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wer ihn verlieren wird


Trump gegen Deutschland
Nun beginnt der Handelskrieg –
Medizin und Pflege

aus Versehen töten


Wenn Krankenschwestern
Ciao amore!
Italien zerstört sich selbst – und reißt Europa mit

keinen Trost«
Der Fall Loris Karius
Oliver Kahn: »Es gibt
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Das deutsche Nachrichten-Magazin
Wie wird man
Hausmitteilung
Betr.: Leserkonferenz, Ingenieure, SPIEGEL+, Heimkehrer zum glücklichen
Der Freitag vor einer Woche war
für uns ein besonderer Tag, denn
wir durften rund 150 Gäste zur ers-
Hobby-
ten SPIEGEL-Leserkonferenz an
der Ericusspitze in Hamburg be-
grüßen. In verschiedenen Work- Handwerker?
ISABELA PACINI / DER SPIEGEL

shops diskutierten die Leserinnen


und Leser mit uns darüber, was
sie von SPIEGEL und SPIEGEL
ONLINE erwarten und welche
Verbesserungen sie sich wün-

esen,
schen. »Normalerweise sind wir
Konferenzteilnehmer im SPIEGEL-Gebäude die Absender, diesmal waren wir
die Empfänger«, sagt SPIEGEL- Jetzt l selber
und
Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, »und wir haben dabei viel gelernt.« Barbara
Hans, Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE, findet: »Die Leserkonferenz war ein lernen chen!
großer Gewinn. Journalisten können es sich schlicht nicht mehr leisten, nur zu senden, ma
wir müssen intensiver zuhören.« Und ein Ergebnis steht schon fest: Für unseren
Verlag war dies nicht die letzte Veranstaltung dieser Art. Seite 72

Niemand verkörpert das Gütesiegel »made in Germany«


besser als der deutsche Ingenieur. Er baut die besten Autos,
die perfekten Maschinen, das ist sein Anspruch. SPIEGEL-
IRIS CARSTENSEN / DER SPIEGEL

Wirtschaftsredakteur Alexander Jung hat in den ver-


gangenen Monaten zahlreiche Ingenieure getroffen – in
Betrieben und an Hochschulen – und festgestellt, unter
welch enormem Veränderungsdruck sie stehen. Der digi-
tale Wandel stellt ihre gewohnten Arbeitsabläufe auf den
Kopf, eine neue Elite von IT-Spezialisten läuft ihnen den
Rang ab. »Da prallen zuweilen Kulturen aufeinander«,
hat Jung beobachtet. Seite 64 Jung
ISBN 978-3-54837-755-1

In dieser Woche ist SPIEGEL+ gestartet, unser neues digitales Premium-Angebot


auf SPIEGEL ONLINE (www.spiegel.de/plus). Die ersten Reaktionen sind vielver-
sprechend: »Ich bin gerne bereit, für guten Journalismus zu bezahlen«, schreibt ein
Leser. »Mir gefällt das aufgeräumte Layout«, schreibt ein anderer. Ein dritter lobt:
»Endlich alles in einer App!« Printabonnenten erhalten für 70 Cent pro Ausgabe zu-
sätzlich den digitalen SPIEGEL und alle Inhalte von SPIEGEL+.

Fünf Tage lang begleiteten SPIEGEL-Mitarbei-


ter Fritz Schaap und Fotograf Sascha Montag
den 27-jährigen Majid Diallo, einen Flüchtling
aus Westafrika, bei seiner Reise zurück in sein
Heimatdorf in den Bergen Guineas. Aufregen-
der noch als die gemeinsamen Tage in wack-
ligen Sammeltaxis und Bussen jedoch waren
SASCHA MONTAG / DER SPIEGEL

die Nächte. Viele Straßen sind in der Dunkel-


heit nicht sicher. »Gegen 23 Uhr sagte ein Fah-
rer, nachdem alle Gänge bis auf den ersten aus-
gefallen waren, es sei sehr ärgerlich, dass wir
gerade nicht schneller fahren könnten, wo
doch jetzt ›Banditen-Rushhour‹ sei«, erzählt
Schaap. Eine Reportage darüber, wie schwer
Montag, Diallo, Schaap in Guinea das Heimkommen fallen kann. Seite 76

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 3


Inhalt
72. Jahrgang | Heft 23 | 2. Juni 2018

Titel Zeitgeist AfD-Politiker


bekämpfen das moderne
Italien Das italienische Theater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Drama – die Populisten von
Lega Nord und Fünf-Sterne- Umwelt Große Mengen
Bewegung bedrohen Lebensmittel werden samt
Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Verpackung geschreddert –
Plastikreste landen danach
Essay Noch ist Zeit für eine in der Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Reform des Euroraums – aber
nicht mehr viel . . . . . . . . . . . . . . 18 Verbrechen Das BKA besitzt
offenbar Datenmassen aus
Leaks – damit will die Behörde
Deutschland Finanzbetrüger jagen . . . . . . . 44

Leitartikel Warum wir einen Denkmäler Ein geschichtsträch-


Untersuchungsausschuss tiger DDR-Palast schmückt
zum Bamf brauchen . . . . . . . . . 6 die Stadt Bitterfeld – nun soll
er abgerissen werden . . . . . . . 46
Meinung Der schwarze Kanal /
So gesehen: Merkels Tränen 8
Gesellschaft
Söder lädt Unionspolitiker
zum Staatsempfang / DB- Früher war alles schlechter:
Dieselloks wirbeln viel Fein- Wie Tränen gesellschaftsfähig
staub auf / Bamf-Führungs- wurden / Was machen wir
kräfte wussten schon 2014 ohne den Plastikstrohhalm? 48
Bescheid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 BEN WISEMEN / DER SPIEGEL

Ein Foto und seine


Regierung Die Flüchtlings- Geschichte Warum eine 91-
politik sorgt für Streit jährige Chirurgin von heute
in der Koalition . . . . . . . . . . . . . 24 auf morgen kündigte . . . . . . . 49

Behörden Hat Seehofers Staats- Geschlechterrollen Die


sekretär Stephan Suche nach einem neuen
Mayer den Bundestag Männerbild . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
beschummelt? . . . . . . . . . . . . . . 27
Eiskalt erwischt Homestory Was man erleben
Essay Das düstere Weltbild kann, wenn man ein Paket
von Kanzlerin Merkel ...... 28 Italiens Populisten treiben ihr Land und Europa in den USA bestellt . . . . . . . . . 55
in die Krise. Nach Griechenland-Drama
Verteidigung SPIEGEL- und Brexit droht der EU ein weiterer Ernstfall.
Gespräch mit Nato-General- Wirtschaft
Doch diesmal geht es um alles: Der
sekretär Jens Stoltenberg über
das schwierige Verhältnis der Euro und der Zusammenhalt der Union Millionenstrafe für Stahlkartell /
Europäer zu Trump . . . . . . . . . 30 sind in Gefahr. Seite 10 Kassenbeitragssenkung kommt
später / Skrupellose Vermark-
Lobbyismus Die Ex-Minister tung von E-Zigaretten . . . . . . 56
Gabriel und Zypries müssen
vor ihrem Wechsel in die Welthandel Donald Trump
Wirtschaft pausieren . . . . . . . . 32 Jeder gegen jeden zwingt die Europäer in
einen Handelskrieg, unter
Karrieren Die neue Familien- Die USA haben tatsächlich Strafzölle verhängt, dem vor allem Deutschland
ministerin Franziska Giffey nun stehen die Zeichen in der Weltwirtschaft leiden könnte . . . . . . . . . . . . . . . 58
hält Distanz zur SPD . . . . . . . 36
auf Krieg. Die Bundesregierung versucht, Schaden Autoindustrie Daimler-Boss
Parteien Die AfD ringt um ein für die eigene Autoindustrie abzuwenden – und Dieter Zetsche trifft der Zorn
Konzept zur Rentenpolitik 38 nimmt dabei Ärger mit Frankreich in Kauf. Seite 58 des Verkehrsministers . . . . . . 61

4 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Handel Über Amazon werden Wissenschaft
Kosmetikprodukte angeboten,
die in der EU nicht verkauft Hebammen bei den Bonobos /
werden dürften . . . . . . . . . . . . . 62 Kann der neue Impfstoff den
Ebola-Ausbruch im Kongo
Berufe Endet mit der stoppen? / Einwurf: Bikinis
Digitalisierung die Erfolgs- ausverkauft . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
geschichte des deutschen
Ingenieurs? . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Digitalisierung Alles falsch –
wie perfekt manipulierte

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


Videos unser Vertrauen in die
Medien Wirklichkeit zerstören . . . . . . 96

Journalismus Wie die Raumfahrt Kosmonaut


SPIEGEL-Redaktion vom Sigmund Jähn über Alexander
Dialog mit kritischen Gerst und seine eigene Rolle
Lesern lernt . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 als Volksheld der DDR . . . . 100

Die Not der Perfektionisten Pflege Eine Krankenschwester


macht einen Fehler, ein
Ausland
Deutsche Ingenieure sind der Inbegriff von Mann stirbt – wie kann sie
Warum der Pariser Libyen- Präzision und Gründlichkeit. Doch Dieselskandal damit leben? . . . . . . . . . . . . . . . 102
gipfel nicht zum Erfolg
führen wird / Brasilianische und BER-Debakel beschädigen das Ansehen, mit
Lkw-Fahrer rufen die dem digitalen Wandel kommen viele nicht zu- Kultur
Armee zum Putsch auf . . . . . . 74 recht. Die Tüftler verlieren den Anschluss. Seite 64
Spider-Man bei Macron /
Migration Die Geschichte »Star Wars«-Klon floppt /
eines 27-jährigen Mannes aus Kolumne: Zur Zeit . . . . . . . . . 104
Guinea, der nach Europa
wollte und wieder in seine Ein versehentlicher Tod Resozialisierung Hollywood-
Heimat zurückkehrte . . . . . . . 76 star Kiefer Sutherland
Die Krankenschwester im Altenheim mochte sucht sein Seelenheil in der
Türkei Der Oppositions- den Mann, fand ihn höflich, einfühlsam. Dann Countrymusik . . . . . . . . . . . . . 106
politiker Selahattin Demirtaş
über den Wahlkampf,
starb er – weil sie einen Fehler machte. Nun Schauspieler SPIEGEL-
den er aus der Gefängniszelle berichtet sie, wie es dazu kommen konnte. Und Gespräch mit Edgar Selge über
führt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 wie ähnliche Taten vertuscht werden. Seite 102 seine Rolle in Michel Houelle-
becqs »Unterwerfung« . . . . 110
Ukraine Der rätselhafte
Fall des inszenierten Kino Shirin Neshat porträtiert
Mordes an einem russischen in ihrem neuen Film Oum
Journalisten . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Kulthum, die große Stimme
der arabischen Welt . . . . . . . 114

Sport Essay Ulrich Wickert über


nationale Identität . . . . . . . . . 116
Das Duell der NBA-Superstars
James und Curry / Magische Gangsta-Rap Gzuz gibt mit viel
Momente: Tennistrainer Heinz Erfolg den bösen Mann . . . 118
Günthardt über Steffi Grafs
letzten großen Sieg in Paris 87 Theater Mobbing am Schau-
FRITZ BECK / DER SPIEGEL

spiel Köln? Intendant Stefan


Fußball SPIEGEL-Gespräch Bachmann verteidigt sich 120
mit Oliver Kahn über die
Leiden der Torhüter und sein Literaturkritik George
neues Berufsleben . . . . . . . . . . 88 Saunders’ Roman
»Lincoln im Bardo« ....... 121
Nationalelf Wie Joachim Löw
von der Internationalität
seiner Spieler profitiert . . . . . 91
»Ich bin Selbstdarsteller« Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Er spielt die Hauptrolle in der Fernsehfassung von Impressum, Leserservice . . . 124
Verbände Der neue DFB- Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Saubermann Friedrich Curtius
»Unterwerfung«. Ein SPIEGEL-Gespräch mit Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
soll einen Schulfreund Edgar Selge: über Lampenfieber, Leitkultur und Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
begünstigt haben . . . . . . . . . . . 92 seinen Schwiegervater Martin Walser. Seite 110 Hohlspiegel / Rückspiegel 130

