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N. Welsch J. Schwab C. Chr.

Liebmann

Materie
Erde, Wasser, Luft und Feuer
Materie
Norbert Welsch · Jürgen Schwab · Claus Chr. Liebmann

Materie
Erde, Wasser, Luft und Feuer
Adressen der Autoren:

Dr. Norbert Welsch


Marienburger Straße 12
72072 Tübingen
Telefon: 07071-79990
Mobil: 0151-14 86 79 32
e-Mail: nw@welsch.com
homepage: www.welsch.com

Jürgen Schwab
Schellingstr. 47
72072 Tübingen
e-Mail: juergenm.schwab@matter-matters.de
homepage: www.matter-matters.de

Dr. Claus Chr. Liebmann


Lammstraße 16/1
72072 Tübingen

ISBN 978-3-8274-1888-3 ISBN 978-3-8274-2265-1 (eBook)


DOI 10.1007/ 978-3-8274-2265-1

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Planung und Lektorat: Merlet Behncke-Braunbeck, Dr. Christoph Iven


Redaktion: Dr. Monika Niehaus-Osterloh, Dr. Michael Zillgitt
Fotos/Zeichnungen: siehe „Bildquellen“ im Anhang
Satz: Welsch & Partner scientific multimedia, Tübingen
Einbandabbildung und Einbandentwurf: Welsch & Partner scientific multimedia, Tübingen
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Für meine Tochter
Laura-Marie
Norbert Welsch

Für meine Frau


Ursula Dachs
Jürgen Schwab

Für meine Mutter


Anni Liebmann
Claus Chr. Liebmann
Danksagung
Wir danken allen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten, die im Laufe der fünf Jahre der
Entstehungszeit durch Diskussionen, Hinweise, Beiträge, Bereitstellung von Bildern und Korrektu-
ren aktiv am Zustandekommen des Buches beteiligt waren oder die einfach unter der zeitlichen
Konkurrenz zu leiden hatten. „Ars longa, vita brevis“ gilt leider auch für die Arbeit an einem Werk,
das allen drei Autoren viel Herzblut abverlangt hat.
Last but not least ist der Verlag ein entscheidender Faktor beim erfolgreichen Zustandekommen
eines Buchwerkes. Wir danken hier insbesondere Frau Merlet Behncke-Braunbeck und Herrn Dr.
Christoph Iven für die engagierte Betreuung über die ganzen Entstehungsjahre. Frau Dr. Niehaus-
Osterloh und Herrn Dr. Zillgitt danken wir für die sorgfältigen Korrekturen und Verbesserungs-
vorschläge. Hier konnten wir auf ein kompetentes und wohlwollendes Team beim Verlag Springer
Spektrum zählen, das uns einerseits durch Terminvorgaben eine realistische Grenze setzte (und diese
mehrfach erweitern musste), andererseits aber auch stets ein offenes Ohr bot und Lösungen für
anstehende Probleme bereit hatte.
Eine dieser Problemlösungen war auch die Erlaubnis zur Auslagerung der ausufernden vollstän-
digen Literaturliste ins Internet. Da diese dutzende zusätzliche Seiten verschlungen hätte, wären
ansonsten allzu viele Abstriche am Inhalt notwendig gewesen. Aus diesem Grund findet sich im
Anhang nur eine stark gekürzte Form dieses natürlich unverzichtbaren Teils.

Norbert Welsch
Jürgen Schwab
Claus Chr. Liebmann

Interaktive Medien · Bilder · Texte · Errata · Literaturhinweise · Neuigkeiten


Unter www.welsch.com finden Sie teilweise kostenlose Materialien der
Autoren zu den Büchern Farben und Materie.

VI
Vorwort
Die Idee zu diesem Buch wurde bald nach Fertigstellung eines Werkes über „Farben“ geboren. Sie
hat ihre Wurzeln in einen fast kindlich zu nennenden Interesse an der Welt um uns herum, in der
unmittelbaren Faszination des Erfahr- und Erforschbaren. Dieses Ausgehen von der direkt mit
unseren Sinnen erfahrbaren Alltagswelt halten wir trotz aller Theorielastigkeit der modernen Na-
turwissenschaften für den einzig gangbaren Weg zu einem tieferen Weltverständnis.
So soll auf der einen Seite durch einen breiten interdisziplinären Ansatz auch nicht versucht
werden, den zahlreichen ausgezeichneten Lehrbüchern der Chemie, Physik und Biologie „einfach“
noch ein neues, in erster Linie für Fachleute lesenswertes Werk hinzuzufügen.
Andererseits aber wollten wir auch vermeiden, auf einem oberflächlichen Niveau stehen zu
bleiben, das nur eine rein beschreibende Sicht der Dinge liefern könnte, und oft genug nicht geeig-
net wäre, tiefere Zusammenhänge aufzudecken.
Diese Gratwanderung war zweien von uns (Norbert Welsch und Claus Chr. Liebmann), laut
den meisten Kritikern, beim „Farben“-Buch (2004, 3. Aufl. 2012) weitgehend gelungen.
Wir werden also auch in diesem Buch die Unmittelbarkeit des Erlebens unserer Umwelt zum
Ausgangspunkt für eine Reise nehmen, die zuweilen auch in die Tiefe geht.
„Nur dadurch, dass ich Wasser anfasse, kann ich lernen, was es heißt, dass Wasser nass ist. Zugleich
höre ich es glucksen oder tropfen, sehe ich Wellen und Reflexe, rieche vielleicht das Meer oder das Gras
am Seeufer und erhalte so einen Gesamteindruck ...“(Manfred Spitzer)
Diesen Ansatz als Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten der Materialität der
Welt, der sich bei Spitzer auf das kindliche Lernen bezieht, auf den Aufbau adäquater Repräsenta-
tionen der Außenwelt im Gehirn, möchten wir als Anknüpfungspunkt für ein vernetztes Verständ-
nis materieller Erscheinungsformen und Vorgänge wählen.
Wir werden dabei nicht davor zurückschrecken, den Leser über Klippen von Theorie und For-
meln zu führen, wo dies für das Verständnis unabdingbar ist. Als Reisebegleiter und kompetenten
Führer durch solch unebenes Gelände habe ich (Norbert Welsch) meinen langjährigen Freund
Jürgen Schwab gewinnen können, der sich als weiterer Co-Autor vornehmlich den Formulierungen
der philosophischen und der etwas tiefer gehenden materialwissenschaftlichen, physikalischen und
mathematischen Teile widmete.
Aber keine Angst – am Wegesrand wartet mit interessanten Bildern stets eine bequeme Lodge
mit Gelegenheit zur Erholung und imposanten Ausblicken auf das erkundete Gebiet.
Wir werden bei unserer Wanderung eine große Zahl verschiedener Fachgebiete durchschreiten
oder auch nur streifen, was immer die Gefahr birgt, dass die dort herrschenden Kapazitäten gerade
ihr Gebiet als besonders grob zertrampelt empfinden und über die Eindringlinge herfallen. Wenn
man aber ein Buch über die gesamte materielle Welt schreibt, wird es schon aus Platzgründen an
manchen Stellen notwendig sein, Vereinfachungen und Verkürzungen vorzunehmen, die mancher
Experte vielleicht als zu weitgehend betrachten könnte. Hierfür möchten wir an dieser Stelle um
Verständnis bitten. Unseren Lesern wünschen wir, dass sie nach der hoffentlich anregenden Lektüre
mit ihren eigenen Gedanken ein wenig tiefer „in die Dinge der Welt“ eingedrungen sind, zumindest
so weit dies der heutige Stand der Wissenschaft erlaubt. Denn jenes nach bestem Vermögen erfol-
gende verstandesmäßige Durchdringen einiger Aspekte der Welt um uns ist es wohl, was unter nur
wenig anderem unser Menschsein definiert. Es ist das „sapiens“ (lat. einsichtsfähig, weise) in un-
serer so unbescheiden gewählten Artbezeichnung homo sapiens.

Norbert Welsch Jürgen Schwab Claus Chr. Liebmann


Welsch & Partner
scientific multimedia

Tübingen, Frühjahr 2012

VII
Luft, Wasser, Erde, Feuer, Du...
Schöntal, 23.09.2005

Fünf Elemente

Ich bin wie Luft...


Du brauchst mich zum Atmen,
meine Leichtigkeit, Zartheit
kannst du erspüren,
Dich von ihr tragen lassen,
nur festhalten kannst Du sie nicht,
denn sie entweicht Dir
und was bleibt
sind die Spuren von Duft
in Deiner Nase...

Ich bin wie Wasser...


Du brauchst mich,
Um Deinen Durst zu löschen,
Deinen Durst nach Liebe,
Deinen Durst nach Erfüllung.
Nur festhalten kannst Du mich nicht,
denn hältst Du an mir fest,
fließe ich und versickere ich
und was bleibt
sind die Spuren von Nass
auf Deinen Händen...

Ich bin wie Erde, die Dich ernährt...


Du brauchst mich zum Sattwerden,
um Deinen Hunger zu stillen,
Deinen Hunger nach Einssein,
nach Vervollkommnung.
Nur festhalten kannst Du mich nicht,
denn ich zerfalle zu Staub
und werde zur Spur
Deines Vorbeiziehens,
in der Luft aufwirbelnd,
im Wasser Wellen schlagend...

Ich bin wie Feuer...


Das Dich leben lässt..
Und Du brauchst mich
für das Lodern Deiner Augen,
für Das Aufwallen Deines Blutes,
für den Schlag Deines Herzens.
Nur festhalten kannst Du mich nicht,
denn Du würdest verbrennen
und Du würdest zu Staub
und zu Dampf
und zu Luft werden...
Denn Du würdest wie ich...

...denn ich bin wie Luft...


ich bin wie Wasser...
ich bin wie Erde...
ich bin wie Feuer
ich bin wie Du...

Elena Sworski Bilder: Sabina Mucha


mit freundlicher Genehmigung
g mit freundlicher Genehmigung

VIII
INHALT

Inhalt
1 Mensch und Materie
Woraus ist die Welt gemacht?

Kindliche Fragen... 3
Auf der Suche nach der Welt 3
Das Gewebe der Natur 5
Modelle 6
Etymologie 11
Was Sie in diesem Buch erwartet... 12

2 Wahrnehmung
Sehen und Co. – Die fünf Sinne

Sehen – Wahrnehmen – Verstehen 17


Fühlen und Tasten 23
Riechen und Schmecken 24
Hören 26

3 Historischer Überblick
Vom Mythos zum Logos – Die Antike

Vom Ursprung der Welt – die Schöpfungsmythen 29


Entmythologisierung der Natur 31
Die vier Elemente – Empedokles 33
Leukipp und Demokrit – die frühen Atomisten 34
Ideen oder Form? Platon und Aristoteles 34
Eine Zeit des Umbruchs 38

Spätantike und Mittelalter


Stagnation und Wiedergeburt 41
Die islamische Wissenschaft 42
Aristoteles’ Erben im Abendland 43

Wuxing
Fünf Elemente im chinesischen Denken 45
Vom Wandel in der Welt 46

Der Advent der modernen Naturwissenschaft


Eine Zeit des Umbruchs – die frühe Neuzeit 50
Galileo Galilei – die Geburt der modernen Mechanik 53
Res cogitans und res extensa – Descartes 54

Materie als Masse


Issac Newton 56
Masse, Trägheit und Gravitation 57

IX
INHALT

Von der Alchemie zur Chemie


Aus Mystik wird Wissenschaft 59
Elemente und Transmutation 61
Paracelsus und die Iatrochemie 63

Die Entwicklung der modernen Chemie


Von Minima Naturalia zu Atomen 64
Revolution in Chemie und Gesellschaft 71
Von Atomen zu Molekülen 76
Die Ordnung der Elemente 78

Feld und Materie


Von der Natur des Lichts 80
Seltsame Kräfte: Elektrizität und Magnetismus 82
Die Kraft der Elektrizität 84

Der Äther
Mysteriöses Medium des Lichts 87
Äther und Materie 89

Wärme und Materie


Wohl temperiert 90
Energie und Entropie 93
Wärmestrahlung und die Ultraviolettkatastrophe 96

Die Struktur des Atoms


Moderne Atomtheorien 98

Umbruch: Die Quantentheorie


Welle oder Teilchen, oder beides? 103
Ist die Quantentheorie unvollständig? 107
Was ist Materie heute? 112

4 Demokrits Erben
Das Geheimnis der Stoffe

Elemente und ihre Eigenschaften 115


Aufbau der Materie 123
Das moderne Atommodell 134

Elemente im Periodensystem
Ein Schema erklärt die Materie 137

Teilchen finden zusammen


Verbindungen 144
Ionenbindung 145
Metallbindung 146
Atombindung 148
Wasserstoffbrückenbindung 149
Van-der-Waals-Wechselwirkung 150
Was geschieht, wenn viele Teilchen zusammentreffen? 150
Kristalle und Kristallgitter 1 53
Polymere – alte Werkstoffe der Menschheit 159

X
INHALT

Eigenschaften der Stoffe


Das Ganze aus den Teilen 160
Phasen und Phasenübergang 166
Das Einmaleins der Werkstoffeigenschaften 174
Wenn Körper schwingen 193
Wärmekapazität 197
Wärmeleitfähigkeit 200
Elektrische Leitfähigkeit 203
Vom Leiter zum Supraleiter 207
Superisolation 209
Magnetismus 209
Transparenz und Absorption 215
Struktur und Farbe 217

5 Erde und Feststoffe


Die Welt, auf der wir stehen

Ein ganz besonderer Planet 223


Schalenbau der Erde 224
Bausteine der Erdoberfläche 226
Gebrannte Tonminerale – die Tonkeramiken 229
Baukeramiken 231
Gebrauchskeramiken 232
Gesteine – komplexe natürliche Festkörper 235
Verwitterung 236
Sedimentgesteine 237
Magmatite und Metamorphite – Produkte des Erdinneren 244

Vom Rohstoff zum Werkstoff


Die Kunst der Verwandlung 245
Fließender Fels – grauer Alltag 247
Von einer Dichtungsmasse zum Straßenbelag 249

Metallische Werkstoffe
Neue Zeiten brechen an 251
Vom Eisen zum Stahl 254
Eisen, Cobalt, Nickel – das magnetische Dreigespann 259
Amorphes Metall – ein Material zwischen zwei Welten 263
Edelmetalle 263
Leichtmetalle – Aluminium und Titan 270
Verrufenes Schwermetall – Blei 271
Buntes Allerlei – Chrom 272
Ein Schwergewicht – Uran 273
Starke Luftikusse – Metallschäume 275
Hartes zerschneiden – kein Problem 275
Grenzgänger: Halbmetalle 277

Anorganische Werkstoffe
Gläser – Nicht immer zerbrechlich 281
Glasfasern 284
Glaskeramik – Herdplatten und Teleskopspiegel 286

XI
INHALT

Organische Materialien
Von Hölzern, Fasern und Beuteln 287
Papier – Ein unentbehrliches Kommunikationsmittel 289
Aus dem Leben der Beuteltiere 291
Kunstfaser – Die neue Wolle 296
Ausgewählte Kunststoffe 297
Von Gummiadlern und -bären 302
Selbstheilende Werkstoffe 306

6 Wasser
Flüssigkeiten
Eine Materieform ohne Form 309
Rheologie – Alles fließt 311

Wasser
Das nasse Element 313
Die Erde, ein Wasserplanet 313
Das Wassermolekül 314
Von der Erde gen Himmel und zurück 319
Eis – das feste Wasser 321
Gespanntes Wasser 323

Stoffgemische
Ein schönes Durcheinander 326
Lösungen 326
Emulsionen 329
Suspensionen 330
Tenside – Sie lieben Wasser und Fette 331

Öle, Fette und ihre Abkömmlinge


Ohne sie würde das Leben anders verlaufen 334
Lebenssaft der Wirtschaft – Erdöl 343

Alkohole
Mehr als ein Genussmittel 349
Bekannte Alkohole 350

Exotische Flüssigkeiten
Das fließende Silber – Quecksilber 353

7 Luft
Das Element der Freiheit

Schwerer als erwartet... 359


Ein Gasgemisch 359

Flüchtige Berührung
Die Eigenschaften von Gasen 361
Planetare Schutzhüllen 364
Boten des Eros oder üble Stinker – die Geruchsstoffe 368

XII
INHALT

Luftige Stoffe
Nicht nur Sauerstoff 371
Lebenselixier und Gift – der Sauerstoff 371
Stickstoff – Hauptbestandteil der Luft 376
Wasserstoff – Ein brandgefährliches Gas 377
Reaktionsträge Sonderlinge 378
Methan – Klimaschädling und Hoffnungsträger 379

8 Feuer
Geschichte und Mythologie
Der Stoff aus dem die Flammen sind 383

Feuer und Flamme


Chemie und Physik der Verbrennung 385
Flammen 386

Plasma
Der vierte Aggregatzustand 387
Plasmen in der Natur 387
Plasmen in Technik, Forschung und Medizin 390

9 Form und Materie


Ordnung und Zufall
Zufall – In den Naturgesetzen nicht(?) vorgesehen 397

Entropie
Das Streben nach Unordnung 405

Komplexe Strukturen
Welt aus dem Gleichgewicht 410

10 Elementarteilchen
Physik der kleinsten Teilchen
Was die Welt im Innersten zusammenhält 417

Die Rätsel des Atomkerns


Von Tröpfchen zu Schalen 420
Ein Schalenmodell für Atomkerne 422
Kernmagnetismus 424

Das Standardmodell
Von den Nukleonen zum Standardmodell 426
Wellenfunktionen und Quantenfelder 431

Jenseits des Standardmodells


Von SUSY, Strings und Loops 437

XIII
INHALT

11 Kosmologie
Welt des Großen und des ganz Großen
Sag mir was die Sternlein sind... 445
Asteroiden und Planetenmissionen als Informationsquelle 4 52
Wissen vom Kleinsten für das Größte 453
Das Universum im Computer 454

Materie im Universum
Welten aus Gas und Sternenstaub 454
Sonne 455
Planetologie 457
Monde 461
Von Fall zu Fall... 464

Sterne und Sternentwicklung


Über die Kinderstuben schwerer Atome 467
Sterne im Gleichgewicht 471
Kosmochemie jenseits des Heliums 475
Elementsynthese durch Ungleichgewichtsprozesse 476

Deep Space
Von der Milchstraße zu den fernsten Objekten in Raum und Zeit 482
Urknall 490
Vom Anfang zum Ende der Welt 497

12 Leben
Das Geheimnis der Rose

Was ist eigentlich Leben? 501


Weniger Materie – mehr Form 504
Zentrale Biomoleküle 508

Die chemische Evolution


LUCA – Last Universal Common Ancestor 510
Von Makromolekülen zur Urzelle 512

Die biologische Evolution


Von LUCA zu Domainen 514
Wie geht es weiter? 516

Extraterrestrisches Leben
Wo beginnt man zu suchen? 519

Anhang
Bildquellen 522
Literaturverzeichnis 524
Index 528

XIV
KAPITEL 1

Mensch und Materie


Kindliche Fragen...
Auf der Suche nach der Welt
Das Gewebe der Natur
Modelle
Etymologie
Was Sie in diesem Buch erwartet
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Zum ersten Kapitel

Materie ist um uns und in uns – wir selbst und das bekannte
Universum bestehen aus Materie und Energie. Doch manch-
mal hindert uns gerade die Unmittelbarkeit und Allgegenwart
der Materie daran, dieses Thema gebührend zu betrachten.
Man sieht sozusagen „den Wald vor lauter Bäumen nicht“.
Dieses erste Kapitel wird versuchen, den Blick auf diese
Bäume und den ganzen Rest der materiellen Welt zu lenken;
uns helfen, unseren Standpunkt gegenüber der physischen
Natur zu finden.
Dabei werden wir feststellen, dass die Beschäftigung mit
der Stofflichkeit der materiellen Welt nicht nur eine Sache
für spleenige Wissenschaftler ist, sondern dass sie direkt dem
kindlichen Urinteresse entspringt, das viele Lebewesen und
insbesondere menschliche Kinder ihrer Umwelt gegenüber
empfinden.
Wir werden anschließend kurz auf die Methodik eingehen,
die unser Forschen prägt, und dabei die Begriffe Hypothese,
Theorie und Modell thematisieren.
Daneben werden wir dem Ursprung der Begriffe Masse,
Materie, Material, Substanz und Stoff nachgehen.
Am Ende des ersten Kapitels erwartet uns ein kurzer
Überblick über den Inhalt dieses Buches und Gliederung
seiner restlichen Kapitel.
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Mensch und Materie

Woraus ist die Welt gemacht? Auf der Suche nach der Welt
Das Interesse daran, wie die Natur beschaffen
Kindliche Fragen... ist, „was die Welt im Innersten zusammenhält“
(GOETHE, Faust) steckt aber noch im Erwach-
Wird ein Mensch geboren, so lernt er in den senenalter in jedem Menschen. Naturwissen-
ersten Lebensjahren langsam, sein Ich vom Rest schaftler haben es zu ihrem Beruf gemacht. Es
der Welt, der Außenwelt, zu unterscheiden. In gehört zu den charakteristischsten menschlichen

© 2011 Welsch & Partner scientific multimedia


dieser Zeit beginnt er auch, die Materialität die- Eigenschaften überhaupt. Auch ist es keinesfalls
ser Außenwelt zu erfassen. Er lernt, Kategorien so, dass ein besseres Verständnis der Naturvor-
zu bilden und Strukturen wieder zu erkennen. gänge das Staunen über die Existenz – religi-
Neben den abstrakten Kategorien wie „gut“ öse Menschen mögen sie Schöpfung nennen
und „böse“, die Kinder – als die für Ihr Dasein – vermindert. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
vielleicht wichtigste Unterscheidung – ebenfalls (1789 – 1832) ließ seinen Faust sagen:
sehr früh erlernen, erkennen schon Zweijährige
bewusst auch stoffliche Eigenschaften wie etwa „der Schauder ist der Menschheit bestes Teil“
„nass“. Das Töchterchen von einem der Autoren (Faust II, Vers 6272 / Faust)
bezeichnete bald den Schnee als „kalt, nass“ und
den Dampfnebel aus dem Bügeleisen als „heiß, Dieses Gefühl des Schauderns vor dem großar-
nass“. Dabei beginnt sich die Einteilung der tigen Bild der Natur empfinde ich immer dann,
Dinge nach verschiedenen Stoffen und Aggregat- wenn ich etwa in einer sternklaren Sommer-
zuständen als eine wesentliche Kategorie in der nacht auf einer Wiese liege und die Gestirne
Wahrnehmung der Welt um uns herauszubilden. betrachte – die sichtbare Materie des Universums
Nur wenig später, im Alter von drei bis vier Jah- am Himmel, die noch warme Erde im Rücken,
ren, fangen die Fragen an nach dem Woher? Wie den Duft nach Heu in der Nase. Aber ebenso
sind die Menschen, wie die Tiere entstanden? empfinde ich, wenn ich ein wenig vom Aufbau
Teilerklärungen, wie „aus winzig kleinen Tieren der Materie in meiner Hand verstanden habe.
oder einzelnen Zellen“, helfen nicht lange weiter. Wenn ich Zusammenhänge sehe, die mir helfen
Woher kam die erste Zelle, fragt dieses Wesen, zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie
das sich in einer wunderbaren Welt findet, und sind, sei es ein Felsblock oder eine Seifenblase.
bringt seinen Vater damit schon in allergrößte Selbst gebildete Menschen wissen oft nicht,
Erklärungsnöte. worauf sie mit ihren eigenen Füßen stehen. Wo-
Dieses Urbedürfnis, die Welt, in die wir raus besteht eigentlich die Erde, gerade einmal
nach dem Philosophen MARTIN HEIDEGGER zehn Meter unter der Oberfläche? Die Wenigsten
(1889 – 1976) „geworfen“ sind, zu kategori- wissen es zu sagen, und ich muss gestehen, dass
sieren und zu analysieren, bildet vielleicht den ich selbst erst nach einem halben Chemiestudium
Kern menschlicher Intelligenz. Sie ist eines der begonnen habe, ernsthaft darüber nachzuden-
Grundmerkmale unserer Spezies. Leider tritt ken. Für die meisten Menschen wäre es hingegen
dieses kindliche „wissen wollen“, woraus unsere undenkbar, zehn Meter von einem Bretterzaun
Welt – „das Mannigfaltige“, um mit HEIDEGGER entfernt zu leben und überhaupt nicht wissen zu
zu sprechen – wirklich besteht und wie es funkti- wollen, was sich dahinter verbirgt! Aber wir brau-
oniert, bei vielen von uns im Laufe ihres Lebens chen gar keine zehn Meter weit zu gehen. Bereits
zurück. Es wird verschüttet zwischen täglichen der Kugelschreiber in unserer Hand, das Papier
Existenzsorgen, beruflichen Verpflichtungen und dieses Buches oder das Glas, aus dem wir trinken,
Zerstreuungen. enthalten so viele Rätsel, dass man ein Forscher-

3
KAPITEL 1 Mensch und Materie

leben darauf verwenden könnte, sie wirklich ge-


nau zu ergründen. In diesem Sinn gleicht die Welt
FAUST einem Hologramm, bei dem Information über das
gesamte Bild schon in jedem kleinsten Ausschnitt
zu finden ist. Die wichtigsten Geheimnisse der
Habe nun, ach! Philosophie, Welt stecken in jedem alltäglichen Gegenstand:
Juristerei und Medizin, Könnte man im Detail verstehen, wie eine Ameise
Und leider auch Theologie funktioniert, so hätte man wohl einen Großteil
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
der Welt verstanden.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.
Heiße Magister, heiße Doktor gar Der Weisheit letzter Schluss
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm Wenn jemand daher kommt und sagt, so und
Meine Schüler an der Nase herum, nicht anders ist die Welt, kommt nur und lernt
Und sehe, dass wir nichts wissen können! es, ist größte Vorsicht geboten. Etwas von Reli-
Das will mir schier das Herz verbrennen. gion steckt in solchen absoluten Aussagen, und
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen, sie entsprechen in keiner Weise unserem heutigen
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen; wissenschaftlichen Selbstverständnis.
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel, Insbesondere im Lauf der letzten gut hun-
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel, dert Jahre haben die Wissenschaftler ihre Lek-
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen, tion an Bescheidenheit gelernt. Zu oft mussten
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen, stolze und wunderschöne Theoriegebäude große
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren, Erweiterungen, Umbauten und Renovierungs-
Die Menschen zu bessern und zu bekehren. maßnahmen über sich ergehen lassen. Vor allem
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
wird heute (meistens) klar unterschieden zwi-
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
schen echten Theorien und Arbeitshypothesen,
Es möchte kein Hund so länger leben!
die nur dazu dienen, eine Vermutung zu for-
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
mulieren, um sie dann zu überprüfen. Im Ge-
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund. gensatz zur umgangssprachlichen Verwendung
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß wird mit Theorie in der Wissenschaft ein klar
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß. definiertes Gedankengebäude für einen ebenso
Daß ich erkenne, was die Welt klar definierten Anwendungsbereich bezeichnet,
Im Innersten zusammenhält, das durch zahlreiche damit in Einklang stehende
Schau alle Wirkenskraft und Samen, Befunde gestützt wird. Gute Theorien sollten
Und tu nicht mehr in Worten kramen. auch experimentelle Befunde vorhersagen, und
sie legen Experimente zu ihrer eigenen Überprü-
O sähst du, voller Mondenschein, fung nahe. Zudem existieren für jede Theorie
Zum letztenmal auf meine Pein, Schlüsselexperimente, deren negativer Ausgang
Den ich so manche Mitternacht sie fast zwangsläufig zu Fall bringen würde. Sie
An diesem Pult herangewacht: muss dann normalerweise in ihrem Gültigkeits-
Dann über Büchern und Papier,
bereich stärker eingeschränkt oder modifiziert
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
bzw. erweitert werden, um den neuen Ergebnis-
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
sen Rechnung zu tragen. In einigen Fällen muss
In deinem lieben Lichte gehn,
sie auch ganz aufgegeben und durch eine Theorie
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben, ersetzt werden, die mit den experimentellen Be-
Von allem Wissensqualm entladen, obachtungen in Einklang steht.
In deinem Tau gesund mich baden! Und von Beobachtungen wollen wir in die-
sem Buch immer wieder ausgehen. Vom direkt
sinnlich Erfahrbaren, das uns in der Welt begeg-
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE net, von Dingen, die wir im Wortsinn „begrei-
fen“ können. Dies wird uns fester Grund und
Anker sein, wenn wir uns tiefer hinein begeben

4
Erde, Wasser, Luft und Feuer

in die Strukturen und Ähnlichkeiten der Dinge. scheinbar aus dem Nichts wirken, Galaxien Hypothese
Und wir werden dieses Begreifen auch nicht aus ohne Sterne und schließlich sogar Zeit, die un- Angenommene, aber
(noch) nicht bewiesene
den Augen verlieren, wenn wir uns mit zugrunde terschiedlich schnell läuft. Aussage
liegenden Denkmodellen befassen, die nicht im-
mer gleich intuitiv zu erfassen sind. Theorie
Beschreibung eines Aus-
Das Gewebe der Natur schnitts der Realität, die
Schwierigkeiten im Kleinen wie im Großen unter definierten Voraus-
Trotzdem lässt sich – und das ist eigentlich ganz setzungen überprüfbare
Vorhersagen erlaubt.
Viele wissenschaftliche Theorien des letzten Jahr- erstaunlich – zumindest etwas von den Phänome-
hunderts sind ihrem Wesen nach recht unan- nen des Allerkleinsten und des Allergrößten mit
schaulich. Das kommt daher, dass sie sich mit unserem menschlichen Gehirn verstehen. Unser
Phänomenen beschäftigen, die weit außerhalb Gehirn schafft es irgendwie, Gedankenkonst-
unserer Alltagserfahrung liegen. Allerdings wäre rukte wie die Mathematik oder physikalische
es völlig verfehlt anzunehmen, dass diese Berei- Theorien zu entwickeln, die zur Untersuchung
che deshalb keinen Einfluss auf unsere Existenz der Grundfragen des Universums und der darin
hätten und von Wissenschaftlern womöglich nur enthaltenen Materie auf ganz eigentümliche und
deshalb untersucht werden, weil es in der uns überraschende Art und Weise geeignet sind. Sie
vertrauten Welt nichts mehr für sie zu tun gibt. „passen“. Und dies, obwohl das Gehirn seine
Die Welt der allerkleinsten Dimensionen und Evolution in irdischen Verhältnissen durchge-
die damit zusammenhängenden ungewöhnlichen macht hat und es bisher wohl nicht unbedingt
Phänomene erweisen sich als so grundlegend ein evolutionärer Vorteil war, astrophysikalische
für alles Existierende wie der Zement für ein oder quantenmechanische Zusammenhänge zu
Haus aus Beton. Wenn wir uns insbesondere verstehen. Aus Sicht der Biologie ist dies ein völ-
in den Kapiteln 3, 4 und 10 mit Teilchen be- lig überraschender Befund, denn normalerweise
schäftigen, die millionenfach kleiner sind als der ist die Natur bei der Selektion der Ausstattung
Punkt am Ende dieses Satzes, so wird uns der ihrer Organismen extrem ökonomisch, um nicht
gesunde Menschenverstand in diesen Regionen zu sagen geizig. Eigenschaften von Lebewesen
nicht leiten können. Hier zählt nicht mehr die beruhen nämlich auf körperlichen Strukturen
Anschaulichkeit einer theoretischen Beschrei- und erfordern für ihren Aufbau stets Energie,
bung, sondern nur noch ihre Übereinstimmung also Nahrung, eine in der Natur stets knappe
mit Messungen. Es ist das bizarre Reich der Ressource. Neue Eigenschaften entstehen bei-
Quantentheorie. Hier gibt es Teilchen, die von spielsweise durch zufällige Mutationen im Erb-
einem Ort zum anderen gelangen, ohne jemals gut. Aber nur solche bleiben in der natürlichen
dazwischen gewesen zu sein, Quantenobjekte, Selektion erhalten, die sich positiv auf die Zahl
die gleichzeitig stillstehen und sich bewegen und der Nachkommen auswirken oder diese zumin-
Katzen, die gleichzeitig tot und lebendig sind. dest nicht durch Verschwendung von Energie
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Und auch die wirklich großen Entfernungen reduzieren. Schließlich könnte die Energie, die wir
in der Welt, die ungeheuren Zeiträume ihrer für so „sinnlose“ Tätigkeiten verschwenden, ja
Existenz sowie die höchsten Geschwindigkeiten andernfalls für die Fortpflanzung genutzt werden.
nahe der Lichtgeschwindigkeit bereiten unserem Energie „verbraucht“ unser Denkapparat übri-
Vorstellungsvermögen gehörige Probleme. Die gens immerhin so viel wie ein durchschnittlicher
Welt verhält sich auch in diesen Dimensionen Prozessor in einem modernen Computer. Vom
einfach nicht mehr so, wie wir es gewohnt sind. Grundumsatz eines Menschen (der etwa der Leis-
Sie richtet sich ganz einfach nicht danach, was tung einer 75 Watt-Lampe entspricht), entfallen
bequem in unseren Kopf passt. Auch in diesen auf das Gehirn rund zwanzig Prozent, obwohl 1-2
kosmischen Regionen, über die wir in Kapi- es nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht. Entitätsebenen. Aus
tel 11 sprechen werden, müssen wir unseren Unser über das unmittelbar Nützliche hinaus- menschlicher Sicht lässt
sich Materie entsprechend
Alltagverstand gehörig umgewöhnen. Skur- gehendes Erkenntnisvermögen ist also nur dann ihrer stofflichen Basis und
rile Dinge warten da auf uns: Sterne mit einer biologisch erklärbar, wenn es quasi zufällig, als Komplexität in Stufen
Kruste aus Eisen, andere, die zu einem Pfannku- kostenloser und unschädlicher Nebeneffekt eines anordnen, die jeweils ei-
gene Metastrukturen und
chen abgeplattet sind und sich so schnell drehen anderen evolutionären Vorteils entstanden ist typische Eigenschaften
wie ein Zahnarztbohrer, Gravitationskräfte, die und kaum zusätzliche Energie erforderte. Wir aufweisen.

5
KAPITEL 1 Mensch und Materie

wissen bisher nicht mit Bestimmtheit, was dieser in Betracht zieht, so ist die Versorgung heute,
entscheidende Vorteil war. War es eine Weiter- prozentual gesehen, nicht schlechter geworden
entwicklung des planenden Vorausschauens, das als zu jeder früheren Zeit und in jeder natürlichen
schon viele Tiere zeigen? War es ein optimiertes Tierpopulation. Vielleicht schaffen wir sogar
Sozialverhalten? Oder waren es vielleicht die bald, (in evolutionären Zeiträumen gerechnet)
Folgen der Intensivierung des eigentlich noch andere Planeten der Milchstraße zu besiedeln und
weniger verstandenen Phänomens des Bewusst- zu kolonisieren, wie es der berühmteste Physiker
seins (ÅBewusstsein, Seite 518), das übrigens unserer Zeit, STEPHEN HAW A KINS, immer wieder
neueren Forschungen zufolge ebenfalls nicht auf propagiert. Die Menschheit wäre dann selbst ge-
Homo sapiens beschränkt ist? gen globale Katastrophen gefeit. Kann man sich
Man kann vermuten, dass ganz allgemein einen größeren Evolutionsvorteil vorstellen? Ob
die Fähigkeit zur Bildung mentaler Repräsen- uns die zahlreichen Folgen der Erkenntnisfähig-
tationen der Außenwelt den entscheidenden keit in diesem Sinne schließlich auch langfristig
Vorteil im Überlebenskampf mit sich brachte. Vorteile bringen werden oder womöglich genau
Offensichtlich ist es für Lebewesen nützlich, auch das Gegenteil, das wird sich wohl erst im großen
über Dinge nachdenken zu können, die nicht Experiment der nächsten Jahrtausende und Jahr-
unmittelbar sichtbar, sondern eher abstrakter Art millionen zeigen.
sind. Neuere Untersuchungen zeigen, dass solche
mentalen Repräsentationen und vielleicht ein Ich-
Empfinden auch schon im Tierreich wesentlich Modelle
verbreiteter sind, als früher allgemein angenom-
Modell men. So wurde bei Rabenvögeln beobachtet, Modelle werden oft scherzhaft als „Denk-Krü-
Ein Modell ist ein abstrak- dass sie gezielt aus einem Draht einen Haken cken“ bezeichnet, Hilfsmittel zum Denken also.
tes Abbild eines Systems,
das stellvertretend für das biegen können, um damit nach Nahrung zu an- Dies bringt zum Ausdruck, dass wir – ob mo-
System untersucht wird. geln. Dazu müssen sie über eine abstrakte Vor- mentan oder sogar prinzipiell – mit unserem
stellung verfügen, wie ein Haken funktioniert. Bewusstsein nicht in der Lage sind, eine be-
Affen können Symbole (keine Bilder konkreter stimmte Erscheinung in ihrer gesamten Komple-
Gegenstände) für Wörter benutzen und daraus xität zu erfassen, und uns irgendwie behelfen
Sätze bilden. Ebenso können sie mit kleineren müssen. Wir müssen vereinfachen, uns auf das
Zahlen umgehen. Auch das ist eine abstrakte Re- Wesentliche konzentrieren. So wird von einem
präsentation von etwas nicht direkt Sichtbarem. Haus, bevor man es baut, ein Modell erstellt. Es
Und selbst bei Vertretern anderer Tiergruppen erlaubt eine Vorstellung von dem späteren Aus-
wie Kopffüßern und Fischen bis hin zu Insekten sehen und einen Überblick über die wesentlichen
tritt erstaunlich planvolles Handeln auf. Wir Merkmale. Dabei ist niemand überrascht, dass
sehen hier den Beginn von Modellbildungen, in einem solchen Modell keine Geranien in den
auch wenn diese Fähigkeit bei unserer eigenen Balkonkästen wachsen. Modelle vernachlässigen
Spezies wesentlich weiter entwickelt ist. Weit ganz bewusst viele Aspekte der Realität, von
genug jedenfalls, um uns schließlich die Bildung denen man annimmt, dass sie für das interessie-
komplexer geistiger Konstrukte bis hin zur Ma- rende Phänomen keine große Bedeutung haben.
thematik zu gestatten, bei denen kein offensichtli- Wissenschaftler machen sich andauernd Modelle
cher Zusammenhang mehr zu einem unmittelba- der Wirklichkeit, und auch wir werden in diesem
ren Evolutionsvorteil besteht. Jedoch sollten wir Buch ständig Modelle verwenden, wenn wir nach
bedenken, dass unsere auf Verstandesprozessen den kleinsten Teilchen der Materie fragen, nach
basierende technische Zivilisation uns erlaubt den Strukturen, die bestimmte Eigenschaften
hat, auch die entferntesten Flecken dieses Plane- hervorbringen, oder nach der großräumigen Ver-
ten in einer Dichte zu besiedeln, die dutzendfach teilung der Materie in der Welt. Wissenschaftli-
höher ist, als jede natürliche Population einer che Modelle sind wie beim simplen Hausmodell
anderen Art mit ähnlicher Körpergröße. So etwas vereinfachte Repräsentationen eines realen Sys-
hat es in der gesamten Erdgeschichte noch nicht tems. Es können einfache Analogien sein, etwa
gegeben. Selbst wenn man das millionenfache der Vergleich eines Atoms mit einem Tennisball,
Leid durch Hunger, Krankheit und Armut bedeu- die vor allem didaktischen Zwecken dienen. Oft
tender Teile der menschlichen Erdbevölkerung basieren Modelle aber auf einer bestimmten phy-

6
Erde, Wasser, Luft und Feuer

sikalischen Theorie und sind im Vergleich zum


„Ich bin niemals zufrieden, bevor ich ein mechanisches Modell des Ge-
Alltagsbegriff stärker formalisiert. Sie werden in genstands konstruiert habe, mit dem ich mich beschäftige. Nur wenn es
physikalisch-mathematischer Formelsprache aus- mir gelingt, ein solches herzustellen, dann verstehe ich den physikalischen
gedrückt, die es erlaubt, quantitative Zusammen- Sachverhalt.“
hänge zu beschreiben.
LORD KELVIN (WILLIAM THOMSON), 1824 – 1907

Modelle und Theorien


„Ich höre und vergesse. Ich sehe und behalte. Ich handle und verstehe ...“
Doch woher weiß man, was in einem Modell
vernachlässigt werden darf und was nicht? Und KONFUZIUS, 551 – 479 v. Chr.
woher weiß man, ob das Modell überhaupt den
interessierenden Ausschnitt aus dem realen Sys-
tem repräsentiert? tierten „Bilder“ von Atomen sind aus Messer-
Hier kommt die Theorie ins Spiel, die einem gebnissen abgeleitet, für deren Interpretation die
wissenschaftlichen Modell zugrunde liegt. The- Quantentheorie vorausgesetzt wird. Gegen eine
orien liefern nicht nur die Formeln, nach denen zu strenge Trennung zwischen theoretischen und
bestimmte Modellgrößen berechnet werden kön- Beobachtungsbegriffen spricht auch, dass es oft
nen, sie sind es vielmehr, die viele der in Model- gerade Übertragungen von Theorien und Begrif-
len verwendeten Größen erst definieren. Und fen auf völlig andere Anwendungsbereiche waren,
damit geben sie auch vor, welche „Daten“ des die zu neuen Erkenntnissen führten. Allerdings
betrachteten Systems auf welche Art und Weise ist das Zusammenspiel zwischen Beobachtung,
ermittelt werden müssen. So sind für ein Modell Modell und Theorie tatsächlich heikel, wie man
der Planentenbewegungen des Sonnensystems beim Thema „Dunkle Energie“ sehen kann: Die
auf Basis der Newtonschen Theorie die Massen (indirekt auf Basis einer anderen Theorie) beob-
der Planeten erforderlich. Da man Planeten nicht achteten Geschwindigkeiten von Galaxien im
wiegen kann, benötigt man die Theorie bereits, für uns sichtbaren Universum stehen nicht im
um diese Massen über die Bahnradien und Um- Einklang mit Modellen unseres Universums auf
laufzeiten der Planeten zu berechnen. Die Theorie Basis der Allgemeinen Relativitätstheorie und der
zeigt auch, ob man die Einflüsse der Planeten un- Standardtheorie der Elementarteilchen. Wo steckt
tereinander in Abhängigkeit von der angestrebten der Fehler? In den Modellen oder in der Theorie?
Fehlertoleranz vernachlässigen kann oder nicht. Im Allgemeinen sind Wissenschaftler daher
Allerdings sollen Modelle auch dazu dienen, bemüht, möglichst viele unterschiedliche Systeme
Theorien zu verifizieren. Nachdem wir anfangs und möglichst viele Modelle oder Modellvari-
die Bahndaten der Planeten ermittelt haben, anten zu betrachten, um einer Theorie den Rit-
sollte unser Modellsonnensystem deren Positio- terschlag „(vorläufig) gut bestätigt“ zu erteilen.
nen vorhersagen können. Trifft diese Vorhersage Nicht von ungefähr können Theorien, deren For-
(im Rahmen der Fehlertoleranz) zu, so bestä- meln und Grundbegriffe sehr breit angelegt sind
tigt dies die zugrundeliegende Theorie. Aber wie (wie die klassische Mechanik), auch gut bestätigt
weit kann man einer Theorie vertrauen, wenn werden: Es gibt einfach sehr viele Systeme, auf
das Modell, mit deren Hilfe man die Prüfung die sie anwendbar sind. Das erklärt auch, wa-
durchführt, die Theorie bereits voraussetzt? In rum Wissenschaftler nicht jedes „Gegenbeispiel“
der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts für eine Theorie zum Anlass nehmen, dieselbe
glaubten Wissenschaftstheoretiker, man könne als widerlegt anzusehen. Ist ein neunzigjähriger,
dieses Problem dadurch lösen, dass man scharf rauchender Alt-Bundeskanzler der Beweis, dass
zwischen theoretischen und reinen Beobachtungs- Rauchen unschädlich ist?
größen in der Formulierung einer Theorie trennt
und für ihre Prüfung nur letztere zulässt. In der Typen von Modellen
Praxis ist diese Unterscheidung allerdings un-
möglich: Was sind „reine“ Beobachtungsdaten? In den einfachsten Fällen besteht ein Modell aus
„Masse“ ist zum Beispiel nichts, was wir beob- einem Satz von Formeln, die, angewandt auf be-
achten können. Auch Atome können wir nicht stimmte Eingabeparameter, die Ausgabewerte lie-
direkt beobachten. Die in diesem Buch präsen- fern. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise die

7
KAPITEL 1 Mensch und Materie

1-3
Theorie, Modell und Realität. Theorien definieren die
Gesetze und Grundbegriffe, die man benötigt, um Mo-
delle realer Systeme zu formulieren. In wissenschaftli-
chen Theorien werden Begriffe und Strukturen aus der
Mathematik verwendet, um Zusammenhänge eindeutig
und quantitativ zu erfassen. In mit Hilfe der Theorie for-
mulierten Modellen werden theoretische Grundbegriffe
mit Eigenschaften der realen Systeme verknüpft. Aus einer
„Punktmasse“ der klassischen Mechanik wird in einem
Modell des Sonnensystems ein Planet wie die Erde oder
ein Stern wie unsere Sonne. Das Modell kann maximal
die Elemente des realen Systems berücksichtigen, für die
es in der Theorie Grundbegriffe gibt. Meist werden noch
weitere Vereinfachungen vorgenommen, so wird beim
Systeme Erde-Sonne links angenommen, dass die Masse
beider Körper in deren Mittelpunkt konzentriert gedacht
werden kann. Die Sonne wird zudem als fixiert betrach-
tet: ihre Bewegung aufgrund der Anziehungskräfte der
Planeten wird vernachlässigt. Das reale System selbst ist
also viel umfangreicher, und die Menge seiner Eigenschaf-
ten und Objekte ist eher diffus definiert. So besteht das
Sonnensystem nicht nur aus Planeten, sondern aus vielen
kleinsten Körpern, Gaswolken, elektromagnetischer Strah-
lung, Strömen von Elementarteilchen und vielem mehr.
Vieles davon ist im Rahmen der klassischen Mechanik, die
die Bewegung der Planeten so gut beschreibt, gar nicht
erklärbar. Neue Theorien mit anderen Begriffen müssen
hier an ihre Stelle treten.

„ausprobieren“ kann. Oft kann man komple-


xere Sachverhalte auch dadurch annähern, dass
man in einem einfacheren, „lösbaren“ Modell
den Einfluss von „Störungen“ analysiert. Man
wählt die Form der Störungen gerade so, dass
Flugbahn eines Golfballs im Modell simulieren. sie möglichst viel vom komplexen Sachverhalt
In vielen Fällen ist eine geschlossene Formeldar-r erfassen. So können in unserem einfachen Modell
stellung aber gar nicht bekannt, oder sie existiert des Sonnensystems die Einflüsse der Planeten
überhaupt nicht, obwohl man die Gleichungen aufeinander auch als „Störungen“ ihrer Bahnen
für das Verhalten der Einzelkomponenten durch- begriffen und damit - in gewissen Grenzen - ihre
aus kennt. Von dieser Art ist eine etwas genau- Wirkungen berechnet werden. Vor der Erfindung
ere Version unseres Modells des Sonnensystems. des Computers waren aufgrund des erforderli-
Berücksichtigt man nicht nur die wechselseitige chen Rechenaufwandes numerischen Verfahren
Anziehung zwischen Sonne und Planeten, sondern enge Grenzen gesetzt, weshalb man meist auf
auch die der Planeten untereinander, so sind die stark vereinfachte Modelle zurückgreifen musste.
erhaltenen Gleichungen nicht mehr „analytisch“, Dies galt insbesondere für Systeme aus sehr vielen
also durch Angabe einer Formel, lösbar. In der Re- Einzelelementen oder Parametern, deren kollek-
gel kann man sie aber numerisch lösen, d. h. man tives Verhalten man erforschen wollte, wie zum
kann für gegebene Eingabeparameter durch Nä- Beispiel unser Gehirn. Heutzutage lassen sich
herungsverfahren der tatsächlichen Lösung nahe dank Computer auch komplexere Modelle simu-
kommen. Der Nachteil dieses Verfahrens: Man lieren, was zu neuen Einsichten, unter anderem im
erfährt wenig über die allgemeine Struktur aller Bereich der Materialwissenschaft, Molekularge-
möglichen Lösungen, man muss sie jeweils „aus- netik und Klimaforschung geführt hat. Aber auch
probieren“ oder auf weniger präzise Modelle aus- heute noch bringen scheinbar „einfache“ Prozesse
weichen, deren Gleichungen man analytisch lösen wie die Faltung eines Eiweißmoleküls Computer
kann. Das Verhalten dieser Lösungen gibt oft an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, ganz zu
wertvolle Hinweise für das komplexere Modell, schweigen von hochkomplexen Systemen wie
woraufhin man gezielt bestimmte Fälle numerisch unserem Gehirn.

8
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Modelle, die auf Basis von Gleichungen der können. Das Agentenparadigma liefert Erklä-
beschriebenen Art erstellt werden, nennt man rungen für kollektives Verhalten, zum Beispiel
deterministisch, unabhängig davon, ob man sie im Rahmen der Verkehrsmodellierung oder in
analytisch oder nur numerisch lösen kann. Kennt der Verhaltensbiologie („Schwarmintelligenz“).
man alle Eingabeparameter zu einem bestimm- Dennoch lassen uns manchmal auf diese Weise
ten Zeitpunkt, so steht das Verhalten des Mo- gewonnene Erklärungen unbefriedigt. Es ist ja
dells für alle Zeiten fest (was nicht zwingend für keineswegs trivial, aus dem Verhalten des Mo-
das reale System gelten muss!). Es gibt allerdings dells zu einem besseren Verständnis der inneren
auch Modelle, bei denen statistische Methoden Vorgänge zu kommen. Denn als „verstanden“
eingesetzt werden. Sie werden unter anderem empfinden wir einen Vorgang eigentlich erst
genutzt, wenn nur die Häufigkeitsverteilung von dann, wenn wir durch einen für uns unmittelbar
Eingabeparametern bekannt ist oder die zeitliche nachvollziehbaren geistigen Prozess quasi eine
Entwicklung eines Systems von so vielen Para- Abkürzung zur Lösung finden.

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metern abhängt, dass sie zumindest teilweise
als zufallsgesteuert betrachtet werden kann. Modelle für fremde Dimensionen
Statistische Modelle müssen keineswegs weni-
ger verlässlich oder genau sein als „klassische“ Um Schwierigkeiten mit Erscheinungen in sehr
Modelle. Bei Systemen aus sehr vielen Elementen kleinen oder sehr großen Dimensionen zu be-
hängt nämlich die zeitliche Entwicklung meist gegnen, die für ungewohnt sind, greifen wir oft
nicht vom Verhalten jedes einzelnen Elements auf Modelle zurück, die wir gedanklich in die
ab, sondern folgt dem statistischen Gesetz der gewohnten Größenordnungen transformieren. Es
großen Zahlen. So wird der Druck eines Gases wäre natürlich falsch, würde man z. B. ein Kugel- 1-4
auf eine Gefäßwand durch eine riesige Zahl von modell der Atomhülle mit der Atomhülle selbst Kugelmodelle. Eine Kugel
dient wegen ihrer Einfach-
Molekülen erzeugt, die unermüdlich dagegen verwechseln. Jede Theorie und erst recht jedes heit als Modell für viele
stoßen. Der Wert des Drucks hängt aber nur von einfache Modell abstrahiert ja, wie wir oben be- unterschiedliche Dinge,
der mittleren Stoßzahl pro Zeit- und Flächenein- tont haben, bestimmte Eigenschaften der Natur auch solche, die für unsere
Vorstellung die „falsche“
heit ab, nicht von der individuellen Geschichte und hat daher stets nur einen begrenzten Gültig-
Größe haben, z. B. ein
aller beteiligten Gasmoleküle (ÅKapitel 9). keitsbereich. Die Wahl des passenden Modells ist Atom oder ein Planet.
Oft hat man bei realen Systemen die Wahl, abhängig von der Ebene der Erklärung, die man
sie als Ansammlung diskreter Objekte (diskrete anstrebt und vom Gültigkeitsbereich der jewei-
Modellierung) oder als kontinuierliches Medium ligen Modelle. So gesehen, hat ein Tennisball
(kontinuierliche Modellierung) zu modellieren. ebenso Berechtigung, in bestimmten Situationen
So kann man eine Flüssigkeit entweder als ein als Atommodell herangezogen zu werden, wie
Strom von Teilchen oder als Materiefluss mit etwa das Bohrsche Atommodell mit seinen Elek-
einer bestimmten Flussdichte (g · cm–2 · s–1) mo- tronenbahnen oder das heute bevorzugte, auf der
dellieren. Ob ein System „in Wirklichkeit“ aus Quantentheorie basierende, Orbitalmodell.
diskreten Objekten besteht oder nicht, ist da- Wie wichtig es ist, ein Modell nicht allzu
bei oft zweitrangig. Sind die zu modellierenden leicht für die Wirklichkeit zu nehmen, wurde
Systemeigenschaften zumindest näherungsweise einem von uns erst kürzlich wieder klar, als er der
davon unabhängig, so können beide Modellie- sechsjährigen Tochter erklären wollte, dass Eis bei
rungswege zu gleichen Ergebnissen führen. Bei 0 °C schmilzt und dabei erst einmal verhindert,
diskreter Modellierung ist das Entstehen kol- dass sich das Schmelzwasser weiter erwärmt. In
lektiven Verhaltens der einzelnen Elemente be- der Schule hatte man ja gelernt, dass zugeführte 1-5
Modelle für Menschen.
sonders augenfällig. Es ist überraschend, welch Energie zunächst das restliche Eis schmilzt, bevor
Bei der Berechnung von
komplexes, ja sogar intelligentes Verhalten ein sich das Wasser weiter erwärmt. Prompt kam die Fluchtwegen kann man
System zeigen kann, obwohl seine Elemente Gegenfrage: Aber was ist, wenn das letzte Eis- Menschen einfach als
Kreise modellieren. Legt
einfachen „dummen“ Regeln folgen. Bei Com- stückchen nur noch ganz klein ist und viel Wasser
man Wert auf Gemüts-
putersimulationen diskreter Systeme nutzt man da? Na dann ... – gilt dieses einfache Modell zustände, so sind Smileys
heutzutage zunehmend das Konzept der Soft- natürlich nicht mehr, musste zugegeben werden. bessere Menschenmo-
wareagenten. Softwareagenten sind autonom Bedenkt man die endliche Wärmeleitfähigkeit delle. Will man Körper-
haltungen des Menschen
nach bestimmten Regeln agierende Softwaremo- von Wasser, so kann es natürlich ohne weiteres betrachten, benötigt man
dule, die auch miteinander „kommunizieren“ außen schon heiß sein, während noch Eis da ist. wieder andere Modele.

9
KAPITEL 1 Mensch und Materie

Es besteht dann eben kein thermodynamisches zige Ameise funktioniert, so würden viele Seiten
Gleichgewicht. Man tut also gut daran, den Dif- aus dem Buch des Lebens offen vor uns liegen.
ferenzierungsgrad des Modells der Wirklichkeit Wir wollen hier vorerst von sogenannten
sehr sorgfältig zu wählen. „emergenten“ Eigenschaften absehen, ohne sie
Um das Wesen einer beschriebenen Erscheinung ganz aus den Augen zu verlieren. So werden Ei-
von verschiedenen Seiten zu beleuchten, kann es genschaften bezeichnet, die wie bestimmte mak-
didaktisch sehr nützlich sein, das Erklärungsmo- roskopisch messbare Materialeigenschaften (Zä-
dell immer wieder zu wechseln. Nur in diesem higkeit, Leitfähigkeit) oder auch die Intelligenz,
Sinn einer Annäherung an die Realität mit Hilfe erst durch das Zusammenwirken einer großen
von Theorien und Modellen kann man von wis- Zahl von Einzelelementen entstehen. Für ein ein-
senschaftlicher „Erkenntnis“ über die Struktur zelnes atomares Bauteilchen ist es z. B. unsinnig,
von Materie sprechen, die wir in diesem Buch den Druck oder die Reißfestigkeit zu definieren;
vermitteln wollen. Die „Wirklichkeit“ kann und ebenso kann man nicht davon sprechen, dass
wird immer ganz anders aussehen. Was man ein Neuron ein wenig Intelligenz besitzt oder
1-6
Modelle für Atome. In sich unter dem Begriff „objektive Wirklichkeit“ ein Buchstabe ein wenig des Sinns von Schillers
Kapitel 3 und 4 werden überhaupt vorzustellen hat, bleibt auch heute Räuber enthält. Solche Eigenschaften großer
wir einige konkrete Atom- Gegenstand philosophischer Diskussionen. Ensembles hängen neben den Bestandteilen ganz
modelle betrachten, derer
sich die Menschen im
Trotz dieser Einschränkungen lässt sich heute entscheidend von der Struktur ab, von der Art
Laufe der Jahrhunderte ein in sich stimmiges Bild von normaler Mate- und Weise, wie die Komponenten miteinander
bedient haben. rie zeichnen, das ein befriedigendes Verständnis verbunden sind. Als klassisches Beispiel hierfür
vieler Prozesse erlaubt. Dass jede Erkenntnis kann der Kohlenstoff dienen. Sind seine Atome
an einem bestimmten Punkt endet, wird einem in regelmäßigen Sechsecken angeordnet, haben
schmerzlich bewusst, wenn man an die Grenzen wir es mit Graphit zu tun, eine elektrisch leitfä-
unseres Weltverständnisses im Kleinsten wie im hige, dunkelgraue, sehr weiche Substanz, die in
Größten denkt. Gibt es etwas noch Elementa- Bleistiften (im Widerspruch zu deren Namen)
reres als die heute kleinsten bekannten Elemen- für die Schwärzung des Papiers sorgt. Sind die
tarteilchen, die Leptonen und Quarks? Gibt es Kohlenstoffatome hingegen zu Tetraedern ver-
ein „Außerhalb“ des bekannten Universums? knüpft, so handelt es sich um Diamant mit völlig
Welchen Teil unserer universellen Heimat kön- anderen Eigenschaften: ein elektrischer Isolator,
nen wir überhaupt kennen? Wie alt ist die Welt? lichtdurchlässig und bis vor kurzem der härteste
Gab es vielleicht eine Welt vor dem Urknall? bekannte Stoff überhaupt. Wie die natürlichen
Diesen Fragen werden wir uns im hinteren Teil Stoffe zusammengesetzt sind, ist schon für sich
des Buches erneut zuwenden, denn gerade in den gesehen ein faszinierendes Thema. Doch die
letzten Jahren haben die Auswertungen neuerer Gewinnung und Herstellung der künstlichen
1-7
Materie, die uns umgibt. Daten von Satelliten sowie von Ballonmessungen Werkstoffe, aus denen der Mensch seine Zivi-
Im Lauf der zivilisatori- im Mikrowellenbereich und Statistiken über die lisation aufgebaut hat, ist nicht minder span-
schen Entwicklung hat Verteilung bestimmter Supernovae im Weltraum nend. So haben sich die Erscheinungsformen des
der Mensch große Teile
der Materie, mit der wir
geradezu eine neue Ära der Kosmologie herauf- Kohlenstoffs in den letzten Jahren um Fullerene,
täglich in Berührung kom- beschworen. Sie erlauben es nun erstmals auf Nanoröhrchen und Graphen erweitert, von de-
men, immer stärker be- einige Fragen quantitative Antworten zu bekom- ren Existenzmöglichkeit zuvor niemand etwas
einflusst. Ausgehend von
Anpassungen der makro-
men (ÅKapitel 11), oder zumindest begründete ahnte. Auch sie sind Themen in diesem Buch.
skopischen äußeren Form Hypothesen zu entwickeln, die einmal zu Ant- Jahrtausende an Erfahrung haben uns ursprüng-
(Steinwerkzeuge) über worten führen könnten. Die Erkenntnis, wie die lich ermöglicht, die Materialien zu finden und
Kombinationen und Struk-
Welt funktioniert, liegt zu einem beträchtlichen zu verarbeiten, die unsere heutige Lebensweise
turänderungen (Stahl) ist
heute Manipulation von Teil in jedem ihrer kleinsten Teile verborgen, – man mag sie verdammen oder preisen – erst
Materie auf molekularer denn es sind immer wieder grundlegende Prinzi- ermöglicht haben. Ein weiter Weg führte unsere
(Kunststoffe, Metamateri-
pien, die sich, einmal enthüllt, in tausendfacher Vorfahren von den Fundstellen bestimmter har-
alien) und sogar atomarer
Ebene (Quantenpunkte) Anwendung quer durch die Natur wiederfinden ter Steine über die Verarbeitung von Pflanzen-
möglich. Der Begriff Ma- lassen. Hätten wir nur einen Stein vollständig fasern zu Geweben bis zur Metallgewinnung.
terie wandelt sich. Er wird verstanden, so wüssten wir damit schon einiges Was die Nutzung der materiellen Umwelt als
immer häufiger auf das je-
weils beherrschte Material über das dazugehörige Gebirge. Könnten wir Werkzeug und Werkstoff anging, kam es zu einer
bezogen. wirklich genau verstehen, wie eine einzige win- geradezu explosionsartigen Entwicklung (ÅAb-

10
Erde, Wasser, Luft und Feuer

bildung 1-7). Zusätzlich zu den in der Natur kalisch orientierten Begriffs Materie, sondern es Etymologie
Lehre von der Herkunft
vorkommenden Stoffen lernte der Mensch immer steht für technisch angewandte, oft stark bear-
und Geschichte der Be-
mehr Stoffe eigens für seine Zwecke zu gewinnen beitete oder umgewandelte Materie. Das Schwer- griffe.
und zu nutzen. Ein verbessertes Verständnis der gewicht dieses Begriffs liegt eindeutig auf seiner
Materialien durch chemische und physikalische Bedeutung für den Menschen.
Forschung ermöglicht es Ingenieuren heute, Ma-
terialien mit genau für den geplanten Einsatz Masse
optimierten Eigenschaften herzustellen. Diese
„designten“ Materialien ermöglichen in vielen Das Wort Masse hat seinen Ursprung im lateini-
Fällen auch einen schonenderen Umgang mit schen massa, das einen Teigklumpen oder auch
natürlichen Ressourcen. Langlebigere Produkte einen Klumpen Erz bezeichnen konnte. Später
sind oft energetisch günstiger herzustellen, als wurde es generell als eine Ansammlung von Kör- r
mehrere kurzlebige. Andererseits können auf pern oder als Haufen verstanden. Seine physikali-
baldigen Zerfall „programmierte“ Kunststoffe sche Bedeutung als träge Masse erhielt es erst im
einen Beitrag zur Entschärfung des Müllprob- 17. Jahrhundert.
lems leisten. Massa wiederum hat seinen Ursprung im grie-
chischen maza, der Bezeichnung für ein grobes
Fladenbrot aus Gerste, das, im Gegensatz zum
Etymologie feineren Weizenbrot artos, vorwiegend von ein-
fachen Leuten gegessen wurde.
Die Herkunft von maza selbst ist nicht voll-
Materie, Matter und Matière ständig geklärt. Manches spricht dafür, dass es
aus dem Hebräischen stammt. Dort bezeichnet
Der Begriff Materie wie auch der englische Begriff mazza das ungesäuerte Brot der Israeliten, das
matter und das französische matière sind aus auch in der Bibel vielfach erwähnt wird. Denkbar
dem lateinischen materia entlehnt, das soviel wie ist aber auch, dass das Wort den umgekehrten Weg
Nutzholz, Bauholz, Stoff, aber auch Aufgabe, ging und von den Griechen über die Philister ins
Anlage, Talent bedeutet. Von dieser ursprüngli- Hebräische übernommen wurde.
chen Bedeutung des Wortes im Lateinischen zeugt Möglicherweise ist maza aber auch nur ab-
auch das portugiesische Wort madeira (Holz). Der geleitet vom griechischen Wort masso für kneten
Holzreichtum der portugiesischen Insel Madeira (noch heute kennen wir das Wort Massage in
gab dieser ihren Namen. dieser Bedeutung). Der arabische Ausdruck mad-
Materia selbst stammt wohl von materr ab, was dah wurde in der muslimischen Philosophie im
so viel wie Mutter, Ursprung, Quelle bedeutet, Sinne von Materie benutzt und bezeichnet das
aber auch den inneren Teil des Baumes bezeichnet. Ausgedehnte.
Mater wiederum hat seine Wurzeln im in-
dogermanischen materr (Mutter), aus dem auch Substanz
althochdeutsch muoter, altindisch matarr und alt-
griechisch materr für Mutter abgeleitet ist. Substanz leitet sich vom lateinischen substantia
Die griechischen Philosophen bezeichneten ab, das für das Zugrundeliegende steht. Es ist ein
das Substrat aller Dinge als hylê, was ebenfalls Synonym des Wortes essentia, von dem das Wort
Holz oder Wald bedeutete. Der Hylozoismus als Essenz (z. B. in Essigessenz) abstammt. In der
die Lehre von der Beseeltheit der Natur hat hier Philosophie steht es für „das, wodurch etwas ist,
seine Wurzeln, ebenso wie der Hylomorphismus, was es ist“, also all das, was zum Beispiel einen
die Lehre von Form und Materie. Menschen zu einem Menschen oder einen Stein
zu einem Stein macht. Es ist in diesem Sinn ver-
Material wandt mit dem griechischen Wort usia, das für
das Wesen von etwas steht. In der Umgangsspra-
Der Plural Materialia leitet sich vom Plural des che steht es meist für einen chemischen Stoff, in
lateinischen Worts materialis, was soviel wie „zur der Medizin für ein einheitliches Gewebe (etwa
Materie gehörig“ bedeutet. Im heutigen Sprach- die „graue Substanz“ des Nervengewebes) oder
gebrauch ist Materiall kein Synonym des physi- einen Wirkstoff.

11
KAPITEL 1 Mensch und Materie

Stoff Sinne liefern uns Informationen über die Welt


und sind deshalb Gegenstand der Betrachtung.
Das Wort Stofff entstammt aus dem mittelnieder- In metaphorischem Sinne verwenden wir „Se-
ländischen stoffe und dieses aus dem altfranzö- hen“ also für alle Erkennungsprozesse vom Reiz
sischen estoffe (Gewebe). Die Herkunft dieses bis zur bewußten Wahrnehmung.
Wortes ist unklar. Stoff steht in der Physik ganz
allgemein für die Materie, in der Chemie für eine Ein Hi sto ri sc h e r Übe r b li c k
Substanz einheitlicher Konsistenz mit bestimm- (Å Kapitel 3) stellt dar, welche
ten Eigenschaften wie Kochsalz oder Wasser. In Vorstellungen vom Ursprung
der Chemie wird der Begriff Stofff nicht syno- d er materiellen Welt in den
nym zu Substanz verwendet. Während mit Stoff Schöpfungsmythen der Kulturen
Materie in jedem Aggregatzustand gemeint sein zum Ausdruck kommen, und wie sich diese zu
kann, liegen Substanzen stets in fester Form vor. rationalen und später naturwissenschaftlichen
Vorstellungen hin entwickelten. Zu diesen ge-
hört die Atomtheorie ebenso wie die antike
Was Sie in diesem Buch Elementelehre mit ihrer Viergliederung in Feuer,
Wasser, Erde, Luft und dem fünften Element
erwartet...
Äther. In der Folge stehen die antiken Elemente
Das vorliegende Buch geht deduktiv von der in diesem Buch nur noch metaphorisch für
Wahrnehmung und der direkt sinnlich erfahr- die wichtigsten Aggregatzustände der Materie,
baren Stofflichkeit unserer Alltagswelt aus und nämlich für Festkörper, Flüssigkeit, Gas und
widmet sich dann den weniger direkt zugäng- Plasma. Die Entwicklungsgeschichte zentraler
lichen Formen der Materie. Dies ist Grund ge- und heute selbstverständlicher Begriffe wie Ele-
nug, uns zunächst einmal mit den Sinnen – den ment, Verbindung oder Masse, führt deutlich
natürlichen und den künstlich geschärften – zu vor Augen, wie weit der Weg von unmittelbarer
befassen, die allein in der Lage sind, uns Kunde Sinneserfahrung zur naturwissenschaftlichen
von dem da draußen zu geben. Erklärung der materiellen Welt ist. Auch die
Schwierigkeiten, mit denen Wissenschaftler
Im folgenden Kapitel über die bei der Interpretation von Erkenntnissen kon-
Wahrnehmung ( Å Kapitel 2 ) frontiert sind, sind Gegenstand dieses Kapitels.
werden wir zunächst beleuch- Nicht nur für Katzenliebhaber ist dabei die Dis-
ten, auf welche Weise wir über- kussion interessant, ob eine Katze gleichzeitig
haupt Informationen über die tot und lebendig sein kann.
Welt und die Materie darin gewinnen können.
Dabei werden wir uns als Augentiere natürlich In Demokrits Erben (ÅKapi-
zunächst dem Sehen zuwenden. Wir diskutie- tel 4) beginnen wir mit den
ren, welche Erweiterungen und Relativierungen f un d amenta l en Bausteinen,
auch ein scheinbar simpler Begriff wie das „Se- d eren Eigensc h a f ten unsere
hen“ in unserer modernen Welt bereits erfahren Er f a h rungswe l t unmitte lb ar
hat. Seit Wahrnehmbares beliebig speicherbar prägen: den Atomen. Aus ihrem Aufbau folgt
geworden ist, hat etwa ein Photon, das uns das periodische System der Elemente (PSE), auf
von einem Bild oder Film erreicht, nie selbst das wir auch in späteren Kapiteln immer wieder
mit dem gesehenen Objekt in Wechselwirkung zurückgreifen werden. Wir werden sehen, wie
gestanden. Wahrnehmung wird auf die reine sich die Eigenschaften der uns bekannten Stoffe
Informationsübermittlung reduziert. Sie verliert aus der Wirkung von Kräften zwischen Atomen
ihre Unmittelbarkeit und damit zum Teil auch dieser Elemente ergeben: Warum sind Metalle
ihre Authentizität. Gleichzeitig entfaltet sie aber elektrische Leiter und Kunststoffe (meistens)
mit der zur Verfügung stehenden technischen nicht? Warum ist ein Stoff elastisch? Warum
Sensorik eine zuvor unvorstellbare Reichweite bilden manche Stoffe Kristalle und andere nicht?
bezüglich der Größendimensionen wie auch Wir werden auch der Frage nachgehen, warum
bezüglich der Sinnesmodalitäten. Doch auch alle es überhaupt unterschiedliche „Phasen“ gibt,
anderen natürlichen und technisch verbesserten wie Physiker und Chemiker die Erscheinungs-

12
Erde, Wasser, Luft und Feuer

formen der Materie als Festkörper, Flüssigkeit ebenso auf den Grund, wie der Frage, warum
und Gas auch nennen. sich letzteres in Wasser nicht löst, in Seifenlauge
Jedem antiken „Element“, also jedem Aggre- aber wohl. Alkohole sind wiederum Ausgangs-
gatzustand, wird in der Folge ein eigenes Kapitel punkt vieler interessanter Flüssigkeiten, unter
gewidmet. Die Kapitelabfolge der Aggregatzu- anderem der wohlriechenden Ester, zu denen
stände entspricht dabei bewusst weder der üb- auch Fette und Speiseöle gehören. Estern und
lichen Elementreihenfolge (Feuer, Wasser, Erde, ätherischen Ölen (die eigentlich gar keine Öle
Luft), noch der bei vielen chemischen und physi- sind) verdanken wir den Wohlgeruch von Blu-
kalischen Abhandlungen bevorzugten Gliederung men und Parfums. Heute wichtiger noch als
nach zunehmender struktureller Komplexität, Speiseöl ist allerdings das Erdöl, welches mit
ausgehend von Gas über Flüssigkeiten hin zu ersterem nicht viel gemein hat. Aber wie ent-
Feststoffen. Wir betrachten stattdessen zunächst steht eigentlich Erdöl und wie stellt man daraus
die Feststoffe, die uns sowohl in der Natur als Benzin, Diesel oder Plastik her?
auch in der zivilisatorischen Umwelt besonders
deutlich entgegentreten und die deshalb in diesem Natürlich bildet die uns um -
Buch überproportional viel Raum einnehmen. gebende Luft (Å Kapitel 7) mit
In jedem Stoffkapitel werden auch „Exoten“ ihren wichtigsten Bestandteilen
angesprochen, also besonders interessante Stoffe den Ausgangspunkt des Kapitels
mit eher unbekannten und seltsam anmutenden über Gase. Dabei geht es auch
Eigenschaften wie Ferrofluide, Aerogele, durch- um den Aufbau der Atmosphäre, um Ozon-
sichtiger Beton oder Superflüssigkeiten. löcher und den Treibhauseffekt. Im Zentrum
des physikalischen Verhaltens der Gase stehen
Die Er de (Å Kapitel 5 ), das natürlich die bekannten Gasgesetze, mit de-
Reich der mineralischen und oft- nen sich das Verhalten dieser vergleichsweise
mals kristallinen Stoffe, macht einfachen Materieform gut verstehen lässt. Es
den Anfang. Wir beschäftigen geht auch um angenehme Gerüche und wie
uns damit, worauf wir eigentlich wir sie von weniger gut riechenden Gasen un-
stehen und mit was wir bauen. Der Schichtauf- terscheiden können. Wir stellen viele wichtige
bau der Erde sowie die Zusammensetzung ver- Gase, mit denen der Mensch zu tun hat, einzeln
breiteter Gesteine, Bodenarten und Minerale vor: Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Methan
ist ebenso Thema, wie die vom Menschen ge- bzw. Erdgas und die Edelgase. Damit kennen
nutzten Baumaterialien. Warum wird Ton beim wir schon die „üblichen Verdächtigen“, denen
Brennen hart? Aus was besteht Asphalt? Es wir im Kapitel über Kosmologie auf den Gas-
geht auch um Metalle, ihre Gewinnung und planeten erneut begegnen werden.
Veredelung. Was unterscheidet Eisen von Stahl?
Was versteht man unter Flotation? Wer ist der Der Aggregatzustand Plasma,
Nickel-Kobold? Wir sprechen über Hartme- symbolisiert durch das antike
talle, Gläser, Halbleiter, Papier, Kunstfasern und Element Feuer (ÅKapitel 8),
Kunststoffe, kurz: über die Werkstoffe, die uns schließt sich zwanglos an das
in der heutigen Zivilisation laufend begegnen. Gas an. Hier zeigt sich ein Vor-
Die Frage, wie man Stahl hart und Gummi ela- teil der gewählten ungewöhnlichen Reihenfolge
stisch macht, gehört dabei ebenso dazu wie die in der Behandlung der Aggregatzustände. Die
Frage, wie Solarzellen funktionieren und aus Betrachtung führt von der direkten Erfahrung
was Gummibärchen gemacht werden. mit Plasmen auf der Erde in Form von Flammen
und Leuchtstoffröhren hin zur Elementarteil-
Flüssigkeiten betrachten wir in chenphysik und zu kosmologischen Fragestel-
ihrer gesamten Breite, von Was- lungen. Wussten Sie, dass das auf der Erde eher
ser (Å Kapitel 6) über Öle, Sei- exotische Plasma der im Universum am weite-
fen, Alkohole, Ionische Flüssig- sten verbreitete Aggregatzustand ist? Plasmen
keiten, Quecksilber, Superflüs- in und zwischen Sternen und ionisierte kosmi-
sigkeiten und Magma. Der Frage, warum sich sche Gasnebel kommen dabei zur Sprache. Auch
Wasser nass anfühlt, Öl aber nicht, gehen wir hier stoßen wir auf direkte Verbindungen von

13
KAPITEL 1 Mensch und Materie

unseren irdischen Erfahrungen mit dieser Ma- Quantengravitation. Wir werden auch erfahren,
terieform. Zum Beispiel auf die in kommenden warum der LHC (Large Hadron Collider) in
Kapiteln thematisierten Zustände direkt nach Genf eine wichtige Rolle dabei spielt und warum
dem Urknall. viele Physiker glauben, dass unsere Welt mehr
als 3 Dimensionen haben muss.
Form und Materie (ÅKapitel 9)
geht der keineswegs trivialen Das folgende Kapitel Kosmologie
Frage nach, wie aus einfachen (ÅKapitel 11) widmet sich dem
Bausteinen kom p lexe, hoch - Aufbau und der Verteilung der
gradig organisierte Strukturen Materie im Großen. Ausgehend
wie Lebewesen entstehen können. Hier spielen von den irdischen Beobachtungs-
Begriffe wie Selbstorganisation, Chaos und En- möglichkeiten und Instrumenten wird unser Wis-
tropie eine zentrale Rolle. Warum widerspricht sen über die Verteilung der Materie und über die
steigende Komplexität nicht dem Streben nach von ihr gebildeten Strukturen im Sonnensystem,
Unordnung? Kann ein Schmetterling tatsächlich in der Galaxis und im sichtbaren Bereich des
einen Tornado auslösen? Und was hat Entropie Universum dargestellt. Die Strukturen der Welt in
mit Information zu tun? Aber auch der Rolle des unterschiedlichen Größenskalen führen uns zu-
Zufalls in einer Welt scheinbar deterministischer rück zur Frage nach dem Ursprung der Welt, den
Naturgesetze werden wir nachgehen. Compu- Kosmogonien, die wir im historischen Kontext in
ternutzer werden zudem erfahren, wie groß die Kapitel 3 bereits betrachteten. Wie hängt all das
Speicherkapazität eines USB-Sticks höchstens zusammen mit dem Aufbau der Materie aus sub-
sein kann und wie dies mit der Entropie schwar-r atomaren Teilchen wie Leptonen und Quarks?
zer Löcher zusammenhängt. Warum glauben Kosmologen, dass sich unser
Kosmos immer schneller ausdehnt? Und was
Im Kapitel Elementarteilchen können wir aus der allgegenwärtigen kosmischen
(Å Ka p itel 10) verlassen wir Hintergrundstrahlung über das junge Universum
erstmalig die Welt der Atome, vor beinahe 14 Milliarden Jahren lernen?
in der Protonen, Neutronen und
Elektronen den Ton angeben. Ein letztes Kapitel über Lebende
Wir begeben uns eine Ebene tiefer, in die Welt Systeme (Å Kapitel 12) ist den
der Elementarteilchen. Wie man im vorherigen strukturellen und entropischen
Jahrhundert feststellen musste, ist diese Welt Besonderheiten solcher Struktu-
ungleich reichhaltiger, als man es für „elemen- ren und der Emergenz der „Le-
tare“ Teilchen eigentlich erwartet hätte. Das so- bendigkeit“ gewidmet – der Entstehung und
genannte Standardmodell ordnet diesen Zoo der Evolution immer stärker spezialisierter (und
Elementarteilchen in drei Familien, von denen scheinbar entropisch unwahrscheinlicherer) Le-
nur die erste die uns bekannte materielle Welt benseinheiten bis hin zum Bewusstsein und zur
aufbaut. Erst die Wechselwirkungen zwischen Auseinandersetzung mit der Welt. Hier werden
solchen Teilchen liefern eine über das chemische wir erneut die Stellung des Menschen in der
Verständnis hinaus gehende physikalische Erklä- materiellen Welt thematisieren und damit den
rung der Eigenschaften der Materie. Beispiels- Bogen schlagen zu den einleitenden Kapiteln. —
weise dient die Theorie der Wechselwirkung mit
dem Higgs-Feld als Erklärung für die Existenz
der Masse. Allerdings verlassen wir spätestens
auf dieser Ebene die „materielle“ Welt der Ma-
terie. Materie und Energie werden eins und im
Mittelpunkt stehen abstrakte Konzepte wie
Quantenfelder und Symmetrie. Hier stoßen wir
an die Grenzen unseres heutigen Verständnisses
über die Grundstruktur der Welt. Prominente
Ansätze, diese Grenzen zu überwinden, werden
wir kennenlernen: Superstringtheorie und Loop-

14
KAPITEL 2

Wahrnehmung
Sehen – Wahrnehmen – Verstehen
Fühlen und Tasten
Riechen und Schmecken
Hören
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529
Zum zweiten Kapitel

Wenn wir uns mit der Materie in der Welt befassen wollen,
ist es angebracht, zunächst nach dem Wahrnehmungs- und
Erkenntnisprozess selbst zu fragen, der uns Menschen In-
formationen über eben diese Materie liefert. Die Evolution
hat uns mit Sinnen ausgestattet, die uns erlauben, für unser
Überleben wichtige Eigenschaften der materiellen Welt mehr
oder weniger direkt wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Die Tatsache, dass wir Informationen aus der Umwelt zum
Überleben brauchen, führte letzlich zur Entstehung unseres
Gehirns. Erstaunlicherweise gestattet dies uns sogar ein Be-
wusstsein unserer selbst. Und wir können diese Welt nicht
nur verwundert und staunend betrachten, sondern sie auch
neugierig untersuchen. Diese Neugierde zeichnet Kinder
und Wissenschaftler aus. Sie ermöglicht es uns vor allem,
einen Teil der materiellen Welt wirklich zu verstehen, auch
wenn wir letztlich nicht sagen können, wie groß dieser Teil
eigentlich ist.
Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel damit, auf welche
Weise wir Materie mit unseren Sinnen wahrnehmen können
und wie unser Nervensystem mit der Ausbildung eines inne-
ren Modells dazu beiträgt. Wir diskutieren, welche Erweite-
rungen und Relativierungen z. B. ein Begriff wie „Sehen“ in
unserer modernen Welt erfahren hat. Und natürlich müssen
wir uns auch Gedanken darüber machen, warum wir nur die
Sinne besitzen, die wir tatsächlich haben, und keine anderen.
Dieser Ansatz führt weiter zu dem riesigen Gebiet unserer
technisch erweiterten Sinne, mit denen wir das Verständnis
(der Dinge in) der Welt während der letzten Jahrhunderte ein
gehöriges Stück vorantreiben konnten. Wir haben unsere na-
türlich vorhandenen Sinne mit der Technik geschärft und sogar
ganz neue Sinnesmodalitäten erschaffen, die wir vorher nicht
besaßen, ja für die es teilweise in der gesamten Lebenswelt der
Erde kein einziges Beispiel gibt. Künstliche Sinne lassen uns im
Dunkeln sehen, ein Magnetfeld wahrnehmen oder Gamma-
strahlung registrieren. Wir schauen in die Details der Materie
hinein und zu den entferntesten Sternen empor. Damit sind für
uns im wahrsten Wortsinn „unvorstellbare“ Dimensionen im
Allerkleinsten und im Allergrößten „zugänglich“ geworden.
Aber: Können wir das alles noch in gleicher Weise verstehen
und so begreifen wie die Information, für deren Bewältigung
unser Nervensystem ursprünglich entstanden ist?
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Wahrnehmung

Sehen und Co. – Die fünf Sinne


Sehen – Wahrnehmen – Verstehen

Beim Menschen kann man zwischen der pri-


mären Registrierung eines Objekts (hier all-
gemein als „Sehen“ bezeichnet), seiner b e-
wussten Wahrnehmung und dem Verstehen
derselben unterscheiden. Gemeint ist also das
„Sehen mit dem Auge“, das „Sehen mit dem
Gehirn“ und die Bildung eines mentalen Mo-
dells des Objekts.

