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Morphologie und Syntax (BA)

Morphologie und Syntax (BA)


Morphologie und Syntax: Kongruenz, Kasus, Status,
Subkategorisierung

PD Dr. Ralf Vogel

Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft


Universität Bielefeld
Ralf.Vogel@Uni-Bielefeld.de

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Morphologie und Syntax (BA)

Gliederung

1 Übungsaufgabe 3

2 Flexion

3 Kongruenz

4 Kasus

5 Verb-Status

6 Analytische Konstruktionen

7 Übungsaufgabe 4

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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Übungsaufgabe 3

(1) Betrachten Sie die beiden folgenden deutschen


Flexions-Beispiele:

Sg Pl Sg Pl
Nom Tag – e 1.Pers. leg e en
Gen es e 2.Pers. st t
Dat – en 3.Pers. t en
Akk – e
• Welche Hinweise bekommen Sie hier für die Beurteilung,
ob das Deutsche eine analytische, agglutinierende oder
flektierende Sprache ist?

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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Übungsaufgabe 3
• Die Flexionsform des Nomens, die wir hier sehen, nennt
man auch Grundformflexion, und die des Verbs
Stammflexion.
• Bei der Grundformflexion taucht die einfache unaffigierte
Form selbst im Paradigma auf.
• Wenn man sich den Plural des Nomens betrachtet, fällt
auf, dass man ein Plural-Affix, ‘-e-’, und ein Dativ-Affix,
‘-n-’, identifizieren kann.
• Parallel kann man das ‘-s-’ im Singular als Genitiv
ansehen.
• Man könnte also aufgrund dessen Deutsch als
agglutinierende Sprache ansehen.
• Im Kontrast dazu ist das verbale Paradigma typisch für
eine flektierende Sprache.
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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Übungsaufgabe 3

(2) Auch im Deutschen könnten Morphemschichten hilfreich


sein, um Umlaut und Ablaut zu erfassen.
a. Versuchen Sie, für ‘Boot — Bötchen’ eine
Repräsentation zu entwerfen, die das
Verkleinerungsmorphem so repräsentiert, dass der
Umlaut mit erfasst wird!
b. Versuchen Sie das Gleiche für den Ablaut ‘singen
— sang’!

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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Übungsaufgabe 3

MJ MJ
ttt JJJ ttt JJJ
t JJ t JJ
tt tt
b o: t b ø: t

C V C C V C C VÂ C C V C
Â
[+vorne] jç ff@ ddn [+vorne] jç ff@ ddn
jjj
ff
djdfjdfjdfjdfdfdfdfddddd jjj
ff
djdfjdfjdfjdfdfdfdfddddd
f
dfjjdfjdfd d f
dfjjdfjdfd d
M M

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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Übungsaufgabe 3
M
J
tt JJJ
ttt JJ
t
s N

C V C

M
• Die einfache Vergangenheit bei sing—sang lässt sich,
wenn man möchte, parallel zu arabischen Binyanim
ableiten.
• Der Vokal bestimmt das Tempus.
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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 3

Morphologie und Syntax

• Wir haben gesehen, dass das Deutsche morphologisch


relativ reichhaltig ist.
• Verben, Nomen und Adjektive werden nach mehreren
Kategorien flektiert.
• Wir werden heute betrachten, unter welchen Umständen
die Gestalt von Wörtern, insbesondere ihre Flexion, von
anderen Wörtern abhängt.
• Das betrifft im Deutschen insbesondere die Phänomene
der Kongruenz, der Kasus-Selektion und des verbalen
Status.

