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1.

Phonetik

Die Phonetik (fonetyka) beschäftigt sich mit der lautlichen Seite der Sprache, indem sie 1
den Bestand der minimalen Lauteinheiten bestimmt und diese bezüglich ihrer Bildung
(Artikulation) und ihrer physikalischen Struktur (Akustik) beschreibt. Die kleinsten Laut-
einheiten mit festen artikulatorischen und akustischen Eigenschaften heißen Laute (g!oski).
Laute, die ein durchschnittlicher Muttersprachler in einer Äußerung als identisch
empfindet, sind als funktionale Einheiten anzusehen, die über eine distinktive Kraft verfü-
gen und folglich Bedeutungen von Ausdrücken unterscheiden. Diese können wir als selbst-
ständige Laute oder als Grundlaute (g!oski podstawowe) bezeichnen. Die Laute, die als
identisch wahrgenommen werden, können sich durch bestimmte Eigenschaften voneinan-
der unterscheiden, was im Wesentlichen durch die Laute in der Nachbarschaft bedingt ist.
In diesem Falle sprechen wir von positionsbedingten Varianten der Grundlaute.
Im Hinblick auf den Status ‚funktionale Einheit’ (jednostka funkcjonalna) oder
‚Variante’ (wariant) herrscht unter den Linguisten in einigen Fällen große Uneinigkeit.
Daher ist die Anzahl der funktionalen Lauteinheiten in den einzelnen Untersuchungen un-
terschiedlich groß (!Phonologie). Einige Laute sind territorial oder sozial begrenzt.
Eine wichtige Aufgabe der Phonetik besteht darin, die Regeln der Verbindbarkeit
der Laute und die Regeln der Lautveränderungen, die in Abhängigkeit von der Position
inmitten anderer Laute vor sich gehen, zu untersuchen. Die Phonetik beschreibt darüber
hinaus prosodische Eigenschaften von Lautgruppen wie !Akzent und !Intonation. Darüber
hinaus spielt die Beziehung von Laut und Buchstabe (="Graphem) eine Rolle. Aus prag-
matischer Sicht erlaubt die Phonetik die Formulierung von Prinzipien der korrekten Aus-
sprache (Orthophonie) und der korrekten Schreibung (Orthografie).
Die Laute werden im Folgenden mit Hilfe des Internationalen Phonetischen Al-
phabets IPA geschrieben.

1.1. Laut und Buchstabe. Das Internationale Phonetische Alphabet


(G!oska a litera. Mie±dzynarodowy alfabet fonetyczny) Das Polnische bedient sich wie das 2
Deutsche in seiner schriftlichen Realisierung der grafischen Einheiten des lateinischen
Alphabets. Als grafische Einheiten verstehen wir in rein formaler Hinsicht Buchstaben und
in funktionaler Grapheme. In beiden Sprachen – und das gilt für alle Sprachen, die sich
dieses Alphabets bedienen – reicht der Bestand an Buchstaben nicht aus, um alle Laute zu
bezeichnen. Die Buchstaben (="Grapheme) wurden durch folgende Mittel an das polnische
Lautsystem angepasst:
26 1. Phonetik

a) diakritische Zeichen
– Schrägstrich über einem Buchstaben: z´, o´, n´, c´, s´.
– Punkt über einem Buchstaben: z˙
– Häkchen (Ogonek) unter einem Buchstaben: a±, e±
– Querstrich durch einen Buchstaben: !
Im deutschen Alphabet kommen zwei Punkte vor: ä, ö, ü
b) Buchstabenkombinationen
– aus zwei Buchstaben: cz, sz, dz, rz, ch, zi, ni, ci, si, ki, gi. Es kommen auch
kombinierte Buchstaben mit einem diakritischen Zeichen vor: dz´, dz˙. Im
Deutschen gibt es sehr viele kombinierte Buchstaben: ie, ei, eu, äu, ch, uh
und andere.
– aus drei Buchstaben: dzi. Im Deutschen: sch.
Die in anderen europäischen Sprachen vorkommenden Kombinationen aus mehr als drei
Buchstaben gibt es im Polnischen nicht, wie z.B. das deutsche tsch.
Die Buchstaben q, v und x kommen nur sehr selten vor; in der Regel handelt es
sich um Eigennamen oder wissenschaftliche Termini, die bisweilen auch eine rein polni-
sche Form aufweisen:
quasi, varia, quorum – kworum, vademecum – wademekum
Die Buchstaben q, v und x werden in der polonisierten Fassung durch kw, w und k s
(kwadrat, waluta, ksylofon) wiedergegeben.
Ein und derselbe Laut kann durch verschiedene graphematische Zeichen wieder-
gegeben werden. Die Verbindungen der Buchstaben ni, si, zi, ci und dzi in Position vor
einem Vokal haben den gleichen Lautwert wie die entsprechenden Zeichen mit Diakritika:
n´, s´, z´, c´ und dz´ am Wortauslaut oder vor einem Konsonanten. Den Buchstaben u und o´
entsprachen früher verschiedene Laute, heute sind sie zusammengefallen. Das gleiche gilt
für die Paare rz – z˙ und ch – h. Ein und derselbe Laut kann mit den Graphemen j oder i, in
einigen Fremdwörtern auch y wiedergegeben werden: jest, wieje, yeti. Das Phänomen, das
ein Laut durch verschiedene Grapheme repräsentiert wird, ist in der deutschen Orthografie
weit verbreitet: Stein, Schuhe, Chance oder wichtig, Variable.
Als nächste sei die umgekehrte Beziehung von Laut und Graphem genannt: ein
Graphem kann für mehrere Laute stehen. In den Wörtern zupa und autor steht der Buch-
stabe u für zwei verschiedene Laute. Das gleiche gilt für den Buchstaben b in baba vs.
dro´b. Diese Polyfunktionalität einzelner Buchstaben ist im Deutschen noch stärker ausge-
bildet; man vergleiche nur die Lautgestalt hinter folgenden Verwendungen des Buchsta-
bens e: elf, eben, Rabe.
Es gibt Laute, für die überhaupt keine graphemischen Entsprechungen existieren.
Im Polnischen und Deutschen gilt dies für den Laut [N] in den Wörtern Bank – bank (Wei-
teres zur !Orthografie).
1.1. Laut und Buchstabe. Das Internationale Phonetische Alphabet 27