Titel-Illustration: Ben Wiseman für den SPIEGEL 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Keine Angst vor Aufklärung


Leitartikel Warum der Bundestag einen Untersuchungsausschuss zur Affäre um das Bamf braucht

W
ie man in diesen Tagen erfahren muss, ist das Manche argumentieren, dass doch die Bremer Staats-
deutsche Asylsystem zu einer Art Lotterie anwaltschaft bereits ermittle und der Bundesrechnungshof
geworden. Nicht nur in der Bremer Skandal- das Bamf nun prüfe – wozu brauche es da noch einen
filiale des Bundesamts für Migration und Untersuchungsausschuss? Doch die Frage nach der Verant-
Flüchtlinge (Bamf), wo die Chefin wohl über Jahre Verfah- wortung in einer Affäre kann nur ein Gremium klären: ein
ren manipulieren konnte, ging es drunter und drüber. Es parlamentarischer Untersuchungsausschuss, mit all seinen
mehren sich die Hinweise, dass auch andernorts Beamte Rechten und Möglichkeiten.
viele kleine und womöglich auch große Fehler machten, Er kann Akten aus Ämtern und Ministerien anfordern, bis
und sei es aus Überforderung. hin zur letzten Mail eines Unterabteilungsleiters. Er kann
Manche Dienststellen des Bamf erkannten Flüchtlinge Zeugen vorladen, die zur Wahrheit verpflichtet sind und
großzügig an, während anderswo gnadenlose Entscheider grundsätzlich öffentlich aussagen müssen. Das ist weit mehr,
auf fast jeden Bescheid »abge- als sich ein paar Stunden lang hin-
lehnt« schrieben. Der Eindruck, ter verschlossenen Türen von In-
der entsteht, ist fatal: Statt Recht nenminister Horst Seehofer und
und Ordnung hätten im Bundes- Bamf-Präsidentin Jutta Cordt den
amt für Migration und Flüchtlinge Stand der Dinge darlegen zu las-
vielfach Chaos oder gar Willkür sen, wie es in dieser Woche pas-
geherrscht. siert ist. Zumal dort einige der Ver-
Eine Opposition, die ihre Kon- säumnisse erst eingestanden wur-
trollfunktion ernst nimmt, muss den, nachdem sie zuvor von den
die Zustände im Flüchtlingsamt in Medien enthüllt worden waren.
einem parlamentarischen Unter- Vermutlich wird ein Untersu-
ROBERT GRAHN / EUROLUFTBILD / FUNKE FOTO SERVICE

suchungsausschuss bis in den letz- chungsausschuss zum Bamf auch


ten Winkel ausleuchten. Nur so die Ereignisse des Sommers 2015
kann das Vertrauen in den Rechts- noch einmal aufrollen. Dann wür-
staat und seine Behörden wieder- de es auch darum gehen, ob es
hergestellt werden. Ob es dazu richtig und rechtmäßig war, die
kommt, ist allerdings ungewiss. deutschen Grenzen ohne Abstim-
Grüne und Linke haben Angst, mung im Bundestag offen zu las-
dass die AfD das Gremium instru- sen, oder ob man sie nach einigen
mentalisieren könnte, um ein Tri- Wochen oder Monaten der Aus-
bunal zu veranstalten, auch die nahmesituation hätte schließen
CDU befürchtet das. Die Rechts- können. Und natürlich wird die
populisten, so die Sorge, würden AfD versuchen, das Gremium für
jede Ausschusssitzung für eine Flüchtlingsunterkünfte in Magdeburg 2017 ihre Merkel-muss-weg-Show zu
Abrechnung mit Angela Merkels instrumentalisieren. Aber diese
Willkommenspolitik missbrau- Show veranstaltet sie ohnehin
chen. Und jedes Aktenblatt über einen Fehler im Amt nut- Woche für Woche im Parlament, mit Untersuchungsaus-
zen, um Asylbewerber unter Generalverdacht zu stellen. schuss oder ohne. Die anderen Parteien sollten nicht ängst-
Die Befürchtungen sind nicht unbegründet, wie die Sätze lich darauf starren, was die Rechtspopulisten treiben, son-
zeigen, die AfD-Politiker in den vergangenen Tagen von dern ihre Arbeit machen und die Affäre seriös aufklären.
sich gaben. Schuld am Skandal sei Merkels »Grenzöffnung«, Der Bamf-Skandal droht die gesamte Flüchtlingspolitik
die »anderthalb Millionen Menschen aus dem Inneren von der Regierung zu diskreditieren, nur öffentliche Aufklärung
Orient und Afrika« ins Land gebracht habe, sagte der AfD- kann ihr wieder Glaubwürdigkeit verschaffen. Ein Unter-
Abgeordnete Bernd Baumann. Und Fraktionschefin Alice suchungsausschuss böte die Möglichkeit, all das aufzuarbei-
Weidel verstieg sich zu der Behauptung, die Kanzlerin habe ten, was das Land seit drei Jahren spaltet: Was lief richtig
mit ihrer Politik das Bamf »gezwungen, Millionen illegaler und was falsch bei der Aufnahme der Flüchtlinge? Und was
Einwanderer« durchs Asylsystem zu »schleusen«. Wer so muss passieren, damit die Behörden vorbereitet sind, wenn
redet, will nicht aufklären, sondern aufhetzen. sich irgendwann noch einmal Hunderttausende Schutzsu-
Aber aus Angst vor der AfD auf Aufklärung zu verzichten chende auf den Weg nach Deutschland machen sollten?
kann nicht der richtige Weg sein. Es würde nur den Verdacht Es kann sein, dass ein Untersuchungsausschuss zur
verstärken, dass etwas vertuscht werden soll. Verschwörungs- Bamf-Affäre hässlich wird. Aber nach einem Gewitter ist
theorien wuchern dort am besten, wo Fakten fehlen. die Luft besonders rein. Wolf Wiedmann-Schmidt

6 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


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Meinung So gesehen

Tränen der Macht


Warum Merkel sich das Weinen
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal
erlauben kann

Widerstand und Eigennutz G Spätestens seit den Siebzigerjahren


weinen Männer, auch Politiker, öffent-
In Berlin diskutieren sie mietfrei, das ist ja der Witz an der lich: Clinton auf dem Roten Platz,
über Hausbesetzung als Hausbesetzung. Bush junior bei einer Rede über den
Mittel gegen die Woh- Wie man ein eigennütziges Anliegen Terror und Obama, als es um Waffen-
nungsnot. Am Pfingst- als sozial wertvoll verkauft, habe ich gesetze ging. Kohl heulte ständig,
sonntag waren Aktivisten vor 30 Jahren in der Hamburger unter anderem anlässlich der EU-
in ein Haus in Neukölln ein- Hafenstraße begriffen. 15 Jahre währte Osterweiterung. Andere überkam die
gezogen, das der Stadt gehört. der Kampf um die Häuser am Hafen- Rührung eher in selbstbezogenen
Stunden später stand die Polizei vor rand, die der linken Szene als eine Art Momenten: Putin weinte bei seiner
der Tür, um die Besetzer wieder auf revolutionäre Festung im Kohl-Staat Wiederwahl. Schröder bei seinem
die Straße zu komplimentieren. Die galten. Am Ende konnten die Besetzer Zapfenstreich. Und Gauck schluchzte
Grünen und die Linken finden, dass die Immobilie für 229 Euro pro Qua- sowohl bei historischen Ereignissen
Hausbesetzungen ein legitimes Mittel dratmeter erwerben, woran man sieht, als auch beim öffentlichen Vorlesen
seien, um gegen Leerstand und Miet- dass der deutsche Sozialstaat auch ein der eigenen Biografie. Die Tränen
wahnsinn zu protestieren. Es sei gut, Herz für Leute hat, die nie die Zeit fan- kullern immer öfter (siehe Seite 48).
dass nun »Zeichen gesetzt werden«, den, einen Bausparvertrag abzuschlie-
erklärte der grüne Baustadtrat Florian ßen. Ich erinnere mich noch gut, wie
Schmidt. Die SPD in Berlin findet das mir als junger Redakteur Einlass in das
eher nicht und wundert sich, dass Grü- Refugium des Widerstands gewährt
ne und Linke auf Opposition machen, wurde. Ich stieg das dunkle, graffiti-
obwohl sie Teil der Regierungskoali- überzogene Treppenhaus nach oben,
tion sind. Dafür und gleichzeitig dage- bis sich im vierten Stock eine Tür öff-
gen zu sein, ist eine Kunst, die man nete und den Blick freigab auf naturge-
bei den Grünen meisterlich beherrscht: wachste Dielen, pastellfarbene Wände
Das haben sie bei der SPD bis heute und einen Kieferntisch mit einem
nicht verstanden. dampfenden Teepott drauf. Ich habe
Es gibt viel Leerstand in Deutsch- nichts gegen gewachsten Dielenboden, Die Frau in der Politik weint selten
land. In Ostdeutschland gibt es Dörfer, ich hätte damals selbst gern eine bis gar nicht. Von der »Eisernen
in denen jedes zweite Haus leer steht. solche Wohnung gehabt. Ich hatte mir Lady« Margaret Thatcher, Golda Meir
Schade, dass nie ein Hausbesetzer die revolutionäre Gegenwelt nur nie oder Condoleezza Rice sind keine
auf die Idee kommt, in eine Bude nach wie eine Seite aus dem Ikea-Katalog öffentlichen Tränen übermittelt. Das
Sachsen-Anhalt zu ziehen, um sie vorgestellt. Seitdem weiß ich, was der ergibt Sinn, denn während das Wei-
dann mit ein paar Kumpels auf Vorder- Satz von Carl Schmitt bedeutet: nen bei Männern eine Art Zusatz-
mann zu bringen. Stattdessen muss es »Wer Menschheit sagt, will betrügen«. qualifikation (emotionale Intelligenz,
immer ein In-Viertel in einer deutschen Empathie) jenseits der ohnehin ange-
Großstadt sein, wo alle wohnen wol- An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan nommenen männlichen Stärken impli-
len, im Fall der Hausbesetzer allerdings Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. ziert, tappt Frau damit in die Falle des
Hysterischen.
Nun hat es eine sensationelle Ent-
Kittihawk hüllung gegeben: Angela Merkel, so
schreibt der langjährige Obama-
Berater Ben Rhodes in seinem neuen
Buch, soll beim Abschied vom US-
Präsidenten eine einzelne Träne im
Augenwinkel gehabt haben.
Auf das Nervensystem bezogen
bedeutet Weinen, dass der Sym-
pathikus die Kontrolle an den Para-
sympathikus abgibt. Man schaltet
also von »Flucht und Angriff« in den
Ruhemodus. Angela Merkel erlaubt
sich das Weinen als weibliche Politi-
kerin. Sie hat ihre Härte so umfas-
send bewiesen, dass sie Emotionen
wagen kann. So gesehen ist Merkels
Träne die ultimative Insignie der
Macht. Nicola Abé

8 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


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Titel
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La tragedia
Italien In Rom bringen Populisten mit ihrem Anti-Euro-Kurs das europäische
Projekt ernsthaft in Gefahr. Sie treiben ihr Land und Europa nach
dem Griechenland-Drama und dem Brexit-Entscheid in die nächste große Krise.