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Morphologie und Syntax (BA)
Flexion

Flexion

• Wir haben festgestellt, dass im Deutschen neben


Funktionswörtern wie Hilfsverben, Pronomen und Artikel
drei lexikalische Wortarten flektiert werden:
1 Nomen (der Ball, des Balles, dem Ball, den Ball . . . )
2 Adjektive (alter Wein, alten Weines, altem Wein, alten Wein
...)
3 Verb (ich singe, du singst, er/sie/es singt . . . )

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Morphologie und Syntax (BA)
Flexion

Flexion

• Nomen, Adjektive, Pronomen und Artikel werden nach


folgenden Flexionskategorien flektiert:
• Genus
• Numerus
• Kasus
• Bei Nomen ist das Genus lexikalisch festgelegt.
• Der Numerus eines Nomens ergibt sich in der Regel durch
die Bedeutung, die ausgedrückt werden soll.
• Der Kasus wird über den syntaktischen Kontext bestimmt.
• Adjektive und Artikel richten sich in allen drei Kategorien
nach dem Nomen, zu dem sie gehören. Das nennen wir
Kongruenz (englisch: ‘agreement’).

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Flexion

Nomen-Flexion — ein Beispiel


• Das Genus des Nomens „Ball“ ist lexikalisch auf
Maskulinum festgelegt:

(1) der Ball, *das Ball, *die Ball

• Der Numerus kann bei den meisten Nomen variieren.

(2) Singular Plural


a. Ball Bälle
b. Fleisch *Fleische,*Fleischs,*Fleischen
c. *Leut Leute

• Ausnahmen sind Massennomen wie „Fleisch, Holz,


Wasser“, die nur im Singular erscheinen, oder Nomen wie
„Leute“, die nur im Plural existieren.
• Sie lassen sich über die Bedeutung der Nomen verstehen.
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Flexion

Nomen-Flexion — ein Beispiel


• Welchen Kasus ein Nomen hat, bestimmt sich über den
syntaktischen Kontext.
(3) Nominativ Der Bauer lachte (*des/*dem/*den Bauern)
Genitiv Der Hund des Nachbarn bellte (*der/*dem/*den Nachbar(n))
Dativ Maria folgte dem Gastgeber (*der/*des/*den Gastgeber(s))
Akkusativ Der Gläubige besuchte den Papst (*der/*dem/*des Papst(es))

• Präpositionen verlangen oft einen bestimmten Kasus, oder


variieren semantisch mit verschiedenen Kasus:

(4) a. zu diesem/*diesen Ort Dativ/*Akkusativ


b. durch diesen/*diesem Ort Akkusativ/*Dativ
c. an diesem Ort Dativ: Position
d. an diesen Ort Akkusativ: Richtung
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Flexion

Nomen-Flexion — Kasus
• Wie wir bereits gesehen haben, ist die Flexions-Morphologie
von Nomen eher spärlich:

Tabelle 1: Nominale Flexionsparadigmen des Deutschen, nach


Sternefeld (2006)

• Die Flexionsmorpologie der Nomen unterscheidet


insbesondere nicht eindeutig zwischen den Kasus.
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Flexion

Nomen-Flexion — Kasus

• Oft kann im Deutschen der Kasus nur mithilfe von Artikeln


(„der/die/das, ein/eine“) oder Artikelwörtern
(„dies-/jen-/kein-“ etc.) bestimmt werden.

(5) a. der Ball, des Balles, dem Ball, den Ball


b. ein Ball, eines Balles, einem Ball, einen Ball
c. dieser Ball, dieses/n Balles, diesem Ball, diesen Ball

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Flexion

Nomen-Flexion — Kasus

• Bei Abwesenheit eines Artikels oder Artikelworts


übernimmt auch ein Adjektiv diese Funktion:

(6) alter Käse, alten/*altes Käses, altem Käse, alten Käse

• Zu beachten ist der Unterschied zwischen Artikel(wort)


und Adjektiv im Genitiv.
• Der Genitiv ist der einzige Kasus, der im Maskulinum
Singular zumeist auch am Nomen erkennbar ist.

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Kongruenz

Kongruenz in Nominalphrasen

• Artikel, Artikelwort und Adjektiv kongruieren mit dem


Nomen in Kasus, Numerus und Genus:

(7) a. Ich habe von dem frischen Bier getrunken.


b. Ich habe vielen alten Leuten geholfen.

• Man drückt dies auch in Form von Merkmalen aus.