Welche Sinne kennt man?

Der Mensch hat fünf Sinne, so weiß der


Volksmund und so sind sie in dem gleichna-
migen opulenten Gemälde von HANS MAKART
(1840 – 1884) abgebildet: Tasten, Hören, Sehen,
Riechen und Schmecken oder mit ihren klassi-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

schen Bezeichnungen Gefühl, Gehör, Gesicht,


Geruch und Geschmack.
Das ist natürlich bei weitem nicht vollstän-
dig. Was ist zum Beispiel mit dem Temperatur-
empfinden, mit dem Gleichgewichtssinn, mit
2-1
den Schmerzrezeptoren oder mit den Dehnungs- Haben nur Menschen und Tiere Sinne? Die fünf Sinne. Sehen,
rezeptoren, die uns andauernd über die Lage Hören, Riechen, Schme-
unserer Gelenke informieren? Nein, auch Pflanzen verfügen über Sinne! Zu- cken, T
Tasten: Gemälde
Interessanterweise gibt es im Körper noch mindest haben sie Lichtsinneszellen und einen von HANS MAKART
(1840 - 1884)
unzählige weitere Rezeptoren oder „Sinne“, die Schwerkraftsinn: Sie wissen, in welcher Rich-
bestimmte Schaltstellen unseres Gehirns etwa tung sie die Wurzeln ausbilden müssen. Auch
über die Säurestärke oder die CO2-Konzentra- Tastrezeptoren finden sich, die (etwa bei Mi-
tion in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, mosen) durchaus sehr schnell reagieren können.
über die Sauerstoffkonzentration oder das Glu- Und sogar einfache einzellige Lebewesen wie
coseniveau im Blut oder über den Blutdruck Bakterien verfügen bereits über primitive Sinne.
informieren. Deren Werte werden in internen Praktisch alle reagieren auf chemische Einflüsse
Regelkreisen benötigt. Sie stehen uns aber nicht aus ihrer Umgebung und bewegen sich z. B.
bewusst zur Verfügung, sondern höchstens se- in einem Stoffkonzentrationsgefälle in einer
kundär, etwa über ein Hungergefühl. Vermut- Vorzugsrichtung. Man nennt dieses Verhalten
lich nehmen wir sie nicht bewusst wahr, weil Chemotaxis und kann es als Entsprechung zu
sie nicht direkt etwas über unsere Außenwelt unserem Geschmacks- oder Geruchssinn auf-
aussagen. Für unser Überleben ist aber die In- fassen. Es basiert auf Chemorezeptoren in der
teraktion mit eben dieser Außenwelt der ent- Zellmembran, die eine erstaunlich differenzierte
scheidende Faktor. Signalkaskade im Zellinneren in Gang setzen,

17
KAPITEL 2 Wahrnehmung

2-2 rungsquelle schwimmen zu können oder zu


Bakterienzelle. Das
Schema zeigt typische lernen, einem sich nähernden Fressfeind recht-
Strukturelemente eines zeitig auszuweichen.
Prokaryoten (Bakterien
und Cyanobakterien). Die
Ausstattung der einzelnen Warum haben wir gerade die Sinne, die
Arten mit Schleimhülle wir haben, und keine anderen?
(blassgrau außen), Zell-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

wand (rosa), Pili (gelb),


Geißeln (grau), innerem Aber nicht alle Sinne kann die Natur so direkt
Lamellensystem (blau) erschaffen. Da jede zusätzlich gebildete Sinnes-
und anderen Funktions- struktur einen gewissen Energiebetrag kostet, der
einheiten (Organellen)
variiert stark.
dem Lebewesen an anderer Stelle möglicherweise
fehlt, setzt sie sich nur dann in einer Population
die wiederum den Motor, die rotierenden Gei- durch, wenn die gewonnene Information einen
ßeln (Flagellen) der Bakterien, reguliert. ausreichenden Wert besitzt. So verfügen viele
Auch Reaktionen auf Licht (Phototaxis) Schlangen über einen Infrarotsinn, mit dem sie
werden schon bei vielen Bakterien angetroffen die Körperwärme eines Opfers erspüren können,
und angesichts der doch recht komplexen Ver- Fische haben ein elektrisches Seitenlinienorgan
haltensweisen würde es verwundern, in diesem zur Wahrnehmung elektrischer Felder im Wasser
Lebensreich nicht auch ein Tastempfinden (Me-
Eingangsreize menschlicher Sinne
chanorezeption) zu finden. Man beachte, dass
Elektromagnetische Wellen (Licht) von ca. 400 – 800 nm
diese erstaunlichen Lebewesen, die von uns Wellenlänge
meist nur als Krankheitserreger wahrgenom- Druckwellen (Schall) von ca. 16 – 16 000 Schwingungen
men werden, all diese Wahrnehmungsleistun- pro Sekunde (Hz)
gen innerhalb einer einzigen Zelle vollbringen Mechanisch hochfrequent (Vibration)
(ÅKapitel 12). Mechanisch niederfrequent (Druck)
Wärme (schnelle Molekülschwingungen)
Vielzeller wie wir Menschen benötigen für
Kälte (langsame Molekülschwingungen)
jede Einzelaufgabe spezialisierte Organe, die oft
Geruch (Stoffkonzentration in Gasen, ca. 350 – 400 un-
aus einer astronomischen Anzahl von Zellen terschiedliche Rezeptoren)
bestehen. Geschmack (Stoffkonzentration in Flüssigkeiten; Rezepto-
Schon die direkten Sinne versorgen uns mit ren für süß, salzig, sauer, scharf, umami, Calcium, evtl. Fett
(ungeklärt) sowie einige Dutzend Bitter-Rezeptoren)
einem breiten Spektrum an Informationen über
Eigenschaften der Welt, die für uns und unsere
Wofür wir z. B. keine Sinne besitzen
Vorfahren potenziell wichtig waren. Hier sind
Magnetfeldstärke und -richtung
bei komplexeren Lebewesen offenbar einfache
Elektrische Feldstärke und -richtung
Regelkreise wie die erwähnte Phototaxis nicht
UV-Strahlung*
mehr ausreichend.
Infrarotstrahlung*
Die Evolution kann neue Sinne und neue Radiowellen
neuronale Verarbeitungsmechanismen nur dann Röntgenstrahlung
hervorbringen, wenn sich für das Lebewesen Gammastrahlung
zumindest ein kleiner Selektionsvorteil ergibt. Neutronenstrahlung
Man braucht nicht besonders viel Phantasie,
*starke Infrarot- und Ultraviolettstrahlung können wir
um zu erkennen, welcher enorme Selektions-
zwar über ihre Wirkung (Erwärmung bzw. Sonnenbrand)
vorteil sich daraus ergibt, gezielt zu einer Nah- wahrnehmen, dies ist aber kein spezialisierter Sinn.

2-3
Evolution der Lichtsin-
nesorgane. Von einfachen
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Lichtsensoren bis hin zu


einer punktgenauen Ab-
bildung der Außenwelt
bieten alle Zwischenstufen
dem Träger signifikante
Überlebensvorteile.

18
Erde, Wasser, Luft und Feuer

und Vögel können Magnetfelder buchstäblich hinzufügen oder vorhandene um viele Größen-
„sehen“, denn diese aktivieren dieselben Gehirn- ordnungen empfindlicher machen. Sind also un-
strukturen wie optische Eindrücke. sere technischen Errungenschaften das vorläu-
Ein möglicher Grund dafür, dass wir über fige Endergebnis einer Evolutionslinie? Nein, das
manche denkbaren Sinne nicht verfügen, ist also sollte man nicht anzunehmen, solange niemand
sicherlich, dass die daraus gewonnene Informa- nachweist, dass die Zahl der Nachkommen von
tion bei unserer jeweiligen Lebensweise im Laufe z. B. Gammastrahlungsastronomen aufgrund
der Evolution einfach nicht wichtig genug für ihres Berufs besonders groß ist. Der Zusam-
das Überleben war. menhang ist offensichtlich ein anderer: Bisher
Dies kann auch eine Ursache dafür sein, hat die starke Entwicklung unseres Gehirns das
dass manche Sinne, soweit man heute weiß, Überleben der Menschen enorm gefördert. Wir
überhaupt nirgendwo auf der Erde entstanden sind zur vorherrschenden Spezies unseres Pla-
sind. So kennen wir kein Lebewesen mit ei- neten geworden und leben auf der Erde in einer
nem Sinnesorgan für Radioaktivität. Diese war Dichte, die dutzende Mal höher ist, als man es
(zumindest vor Tschernobyl) im Vergleich zu für Tiere vergleichbarer Größe im besten Falle
anderen Gefahren so wenig schädlich, dass sie erwarten könnte (und als es ratsam wäre). Dieses
das individuelle Überleben kaum beeinflusste so nützliche Gehirn bringt als Nebeneffekt die
und somit der notwendige Selektionsdruck zur Neugierde mit sich. Dieser allgemeine Drang,
Ausbildung eines entsprechenden Sinns fehlte. mehr über die Umwelt wissen zu wollen, kann
Daneben ist natürlich auch keinerlei Garantie sehr wohl ein Überlebensvorteil sein. Das mas-
gegeben, dass stets eine passende Mutation für sive Interesse an allen Vorgängen in der Welt,
die Initialzündung zur Evolution eines eventuell das wir auch bei vielen Jungtieren beobachten,
nützlichen Sinns tatsächlich auftrat. Einiges an bleibt bei vielen Exemplaren unserer Spezies ein
der Ausstattung von Lebewesen scheint nicht Leben lang erhalten und bildet so die Grundlage

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auf Notwendigkeit, sondern auf Zufällen in der für die stetige Verfeinerung und Ausdehnung
Stammesentwicklung zu basieren. Das Auftreten unserer technischen Sinne. Man kann es auch
solcher Mutationen ist übrigens bei einfachen so ausdrücken: Da Wissenschaft eine Folge der
Lebewesen mit hoher Individuenzahl, kurzer Ge- evolutionär begünstigten Komplexität unseres
nerationsdauer und wenig ausgeprägten DNA- Gehirns ist und offensichtlich (bisher) nicht groß
Reparaturmechanismen ungleich wahrscheinli- geschadet hat, lässt uns die Natur diese Spiel-
2-4
cher als bei höheren Tieren. wiese. Vielleicht ist es so etwas wie Präadaption.
Baupläne für hoch-
Andererseits ist es auch wahrscheinlich, So nennen Biologen die Erscheinung, dass eine entwickelte Augen im
dass sich manche Eigenschaften der Welt gar ideale Anpassung unmöglich ist; gute Flieger wie Vergleich. Das Auge des
nicht direkt mit biologischen Systemen aufneh- Albatrosse sind miserable Läufer. Individuen ei- Menschen (Mitte) gehört
zu den höchstentwickelten
men lassen. Kann man sich vielleicht noch die ner Spezies zeigen eine gewisse Streuung in ihren "allround"-T Talenten im
Entstehung eines Röntgen- oder Gammastrah- Eigenschaften und Verhaltensweisen. Bei sich än- Tierreich. Für jeden Ein-
lungssinns vorstellen, so sieht es bei manchen dernden Umwelteinflüssen ist so das Überleben zelaspekt finden sich al-
lerdings leistungsfähigere
extrem schwach wechselwirkenden Teilchen der Spezies wahrscheinlicher, da ja schon einige Spezialisierungen. Oben:
schon anders aus. Hier verbietet nicht nur der Individuen den neuen Verhältnissen zufällig bes- Tintenfischauge (hohe
fehlende Selektionsvorteil die Entstehung eines ser angepasst sind als das Gros. Vielleicht wird Lichtempfindlichkeit); un-
ten: Insektenauge (hohe
solchen Organs, sondern die physikalischen ja doch eines Tages die Zeit kommen, in der zeitliche Auflösung);
Eigenschaften selbst (ÅKapitel 10) machen sie Gammastrahlungsastronomen ihren potenziellen Leistungsfähigere Spezi-
praktisch unmöglich. evolutionären Vorteil ausspielen können. alisierungen gibt es auch
bezüglich räumlicher Auf-
Ganz erstaunlich ist nach dieser Betrachtung, lösung (Raubvögel) oder
dass alle erwähnten unmöglichen Sinne schließ- Materie sehen und wahrnehmen Farbensehen (Krebse).
lich doch entstanden sind. Denn unser Gehirn
hat uns befähigt, die entsprechenden Sensoren Wir sind „Augentiere“. Der Löwenanteil der
sozusagen als „Prothesen“ herzustellen. Nacht- Informationen, die wir über die materielle Welt
sichtgeräte, Richtmikrofone, Radioempfänger, erhalten, entstammt dem Gesichtssinn. Ihm ver-
Röntgenteleskope, Geigerzähler, optische Teles- danken wir in erster Linie das gedankliche Bild
kope – all dies sind künstliche Sinne, die unseren der Außenwelt, auf dem unsere Erkenntnisse
eigenen Sinnen entweder neue Sinnesmodalitäten und unsere Interaktionen beruhen. Das Sehen ist

19
KAPITEL 2 Wahrnehmung

deshalb für die meisten Menschen ein so natürli- 6 Die Sehnerven leiten die Information in die
cher Vorgang, dass sie im täglichen Leben selten primäre Sehrinde (im Hinterkopf).
darüber nachdenken. Oberflächlich betrachtet,
geht es dabei um Licht, das in unsere Augen fällt 7 Die Information wird ins Frontalhirn (Stirn-
und auf der Retina in Nervensignale umgewan- lappen) transportiert und bewusst wahrge-
delt wird. Dies allein schon als Beschreibung des nommen.
Sehens zu bezeichnen, würde allerdings gerade
die wichtigsten Aspekte auslassen. Damit kommen wir der Sache schon etwas näher.
Sehen wir etwa eine völlig saubere Glas- Aber offenbar ist diese Beschreibung der visuellen
scheibe, durch die Licht in unsere Augen fällt? Wahrnehmung noch viel zu eng gefasst. Große
Können Fledermäuse Hindernisse sehen? Kön- Teile des Vorgangs finden völlig unabhängig vom
nen bewusstlose Personen sehen, wenn der Arzt Licht irgendwo zwischen der Netzhaut unserer
ihnen ins Auge leuchtet? Sehen wir Dinge im Augen und den neuronalen Strukturen in unse-
Traum? Sehen wir einen Baum auf einem Bild rem Gehirn statt, in denen sich unser subjektiv
wirklich, obwohl sich dort überhaupt kein Baum empfundenes Bewusstsein abspielt.
befindet, sondern eine Ansammlung von Farb- Zum Sehen gehören Rückkopplungsschlei-
tupfern? Oder sehen wir ein Modell auf einem fen. Es ist viel eher ein Teil des Denkens und des
Computerbildschirm? Ein Teilchen in einem Bewusstseins als ein isolierter Vorgang. Man
Elektronenmikroskop? Sehen wir den Kommis- muss sich frei machen von der rein mechanisti-
sar, wenn wir uns beim abendlichen Fernsehen schen Vorstellung, dass eine vom menschlichen
einen Krimi anschauen? Seltsame Fragen, sicher, Bewusstsein unabhängige materielle Außenwelt
aber durchaus wichtig für unsere Erkenntnisse über unser Auge wie durch die Linse eines Fo-
über die Welt. toapparats auf eine Art Leinwand im Gehirn
Normales, direktes Sehen (des Menschen) projiziert wird. Dieses Modell trägt wenig zum
hat tatsächlich erst einmal mit Licht zu tun. Verständnis der Wahrnehmung bei, es greift aus-
Man kann folgenden Ablauf notieren: schließlich für den dioptrischen Apparat, jenen
Teil des Auges, der nach dem klassischen Prinzip
1 Eine Lichtquelle sendet Licht aus. der Strahlenoptik funktioniert. Im Gehirn gibt es
aber keinen Homunculus, der eine Projektion als
2 Das Licht interagiert mit einem Objekt. unabhängiger Beobachter, als Bewusstsein unab-
hängig vom Gehirn, betrachten könnte.
2-5 3 Verändertes Licht fällt vom Objekt ins Sehr instruktiv ist es auch, sich klar zu ma-
Wahrnehmung. Die Wahr- Auge. chen, wie stark die von der materiellen Au-
nehmung unserer materi-
ellen Umwelt beruht nicht
ßenwelt einströmende Datenflut gefiltert und
auf einer Einbahnstraße 4 Das Auge erzeugt ein Bild des Objekts auf verdichtet wird, bevor sie in unser Bewusstsein
der Abstraktion von den der Netzhaut (Retina). gelangt. Unsere Augen sind in der Lage, von der
Sinnen ins Bewusstsein.
schwer abzuschätzenden Gesamtinformation,
Vielmehr werden alle
Wahrnehmungen auf 5 Die Retina wandelt das Bild in Nervensig- die in unserer unmittelbaren materiellen Um-
mehreren Ebenen von Er- nale um. welt auf unsere Netzhaut (Retina) einströmt,
wartungen und Kontext-
etwa 10 Milliarden Bits pro Sekunde über die
information gefiltert und
verändert. Sehzellen (Zapfen für Farbsehen und Stäbchen
für Schwarzweißsehen) aufzunehmen. Die Re-
tina ist evolutionär aus einer Ausstülpung des
Gehirns entstanden. Bereits in der Retina sorgt
eine komplexe Verschaltung der Signale dafür,
dass nach der Vorverarbeitung nur noch 6 Mil-
lionen Bits pro Sekunde, also weniger als ein
Tausendstel, über den Sehnerv transportiert
werden müssen. Über verschiedene Schaltstati-
onen (Chiasma, Corpus geniculatum laterale)
erfolgt auf dem Weg ins primäre Sehzentrum
(Area 17 am hinteren Gehirnpol) eine weitere
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Erde, Wasser, Luft und Feuer

bedeutende Kompression, so dass dort nur noch „Papst“ der Künstlichen Intelligenz, MARVIN
ca. 10 000 Bits pro Sekunde ankommen. Doch MINSKY, in seinem Buch „Mentropolis“ viel-
bis zur bewussten Wahrnehmung im Frontalhirn fach hingewiesen, nicht als einheitliche Instanz
wird heftig weiter reduziert. Psychologen schät- vorstellen, sondern eher als eine große Menge
zen, dass gerade noch etwa 100 Bits pro Sekunde miteinander interagierender Prozesse. Diese sind
in unser Bewusstsein gelangen. Das entspricht im Gehirn repräsentiert durch ineinandergrei-
einer phantastischen Informationsverdichtung fende neuronale Netzwerke (cell assemblies), die
um den Faktor 100 Millionen. beständig mit der Verarbeitung und Bewertung
2-6
Neuere Untersuchungsmethoden, mit denen der vorliegenden alten und neuen Informationen Welt und Gehirn. Die
die Intensität der Gehirntätigkeit erfasst werden beschäftigt sind. Informationsfülle der Welt
kann, belegen, dass die Erinnerung an bestimmte Es liegen keine Erkenntnisse vor, die es nahe (hier am Beispiel visueller
Informationen) wird durch
Eindrücke im Wesentlichen dieselben Gehirnre- legen würden, dass es irgendwelche grundsätz- unsere Sinne um Faktoren
gionen aktiviert wie die direkte Wahrnehmung. lichen Unterschiede bei der neuronalen Verar- r der Größenordnung 1 zu
Auch wird diese Wahrnehmung keineswegs beitung auf unterschiedlichen Abstraktionsni- 100 Millionen reduziert.
Die verbleibende Informa-
nur von den momentan einlaufenden Informa- veaus gibt. So scheinen einfachere Netzwerke tion dient dem ständigen
tionen bestimmt, sondern mindestens ebenso für die Verschaltung der Ausgangsinformation Abgleich eines internen
stark durch die aktuellen internen Zustände. verschiedener Sehzellen zur Kantenerkennung Weltmodells mit der wahr-
genommenen Umwelt.
Erinnerung, Absichten, psychischer und physi- verantwortlich zu sein, komplexere Versionen
scher Zustand beeinflussen das Gesehene durch sind vielleicht für die Erkennung eines roten
Rückkopplungen von Gehirnzentren höherer Balls, einer Rose oder eines Gesichts zuständig
Abstraktionsebene auf Teile des Sehsystems, und noch komplexere bilden vielleicht die in-
die der physischen Außenwelt in der Verarbei- terne Repräsentation einer Idee oder eines Vor-
tungskaskade näher stehen. Je weiter wir die habens. Komplexität muss in diesem Fall nicht
eingehende visuelle Information in ihrem Kon- notwendigerweise mit der Anzahl der Neuronen
zentrations- und Abstraktionsweg vom Auge korrelieren, die ein solches Netzwerk bilden. Es
bis ins Gehirn und Bewusstsein verfolgen, desto kann sich ebenso gut auf die komplexe Abstrak-
größer wird dieser „subjektive“ Anteil an der tionsebene beziehen, welche die Eingangsinfor-
Wahrnehmung. mation liefert (obwohl die Vermutung einer auch
So kann es passieren, dass wir ein gesuchtes zahlenmäßig komplexeren Struktur nahe liegt).
Objekt (etwa eine Zuckerdose auf dem Tisch) Wie kann das dünne Informationsrinnsal,
scheinbar nicht sehen können, obwohl wir di- das uns aus der Umwelt erreicht, genügen, um
rekt davor stehen – ganz einfach deshalb, weil die von uns empfundene Vielfalt der Welt und
sie vielleicht aus Porzellan besteht und wir eine des Erlebens zu generieren?
Dose aus Edelstahl erwartet hatten. Wie weit Offensichtlich ist unsere subjektive Wahrneh-
diese sogenannte Unaufmerksamkeitsblindheit mung nicht unmittelbar von den aktuell aufge-
gehen kann, wurde auch eindrücklich durch Ex- nommenen Informationen abhängig. Vielmehr
perimente gezeigt, in denen mit einer Beobach- scheint es so zu sein, dass wir über ein detaillier-
r
tungsaufgabe beschäftigte Betrachter eines Base- tes internes Weltbild verfügen, das sich haupt-
ballspieles nicht einmal einen Menschen bemerk- sächlich auf sich selbst bezieht. Fortwährend
ten, der in einem Gorillakostüm quer über das wird sein Zustand auf innere Konsistenz geprüft,
Spielfeld ging. Offenbar gibt es keine bewusste unser Gehirn ordnet und berechnet wahrschein-
Wahrnehmung ohne Aufmerksamkeit. Und je liche Zukunftsszenarien als Vorbereitung auf
unwahrscheinlicher ein Objekt ist, je weiter weg mögliche hereinkommende Informationen. Diese
vom Fokus unserer Aufmerksamkeit, desto eher Innenwelt ist nur schwach an die Außenwelt
wird es überhaupt nicht wahrgenommen. gekoppelt. Die wenige uns erreichende Infor-
Demnach wäre der Begriff „Sehen” durch mation dient dazu, den notwendigen Abgleich
die obige Aufzählung der Schritte von der Licht- durchzuführen, die Synchronisation zwischen
quelle zum Bewusstsein viel zu eng gefasst. We- der Welt und dem Weltmodell sicherzustellen.
sentlich am „Sehen” ist nicht die Unmittelbar- Diese Sichtweise wird auch von neueren Befun-
keit des Vorgangs, ganz im Gegenteil umfasst er den gestützt, auf die MARCUS E. RAICHLE auf Ba-
sogar mehrere relativ unabhängige Vorgänge. sis von PET- und fMRT-Scans hingewiesen hat,
Das Bewusstsein sollte man sich, darauf hat der nämlich dass unser Gehirn selbst ohne bewusste

21
KAPITEL 2 Wahrnehmung

Gedankenprozesse und Wahrnehmungen, also M und S. In dem faszinierenden Experiment


etwa bei Tagträumen, im Schlaf und sogar unter wurde nun Mäusen ein menschliches Gen für
Narkose, immer noch mit ca. 95 Prozent seiner das L-Pigment übertragen. Und tatsächlich: Der- r
Rechenleistung arbeitet und dabei Signalver- gestalt modifizierte Tiere konnten nun in den Ver-
arbeitung über ein Ruhestandardnetz (Default suchen lernen, bestimmte Orangetöne von Blau
Mode Network) betreibt. unterscheiden, was normalen Mäusen niemals
Auch andere Befunde weisen in diese Rich- gelang. Damit ist bewiesen, dass heranwachsende
tung. So treten etwa bei Ausfall bestimmter, Gehirne über genügend Plastizität verfügen, ihre
an der höheren Verarbeitung beteiligter Hirn- neuronale Verschaltung für zusätzlich zur Ver-
areale, sogenannte Agnosien (griech. gnosis, fügung stehende Informationen zu optimieren.
Wahrnehmung, Erkennen) auf. Eine Person Somit sind eher nicht sie der Flaschenhals der
kann zum Beispiel den linken Bereich ihres Erkenntnis, sondern die zur Verfügung stehen-
Gesichtsfelds nicht mehr wahrnehmen, obwohl den Sinnesorgane. Aber gerade da haben sich die
das ganze visuelle System vom Auge bis hin Menschen mittels Technik in vielerlei Hinsicht
zur primären Sehrinde völlig korrekt arbei- Abhilfe geschaffen.
tet. Erstaunlicherweise fehlt diesen Patienten
scheinbar nichts in ihrem bewussten Weltbild. Kleinste T
Teilchen der Materie sehen?
Sie kommen zum Beispiel nur zum Arzt, weil
sie sich häufig (mit ihrer linken Körperseite) Trotz unserer sehr guten Augen, erscheint uns
anstoßen. Materie normalerweise recht homogen. Solange
Was diese Erkenntnisse für unser Verständnis man einheitliche Substanzen, – ein Stück Gold
der Welt und unserer eigenen Identität bedeuten oder das Wasser in einem Glas –, betrachtet,
mag, kann einem eine Gänsehaut verursachen. kann man keine Struktur erkennen, die auf einen
Was ist mit den Aspekten der Welt, für die wir Aufbau aus Atomen schließen ließe.
einfach von Natur aus keine Gehirnstrukturen Das einheitliche Aussehen ist eine Folge der
besitzen? Offenbar könnte unser gnothi seau- begrenzten Auflösung des menschlichen Auges
ton (griech. „Erkenne Dich selbst") sehr ein- und der damit verbundenen verhältnismäßig
geschränkt sein und wir würden es noch nicht großen Lichtwellenlänge. Punkte können bei
einmal bemerken. normaler Betrachtungsentfernung gerade noch
Ein wenig trösten kann uns aber, dass die auseinander gehalten werden, wenn sie ca.
Evolution uns sicherlich wenigstens mit dem 1/20 mm voneinander entfernt liegen. Da man
Sensorium und den Verarbeitungskapazitäten mit Hilfe von Wellen normalerweise nur Dinge
ausgestattet haben wird, die für unser Überle- abbilden kann, die größer sind als etwa die
ben wichtig sind. Und das Gehirn besitzt eine halbe Wellenlänge, waren Chemiker früher stets
erstaunliche Flexibilität, über das Notwendige darauf angewiesen, völlig „blind” zu arbeiten.
hinaus zu gehen. Das zeigt sich zum Beispiel an Bis in die 1960er Jahre hinein galt es als ausge-
einem Experiment, das GERALD H. JACOBS von macht, dass man einzelne Atome, die Bausteine
der University of California in Santa Barbara der Welt, die ein Chemiker manipuliert, nie
durchgeführt hat. würde sehen können, denn sie sind mit Radien
Hierzu muss man wissen, dass Menschen wie von etwa 0,04 – 0,3 nm (1 nm = 10-9 m) mehr als
andere Primaten Trichromaten sind. Wir können tausendfach kleiner als Lichtwellen (grünes Licht
also drei Grundfarben unterscheiden, denn wir hat etwa eine Wellenlänge um 500 nm). Der etwa
besitzen drei Arten von Zapfen mit verschiedenen 0,3 mm große Punkt am Ende dieses Satzes hat
Sehpigmenten. Sie heißen nach den Lichtwellen- demnach einen Durchmesser von etwa 1 Million
längen, für die sie hauptsächlich empfänglich Atomen.
sind, L (lang), M (middle) und S (short) und
entsprechen den Wahrnehmungen von Rot, Grün Sehen ohne Licht
und Blau. Die Welt gewöhnlicher Mäuse ist viel
weniger bunt. Wie auch alle anderen Säugetiere Wir sind es gewohnt, „fern-zu-sehen” und be-
außer den Primaten sind sie Dichromaten. Sie zeichnen auch diese indirekte Ansicht der Dinge
können also nur zwei Grundfarben unterschei- ohne weiteres als Sehen. Hierbei erreicht kein
den, denn sie besitzen nur Gene für die Pigmente einziges Photon mehr den Betrachter, das tat-

22
Erde, Wasser, Luft und Feuer

sächlich einmal eine Wechselwirkung zum ge- terschied zwischen Körperoberfläche und dem
sehenen materiellen Objekt erlebt hat. Sehen ist angefassten Gegenstand. Beispielsweise kommt

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


damit reduziert auf die reine Information, die uns Holz, Kork oder ein Tuch bei 70 °C in der
vom Betrachter wahrgenommen wird. Sauna keineswegs unerträglich heiß vor. Fassen
Im Jahr 1951 konstruierte ERWIN W W. MÜL- wir aber ein Metallstück gleicher Temperatur
LER an der Technischen Universität in Berlin das an, so verbrennen wir uns daran die Finger.
erste Feldionenmikroskop, mit dem Auflösungen Was unsere Temperatursinneszellen (und im
2-7
bis zu 0,25 nm erreicht wurden. MÜLLER war da- Falle von Schmerz die dafür zuständigen freien
Lichtwellen und Atome.
mit der erste Mensch, der Atome in diesem Sinne Nervenenden) tatsächlich detektieren, ist näm- Sichtbares Licht besitzt
„sehen“ konnte. Dennoch blieb die Darstell- lich nicht die Temperatur des berührten Stoffs Wellenlängen, die etwa
fünftausendfach größer
barkeit in atomarer Dimension eine Ausnahme. selbst. Sie teilen uns vielmehr mit, wie stark und
sind als Atome. Atome
Sie wurde kaum von einer breiteren Öffentlich- in welche Richtung (heiß oder kalt) die Tempe- lassen sich deshalb mit
keit rezipiert, bis es HEINRICH ROHRER und ratur der Haut vom Optimum abweicht. Dies gewöhnlichem Licht nicht
GERD BINNIG 1981 am IBM-Forschungslabor in hängt natürlich vom Temperaturunterschied direkt darstellen.

Rüschlikon gelang, das erste Rastertunnelmikro- zwischen Haut und dem Gegenstand ab, aber
skop zu entwickeln. Mit der Weiterentwicklung auch davon, wie schnell Wärmeenergie vom
zum technisch viel einfacheren Atomkraftmi- Körper ab oder ihm zufließt, das heißt von
kroskop (AFM: atomic force microscope) 1985, dessen Wärmeleitfähigkeit. Bei Gegenständen

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


für die BINNIG und ROHRER 1986 den Physikno- geringer Masse wie Folien, die nicht an ein
belpreis erhielten, wurden atomare Auflösungen Temperaturreservoir angekoppelt sind, kommt
in der Forschung breiter verfügbar. hierzu noch ein gewisser Einfluss der Wärme-
Die heutige Fähigkeit, im Prinzip atomare kapazität: Eine heiße oberflächlich metallisierte
bis subatomare Auflösungen zu erreichen und Hohlkugel aus Plastik verbrennt uns nicht so 2-8
sogar einzelne Orbitale von Atomen abzubilden, leicht die Finger wie eine massive Metallkugel Atomare Auflösung
mit dem Atomkraftmi-
bedeutet jedoch nicht, dass dies in der Praxis für gleicher Temperatur. Bei Flüssigkeiten spielen kroskop. Beispiel eines
die jeweils interessierenden Systeme immer ge- noch andere physikalische Eigenschaften wie 5,8 nm x 5,8 nm großen
lingt. In dieser Hinsicht werden die allermeisten die Verdampfungswärme eine Rolle (alle diese Bereichs der Oberfläche
eines Siliciumkristalls mit
Chemiker also auch weiterhin mit unsichtbaren Eigenschaften werden in Kapitel 4 behandelt). einer T
Topographie von bis
„Bausteinen“ mauern. Für die Sinnesmodalitäten „heiß“ oder „kalt“ zu 0,3 nm. (Bild freundli-
verfügen wir sogar über verschiedene Thermo- cherweise zur Verfügung
gestellt von F. J. Gießibl)
rezeptoren. Kältesensoren mit einem Messbe-
Fühlen und Tasten reich von 5 – 43 °C reagieren recht schnell und
liegen oberflächennah in der Haut. Sie sind
Meist sind uns diese Sinne weniger bewußt als der etwa zehn Mal häufiger zu finden als Wär-
Gesichtssinn. Wie wichtig sie sind, stellt sich erst mesensoren. Letztere liegen in tieferen Haut-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

heraus, wenn sie etwa durch Nervenstörungen wie schichten. Sie haben einen Messbereich von
bei Lepraerkrankungen gestört sind. Andauernde 30 – 48 °C und reagieren deutlich langsamer als
Verletzungen sind die unweigerliche Folge. Blinde die Kälterezeptoren.
Menschen machen sich sogar ein inneres „Bild“
von Gegenständen allein durch den Tastsinn, ganz Direkter Kontakt – Mechanorezeptoren 2-9
ähnlich wie moderne Atomkraftmikroskope, wenn- UEM. Ultraschnelle Elek-
gleich auf viel größeren Skalen. Berühren wir ein Objekt, so können wir gröbere tronenmikroskopie (UEM)
Einige Eigenschaften fester oder flüssiger Oberflächenrauhigkeiten sofort wahrnehmen, kombiniert atomare Auf-
lösungen mit Bildfolgen
Materie können wir bei Berührung mit der Haut denn Mechanorezeptoren in unserer Haut wer-
im Femtosekundenbereich
direkt wahrnehmen. den lokal unterschiedlich ansprechen. Hierzu (10-15). Extrem kurze
dienen die in der Lederhaut (Dermis) lokalisier- UV-Pulse erzeugen Einzel-
elektronen, während ein
Heiß oder kalt? – Thermorezeptoren ten Ruffini-Körperchen, die als langsam adap-
synchronisierter IR-Puls die
tierende Dehnungsrezeptoren wirken, sowie die Probe anregt. Damit kön-
Fassen wir einen Stoff an, so ist es zunächst in der tieferen Oberhaut (Epidermis) liegenden nen z. B. Bewegungsab-
die Temperaturempfindung, die uns bewusst Merkel-Zellen. Letztere reagieren bevorzugt auf läufe bei der Faltung von
Biomolekülen oder Umla-
wird. Und zwar nicht die absolute Temperatur, Druckreize durch Eindrücken der Haut in einem gerungen in Kristallgittern
ja nicht einmal unbedingt der Temperaturun- Frequenzbereich 0,3 – 3 Sekunden. dargestellt werden.

23
KAPITEL 2 Wahrnehmung

Spätestens, wenn wir unseren Finger wieder werden von ihnen nicht mehr gemeldet. Hier hel-
zurückziehen, erhalten wir weitere Informati- fen uns übrigens die Rillen auf den Fingerkuppen
onen: Er ist klebrig oder nicht. Klebrigkeit ist sehr. Damit lässt sich sogar eine zufällige Rauig-
eine Qualität, die sich auf Grund der Reaktivität keit von einer zyklisch wechselnden regelmäßi-
von Oberflächen ergibt. Sie wird in der Regel gen Struktur unterscheiden. Selbst Rauigkeiten
durch kurzfristig entstehende schwache chemi- im Bereich einiger tausendstel Millimeter werden
sche Bindungen vermittelt, sogenannte Wasser- dabei erfasst.
stoffbrückenbindungen (ÅMaterialeigenschaft: Doch damit nicht genug. Es gibt in der Un-
klebrig, Seite 219). Nach dem Abheben des terhaut (Subcutis) auch Rezeptoren, die nur auf
Fingers verrät uns eine ggf. einsetzende Tempe- Änderungen der Geschwindigkeit eines Reizes
raturabnahme, dass wir es mit einer leicht ver- reagieren, also auf Beschleunigungen. Diese als
dunstenden Flüssigkeit zu tun haben. Reflexar- Vater-Paccini-Körperchen bekannten Sensoren
tig reiben wir nun die Fingerkuppen aneinander. erkennen besonders leicht Vibrationen. Auch
Damit bestätigen wir eine eventuelle Benetzung solche entstehen natürlich beim Gleiten von Fin-
und können bei leichtem Gleiten Seife oder Öl, gerrillen über unebene Oberflächen. Diese In-
bei mehr Reibung Wasser vermuten. formationen zur taktilen Wahrnehmung werden
Um einen Gegenstand aber noch näher zu über zwei unterschiedliche Systeme (das lemnis-
erfassen, pflegen wir unsere Finger prüfend in kale und das extralemniskale System) über ver-
mehreren Richtungen über ihn hinweg gleiten schiedene Relaisstationen (z. B. Hirnstamm und
zu lassen. Damit offenbart sich gleich eine große Thalamus) an den somatosensorischen Cortex
Menge zusätzlicher Informationen. Ist die Gleit- (der körperfühlenden Großhirnrinde) weiter-
reibung nur wenig oder viel geringer als die geleitet. Wie man sieht, verfügen wir also über
Haftreibung? Ist der Widerstand gegenüber der ein äußerst leistungsfähiges Instrumentarium,
Bewegung konstant, der Körper mithin glatt, um mechanische und manchmal sogar indirekt
2-10 oder wechselt er wie bei Oberflächenrauhigkeit? auch chemische Informationen über berührte
Molekulare Erkennung.
Molekulare Erkennung
Dazu besitzen wir in unserer Haut nicht nur die Stoffe zu erschließen.
ist der wohl wichtigste, erwähnten langsamen Druckrezeptoren, sondern
allen Lebensprozessen zu- insbesondere in den Fingerkuppen sogenannte
grunde liegende Vorgang.
Chemiker versuchen, die
Meissner-Körperchen, die als Geschwindigkeits- Riechen und Schmecken
hochspezifische Erken- rezeptoren bezeichnet werden und vielleicht die
nung von Molekülform wichtigste Komponente unseres Tastsinns dar- Obwohl das chemische Analyselabor in unserer
und Verteilung der Ober- stellen. Sie reagieren nur auf Druckreize, die Nase und Zunge bekanntermaßen nicht die Fä-
flächenladungen in soge-
nannten Molecularly Im- sich mit Frequenzen von 2 – 20 Hz ändern wie higkeiten einer Hundenase erreicht, verfügt es
printed Polymers (MIPs) sie typischerweise beim Gleiten von Haut über doch über etwa 350 – 400 unterschiedliche Re-
nachzuahmen. Feststoffe auftreten. Langsamere Veränderungen zeptoren zur Unterscheidung von Gerüchen und
dutzende unterschiedlicher Geschmacksrezepto-
ren. Wie funktionieren diese beiden chemischen
Nahsinne, die sich bei Säugetieren gegenseitig
beeinflussen und teilweise in sich überschneiden-
den Hirnregionen ausgewertet werden?

Düfte und andere Gerüche

Zunächst zum Geruchssinn: Er analysiert leicht-


flüchtige Moleküle in unserer Atemluft. Dazu
müssen diese riechbaren Stoffe direkt mit den
zuständigen Zellen des Riechepithels (Riech-
schleimhaut) unserer Nase in Kontakt kommen.
Dies geschieht, indem ein Teil der Luft beim
Einatmen an ihnen vorbei geführt wird. Infolge
zufälliger Zusammenstöße treffen einige der
riechbaren Moleküle auf die unterschiedlichen
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

24
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Typen von Geruchsrezeptoren in den Zellmem- können übrigens auch völlig unbekannte Stoffe
branen des Riechepithels. Abhängig von ihrer riechen, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß,
äußeren Form und der chemischen Struktur, die dass sie zumindest in gewissem Maße mit ei-
sich in unterschiedlichen elektrischen Ladungs- nigen der zahlreichen Rezeptoren interagieren.
verteilungen an der Moleküloberfläche äußert, Über assoziatives Lernen gelingt es den entspre-
passen diese Schlüssel unterschiedlich gut zu chenden Teilen der sensorischen Gehirnrinde
den Schlössern der Rezeptorproteine (Å Abbil- sogar, viele Substanzen zu klassifizieren. Einige
dung 2-11). Die Schlösser sind komplex gefal- der wahrgenommenen Gruppierungen besitzen
tete Proteinmoleküle, die ihre Faltung bei der übrigens auch klare Entsprechungen im Mole-
Interaktion mit einem passenden Stoff ändern külbau. So haben viele Alkohole eine ähnliche

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und dadurch eine Reizkaskade auslösen, die Geruchsnote, während Schwefelverbindungen
schließlich ins Gehirn weitergeschaltet wird. fast immer fürchterlich stinken.
Dass beim Menschen einige hundert für unter- Wäre noch anzumerken: Das Prinzip des
schiedliche Moleküle klebrige Rezeptoren zur Geruchssinns, mit einer begrenzten Anzahl un-
Verfügung stehen, heißt aber nicht, dass wir nur terschiedlicher Rezeptoren viele Geruchsmo-
ebenso viele unterschiedliche Gerüche wahr- leküle zu erkennen, ist inzwischen auch auf
nehmen können. Denn da Moleküle über ganz künstlichen „Riechchips“ realisiert worden. Sie 2-11
verschiedene Formen verfügen und dasselbe Mo- erreichen bereits erstaunliche Empfindlichkeiten Form und Geruch. Ge-
ruchsrezeptoren erwei-
lekül gleichzeitig mehrere reaktive Molekülteile und können es inzwischen mit einer Hundenase sen sich als molekulare
besitzen kann, schafft es die Gesamtheit der aufnehmen. Sie sind so genau, dass gegenwär- Bindungsstellen ganz
Rezeptoren sozusagen, die Geruchsmoleküle tig versucht wird, die typischen Änderungen bestimmter Gestalt, in die
nur Moleküle mit gewis-
rundherum abzutasten. Neben der Erkennung im Körpergeruch eines Menschen auszuwer-
ser Form hineinpassen.
ganz spezifischer Substanzen sprechen unsere ten, die mit so unterschiedlichen Krankheiten Daneben spielen noch
chemischen Nahsinne auch auf jeweils „ähn- wie Diabetes oder Lungenkrebs assoziiert sind Oberflächenladungen
liche“ Substanzen an. Diese müssen nicht in (ÅAbbildung 2-10). und Beweglichkeit der
Geruchsmoleküle eine
jedem Fall eine wirkliche chemische Ähnlichkeit Rolle für die Festigkeit der
haben, sondern es genügt, wenn sie zur Umkon- Eine Frage des Geschmacks Bindung.
figuration derselben Rezeptorproteine führen.
Beispielsweise haben Zucker (Saccharose) und Das Schlüssel-Schloss-Prinzip gilt ähnlich für
Saccharin chemisch kaum Gemeinsamkeiten, den Geschmackssinn, der sich in erster Linie
werden aber trotzdem beide als süß empfunden. dadurch vom Geruchssinn unterscheidet, dass
Manche Substanzen kann man nicht riechen. die detektierten chemischen Eigenschaften in
Praktischerweise gehören dazu alle üblichen Be- Flüssigkeit gelöste Moleküle betreffen. Unter-
standteile der Luft wie Stickstoff und Sauerstoff. scheidbar sind zunächst die klassischen Ge- Lösungen schmecken
Es war offensichtlich in der Evolution wichtig, schmacksmodalitäten sauer, salzig, süß und bit- dann sauer, wenn darin
ter. Die ersten beiden Modalitäten detektieren besonders viele an Was-
die Abweichung von einem neutralen Grundzu-
sermoleküle gebundene
stand detektieren zu können. Ein permanenter das Vorhandensein eines Protonenüberschus- Protonen vorkommen
Geruch nach Luft wäre genau so wenig hilfreich, ses bzw. einer erhöhten Ionenkonzentration in (H3O+-Ionen).
wie ein intensiver Geschmack von Wasser oder wässrigen Lösungen.
eine andauernde intensive Farbempfindung bei Süße, typisch für die Stoffklasse der Zucker,
normalem Tageslicht. Auch Edelgase und das aus wird von eigenen Rezeptoren registriert und weist
dem Erdgas bekannte Methan kann man nicht uns auf energiereiche Nahrung hin. Viele Tiere be-
riechen. Bei ihnen fällt auf, dass es in erster Linie sitzen ähnliche Süßrezeptoren. Interessanterweise
kleine, oft nahezu kugelförmige Moleküle sind, büßte der Süßrezeptor der Katzentiere irgend-
die chemisch nicht sehr reaktiv sind. wann in der Evolution seine Funktionsfähigkeit
Die unterschiedlichen Stärken der Bindung ein. Sie machen sich deshalb nichts aus süßen
an die Rezeptoren erzeugen im Riechepithel für Verlockungen.
jeden überhaupt detektierten Stoff ein typisches Der Geschmack bitter ist eine Reaktion auf
Aktivitätsmuster, quasi einen Fingerabdruck. So mehrere unterschiedliche Rezeptorsignale. Die
erkennen wir feine Nuancen von angenehmen erzeugten neuronalen Impulse werden aber bei
Blumendüften oder unangenehmen Substanzen, Säugetieren nur als Summensignal an das Gehirn
vor denen uns unser Geruchssinn warnt. Wir weitergeleitet. Dieser Geschmack soll uns vor

25
KAPITEL 2 Wahrnehmung

giftigen und ungenießbaren Stoffen warnen, denn Was können wir prinzipiell verstehen?
sehr viele Gifte schmecken bitter. Da diese Sub-
stanzen aber teilweise chemisch sehr unterschied- Wir haben in diesem Kapitel unsere Wahrneh-
lich aufgebaut sind, ist es nicht verwunderlich, mung der materiellen Welt untersucht. Zusam-
dass mehrere Rezeptortypen zu ihrer Erkennung menfassend kann man sagen, dass die Antwort
notwendig sind. auf die im Einleitungstext aufgeworfene Frage, ob
Eine eigene Kategorie darüber hinaus bil- wir das alles wirklich verstehen können, bis zu ei-
det „umami“ (japanisch, Fleisch), der typische nem gewissen Maße „ja“ lautet. Unsere Fähigkeit,
würzig-herzhafte Geschmack von Glutamat. in Modellen zu denken, ist ausgesprochen ausge-
Als Abbauprodukt von Proteinen ist er u. a. in prägt und vermutlich angeboren. Trotzdem lassen
Fleischspeisen ausgeprägt. Das Vorhandensein sich Grenzen erahnen. Beispielsweise mutet uns
weiterer grundsätzlicher Geschmacksrichtungen die grundlegendste aller heutigen physikalischen
wie Calcium„geschmack“ und eventuell Fettge- Theorien, die Quantentheorie, enorm viel zu. So
schmack ist nicht gesichert. viel, dass sich auf Basis des quantenmechanischen
Atommodells wohl niemand ein Atom tatsächlich
vorstellen kann, ohne automatisch daneben an
Hören trivialere Modelle wie kleine Kugeln zu denken.
Kurze Wellenlängen ent- So ist zu erklären, dass sich Physik- und Che-
sprechen hohen Tönen,
lange tiefen Tönen. Zunächst mag es verwundern, das Gehör mit mielehrer sehr schwer tun, ihren Schülern z. B.
unterschiedlicher Materie in Verbindung zu das intuitiv eingängige aber im Grunde viel zu
Der (junge) Mensch kann bringen. Bei näherer Überlegung kann uns aber wenig erklärende Bohrsche Atommodell wieder
Frequenzen etwa zwi-
schen 16 und 16 000 Hz auch das Gehör einiges über die Stoffe verraten. auszutreiben und durch das wellenmechanische
(Schwingungen pro Se- Wenn Sie wissen wollten, woraus ein unbekann- Modell der Quantentheorie zu ersetzen.
kunde) wahrnehmen. ter Gegenstand besteht, haben Sie sicherlich Ähnlich ergeht es uns in kosmischen Dimen-
schon instinktiv mit etwas Hartem dagegen sionen. In beiden Fällen geht unsere mathema-
geklopft. Der Klang, den man hört, ist natür- tische Fähigkeit zur Modellbildung weit über
lich zum Teil von der äußeren Form abhängig. das intuitiv Vorstellbare hinaus. In seinem 1967
Trotzdem: Klopfen auf massives Holz klingt erschienenen Buch Vom Wesen physikalischer
definitiv anders als auf Glas. Metalle, Kunst- Gesetze schrieb der geniale Physiker und Mit-
stoffe, Stein – alles können wir am Klang meist entwickler der Quantenelektrodynamik RICHARD
eindeutig erkennen. Wird ein Körper angesto- FEYNMAN (1918 – 1988):
ßen, so schwingen seine Bausteine in komplexer
Weise und er gibt ein ganzes Spektrum von „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur
Schallwellen ab. Die Mischung unterschiedli- zwölf Menschen verstünden die Relativitäts-
theorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine
cher Tonhöhen erweist sich als typisch für das solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke
Material. Wir lernen aus Erfahrung, für diese ich, es ist sicher zu sagen, niemand versteht
Materialien ähnliche neuronale Filter zu bilden, Quantenmechanik.“
wie sie für die Erkennung von Gerüchen exis-
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tieren. Ähnlich wie man ein Musikinstrument So muss man sich natürlich die Frage stellen, ob
in der Regel auch in Räumen mit verschiedener es Bereiche gibt, bei denen nicht unsere Sinne die
Form und Akustik wiedererkennt, kann man Limitierungen zum Weltverständnis darstellen,
auch das Grundmaterial unterschiedlich ge- sondern die Fähigkeit unseres neuronalen Systems,
formter Körper meist heraushören. des Gehirns, ein Modell der Realität zu erfassen.
Wir wollen es an dieser Stelle nicht weiter ver- Möglicherweise müssen wir hier auf die weiter
2-12
Cochlea. Durch den klei- tiefen, aber es sei angemerkt, dass Materialien aus fortschreitende Evolution hoffen, oder darauf,
ner werdenden Radius der härteren Substanzen im allgemeinen höhere Töne dass wir Maschinen mit Möglichkeiten erschaffen
Gehörschnecke (Cochlea) können, die über unser menschliches Verständ-
produzieren, während weichere Stoffe wie Holz
des Innenohrs erfolgt die
Aufspaltung der Töne in oder Gummi vorwiegend tiefe Töne erzeugen. In nis hinausgehen. Dies ist vielleicht gar nicht so
ein Frequenzspektrum. Kapitel 4 werden wir sehen, dass die Härte eines unmöglich, denn schließlich kann auch ein nur
Gehörzellen registrieren Stoffes eng mit der Festigkeit von Bindungen durchschnittlich Schach spielender Programmierer
die Schallschwingungen
durch mechanische Rei- zwischen den atomaren Bestandteilen der Materie ohne weiteres ein Schachprogramm erstellen, das
zung feiner Fortsätze. zusammen hängt (Å Härte, Seite 201). ihn selbst schlägt. —

26
KAPITEL 3

Historischer Überblick
Vom Mythos zum Logos – Die Antike
Spätantike und Mittelalter
Wuxing – Elemente im chinesischen Denken
Der Advent der modernen Naturwissenschaft
Materie als Masse
Von der Alchemie zur Chemie
Die Entwicklung der modernen Chemie
Feld und Materie
Der Äther
Wärme und Materie
Die Struktur des Atoms
Umbruch: Die Quantentheorie
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Zum dritten Kapitel

Materie ist kein Begriff der unmittelbaren Anschauung wie eine Fülle praktisch verwertbarer Fakten über die Welt, eine
Fuß oder Tisch. Es ist ein abstrakter Begriff, der ein Konzept Tatsache, die dazu beitrug, dass Europa lange Zeit die Welt-
benennt, das wir Menschen über die Natur entwickelt haben. geschichte dominierte.
Es ist ein Konzept über den Aufbau der Welt. Seit der Entdeckung der Atome und der Entwicklung der
Konzepte fallen nicht vom Himmel. Sie entwickeln sich Quantentheorien verliert der Begriff Materie wieder seine
mit der Kultur, in der sie entstanden sind. Und oft wandeln Bodenständigkeit. Quanten- und Stringtheorien bringen uns
sich Konzepte grundlegend, obwohl ihre Begriffe beibehal- vielleicht der Antwort auf die Frage näher, was die Welt im
ten werden. Der Begriff Materie ist von dieser Art. Was wir Innersten zusammenhält, sie führen aber gleichzeitig dazu,
heute unter Materie verstehen, ist kaum vergleichbar mit dass uns die Bedeutung solcher Begriffe wie Materie entglei-
dem Verständnis früherer Generationen. Was geblieben ist, tet. Was man in modernen Theorien damit assoziieren kann,
ist der Kern: Materie weist auf etwas Ursprüngliches, Zu- erinnert wieder an die Begriffe aus der Antike, an das Apeiron
grundeliegendes hin. ANAXIMANDERs oder das Dao der chinesischen Philosophie.
Die Wurzel des Wortes Materie ist die Mutter, der Ur- Der Weg zur Transzendenz des Materiebegriffs ist Thema des
sprung menschlichen Lebens. Entsprechend muss auch die letzten Abschnitts dieses Kapitels.
Geschichte der Materie mit den Vorstellungen der Menschen
über den Ursprung des Kosmos beginnen, mit den Schöp-
fungsgeschichten oder Kosmogonien.
Der Übergang von mythisch geprägten Schöpfungsge-
schichten zu einem rationalen Weltbild markiert den Weg
vom Mythos zum Logos; einen Weg, den im frühen ersten
Jahrtausend vor Christus die Hochkulturen in Asien ebenso
gingen wie die Kulturen im Mittelmeerraum. Nicht der Wille
der Götter prägt die Struktur der Welt, sondern rational
erfassbare Prinzipien.
Ein rationales Weltbild ist noch keine naturwissenschaft-
liche Theorie. Was fehlt, ist die methodische Verbindung zur
Beobachtung: Sind Aussagen überprüfbar, wenn möglich
messbar? Anfänge naturwissenschaftlicher Forschung gab
es in allen Hochkulturen, aber nur im christlichen Europa
entwickelte sie sich seit GALILEI zur dominierenden Methode
der Naturerklärung. Wir zeigen diesen Weg anhand der Ent-
wicklung des Materiebegriffs in der abendländischen Chemie
und Physik auf.
Mit der Verbreitung des naturwissenschaftlichen Weltbil-
des wandelte sich der Begriff der Materie. Er wurde in mehr-
facher Hinsicht reduziert: In der Physik war Materie lange
Zeit lediglich der Träger von Volumen und Masse, in der
Chemie stand die Umwandlung von Stoffen im Vordergrund.
Durch die von RENE DESCARTES (1596 – 1605) formulierte
Trennung von Geist (lat. res cogitans) und Materie (lat. res
extensa) wurde Materie gewissermaßen bodenständig. Wie
der Umfang dieses Buches zeigt, war diese Bodenständigkeit
außerordentlich fruchtbar für die Entwicklung von Wissen-
schaft und Technik. Das materialistische Weltbild lieferte
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Historischer Überblick

Vom Mythos zum Logos –


die Antike
THEOGONIE
Vom Ursprung der Welt –
die Schöpfungsmythen
Zuerst war das Chaos (gähnende Leere des Raumes),
Der Begriff Materie weist auf etwas Ursprüng- danach die breitbrüstige Gaia,
liches, Fundamentales hin, wie schon die Ver- niemals wankender Sitz aller Unsterblichen,
die den Gipfel des beschneiten Olymp und den finsteren Tartaros
bindung zur „Mutter“ nahe legt. Während
bewohnen in der Tiefe der breitstraßigen Erde;
man heute Materie eher mit „Bausteinen der
weiter entstand Eros (Liebesbegehren),
Welt“ assoziiert, waren die Vorstellungen über
der schönste der unsterblichen Götter, der gliederlösende,
Ursprung und Bestandteile der Welt zuerst der allen Göttern und Menschen den Sinn in der Brust überwäl-
magisch-mythischer Natur. Es wurde nicht un- tigt und ihr besonnenes Denken.
terschieden zwischen Göttern und der Welt, Aus dem Chaos gingen Erebos (finsterer Grund)
zwischen göttlichen und weltlichen Elementen, und die dunkle Nacht hervor,
zwischen Materie, Kraft und Geist. Den langen und der Nacht wieder entstammten Aither (Himmelshelle) und
Weg vom Mythos hin zu unserem naturwissen- Hemere (Tag),
schaftlich geprägten Weltbild beginnt man wohl die sie gebar, befruchtet von Erebos’ Liebe.
am besten mit den Vorstellungen der Menschen Gaia brachte zuerst, ihr gleich, den sternreichen Uranos hervor,
über den Anfang der Welt: den Schöpfungsmy- damit er sie ganz bedecke und den seligen Göttern ein niemals
then oder Kosmogonien (von griechisch kosmo- wankender Sitz sei.
gonia, die Weltzeugung). Weiter gebar sie hohe Berge,
liebliche Göttersitze für Nymphen,
die zerklüftete Höhen bewohnen.
Auch das unwirtliche Meer,
Schöpfung als Stammbaum –
das anschwillt und stürmt, erzeugte sie,
die Theogonie des Hesiod
doch ohne verlangende Liebe.

Der griechische Dichter HESIOD (um 700 v. Chr.)


beschreibt in der Theogonie den Beginn der HESIOD
Welt als einen Stammbaum der Götter.
Die Erde selbst erscheint bei HESIOD als
Göttin, der Himmel entsteht aus ihr und Eros
sorgt dafür, dass durch einen Liebesakt zwi- Schöpfung aus dem Eis –
schen Nacht und Finsternis der Tag entsteht. die nordischen Schöpfungsmythen
Die Elemente der Welt sind Gottheiten und
die Schöpfung ist Liebesakt und Geburt – oder Auch in der nordischen Mythologie entsteht die
Intrige und Gewalt: Auf Betreiben von Gaia Welt im Nichts, das zwischen Muspellheim, dem
schneidet Kronos, einer der Söhne von Gaia Ort ewigen Feuers, und Niflheim, dem Ort ewi-
und Uranos, seinem Vater das Geschlecht ab ger Kälte und eisiger Nebel, liegt. Dieses Nichts
und wirft es ins Meer. Gaia fängt die fallen- heißt Ginnungagap. Im Zentrum Niflheims liegt
den Blutstropfen auf und gebiert daraus die die Quelle Hvergelmir, aus der zwölf Flüsse ent-
Erinnyen und Nymphen. Aus dem Schaum, springen. Ihr Wasser gefriert zu Eis, das im Lauf
den das Geschlecht im Meer erzeugt, entsteht der Zeit bis ins Ginnungagap hineinreicht. Die
Aphrodite, die schaumgeborene Göttin. heiße Luft aus Muspellheim schmilzt dieses Eis

29
KAPITEL 3 Historischer Überblick

EDDA, Völuspa, 3 ozean und steht für das weibliche Chaosprinzip,


Apsu steht für den Süßwasserozean, das männ-
liche Chaosprinzip.
Urzeit war es, da Ymir hauste: nicht war Sand noch See noch
Salzwogen, nicht Erde unten, noch oben Himmel,
Gähnung grundlos, doch Gras nirgend. Tod und Wiedergeburt, Ei und Schöpfung
T

In vielen Schöpfungsmythen ist der Tod Vor-


aussetzung für neues Leben, ja sogar für die
ENUMA ELIS
Schöpfung schlechthin. Dabei ist er meist ge-
waltsam und die Mörder gehen keineswegs
Als droben der Himmel nicht genannt war, zimperlich vor: Der Leichnam wird zerstückelt
Drunten die Feste einen Namen nicht trug, und ausgeschlachtet. Der ägyptische Mythos
Apsu, der Unanfängliche, ihr Erzeuger, von Isis und Osiris ist ein weiteres Beispiel
Mummu und Tiâmat, die Gebärerin von ihnen allen, dieses Ablaufs. Osiris, Bruder und Geliebter
Ihre Wasser in Eins vermischten, von Isis wird von seinem Bruder Seth ermordet
Das Strauchwerk sich nicht miteinander verknüpfte, und zerstückelt, von Isis aber wieder zum Leben
Rohrdickicht nicht zu sehen war,
erweckt, wenn auch zu einem Leben in der Un-
Als die Götter nicht existierten, niemand,
terwelt. Dieser Mythos von der Zerstückelung
Sie mit Namen genannt, Geschicke ihnen nicht bestimmt waren,
und Wiederauferstehung spielt in der Alchemie
Da wurden die Götter in ihrer Mitte (= der Ozeane) geschaffen.
bei der Herstellung des Steins der Weisen eine
Rolle. Er ist Symbol des Todes der Materie als
und aus dem Schmelzwasser entsteht der Urriese Voraussetzung für ihr erneutes Zusammenfügen
Ymirr und die Urkuh Audhumbla, deren Euter zum Stein der Weisen.
ständig Milch geben, die Ymir als Nahrung dient.
Audhumbla ernährt sich, indem sie das salzige
Eis aufleckt. Während Ymir eines Tages schläft,
entstehen aus dem Schweiß seiner Achselhöhlen
ein männlicher und ein weiblicher Riese. Gleich-
zeitig paaren sich seine beiden Beine und es ent-
steht Ymirs sechsköpfiger Sohn Vafthrudnir, der
Vater der Riesen. Audhumbla erschafft durch ihr
Lecken Buri, den Stammvater der Götter, dessen
Enkel die ersten Asen Odin, Vili und Ve sind.
Eines Tages töten die Asen Ymir, da sie we-
der ihn noch die wachsende Zahl der Riesen
schätzen. Aus seinem Leib erschaffen sie im
Ginnungagap die Welt. Sein Fleisch bildet die
Erde, seine Knochen die Berge und Felsen, sein
Blut das Meer und Seen, seine Haare Bäume und
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Gras. Sein Schädel bildet die Himmelskuppel,


getragen von vier Zwergen, die aus den Maden
im Fleisch Ymirs geschaffen sind. Die Sterne
entstehen aus den Feuerfunken Muspellheims.
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

3-1
Ishtartor. Im Pergamon- Schöpfung aus den Ozeanen –
Museum in Berlin steht Tiâmat und Apsu
eine Rekonstruktion des
Ishtar-Tors
T des alten Ba-
bylon. Es zeigt Marduk als Nach dem babylonischen Lehrgedicht Enuma
Wesen mit dem Kopf einer elis (ca. 2000 – 600 v. Chr.) tötet der babylo- 3-2
Schlange, dem Schwanz nische Gott Marduk die Urgöttin Tiâmat und Die Zerstückelung. Sie steht in der Alchemie für den Rei-
eines Skorpions, den Kral- nigungsprozess der Materie. Diese Darstellung stammt
len eines Adlers und den schafft aus ihrem Leib Erde, Himmel, Götter aus dem alchemistischen Bildband Splendor Solis aus dem
Füßen eines Löwen. und Menschen. Tiâmat bedeutet Salzwasser- 16. Jahrhundert.

30
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Ebenfalls häufig anzutreffen ist die Vorstellung Heraklit


eines Eies, aus dem die Schöpfung geboren

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


wird. In einer Kosmogonie des antiken Grie- Der erste bekannte griechische Philosoph, für
chenlands werden Aither und Chaos durch den Logos als Urprinzip der Welt stand, war
Chronos gezeugt; aus Chronos bildet sich ein HERAKLIT (ca. 540 – 480 v. Chr.) aus Ephesos, das
silbernes Ei, aus dem Phanes (= Eros) hervor- etwa 70 km südlich des heutigen Izmir lag. Er
geht. Die Teile des Eies wurden auch mit den verstand das Logos als das Eine, das im Wandel 3-3
vier Elementen identifiziert: die Schale mit der Bestand hat und dem auch die Götter unterwor- vas hermeticum. Das
Erde, das Weiße mit Wasser, das Gelbe mit fen sind. Hier steht also ein Prinzip erstmals über philosophische Ei des Al-
chemisten.
Feuer und die Eihaut mit der Luft. Auch diese den Göttern. Für HERAKLIT bestand das Wesen
Vorstellung findet sich wieder in alchemisti- des Logos im Streit (griech. polemos), der für ihn
schen Prozessen. Das opus magnum, das große der Vater aller Dinge war. Streit ist ein Ausdruck
Werk der Goldherstellung (und des Steins der von Gegensätzen und Heraklit sah das Logos als
Weisen) kann nur gelingen, wenn die Reaktion das Gemeinsame in den Gegensätzen, als das,
im ovum philosophorum erfolgt, dem philoso- was Sein und Werden bestimmt. Dies war eine
phischen Ei. Im alchemistischen Labor verstand Lösung für ein philosophisches Problem, das
man darunter eine Retorte mit kurzem Hals, auch in der dialektischen Philosophie von HEGEL
auch vas hermeticum genannt. (1770 – 1831) und MARX (1818 – 1883) aufge-
griffen wird: Wie kann Wandel aus statischen

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Prinzipien erklärt werden? Das war ein Problem,
Entmythologisierung der Natur das die magisch-mythische Welt nicht kannte,
da in ihr nichts statisch war. HERAKLIT wird oft
In Mythologien sind Natur und Gottheiten zugesprochen, das Feuer als Grundelement der
eins, alles in der Welt ist beseelt und lebendig Welt postuliert zu haben. Damit ist allerdings 3-4
(Hylozoismus). Die Kräfte, die die Welt bewe- im metaphorischen Sinn das Logos als das sich Heraklit. Heraklit in der
gen, zeigen sich auch in Geburt, Tod, Liebe und ewig Wandelnde gemeint, nicht der Urstoff der Gestalt Michelangelos,
Detailansicht aus „Die
Hass. Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied Welt im materiellen Sinn. Schule von Athen“,
zwischen physischen und psychischen Kräften, RAFFAEL SANTI, 1510/11,
die gleichen Kräfte beeinflussen die Handlun- Stanzen des Vatikans,
Wasser und Luft – Thales und Anaximenes Rom.
gen der Menschen und den Lauf der Jahreszei-
ten. Kräfte sind selbstständige Wesenheiten, die THALES von Milet (ca. 624 – 546 v. Chr.), Schü-
die Dinge der Welt erst zu dem machen, was sie lern bekannt durch den Thaleskreis ("der Winkel
sind. Die Welt verhält sich menschlich, oder im Halbkreis ist ein Rechter"), lernte auf Reisen
besser: Das Wesen der Menschen entspricht nach Ägypten und dem Mittleren Orient alles,
dem Wesen der Welt. Diese Sicht findet sich was man seinerzeit über Mathematik, Naviga-
auch heute noch in überlieferten Lehren und tion und Astronomie wusste. Seinen Zeitgenos-
oft im sogenannten „ganzheitlichen Naturver- sen galt er der Überlieferung nach als Träumer,
ständnis“. „Wie oben, so unten“, lautet etwa der angeblich einst im Gehen den Himmel be-
ein zentraler Satz der Astrologie: Der Weg der obachtete und dabei in einen Brunnen fiel. Er
Planeten spiegelt den Weg der Menschen. Die war wie seine Nachfolger in der milesischen
Astrologie hat ihre Wurzeln im Babylon des Schule auf der Suche nach dem Urstoff (griech.
dritten Jahrtausends vor Christus. arché). Für ihn war Wasser dieser Stoff, da
Mit dem Advent des philosophischen Denkens Wasser für alles Lebendige wesentlich ist. Nach
beginnt ein langsamer Wandel vom Hylozo- THALES schwamm die Erde auf einer Wasser-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

ismus zu einem rationalen Naturverständnis oberfläche und das gelegentliche Stampfen der
– ein Weg „vom Mythos zum Logos“. An die Erde war verantwortlich für Erdbeben. THALES
Stelle magischer Kräfte und göttlichen Wirkens war jedoch auch noch im Hylozoismus verwur-
treten Prinzipien, deren Geltungsanspruch sich zelt. Von ARISTOTELES ist der Ausspruch des
auf rationale Argumente gründet. Es sollte aller- THALES überliefert, dass „alles voller Götter“ sei.
dings noch viele Jahrhunderte dauern, ehe es zur Die Vorstellung des Urstoffs „Wasser“ ist daher 3-5
Thales von Milet. Der
Formulierung von Naturgesetzen im modernen nicht so zu verstehen, wie wir heute den Begriff Philosoph lebte von
Sinne kam. verstehen: als einen Grundbaustein der materi- 624 – 546 v. Chr.