Zu beachten ist, dass jede Sprache eine spezifische Laut-Buchstaben-Zuordnung


aufweist. So gibt es im Deutschen und Polnischen eine unterschiedliche Belegung der
Buchstaben s und z: sen – Suppe, zupa – Zucker.
Die Laute, die mit den Buchstaben a±, e± und n´ gekennzeichnet werden, kommen
niemals am Wortanlaut vor und benötigen deshalb keine Großbuchstabenvariante.
In allen Wörterbüchern und Lexika des Polnischen gilt folgendes Alphabet:
aA, a±, bB, cC, c´C!, dD, eE, e±, fF, gG, hH, iI, jJ, kK, lL, "#, mM, nN, n´, oO, o´O!, pP,
(qQ), rR, sS, s´S!, tT, uU, (vV), wW, (xX), y(Y), zZ, z´Z!, z˙Z$
Die Klammern markieren, dass der Buchstabe nur eingeschränkt verwendet wird.
Eine exakte, eindeutige und universelle Verschriftlichung von Lauten jeder Spra-
che wird durch das von der International Phonetic Association (IPA) entwickelte internati-
onale Alphabet ermöglicht. Im Prinzip entspricht hier jedem Zeichen ein Laut und umge-
kehrt. Dabei werden einige Kombinationen von Buchstaben und diakritische Zeichen ver-
wendet. Die folgende Tabelle enthält die für das Polnische relevanten Zeichen aus dem
Internationalen Phonetischen Alphabet.

Das Internationale Phonetische Alphabet (mie±dzynarodowy alfabet fonetyczny) 3

IPA-Zeichen polnische Beispiel deutsche


Orthografie Übersetzung
Å a ale ‚aber’
b b bok ‚Seite’
c ki kino ‚Kino’
© s´ s´wiat ‚Welt’
si siano ‚Heu’
z´ wez´! ‚nimm!’
ç chi Chiny ‚China’
hi historia ‚Geschichte’
d d dom ‚Haus’
d⁄z dz dzbanek ‚Kanne’
d⁄! dz´ dz´wig ‚Kran’
dzi dzien´ ‚Tag’
d⁄Z dz˙ dz˙em ‚Konfitüre’
™ e efekt ‚Effekt’
e± prosze± ‚ich gehe’
28 1. Phonetik

™˜˜ e± cze±sto ‚oft’


f f fala ‚Welle’
w two´j ‚dein’
g g g!os ‚Stimme’
i i i ‚und’
¥ y byt ‚Dasein’
j j jak ‚wie’
i wiatr ‚Wind’
F gi gie!da ‚Börse’
k k kasa ‚Kasse’
g ro´g ‚Ecke’
l l los ‚Schicksal’
! ! !awka ‚Bank’
m m matka ‚Mutter’
n n nos ‚Nase’
! n´ kon´ ‚Pferd’
ni nie ‚nicht’
N n bank ‚Bank’
C o odlot ‚Abflug’
C˜ a± ma±z˙ ‚Ehemann’
p p pan ‚Herr’
b klub ‚Klub’
r r rower ‚Fahrrad’
s s sen ‚Traum’
z z parku ‚aus dem Park’
" sz szary ‚grau’
rz trzeba ‚man muss’
z˙ wa±z˙ ‚Schlange’
t t tom ‚Band’
t⁄s c cena ‚Preis’
dz wo´dz ‚Führer’
t⁄© c´ c´wiczenie ‚Übung’
ci cia!o ‚Körper’
dz´ chodz´ ‚komm!’
1.2. Klassifikation der polnischen Grundlaute 29

t⁄! cz czo!o ‚Stirn’


u u ul ‚Bienenstock’
o´ o´smy ‚achter’
v w wata ‚Watte’
w ! "aba ‚Elbe’
u autor ‚Autor’
x ch chata ‚Hütte’
h halo ‚hallo’
" ch klechda ‚Sage’
h Bohdan ‚Bohdan’
z z z ‚mit’
# z´ z´ro´d!o ‚Quelle’
zi zielony ‚grün’
Z z˙ z˙aba ‚Frosch’
rz rzecz ‚Sache’

⁄ über zwei Zeichen schafft ein neues Zeichen (für Affrikate)


$ auf der rechten unteren Seite des Zeichens markiert Palatalisierung
% unter dem Zeichen markiert alveolare Aussprache
~ über dem Zeichen markiert Nasalität
[ ] markiert phonetische Umschrift
/ / markiert phonologische Umschrift

1.2. Klassifikation der polnischen Grundlaute

Die Einteilung der Laute basiert auf einer Reihe von artikulatorischen Kriterien, die sich
auf die Bildung der Laute durch die Artikulationsorgane beziehen. Diese Kriterien sind
nicht objektiv existent, da sie auf Wahrnehmung beruhen.