• Die nominalen Flexionsmorpheme realisieren bestimmte
Merkmalskombinationen.
• -en steht hier für <Kasus=Dativ,Numerus=Plural>. Genus
wird im Plural nicht unterschieden.

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Kongruenz

Kongruenz in Nominalphrasen

• Diese Merkmalskombination wird von den kongruierenden


Elementen – Artikel(wort), Adjektive – übernommen.
• Kongruenz ist eine syntaktische Relation.
• Die morphologische Gestalt eines Wortes hängt von der
eines anderen Wortes ab, wenn die beiden in einer
bestimmten syntaktischen Konfiguration stehen.

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Kongruenz

Kongruenz in Nominalphrasen

• Die syntaktische Konfiguration, um die es hier geht,


besteht darin, dass Artikel(wort), Adjektiv und Nomen eine
Nominalphrase bilden:

(8) von [ NP dem frischen Bier]

• Beispielsweise kann der definite Artikel in (9) nur mit „Bier“


kongruieren, nicht aber mit „Sängerin“.

(9) Eine Sängerin hat von dem/*der/*die frischen Bier


getrunken.

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Kongruenz

Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb

• Neben der Kongruenz innerhalb von Nominalphrasen gibt


es die Kongruenz zwischen dem finiten Verb und dem
Subjekt eines Satzes.

(10) a. Ich habe Migräne.


b. Du hast Migräne.

• Das Subjekt eines Satzes steht im Deutschen im


Nominativ.
• So gut wie jeder Satz im Deutschen muss ein Subjekt
haben.

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Kongruenz

Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb

• In manchen Fällen, bspw. bei Wetter-Verben, haben wir nur


ein sogenanntes expletives Subjekt, das Pronomen „es“,
das Kongruenz in der 3. Person Singular am Verb auslöst.
• Auch bei italienischen Wetter-Verben wird das Verb in der
3.Person Singular flektiert, obwohl kein Expletivum
erscheint:

(11) a. Es regnet/schneit/hagelt.
b. piove
regnet-3Sg
„es regnet“ (Italienisch)

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Kongruenz

Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb

• Kongruenz in der 3. Person Singular finden wir auch bei


Nebensätzen, die als Subjekt fungieren (12-a).
• Unpersönliche Passive kommen sogar ohne Subjekt aus.
Auch hier flektiert das Verb in der 3.Person (12-b).

(12) a. Dass es regnet, stört mich.


b. Hier wird nicht gelacht.

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Kongruenz

Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb

• 3.Person Singular ist in vielen Sprachen die


Standardflexion (englisch: „default“) für das Verb, wenn
kein Subjekt zur Verfügung steht, das die nominalen
Merkmale für die verbale Kongruenzflexion vorgibt.
• Auch dieses Kongruenz-Phänomen, die
Subjekt-Verb-Kongruenz, unterliegt also einer
syntaktischen Bedingung:
• Das Verb übernimmt die Merkmalsspezifizierung für
Numerus und Person vom Subjekt des Satzes.

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Kongruenz

Kasus-Kongruenz bei Nomen


• Ein dritter Fall von Kongruenz ist im Deutschen die
Kasus-Kongruenz eines Nomens.
• Sie lässt sich in zwei Arten von Konstruktionen beobachten:

(13) In einer Präpositionalphrase mit „als“, z.B. bei


komparativen Adjektiven:
a. Der Polizist ist grösser als der Demonstrant.
(Nominativ)
b. Auf Usedom trifft man einen Dichter öfter als einen
Maler. (Akkusativ)
(14) Als Prädikatsnomen, bspw. bei Verben wie „nennen“:
a. Sie nannte ihn einen Verräter. (Akkusativ)
b. Er wurde von ihr ein Verräter genannt. (Nominativ)

• Auch die Kasus-Kongruenz bei Nomen ist also auf


bestimmte syntaktische Konfigurationen beschränkt.
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Kongruenz

Kongruenz bei Pronomen

• Pronomen kongruieren in Numerus und Genus mit ihrem


Bezugsnomen:

(15) Personalpronomen:
Das ist Peter. Ich kenne ihn/*sie seit unserer Jugend.
(16) Relativ-Pronomen:
Das ist der Mann, den ich seit unserer Jugend kenne.