10
Lega-Chef Salvini
Der unangefochtene Sieger der letzten Wochen

»Basta Euro« – wer soll das je gefordert


haben? Doch nicht etwa er, Salvini, der
über den Euro sagte: »Wir brauchen kein
Referendum. Wenn die Lega in die Regie-
rung eintritt, sind wir draußen.«
Während die Maler noch am Werk sind,
feiern am Mailänder Hauptbahnhof Salvi-
nis Unterstützer. Sie lassen Prosecco-Kor-
ken knallen und träumen von 30 Prozent
der Stimmen bei möglichen Neuwahlen.
Dort, am Bahnhof, sei sie sichtbar, die
Krise Italiens, sagen sie: »All die Arbeits-
losen und clandestini«, die illegalen
Schwarzafrikaner, die dort Tag und Nacht
herumlungerten, »unsere Frauen betat-
schen und das Stadtbild stören« – damit
müsse Schluss sein.
Matteo Salvini spielt seit der Wahl am
4. März ein meisterhaftes Spiel. Gewonnen
hat sie zwar die Fünf-Sterne-Bewegung
(M5S), doch die fast 90 Tage der Regie-
rungsbildung hat Salvini eindeutig für
sich entschieden. Die Umfragewerte seiner
Partei sind um zehn Punkte auf bis zu 27,5
Prozent gestiegen. Er hat für die Allianz
mit dem M5S seinen ursprünglichen Koa-
litionspartner, die Forza Italia von Silvio
Berlusconi, fallen lassen.
Das hat sich gelohnt: Am Ende dieser
verrückten Wochen, nach all dem Hin und
Her, steht Salvini als Sieger da. Er ist nun
der unangefochtene Anführer des rechten
Lagers, ja vielleicht sogar der mächtigste
Mann Italiens. Salvini, der Putin-Freund
und Eurohasser, der Ausländerfeind und
Mussolini-Verteidiger, der gern gegen
Deutschland hetzt.
Virtuos betrieb er seinen Machtpoker,
stellte sich als Opfer des Staatspräsidenten
und des Establishments dar, drohte mit
Neuwahlen und ließ sich am Ende dann
doch auf eine Koalition mit den Fünf Ster-
nen ein.
Nun sieht es so aus, als würde der Euro-
gegner Paolo Savona, den Staatspräsident
Mattarella noch als Finanz- und Wirt-
schaftsminister abgelehnt hatte, ausgerech-
net Minister für EU-Angelegenheiten. Sal-
vini soll das Innenministerium überneh-
men, sein Koalitionspartner Di Maio das
Arbeits- und Entwicklungsministerium.

D
Premierminister wird wohl der Jurist und
er Mann, der in den Tagen seit nanzminister durchsetzen wollte, der den Universitätsprofessor Giuseppe Conte.
der Wahl zum wichtigsten Poli- Euroaustritt befürwortet hatte. Doch nun Nicht wenige Kommentatoren glauben,
tiker seines Landes und zum versucht Salvini alles, um zu belegen, dass dass Salvini die Krise dieser Woche bewusst
Schreckgespenst Europas gewor- er angeblich nichts gegen den Euro habe. provoziert hat. Wenn es in den kommen-
den ist, will jetzt ein Staatsmann sein. Am Mittwoch fuhr ein Trupp Maler den Monaten doch noch zu Neuwahlen
Matteo Salvini, 45, Anführer der rechts- vor dem Hauptsitz der Lega an der Via kommen sollte, was in dieser so ungleichen
nationalen Lega, hat seit Jahren immer wie- Bellerio in Mailand vor. Jahrelang prangte Koalition nicht unwahrscheinlich ist, dann
der angekündigt, dass Italien unter seiner dort an einer Mauer riesengroß der Schrift- wäre er wohl der Gewinner. Den Gegnern
Führung den Euro verlassen werde, zu- zug »Basta Euro« – Schluss mit dem Euro. der Populisten bleibt nun die Hoffnung,
nächst schien sogar die Regierungsbildung Die Maler strichen die Mauer weiß. Als dass diese sich in einer kurzen, chaotischen
daran zu scheitern, dass Salvini einen Fi- hätte es die Wörter nie gegeben. Regierungszeit schnell selbst entzaubern.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 11


Titel

GIANMARCO MARAVIGLIA / DER SPIEGEL


Fassade in Mailand: Haute Couture und Großbürgertum

Eine kräftige liberale, moderate oder Höhe schnellen, das Land könnte befürwortet er eine Staatsfinanzierung
linke Opposition gibt es nicht mehr im vor dem Staatsbankrott stehen. Rettung? durch die Zentralbank, die laut EU-Ver-
Land, die traditionellen Parteien, die be- Keine Chance. Dafür ist Italien zu groß. trägen verboten ist. Eine moderate Figur
kannten Politiker der Mitte, viele davon Es ist dieses Horrorszenario, vor dem ist auch er nicht.
haben an Glaubwürdigkeit verloren. Ita- Europa sich seit Jahren fürchtet. Und es Europas Banken leiden schon jetzt unter
lien bietet ein trauriges Bild, es steht für könnte fürchterlich schnell wahr werden. dem Chaos in Rom, weil sie beim Verkauf
das Versagen der Politik, aber auch für die Die ersten Warnzeichen sind schon zu eigener Anleihen Käufern höhere Zinsen
Auswirkungen der Euro-Rettungsversu- sehen: Der Spread, der Zinsabstand zwi- bieten müssen. Auch deutsche Geldinstitute
che, die nicht nur in Italien die Extremisten schen zehnjährigen italienischen und deut- schauen sorgenvoll auf das, was passiert –
gestärkt haben. schen Staatsanleihen, hatte sich zwischen- 91 Milliarden Dollar an Außenständen ver-
Streben die beiden so unterschiedlichen zeitlich fast verdreifacht, die Mailänder zeichnet man in Italien. Nur französische
populistischen Parteien nun, wie befürch- Börse verbuchte Milliardenverluste. Banken müssen mit 311 Milliarden Dollar
tet, einen Austritt aus der Eurozone an, Die Märkte blieben nach der Einigung noch höhere Ausfälle fürchten.
aus der EU gar – oder ist ihren jüngsten auf eine Regierung zunächst gelassen – of- Am bedrohlichsten ist die Situation für
Dementis zu glauben? Und was, wenn sie fenbar ist den Anlegern eine Populisten- Italien selbst: Geschäftsbanken, Zentral-
Ernst machen und mit dreistelligen Mil- regierung doch lieber als Neuwahlen. Und bank, Regierung und Kleinanleger sind
liardenbeträgen ihr Wahlvolk päppeln und es ist gut möglich, dass es bis zur ersten dort enger miteinander verwoben als an-
auf den EU-Stabilitätspakt pfeifen? großen Auseinandersetzung zwischen derswo. 48 Prozent aller staatlichen
Es geht um so viel mehr als um eine Rom und Brüssel ein wenig dauert, etwa Schuldscheine, weit mehr als 1000 Mil-
italienische Sommerposse. Es geht um die bis zu den Haushaltsverhandlungen. liarden Euro, befinden sich im Besitz ita-
Zukunft der drittgrößten Volkswirtschaft Was manch einen ebenfalls beruhigen lienischer Banken, Versicherer und Klein-
der Eurozone und vor allem um das Über- mag, ist die Tatsache, dass drei wichtige sparer. Weitere 20 Prozent sind geparkt
leben des Euro. Denn die verdrängte Eu- Mitglieder der Regierung keine Mitglieder bei der Banca d’Italia.
rokrise könnte schon sehr bald wiederkeh- der beiden Parteien, sondern eher Tech- Und das sind nur die wirtschaftlichen
ren – und diesmal mit einer anderen nokraten sind, so der Stand in der Nacht Herausforderungen, schlimm genug be-
Wucht als damals, vor sechs Jahren, als es zum Freitag. reits. Europa kämpft derzeit an vielen
»nur« um Griechenland ging. Da ist allen voran Premierminister Con- Fronten, im Inneren, aber auch nach au-
Sollten Salvini und Di Maio wie ange- te – aber auch der designierte Außenmi- ßen. Die Gemeinschaft muss ihre Haltung
kündigt mit ihren geplanten Mehrausga- nister Enzo Moavero Milanesi, der schon zu Donald Trump finden, dessen irrlich-
ben die Staatsschulden von mehr als zwei der Expertenregierung von Mario Monti ternde Politik Sicherheit und Wohlstand
Billionen Euro weiter in die Höhe treiben, angehörte. Finanzminister sollte der Wirt- Europas gefährdet. Trump zwingt Europa
dann käme eine schwer aufzuhaltende Spi- schaftsprofessor Giovanni Tria werden – einen Handelskrieg auf, mehr noch, er
rale in Gang: Die Europäische Zentralbank er will nicht den Euro verlassen, hat aller- droht all jene Regeln außer Kraft zu setzen,
würde keine italienischen Staatsanleihen dings schon gefordert, Deutschland solle mit denen die Europäer ihren Platz in der
mehr aufkaufen dürfen, die italienischen austreten, weil sein Handelsüberschuss mit Welt gefunden hatten, den Handel in der
Zinsen an den Märkten würden in die der Eurozone inkompatibel sei. Außerdem WTO, die Sicherheit in der Nato.

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FABIO ITRI / DER SPIEGEL
Fünf-Sterne-Hochburg Priolo Gargallo auf Sizilien: Das Armenhaus des Landes