31
KAPITEL 3 Historischer Überblick

ellen Welt. Laut ARISTOTELES verstand THALES auch in den Jahreszeiten erkennbar: Im Sommer
die Rolle des Wassers mythisch: Es verweist auf herrscht das Warme/Trockene vor, im Winter das
den griechischen Gott Okeanos und auf den Kalte/Feuchte. Das Apeiron sorgt für Gleich-
Fluss Styx, der das Totenreich vom Reich der gewicht und lenkt dabei die Entwicklung der
Lebenden trennte. Welt, da alle Prinzipien und Eigenschaften Teil
Eine Generation später setzte ANAXIMENES des Apeiron sind.
(585 – 526 v. Chr.) die milesische Tradition fort. Mit PARMENIDES (ca. 515 – 445 v. Chr.) tritt
Für ihn ist die Luft das arché, der göttliche Ur- ein Theoretiker auf den Plan, der im Gegensatz
stoff, und gleichzeitig als pneuma der belebende zu den Miletern die Wahrnehmung für die
Atem, die Seele. Die Elemente der Welt entstehen Wahrheitsfindung als völlig ungeeignet ansah:
durch Verdünnung bzw. Verdickung der Luft. Nur das Denken kann uns die Wahrheit zeigen,
Dabei entsteht durch Verdünnung das Feuer, Wahrnehmung ist Irrtum und Schein. Das
durch Verdickung das Wasser und durch stetig Sein nämlich ist unveränderlich, schon immer
weitere Verdickung Erde und Stein. gewesen und unvergänglich, während unsere
Etwa zwei Generationen später schuf EM- Wahrnehmung vor allem das sich Bewegende
PEDOKLES eine vereinheitlichte Elementelehre und Veränderliche registriert. Wäre das Sein aber
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

mit den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer, veränderlich oder könnte es vergehen, so gäbe es
Luft. Wir werden uns noch eingehender damit ja etwas anderes Seiendes, zu dem hin sich das
beschäftigen. Zuvor werden wir zwei Philoso- Sein verändert oder wohin es vergeht. Das wäre
phen kennenlernen, die einen abstrakteren Weg jedoch ein Widerspruch. Nach PARMENIDES
gingen: ANAXIMANDER und PARMENIDES. kann es auch nicht Nichts geben, da Nichts
3-6 nicht denkbar ist. Damit kann es natürlich auch
Anaximander. Detailan- Grenzenloses und Unvergängliches – keinen leeren Raum geben, kein Vakuum. Gäbe
sicht aus „Die Schule von es ein Vakuum, so würde ja etwas anderes als
Athen“, RAFFAEL SANTI, Anaximander und Parmenides
1510/11, Stanzen des Va- das Sein existieren, es hätte eine Grenze. Und
tikans, Rom. ANAXIMANDER (ca. 611 – 547 v. Chr.) war ein natürlich: Wenn kein Vakuum existiert, kann
Zeitgenosse des THALES und ein bekannter Astro- sich auch nichts bewegen oder verändern, da
nom, der die erste griechische Landkarte sowie hierfür kein Platz ist. Bekannter als PARMENIDES
einen Himmelsglobus schuf. Anstelle der die selbst ist heute dessen Schüler ZENON von Elea.
Welt erschaffenden Götter oder anstelle des Was- Von ihm stammt das Paradox von Achilles und
sers trat bei ANAXIMANDER eine abstrakte Sub- der Schildkröte. Damit sollte nachgewiesen
stanz als Ursache der Welt in Erscheinung, das werden, dass Bewegung tatsächlich Illusion ist.
Apeiron. Apeiron, das Grenzenlose, ist zeitlos, PARMENIDES’ Lehre vom unvergänglichen
grenzenlos, hat keine Eigenschaften, durch die es S ein beeinflusste die nachfol g enden Phil o -
sich von anderen Dingen unterscheiden läßt, es s o p hen wesentlich. Obwohl weni g e seine
ist der Stoff schlechthin, aus dem Welt, Zeit und A uffassung über die Wahrnehmung teilten,
Raum und die Elemente erst entstehen können. k o nn te n s i e das We r de n ni c h t m e hr du r c h
Da das Apeiron alle Elemente und Eigenschaften ein Entstehen aus dem Nichts erklären. Erst
dieser Welt in sich vereinigt, einschließlich des die Vorstellung eines allmächtigen Gottes in
Prinzips der Bewegung, konnte Struktur durch Judentum, Christentum und Islam lieferte
Ausdifferenzierung der Prinzipien „das Warme/ einen akzeptablen Rahmen für diese creatio
Trockene“ und „das Kalte/Feuchte“ entstehen. ex nihilo. Die Vorstellung, dass kein Vakuum
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

ANAXIMANDER ging davon aus, dass durch die existieren könne, blieb aber bis in die Neuzeit
Bewegung eine Trennung zwischen dem Warmen hinein vorherrschend. Interessanterweise ist
und dem Kalten entstand, die zur Gestaltung des d ie Struktur des (anscheinend g ar nicht so
Kosmos führte. Die Erde bildete als tortenähn- leeren) Vakuums bis heute ein aktuelles For-
licher Zylinder das Zentrum des Kosmos und schungsthema (ÅKapitel 10).
3-7
Parmenides von Elea. De- wurde von glühenden Feuerrädern umkreist.
tailansicht aus „Die Schule Durch die Speichenöffnungen der Räder konnte
von Athen“, RAFFAEL SANTI, man den feurigen Mantel erkennen, von der
1510/11, Stanzen des
Vatikans, Rom. Sie soll Erde aus erschienen diese Löcher als Sterne. Die
PARMENIDES zeigen. wechselnde Dominanz von Warm und Kalt ist

32
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Die vier Elemente – Empedokles


EMPEDOKLES (ca. 495 – 435 v. Chr.) aus dem DIE VIER ELEMENTE
sizilianischen Agrigent war bekannt als Arzt,
Dichter, Naturforscher, Magier und Philosoph, Denn fürs erste vernimm des Weltalls vierfache Wurzel:
mi sc h te abe r auc h in de r P o li t ik se in e r Zeus, der strahlende, Hera, der Nahrung Spenderin, Hades,
Heimat kräftig mit. Wie für PARMENIDES ist Nestis, die irdisches Naß läßt aus den Tränen entquellen.
auch für EMPEDOKLES das Seiende ewig und
unvergänglich, aber für ihn ist die Sinneswelt
EMPEDOKLES
nicht Schein. Er vereinigte die milesischen
Vorstellungen eines Urstoffs zu einer Vier-
Elemente-Lehre von Feuer, Erde, Wasser, Luft.
Diese Elemente bilden das unvergängliche Sein. sie voneinander. Vereinigung und Trennung sind
Das Gedicht von EMPEDOKLES verbindet sie mit dabei weniger räumlich zu verstehen, da die vier
den Göttern: Zeus steht für das Feuer, Hera für Elemente ja im pythagoreischen Sinn eine Einheit

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


die Erde, Hades für die Luft und Nestis für das bilden, sondern als Spannungsverlagerung.
Wasser. Die vier Elemente werden in Anlehnung Die unterschiedlichen Dinge entstehen durch
an die Pythagoreer als die „Wurzeln“ (griech. Misc h ung d er E l emente in versc h ie d enen
rhizómata) der Welt dargestellt. Die Pythagoreer Proportionen. Die Entstehung des Menschen ist
sahen in den Zahlen eins bis vier die Wurzeln dabei ein zufälliger Prozess, verbunden mit einer
aller Zahlen, weil sich aus ihnen alle anderen Art von Selektion, die an die damals noch mehr 3-8
Empedokles. Holzschnitt
erzeugen lassen, insbesondere die heilige Zahl als zweitausend Jahre in der Zukunft liegende aus der Nürnberger Chro-
zehn als deren Summe. Evolutionstheorie erinnert: Zunächst entstehen nik von 1493.
Werden und Vergehen bedeuten bei aus den vier Elementen die homogenen Sub-
EMPEDOKLES Mischung und Entmischung der vier stanzen Blut, Fleisch und Knochen. Aus diesen
Elemente unter dem Einfluss der Kräfte Liebe und entwickeln sich durch zufällige Verbindungen
Hass. Liebe vereint die Elemente, der Hass trennt die einzelnen Glieder. Dabei kommt es auch zu

Die Ordnung der Vier

Die Vierheit als Ordnungsschema spielte in Antike und Mit- Auch die Medizin der Hildegard von Bingen, Kneipp-
telalter eine große Rolle. Den vier Elementen wurden die vier und Entschlackungskuren basieren letzten Endes auf
Qualitäten warm/kalt, trocken/feucht und die vier Körpersäfte der Vorstellung, dass Krankheiten durch Störungen
Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zugeordnet. Die- im Gleichgewicht der Säfte (Dyskrasie) entstehen. Der
sen wiederum entsprachen die vier Charaktere Sanguiniker Aderlass diente dazu, schädlichen Blutüberschuss in
(von lateinisch sanguis, Blut), Phlegmatiker (von griechisch einem Körperteil zu entfernen. Auch der Speiseplan wurde
phlegma, Schleim), Choleriker (von griechisch chole, Galle) diesem Ordnungsschema angepasst. Bei einer Störung des
und Melancholiker (schwarze Galle aus griechisch mela, Säftegleichgewichts oder je nach Temperament wurden die
schwarz und chole). Auch die vier Jahres- und Tageszeiten, Speisen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zubereitet.
sowie die menschlichen Lebensphasen wurden diesen Kate- Entsprechende Rezepte haben sich bis heute erhalten: eine
gorien zugeordnet. Hühnerbrühe soll aufgrund des kalt-trockenen Charakters des
Die Viersäftelehre oder Humoralpathologie (von lat. Huhns bei fiebrigen Erkältungen helfen. Die Vier-Elemente-
humores, Säfte) geht auf die griechischen Ärzte HIPPOKRATES Lehre fand auf die gleiche Weise Eingang in die Astrologie:
(ca. 460 – 370 v. Chr.) und GALEN (ca. 129 – 199 n. Chr.) Erde, Wasser, Feuer, Luft finden sich wieder in der Einteilung
zurück und prägte die Medizin bis ins 19. Jahrhundert. der Tierkreiszeichen in Erd-, Wasser-, Feuer-, und Luftzeichen.

Element Qualität Körpersaft Charakter Temperament Farbe / Geschmack Lebensphase Jahreszeit


Luft Warm und nass Blut Sanguiniker Heiter Rot und süß Kindheit Frühling
Feuer Warm und trocken Gelbe Galle Choleriker Kühn Gelb und bitter Jugend Sommer
Erde Kalt und trocken Dunkle Galle Melancholiker Trotzig Schwarz und scharf Mannesalter Herbst
Wasser Kalt und nass Schleim Phlegmatiker Träge Weiß und salzig Greisenalter Winter

33
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Missbildungen, die jedoch nicht lebens- oder Feueratomen, die klein, rund und deshalb sehr
fortpflanzungsfähig sind. Die Seele ist nichts beweglich sind. Sie ist also nicht getrennt vom
anderes als ein bestimmtes Mischungsverhältnis übrigen Sein, es gibt keine Weltseele, die Atom-
der Elemente, das sich auch wieder auflösen theorie ist eine monistische, keine dualistische
kann, sie ist also nicht unsterblich. Theorie. Auch Sinneseindrücke wie Geschmack
und Farbe sind auf die Eigenschaften der Atome
zurückzuführen. So besteht Saures aus scharf-
Leukipp und Demokrit – kantigen Atomen, Süßes aus runden.
die frühen Atomisten
LEUKIPP (Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr.) aus Ideen oder Form?
Milet gilt als Begründer der ersten Atomtheorie,
Platon und Aristoteles
DEMOKRIT (ca. 460 – 370 v. Chr.) aus der thra-
kischen Küstenstadt Abdera nahe dem heuti- Knapp zweihundert Jahre nach ANAXIMANDER, in
gen Dorf Avdír arbeitete sie weiter aus. In ihrer der Blütezeit griechischer Philosophie, lebte der
Atomlehre teilten beide die Ansicht PARMENIDES, Athener PLATON (427 – 347 v. Chr.). Sein politi-
dass das Seiende unvergänglich sein muss. Für sie sches Engagement vor allem in Syrakus bei Kö-
jedoch existierte auch das Nichtseiende in Form nig DIONYSOS endete im Desaster; einmal wurde
des leeren Raums, da nur durch ihn Bewegung PLATON sogar als Sklave verkauft. PLATON war ein
möglich ist. Das Rätsel, wie aus dem unverän- Schüler des legendären SOKRATES und stellte seine
derlichen Seienden Veränderung entsteht, lösten philosophischen Gedanken in Form von Dialogen
sie durch die Einführung von Atomen (griech. zwischen SOKRATES und Zeitgenossen dar. Diese
átomos, unteilbar). Das Seiende besteht demnach Dialoge sind uns erhalten und sie tragen meist den
aus unteilbaren, unvergänglichen Atomen, die Namen des Dialogpartners. PLATON N entwickelt in
sich in Größe, Form, Lage und Anordnung un- diesen Dialogen auch seine Ideenlehre und stellt
terscheiden. Es gibt also verschiedene Arten von im Timaios seine Kosmogonie dar.
Atomen und Atome unterschiedlicher Größe ha- Auch er spricht vom ewig Seienden, die
ben unterschiedliches Gewicht. Das unterschied- wahrnehmbaren Dinge nehmen an diesem Sein
liche Gewicht der Stoffe entsteht auch durch aber lediglich vorübergehend teil, da sie ver-
die unterschiedlichen Hohlräume zwischen den gänglich sind. Das wahre Sein drückt sich aus
Atomen – durch ihre unterschiedliche Dichte, wie durch die Ideen, die wir in den Dingen erken-
man heute sagen würde. nen. Das wahre Sein eines Stuhles ist nicht der
Werden und Vergehen der Dinge erklären Stuhl selbst, sondern die Idee des Stuhl-Seins.
die Atomisten durch das Zusammen- und Aus- Damit gibt PLATON eine Antwort auf die Frage,
einandergehen der Atome. Atome verfügen über wie wir das Wesen von Dingen erkennen. Was
eine ihnen innewohnende Bewegung. Wechsel- ist das Gemeinsame an Stühlen und wie erken-
wirkungen zwischen ihnen kommen dadurch nen wir es? Woher kommt unsere Vorstellung
zustande, dass sie sich je nach Art abstoßen oder des Kreises ohne dass es vollkommene Kreise
aneinander haften. Harte Stoffe bestehen aus gibt? Unser Geist hat an den Ideen teil, die
Atomen, die sich auf Grund ihrer Gestalt fest in- Dinge selbst führen eine Schattenexistenz zwi-
einander verhaken; weiche bestehen aus solchen, schen Sein und Nichtsein. Die Materie, der
die leicht gegeneinander verschiebbar sind. Die Stoff aus dem die Dinge sind, spielt dabei eine
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Welt entstand laut DEMOKRIT aus einem Wirbel, untergeordnete Rolle. Seine wesentlichste Ei-
der große und kleine Atome voneinander trennte. genschaft ist die Teilbarkeit.
Die großen (also schwereren) sammelten sich in Im Gegensatz zu ANAXIMANDER entsteht die
der „Mitte“ und bildeten die Erde, die kleineren Welt bei PLATON nicht von selbst und besteht
(leichteren) flogen nach außen und bildeten die auch nicht ewig wie bei PARMENIDES. Vor dem
3-9 Sterne. Da Raum und Anzahl der Atome unend- Anfang befanden sich die Ursubstanzen der
Demokrit. Skulpur von lich sind, muss es auch unendlich viele Welten Welt in einem wirren Durcheinander, in einer
LÉON-ALEXANDRE DELHOMME geben, die entstehen und vergehen. an „keine Regel gebundenen Bewegung“, in
(1841 – 1895) vor dem
Musée des beaux-arts in Die Atomisten vertraten auch eine materi- einem Chaos. Ein Weltbaumeister, ein Demiurg
Lyon. alistische Theorie der Seele: Diese besteht aus (griech. demiourgós, Schöpfer, Handwerker)

34
Erde, Wasser, Luft und Feuer

musste die Welt aus diesem Chaos erschaffen. zwischen den Basisdreiecken ineinander über-
Sie ist ein Ausdruck göttlicher Vernunft und führbar:
göttlicher Ideen. Die Menschen können die
göttlichen Ideen hinter der sinnlichen Welt er- 1 Wasser → 1 Feuer + 2 Luft: 120 Δ → 24 Δ + 2 · 48 Δ
1 Luft → 2 Feuer: 48 Δ → 2 · 24 Δ
kennen, da sie mit Vernunft ausgestattet sind
2 1/2 Luft → 1 Wasser: 2 1/2 · 48 Δ → 120 Δ
und die Welt selbst an diesen Ideen teilhat.

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Erkenntnis ist also ein Prozess des Erinnerns. Erde kann auf diese Weise nicht umgewandelt
Dieser Dualismus, der unterscheidet zwischen werden, da sie aus einer anderen Sorte von Drei-
den Dingen und den Ideen, an denen sie teilha- ecken besteht. Allerdings kann das Feuer durch
ben, ist die Wurzel des abendländischen Dua- seine Spitzigkeit die Erddreiecke voneinander
lismus zwischen Leib und Seele. Beide gehören trennen. Aber irgendwann wird aus den ge-
unterschiedlichen Kategorien des Seins an, und trennten Dreiecken doch wieder Erde, da sie 3-10
die Vorstellung, die Seele könne auf Materie sich zu nichts anderem verbinden können. Feuer Platon. Auf dem Gemälde
„Die Schule von Athen“
und ihren Eigenschaften beruhen, erscheint in zerteilt auch die anderen Elemente nach den trägt PLATON (links, ver-
diesem Kontext absurd. oben aufgeführten Zerteilungsgleichungen. Die körpert durch LEONARDO
Als perfektes Wesen konnte der Demiurg Zerteilung hört auf, wenn nur noch Feuer da ist. DA VINCI) seine bekannte
Schrift Timaios in der
nur eine perfekte, eine nach absoluten Maß- Feuer seinerseits wird bei Einschluss in Luft so Hand, in der er seine Kos-
stäben schöne Welt erschaffen. Das Perfekte lange zersetzt, bis es zu Luft geworden ist. Diese mogonie darstellt.
und absolut Schöne verbarg sich bei PLATON Zerteilungsgleichungen erinnern an chemische
in mathematischen Proportionen und idealen Gleichungen wie sie heute zur Beschreibung von
geometrischen Formen. Die Welt musste kugel- Stoffumwandlungen gebräuchlich sind.
förmig sein, da die Kugel alle anderen Formen PLATON wählte gut, als er Dreiecke zu Grund-
umhüllt und in ihrem Ebenmaß die perfekte bausteinen der materiellen Welt erklärte. Heut-
Figur darstellt. Die vier Elemente Erde, Wasser, zutage werden Dreiecke oder Tetraeder und ihre
Feuer, Luft sollten zusammen mit dem Äther, Verallgemeinerung auf mehr als drei Dimensi-
der die Himmelssphäre bildet, den fünf Pla- onen (sogenannte Simplices) dazu verwendet,
tonischen Körpern entsprechen. Sie sind die komplexe Formen zu approximieren. So verwen-
einzigen regulären Körper (eine Eigenschaft, die det man Dreiecke, um beliebig geformte Flächen
bewiesen wurde durch THEÄTET, einem Schüler in Computerspielen darzustellen. Wählt man
PLATONs). Nach PLATON bilden die Elemente die Dreiecke klein genug, so erscheint die dar-
aber nicht die Grundbausteine der Welt, son- aus gebildete Fläche glatt. Eine besondere Vari-
dern Basisdreiecke, aus denen vier platonische ante, Simplices in der Physik einzusetzen, ist als
Köper gebildet sind. Das fünfte Element, der kausale dynamische Triangulation bekannt. Mit
Äther, entsteht aus regelmäßigen Fünfecken. Hilfe dieses Verfahrens kann die komplexe Struk-
Stoffe versteht PLATON als „Arten“ der Ele- 3-11
mente. Sie sind unter anderem durch die Größen Basisdreieck Typ 1. Der
der Basisdreiecke bestimmt. Eine Art des Wassers erste T
Typ von Platons
rechtwinkeligen Basisdrei-
(flüssig und schmelzbar) ist das Gold. Die Vielfalt ecken entsteht durch Hal-
der Stoffe entsteht dadurch, dass in der Schöpfung bierung des gleichseitigen
Dreiecke verschiedener Größe hervorgebracht Dreiecks.

wurden. Jedes Element hat dabei einen bestimm-


ten Ort im Kosmos. Bei Elementumwandlungen
kommt es immer zu Ortsveränderungen, da die
neuen Elemente zu ihrem natürlichen Ort stre- 3-12
ben. Schwere sieht PLATON als die Tendenz eines Basisdreieck Typ 2. Das
gleichschenkelige recht-
Körpers, an seinen natürlich Ort zurückzukehren; winkelige Dreieck ist der
sie ist also relativ. zweite T
Typ von Platons
Basisdreiecken.

Platons Physik und Chemie der Elemente

Da sie selbst nicht elementar sind, sind die


Elemente durch Auflösung der Verbindung

35
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Platons Elementarteilchen

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PLATON konstruiert die Platonischen Körper ecken. Dieser Körper repräsentiert die Luft und
aus zwei Basisdreiecken, dem rechtwinkeligen steht nach Gewicht zwischen Feuer und Wasser.
Dreieck, das durch Teilung des gleichseitigen Aus 20 gleichseitigen Dreiecken entsteht das
entsteht, und dem gleichschenkeligen rechtwin- Ikosaeder mit insgesamt 120 Basisdreiecken.
keligen Dreieck (Å Abbildung 3-11, Seite 35). Es repräsentiert das Wasser, den schwersten
3-13
Diese Dreiecke sind nach Ansicht PLATONs beweglichen Körper, der aus den Basisdreiecken
Tetraeder (Feuer). Aus 24
rechtwinkeligen Dreiecken die schönsten der möglichen Dreiecke, alle gebildet wird. Der Würfel (Hexaeder) entsteht
entsteht ein Tetraeder
T anderen lassen sich daraus erzeugen. Aus 24 aus 4 · 6 Dreiecken des Typs 2, d. h. aus 24Ele-
(Vierflächner).
rechtwinkeligen Basisdreiecken vom Typ 1 ent- mentardreiecken. Er ist am unbeweglichsten,
steht durch viermaliges Zusammenfügen von deshalb repräsentiert er die Erde.
sechs Dreiecken zu gleichseitigen Dreiecken der Der Dodekaeder besteht aus 12 regelmäßi-
Tetraeder, der das Feuer repräsentiert. Es ist gen Fünfecken. Aufgrund seiner nahezu run-
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das leichteste und das spitzigste Element. Auf den Form bildet er nach PLATON die äußerste
die gleiche Weise entsteht das Oktaeder aus Schale des Kosmos. Seinen zwölf Flächen sind
8 · 6 Dreiecken des Typs 1, d. h. 48 Basisdrei- die zwölf Sternbilder zugeordnet.

tur des frühen Universums unter Berücksichti-


gung der sogenannten Quantenfluktuationen Materia prima – der Urstoff des Aristoteles
3-14
näherungsweise berechnet werden (ÅKapitel 10).
Oktaeder (Luft). Aus 48
Basisdreiecken des Typs
T Neben P LATO N ist A RI S TO TELE S (38 4 – 322
1 entsteht ein Oktaeder Platonisches Denken heute v. Chr.) der Philosoph, der wissenschaftliches
(Achtflächner). und philosophisches Denken im Abendland und
Während PLATONs Kosmogonie und Elemen- im Orient am tiefsten geprägt hat. ARISTOTELES
telehre heute keine Rolle mehr spielen, ist die stammt aus Stageira, in der Nähe der heutigen
Frage, welchen Wirklichkeitsstatus Ideen haben, Stadt Stagira auf der nordgriechischen Halbin-
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nach wie vor aktuell. Deutlich wird dies unter sel Chalkidiki. Sein Vater war Arzt am Hof des
anderem bei der Suche nach einer physikali- makedonischen Königs und ARISTOTELES wurde
schen „Theorie für alles“, der TOE (Theory of Lehrer des jungen ALEXANDER DES GROSSEN. Er
Everything). Der Physiker STEVEN WEINBERG war von 367 bis 347 v. Chr. Schüler und Lehrer
formulierte diese Suche so: an PLATONs Akademie in Athen, 335 gründete
er eine eigene Schule, das Lykeion. Das Lykeion
„.. das ist unser Bestreben: nach einem einfachen wurde auch bekannt als Peripatos, nach dem
3-15
Ikosaeder (Wasser). Aus
Satz physikalischer Prinzipien zu suchen, denen griechischen Wort für Wandelhalle oder Spa-
insgesamt 120 Basisdrei- eine größtmögliche Zwangsläufigkeit anhaftet
und von denen alles, was wir über Physik wissen,
ziergang. Es war damals die Gewohnheit der
ecken entsteht ein Ikosa-
eder (Zwanzigflächner). zumindest im Prinzip abgeleitet werden kann.“ Philosophen, in den öffentlichen Gymnasien
im Umhergehen zu lehren.
Eine solche Theorie kann nicht ausschließlich auf
Erfahrung gegründet werden, da sie Phänomene Form und Materie
wie die Entwicklung oder Entstehung des Uni-
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versums erklären muss, die unserer Erfahrung Auch ARISTOTELES ist wie PARMENIDES der Über-
für immer unzugänglich bleiben. Sie muss sich zeugung, dass aus Nichts nichts entstehen und
letzten Endes auf Prinzipien und Schlussregeln etwas, was ist, nicht einfach verschwinden kann.
stützen, die nur mathematisch-logisch begrün- Das Seiende muss ewig währen. Wie ist dann
det werden können, die also zwangsläufig g sind. aber Veränderung, Entstehen und Vergehen zu
Damit sprechen wir mathematischen Sätzen aber erklären? Er kann sich nicht mit der Atomthe-
3-16 im Grunde eine eigene Existenz zu, die außerhalb orie von DEMOKRIT und LEUKIPP anfreunden, da
Hexaeder (Erde). Aus 24
des menschlichen Geistes liegt. Mathematische mit der Einführung von unteilbaren Atomen
rechtwinkeligen Dreiecken
(Typ
T 2) entsteht ein Hexa- Sätze wären nach dieser Sicht der Dinge „a pri- doch lediglich die große Zahl der Naturerschei-
eder (Sechsflächner). ori“ (vor der Erfahrung) gültig. nungen auf eine nicht minder große Zahl an

36
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Atomformen zurückgeführt werde. Auch gibt es sind für ARISTOTELES die einfachsten Substan-
für ihn keinen Grund anzunehmen, dass Materie zen, die aus der materia prima (Ersten Materie)
nicht unbeschränkt teilbar sein sollte. Allerdings hervorgehen. Die materia prima ist selbst nicht
sah er, dass Körper nicht beliebig geteilt werden fassbar, es gibt kein „Stück“ materia prima, da
konnten, ohne wichtige Eigenschaften zu verlie- sie ja keine Form besitzt. Aus den vier Elementen
ren. So konnten Pflanzen oder Tiere oder ihre entstehen in der nächsten Stufe die gleichartigen

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Organe nicht beliebig klein werden. Diese Sicht- Stoffe (griech. homoiomere) wie Holz, Mine-
weise wurde als minima-naturalia-Lehre später rale, Blut, daraus wiederum die inhomogenen
wieder aufgegriffen und weiterentwickelt, bis Substanzen wie Organe und Lebewesen. Die
sie schließlich mit dem Atomismus verschmolz. vier Elemente können prinzipiell ineinander um-
ARISTOTELES wendet sich auch gegen PLATONs gewandelt werden, eine Vorstellung, die in der
Welt der Ideen; sie war für ihn ein überflüssiges Alchemie eine zentrale Rolle spielt. Wirkliche 3-17
Konzept. Das, was ein Ding zu dem macht, was Erde, wirkliches Wasser und wirkliche Luft sind Aristoteles. Auf dem
Gemälde „Die Schule von
es ist, ist für ARISTOTELES dessen Form (eidos). Mischungen der vier Elemente. Athen“ trägt ARISTOTELES
Die Form ist aber verbunden mit der Materie. ARISTOTELES war sich über den Unterschied (rechts, neben PLATON)
Die Materie ist sozusagen potenzielll etwas, aber zwischen einer Mischung und einer Verbindung seine bekannte Schrift
Nikomachische Ethik in
erst durch die Form wird sie es tatsächlich: Ein bewusst. Letztere verglich er mit einer Silbe, die der Hand.
Stück Bronze ist potenziell eine Statue, aber erst etwas anderes ist als die Buchstaben, aus denen
durch die Form wird es dazu. Für uns unge- sie besteht. Die Form der Verbindung ist eine an-
wöhnlich ist, dass ARISTOTELES die Form eines dere als die der Bestandteile. Nach ARISTOTELES
Dings als nicht weiter erklärungsbedürftig auf- bleiben aber die Formen der Elemente potenziell
fasst. Die Frage „Warum hat ein Pfirsich genau in der Verbindung bestehen. So wie aus einer
diese Form?“ ist für ARISTOTELES unsinnig. Der Bronzestatue wieder ein Bronzebarren hergestellt
Pfirsich hat Pfirsichform, weil es ja die Form ist, werden kann, können schließlich aus einer Ver-
die ihn zum Pfirsich macht. Die Form ist selbst bindung die Elemente zurückgewonnen werden.
Ursache, ist causa formalis. Dabei ist Form nicht Wie man sich dies genau vorstellen sollte, bleibt
nur geometrisch zu verstehen; zur Form gehö- bei ARISTOTELES allerdings unklar. Was mit den
ren auch die essenziellen Eigenschaften, beim Elementen in einer Verbindung geschieht, war
Pfirsich also beispielsweise die Tatsache, dass er daher ein im Mittelalter viel diskutiertes Problem
einen harten Kern besitzt. Nicht jedoch die Süße, (ÅVerbindungen, Seite 44).
da unreife Pfirsiche sauer sind und trotzdem
als Pfirsiche gelten. Die Süße eines Pfirsichs ist Gewicht und Masse
eine akzidenzielle Eigenschaft. Sie kommt einem
Pfirsich nur zeitweilig zu. Die Trennung zwischen Bei ARISTOTELES ist Gewicht eine essenzielle
Form und Materie spielt in der Naturphilosophie Eigenschaft von Körpern wie Farbe oder Ge-
des Mittelalters eine große Rolle. Auf ihrer Basis ruch. Feuer und Luft haben kein Gewicht, da
wurde die Natur von Stoffumwandlungen und sie nach oben streben, Erde hat das höchste
chemischen Verbindungen erklärt, insbesondere Gewicht, weil sie am weitesten nach unten strebt
in Gestalt der minima-naturalia-Lehre. Der frühe (zum Mittelpunkt). Wasser nimmt eine Mittel-
Atomismus als rivalisierende Theorie war damals stellung ein. Ein Körper ist umso schwerer, je
nicht in der Lage, eine befriedigende Erklärung mehr Erdelementt er in sich trägt, je stärker also
dafür zu liefern, weshalb selbst die frühen Ato- sein Bestreben ist, auf die Erde zurückzukehren.
misten des 17. Jahrhunderts bei chemischen Phä- Die abstrakte Vorstellung von Masse als einer
nomenen auf aristotelische Erklärungsmuster allen Körpern gleichen Eigenschaft war dem
zurückgriffen (ÅMinima naturalia, Seite 44). antiken Denken fremd. Zwar verwendete auch
ARISTOTELES den Materiebegriff (hylê), um das
Materia prima, die Elemente und ihre Substrat aller Dinge zu bezeichnen, die Schwere
Verbindungen eines Körpers führte er jedoch nicht auf dessen
Gehalt an Materie zurück. Gewicht war keine
ARISTOTELES vertrat eine Vier-Elemente-Lehre Eigenschaft der Materie selbst, sondern der Ele-
wie EMPEDOKLES, wobei er den Äther als himmli- mente. Ein Apfel mochte gleich viel wiegen wie
schen Stoff hinzufügte. Erde, Wasser, Feuer, Luft ein Goldstück, niemand kam jedoch damals auf

37
KAPITEL 3 Historischer Überblick

den Gedanken, zu sagen, beide enthielten des- wurden sie aufgegeben. In der Folgezeit wurden
halb die gleiche Menge an Materie, so wenig, Schulen in anderen Städten des Mittelmeerraums
wie wir heute sagen, ein roter Ferrari enthalte g e g ründet, unter anderem im wichti g sten
die gleiche Menge Rotheit wie ein rotes Hemd. Kulturzentrum dieser Zeit, in Alexandria. Mit
den Eroberungszügen ALEXANDERS ab 334
Die Chemie der Elemente v. Chr. begann eine Zeit des Umbruchs. Die
Eroberungen erweiterten den geistigen Horizont
In der aristotelischen Chemie werden die vier der Griechen und führten zu intensiverem
Elemente durch die Gegensatzpaare warm/kalt Kontakt mit anderen Kulturen. Gleichzeitig
und trocken/feucht charakterisiert. Es handelt bedeutete der Niedergang der griechischen
sich nicht um Eigenschaften, die vom wahr- Stadtstaaten einen Verlust an Sicherheit.
nehmbaren Subjekt abhängig sind, sondern Beides gab unterschiedlichen geistigen Strö-
es sind essenzielle Eigenschaften der Elemente mungen Auftrieb. Es blühte Mystisches wie der
selbst. Nach ARISTOTELES verkörpern die ge- Hermetismus und in der Philosophie entstanden
wählten Gegensatzpaare jeweils das aktive und Lehren wie die Stoa und der Epikureismus, die
das passive Prinzip: Wärme trennt unterschied- das Streben nach innerem Frieden und Gelas-
liche Dinge und Kälte verbindet sie, beide Ei- senheit in den Mittelpunkt stellten. Weder Stoa
genschaften sind also aktiv. Trockenheit und noch Epikureismus hatten als philosophische
Feuchtigkeit sind passiv: Feuchtigkeit bedeutet Schulen nachhaltigen Einfluss, sie beeinflussten
beliebige Formbarkeit (man denke an weichen allerdings spätere naturphilosophische Vorstel-
Ton), Trockenheit bedeutet Abgegrenztheit und lungen über das Wesen der Welt. Auch der Plato-
Starrheit (man denke an trockenes Brot). Alle nismus entwickelte sich weiter zu dem, was man
anderen Gegensätze lassen sich laut ARISTO- heute als Neuplatonismus bezeichnet. Parallel
TELES darauf zurückführen. So ist das Grobe dazu wurde auch die Philosophie des ARISTOTE-
trocken, da es sich nicht in jede Form füllen LES, deren Anhänger Peripatetiker r genannt wurr-
lässt, das Feine feucht, da es sich leicht in jede den, weiterentwickelt. Sie bildete im Mittelalter
Form füllen lässt. das Fundament der Naturphilosophie.
Da sowohl die vier Elemente als auch die
vier Eigenschaften elementar für die Körper Die Welt aus dem Samen – die Stoiker
sind, stellt sich die Frage, wie sie kombiniert
werden können. Für ARISTOTELES war offen- Als Schulgründer der Stoa gilt ZENON VON
sichtlich, dass ein Element weder gleichzeitig KRITION aus Zypern (ca. 333/2 – 262/1 v. Chr.).
warm und kalt noch gleichzeitig trocken und Ihren Namen erhielt sie von Poikile Stoa, einer
feucht sein kann. Daraus und unter Zuhil- bunt bemalten Wandelhalle auf der Agora in
fenahme der offensichtlichen Affinität man- Athen, die von den älteren Stoikern als Schule
cher Eigenschaften und Elemente ergibt sich gewählt wurde.
Trocken Feucht „zwanglos“ das links beschriebe Schema. Die- Zentrales Prinzip der Stoa ist der Logos. Die
Warm Feuer Luft ses Schema war ein zentrales Fundament der menschliche Vernunft ist Teil dieses Logos. Der
Kalt Erde Wasser Chemie der Antike und des Mittelalters. Es Kosmos wird als beseelter Organismus verstan-
wurde erst im 17. Jahrhundert abgelöst durch den und ist ebenfalls dem Werden und Vergehen
einen pragmatisch definierten Elementbegriff: ausgesetzt. Er wird durch zwei Prinzipien regiert:
ein Element ist das, was man (zurzeit) nicht das Tätige und das Leidende (auch im Sinne von
weiter zerlegen kann. „erleiden", passiv sein). Die Materie wird mit
dem Leidenden assoziiert, Logos und Physis mit
dem Tätigen. Logos steht für die den Kosmos
Eine Zeit des Umbruchs lenkende Vernunft und Physis für das künstleri-
sche Feuer, das jeden Organismus entsprechend
Auch nach dem Tod von ARISTOTELES und eines im Samen angelegten Plans entwickelt. Die-
PLATONN bestanden das Lykeion und die Akademie ser Samen, der logoi spermatikoi, bewirkt, dass
weiter. Erst im Zuge des mithridatischen Krieges sich alles Geschehen in der Welt nach dem göttli-
88 – 86 v. Chr. zwischen römischem Reich und chen deterministischen Plan entwickelt. Wie der
dem kleinasiatischen Herrscher MITHRIDATES VI. göttliche Logos den Makrokosmos bestimmt, so

38
Erde, Wasser, Luft und Feuer

leitet die menschliche Vernunft das Denken und 6 Das Ganze ist unendlich.
Handeln des Mikrokosmos Mensch nach gött-
lichem Plan. So ist jedes Lebewesen mit jedem 7 Die Atome sind unendlich an Zahl, und die
anderen durch eine kosmische Sympathie ver- Leere ist unendlich an Ausdehnung.
bunden. Am Anfang gab es nur das künstlerische
Feuer (Physis), es wird in Verbindung mit dem 8 Die Atome von identischer Form sind un-

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Logos zum materiellen Pneuma (Hauch, Luft, endlich an Zahl, ihre Formen dagegen sind
Atem), der treibenden Kraft im Kosmos. Das unbestimmt an Zahl, jedoch nicht unend-
Substrat des Pneumas ist die Materie, die mit den lich.
Elementen Erde und Wasser gleichgesetzt wird.
Durch Verdichtung kann sich das Feuer in die 9 Die Atome bewegen sich ohne Unterlass.
3-18
anderen Elemente verwandeln, beim Übergang
Epikur. Die Atomtheorie
von Feuer zu Wasser kommen Keimkräfte, die 10 Die Atome haben mit den sinnlichen Din- des EPIKUR mutet in vieler
logoi spermatikoi zur Wirkung, die alles Le- gen nur drei Dinge gemeinsam: die Form, Hinsicht modern an. So
ben und jede Materie zur Entwicklung bringen. das Volumen und das Gewicht. wird die Leere als Bestand-
teil der Welt akzeptiert,
Diese Samen sind im Feuer im Keim enthalten, eine begrenzte Zahl von
sie können die Materie vollständig durchdringen Im Gegensatz zu DEMOKRIT betrachtete EPIKUR Atomarten angenommen
und formen deren individuelle Eigenschaften. das Gewicht als eine Eigenschaft der jeweiligen und sogar eine bis heute
diskutierte Körnigkeit von
Die Materie kann wie bei ARISTOTELES die Quali- Atome. Die Endlichkeit der Formen vermeidet Raum und Zeit vorwegge-
täten warm, kalt, trocken und feucht annehmen, ein logischen Problem der Vorstellung DEMOKRITS nommen.
wodurch die Vielfalt der Substanzen entsteht. von grundsätzlich unsichtbaren Atomen: Wenn
Qualitäten werden durch das Hinzufügen eines es unendlich viele Formen gäbe, müssten auch
Stoffes verändert, eine Vorstellung, die bei der einige darunter sein, die direkt sichtbar sind, ja
Erzeugung von Gold aus unedlen Metallen eine sogar so groß sein könnten wie die ganze Welt.
wichtige Rolle spielt. Um aristotelischen Argumenten gegen kleinste
Teilchen (Å Form und Materie, Seite 397)
Nochmals Atome – die Epikuräer entgegenzutreten, nimmt EPIKUR an, dass nicht
nur Atome unteilbar sind, sondern auch Raum,
Jahrzehnte nach DEMOKRIT wurde die Atomthe- Zeit und unsere Wahrnehmung aus kleinsten
orie von EPIKUR (341 – ca. 270 v. Chr.) wieder Einheiten bestehen, also quantisiertt sind, wie
aufgegriffen. Im 16. Jahrhundert bildeten vor man heute sagen würde. Atome bewegen sich
allem seine Vorstellungen und die des römischen nicht kontinuierlich, sondern in Sprüngen, die
Epikuräers LUKREZ (ÅKasten Lukrez, Seite 40) aber so klein sind, dass wir nur kontinuierliche
den Ausgangspunkt für neue Atomtheorien der Bewegungen wahrnehmen. Die (vergängliche)
Materie. Von der großen Zahl an Abhandlungen, Kohäsion in den Materiekonzentrationen der
die EPIKUR
R verfasst hat, sind leider nur Fragmente Welt entsteht durch ständige Vibrationen der
erhalten. In seinen Lehrelementen, den stoicheia, einzelnen Elemente, die sich in dem dichten
entwickelte Epikur zehn physikalische Sätze über Gewebe mehr oder weniger behindern.
die Grundbausteine der Welt: Sinneseindrücke sind eine Fol g e dieser
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Vi b r at i o n e n : A to m e l öse n s i c h vo n de n
1 Nichts entsteht aus dem, was nicht ist. Gegenständen ab und treffen auf unsere Sinne.

2 Nichts löst sich auf in das, was nicht ist. Welt als Emanation – der Neuplatonismus
3-19
3 Das Ganze ist immer so gewesen, wie es PLOTIN (204 – 270 n.Chr.) gilt als der Schöpfer des Plotins Enneaden.
jetzt ist, und wird immer so bleiben. Neuplatonismus, seine Arbeiten fußen auf Gedan- Titelblatt der 1580 in Basel
nachgedruckten Enneaden
ken von AMMONIOS SAKKAS (175 – 242 n. Chr.)
in der lateinischen
4 Das Ganze besteht aus den Körpern und der und NUMENIOS VON APAMEIA
P A (Anfang zweites Jahr r- Übersetzung von MARSILIO
Leere. hundert), von denen wenig bekannt ist. FICINO. Die Schriften
Nach PLOTIN geht alles aus dem Einen hervor, PLOTINs wurden von
PORPHYRIOS, einem seiner
5 Es gibt zwei Arten von Körpern, Atome und dem schlechthin Guten. Es ist nicht das Sein oder Schüler, in den Enneaden
Atomzusammensetzungen (die Aggregate). der Geist, sondern steht über diesen. Das Eine zusammengefasst.

39
KAPITEL 3 Historischer Überblick

sphären. Jede Sphäre ist beseelt und führt ihre


Lukrez Bewegung aufgrund ihres Sehnens aus. Auf
diese Weise sollte eine hierarchische Ordnung
Dem römischen Dichter TITUS LUCRETIUS CARUS, genannt LUKREZ, der Welt entstehen, deren gesamte Existenz auf
verdanken wir ein einzigartiges naturphilosophisches Lehrgedicht: das das Eine zurückgeführt werden konnte. Diese
De rerum natura (Über die Natur der Dinge), das vor allem die Ato- Vorstellung des stufenweisen Hervorgehens der
misten im 16. und 17. Jahrhundert inspirierte. Über LUKREZ' Leben ist Welt aus dem Einen wurde von islamischen
wenig bekannt, er wurde wahrscheinlich 98 v. Chr. geboren und starb Philosophen wieder aufgenommen, wobei Gott
um 54 v. Chr., möglicherweise durch Selbstmord. Das Lehrgedicht in die Rolle des Einen trat.
fasst in circa 7800 Versen alle wesentlichen Bereiche der damaligen
Erkenntnis zusammen. LUKREZ nutzt EPIKURs physikalische Sätze, um Geheimnisvoll – Der Hermetismus
eine Vielzahl natürlicher Phänomene zu erklären. So sollten Blitze
aus feinerem Feuer (Feueratomen) als irdisches Feuer bestehen, da sie Wer kennt nicht die Redewendung „hermetisch
schneller sind und besser durch Häuser oder Holz dringen könnten. verschlossen“? Sie geht zurück auf eine legendäre
Auch Licht bestehe aus Atomen, wobei Lichtatome kleiner seien als Figur der Antike, HERMES TRISMEGISTOS, den drei-
Wasseratome, da letztere nicht durch Horn hindurch gehen, Licht fach größten Hermes. Esoteriker sehen in ihm
aber schon. Die Farbe der Körper bestehe selbst nicht aus Atomen, da einen der größten Weisen des Altertums, der um
sie sich ja ändern kann, sondern entstehe durch das Licht der Sonne. das Wesen des Kosmos wusste. Diese Weisheit
Gerüche seien Ausdruck der Form der Atome: Schlechte Gerüche seien wurde als jenseits der Rationalität verstanden,
eher eckig/spitz, Wohlgerüche glatt und rund. Worte können sie nur andeuten und sie ist nur
für Initiierte in ihrer Gesamtheit zu erfassen.
selbst ist nicht fassbar, sondern nur negativ cha- Die Schriften des Hermes sind „hermetisch“, für
rakterisierbar, in dem man aufzählt, was es nicht Außenstehende nicht zu erschließen. Die herme-
ist. Der Geist geht aus dem Einen hervor. Diese tischen Schriften beeinflussten Naturphilosophie
Emanation (lat., Ausfluss) des Geistes aus dem und Chemie von der Spätantike bis ins 17. Jahr-
Einen entspricht dem Hervorgehen des Lichts hundert. Das Gesamtwerk wurde allerdings nicht
aus der Sonne. Wie das Licht notwendig da ist, von einem Autor geschrieben, sondern entstand
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

solange die Sonne existiert, ist der Geist notwen- im Wesentlichen zwischen dem ersten vorchristli-
dig da, weil das Eine da ist. Die Emanationen aus chen und dem fünften nachchristlichen Jahrhun-
dem Einen sind kein göttlicher Schöpfungsakt, dert. Die fiktive Figur stammt aus der Zeit nach
sondern zwangsläufig. Der Gegenpol des Einen der Eroberung Ägyptens durch ALEXANDER (332
ist die Materie. Auch sie ist nur negativ fassbar: v. Chr.) aus der Verschmelzung des ägyptischen
3-20 als Mangel an Gutem und an Form. Sie steht für Gottes Thot und des griechischen Hermes. Seinen
Thot. Der ibisköpfige Thot das Böse schlechthin: für das, dem alles Gute Beinamen Trismegistos erhielt HERMES erst im
galt in Ägypten als Gott abgeht. Der Geist ist die Ursache aller realen 2. Jahrhundert n. Chr.
der Weisheit.
Formen, die aus ihm emanieren. Auch die Welt- In der Naturphilosophie des Abendlandes
seele entspringt aus dem Geist und mit ihr die spielten besonders das Corpus Hermeticum und
Einzelseelen. Für PLOTIN ist die Seele das, was die später entstandene Tabula smaragdina eine
den Menschen ausmacht, seine Form. Der höhere prägende Rolle. Das Corpus Hermeticum ist
Teil der Seele ist mit dem Göttlichen verbunden heute noch in esoterischen Kreisen verbreitet,
und stellt die ewigen Formen dar, der niedere insbesondere wegen des umfassenden Welter-
Teil ist mit dem Körper verbunden und vermag klärungsversuchs, einer Theorie für Alles, sozu-
die realen Formen in der Welt wahrzunehmen. sagen (Å Kasten Tabula smaragdina).
Erkennen ist also Wiedererkennen der ewigen Aufgrund des symbolischen Bezugs zu den
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Formen, die in uns sind. Elementen und der Anweisung zur Herstellung
Nachfolger PLOTINS verfeinerten die Ema- des „Lichts der ganzen Welt“ wurde die Tabula
nationslehre. Zwischen dem Einen, den Men- später als alchemistisches Rezept zur Herstellung
schen und seinen verschiedenen Vermögen des Steins der Weisen verstanden. Die Alchemie
und den anderen Dingen in der Natur wurden wurde sogar als die hermetische Kunst schlecht-
3-21
noch weitere Emanationsstufen eingefügt. Bei hin, die ars hermetica aufgefasst. Hermetische
Hermes-Merkur. Mittel-
alterliche Darstellung als APHRODISIAS finden wir die Zuordnung dieser Schriften beschreiben ein polares Bild des Kos-
Planet Stufen von Geist und Seele zu den Himmels- mos, in dem vor allem der platonisch-stoizistische

40
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Ursprung sichtbar wird. Die Materie repräsentiert TABULA SMARAGDINA


als Prinzip das dunkle, ungeordnete Chaos, das
Licht repräsentiert den Geist als göttliches Ord- In Wahrheit, gewiß und ohne Zweifel.
nungsprinzip. Durch Verschmelzung beider Prin-
Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Un-
zipien entsteht die beseelte Welt. Prägend in allen
teren, zu wirken die Wunder eines Dinges.
Schriften ist die Allgegenwart des göttlichen Ur-
So wie alle Dinge aus Einem und durch die Dinge aus diesem Ei-
prinzips. Es handelt sich um einen Pantheismus,
nen durch Abwandlung geboren.
der das Einzelne mit dem Gesamten verbindet:
Alles ist eins und eins ist alles. So erklärt sich Sein Vater ist die Sonne, und seine Mutter ist der Mond; der
auch die Vorstellung des „wie oben so unten“, Wind trug es in seinem Bauche, und seine Amme ist die Erde.
denn beide Ebenen entsprechen einander bis ins Es ist der Vater aller Wunderwerke der ganzen Welt.
Detail. Auch der Hinweis auf Sonne und Mond, Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde verwandelt wird.
Wind und Erde wurde alchemistisch gedeutet. Scheide die Erde vom Feuer und das Feine vom Groben, sanft und
Es war klar, dass mit dem Einen der Stein der mit großer Vorsicht.
Weisen gemeint war. Sonne und Mond wurden Es steigt von der Erde zum Himmel empor und kehrt von dort
wahlweise als Gold und Silber oder Schwefel und zur Erde zurück, auf dass es die Kraft der Oberen und Unteren
Quecksilber gedeutet. Der Wind repräsentierte empfange. So wirst du das Licht der ganzen Welt besitzen, und
das stoizistische Pneuma. alle Finsternis wird von dir weichen.
Bereits im 16. Jahrhundert wurde das alttes- Das ist die Kraft aller Kräfte, denn sie siegt über alles Feine und
tamentarische Alter der hermetischen Schriften durchdringt alles Feste.
angezweifelt und der Philologe PIERRE CASAUBON Also wird die kleine Welt nach dem Vorbild der großen Welt er-
wies schließlich 1614 überzeugend nach, dass schaffen.
das Corpus Hermeticum aus nachchristlicher
Zeit stammen müsse. —
und aus dem oströmischen wurde das byzantini-
Spätantike und Mittelalter sche Reich. Dieses endete, nachdem die Osma-
nen 1453 Konstantinopel (Byzanz) eroberten.
Stagnation und Wiedergeburt Die Vorstellungen über Materie standen im

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Mittelalter im Zeichen der aristotelischen Natur-
r
Das dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung philosophie von Form und Materie, vermischt
leitete das Ende der Antike ein, die in Europa mit stoizistischen und neuplatonischen Elemen-
und Nordafrika zuletzt durch die hellenistisch- ten; der Atomismus spielte kaum eine Rolle.
römische Kultur des Imperium Romanum ge- Das antike Wissen fand allerdings nur langsam
prägt war. Es folgte eine Übergangsphase bis seinen Weg in das christliche Abendland. Von 3-22
zum sechsten Jahrhundert, die sogenannte Spät- ARISTOTELES kannte man fast nichts, wenig von Hermes Trismegistos.
Hermes als Vater der Al-
antike, die mit dem Zerfall des weströmischen PLATON und auch von EUKLID waren nur die chemie, der in dieser Dar-
Reiches endete, nachdem bereits 395 das Impe- elementarsten Sätze bekannt. Die Werke des stellung symbolisch Mond
rium in oströmisches und weströmisches Reich ARCHIMEDES und PTOLEMÄUS waren noch völlig und Sonne durch Feuer
scheidet.
geteilt wurde. Das Mittelalter begann mit der unbekannt. Demgegenüber wurde in Byzanz
Zeit des fränkischen Reiches, das zur beherr- das antike Wissen bewahrt, so dass Kreuzfahrer
schenden Großmacht West- und Mitteleuropas nach der Einnahme von Konstantinopel 1024
aufstieg und seinen Höhepunkt zur Zeit KARLs eine ganze Schiffsladung griechischer Werke in
DES GROSSEN (747 – 814) hatte. An seinem Hof den Westen bringen konnten.
in Aachen sammelten sich in dieser karolingi- Eine entscheidende Rolle für den Transfer
schen Renaissance die Gelehrten der Zeit und des antiken Wissens nach Westeuropa spielten
Latein entwickelte sich zur Gelehrtensprache. die Araber. Vor allem durch die Eroberung von
Das oströmische Reich konnte sich dank grö- Alexandria 641 wurden sie schon früh mit an-
ßerer militärischer und wirtschaftlicher Stärke tikem Wissen vertraut. In den folgenden beiden
länger behaupten, mit den arabischen Erobe- Jahrhunderten wurden große Teile der Texte
rungszügen ab 630 ging allerdings der größte von PLATON, ARISTOTELES, EUKLID, PTOLEMÄUS
Teil des Reiches verloren. Die lateinische Sprache und anderer ins Arabische übersetzt. Sizilien und
wurde endgültig durch die griechische verdrängt das maurische Spanien bildeten die wichtigsten

41
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Schnittstellen zwischen der arabischen Welt und Schöpfer aus dem Nichts, sondern den Ord-
Westeuropa, über die das antike Wissen etwa ab ner der Materie, die er sich als unzerstörbare,
dem 10. Jahrhundert schließlich das Abendland schon immer existierende Atome vorstellte. Er
erreichte. Nach der Eroberung Toledos 1085 entwickelte auch einen abstrakten, an NEWTON
und der Einnahme von Sizilien 1091 wuchs die erinnernden Begriff des Raumes. Im Gegensatz
Zahl der Übersetzungen stark an und erreichte zu ARISTOTELES sah AL-RAZI den Raum als von
im 12. und 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Körpern unabhängig an. ARISTOTELES hatte statt
GERARD VON CREMONA (1114 – 1187) verdanken des Raumes lediglich den Platz definiert, den ein
wir über 70 Übersetzungen, unter anderem von Körper einnimmt. Ein Platz ohne Körper konnte
EUKLID, PTOLEMÄUS, ARISTOTELES und GALEN. Er nach ARISTOTELES’ Vorstellung nicht existieren
übersetzte auch Werke von IBN SINA (AVICENNA) (da er einem Vakuum gleichkommt). Und wäh-
und des großen Mathematikers AL-CHWARI W ZMI, rend ARISTOTELES Zeit nur in Zusammenhang
von dessen Bezeichnung al-jabr (der Zwang) das mit Bewegung sah, war Zeit für AL-RAZI ein
Wort Algebra stammt und dessen Name für den von der Bewegung unabhängiger Begriff. Wegen
Algorithmus Pate stand. seiner philosophischen Ansichten wurde RHAZES
zu Lebzeiten und danach heftig angefeindet,
weshalb viele seiner philosophischen Schriften
Die islamische Wissenschaft nicht mehr erhalten sind.
AVICENNA entwickelte die neuplatonische
Während des Mittelalters war die islamische Emanationslehre weiter, in dem er die Welt
Wissenschaft dem Abendland weit voraus. Be- als kontinuierliche, notwendige Emanationen
griffe wie Algebra und Sternnamen wie Alde- Gottes betrachtete, anstelle eines willentlichen
baran sind arabischen Ursprungs und Gelehrte Schöpfungsaktes. Die Vorstellung einer kausalen
wie IBN SINA (AVICENNA, 980 – 1037) prägten Welt, in der Gott keine Einflussmöglichkeiten
die Medizin Europas bis zur Neuzeit. IBN SINA mehr besaß, wurde natürlich von vielen Seiten
ist sogar in einem Kirchenfenster des Mailän- angegriffen, unter anderem von den Ash’ariden,
der Doms verewigt. Und während im zehnten einer von ABU AL-HASAN AL-ASHARI (873 – 935)
Jahrhundert die Palastbibliothek der Fatimiden gegründeten theologischen Denkrichtung. Sie
in Kairo etwa 18 000 wissenschaftliche Bände sahen Gott als alleinige Ursache allen Gesche-
verzeichnete, enthielt die Vatikanbibliothek im hens an. Was wir Menschen als kausales Gesetz
15. Jahrhundert insgesamt weniger als 3000 wahrzunehmen glauben, ist permanentes Han-
Schriften. Mit dem Beginn der Neuzeit be- deln Gottes, das dieser jederzeit ändern kann. In
gann das Abendland allerdings aufzuholen, um ihrem Bestreben, die unmittelbare Wirkung Got-
schließlich alle anderen Hochkulturen technisch- tes auf das Geschehen in der Welt zu erklären,
naturwissenschaftlich hinter sich zu lassen. entwickelten die Ash’ariden einen Atomismus,
Eine umfassende Auseinandersetzung mit den der der epikureischen Variante ähnlich ist. Für
Ergebnissen der islamischen Wissenschaft und sie bestand die Welt aus identischen Atomen,
den Gründen ihrer Stagnation würde den Rah- die keine Ausdehnung besaßen und nicht kausal
men dieses Kapitels sprengen. Wir konzentrieren miteinander interagierten. Alle Interaktionen
uns auf ein Thema, das in unserem Kontext be- wurden durch Gott initiiert. Körper entstanden,
sonders relevant ist: den islamischen Atomismus. indem Gott Atome anordnete, aus zwei Ato-
men bildete er ein Linienelement, aus vier die
Gequantelt und dynamisch: kleinste mögliche Fläche und aus acht Atomen
der islamische Atomismus den kleinsten Körper. Zwischen den Atomen
bestand leerer Raum. Um den Argumenten ARIS-
Für den Philosophen, Alchemisten und Chefarzt TOTELES gegen den Atomismus entgegenzutre-
eines Bagdader Hospitals AL-RAZI (lat. Rha- ten, nahmen sie ähnlich wie EPIKUR an, dass
zes, ca. 865 – 923 oder 935) gab es nicht das nicht nur die Materie, sondern auch der Raum
Eine oder nur den einen Gott, sondern fünf und die Zeit diskontinuierlich ist; sie quantelten
universelle Prinzipien: den Schöpfer, die Seele, die Raumzeit, wie man heute sagen würde. Wenn
die Materie, Raum und Zeit. Ganz im Sinne Atome sich bewegten, so sprangen sie von einem
PLATONS sah AL-RAZI im Schöpfer nicht den Ort zum nächsten; unterschiedliche Geschwin-

42
Erde, Wasser, Luft und Feuer

digkeiten entstanden dadurch, dass Atome un- Materie, auch „Erste Materie“ oder materia
terschiedlich lange zwischen Sprüngen verharren prima genannt, ist bei ARISTOTELES abstrakt zu
konnten (die Zeit für den Sprung konnte nicht verstehen, da ja kein reales Ding in der Welt
variieren, da sie gequantelt war). ohne Form existieren kann. Die elementarsten
Der jüdische Philosoph MOSES MAIMONIDES Substanzen sind die vier Elemente, jedes Element
(1135 – 1204) machte auf die Schwächen dieses mit der ihm eigenen Form. Alle anderen Substan-
Ansatzes aufmerksam: Da die Atome eines sich zen sind entweder Verbindungen der Elemente
drehenden Mühlsteins am äußeren Rand eine oder Verbindungen anderer Substanzen.
höhere Geschwindigkeit haben als weiter innen,
müssen die äußeren offenbar länger zwischen Körperliche Form, das Abendmahl und
Sprüngen an einem Ort verharren. Dies müsste quantitas materiae
den Mühlstein auseinanderreißen, da sich innere
und äußere Atome voneinander weg bewegen. ARISTOTELES' Vorstellung einer eigenschaftslo-
Die Atomisten argumentierten, dass die Ver- sen Ersten Materie bereitete seinen Nachfolgern
bindung der Atome untereinander während der einiges Kopfzerbrechen. So war nicht klar, wo-
Drehung aufgelöst würde. Dass man dies nicht hin die Ausgedehntheitt als essenzielle Eigen-
erkenne, läge lediglich an der Unvollkommenheit schaft aller Körper gehört. Ist sie bereits der
unserer Sinne. MAIMONIDES’ Argument ist eine Ersten Materie zu Eigen oder wird sie erst über
Variation eines alten Problems, das im Mittelal- die Form vermittelt? Fragen dieser Art erhiel-
ter unter dem Namen Rota Aristotelis bekannt ten eine gewisse Brisanz durch das christliche
und viel diskutiert wurde. Es galt als ein Argu- Abendmahl. Das dabei gereichte Brot und der

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ment gegen den Atomismus. Wein sollten nach der seit Anfang des 13. Jahr-
hunderts vertretenen Transsubstantiationslehre
in den Leib und das Blut Christi verwandelt
werden, wobei Eigenschaften wie Geschmack,
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Geruch oder Konsistenz unverändert bleiben.


Nur die Substanz von Brot und Wein sollte 3-24
wechseln, nicht jedoch deren Eigenschaften, Übersetzungen. Übersicht
die Akzidenzien. Nach ARISTOTELES war dies über die im Laufe der
Jahrhunderte im Westen
unmöglich, Akzidenzien konnten nie ohne die
bekannt gewordenen
3-23 Substanz existieren, der sie zugeordnet sind. Werke.
Rota Aristotelis. Zwei rollende Räder mit Radius r und Wechselt diese, so müssen notwendigerweise
R sind im Mittelpunkt starr miteinander verbunden und
rollen jeweils auf einer Ebene. Wie können sie bei einer
auch die Akzidenzien verschwinden. THOMAS
Umdrehung die gleiche Strecke zurücklegen, da ihr Um- VON AQUIN (ca. 1225 – 1274) fand eine Lösung
fang ja unterschiedlich groß ist? Im Mittelalter nahm man dieses Problems, indem er alle Akzidenzien
an, dass dies nur möglich ist, weil auf beiden Rändern
von der Ausdehnung der Substanz abhängig
unendliche viele Punkte (also ein Kontinuum anstelle von
Atomen) liegen. GALILEI zeigte in seinen Unterredungen, machte und nicht von der Substanz selbst. Da-
dass dies auch bei diskreten Punkten auf den Radien mit konnte diese wechseln, ohne dass sich die
möglich ist, wenn man annimmt, dass zwischen den
Eigenschaften der Körper verändern mussten.
Punkten entsprechende Lücken sind. Er nahm dies als
Hinweis darauf, dass zwischen Atomen Zwischenräume Demnach war auch die Dichte eines Körpers
bestehen. In Wirklichkeit geschieht einfach folgendes: eine Eigenschaft der Ausdehnung. Nun ist aber
Während das große Rad dahinrollt, rutscht das kleine Rad Verdünnung oder Verdichtung selbst eine Än-
zumindest teilweise, um den Unterschied auszugleichen.
derung der Ausdehnung, ist also gleichzeitig
Eigenschaft und deren Träger. Um diesen Wi-
Aristoteles’ Erben im Abendland derspruch zu umgehen, wurde die quantitas
materiae, eine vom Volumen unabhängige Ma-
Die Vorstellungen über Materie waren im Mit- teriemenge eingeführt. BURIDAN nutzte sie, um
telalter durch das aristotelische Duo Form und den unterschiedlichen „Schwung“ (Impetus)
Materie geprägt. Form war für Gestalt und alle von Körpern auszudrücken, es sollte allerdings
essentiellen Eigenschaften eines Körpers verant- noch einige Zeit dauern, bis sich dieser vage
wortlich und schuf aus Materie ein reales Objekt Begriff als träge Masse der newtonschen Me-
(ÅForm und Materie, Seite 36). Die formlose chanik konkretisierte.

43
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Verbindungen zur Verfügung stand, was den Formaspekt der


Materie adäquat beschreiben konnte.
Bereits ARISTOTELES unterschied zwischen Mi-
schungen und Verbindungen. Bei letzteren waren Minima naturalia
die Ausgangsstoffe nicht ohne weiteres wieder zu
trennen, denn eine Verbindung besaß eine eigene Die Konzeption kleinster Teilchen (minima natu-
Form, während in Mischungen die Formen der ralia) fusste auf der bereits bei ARISTOTELES an-
Ausgangsstoffe erhalten blieben. Verbindungen zutreffenden Vorstellung einer minimalen Größe,
waren für die Formtheorie ein Problem: Wenn unterhalb derer eine Substanz weder existieren
jeder Substanz eine eigene Form zuzuordnen noch eine Wirkung entfalten konnte. Wechsel-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

war, wie entstand die Form einer Verbindung wirkungen zwischen Substanzen wurden als
aus den Formen der Ausgangsstoffe? Und wie Wechselwirkungen zwischen deren kleinsten Teil-
entstanden nach dem Lösen der Verbindung die chen gedeutet und auch Eigenschaften wurden
Formen der Ausgangsstoffe wieder? minimale Größen zugeordnet – es handelte sich
3-25 Nahm man an, die Formen bleiben erhalten gewissermaßen um eine mittelalterliche Form der
Verbindungen und Form. und nur die Akzidenzien werden abgeschwächt, Quantelung. Die minima-naturalia-Lehre unter-
Die Trennung von Form
und Materie bereitete wie AVICENNA und THOMAS VON AQUIN dach- schied sich sehr wohl von Atomtheorien. Für die
große Schwierigkeiten bei ten, konnte man zwar begründen, warum eine Minimisten behielten Minima alle Eigenschaften
der Erklärung der Natur Verbindung wieder zu trennen war, aber wie der Körper, während in den Vorstellungen der
chemischer Verbindungen.
Es gab unterschiedliche
entstand die neue Form? Wenn andererseits so- Atomisten Atome keine Eigenschaften außer
Ansätze, um zu erklären, wohl Form als auch Akzidenzien abgeschwächt Größe, Gestalt und Bewegung besaßen (ÅTabelle
wie sich die Formen und wurden (AVERROES), war zwar eher nachvoll- 3-26). Mit Ausnahme weniger (u.a. GIORDANO
Akzidenzien (äußere
Eigenschaften) der Aus-
ziehbar, wie eine neue Form entstehen kann, BRUNO) waren die Anhänger von Korpuskular-
gangsstoffe zur neuen gleichzeitig wurde damit aber an der Unverän- theorien zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert
Form und den neuen derlichkeit der Form gerüttelt. Oft wurde die Minimisten und keine Atomisten.
Eigenschaften der Ver-
Abschwächung als reversibler Zwischenzustand
bindung zusammenfügen
und wie es möglich ist, zwischen Potenzialitätt und Aktualitätt der Form Physik und Chemie auf Basis der minima
dass die Ausgangsstoffe betrachtet (ÅMateria prima, die Elemente und naturalia
nach Trennung der Ver- ihre Verbindungen, Seite 37). Am radikalsten
bindung in gleicher Form
wiedergewonnen werden war der schottische Theologe und Philosoph Vor allem AGOSTINO NIFO (1473 – 1538), JACOPO
können. DUNS SCOTUS (ca. 1266 – 1308). Er ging davon ZABARELLA D. Ä. (1532 – 1589) und JULIUS CESAR
aus, dass die Formen der Ausgangsstoffe samt SCALIGER (1484 – 1558) ist die breitere Verwen-
ihren Akzidenzien zerstört wurden und eine dung der minimistischen Theorie im 16. Jahr-
neue Form entstand. Unklar blieb dabei, wie die hundert zu verdanken. Die Vorstellung kleins-
Ausgangsformen durch Lösen der Verbindung ter Teilchen erwies sich dabei als hilfreich für
wieder entstanden. die Konkretisierung der Natur und des Ablaufs
Es ist nachvollziehbar, dass dieses Dilemma stofflicher Veränderungen. So sollten laut NIFO
im Mittelalter nicht gelöst werden konnte. Im qualitative Veränderungen durch die Wirkung
Rahmen der minima-naturalia-Lehre entstan- eines Vermittlers (agens) sprunghaft erfolgen:
den zwar konkretere Vorstellungen über das
Entstehen und Lösen von Verbindungen, insge- Das Agens beginnt damit, ein Minimum quan-
samt hatte die formbasierte Verbindungstheorie titatis des Stoffes so zu verwandeln, daß diese
Veränderung mit einem „minimum qualitatis“
aber wenig Einfluss auf die Laborpraxis der übereinstimmt. Danach bewirkt das Agens die
mittelalterlichen Alchemisten (ÅVon der Al- gleiche Veränderung an einem zweiten Mini-
chemie zur Chemie, Seite 59), da sich kaum mum quantitatis, während inzwischen das erste
praktisch verwertbare Erkenntnisse daraus ge- Minimum quantitatis eine zweite Qualitäts -
winnen ließen. Und dennoch blieb die Vorstel- veränderung, die mit dem Minimum qualitatis
übereinstimmt erfährt...
lung von die Materie prägenden Formen bis ins
17. Jahrhundert hinein lebendig. Der zu dieser Man denkt dabei unwillkürlich an die Quanten-
Zeit bereits im Vormarsch befindliche neue Ato- theorie, bei der ein Lichtquant (minimum qualita-
mismus bediente sich oft weiterhin des Formbe- tis) ein Elektron (minimum quantitas) anregt und
griffs, da auf atomistischer Ebene noch nichts damit die Eigenschaften eines Atoms verändert.

44
Erde, Wasser, Luft und Feuer

3-26
Vorstellungen des Atomismus Vorstellungen der minima-naturalia-Lehre Minima-naturalia-Lehre
versus Atomismus. Beides
Atome sind unteilbar, undurchdringlich Minima naturalia sind teilbar, auch wenn sie dabei unter Umständen ihre waren Lehren von kleins-
und unveränderlich. Form verlieren. ten T
Teilchen, aber es gab
In Verbindungen treten Atome mitein- Unterschiede.
Minima naturalia verschmelzen in Verbindungen miteinander und bilden
ander in Kontakt, bleiben aber selbst
eine neue Form (später sprach man ihnen mehr Eigenständigkeit zu).
unverändert.
Atome haben keine Eigenschaften außer Die Eigenschaften der minima naturalia entsprechen denen des Körpers,
Größe, Gestalt und Bewegung. dessen Form sie bilden.

Atome sind die fundamentalen Bausteine Minima naturalia repräsentieren nur einen bestimmten Zustand der Ma-
der Natur. terie und sind lediglich „Formträger".

Die Atomtheorie ist eine materialistische


Minima naturalia sind nur eine Ergänzung der aristotelischen Naturphilo-
Universaltheorie. Sie erklärt alle Erschei-
sophie ohne universellen Erklärungscharakter.
nungen der materiellen Welt.