• Man spricht bei Personalpronomen auch von Bindung des


Pronomens durch sein Bezugsnomen.
• Binder und Pronomen müssen dabei nicht unbedingt in
einer syntaktischen Relation, bspw. im selben Satz,
stehen.
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Morphologie und Syntax (BA)
Kongruenz

Kongruenz bei Pronomen


• Ein Unterschied zwischen Personalpronomen und
Relativ-Pronomen:

(17) a. Relativsatz:
Das Mädchen, das/*die ich kenne . . .
b. Das Mädchen steht dort. Es/Sie ist nett.

• Für das Personalpronomen kann entweder das


grammatische (Neutrum) oder das semantische
(Femininum) Genus verwendet werden.
• Das Relativpronomen muss das grammatische Genus
verwenden.
• Beim Relativ-Pronomen in (17-a) stehen Binder und
Pronomen im selben Satz, während Binder und
Personalpronomen in (17-b) in verschiedenen Sätzen
stehen.
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Kongruenz

Kongruenz bei Possessiv-Pronomen

• Ein interessanter Fall sind Possessiv-Pronomen


(besitzanzeigende Pronomen).
• Ihr Wortstamm kongruiert in Genus und Numerus mit
ihrem Binder.
• Ihr Flektionssuffix richtet sich in Kasus, Numerus und
Genus nach dem Kopfnomen ihrer Nominalphrase (wie ein
Artikelwort):

(18) Das ist Peter. Ich habe seine Bücher gelesen.

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Kongruenz

Kongruenz — Zusammenfassung

• Fassen wir die vier betrachteten Kongruenz-Relationen


zusammen.

kongruierendes Element Kategorie Merkmalsquelle


Adjektiv, Artikel(wort) Genus, Numerus Kopfnomen der NP
finites Verb Person,Numerus Subjekt
Prädikatsnomen Kasus modifiziertes Nomen
Pronomen Numerus, Genus Binder

Tabelle 2: Kongruenz-Relationen im Deutschen

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Kasus

Kasus

• Der Kasus einer Nominalphrase wird von ihrem


syntaktischen Kontext bestimmt.
• Kasus wird an eine Nominalphrase zugewiesen.
• Als Kasuszuweiser können Verben, Präpositionen,
Adjektive und Nomen fungieren.

(19) Kasuszuweisung durch eine Präposition:


a. Wir liefen zu dem Feld.
b. Sie sprang durch den Reifen.

• „zu“ weist Dativ zu, „durch“ Akkusativ.

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Kasus

Kasus

(20) Kasuszuweisung durch ein Nomen:


a. Peters Auto
b. Die Eroberung Trojas

• Innerhalb einer Nominalphrase wird Genitiv vom Kopf der


Nominalphrase (hier: „Auto, Eroberung“) zugewiesen.

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Kasus

Kasus

(21) Kasuszuweisung durch ein Adjektiv:


ein seiner Frau treuer Ehemann

• Adjektive wie „treu“ weisen Dativ an ihre nominale


Ergänzung zu.
• Eine Nominalphrase im Nominativ ist im Deutschen
obligatorisch, wenn ein finites, also für Person, Numerus
und Tempus flektiertes Verb vorhanden ist:

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Kasus

(22) Kasuszuweisung durch ein finites Verb:


a. Es regnet.
b. Er/*ihm/*ihn lachte.

• Bevor wir die weiteren Kasus-Relationen bei Verben


betrachten, beschäftigen wir uns noch mit zwei für die
Analyse wichtigen theoretischen Konzepten,
grammatischen Funktionen und syntaktischen Kategorien.

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Grammatische Funktionen
• Mit grammatischen Funktionen bezeichnen wir die Rollen,
die einzelne Satzteile oder Satzglieder in einem Satz
übernehmen.
• Eine Funktion, die wir bereits kennengelernt haben, ist das
Subjekt.
Subjekt Ein Subjekt steht im Deutschen im Nominativ.