Doch wie soll die EU in einen Handels- Denn welcher deutsche Konservative die Klimapolitik oder den Umgang mit
krieg ziehen, wenn Italien ins Chaos ab- stimmt schon einem neuen Krisenbudget China.
zugleiten droht? Gerade jetzt, da die EU zu, wenn der erste Anwendungsfall sich Das Aufleben des Nationalismus in Euro-
sich als Gegenmodell zu Trumps Allein- gerade in Echtzeit abspielt? Die EU wollte pa – und ausgerechnet in Italien – ist eine
gängen beweisen könnte, da Japan, Mexi- mit Macron in den Reformmodus starten, schlechte Nachricht für den Kontinent.
ko und die Staaten des südamerikanischen Italien reißt die Gemeinschaft in den Kri- Wenn es je ein großes Ziel der Gemein-
Mercosur Schlange stehen, um in Brüssel senstrudel zurück. schaft gab, dann war es dieses: den natio-
Handelsabkommen abzuschließen, steht Das gilt nicht nur für die Eurozonen- nalen Egoismen die Vision einer trans-
der Union womöglich ein monate-, wenn Reform, sondern für fast alle politischen nationalen Wertegemeinschaft entgegenzu-
nicht jahrelanges Gezerre um eine mög- Großprojekte. Auch die angestrebte Eini- setzen. Was hält Europa zusammen, wenn
liche Rettung Italiens bevor. Und dann ist gung zum Asylrecht, die Entscheidung, ob dieses Fundament erschüttert wird?
da ja noch, ganz nebenbei, der in einem und unter welchen Voraussetzungen EU- Und das in einer Zeit, da Trump und
Dreivierteljahr anstehende Brexit. Mitglieder verpflichtet werden können, Putin das multilaterale Regelwerk, errich-
Nun also Italien, Gründungsstaat der Migranten aufzunehmen, scheint nun wie- tet in jahrelanger Arbeit, einreißen wollen
EU, Stützpfeiler der Nato und drittgrößte der ungewiss zu sein – obwohl sie in Ita- und wieder auf das Recht des Stärkeren
Volkswirtschaft der Eurozone? Taumelt liens ureigenstem Interesse wäre. pochen. Durch die Aufkündigung interna-
dieses Land, kommt die gesamte europäi- In der Italienkrise vermischen sich die tionaler Abkommen und den Bruch völ-
sche Architektur ins Wanken. zwei größten Herausforderungen der EU, kerrechtlicher Regeln; durch Handelskrie-
Es rächt sich, dass die Gemeinschaft die wirtschaftliche Bedrohung der Euro- ge, Eroberung und Annexion. Eine Welt
nach dem knappen Verbleib Griechen- zone sowie die Erosion der gemeinsamen also, in der die EU ein Bollwerk sein müss-
lands im Euro nie die Kraft zu grundsätz- Werte und Normen. Wenn in Italien nun te, ein Hort der Vernunft. Aber diese Rolle
lichen Reformen der Wirtschafts- und Populisten regieren, könnte sich das Land kann eine EU nicht spielen, in der künftig
Währungsunion aufgebracht hat. Und dass künftig in Konfrontation zu Brüssel be- Männer wie Salvini den Ton angeben.
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die wegen. Etwa, indem es sich in zentralen Um die italienische Krise zu verstehen,
Ideen von Frankreichs Präsident Emma- Fragen mit den Rechtspopulisten in Frank- um zu verstehen, weshalb die Populisten
nuel Macron für Europa nie eine Antwort reich, Österreich oder Finnland solidari- inzwischen einen derartigen Erfolg haben,
gegeben hat. siert oder mit den EU-kritischen Regierun- reicht es nicht, auf Rom zu blicken. Besser,
Die Zeit, Reformen anzugehen, war gen in Ungarn und Polen. man geht dahin, wo Italien fast schon zu
schon immer knapp. Angesichts der italie- Oder es könnte sich auf die Seite von Ende ist, nach Sizilien, in das Armenhaus
nischen Krise scheint sich das Zeitfenster Halb- oder Vollautokraten wie Donald des Landes.
nun zu schließen. Ein Minimalkonsens Trump und Wladimir Putin stellen – und Dort, in einer Kleinstadt südlich des
beim wichtigen EU-Gipfel Ende Juni – die Einheit Europas unterminieren. Zum Ätna, sitzt an diesem Frühsommertag
mehr erwarten selbst Optimisten nicht. Beispiel, wenn es um das Iran-Abkommen Teresa Lauria, 32, und erzählt von ihrer
Gerade die Angst vor einem Kollaps Ita- geht, die von US-Präsident Donald Trump Wut – darüber, dass Italiens Präsident Mat-
liens macht es Angela Merkel noch schwe- verhängten Handelszölle (siehe Seite 58), tarella ihre Partei, die Fünf-Sterne-Bewe-
rer als bisher, auf Macron zuzugehen. die Verlängerung der Russlandsanktionen, gung, zunächst von der Regierung fernhal-

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Titel

CIRO FUSCO / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK


M5S-Politiker Di Maio in Neapel: Das Szenario, vor dem sich Europa fürchtet

ten wollte. Lauria sagt, da hätten noch Amt gejagt, wegen Korruption und ande- sind und etwas für eine bessere Zukunft
andere Kräfte gewirkt, »Druck aus Europa, rer Vorwürfe. Dazu kommt in Sizilien tun«, sagt sie. »Mit unserer Idee einer mo-
auch aus Deutschland«. noch ein weiteres Problem: die anhaltend difizierten Flat-Tax könnten wir die Wirt-
Lauria engagiert sich seit 2012 für die hohe Arbeitslosigkeit. In ganz Süditalien, schaft im Süden nachhaltig beleben.«
Fünf Sterne. Ihr Vater war Kommunist, dem Mezzogiorno, liegt sie bei 19 Prozent, Den Einfluss Europas auf Italien hält sie
erzählt sie, »wie praktisch alle Arbeiter in im Landesdurchschnitt bei 11 Prozent. für »viel zu groß«, ihr Land werde bevor-
der Stadt«. Jetzt kandidiert sie fürs Bür- Über die Hälfte der Jugendlichen im Sü- mundet, aber es fehle die Solidarität. Als
germeisteramt in Priolo Gargallo, die Wahl den ist arbeitslos. Viele, die studiert haben, Beispiel nennt sie die Flüchtlinge, die
findet am 10. Juni statt. 72 Prozent der wandern ab, um anderswo bessere Bedin- übers Mittelmeer kommen: »Viele Länder
Wähler haben hier bei der Parlamentswahl gungen zu finden und mehr zu verdienen. haben Mauern gebaut, damit schützen sie
im März ihr Kreuz beim M5S gemacht – Die durchschnittliche Wirtschaftsleistung sich, tun aber nichts für uns.« Früher habe
das beste Wahlergebnis der Bewegung in im Süden liegt bei 18 600 Euro, das ist we- sie sich »die EU immer als große Familie
ganz Italien. »Die Euphorie war riesig«, nig mehr als die Hälfte des norditalieni- vorgestellt, doch so ist es nicht«. Kurz ge-
sagt Lauria. schen Durchschnitts von 34 000 Euro. sagt: »Die anderen spielen ein Spiel, bei
Priolo Gargallo liegt inmitten eines ge- Dass der Fünf-Sterne-Bewegung plötz- dem Italien nicht dabei ist.«
waltigen Industriegebiets, wo am Ende der lich ein Wirtschaftswunder gelingen könn- Im Wahlkampf um das Bürgermeister-
Straßen die Schlote der Fabriken aufragen. te, glaubt auch Lauria nicht. »Aber die amt setzt Teresa Lauria auf den direkten
In petrochemischen Anlagen und Stahl- Menschen trauen uns zu, dass wir ehrlich Bürgerkontakt. Am Dienstagabend fährt
werken arbeiteten hier einst 30 000 Men- sie mit einem zum Wahlwerbemobil um-
schen. Heute sind nicht einmal mehr halb gerüsteten Fiat Panda durch die Stadt und
so viele Leute beschäftigt. Wegen der Um- 29,5 Wahlumfrage Italien hält immer wieder an, um mit Passanten
weltgifte in der Luft, im Wasser und im 27,5 vom 28. Mai 2018 zu reden und ihr Programm zu verkünden.
Boden gilt die Gegend um Priolo Gargallo Den lautesten Beifall bekommt sie für
als »Dreieck des Todes«. einen Satz, dessen Wirkung sie anschei-
Damit alle Bewohner wenigstens kos- nend schon kennt: »Wir wollen kein Volk
tenlos sauberes Wasser trinken können, 19,4 von Schnorrern sein!« Lauria sagt: »Nicht
hat die Stadtregierung vor einigen Jahren wir sind Schnorrer, sondern die Politiker,
einen Kiosk im Stadtzentrum aufgestellt, die von uns Bürgern das Geld bekommen,
das »Haus des Wassers«. Jeder Einwohner aber nichts zurückgeben.«
kann dort kostenlos gefiltertes Wasser ab- 3-Prozent-Hürde Aber Italien, das ist eben das Paradoxe,
füllen. Der langjährige Bürgermeister An- 8,0 ist nicht nur Priolo Gargallo mit seinem
tonello Rizza hat sich darauf stolz mit sei- verdreckten Wasser. Sondern auch Mai-
nem Namenszug verewigt. 3,8 2,7 land, die heimliche Hauptstadt des Lan-
Rizza kann den Kiosk allerdings nicht des, die Stadt der Banker, der Haute Cou-
M5S Lega PD FI FdI LeU
mehr aufsuchen, er steht unter Hausarrest. Populisten Rechtspop. Sozialdem. Mitte-rechts Nationalist. Linke ture und des Großbürgertums, mit ihren
Vor einigen Monaten wurde er aus dem Angaben in Prozent; an 100% fehlende: Sonstige; Quelle: SWG edlen Einkaufspassagen und teuer geklei-

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FABIO ITRI / DER SPIEGEL
Di-Maio-Anhänger auf Sizilien: »Nicht wir sind Schnorrer, sondern die Politiker«

deten Menschen. Italien, das ist ein gespal- demokraten Matteo Renzi, angetreten vor das Ergebnis: 59 Prozent der Abstimmen-
tenes Land, wo der Süden dem Maghreb vier Jahren als »Verschrotter«. Smart, rot- den lehnten die Verfassungsänderung ab.
gleicht und der Norden zu den reichsten zig und entschlossen, den Symptomen der Der rasante Absturz Renzis, von mehr
Regionen Europas zählt. italienischen Krankheit rücksichtslos zu als 40 Prozent der Stimmen 2014 auf
So wuchs insgesamt das private Finanz- Leibe zu rücken: der Korruption, der Vet- weniger als 19 Prozent 2018, sucht in der
vermögen der Menschen zwischen Bozen ternwirtschaft, der überbordenden Büro- italienischen Nachkriegsgeschichte seines-
und Palermo zuletzt wieder, es liegt bei kratie und Gerontokratie. Es war, als wäre gleichen. Er war nicht nur ein persönliches
4,3 Billionen Euro. Ein Polster, das dicker in einem lange nicht mehr gelüfteten Zim- Drama für Renzi, sondern zeigt auch, dass
ist als jenes des Durchschnittsdeutschen mer urplötzlich ein Fenster aufgerissen die Italiener den Glauben an ihre Politiker
(siehe Grafik Seite 16). Und doch fühlen worden. Die Italiener atmeten tief durch endgültig verloren haben.
sich viele Italiener ärmer. und belohnten Renzi bei den Europawah- Und da in Italien seit Jahrzehnten die
Was Italiens Bürgern zusetzt, hat wenig len 2014 mit einem Traumergebnis von Helden von gestern die politische Bühne
mit dem Euro zu tun, viel hingegen mit mehr als 40 Prozent. Von da an ging es je- bevölkern, die Ex-Premiers Romano Pro-
dem Schuldendienst für die in den Achtzi- doch bergab. di, Massimo D’Alema oder Pierluigi Ber-
gerjahren angehäuften, mittlerweile auf Anstatt seine anfangs moderaten partei- sani, war die Sehnsucht nach neuem Per-
2386 Milliarden Euro angewachsenen internen Kritiker einzubinden, demütigte sonal groß.
Außenstände des Staats. Den Preis für die Renzi sie. Die zarten Anzeichen einer wirt- Es ist einer von ihnen, Silvio Berlusconi,
Prasserei der Vorgänger zahlen nun vor schaftlichen Erholung im Rezessionsland der den heutigen Populisten den Weg ge-
allem die Jungen und nicht mehr ganz so Italien, nicht zuletzt der EZB-Politik und ebnet hat. »Er hat ab den Neunzigern vor-
Jungen, die sich trotz akademischer Aus- dem starken Euro geschuldet, schrieb er weggenommen, was wir jetzt verstärkt in
bildung oft mit Minijobs und ohne eigene vollmundig sich selbst zu. Und den richti- der Politik erleben – eine simple Sprache,
Wohnung durchschlagen müssen. gen Entschluss, Italien mithilfe einer Ver- die Abkehr vom Berufspolitiker hin zum
Die drastischen Sparmaßnahmen der ver- fassungsänderung schlanker, entschei- Quereinsteiger und das Lob des gemeinen
gangenen Jahre haben vor allem im Bildungs- dungsfähiger und regierbarer zu machen, Mannes als Gegenentwurf zur Elite.« Das
und Gesundheitssystem Schneisen geschla- verband er mit einer verhängnisvollen sagt der Politologe Giovanni Orsina von
gen. Seit 2009 sind die öffentlichen Investi- Drohung: Sollte das Volk beim Referen- der römischen Universität LUISS.
tionen in Italien um ein Drittel gesunken. dum über ein neues Wahlrecht mit Nein Berlusconi selbst, seit Kurzem nicht
So ist es kein Wunder, dass Populisten stimmen, werde er zurücktreten. mehr unter Ämterbann wegen seiner Vor-
wie Di Maio und Salvini nun in Rom das Umringt von seinem mehrheitlich tos- strafe infolge von Steuerhinterziehung,
Sagen haben, die ihren Wählern vor allem kanischen Hofstaat, war Renzi am Ende darf ab sofort wieder mitmischen. Forza
mehr Geld versprachen. Und die mit einem nicht mehr bewusst, wie müde die krisen- Italia allerdings, die Partei des 81 Jahre al-
so simplen wie überzeugenden Verspre- gebeutelten Italiener seiner endlosen ten Vierfachpremiers, ist inzwischen Um-
chen lockten: nicht einfach so weiterzu- Selbstbeweihräucherung waren. Die Re- fragen zufolge auf acht Prozent der Stim-
machen wie bisher. formschritte, die er eingeleitet hatte, tru- men abgesackt. Binnen zehn Jahren hat
Denn es gab ja schon mal einen, der ver- gen zwar Früchte, aber nur langsam. Eine das Berlusconi-Lager mehr als 4,6 Millio-
sprach, Italien aufzuräumen, den Sozial- schallende Ohrfeige beim Referendum war nen Wähler verloren. Die Sozialdemokra-