SCALIGER schuf eine minima-naturalia-Lehre der Obwohl vieles in den Ausführungen der Mini-
vier Elemente, bei der sich Teilchen vor allem misten an Atome erinnert, blieben sie den aris-
durch ihre Größe unterscheiden. Er nahm an, totelischen Vorstellungen treu. Man erkennt dies
Erdteilchen seien größer als Wasserteilchen, an den Ausführungen ZABARELLAS, bei denen die
diese größer als Luftteilchen und diese wiederum ursprünglichen Luft- und Erdteilchen sich nicht
größer als Feuerteilchen. Er versuchte durch die einfach verbinden, sondern zu einer neuen Form
Eigenschaften der jeweiligen Minima natura- verschmelzen. Sie selbst bleiben nur als unterge-
lia physikalische Eigenschaften der Körper wie ordnete, gebrochene Formen in der neuen Form
Brennbarkeit, Dichte und Feinheit zu erklären. bestehen. —
Erde brenne deshalb so langsam, weil die Erd-
teilchen hundertmal größer sind als die Feuer- Wuxing
teilchen. Bei Erwärmung drängen Feuerteilchen
zwischen die größeren Teilchen der anderen Fünf Elemente im chinesischen Denken
Elemente, weshalb es zur Ausdehnung der Kör-
Ein Etwas gibt es, chaotisch und ganz;
per kommt. der Entstehung von Himmel und Erde geht es
Verbindungen entstehen nach NIFO und SCA- voran.
LIGER durch den Kontakt zwischen den Minima Still ist es und grenzenlos,
naturalia der Ausgangsstoffe. ZABARELLA ver- für sich allein, unwandelbar,
sucht das Wesen von Verbindungen auch quan- kreisend und nie sich erschöpfend.
Der Welt Mutter könnte ich es nennen.
titativ zu erfassen, in dem er die Eigenschaften
Ich kenne seinen Namen nicht,
der Elemente in diskreten Werten angibt: ich nenne es dao.
...
Soll eine Verbindung hergestellt werden, die zu Das dao brachte das Eine hervor.
sechs Graden zur Erdnatur und zu zwei Graden das Eine die Zwei und die Zwei die Drei.
zur Luftnatur gehört, müssen Erd- und Luft- und die Dreizahl brachte
partikel zusammenwirken. D.h. Luft reduziert die zehntausend Wesen und Dinge hervor.
die Erdnatur um zwei Grade... so dass sechs Die zehntausend Wesen und Dinge:
Grade übrig bleiben, während die dominante getragen vom yin, umhüllt vom yang
Erde sechs Grade von der Luftnatur abzieht, geeint durch durchdringendes qi.
womit zwei Grade übrig bleiben... D.h. sowohl (Daodejing, Vers 25 und 42)
Erd- als auch Luftteilchen wandeln sich zur
gleichen Natur, da beide durch sechs Grade
Erdnatur und zwei Grade Luftnatur geprägt Diese Sequenz aus dem Daodejing (auch Tao-
sind; und beide sind nicht länger Erde oder Te-King geschrieben) beschreibt die Entstehung
Luft, sondern etwas dazwischen wie Gold. der Welt aus Sicht des Daoismus, neben dem
Auf diese Weise wird jeder Teil der Verbin-
Konfuzianismus die einflussreichste philosophi-
dung zur Verbindung... Die zerbrochenen und
beschädigten Formen wandeln sich in einen sche Schule des alten China. Die Entwicklungs-
dazwischenliegenden Zustand, dessen Form geschichte der chinesischen Philosophie ist nicht
dem Gold entspricht. weniger vielschichtig als die abendländische, es

45
KAPITEL 3 Historischer Überblick

standen jedoch andere Fragen im Vordergrund che? Woher wissen wir, ob das Gleiche gemeint
und damit ergaben sich auch andere Antwor- ist? Wir werden in den folgenden Abschnitten
ten. Schon zu KONFUZIUS’ Zeiten im 6. Jahr- deshalb etwas weiter ausholen müssen, um die
hundert vor Christus, aber stärker noch in den chinesischen Materievorstellungen zu verstehen.
darauf folgenden Jahrhunderten, war Einheit
und Stabilität des chinesischen Reiches ein zen- Dao – das Apeiron des Ostens
trales Thema philosophischer Überlegungen.
In einer für abendländisch geprägte Menschen Trotz vieler Unterschiede in der
ungewohnten Weise wurde Organisation und chinesischen und abendländischen
Zustand des Staates in Beziehung gesetzt zu Philosophie gibt es auch Verwand-
Organisation und Zustand des Universums. Ent- tes. So steht Dao ( ), ein Begriff
wicklungen auf der einen Seite korrelierten mit der „Weg“ oder „Prinzip“ bedeutet, für die
Entwicklungen auf der anderen. Konsequenter- höchste Wirklichkeit und das Eine, aus dem alles
weise wurde astronomisches Wissen zeitweise entsteht. Dao ist vergleichbar mit dem Apeiron
in den Rang eines Staatsgeheimnisses erhoben. des ANAXIMANDER (ÅGrenzenloses und Unver-
Auch die natürliche Abfolge von Dynastien gängliches – ANAXIMANDER und PARMENIDES,
wurde in Bezug gesetzt zu zyklischen Prozessen Seite 32). Wie die griechische Philosophie
in der Natur. Das Denken des Abendlandes war versuchte auch die chinesische zu erklären, wie
kausal orientiert und das Handeln der Men- aus Einheit das Viele und das Individuelle ent-
schen zielgerichtet und linear: Alles strebte zur stehen kann und wie Veränderung in der Welt
Erlösung. Das chinesische Denken war hinge- entsteht. In der Bedeutung eines umfassenden
gen zyklisch: Auf den Menschen wartete keine Einen erscheint Dao im Daodejing g (De steht für
Erlösung, er war als Individuum Episode im Kraft oder Tugend, Jing für eine Textsammlung
Kreislauf von Staat und Universum. Statt der oder Leitfaden), einem Werk, das LAOZI (LAOTSE,
Suche nach Wahrheit und Ursachen stand Har- chin. alter Meister) verfasst haben soll. LAOZI
monie im Fokus des chinesischen Denkens. Die soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, doch
Frage war weniger, durch welches Handeln ein möglicherweise war er nur eine legendäre Figur.
vorgegebenes Ziel erreicht wird, sondern wann
Handeln Erfolg im Einklang mit dem Universum Die Polarität der Welt
sichert. Diese Weltanschauung förderte etwas,
was heute im Westen systemisches Denken ge- H ell – dunkel, hart – w eich, trocken – nass,
nannt wird: das Denken in Beziehungen anstatt warm – kalt: es waren die gleichen erlebten Po-
in Kausalketten und Zweifel an der Existenz laritäten wie im Abendland. Und auch die Idee,
„objektiver“ Standpunkte oder Wahrheiten. So dass Polarität wesentlich ist für Strukturbildung
wenig wie das Gegensatzpaar objektiv-subjektiv und Dynamik, ist in beiden Kulturkreisen prä-
zum Kern des chinesischen Denkens gehört, so sent. Und dennoch ging man getrennte Wege.
wenig entwickelten sich andere Dualitäten wie Den Weg des Abendlandes kann man charak-
die Trennung von Geist und Materie oder von terisieren als Trennung zwischen Substanz und
Substanz und Eigenschaft. Eigenschaft. So spricht RENE DESCARTES (ÅRes
cogitans und res extensa – DESCARTES, Seite
54) von einer geistigen und einer materiellen
Vom Wandel in der Welt Substanz, letztere hat als einzige fundamentale
Eigenschaft die Ausdehnung. Mit deren Hilfe
versucht er die Wechselwirkungen der materiel-
Eine Quelle nicht nur sprachlicher len Dinge zu erklären. Im chinesischen Denken
Missverständnisse stand dagegen die Wechselwirkung selbst im
Vordergrund, die Vorstellung einer unverän-
Wenn wir über den Materiebegriff in der chine- derlichen Substanz, der bestimmte Eigenschaf-
sischen Naturphilosophie reden, müssen wir uns ten anhaften, findet sich kaum. Aus dem Dao
die oben beschriebenen Unterschiede im Denken entsteht weder „Materie“ noch „Geist“. Das
vor Augen halten. Gibt es überhaupt einen ent- Dao manifestiert sich vielmehr in den beiden
sprechenden Begriff in der chinesischen Spra- Prinzipien Yin ( ) und Yang ( ), die für

46
Erde, Wasser, Luft und Feuer

alle Polaritäten stehen (ÅAbbildung 3-27). Sie Qi mit der energetisch-materiellen Natur wird
sind allerdings nicht statisch, sondern gehen in gern als Bestätigung der Nähe chinesischer
einem ewigen Kreislauf ineinander über. Und Lehren zur modernen Physik gesehen,
so, wie das Verhältnis zwischen Yin und Yang es handelt sich jedoch um eine rein i
wechselt, so wechseln Jahreszeiten, Lebenspha- begriffliche Analogie, die sich dank
sen und Herrscherdynastien. Und auch wuxing, der Universalität des Begriffs „Ener-
die fünf Elemente Wasser, Erde, Holz, Feuer und gie“ leicht bilden lässt. Die dem Qi
Metall, sind keine unveränderlichen oder gar zugeordneten Eigenschaften haben
unteilbaren Substanzen, sondern verwandeln wenig gemein mit der Physik von
sich ineinander getreu dem Verhältnis von Yin Materie und Energie.
und Yang, weshalb man sie korrekter als Wand-
lungsphasen übersetzt. Wuxing – die fünf
Wandlungsphasen
Qi und Taiji
T
Im Gegensatz zu den vier Elementen Erde,
Neben Dao und Yin-Yang gibt es Wasser, Feuer, Luft handelt es sich bei den 3-27
noch weitere zentrale Begriffe, die chinesischen Elementen Holz (mu, ), Feuer Yin und Yang. Diese Prin-
zipien stehen für alle Po-
die chinesische Philosophie von den (huo, ), Erde (tu, ), Metall (jin, ) und
laritäten in der Welt. Das
frühen Anfängen an durchziehen: Wasser (shui, ) nicht um unveränderliche Taijitu (chin., Diagramm
T
Qi ( ) und Taiji ( ). Taiji kennt man im Substanzen, sondern um dynamische Zustände des Höchsten) symbo-
lisiert das rhythmische
Westen als Schattenboxen, einer chinesischen des Qi, weshalb man sie treffender als „Wand-
Wechselspiel und die ge-
Kampfkunst, die auf Taiji – Prinzipien beruht lungsphasen“ übersetzt. Erste Zeugnisse über genseitige Durchdringung
und eigentlich Taijiquan (auch Tai Chi Chuan) Wuxing ( ) kennt man bereits aus dem von Yin und Yang.
heißt. Taiji steht für das Höchste und wird in 8. Jahrhundert v. Chr. Eine Systematisierung
vielen Kontexten im gleichen Sinn wie das Dao der Lehre von Yin, Yang und Wuxing geht auf
gebraucht. Taiji vereint die Polaritäten Yin und ZOU YAN (ca. 305 – 240 v. Chr.) zurück. In den
Yang und seine Bewegungen induzieren den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das
Wechsel zwischen beiden. Bewegt sich das Taiji, Wuxing-Konzept zu einem zentralen Pfeiler
so produziert es Yang, ist es in Ruhe, produziert der chinesischen Philosophie. Es diente in der
es Yin. Die zyklische Bewegung und die Verei- Chemie als Erklärungsmodell für chemische
nigung von Yin und Yang im Taiji wird durch Reaktionen, in der Medizin als Modell für
das bekannte Taijitu – Symbol dargestellt, das Krankheits- und Heilungsprozesse, in der Poli-
allerdings erst seit dem 16. Jahrhundert verwen- tik als Modell für situationsgerechtes Handeln
det wird (ÅAbbildung 3-28). und Herrschaftszyklen, im Feng Shui als Mo-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Der Begriff Qi wird meist als Energie oder, dell für die Gestaltung von Orten in Harmonie
spezieller, als Lebensenergie übersetzt. In seiner mit den Elementen und schließlich auch als
ursprünglichen Bedeutung erinnert es an das Weissagungsinstrument. Sein Charme bestand
griechische Pneuma, das alles durchdringt und darin, dass es universelle, einleuchtende Erklä-
nicht materieller, sondern universeller Natur rungsmuster für die Dynamik der Welt lieferte.
ist. Der große chinesische Philosoph ZHU XI Moderne Theorien über komplexe Systeme in 3-28
Taijitu. Das Yin-Yang-
(auch Chu Hsi, 1130 – 1200) trennte formbil- Chemie, Biologie oder Soziologie nutzen diese Symbol wie wir es ken-
dende und materielle Aspekte und identifizierte Erklärungsmuster ebenfalls, allerdings in spezi- nen (Abbildung 3-27)
Qi mit etwas, was man heute wohl mit dem fischen, mathematischen Formulierungen. ist wesentlich jünger als
die Lehre von Yin und
Begriff Materie-Energie verbinden würde. Yin Die Dynamik der Welt folgt der Wandlung
Yang. Eine frühe Form
und Yang sind die zwei Zustände des Qi und der Elemente ineinander über zwei zyklische (a) stammt von LAI ZHIDE
da alles durch die Dynamik dieser Polaritäten Prozesse, den Produktions- und den Eroberungs- (1525 – 1604) aus der
Ming-Dynastie. Aus dem
entsteht und vergeht, ist alles Qi, wenn auch zyklus. Im Produktionszyklus erzeugt ein Ele-
5. Jahrhundert ist das
in unterschiedlicher Form (Li). Zu Beginn des ment das ihm folgende: Holz erzeugt Feuer (es Symbol als Wappen rö-
Lebens empfangen wir das Qi des Himmels, wir ist leicht brennbar), Feuer erzeugt Erde (Asche), mischer Militäreinheiten
nehmen es auch auf, wenn wir atmen und wir Erde erzeugt Metall (es befindet sich in der Erde) (b, 2. Reihe von unten)
bekannt. Auch aus dem
altern, weil sich unser Lebens-Qi verbraucht. und Metall erzeugt Wasser. Dieses Muster ent- Keltischen kennt man
Die auf ZHU XI zurückgehende Identifikation des spricht der Abfolge der Jahreszeiten: Im Frühling ähnliche Formen.

47
KAPITEL 3 Historischer Überblick

phasen spricht man daher von der wechselsei-


Holz Feuer Erde Metall Wasser tigen Kontrolle und Maskierung g der Elemente.
Für Leser, die vertraut sind mit biochemi-
Jahreszeit Frühling Sommer 6. Monat Herbst Winter schen Prozessen oder Ökosystemen, sind diese
Hund Prinzipien übertragbar. Angewandt auf die
Wild-
Tiger Pferd Ochse Hahn Nahrungskette „Blattlaus-Marienkäfer-Vogel“
Tierwelt schwein
Hase Schlange Schaf Affe bedeuten sie zum Beispiel: Blattläuse werden
Ratte
Drache
von Marienkäfern gefressen (Eroberung), wel-
Zahlen 8, 3 7, 2 5, 10 9, 4 6, 1 che wiederum Vögeln zur Nahrung dienen (Er-
oberung). Wird die Zahl der Vögel erhöht, so
Himmelsrichtung Osten Süden Zentrum Westen Norden reduziert sich die Zahl der Marienkäfer, was die
Produktion von Blattläusen erhöht (Maskierung/
Planet Jupiter Mars Saturn Venus Merkur Kontrolle). Falls weniger Vögel da sind, wird die
Zahl der Marienkäfer erhöht, was die „Produk-
Geschmack Sauer Bitter Süß Scharf Salzig tion“ von Blattläusen empfindlich beeinflusst
(Maskierung/Kontrolle).
Ziegen-
Geruch Verbrannt Duftend Kräftig Faulig
artig
Praktische Anwendungen der fünf
Farbe Grün Rot Gelb Weiß Schwarz Wandlungsphasen

Im Laufe der Zeit wurden die Wandlungspha-


Organ Leber Herz Milz Lunge Nieren
sen einer Vielzahl von Kategorien zugeordnet
Haut, (Å Tabelle 3-29). Diese Zuordnungen bilden die
Körperteil Muskeln Puls Fleisch Knochen
Haare Grundlage für Diagnosen in Feng Shui oder
traditioneller chinesischer Medizin (TCM) und
Sinnesorgan Auge Zunge Mund Nase Ohr
wurden auch für die Erklärung physikalischer
Psychische Funk- Haltung, und chemischer Prozesse verwendet (ÅKasten
Sehen Denken Sprechen Hören
tion Verhalten Warum sind Schneeflocken weiß?). Kritischen
chinesischen Philosophen war bewusst, dass man
3-29 wächst das Holz, der Sommer ist heiß und sorgt auf Basis der Wuxing-Korrelationen auch Un-
Wuxing. Einige Entspre-
für Brände und am Ende steht der nasse Winter sinniges begründen konnte: Wenn das Pferd mit
chungen zwischen den
Elementen und Eigen- (Erde entspricht einem Monat zwischen Sommer Feuer assoziiert ist und die Ratte mit Wasser und
schaften bzw. Objekten. und Herbst). Im Eroberungszyklus wirken Ele- gleichzeitig Wasser Feuer erobert, sollten Ratten
mente zerstörerisch aufeinander und „erobern“ eigentlich Pferde jagen...
sich gegenseitig. Der Eroberungszyklus ist eine Die Anwendung der Prinzipien des Wuxing
Verallgemeinerung anschaulicher Vorstellungen: konnte daher nicht schematisch erfolgen, etwa
Holz kann Erde erobern in Form eines Holzspa- so wie man ein physikalisches Gesetz auf ein
tens oder eines Baums, der in der Erde wurzelt. mechanisches Problem anwendet. Ein intui-
Wasser erobert Feuer, denn es kann es löschen. tives Gespür darüber, was „herauskommen“
Metall erobert Holz, denn es kann dieses schnei- sollte, war notwendig. Die Erklärungskraft der
den, Feuer erobert Metall, denn es kann dieses Wuxing-Prinzipien wie auch der westlichen
schmelzen. Erde kann Wasser eindämmen oder Vier-Elemente-Lehre ist deshalb gering, ganz
aufnehmen. Es ist unmittelbar einsichtig, dass zu schweigen von der Vorhersagekraft für noch
ein Element, das ein anderes zerstört, dessen unbekannte Phänomene. So blieb der chinesi-
Produktionszyklus direkt beeinflusst, es „kont- schen Heilkunde das Phänomen der Ansteckung
rolliert“ ihn: Wenn Metall Holz zerstört, kann unbekannt, weshalb bei der großen Pestepidemie
Holz weniger Feuer produzieren. Andererseits Ende des 19. Jahrhunderts in Peking die moder-
gilt: Wenn ein Element ein anderes zerstört, nen westlichen Hygienevorschriften wirksamer
kann dies durch eine verstärkte Aktivität des waren als die traditionellen Methoden. Dies
Elements kompensiert werden, welches das zer- führte zu einem Niedergang des Ansehens der
störte Element produziert. Die Zerstörung wird TCM in China. MAO ZEDONG ließ die TCM mo-
„maskiert“. In der Lehre von den Wandlungs- dernisieren und verhalf ihr zu neuer Beachtung.

48
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Wellen statt Atome Welt als mathematische Gleichungen zu for-


mulieren, die quantitative Vorhersagen anstelle
Wenn das Yang seinen Höhepunkt erreicht hat,
zieht es sich zugunsten des Yin zurück; wenn weitgehend qualitativer Interpretationen liefern.
das Yin seinen Höhepunkt erreicht hat, zieht es
sich zugunsten des Yang zurück. Chinesische Alchemie
...
Wenn Kräfte ihren Höhepunkt erreicht haben, Die Prinzipien von Yin, Yang und Wuxing fan-
beginnen sie schwächer zu werden und wenn
den auch in der chinesischen Chemie und Al-
sich natürliche Dinge vollständig angehäuft
haben, beginnen sie sich wieder zu zerstreuen. chemie Anwendung. Ähnlich wie im Abendland
vor BOYLE und LAVOISIER blieb auf dieser Basis
JOSEPH NEEDHAM (1900 – 1995) bemerkte in sei- das theoretische Wissen über die Natur chemi-
nem Monumentalwerk Wissenschaft und Zivili- scher Reaktionen gering. Allerdings verfügten
sation in China, dass offenbar nur Kulturen, die Chinesen bis ins 16. Jahrhundert hinein über
über ein Alphabet verfügten, Atomvorstellungen überlegenes Wissen in der Metall- und Kera-
entwickelten. Der Methode, Sätze aus „ato- mikverarbeitung. Auch wurde in China bereits
maren“ Buchstaben zu bilden, liegt schließlich einige Jahrhunderte vor Christus nach Erdgas
ein analoger Gedanke zugrunde. Ob tatsächlich gebohrt und Schwefelhölzer wurden bereits im
ein systematischer Zusammenhang zwischen zehnten Jahrhundert erwähnt, während in Eu-
Schriftformen und Atomvorstellungen besteht, ropa erst seit dem 16. Jahrhundert von ihnen
sei dahingestellt. Während sich aber sowohl in berichtet wird. Auch in China entwickelte sich
Indien als auch im antiken Griechenland atomis- schon früh eine alchemistische Tradition, die
tische Vorstellungen entwickelten, waren diese wie im Westen die Goldherstellung und das
in China kaum verbreitet, obwohl sie durch den ewige Leben zum Ziel hatte. Altern wird in der
indischen Buddhismus auch dort bekannt waren. chinesischen Philosophie mit dem Verbrauch der
Dem chinesischen Denken näher standen Lebensenergie Qi assoziiert. Analog korrodieren
Vorstellungen, die man in der modernen Phy- Metalle durch Verbrauch an Qi. Offenbar gilt
sik als „Wellentheorien“ bezeichnen würde: dies jedoch nicht für Gold, sein Qi scheint sich
Yin und Yang wechseln sich zyklisch ab und nicht zu verbrauchen. Wenn man herausfand,
alle Dinge schwingen mit dem ihnen eigenen wie Gold sein Qi konserviert, sollte der Alte-
Rhythmus wie in einem Orchester. Generell rungsprozess auch bei Menschen aufzuhalten
war der Unterschied zwischen greifbarer Ma- sein. Die Suche nach einem Elixier des ewigen
terie und Energie im chinesischen Denken nur Lebens in China entsprach der abendländischen
gradueller Natur. Es handelte sich lediglich um Suche nach dem Stein der Weisen (ÅElixiere und
verschiedene Zustände des Qi. Hier trifft sich das opus magnum, Seite 62). —
klassisches chinesisches Denken mit Konzep-
ten der modernen Physik. Man hat auch keine
Mühe, sich eine Wirkung des Qi über weite Warum sind Schneeflocken weiß?
Distanzen vorzustellen. Die grundlegenden kon-
zeptionellen Probleme, denen sich westliche Wie die Prinzipien der chinesischen Philosophie auch zur Erklärung
Physiker gegenüber sahen, als sie sich von der natürlicher Phänomene angewandt wurden, läßt sich am Beispiel der
Idee einer rein materiellen Welt verabschieden Schneeflocke eindrucksvoll zeigen.
mussten, wären in diesem Kontext wohl kaum Eine Schneeflocke ist sechseckig, da Schnee und Frost durch Kon-
aufgetreten. Wenn Qi überall war, warum soll- densation von Regen und Tau entstehen und Wasser der Zahl 6 ent-
ten Gravitation, Licht und Magnetismus nicht spricht. Wasser wird durch Metall erzeugt. Da Schnee der ultimative
„materielos“ wirken? Zustand des Yin ist, enthüllt ein damit verbundener Überschuss an Qi
Wenngleich die chinesische Ingenieurskunst die Mutter des betroffenen Elements, bei Wasser also Metall. Daraus
der abendländischen bis zum 15. Jahrhundert folgt: Frost und Schnee sind völlig weiß, da Metall die Farbe Weiß
überlegen war, entstanden in diesem Zug keine zugeordnet wird. Die verschiedenen Metalle wie Gold, Kupfer oder
ausgereiften Materietheorien oder eine Mecha- Quecksilber entstehen entsprechend der numerologischen Verhältnisse
nik wie wir sie aus der abendländischen Physik in bestimmten Gegenden (Himmelsrichtungen), nach einer bestimmten
kennen. Hierfür fehlte der chinesischen Wissen- Zeit und haben eine bestimmte Farbe.
schaft die Fähigkeit, Wissen über die materielle

49
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Der Advent der modernen jenseits der herrschenden Dogmen entwickeln.


Naturwissenschaft Gleichzeitig strömte nach der Eroberung Kons-
tantinopels durch die Osmanen 1453 eine große
Eine Zeit des Umbruchs – Zahl von Gelehrten nach Italien. Sie brachten
die frühe Neuzeit verschollene Schriften antiker Philosophen mit,
insbesondere Werke von PLATON und seinen
Unter der frühen Neuzeitt versteht man heute geistigen Erben. Die Entwicklung des Buch-
die Zeit vom 15. Jahrhundert bis zur französi- drucks mit beweglichen Lettern 1450 durch
schen Revolution 1789. Es war eine Zeit des JOHANNES GUTENBERG (um 1400 – 1468) sorgte
Aufbruchs und der Entdeckungen, die zu einer dafür, dass dieses Wissen schneller als je zuvor
kolossalen Erweiterung des Wissens und der verbreitet wurde. Auch spätantike Lehren wie
technisch-handwerklichen Fertigkeiten führten. der Hermetismus erlebten eine Wiedergeburt
Der Sprung war so groß, dass das Abendland im (Å Geheimnisvoll – Der Hermetismus, Seite
Laufe dieser Epoche alle anderen Hochkulturen 40). In dieser Zeit entstanden erstmals Bilder
in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht weit einer weitgehend autonomen Natur, die nach
hinter sich ließ. eigenen Gesetzen „funktioniert“.
Nicht zufällig begann die Neuzeit in Italien Viele umwälzende Dinge geschehen zu
im 15. Jahrhundert, in der Renaissance (franz. dieser Zeit. 1543 proklamiert KOPERNIKUS
Wiedergeburt). In den freien Städten wie Ve- (1473 – 1543) sein heliozentrisches Weltbild,
nedig und Florenz kam das Bürgertum durch CHRISTOPH KOLUMBUS (um 1451 – 1506) ent-
den Handel zu Wohlstand und Selbstbewusst- deckt 1492 die Neue Welt und MARTIN LUTHER
sein. In ihrem Schutz konnten sich Gedanken (1483 – 1546) veröffentlicht 1517 in Wittenberg

Perspektivwechsel in der frühen Neuzeit

Welch gewaltiger Perspektivwechsel in dieser Epoche statt- Ganz anders das Titelblatt zu FRANCIS BACONs (1561 – 1626)
fand, wird bei der Gegenüberstellung von Bildern aus dem unvollendetem Hauptwerk Instauratio magna, in dem er un-
13. und 17. Jahrhundert deutlich. Als Sinnbild mittelal- ter anderem seine neue wissenschaftliche Methode darstellt.
terlichen Weltverständnisses kann eine Abbildung DANTE Es zeigt den Weg hinaus durch die Säulen des Herkules bei
ALIGHIERIs (1265 – 1321) göttlicher Komödie dienen. DANTEs Gibraltar in den endlosen Ozean; ein Weg zu neuen Ufern,
Dichtung beschreibt seinen Weg von der Erde über die Stufen von dem man zurückkehrt mit fremden Gütern und neuen
der Hölle zum Fegefeuer und von dort über die Himmels- Erkenntnissen. BACONs Welt ist nicht festgefügt und endlich,
sphären zum Paradies. Seine Welt ist in Stufen eingeteilt, sie erscheint grenzenlos und Neugier ist keine Sünde mehr
alles hat seinen Platz, jede Sünde eine bestimmte Strafe. Gott wie noch im Mittelalter, sondern eine Tugend.
ist oben, der Teufel im Mittelpunkt der Erde, es gibt Gut und
Böse. Die Welt ist theozentrisch und endlich.

3-30 3-31
Dantes Göttliche Komödie. Zu neuen Ufern. Das Titelblatt
DANTEs Dichtung über Hölle, zu FRANCIS BACONs Hauptwerk
Fegefeuer und die himmlischen aus dem frühen 17. Jahrhundert
Sphären repräsentiert die wohl- zeigt die Säulen des Herakles bei
geordnete, endliche Welt des Gibraltar, das T
Tor zur Weite des
Mittelalters. Zentrum der Nord- atlantischen Ozeans.
halbkugel ist Jerusalem. Von dort
geht es hinab zur Hölle (Hell) und
wieder hinauf zum Fegefeuer
(Purgatory), das auf der Südhalb-
kugel Jerusalem gegenüber liegt.
Es folgen das irdische Paradies,
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

die Planenten und die Sterne und


schließlich das Empyrion, der Sitz
Gottes.

50
Erde, Wasser, Luft und Feuer

seine reformatorischen Thesen. Damit beginnt allgemeiner Prinzipien durch logisches


eine über hundert Jahre währende Zeit der Glau- Schließen zu finden (Deduktion) n,
bensspaltung, die das kontinentale Europa bis solle man besser durch ein forma--
1648 in eine Serie von Kriegen, Hungersnöten les Verfahren aus Beobachtung
und Epidemien stürzt. In dieser Zeit findet auch u nd Ex p eriment Erkenntnis
eine wirtschaftliche und militärische Machtver- über die Gesetze der Natur ge-
schiebung statt: Anstelle der „alten“ Mittel- winnen (Induktion). Seiner An-
meermächte steigen England und die seit 1581 sicht nach lag das Problem der
unabhängige Republik der Sieben Vereinigten zeitgenössischen Wissenschaft in
Niederlande zu Großmächten auf und auch der der Annahme, dass das, was Men- n
Schwerpunkt der Wissenschaften verschiebt sich schen unmittelbar erfahren und sich
vom Italien GALILEIs in das liberalere England dabei denken, auch tatsächlich auf genau
3-33
und die Niederlande, aber auch nach Frankreich diese Weise real ist. Er sprach von Trugbildern, Fossilienbildung. Der
und ins Heilige Römische Reich. die uns fehlleiten, wie die Trugbilder der Gat- Töpfer BERNARD PALISSY
tung (Idola Tribus): die Gattung Mensch neige schuf TTonplastiken durch
Abformung natürlicher
Umbruch in der Wissenschaft dazu, Dinge und Vorgänge aus menschlicher Strukturen und entwi-
Sicht zu sehen und zu beurteilen. Dabei verlören ckelte aufgrund seiner
Statt scholastischer Gelehrsamkeit stand in der die Dinge der Natur ihre Eigentümlichkeit und Erfahrungen eine viel
beachtete Theorie der
frühen Neuzeit zunehmend Beobachtung und würden von der Denkweise oder den Affekten Fossilienbildung.
praktische Erfahrung im Vordergrund. Dadurch des Forschers beeinflusst. Beispiele sind für ihn
wurden auch andere Bevölkerungsgruppen, plötzliche oder außergewöhnliche Vorgänge, die
insbesondere Handwerker, mit einbezogen. So wir gerne überbetonen.
gewann WILLIAM GILBERT (1544 – 1603) wich-
tige Erkenntnisse zur Wirkung des Kompass Ein unendliches Universum?
durch die Arbeiten des Seemanns und Kom-
passmachers ROBERT NORMANN und der Töp- Nicht nur auf der Erde werden in der frühen
fer BERNARD PALISSY (1510 – 1589) entwickelte Neuzeit Grenzen überschritten, auch der wohl-
aufgrund seiner Erfahrungen mit Abdrücken von geordnete endliche Kosmos des Mittelalters
Seetieren eine Theorie der Fossilienbildung. Die wird in Frage gestellt. Für GIORDANO BRUNO
frisch gegründete Royal Society gab seit 1662 (1548 – 1600) ist das Universum unendlich
Reisenden jedes Standes einen speziellen Frage- mit vielen Welten wie der unseren und ohne
bogen mit auf den Weg, um Informationen über Mittelpunkt. Auch sein englischer Zeitgenosse
fremde Gegenden zu erhalten. THOMAS DIGGES (1546 – 1595) geht davon aus,
Als intellektuelle Zentren der neuen Wis- dass der Fixsternhimmel unendlich und der
senschaften bildeten sich Akademien, wie die Wohnort Gottes sei. Bereits im 17. Jahrhundert
berühmte römische Academia Linceii (1603), der wird die mögliche Existenz anderer bewohnter
GALILEI angehörte, die nicht weniger berühmte Welten ein Modethema in der populären und
britische Royal Society (1660), die NEWTON zu philosophischen Literatur.
ihren Mitgliedern zählte und die französische
Académie de Sciences (1699), sowie die 1652 Kein perfekter Himmel
in Schweinfurt als Academia Naturae Curiosum
gegründete Leopoldina. Andere Entdeckungen rütteln an der Vorstel-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

lung vollkommener Himmelssphären. Der dä-


Eine neue Methode der Wissenschaften nische Astronom TYCHO BRAHE (1546 – 1601)
– Francis Bacon erkennt, dass Kometen keine atmosphärischen
Erscheinungen sein können, wie man seit ARIS-
Der bedeutende englische Philosoph und Staats- TOTELES glaubte, sondern dass es sich um Him-
3-32
mann FRANCIS BACON (1561 – 1626) unternahm melskörper handelt. Und als GALILEO GALILEI Galileis Mondzeichnun-
es, der neuen experimentellen Wissenschaft eine (1564 – 1642) und seine Zeitgenossen das neu gen. Diese Zeichnungen
methodische Grundlage zu verschaffen, die den entdeckte Fernrohr auf den Himmel richten, des Mondes von Galilei
zeigen deutlich den bergi-
traditionellen Weg der Erkenntnisgewinnung finden sie einiges, was nicht zu den herrschen- gen, „irdischen“ Charak-
auf den Kopf stellte. Anstelle Wahrheiten mittels den Vorstellungen passt. Der Jupiter verfügt ter des Mondes.

51
KAPITEL 3 Historischer Überblick

über Monde, also gibt es Himmelskörper, die was veranlasste die Planeten dazu, um die Sonne
nicht um die Erde kreisen, und der Mond hat zu kreisen wie KOPERNIKUS behauptete und was
Berge, ist also der Erde ähnlicher als dem Him- bewirkte den Fall aller Körper in Richtung
mel. Auch die Sonne ist keineswegs makellos, Erdmittelpunkt? Zwei Namen sind besonders
sondern zeigt Flecken. mit dem Sturz des scholastischen Weltbildes
aristotelischer Prägung verbunden: JOHANNES
Keine Angst vor dem Vakuum KEPLER (1571 – 1630) und GALILEO GALILEI, der
erkannte, dass die Beschleunigung beim freien
Noch ein als unverrückbar geltendes antikes Fall Folge einer Krafteinwirkung war. KEPLER
Prinzip sollte im Lauf des 17. Jahrhunderts fal- hingegen suchte nach einem Kraftbegriff, der
len: die Vorstellung, dass die Natur ein Vakuum mit seinen Gesetzen der Planetenbewegung kom-
nicht zulässt, den horror vacui. patibel war.
Noch GALILEI glaubte 1638 an dieses Prinzip, Einen anderen Weg ging kurz darauf RENÉ
versuchte jedoch bereits, dieses Widerstreben DESCARTES. Für ihn reduzierten sich Kräfte auf
der Natur quantitativ zu bestimmen. Es sollte Stoßprozesse zwischen kleinsten Teilchen, die
allerdings noch zwei Jahrzehnte dauern bis sich den Raum lückenlos ausfüllen. Kräfte sind keine
durch Versuche von EVANGELISTA TORICELLI realen physikalischen Entitäten. Für DESCARTES
(1608 – 1647), BLAISE PASCAL (1623 – 1662), existierten die ausgedehnte Materie (res extensa),
EDME MARIOTTE (1620 – 1684) und ROBERT BO- die Bewegung und der Geist (res cogitans), sonst
YLE (1627 – 1691) die Vorstellung durchsetzte, nichts (ÅRes cogitans und res extensa – DESCAR-
dass zumindest ein luftleerer Raum existieren TES, Seite 54).
kann, in dem kein Feuer brennt, der von Schall
nicht durchdrungen wird und in dem Tiere Gravitationskraft und Trägheit
verenden. Dass der äußere Luftdruck für den
Widerstand gegen das Vakuum verantwortlich Wenn die kreisförmige Bewegung der Planeten
ist, wurde ebenfalls erkannt und unter anderem keine „natürliche“ ist, so muss es einen äu-
durch OTTO VON GUERICKES (1602 – 1686) spek- ßeren Zwang geben, der sie auf Kreisbahnen
takulären Versuch 1654 auf dem Reichstag in hält. Und wenn es keinen „natürlichen“ Ort der
Regensburg demonstriert (Å Abbildung 3-34). Körper gibt, so bedarf es ebenfalls eines äußeren
3-34
Magdeburger Halbkugeln. Zwangs, der sie zum Fallen bringt. Zwangsbe-
Der Magdeburger Bürger- Aristoteles’ Fall wegungen setzten aber einen Beweger voraus,
meister OTTO V. GUERICKE eine vis anima. KEPLER durchbrach diese seit der
(1602 – 1678) demons-
trierte 1654, dass man Trotz der im Mittelalter bereits erfolgten Modi- Antike geltende Trennung zwischen Bewegtem
zwei leergepumpte, anei- fikationen der peripatetischen Mechanik fehlte und Beweger, zwischen aktivem und passivem
nander gesetzte metallene auf diesem Gebiet noch der entscheidende Element. Für ihn war Anziehung wechselsei-
Halbkugeln auch mit 16
Pferden nicht auseinander Durchbruch. Wenn es keine „natürlichen“ Orte tig: So wie die Erde einen Stein anzieht, wirkt
reißen kann. und „natürliche“ Bewegungen der Körper gab, dieser auch auf die Erde. Und so wie die Erde
den Mond und die Ozeane anzieht, wirkt der
Mond auf die Ozeane und erzeugt den Wechsel
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

zwischen Ebbe und Flut. Aber wie sollte diese


Anziehung wirken? KEPLER orientierte sich an
der Magnetkraft, die ja ebenfalls wechselseitig
wirkt. Er nahm an, dass sich die Sonne um ihre
Achse dreht. Diese Eigendrehung sollte eine Dre-
hung des Gravitationsfelds der Sonne bewirken
und dadurch die Planeten auf ihrer Kreisbahn
mitziehen, ganz wie in einem Kettenkarussell.
Analog bewirkt die Drehung der Erde das Krei-
sen des Mondes und gleiches gilt auch für den
Jupiter. KEPLER konnte sich bestätigt fühlen, als
kurz darauf die Eigendrehung der Sonne an-
hand der Sonnenflecken nachgewiesen wurde.
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Sein Magnetmodell der Gravitation ist das erste fallen gleich schnell, weil pondus und moles
rein mechanische Modell der Gravitationskraft einander proportional sind.
und der Planentenbewegung, das ganz ohne
die Annahme „natürlicher“ Bewegungen und
bewegender Seele auskam. Galileo Galilei – die Geburt der
KEPLER nahm an, dass beim Wegfall der
modernen Mechanik
antreibenden Gravitation jeder Körper aus ei-
ner Bewegung zur Ruhe kommt. Trägheit, oder GALILEIS Hauptwerk, die Unterredungen und
„inertia“ (von lat. iners, träge), wie es KEPLER mathematischen Demonstrationen über zwei
nannte, war also das Bestreben eines Körpers, Wissenszweige, die Mechanik und die Fall-
zur Ruhe zu kommen. Zu KEPLERs Zeit hatten gesetze betreffendd ist in mehrfacher Hinsicht
sich andere schon von dieser Vorstellung ge- wegweisend für die Physik: Es ist nicht in La-
trennt und gingen davon aus, dass Trägheit dazu tein, sondern in Italienisch geschrieben, seine
führt, dass ein Körper eine einmal gewonnene Sprache ist klar verständlich und es ist ein aus
Geschwindigkeit beibehält. So nahm der Nieder- heutiger Sicht modernes Werk, das detailliert be-
länder ISAAC BEECKMAN (1588 – 1637) an, dass schriebene Experimente und zugehörige Theorie
die Gravitation wie kleine Stöße wirkt, die einem miteinander verbindet. Da GALILEI seit seinem
Körper einen Geschwindigkeitszuwachs erteilen, Inquisitionsprozess 1633 unter Hausarrest stand
der auch erhalten bleibt. Durch fortwährende und nichts veröffentlichen durfte, erschienen
Stöße während des Falls kommt es zu einer lau- die Unterredungen 1638 zunächst bei LOUIS
fenden Geschwindigkeitserhöhung. Im Grenzfall ELSEVIER im holländischen Leiden, vier Jahre
immer kleinerer Zeitintervalle und Stöße erhält vor GALILEIS Tod.
man durch dieses Bild das von GALILEI aufge-
stellte Fallgesetz. BEECKMANS Stoßmodell inspi- Wann Balken brechen
rierte auch DESCARTES, der die inertia ablehnte,
da Ausdehnung für ihn die einzige Eigenschaft Neben seinen astronomischen Entdeckungen
eines Körpers war. gilt GALILEI zuallererst als Entdecker der Fallge-
Zu KEPLERs und GALILEIs Zeiten existierte setze. Weniger bekannt sind seine ausführlichen

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


noch kein klares Bild über den Zusammenhang Berechnungen zur Festigkeitslehre. Ausgangs-
von Trägheit, Gewicht, Fallgeschwindigkeit und punkt war das bekannte Phänomen, dass große
deren Abhängigkeit von der Materiemenge, der Maschinen oder Bauwerke zusammenbrechen,
quantitas materiae, wie auch immer man diese während kleinere mit gleichen Proportionen sta-
definieren mochte. Allerdings nutzte bereits GA- bil bleiben. Mittels Geometrie und Verwendung
LILEI intuitiv entsprechende Äquivalenzbezie- des altbekannten Hebelgesetzes zeigte GALILEI, 3-35
Riesenknochen. GALILEI
hungen. So setzte er die Kraft, die einen Körper dass die Bruchfestigkeit nicht im gleichen Maß
erkannte, dass Riesen
zum Fall antreibt, gleich mit der Kraft, die man wächst wie die entstehenden Drehmomente, eher unförmig wären, da
benötigt, ihn zu halten. Unter Verwendung mo- wenn Proportionen vergrößert werden. Ab einer ihre Knochen nicht nur in
der Länge, sondern auch
derner Terminologie gesprochen: Er nahm an, bestimmten Größe genügt schon das Eigenge-
in der Dicke wachsen
dass die träge Masse gleich der schweren Masse wicht eines Körpers, um ihn brechen zu lassen. müssten, um die gleiche
ist. Die träge Masse bestimmt, welche Kraft Daher müssten auch Riesen eher unförmig sein, Festigkeit zu erreichen.
benötigt wird, einen Körper zu beschleunigen, sofern sie nicht im Wasser lebten. Durch den Wale hingegen wirken
nicht unförmiger als an-
und die schwere Masse bestimmt die Stärke der Auftrieb reduziert sich im Wasser das Gewicht dere Wasserbewohner,
Gravitationskraft. des Körpers und damit die Belastung (ÅRiesen- wie Fische, da der Auftrieb
Auch anderen wurde bewusst, dass ein knochen, Abbildung 3-35). das Gewicht des Körpers
reduziert.
Körper eigentlich zwei Eigenschaften besitzt.
GIOVANNI BATTISTA BALIANI (1582 – 1666) un- Unendlich kleine T
Teilchen und der horror
terschied 1638 zwischen einem externen akti- vacui
ven Prinzip des schweren Körpers (lat. pondus,
Gewicht) und einem inneren, passiven Prinzip GALILEI ist kein Atomist, aber er glaubt, dass
(lat. moles, wuchtige Masse), das die Trägheit Körper aus unendlich vielen, unendlich kleinen
des Körpers bezüglich Bewegung verursacht. Teilchen bestehen. GALILEIs hohe mathematische
Körper unterschiedlichen Gewichts (pondus) Intuition zeigt sich bei der Frage, wie unendlich

53
KAPITEL 3 Historischer Überblick

viele unendlich kleine Teilchen endliche Körper geschieht, in dem mehr und mehr unendlich
unterschiedlicher Größe bilden können. Wenn kleine Leerstellen zwischen die Teilchen gescho-
zwei Körper beide aus unendlich vielen Teilchen ben werden. Auf ähnliche Weise schmilzt ein
bestehen, wie können sie dann verschieden groß fester Stoff. Die unendlich kleinen Feuerteilchen
sein? Anhand der beiden unendlichen Mengen drängen sich in die Leerstellen, wodurch die
der Quadrat- und der natürlichen Zahlen macht Kraft des Vakuums reduziert wird, der Stoff löst
er anschaulich klar, dass bei unendlichen Men- sich in seine kleinen Teilchen auf. Beim Festwer-
r
gen Größenvergleiche nicht funktionieren. Eine den verschwinden die Feuerteilchen wieder aus
3-36 formale Theorie der Mächtigkeit unendlicher den Zwischenräumen (ÅAbbildung 3-36).
Feuerteilchen. Feste Mengen wurde erst Jahrhunderte später von Indem GALILEI unendlich kleine Teilchen und
Körper schmelzen, weil GEORG CANTOR, dem Vater der Mengenlehre, unendlich kleine Zwischenräume annimmt, um-
die kleinen Feuerteilchen
in die unendlich kleinen entwickelt. GALILEI glaubt, dass für die Festigkeit geht er die Argumente ARISTOTELES gegen Atome
Zwischenräume eindrin- der Körper der Widerstand der Natur gegen das und das Vakuum. Die unendlich kleinen Teilchen
gen. Dadurch können sich Vakuum, der horror vacui verantwortlich ist. entstehen nicht durch fortwährende Teilung,
die T
Teilchen auseinander
bewegen, ohne dass ein
Diese Kraft sorgt für den Zusammenhalt der bis unteilbare Teilchen übrigbleiben. Auch das
Vakuum entsteht. unendlich kleinen Teilchen. Diese sind nämlich Vakuum existiert nicht als ein Stück unteilbarer
durch unendlich kleine Leerstellen voneinander Raum, die Leerstellen zwischen den Teilchen
getrennt. Die Kraft des Vakuums verhindert, haben keine messbare Ausdehnung. GALILEI ge-
dass sich diese Leerstellen vergrößern. lingt es, mit den Begriffen unendlich viell und
Flüssigkeiten sind Stoffe, deren unendliche unendlich klein so geschickt umzugehen, dass er
kleine Teilchen frei beweglich sind. Verdünnung alle Gegenargumente unterlaufen kann.

Galileis Festigkeitslehre
Res cogitans und res extensa –
DESCARTES
GALILEI ging davon aus, dass Körper starr
sind, das heißt, sie verändern ihre Form nicht RENÉ DESCARTES (1596 – 1650) berühmtester Satz
unter Belastung. Nur unter dieser Bedingung ist zweifellos das Cogito ergo sum, zu Deutsch:
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

gelten die Formeln GALILEIs. So kommt er Ich denke, also bin ich. Die Popularität dieses
zu dem Schluss, dass die maximale Länge, Satzes lässt sich kaum besser illustrieren als durch
die ein Draht haben kann, bevor er durch seine Verwendung in Medien, die eher selten
sein Eigengewicht reißt, nicht von dessen mit Philosophie assoziiert werden: Werbung und
Dicke abhängt. Dies trifft zu, wenn die (ma- Comics (ÅAbbildung 3-37/38).
3-37
terialabhängige) Reißfestigkeit proportional Der wahre Antrieb DESCARTES, der ihn zu diesem
Asterix denkt. In Asterix
der Legionär stellt Obelix zum Durchmesser des Drahtes ist. Da sich Satz führte, war der Zweifel. DESCARTES ging es
ganz im Sinne Descartes’ ein Draht aber unter Belastung dehnt und darum, herauszufinden, was wir sicher wissen
klar, welche Rolle Asterix damit sein Durchmesser abnimmt, wird er können. Er stellte fest, dass wir an der Existenz
und er einnehmen.
wesentlich früher reißen. Nach GALILEIs Be- von allem zweifeln können, nur nicht am Zwei-
rechnungen sollte ein Kupferdraht bei einer fel selbst. Da der Zweifel ein Produkt unseres
Länge von 4800 Ellen reißen, da ein Draht Denkens ist, ist zumindest unser Geist real – co-
von einer Elle Länge maximal 600 Unzen gito ergo sum. Da wir darüber hinaus Gott als
trägt und selbst 1/8 Unze schwer ist. vollkommenes Wesen denken können, muss er
GALILEI nahm an, dass der horror vacui, existieren. Die Wirkung – nämlich unser Denken
das Widerstreben der Natur gegen das Va- an Gott – kann ja nicht größer sein als deren Ur-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

kuum, für den Zusammenhalt der Materie sache – also Gott selbst. Wenn Gott vollkommen
verantwortlich ist. Die Vakuumkraft ist es, ist, so wird er uns auch nicht täuschen wollen,
die verhindert, dass ein Kupferdraht reißt. das heißt, die Außenwelt ist keine Illusion, son-
Da nun eine Wassersäule ab einer Höhe von dern real, ebenso wie unsere Vorstellungen über
achtzehn Ellen abreißt, Kupfer aber neunmal Logik und Mathematik und allem, was unserem
3-38 schwerer ist als Wasser, sollte die Vakuum- Geist evident erscheint, also vernünftig g ist. Wenn
iMac ist für Denker. Auch
für Werbung nutzt man kraft so stark sein wie das Gewicht von zwei aber unsere Vernunft sicheres Wissen vermittelt,
DESCARTES. Ellen Kupfer, also ¼ Unze. so bedeutet Forschen, die allgemeinen Prinzipien

54
Erde, Wasser, Luft und Feuer

zu finden, die den Naturerscheinungen zugrunde laufen unsere Beine? Es ist keine Kraft bekannt,
liegen. Die Überzeugung, dass es solche Grund- die derartige Wechselwirkungen vermittelt.
prinzipien hinter allen Naturerscheinungen gibt
und dass sie so real sind wie die Erscheinungen Konsequent mechanisch –
selbst, bezeichnet man als Rationalismus (lat. Descartes Erklärung der Welt
ratio, Vernunft). Hier steht DESCARTES im Gegen-
satz zu angelsächsischen Philosophen wie JOHN DESCARTES legte weniger Wert auf empirische
LOCKE (1632 – 1704), für die alle Erkenntnis auf Bestätigung als auf das Entdecken der Grund-
Erfahrung beruht, es mithin kein sicheres Wissen prinzipien natürlicher Vorgänge. Er ging der
gibt. Obwohl sich Naturwissenschaft heute längst Frage nach, wie denn die res extensa strukturiert
auf einer eher pragmatischen Position zwischen sei und wie ihre vielfältigen Erscheinungsformen
dem Empirismus LOCKEs und dem Rationalismus auf der Erde und im Himmel erklärt werden
DESCARTES befindet, kann man noch heute in der können. Er entwickelte eine Korpuskulartheorie
zeitgenössischen Philosophie Frankreichs bezie- der Materie, die wenig gemein hatte mit den
hungsweise Englands und Amerikas diese Tren- Atomtheorien seiner Zeit (ÅVon Minima Natu-
nungslinie spüren, insbesondere bei der Frage ralia zu Atomen, Seite 64). Ihr Schwerpunkt
nach dem Verhältnis zwischen Körper und Geist. lag in der konsequenten Anwendung rationaler
Prinzipien zur quantitativen Beschreibung der
Nicht aus einem Stoff gemacht – Welt. Dazu gehört bei DESCARTES auch die Ab-
Körper und Geist sage an den leeren Raum, das Universum ist bei
ihm vollständig mit Materie gefüllt. Wie aber
Im Gegensatz zur Gewissheit unseres Geistes können sich Körper bewegen, wenn kein Zwi-
können wir an der Existenz unseres Körpers schenraum existiert? Hier entwirft DESCARTES
zweifeln, wie uns Träume zeigen. In Träumen einen Kosmos aus drei unterschiedlichen Ma-
tun wir im Geist Dinge, ohne dass sich unser terieformen, die zusammen dicht gepackt und
Körper rührt. Es gibt also offenbar einen Unter- dennoch beweglich sein sollen. Die erste Form
schied zwischen beiden. Für DESCARTES war die besteht aus sehr kleinen, schnellen Teilchen, die
Ausgedehntheit die einzige Eigenschaft, die wir zweite aus kugelförmigen, die sich langsamer
Körpern sicher zusprechen können. Neben dem bewegen und die dritte aus grobkörnigen, sich
Geist, der res cogitans, gibt es also noch die res ebenfalls nur langsam bewegenden Teilchen.
extensa, die ausgedehnte Substanz. Und Aus- Natürlich unterscheiden sich die drei Materie-
dehnung impliziert Bewegung, nämlich dann, formen nicht stofflich, sondern nur durch ihre
wenn sich das Ausgedehnte von einem Ort zum Ausdehnung.
anderen bewegt. Alle anderen Phänomene, auch DESCARTES
R beschreibt, wie Kosmos und Erde
die Grundqualitäten Nass, Trocken, Warm und und alle Stoffe entstehen konnten: Zu Beginn des
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Kaltt der antiken Philosophie, sollten auf die Universums war die Materie in gleich große, sich
Ausgedehntheit und die Bewegung der Körper gegeneinander bewegende Teile geteilt, aus denen
zurückgeführt werden, also auf die Mechanik. durch Bewegung mit der Zeit kleine, schnelle und
Die Zweiteilung zwischen Geist und Kör- mittlere bis große, langsame Körper entstanden.
per, der sogenannte Dualismus, prägte lange Aus den anfangs beliebig geformten Körpern
3-39
Zeit die Philosophie des Geistes. Für manche bilden sich so mit der Zeit kugelförmige Teilchen, Der Kosmos als Wirbel-
Philosophen bildete er die Basis für Argumente deren Kanten durch ständiges Aneinanderstoßen geflecht. Der Himmel ist
gegen die Materialisierung des Geistes. Aufbau abgeschliffen werden. Die entstehenden Split- ausgefüllt von Materiewir-
beln, wobei sich im Zen-
und Funktion des Gehirns könne niemals Geist ter bilden die feinsten Teilchen und füllen die
trum eines jeden Wirbels
erklären. Auf der Gegenseite standen Materialis- Zwischenräume aus. Größere Stücke bleiben als (L, C, S, O, K) die feine
ten, die keinen Grund dafür sahen, eine zweite dritte Form zwischen den Kugeln und Splittern erste Materie sammelt
und die Sonne (S) und Fix-
Substanz einzuführen, um Geist zu erklären. bestehen. Der Kosmos ist lückenlos, aber nicht
sterne bildet. Die Wirbel
Geistige Tätigkeit ist ihrer Ansicht nach eine gleichmäßig ausgefüllt mit diesen Formen. Er rotieren längs der Achsen
Folge von Zustandsänderungen unseres Gehirns. besteht aus riesigen Wirbeln, in deren Mitte je- AB, TT,
T ZZ usw. Materie
Ein fundamentales Problem des Dualismus ist weils ein Stern steht (ÅAbbildung 3-39). Die Erde wird immer an den Polen
der Drehachsen (A, B, T
die Frage, wie denn die geistige Substanz auf die und andere Planeten bestehen aus Zusammenbal- usw.) zwischen den Wir-
körperliche wirke. Wie bewegt unser Wille zu lungen der grobkörnigen Teilchen, durch deren beln transportiert.

55
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Menschen aß und schlief. NEWTON selbst war


bescheidener:

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Ich weiß nicht, wie ich der Welt vorkomme; aber
mich selber dünkt, ich habe wie ein Knabe an
einem Strand gespielt und mich damit unter-
halten, hin und wieder einen glatteren Kiesel
oder eine hübschere Muschel zu finden als ge-
wöhnlich, während der ganze große Ozean der
3-40 Wahrheit unentdeckt vor mir lag.
Der Aufbau der Erde. Die verschiedenen Schichten der
Erde wie Lufthülle (F), Gestein (E), Gewässer (D) und
Erze (C) bestehen aus unterschiedlich geformten Teilchen
T Worauf gründet sich diese erstaunliche Bewun-
der dritten Materieform. Gebirge entstehen durch das derung ISAAC NEWTONs?
Einbrechen der Gesteinsschicht in die darunter liegende Den meisten von uns ist NEWTON durch
Wasserschicht. Die Schichtung entsteht durch das unter-
schiedliche Bewegungsverhalten der T Teilchen als Folge sein Trägheits- und Gravitationsgesetz aus der
ihrer Form. Schule bekannt, aber unabhängig davon, ob
Sie sich daran erinnern oder nicht, eine Vor-
Poren die kleineren Teilchen strömen können. stellung ist Ihnen wahrscheinlich so geläufig,
DESCARTES
R beschreibt sehr detailliert, wie diese dass Sie kaum mehr darüber nachdenken: die
räumliche Trennung der Materieformen durch Vorstellung nämlich, dass Körper sich in ei-
die Bewegung der Teilchen und ihrer besonderen nem allgegenwärtigen, unveränderlichen Raum
Form verursacht wird. Auch den Aufbau der Erde wie auf einer Bühne bewegen. Dieser Raum
und die Entstehung unterschiedlicher Stoffe wie hat außer seiner Dreidimensionalität keinerlei
Erze, Gestein, Wasser und Luft beschreibt er auf Eigenschaften, er ist Verwirklichung des euk-
diese Weise (ÅAbbildung 3-40). lidischen Raumes, platonische Idee und weltli-
Alle Eigenschaften der Stoffe, wie Elastizi- che Realität zugleich. In diesem Newtonschen
tät und Durchsichtigkeit, sind eine Folge der Universum wirkt Materie aufeinander durch
Struktur der Teilchen, aus denen sie bestehen. eine geheimnisvolle, über die Weiten des leeren
DESCARTES interpretiert auch Wärme und Kälte Raumes wirkende Anziehung, die Gravitation.
als unterschiedlich schnelle Bewegung der Teil- NEWTON verband Konzepte, die von manchen
chen. Erst mehr als zweihundert Jahre später seiner Zeitgenossen als Metaphysik verurteilt
sollten Physiker ein mechanisches Modell der wurden, mit experimentell überprüfbaren, ma-
Wärme entwickeln, das auf der Vorstellung von thematischen Gesetzen. VOLTAIRE (1694 – 1778)
Atomen basiert, die sich in einem leeren Raum sah es in seinen englischen Briefen 1733 so:
je nach Temperatur unterschiedlich schnell be- Während in Frankreich das Universum (nach
wegen. In der Zwischenzeit geriet DESCARTES DESCARTES) voll sei, sei es in England praktisch
Modell weitgehend in Vergessenheit. — leer. Und während in Frankreich alles durch
Druckwirkung erklärt werde, was niemand ver-
stehe, werde in England alles durch Anziehung
Materie als Masse erklärt, was ebenfalls niemand verstehe. Und
mehr als hundert Jahre später meinte der öster-
Issac Newton reichische Physiker ERNST MACH (1838 – 1916),
dass das zu NEWTONs Zeiten ungewöhnliche
Nature and nature’s laws
lay hid in night; Unverständliche mit der Zeit zu einem gewöhn-
God said, let Newton be! and all was light. lichen Unverständlichen geworden sei.
(ALEXANDER POPE, 1688 – 1744) NEWTONs Gesetze erwiesen sich allerdings
als ungeheuer fruchtbar. Bereits ein Jahrhundert
Nearer the gods no mortal may approach. später konnte der französische Physiker PIERRE-
(EDMOND HALLEY , 1656 – 1742, über Newton)
SIMON LAPLACE (1749-1827) selbstbewusst zu
Diese beiden Zitate zeugen von dem Eindruck, NAPOLEON sagen, dass seine Himmelsmecha-
den ISAAC NEWTON (1643 – 1727) bei seinen Zeit- nik ganz ohne Gotteshypothese auskomme.
genossen hinterließ. Der MARQUIS DE L'HÔPITAL Der Erfolg der Newtonschen Mechanik wurde
soll sogar gefragt haben, ob NEWTON wie andere auch Vorbild für andere Bereiche. Bereits NEW-

56
Erde, Wasser, Luft und Feuer

TON vermutete hinter chemischen Reaktionen Masse, Trägheit und Gravitation


anziehende und abstoßende Kräfte und diese
Vorstellung prägte die Entwicklung der Chemie NEWTON bemühte sich in der Principia nur Defi-
nachhaltig (ÅDie Entwicklung der modernen nitionen und Gesetze einzuführen, die entweder
Chemie, Seite 64). Seit NEWTONs Hauptwerk aus der unmittelbaren Erfahrung abgeleitet wer-
Philosophiae Naturalis Principia Mathematica den konnten oder dem Experiment zugänglich

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


(1687), meist Principia genannt, ist die Mathe- waren. Der durchschlagende Erfolg der klassi-
matik als Sprache der Physik endgültig etab- schen Physik zeigt, wie erfolgreich seine Wahl
liert. NEWTON war bestrebt, auf experimentell war. Begriffe wie Masse oder Gravitationskraft
unbeweisbare Hypothesen zu verzichten, was sind heute nicht nur in der Physik, sondern auch
in seinem berühmten Ausspruch „Hypothe- im allgemeinen Sprachgebrauch verankert und 3-41
ses non fingo“ (Hypothesen erfinde ich nicht) bedürfen kaum weiterer Erklärung. Dies war vor Sir Isaac Newton. Bild des
zum Ausdruck kommt. NEWTON hütete sich NEWTON keineswegs der Fall. 46-jährigen NEWTON von
GODFREY KNELLER aus dem
aber, seine Prinzipien nur deshalb für wahr zu
Jahre 1689.
halten, weil sie mit experimentellen Tatsachen Masse
übereinstimmen. Im Gegensatz zu den meisten
seiner Nachfolger nannte NEWTON die Gravi- NEWTONs Principia beginnt mit einer Reihe von
tationskraft und ihre mysteriöse Fernwirkung Definitionen später verwendeter Begriffe. In der
ein mathematisches Konstrukt. Seine Gesetze ersten stellt er klar, was unter quantitas mate-
beschrieben nicht, warum diese Kraft existiert, riae zu verstehen sei. NEWTON definiert sie als
sondern nur, wie sie ihre Wirkung entfaltet. Er Maß für das Produkt aus Dichte und Volumen
versuchte einige Zeit erfolglos, sie auf Wirkun- eines Körpers und verwendet fortan „Masse“ 1. Newtonsches Gesetz
gen eines im Raum verteilten feinen Stoffes, oder einfach „Körper“ als Synonyme für quan-
des Äthers, zurückzuführen. Ihre Ursache sah titas materiae. Uns erscheint diese Definition Trägheitsprinzip
Ein Körper beharrt im Zu-
NEWTON letzten Endes in Gott. heute wenig spektakulär, was allerdings mehr stand der Ruhe oder der
an unserer Vertrautheit mit diesem Begriff liegt, gleichförmig geradlinigen
Newton und die Alchemie als an seiner Selbstverständlichkeit. Vor NEW- Bewegung, solange keine
äusseren Einflüsse auf ihn
TON war quantitas materiae ein vager Begriff,
wirken. Die Geschwindig-
Wenig bekannt ist NEWTONs Interesse an der Al- der so etwas wie die Menge an Substanz eines keit eines solchen sich frei
chemie. Dabei ging es ihm nicht um die Herstel- Körpers repräsentierte. BURIDAN nutzte ihn, um bewegenden Körpers ist
nach Betrag und Richtung
lung von Gold, sondern um Erkenntnis. Er war den unterschiedlichen „Schwung“ verschieden
konstant.
bestrebt, die Lücken seiner eigenen Theorien auf schwerer Körper zu erklären und auch KEPLERs
andere Weise zu schließen. Wie bereits erwähnt, inertia sollte von ihm abhängen (Å Gravitation
betrachtete NEWTON die Gravitationskraft als und Trägheit, Seite 52). HUYGENS erkannte, 2. Newtonsches Gesetz

direktes Wirken Gottes. Auch schien es ihm dass die Fliehkraft eines Körpers von dessen Sub- Beschleunigungsprinzip
unmöglich, Leben, seine Entstehung und die stanzmenge abhing. Da man aber zu dieser Zeit Durch einwirkende Kräfte
Fortpflanzung allein durch die unorganisierte meist in Verhältnissen dachte statt in absoluten erfährt ein Körper eine
Beschleunigung, die der
Bewegung von Materiepartikeln zu erklären, Größen, war es in der Regel gleichgültig, ob man Kraft proportional ist und
eine andere Kraft, eine Art Spirit (Geist) musste Gewichts- oder Masseverhältnisse verwendete. deren Richtung besitzt:
dafür verantwortlich sein. NEWTON sah in den Allerdings wusste man seit 1671 durch Versuche Kraft = Masse · Beschleuni-
gung. Zu Ehren Newtons
allegorischen Beschreibungen der Alchemie von JEAN RICHTER, dass das Gewicht eines Kör- wird die Einheit der Kraft
(ÅVon der Alchemie zur Chemie, Seite 59) pers nicht konstant war, sondern davon abhing, Newton (N) genannt.
den Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der wo man sich auf der Erde befand. RICHTER stellte
Welt und entwickelte alchemistische Hypothe- bei astronomischen Messungen in Cayenne fest, 3. Newtonsches Gesetz
sen, die sich an stoizistisches und hermetisches dass seine mitgebrachten Pendeluhren zweiein-
Gedankengut anlehnten (Å Geheimnisvoll – Der halb Minuten pro Tag nachgingen. Da die Pen- Wechselwirkungsprinzip
(actio = reactio)
Hermetismus, Seite 40). dellänge in Frankreich und Cayenne gleich war,
Übt ein Körper A auf einen
konnte nur das veränderte Gewicht des Pendels Körper B eine Kraft aus
für die Abweichung verantwortlich sein. (actio), so übt auch B auf
NEWTONs Definition wurde als zirkulär kriti- A eine Kraft aus, Gegen-
kraft (reactio) genannt, die
siert: Wie sollte man die Masse eines Körpers be- entgegengesetzt gleich der
stimmen, wenn man zuvor die Dichte bestimmen ersten Kraft ist.

57
KAPITEL 3 Historischer Überblick

muss, welche wiederum von der Masse abhängt? onswirkung verantwortlich, während die träge
Man müsste entweder Abstände und Massen der Masse in das Newtonsche Kraftgesetz eingeht.
kleinsten Teilchen anderweitig ermitteln oder das Diese Äquivalenz bedeutet, dass wir in einem

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Trägheitsgesetz bereits voraussetzen, um den Zu- geschlossenen Raum nicht unterscheiden kön-
sammenhang zwischen Gewicht und Masse zur nen, ob die Kraft, die uns am Boden hält, Folge
Berechnung zu nutzen. Die damals von ROBERT R einer beschleunigten Bewegung (Trägheit) oder
BOYLE entdeckten Abhängigkeiten zwischen eines Schwerefeldes ist.
Druck, Dichte und Volumen eines Gases legten
3-42
Die Principia. NEWTONs
aber eine solche Definition ebenso nahe wie die Gravitation
Hauptwerk, die Philoso- Beobachtung, dass zwar das Gewicht zweier Kör- r
phiae Naturalis Principia per örtlich schwankt, nicht aber deren Gewichts- Bereits KEPLER und andere Forscher vor NEW-
Mathematica in der ersten
verhältnis. Es muss also eine ortsunabhängige TON vermuteten eine Anziehung der Körper als
Ausgabe mit NEWTONs
handgeschriebenen Kor- Konstante geben, die einem Körper zu Eigen ist. Ursache der elliptischen Planetenbewegungen.
rekturen für die zweite Und HOOKE äußerte 1679 in einem Brief an
Ausgabe. NEWTON die Vermutung, dass die Anziehung
Trägheit
der Körper einem quadratischen Abstandsgesetz
Bereits DESCARTES und der Niederländer CHRIS- folgt. Die elliptische Bewegung der Planeten sei
TIAAN HUYGENS (1629 – 1695) formulierten das eine Folge dieser Zentripetalkraft der Sonne.
Trägheitsgesetz, nach dem ein Körper sich auf Später wird NEWTON in dem Bemühen, die Ur-
einer geraden Bahn gleichförmig weiter bewegt, heberschaft des Gravitationsgesetzes für sich zu
wenn er sich selbst überlassenen ist. HUYGENS beanspruchen, den berühmten Apfel anführen,
berechnete auch den Wert der Zentrifugalkraft dessen Fall ihn schon einige Jahre vor HOOKE
bei kreisförmiger Bewegung. Aber erst NEWTON zum Nachdenken über die Gravitation angeregt
verdanken wir eine präzise Formulierung des haben soll (ÅAbbildung 3-43). Wer auch immer
Trägheitsgesetzes. Er formulierte die drei Gesetze die Urheberschaft des quadratischen Abstands-
der Bewegung, die das Fundament der klassi- gesetzes für sich beanspruchen kann, eines ist
schen Mechanik bilden. Das erste entspricht dem gewiss: Erst NEWTON gelang es, ein allgemeines
Huygenschen Gesetz. Nach dem zweiten ist die Gesetz der Massenanziehung aufzustellen und
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Änderung der Bewegung der wirkenden Kraft nachzuweisen, dass die elliptischen Bahnen der
proportional, es handelt sich um das berühmte Planeten und Monde nur dadurch zu erklären
„Kraft gleich Masse mal Beschleunigung“. Das sind. Und da sich Planeten und die Sonne wech-
dritte Gesetz ist „actio gleich reactio“, jeder selseitig anziehen, gelang ihm auch der Nachweis,
Kraft steht eine gleichgroße Gegenkraft entge- dass die Keplerschen Ellipsen in Wirklichkeit
3-43 gen. Dieses Prinzip erlaubt es unter anderem, Näherungen sind. Sonne und Planeten kreisen
Newton und der Apfel. Kreisbewegungen zu beschreiben. Die Zentri- um das gemeinsame Gravitationszentrum, das
Bild NEWTONs mit dem
fugalkraft, die Körper nach außen treibt, ist die sich aus der Kombination der Anziehungskräfte
fallenden Apfel von dem
japanischen Künstler HOSAI Reaktion auf die Kraft, die sie auf die Kreisbahn aller Planeten und der Sonne ergibt.
aus dem Jahr 1869. Das zwingt, zum Beispiel die Gravitation. Die Tatsache, dass NEWTON eine Erklärung
Bild trägt den Untertitel NEWTON formulierte die Bewegungsgesetze für die magische Fernwirkung der Körper auf-
„Isaac Newton, sehr gro-
ßer theoretischer Kopf, als zwar experimentell prüfbare, aber nicht einander schuldig blieb, provozierte vor allem
aber nicht eingebildet“. als begründbare Gesetze der Natur. So blieb in Kontinentaleuropa Widerspruch. HUYGENS
die Frage, warum Körper träge sind, unbe - vermutete in der Tradition DESCARTES’, dass
antwortet. Im 19. Jahrhundert vermutete der Wirbel kleinster Partikel die Planeten auf ihre
österreichische Physiker ERNST MACH, dass elliptischen Bahnen zwangen, und GOTTFRIED
die Trägheit der Körper eine Folge der Gra- WILHELM LEIBNIZ (1646 – 1716) leitete das qua-
vitationswirkung aller Massen im Universum dratische Abstandsgesetz auf Basis einer Theorie
sei. Wäre das Universum leer, gäbe es keine flüssigen Äthers ab. NEWTON selbst empfand die
Trägheit. Dieses sogenannte Machsche Prinzip magische Fernwirkung als Manko und versuchte
inspirierte ALBERT EINSTEIN bei der Formu- sich in Ätherhypothesen. Letzten Endes war für
lierung der allgemeinen Relativitätstheorie. ihn die Massenanziehung nur ein mathematisches
Sie postuliert die Äquivalenz von träger und Konstrukt, dessen physikalischer Hintergrund
schwerer Masse. Letztere ist für die Gravitati- zumindest zu seiner Zeit unbekannt blieb. —

58
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Von der Alchemie zur Chemie dem 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr., die beide um
1828 entdeckt wurden. Sie enthalten Rezepte zur
Aus Mystik wird Wissenschaft Behandlung und Imitation von Edelmetallen, zur

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Herstellung künstlicher Perlen und Edelsteine,
Heutzutage verbindet man Alchemie mit dem aber auch Anweisungen zum Färben von Wolle
Bild mittelalterlicher Klosterlaboratorien, in de- und zur Herstellung von Farbstoffen. Nachah-
ren Retorten geheimnisvolle Substanzen darauf mungen von Edelmetallen wurden in den Papyri
warten, durch die Hände des kundigen Meisters nicht als Fälschungen bezeichnet und wohl auch
in Gold verwandelt zu werden. nicht als solche empfunden. 3-44
Der Alchemist und sein
In der Tat finden sich in vielen alchemis- Das Zentrum der antiken Alchemie war Ale-
Labor. Bild des flämischen
tischen Schriften seltsame Rezepte. Eines zur xandria, mit bis zu 500 000 Einwohnern nach Malers DAVA ID TENIERS DER
Herstellung von Gold aus einem Basilisken be- Rom zeitweise die zweitgrößte Stadt der Welt. JÜNGERE (1610 –1690).
schreibt ein gewisser THEOPHILOS PRESBYTER im Dort entwickelte sich bis zur islamischen Erobe-
11. oder 12. Jahrhundert. Der Basilisk (griech. rung im 7. Jahrhundert die antike Alchemie aus
basiliskos, kleiner König) ist ein mythisches Tier einem Bündel praktischer, philosophischer und
mit dem Oberkörper eines Hahns und dem Un- mythischer Quellen. Neben den Techniken der
terleib einer Schlange. Der Blick des Basilisken Tempelhandwerker flossen griechisch-hellenis-
versteinert; töten kann man ihn nur, indem man tische Naturphilosophie und ägyptische sowie
ihn in einen Metallspiegel schauen lässt, wo- babylonische Mythologie mit ein. Das alche-
durch er sich durch seine Blicke selbst tötet. mistische Wissen breitete sich nach demem
Folgt man den Angaben des Rezeptes, so kann Niedergang des Römischen Reiches ab
man Basilisken erschaffen, in dem man zwei alte dem 8. Jahrhundert zunächst im ara-
Hähne sich begatten und die gelegten Eier von bisch-islamischen Kulturkreis aus. Ins
einer Kröte ausbrüten lässt. Die geschlüpften christliche Abendland gelangte es im
Basilisken verbrennt man und vermischt deren Wesentlichen erst ab dem 12.Jahrhun-
Asche mit dem Blut eines rothaarigen Men- dert. Die Werke der beiden bedeutenden islami- 3-45
schen und scharfem Essig. Anschließend wird die schen Gelehrten GABIR IBN N HAYYAN und AL-RAZI Ein Basilisk. Mystisches
Tier mit dem Oberkörper
Mischung auf ein Kupferblättchen gestrichen, wurden im 12. Jahrhundert aus dem Arabischen eines Hahns und dem Un-
dieses zur Weißglut erhitzt und mit der Mi- ins Lateinische übersetzt. Beiden verdankte das terleib einer Schlange.
schung wieder abgelöscht. Nach mehrmaligem mittelalterliche Europa seine Kenntnisse über che-
Wiederholen dieses Vorgangs hat die Mischung mische Arbeitsmethoden, Metallurgie und Farb-
das Kupfer durchdrungen und dieses nimmt die stofferzeugung, die Umwandlung von Metallen
Farbe und das Gewicht des Goldes an. zu Gold war nur ein Teil dieses Wissens. Auch das
So obskur uns solche Rezepte heute erschei- Wort Alchemie ist arabischen Ursprungs, zusam-
nen mögen, aus Sicht der damaligen Zeit waren mengesetzt aus dem Artikel Al- und kimiya’ vom
sie nicht ungewöhnlich. Vieles in der Alchemie griechischen chymeia, das wohl mit dem Wort
wurde verschlüsselt und in allegorischer Form chyma für Metallguss zusammenhängt.
dargestellt und vieles, was uns seltsam erscheint, Auf dem Weg nach Europa wurde das
entsprach anerkannten naturphilosophischen mystisch-religiöse Grundgefüge der Alchemie
Vorstellungen. dem Christentum angepasst. So konnten sich
auch Theologen wie der Regensburger Bischof
Von Ägypten ins Abendland A LBERTUS M AGNUS ( ca. 120 0 – 1280 ) mit
Alchemie beschäftigen. Die Legende sieht in ihm
Die praktische Seite der Alchemie, das Behandeln einen Magier, dem es gelang, einen Homunculus
oder Veredeln von Metallen, das Färben von Stof-f zu schaffen, einen künstlichen Menschen ohne
fen und Glas, die künstliche Erzeugung von Perlen Seele.
und Edelsteinen, geht offenbar auf die Kunst der
ägyptischen Tempelhandwerker zurück. Sie ge- Das hellenistische Erbe
hörten der Priesterkaste an und vieles ihrer Kunst
wurde geheim gehalten. Die ältesten Sammlungen Prägend für die alchemistischen Vorstellungen Alchemie = Technik
T +
chemisch-technischer Rezepte sind das ägyptische waren die Materietheorien des ARISTOTELES Naturphilosophie + Mystik
Papyrus Leiden und das Papyrus Stockholm aus und der Stoiker. Aus der aristotelischen Natur-

59
KAPITEL 3 Historischer Überblick

philosophie wurden die vier Elemente und die Schwefel und Salz setzte sich endgültig in der
vier Qualitäten (warm, kalt, feucht, trocken) neuzeitlichen Alchemie des PARACELSUS durch.
übernommen, sowie die Idee der materia prima, Die Zusammenhänge zwischen Elementen,
der Urmaterie, aus der alles entsteht. Nach al- Qualitäten, Pneuma, Samen und Prinzipien sind
chemistischen Vorstellungen mussten bei der schwer zu fassen, da die entsprechenden Kon-
Goldherstellung die Ausgangsstoffe zuerst in die zepte sich von Autor zu Autor unterscheiden.
Urmaterie überführt werden. Die Goldherstel- Insgesamt entwickelte die Alchemie nie eine
lung aus unedlen Metallen war im Prinzip nur nach heutigen Maßstäben geschlossene und wi-
eine Veränderung der Form der Urmaterie. Zur derspruchsfreie Theorie der Stoffe und ihrer
Elementelehre trat die stoizistische Lehre, die Umwandlungen.
Feuer und Luft (Pneuma) als aktive, göttliche
Prinzipien auffasste, die die passiven Elemente Das mystisch-religiöse Erbe
Erde und Wasser formen. Aus der Stoa stammt
auch die Vorstellung eines geistigen Samens, Die Alchemie war von Beginn an eingebettet in
des logoi spermatikoi. Er überträgt durch sein mystisch-religiöse Vorstellungen über den Auf-
Pneuma die Qualitäten auf die Materie und bau des Kosmos. Dieser Kontext prägte auch die
bringt damit die Einzeldinge zur Entwicklung. Form alchemistischer Forschungen. Man legte
Dem Traktat Novum Lumen (Neues Licht) des wenig Wert auf die akribische Aufzeichnung
polnischen Alchemisten MICHAEL SENDIVOGIUS physikalischer Größen wie Gewicht oder Druck
von 1604 zufolge sollte durch die Vereinigung während eines Experiments. Eine empirische
von männlichem und weiblichem Prinzip aus den Prüfung von Aussagen, wie wir sie heute kennen,
vier Elementen der Samen der Metalle entstehen. wäre Alchemisten als überflüssig erschienen.
Dieser entwickele sich dann in der Erde je nach So existierte die Vorstellung, dass Bocksblut
Gegebenheiten in mehr oder weniger edle Me- Glas erweichen könne, eine Aussage, die sich
talle. Daher wurden im Mittelalter Bergwerke natürlich leicht empirisch widerlegen lässt. Für
zeitweise geschlossen, um den Reifungsprozess einen Alchemisten war die Sache jedoch nicht so
der Metalle ungestört ablaufen zu lassen. einfach: Vielleicht bedeutete ein Misserfolg nur,
Eine wesentliche Rolle spielten auch Queck- dass der falsche Zeitpunkt, der falsche Ort, das
silber und Schwefell als Grundprinzipien der falsche Blut oder das falsche Glas vorlag. Der
Metalle. Darunter wurden allerdings nicht die Alchemist ging eher vom Komplexen aus, nichts
in der Natur anzutreffenden Substanzen ver- wurde so in Einzelteile zerlegt, dass man es auf
standen, sondern es wurden essenzielle stoffliche einfache Weise hätte bestätigen oder widerlegen
Eigenschaften mit ihnen assoziiert. Zur Unter- können. Die alchemistischen Konstrukte muss-
scheidung zwischen realer Substanz und Prinzip ten im Gegensatz zu wissenschaftlichen Hypo-
3-46 sprach man von philosophischem Schwefell oder thesen weder logisch konsistent noch testbar
Planeten und Metalle. philosophischem Quecksilber, wenn man letzte- sein, sie konnten auch Widersprüche enthalten.
Die Zuordnung zwischen res meinte. Nicht-metallische Stoffe wurden oft Sie waren in diesem Sinn eher am menschlichen
Planeten und Metallen
änderte sich im Lauf der durch Salz als Grundsubstanz einbezogen. Die Weltgefühl orientiert (das Gegensätze anerkennt)
Jahrhunderte. Vorstellung von den drei Prinzipien Quecksilber, als an rationalem, quantifizierbaren Wissen.
Die Ents p rechun g en zwischen Göttern,
Planet Traditionell Griechisch ab dem 7. Jahrhundert Planeten und irdischen Dingen, sowie der kos-
Sonne Gold Gold mische Einfluss auf den Lauf der Welt gehen
auf den babylonisch-sumerischen Kulturkreis
Mond Silber Silber zurück. Die Zuordnung zu den Metallen kam
Quecksilber, auch Zinn Quecksilber (davor Elektron, wohl etwas später und wandelte sich auch im
Merkur
(„weißes Blei“) eine Silber-Gold-Legierung)
Lauf der Zeit (ÅTabelle 3-46). Das Tripel Gott-
Venus Kupfer Kupfer
heit – Planet – Metall ist jedoch zentral für die
Mars Eisen Eisen alchemistische Symbolik. Da die Zahl der Pla-
neten damals sieben betrug (Sonne und Mond
Jupiter Elektron, Zinn, Bronze Zinn
zählten als Planeten), war offensichtlich, dass es
Saturn Blei (Bismut galt als Bleiart) Blei nur sieben Metalle geben konnte, alle weiteren
wurden als Mischungen angesehen. Im Sinne des

60
Erde, Wasser, Luft und Feuer

„wie oben, so unten“ stand die Sonne nicht nur Transmutationen – nichts als Betrug?
für Gold, sondern auch für das Männliche und
das Unsterbliche. Es existieren Berichte über erfolgreiche Trans-
Der Kreislauf von Werden und Vergehen, mutationen, die zum Teil sogar öffentlich statt-
von Tod und Schöpfung tritt in der Alchemie fanden. So führte JOHANN FRIEDRICH BÖTTGER,
in vielfältiger Gestalt auf. Ein sehr häufig an- der Miterfinder des europäischen Porzellans,
zutreffendes Motiv, die Zerstückelung aus dem in Berlin 1701 mit Hilfe einer geheimnisvollen
Isis/Osiris-Mythos, haben wir bereits kennen roten Tinktur vor zahlreichen Zuschauern eine
gelernt (ÅTod und Wiedergeburt, Ei und Schöp- Transmutation durch. Sie machte ihn über die
fung, Seite 30). Im gleichen Sinn wird bei Grenzen Preußens hinaus bekannt und führte
der Herstellung von Gold die Überführung der dazu, dass er in die Hände von AUGUST DEM
Ausgangsstoffe in die materia prima als Tod der STARKEN von Sachsen geriet. Diesem Umstand
Materie bezeichnet. Der Tod geht der Schöpfung verdanken wir die Meißner Porzellanmanufak-
des Goldes voraus. tur.
Die umfassende Korrespondenz zwischen Man tut Alchemisten Unrecht, stempelt man
Mikrokosmos und Makrokosmos bildet die Ba- Berichte über Transmutationen pauschal als Be-
sis der reichen Symbolsprache und Allegorien in trügerei ab. Ohne den modernen Elementbegriff
alchemistischen Werken. Die damit verbundene ist schließlich nicht offensichtlich, was Gold zu
Mehrdeutigkeit alchemistischer Beschreibun- Gold macht. Legt man die Quecksilber-Schwe-
gen hatte allerdings auch Methode. Die großen fel-Lehre zugrunde, so sind Gold und andere
Geheimnisse, die arcana maiora, konnten nur Metalle lediglich Kombinationen dieser beiden
charakterfesten Menschen offenbart werden,
die einen untadeligen Lebenswandel führten.
Die Eingeweihten, sogenannte Adepten, gaben Von Betrügern und gierigen Herrschern
ihr Wissen daher in verschlüsselter Form weiter,
wichtige Prozeduren wurden in Form phan- Wo es viel zu gewinnen gibt, sind auch Betrüger nicht weit. So drehte
tastischer Träume erzählt, oft wurde ein Text DANIEL VON SIEBENBÜRGEN Apothekern goldhaltige Pillen an, ließ diese
sogar fragmentiert und auf mehrere Kapitel oder dann von unverdächtigen Personen kaufen und gewann daraus Gold.
Werke verteilt. Eine andere Methode bestand darin, in den Rührstab Gold einzugießen
und das Loch mit Wachs zu verschließen. Tauchte man den Stab in
den heißen Tiegel, schmolzen Wachs und Gold und letzteres sammelte
Elemente und Transmutation sich am Grund des Gefäßes an. Beliebt war auch die Verwendung
eines Goldamalgams: Überzog man Gold mit Quecksilber, so konnte
Wir wissen heute, dass die Methoden der Al- man dieses über dem Feuer abrauchen und das Gold kam wieder zum
chemisten nicht dazu geeignet sind, Gold her- Vorschein. Bei der Vergoldung von Kupfer überzog man dieses mit
zustellen. Allein durch chemische Verfahren ist Goldamalgam und erhitzte gelinde. Das Quecksilber verdampfte und
eine Transmutation unedler Metalle in Gold zurück blieb eine dünne Goldschicht. Sehr beliebt war auch die Ansage,
nicht möglich, da die geringe Energie chemi- dass das Gebräu eine Nacht stehen müsse. Des Nachts tauschte dann
scher Reaktionen für die Umwandlung von ein in einer Kiste verborgener Gehilfe das Gebräu durch Gold aus. Auf
Elementen nicht ausreicht. Um Gold zu erzeu- diese Weise versuchte GEORG HONAUER den Herzog FRIEDRICH VON
gen, sind Kernreaktionen notwendig, bei denen WÜRTTEMBERG hinters Licht zu führen, was ihm das Leben kostete. Er
die Zahl der Protonen, der positiven Teilchen wurde 1597 in Stuttgart in einem vergoldeten Gewand an einem mit
im Atomkern, verändert wird (ÅKapitel 10). Flittergold überzogenen eisernen Galgen gehängt, eine Strafe, die für
Zwar ist es möglich, in einem Atomreaktor vermeintliche Goldmacher durchaus üblich war. Die Alchemistin und
oder Teilchenbeschleuniger Gold aus anderen Giftmischerin ANNA MARIA ZIEGLER wurde 1575 auf einem eisernen
Metallen herzustellen, das Verfahren ist aller- Stuhl verbrannt, während ihre Kumpane gevierteilt wurden.
dings viel zu teuer, um wirtschaftlich zu sein. Generell waren auch Herrscher nicht zimperlich bei dem Versuch,
Das beste Ausgangsmaterial für eine kerntech- dem Geheimnis der Goldmacherei auf die Spur zu kommen. Noch 1784,
nische Transmutation ist übrigens Quecksilber, als der Stern der Alchemie bereits am Versinken war, wurde der Adept
also just der Stoff, den auch viele Alchemisten FRANZ SEHFELD durch die österreichische Kaiserin MARIA THERESIA
als Ausgangsmaterial für ihre Versuche zur verhaftet und gefoltert, um ihm das Geheimnis der Geheimnisse zu
Goldherstellung benutzten. entlocken.