• Wir unterscheiden mehrere Typen von Objekten:


Akkusativ-Objekt Ein Akkusativ-Objekt steht im Akkusativ.
Dativ-Objekt Ein Dativ-Objekt steht im Dativ.
Genitiv-Objekt Ein Genitiv-Objekt steht im Genitiv.
Präpositional-Objekt Ein Präpositional-Objekt wird mit einer
Präposition eingeleitet.
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Kasus

Grammatische Funktionen

• Einige Beispiele:

(23) a. Akkusativ-Objekt: Maria fuhr einen BMW.


b. Dativ-Objekt: Peter folgte einem Audi.
c. Genitiv-Objekt: Er entledigte sich seiner Pflichten.
d. Präpositional-Objekt: Er kämpfte mit einem Löwen.

• Welcher Objekt-Kasus erscheint, wird durch das


verwendete Verb bestimmt.

(24) a. *Maria fuhr einem BMW.


b. *Peter folgte eines Audis.
c. *Er entledigte sich seine Pflichten.
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Kasus

Grammatische Funktionen

• Auch die Präposition von Präpositional-Objekten kann


durch das Verb verlangt sein:

(25) Wir warteten auf/*für/*von den Zug.

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Kasus

Syntaktische Kategorien

• Die Wörter sind die Grundbausteine eines Satzes.


• Wir haben bereits drei lexikalische Wortklassen anhand
ihrer morphologischen Eigenschaften unterschieden:
Nomen, Adjektive und Verben.
• Als vierte Klasse kommen die morphologisch
uninteressanten Präpositionen hinzu: „in, an, auf, für, mit,
...“
• Dies sind die wichtigsten syntaktischen Kategorien.
• Sie bilden die syntaktisch wichtigsten Phrasentypen NP,
VP, PP, AP. (für Nominal-, Verb-, Präpositional- und
Adjektiv-Phrase)

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Kasus

Syntaktische Kategorien

• Funktionswörter wie Artikel und Konjunktionen bilden


eigene Kategorien.
• Pronomen werden kategorial zu den Nomen gezählt.
• Hilfs- (sein, haben, werden . . . bei analytischen
Zeitformen) und Modal-Verben (sollen, müssen, können
. . . ) werden zunächst einmal als Verben klassifiziert.

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung
• Wie bereits gesehen, unterscheiden sich Verben
voneinander u.a. darin, welche Objekt-Typen sie
verlangen.
• Anhand dieser unterschiedlichen Selektionseigenschaften
unterteilen wir die Kategorie der Verben noch einmal in
mehrere Unterkategorien („Sub-Kategorien“) oder
Verb-Klassen.
• Eine gebräuchliche Unterteilung ist die in intransitive,
transitive und ditransitive Verben.
Intransitive Verben selegieren lediglich eine Ergänzung, die in
der Regel als Subjekt des Satzes erscheint.

(26) Intransitive Verben:


Die Lehrerin hustete/lachte/spielte/sang . . .
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Kasus

Subkategorisierung

Transitive Verben selegieren neben einem Subjekt noch ein


Objekt, zumeist ein Akkusativ-Objekt.

(27) Akkusativ-Objekt:
Renate kaufte/fuhr/mietete . . . einen Toyota.
(28) Dativ-Objekt:
Holger half/gratulierte/dankte . . . seiner Freundin.
(29) Genitiv-Objekt:
Wir gedachten/erinnerten uns des ehemaligen
Präsidenten.

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Kasus

Subkategorisierung

• Meist werden die Akkusativ-selegierenden Verben als


Standardfall von transitiven Verben angesehen.
• Diejenigen Verben, die Dativ oder Genitiv zuweisen, gelten
als Ausnahmen.

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Kasus

Subkategorisierung
Ditransitive Verben selegieren neben dem Subjekt noch ein
Akkusativ-Objekt und ein Dativ-Objekt.

(30) Ich gab/schenkte/schickte . . . das Buch der Studentin.