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ten büßten sogar mehr als sechs Millionen Einige seiner Anhänger gingen auf Face- wie man mit Italien umgehen sollte. Das
Wählerstimmen ein. book noch weiter: »Mattarella soll ster- Auswärtige Amt plädiert unter Minister
In ganz Europa sehen sich in diesen Ta- ben«, schrieben sie. Oder: »Luigi, bring Heiko Maas für Zugeständnisse an Italien.
gen die Europagegner von den Vorgängen dieses Stück Scheiße zum Zittern.« Es ist Die harte Haltung Deutschlands vor allem
in Italien bestätigt. In Deutschland applau- eine spürbare Radikalisierung der Sprache, während der Griechenlandkrise habe Eu-
dierte auch die AfD ausgiebig Italiens neu- ohne einen Blick über Italiens Grenzen ropas Populisten erst den Vorwand für das
er Regierung aus Populisten. Das Bündnis hinaus, und eine dramatische Verflachung neue Feindbild Berlin geliefert.
aus der Lega und der Fünf-Sterne-Bewe- des politischen Diskurses, die den Sieges- In Frankreich drängt Emmanuel Ma-
gung sei »sehr erfreulich«, sagte Parteichef zug der populistischen Parteien begleitet cron weiter auf die einzige Lösung, die er
Jörg Meuthen dem SPIEGEL. Daran än- hat. Deren Rattenfängerparolen stoßen für nachhaltig hält: eine grundsätzliche
dert offenbar auch nichts, dass die beiden auf wenig fundierten Widerstand: Im Ge- Reform der EU. Macron steht auch innen-
Parteien genau das wollen, was die AfD burtsland von Dante, Manzoni und Um- politisch unter Druck, dass endlich etwas
unbedingt verhindern will: Schulden ma- berto Eco lesen 60 Prozent der Bevölke- geschieht. Der französische Präsident hat
chen, für die indirekt auch Deutschland rung privat kein einziges Buch mehr. mit seinen Reformreden viel gewagt – und
haftet. Hauptsache, es geht gegen die EU. »Verachtung, Ekel und Wut« lösten die kann im eigenen Land viel verlieren. Mit
Auch in Frankreich lebt Marine Le Pen aktuellen Nachrichten bei ihr aus, sagt die jeder seiner Reden hat er den Einsatz er-
seit dem Sieg der italienischen Populisten deutsche Verlegerin Inge Feltrinelli, Witwe höht, und wenn darauf nun nichts folgt,
richtiggehend auf – ihr Front National be- des Milliardärs und Revolutionärs Gian- könnten sich seine Unterstützer ent-
fand sich seit der Wahlniederlage gegen giacomo Feltrinelli, die seit bald 60 Jah- täuscht abwenden. Macron will nicht we-
Emmanuel Macron im Niedergang. Seit ren in Mailand lebt. La Feltrinelli kritisiert niger als Europa »neu begründen«, so
Macrons Wahl höhnt sie schon, der franzö- die neue Politikergeneration scharf. Di nannte er es in seiner Rede an der Pariser
sische Präsident sei eine »Ausnahmeer- Maio und Salvini hält sie für »Dilettanten«, Universität Sorbonne im September.
scheinung« in einer Welt, die zunehmend die leider beim Volk ankämen. Die Italie- Am Mittwochnachmittag eröffnete er
nationalistisch, also auch antieuropäisch, ner brauchten »Regeln und klare Verhält- die OECD-Ministerkonferenz mit einer
sei. Italien bestätigt sie darin umso mehr. nisse – also mehr Europa, nicht weniger«. weiteren flammenden Rede: »Wir brau-
Mattarellas Veto gegen Salvinis Finanz- Die Europäer stehen nun vor der chen eine effizientere Antwort auf die He-
minister war eine Steilvorlage für Marine schwierigen Aufgabe, auf die neue Regie- rausforderungen unserer Zeit.« Er sprach
Le Pen: »Die EU und die Finanzmärkte rung in Rom zu reagieren. In Berlin fallen nicht direkt die Situation in Italien an, aber
konfiszieren erneut die Demokratie«, twit- Kanzlerin Angela Merkel und Finanzmi- natürlich meinte er auch sie. »Wir befin-
terte die Front-National-Chefin. »Was in nister Olaf Scholz bisher vor allem durch den uns an einem Wendepunkt unserer
Italien passiert, ist ein Putsch, das italieni- Zurückhaltung auf. Sie fürchten, jede ihrer Geschichte.«
sche Volk wird seiner Entscheidung be- Äußerungen könnte als Einmischung in Im Élysée antwortet man auf die
raubt – durch illegitime Institutionen.« inneritalienische Angelegenheiten verstan- Frage, ob all diese Appelle tatsächlich
Und schob gleich eine düstere Warnung den und in antideutsche Polemik umge- etwas bewirken könnten, mit einer
hinterher: Die Verachtung des Wählerwil- münzt werden. Deutschland könne im Mo- Gegenfrage: Was könne man sonst tun?
lens werde Konsequenzen haben, die Wut ment gar nichts tun, heißt es daher ledig- Es ist Macrons Verdienst, weiter auf Re-
der Völker Europas werde wachsen. lich. Mahnungen oder Warnungen, davon formen zu drängen, Lösungsvorschläge
Die Feindbilder Brüssel und Berlin so- ist man überzeugt, brächten eher einen anzubieten. Aber er steht damit ziemlich
wie die Überzeugung, die von den Deut- gegenteiligen Effekt. allein da. Natürlich könne man auf Kon-
schen dominierte Gemeinschaftswährung Doch in der Sache ist die Position ein- frontation gehen oder auch einfach keine
Euro sei die Wurzel aller Übel, ist der Kitt deutig: In der Union und in weiten Teilen Vorschläge mehr einbringen, sagt ein en-
der europäischen Populisten, egal ob der SPD-Fraktion gilt Italien weniger als ger Berater Macrons. »Aber wenn Europa
rechts oder links, er hält auch Lega und Opfer einer von Brüssel diktierten har- keine Stimme mehr hat, dann wird es,
Fünf Sterne zusammen. schen Sparpolitik denn als Land, in dem freundlich formuliert, ausgeschlossen.«
Das Veto von Mattarella galt nur einem über die eigenen Verhältnisse gelebt wird. Zu Italien sagt er: »Wir stellen uns im
Minister und nicht der ganzen Regierung, Allerdings zeigen sich innerhalb der Augenblick viele Fragen.« Was Rom be-
aber in Italien befeuerte es das Misstrauen Bundesregierung erste Risse bei der Frage, treffe, sei derzeit leider »nichts vorher-
gegen die Demokratie umso mehr und sehbar«.
spielte den Populisten in die Hände. Wie- Das Thema Italien spielte auch bei einem
der kommt es nun zum Konflikt zwischen Nettovermögen Abendessen am Mittwoch die Hauptrolle,
nationaler Demokratie und europäischer je Privathaushalt im Jahr 2014 zu dem EU-Haushaltskommissar Günther
Währung, der sich schon in der Griechen- Oettinger eine kleine Gruppe Europaabge-
landkrise gezeigt hat. Salvini sprach von Italien 226400 € ordnete in das Hotel Dollenberg eingeladen
einer Verschwörung und drohte den dafür hatte, etwa eine Stunde vom Straßburger
Verantwortlichen: »Mich stoppt keiner, Parlament entfernt. Auch Theo Waigel war
uns stoppt keiner; ihre kleine antidemo- Deutschland 214300 € zu Gast, der ehemalige Bundesfinanzminis-
kratische Schlacht haben sie heute gewon- ter und einer der Väter des Euro.
nen, den Krieg morgen werden sie ver- Waigel referierte, wie Italien bei der Ein-
lieren.« Staatsverschuldung führung des Euro versprochen habe, sei-
Auch Di Maio gab sich wenig Mühe, je Haushalt im Jahr 2017 nen Schuldenstand zu reduzieren, und wie
seinen Zorn über den Präsidenten zu zü- dann immer wieder nichts geschehen sei.
geln – er unterstellte Mattarella indirekt 87727 € Es sei daher nun an der Zeit, dass der Chef
Hochverrat. Das Land brauche stattdessen der Europäischen Zentralbank, Mario
ein Staatsoberhaupt, das nicht von »den Draghi, den Italienern mal ins Gewissen
Ratingagenturen, den Banken oder den 51623 € rede, so Waigel. »Als Italiener hat er dabei
Interessen der Deutschen« gesteuert eine andere Glaubwürdigkeit als beispiels-
werde. Quellen: EZB, Europäische Kommission weise ein Deutscher.«

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ALESSANDRA BENEDETTI / CORBIS / GETTY IMAGES
DENIS ALLARD / SIPA / ACTION PRESS