61
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Symbole und Allegorien in der Alchemie

Die Schrift Zwölf Schlüs-


sel des BASILIUS VALENTINUS Originaltext Moderne Deutung
(1602) beschreiben das
Opus magnum in zwölf
Schritten. Der rechts ste- Die Krone des Königs sol von reinem Golde seyn, Legiere Gold
hende T Text befasst sich und eine keusche Braut sol ihm vermählet werden mit reinem Silber,
mit der Reinigung der
Grundsubstanzen, einem
Prozess bekannt als Ku- ..so nimb den geitzigen grauen Wolff
pellation: Aus einer Silber- so seines Namens halben dem streitigen Marti
...nimm Antimonsulfid,
Gold-Legierung wird mit unterworffen
Hilfe von Antimonsulfid Von Geburt aber ein Kind des alten Saturni ist
das ursprüngliche Gold in
gereinigter Form gewon-
...und wirfft ihm für den Leib des Königs ...gib das legierte Gold hinzu und schmelze beides,
nen. Die allegorischen
daß der daran seine Zehrung haben möge bis das Gold nicht mehr sichtbar ist (es bilden sich eine
Namen für die Metalle
Und wenn er den König verschlungen Antimon-Gold-Legierung am Boden und Silbersulfid)
waren nicht ungewöhn-
lich, ebensowenig die blu-
mige Umschreibung des so mache ein groß Feuer erhitze die Masse sehr stark (gieße das geschmolzene
Prozesses. und wirff den Wolff darein Sulfid vorher ab),
daß er gantz und gar verbrenne das Antimon oxidiert und dampft ab.
so wird der König wieder erlöset werden Übrig bleibt das gereinigte Gold.

Prinzipien. Im Wesentlichen ist also das Mi- digkeit zu verstärken, und damit aus einem un-
schungsverhältnis verantwortlich dafür, dass sich edlen ein edleres Metall zu erzeugen. Die Vorstel-
die Eigenschaften der Metalle unterscheiden. So lungen darüber, mit welchen Arbeitsgängen und
könnte es sogar verschiedene Arten von „Gold“ Reagenzien eine Transmutation durchzuführen
geben, die nur in „unwesentlichen“ Eigenschaf- war, unterschieden sich von Autor zu Autor; im
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

ten verschieden sind. Der berühmte Bagdader Wesentlichen ging man jedoch von zwei mög-
Arzt und Alchemist AL-RAZI (860 – 925/935) lichen Wegen aus: Entweder sollte durch Zu-
kommentierte ein Rezept zur Herstellung von gabe eines entsprechenden Elixiers aus unedlem
Silber mit den Worten: Metall Gold entstehen oder es sollte im opus
magnum (lat., großes Werk) durch einen lang-
3-47 Es kommt Silber heraus, besseres gibt es nicht, wierigen Prozess aus Substanzen wie Blei oder
Wolf verschlingt König. aber es ist weich. Wenn Du es kochst, zerfällt Quecksilber über die materia prima Gold und
Allegorie für die Verbin- es weiß wie weißes Mehl.
dung von Antimon (Wolf) letzten Endes der Stein der Weisen entstehen.
und Gold (König). Der Begriff Elixier hat seine Wurzeln in der
Wenn es um Zahlungsmittel ging, wusste man antiken Praxis des Färbens von Metallen mittels
natürlich auch damals, welche Eigenschaften eingestreutem Zinn- oder Kupferpulver. Aus
„echtes“ Gold oder Silber haben sollte. Mit dem griechischen Wort xerion (Streupulver)
einem zu Pulver zerfallenden Silber hätte sich entstand so das arabische iksir oder al-iksir,
niemand abspeisen lassen. Eine zentrale Frage aus dem wiederum das lateinische Wort Elixier
der Alchemie war also, wie man genau jene Ei- stammt. Eine geringe Menge eines Elixiers sollte
genschaften dauerhaft erzeugen kann, die dem die Umwandlung einer großen Menge uned-
Gold seinen Wert geben. len Metalls bewirken. Für GABIR IBN HAYYAN
(8. Jahrhundert) bringt der Stein der Weisen, der
Elixiere und das opus magnum lapis philosophorum, als Elixier der Elixiere die
unfertigen Metalle zu ihrem vollendeten Zustand
Alchemisten gingen von einer hierarchischen (d.h. zu Gold) und vermag gleichzeitig den Men-
Ordnung der Metalle aus, die den Grad ihrer schen von seiner Unfertigkeit und vom Altern
Vollkommenheit ausdrücken sollte. Am voll- zu erlösen. Der Stein der Weisen vereinigt alle
kommensten war Gold, das unvollkommenste Gegensätze, vor allem das männliche und das
Metall war Blei. Bei der Transmutation ging es weibliche, bewirkt Zeugung und Entwicklung,
darum, „edle“ Eigenschaften wie Feuerbestän- Schwangerschaft und Geburt. So phantastisch

62
Erde, Wasser, Luft und Feuer

seine Eigenschaften gedacht wurden, so schwer seiner Polemiken gegen überkommene medizini-
schien seine Herstellung zu sein. Allgemein sche Autoritäten und seiner „Neuen Medizin“
stellte man sich vor, dass man ein Elixier wie auf Betreiben der Ärzteschaft Basel verlassen.
eine Essenz aus einer Substanz „herausziehen“ PARACELSUS bediente sich der Signaturenlehre
könne, also zum Beispiel Goldessenz durch hun- zum Auffinden von Heilmittelträgern und alche-
dertfaches Umschmelzen von Gold gewinnen mistischer Techniken zur Extraktion der darin
könne. Die Herstellung des Steins der Weisen enthaltenen Wirkstoffe.
aber war das große Werk, das opus magnum.
Die Signaturenlehre
Vom Rabenhaupt über den Pfauenschweif
zum Stein der Weisen Für PARACELSUS wirken in der irdischen und

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


himmlischen Welt vitale Prinzipien, die Sterne
Die Herstellung des Steins der Weisen sollte oder Astra, die das Verhalten aller Dinge bestim-
in mehreren Schritten erfolgen: Aus gewissen men. Die Astra wirken über Sympathiebeziehun-
Ausgangsstoffen musste zunächst die materia gen und durch sie wissen alle Dinge, was sie von
prima erzeugt werden. Dieser sollten über meh- Natur aus sein sollen. Durch ihre Astra weiß
3-48
rere Zwischenstufen schrittweise die richtigen eine Eichel, dass sie ein Baum werden soll. Ein Der „Alchemist“. Das
Elementequalitäten zugemischt werden, um Astrum wirkt auf ganz unterschiedliche Dinge Bild von JOSEPH WRIGHT
am Ende den lapis philosophorum zu erhal- gleichzeitig, die dadurch miteinander verbunden (1734 – 1797) zeigt
ein fiktives Portrait von
ten. Indikatoren für den Erfolg waren dabei sind. Diese Verbindung kann man an äußeren HENNING BRAND, des
die Farbwechsel der Mischung in der richtigen Ähnlichkeiten oder an Analogien zwischen ihnen Entdeckers des Phosphors.
Reihenfolge: von Schwarz (Nigredo) über Weiß erkennen. So lassen Form und Farbe von Pflan-
(Albedo, Silber) zu Gelb (Citrinita, Gold) bis zen Rückschlüsse auf deren Wirkung zu: Herz-
zu Rot (Robedo). Generell hatten die Farben förmige Blüten helfen gegen Herzkrankheiten,
metaphysische Entsprechungen wie die Plane- höckerige Wurzeln gegen die Geschwülste des
ten auch. Im Mittelalter wurde die Erde mit Aussatzes und stachelige Disteln gegen Stechen
Schwarz assoziiert, Wasser mit Weiß, Luft mit in der Brust.
Gelb und Feuer mit Rot. Die Zahl der Arbeits-
schritte wurde meist mit Analogien begründet: tria prima, spagyrik und Iatrochemie
sieben als Zahl der Planeten oder zwölf als Zahl
der Tierkreiszeichen. Wichtig waren auch die Zu den bereits bekannten Prinzipien Quecksilber
Wahl der Ausgangsstoffe und ihre Reinigung; und Schwefel fügte PARACELSUS noch Salz hinzu.
oft wurden Quecksilber und Gold dafür ver- Er nannte sie die drei chymischen ersten Prinzi-
wendet, aber auch organische Stoffe wie Urin. pien, die tria prima. Das Salz repräsentiert das
Die Verwendung von Urin als Ausgangsstoff al- Unbrennbare, die Asche oder Erde, der Schwefel
chemistischer Experimente führte zu einer wich- das Brennbare und das Quecksilber das Flüch-
tigen Entdeckung: 1669 fand der Hamburger tige und Metallische. Nach seinen Vorstellungen
HENNING BRANDT auf diese Weise einen „Stein mussten die Prinzipien der Natur dreigeteilt sein
des Lichts“, den Phosphor. wie die Dreifaltigkeit. Aber auch die vier Ele-
mente waren Teil des chymischen Weltbilds des
PARACELSUS:
Paracelsus und die Iatrochemie
In der Schöpfung der Welt hat die erste Sepa-
Prägend für die Alchemie der Neuzeit war THEO- ration mit den vier Elementen angefangen, da
die prima materia ein einziges chaos war. Aus
PHRASTUS BOMBASTUS VON HOHENHEIM, bekann-
dem selbigen chaos hat Gott maiorem mundum
ter unter dem Namen PARACELSUS (1493 – 1541). gemacht, in vier unterschiedliche Element, näm-
Er galt als streitsüchtig, aber brillant und selbst- lich in Feuer, Luft, Wasser und Erde, geschieden
bewusst. Etwa ab 1515 begab er sich auf eine und voneinander gesondert. Das Feuer war der
„Große Wanderung“ durch Europa, die mit heiße Teil, Luft allein der kalte, Wasser das
Nasse und die Erde allein der trockene Teil
kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tod an-
maioris mundi (Paracelsus)
dauerte. 1527 – 1528 war er Stadtarzt und Do-
zent der Medizin in Basel. Er musste aufgrund

63
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Aus den Dingen entstehen durch Scheidung mit- Brücke zwischen dem Atomismus EPIKURs und
tels Feuer oder Sonne die tria prima. Chemische der Theologie zu schlagen. Im Gegensatz zum
Umwandlungen werden also angetrieben durch materialistischen Weltbild EPIKURs existierten
Hitze und Feuer. Nach PARACELSUS Vorstellun- GASSENDIs Atome nicht ewig, sondern waren
gen ist die gesamte Natur ein Prozess des Gebä- von Gott geschaffen und auch die Kraft ihrer
rens/Erzeugens und der Scheidung (Spagyrik). Bewegung erhielten sie von Gott. Damit war
Die Scheidung ist auch das der Destillation der Atomismus aus theologischer Sicht akzep-
und der Verdauung zugrunde liegende Prinzip. tabel. Die Erklärungskraft des Atomismus blieb
Durch die ars spagyrica, der Scheidekunst sollte zunächst dennoch gering, da es nicht gelang,
mittels Destillation oder Extraktion aus den die Eigenschaften der Substanzen oder chemi-
Stoffen das medizinisch Wirksame geschieden sche Reaktionen nur auf Bewegung, Größe und
werden. PARACELSUS führte damit die Alchemie Form der Atome zurückzuführen. Auch die neue
in Richtung Pharmakologie, in dem er ihre Ar- Physik NEWTONs änderte daran wenig, obwohl
beitsmethoden für die Gewinnung von Arzneien man erstmals ein allgemeines Prinzip der Kraft-
nutzte. Im Gegensatz zur Viersäftelehre GALENs wirkung zwischen Körpern in den Händen hielt.
(ÅKasten Die Ordnung der Vier, Seite 33) stand Nach dem Muster der Gravitation sollten an-
bei PARACELSUS nicht der Ausgleich von Gegen- ziehende und abstoßende Kräfte für chemische
sätzen im Vordergrund, sondern die Heilung Verbindungen verantwortlich sein, während die
durch Gleiches, eine Vorstellung, die sich auch Atome selbst ohne spezifische Eigenschaften
in der Homöopathie wieder findet. Die von ihm blieben. Dann mussten auch die „Elemente“
initiierte Behandlung durch Mineralien anstelle der Chemiker zusammengesetzte Partikel sein,
von Kräutern wurde von seinen Anhängern deren Form über ihre spezifischen Eigenschaften
chymiatria oder Iatrochemie (griech. Iatros, entschied. Aber wie viele Arten der Zusammen-
Arzt) genannt. So befürwortete er gegen Syphi- setzung gab es und warum waren Elemente
lis eine Quecksilbertherapie anstelle der damals nicht zerlegbar?
üblichen Guajakholz-Therapie. — Das Aufblühen der chemischen Industrie
förderte das Bestreben, Stoffeigenschaften und
chemische Reaktionen vorherzusagen; und so
Die Entwicklung der modernen entstanden im 18. Jahrhundert pragmatische
Chemie Atomtheorien, die davon ausgingen, dass je-
dem Element eine Partikelsorte entsprach. Die
Von Minima Naturalia zu Atomen Klärung der Frage, ob diese aus noch funda-
mentaleren Partikeln bestanden, wurde den Phy-
Es scheint keine absurde Annahme zu sein,
dass bei der ersten Erschaffung gemischter Kö- sikern überlassen. JOHN DALTON (1766 – 1844)
per die allgemeine Materie, aus der jene, wie erkannte als erster, dass die Mengenverhältnisse
andere Teile des Weltalls, bestanden, tatsäch- bei chemischen Verbindungen ganzzahlig sind,
lich in kleine verschieden bewegte Teilchen von als ob unterschiedlich schwere „Atome“ sich
verschiedener Größe und Gestalt geteilt wurde. paarweise verbinden. Der schwedische Chemi-
ROBERT BOYLE (1627–1691)
ker JÖNS JAKOB BERZELIUS (1779 – 1848) entwi-
ckelte die heute noch gebräuchliche chemische
Weder der Atomismus noch die minima-natura- Kurzschreibweise für die Mengenverhältnisse
lia-Lehre waren im 17. Jahrhundert in der Lage, in Verbindungen. Und ANTOINE LAURENT DE
die Vielfalt der Stoffe und ihre Eigenschaften LAVOISIER (1743 – 1794) erkannte das Prinzip
zu erklären. Die empirische Forschung gewann der Oxidation.
aber seit GALILEI gegenüber der aristotelischen Vieles, was im Rahmen der chemischen
Philosophie die Oberhand und der irische Na- Atomtheorie seit DALTON entstand, konnte erst
turforscher ROBERT
R BOYLE entwickelte in seinem im 20. Jahrhundert auf fundamentale physika-
Buch „Der skeptische Chemiker“ (1661) erst- lische Prinzipien zurückgeführt werden. Geht
mals einen Elementbegriff, der sich an empi- man nur von der klassischen Physik NEWTONs
rischen Sachverhalten orientierte. Gleichzeitig aus, hatte LAPLACE Recht, wenn er zu Beginn
vermochte der französische Theologe und Na- des 19. Jahrhunderts meinte, dass der Versuch,
turforscher PIERRE GASSENDI (1592 – 1665) eine chemische Affinitäten auf Basis physikalischer

64
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Kräfte zu erklären, für den Fortschritt der Wis- spiel) ein primärer und einfacher, entzündlicher,
riechender usw. Körper ist, dann kann ich an
senschaften nutzlos sei.
ihren Worten zweifeln, wenn sie mir erzählen,
dass ein Körper, welcher entweder zusammen-
Iatrochemische, atomistische minima gesetzt oder nicht entzündlich ist, ein derartiger
naturalia mit Weltseele Schwefel ist. Auch muß ich denken, dass sie mit

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Worten spielen, wenn sie lehren, dass Gold und
Für die chemische Praxis lieferte das Prinzip der Silber und einige andere Stoffe reich an einem
unverbrennbaren Schwefel sind, was ein ebenso
Scheidung (Spagyrik) ein anschauliches theore- zutreffender Ausdruck ist, wie eine Nacht voll
tisches Modell für chemische Methoden wie die Sonnenschein oder flüssiges Eis. ROBERT BOYLE
Destillation und biologische Prozesse wie die Ver-
3-49
dauung. PARACELSUS’ Vorstellungen standen je- Wie dieses Zitat zeigt, ging ROBERT BOYLE mit Robert Boyle.
doch in Opposition zur aristotelischen Lehre von der Chemie seiner Zeit hart ins Gericht. Er sah Der irische Naturforscher
Form und Materie. Naturphilosophen fanden den Schlüssel zur Erkenntnis in sorgfältiger (1627 – 1692) gilt als Mit-
begründer der modernen
sich daher eher in der minima-naturalia-Lehre experimenteller Arbeit. Experimente dienten Physik und Chemie.
wieder, die allerdings Schwierigkeit hatte zu er- ihm zur Prüfung von Hypothesen und nicht
klären, wie in Verbindungen neue Eigenschaften als Illustrationen voreilig aufgestellter Univer-
entstehen und beim Lösen die alten wieder er- salerklärungen. In seinem einflussreichen Werk
scheinen können. Der Atomismus bildete ein an- „Der skeptische Chemiker“ spiegelt er die Vier-
schauliches Modell der chemischen Verbindung; Elemente-Lehre, die Lehre der drei Prinzipien
unklar blieb, wie die Eigenschaften der Stoffe ent- (tria prima) und die aristotelischen Formtheorien
stehen. Die jeweiligen Defizite und Stärken dieser an experimentellen Ergebnissen. Dabei traten
Vorstellungen führten zu Ansätzen, Atomismus, Defizite und Widersprüche dieser Lehren offen
minima naturalia und Iatrochemie miteinander zu Tage. Sein Verdienst liegt darin, der experi-
zu verbinden. Auch der durch die Renaissance mentellen analytischen Chemie eine Rahmen
zu neuer Blüte erwachte Neuplatonismus wurde gegeben zu haben: keine vorschnelle Theorie-
von Manchen einbezogen. Die Weltseele sollte bildung aufgrund weniger Einsichten, sondern
die formbildende Kraft liefern und Verbindungen Konzentration auf experimentelle Bestätigung
zwischen Körpern sollten durch wechselseitige und möglichst große Präzision bei der Defini-
Sympathien entstehen. Um die Kluft zwischen tion der Begriffe. In diesem Sinn sind auch sein
weitgehend eigenschaftslosen Atomen und eigen- Elemente-Begriff und seine Vorstellung kleinster
schaftsreichen Stoffen der chemischen Welt zu Korpuskel geprägt. BOYLE ist überzeugt davon,
überbrücken, schlugen manche auch eine hierar- r dass Größe, Form und Bewegung kleinster Teil-
chische Struktur von Partikeln vor. Unverstellbar chen allen chemischen Erscheinungen zugrunde
klein, unteilbar und nur durch Eigenschaften wie liegen und er glaubt, dass Konglomerate dieser
Bewegung, Größe und Gestalt ausgezeichnet, kleinsten Teilchen die Elemente bilden.
sollten Atome den Urstoff der Materie bilden. Sein experimentelles Geschick kam auch in
Sie sollten sich zusammenschließen zu größeren anderen Bereichen zur Geltung. So nutzte er eine
Einheiten, den Elementen oder Prinzipien als zusammen mit ROBERT HOOKE (1635 – 1703)
Träger der elementaren Stoffeigenschaften. Die entworfene Luftpumpe zum Nachweis des luft-
Zahl der Korpuskulartheorien im 17. Jahrhun- leeren Raumes, in dem weder Feuer brennen
dert war groß, und es würde den Rahmen dieses noch Tiere existieren können und in dem alle
Buches sprengen, sie im Einzelnen vorzustellen. Körper gleich schnell fallen, wie dies GALILEI
Neben dem anfangs bereits erwähnten GASSENDI, vorhergesagt hatte.
verdienen zwei Vertreter Erwähnung: ROBERT
BOYLE und ISAAC NEWTON. Newton: Kleinste Partikel und Kräfte

Der skeptische Chemiker – Robert Boyle NEWONs Gesetze schufen einen neuen Ansatz
für Atomtheorien. Er selbst machte den Anfang
Den Chemikern stand es anfangs frei, die Stoffe,
die sich bei ihren Analysen ergaben, Schwefel in seiner Frage 31 im dritten Buch der Opticks:
oder Quecksilber oder Gas oder Blas oder was
ihnen sonst gefiel, zu nennen. Wenn sie aber Have not the Particles of Bodies certain Po-
einmal gesagt haben, dass Schwefel (zum Bei- wers, Virtues, or Forces, by which they act at

65
KAPITEL 3 Historischer Überblick

a distance, not only upon the Rays of Light for gleichzeitig so stark, dass Elemente nicht durch
reflecting, refracting, and inflecting them, but
chemische Methoden in ihre Bestandteile zerlegt
also upon one another for producing a great
3-50 werden konnten?
Partikelmodelle. Je nach Part of the Phænomena of Nature?
zugrunde liegenden
Kraftgesetzen entstanden Da Körper offenbar durch die Kräfte der Gra- Elegant, aber unpraktikabel –
unterschiedliche Modelle vitation, des Magnetismus und der Elektrizität
für größere Partikel,
mechanistische Atomtheorien
den Elementen oder
aufeinander wirken, so argumentierte er, sei es
Verbindungen. NEWTON, nicht unwahrscheinlich, dass Anziehung zwi- Für eine empirische Fundierung von Teilchen-
dem englischen Physiker schen Körpern ein allgemeines Prinzip der Natur kräften gab es im 18. Jahrhundert einige Ansatz-
STEPHEN HALES (1677 –
ist. Und es könne durchaus Kräfte geben, die nur punkte. NEWTON zeigte, dass „elastische Flüssig-
1761) und anderen
diente Äther, Luft oder eine geringe Reichweite besitzen, gerade so kurz, keiten“ (so wurden Gase damals bezeichnet), bei
Feuer als Füllstoff der dass sie kleinste Teilchen zusammenfügen konn- denen Druck und Dichte einander proportional
Materie, der für deren ten. So könnte aus einer Verbindung zwischen sind, durch eine abstoßende Kraft beschrieben
unterschiedliche Elastizität
sorgte. KNIGHT hingegen Metall und Salpetersäure das Metall durch ein werden können, die umgekehrt proportional
postulierte anziehende anderes deshalb verdrängt werden, weil dessen zum Abstand der Teilchen ist. Auch die mag-
und abstoßende Anziehung zur Säure stärker ist. NEWTON stellte netische Kraftwirkung und Kohäsionskräfte
Materiesorten, um die
verschiedenen Stoffe die entsprechende Verdrängungskette Quecksil- schienen auf ein solches Gesetz hinzuweisen
und ihre Eigenschaften ber – Silber – Kupfer – Eisen – Zink auf. und die Affinitäten der chemischen Substanzen
zu erklären. Luft bestand NEWTON war sich bewusst, dass sich die Viel- sah schon NEWTON als Beispiel für die Wirkung
aus abstoßender Materie,
da dies dem Boyleschen falt der stofflichen Phänomene schlecht vertrug von Partikelkräften an.
Gesetz zu entsprechen mit homogenen Teilchen und zentral wirkenden Bei der Suche nach entsprechenden Kraft-
schien, Feuer als alles Anziehungskräften. Und so entwickelte er wie gesetzen, zeigte sich bald, dass man auf die
durchdringender Stoff
bestand aus anziehender
schon manche seiner Vorgänger eine hierarchi- A nnahme unterschie d licher Partikelformen
Materie. Je fester ein sche Korpuskulartheorie. Aus den kleinsten, verzichten konnte. Gleichgroße, runde, homo-
Stoff war, desto größer homogenen Partikeln sollten größere Strukturen gene Partikel erfüllten ihren Zweck ebenso gut
waren die Partikel aus
entstehen, zunächst die Elemente und in wei- (Å Abbildung 3-50). Unterschiedliche Kraftwir-
anziehender Materie,
aus denen er bestand. teren Aggregationen auch Verbindungen. Die kungen zusammengesetzter Partikel konnte man
Wasser als neutrales spezifischen Formen dieser Strukturen erlaubten einfach durch deren innere Struktur erklären.
Element bestand aus einer
auch inhomogene Kraftverteilungen, eine uner- Wesentlich wichtiger schienen Art und Verlauf
Mischung beider Sorten.
Boscovichs Kraftgesetz lässliche Voraussetzung für die Erklärung von der Kräfte zwischen den Partikeln zu sein. Sta-
erlaubte die Bildung stofflichen Unterschieden wie die spezifische bile Verbindungen zwischen Partikeln konnten
beliebig geformter Partikel Affinität von Metallen gegenüber Säuren. Aber sich zum Beispiel bilden, wenn die anziehende
unterschiedlicher Größe,
die nur aus Kraftzentren wie sollte man diese Partikelkräfte bestimmen, Kraft mit zunehmender Nähe wieder abstoßend
bestanden. wenn deren Reichweite so gering war, sie aber wurde. Am Punkt des Nulldurchgangs blieb ein
Teilchen dann „gebunden“, ohne den Bindungs-
partner zu berühren. Auch durch Kombination
von anziehenden und abstoßenden Kräften war
es möglich, stabile Bindungszustände zu mo-
dellieren (Å Abbildung 3-51). COMTE DE BUFFON
(1707 – 1788) ging davon aus, dass chemische
Affinitäten auf der gleichen Kraft basieren wie
die Gravitation. Die unterschiedlichen Affi-
nitäten der Stoffe waren seiner Ansicht nach
eine Folge der Gestalt und Orientierung der
elementaren Partikel, die dadurch unterschied-
lich starke Kräfte aufeinander ausüben könnten.
D e r vo n N E W T O N zur Erklärun g der
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Lichtausbreitung ins Spiel gebrachte Äther lie-


ferte ein weiteres Modell für die Kombination
von anziehenden und abstoßenden Kräften, da
er sich wie eine „elastische Flüssigkeit“ verhalten
sollte, bei der die abstoßende Kraft umgekehrt

66
Erde, Wasser, Luft und Feuer

3-51
Kraftgesetze. Im 18. Jahrhundert wurde eine Vielzahl
spekulativer Kraftgesetze vorgeschlagen, um die Inter-
aktion kleinster Partikel zu beschreiben. Der Holländer
'SGRAV
A ESANDE (1688 – 1742) nahm gleichförmige Partikel
an, die sich im Nahbereich stark anziehen, bei größerer
Entfernung hingegen abstoßen. Der Engländer GOWIN
KNIGHT (1713 – 1772) schlug zwei unterschiedliche Arten
von Partikeln vor, die sich entweder anziehen oder absto-
ßen. Die Anziehungskraft sollte bei kleinen Entfernungen
in eine abstoßende Kraft übergehen. Ein T Teilchen, das
sich im Nulldurchgang der Kraft befindet, bleibt dort „ge-
bunden“. Damit kam KNIGHT qualitativ den tatsächlichen
Verhältnissen (Gravitation und sogenanntes Lennard-
Jones-Potenzial, rechts unten) schon nahe. Der Ragueser
ROGER BOSCOVICH beschrieb ein universelles Kraftgesetz,
das für große Abstände in das Gravitationsgesetz über-

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


geht, bei kleineren Abständen aber verschiedene anzie-
hende und abstoßende Bereiche enthält. Damit konnte er
die Entstehung größerer Partikel mit richtungsabhängigen
Bindungskräften erklären. BOSCOVICHs „Teilchen“
T sind
allerdings dimensionslose mathematische Punkte, Materie
ist nicht mehr notwendig, alles ist Kraft.

proportional zum Abstand der Ätherpartikel Pragmatisch – Affinitäten


war. Eine analoge Rolle spielten bei verschie-
denen Autoren die Luft oder das Feuer bzw. Mechanistische Korpuskulartheorien beein-
Phlogiston (griech. phlogistós, verbrannt und f lussten die tä g liche Praxis der Chemiker
phlox, die Flamme). wenig. Es bestanden Zweifel, ob es möglich sei,
Der Jesuit und Universalgelehrte ROGER chemische Prozesse allein durch physikalische
JOSEPH BOSCOVICH (1711 – 1787) ging noch Kräfte zu erklären. Der Chemiker und Mediziner
einen Schritt weiter. Da offenbar Kräfte GABRIEL FRANÇOIS VENEL (1723 – 1775) schrieb
das Entscheidende waren, konnte man auf dazu in der berühmten, ab 1751 herausgegebenen
Materie einfach verzichten. Was übrig blieb, Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und
waren dimensionslose Punkte, die keine des Handwerks (Encyclopédie ou Dictionnaire
Ausdehnung, aber Trägheit besaßen und die raisonné des sciences, des arts et des métiers):
Ausgangspunkt eines Kraftverlaufs waren, bei
dem sich anziehende und abstoßende Bereiche Die Massen haften aneinander aufgrund ihrer
abwechselten. Für große Entfernungen ging Nachbarschaft, ihrer Größe und ihrer Gestalt; 3-52
die Korpuskeln [zusammengesetzte Teilchen] Poröse Struktur der Ma-
der Verlauf in das bekannte Gravitationsgesetz kennen keinerlei Gesetz dieser Art; sie bilden terie. NEWTON illustrierte
über. Dank der anziehenden und abstoßenden ihre Einheiten aufgrund ihrer Beziehung oder mit einem hierarchischen
Bereiche in BOSCOVICHs Kraftverlauf war der Affinität; und umgekehrt sind die Massen nicht Modell aus kleinsten
Aufbau beliebig großer Korpuskeln möglich. den Gesetzen der Affinitäten unterworfen (...) Partikeln, dass kompakt
und niemals wird aus der Einheit einer Masse wirkende Körper praktisch
Da B OSKOVI CH a ll es au f R au m u n d Kr a f t „leer“ sein können. Die
mit einer Masse anderer Art ein neuer homo-
zurückführte, konnte er zudem durch eine Partikel fügen sich zu Teil-
T
gener Körper.
spirituelle Verbindung zwischen Kraft und Gott chen zusammen mit regel-
mäßigen Leeräumen da-
dem Problem der Trennung von Leib und Seele In diesem Sinn wurden im 18. Jahrhundert zwischen. Diese Teilchen
T
ausweichen: alles war Kraft. Bei BOSCOVICH Theorien weiterentwickelt, die sich stärker am fügen sich auf die gleiche
werden Schwächen und Stärken mechanistischer chemischen Elementebegriff Boylescher Prägung Weise zu größeren Teil-
T
chen zusammen und so
Kor p uskulartheorien besonders deutlich: orientierten. Als Elemente wurden Substanzen fort. Das Verhältnis zwi-
Einerseits waren sie hochgradig spekulativ und definiert, die sich chemisch nicht weiter zerlegen schen Vakuum und Masse
kaum verifizierbar, andererseits waren sie höchst ließen, aber trotzdem zusammengesetzt waren wächst bei diesem Verfah-
ren exponentiell. Körper
elegant. Sie erlaubten eine exakte mathematische und daher individuelle Eigenschaften besitzen
können so trotz ihrer
Behandlung und sie kamen mit einem Minimum konnten. Die Vorstellung wechselseitiger Kraft- Größe sehr wenig Masse
an Annahmen über die Grundbausteine der Welt wirkung zwischen Partikeln wurde mit „Affini- enthalten. Gleichzeitig
aus. Aus dieser damaligen Perspektive konnte täten“ zwischen Elementen oder Verbindungen bleiben viele T
Teilchen eng
benachbart, so dass Kräfte
DALTONs Atomtheorie nur als Rückschritt und assoziiert, ohne dass der Wirkmechanismus kon- kurzer Reichweite wirksam
keinesfalls als Durchbruch gesehen werden. kretisiert werden konnte. Die Vorstellung, dass sein können.

67
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Das Sonnensystem in der Nussschale

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Wir haben uns heute an die Newtonsche Be- Und warum können dichte Stoffe wie Glas licht-
griffswelt längst gewöhnt. Die Dichte eines Kör- durchlässiger sein als leichtes Holz?
pers ist gleich Masse geteilt durch Volumen. NEWTON und seine Nachfolger entwarfen
Beim Wiegen nutzen wir das Gravitations- und Modelle hierarchischer Teilchen, die so an-
Trägheitsgesetz, die Masse und Gewicht zuein- geordnet waren, dass sie sich zwar beliebig
3-53 ander in Beziehung setzen. Körper unterschied- nahe waren, aber gleichzeitig das Volumen des
Dichte der Materie. Wel-
che Dichte kann Materie
licher Dichte denken wir uns bestehend aus Körpers bei konstanter Masse beliebig groß
überhaupt erreichen? unterschiedlich großen oder verteilten Teilchen werden konnte. Dies gelang durch Anordnung
Könnte die Masse einer homogener Masse, mit entsprechendem Leer- von Poren zwischen den kompakten kleinsten
ganze Sonne und ihrer
Planeten theoretisch in
raum dazwischen. Und natürlich können wir Partikeln (ÅAbbildung 3-52, Seite 67) so,
eine Nussschale passen? heute unsere Vorstellungen auch physikalisch dass trotz zunehmender Porosität die Teilchen
begründen. Zu NEWTONs Zeit gab es allerdings immer nahe beieinander blieben. JOSEPH PRIEST-
keine empirischen Belege dafür, dass alle Körper LEY (1733 – 1804) brachte es auf den Punkt:
aus Teilchen der gleichen Substanz bestehen, die Die kompakte Masse des Sonnensystems könne
für Schwere und Trägheit verantwortlich ist. durchaus in eine Nussschale passen.
Geschweige denn, dass zwischen diesen Teil- Körper bestehen tatsächlich fast nur aus
chen Leeräume existieren. Wenn in einem Kör- leerem Raum. 99,9 Prozent der Masse eines
per geringeren Gewichts die Teilchen einfach Atoms befindet sich im Kern, dessen Radius
nur weiter verteilt sind, warum wirken dann etwa hunderttausend Mal kleiner ist als der
trotzdem starke Kräfte zwischen diesen? Denn Atomradius. Könnte man die Erde auf die
obwohl Wasser viel leichter ist als Gold, ist es Dichte der Atomkerne zusammenpressen, hätte
genauso inkompressibel! Sollten die Kräfte nicht sie statt 12 700 km nur einen Durchmesser von
mit dem Abstand der Teilchen stark abnehmen? etwa 400 m.

Stoffe Verbindungen aufgrund einer Art Sympa- tausend chemische Reaktionen zwischen 27 Säu-
thie füreinander eingehen, finden wir schon bei ren, 8 Basen und 14 Metallen tabellierte.
PARACELSUS und den Stoikern. Erst im 18. Jahr- Anfangs ging man davon aus, dass Verdrän-
hundert wurde begonnen, unter dem Einfluss gungsreaktionen immer vollständig erfolgten,
des neuen Begriffs der Kraft, Bindungsstärken d.h. in der Reaktion AB +C→ AC+ B sollte von
von Substanzen systematisch zu vergleichen. C am Ende nichts mehr übrig bleiben. CLAUDE
NEWTON hatte mit einer Verdrängungsreihe der LOUIS BERTHOLLET (1748 – 1822) erkannte je-
Metalle den Anfang gemacht und der franzö- doch, dass die Umsetzungsgeschwindigkeit um-
sische Chemiker ÉTIENNE FRANÇOIS GEOFFROY gekehrt proportional ist zur Menge des bereits
(1672 – 1731) griff diese Idee auf und veröffent- umgesetzten Stoffes. Die vollständige Umsetzung
lichte 1718 bei der französischen Akademie der tritt nur auf, wenn das Reaktionsprodukt laufend
Wissenschaften seine „Tafel der verschiedenen entfernt wird, etwa indem es als unlöslicher Stoff
Verhältnisse, wie sie zwischen verschiedenen aus der Reaktionslösung ausfällt. Dieses Gesetz
Substanzen beobachtet wurden“ (ÅAbbildung ist heute als Massenwirkungsgesetz bekannt.
3-54). Sie ordnete Stoffe, die miteinander Ver-
bindungen eingehen, nach ihren relativen Bin- Georg Ernst Stahl und das Phlogiston
dungsstärken. Die Bindung zwischen A und
C ist stärker als die zwischen A und B, wenn Der Chemiker GEORG ERNST STAHLL (1659 – 1734)
die folgende Verdrängungsreaktion stattfindet: unterschied zwischen chemischen Prinzipien,
AB + C → AC + B. Im Lauf der folgenden Jahr- auf die alle Verbindungen letzten Endes
zehnte entstanden noch eine ganze Reihe weite- reduziert werden könnten und Partikeln, die der
rer Tafeln chemischer Verdrängungsreaktionen, Materie zugrunde liegen mochten, über deren
unter anderem vom schwedischen Chemiker Beschaffenheit man aber nichts wusste. Für STAHL
TORBEN BERGMAN (1735 – 1784), der mehrere waren die chemischen Prinzipien Wasser, eine

68
Erde, Wasser, Luft und Feuer

metallische, eine verglasbare Erde und eine Erde,


die jedem brennbaren Stoff innewohnt, dem
Phlogiston. Ausgehend von Gedanken JOHAN
JOACHIM BECHERs (1635 – 1682) entwickelte er
eine allgemeine Verbrennungstheorie. An die
Stelle des Sauerstoffs in der späteren Theorie
LAVOISIERs trat das Phlogiston, allerdings mit
umgekehrten Vorzeichen. Je brennbarer ein Stoff
war, desto mehr Phlogiston enthielt er, das er
bei der Verbrennung abgab. Nach STAHL waren
die Metallkalke (Metalloxide) dephlogisiertes
Metall. Metalle entstanden durch Hinzufügen
von Phlogiston zum Kalk, zum Beispiel durch
das Glühen in Holzkohle. Dabei drang das
Phlogiston der Holzkohle in den Kalk ein. Bäume
nahmen Phlogiston aus der Luft auf, womit der
Kreislauf geschlossen war (ÅKasten Zerlegung
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

durch Feuer, Seite 70). Die Phlogistontheorie


k onnte eine ganze Reihe experimenteller
Befunde gut erklären, da sie gewissermaßen
spiegelbildlich zur Oxidationstheorie war.
STAHLs Erklärung der Schwefelverbrennung
öffnete den Weg für ein neues, großindustrielles nimmt als feuchte. Wasserstoff hingegen galt als 3-54
Verfahren der Schwefelsäuregewinnung im ein Kandidat für das Phlogiston selbst. In diesem Affinitäten. GEOFFROY
stellte die Affinitäten von
18. Jahrhundert. Fall sollte allerdings bei dessen Verbindung mit Stoffen in Tabellenform
T
Man könnte meinen, es müsse leicht sein Sauerstoff nicht Wasser, sondern normale Luft dar. In der obersten Zeile
durch Gewichtsmessungen festzustellen, ob et- entstehen: dephlogisierte Luft (Sauerstoff) plus stehen die Substanzen,
die sich mit den darunter
was bei einem chemischen Prozess entweicht Phlogiston = normale Luft! aufgeführten verbinden.
(Phlogiston) oder hinzukommt (Sauerstoff). Al- Je weiter man nach unten
lerdings verbrennen nicht alle Stoffe unter Ge- Von guter und schlechter Luft wandert, desto schwächer
wird die Bindung: Weiter
wichtszunahme, da oft Verbrennungsprodukte
oben stehende Sub-
als Gas entweichen. Und ob eine Gewichtszu- Bereits in der Antike kannte man neben der Luft stanzen verdrängen die
nahme auf eine chemische Verbindung hinweist verschiedenste Ausdünstungen und Dämpfe. Die darunter aufgeführten aus
oder nur auf eine Mischung ist ebenfalls nicht Vorstellung von Luft als einem Gemisch aus der Verbindung nach dem
Schema AB + C → AC + B.
einfach zu klären. Schließlich könnten sich auch Gasen begann sich aber erst im 18. Jahrhundert Die dritte Spalte zeigt die
Feuer- oder Luftteilchen zwischen die Verbren- durchzusetzen. Der Begriff „Gas“ geht auf den Verbindungen der Salpe-
nungspartikel drängen, vielleicht in komprimier- flämischen Naturforscher JOHAN BAPTISTA VAN tersäure (Acide nitreux),
die sich in dieser Spalte am
ter Form, und damit zu einer Gewichtserhöhung HELMONT (1580 – 1644) zurück. Er beschäf- stärksten mit Eisen (Fer)
beitragen. Der Vorstellung, dass bei der Verbren- tigte sich mit der bei der Gärung entstehenden bindet, am schwächsten
nung etwas hinzukommt, stand zudem die Über- luftartigen Substanz (Kohlendioxid), die er gas mit Silber. Links davon
liegt die Spalte der Salz-
zeugung entgegen, dass Feuer zerlegend wirkt. sylvestris (lat. silvestris, wild, bewaldet) nannte, säure (Acide du sel marin),
Diese Überzeugung saß so tief, dass man erwog, in Anlehnung an PARACELSUS, der Luft als chao- die letzte Spalte zeigt die
dem Phlogiston ein negatives Gewicht zuzuwei- tische Materie bezeichnete. JOSEPH BLACK stellte Verbindungen des Was-
sers (Eau) mit Weingeist
sen, um die Gewichtszunahme bei der Verbren- 1756 fest, dass HELMONTs gas sylvestris beim (Esprit de vin) und mit
nung zu erklären. Ein Problem für die Phlogis- Erhitzen von Magnesiumcarbonat entsteht, Salz (Sel), die beide nach
tontheorie entstand erst, als man entdeckte, dass wobei sich dessen Gewicht verringerte. Offen- heutigem Verständnis Mi-
schungen sind.
Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff bestand. sichtlich war das Gas zuvor im Magnesium-
Sauerstoff wurde zunächst im Sinne der Phlogis- carbonat gebunden, weshalb es BLACK fixierte
tontheorie als dephlogisierte Luft interpretiert, Luftt nannte, in Anlehnung an STEPHEN HALES
da er die Verbrennung unterstützte. Er sollte das (1677 – 1761), der glaubte, dass alle Substan-
Phlogiston leichter aufnehmen als normale Luft, zen Luftteilchen enthielten, die für deren Elas-
ähnlich wie trockene Luft leichter Wasser auf- tizität verantwortlich sind (ÅAbbildung 3-50,

69
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Zerlegung durch Feuer

Schon HERON VON ALEXANDRIA und PHILON Die Gedanken und Experimente eines Mannes
VON BYZANZ stellten durch Versuche fest, dass hätten, wären sie damals bereits in vollem Um-
eine Kerze beim Brennen Luft verbraucht. Den- fang bekannt geworden, die Chemiker vielleicht
noch saß die Überzeugung, dass Feuer zerlegend schneller auf die richtige Fährte geführt. Der
wirkt und bei der Verbrennung nichts hinzutritt, russische Chemiker und Dichter MICHAILO WAS-
bis ins 18. Jahrhundert hinein so tief, dass frühe SILIEWITSCH LOMONOSSOW (1711 – 1765) schrieb
Hinweise auf die Rolle des Sauerstoffs falsch in einem Brief an den Mathematiker LEONARD
gedeutet wurden. Bereits im 17. Jahrhundert EULER: „Es besteht kein Zweifel, daß die Par-
fanden JOHN MAYOW (1641 – 1679) und ROBERT R tikelchen der Luft, die fortwährend um den
HOOKE heraus, dass bei der Verbrennung eine kalzinierenden [oxidierenden] Körper schwe-
3-55 besondere Art von Luft benötigt wird, die MA- ben, sich mit ihm vereinigen und sein Gewicht
Verbrennung. MAYOW
nahm an, dass „Salpeter- YOW als salpeterartige Luft bezeichnete, da sie vermehren“.
luft“ (Stickoxide) bei der auch bei der Verbrennung von Salpeter (Nitrate) Aber zunächst setzte sich die Phlogiston-
Verbrennung zwischen entsteht. Er entdeckte, dass diese Luft etwa ein theorie durch. Sie passte zu experimentellen
die tria prima der Metalle
drang und sie voneinan- Viertel des Gesamtvolumens ausmacht. Es han- Daten, solange man für Inkonsistenzen in den
der löste. Der entstehende delte sich natürlich um Sauerstoff, dessen Anteil Gewichtsbilanzen andere Ursachen verantwort-
Metallkalk sollte aus den an der Luft 21 Prozent beträgt. Seiner Ansicht lich machte. Das Phlogiston stand zudem in der
Luftteilchen und dem
Salzbestandteil bestehen. nach diente sie dazu, Metalle in ihre Bestand- Tradition eines anderen unwägbaren Stoffes,
STAHL (Mitte) entwickelte teile Schwefel, Salz und Quecksilber (tria prima) des Äthers. Durch Identifikation des Phlogis-
den Kreislauf des Phlogis- zu zerlegen. Die salpeterartige Luft verband sich tons mit dem Äther wurde eine Verbindung
tons, der im Prinzip dem
Oxidations-Reduktions-
daraufhin mit dem entstehenden Salz, was so- zwischen Licht (seit NEWTON als Ätherschwin-
Kreislauf entspricht (un- wohl die Gewichtszunahme der Metalloxide als gungen verstanden), den elektrischen und ma-
terstes Bild), nur anders- auch die Abnahme des Luftvolumens erklären gnetischen Kräften und der Verbrennung ge-
herum. Phlogiston wird
konnte (ÅAbbildung 3-55). schaffen, bei der ebenfalls Licht entstand.
bei der Metallverbrennung
ausgeschieden, es entsteht
Metallkalk (Metalloxid). Seite Seite 66). BLACK stellt auch fest, dass die zeichnete, weil er die Verbrennung unterstützte.
Das Phlogiston kommt
verbleibende Substanz sich chemisch verändert Da sein Buch erst nach JOSEPH PRIESTLEYs Veröf-
über die Luft ins Holz und
bildet beim Glühen von hatte. Fixierte Luft besaß chemische Wirkungen fentlichung über die dephlogisierte Luft erschien,
Metallkalken mit Holz- und unterstützte die Verbrennung und Atmung galt lange Zeit PRIESTLEY als der Entdecker des
kohle wieder Metall. Nicht nicht. CARL WILHELM SCHEELE (1742 –1786) Sauerstoffs. Nach SCHEELEE übte die Feuerluft eine
das Metall, sondern der
Metallkalk ist nach dieser entdeckte 1774 einen weiteren Bestandteil der stärkere Anziehungskraft auf das Phlogiston aus
Vorstellung elementar. Luft, den Sauerstoff, den er als Feuerluftt be- als die brennbaren Substanzen, weshalb ihnen
bei der Verbrennung das Phlogiston entzogen
wurde. Dies galt auch für „kalte“ Oxidationspro-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

zesse wie dem Rosten von Eisen. Er kam zu dem


Schluss, dass die Volumenverminderung bei Ver-
brennungen dadurch zustande kommt, dass sich
Phlogiston mit der Feuerluft zu Wärme und Licht
verbindet, die aus dem Gefäß entweichen. Wärme
sei ein so feiner Stoff, dass er wie das Licht die
geschlossenen Gefäßwände durchdringen könne.
Somit waren drei Bestandteile der Luft be-
kannt: die Feuer- oder dephlogisierte Luft (also
Sauerstoff), der Restteil der Luft, der auch ver-r
dorbene oder phlogisierte Luftt genannt wurde
(im Wesentlichen Stickstoff) und ein Stoff, der
offenbar bei Atmung und Verbrennung entstand,
die sogenannte Luftsäure. Diesen Namen erhielt
das Kohlendioxid, als der schwedische Chemi-
Erde, Wasser, Luft und Feuer

ker TORBEN BERGMAN erkannte, dass Wasser


sauer wurde, wenn man es darin löste. Bei der
Atmung entstand aber auch Phlogiston, das wie
bei Verbrennungsprozessen vom Körper ausge-
schieden wurde. Und da die dephlogisierte Luft
offenbar in ganz besonderem Maße in der Lage
war, Phlogiston aufzunehmen, sollte sie auch der

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Gesundheit besonders förderlich sein. Schwache
Gesundheit könnte demnach eine Folge eines zu
geringen Sauerstoffgehaltes der Luft sein. Man
vermutete, dass ein Mangel an guter Luft für
lokale Krankheitsbilder wie Fieber in Sumpfge-
genden verantwortlich sei, bis HENRYR CAVENDISH sind die Worte der Aufklärung, die hier zu hö- 3-56
(1731 – 1810) feststellte, dass der Sauerstoffge- ren sind. Ihre geistigen Wurzeln gehen zurück Elektrisiermaschinen.
Versuchsanordnung des
halt überall praktisch unverändert 20,84 Prozent auf den Beginn der Neuzeit, auf Menschen wie Rokokos mit Elektrisier-
betrug. Er entdeckte auch, dass die brennbare FRANCIS BACON und GALILEO GALILEI. Seither maschine (links), deren
Luft, die bei der Zersetzung von Metallen in wuchs eine Gesellschaftsschicht heran, deren erzeugte Ladung an den
Arm eines Zinnsoldaten
Säuren entstand, ein Bestandteil des Wassers Wohlstand nicht mehr an Grundbesitz gekop-
weitergegeben wurde. Der
ist, und identifizierte erstmals den Wasserstoff pelt war, sondern an Handel und Produktion Arm konnte mittels eines
als Gas, das in Verbindung mit dephlogisierter handwerklicher und industrieller Güter. In dem verborgenen Mechanis-
mus Richtung Kanone
Luft explodierte und dabei eine kleine Menge Maß, wie der Adel abhängig wurde von der Pro-
gesenkt werden. Diese
Wasser übrig ließ. Damit fiel das Wasser als duktivität und Finanzkraft dieser neuen Schicht, enthielt eine kleine Menge
Kandidat für ein chemisches Element endgültig wuchs auch deren Selbstbewusstsein. Und die Knallgas, das durch den
aus. CAVENDISH benutzte elektrische Funken, um Erfolge der Wissenschaft schienen zu bestätigen, Funken explodierte.

das Knallgasgemisch zu zünden. Diese Methode dass die Welt mathematisch fassbaren Gesetzen
wurde in der Folgezeit auch zum Amüsement folgt und dass Menschen keineswegs nur der
bei gesellschaftlichen Anlässen genutzt. Man Gnade Gottes ausgeliefert sind. Weg mit Aber-
zündete Knallgaspistolen oder -kanonen durch glauben, es lebe die Vernunft! IMMANUEL KANT
elektrische Funken aus Elektrisiermaschinen drückte es in seinem berühmten Essay „Was ist
(ÅAbbildung 3-56). Aufklärung?“ von 1784 folgendermassen aus:
Bei seinen Versuchen, die übrig gebliebene
phlogisierte Luft mittels elektrischer Funken Aufklärung ist der Ausgang des Menschen
weiter in ihre Bestandteile zu zerlegen, blieb aus seiner selbstverschuldeten Unmündig-
keit. ... Sapere aude! Habe Mut, dich deines
immer ein winziger Teil Restluft übrig, der allen eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der
weiteren Zerlegungsversuchen widerstand. Es Wahlspruch der Aufklärung.
handelte sich um die Edelgase, die erst über hun-
dert Jahre später (1894) von WILLIAM RAMSAY In England gelang es nach der „Glorious Revo-
und Lord RAYLEIGH identifiziert wurden. lution“ von 1688, bürgerliche Rechte erfolgreich
im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie
zu etablieren, so dass Wissenschaft, Handwerk
Revolution in Chemie und und Handel gut gedeihen konnten. Deutschland
blieb aufgrund seiner Zersplitterung provinziell
Gesellschaft
und Aufklärung war vor allem ein Thema an
Es muß jetzt klarer Beweis gebracht oder stille den Universitäten. Im absolutistischen Frank-
geschwiegen werden: Der Beweis aber muß in
reich brach sich das neue Denken am Ende mit
keinem Hirngespinste, sondern in Thatsache
bestehen. Hierdurch eben unterscheidet sich Gewalt seine Bahn.
unsere jetzige Zeit vorzüglich von den vorigen
Jahrhunderten... JOHANN CHRISTIAN WIEGLEB Lavoisier – Revolution in der Chemie

Dieses Zitat drückt eine intellektuelle Haltung Die französische Revolution von 1789 wurde
des 18. Jahrhunderts aus, die sich keineswegs einem Mann zum Verhängnis, der nach eigener
nur auf die wissenschaftliche Arbeit bezog. Es Einschätzung und der vieler Zeitgenossen und

71
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Nachfolger selbst ein Revolutionär war: ANTOINE hatte, konnte LAVOISIER zeigen, dass Verbrennung
LAURENT DE LAVOISIER (1743 – 1794). LAVOISIER (Oxidation) und Reduktion spiegelbildliche
wurde 1794 auf der Guillotine hingerichtet, Prozesse sind, bei denen keine Masse verloren
denn man warf ihm unter anderem Erpressung geht. Damit war Phlogiston für die Erklärung
des französischen Volkes bei seiner Arbeit als von Verbrennun g s p rozessen überflüssi g
Steuerpächter vor. geworden. Nachdem COMTE DE PELUSE MONGE
LAVOISIERs revolutionäre Arbeit betraf nicht (1746 – 1818) im Jahr 1783 nachgewiesen hatte,
das Feld der Politik, sondern das der Chemie. dass das bei einer Knallgasexplosion entstehende
Er war die treibende Kraft bei der Schaffung Wasser die gleiche Masse besitzt wie beide
einer neuen chemischen Nomenklatur, die wir Ausgangstoffe zusammen, konnte LAVOISIER
heute noch verwenden und wir haben ihm zeigen, dass man Wasser wieder in Wasserstoff
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

die Erkenntnis zu verdanken, dass es keines und Sauerstoff zerlegen kann. Wasserstoff nannte
Phlogistons bedarf, um Verbrennungsprozesse er daher Hydrogène, den Wassererzeuger. Er
zu erklären. LAVOISIER erkannte, dass ein zeigte auch, dass bei anderen Oxidations- und
Bestandteil der Luft, die schon bekannte Feuerluft Reduktionsprozessen wie der Verbrennung von
SCHEELEs, als Erklärung vollkommen ausreicht. Schwefel die Gesamtmasse erhalten blieb. Als
3-57
Lavoisier. Mit seiner Frau, Er nannte diesen Bestandteil in seinem neuen bekannte Chemiker wie BERT R HOLLET und MARTIN
R
der Chemikerin MARIE- Begriffssystem Oxygène, den Säureerzeuger HEINRICH KLAPROTH (1743 – 1817) LAVOISIERs
ANNE PIERRETTE PAULZE. (griech. oxys, scharf, spitz, sauer und gen, Ergebnisse bestätigen konnten, wuchs die Zahl
Portrait von JACQUES-LOUIS
DAV
A ID (1748 – 1825)
erzeugen, gebären), da bei der Verbrennung der Anhänger der Oxidationstheorie und Anfang
nichtmetallischer Stoffe wie Schwefel oder des 19. Jahrhunderts hatte sie sich praktisch
Phosphor ein Gas entsteht, das in Verbindung durchgesetzt. Im Kontext elektrischer, optischer
mit Wasser eine Säure bildet (Schwefel- bzw. und thermischer Erscheinungen hielt sich
Phosphorsäure). Angeregt durch einen Versuch Phlogiston allerdings noch länger (ÅWärme und
PRIESTLEYs, der mit Hilfe eines Brennglases Materie, Seite 90). Auch LAVOISIER behandelte
dephlogisierte Luft aus Quecksilberoxid erzeugt die bei chemischen Reaktionen entstehende
Wärme als chemisches Element und nannte es
3-58
Elemente. Liste der ein- Calorique (lat. Caloricum, ÅAbbildung 3-58).
fachen Substanzen nach Seiner Ansicht nach war der an Substanzen
LAV
A OISIER. Dazu zählten
durch Erhitzen gebundene Wärmestoff für
auch Licht (Lumière) und
Wärmestoff (Calorique), deren Verdampfen verantwortlich. Seine
dessen abstoßende abstoßende Wirkung bildete das Gegenstück zu
Wirkung für Schmelzen den anziehenden Kräften der kleinsten Teilchen.
und Verdampfen verant-
wortlich sein sollte. Er
Wurde einem Körper Wärme zugeführt, so
unterschied zwischen den überwog am Ende die abstoßende Wirkung des
Bestandteilen aller Körper Wärmestoffs und der Körper wurde flüssig.
der belebten und unbeleb-
ten Welt. Neben Licht und
Im Jahr 1787 veröffentlichte LAVOISIER
Wärmestoff unterschied z usa mm e n mi t B ERTH OLLET , F O UR C R O Y
er namentlich Sauerstoff, (1755 – 1809) und G U Y T O N -M O RV E A U
Stickstoff (Azote) und
(1737 – 1816) die Méthode de nomenclature
Wasserstoff, nichtme-
tallische und metallische chimique, in der er die neue Nomenklatur der
Substanzen und die soge- chemischen Substanzen vorstellte. Neben teils
nannten Erden wie Kalk
neuen Bezeichnungen für die Elemente führten sie
(Chaux) oder Siliciumdi-
oxid (Silice). Letztere sind einheitliche Namen für deren Verbindungen ein,
nach heutigem Wissen die wir auch heute noch verwenden. Die Säuren
natürlich keine Elemente, definierte LAVOISIER als binäre Verbindungen
sondern Verbindungen.
zwischen Nichtmetallen und Sauerstoff, ihr Name
wurde aus dem Namen des Elementes abgeleitet.
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

So wurde aus dem althergebrachten Vitriolöl


die Schwefelsäure. Salze definierte LAVOISIER als
ternäre Verbindungen der Metalloxide mit Säuren
(ÅAbbildung 3-61, Seite 74). Er unterschied

72
Erde, Wasser, Luft und Feuer

dabei nach dem Grad der Sauerstoffsättigung der tigt man immer 2 Gewichtsteile Wasserstoff und
Säure, zum Beispiel zwischen Sulfiten und Sulfaten 16 Gewichtsteile Sauerstoff um 18 Gewichts-
als Salze der schwefeligen Säure (H2SO3) und teile Wasser zu erhalten. Dies gilt unabhängig
der Schwefelsäure (H2SO4). Metalloxide nannte davon, ob ein Gewichtsteil einem Gramm oder
er „Basen“, analog definierte er „Radikale“ einer Tonne entspricht. Zwischen 1799 und 1807
der or g anischen Säuren (Weinsteinsäure, entdeckte JOSEPH LOUIS PROUST (1754 – 1826)

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Zitronensäure usw.), aus denen durch Oxidation durch chemische Analysen das Gesetz der kon-
die entsprechende Säure entstand. In Deutschland stanten Proportionen. Im Gegensatz zu DALTON
wurde die „Antiphlogistontheorie“ und die neue stellte PROUST die Gewichte der Reaktionspartner
Nomenklatur mit deutschen Bezeichnungen als prozentualen Anteil am Gesamtgewicht dar,
von CHRISTOPH GIRTANNE
R R (1760 – 1800) und weshalb ihm die wichtigste Information entging: 3-60
SIGISMUND FRIEDRICH HERMBSTÄDT T (1760 – 1833) Wenn sich zwei Elemente in unterschiedlichen John Dalton. Er gilt als
verbreitet. Mengenverhältnissen miteinander verbinden Begründer der modernen,
auf der Atomtheorie ba-
LAVOISIER sprach bei Elementen von „einfa- können, so stehen diese Mengen immer in einem sierenden Chemie.
chen Substanzen“, die nach aktuellem Wissen ganzzahligen Verhältnis zueinander. Dies ist das
nicht zerlegt werden konnten. Ein Stoff galt so- Gesetz der multiplen Proportionen, das DALTON
lange als einfache Substanz, bis das Gegenteil entdeckte (Å Tabelle 3-59).
bewiesen wurde. Spektakulär war sein öffentli-
cher Nachweis 1773, dass Diamant aus reinem Dalton – Jedem Element eine Atomsorte
Kohlenstoff besteht. Mittels zweier riesiger, mit
Terpentinöl gefüllter Sammellinsen verbrannte er JOHN DALTON wurde 1766 als Sohn eines ar-
einen Diamant mit Hilfe des Sonnenlichts spurlos. men Webers im Nordwesten Englands geboren.
Nicht nur LAVOISIERs Sauerstofftheorie, son- Obwohl er keine wissenschaftliche Ausbildung
dern auch die Ablösung der alten, mehrdeutigen an einer Universität genoss, gelang ihm wis-
Bezeichnungen durch eine Nomenklatur, die den senschaftlich der Weg nach „ganz oben“. 1822
Namen von Verbindungen mit ihrer Zusam- wurde er Mitglied der Royal Society, erhielt
mensetzung assoziierte, sowie der Schwerpunkt 1826 die Goldmedaille der Gesellschaft und
auf quantitative Untersuchungen trugen wesent- 1832 die Doktorwürde der Universität Oxford.
lich zur rasanten Entwicklung der Chemie im DALTON war wissenschaftlich weitgehend Au-
19. Jahrhundert bei. Der Fokus auf Gewichtsmes- todidakt, ab 1787 hielt er öffentliche Vorträge
3-59
sungen half einem anderen Wissenschaftler, den über wissenschaftliche Themen. Der erste behan-
Konstante Proportionen.
Atomismus neu zu formulieren: JOHN DALTON. delte ein medizinisches Thema, das ihn selbst be- Obwohl PROUST erkannte,
traf: die Grün-Blindheit (Deuteranopie), die auch dass die Gewichtsver-
hältnisse bei chemischen
Gleiche Verhältnisse als Daltonismus bekannt ist. DALTON beschrieb
Reaktionen konstant sind,
die Symptome sehr genau; letzte Gewissheit über entging ihm aufgrund der
Aus wie vielen und welchen kleinsten Partikeln die Natur seiner Sehschwäche erhielt man 1995, prozentualen Darstellung
die Korpuskel eines Elements bestehen und ob als der auf dessen eigenen Wunsch konservierte eine wichtige Erkenntnis:
dass die Mengenverhält-
in jedem Korpuskel immer gleich viele Partikel Augapfel DALTONs einer DNA-Analyse unter- nisse zwischen zwei unter-
enthalten sind, darüber gab es Ende des 18. Jahr- zogen wurde. schiedlichen Reaktionen
hunderts keine gesicherten Erkenntnisse. Das gleicher Partner ganzzah-
lig sind: das Gesetz der
heute geläufige Wissen, dass jedes „Korpuskel“ Von Gasen und Flüssigkeiten zur multiplen Proportionen.
eines bestimmten Elementes das gleiche Gewicht Atomtheorie Für DALTON war dies ein
besitzt, war in dieser Zeit nur eine von mehreren Beweis dafür, dass sich
einzelne Atome miteinan-
Optionen. Und so blieben auch die Konsequen- DALTONs Beschäftigung mit meteorologischen der verbinden, wobei ein
zen eines solchen Modells zunächst verborgen: Phänomenen führte ihn zu Fragen über die Zu- Atom jeder Atomsorte ein
dass nämlich in einer chemischen Reaktion die sammensetzung der Atmosphäre, der Verdamp- für sie spezifisches Ge-
wicht besitzt.
Gewichtsanteile der Reaktionspartner stets im
gleichen Verhältnis zueinander stehen, das Ge-
Reaktion Proust Dalton
setz der konstanten Proportionen. Wenn sich
zwei Wasserstoffatome mit einem Sauerstoffatom Sn + O → SnO 88,1 % Sn + 11,9 % O = 100 % SnO 100 g Sn + 13,5 g O = 113,5 g SnO
verbinden und ein Sauerstoffatom sechszehnmal Sn + 2O → SnO2 78,1 % Sn + 21,3 % O = 100 % SnO2
100 g Sn + 27 g O = 127 g SnO2
schwerer ist als ein Wasserstoffatom, dann benö- (27 = 2 · 13,5 !)

73
KAPITEL 3 Historischer Überblick

fung und Kondensation, der Lösung von Gasen druck auf die Gefäßwand ist einfach die Summe
in Flüssigkeiten und über die Natur der Wärme. der Partialdrücke aller Gase im Gefäß. Diese
Dabei entwickelte er eine Atomtheorie, die sich Feststellung ist als Daltonsches Gesetz bekannt.
von den anderen seiner Zeit in vielen Aspekten Aber wie konnte der Prozess des Mischens ab-
unterschied. Für DALTON bestand jedes Element laufen, wenn es keine Kräfte geben sollte, die
(im Sinne LAVOISIERs) aus einer einzigen Art von die unterschiedlichen Gaspartikel zueinander
Atomen und alle Atome desselben Elements wa- ziehen? Warum blieben die Gasmoleküle nicht
ren exakt gleich. Dies stand im Gegensatz zu den einfach unter sich und bildeten Schichten ent-
Auffassungen der meisten Physiker seiner Zeit, sprechend ihres Gewichts wie bei Sedimenten?
nach denen Elemente aus Partikelkonglomeraten Aus heutiger Sicht ist der Fall klar: Gase dif-
bestanden, die keinesfalls identisch sein muss- fundieren ineinander, weil die Gaspartikel sich
ten. Im Gegensatz zu den Vorstellungen anderer mit hoher Geschwindigkeit bewegen. DALTON
Chemiker waren für DALTON Gasmischungen ging wie die meisten seiner Zeitgenossen aber
3-61 oder Lösungen von Gasen in Flüssigkeiten rein davon aus, dass Gaspartikel im Wesentlichen in
Daltons Elemente und mechanische Mischungen und keine Folge der Ruhe sind. Wärme stellte sich DALTON vor als
Verbindungen. Im Ge- chemischen Affinitäten zwischen den Substan- Wärmepartikel, die die Atome umhüllen und
gensatz zu BERZELIUS, der
die heutige gebräuchliche zen. Für DALTON spielten die Affinitäten nur in aufeinander abstoßend wirken. Bei Gasen sei die
Schreibweise für Ele- Verbindungen eine Rolle. Diese waren von Mi- Hülle besonders groß, weshalb die Abstoßungs-
mente und Verbindungen schungen gut zu unterscheiden, da laut DALTON kraft überwiegt. Bei Flüssigkeiten sei sie kleiner,
einführte, verwendete
DALTON noch kreisförmige
nur in Verbindungen die Verbindungspartner Abstoßungskraft und Anziehungskraft der Par-
Symbole (1: Wasserstoff, immer in ganzzahligen Gewichtsverhältnissen tikel (Affinität) halten sich in etwa die Waage,
2: Stickstoff, 3 Kohlenstoff vorlagen. DALTON ließ sich von der Vorstellung weshalb sich die Partikel gegeneinander bewegen
usw.). DALTON bezeichnete
leiten, dass sich Gaspartikel verschiedener Gase lassen. Bei Festkörpern sei die Anziehungskraft
Verbindungen als „binär“,
wenn jeweils nur ein Atom miteinander mischen, ohne sich wechselseitig zu am größten, die Partikel lassen sich nicht gegen-
eines Reaktionspartners beeinflussen, das heißt, ohne dass die verschie- einander bewegen. Die Wärmehüllen vergrößern
beteiligt war, als „ter-
denen Gaspartikel Kräfte aufeinander ausüben. sich bei Erwärmung, weshalb sich Festkörper
när", wenn von einem
Partner zwei Atome be- Jedes Gas verhält sich so, als ob die anderen ausdehnen. Die universelle Rolle der Wärme als
teiligt waren und so fort. Gase nicht vorhanden wären. Das bedeutet, dass abstoßende Kraft war für DALTON der Grund
Wasser sollte aus einem der Druck, den ein Gas in einem Gefäß ausübt, dafür, dass sich alle Gase zumindest innerhalb
Wasserstoff- und einem
Sauerstoffatom bestehen unabhängig ist vom Vorhandensein weiterer eines großen Temperaturbereichs gleich stark
(Nr. 21). Gase, die ihrerseits Druck ausüben. Der Gesamt- ausdehnen. Wäre diese Ausdehnung abhängig
von Anziehungskräften zwischen den Partikeln,
so müssten sich Gase verschieden stark ausdeh-
nen. Die Anziehungskräfte müssen ja von der
Natur der Gase abhängen, da sie für die spezifi-
schen chemischen Verbindungen verantwortlich
gemacht werden. Damit hatte DALTON 1801
sechs Monate vor GAY-LUSSAC (1778 – 1850) das
Erste Gesetz von Gay-Lussac entdeckt.

