Geschichte von Freundschaft und but also because it tells a story of friendship and
­musikalischem Handwerk erzählt. Etliche Meister­ musicianship. Original masterpieces e.g. by Johann
werke von u.a. Johann Sebastian Bach, Georg Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Tomaso
­Philipp Telemann, Tomaso Antonio Vitali und Antonio Vitali and Henri Vieuxtemps – mostly for
Henri Vieuxtemps – die meisten im Original für violin solo – gave us inspiration to express and dis­
Solo-Violine geschrieben – inspirierten uns, mit cover different meanings through our instrument.
unserem Instrument unterschiedliche Bedeu­ The physical process of spanning vast ranges of
tungsebenen zu entdecken und auszudrücken. ­register, long phrases requiring extended breathing
Der körperliche Einsatz zur Überbrückung großer practices, colour combinations, broken chords &
Registerspannen, lange Phrasen, die erweiterte echoes, brought us into adventures of experimen­
Atemtechniken voraussetzen, Farbkombi­nationen tation, active learning and new soundscapes to
sowie gebrochene Akkorde und Echos eröffneten ­follow. Sharing out music written for four strings
uns abenteuerliche Experimente, aktive Lerner­ between two solo horns affecting, rounding and
lebnisse und neue Klanglandschaften. Musik, completing each other into one singing instrument,
die für vier Saiten geschrieben wurde, auf zwei led to new ideas about chamber music playing and
­Solohörner aufzuteilen, die sich beeinflussen, ab­ its enjoyment. We would like to thank Diego Ramos
runden und ergänzen, bis sie ein einziges singen­ Rodríguez, for creating innovative musical images
des Instrument bilden, brachte uns neue Vorstel­ through his arrangements that led us to the pro­
lungen vom kammermusikalischen Spiel und dem duction of ›Sonorous‹.«
Genuss, den dieses bedeutet. Wir danken Diego
Ramos Rodríguez, der uns durch die inno­vativen Saar Berger & Rune Brodahl
musikalischen Bilder in seinen Bearbeitungen zur
Produktion von ›Sonorous‹ inspirierte.« The cd ›Sonorous‹ is available for 15 €
at Gebrüder Alexander.
Saar Berger & Rune Brodahl http://shop.musik-alexander.de

Die cd ›Sonorous‹ ist für 15 €


bei Gebrüder ­Alexander erhältlich.
http://shop.musik-alexander.de.
Förderer
Das Ensemble Modern und die Internationale Ensemble Modern Ensemble Modern and International Ensemble Modern Academy are supported by
Akademie werden von Partnern und Förderern unterstützt, ohne many partners and donors, without whose help it would be impossible for Ensemble
deren Engagement es nicht möglich wäre, die ambitionierten Modern to carry its ambitious and extraordinary artistic ideas and productions to
und außergewöhnlichen künstlerischen Ideen und Produktionen fruition. We are grateful to all these supporters for their support.
zu verwirklichen. Wir danken allen Förderern und Partnern für
ihre Unterstützung!

Ensemble Modern
Öffentliche Förderer Medienpartner

Projektförderer

34 HANS UND GERTRUD ZENDER-STIFTUNG

Internationale Ensemble Modern Akademie


Projektförderer

Ensemble Modern Patronatsgesellschaft e.V.

Vorstand
Wolf Singer (Vorsitzender), Christina Weiss (stellvertretende Vorsitzende),
Klaus Reichert (Vorstand), Nikolaus Hensel (Vorstand)
Patrone
Mark Andre, Hans-Heinrich Bethge, Christiane Cuticchio, Catarina Felixmüller,
Hans-Joachim Gante, Kerstin Giulini, Heiner Goebbels, Traudl Herrhausen,
Johannes Kalitzke, Helmut Lachenmann, Georg Friedrich Melchers, Ursula Melchers,
Ingo Metzmacher, Joachim Michael, Katharina Raabe, Brigitte Helen Reifschneider-
Groß, Wolfgang Rihm, Georg Thomas Scherl, Dietmar Schmid, Dieter Schnebel,
Monika Sebold-Bender, Manfred Stahnke, Manos Tsangaris, Karsten Witt,
Lothar Zagrosek, Hans und Gertrud Zender-Stiftung, Stefan und Friederike Zender,
Albert Zetzsche und Claudia Stillmark
sowie weitere Patrone, die nicht genannt werden möchten.

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Thomas Neumann, Beate Feldmann, Linda Reisch, RT Happe, Astrid Neynaber, Daniel Voß

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Herausgeber editor:
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Künstlerisches Management und Geschäftsführung: Christian Fausch


Redaktion: Marie-Luise Nimsgern
Lektorat: Andrea Wicke
Gestaltung: jäger & jäger
Druck: Druckerei Imbescheidt, Frankfurt am Main

Textnachweise text credits:


Die Texte sind Originalbeiträge für diese Ausgabe. Abdruck nur mit Genehmigung
des Ensemble Modern. Übersetzungen von Alexa Nieschlag.

Bildnachweise picture credits:

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Änderungen vorbehalten, Redaktionsschluss 15.06.2018.


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