• Zumeist werden Verben, die zusätzliche PPn (und keinen


Dativ) verlangen, hier nicht mitgezählt:

(31) Ich versah die Tür mit einem Schloss.

• Die PP kann hier ncht weggelassen werden, und die


Präposition darf nicht durch eine andere ersetzt werden.

(32) a. *Ich versah die Tür / *Ich versah mit einem Schloss.
b. *Ich versah die Tür aus/von/an einem Schloss.
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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung

• Die Einteilung in intransitiv, transitiv, ditransitiv ist nur sehr


grob.
• Sie berücksichtigt nicht, dass sich das Selektionsverhalten
von Verben auf vielfältigste Weise ausdifferenziert.
• Man kann aber auch das unterschiedliche
Selektionsverhalten in bezug auf Anzahl und Art der
verlangten Ergänzungen von Verben als Grundlage für die
Verbklassifizierung nehmen.
• So hat bspw. Levin (1993) für das Englische 183
Verb-Klassen festgestellt.

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung

• Die von einem Verb selegierten Ergänzungen sind


manchmal auch fakultativ.
• Auch dies kann als Unterscheidungskriterien für
Verb-Klassen herangezogen werden.

(33) a. Maria versorgte uns (mit Kuchen)


b. Maria versah die Tür *(mit einem Schloss)

• Wenn wir in (33-b) die PP „mit einem Schloss“ weglassen,


ist der Satz nicht mehr akzeptabel.

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung
• Die Selektionseigenschaften von Verben werden im
Lexikon einer Sprache festgehalten.
• Zur Wiederholung: Eine Sprache kann als ein System
aufgefasst werden, das aus zwei Komponenten besteht:
1 Ein Lexikon, das die kleinsten Einheiten der Sprache,
Morphe und Morpheme, mit ihren kategorialen
Zuordnungen und Selektionseigenschaften auflistet.
2 Eine Grammatik, die die Regeln für die Kombination dieser
Einheiten zu Wörtern (Morphologie) und Sätzen (Syntax)
kodiert.
• Die Grammatik des Deutschen wird bspw. beinhalten, dass
ein Verb im Allgemeinen mit einem Akkusativ-Objekt
kombiniert werden kann.
• Im Lexikoneintrag des Verbs ‘helfen’ wird aber
festgehalten, dass dies für dieses Verb nicht gilt.
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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung
• Eine Eigenschaft, in der sich im Deutschen die intransitiven
Verben noch einmal voneinander unterscheiden, ist das
Hilfsverb für die vollendeten Zeitformen.
• Verben wie kommen, gehen, sterben, laufen, folgen etc.
verwenden das Verb ‘sein’, während ansonsten die
meisten Verben ‘haben’ verwenden.
• Das korreliert mit anderen Unterschieden:

(34) a. Das Taxi traf soeben ein.


b. Das Taxi ist soeben eingetroffen.
c. Das soeben eingetroffene Taxi
(35) a. Das Taxi hupte soeben.
b. Das Taxi hat soeben gehupt.
c. *Das soeben gehupte Taxi.
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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung
• Bei Verben, die ‘sein’ verwenden, lässt sich das Verb als
partizipiales Adjektiv zu dem Subjekt des Verbs umformen.
• Ds geht bei Verben, die ‘haben’ verwenden, ist diese
Umformung nicht möglich.
• Bei transitiven Verben geht diese Umformung mit dem
Akkusativ-Objekt:

(36) a. Maria hat die Kinder beschenkt.


(Kinder=Akkusativ-Objekt)
b. Die beschenkten Kinder
(37) a. Holger hat den Kindern Bücher geschenkt
(Kinder=Dativ-Objekt)
b. *Die geschenkten Kinder
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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung

• Man nimmt augrund der beobachteten Gemeinsamkeiten


mit Akkusativ-Objekten an, dass Subjekte von
‘sein’-selegierenden Verben quasi ‘heimliche’ Objekte sind:
‘eintreffen, gehen, kommen’ etc. haben also demnach kein
Subjekt, sondern nur ein Objekt.
• Dass dieses Objekt trotzdem Nominativ bekommt, ist einer
anderen Regel des Deutschen geschuldet: In jedem Satz
muss eine NP mit Nominantiv stehen.
• Dies verschleiert den Unterschied zwischen den beiden
Typen intransitiver Verben.