Atomgewichte messen

DALTON vermutete, dass die unterschiedliche


Wasserlöslichkeit der Gase mit Gewicht und
Zahl ihrer Atome zusammenhängt (was auch im
Großen und Ganzen zutrifft). Er stellte eine Ta-
belle relativer Atomgewichte für 6 Elemente und
15 Verbindungen auf, wobei er dem Wasserstoff
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

das relative Gewicht 1 zuordnete. Sauerstoff


erhielt den Wert 7, Stickstoff den Wert 5. Die
korrekten Werte sind zwar 16 beziehungsweise
14, aber DALTON erkannte das entscheidende

74
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Prinzip: In einer chemischen Verbindung ver- Dies schien der Atomtheorie zu widersprechen,
bindet sich immer eine ganz bestimmte Anzahl denn aus jeweils einem Volumen Stickstoff
Atome der Reaktionspartner miteinander. Daher u n d Saue r sto ff e n tsta n de n z we i Vo l u m e n
blieben ihre Gewichtsverhältnisse auch kons- Stickstoffmonoxid. Müsste das Volumen nicht
tant, unabhängig davon, ob es sich um wenige kleiner werden? Schließlich sollte sich ja die Zahl

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Gramm oder viele Tonnen handelte und unab- der Teilchen durch die Verbindung halbieren.
hängig von Temperatur und Druck. Aber wie AVOGADRO vermutete, dass alle Gase bei gleicher
konnte man herausfinden, wie viele Atome des Temperatur, Volumen und Druck auch die gleiche
einen Elementes sich mit denen der anderen Ele- Menge an Teilchen enthalten. Er folgerte, dass
mente verbanden? DALTON nahm an, dass sich elementare Gase wie Sauerstoff und Stickstoff
3-62
die Atome zweier Elemente immer paarweise als zweiatomige Verbindung vorliegen, die er Molekülmodelle. DALTON
verbinden, wenn es nur eine Art der Verbin- molécules constituantes nannte, im Gegensatz schloss aus Masseverhält-
dung gab. Gab es zwei unterschiedliche Arten zu den Atomen selbst, die er als molécules nissen bei Reaktionen auf
den Molekülbau. Diese
(also unterschiedliche Mengenverhältnisse), so élémentaires bezeichnete. Damit ließen sich später entstandenen
war es vernünftig anzunehmen, dass sich zu- die Volumenverhältnisse bei der Bildung von Molekülmodelle zeigen
sätzlich ein Atom des einen mit zwei Atomen Stickstoffmonoxid mit der Atomtheorie in Wasser und Ammoniak
bereits mit korrekten Ele-
des anderen verband. Daraus zog DALTON den Einklang bringen: 1 N2 + 1 O2 → 2 NO. Aus zwei mentverhältnissen. Foto:
falschen Schluss, dass Wasser eine Verbindung Teilchen werden wieder zwei Teilchen. Leider British Science Museum,
aus einem Wasserstoff- mit einem Sauerstoff- konnte sich die Idee, dass auch Elemente in London
atom war. Wenn sich 2 g Wasserstoff mit 16 g molekularer Form vorliegen, zunächst nicht
Sauerstoff verbanden, sollte das relative Atom- durchsetzen, doch der bekannte schwedische
gewicht des Sauerstoffs 8 sein, was relativ nah an Chemiker JÖNS JACOB FREIHERR VON BERZELIUS
DALTONs 7 liegt. Nur wenn man korrekterweise (1779 – 1848) bestimmte mit dem Gesetz von
annimmt, dass sich zwei Wasserstoffatome mit GAY-LUSSAC bis 1818 die relativen Atomgewichte
einem Sauerstoffatom verbinden, erhält man den von 45 Elementen und die prozentuale
Wert 16. DALTONs Atomtheorie blieb aufgrund Zusammensetzung von 2000 Verbindungen.
der eben beschriebenen Schwierigkeiten nicht Als Basisgröße benutzte er Sauerstoff mit einem
unangefochten. Chemiker wie WILLIAM HYDE relativem Gewicht von 16, da er diesen als
WOLLASTON (1766 – 1828), der zur Bestätigung zentrales Element der Chemie ansah. BERZELIUS
des Gesetzes der multiplen Proportionen bei- verdanken wir auch die heute noch übliche
getragen hatte, zogen es vor, von (Gewichts-)" Symbolschreibweise für die chemischen Elemente.
Äquivalenten“ anstelle von Atomen zu sprechen.
Gegenüber dem Wasserstoff waren 8 g Sauer- Wasserstoff als Urmaterie
stoff äquivalent zu 16 g Schwefel, da sich beide
Mengen mit 1 g Wasserstoff verbanden. Erst WILLIAM PROUT (1785 – 1850) vermutete, dass Atomgewicht oder Atom-
1860, bei einem Kongress in Karlsruhe, gelang es Wasserstoff der Urstoff der Materie sei, mit masse?
Die beiden Ausdrücke
STANISLAO CANNIZZARO (1826 – 1910) bezüglich Atomgewicht 1. Da aber die anderen Atomge- wurden früher synonym
der Begriffe „Atom“, Molekül“, Atomgewicht wichte meist keine ganzzahligen Vielfache des verwendet. Heute zieht
und „Äquivalent“ Klarheit zu schaffen. Wasserstoffgewichts waren, wurde diese Idee nur man Atommasse vor, denn
während Masse eine in-
von manchen Chemikern akzeptiert. Obwohl härente Eigenschaft eines
Gay-Lussac, A
Avogadro und Berzelius sie im Prinzip richtig ist (ÅKapitel 4 und 11), Körpers ist, versteht man
behinderte sie wohl sogar die Entwicklung, da unter Gewicht nur die
Kraft, mit der ein Körper
Zwei Gesetze halfen , das Problem der manche Chemiker Atomgewichtsmessungen mit (z. B. von der Erde) ange-
Atomgewichte zu lösen: das Gesetz multipler gebrochenen Zahlen gerne „rundeten“ oder ver- zogen wird.
Volumina von GAY-LUSSAC und ALEXANDER VON suchten, das Atomgewicht von Wasserstoff mit
HUMBOLDT (1769 – 1859) und das Avogadrosche 2 oder 4 anzusetzen, was die Übereinstimmung
Gesetz von AMEDEO AVOGADRO (1776 – 1856). verbesserte. Schließlich war die Übereinstim-
Erstere stellten durch Versuche fest, dass die mung doch nicht selten genug, um ganz zufällig
Volumina von Gasen, die miteinander reagieren, zu sein. Erst FREDERICK SODDY (1877 – 1956)
immer in ganzzahligen Verhältnissen zueinander und FRANCIS WILLIAM ASTON (1877 – 1945) ent-
stehen, sofern der Versuch bei der gleichen deckten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts
Temperatur und dem gleichen Druck stattfand. den Hauptgrund für die Abweichung: Von den

75
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Elementen gab es Isotope, also Varianten mit positiven Metalle enthielten. Dieses sogenannte
unterschiedlichem Atomgewicht aber gleichen dualistische System der Verbindungen konnte
chemischen Eigenschaften. In der Natur liegen viele chemische Reaktionen anschaulich deuten
meist Isotopenmischungen vor, weshalb sie keine und blieb lange Zeit populär.
ganzzahligen Vielfache des Wasserstoffs sein
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529
konnten. Und noch etwas später erkannte man Verwirrende Vielfalt
die Zusammensetzung der Atomkerne aus Pro-
tonen und Neutronen, die beide den Hauptanteil Be r e i ts L AVOISI ER hatte nachgewiesen,
des Atomgewichts stellen. dass tierische oder pflanzliche Produkte im
Wesentlichen aus Kohlenstoff und Wasserstoff
3-63
u nd zu einem geringen Teil aus Sauerstof f
Justus von Liebig. JUSTUS Von Atomen zu Molekülen bestanden. Dies stand im Gegensatz zur toten
VON LIEBIG war ein äußerst Materie: Während diese offenbar aus einer
produktiver Chemiker. Mit
Hilfe des von ihm ent-
Obwohl die Atomtheorie das Gesetz der mul- g roßen Zahl von Elementen in einfachen
wickelten Kali-Apparats tiplen Proportionen stützte, beeinflusste sie Verbindungen bestand, war organische Materie
konnte man relativ einfach zunächst – ähnlich wie schon die Jahrhunderte aus wenigen Elementen mit einer großen
und sehr genau die Zu-
zuvor – die Chemie nur wenig. Vielen Che- Zahl an Atomen und Verbindungsvarianten
sammensetzung organi-
scher Stoffe bestimmen. mikern genügte der Begriff des Elements und aufgebaut. Die Chemiker FRIEDRICH WÖHLER
Er entdeckte, dass Pflan- die Vorstellung, dass diese in Verbindungen (1800 – 1882) und J U STUS V ON L IEBI G
zen aus dem Boden vor
stets in ganzzahligen Gewichtsverhältnissen (1803 – 1873, (Å Abbildung 3-63) stellten 1832
allem Stickstoff und Phos-
phor aufnehmen, was (Äquivalenten) vorlagen. Der Grund für diese fest, dass sich viele Atomgruppen organischer
ihn zur Entwicklung des Zurückhaltung lag darin, dass Chemikern die Verbindungen wie Elemente verhielten: Sie
Phosphatdüngers führte, bloße Vorstellung von Atomen bei drängenden blieben bei chemischen Reaktionen zusammen.
der die Agrarwirtschaft
des 19. Jahrhunderts re- Fragen nicht weiter half: Warum reagierten B E RZELIU S integrierte diese organischen
volutionierte. Der von ihm Elemente oder Verbindungen mit anderen auf Radikale in sein dualistisches System. Die
entwickelte Fleischextrakt die beobachtete Weise? Und wie konnte man positiv gedachten Radikale sollten sich mit
ist der Vorläufer heutiger
Brühwürfel. Auch der die Eigenschaften von Verbindungen vorher- negativen Elementen wie Sauerstoff verbinden.
Silberspiegel ist eine Erfin- sagen? Aus der Entdeckung, dass elektrischer Allerdings konnte dies nicht erklären, warum
dung Liebigs; vor seiner Strom Verbindungen wie Wasser in die Ele-
Einführung wurde giftiges
Quecksilber eingesetzt.
mente zerlegen kann, folgerten SIR HUMPHRY R
DAVY (1778 – 1829) und BERZELIUS, dass che- Radikale
mische Affinitäten eine Folge elektrischer An-
ziehungs- und Abstoßungskräfte sind (Å Die Heute wird unter einem Radikal eine Gruppe
Kraft der Elektrizität). BERZELIUS stellte sich von Atomen mit ungepaarten Elektronen ver- r
Atome elektrisch polarisiert vor, je nach Ele- standen, die leicht an chemischen Reaktionen
ment überwog dabei die positive oder negative teilnehmen. Die Gruppe wechselt dabei als
Ladung. Entsprechend der Spannungsreihe der Ganzes den Verbindungspartner. Radikale
Elemente sollte Kalium stark positiv, Sauer- sind extrem reaktionsfreudig und wirken
stoff stark negativ polarisiert sein, weshalb sich daher auch als Zellgift. Wichtige Radikale
beide besonders heftig miteinander verbanden. sind das Hydroxyl-Radikal (·OH), das in
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Wasserstoff nahm eine neutrale Mittelstellung ionisierter Form für die basische Wirkung
ein. Die Trennung der Verbindungen durch von Seifenlaugen verantwortlich ist und das
Elektrolyse war möglich, weil die elektrische von LIEBIG und WÖHLER untersuchte Benzoyl-
Kraft die Verbindungspartner wieder auseinan- Radikal C7H5O·, das in der Benzoesäure, dem
3-64 der riss. BERZELIUS dehnte dieses Prinzip auch Benzoaldehyd und dem Benzylalkohol zu fin-
Liebigbilder. Liebigs auf Verbindungen aus. Sie sollten immer aus den ist. Grundsätzlich hatte BERZELIUS Recht,
Fleischextrakt wurde
einem negativen und einem positiven Teil beste- wenn er elektrische Kräfte zwischen Radikal
weltweit in Packungen
mit humoristischen oder hen, die er nach LAVOISIER als Radikale bezeich- und anderen Komponenten für ihre chemi-
informativen Bildern ver- nete. Metalloxide und Säuren verbanden sich schen Reaktionen verantwortlich machte. Der
kauft. Die Abbildung zeigt zu Salzen, weil Säuren (nach den Vorstellungen Prozess der Bindung ungepaarter Elektronen
eine deutsche Version mit
Darstellungen über Afgha- LAVOISIERs) den stark negativ polarisierten Sau- ist allerdings nur quantenmechanisch zu ver-
nistan. erstoff trugen, während die Metalloxide die stehen (ÅKapitel 4).

76
Erde, Wasser, Luft und Feuer

s i c h K o hl e n sto ff- u n d Wasse r sto ff ato m e in


so großer Zahl verbinden konnten, war doch
ihre Affinität zueinander gering. Als J EA N
B APTISTE D U MA S (180 0 – 1884) erkannte,
dass man den leicht positiven Wasserstoff in
organischen Verbindungen durch Sauerstoff, KEKULÉ ist vor allem bekannt durch seine Ent- 3-65
Chlor und andere stark negative Atome deckung der ringförmigen Struktur des Benzols Benzolring. Diese Dar-
stellung des Benzolringes
ersetzten (substituieren) konnte, ließ sich die (C6H6) und er gilt als einer der Hauptfiguren (links) mit wechselnden
Radikaltheorie in der dualistischen Form bei der Entwicklung der sogenannten Struktur- Einfach- und Doppelbin-
nicht mehr halten; Radikale blieben aber chemie. dungen stammt aus der
Originalschrift AUGUST
weiterhin wichtige Elemente der organischen 1822 und 1823 hatten WÖHLER und LIEBIG
KEKULÉs. Heute wird oft
Chemie (Å Kasten Radikale). JUSTUS VON LIEBIG u nabhän g i g voneinander das Silberc y anat eine der Darstellungen
erkannte zudem, dass nicht der Sauerstoff für (AgOCN) bzw. das Silberfulminat (knallsaures rechts verwendet. Sie
sollen andeuten, dass die
die Säurewirkung verantwortlich ist, sondern S ilber, AgCNO) entdeckt und festgestellt,
Bindungselektronen im
der Wasserstoff. Bei der Reaktion einer Säure dass beide Stoffe zwar die gleiche Menge Benzolring nicht in Dop-
mit einem Metall substituiert dieses den a n Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstof f pelbindungen lokalisiert,
Wasserstoff. Die Substitutionstheorie lieferte u nd Sauerstoff enthielten, aber chemisch sondern völlig gleichmäßig
über den Ring „ver-
ein überzeugendes Modell vieler organischer u nterschiedliche Eigenschaften besitzen, schmiert“ sind. Wasser-
Reaktionen. Der Chemiker ADOLPH WILHELM ein Effekt, den man als Isomerie bezeichnet. stoffatome werden meist
HERMANN KOLBE (1818 – 1884) leitete daraus Silberfulminat ist äußerst explosiv und wird in nicht mehr eingezeichnet,
sondern sie werden an
ab, wie aus anorganischen Stoffen organische Knallerbsen verwendet, Silbercyanat ist giftig, freien Bindungen stets an-
Substanzen durch Substitution von Radikalen nicht explosiv und wesentlich besser in Wasser genommen.
entstehen konnten und bestätigte es 1845 durch löslich. Andere in dieser Zeit bereits bekannten
die Umwandlung von Kohlenstoffdisulfid in Beispiele waren die von FARADAY im Jahr 1825 aus
Essigsäure. Bereits zwanzig Jahre vor WÖHLER Ölgasen gewonnenen Gase Cyclobutan (C4H8)
g elang die Synthese von Oxalsäure (1824) und Ethen (C2H4), sowie die Trauben- und die
und Harnstoff (1828) aus anorganischen Weinsäure. Die Verhältnisse der Elemente in
Substanzen. Die Zeit war damals aber noch einer Verbindung konnten offenbar nicht allein
nicht reif für die revolutionäre Erkenntnis, für deren chemisches Verhalten verantwortlich
dass organische Stoffe auch außerhalb von sein. Nach der Theorie der Valenzen lag es nahe,
Lebewesen erzeugt werden konnten, ganz ohne die Struktur der Moleküle für deren chemisches
Hilfe einer Lebenskraft, der seit dem Altertum Ve rh a l te n ve r a n two r t li c h z u m ac h e n . Di e
stets als notwendig vorausgesetzten vis vitalis. Begriffe Struktur und Strukturformel wurden
von dem russischen Chemiker ALEXANDER
Valenzen und die Strukturchemie MICHAILOWITSCH BUTLEROW (1828 – 1886) in
die Chemie eingeführt.
Eine Konkretisierung der Atomvorstellungen
für die chemische Praxis begann mit der Struktur in 3D: die Stereochemie
Beobachtung von E DWA RD F R ANKLA ND
(1825–1899), dass die Atome von Elementen wie Strukturformeln waren zweidimensionale Ge-
Stickstoff, Phosphor oder Arsen in organischen bilde und sagten nichts aus über die räumli-
Verbindungen nicht beliebig viele Bindungen che Anordnung der Atome. Zwar wusste zu 3-66
zu anderen Atomen eingehen konnten; es gab dieser Zeit niemand, wie man sich Atome und Coupers Strukturformeln.
eine gewisse „Sättigung“. Diese Sättigung wurde Moleküle vorstellen sollte, weshalb die Struk- COUPER nutzte als erster
Strukturformeln che-
von HERMANN WICHELHAUS (1842 – 1927) als turchemie von Chemikern wie KOLBE auch als mischer Verbindungen
Valenz (Wertigkeit) eines Atoms bezeichnet. zu spekulativ abgelehnt wurde; mit der Zeit in ähnlicher Weise wie
Davon aus g ehend p ostulierten 1857/58 mehrten sich jedoch Indizien, dass die räum- heute. Oben ist seine
Formel für Ethanol, unten
ARCHIBALD SCOTT COUPER (1831 – 1892) und liche Struktur eine große Rolle spielt. LOUIS für Oxalsäure dargestellt.
FRIEDRICH AUGUST KEKULÉ VON STRADONITZ PASTEUR (1822 – 1895) hatte schon 1847 festge- Da er für Sauerstoff das
(1829 – 1896) unabhängig voneinander, dass stellt, dass die Salze der Weinsäure polarisiertes Atomgewicht 8 statt 16
annahm, enthalten seine
organische Verbindungen durch Kettenbildung Licht in unterschiedlicher Richtung drehten. Formeln zu viele Sauer-
der vierwertigen Kohlenstoffatome entstehen. KEKULÉ hatte darüber spekuliert, ob man sich stoffatome.

77
KAPITEL 3 Historischer Überblick

das Kohlenstoffatom nicht räumlich vorstellen Die Ordnung der Elemente


müsse und JOHANNES WISLICENUS (1835 – 1902)

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deutete die Isomerie der Milchsäure geometrisch.
JACOBUS HENRICUS VAN T’HOFFT (1852 – 1911) Die Entdeckung der Elemente
und JOSEPH ACHILLE LE BEL (1847 – 1930) waren
es schließlich, die die Stereochemie der Kohlen- Bis 1770 kannte man erst 19 Elemente, davon
stoffverbindungen ausarbeiteten. VAN T’HOFFT 10 bereits seit der Antike (wenngleich man sie
3-67
beschrieb den Kohlenstoff als Tetraeder mit nicht also solche betrachtete). In den folgen-
Chiralität. Sind zwei C-Atom im Mittelpunkt und den Valenzen in den 130 Jahren kamen 60 neue hinzu. Diese
Formen eines Moleküls den Ecken. Da es bei unterschiedlicher Belegung rasante Entwicklung war eine Folge der seit
nicht spiegelsymmetrisch
der Eckpunkte mit Radikalen genau zwei spie- LAVOISIER entstandenen analytischen Chemie mit
zueinander, so spricht
man von Chiralität (Hän- gelsymmetrische Formen gibt, konnten diese der ihren zunehmend empfindlicheren Geräten und
digkeit). Dargestellt wird Grund für das unterschiedliche optische Verhal- Techniken. Seit der Entwicklung der Voltaschen
die räumliche Anordnung Säule um 1800 (ÅDie Kraft der Elektrizität,
ten sein. 1893 erklärte der Schweizer Chemiker
durch Verdickung der
Verbindungslinien. Eine ALFRED WERNER (1866 – 1919) die Struktur von Seite 84) kannte man zudem die Elektrolyse,
gestrichelte Linie deutet Metallsalzkomplexen mit einem Oktaedermo- die Zerlegung von Verbindungen durch elek-
dabei eine nach hinten dell des zentralen Metallatoms. trischen Strom. Damit konnte DAVY die sehr
weisende Verbindung an,
eine durchgezogene Linie Obwohl im 19. Jahrhundert Atomvorstel- reaktionsfreudigen Alkali- und Erdalkalimetalle
weist auf eine Verbindung lungen halfen, chemische Theorien zu formu- Kalium, Natrium, Magnesium, Calcium und
hin, die aus der Blattebene lieren, war man noch weit davon entfernt, che- Strontium isolieren und das nicht minder re-
nach vorn heraus führt.
mische Eigenschaften auf atomare zurückfüh- aktionsfreudige Chlor. Weitere Elemente wie
ren zu können. Letzten Endes wusste bis zum Silicium, Selen und Tantal folgten und 1825 ge-
3-68
Regelmäßigkeit im Pe- Ende des 19. Jahrhundert niemand, in welchem lang HANS CHRISTIAN ØRSTED (1777 – 1851) die
riodensystem. Gruppiert Verhältnis die Atome der Chemiker zu den Reindarstellung von Aluminium, das durch die
man Elemente nach che- kleinsten Teilchen der Physiker standen. Auch komplizierte Herstellung teuerer war als Gold.
mischen Eigenschaften, so
erkennt man zumindest die Ordnung der Elemente konnte nicht aus Ein weiterer Durchbruch war die Spektralzerle-
bei einigen typischen physikalischen Atomtheorien abgeleitet wer- gung des von glühenden Stoffen ausgesandten
Gruppen wie den (Erd-) den, sondern musste anhand ihrer chemischen Lichts. ROBERT WILHELM BUNSEN (1811 – 1899)
Alkalimetallen, den Chal-
kogenen und Halogenen Eigenschaften erarbeitet werden, dies allerdings und GUSTAV ROBERT KIRCHHOFF (1824 – 1887)
Regelmäßigkeiten im Ver- mit großem Erfolg. entdeckten, dass Elemente Licht charakteristi-
lauf der Ordnungszahlen scher Frequenzen sowohl absorbieren als auch
und Atomgewichte.
bei Erhitzung emittieren (Kirchoffsches Gesetz).
Ordnungs- Differenz zum rel. Atomge- Differenz zum Mit dem von ihnen 1860 entwickelten Spektro-
Element Symbol
zahl Vorgänger wicht Vorgänger skop gelang die Entdeckung weiterer Elemente.
Lithium Li 3 6,941 BUNSEN selbst entdeckte das Caesium, das er
nach dessen charakteristischer blauen Spektral-
Natrium Na 11 8 22,990 16,049
linie (von lat. caesius, blaugrau) benannte und
Kalium K 19 8 39,098 16,108
das Rubidium mit dunkelroter Spektrallinie (lat.
Rubidium Rb 37 18 85,468 46,37 ruber, dunkelrot). Lord RAYLEIGH (1842 – 1919)
Magnesium Mg 12 24,305 und WILLIAM RAMSAY (1852 – 1916) erkannten
Calcium Ca 20 8 40,078 15,773 mit Hilfe der Spektralanalyse 1894, dass ein Teil
Strontium Sr 38 18 87,62 47,542 der Restluft, die schon CAVENDISH Rätsel auf-
gegeben hatte, aus einem sehr reaktionsträgen
Barium Ba 56 18 137,33 49,71
Gas bestand, das sie daher Argon (griech. argos,
Sauerstoff O 8 15,999
träge) nannten. Schon 1867 hatten FRANKLAND
Schwefel S 16 8 32,065 16,066 und JOSEPH NORMAN LOCKYER (1836 – 1920)
Selen Se 34 18 78,96 46,895 im Spektrum des Sonnenlichts eine unbekannte
Fluor F 9 18,988 Spektrallinie entdeckt, die auf ein neues Element
Chlor Cl 17 8 35,453 16,465 hindeutete, dem sie den Namen Helium gaben
(griech. helios, Sonne).
Brom Br 35 18 79,904 44,451
Eine besondere Rolle spielte das mittels
Jod J 53 18 126,90 46,996
Spektralanalyse von PAUL EMILE LECOQ DE

78
Erde, Wasser, Luft und Feuer

BOISBAUDRAN (1838 – 1912) entdeckte Element


Gallium. Seine Entdeckung war eine Bestätigung
für das von DIMITRI IWANOWITSCH MENDELEJ E EW
(1834 – 1907) entwickelte Periodensystem der
Elemente, da dieser die Existenz eines Elements
mit entsprechenden Eigenschaften vorhergesagt
hatte.

Von Triaden zum Periodensystem der


Elemente

In den heute gebräuchlichen Darstellungen des


Periodensystems der Elemente scheint gerade
die Periodizität auf der Hand zu liegen: Che-
misch verwandte Elemente wie die Alkalimetalle
Lithium, Natrium und Kalium liegen hübsch
untereinander und der Abstand ihrer Ordnungs-
zahlen folgt einer bestimmten Regel (ÅTabelle
3-68). Allerdings sind die Ordnungszahlen recht
willkürlich, wenn man nicht weiß, dass sie der
Zahl der Protonen des jeweiligen Atoms ent-
sprechen. Zur Zeit der Entdeckung des Perio- Hilfe eine unbekannte Substanz als elementar 3-69
densystems wusste man aber noch nichts von klassifiziert werden konnte. Chemische Elemente und
ihre Entdeckung. Mit dem
Protonen und selbst die Existenz von Atomen Die Bestimmun g von Atom g ewichten
Beginn der analytischen
war alles andere als gesichert. Doch auch bei der Elemente lenkte die Aufmerksamkeit der Chemie gegen Ende des
den relativen Atomgewichten, die man damals Chemiker auf numerische Ordnungskriterien. 18. Jahrhunderts wuchs
teilweise kannte, lässt sich eine gewisse Re- die Zahl der neuentdeck-
Einer der ersten, der Regelmäßigkeiten bei
ten Elemente rasant an.
gelmäßigkeit nicht übersehen. Wir sind heute chemisch ähnlichen Elementen untersuchte, war Beginnend mit Neptunium
gegenüber den Chemikern der zweiten Hälfte JOHANN WOLFGANG DÖBEREINER R (1780 –1849). (Np) wurden seit 1940
des 19. Jahrhunderts allerdings im Vorteil. Wir Er erkannte 1817, dass die Atomgewichte der auch Elemente hergestellt
die auf der Erde nicht
kennen nicht nur das vollständige Periodensys- Erdalkalimetalle Calcium, Strontium und Barium natürlich vorkommen, die
tem aller natürlich vorkommenden Elemente, gerade so beschaffen waren, dass sich der Wert sogenannten Transurane.
sondern wissen auch, warum Regelmäßigkeiten des in der Mitte liegenden Strontiums recht
nicht exakt gelten, sondern nur näherungsweise genau aus dem Mittelwert der beiden anderen
und auch nur bei manchen Gruppen. Führt man ergab. Kurze Zeit später entwickelte LEOPOLD
sich die Situation vor Augen, in denen sich Che- GMELIN N (1788 –1853) ein ähnliches System wie
miker um 1860 befanden, so wird schnell klar, DÖBEREINER R und nannte die Tripel Triaden. Ihm
welches Scharfsinns und Einfallsreichtums es gelang es, 55 Elemente als Triaden anzuordnen.
bedurfte, um das Periodensystem der Elemente, Diese Mittelstellung von Elementen veranlasste
wie wir es heute kennen, zu entwickeln. JEAN-BAPTISTE DUMAS (1800 – 1884) dazu,
Bereits vor 1860 hatte man erkannt, dass über die Möglichkeit von Transmutationen neu
Elemente in Gruppen mit ähnlichen chemischen nachzudenken. Vielleicht waren die mittleren
Eigenschaften eingeteilt werden konnten. So Elemente in Wirklichkeit aus ihren Nachbarn
reagieren die Oxide der Alkalimetalle stark ba- zusammengesetzt? MAX VON PETTENKOFER
sisch, die Halogene hingegen bilden mit Wasser- (1818 – 1901) hingegen konzentrierte sich auf
stoff Säuren. Die meisten damals bekannten Ele- die Differenzen zwischen den Atomgewichten
mente, wie Eisen, Quecksilber, Zink oder Gold ähnlicher Elemente und vermutete, dass diese
ließen sich aber nicht eindeutig anhand ihrer immer Vielfache von 8 sind. In diesem Sinn
chemischen Eigenschaften in Gruppen sortieren. entstanden vor 1860 weitere Versuche, ein System
Eine eindeutige Systematik war gleichwohl wün- der Elemente aufzustellen, das sich auf numerische
schenswert, nicht zuletzt deshalb, weil man über Verhältnisse innerhalb von Gruppen chemisch
kein sicheres Kriterium verfügte, mit dessen ähnlicher Elemente stützte. Keines dieser Systeme

79
KAPITEL 3 Historischer Überblick

war allerdings in der Lage, mehr als nur Bekanntes zwisc h en Atomvo l umen (b estimmt d urc h
zu repräsentieren; es konnten keine neuen AVOGADROs Gesetz) oder Elektronegativität
Elemente vorhergesagt werden. Auch begriffliche und Atomgewicht deutlich gemacht zu haben.
Unsicherheiten behinderten zunächst weiteren Hier zeigt sich besonders gut die Periodizität der
Fortschritt. Bei einem Kongress in Karlsruhe Elemente.
1860 gelang es CANNIZZARO, den Unterschied Trotz dieser Teilerfolge bleibt MENDELEJE EWs
zwischen Äquivalent und Atomgewicht zu Veröffentlichung des Periodensystems 1869 der
klären und die von ihm bestimmten „echten“ entscheidende Durchbruch. Nicht nur war sein
Atomgewichte trugen viel zur Entwicklung des System vollständiger als alle anderen zuvor,
Periodensystems bei. MENDELEJ E EW erkannte auch als erster in aller
In der Zeit zwischen 1860 und 1870 folgte Deutlichkeit, wie wesentlich die aufsteigende
schließlich der Durchbruch, der mit MENDELEJ E EWs Ordnung der Atomgewichte war. Er hatte nicht
Periodensystem der Elemente den entscheidenden nur den Mut, Atomgewichte zu korrigieren,
Abschluss fand. 1862 erkannte ALEXANDRE-EMILE wenn sie dadurch aus chemischer Sicht an die
BÉGUYER DE CHANCOURTOIS R (1819 – 1886), dass „richtige“ Stelle rückten, sondern er betrachtete
die Eigenschaften der Elemente eine periodische Lücken in der aufsteigenden Ordnung als
Funktion des Atomgewichts sind. Er konstruierte Hinweis auf noch unentdeckte Elemente. Auf
ein Periodensystem in Form einer Helix, in der diese Weise postulierte er Eka-Aluminium, Eka-
Elemente mit gleichen Eigenschaften übereinander Bor und Eka-Silicium (von sanskrit eka, eins)
standen. Aufgrund der wenig anschaulichen als neue Elemente, die auch noch zu seinen
Form und weil es nur ungefähr Ähnlichkeiten Lebzeiten gefunden wurden. Eka-Aluminium
wiedergab, blieb dieses Modell weitgehend wurde 1875 von BOISBAUDRAN entdeckt, der es
unbeachtet. JOHN NEWLANDS (1837 – 1898) Gallium nannte. 1879 entdeckte der Schwede
postulierte das Gesetz der Oktaven, nach dem LARS FREDRIK NILSON (1840 – 1899) Eka-Bor
sich die chemischen Eigenschaften nach 8 und nannte es Scandium. Eka-Silicium wurde
Elementen wiederholen. Er entwickelte 1865 ein 1886 von K LEMEN S A LEXA NDER W INKLER
System aus 65 Elementen, in dem er bereits statt (1838 – 1904) entdeckt und erhielt, ganz der
3-70 Atomgewichten eine laufende Ordnungsnummer Tradition folgend, den Namen Germanium.
Das Periodensystem
Mendelejews. In dieser verwendete. Leider erkannte er nicht, dass Diese Erfolge überzeugten die meisten Chemiker
deutschen Übersetzung die heute als Nebengruppen bezeichneten von der Richti g keit des Periodens y stems.
von 1871 erkennt man die Untergruppen die Periodizität erhöhen (ÅTabelle M ENDELEJEW hatte einige chemische und
durchgängige horizontale
Ordnung nach aufstei-
3-68). 1864 veröffentlichte LOTHAR MEYER physikalische Eigenschaften der prognostizierten
gendem Atomgewicht. (1830 – 1895) in einem Lehrbuch eine Tabelle Elemente aufgrund ihrer vermeintlichen Position
Die vertikale Gruppierung von 28 Elementen, geordnet nach Atomgewichten im Periodensystem vorhergesagt, die sich als
folgt chemischen Eigen-
schaften, insbesondere
und Valenzen. Diese Tabelle wies bereits eine weitgehend zutreffend erwiesen.
der Wertigkeit, die sich Lücke für das damals noch unbekannte Element Natürlich blieb die Ursache der Ordnung der
durch die Verhältnisse in Germanium auf; MEYER wagte allerdings keine Elemente im 19. Jahrhundert ein Mysterium.
Verbindungen mit Was-
Prognose. Ein umfangreicheres Periodensystem Erst im 20. Jahrhundert gelang es, die Ordnung
serstoff und Sauerstoff
ausdrückt. Durch diese mit 52 Elementen entwarf er 1868 im Rahmen des Periodensystems aus der Struktur der Atome
Darstellung ergeben sich einer Vorlesungsreihe, veröffentlichte es aber erst selbst abzuleiten. —
natürlicherweise Lücken, nach MENDELEJ E EWs Arbeit von 1869, weshalb sich
die oft durch später ent-
deckte Elemente aufgefüllt zwischen beiden ein Prioritätenstreit entspann. Feld und Materie
werden konnten. MEYERs Verdienst ist es, den Zusammenhang
Von der Natur des Lichts
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

I m Z e i ta l te r de r M ob il te l e f o n e wu n de rn
wir uns kaum mehr über die geheimnisvolle
Fernwirkung elektromagnetischer Strahlung,
g eschwei g e denn über ihre Fähi g keit, den
leeren Raum zu durchdringen. Obwohl schon
DEMOKRIT und EPIKUR die Existenz des leeren
R aumes postulierten, glaubten sie nicht,

80
Erde, Wasser, Luft und Feuer

dass eine Wirkung ohne materiellen Kontakt dass unser Auge das von Gegenständen reflek-
möglich sei. Und dank des Durchbruchs der tierte Licht wahrnimmt. Es fehlte allerdings noch
mechanistischen Naturphilosophie hatten lange Zeit eine schlüssige Theorie über die Natur
Verweise auf körperlose Wirkungen in der des Licht"stoffes“ selbst. NEWTON favorisierte
frühen Neuzeit den Ruch des My stischen. die Vorstellung, dass Licht ein Strom von Teil-
Elektromagnetische Felder und Wellen als etwas chen ist, während HUYGENS in Anlehnung an
real Existierendes zu betrachten, fiel Physikern DESCARTES glaubte, Licht sei eine Anregung des
lange schwer. Bis ins frühe 20. Jahrhundert Äthers. Das sogenannte Huygenssche Prinzip
hinein gingen die meisten davon aus, dass es erklärt auf dieser Basis anschaulich Brechung,
eine körperliche Substanz gibt, einen Äther, Beugung und Reflexion von Licht an Medien-
der Träger dieser Wellen ist. Der Entdecker grenzen (Å Abbildung 3-71). Gegen einen Strom 3-71
der elektromagnetischen Strahlung, HEINRICH aus Lichtteilchen sprach vor allem eines: Wie Huygensche Elemen-
H ERTZ ( 1857 – 1894 ) , d rüc k te d ies 1889 können sich Lichtstrahlen ungestört durchdrin- tarwellen. Trifft eine
Wellenfront wie dar-
folgendermaßen aus: gen? HUYGENS’ Modell orientierte sich deshalb gestellt schräg auf eine
an der Ausbreitung von Schallwellen in Luft, bei Mediengrenze, so breiten
Die Wellentheorie des Lichts ist, menschlich dem diese Schwierigkeit nicht bestand. Die Rolle sich von links beginnend
gesprochen, Gewißheit: was aus derselben mit der Luft nahm der Äther ein, dessen Teilchen um Elementarwellen im un-
Notwendigkeit folgt, ist ebenfalls Gewißheit. Es teren Medium aus. Ist die
ist also auch gewiß, daß aller Raum, von dem
vieles kleiner, elastischer und härter sein sollten Ausbreitungsgeschwindig-
wir Kunde haben, nicht leer ist, sondern erfüllt als die der übrigen Materie. Durch ihre geringe keit im unteren Medium
Größe konnten sie sich auch zwischen anderen größer als im oberen, sind
mit einem Stoffe, welcher fähig ist, Wellen zu
die ersten Elementarwel-
schlagen, dem Äther. Materieteilchen bewegen, weswegen Licht durch len schneller als die später
ein evakuiertes Glasgefäß zu scheinen vermag. eintreffenden. Die Wel-
Erst EINSTEINs Relativitätstheorie machte den A uc h N E WTO N vertrat zeitweise die lenfront, gebildet aus den
Scheiteln aller Elemen-
Äther überflüssig. In seinen Worten: Vorstellung eines raumerfüllenden Äthers. Licht tarwellen knickt deshalb
bestehe aus Teilchen, die sich durch den Äther nach innen ein.
Physikalischer Raum und Äther sind nur ver- bewegen, wogegen Wärme durch Schwingungen
schiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Sache; des Äthers selbst verursacht werde, vermutete er.
Felder sind physikalische Zustände des Raumes.
Denn wenn dem Äther kein besonderer Bewe-
Die geradlinige Ausbreitung des Lichts konnte
gungszustand zukommt, so scheint kein Grund seiner Ansicht nach nicht durch die Bewegung
dafür vorzuliegen, ihn neben dem Raum als ein des Äthers selbst hervorgerufen werden,
Wesen besonderer Art einzuführen. die turbulente Wärmeausbreitung hingegen
sehr wohl. N EW T O N s Kor p uskulartheorie
Dass es sich bei Licht, Magnetismus und Elek- konnte Brechung, Streuung und Reflektion
trizität um die Wirkung derselben Kräfte han- weniger elegant erklären, dafür aber die
delt, war bis zum 19. Jahrhundert unbekannt. unterschiedliche Polarisation des Lichts beim
Bedenkt man die Vielfalt und Verschiedenheit Durchgang durch doppelbrechende Kristalle.
dieser Erscheinungen, so zählt ihre erfolgreiche HUYGENS ging von Ätherschwingungen parallel
Erklärung durch eine einzige Theorie zu den zur Ausbreitungsrichtung aus, sogenannten
größten Erfolgen der Physik. Als unerwartet Longitudinalwellen. Die Schwingungen
schwierig erwies sich aber, das Zusammenspiel konnten sich also nicht unterscheiden, die
zwischen Strahlung und Materie zu erklären. Polarisation blieb unerklärt. Als später THOMAS
Y OU N G ( 1773 – 1829 ) und A UGUS TI N J EA N
Welle oder Korpuskel – FRESNEL (1788 – 1827) zeigten, dass Licht eine
HUYGENS oder NEWTON Transversalwelle ist (das heißt, die Schwingung
erfolgt senkrecht zur Ausbreitungsrichtung),
Lange Zeit war der Zusammenhang zwischen k o nn te auc h d i e P o l a ri sat i o n du r c h d i e
betrachtetem Gegenstand, Auge und Licht im We ll e n t h eo ri e e rkl ä r t we r de n . N E W T O N S
Wahrnehmungsprozess umstritten. Unklar war Korpus k u l art h eorie h errsc h te d ennoc h
unter anderem, ob etwas vom Gegenstand aus- knapp ein Jahrhundert lang vor, bis 1802 die
ging und das Auge trifft oder ob das Auge Seh- Doppelspaltexperimente von THOMAS YOUNG
strahlen aussendet. Der islamische Gelehrte IBN endgültig den Nachweis erbrachten, dass Licht
AL HAITHAM kam schließlich zu dem Schluss, eine Wellenerscheinung war.

81
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Seltsame Kräfte: unmittelbar nachdem sie in Berührung mit dem


Elektrizität und Magnetismus Bernstein kamen, abgestoßen werden. Feuchte
Stoffe wurden abgestoßen, allerdings nicht, wenn
Elektrizität und Magnetismus sind Erscheinun- sie mit Öl befeuchtet wurden. Wasser wurde
gen, die den Menschen schon lange bekannt sind. angezogen, sobald man aber mit dem Stein zu
Wenige hätten sich jedoch vor dem 19. Jahrhun- nahe kam, geschah das Gegenteil.
dert träumen lassen, dass diese Kräfte für prak- Magnete (von griech. lithos magnes, Stein
tisch alles verantwortlich sind, was unsere Wahr-
r aus Magnesia) in Form des Magnetits (ein Ei-
nehmung und unser tägliches Leben bestimmt. senoxid) und ihre Wirkung auf Eisen waren in
Die elektromagnetische Strahlung der Sonne China und Europa ebenfalls schon in vorchrist-
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wärmt die Erde und spendet uns Licht; alle licher Zeit bekannt. Unerklärlich blieben die
chemischen Reaktionen von der Verbrennung Fernwirkung von Magneten und die Fähigkeit,
bis zum Stoffwechsel sind Folgen elektromag- durch andere Stoffe hindurch zu wirken. So
netischer Kräfte. Und natürlich ist die Funktion zitiert ARISTOTELES THALES, der Magneten eine
unseres Gehirns ohne sie nicht denkbar. Seele zuschrieb, weil sie in der Lage waren, Kör-
Das Phänomen der elektrostatischen Anzie- per ohne direkten Kontakt zu bewegen.
3-72 hung nach Reiben von Bernstein war bereits
Natürlicher Bernstein.
Das fossile Baumharz
in der Antike bekannt. In vornehmen antiken Von fließenden Formen und Ausflüssen
enthält oft Einschlüsse von Haushalten wurde Bernstein als Kleiderbürste
Pflanzen- und Tierresten. verwendet, weil er den Staub anzog. Der Begriff Die Erklärungsversuche von Magnetismus und
Es schwimmt auf Wasser
und lässt sich polieren.
Elektron leitet sich vom griechischen Namen Elektrizität waren in der Neuzeit zunächst ge-
Dank seines hohen elek- électron des Bernsteins ab, was so viel bedeutet prägt durch die vorherrschenden naturphilo-
trischen Widerstands leitet wie „hell, glänzend, strahlend“. Die Germanen sophischen Strömungen. Auf der einen Seite
er durch Reibung entste-
fanden seine Brennbarkeit bemerkenswert: Bern- standen mechanistische Erklärungen, auf der
hende Oberflächenladun-
gen schlecht ab und zeigt stein stammt ab vom mittelniederdeutschen bör- r anderen Seite solche, die sich noch auf aristote-
elektrische Phänomene nen (brennen). Die Natur der elektrischen Phäno- lisches Gedankengut oder Sympathien stützten.
wie etwa die Anziehung
mene bereitete anfangs reichlich Kopfzerbrechen. Besonders schwierig war Elektrizität einzuord-
kleiner Papierschnipsel.
Der griechische Name für Kleine Partikel konnten zunächst angezogen und, nen. Sowohl die elektrisierbaren als auch die
Bernstein ist Elektron. angezogenen Stoffe waren völlig unterschied-
licher Natur, so dass es schwer fiel, ihnen eine
Richtungsweisend: der Magnetkompass gemeinsame Eigenschaft zuzuschreiben. Auch
das delikate Zusammenspiel von Anziehung und
Die ersten Aufzeichnungen über den Ge-
Abstoßung narrte die Experimentatoren.
brauch eines Magnetkompasses für die Na-
Dem Londoner Arzt WILLIAM GILBERT
vigation in Europa stammen von dem engli-
(1544 – 1603) verdanken wir den Begriff Elektri-
schen Wissenschaftler ALEXANDER NECKAM
zität für die Kraft, die elektrisch geladene Stoffe
(1157 – 1217). Am bekanntesten ist der aus-
ausüben, und die Entdeckung weiterer elektri-
führliche Bericht PETER PEREGRINUS von 1269
sierbarer Stoffe neben Bernstein. Er bezeichnete
über in Wasser sich ausrichtende Magnet-
diese Stoffe als Electrics. GILBERT
R betrachtete die
steine und trocken gelagerte Magnetnadeln.
magnetische Kraft als eine essenzielle Eigenschaft
Er nannte die beiden Enden der Magnete in
des Erdelements. Sie sei im aristotelischen Sinn
Anlehnung an die Erde „Pole".
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

eine Form, die aus dem Erdelement herausfließt.


In China finden sich Berichte über Kom-
Diese Form bringe die Form des Eisens zu einer
passe schon Ende des 11. Jahrhunderts, wahr-
natürlichen Selbstbewegung. Elektrizität hingegen
scheinlich war der Kompass aber bereits um
konnte keine essenzielle Eigenschaft eines Körpers
die Zeitenwende bekannt. Kompasse waren
sein, da sie ja völlig unterschiedlichen Körpern
3-73 im Rahmen des Feng Shui wichtig, der Lehre
zukam und auf alle Körper einwirkt. Es sollte
Natürlicher Magnetit. von Wind und Wasser und Harmonie. Min-
Fundort: Chile. Magnetit sich um eine besondere Ausdünstung der Erde
destens seit dem 11. Jahrhundert war den
ist seit der Frühzeit für handeln, ein Fluidum, das durch Reibung aus den
seine auffälligen Anzie- Chinesen auch die Deklination des Kompas-
Stoffen entweicht und eine klebrige Wirkung be-
hungskräfte bekannt, und ses bekannt, also dessen Abweichung von der
für das gesamte Phäno- sitzt. Da damit die abstoßende Wirkung der Elek-
exakten Nord-Südrichtung.
men namensgebend. trizität nicht erklärbar war, stellte sich NICCOLO

82
Erde, Wasser, Luft und Feuer

CABEO (1586 – 1650) ein sehr feines Fluidum vor, 3-74


das durch Reibung dem Körper entströmt und Leitender Körper. GRAY
wies nach, dass auch der
die umgebende Luft zurückdrängt. Diese strömt menschliche Körper das
kurz darauf wieder zurück und nimmt kleine elektrische Fluidum leitet,
Körper mit sich. Die Abstoßung kommt durch eine Fähigkeit, die gern

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


bei gesellschaftlichen
Verwirbelungen in der Luft zustande. SIR KENELM
Anlässen demonstriert
DIGBY (1603 – 1665) und andere vermuteten die wurde.
Existenz eines fadenartigen Fluidums, das wie
Leimruten umgebende Körper anzieht. ROBERT R
BOYLE wies mit Hilfe seiner neu entwickelten
Luftpumpe schließlich nach, dass die elektrische lassen, mit Ausnahme von Metallen, Flüssig-
Anziehung auch im Vakuum bestehen bleibt. Er keiten und weichen Stoffen, die nicht gerieben
und HONORÉÉ FABRI (1607 – 1688) entdeckten um werden können. Jedes isolierte Material ließ
1665, dass nicht nur die elektrisierbaren Körper sich zudem durch Kontakt elektrisieren. DUFAY F
andere anzogen, sondern auch umgekehrt. Dies erkannte auch die Systematik von Anziehung
ließ sich kaum mit herrschenden Fluidumtheorien und Abstoßung: Ein nicht elektrisierter Körper
in Einklang bringen. wird angezogen, durch Kontakt elektrisiert und
Für CHRISTIAAN HUYGENS war der Äther daraufhin abgestoßen. Er machte wie HUYGENS
für die elektrische Anziehung und Abstoßung Wirbel elektrischer Materie dafür verantwortlich
verantwortlich. Durch Reibung eines Körpers (ÅAbbildung 3-75). Bei entsprechenden Versu-
werde der Äther angeregt und bilde kleine Wir- chen fand DUFAY
F allerdings, dass sich elektrisierte
bel, die je nach Orientierung anziehend oder Körper keineswegs immer abstoßen! Je nach Ma-
abstoßend wirken können. Da der Äther viel terial konnten sie sich anziehen oder abstoßen.
feiner sei als Luftteilchen, sei er auch im Vakuum Es musste also zwei Arten elektrischer Materie
vorhanden, weshalb auch dort die elektrische und elektrischer Wirbel geben. Die Vorstellung
Kraft spürbar wäre. von Wirbeln elektrischer Materie zweierlei Natur
blieb für einige Zeit nach DUFAY
F das Standarder-
Transportables Fluidum klärungsmodell für elektrische Phänomene. 3-75
Elektrische Wirbel. DUFAY
machte Wirbel elektrischer
Der Färber STEPHEN GRAY (1666 – 1736) ent- Elektrisches Fluidum kann man sammeln Materie für Anziehung
deckte 1729, dass Hanfschnüre das elektrische und Abstoßung verant-
Fluidum offenbar weiterleiten konnten: Elek- D e r L e i de n e r Pr o f esso r P I E T E R VA N wortlich. Ein ungelade-
nes Goldblättchen wird
trisierte man das eine Ende, konnte man am M U SSC HENBR OEK (1692 – 1761) und der durch die Wirbel eines
anderen Ende kleine Federn anziehen. Er konnte pommersche Prälat EWALD JÜRGEN VON KLEIST elektrisierten Glasstabes
die Elektrizität über eine etwa 200 Meter lange (1700 – 1748) stellten unabhängig voneinander angezogen (oben). Sobald
es elektrisiert ist, bilden es
Hanfschnur transportieren, die erste Hochspan- fest, dass die Entladung eines elektrisierten selbst Wirbel, die abgesto-
nungsleitung der Geschichte! GRAY fand heraus, Metalldrahtes, der in einem g eerdeten, ßen werden (unten).
dass sich nicht alle Materialien als Leiter eignen. wassergefüllten Glasgefäß steckte, viel stärker
Pflanzenfasern, Metalle und der menschliche Kör- r war, als bei einem elektrisch isolierten Gefäß.
per (ÅAbbildung 3-74) funktionierten gut, Seide, Aber nach allem, was man zu wissen glaubte,
Glas und Haare hingegen nicht. Seine Ergebnisse sollte das elektrische Fluidum ohne Isolation
waren eine Herausforderung für Fluidumtheo- einfach in den Boden abfließen! Es gab keine
rien, denn ganz offensichtlich vermag das Flu- 3-76
idum Glas zu durchdringen, da Federn durch Elektrische Zündung. Entzünden von Alkohol durch eine Elektrisiermaschine. Der Strom
Glas hindurch angezogen werden. Glas war aber wird über die Stange bis zur Spitze des Degens geleitet, wo der Funke auf einen Löffel
mit Alkohol überspringt und diesen entzündet. 1744 entzündete CHRISTIAN FRIEDRICH LU-
gleichzeitig ein guter Isolator für durch Schnüre DOLPH Spiritus durch Funken über einem Eiszapfen und einem Wasserstrahl als Leiter, ein
fließendes Fluidum! damals sehr überraschendes Ergebnis, wurden doch Funken meist mit Feuer identifiziert!
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Es gibt zwei Arten elektrischer Materie

CHARLES DUFAY F (1698 – 1739) entdeckte, dass


alle Materialien sich durch Reibung elektrisieren
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Theorie der Elektrizität, die die verstärkende 3-79


Benjamin Franklin. Man kann ihn als Verkörperung des
Wirkung der sogenannten Leidener Flasche amerikanischen Traums sehen: Als 15. Kind in armen Ver-
befriedigend erklären konnte. Ab 1748 war klar, hältnissen in Boston geboren, wurde er
dass es nicht darauf ankam, was in der Flasche Druckereibesitzer, Verleger, Schrift-
steller, Generalpostmeister, Staats-
war und SIR WILLIAM WATSON (1715 – 1787) mann, Erfinder und berühmter
konnte zeigen, dass ein innen mit Metallfolie Naturwissenschaftler. Auf ihn geht
verkleidetes Glasgefäß die gleichen Dienste tat die Erfindung des Blitzableiters
und der Bifokalbrille zurück und er
(Å Abbildung 3-77). war 1776 einer der Gründerväter
der Vereinigten.Staaten. Bild von
JEAN-BAPTISTE GREUZE
Über Ladungen und elektrische
Atmosphären
3-77 Umgebung. Die Atmosphärentheorie litt unter
Leidener Flasche als Kon-
densator. Eine Leidener BENJ
N AMIN FRANKLINs (1706 – 1790) Vorstellung ähnlichen Problemen wie die Fluidumtheorie:
Flasche ist ein Kondensa- nach besaß jeder Körper eine ihm zugeordnete Das symmetrische Verhalten negativer und po-
tor. Die Hand bildet die Menge an elektrischer Materie. Wurde näm- sitiver Ladungen war damit nicht vernünftig zu
eine Platte, der Inhalt der
Flasche die andere. Das lich ein isoliert stehender Mensch elektrisiert, erklären. FRANKLIN erkannte bei seinen Versu-
Glas fungiert als isolieren- so konnte er seine Elektrizität an einen zweiten, chen, dass Entladungen an Spitzen über größere
des Dielektrikum. Statt ebenfalls isolierten Menschen abgeben, wobei Abstände möglich sind als an Flächen. Er führte
Wasser ist es vollkommen
ausreichend, die Innenflä-
er die eigene Elektrizität verlor. Dieser Vorgang dies darauf zurück, dass sich die Atmosphäre
che mit einer Metallfolie ließ sich zwar mehrmals wiederholen, allerdings an Spitzen leichter vom Körper löst. Diese Be-
zu verkleiden, da sich die wurde der Effekt von Mal zu Mal schwächer. Ir- obachtung führte FRANKLIN zur Erfindung des
Ladungen an der Fläche
sammeln. BENJAMIN WILSON
gendwann spürte die zweite Person bei der Berüh- Blitzableiters. Der erste wurde 1752 in Frank-
(1721 – 1788) entdeckte, rung keinen elektrischen Schlag mehr. FRANKLIN reich erfolgreich getestet und noch im selben
dass die Stärke der Ent- vermutete, dass sich elektrische Materie abstößt, Jahr europaweit an verschiedenen Gebäuden
ladung proportional zur
während normale Materie aufeinander anziehend installiert.
Wasserfüllhöhe und
umgekehrt proportional wirkt. Wird ein Körper durch Reibung elektri-
zur Glasdicke ist. Dies siert, so entstehe in ihm ein Überschuss an elekt-
entspricht dem Gesetz für
die elektrische Kapazität C
rischer Materie, er wird – in FRANKLINs Worten – Die Kraft der Elektrizität
eines Plattenkondensators positiv geladen, während das Reibzeug die gleiche
mit der Fläche A und der Menge verliert, also negativ geladen wird. Mangel FRANKLINs Modell positiv und negativ geladener
Dicke d des Dielektrikums: und Überschuss an elektrischer Materie stehen Körper wurde schnell akzeptiert. Umstritten
C ~ A/d
immer im Gleichgewicht zueinander. Damit konn- blieben die Natur der Ladungen und ihre Kraft-
ten viele Beobachtung zwanglos erklärt werden: wirkungen. Neben FRANKLINs Atmosphäre, die
Zwei isoliert stehende Menschen werden nur positiv geladene Körper umgeben sollte, blieben
solange elektrisiert, bis beider Aufnahmekapazität auch noch Fluidumtheorien im Gespräch, wahl-
für elektrische Materie erschöpft ist. Und eine weise mit unterschiedlichen Fluida für positiv
Leidener Flasche kann Elektrizität nur sammeln, und negativ geladene Körper. Aber keine konnte
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

weil die innen zugeführte elektrische Materie in alle Beobachtungen überzeugend erklären, und
gleicher Menge durch die geerdete Außenseite die Natur der elektrischen Kräfte und Ladungen
abgeführt wird, eine isolierte Flasche vermag dies blieb noch einige Zeit im Dunkeln.
nicht. Weil FRANKLIN negative Ladung als einen
Mangel an elektrischer Materie ansah (und nicht Wo steckt die Ladung?
3-78 als eine andere Art von Ladung), war allerdings
Franklins Experiment. Es
ist nicht jedermanns Sa-
schwer zu erklären, warum sich negative geladene FRANKLIN glaubte, dass bei Leidener Flaschen
che, einen Drachen in eine Körper abstoßen. die elektrische Materie im Glas stecke und beim
Gewitterwolke steigen zu Auch FRANKLIN bemühte sich um eine me- Aufladen aus diesem verdrängt werde. Erstaun-
lassen. Aus heutiger Sicht
chanistische Erklärung der abstoßenden und
hatte BENJAMIN FRANKLIN 3-80
großes Glück, seinen be- anziehenden Wirkung elektrischer Materie. Sie Franklins Ladungen. Für FRANKLIN gab es nur eine Art
rühmten Versuch zu über- sollte Folge einer elektrischen Atmosphäre sein, elektrischer Ladung. Ein Körper ist positiv geladen, wenn
leben, bei dem er Funken die geladene Körper umgibt. Überschüssige La- er zuviel und negativ, wenn er zu wenig davon enthält.
aus einem Metallschlüssel Jeder Körper enthält im neutralen Zustand eine ihm zuge-
am Ende der Drachen- dung war in dieser Atmosphäre konzentriert und
ordnete Ladungsmenge.
schnur ziehen konnte. sorgte für die Fernwirkung auf Körper in der

84
Erde, Wasser, Luft und Feuer

lich war ein Versuch von ALESSANDRO VOLTA jeweils bestehend aus einer Kupfer- oder Silber-
(1745 – 1827). Er goss einen Zinnteller mit Harz und einer Zinkscheibe. Zwischen den Elementen
aus, elektrisierte das Harz durch Reibung und wird eine mit Salzwasser gedrängte Papp- oder
erdete den Zinnteller. Daraufhin legte er eine Filzscheibe gelegt. In der Kupfer-Zink – Version
an seidenen Schnüren aufgehängte, mit Metall- konnten bei 23 Elementen immerhin etwa 36
folie überzogenen Scheibe auf die Harzfläche Volt Spannung erzielt werden. Durch nicht unge-
(ÅAbbildung 3-81). Dann entlud er die Scheibe fährliche Selbstversuche mit Zunge, Augen und

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


durch Kurzschluss mit dem Zinnteller und hob Ohren stellte VOLTA anhand der beobachteten
sie hoch. Zu seinem Erstaunen konnte er aus ihr Sinneseindrücke fest, dass offensichtlich auch
wieder Funken ziehen. Mehr noch: Nach erneu- die sensorischen Nerven durch elektrische Reize
tem Absenken der Scheibe war die Ladung wie- erregt werden.
der verschwunden, hob man sie erneut, war sie 3-81
wieder da! Diesen Prozess konnte man beliebig Die chemische Kraft der Elektrizität Elektrophor. Nachbau
eines Elektrophors von
oft wiederholen! Wo versteckte sich die Ladung?
VOLTA, einer Art Konden-
VOLTA führte den Begriff Spannung (ital. Die Voltasäule entpuppte sich als außerordent- sator. Er besteht aus einem
tensione) für das Bestreben eines Körpers ein, lich hilfreiches chemisches Analyseinstrument, mit Harz ausgegossenen
sich von seiner überschüssigen Elektrizität zu da es über einen längeren Zeitraum elektrische Zinnteller und einer an
seidenen Schnüren aufge-
befreien. Je weiter er nämlich die Scheibe von Materie (d.h. Strom) lieferte. In den Jahren nach hängten, mit Metallfolie
der Harzfläche entfernte, desto heftiger waren 1800 entdeckte SIR HUMPFRY R DAVY durch elek- überzogenen Scheibe.
die Funken. Am Ende stellte VOLTA fest, dass trische Zerlegung weitere chemische Elemente, Das Harz wird durch Rei-
bung aufgeladen und der
die Aufnahmekapazität C eines Körpers für unter anderem Natrium und Kalium die sich Zinnteller geerdet. Entlädt
eine Ladung Q von der Spannung U abhing und aufgrund ihrer starken Reaktionsfähigkeit sehr man danach die Scheibe
stellte das bekannte Gesetz Q = C · U auf, das den schwer auf chemischem Weg darstellen lassen. durch Kurzschluss mit dem
Zinnteller und hebt sie an-
Zusammenhang zwischen der Kapazität eines Über die Natur der chemischen Kraft der Elek- schließend hoch, so kann
Kondensators, seiner Ladung und der zwischen trizität konnte man damals nur spekulieren, man aus ihr wieder Fun-
den Platten herrschenden Spannung beschrieb. aber JOHANN WILHELM RITTER (1776 – 1810) ken ziehen. Diesen Prozess
kann man ohne erneutes
vermutete bereits, dass die Kraft der Voltasäule Laden der Harzschicht
Froschschenkel und Batterien auf die unterschiedliche Oxidationsfähigkeit der mehrfach wiederholen.
verwendeten Metalle zurückzuführen sei, da er
Die Entdeckung, dass zwischen zwei unter- feststellte, dass an der Zinkscheibe Zinkoxid
schiedlichen Metallen eine Spannung herrscht, entstand. VOLTA hatte zuvor eine Art Span-
verdanken wir dem Bologneser Anatomie- nungsreihe der Metalle entwickelt, indem er
professor LUIGI GALVANI (1737 – 1798). Beim die elektrische Kraft von Metallkombinationen
Hantieren mit präparierten Froschschenkeln in durch den mehr oder minder sauren Geschmack
Nachbarschaft einer Elektrisiermaschine stellte auf der Zunge maß. MICHAEL FARADAY stellte
er fest, dass die Schenkelmuskeln zuckten, wenn schließlich 1832 die Grundgesetze auf, denen
er die Nervenenden mit einem Messer berührte. die chemische Zerlegung von Stoffen folgt. Er
Und 1786 entdeckte er durch Zufall, dass der prägte dafür den Begriff Elektrolyse und auch
Muskel auch dann zuckte, wenn das Metall, die Bezeichnung Elektrolyt für die leitfähige
das den freigelegten Nerv berührte, ein anderes Flüssigkeit, aus der die Stoffe abgeschiedenen
war als das am Schenkel, sofern beide Metalle werden. Die in die Flüssigkeit tauchenden Me-
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

miteinander in Kontakt standen. ALESSANDRO tallstäbe nannte er Elektroden (nach griech.


VOLTA führte dazu 1792 eigene Versuche durch elektron und hodós, Weg), die positiv geladene
und nannte die Fähigkeit zweier verbundener Elektrode Anode (griech., Aufstieg), die negativ
Metalle, elektrische Ladungen zu bewegen, geladene Kathode (griech., Hinabweg).
elektromotorische Kraft, ein Begriff der auch
heute noch für die Spannung von Batterien oder 3-82
Elektromagnetismus Galvanis Froschschenkel.
Stromgeneratoren gebräuchlich ist. Weitere Un- Die elektrische Erregung
tersuchungen führten Volta schließlich 1800 Eine Verbindung zwischen Magnetismus und der Nerven präparierter
zur Erfindung der Voltaschen Säule, der ersten Elektrizität wurde vermutet, als man die elek- Froschschenkel führten,
wie LUIGI GALV
LVANI beob-
Batterie (ÅAbbildung 3-83, Seite 86). Sie ent- trische Natur des Blitzes erkannte. So wurde achtete, zur Kontraktion
steht durch Aufschichten mehrerer Elemente, im 17. und 18. Jahrhundert verschiedentlich der Schenkelmuskeln.

85
KAPITEL 3 Historischer Überblick

berichtet, dass Schiffskompasse nach einem ganzen Raum in unterschiedlichen Richtungen


Blitzeinschlag nicht mehr nach Norden wiesen, entlang von Feldlinien wirken können, lieferte
sondern umgepolt waren. Schließlich erkannte einen erfolgreichen Ansatz zur Erklärung der
der Däne HANS CHRISTIAN ØRSTED (1777 – 1851) magnetischen Wirkungen. Durch eine geschickte
im Jahr 1820, dass eine Magnetnadel abgelenkt Versuchsanordnung gelang es FARADAY, die
wird, wenn sie parallel zu einem stromführen- kreisförmige Kraftwirkung eines Stabmagneten
den Draht ausgerichtet ist. Die französischen auf einen stromführenden Draht nachzuweisen.
Physiker JEAN-BAPTISTE BIOT (1774 – 1862) und FARADAY entdeckte bei seinen Experimenten
FÉLIX SAVART (1791 – 1841) konnten noch im zur Wirkung von Magnetfeldern auf Licht den
3-83
Voltasche Säule. Zwei gleichen Jahr eine quantitative Beschreibung nach ihm benannten Faraday-Effekt. Bestimmte
Metalle, die über eine dieser Kraftwirkung aufstellen, das sogenannte Materialien drehen unter der Wirkung eines
leitfähige Lösung verbun- Biot-Savart-Gesetz. Magnetfeldes die Polarisationsebene eines ein-
den sind (z.B. über ein
in Salzwasser getränktes ANDRÉ MARIE AMPÈRE schließlich berechnete fallenden Lichtstrahls. Dieser Effekt spielte bei
Papier), bilden ein elek- 1820 die Kraft zwischen zwei stromführenden Ansätzen, die optischen Phänomene durch Ei-
trochemisches Element. Leitern und stellte fest, dass es je nach Strom- genschaften eines Lichtäthers zu erklären, eine
Abhängig von der Stellung
der Metalle in der Span- richtung zu einer Anziehung oder Abstoßung wichtige Rolle (ÅDer Lichtäther, Seite 87).
nungsreihe können daran zwischen den Leitern kam. Da eine Stromschleife Jede Theorie sollte diesen Effekt richtig voraus-
ca. 1– 2 Volt abgegriffen und ein flacher Magnet außen identische Felder sagen. Dies gelang allerdings erst JAMES CLERK
werden. Durch Stapeln
solcher Elemente konnte
erzeugen, vermutete er, dass Magnetismus durch MAXWELL auf konsistente Weise, in dem er Licht
VOLTA hohe Spannungen winzige Stromkreise erzeugt wird. Während sie selbst als elektromagnetische Welle auffasste.
erzeugen. Solche Batterien in normalen Stoffen ungeordnet sind und sich
verbrauchen sich langsam
durch Auflösung des un-
dadurch ihre Außenwirkung aufhebt, sind sie Der theoretische Abschluss – Maxwell
edleren Metalls. in Magneten parallel angeordnet, wodurch sich
ihre Wirkung addiert. D em schottischen Physiker J AME S C LERK
MAXWELL (1831 – 1879) gelang es bis 1864,
Elektrische Induktion und Feldlinien die bis dahin gefundenen Gesetze zu erweitern
und in eine zusammenhängende Form zu
MICHAEL FARADAY beschäftigte sich seit 1821 bringen. Die unter dem Namen Maxwellsche
mit Elektrodynamik und zehn Jahre später ge- Gleichungen bekannten Gesetze bilden die
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

lang ihm der Nachweis der magnetischen Induk- Grundla g e der O p tik, der Nachrichten-
tion. Bereits vorher vermutete man, dass elektri- und der Starkstromtechnik , in ihnen sind
sche Ströme sich nicht nur magnetisch, sondern praktisch alle elektrischen und magnetischen
auch elektrisch beeinflussen sollten, wie dies Erscheinungen vereint. MAXWELL nutzte die
elektrische Ladungen tun. Aber erst FARADAY Feldlinienvorstellungen FARADAYS und erkannte
3-84 erkannte, dass nicht der Strom selbst, sondern auch die Symmetrie der elektromagnetischen
Andre Marie Ampère
die Änderung g der Stromstärke eine Spannung in Erscheinungen. Ein sich änderndes elektrisches
(1775 – 1836). Er vermu-
tete, dass Magnetismus einem zweiten Leiter induzierte. FARADAY nutzte
durch winzige Stromkreise um stromführende Leiter kreisende Feldlinien
erzeugt wird und sollte als Modell der elektromagnetischen Wirkung.
damit recht behalten.
Sie sollten sowohl die mechanischen Kräfte
zwischen Leitern oder Magneten als auch die
Strominduktion vermitteln. Die damals übli-
chen Vorstellungen gingen von einer Fernwir-
kung zwischen Körpern aus, die wie unsichtbare
Fäden nur auf deren Verbindungslinie wirken
sollte. Erst die Idee FARADAYs, dass Kräfte im 3-86
Faradayscher Käfig. FARADAY ist vor allem durch den Fa-
3-85 radayschen Käfig bekannt. Durch ein äußeres elektrisches
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Michael Faraday. Der Physiker auf einer frühen Daguer- Feld (äußere Platten) werden in einem Leiter (Kasten
rotypie. Er begann sich während seiner Buchbinderlehre innen) die Elektronen so verschoben, dass das dadurch
für die Naturwissenschaften zu interessieren. Seine Noti- entstehende Feld das äußere gerade kompensiert: Das In-
zen sandte er an DAVA Y, der ihn daraufhin 1813 als Assis- nere des durch den Leiter umschlossenen Bereichs bleibt
tent der Royal Institution in London anstellte. Dort wurde feldfrei. Dieser Effekt schützt vor dem Feld eines Blitzes,
er 1827 Professor für Chemie. der in den Käfig einschlägt.

86
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Die Maxwellschen Gleichungen

Die Maxwellschen Gleichungen drücken die Symmetrie der


elektrischen und magnetischen Wirkungen aus. Ein sich
änderndes elektrischen Feld E erzeugt einen magnetischen
Fluss B, ein sich ändernder Magnetfluss ein elektrisches
Feld. Auch sich bewegende elektrische Ladungen, also ein
Strom j erzeugen einen Magnetfluss. Sich bewegende ma-
gnetische Ladungen („Monopole“) würden ebenfalls ein
elektrisches Feld erzeugen. Da es sie wohl nicht gibt, ist der
entsprechende Stromterm 0. Der mathematische Ausdruck
„rot“ vor E und B repräsentiert die zirkuläre Natur der die
Feldlinien oder Stromflüsse umschließenden Felder.
Elektrische Felder beginnen oder enden an Ladungen. La-
dungen sind Quellen elektrischer Felder. Da es wohl keine
magnetischen Ladungen gibt, haben Magnetfelder keine
Quellen, sie beginnen und enden nirgends, sondern bilden
geschlossene Linien. Mathematisch wird dies ausgedrückt
durch die sogenannte Divergenz div. Sie ist bei Feldern mit
Quellen ungleich 0, bei zirkulären Feldern 0. In den Max-
wellschen Gleichungen steht ρ für die Ladungsdichte.

Feld erzeugt ein Magnetfeld und umgekehrt. Auf Verfügung standen, um Gebilde wie Wirbell oder
diese Weise kann sich eine elektromagnetische Kraftlinien auch quantitativ zu beschreiben, ent-
Welle (je nach Schwingungsfrequenz standen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer
als Radiowelle, Radarstrahl, Licht oder ausgefeiltere Modelle eines Mediums, das alles
Röntgenstrahl) durch wechselseitige Erregung durchdringen und Träger der elektromagneti-
im freien Raum ausbreiten ( Å K aste n Di e schen Kräfte sein sollte: der Äther. Es sollte einige

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Maxwellschen Gleichungen). — Zeit dauern, bis klar war, dass der Äther des
Lichts und der des Elektromagnetismus identisch
sein mussten.
Der Äther
Der Lichtäther
Mysteriöses Medium des Lichts
AUGUSTIN JEAN N FRESNEL (1788 –1827) entwickelte
Im 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass zwischen 1816 und 1819 die sogenannten Fres-
alle natürlichen Erscheinungen zumindest im nelschen Formeln. Sie beschreiben das Verhältnis
Prinzip auf die Bewegungen von Materieteilchen der Amplituden von reflektiertem zu transmittier-
r
zurückgeführt werden können. Gestützt wurde tem Licht an Grenzflächen und verhalfen der Wel-
diese Sichtweise durch den Nachweis der Äqui- lentheorie des Lichts zum Durchbruch gegenüber
valenz von Wärmeenergie und mechanischer der bis dahin vorherrschenden Korpuskularthe-
Energie, wie er 1843 JAMES PRESCOTT JOULE orie. FRESNEL bediente sich eines mechanischen
(1818 – 1889) und Julius ROBERT VON MAYER Modells des Lichtäthers, das an die Eigenschaften
(1814 – 1878) gelang. In den folgenden Jahr- elastischer Festkörper angelehnt war. Da FRESNELS
zehnten wurden auch die thermodynamischen Formeln experimentell bestätigt wurden, war es 3-87
Augustin Jean Fresnel
Phänomene auf das kollektive Verhalten von notwendig, das zugrundeliegende Äthermodell (1788 – 1827). Bekannt
Materieteilchen zurückgeführt (Å Wärme und auf eine solidere Basis zu stellen. Nur, welche wurde FRESNEL vor allem
Materie, Seite 90). Es lag daher nahe, Elektro- Eigenschaften musste dieser Äther haben, um die durch die Erfindung ex-
trem flacher Linsen, die
magnetismus und Licht ebenfalls mechanisch beobachteten Phänomene zu erklären? Handelte insbesondere auf Leucht-
zu begründen. Als mathematische Methoden zur es sich um ein Kontinuum oder um Partikel? War türmen eingesetzt werden.