Präsidenten Macron, Mattarella: Beunruhigende Phänomene europaweit

Den Italienern ins Gewissen reden, da- fer Liebe verbunden«, aber er akzeptiere Italiener haben keine wirkliche Idee vom
mit hat schon Oettinger schlechte Erfah- nicht länger, dass die EU für alles verant- Staat, sie sind außerdem kurzsichtig, ha-
rungen gemacht. In einem eher harmlosen wortlich sei, was schiefgehe, besonders im ben keine Strategie und riskieren des-
Interview mit der Deutschen Welle hatte Süden. Deutlicher wurde er jedoch nicht. wegen ständig, am Abgrund zu landen.
er die Italiener ermahnt, dass die Wahl »Europa darf den Italienern schon klar- Kurz davor aber stoppen sie.«
von Populisten für die wirtschaftliche Ent- machen, dass ihre Wahlentscheidung Fol- Einer wie Salvini, ein »demagogo
wicklung eines Landes nicht ohne Folgen gen haben könnte – für sie selbst, für den da quattro soldi«, ein billiger Volks-
bleiben werde. »Meine Sorge und meine Euro, für die Politik der EU«, sagte dage- verhetzer, habe bei seinen Landsleuten
Erwartung ist, dass die nächsten Wochen gen der Europaabgeordnete und Italien- leichtes Spiel. »Wer uns Italiener ver-
zeigen, dass die Märkte, dass die Staats- kenner Andreas Schwab von der CDU. stehen will, denke an die Geschichte von
anleihen, dass die Wirtschaftsentwicklung Und der CSU-Europaabgeordnete Mar- Pinocchio, wo das Buttermännchen allen
Italiens so einschneidend sein könnten, kus Ferber verkündete: »Das Worst-Case- Kindern mit Eselsohren das Schlaraf-
dass dies für die Wähler doch ein mög- Szenario wäre, dass Italien wie Griechen- fenland verspricht – aber das ist natürlich
liches Signal ist, nicht Populisten von links land zahlungsunfähig wird, weil es keinen eine Lüge, sie enden als Sklaven, als
und rechts zu wählen.« mehr gibt, der Italien Geld leiht. Dann Esel.«
Ratspräsident Donald Tusk sandte einen müsste die Troika in Rom einmarschieren, Was Politik angeht, finde in Italien im
bösen Tweet, und Kommissionschef Jean- den Haushalt übernehmen, das Finanzmi- darwinschen Sinn eine »negative Auslese«
Claude Juncker teilte mit, er glaube nicht, nisterium übernehmen. Aber wir reden statt. Nicht die Besten, sondern die Gie-
dass Italiens Schicksal in den Händen bei Italien von über zwei Billionen Euro rigsten und Korruptesten würden am Ende
der Finanzmärkte liege. Oettinger sah Schulden. Das würde unsere Möglichkei- Volksvertreter.
sich genötigt, sich für seine Bemerkung ten in Europa sprengen.« Die augenblickliche Lage sei ernst,
zu entschuldigen. Die Grünen fordern nun Europaweit sei ein beunruhigendes Phä- warnt Bolaffi, der Deutschlandkenner und
seinen Rücktritt; Antonio Tajani, der Prä- nomen zu beobachten, sagt Angelo Bolaffi, Philosoph: »Vorsicht, Italien ist ein ge-
sident des Europaparlaments, soll getobt Professor für Philosophie und ehemaliger fährliches Land – wenn man es alleinlässt,
haben. Die Episode zeigt, wie sehr in Brüs- Leiter des italienischen Kulturinstituts in kann es furchtbaren Unsinn anrichten. Ita-
sel die Nerven blank liegen. Berlin: »Je länger die EU zusammen- lien braucht jetzt seine Freunde, vor allem
Offiziell haben sich alle ein Schweige- wächst, desto weiter entfernen sich die in Deutschland.«
gelübde auferlegt. Dem schloss sich auch Menschen voneinander.« Fidesz in Un- Tim Bartz, Fiona Ehlers, Julia Amalia Heyer,
die EU-Außenbeauftragte Federica Moghe- garn, der Front National in Frankreich, die Christiane Hoffmann, Walter Mayr, Juliane
rini an, selbst Italienerin. Zurückhaltung FPÖ in Österreich – in anderen europä- von Mittelstaedt, Peter Müller, Dietmar
sei wichtig, sagte sie bei einer Kommis- ischen Ländern gebe es maximal eine er- Pieper, Christian Reiermann, Mathieu von
Rohr, Britta Sandberg, Christoph Schult
sionssitzung am Dienstag, weil Salvini und folgreiche populistische Partei: »Nur bei
seine Leute nur darauf warteten, sich über uns gibt es zwei, ein ungewöhnlicher Dua-
einen erhobenen Zeigefinger aus Brüssel lismus. Welches gemeinsame Ziel könnten Video
In der Hochburg
aufregen zu können. diese beiden Parteien haben? Mir fällt da der Lega Nord
Wie schwer das ist, zeigte sich am Don- nur der Hass auf Brüssel ein.« spiegel.de/sp232018rechts
nerstag, als Juncker bei einer Veranstaltung Aber Italien habe auch ein grundsätz- oder in der App DER SPIEGEL
in Brüssel sagte, er sei zwar »Italien in tie- liches Problem, so Bolaffi: »Die meisten

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Europas. Wäre ein Austritt aus dem Euro besser für das
Henrik Enderlein
Land? Könnte eine Abkehr von der Sparpolitik helfen,

Noch ist Zeit, aber


oder braucht es ein noch viel ehrgeizigeres Sparpro-
gramm? Muss ein Staatsbankrott her oder eine Übernah-
me der Altschulden? Zu diesen Fragen herrscht – selbst
unter Ökonomen – Uneinigkeit, man könnte es auch Rat-

nicht mehr viel


losigkeit nennen.
Sicher ist: Jede dieser Maßnahmen würde wohl erst ein-
mal in eine weitere Krise führen – entweder politisch
oder finanziell, entweder in Italien oder im Rest Europas.
Deshalb ist jede Schnellschuss-Entscheidung zu Italien
Essay Warum Italien die derzeitige Krise nur mit naiv und gefährlich.
deutscher Hilfe bewältigen kann – und Deutschland Die meisten Optionen stehen, mit Vernunft betrachtet,
ohnehin nicht zur Debatte. Ein Austritt Italiens aus dem
Italien braucht, damit Europa stabil bleibt. Euro würde ganz Europa in eine noch viel tiefere Krise
reißen, als sie gerade hinter uns liegt. Ein Schuldenschnitt
à la Griechenland würde auf einen Schlag rund tausend

I
Milliarden Euro vernichten, mit nicht zu kontrollierenden
n Rom wurde vor gut 60 Jahren der Grundstein für Konsequenzen für das europäische Banken- und Versiche-
die politische Integration Europas gelegt. Heute geht rungssystem und damit für den Wohlstand und die soziale
von Rom ein politisches Risiko aus, das noch mehr Sicherheit der Menschen in Europa. Ein großes Rettungs-
als der Brexit das Potenzial hat, das europäische Pro- paket für die italienische Volkswirtschaft, das auch die ita-
jekt nachhaltig zu beschädigen. Gefährlich an der außer lienischen Banken abzusichern hätte, scheidet ebenfalls
Kontrolle geratenen Situation ist nicht nur die mögliche aus: Europa kann sich eine Rettung der achtgrößten
Rückkehr der Eurokrise mit weitreichenden Konsequen- Volkswirtschaft der Welt schlicht nicht leisten.
zen für Wachstum und Wohlstand, sondern auch die neue Und Mario Draghi? Könnte nicht die EZB mit einem
toxische Atmosphäre des Misstrauens europäischer Län- neuen »Whatever-it-takes« die Eurozone stabilisieren?
der und Bürger untereinander. Viele Italiener sehen in Ich halte das für gefährlich. Es ist nicht die Aufgabe einer
Deutschland und der »teutonischen Austerität« die wahre Zentralbank, politische Krisen zu lösen. Und aus deut-
Ursache für die Krise des Landes. Viele Deutsche sehen in scher Sicht wäre es zynisch, weiter auf die EZB zu setzen,
Italien und der italienischen Schuldenfalle dagegen die wird sie doch gerade in Deutschland scharf dafür kriti-
wahre Bedrohung des Euro und der wirtschaftlichen Sta- siert, dass sie sich für die Eurorettung an die Grenze ihres
bilität in Europa. Derlei Zuspitzungen sind keine gute Mandats gewagt hat.
Ausgangslage für die Bewältigung der Herausforderungen, Italien ist zu groß, um unterzugehen. Aber Italien
die jetzt erkennbar werden. ist auch zu groß, um gerettet zu werden. Deshalb taugen
Italien hat den mit 2,3 Billionen Euro höchsten Vergleiche mit Griechenland nicht. Wer Italien helfen
Schuldenstand und die aktuell wohl niedrigste Wachs- möchte, muss eine neue Rettungsmethode erfinden.
tumsrate in der gesamten Europäischen Union. Jeder Nötig sind politisch klar festgelegte Schritte, um Zug um
dritte junge Italiener ist arbeitslos. Banken kämpfen Zug die wirtschaftliche Stabilität Italiens zu sichern
mit hohen Kreditausfallraten. Anders als andere Krisen- und so den Nährboden für politische Reformen im
länder hat Italien in den frühen Jahren der Währungs- Land zu schaffen, den eine Regierung dann aber auch
union keinen Boom erlebt. Das Pro-Kopf-Einkommen bestellen muss.
stagniert seit 20 Jahren. Und dennoch hat sich Italien Leider fehlt es der Währungsunion an Instrumenten,
in den vergangenen Jahren streng an die EU-Defizit- um ein solches Verfahren klug umzusetzen. Wenn andere
regeln gehalten. Genützt hat es aus italienischer und ich selbst immer wieder darauf hingewiesen haben,
Sicht nichts. Wen überrascht vor diesem Hintergrund der Euro müsse endlich krisenfest gemacht werden, dann
die Implosion des politischen Systems? vor allem deshalb, weil klar war, dass das italienische Pro-
Deutschland wird sich nicht blem früher oder später auftreten würde. Im Januar 2017,
abkoppeln können von den Proble- knapp vier Monate vor seiner Wahl zum Präsidenten, sag-
men in Italien. Gerät die Krise wei- te Emmanuel Macron in seiner Rede in Berlin, der Euro
REGINA SCHMEKEN / SZ PHOTO

ter außer Kontrolle, wird sich eine werde die nächste Krise nicht überstehen, wenn er nicht
zentrale Frage stellen: Was ist zügig generalüberholt würde. Ich glaube, Macron dachte
Deutschland bereit zu tun, um Ita- an Italien, als er diese Sätze sprach.
lien in der Währungsunion zu hal- Noch ist Zeit für eine Reform des Euroraums. Aber sie
ten? Die Sprengkraft dieser Frage ist muss schnell erfolgen, und sie braucht einen starken poli-
enorm. Und leider steht heute schon tischen Willen. Es muss verhindert werden, dass Märkte
fest, dass sie sich nicht mit einfachen in einer Krise gegen den Euro und das vertraglich fest-
Lösungen wird beantworten lassen. gehaltene Prinzip seiner Unwiderruflichkeit spekulieren.
Henrik Enderlein, Italien braucht mehr Wachstum, Zur Debatte sollte gerade nicht eine naive Transferunion
43, ist Professor für um den Schuldenberg abbauen zu stehen, wie sie kürzlich wieder von 154 deutschen Ökono-
politische Ökonomie und können. Italien braucht auch mehr men kritisiert wurde, sondern eine Kombination aus Ele-
designierter Präsident der soziale Gerechtigkeit, gerade zwi- menten, welche die Marktdisziplin zurück in den Euro-
Hertie School of Governance schen dem reichen Norden und dem raum bringen und gleichzeitig mehr Risikoteilung einfüh-
sowie Direktor des abgehängten Süden. Aber die Mittel ren. Im Frühjahr habe ich in einer Gruppe aus sieben
Thinktanks »Jacques Delors zum Erreichen dieser Zwecke sind deutschen und sieben französischen Ökonomen Vorschlä-
Institut« in Berlin. umstritten – in Italien und im Rest ge in diese Richtung formuliert.