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Morphologie und Syntax (BA)
Kasus

Subkategorisierung

• Man kann sich dies auch so klarmachen, dass man das


transitive Verb als Normalfall betrachtet und zum
Ausgangspunkt nimmt.
• Um ein intransitives Verb zu bilden, hat man dann zwei
Möglichkeiten:
• Man lässt das Subjekt weg (‘gehen, kommen, eintreffen
. . . ’)
• Man lässt das Objekt weg (‘lachen, husten, singen, hupen
. . . ’)

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Morphologie und Syntax (BA)
Verb-Status

Verb-Status
• Verben kommen in finiter und infiniter Form vor.
• Das finite Verb ist die nach Person, Numerus, Tempus,
Modus flektierte Form.
• Infinite Formen kommen im Deutschen in drei Varianten
vor, die wir mit Bech (1957) auch Status nennen können:
Infinitiv sing-en, lach-en, tanz-en etc.
Partizip ge-sung-en, ge-lach-t, ge-tanz-t etc.
zu-Infinitiv zu singen, zu lachen, zu tanzen etc.
• Welchen Status eine Verb-Form annimmt, wird von
anderen Verben bestimmt.
• Bei vollendeten Zeitformen haben wir das Partizip Perfekt:

(38) a. Maria hat/hatte gesungen.


b. Sonja ist/war eingeschlafen.
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Morphologie und Syntax (BA)
Verb-Status

Verb-Status

• Den Infinitiv eines Verbs finden wir bei unvollendenten


Zeitformen wie dem Futur, sowie nach Modalverben:

(39) a. Herbert wird singen (Futur)


b. Herbert will/kann/darf singen (Modalverb)

• Der ‘zu’-Infinitiv wird von bestimmten, nicht allen, Verben


selegiert.

(40) a. Er begann zu singen.


b. Er hat vorgeschlagen zu singen.
c. Sie hat mir versprochen zu singen.
d. *sie hat gesagt zu singen.
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Morphologie und Syntax (BA)
Verb-Status

Morphologie und Syntax

• Wir haben drei syntaktisch, d.h. durch andere Elemente im


engeren oder weiteren sprachlichen Kontext gesteuerte,
morphologische Phänomene betrachtet:
1 die Kongruenz bei Adjektiven, Artikeln, finiten Verben und
Pronomen,
2 die Kasus-Zuweisung an Nominal-Phrasen,
3 die Bestimmung des Verb-Status.
• Bei Kongruenz übernehmen die kongruierenden Elemente
Eigenschaften eines Nomens.
• Bei Kasus-Zuweisung richten sich Nominalphrasen nach
den Selektions-Forderungen ihrer Kasuszuweiser.
• Der Verb-Status wird von Hilfs- und Modalverben (Infinitiv,
Partizip) bzw. lexikalischen Verben (zu-Infinitiv) bestimmt.
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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Lücken im Flexionsparadigma
• Wir haben zwischen inhärenter Flexion und
Kongruenzflexion unterschieden.
• Die inhärenten Flexionsmerkmale, die uns hier
interessieren, sind . . .
beim Nomen Kasus,
beim Verb Tempus,
beim Adjektiv Komparation.
• Kann es vorkommen, dass eine bestimmte Flexion nicht
möglich ist, und was passiert dann?
• Typischerweise beobachten wir in solchen Fällen den
Wechsel von einer flektierenden zu einer analytischen
Konstruktionsweise.
• D.h., wenn ein Morphem fehlt, wird es durch ein
Funktionswort ersetzt. 57 / 66
Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Komparation bei englischen Adjektiven

• Ein gutes Beispiel ist die Komparation im Englischen.


• Das Suffix ‘-er’ ist nur bei ein- oder zweisilbigen Adjektiven
möglich:

(41) a. fast-er
b. easi-er
c. *intelligent-er

• Dies hat womöglich phonologische oder einfach


historische Gründe.