87
KAPITEL 3 Historischer Überblick

3-88 WILLIAM THOMSON erkannte bereits 1842 die


Fester oder flüssiger
Analogie zwischen der Ausbreitung von Wärme
Äther. Ist der Äther ein
Festkörper, so ist die und der Struktur elektrischer Felder. Er verfolgte
Ausbreitung des Lichts in den folgenden Jahren mechanische Modelle
als Transversalwelle leicht eines Äthers, der für die elektromagnetischen Ei-
erklärbar. Schwer zu erklä-
ren sind Phänomene wie genschaften verantwortlich sein sollte. Während
der Faraday-Effekt, der er anfangs Modelle elastischer Festkörper bevor- r
eher auf eine kreisförmige zugte, verfolgte er später Flüssigkeitsmodelle. In
Bewegung des Äthers hin-
weist. Dies wiederum ist seiner Abhandlung „On Vortex Atoms“ (über
leichter durch einen flüssi- Wirbelatome) von 1867 nahm dieser flüssige
gen Äther zu erklären. der Äther eher flüssig oder fest? Da Licht offen- Äther die Rolle eines universalen Mediums ein,
bar bestimmte Körper durchdrang, sollte dies das nicht nur Träger elektromagnetischer Kräfte
auch für den Äther gelten. Da der Äther auch war, sondern das Substrat der Materie selbst.
den Weltraum ausfüllt (sonst könnten wir das Materie war nichts anderes als eine wirbelartige
Licht der Sterne nicht sehen), warum bremst er Verdichtung des Äthers. Die Vorstellung von
nicht die Bewegung der Himmelskörper? Ätherwirbeln war motiviert durch die Kreisform
Im 1 9 . J ahrhundert wurden weitere der Magnetfelder um einen stromführenden Lei-
mechanische Modelle des Lichtäthers aufgestellt. ter und durch den Faraday-Effekt, die beide mit-
Sie stützten sich auf Methoden zur Berechnung tels eines flüssigen Äthers einfacher zu erklären
der Eigenschaften elastischer Körper und waren (ÅAbbildung 3-88).
Flüssigkeiten, die damals durch CLAUDE LOUIS
MARIE HENRI NAVIER (1785 -1836), GEORGE Befreiung von der Knechtschaft der
GABRIEL STOKES (1819 – 1903) und GEORGE Materie
GREEN (1793 – 1841) entwickelt wurden. Das
Ergebnis blieb insgesamt unbefriedigend. Es E rst M A X W EL L fand zu einer präzisen
stellte sich heraus, dass keine Theorie des Äthers Definition des Feldbegriffs. Die Maxwellschen
auf der Basis physikalisch nachvollziehbarer Gleichungen ordnen jedem Punkt im Raum
Annahmen über dessen Eigenschaften alle eine Feldstärke zu und „funktionieren“ ohne
optischen Phänomene befriedigend erklären mechanisch vermittelte Energieübertragung,
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

konnte. denn die Feldstärke selbst ist Maß für die


Kraftwirkung auf Körper an jedem Punkt
Von Feldlinien zum elektromagnetischen i m Raum; man konnte also völli g auf ein
Äther Trä g ermedium verzichten. M A XWELL wa r
a llerdin g s davon überzeu g t, dass eine
3-89
Maxwells Honigwaben. FARADAY sprach 1845 von Magnetfeldern und m echanische Ursache vorla g . Er schu f
Maxwell schuf ein mecha- WILLIAM THOMSON, der spätere LORD KELVIN, e ine Art Honigwabenmodell des Äthers,
nisches Modell des Äthers, nutzte 1849 erstmals den Begriff des Kraft- i n dem Ätherwirbel für die ma g netischen
in dem Wirbel (dargestellt
als Honigwaben) des feldes. FARADAY ging anfangs davon aus, dass Erscheinungen verantwortlich waren und sich
Äthers für die magneti- die Kraftübertragung bei der elektromagne- dazwischen bewegende kugelförmige Partikel
schen Wirkungen verant- tischen Induktion durch die Polarisation der f ür die elektrischen ( Å Abbildung 3-89).
wortlich sind. Elektrischer
Strom besteht aus der
Materieteilchen des Dielektrikums vermittelt MAXWELL diente dieses Modell als Illustration
Bewegung kleiner Kugeln wird. Feldlinien repräsentierten dabei die geo- der Möglichkeit einer mechanischen Erklärung,
zwischen den Wirbeln. Im metrische Ausrichtung der polarisierten Par- nicht als Darstellung der realen Verhältnisse.
Bild ist ein Stromfluss von
A nach B dargestellt, der
tikel. Auf welche Weise allerdings die Kraft Letzten Endes war der genaue Mechanismus
die Wirbel in Bewegung zwischen den polarisierten Teilchen vermittelt auch nicht relevant. Zu MAXWELLs Zeiten war
versetzt und dadurch wird, ließ FARADAY offen. In einem späteren bereits bekannt, dass die Bewegungsgleichungen
ein Magnetfeld erzeugt.
Werk (1844) verzichtete er vollständig auf eines Systems aus dem sehr allgemeinen Prinzip
Umgekehrt bewirken
unterschiedlich schnell Partikelvorstellungen und entwickelte eine Art d er kleinsten Wirkung abgeleitet werden
rotierende Wirbel eine Feldtheorie der Materie. Die Kraftfelder waren konnten. Diese nach seinem Erfinder JOSEPH-
Ausgleichsbewegung der darin reale Objekte der Natur, Materiepartikel L OU I S L AGR AN GE ( 1736 – 1813 ) L agrange-
elektrischen Partikel: Die
Änderung des Magnetfel- hingegen nichts anderes als die Konzentration Formalismus genannte Methode ließ sich auf
des bewirkt einen Strom. von Kraftlinien in Kraftzentren. ein System sehr vieler Teilchen wie Festkörper,

88
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Flüssigkeiten oder den Äther anwenden. Im Äther und Materie


Grenzfall konnte man mit unendlich vielen,
u n e n d li c h kl e in e n P a r t ik e ln a r be i te n u n d
d adurch ein Feld wie eine Ansammlung Strom und Ladungen bestehen aus
winzigster Partikel behandeln. Dieser Ansatz

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Elektronen
liegt auch Quantenfeldtheorien zugrunde,
die Felder als „gequantelt“ betrachten, also Die Faradayschen Gesetze zur Elektrolyse (ÅDie
aus kleinsten Energie“portionen“ bestehend chemische Kraft der Elektrizität, Seite 85)
( Å Wellenfunktionen und Q uantenfelder, lieferten bereits Hinweise darauf, dass die elek-
Seite 431). trische Ladung in Form ganzzahliger Vielfacher 3-90
So befand sich die Physik in der zweiten einer Elementarladung auftritt und an Mate- Joseph John Thompson
Hälfte des 19. Jahrhundert in der Situation, dass rieteilchen gebunden ist. Den Begriff „Elekt- (1886 – 1940). Bei der
Arbeit im Cavendish Labo-
einerseits zentrale Phänomene nicht zwanglos ron“ für diese Elementarladung prägten 1874 ratory in Cambridge.
auf materielle Wechselwirkungen zurückgeführt HERMANN LUDWIG FERDINAND VON HELMHOLTZ
werden konnten, man aber gleichwohl über ein (1821 – 1894) und GEORGE JOHNSTONE STONEY
begriffliches Instrumentarium verfügte, das den (1826 – 1911). Sie konnten aufgrund der Fa-
Rekurs auf die Körperlichkeit überflüssig machte. radayschen Gesetze deren Größe berechnen.
Und mancher Physiker fragte sich, wozu man denn Entscheidend für die „Entdeckung“ des Elek-
überhaupt noch auf eine materielle Fundierung trons als Teilchen war ein Phänomen, dessen
bestehen solle. Man könne sich genauso gut gleich technische Nutzung ein wichtiges Element der
von der „Knechtschaft der Materie“ befreien, Freizeitgestaltung werden sollte: die Kathoden-
wie der Physiker GEORGE FRANCIS FITZGERALD strahlen. In der Bildröhre eines alten Fernsehers
(1851 – 1901) meinte. Für ihn war der Äther bringt ein sich schnell bewegender Kathoden-
schlicht das, was in der Maxwellschen Theorie strahl die innere Beschichtung der Mattscheibe
als magnetisches und elektrisches Feld definiert zum Leuchten. Schon seit Mitte des 18. Jahrhun- 3-91
war, nicht mehr und nicht weniger. derts war bekannt, dass verdünnte Gase durch Thompsons Experimente.
Anlegen einer Spannung zum Leuchten gebracht Thompson bestimmte das
Ladung-Masse-Verhältnis
Licht ist eine elektromagnetische Welle werden konnten. JULIUS PLÜCKER (1801 – 1868) e/m von Elektronen und
und WILHELM HITTORF (1824 – 1914) stellten deren Geschwindigkeit auf
Dafür, dass es sich bei Licht um eine elek- fest, dass offensichtlich eine Art Strahlung aus unterschiedliche Weise.
Experiment 1 nutzt die
tromagnetische Welle handeln könnte, gab der negativ geladenen „Kathode“ austrat, die Ablenkung der Strahlen in
es zu MAXWELLS Zeiten einige Hinweise, ein sich geradlinig ausbreitete und Substanzen beim einem Magnetfeld (Spulen
direkter experimenteller Nachweis war aber Auftreffen zum Leuchten anregte. Zudem konn- sind nicht dargestellt).
Aus dem Bahnradius r des
zunächst unmöglich. HEINRICH RUDOLF HERTZ ten diese Strahlen durch Magnetfelder abgelenkt
abgelenkten Strahls lassen
(1857 – 1894) konnte schließlich zeigen, dass werden. 1871 vermutete CROMWELL VARLEY sich e/m und v bestim-
es elektromagnetische Wellen niedriger Fre- (1832 – 1919), dass es sich um negativ geladene men. Experiment 2 nutzt
quenz gibt, die sich mit Lichtgeschwindigkeit Teilchen handelte. Sie mussten wesentlich kleiner eine mit verdünntem Gas
gefüllte Glasglocke, in der
ausbreiten. Ihm gelang 1886 die Übertragung sein als Atome, da sie dünne Folien durchdrin- Kathodenstrahlen eine
elektromagnetischer Wellen von einem Sender gen konnten. Gleichzeitig waren sie offenbar Leuchtspur hinterlassen.
zu einem Empfänger und er zeigte 1888 expe- Bestandteil aller Atome, da die Wahl des Katho- Die Ablenkung der Strah-
len durch ein Magnetfeld
rimentell, dass elektromagnetische Wellen die denmaterials keine Rolle spielte. JEAN-BAPTISTE kann durch ein auf die
gleichen Beugungs-, Interferenz- und Polarisa- PERRIN (1870 – 1942) gelang schließlich 1895 Glocke aufgetragenes
tionserscheinungen zeigen wie Licht. HERTZ Raster vermessen wer-
den. Experiment 3 nutzt
zeigte auch, dass periodisch schwingende elek- neben der magnetischen
trische Ladungen (allgemeiner: sich beschleu- Ablenkung (Spulen nicht
nigt bewegende Ladungen) elektromagnetische dargestellt) die elektrische
Ablenkung mittels 2 Kon-
Wellen ausstrahlen. Dies legte eine Erklärung densatorplatten. Justiert
für die Emissions- und Absorptionsspektren der man beide so, dass die
chemischen Elemente nahe, die von KIRCHHOFF magnetische Ablenkung
durch die elektrische ge-
und BUNSEN 1859 entdeckt wurden: Sie konn-
rade kompensiert wird,
ten eine Folge charakteristischer Oszillationen kann man e/m und v be-
elektrischer Ladungen der Atome sein. stimmen.
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89
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Energie-Impuls-Tensor. der Nachweis, dass es sich bei Kathodenstrahlen kann. War mithin Masse nichts an d eres
Der Energie-Impuls-Tensor
T
ist eine mehrkompo- um negativ geladene Teilchen handelte. JOSEPH a ls ein elektromagnetischer Effekt? Die
nentige mathematische JOHN THOMPSON (1856 – 1940) bestimmte 1897 elektromagnetische Theorie der Masse erfreute
Größe, in der die Energie- deren Masse aus der Ablenkung in einem Ma- sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts großer
und Impulsdichte in Zeit
und Raum beschrieben
gnetfeld und der durch die kinetische Energie Beliebtheit. Im Gegensatz zu den mechanischen
wird. In einem druck- und an der Anode entstehenden Wärme. Er entwi- Ä thertheorien des Elektromagnetismus
beschleunigungsfreien ckelte auch ein Modell des Atoms, in dem die erschien sie wesentlich eleganter und einfacher.
Bezugssystem reduziert
sich der T
Tensor auf die
Elektronen in die Materie des Atoms wie in Auch konnten um die Jahrhundertwende die
Energiedichte. Ruht in einem Pudding eingebettet waren oder sich darin Physiker HENRI POINCARÉ (1854 – 1912) und
diesem Bezugssystem auf Kreisbahnen bewegten (ÅDie Struktur des MAX ABRAHAM (1875 – 1922) zeigen, dass
ein homogener Körper
Atoms, Seite 98). dem elektromagnetischen Feld umgekehrt ein
der Dichte ρ, so ist der
Energie-Impuls-Tensor
T Impuls zugeordnet werden kann, der auf Körper
innerhalb des Körpers Lorentz’ Elektronentheorie als Strahlungsdruck wirkt. Da auch hier der
einfach gleich ρc2, c ist die Impulserhaltungssatz gelten musste, konnte man
Lichtgeschwindigkeit. Dies
folgt aus der Einsteinschen MAXWELL und HERT R Z nahmen einen überall ru- einem Feld der Energie E die Masse m zuordnen,
Beziehung E = mcc2 für die henden Äther an, bewegte Ladungen sollten ört- nach der etwas später durch EINSTEIN berühmt
Gesamtenergie des Kör- liche Änderungen des Ätherzustands bewirken, gewordenen Formel E = mc2.
pers mit der Masse m.
sichtbar durch entsprechende Feldstärkeände- Falls Masse ausschließlich elektromagneti-
rungen. Ein ruhender Äther stand allerdings im scher Natur sein sollte, musste für sie nach HEA-
Widerspruch zur experimentell gut belegten Fres- VISIDE, WIEN und ABRAHAM allerdings E = ¾mc2
nelschen Gleichung. Sie wies auf einen mit dem gelten.
Medium mitbewegten Äther hin. Das Problem, Das von den Vertretern der elektromag-
den Bewegungszustand des Äthers widerspruchs- netischen Theorie angestrebte Ziel, auch die
frei zu bestimmen, führte letzten Endes zu dessen Gravitation und die molekularen Kräfte auf
Aufgabe im Zuge der Speziellen Relativitätsthe- die Dynamik elektrischer Ladungen zurück zu
orie. HENDRIK ANTOON LORENTZ (1853– 1928) führen, erwies sich letzten Endes als undurch-
gelang es 1892 in seiner Elektronentheorie, führbar. Und doch bereiteten sie den Weg für
sowohl die Fresnelsche Gleichung als auch die eine andere Theorie, die die Äquivalenz von
Maxwellschen Gleichungen für stoffliche Medien Masse und Energie postulierte: die Spezielle
mit der Bewegung freier Elektronen und den Relativitätstheorie EINSTEINs. 1933 gelang der
Schwingungen elektrischer Dipole zu begründen; endgültige experimentelle Nachweis der voll-
der Äther ruhte im Raum und diente lediglich als ständigen Äquivalenz beider Größen. Die Phy-
Träger elektromagnetischer Felder. Ursprung aller siker PATRICK MAYNARD BLACKETT (1897 – 1974)
elektrischen und magnetischen Erscheinungen und GUISEPPE OCCHIALINI (1907– 1993) zeigten
waren nach LORENTZ ausschließlich (bewegte) die Erzeugung von Elektron-Positron-Paaren aus
elektrische Teilchen. Die Frequenzabhängigkeit Gammastrahlung und deren Vernichtung. Auch
des Brechungsindexes, die Dispersion, konnte die Abweichung um den Faktor ¾ zwischen der
LORENTZ damit ebenso erklären wie die 1896 ent- elektromagnetischen Theorie und der Relativi-
deckte Aufspaltung der Spektrallinien im Magnet- tätstheorie konnte erklärt werden. Erstere be-
feld, den nach seinem Entdecker PIETER ZEEMAN rücksichtigte nur das elektrische Feld außerhalb
(1865 – 1943) benannten Zeeman-Effekt. Beide des Körpers. Bezieht man das Innere des Körpers
erhielten dafür 1902 den Nobelpreis. über den sogenannten Energie-Impuls-Tensor
mit ein, erhält man EINSTEINs Resultat. —
Ist Masse elektromagnetischer Natur?
Wärme und Materie
Berechnungen der Physiker THOMPSON, OLIVER
H EAV I S I DE ( 185 0 – 1925 ) , G EO R GE S E ARLE Wohl temperiert
(1864 – 1954) und WILHELM WIEN (1864 – 1928)
zei g ten g e g en Ende des 19. J ahrhunderts, Das Wort Temperatur ist lateinischen Ursprungs
dass die Energie des elektromagnetischen und bedeutet „gemischt sein“. Im Einklang mit
Feldes eines bewegten geladenen Körpers den zwei universellen Eigenschaftspaaren warm-
auch als Massezuwachs gedeutet werden kalt und trocken-nass wurde für Temperatur

90
Erde, Wasser, Luft und Feuer

früher das Wort Temperament gebraucht. Wärme


oder Kälte wurden nicht als physikalische Zu- Temperaturskalen
stände der Materie gesehen, sondern drückten
das Mischungsverhältnis der Elemente in einem Der Schwede ANDERS CELSIUS (1701 – 1744) definierte 1742 eine Tempe-
Körper aus (Å Kasten Die Ordnung der Vier, raturskala, in der er kochendem Wasser die Temperatur 0°C und schmel-
Seite 33). Nach GALEN (122 – 199) hatte daher zendem Eis 100 °C zuwies, da er negative Zahlen vermeiden wollte. Erst
das Klima einen Einfluss auf den Charakter der nach seinem Tod wurde dies umgedreht. Der Danziger GABRIEL DANIEL
Menschen. In nasskalten Gegenden lebten wilde FAHRENHEIT (1686 – 1736) nutzte neben diesen Referenzpunkten noch
Menschen, in tropischen eher sanftmütige und die Temperatur eines gefrierenden Salz-Wasser-Gemischs, dem er die
in wohltemperierten Gegenden Menschen mit Temperatur 0 °F zuwies. FAHRENHEIT führte auch das Quecksilberther-
scharfem Intellekt. Der Berner JOHANNIS HASLER mometer zur Temperaturmessung ein. Zur Umrechnung dient die Formel
entwickelte 1578 eine Skala der Körpertempera- T[°C] = 32 + 9/5 T [°F].
tur der Menschen in Abhängigkeit vom Breiten- N eben der Kelvin-
grad auf dem sie lebten. Thermometer, wie wir sie Skala ist in den USA
kennen, wurden erst im frühen 17.Jahrhundert in noch die Rankine-
Italien und England entwickelt. In Florenz füllte S kala gebräuchlich.
man Alkohol und farbige, hohle unterschiedlich Sie bezieht die Fah-
schwere Glaskügelchen in ein Glasrohr. Mit stei- renheit-Skala auf den
gender Temperatur und damit sinkender Dichte absoluten Nullpunkt:
des Alkohols sanken die Kügelchen nach und T [°Ra] = 9/5 T [K].
nach zu Boden und man konnte anhand deren
Farbe die Temperatur ablesen. Anfangs gab es
viele Temperaturskalen, von denen praktisch nur
die Celsius- und die Fahrenheit-Skala übrig ge- 3-92
Temperaturskalen. nach
blieben sind (ÅKasten Temperaturskalen). CELSIUS, KELV
L IN und
GUILLAUME AMONTONS (1663 – 1705) stellte FAHRENHEIT.
gegen Ende des 17. Jahrhunderts fest, dass der
Druck eines Gases bei konstantem Volumen pro- sein“)? Für ARISTOTELES und seine Nachfolger
portional zu dessen Temperatur ist. GAY-LUSSAC handelte es sich um eine Eigenschaft, Atomisten
erkannte 1802, dass dies umgekehrt auch für wie GASSENDI betrachteten sie als Atomart, der
das Volumen gilt, das bei –267 °C Null werden Bagdader Alchemist GABIR IBN HAYYAN (um
sollte (genauer Wert heute –273,15 °C). Anfangs 800) dachte sich das Warme und das Kalte als
wurde dieser Grenze keine physikalische Bedeu- Substanzen oder Naturen (Tabia), die zusammen
tung beigemessen; erst mit der Entwicklung der mi t de m N asse n u n d Tr oc k e n e n du r c h
kinetischen Gastheorie wurde deutlich, dass sie Kombination mit der Urmaterie die sonstigen
just dem Punkt entspricht, bei dem die Bewegung Substa nz e n b il de n . F ü r S CHEELE , L AVO I S I ER
der Gasmoleküle aufhört. WILLIAM THOMSON u nd D ALTON war Wärme eine besondere
alias Lord KELVIN (1824 – 1907) schlug 1848 vor, Substanz, das Caloricum. Für NEWTON war
diese Temperatur als absoluten Nullpunkt der sie regellose Bewegung des Äthers, der auch
Temperaturskala zu verwenden und von dort in der Lichtausbreitung diente. Für DESCARTES
Celsius-Schritten fortzuschreiten. Seit 1954 ist gab es nur Materie und Bewegung, weshalb
Kelvin die international verwendete Temperatur- er konsequenter Weise Wärme als Bewegung
einheit und es gilt T [ °C] = T [K] + 273,15. der Materie charakterisierte. Auch FRANCIS
BACON kam zu dem Schluss, dass es sich bei
Was ist Wärme? Wärme weder um eine Substanz noch um eine
Eigenschaft handeln konnte, einzig Bewegung
So alltä g lich uns der Be g riff Wärme auch war allen Wärmephänomenen gleich. Doch
erscheint, es ist nicht leicht, ohne Vorwissen diese „modernen“ Ansichten über die Natur der
anzugeben, um was es sich dabei eigentlich Wärme konnten sich bis zum ersten Drittel des
h an d e l t. Ist d i e Wärme eine eigenstän d ige 19. Jahrhunderts nicht allgemein durchsetzen,
Substanz wie die Materie? Oder handelt es sich da die Substanztheorie die Wärmeleitung und
um eine Eigenschaft von etwas anderem ("warm -strahlung sowie die sogenannte latente Wärme

91
KAPITEL 3 Historischer Überblick

quantitativ gut erklären konnte. Den Ausschlag leichter sein musste als jede andere Substanz. Es
für die Bewegungstheorie ("kinetische schien zudem unerschöpflich zu sein! Schließlich
Theorie“) der Wärme gaben die entdeckte war es möglich, beliebig viel Wärme aus einem
Äquivalenz von Wärme und mechanischer Körper durch Reibung zu gewinnen. Bohrte
Arbeit sowie der erfolgreiche Ansatz, mit Hilfe man ein Kanonenrohr mit einem scharfen
statistischer Methoden Wärmephänomene auf Bohrer entstand weniger Wärme als mit einem
die Bewegung vieler Teilchen zurückzuführen. stumpfen, da dieser wesentlich länger brauchte.
Wo kam diese praktisch beliebige Menge
Wärme als Substanz Caloricum her?
Trotz dieser offenen Fragen war die Zeit
Der schottische Mediziner und Chemiker noch nicht reif für eine andere Theorie der
WILLIAM CULLEN (1710 – 1790) identifizierte Wärme. Auch SADI NICOLAS LEONARD CARNOT
Feuer mit dem abstoßenden Äther NEWTONs. (1796 – 1832), der Grundlegendes zur Theorie
Äther war in seiner Vorstellung auch für der Wärmekraftmaschinen leistete, ging noch
chemische Reaktionen verantwortlich, bei denen vom Substanzcharakter der Wärme aus. Dem-
oft Hitze, also Äther, ausgetauscht wurde. Seine gegenüber erschienen viele Versuche einer Erklä-
Theorie war zwar bei der Erklärung chemischer rung auf Basis der Bewegung von Materie sehr
Reaktionen nicht erfolgreich, führte aber zu hypothetisch und wurden lange nicht akzeptiert.
einer wichtigen Entdeckung seines Schülers
JOSEPH BLACK (1728 – 1799). Dieser zeigte, Wärme als Bewegung
dass Körper gleicher Masse unterschiedlich viel
Wärme aufnehmen können und dass besonders Nach BACONs qualitativen Schlussfolgerungen
während des Schmelzens und Verdampfens entstanden erste quantitative Ergebnisse einer
Wärme absorbiert wird. Da die dabei zugeführte kinetischen Theorie der Wärme in Basel. DANIEL
Wärme die Temperatur nicht erhöht, nannte BERNOULLI (1700 – 1782) veröffentlichte 1738
er sie latente Wärme. Die unterschiedliche sein Werk Hydrodynamica, in dem er den Druck
Wärmekapazität bei gleicher Masse widersprach von Gasen auf die Gefäßwände als Folge der
nach Meinung BLACKs einer kinetischen Theorie Stöße ihrer kleinsten Teilchen beschrieb. Dieser
der Wärme; er vermutete, es handele sich um Druck sei proportional zum Quadrat ihrer
eine elastische Flüssigkeit, deren Teilchen sich Geschwindigkeit und Wärme nichts anderes
zwar gegenseitig abstoßen, sich aber leicht mit als ihre kinetische Energie. Während seine
Materiepartikeln verbinden. Die Abstoßung Ausführungen aus heutiger Perspektive den Nagel
ist dabei die Ursache der Wärmeausdehnung auf den Kopf trafen, fanden sie zu BERNOULLIs
der Körper. LAVOISIER nahm das Caloricum, Zeit wenig Beachtung. Auch andere nach ihm traf
wie wir schon gesehen haben, als chemisches diese Ignoranz. So JOHNN HERAPATH (1790 – 1868),
Element in seine Tabelle auf. Den größten Erfolg der ähnliche Gedanken wie BERNOULLI hatte,
feierte die Substanztheorie bei JEAN BAPTISTE insbesondere aber den jungen schottischen
JOSEPH FOURIERs (1768 – 1830) Theorie der Physiker JOHN JAMES WATERSTON (1811 – 1883),
Wärmeleitung von 1807. Er behandelte den der 1845 aus Bombay einen Artikel an die Royal
Strom des Caloricums von einem warmen zu Society sandte, der vieles aus der kinetischen
einem kalten Körper wie den Strom von Wasser Gastheorie vorwegnahm. Sein Artikel wurde
entlang eines Gefälles. Dem Gefälle entsprach abgelehnt, da ihn einer der Lektoren als „Unsinn“
die Temperaturdifferenz. abtat. Erst 1891 veröffentlichte Lord RAYLEIGH
Sollte das Caloricum existieren, so musste (1842– 1919) den Artikel im Namen der Royal
es auf jeden Fall extrem fein sein. Nicht nur, Society, in deren Archiven er ihn gefunden hatte.
dass es jede Substanz durchdringen konnte, es Zu dieser Zeit hatte sich die kinetische Theorie
war offenbar auch sehr leicht, wie BENJ N AMIN bereits durchgesetzt, nachdem sie zunächst
T H OMPSO N (175 3 – 1814) feststellte. G RAF vo n A UGU ST K ARL K R ÖNIG (182 2 – 1879)
RUMFORD, wie THOMPSONs Titel nach Erhebung 1856 wieder aufgenommen wurde. KRÖNIG
in den Adelsstand durch den bayrischen König verwendete ein stark vereinfachtes Modell der
lautete, stellte nach sehr genauen Messungen Teilchenbewegung, um die Zustandsgleichung
fest, dass Caloricum um ein millionenfaches der idealen Gase herzuleiten.

92
Erde, Wasser, Luft und Feuer

RUDOLF JULIUS EMANUEL CLAUSIUS (1822 – 1888) „lebendige Kraft“ (vis viva) gebräuchlich (nicht zu
und JAMES CLERK MAXWELL sorgten für den verwechseln mit der vis vitalis, die allem Organi-
Durchbruch der kinetischen Theorie der Wärme. schen innewohnen sollte). LEIBNIZ nahm bereits
CLAUSIUS berücksichtigte in seinem Artikel Über an, dass die Größe mv2 in einem dynamischen Sys-
die Art der Bewegung, welche wir Wärme nennen tem erhalten bleibt. Der Energiebegriff wurde erst
von 1857 nicht nur geradlinige Bewegungen der allgemein akzeptiert, als seine universelle Bedeu-
Moleküle, sondern auch Rotationen und Vibrati- tung über mechanische Systeme hinaus sichtbar
onen zur Herleitung der Zustandsgleichung. Auch wurde. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie, 3-93
Gase. Bei Zimmertempe-
beschrieb er Verdunsten als dynamischen Prozess, gleich welcher Form, haben wir drei Männern
ratur liegt die Geschwin-
bei dem schnelle Moleküle die Bindungskräfte in zu verdanken: JOULE, MAYER und HELMHOLTZ. digkeit von Luftteilchen
der Flüssigkeit überwinden konnten. In einem Der Energieerhaltungssatz wird auch der Erste in der Größenordnung
von 500 m/s. Die mitt-
geschlossenen Gefäß geschehe dies solange, bis Hauptsatz der Thermodynamik genannt. Dem-
lere freie Weglänge, die
im Mittel pro Zeiteinheit genauso viele Moleküle nach kann Energie nicht aus Nichts erzeugt wer- r durchschnittliche Distanz
entweichen wie in die Flüssigkeit wieder eintre- den, ein Perpetuum mobile ist also unmöglich. bis zum nächsten Zusam-
ten. CLAUSIUS berechnete auch die Geschwindig- Der Zweite Hauptsatz ist noch enttäuschender: menstoß, beträgt jedoch
bei Normaldruck nur ca.
keit von Gasmolekülen. Die sehr hohen Werte Die Umwandlung von Energieformen ineinander 68 nm.
um 500 m/s stießen bei manchen Zeitgenossen ist (fast) immer ein Verlustgeschäft!
auf Skepsis. Wenn Gasmoleküle so schnell sind,
warum riecht man nicht die in ein Zimmer ge- Energieerhaltung
tragenen Speisen im gleichen Moment wie man
sie sieht? CLAUSIUS argumentierte völlig korrekt, Bereits im 18. Jahrhundert war die Erhaltung Energieerhaltung
dass die Moleküle nicht geradlinig fliegen, son- mechanischer Energie Konsens unter den Phy- Bereits LEIBNIZ vermutete,
dass die Größe mv2 in ei-
dern durch laufende Zusammenstöße einem Zick- sikern, die Pariser Academie des Sciences nahm nem dynamischen System
zackkurs folgen. Er entwickelte das Konzept der seit 1775 keine Perpetuum mobile – Entwürfe erhalten bleibt.
mittleren freien Weglänge, der Strecke, die ein Mo- mehr an. Von einer Äquivalenz zwischen Wärme
lekül im Mittel zwischen zwei Kollisionen zurück- und mechanischer Energie war indes noch keine Kraft
legt. In Luft unter Standardbedingungen ist diese Rede. Geht man von der Substanztheorie der Noch bis in die zweite
Hälfte des 19. Jahrhun-
Strecke gerade einmal 68 Nanometer (nm) lang. Wärme aus (Caloricum), ist eine solche Äqui- derts wurde der Begriff
MAXWELL gelang es schließlich mathematisch zu valenz auch nicht nahe liegend, schließlich ist „lebendige Kraft“ im
zeigen, dass die Geschwindigkeitsverteilung der die Substanz eines fallenden Steins nicht mit Sinne von Energie ver-
wendet.
Gasmoleküle einer Gausskurve entspricht, deren seiner kinetischen Energie identisch. NICOLAS
Mittelwert und Streuung von der Temperatur LÉONARD SADI CARNOT (1796 – 1832), der 1824
abhängen (ÅGleichverteilungssatz und Maxwell- erstmals die Funktion von Wärmekraftmaschi-
Boltzmann-Verteilung, Seite 400). nen theoretisch beschrieb, nahm an, dass deren
Arbeitsleistung durch den Fluss des Caloricums
zwischen Heizkessel und Kondensator erzeugt
Energie und Entropie werde, so wie fließendes Wasser ein Mühlrad
antreibt. Die durchfließende Menge an Ca-
Erster Hauptsatz der Thermodynamik : loricum blieb, wie das Wasser im Mühlbach,
Du kannst nicht gewinnen! konstant.
Im Jahr 1841 stellte JOULE anhand der
Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik: Wärmeentwicklung eines stromdurchflossenen
Du kannst nicht einmal gleichziehen!
Leiters fest, dass es offenbar eine Äquivalenz
zwischen elektrischem Strom und Wärme gab:
Der Begriff Energie (griech. energeia, Werk, Die erzeugte Wärmemenge war dem Quadrat
Wirken) wurde um 1800 von THOMAS YOUNG der Stromstärke proportional. Zwei Jahre später
(1773 – 1829) für die Summe aus potenzieller und gelang es ihm, auch die Äquivalenz von me-
kinetischer Energie (wie man diese Größen heute chanischer Energie und Wärme nachzuweisen.
nennt) einer schwingenden Feder verwendet. Noch Er verwendete hierzu einen Rührer in einem
bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war Wassergefäß, der durch ein nach unten sin-
für die kinetische Energie der von GOTTFRIED kendes Gewicht angetrieben wurde und maß
WILHELM LEIBNIZ Z (1646 – 1716) geprägte Begriff die Temperaturerhöhung des Wassers aufgrund

93
KAPITEL 3 Historischer Überblick

der Rührbewegung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Stringtheorie und Quantengravitation (ÅJen-


bereits MAYER in Liebigs Annalen der Chemie seits des Standardmodells, Seite 437).
postuliert, dass sich mechanische Energie und Als WILLIAM THOMSON 1847 von JOULEs Ar-
Wärme ineinander verwandeln, aber niemals beiten zur Äquivalenz von mechanischer Energie
verloren gehen könnten. MAYER dehnte 1845 und Wärme hörte, erkannte er ihre Bedeutung,
die Äquivalenz aller Energieformen auf magne- sah aber auch Widersprüche. Wenn JOULE Recht
tische und elektrische Phänomene und auf phy- hatte, musste in Wärmekraftmaschinen Wärme
siologische Vorgänge in Pflanzen und Tieren in Arbeit verwandelt werden. Wärme konnte
aus. Laut MAYER sei der Arm eines Schmieds, also keine Substanz sein, deren Menge kons-
der den Hammer hält, kühler als der ruhende tant blieb. Die Theorie CARNOTs hatte sich aber
Arm und die bei der Verdauung freiwerdende bisher bewährt. THOMSON selbst hatte damit
Wärme könnten Tiere und Menschen in Arbeit vorausgesagt, dass der Gefrierpunkt von Wasser
verwandeln. Die Vorstellung, dass die „Kraft“ mit steigendem Druck sinkt. Außerdem: Wenn
der Lebewesen und die der unbelebten Natur mechanische Energie und Wärme sich ineinan-
identisch sind, war damals revolutionär. Aber der verwandeln liessen, warum konnte Wärme,
MAYERs Arbeiten stießen nicht nur deshalb auf die durch Wärmeleitung verloren ging, nicht
Missachtung. MAYER war Mediziner und argu- in mechanische Energie umgewandelt werden?
mentierte in seinen Schriften nicht in der phy-
sikalischen Begriffswelt seiner Zeit, sondern in Entropie und der Wärmetod
einer naturphilosophisch geprägten Sprache.
Erst die zunehmende Akzeptanz der Arbeiten Zur Beantwortung von THOMSONs Fragen be-
von JOULE und HELMHOLTZ verhalfen seinen durfte es noch einiger weiterer Schritte. CLAUSIUS
Beiträgen zu der Beachtung, die sie verdienten. wies nach, dass nicht die Wärmemenge beim
Aber auch der in der akademischen Welt eta- Fluss durch eine Wärmekraftmaschine kons-
blierte Physiologe HERMANN VON HELMHOLTZ tant bleibt, sondern eine andere Größe, die er
hatte 1847 Schwierigkeiten, seine Arbeit Über „Entropie“ nannte. Entropia ist ein griechisches
die Erhaltung der Kraft zu veröffentlichen. Kunstwort, das so viel bedeutet wie Umwand-
Auch HELMHOLTZ postulierte die Äquivalenz lung. Die Wärmemenge selbst wird teilweise in
aller Energieformen. Sein Werk zeichnet vor mechanische Energie verwandelt; der andere Teil
allem eine präzisere Begrifflichkeit aus. Er geht verlässt die Maschine über den Kühler. In einem
davon aus, dass alle Naturerscheinungen auf sogenannten reversiblen Kreisprozess wie dem
Bewegungen von Materieteilchen beruhen, die Carnot-Prozess ist Entropiebilanz und Energiebi-
mittels Kräften aufeinander wirken. HELM- lanz Null: es kommt soviel heraus, wie hinein geht
HOLTZ fragte nun, wie denn die Natur dieser (Å Abbildungen 3-95, 3-96). CLAUSIUS erkannte
Kräfte und Bewegungen sein müsse, falls der nun, dass bei irreversiblen Prozessen wie Wärm-
Energieerhaltungssatz gilt. Er stellte fest, dass leitung oder Reibung zwar die Energiebilanz nach
in diesem Fall die Bewegungsgleichungen ge- wie vor Null ist, nicht jedoch die Entropiebilanz!
nau die bekannte Form haben müssen und Bei diesen Prozessen wird Entropie erzeugt, weil
Kräfte zwischen den Teilchen nur von deren Energie in eine regellose Bewegung der Atome
Abstand abhängen können. Dies ist bei allen fließt, die sich nicht umkehren lässt. Gleichzeitig
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Naturkräften der Fall. HELMHOLTZ argumen- erkannte er, dass es keinen Prozess geben kann,
tierte, dass man daher den Satz von der Erhal- der Entropie vernichtet. Zwar ist es möglich, die
tung der Energie als eigentliches Fundament Entropie an einem Ort zu senken; dazu muss sie
der Naturgesetze ansehen kann, die Form der jedoch an anderer Stelle um mindestens den glei-
Bewegungsgleichungen ergibt sich daraus. chen Betrag zunehmen. In einem abgeschlossenen
3-94 Eine weitere Konsequenz seiner Überlegun- System nimmt die Entropie daher solange zu, bis
Ludwig Boltzmann. Auf
gen war, dass die Bewegungsgesetze nicht von ein Maximum erreicht ist und verbleibt dann
seinem Grabstein auf dem
Zentralfriedhof in Wien der Zeit abhängen können. Ihre Zeitinvarianz dort. Bestehen anfangs Temperaturunterschiede
ist S = k·log W eingraviert. ist eine Folge des Energieerhaltungsatzes, sie in einem isolierten Gefäß, so herrscht irgendwann
BOLTZMANN litt zeitweise sind „symmetrisch in der Zeit“. Symmetrien überall die gleiche Temperatur. Die Entropie des
an starken Depressionen
und starb 1906 durch sind heute wichtiges Konstruktionsprinzip bei gesamten Universums kann also ebenfalls nur
Selbstmord. der Suche nach fundamentalen Theorien wie bis zu einem Maximum zunehmen, da man das

94
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Universum wohl als abgeschlossen betrachten 3-95


pV-Diagramm und
kann. Und so lauten die beiden Hauptsätze der Kreisprozesse. Der Zu-
Thermodynamik in CLAUSIUS’ Worten: sammenhang zwischen
Druck p, Volumen V und
T
Temperatur T bei idealen
1 Die Energie der Welt ist konstant. Gasen war zu CARNOTs
Zeiten bekannt. Durch
2 Die Entropie der Welt strebt einem Maxi- den dargestellten Ablauf
1 – 2 – 3 – 4 – 1 kann der

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mum zu. Zustand eines Gases
zyklisch verändert wer-
Formulierungen dieser Art führten seinerzeit zu den. Derartige Prozesse
nennt man Kreisprozesse.
heftigen Reaktionen. Der Physiker JOHANN JOSEF
Die Darstellung von
LOSCHMIDT T (1821 – 1895) sprach von einem „ter- Prozessen anhand des
roristischen Nimbus“ des zweiten Hauptsatzes, pV-Diagramms geht auf
CLAPEYRON zurück.
der „ihn als vernichtendes Princip des gesamten
Lebens im Universum erscheinen lässt.“ Und in 3-96
Carnotscher Kreisprozess.
seinem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ CARNOT ging davon aus,
vergleicht OSWALD SPENGLER (1880 – 1936) das dass in einer zyklisch
Anwachsen der Entropie bis zum Wärmetod mit arbeitenden Wärme-
kraftmaschine die beim
der germanischen Götterdämmerung. In der Tat Heizen zugeführte Wärme
gibt es kosmologische Modelle, die einen Wärme- (Q) beim Kühlen wieder
tod des Universums vorhersagen (Å Kapitel 11), abgeführt wird. CLAUSIUS
zeigte, dass ein T
Teil davon
die Zeit bis dahin ist allerdings unvorstellbar lang. in die geleistete Arbeit
Lange vorher wird unsere Sonne ihren Brennstoff verwandelt wird. Was im
verbraucht haben, aber andere Sterne werden idealen Carnotschen Kreis-
prozess konstant bleibt, ist
noch viele Milliarden Jahre lang neu entstehen,
nicht die Wärmemenge,
bevor sie alle der „Wärmetod“ ereilt – sofern sondern eine Größe,
dieses kosmologische Modell korrekt ist. die CLAUSIUS „Entropie“
nannte. Deren Änderun-
gen sind proportional zum
S = k·log W mit der kinetischen Theorie zu verbinden. Er Quotienten aus Wärme-
konnte aus der statistischen Beschreibung der menge Q und Temperatur
T
Die kinetische Gastheorie M AX W ELL s und Teilchenbewegungen eine Größe ableiten, die T. Im dargestellten rever-
siblen Kreisprozess ist die
C LA US I US ’ war ein erfol g reicher Versuch, sich wie die Entropie verhielt. Diese Größe Änderung der Entropie
Wärme p hänomene auf die Mechanik nahm unabhängig von den Anfangsbedingungen Null, da die Quotienten
zurückzuführen. MAXWELL und BOLTZMANN des Systems bis zu einem Minimalwert ab bei Kühlung und Heizung
gleich sind. Reversibel
festigten die Verbindung zwischen Mechanik (während die Entropie proportional dazu heißt dieser Prozess, da er
und Wärme noch weiter durch das sogenannte zunimmt). Seine Ergebnisse stießen zunächst umkehrbar ist, ohne dass
Ä q ui p artitionstheorem. Sie zei g ten, dass bei vielen Physikern, unter anderem auch MAX sich die Bilanz ändert. Aus
der Wärmekraftmaschine
die Energie eines mechanischen Systems im PLANCK (1858 – 1947), auf Skepsis. Neben dem wird ein Kühlaggregat.
Gleich g ewichtszustand im Mittel auf alle Problem der Wärmekapazität dominierte die
Bewe g un g smö g lichkeiten, die so g enannten Diskussion auch der Widerspruch zwischen
„ Freiheits g rade“, g leichmäßi g verteilt de n z e i t li c h u mk e hr ba r e n N ewto n sc h e n
ist. Demnach sollte ein Gas umso mehr B ewe g un g s g leichun g en und der Entro p ie,
Wärmeenergie speichern können, je mehr die der Zeit eine Vorzugsrichtung zu geben
Freiheitsgrade seine Teilchen besitzen. Leider sc hi e n . B OLTZMAN N e n tw i c k e l te in d i ese n
wichen hier Theorie und Experiment voneinander Auseinandersetzungen seine statistische Theorie
ab. So war die Wärmekapazität von Wasserstoff weiter und ihre Universalität konnte mit der
(H2) viel geringer als vorhergesagt. An anderen Zeit die meisten Ph y siker überzeu g en. In
Stellen war die Theorie erfolgreicher. So stellte heutiger Formulierung ist danach die Entropie
MAXWELL die barometrische Höhenformel auf, S eines Systems proportional zum Logarithmus
die beschreibt, wie mit zunehmender Höhe der der Anzahl W der Realisierungsmöglichkeiten
Luftdruck abnimmt und LUDWIG BOLTZMANN des aktuellen Systemzustandes (Å E ntropie,
(1844 – 1906) gelang es 1872, die Entropie Seite 405):

95
KAPITEL 3 Historischer Überblick

S = k·log W der Strahlung einer bestimmten Frequenz absor-


biert, die gleiche Menge auch emittiert, das heißt
So gibt es viel mehr Möglichkeiten, Gasmoleküle der Absorptionsfaktor ist bei einer gegebenen
gleichmäßig in einem Gefäß zu verteilen, als sie Frequenz immer gleich dem Emissionsfaktor.
alle in einer Ecke zu versammmeln, weshalb Und dies gilt unabhängig von der Beschaffenheit
ersterer Zustand wahrscheinlicher ist und eine des Körpers! Im Rahmen seiner Überlegungen
höhere Entropie besitzt als letzterer. Diese sehr entwickelte KIRCHHOFF das Modell des schwar-
allgemeine Definition der Entropie gilt nicht zen Strahlers, eines Körpers, der Strahlung aller
nur für Gasmoleküle, sondern für alle Systeme, Frequenzen vollständig absorbiert (und damit
die über mehrere Möglichkeiten verfügen, den auch emittiert). Da ein solcher Körper nicht
gleichen makroskopischen Systemzustand (zum herstellbar war, hatte KIRCHHOFF eine findige
Beispiel gleiche Temperatur) zu erreichen. Auch Idee. Man denke sich einen Hohlraum, der von
die Spannkraft eines Gummis ist eine entropische einem Material begrenzt ist, das zwar Strahlung
„Kraft“. Der amerikanische Physiker JOSIAH absorbiert, aber keineswegs perfekt „schwarz“
W I LLA RD G IBB S (1839 – 1903) dehnte den sein muss. Er konnte nachweisen, dass sich ein
Anwendungsbereich der Thermodynamik und solcher Hohlraum durch die unzähligen Re-
statistischen Mechanik auf die Behandlung von flektionen wie ein perfekter schwarzer Strahler
komplexeren Substanzen aus. Von ihm stammt verhält. Das verwendete Material eines solchen
die Definition des chemischen Potenzials, das Hohlraumstrahlers hat keinen Einfluss auf Fre-
für die Dynamik von Mischungen die gleiche quenzspektrum und Energie der Strahlung. Also
Rolles spielt wie die Temperatur für reine ist auch der interne Aufbau der Materie, aus der
Wärmephänomene. die Wände bestehen, unwesentlich. Man kann in
eine der Wände ein kleines Loch bohren, ohne
dass sich Wesentliches ändert. Die Strahlung, die
Wärmestrahlung und die aus diesem Loch tritt, ist der Energiedichte im
Inneren proportional, so dass man diese bequem
Ultraviolettkatastrophe
messen kann (ÅAbbildung 3-98).
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Ihre Mächtigkeit konnten die Hauptsätze der Doch wenn Strahlungsenergie und -spektrum
Thermodynamik auch bei der Erforschung der nicht von der Beschaffenheit eines Körpers ab-
Wärmestrahlung von Körpern unter Beweis hängen, wovon hängen sie dann ab? KIRCHHOFF
stellen. Mit ihrer Hilfe gelang es bis 1900, die konnte immerhin zeigen, dass sie eine Funktion
korrekten Strahlungsgesetze aufzustellen, ohne der Temperatur des Körpers sind.
dass der Aufbau der Materie im Detail bekannt
war. Allerdings machte diese Entwicklung Wi- Strahlungsgesetze von Stefan bis Planck
dersprüche im wohlgeordneten Gebäude der
klassischen Physik deutlich, die entscheidend JOSEF STEFAN (1835 – 1893) kam durch die Aus-
zur Entwicklung der Quantenphysik beitrugen, wertung von Experimenten 1879 zum Schluss,
wie wir später sehen werden. dass die Gesamtstrahlungsdichte über alle Fre-
quenzen des Hohlraumstrahlers proportional
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Hohlraumstrahlung und schwarzer Körper zur 4. Potenz seiner Temperatur sein sollte. Diese
Vermutung untermauerte BOLTZMANN
Z N 1884 durch
Der Musiker und Astronom FRIEDRICH WILHELM ebenso einfache wie geniale Überlegungen auf
HERSCHEL (1738 – 1822) entdeckte 1800, dass Basis der Elektrodynamik und der Thermody-
bei der Spektralzerlegung des Sonnenlichts ein namik, wieder ohne spezifische Annahmen über
3-97 in den Bereich jenseits des Rots gehaltenes Ther- die Natur des umschließenden Materials. Darauf
Infrarotstrahlung. mometer den stärksten Temperaturanstieg zeigt aufbauend zeigte WILHELM WIEN (1864 – 1928) in
FRIEDRICH WILHELM
HERSCHEL entdeckte um
(ÅAbbildung 3-97). Offenbar stammte ein gro- den Jahren 1893/94, dass die Strahlungsdichte
1800 Strahlung jenseits ßer Teil der Strahlungsenergie der Sonne aus dem bei einer Frequenz υm ein Maximum erreicht,
des roten Bereichs im unsichtbaren, infraroten Bereich, dem Bereich wobei υm proportional zur 3. Potenz der Tem-
Sonnenspektrum. Oben:
der Wärmestrahlung. Mit Hilfe einfacher Über- peratur ist. Er leitete das sogenannte Wiensche
Originallupe und Ther-
mometer von HERSCHEL legungen auf Basis der beiden Hauptsätze konnte Verschiebungsgesetz ab, mit dessen Hilfe man
(Greenwich Observatory). KIRCHHOFF 1860 nachweisen, dass ein Körper, das Strahlungsspektrum für eine Temperatur

96
Erde, Wasser, Luft und Feuer

berechnen kann, wenn man es für eine andere


Temperatur kennt (ÅAbbildung 3-98). Lord RAY-
LEIGH berechnete die Energie der Schwingun-
gen, die in einem Hohlraum entstehen können.
Da dort nur stehende Wellen fester Frequenzen
auftreten (Resonanzfrequenzen analog zu einer
schwingenden Saite), ist die Zahl der möglichen
Schwingungsformen proportional zum Quadrat
ihrer Frequenz. Gemäß Äquipartitionstheorem
sollte die Energie pro Schwingungsform gleich
kTT sein. In dem so erhaltenen Strahlungsgesetz
von RAYLEIGH steigt die Strahlungsdichte mit dem 3-98
Quadrat der Frequenz bis ins unendliche an, was Hohlraumstrahlung. In
einem Hohlraum ist der
ganz offensichtlich im Widerspruch mit Beob-
Strahlungsdruck p der
achtungen steht. Jeder Ofen wäre eine perfekte Hohlraumstrahlung pro-
Gammastrahlungsquelle, ein Phänomen, das als dass sich das richtige Strahlungsgesetz ergab. portional zu ihrer Ener-
Ultraviolettkatastrophe bekannt wurde. Aber Auch hier beschritt PLANCK Wege, die erst nach- giedichte w. Damit und
aus thermodynamischen
immerhin bildete RAYLEIGHs Strahlungsgesetz träglich mit Hilfe der Quantenmechanik eine Überlegungen folgt das
bei niedrigen Frequenzen die Verhältnisse gut ab. Begründung fanden. Seine Verteilung heißt heute Wiensche Verschiebungs-
WIEN verfolgte 1896 einen anderen Ansatz und Bose-Einstein-Statistik und gilt für Teilchen, die gesetz, wonach der Quo-
tient aus T
Temperatur und
fand auf Basis experimenteller Daten eine Funk- nicht unterscheidbar sind. Hätte er die klassische der Frequenz νm bei ma-
tion, bei der die Strahlungsdichte nach einem Boltzmann-Verteilung verwendet, hätte sich das ximaler Strahlungsdichte
Maximum wieder abnahm. Leider konnte man Wiensche Strahlungsgesetz ergeben. konstant ist.
diese Funktion theoretisch nicht begründen und Begreiflicherweise fand dieser Bruch mit be-
zu guter Letzt stellte sie sich bei niedrigen Fre- stehenden Vorstellungen nicht nur Zustimmung,
quenzen auch als falsch heraus. Hier folgte das obwohl das Plancksche Strahlungsgesetz hervor- r
Frequenzspektrum RAY A LEIGHs Gesetz. PLANCK ragend mit Messergebnissen übereinstimmte.
gelang es schließlich 1900, das korrekte Gesetz Auch PLANCK selbst empfand den theoretischen
als Interpolation zwischen RAY A LEIGH und WIEN Unterbau als unbefriedigend und suchte nach
aufzustellen (Å Abbildung 3-99). Ihm war aller- Alternativen. Aber die Zeit war reif für grund-
dings an einer theoretischen Begründung gelegen legende Veränderungen und so fand PLANCKs
und so entwickelte er zum Jahresende 1900 ein Quantenhypothese auch in anderen Teilen der
Modell, das wegweisend sein sollte für die Ent- Physik Unterstützung. —
wicklung der Quantentheorie. PLANCK dachte
sich Emission und Absorption des schwarzen 3-99
Körpers als Folge elektrisch geladener Oszillato- Strahlungsgesetze. Das
ren, deren Schwingungen mit dem Strahlungsfeld Gesetz von Rayleigh-Jeans
war theoretisch gut fun-
wechselwirken. Jeder Schwingungsfrequenz des diert, aber nur für niedrige
Feldes entsprach die Resonanzfrequenz eines Frequenzen korrekt. Das
Oszillators. PLANCK wusste bereits, dass die Wiensche Gesetz war
empirisch gut gestützt,
Strahlungsdichte des Feldes von der mittleren aber ohne theoretische
Energie der Oszillatoren abhing. Diese sollte Fundierung. Das Planck-
gemäß Äquipartitionstheorem gleich kT T sein, sche Strahlungsgesetz
erhielt seine Begründung
was zu RAY A LEIGHs Gesetz führt. PLANCK ging
erst durch die Quanten-
einen anderen Weg. Er nahm an, dass die Ener- mechanik.
gien der Oszillatoren nur ganzzahlige Vielfa-
che eines Energiequantums sind, dessen Größe
proportional zur Schwingungsfrequenz ist. Den
Proportionalitätsfaktor betrachtete er als eine
Hilfsgröße, weshalb er ihn mit „h“ bezeich-
nete: E = hν. Es galt nun, die Gesamtenergie der
Strahlung so auf die Oszillatoren zu verteilen,

97
KAPITEL 3 Historischer Überblick

Die Struktur des Atoms kinetische Theorie wenig ändern, ihr Modell von
Atomen als elastische Billardkugeln war weit
Moderne Atomtheorien von realen Objekten entfernt. Der Atomtheorie
verhalfen Entdeckungen zur Akzeptanz, die das
Die Atomtheorie hat in der Physik eine ähn-
liche Funktion wie gewisse mathematische „Innenleben“ von Atomen auf eine Weise offen-
Hilfsvorstellungen; sie ist ein mathematisches barten, die letzten Endes keinen vernünftigen
Modell zur Darstellung der Tatsachen. Wenn Zweifel an deren Existenz mehr zuließ.
man die Schwingungen durch Sinusformeln
... darstellt, so denkt doch niemand daran,
dass die Schwingungen an sich mit einer Win- Zitternde Pollen
kel- oder Kreisfunktion ... zu schaffen hat.
ERNST MACH, zit. nach Melsen. Es gab ein Indiz für die Existenz von Atomen,
das für sich allein genommen nicht jeden Skep-
So formulierte 1883 der Physiker und Philosoph tiker überzeugt hätte, dafür aber umso mehr ins
ERNST MACH (1838 – 1916) seine Einstellung zur Auge fiel. 1827 beobachtete der schottische Bo-
Atomtheorie. Atome waren für MACH keine re- taniker ROBERT BROWN (1773 – 1858), dem wir
alen Objekte, sondern nur Modellvorstellungen, auch die erste präzise Beschreibung des Zellkerns
die nützlich waren, um gewisse Beobachtungen verdanken, dass schwimmende Pollen unter dem
mathematisch zu beschreiben. Diese als Empi- Mikroskop Zitterbewegungen vollführten. Zu-
riokritizismus bekannte Sicht auf den Erkennt- nächst machte er dafür eine den Pollen innewoh-
nisprozess betrachtet Aussagen über die Welt als nende Lebenskraft verantwortlich, stellte jedoch
reine Spekulation, wenn sie sich nicht aus der bald fest, dass sich anorganische Partikel gleich
sinnlichen Erfahrung ergeben. Physik treiben verhielten. Diese Zitterbewegung wird ihm zu
heißt, nach möglichst ökonomischen Erklärun- Ehren Brownsche Molekularbewegung genannt.
gen für sinnliche (messbare) Erscheinungen zu Schon LUKREZ (ÅKasten Lukrez, Seite 40)
suchen. Es gibt daher für MACH weder Atome machte Atombewegungen (fälschlicherweise)
noch den absoluten Raum NEWTONs. Raum sei für die tanzende Bewegung von Staubpartikeln
schließlich nur durch die Existenz von Körpern in der Luft verantwortlich; allgemein ging man
erfahrbar. Konsequenterweise führte MACH die aber im 19. Jahrhundert davon aus, dass sich die
Trägheit auf die kumulative Wirkung der Mas- Stöße von Molekülen an vergleichsweise riesigen
sen des Universums zurück. Und auf Atome Staubpartikeln im Mittel ausgleichen. EINSTEIN
war die Physik nach MACH gar nicht angewie- konnte jedoch 1905 theoretisch nachweisen,
sen. Die Thermodynamik konnte ohne Rekurs dass Partikel durch Molekülstöße sehr wohl
auf die kinetische Theorie definiert werden. Zitterbewegungen ausführen können. PERRIN ge-
WILHELM OSTWALD (1853 – 1932) griff daher lang schließlich 1909 der experimentelle Nach-
HELMHOLTZ’ Gedanken auf und strebte nach weis, dass die Brownsche Molekularbewegung
einer am Energiebegriff orientierten Physik (die durch EINSTEINs Ergebnisse gut erklärt wird
sogenannte Energetik), in der Atome keine Rolle und keine Folge von Konvektionsströmen sein
spielten. konnte, wie viele glaubten.
Die Skeptiker akzeptierten letzten Endes,
dass man über Atome als Objekte zumindest Das Innenleben des Atoms
im physikalischen Sinn sprechen konnte. Zu
Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wiesen die Spätestens seit der Entdeckung des Elektrons
experimentellen Hinweise zu deutlich in diese als Bestandteil von Atomen war klar, dass
Richtung. Zum Zeitpunkt des oben stehenden Atome ein Innenleben besaßen. Neben negativ
Zitats allerdings war die Atomfrage für Physiker geladenen Elektronen musste es auch noch eine
alles andere als geklärt. Im Bereich der Chemie gleich große positive Ladung geben, denn Atome
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

3-100 hatte sich die Atomtheorie zwar als hilfreich waren normalerweise elektrisch neutral. Seit
Atomtheorien von der
Antike bis heute. Von der
erwiesen, im Bereich der Physik blieben noch THOMSONs Messungen 1897 wusste man zudem,
Idee zum quantenmecha- zu viele Fragen offen. Daran konnte auch die dass die Elektronen kaum nennenswert zum
nischen Objekt.

98
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Gesamtgewicht eines Atoms beitrugen. Völlig einer fortlaufenden Nummer, die in der Regel
offen war allerdings, wie viele Elektronen es im synchron mit dem Atomgewicht anstieg. Es gab
Atom gab und wie Atome intern strukturiert wa- aber auch Fälle, in denen man zwei Elemente
ren. Ausgehend von Arbeiten KELVINs entwickelte aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften vertau-
THOMSON 1904 ein Modell, das als Rosinen- schen musste, so zum Beispiel Tellur (Atomge-

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


kuchenmodell bekannt wurde. Danach bestand wicht 127,6, Ordnungszahl 52) und Jod (Atom-
ein Atom aus positiv geladener Materie, in die gewicht 126,9, Ordnungszahl 53). Während das
negativ geladene Elektronen eingebettet waren. Atomgewicht eine physikalische Bedeutung hatte,
THOMSON konnte zeigen, dass eine ringförmige betrachtete man die Ordnungszahlen als reine
symmetrische Anordnung der Elektronen stabil Konvention. ANTONIUS JOHANNES VAN DEN BROEK
3-101
war, und er versuchte, durch Wahl verschiedener (1870 – 1926) war 1912 der erste, der vermutete,
Nebelkammer. Die Nebel-
Elektronenbelegungen der Ringe die Periodizität dass die positive Kernladung eines Elements des- kammer des Deutschen
der Elemente und ihre beobachteten Valenzen zu sen Ordnungszahl entsprach. Nachdem CHARLES Elektronen-Synchrotrons
erklären, jedoch ohne Erfolg. GLOVER BARKLA (1877 – 1944) 1911 festgestellt DESY in Hamburg zeigt
Alphateilchen (dicke
Die Entdeckung der Röntgenstrahlung 1895 hatte, dass jedes Element ein charakteristisches Linien) und Elektronen
durch WILHELM CONRAD RÖNTGEN N (1845 – 1923) Röntgenemissionspektrum besaß, konnte 1913 (dünne Linien). Die Ne-
und die Entdeckung der Radioaktivität 1896 HENRYR MOSELEY (1887 – 1915) zeigen, dass zwi- belspuren entstehen durch
die ionisierende Wirkung
durch ANTOINEE HENRI BECQUERELL (1852 – 1908) schen Ordnungszahl und Frequenz der emittier- der die Nebelkammer
erwiesen sich als außerordentlich fruchtbar für ten Röntgenstrahlung ein direkter Zusammen- durchquerenden Strahlen,
die Erforschung der Struktur des Atoms. Der in hang besteht, der heute als Moseleysches Gesetz die zu einer Kondensation
des übersättigten Ethanols
Neuseeland geborene britische Physiker ERNEST (Å Abbildung 3-103, Seite 100) bekannt ist. Er in der Luft führen. Durch
RUTHERFORD (1871 –1937) nutzte die von ihm identifizierte damit auch Lücken im Periodensys- einen unten angebrachten
als Heliumionen identifizierten Alphastrahlen tem, die später durch die Elemente Technetium, Magneten werden die
geladenen T Teilchen in ge-
aus radioaktivem Zerfall zum Beschuß dünner Promethium und Rhenium aufgefüllt wurden. krümmte Bahnen gelenkt.
F o li e n . N ac h T H OMSO N s Modell sollten Damit erhielten die Ordnungszahlen plötzlich
Heliumionen beim Durchgang durch Atome nur physikalische Relevanz und VAN DEN BROEKs
wenig abgelenkt werden. 1909 ließ RUTHERFORD These wurde bestätigt.
seine Mitarbeiter HANS GEIGER (1882 – 1945)
und ERNEST MARSDEN (1889 – 1970) gezielt Spektren und das Bohr-Sommerfeldsche
nach großen Ablenkungen suchen. Und sie Atommodell
wurden fündig! RUTHERFORD konnte 1911
zeigen, dass das Modell eines im Vergleich zum Die Emission und Absorption von Licht
Atomdurchmesser sehr kleinen positiv geladenen durch Materie sollte bei der Aufklärung der
Atomkerns gut mit diesen Streuexperimenten Struktur des Atoms und der Entwicklung der
übereinstimmte. Demnach sollte das Atom Quantentheorie eine Schlüsselrolle spielen. Bereits
weitgehend aus leerem Raum bestehen und der 1802 beobachtete WOLLASTON im Spektrum
Atomkern 100 Millionen Mal kleiner sein als der des Sonnenlichts schwarze Linien, denen er
Atomdurchmesser! RUTHERFORD schätze auch die aber weiter keine Beachtung schenkte. Erst der
Größe der positiven Kernladung ab. Sie sollte der Optiker JOSEPH VON FRAUNHOFER R (1787 –1826)
Hälfte des Atomgewichts entsprechen, gerechnet untersuchte sie 1814 genauer und entdeckte 576
als Vielfache des Atomgewichts von Wasserstoff. schwarze Linien im Sonnenspektrum, die er mit
1912 gelang es dem schottischen Physiker Buchstaben (A, B...) kennzeichnete. Er stellte
CHARLES THOMSON N REES WILSON
N (1869 –1959) auch fest, dass die Frequenz der D-Linie der
in der von ihm erfundenen Nebelkammer, die charakteristischen gelben Emmissionsfrequenz
Ablenkung der Alphateilchen auch sichtbar zu des Natriums entsprach. KIRCHHOFF und
machen (ÅAbbildung 3-101). BUNSEN zeigten später, dass jedes Element ein
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

Röntgenstrahlen halfen andererseits das Pro- charakteristisches Linienspektrum besaß (ÅDie


blem der Ordnungszahlen der Elemente zu lösen. Entdeckung der Elemente, Seite 78). Dass die
Seit MENDELEJ W versah man die Elemente mit
E EW Elektronen im Atom dabei eine Schlüsselrolle

99
KAPITEL 3 Historischer Überblick

unerwarteten Schwierigkeiten. Neben der bereits


beschriebenen Ultraviolettkatastrophe, die die
klassische Theorie vorhersagte, waren die sehr
scharfen Linien der Spektren ein Rätsel. Welche
Art von Resonanz konnte im Atom am Werk
sein, damit derart exakte und für jedes Element
charakteristische Frequenzspektren entstanden?
Die Regelhaftigkeit der Spektrallinien wurde
1885 von JACOB BALMER (1825 – 1898) für
d en Wasserstoff erstmals in eine Formel
gegossen und 1888 von JOHANNES ROBERT

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


RYDBERG (1854 – 1919) verallgemeinert. Diese
Regelhaftigkeit galt zumindest für Wasserstoff
s ehr genau. Eine Verallgemeinerung auch
für andere Elemente erfuhr sie 1908 durch
den schweizer Mathematiker WALTER RITZ
3-102 (1878 – 1909), weshalb sie heute als Rydberg-
Bohrsches Atommodell des Wasserstoffatoms. Ohne das Problem der Abstrahlung könnte
ein Elektron sich wie ein Planet um die Sonne drehen, wobei die elektrostatische Anziehung Ritz-Formel bekannt ist (ÅAbbildung 3-103).
die Rolle der Schwerkraft spielt (links). Jede Bahn wäre möglich. Im Bohrschen Modell (rechts) Es bedurfte jedoch der Kühnheit eines jungen
können sich Elektronen nur auf Kreisbahnen bewegen, deren Drehimpuls ein ganzzahliges Viel- Physikers in RUTHERFORDs Labor, um eine
faches n des Wirkungsquantums h ist. BOHR postulierte, dass nur diese Bahnen stationär sein
können. Die Elektronen verfügen also über diskrete Energien, die von n abhängen. n wird als die
theoretische Begründung für die Spektren
Hauptquantenzahl der Bahn bezeichnet. zu formulieren. NIELS HENRIK DAVID BOHR
(1885 – 1962) kannte natürlich die Arbeiten
PLANCKs und EINSTEINs wonach Licht nur in
Form von Energiepaketen der Größe h mit
Materie Energie austauschen sollte. Wie wäre
es nun, wenn die Elektronen nur auf ganz
bestimmten, festen Bahnen den Atomkern
umkreisen, die gerade soweit voneinander
entfernt sind, dass bei einem Wechsel von
einer in die andere die Energie hν in Form vom
Licht frei oder absorbiert wird? BOHR konnte
1913 eine Formel für die „erlaubten“ Bahnen
aufstellen, die genau die Rydberg-Ritzsche
Formel für die Linienspektren des Wasserstoffs
reproduzierte (ÅAbbildung 3-102). Damit ließ
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

sich auch die bis dahin nur empirisch ermittelte


Rydberg-Konstante theoretisch herleiten. Das
Bohrsche Atommodell hatte allerdings einen
schwerwiegenden Schönheitsfehler. Auch auf den
erlaubten Bahnen sollten kreisende Elektronen
3-103 Energie abstrahlen, dadurch immer langsamer
Atommodell und Spektrum des Wasserstoffatoms. Ein Elektron, das von Bahn m auf die niedere
werden und innerhalb eines winzigen Bruchteils
Bahn n „fällt“, emittiert Licht, dessen Frequenz ν von der Energiedifferenz Em – En = hν abhängt.
Je nach Größe von n entstehen unterschiedliche Serien von Spektren, so die Balmer-, Lyman- einer Sekunde in den Kern stürzen. Es gab
und Paschen-Serie. Bohrs Atommodell konnte die empirische Rydberg-Ritz-Formel für das Was- keinen Grund anzunehmen, dass die bewährte
serstoffatom und den Wert der Rydberg-Konstante R theoretisch bestätigen. Das ebenfalls em- Elektrodynamik im Atom nicht gelten sollte. Der
pirisch gefundene Moseleysche Gesetz beschreibt die Verhältnisse bei Atomen mit Kernladung
Z, die durch näher am Kern liegende Elektronen um den Betrag K abgeschirmt wird. bekannte Physiker MAX VON LAUE (1879 – 1960)
nannte daher BOHRs Modell „Unsinn“, während
spielten, vermutete man bereits Ende des EINSTEIN den Gedanken BOHRs aufgeschlossener
19 . Jahrhunderts. Der Versuch allerdings, gegenüber stand, schließlich wäre es doch ein zu
Emission und Absorption von Licht durch großer Zufall, sollten mit einem falschen Modell
schwingende Elektronen zu erklären, führte zu derart präzise Vorhersagen gelingen. Es sollte

100
Erde, Wasser, Luft und Feuer

noch bis 1925 dauern, bis dieser Widerspruch


aufgelöst werden konnte.
Bis 1925 konnte man auch komplizierte Spek-
tren mit vielen Aufspaltungen auf Bahnübergänge
zurückführen, wobei jede Bahn durch ein Tripel
aus Quantenzahlen charakterisiert wurde (ÅAb-
bildung 3-104). Obwohl man damit eine befrie-
digende Erklärung der Atomspektren in Händen
hielt, hatte man theoretisch das Verhalten der

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


Elektronen vor allem in Atomen schwerer Ele-
mente nicht wirklich verstanden; auch gab es
Inkonsistenzen in der Theorie. Im Nachhinein
scheint es fast, als ob der Versuch, das Atom mit
Hilfe der Spektren zu verstehen, die Entwicklung
der Quantentheorie verzögert hat. Die ungeheure als Erklärung von Besetzungszuständen, ohne 3-104
Komplexität der Spektren (ÅAbbildung 4-19, dass dies theoretisch zu begründen war. Bohr-Sommerfeldsches
Modell des Wasser- r
Seite 133) verdeckt eher die entscheidenden WOLFGANG PAULI (1900 – 1958) formulierte
stoffatoms. Im Bohr-
Elemente des Verhaltens kleinster Teilchen. schließlich 1925 ein allgemeines Prinzip, wonach Sommerfeldschen Modell
Elektronen im Atom niemals in allen Quanten- des Wasserstoffatoms
beschreibt das Elektron
Das Periodensystem, das Pauli-Prinzip und zahlen übereinstimmen können. Waren also die
erlaubte Bahnen, die
der Pauli-Effekt Bahnen niederer Schalen alle belegt, musste auf durch zwei ganze Zahlen
höhere Schalen ausgewichen werden. Das Pauli- charakterisiert sind, die
Schon THOMSON hatte versucht, das Perioden- Prinzip konnte erst viel später theoretisch befrie- Hauptquantenzahl n und
die Nebenquantenzahl l.
system als Folge der Elektronenkonfiguration digend gedeutet werden. Neben der Vorhersage n charakterisiert das Ener-
der Elemente zu deuten, war aber aufgrund des Neutrinos ist PAULI unter Physikern durch gieniveau des Elektrons
seines ungeeigneten Atommodells gescheitert. ein weiteres Phänomen bekannt, den sogenann- während l die Exzentrität
der Ellipse beschreibt bzw.
BOHR versuchte sich an einer analogen Deutung ten Pauli-Effekt. Nach Berichten glaubwürdiger den sogenannten Bahn-
bereits 1913 und entwickelte diese bis 1922 Kollegen aus der Experimentalphysik ging bei La- drehimpuls. Die Quanten-
weiter. In einer Vortragsreihe 1922 in Göttin- borbesuchen des Theoretikers PAULI regelmäßig zahl m kam später hinzu,
sie ist eine Folge des
gen, die später die „Bohr-Festspiele“ genannt etwas zu Bruch. Im Labor des Physikers FRANCK
sogenannten Spins des
wurde, stellte er die Elektronenkonfiguration in Göttingen zerbrach sogar eine Apparatur als Elektrons.
der Elemente des Periodensystems in einem gro- sich PAULI auf der Durchreise nach Kopenhagen
ßen Wurf dar. Bis dahin hatte sich schon die für kurze Zeit am Göttinger Bahnhof aufhielt.
Vorstellung verbreitet, dass beim Aufbau eines
Atoms zuerst die inneren Bahnen gefüllt werden Chemische Bindungen
und die Füllung nur bis zu einer bestimmten
Anzahl Elektronen in einer Schale erfolgt. Als Schon HELMHOLTZ vermutete, dass chemische
Schale wurden alle Bahnen mit einer bestimmten Bindungen dadurch zustande kommen, dass
Hauptquantenzahl n bezeichnet. Elektronen zwischen den Bindungspartnern
Man vermutete, dass Elemente mit gefüllten wechseln. RICHARD WILHELM HEINRICH ABEGG
Schalen besonders stabil sind und dass bei che- (1869 – 1910) ging 1904 davon aus, dass die
mischen Reaktionen Elektronen ausgetauscht Elektronenstruktur die Valenz (Wertigkeit) eines
werden, um Schalen zu vervollständigen oder Elements in einer Verbindung bestimmt; die un-
zu leeren. BOHR entwickelte 1922 daraus eine terschiedliche „Affinität“ von Atomen gegenüber
visionäre Theorie über den Bau der Elektronen- Elektronen sei verantwortlich für ihre Bindungs-
schalen, bei der er auch berücksichtigte, dass bei fähigkeit. Die Reaktionsträgheit der Edelgase
bestimmten Elementen aus energetischen Grün- führte ABEGG auf die Stabilität ihrer Elektronen-
den zuerst weiter außen liegende Schalen gefüllt struktur zurück. Sie führt dazu, dass Edelgase
werden. BOHRs Ausführungen waren beeindru- weder leicht Elektronen abgeben noch aufneh-
ckend und trafen auch den Kern der Sache. Aller- men. Allerdings schien die Vorstellung eines Elek-
dings war manches theoretisch kaum fundiert. So tronenübergangs von einem Bindungspartner
nutzte er Symmetrien der Bahnkonfigurationen zum anderen nicht für alle Bindungsarten zuzu-