18 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Titel

PETER BROOKES / NEWS LICENSING / DDP


Deutschland sollte der italienischen Herausforderung Ein solcher Doppelschlag könnte den Wohlstand mehren
mit einer klaren Doppelbotschaft aus der Mahnung zu und zu einem glaubwürdigeren Weg des Schuldenabbaus
Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Solidarität gegen- führen. Doch die Frage, ob ein solcher Pakt gelingen
übertreten. Im Euroraum gilt das Grundprinzip, dass kann, führt zurück zur Frage des Misstrauens in Europa.
jeder Staat seine eigenen Schulden bedient. Deshalb ist Glauben Länder wie Deutschland noch an Italien? Und:
die Nichtbeistandsklausel ein zentrales Element der Wäh- Glaubt Italien noch an die europäische Solidarität? Die
rungsunion, das nicht infrage gestellt werden darf. Auch zweite Frage hat das italienische Volk in der Parlaments-
bei den Banken gilt, dass der Euro keine automatische wahl am 4. März klar mit Nein beantwortet. Seit die Mehr-
Haftungsgemeinschaft ist. Für Bankenrisiken haften heit im Parlament für die Abkehr vom Sparkurs steht,
zuerst die Eigentümer und Anleihehalter der Banken. Ein- lassen sich die Optionen der italienischen Politik auf eine
lagen müssen national gesichert werden. Alle Länder müs- einfache Formel bringen: entweder weiter sparen – gegen
sen diese Eigenverantwortung ernst nehmen und durch den Wunsch der politischen Mehrheit, mit der Folge einer
den Abbau von Risiken dafür Sorge tragen, dass sie ihre immer tieferen Krise der italienischen Politik und immer
eigene Stabilität sicherstellen können. größerem Misstrauen gegenüber Europa. Oder noch mehr
Geld ausgeben, wie es wohl die Mehrheit des Volkes will,

A
mit der Folge einer immer größeren Marktpanik, die Ita-
ber alle wissen, dass es Situationen geben kann, lien aus dem Euro drängen könnte. Bei beiden Optionen
in denen Länder Beistand brauchen. Der Euro- steht früher oder später die Mitgliedschaft Italiens im Euro
raum braucht für solche Fälle ein Rückversiche- auf dem Spiel. Aus deutscher Perspektive kann man das
rungssystem, das für den Ernstfall starke Sicher- Dilemma zynisch beantworten, indem man auf den Druck
heitsnetze einzieht. Die Letztabsicherung der Banken- der Märkte und eine Zermürbung der italienischen Be-
union ist ein solches Sicherheitsnetz. Marktteilnehmer völkerung setzt – oder ihm konstruktiv begegnen mit dem
werden nicht gegen Länder, gegen Banken oder den Euro Aufbau eines neuen Vertrauensverhältnisses.
spekulieren, wenn sie sicher sind, dass die Solidaritäts- In Italien zieht ein Sturm herauf, dessen Zerstörungs-
gemeinschaft im Ernstfall hält. Doch genau daran zwei- potenzial groß sein kann. Deutschland und Europa
feln heute viele. sind darauf nicht vorbereitet, weder politisch noch institu-
Nur wenn die Solidaritätsgemeinschaft absolut glaub- tionell. Jeder Lösungsweg für Italien wird kompliziert
würdig ist, werden die Wetten auf den Zerfall des Euro sein und damit angreifbar für populistische Vereinfachun-
aufhören. Dann würden sich endlich neue Freiräume gen überall auf dem Kontinent. Wenn sich Europa
öffnen in der Krisenbewältigung. Europa sollte mit Italien aus Angst vor dem Populismus allerdings davon abhalten
einen Wachstumspakt schließen, der die dringend not- lässt, die richtigen Lösungen zu suchen, dann ist der
wendigen Strukturreformen mit Investitionen kombiniert. Zusammenbruch des Euro unabwendbar. I

19
Deutschland
»Rechts, links, haste nicht gesehen. Ich will nach vorne gucken und sehen, was wir machen können.« ‣ S. 36

Bayern

»Opulentes
Familienfest«
Die SPD hält einen von Söder geplanten
Staatsempfang für verfassungswidrig.

 Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder


(CSU) gerät wegen eines geplanten Staatsempfangs
für Parteifreunde und konservative Politikgrößen
in die Kritik. Söder hat für kommenden Mittwoch
die Abgeordneten der Fraktion der Europäischen
Volkspartei (EVP) aus dem Europaparlament in
die Münchner Residenz geladen. Aus Sicht der
Opposition verquickt Söder damit Staats- und Par-
teiinteressen; die SPD hält den Staatsempfang für
»verfassungswidrig«. In einem Schreiben von SPD-
Fraktionschef Markus Rinderspacher an Söder von
dieser Woche heißt es: »Ihr Empfang für konserva-
tive Politiker im bayerischen Landtagswahlkampf –
und in Vorbereitung auf den in Kürze anstehenden
Europawahlkampf 2019 – ist ein zielgerichteter
Eingriff der Staatsregierung in den Wettbewerb

DIRK BRUNIECKI /LAIF


der politischen Parteien.« Es sei »augenscheinlich«,
dass die »prunkvolle Einladung in den bedeutends-
ten Sammlungsbau der Renaissance nördlich der
Alpen weniger dem bayerischen Staatsinteresse als
dem christsozialen Parteiinteresse« diene.
Die Politiker der EVP-Fraktion, der auch CDU Söder im Antiquarium der Münchner Residenz
und CSU aus Deutschland angehören, werden sich
drei Tage lang in München treffen. Zu ihrer Tagung werden außer- Entscheidend sei, dass »hoch- und höchstrangige Gäste wie
dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der österrei- Repräsentanten europäischer Staaten, Verfassungsorgane und
chische Kanzler Sebastian Kurz erwartet. internationaler Institutionen« anwesend seien; die Ausrichtung
Das Bundesverfassungsgericht hatte erst im Februar geurteilt, eines Staatsempfangs sei daher »ein Gebot der Höflichkeit auf
dass für Amtsträger das sogenannte Neutralitätsgebot gelte. dem internationalen Parkett«.
Minister dürfen sich zwar parteipolitisch engagieren, nicht aber Die bayerische Staatskanzlei wurde in der Vergangenheit
dafür auf staatliche Infrastruktur zurückgreifen. SPD-Fraktions- immer wieder dafür kritisiert, dass sie die Trennung von
chef Rinderspacher fordert Söder auf, das »opulente konservati- CSU- und Staatsinteressen missachte – etwa weil die Regie-
ve Familienfest« abzusagen. Die bayerische Staatskanzlei betont, rungszentrale parteipolitisch orientierte Meinungsumfragen in
das EVP-Treffen sei lediglich der Anlass für den Staatsempfang. Auftrag gegeben hatte. MP

Asylaffäre wie interne Aufklärer rekonstruieren Gesetz entschieden wird oder eher sach-
Warnungen schon 2014 konnten. Die Hinweise der Führungskräf-
te bezogen sich auf »zahlreiche Fälle«, in
fremde Erwägungen eine Rolle spielten«.
Warum niemand die Warnung ernst
 In der Affäre um manipulierte Asylver- denen es »Bevorteilungen bei Entschei- nahm, konnte Bamf-Chefin Jutta Cordt
fahren im Bundesamt für Migration und dungen über syrische Asylanträge« gab, im Innenausschuss des Bundestags am
Flüchtlinge (Bamf) gab es mehr Mitwisser in die ein Hildesheimer Anwalt involviert Dienstag nicht beantworten. Seit dem
als bekannt: Bereits im Jahr 2014 sollen war; gegen den Mann ermittelt heute die 9. Mai würden Gespräche mit den Be-
sieben Führungskräfte erfahren haben, Staatsanwaltschaft. Schon damals warnte teiligten geführt. Vielleicht reichten die
dass es in der Bremer Außenstelle des ein Beamter aus dem Flüchtlingsamt, es Anfänge der Affäre noch »weiter als
Amtes massive Unregelmäßigkeiten gab, sei »zu prüfen, ob hier nach Recht und 2014 zurück«, sagte Cordt. GUD , WOW

20
Feinstaub Parteifinanzen
Dreckige Loks AfD scheitert mit Klage
 Die Züge der Deutschen Bahn waren gegen Ex-Schatzmeister
im Jahr 2016 für rund ein Fünftel des
Feinstaubs im gesamten deutschen Ver-  Im Rechtsstreit mit ihrem ehemali-
kehr verantwortlich. Das ergibt sich aus gen Schatzmeister Norbert Stenzel hat
einer Antwort der Bundesregierung auf die AfD eine juristische Schlappe erlit-
eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion. ten. Wie ein Sprecher des Landgerichts
Grund ist die große Dieselflotte der Gießen bestätigt, hat die 4. Zivilkam-
Bahn; etwa jede dritte Lok des Unterneh- mer bereits im vorigen Jahr eine ent-
mens fährt mit dem Treibstoff. Sie tragen sprechende Klage der Partei abgewie-
erheblich zur Luftverschmutzung in Städ- sen (Aktenzeichen 4 O 434/16). Die
ten bei: Während die Elektrozüge der AfD hatte 2016 behauptet, Stenzel
Bahn vor allem im Fernverkehr unter- habe Parteigelder in Höhe von
wegs sind, fahren die Dieselloks überwie- 21 180,53 Euro erhalten und nicht für
gend im Nah- und Regionalverkehr. »Die parteibezogene Aufwendungen ausge-
Diskussion um schmutzige Diesel-Pkw geben. Der ehemalige Schatzmeister,
ist zum Teil hysterisch«, findet FDP-Poli- der inzwischen aus der AfD ausgetre-
tiker Torsten Herbst. Er fordert mehr ten ist, konnte jedoch Belege für eine

GOTTFRIED CZEPLUCH / IMAGO


elektrifizierte Bahnstrecken. Doch: Was zweckgemäße Verwendung der Gelder
den Ausstoß von Stickoxiden angeht, ist vorweisen. Die AfD, so das Gericht,
die Bahn dem Automobil weit voraus. habe im Prozess »nicht ansatzweise
Gerade einmal zwei Prozent der Stick- darzulegen vermocht, welche unberech-
oxide im Verkehrssektor werden von tigten Zahlungen oder Entnahmen sie
Zügen ausgestoßen – für 89 Prozent ist dem Beklagten vorwirft«. Im neuen
der Straßenverkehr verantwortlich. RED Diesellok AfD-Rechenschaftsbericht wird der
Rechtsstreit, über den bereits die »Wet-
terauer Zeitung« berichtet hatte, zwar
erwähnt, nicht aber die gerichtliche
Luftverschmutzung streckenverbot für Diesel in Arbeit. Niederlage der Partei. Der Ausgang des
»Mach mich nicht nass« Wären flächendeckende Fahrverbote
sinnvoller?
Prozesses, heißt es im Rechenschaftsbe-
richt, werde im nächsten Berichtsjahr
Wolfgang Maennig, 58, Maennig: Als Volkswirt halte ich gene- mitgeteilt. AMA , SMÖ
Professor für Volkswirt- rell nicht viel von Verboten, sondern
schaft in Hamburg und bin mehr für eine Steuerung über wirt-
EVENTPRESS / DPA