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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Komparation bei englischen Adjektiven

• Um mit Adjektiven wie ‘intelligent’ einen Komparativ zu


bilden, wird dann ein Funktionswort verwendet:

(42) more intelligent

• Im Deutschen haben wir so eine Beschränkung nicht:

(43) klein-er, lustig-er, intelligent-er

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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Lücken im Flexionsparadigma

• Aber auch im Deutschen wird, wie im Englischen, die


analytische Methode gewählt, wenn ein entsprechendes
Suffix nicht zur Verfügung steht.
• Ein Beispiel ist die ‘negative’ Komparation:

(44) a. lustig, weniger lustig, am wenigsten lustig


b. funny, less funny, the least funny

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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Lücken im Flexionsparadigma

• Häufig wird auch angenommen, dass Präpositionen


Kasusmorpheme ersetzen.
• So kann man in den folgenden englischen Beispielen to als
Realisierung des Dativ und of als Realisierung des Genitiv
auffassen:

(45) a. John gave the book to Mary.


b. The car of my parents is old.

• In analytischen Sprachen wie bspw. dem Japanischen


lässt sich ein Unterschied zwischen Kasus und Präposition
nicht gut ziehen, da beide freie Morpheme sind, die einer
Nominalphrase nachgestellt werden.
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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Lücken im Flexionsparadigma
• Auch für die Tempus-Flexion des Verbs kennen wir solche
analytischen Konstruktionen.
• Im Englischen gibt es den sogenannten ‘do’-support:
• Unter speziellen syntaktischen Bedingungen muss das
Tempus mittels des Verbs ‘to do’ ausgedrückt werden.

(46) a. John went home.


b. John did’nt go home. (Negation)
c. Where did John go? (Nicht-Subjekt-Frage)

• Wenn ein Verb aus Gründen der


Informationsstrukturierung im Satz vorangestellt werden
soll, müssen wir dies auch im Deutschen so konstruieren:

(47) Schlafen tut das Baby immer noch nicht.


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Morphologie und Syntax (BA)
Analytische Konstruktionen

Lücken im Flexionsparadigma
• Auch die Kongruenzflexion kennt solche Reparaturen mittels
zusätzlicher Funktionswörter.
• Ein Beispiel sind Relativpronomen.
• Was uns normalerweise nicht auffällt, ist, dass diese nur in
der 3.Person existieren.
• Wenn wir für einen Relativsatz ein Bezugsnomen in der
ersten oder zweiten Person nehmen, bekommen wir
Probleme:

(48) a. *Du, der hier wohnt, kannst das nicht beurteilen.


b. *Du, der hier wohnst, kannst das nicht beurteilen.
c. Du, der du hier wohnst, kannst das nicht beurteilen.

• Diese Konstruktion ist im Normalfall nicht zulässig:

(49) *Peter, der er hier wohnt, kann das nicht beurteilen.


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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 4

Übungsaufgabe 4 I
1 Worin besteht die Selektionsregularität bei dem Verb in
folgenden Sätzen?

(1) a. Maria hat sich mit Peter getroffen


b. Maria und Peter haben sich getroffen
c. *Maria hat sich getroffen (im selben Sinne wie in
a. und b.)

2 Werden der Dativ und die PP in folgenden Sätzen vom


Verb selegiert?

(2) a. Maria spuckte dem Peter über die Schulter.


b. Holger backte der Oma einen Kuchen.
(3) a. Peter ging mit Olga ins Kino.
b. Holger erschlug die Fliege mit der Zeitung.
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Morphologie und Syntax (BA)
Übungsaufgabe 4

Übungsaufgabe 4 II

3 Welches Verb passt besser in den folgenden


Beispielsätzen und warum?

(4) a. Entweder keiner oder alle geht/gehen.


b. Entweder alle oder keiner geht/gehen.

4 Worauf bezieht sich die Verb-Kongruenz im folgenden


Beispiel?

(5) Hans und Maria haben geheiratet.

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