101
KAPITEL 3 Historischer Überblick

treffen. Wohl galt sie für sogenannte polare Bin- in der sogenannten kovalenten Atombindung
dungen wie sie bei Salzen vorlagen. Sie zerfielen, (ÅTeilchen finden zusammen, Seite 144). Das
wie SVANTE AUGUST ARRHENIUS (1859 – 1827) Bohr-Sommerfeldsche Atommodell konnte noch
schon 1887 zeigte, im Wasser in negativ und keine Begründung für diese Art der Bindung lie-
positiv geladene Ionen (NaCl → Na+ + Cl–), wäh- fern, weshalb LEWIS ihm auch ablehnend gegen-
rend die Atome des Natriums und des Chlors überstand.
ansonsten elektrisch neutral waren. Umgekehrt
zerfielen unpolare organische Verbindungen wie Transmutation reloaded:
Methan (CH4) keineswegs in Ionen und zeigten der radioaktive Zerfall
auch sonst wenig elektrische Polarität, ganz zu
schweigen von Verbindungen wie O2 oder H2, bei 1896, ein Jahr nach RÖNTGENs Entdeckung
denen die Affinität für Elektronen bei beiden Part- der nach ihm benannten Strahlen entdeckte
nern gleich war, die aber trotzdem höchst stabile BECQUEREL eine weitere Art von Strahlung, die
Verbindungen bilden konnten. Unabhängig von- er Uranstrahlung nannte. Bei Untersuchungen
einander entwickelten 1915 WALTHER KOSSEL über die Phosphoreszenz von Uransalzen hatte er
(1888 – 1956) und 1916 GILBERT R NEWTON LEWIS diese versehentlich auf eine lichtdicht verpackte
(1875 – 1946) eine Theorie der Bindung, die po- fotografische Platte gelegt. Nach dem Belichten
lare und unpolare Verbindungen berücksichtigte. stellte er eine Schwarzfärbung der Platte wie bei
LEWIS nutzte als Modell für die Elektronenkon- einer normalen Belichtung fest. Seine Ergebnisse
figuration einen Kubus, dessen acht Ecken mög- erfuhren zunächst wenig Aufmerksamkeit,
liche Positionen der Elektronen in der äußersten aber MARIE (1867 – 1934) und PIERRE CURIE
Schale eines Atoms bildeten (ÅAbbildung 3-105). (1859–1906) untersuchten die dabei entstehende
Bindungen entstanden bei stark polaren Atomen Strahlung genauer. Dank eines von ihnen
durch Wechsel eines Elektrons von der äußersten entwickelten neuen Messverfahrens für die
Schale des einen Partners zum anderen, bei weni- elektrische Leitfähigkeit der Luft konnten sie die
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

ger polaren Atomen nahmen die Elektronen teil Stärke der Strahlung verschiedener Substanzen
an beiden Schalen. Ob der eine oder der andere präzise bestimmen und stellten fest, dass
Fall zutrifft, hängt davon ab, wie viele Positionen Uranminerale wie Pechblende und Torbernit noch
im Kubus von Elektronen besetzt sind. Fehlt nur stärkere Strahler waren, deren Aktivität nicht
3-105 ein Elektron zur vollen Achterbesetzung wie beim vom Uran allein kommen könne. Ihnen gelang
Lewis’ kubische Atome. Chlor, so nimmt das betreffende Atom sehr gerne schließlich 1898 die Gewinnung zweier neuer
Nach LEWIS sind Atome ein Elektron auf, insbesondere dann, wenn beim radioaktiver Elemente, Radium und Polonium
bestrebt, mittels Bindun-
gen ihre kubische Schale Reaktionspartner, z. B. Natrium, nur eine Position aus Pechblende. Polonium erhielt seinen Nahmen
der äußeren Elektronen zu im Kubus besetzt ist. Natrium profitiert von der zu Ehren der polnischen Heimat MARIE CURIEs.
vervollständigen oder zu Abgabe eines Elektrons. Bei mittleren oder glei- Zusammen mit BEQUEREL erhielten MARIE und
leeren. Dies gelingt durch
gemeinsame Nutzung von chen Besetzungszahlen bei beiden Partnern, wie PIERRE CURIE 1903 für die Entdeckung der
Elektronen (oben für das beim Sauerstoffmolekül, teilt man sich eben die Radioaktivität den Nobelpreis für Physik. MARIE
Chlormolekül dargestellt) Elektronen; die Bindung bleibt unpolar. Dieses CURIE erhielt zudem 1911 für die Entdeckung
oder durch deren Aus-
tausch (unten zwischen
Bestreben, durch chemische Bindung eine gefüllte und Gewinnung der Elemente den Nobelpreis
Natrium und Chlor dar- Achterschale zu erreichen, wird als Oktettregel der Chemie. Ihr Mann PIERRE starb 1906 bei
gestellt). Auch mehr oder bezeichnet. LEWIS Kubusmodell war falsch, aber einem Verkehrsunfall, sie selbst 1934 an einer
weniger polare Zwischen-
stufen sind möglich.
man kann heute quantenmechanisch begründen, sehr seltenen Erkrankung des Knochenmarks,
warum die Oktettregel zumindest als Faustregel Folge ihres intensiven Umgangs mit radioaktiven
für die Bindungsaffinität zutrifft. Elemente bei Substanzen.
denen die sogenannten s- und p-Unterschalen der Der deutsche Physiker FRIEDRICH ERNST
äußersten Schale durch 8 Elektronen vollständig DORN (1848 – 1916) entdeckte 1900, dass Ra-
gefüllt sind, sind chemisch besonders stabil, da die dium ein radioaktives Gas abgab, das er Ra-
Energiedifferenz zu Konfigurationen mit weniger dium Emanation nannte. Andere entdeckten
oder mehr Elektronen besonders hoch ist. Auch kurz darauf ähnliche Emanationen bei Thorium
das „Teilen“ von Elektronen zwischen zwei Ato- und Actinium. Später stellte man fest, dass es
men hat seine quantenmechanische Entsprechung sich um Isotope eines Edelgases handelte und
durch die Bildung eines kombinierten „Orbitals“ nannte das Element Radon. Seine Wirkungen

102
Erde, Wasser, Luft und Feuer

waren allerdings schon länger bekannt. Bereits im 3-106


Mittelalter wusste man, dass Bergleute häufig an Phasenraumvolumen. Man kann den Zustand eines
Systems aus T Teilchen durch einen Punkt im Phasenraum
einer Krankheit litten (Bergsucht), die man später beschreiben. Die Koordinatenachsen des Raumes sind die
als Lungenkrebs identifzierte. Sie wird durch die Impuls- und Raumkoordinaten aller Teilchen.
T Der Pha-
teils erhebliche Radon-Konzentration in Bergwer- senraum eines T Teilchens hat also sechs Dimensionen, da
der Ort des T Teilchens durch drei Raumkoordinaten und
ken verursacht.
der Impuls durch drei Bewegungsrichtungen bestimmt
1903 gelang es RUTHERFORD und dem Chemi- sind. Im Bild sind nur der Impuls in x-Richtung und die
ker FREDERICK SODDY (1877 – 1956) anhand des räumliche x-Koordinate eingezeichnet. Im klassischen Fall
(oben) kann das T Teilchen unendlich viele Werte im einge-
Uranzerfalls nachzuweisen, dass Radioaktivität
zeichneten Raumgebiet einnehmen. Welchen Sinn macht
mit der Transmutation eines chemischen Elements es also, von der „Anzahl W der Zustände“ in Boltzmanns
einhergeht! RUTHERFORD gelang zudem 1917 die Gleichung S = k·log W zu sprechen? Man muss den Raum
erste künstliche Kernumwandlung der Geschichte. willkürlich in kleine Zellen teilen, um eine endliche Zahl W
zu erhalten. Durch die Quantelung des Phasenraums in
Beim Beschuß von Stickstoff mit Alphateilchen der Quantentheorie bekommt dieser willkürliche Akt eine
zeigte er, dass Sauerstoff und Wasserstoff entstand. tiefere Bedeutung (unten). Er ist eine Folge der Unschär-
Er ging davon aus, dass die Kerne aller schwereren ferelation. Das Produkt aus Impuls und Ort kann niemals
genauer bestimmt werden als h.
Elemente aus Wasserstoffkernen zusammengesetzt

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waren, wie schon PROUT T vermutet hatte (ÅWas- Und warum galt das Äquipartitionstheorem
serstoff als Urmaterie, Seite 75) und nannte die- nicht immer, wie die spezifischen Wärmen von
sen Kern Proton (griech., das Erste). RUTHERFORD Gasen zu belegen schienen (Å S = k·log W
W, Seite
glaubte, dass ein weiteres Teilchen im Atomkern 95)? Zwar hatte man gelernt, mit quantisier-
vorhanden war, da eine Zusammenballung positiv ten Größen umzugehen und glaubte mit dem
geladener Teilchen ohne „Klebstoff“ schwer vor- r Bohr-Sommerfeldschen Atommodell einen An-
stellbar war. Dieses Teilchen wurde erst 1932 von satz gefunden zu haben, um Atomspektren und
seinem Schüler Sir JAMES CHADWICK K (1891 –1974) das Periodensystem zu erklären. Aber warum
identifiziert, der es Neutron nannte. Damit waren galten die Quantisierungsbedingungen? Als man
die Bausteine des Atoms bekannt. Es sollte noch in den 1920er Jahren zu dem vorstieß, was heute
dreißig Jahre dauern, bis erkannt wurde, dass Quantenmechanik genannt wird, ließ man vieles
auch Neutronen und Protonen aus Teilchen be- hinter sich, was MICHELSON als Grundtatsachen
stehen, den sogenannten Quarks. — bezeichnet hatte. Dazu gehörte unter anderem
die Vorstellung, dass Materie vor allem durch
Umbruch: Die Quantentheorie zwei Eigenschaften bestimmt sei: Masse und
Ausdehnung.
Welle oder Teilchen, oder beides?
Die wichtigsten Grundgesetze und Grundtatsa- Quantentheorie, die Erste:
chen der Physik sind alle schon entdeckt, und Licht ist gequantelt
diese haben sich bis jetzt so fest bewährt, dass
die Möglichkeit, sie wegen neuer Entdeckungen Dass Energie in vielen Fällen nur in Portionen
beiseite zu schieben, außerordentlich fern zu der Größe hν vorzukommen schien, wusste man
liegen scheint... Unser künftigen Entdeckungen anfangs der zwanziger Jahre bereits: die Energie
müssen wir in den 6. Dezimalstellen suchen.
von Elektronen im Atom war gequantelt, Wär-
(MICHELSON, 1903)
mestrahlung ließ sich mit Hilfe von Oszillatoren
ALBERT
R ABRAHAM MICHELSONs (1852– 1931) Pro- beschreiben, deren Energie portioniert war, und
gnose stellte sich als völlig falsch heraus. Das erste man erkannte, dass h als die „natürliche“ Größe
Quartal des 20.Jahrhunderts bescherte der Physik des kleinsten Volumenelements im Phasenraum
zwei Revolutionen, die sich nur mit der Newton- betrachtet werden kann (Å Abbildung 3-106).
schen Revolution vergleichen lassen: die Quanten- Offenbar war also jede Art von Bewegung ge-
theorie und die Relativitätstheorie. Aus Sicht der quantelt. PHILIPP LENARD (1862 – 1947) hatte
meisten Physiker zu Beginn des Jahrhunderts gab zudem 1902 festgestellt, dass die bei der Be-
es keinen Grund, das bekannte Instrumentarium strahlung von Metallen mit kurzwelligem Licht
der Physik in Frage zu stellen. Natürlich gab es emittierten Elektronen (photoelektrischer Effekt)
noch einige offene Punkte zu klären. Warum eine kinetische Energie besaßen, die von der
schien Energie nur „portioniert"aufzutreten? Frequenz und nicht von der Intensität des Lichts

103
KAPITEL 3 Historischer Überblick

abhing. Wieder ließ sich der Einfluss des Planck- 3-107). DE BROGLIES kühne Thesen stießen bei
schen Energiequantums hν erkennen. Physikern dieser Zeit sowohl auf Skepsis als auch
EINSTEIN ging einen entscheidenden Schritt Anerkennung. ERWIN R SCHRÖDINGER R (1887 –1961)
weiter. Er deutete die Größe hν nicht nur griff diese Gedanken 1926 auf und ordnete jedem
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als „Energieportion“, sondern schrieb dem Teilchen eine Wellenfunktion zu, deren Dynamik
Licht Teilchencharakter zu. Licht bestehe aus er durch die berühmte Schrödingergleichung
Quanten, deren Energie nur von ihrer Frequenz ausdrückte. Er berechnete die Wellenfunktion
abhänge. Damit gelang es EINSTEIN 1905, d es Wasserstoffatoms und konnte die
den photoelektrischen Effekt als Absorption Quantenzahlen als sogenannte „Eigenwerte“
von „Lichtteilchen“ zu beschreiben, wofür dieser Wellenfunktion ableiten (ÅAbbildung
3-107 er 1921 den Nobelpreis erhielt. Die winzigen 3-110 , Seite 105 sowie Å Wellenfunktion
Stehende Wellen um Zitterbewegungen einer mit Licht bestrahlten und Quantenfelder, Seite 431). Für ein freies
einen Atomkern. Die
Platte konnte er als kombinierte Wirkung des Teilchen ergab sich aus der Schrödingergleichung
das Elektron führenden
Materiewellen fügen sich klassischen Strahlungsdrucks und „Stößen“ von die de Brogliesche Materiewelle. DE BROGLIE
periodisch in die Bahnen Lichtquanten deuten. Er leitete die Gleichung für und SCHRÖDINGER schienen damit die Welt der
ein, wobei mit steigender
die Entropie des schwarzen Körpers ab, indem er Materie und die Welt der Wellenerscheinungen
Quantenzahl n mehr
Schwingungsperioden in das Licht im Hohlraum als Gas („Photonengas“) zu vereinen. Während Photonen zumindest
eine Bahn passen. betrachtete. Die Plancksche Strahlungsformel in m a n c h e r Hin s i c h t Te il c h e n c h a r a k te r
ergab sich dann zwanglos als Gleichgewicht z ei g ten, zei g ten Teilchen Wellencharakter
zwischen Erzeugung und Vernichtung von beziehungsweise schienen von einer Welle
Photonen. EINSTEINs Photonen wurden anfangs „begleitet“ zu sein. DE BROGLIE gelangte zu
von Pionieren der älteren Quantentheorie wie Berühmtheit, als die amerikanischen Physiker
SOMMERFELD und PLANCK mit Skepsis betrachtet. CLINTON DAVISSON (1881 – 1958) und LESTER H.
Eine großartige Bestätigung erhielt diese erste GERMER (1896 – 1971) 1927 durch Bestrahlung
Form des Welle-Teilchen-Dualismus durch von Nickelkristallen mit Elektronenstrahlen
den amerikanischen Physiker ARTHUR HOLLY nachwiesen, dass diese am Kristall so gestreut
COMPTON (1892 – 1962). Er stellte 1922 fest, werden, wie es ihrer Wellenlänge entspricht.
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dass Röntgenstrahlung an Elektronen auf Parallele Versuche von GEORGE PAGET THOMSON
eine Weise gestreut wurde, die nicht mit dem (1892 – 1975) in England führten zum gleichen
Wellencharakter von Licht verträglich war. So Resultat. DE BROGLIE erhielt für seine kühne
entsprach die Veränderung der Strahlungsfrequenz Theorie der Materiewellen zwei Jahre später den
3-108 dem Impuls, den das Elektronen als Folge des Nobelpreis für Physik.
Euklidischer Raum. Im uns „Photonenstoßes“ erhielt. Die Schrödingersche „Wellenmechanik“, wie
vertrauten dreidimensio- sie genannt wurde, war sehr anschaulich, auch
nalen euklidischen Raum
kann man die Position Quantentheorie, die Zweite: T
Teilchen als wir nutzen sie in Kapitel 4 zur Beschreibung des
(Ortsvektor) eines Teil-
T Wellen Atoms. Und anfangs glaubten noch viele, man
chens als Summe soge- könne mit der de Broglie-Schrödingerschen The-
nannter „Basisvektoren“
x, y, z darstellen. Diese N ac h de r R e l at i v i tätst h eo ri e beste h t e in e orie die klassischen Vorstellungen von Teilchen
werden so gewählt, dass Äquivalenz zwischen Energie und Masse, und ihren Bewegungen in die merkwürdige Welt
sie senkrecht (orthogonal) die sich in der berühmten Gleichung E = mc2 der Quantenmechanik hinüberretten – so, wie
aufeinanderstehen, Die
Orientierung des gemein- ausdrückt. Gleichzeitig gilt für die Energie eines man die geometrische Optik mit ihren Sehstrah-
samen Achsenkreuzes im Photons E = hν. Der französische Physiker LOUIS- len mit der Wellenoptik verbinden kann, in der
Raum ist willkürlich. Es VICTOR DE BROGLIE (1892 – 1987) folgerte aus sich Licht nicht entlang einer geraden Linie be-
gibt daher unendlich viele
Sätze von Basisvektoren.
beiden Beziehungen 1923 nicht nur, dass das wegt, sondern als Welle nach allen Seiten ausbrei-
Basisvektoren heißen sie, Photon eine Masse besitzen müsse, sondern tet. Aber es gab auch einen radikaleren Ansatz.
weil sie linear unabhängig auch, dass Teilchen von einer Welle begleitet
voneinander sind: Man
werden, der sogenannten Materiewelle, die die Quantentheorie, die Dritte: Gibt es
kann keinen als Summe
der anderen ausdrücken. Teilchen auf ihren Bahnen „führt“. Die stabilen T
Teilchenbahnen?
Außerdem ist der Ba- Elektronenbahnen des Bohr-Sommerfeldschen
sisvektorensatz (x,y,z)
Atommodells seien deshalb möglich, weil ihr Der junge deutsche Physiker WERNER HEISENBERG
„vollständig“: Er genügt,
um jede Position im Raum Umfang ganzzahligen Vielfachen der Wellenlänge (1901 – 1976) nutzte 1925 eine durch Heu-
eindeutig zu beschreiben. der Elektronen“wellen“ entspräche (ÅAbbildung schnupfen erzwungene Erholungszeit auf Helgo-

104
Erde, Wasser, Luft und Feuer

land dazu, das Problem von einer anderen Seite 3-109


aus anzugehen. Während er zuvor einige Zeit Fourierreihe. Periodische Signale, z.B. Rechtecksignale,
können durch eine unendliche Summe trigonometrischer
damit zugebracht hatte, Formeln für die Linien Funktionen dargestellt werden, eine sogenannte Fourier-
des Wasserstoffatoms zu „erraten“, wuchs in reihe. Diese Funktionen stehen „orthogonal“ aufeinan-
ihm die Überzeugung, dass die Vorstellung von der, d.h. keine kann als Summe der anderen ausgedrückt
werden und sie sind vollständig. Man kann sie daher in
Elektronenbahnen im Atom irrig sei. War es nicht
Analogie zum Euklidischen Raum (Abb. 3-108) als Ba-
klüger, sich auf die Größen zu konzentrieren, sisvektoren eines „Funktionenraums“ auffassen, in dem
die man wirklich beobachten konnte? Die periodische Signale als Vektoren repräsentiert werden.
Auf diese Weise sind auch periodische T Teilchen- oder Pla-
Elektronenbahnen waren unzugänglich, das einzig
netenbahnen beschreibbar.
Messbare waren die Frequenzen der Spektrallinien
und deren Intensitäten. Konnte man eine Physik NEUMANN (1903 – 1957) die Quantenmechanik
der Teilchenbewegung formulieren, die ohne den auf eine solide mathematische Grundlage, in
Bahnbegriff auskommt? Im Kern stützte sich der die Wellenmechanik SCHRÖDINGERs und die
HEISENBERG auf das bereits bekannte Verfahren Matrizenmechanik HEISENBERGs als verschiedene
der Darstellung von periodischen Bewegungen Sichten auf die gleiche Grundstruktur erschienen.
mit Hilfe von Fourierreihen (ÅAbbildung Die Wellenfunktion konnte man als Vektor in
3-109), bei denen die Bewegung als Summe von einem abstrakten mathematischen „Raum“, dem
Schwingungen dargestellt wird, deren Frequenzen Hilbertraum, auffassen (ÅAbbildung 3-110).
ganzzahlige Vielfache („Oberschwingungen“) Mess g rößen wie Ener g ie, Im p uls, Ort

BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529


einer Grundfrequenz sind. Jede Bewegung oder Spin ermittelte man durch Anwendung
wird durch einen Satz von Frequenzen und bestimmter mathematischer Operationen auf
deren „Intensitäten“, sprich Anteilen an der diesen Vektor, die man „Operatoren“ nannte.
Gesamtbewegung, eindeutig beschrieben. Es zeigte sich, dass man für alle in der klassi-
Andererseits ist im Atom der „Sprung“ eines schen Physik bekannten Größen Operatoren
Elektrons von „Bahn“ n nach „Bahn“ m durch finden konnte und dass sogar die Beziehun-
die Frequenz νn,m der dabei emittierten Strahlung gen zwischen ihnen strukurell gleich zu jenen
und deren Intensität eindeutig bestimmt. Statt der entsprechenden klassischen Größen wa-
zu versuchen, diese Frequenz als Funktion einer ren! Einen wesentlichen Unterschied gab es
nicht beobachtbaren Bahnbewegung zu erklären, allerdings: Die Anwendung der Operatoren auf
könnte man vielleicht umgekehrt den Zustand die Wellenfunktion führte meist zu mehreren
des Elektrons als Funktion dieser Frequenzen alternativen Werten; man konnte also nicht
und Intensitäten ausdrücken. HEISENBERG gelang mit Bestimmtheit sagen, welchen Wert man bei
es, entsprechende Gleichungen aufzustellen; einer Messung zu erwarten hatte.
allerdings wurden dabei aus den anschaulichen
Größen Impuls und Ort eines Elektrons so- Unschärferelation und Wahrscheinlichkeiten
genannte Matrizen, Zahlengebilde mit n Spalten
und m Zeilen, da man ja alle Übergänge zwischen HEISENBERG verließ mit seiner Matrizenmecha-
den m mal n „Bahnen“ berücksichtigen musste. nik die Vorstellung von Elektronenbahnen im
HEISENBERGs Zugang zur Quantentheorie wird Atom. Andererseits war in Nebelkammern die
daher als „Matrizenmechanik“ bezeichnet.
3-110
Anfangs galt dieser Zugang vielen Physikern Hilbert-Raum. Die Wellenfunktion ψ eines Teilchens
T
als zu abstrakt, insbesondere als kurze Zeit kann als Vektor in einem Funktionenraum dargestellt
später Schrödingers Wellenmechanik erschien, werden, den man nach dem Mathematiker DAV A ID HILBERT
(1862 – 1943) als Hilbert-Raum bezeichnet. Basisvektoren
die um einiges anschaulicher war. Man konnte sind spezielle Funktionen, die sogenannten Eigenzu-
in ihr auf „Quantensprünge“ verzichten, die stände des Teilchens.
T Sie entsprechen zum Beispiel be-
Materiewelle bewegte sich kontinuierlich im stimmten Energieeigenwerten En (mit der Quantenzahl n)
oder auch Impuls- oder Spineigenwerten. Den Eigenwert
Raum. Umso erstaunlicher, dass es SCHRÖDINGER
misst man genau dann, wenn das T Teilchen im Zustand |n〉
kurze Zeit später gelang, nachzuweisen, dass beide
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ist. Im Allgemeinen ist ein TTeilchen aber nicht in einem Ei-


Zugangswege äquivalent waren! Von 1926 bis genzustand, sondern in einem Zustand, der eine Summe
Anfang der 1930er Jahre stellten PAUL DIRAC der Eigenzustände ist. Die seltsame Klammernotation
„| · 〉“ geht auf die Darstellung des Skalarproduktes 〈a | b〉
(1902 – 1984), PASCUAL JORDAN (1902 – 1980), zurück und heißt Bra-Ket-Notation (von engl. braket,
M AX B ORN ( 1882 – 1970 ) und J O HN VON Klammer). Eingeführt wurde sie von DIRAC 1930.

105
KAPITEL 3 Historischer Überblick

3-111 q, so erhielt man andere Werte als wenn man


Unschärferelation. Auf- zuerst q und dann p anwandte. Man schreibt
grund der Welleneigen-
schaften eines Teilchens
T
kurz: pq – qp ≠ 0.
verhält es sich an einem
Spalt wie eine ebene
Welle. Misst man auf einer
Selbstauslöschung
hinter dem Spalt ange-
brachten Projektionswand Der Doppelspaltversuch von YOUNG 1802 (ÅVon
die Auftreffpunkte der der Natur des Lichts, Seite 80) überzeugte die
Teilchen, so ergibt sich
T Physiker davon, dass Licht eine Wellenerschei-
ein Beugungsmuster wie
bei Licht. Je schmaler der nung ist. Die sichtbaren Interferenzstreifen zeug-
Spalt, desto breiter wird ten von der Verstärkung und Auslöschung der
das Intensitätsmaximum. Wellenzüge aufgrund ihrer Gangunterschiede.
Den Ort eines Teilchens
T
Der Welle-Teilchen-Dualismus warf nun neue

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an der Blende kann man
beliebig genau bestim- Fragen auf: Wenn Photonen Teilchencharakter
men, in dem man den besaßen, konnte ein einzelnes Photon mit sich
Spalt immer enger macht.
Damit wird aber seine selbst interferieren, sich also auch „auslöschen“?
Bewegungsrichtung bei Und wenn ein Elektron Wellencharakter be-
Verlassen des Spalts unge- saß, bedeuteten Interferenzmuster, dass es durch
wisser, man weiß immer
weniger genau, wo das
beide Spalten gleichzeitig hindurchging?
Teilchen die Wand trifft.
T „Bahn“ eines Elektrons deutlich zu erkennen. Dass ein einzelnes Photon mit sich selbst
Impuls und Ort eines Teil-
T 1927 gelang es HEISENBERG, diesen scheinbaren wechselwirkte, wies 1909 GEOFFREY TAYLOR
chens können also nicht
Widerspruch aufzulösen. In der Nebelkammer (1886 – 1975) mittels eines Spaltexperiments
beide gleichzeitig beliebig
genau gemessen werden. sah man ja nicht die Bahn eines Elektrons, nach, bei dem das Licht so schwach war, dass
Bei schweren Körpern sondern vergleichsweise riesige Nebeltröpfchen, nur ein Photon gleichzeitig unterwegs sein
spielt dieser Effekt keine
die beim Durchgang des Elektrons entstan- konnte. Trotzdem entstanden die klassischen
Rolle, da ihre De Broglie-
Wellenlänge sehr klein ist: den. HEISENBERG konnte zeigen, dass es nicht Beugungsmuster. Ein Doppelspaltexperiment mit
Δx >> λ. möglich war, Impuls und Ort eines Teilchens Elektronen konnte 1961 von CLAUS JÖNSSON
gleichzeitig beliebig genau zu bestimmen. Je (*1930) durchgeführt werden. Auch dabei zeig-
genauer man die eine Größe maß, desto unge- ten sich Interferenzmuster. Inzwischen gelingen
wisser wurde die zweite (Å Abbildung 3-111). Experimente dieser Art auch mit sehr großen
Dieses Unvermögen war keine Folge unvoll- Molekülen wie Fullerenen, die aus sechzig Koh-
kommener Messinstrumente, sondern lag in der lenstoffatomen bestehen.
Natur der Sache selbst. Mit Hilfe des mathe-
matischen Formalismus der Quantenmechanik Teilchen unter Beobachtung
T
konnte man genau aufzeigen, welche Mess-
größen nicht gleichzeitig beobachtbar waren: Noch merkwürdiger war das Verhalten der Teil-
Die zugehörigen Operatoren „kommutierten“ chen bei Messungen. Stellte man mittels eines
(lat., vertauschen) nicht. Wendete man zuerst Detektors fest, durch welchen Spalt ein Teilchen
Operator p auf die Wellenfunktion an, dann tatsächlich ging, so verschwanden die Interfe-
renzmuster (Å Abbildung 3-112)! Es schien, als
3-112
ob der Ausgang des Experiments vom Beobach-
Messungen am Doppelspalt. Trifft ein Elektron auf eine
Blende mit Doppelspalt, so sind die Spalten Ausgangs- tungsprozess abhing. Zog man sich auf den ma-
punkt zweier Wellenfunktionen, die wie Licht miteinan- thematischen Formalismus zurück, war die In-
der wechselwirken (oben). Das Quadrat der ortsabhän- terferenz keine Überraschung. Hinter der Blende
gigen Wellenfunktion ist ein Maß für die Aufenthalts-
wahrscheinlichkeit des Elektrons an einem Ort. Durch die entsprach der Wellenfunktion des Teilchens ein-
Überlagerung der Wellenfunktionen |1〉 und |2〉 hinter fach eine Überlagerung zweier Funktionen, die
der Blende enthält |ψ〉2 den Mischfaktor 2·|1〉 · |2〉, der am
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jeweils den Weg durch einen Spalt repräsentier-


Ort des Schirms zu Schwankungen der Aufenthaltswahr-
scheinlichkeit führt, den beobachteten Interferenzen. ten. Diese Überlagerung erzeugte Interferenzen.
Durch eine Messung an nur einem Spalt bildet sich keine Bei einer Messung schien allerdings etwas Seltsa-
Überlagerung, sondern die Wellenfunktion „zerfällt“ zu- mes zu geschehen: Die Wellenfunktion reduzierte
fällig in einen |1〉 - oder einen |2〉 -Teil,
T erkennbar daran,
ob der Detektor (Lupe) anschlägt oder nicht. Interferenz sich auf die Teilfunktion, die dem gemessenen
findet nicht statt (unten). Spalt entspricht. Ganz allgemein bedeutet in

106
Erde, Wasser, Luft und Feuer

der Welt der Quantenmechanik Messung eine Weltbild zu sein. Schien doch ausgemacht, dass
Reduktion der Wellenfunktion auf eine Teil- sich alles Geschehen im Raum-Zeit-Gefüge der
funktion, ein Vorgang, den man als Kollaps der Welt präzise verorten läßt. Kannte man die
Wellenfunktion bezeichnet. Der Anteil des re- raumzeitlichen Koordinaten eines Objektes,
duzierten Teils an der gesamten Wellenfunktion gleich ob Welle oder Teilchen, konnte man mit
ist dabei ein Maß für die Wahrscheinlichkeit, bei Hilfe deterministischer Gesetze dessen raum-
einer Messung den zugehörenden Messwert zu zeitliche Entwicklung vorhersagen. Gewiss,
erhalten (ÅAbbildung 3-113). Auf welche Teil- Messungen konnten diese Entwicklung stören
funktion eine Wellenfunktion kollabiert, kann u n d u n vo llk o mm e n e Ge r äte M esswe r te
nicht mit Bestimmtheit vorhergesagt werden. verfälschen, es gab jedoch keinen Grund
Was Messungen betrifft, ist die Quantenmecha- anzunehmen, dass der Minimierung dieser
nik offenbar nicht deterministisch! Störungen prinzipielle Grenzen gesetzt sind. Und
so traf NIELS BOHR auf erheblichen Widerstand,
Verschränkung als er 1927 die „Kopenhagener Deutung“ der
Quantenmechanik vorstellte. Demnach würden
Eine weitere, sehr merkwürdige Eigenschaft zwar auch in der Quantenwelt deterministische

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q uantenmechanischer S y steme tritt bei Gesetze gelten wie die Schrödingergleichung
Wechselwirkungen zwischen Teilchen auf. ja zeige. Für uns Menschen sei diese Welt
Teilchen bleiben danach miteinander verbunden a b er nur ü b er kl assisc h e Messgrö ß en un d
– SCHRÖDINGER prägte 1935 dafür den Ausdruck klassische Messgeräte zugänglich. Und hier
„verschränkt“. Durch die Verschränkung erhalten gelte eben das Prinzip der Komplementarität:
die Teilchen eine gemeinsame Wellenfunktion; Klassische Größen wie Ort und Impuls seien
3-113
diese lässt sich nicht mehr in Funktionen nicht zusammen messbar, weil dem, was sie Kollaps der Wellenfunk-
teilen, die jeweils nur ein Teilchen beschreiben. gemeinsam repräsentierten – eine klassische tion. Eine ungestörte
Dadurch beeinflusst jede Messung alle Teilchen, „Bahn“ –, in der Quantenwelt eben nichts Wellenfunktion kann als
Überlagerung von Teil-
T
unabhängig davon, wo diese sich befinden. So ents p räche. Nur die Wellenfunktion allein funktionen betrachtet
können durch Laserpulse Atome zum Emittieren beschreibe ein System vollständig, so BOHR, werden, die Basisvektoren
von Photonenpaaren angeregt werden, deren die Verbindung zur klassischen Welt ginge des Hilbertraumes sind
(oben). Durch eine Mes-
Polarisation (Schwingungsebene) verschränkt nur über deren Kollaps bei Messungen, der sung „kollabiert“ |ψ〉 in
ist. Die Messung der Polarisation eines Photons als zusätzliches Postulat aufgenommen wurde. eine der Teilfunktionen
T
verändert die Gesamtwellenfunktion derart, dass Die Unschärferelation sei deshalb keine Folge (unten). Welche dies ist,
ist unbestimmt. Der Anteil
eine unmittelbar darauf folgende Messung am m angelnder Erkenntnisfähigkeit, sondern jeder T
Teilfunktion am Ge-
zweiten Photon andere Werte ergibt, als wenn Ausdruck dessen, was in der Welt der Quanten samtvektor |ψ〉 ist ein Maß
man es zuerst untersucht hätte. existiert und was nicht. Die Quantenwelt sei für die Wahrscheinlichkeit
p, dass der Kollaps auf
aus unserer Perspektive statistisch und nicht
diese T
Teilfunktion erfolgt.
deterministisch.
Ist die Quantentheorie BOHR schien der Physik eine Tür vor der
Nase zuzuschlagen – kein Wunder, dass manche
unvollständig?
seiner Zeitgenossen diesen Weg nicht mitge-
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der hen wollten. Gott würfelt nicht, soll EINSTEIN
Glaube [Goethe: Faust Teil 1]
mehrmals auf der legendären Solvay-Konferenz
So könnte man etwas salopp die Reaktion einiger 1927 in Brüssel gesagt haben. Zwischen ihm und
Physiker, darunter EINSTEIN und SCHRÖDINGER, BOHR entwickelten sich hitzige Diskussionen.
auf die neue Quantenmechanik der „jungen EINSTEIN forderte BOHR mit Gedankenexperi-
Leute“ HEISENBERG, DIRAC, PAULI, JORDAN und menten heraus, die nachweisen sollten, dass es
ihres geistigen Mentors BOHR zusammenfassen. eben doch möglich sei, Ort und Impuls gleichzei-
Der mathematische Apparat der Quantentheorie tig zu bestimmen. Für EINSTEIN war Komplemen-
wurde nicht in Frage gestellt und ihre Erfolge tarität kein Gesetz, sondern Ausdruck für die
bei der Erklärung der mikrophysikalischen Unvollständigkeit der Quantenmechanik. BOHR
Welt konnten sich sehen lassen. Geradezu gelang es immer wieder, EINSTEINS Argumente zu
unmöglich schien aber die Einordnung der widerlegen, die Auseinandersetzungen darüber
Quantenmechanik in das vertraute physikalische gingen aber auch in den Jahren nach Brüssel wei-

107
KAPITEL 3 Historischer Überblick

3-114 physikalisch existiert. Damit hatten die Autoren


Lokalität. In einer lokalen die quantenmechanische Vorstellung im Visier,
Theorie kann Messung 1
Messung 2 nicht beein- dass Ort und Impuls erst durch den Messvor-
flussen, da der vom ersten gang einen exakten Wert erhalten. Sie konzipier-
Teilchen (rot) ausgehende
T ten ein Experiment, bei dem zwei Teilchen so
Lichtkegel das zweite
Teilchen zum Zeitpunkt
T miteinander verschränkt waren, dass durch Mes-
von Messung 2 noch nicht sung des Impulses beziehungsweise des Ortes
erreicht hat. Wirkungen eines Teilchens Impuls beziehungsweise Ort des
können sich aber gemäß
Relativitästheorie nicht
zweiten Teilchens berechnet werden konnten.
Dabei sollten beide zum Zeitpunkt der Messung

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schneller als Licht aus-
breiten. Wenn also durch so weit voeinander entfernt sein, dass diese das
eine Verschränkung der
T
Teilchen Messung 1 Mes-
zweite Teilchen nicht beeinflussen konnte. Nach
sung 2 beeinflusst, muss Ansicht der Autoren sollte nämlich „Lokalität“
die Quantentheorie eine das zweite wesentliche Merkmal einer Theorie
nichtlokale Theorie sein.
sein, sie durfte keine sofortige Fernwirkung im-
Nichtlokal heißt, dass die
Wirkung physikalischer ter. Nicht weniger umstritten war der Messpro- plizieren. (ÅAbbildung 3-114).
Effekte praktisch sofort zess. Was hatte man sich unter dem Kollaps der Mit diesem Experiment wollten die Autoren
im gesamten Universum Wellenfunktion vorzustellen? Wodurch wurde die Quantenmechanik gewissermaßen in die
spürbar ist.
er ausgelöst? War die Quantenmechanik nicht Zange nehmen: Entschied man sich nämlich,
unvollständig, wenn sie nicht erklären konnte, den Ort des ersten Teilchens zu messen, so sollte
warum, wie und wann der Kollaps stattfand? man bei einer anschließenden Messung des Or-
3-115 Die Diskussionen um diese Fragen sind tes des zweiten Teilchens den zuvor berechneten
EPR-Experiment. In der vielschichtig, tiefgreifend und noch keineswegs Wert erhalten. Entschied man sich jedoch für
von BOHM und AHARONOV abgeschlossen. Zwei berühmte Gedankenexpe- eine Messung des Impulses des ersten Teilchens,
konzipierten Form des
EPR-Experiments wird die rimente stehen stellvertretend für diese Viel- so konnte man den Impuls des zweiten berech-
Orientierung des Spins falt: das EPR-Experiment und Schrödingers nen und, wenn die Quantenmechanik korrekt
zweier Teilchen
T a, b ver- Katze. war, auch messen. Da das zweite Teilchen nicht
schränkt. Vor der Messung
an a ist die gemeinsame wissen konnte, was beim ersten Teilchen gemes-
Wellenfunktion |ψa,b, 〉 eine Spukhafte Fernwirkung – sen wurde, mussten sowohl Impuls als auch Ort
Überlagerung aller mög- des zweiten Teilchens bereits vor deren Messung
lichen Orientierungen.
das EPR-Gedankenexperiment
Nach Messung 1 liegt festliegen, was im Widerspruch zur Quantenme-
nicht nur die Orientie- Das berühmteste Gedankenexperiment ist das chanik stand. Diese beschrieb also die Realität
rung von a fest, sondern nach EINSTEIN, BORIS PODOLSKY 1896 – 1966) nicht vollständig. Es sei denn, und diese Option
aufgrund des Kollapses
der Wellenfunktion auch
und NATHAN ROSEN (1909 – 1995) benannte hielten die Autoren für unhaltbar, man unter-
die von b, was durch EPR-Experiment, das 1935 veröffentlicht wurde. stellte eine sofortige, „spukhafte“ Fernwirkung
eine zweite Messung Den Autoren ging es darum, die Quantentheo- der ersten Messung auf das zweite Teilchen!
bestätigt werden kann.
rie daran zu spiegeln, was sie als wesentliche Später stellten DAVID BOHM (1917 – 1992)
Da der Kollaps die ganze
Wellenfunktion betrifft, Merkmale einer vollständigen Theorie ansa- und YAKIR AHARONOV (*1932) eine modifizierte
ist er nicht begrenzt auf hen. Demnach sollte eine Theorie „realistisch“ Form dieses Experiments auf, in der nicht Ort
Distanzen zwischen den
sein, worunter die Autoren verstanden, dass jede und Impuls der Teilchen, sondern deren Spin-
Teilchen, die innerhalb
T
des Lichtkegels der ersten messbare Größe, deren Wert mit Sicherheit ohne orientierung verschränkt wurden. Diese Form
Messung liegen. Messung vorausgesagt werden konnte, auch des Experiments ließ sich auch praktisch durch-
führen (Å Abbildung 3-115).

Die Bellsche Ungleichung und EPR

1 96 4 u n te r suc h te J OHN S T EWART


W B ELL
(1928 – 1990), ob eine lokale, realistische The-
orie die beim EPR-Experiment laut Quanten-
theorie erwarteten Mittelwerte von Messungen
überhaupt reproduzieren konnte. Er fand eine
Ungleichung für die Beziehung zwischen diesen
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Erde, Wasser, Luft und Feuer

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Mittelwerten, die die Quantenmechanik nicht Beobachter abhängigen – Wissenschaft als My- 3-116
Schrödingers Katze. In
erfüllte, aber von lokal-realistischen Theorien thos zu entlarven.
SCHRÖDINGERs Gedanken-
erfüllt werden musste. Damit hatte man erst- Wollte man zu einer vollständigen Theorie experiment haben Katze
mals ein Kriterium für experimentelle Prüfun- kommen, mussten Messgerät und Messprozess und radioaktiver Atom-
gen in der Hand. Diese blieb dennoch lange selbst quantenmechanisch betrachtet werden. kern eine gemeinsame
Wellenfunktion, sie sind
Zeit sehr kompliziert, denn man musste eine Das Problem war, dass der Messprozess als verschränkt. Die Wellen-
ganze Reihe von Fehlerquellen ausschließen. Diskontinuität in der zeitlichen Entwicklung funktion ist eine Kombina-
Vor allem ALAIN ASPECT 1981/82 und M.A. der Wellenfunktion erschien, während die un- tion aus den Zuständen,
die Katze und Kern ein-
ROWE 2001 mit ihren Mitarbeitern konnten gestörte Entwicklung durch völlig andere Funk- nehmen können. Der Ex-
die wichtigsten der noch offenen Schlupflöcher tionen beschrieben wurde (sogenannte unitäre ponentialfaktor eiθ berück-
schließen. Deren Messungen an verschränkten Transformationen). SCHRÖDINGER brachte das sichtigt, dass die Wahr-
scheinlichkeit für einen
Photonen beziehungsweise Ionen widerspra- Problem in seinem berühmten Gedankenex- Zerfall des Kerns wächst,
chen einer lokal-realistischen Theorie und be- periment 1935 auf den Punkt (Å Abbildung je länger man wartet. So
stätigten damit die nichtlokale Quantenmecha- 3-116). Sperrt man eine Katze zusammen mit lange die Wellenfunktion
ungestört ist, sind nicht
nik. Diese Experimente hatten auch praktischen einem radioaktiven Präparat in eine Kammer, nur die Zustände „tot &
Nutzen: Das durch sie gewonnene Wissen über ergänzt durch eine Messvorrichtung, die bei zerfallen“ und „lebt &
die Erzeugung verschränkter Photonen half bei einem Kernzerfall Blausäure freisetzt, so wird nicht zerfallen“ möglich,
sondern auch beliebige
der Entwicklung quantenbasierter Verschlüsse- sich die Katze mit der Zeit in einem überlager-
Überlagerungen, soge-
lungstechniken, der sogenannten Quantenkryp- ten Zustand von lebendig und tot befinden. Ein nannte Superpositionen.
tografie. Es wird auch zur Realisierung von radioaktiver Atomkern kann nämlich quan-
Quantencomputern beitragen, von denen man tenmechanisch als Überlagerung der Zustände
sich immense Beschleunigungen bestimmter „zerfallen“ und „nicht zerfallen“ dargestellt
Rechenvorgänge verspricht. werden. Die Koppelung zwischen Atomkern
und Katze führt allmählich zu einer Verschrän-
Untote Katzen? kung deren Wellenfunktionen. Damit haben
nicht nur die Zustände „|Katze lebtࢮ |Kern nicht
Neben der Nichtlokalität war der Kollaps der zerfallenࢮ“ und „|Katze totࢮ |Kern zerfallenࢮ“
Wellenfunktion bei Messungen eine weitere eine von Null verschiedene Wahrscheinlich-
Herausforderung für das physikalische Welt- keit, sondern auch alle möglichen Mischzu-
bild. Wenn die Quantentheorie den Kollaps nur stände, also auch eine halb lebende Katze plus
postulieren, aber nicht erklären kann, durch halb zerfallenem Kern. Bei einer Öffnung der
welche Theorie wird der Kollaps erklärt? Die Kammer sollte es dann zu einem Kollaps der
Kopenhagener Deutung half hier nicht weiter, Wellenfunktion kommen, das heißt, der Kern
im Gegenteil. Die Vorstellung, dass die Mes- ist entweder zerfallen und die Katze tot oder
sung das Messergebnis erst „produziere“ (eben beide leben noch. Das ist ganz offensichtlich
durch den Kollaps der Wellenfunktion) schien eine unsinnige Vorstellung über Katzen, die in
die Leitidee einer objektiven – also nicht vom Kammern eingesperrt sind. Man kann sich noch

109
KAPITEL 3 Historischer Überblick

weitere, ähnlich absurde Gedankenexperimente reinflüssen gegenüber wesentlich unempfindli-


ausdenken. SCHRÖDINGER ging es nicht darum, cher. Dabei genügen schon geringste Störungen
Vorhersagen über das Vergiften von Katzen zu wie beispielsweise Streuungen von Photonen
machen, sondern drastisch aufzuzeigen, dass an einem Elektron eines Atoms. Durch die
quantenmechanische Vorstellungen nicht auf Verschränkung zwischen Photon und Elektron
die makrosopische Ebene übertragen werden bleibt diese Störung auch nach der Streuung „er-
können. Die Quantentheorie war aber keine halten“ und weitere, ebenso winzige Störungen
universale Theorie, wenn aus ihr nicht auch das kommen laufend hinzu. Auf diese Weise kann in
Verhalten der makroskopischen Welt abgeleitet kürzester Zeit ein überlagerter Quantenzustand
werden konnte! in einen Quantenzustand übergehen, der stabi-
ler ist (ÅAbbildung 3-117). Ein gemeinsamer,
Dekohärenz überlagerter Quantenzustand aller Atome einer
Bowlingkugel würde unter Normalbedingun-
Es wurden unterschiedliche Ansätze vorgeschla- gen bereits nach 10-26 Sekunden kollabieren,
gen, um den Realitätsstatus der Quantenwelt im Ultrahochvakuum nach 10-12 Sekunden.
und ihre Verbindung zur makroskopischen Welt Ein Elektron hingegen kann im Vakuum bei
festzulegen. Die sogenannte minimale Interpreta- Zimmertemperatur immerhin zehn Sekunden
tion reduzierte die Quantenwirklichkeit auf das, in einem überlagerten Zustand existieren. Wie
was von ihr zu messen war: Bei Wellenfunktion in der statistischen Mechanik das Verschwinden
und deren Kollaps handele es sich lediglich um der Zeitumkehrbarkeit eines Systems durch die
mathematische Konstrukte, die dazu dienten, Wirkung einer Vielzahl von Kollisionen erklärt
Messungen klassischer physikalischer Größen werden kann, so kann der Kollaps der Wellen-
vorherzusagen. Die meisten Physiker glaubten funktion als eine emergente Eigenschaft von gro-
jedoch an die Wirklichkeit der Quantenwelt und ßen, verschränkten Quantensystemen gedeutet
lehnten sich an die Kopenhagener Deutung an, werden. Man spricht von „Dekohärenz“ eines
3-117 das heißt, der Kollaps der Wellenfunktion wurde Quantensystems, da man ungestörte, nicht kol-
Dekohärenz. Hinter ei- als zusätzliches Postulat hinzugenommen, um labierte Zustände als „kohärent“ bezeichnet.
nem Doppelspalt ist die
Wellenfunktion eines
die klassische und die Quantenwelt miteinander Die Dekohärenz oder allgemeiner die The-
Teilchens, das Richtung
T zu verbinden. Aber sollte es wirklich nicht mög- orie verschränkter Quantensysteme spielt eine
Blende geschossen wurde, lich sein, auch den Kollaps der Wellenfunktion zentrale Rolle bei der Entwicklung von Quan-
eine Überlagerung der
zwei Zustände „durch
rein quantentheoretisch zu erklären? tencomputern. In Quantencomputern will man
Spalt 1“ und „durch Spalt Ein Ansatzpunkt bot die hohe Empfindlich- kohärente verschränkte Zustände einer größe-
2“. Durch Streuung eines keit von Quantensystemen gegenüber äußeren ren Zahl von Atomen (einige hundert) für sehr
Photons reduziert sich die
Einflüssen. Schon geringste Wechselwirkungen schnelle Berechnungen nutzen. Dafür muss das
Wahrscheinlichkeit der
Überlagerungszustände, führen dazu, dass sich Zustände miteinander System so weit wie möglich von der Umwelt
durch Streuung eines wei- verschränken und sich damit das Verhalten isoliert werden. Inzwischen ist es möglich, sehr
teren Photons reduziert des Systems radikal ändern kann. 1970 zeigte große Quantensysteme aus mehreren tausend
sie sich weiter, bis am
Ende nur noch die zwei HEINZ-DIETER ZEH (*1932), dass Überlagerungen Atomen in kohärenten Zuständen zu halten.
Optionen „durch Spalt (Superpositionen) wie die halblebige Schrödin- 2010 konnte ein sogenanntes Bose-Einstein-
1“ oder „durch Spalt 2“ ger Katze durch Störungen der Umwelt „von Kondensat aus circa 10 000 Atomen und 2 Mil-
übrig bleiben, beide mit
einer Wahrscheinlichkeit selbst“ verschwinden. Zustände, gegen die die limeter Länge für mehr als eine Sekunde lang
von 50%. Wellenfunktion gemeinhin „kollabiert“ sind Stö- erhalten werden. Um die Wirkung der Schwer-
kraft auszuschließen wurde das Experiment im
Fallturm des Instituts für Raumfahrttechnologie
und Mikrogravitation der Universität Bremen
durchgeführt. Es gelang auch bereits, den Pro-
zess der Dekohärenz anzuhalten und wieder um-
zukehren, sozusagen die „Reinkarnation“ einer
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529

(fast) toten Schrödinger Katze. Insgesamt wurde


die Grenze zwischen Quanten- und makrosko-
pischer Welt in den letzten Jahrzehnten immer
unschärfer und zu immer größeren Quantenob-

110
Erde, Wasser, Luft und Feuer

jekten hin verschoben. Dennoch bleiben auch in Viele-Welten-Hypothese


der Dekohärenz-Theorie noch Fragen offen. So
ist nicht geklärt, warum bei einer Einzelmessung HUGH EVERETT (1930 – 1982) gehörte ebenfalls
genau ein bestimmter Messwert auftritt. Aus zu den Physikern, die mit der Aufspaltung der
diesem Grund sind auch heute noch Ansätze Welt in „klassisch“ und „quantenmechanisch“,
im Gespräch, die schon zu Beginn der Debatte wie es die Kopenhagener Deutung vorsah, nicht
diskutiert wurden: die Bohmsche Mechanik und zufrieden waren. Er war allerdings der erste, der
die Viele-Welten Hypothese. der Quantenwelt die Führungsrolle zusprach.
Schließlich war der Kollaps der Wellenfunktion
Bohmsche Mechanik nur eingeführt worden, um eine Brücke zu der
uns vertrauten Welt der klassischen Physik zu
Der amerikanische Physiker DAVID BOHM suchte schlagen. Was aber wäre, wenn bei einer Mes-
einen Weg aus dem Indeterminismus der Quan- sung die Wellenfunktion gar nicht auf einen der
tenmechanik und knüpfte 1952 an die Arbeiten möglichen Werte kollabierte, sondern wenn in
von DE BROGLIE an, der stets davon ausging, Wirklichkeit alle Werte gleichzeitig realisiert
dass Materiewellen reale physikalische Objekte sind? EVERETT dachte in seiner Dissertation 1954
sind und die Bewegung der Teilchen führen. die Quantentheorie konsequent zu Ende. Statt
Für BOHM war nicht nur die Wellenfunktion eines Kollapses auf nur einen Wert sollte es bei
ein reales physikalisches Objekt, sondern auch einer Messung zur Zustandsüberlagerung von
der Ort eines Teilchens. Im Doppelspalt – Ex- Messobjekt und Messapparat kommen, so dass-
periment bewegt sich zwar die Wellenfunktion
ebenfalls durch beide Spalten, das Teilchen Quantenbewusstsein
jedoch bewegt sich immer nur durch einen
Spalt. Der „leere“ Teil der Wellenfunktion ist Die vermeintliche Beobachterabhängigkeit, die geradezu mystisch
prinzipiell nicht beobachtbar, beeinflusst aber anmutende Nichtlokalität, der Indeterminismus und die „Verschrän-
die Bewegung des Teilchens. Damit wäre die kung von allem“ in der Quantenwelt boten ausreichend Stoff für Spe-
Unbestimmtheit vom Ort eines Teilchens nur kulationen darüber, ob nicht die Quantentheorie ein Schlüssel für die
eine Frage unserer Unwissenheit und nicht Erklärung von Bewusstsein sein könnte. Ist nicht Bewusstsein subjektiv,
prinzipieller Natur. Um allerdings zu erklären, sind nicht Kreativität, bewusstes Erleben und Transzendenz verbunden
warum die Unbestimmtheitsrelation praktisch mit „Verbindung von allem mit allem“ und Nichtlokalität? Und steht
gilt, muss ähnlich wie beim Äquipartitions- der freie Wille nicht ohnehin im Widerspruch zum Determinismus der
theorem der statistischen Mechanik die sta- klassischen Physik?
tistische Verteilung der Ortskoordinaten eine Es gibt zahlreiche ältere und neuere Versuche, den menschlichen
ganz bestimmte Form besitzen. Diese Form Geist mit Hilfe der Quantentheorie zu erklären. Am bekanntesten sind
ist aus der Bohmschen Mechanik nicht ohne wohl die Arbeiten des Physikers und Mathematikers ROGER PENROSE
weiteres zu begründen. Eine weitere Schwäche (*1931) und des Anästhesisten STUART HAMEROFF (*1947). PENROSE
der Bohmschen Mechanik ist, dass eine um- sieht in weiträumigen kohärenten Zuständen, die kontrolliert kollabie-
fassende relativistische Erweiterung analog zu ren, einen Schlüssel für die nicht-algorithmische Funktionsweise unseres
den Quantenfeldtheorien noch nicht gelungen Gehirns. HAMEROFF sieht in internen Strukturen der Nervenzellen, den
ist. Die Bohmsche Mechanik ist wie die Quan- Mikrotubuli, einen Ort, in dem solche kohärenten Zustände bestehen
tenmechanik eine nichtlokale Theorie, da in ihr könnten.
die Wellenfunktion als Führungswelle ebenfalls Im Allgemeinen geht man allerdings heute davon aus, dass Zustands-
nichtlokal wirkt. überlagerungen im Makroskopischen extrem schnell kollabieren, mithin
Die Bohmsche Mechanik ist vom Wunsch in der Natur keine Rolle spielen. Dies gilt besonders für so großräumige
nach einer realistischen Quantentheorie im Ein- Strukturen wie das Gehirn. Möglicherweise könnten sich im Bereich von
steinschen Sinne motiviert, die insbesondere Makromolekülen Überlagerungen lange genug halten, um makroskopi-
ohne einen Kollaps der Wellenfunktion aus- sche Effekte zu bewirken. Ob allerdings zufallsbedingte Quanteneffekte
kommt. Inwieweit sie sich angesichts des oben gleich welcher Art, wie manchmal angenommen, geeignet sein könnten,
beschriebenen immer besseren Verständnisses die subjektiv empfundene menschliche Willensfreiheit zu erklären, mag
des Messprozesses behaupten kann, bleibt abzu- bezweifelt werden. Schließlich würde man sich unter dem freien Willen
warten. Experimente die zwischen beiden The- gern etwas anderes als Zufallswirken vorstellen.
orien unterscheiden ließen, gibt es derzeit nicht.

111
KAPITEL 3 Historischer Überblick

jeder mögliche Messwert gleichzeitig auftritt. Es Welt und dies führte zu einer entscheidenden
wäre so, als ob sich durch die Verschränkung Reduktion. Der Mathematiker LEONARD EULER
von Messobjekt und Messapparat die Welt in (1707 – 1783) definierte in seiner Fassung der
so viele Welten aufspalte, wie es mögliche Mess- Mechanik Körper nur durch die Eigenschaften
werte gibt. In einer Welt durchläuft das Teilchen Ausdehnung, Beweglichkeit, Trägheit und Un-
den oberen Spalt und wird dort registriert, in durchdringlichkeit. Für EULER war damals die
der anderen den unteren. Natürlich gilt diese Undurchdringlichkeit die wesentlichste Eigen-
Aufspaltung auch für den Beobachter, der das schaft der Körper und damit bewies er Weitsicht.
Messgerät abliest. Und natürlich können wir nur Wie wir noch sehen werden (ÅKapitel 4 und
eine Welt wahrnehmen, da wir immer nur eine 10), sind Elektron und die Bestandteile von Pro-
Variante der Welt beobachten können. ton und Neutron Fermionen, also Teilchen mit
Diese Interpretation der Quantenmechanik halbzahligem Spin für die das Pauli-Prinzip gilt.
war theoretisch konsequent, da sie nicht auf den (Å Das Periodensystem, das Pauli-Prinzip und
Kollaps als Zusatzpostulat angewiesen war. Ver- der Pauli-Effekt, Seite 101). Sie können deshalb
ständlicherweise traf sie bei EVERETTs Doktor- niemals den gleichen Zustand einnehmen, was
vater JOHN ARCHIBALD WHEELER (1911 – 2008) für die wechselseitige Undurchdringlichkeit der
und praktisch allen anderen Physikern dieser Atome sorgt.
Zeit auf Ablehnung. Eine ständige, billiarden- Was ist von den anderen Eigenschaften
fach pro Sekundenbruchteil auftretende Auf- geblieben, die EULER Körpern zusprach? Aus-
spaltung der Welt in viele Welten war einfach dehnung und Beweglichkeit würde man heute
absurd! Seine Dissertation wurde schließlich in kaum mehr dazu rechnen, da auch Felder beide
einer abgeschwächten Form publiziert. EVERETT Eigenschaften besitzen und ihnen in der Quan-
war enttäuscht von der Aufnahme seiner Arbeit tentheorie Teilchen zugeordnet werden, die aber
und verließ die theoretische Physik um sich bis keine Fermionen sind. Auch kann Ausdehnung
zu seinem frühen Tod praktischen Problemen aufgrund der Unschärferelation keine feste Ei-
vor allem im militärischen Bereich zuzuwenden. genschaft eines Körpers sein. Was bleibt, ist die
Erst 1970 wurden seine Vorstellungen im Trägheit. Sie ist mit Masse verbunden, einem
Rahmen der Dekohärenztheorie (siehe oben) Begriff, der seit NEWTON in zwei Ausführungen
wieder aufgegriffen. Sie baut auf EVERETTs Ar- vorkommt: als träge Masse und als schwere
beit auf, indem sie nicht nur den Messapparat, Masse. Letztere ist Ursache der Gravitations-
sondern die gesamte Umwelt eines Messobjektes kraft und nach allem, was wir wissen, sind beide
als Quantenobjekte betrachtet. Auch im Rahmen Massen gleich groß. Dass Masse selbst jedoch
von Quantengravitation und Stringtheorie wer- keine konstante Größe eines Körpers ist, son-
den EVERETTs Gedanken zumindest theoretisch dern von dessen Geschwindigkeit im Bezugssys-
weiter geführt. tem abhängt, in dem sie gemessen wird, wissen
wir seit EINSTEIN. Man sollte daher besser von
der Ruhemasse eines Körpers sprechen. Masse
Was ist Materie heute? ist zudem äquivalent zu Energie. Deshalb erzeugt
auch jedes Feld ein Gravitationsfeld und besitzt
Diese Frage stellen Sie sich vielleicht im Moment, Trägheit. Was also bleibt, ist die Frage, warum
nachdem wir durch mehr als zwei Jahrtausende manche Teilchen eine Ruhemasse besitzen und
Geschichte gewandert sind. Wir sagten schon zu manche nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist
Beginn, dass es sich um einen abstrakten Begriff Ruhemasse eine Folge der Wechselwirkung mit
handelt, kein Element der unmittelbaren Erfah- einem Feld, dem Higgs-Feld (ÅWie Teilchen ihre
rung. Dieser Begriff entwickelte sich, wie wir Masse bekommen, Seite 436).
gesehen haben, aus der Vorstellung über einen Betrachtet man heute die fundamentals-
Urstoff, aus dem die Welt besteht. Auf die daraus ten Theorien über die Welt, Stringtheorie und
sich ergebende Frage, wie denn das Vielfältige Quantengravitation, so bleibt nichts mehr, was
aus dem Einen entstehe, haben Menschen un- man „materiell“ nennen könnte. Es geht um
terschiedliche Antworten gefunden. Im Westen mathematische Strukturen, deren Symmetrien
vollzog sich mit DESCARTES dabei eine Tren- und „Eleganz“. Mancher mag sich da an die
nung zwischen „materieller“ und „geistiger“ platonische Welt der Ideen erinnert fühlen. —

112
KAPITEL 4

Demokrits Erben
Das Geheimnis der Stoffe
Elemente im Periodensystem
Teilchen finden zusammen
Eigenschaften der Stoffe
BILDRECHTE SIEHE BILDNACHWEIS, S. 529
Zum vierten Kapitel

Die Materie, aus der wir selbst bestehen, von der wir leben auch sie sind durch die Eigenschaften der Teilchen des betref-
und die wir von unserer unmittelbaren Umgebung bis in fenden Materials definiert. Denn diese bestimmen ja auch
den entferntesten Winkel des Weltraums vorfinden, besteht die möglichen Anordnungen der Atome untereinander, aus
überraschenderweise aus einer durchaus überschaubaren denen sich viele der Materieeigenschaften ergeben. Noch um
Anzahl verschiedener Atomarten. Dies verstanden zu haben, einiges schwieriger ist es natürlich, etwa die Weichheit einer
ist vielleicht die wichtigste Einzelerkenntnis, die Wissenschaft- Kuscheldecke oder den Geruch einer Rose atomar zu erklä-
ler jemals errungen haben (ÅKapitel 3). Stoffe aus gleichen ren. Es sollte aber – zumindest im Prinzip – stets möglich sein.
Atomen nennen wir Elemente. Natürlich sind dies nicht mehr Vor etwa hundertfünfzig Jahren ist es gelungen, die nur
die Elemente der griechischen Antike, und auch die Atome etwa hundert Atomarten, aus denen das gesamte sichtbare
haben ihre Unteilbarkeit längst eingebüßt. Ihre wichtigsten Universum besteht, in einem einfachen Schema anzuordnen,
Bestandteile, Elektronen, Protonen und Neutronen, sind uns dem Periodischen System der Elemente (PSE oder einfach
schon in Kapitel 3 begegnet. Periodensystem). Darin sind die Elemente spaltenweise nach
Atome sind nach außen hin elektrisch neutral und alle- Gruppen chemisch und physikalisch einander ähnlicher Ele-
samt nach einem einheitlichen Schema aufgebaut. In ihnen mente und zeilenweise nach Perioden geordnet.
stimmt die Anzahl negativ geladener Elektronen der Hülle In diesem Kapitel werden wir den gesamten Aufbau des
mit der Zahl positiver Ladungen des Atomkerns überein. Periodensystems sowie die Eigenschaften wichtiger Gruppen
Atome können bequem nach aufsteigender Kernladungszahl und exemplarisch einige wichtige einzelne Elemente kennen-
(Ordnungszahl) geordnet werden. Man benötigt tatsächlich lernen.
nur zwei Arten von Teilchen im Atomkern (Protonen und Wir werden uns auch fragen, auf welche Weise gleiche und
Neutronen) sowie die Elektronen der Atomhülle, um nicht verschiedene Atome untereinander Bindungen ausbilden bzw.
nur alle Elemente, sondern auch deren chemisches Verhalten wie und weshalb sich die Teilchen zu größeren Aggregaten
erklären zu können. zusammenlagern können. Und schließlich versuchen wir uns
Es ist Aufgabe der Chemiker, das Verhalten der Elemente in der Erklärung einiger Eigenschaften von Stoffen aufgrund
sowie der aus verschiedenenartigen Atomen zusammengesetz- ihrer atomaren Zusammensetzung. Viel Spaß beim Kennen-
ten Verbindungen aus den Eigenschaften ihrer Bestandteile lernen der wichtigsten Bauprinzipien unserer Welt!
und aus deren Anordnung zu erklären. Sie müssen sich dazu
fast ausschließlich um die Zustände in den Elektronenschalen
kümmern, denn diese sind für das Verhalten nach außen hin
verantwortlich. Sie legen beispielsweise fest, wie ein Atom
„aussieht“ und welche Bindungen es eingehen kann. (Die un-
gleich schwierigere Aufgabe, die Bestandteile des Atomkerns
tiefer gehend zu untersuchen, überlassen Chemiker gern ihren
Kollegen aus der Physik, und wir verschieben diesen Aspekt
auf Kapitel 10.)
Wie sich herausstellt, kann man erstaunlicherweise eine
ganze Reihe von Stoffeigenschaften direkt auf Eigenschaften
von Atomen und Bindungen zurückführen. Zum Beispiel
sind Stoffe besonders hart, wenn ihre Atome besonders feste
Bindungen untereinander ausbilden, besonders schwer, wenn
sie aus Atomen hoher Ordnungszahl bestehen, und sie leiten
den elektrischen Strom besonders gut, wenn sich in ihnen
Elektronen frei von Atom zu Atom fortbewegen können.
Andere Eigenschaften von Stoffen, wie etwa die Zähigkeit
eines Metalls, lassen sich etwas weniger direkt herleiten. Aber
Erde, Wasser, Luft und Feuer

Demokrits Erben

Das Geheimnis der Stoffe Die historische Reihenfolge, in der sie erstmals
beschrieben wurden, sagt natürlich wenig über
Elemente und ihre Eigenschaften die Elemente selbst aus. Allenfalls kann man
daraus auf gewisse Eigenschaften schließen,
Wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben, wie auf die Reaktionsträgheit der Edelmetalle,
versuchten und versuchen Wissenschaftler, die deshalb auch gediegen gefunden werden
immer tiefer in das Wesen der Materie vorzu- und daher schon früh bekannt waren. In an-
dringen. Wir haben gehört, dass uns schließlich deren Fällen, wie beim Kohlenstoff, kann man
die Entwicklung des periodischen Systems der vielleicht eine gewisse Häufigkeit in unserer
Elemente und die Theorie der Atome mächtige Umgebung oder zumindest die Beständigkeit
Mittel in die Hand gaben, unsere materielle an der Luft erschließen. Im Wesentlichen aber
Umwelt detailliert zu beschreiben. ist dies eine Reihenfolge der historischen Zu-
Tatsächlich erlauben uns die Erkenntnisse fälle.
insbesondere des neunzehnten und zwanzigsten
Jahrhunderts, enorm viel von der Struktur der Erste Elemente –
Materie zu verstehen. Es soll aber nicht ver- Die Grundstoffe der Alchemisten
schwiegen werden, dass in der Natur hinter je-
dem gelösten Geheimnis neue, tiefer liegende
Fragen stehen. Das gilt auch für die Bestandteile
der Atome, von denen wir in diesem Kapitel nur
die drei wichtigsten kennenlernen werden.
Bevor wir uns aber anschauen, wie die Che-
Cu
miker den Aufbau der materiellen Welt heute Kupfer
im Detail erklären, sollten wir zunächst exem- Das im Lateinischen als
plarisch einige der Elemente so betrachten, wie „cuprum“ bezeichnete
sie sich für unsere Sinne darstellen, nämlich Element ist schon aus
als einheitliche Stoffe. Weder ihren Aufbau aus vorgeschichtlicher Zeit
Atomen sieht man ihnen äußerlich an, noch bekannt , denn es
ihren Elementcharakter. Sie unterscheiden sich kommt in der Natur
nicht offensichtlich von den viel zahlreicheren auch gediegen vor. Be-
Verbindungen, den Stoffen, die aus mehreren reits gegen Ende der
Elementen bestehen. Steinzeit, in der nach diesem Metall benannten
Kupferzeit, wurden Gerätschaften aus dem sehr
Einige Elemente stellen sich vor zähen Kupfer hergestellt. Auch für Waffen wurde
es verwendet, obwohl es hierfür eigentlich viel
Tatsächlich sind etwa ein gutes Dutzend wirk- zu weich ist. Die Bezeichnung geht zurück auf
licher chemischer Elemente bereits seit langem „aes Cyprium“ (zyprisches Erz), es wurde des-
stofflich bekannt. Einige, wie etwa Kohlenstoff halb auch der zyprischen Göttin Aphrodite zu-
oder Gold, sogar nachweislich seit prähistori- geordnet und später der römischen Venus. In der
scher Zeit. Mit Ausnahme des Quecksilbers sind Bronzezeit wurde Kupfer der wesentliche Legie-
dies allesamt Feststoffe (ÅZeitleiste folgende rungsanteil für Bronze. Mit Zink bildet es die Bronze
Doppelseite unten). Unsere Vorfahren nutzten später erfundene weichere Legierung Messing. Kupfer + Zinn (u. a.)

sie seit Jahrtausenden – freilich ohne sie als Interessant am Kupfer ist aus materialwissen- Messing
Grundbausteine der Welt zu erkennen. schaftlicher Sicht hauptsächlich seine unter den Kupfer + Zink

115
KAPITEL 4 Demokrits Erben

Metallen einmalige rötliche Farbe. Kupfer absor- verändert erhalten. Die Verarbeitung des extrem
Oxidation
biert blaues und grünes Licht, weil deren Ener- duktilen (leicht verformbaren) Metalls, vor al-
Früher verstand man gien den Energiedifferenzen von Bandlücken des lem zu Schmuckzwecken, ist seit mindestens
unter Oxidation
ausschließlich den Kupfers entspricht (ÅTransparenz und Absorp- 6000 Jahren nachgewiesen. Erste Goldmünzen
Vorgang, bei dem sich tion, Seite 215). waren in orientalischen Ländern um 650 v. Chr.
ein Stoff (etwa ein im Umlauf. Mindestens seit dem 11. Jahrhun-
Metall) mit Sauerstoff
verbindet, also z.B. dert ist die Auslaugung von Gold aus fein ver-
die Verbrennung oder
das langsamer ablau-
fende Rosten (siehe
erweiterte Definition
Pb teiltem Goldstaub durch Legierungsbildung mit
Quecksilber (Amalgamierung) bekannt. Die
künstliche Umwandlung anderer Elemente in
Seite 138). Blei Gold („Transmutation“) war eines der Ziele der
Bemühungen der Alchemisten bei der Suche
Blei (lat. plumbum) war nach dem „Stein der Weisen“. Die Herstellung
in Ägypten bereits um v on Goldatomen ist heute ausgehend von
Reduktion das Jahr 3000 v. Chr. Quecksilber in Kernreaktoren tatsächlich mög-
Die Gewinnung eines als Gebrauchsmetall lich, allerdings ist sie völlig unwirtschaftlich.
Reinelements (meist und Abfallprodukt der
eines Metalls) aus sei-
Silbergewinnung be-

C
nen natürlich vorkom-
menden Erzen kann als kannt. Die Griechen gewannen es auf Zypern
Reduktion bezeichnet und Rhodos, die Römer in Italien, Spanien, Element des Lebens
werden. Technisch Frankreich und Deutschland. Der deutsche und
wird dieser Prozess
zumeist durch Erhitzen Name geht auf das altgermanische „blio“ oder Kohlenstoff „A girl’s best friend“
mit Koks (Kohlenstoff) „bliw“ (schimmern, glänzen) zurück. Blei
bewerkstelligt. Dabei kommt manchmal in gediegener Form, haupt- Kohlenstoff (lat. car-
r
bildet sich zunächst
das giftige Gas Kohlen- sächlich aber als Bleiglanz (Galenit, ÅAbbildung boneum) , das Element
monoxid (CO), das 5-85) vor, aus dem sich das Metall leicht gewin- des Lebendigen (ÅKa-
dann als eigentliches nen lässt. Im Mittelalter wurde die Gefährlich- pitel 12), nutzten
Reduktionsmittel dem
Metall den Sauerstoff keit des hauptsächlich chronisch krank machen- Menschen seit prähis-
entzieht und dabei den Schwermetalls deutlich, nachdem durch torischer Zeit in Form
selbst in Kohlendioxid Bleiazetat gesüßter Wein zu Vergiftungen geführt von Holzkohle, Kno-
(CO2) übergeht.
hatte (Reutlinger Krankheit). Trotzdem diente chenkohle, Ruß etc.
das Metall bis in die Neuzeit zur Herstellung von sowie als Brennstoff und Pigment. Später spielte
Wasserleitungsrohren. es eine große Rolle als starkes Reduktionsmittel
bei der Gewinnung von Metallen aus oxidischen
Erzen. Neben Schwefel war es ein wichtiges Re-

Au agenz für alchemistische Versuche. In Form von


Aktivkohle, einer Knochenkohle mit enorm gro-
ßer innerer Oberfläche aufgrund der schwamm-
Gold artigen Struktur kam es schon früh in der Medi-
zin zur Entgiftung zum Einsatz. Erst um 1780
Gold (lat. a u r um) aber wurde Kohlenstoff durch den französischen
kommt wegen seiner Chemiker ANTOINE LAURANT DE LAVOISIER A als
Stabilität gegen fast chemisches Element erkannt. Er verbrannte auch
alle chemischen Ein- Diamanten unter einem Brennglas zu Kohlendi-
f lüsse gediegen vor oxid und konnte so beweisen, dass Diamant eine
und wurde bereits in Erscheinungsform des Kohlenstoffs ist. Anfang
prähistorischer Zeit aufgesammelt. Im Gegen- des 19. Jahrhunderts wurde dasselbe auch für
satz zu nahezu allen anderen Artefakten haben Graphit bestätigt. Die Erscheinungsformen (Mo-
sich Gegenstände aus Gold bis heute völlig un- difikationen) des Kohlenstoffs könnten vielfälti-

116
Erde, Wasser, Luft und Feuer

ger nicht sein. Zum Beispiel zeigt der Gegensatz Hauptingredienz vieler Rezepturen. Gießt man
von weichem schwarzen Graphit, folienartigem geschmolzenen Schwefel in kaltes Wasser, so ent-
Graphen, pulverförmigen Fullerenen, hartem steht eine knetbare Modifikation, die als plasti-
transparentem Diamant oder den in manchen scher Schwefell bezeichnet wird. Bereits bei Ho-
Fällen sogar noch etwas härteren Nanoröhrchen mer und im Alten Testament wird das Element
überdeutlich, dass die Eigenschaften der Atome mit einigen seiner Eigenschaften erwähnt. Der
keineswegs eindeutig die Stoffeigenschaften fest- raschen Bildung von Kupfersulfid beim Kontakt
legen. Wohl bestimmt der Atombau, welche mit Kupfer verdankt der Schwefel seinen Namen.
Möglichkeiten es insgesamt gibt, aber die in den Die aus dem Sanskrit stammende Bezeichnung
Kristallen realisierten Symmetrien und die Bin- „sulfur“ bedeutet „Feind des Kupfers“.
dungsverhältnisse sind letztlich entscheidend für
das tatsächliche Stoffverhalten. Sie sind dem
Material über seine Entstehungsgeschichte bzw.
Herstellungsmethode aufgeprägt.
Aufgrund seiner besonderen Bindungseigen-
Ag
schaften spielt Kohlenstoff in biologischen und Silber
künstlichen Makromolekülen eine herausra-
gende Rolle: Er bildet das Rückgrat dieser Mo- Auch Silber (lat. argen-
leküle und sorgt für deren unglaubliche Vielfalt, tum) gehört zu den
und dies in einem Ausmaß, dass die Kohlenstoff- Metallen, die teils ge-
chemie („organische“ Chemie) allein schon viel diegen, teils minera-
mehr Verbindungen kennt als die Chemie aller lisch vorkommen. Es
anderen Elemente zusammen. Der Grund liegt findet sich oft verge-
in der flexiblen Kombinierbarkeit. Dass Kohlen- sellschaftet mit Gold,
stoffatome aufgrund ihres Atombaus gleichzeitig Kupfer und anderen
vier sehr stabile Bindungen zu ihresgleichen oder Metallen und wird seit mindestens 5000 v. Chr.
anderen Atomen ausbilden können, erlaubt die verwendet. Schon bei Homer ist von „silbernen
Entstehung einmalig komplexer kettenförmiger Rüstungen“ die Rede. Erste Silbermünzen wur-
oder vernetzter organischer Strukturen. den in der Zeit um 550 v. Chr. in Kleinasien
geprägt. Silber wird vor allem in Form seiner
Legierungen eingesetzt. Wichtige Anwendungs-

S bereiche sind von Alters her Schmuckherstel-


lung, Essbestecke und Trinkgefäße, sowie die
Fertigung von Silberspiegeln. Im Gegensatz zu
Schwefel Gold zeigt unlegiertes Silber eine starke Reakti-
Schwefel (lat. sulphur) vität mit Schwefel zu schwarzem Silbersulfid.
kondensiert aus vulka-
nischen Gasen als kris-
tallines Pulver oder in
größeren Kristallaggre-
gaten. Es ist daher ein
Sb
seit dem Altertum bekanntes Element. Wegen Antimon
dieser Herkunft aus dem Erdinneren wurden
Schwefel und sein stark unangenehm riechendes (lat. stibium). Dieses
Verbrennungsprodukt Schwefeldioxid kultur- wegen seiner geringen
geschichtlich immer wieder mit Teufel und Hölle technischen Bedeutung
in Zusammenhang gebracht und manchmal auch wenig bekannte Metall
als Synonym für Brennfähigkeit überhaupt be- war erstaunlicherweise bereits im frühen China
trachtet. Bei den Alchemisten war Schwefel eine und in Babylonien bekannt. Es kommt gelegent-

117

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KAPITEL 4 Demokrits Erben

lich gediegen vor, wurde aber hauptsächlich durch gelungen mit Quecksilber gefüllte Becken und
Rösten (Å Kapitel 5) seiner sulfidischen (schwefel- Teiche in Form von Porphyrmuscheln anlegen.
haltigen) Erze und Reduktion der entstehenden Quecksilbe