Verkehrsexperte, über schaftliche Anreize. Das Naheliegendste


Dieselfahrverbote – wie wäre eine City-Maut, mit niedrigeren Entwicklungshilfe
in Hamburg gerade erlas-
sen und in Kiel geplant
oder gar keinen Gebühren für emissions-
arme Kfz. Durch eine solche Maut
Plan mit Afrika stockt
könnte die gleiche Schadstoffreduktion  Bundeskanzlerin Angela Merkel
SPIEGEL: In Hamburg ist das bundesweit erreicht werden wie durch Fahrverbote. macht sich Sorgen, dass der von der
erste Dieselfahrverbot in Kraft getreten – Sie wäre aber effizienter, denn wer Regierung verkündete »Marshallplan
hat Sie überrascht, wie gering der Wider- darauf angewiesen ist, mit seinem mit Afrika« nicht schnell genug vo-
stand bisher ausfiel? Dieselfahrzeug in die Stadt zu fahren, rankommt. Der Plan sieht unter ande-
Maennig: Es handelt sich ja nur um die kann das tun – er muss nur mehr dafür rem vor, ausgewählten afrikanischen
Sperrung zweier relativ kurzer Strecken, bezahlen. Staaten Kredite zur Entwicklung des
eine davon sogar nur für Lkw. Hamburg SPIEGEL: Was kann der Staat tun, damit Finanzwesens, des Energiesektors und
ist dem Prinzip gefolgt: »Wasch mir den Dieselbesitzer die Hardware ihrer Fahr- der Umwelt zu gewähren. Zu den Vor-
Pelz, aber mach mich nicht nass.« Die zeuge umrüsten lassen? zeigepartnern gehört auch das west-
Stadt weist nach, etwas gegen die Luftver- Maennig: Denkbar ist eine Art Umrüs- afrikanische Ghana. Merkel war eine
schmutzung zu tun, um vor Gericht beste- tungsprämie – am besten finanziert von Beschwerde des ghanaischen Präsiden-
hen zu können, hat aber versucht, den der Autoindustrie. ten Nana Akufo-Addo zu Ohren
Eingriff so gering wie möglich zu halten. SPIEGEL: Muss auch der Preis für Diesel- gekommen, wonach die Gelder für das
SPIEGEL: Laut dem Hamburger Luftrein- kraftstoff steigen? Land immer noch nicht abrufbar seien,
halteplan wird aber die Verschmutzung Maennig: Unbedingt! Er ist ja subventio- weil das Bundesministerium für wirt-
auf Umgehungsstrecken ansteigen – zum niert, um Pendler zu begünstigen. Dieser schaftliche Zusammenarbeit und Ent-
Teil werden dort dann sogar die EU- staatliche Rabatt verfehlt aber schon lan- wicklung die notwendigen Kriterien für
Grenzwerte überschritten. ge den Zweck, wie die hohe Zahl von die Kreditvergabe nicht übermittelt
Maennig: Natürlich. Durch die Umleitun- Dieselzulassungen der vergangenen Jah- habe. Merkel stellte daraufhin Entwick-
gen verlängern sich die Wege, auch Staus re zeigt. Am besten wäre es, man würde lungsminister Gerd Müller zur Rede.
dürften erst mal zunehmen – ich erwarte, EU-weit Kraftstoffe nach ihrem Energie- Das Ministerium teilte dazu mit, dass
dass sich auf den gesperrten Strecken die gehalt – also ihrem Brennwert – besteu- Ghana erst bestimmte Reformen umset-
Luft bessert, die Belastung insgesamt ern. Diesel wäre dann teurer als Benzin. zen müsse, bevor die Gelder fließen
aber zunächst zunimmt. Die EU hatte das 2011 mal geplant. könnten. Eine entsprechende Vereinba-
SPIEGEL: Für Schleswig-Holsteins Lan- Gescheitert ist das aber am Widerstand rung sei bereits Ende 2017 unterzeich-
deshauptstadt Kiel ist ein ähnliches Teil- von Kanzlerin Angela Merkel. HIP net worden. ABE, CSC

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 21


in Deutschland seltener als BND-Überwachung
der privilegiertere Nach- »Nicht mehr zeitgemäß«
wuchs einen Kindergarten.
Zu diesem Ergebnis kommen  Nachdem das Bundesverwaltungsge-
Ökonomen am Londoner richt am Mittwoch die Klage des Betrei-
University College um Chris- bers von De-Cix in Frankfurt am Main,
tian Dustmann, der auch Fel- dem weltgrößten Internetknoten,
low am RWI-Leibniz-Institut gegen Überwachung durch den Bundes-
für Wirtschaftsforschung ist. nachrichtendienst (BND) zurückgewie-
Kinder aus Familien mit sen hat, werden Forderungen nach
höheren Einkommen profitie- Reformen laut. Sowohl das Gesetz, das
ren der Studie zufolge dage- die Überwachungsmaßnahmen regle-
gen kaum von einem Kinder- mentiert, als auch die G-10-Kommis-
gartenbesuch im Hinblick auf sion des Deutschen Bundestags, die die-
die Schule. »Das zeigt, dass se genehmigen muss, seien »nicht mehr
die Politik ihr Kitaangebot zeitgemäß«, kritisiert Thorsten Wetz-
besonders für Familien mit ling von der Stiftung Neue Verantwor-
Migrationshintergrund oder tung. »Im Vergleich zu Großbritannien,
geringerem Einkommen den Niederlanden oder skandinavi-
OLE SPATA / PICTURE ALLIANCE / DPA
attraktiv machen muss. Dabei schen Ländern hinken wir in der Frage
geht es nicht nur um die der Transparenz und des Datenschut-
Abschaffung von Gebühren, zes weit hinterher.« So werde zwar die
sondern auch um den Abbau Entscheidung, ob jemand überwacht
von Informationsdefiziten wird, durch die G-10-Kommission kon-
und von kulturellen Barrie- trolliert, kaum aber, wie die gewonne-
ren«, so Dustmann. Die For-
scher untersuchten diesen
Zusammenhang im Weser-
Integration Ems-Kreis zwischen 1994 und 2002.
Kita hilft Migranten Grund: 1996 wurde ein Rechtsanspruch
auf einen Kindergartenplatz für Kinder
 Der Besuch eines Kindergartens ab drei Jahren eingeführt; in der Folge
erhöht nachweislich die Schulfähigkeit wurden mehr Kitas gebaut. So konnten
von Kindern mit Migrationshintergrund die Ökonomen den Effekt eines höheren
und aus sozial schwachen Familien. Angebots auf die Schulfähigkeit von mehr

DE-CIX.NET
Gleichzeitig aber besuchen diese Kinder als 130 000 Kindern gut messen. ASE

Internetknoten De-Cix in Frankfurt

Soziales gen der Rentenkasse schneller sinken als nen Informationen weitergenutzt wer-
bislang erwartet. Raschere Beitragssatz- den. Der De-Cix-Betreiber wollte juris-
Kein Steuergeld für steigerungen sind die Folge. In einigen tisch gegen die Verpflichtung vorgehen,
Mütterrente Jahren wird der Finanzminister freilich dem BND zu ermöglichen, in großen
ohnehin mehr Steuergeld in die Renten- Mengen Daten aus dem Knoten abzu-
 Bundesfinanzminister Olaf Scholz kasse umleiten müssen, weil die Große leiten. Nach Meinung des Leipziger
(SPD) will für die geplanten Nachbesse- Koalition gesetzlich festlegen will, dass Gerichts ist der Betreiber nur ein Ver-
rungen bei der Mütterrente im nächsten der Beitragssatz bis zum Jahr 2025 nicht mittler und kann sich nicht auf den
Jahr keine Steuermittel zur Verfügung über die Marke von 20 Prozent des Brut- Schutz des G-10-Gesetzes berufen.
stellen. Da es sich um keine »prioritäre« tolohns steigen soll. COS, REI »Im Umkehrschluss heißt das, dass wir
Maßnahme handle, bleibe das Vorhaben das Augenmerk auf die Rechte der
in den Eckwerten der Haushaltsaufstel- Betroffenen legen müssen«, so Wetz-
lung »unberücksichtigt«, heißt es in ling. Der Experte weist darauf hin, dass
einem Papier des Finanzressorts. Damit sich die Klage auf die Zeit bis 2016
muss der Aufschlag allein aus Rentenbei- bezieht, bevor das neue BND-Gesetz
trägen bezahlt werden. Die Kosten wer- in Kraft trat. Gegen dieses Gesetz führt
den auf etwa 3,7 Milliarden Euro pro der Betreiber von De-Cix bereits einen
Jahr geschätzt. Sozialexperten und die weiteren Rechtsstreit. Zudem reichte
Deutsche Rentenversicherung Bund hat- die Gesellschaft für Freiheitsrechte im
ten gefordert, das Vorhaben aus Steuer- Januar Verfassungsbeschwerde gegen
mitteln zu finanzieren, da es sich um ver- das BND-Gesetz ein. Der Ex-Präsident
sicherungsfremde Leistungen handle. des BND, Gerhard Schindler, begrüßte
MICHAEL KAPPELER / DPA

Auch in der SPD gab es dafür Sympa- hingegen die Leipziger Entscheidung.
thien. Laut Koalitionsvertrag sollen Müt- Der Zugriff auf den Internetknoten
ter oder Väter mit drei oder mehr Kin- sei für den Dienst »unverzichtbar«.
dern, die vor 1992 geboren wurden, künf- Etwa die Hälfte der nachrichtendienst-
tig höhere Renten erhalten. Durch lichen Erkenntnisse des BND beruhe
Scholz’ Entscheidung dürften die Rückla- Scholz auf Technik. KNO

22 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


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Deutschland

Alte Wunden
Regierung Die Kanzlerin wollte das Thema hinter sich lassen,
doch die Flüchtlingspolitik drängt wieder ins Zentrum der
politischen Debatte. Die Sozialdemokraten und Innenminister
Horst Seehofer befeuern die Entwicklung.

E
s kommt nicht oft vor, dass die und Flüchtlinge (Bamf) eine Rolle, die zur-
Kanzlerin den Koalitionspartner zeit den Bundestag beschäftigt. In Bremen
direkt angreift. Selbst in internen wurden möglicherweise jahrelang zu Un-
Runden gibt sich Angela Merkel recht positive Asylbescheide ausgestellt.
normalerweise konziliant. Streit schade Es droht ein Untersuchungsausschuss des
nur dem Ansehen der Regierung und da- Bundestags. Die AfD hat bereits angekün-
mit ihrem eigenen, lautete jahrelang ihr digt, dann die gesamte Flüchtlingspolitik
Glaubenssatz. der Kanzlerin unter die Lupe nehmen zu
Im CDU-Präsidium wich Merkel am wollen.
Montag von ihrer Linie ab. Der Koalitions- Seehofer hat eigentlich auch kein Inte-
vertrag sei von der SPD mitunterzeichnet resse an der Debatte. Aber um sich selbst
worden, sagte sie. Dort stehe ausdrücklich, zu schützen, könnte er versucht sein, mit
dass die Asylverfahren künftig in soge- dem Finger auf die Verantwortlichen von
nannten Anker-Zentren stattfinden sollten. damals zu zeigen. Merkel fürchtet die Nei-
Genau das wolle Innenminister Horst gung ihres Innenministers, sich auf Kosten
Seehofer jetzt umsetzen. Man müsse die anderer zu retten.
Sozialdemokraten daran erinnern, was sie Nicht zu Unrecht, wie sich vor dem
vereinbart hätten. Innenausschuss des Parlaments am Diens-
CDU-Generalsekretärin Annegret tag zeigte. »Ich gehöre zu denen, die in
Kramp-Karrenbauer wurde nach der Sit- den letzten Jahren die Flüchtlingspolitik
zung vor der Presse noch deutlicher. Sie mit am schärfsten kritisiert haben«, sagte
warf der SPD eine Doppelstrategie vor. Seehofer gleich zu Beginn der fünfeinhalb
Die Sozialdemokraten hätten zwar Dinge Stunden langen Sondersitzung. Später füg-
verabredet, wollten sich aber der notwen- te er hinzu: »Viele Probleme, die in der
digen Umsetzung verweigern, sagte sie. Vergangenheit liegen, sind durch politische
Sie hoffe sehr, dass sich die SPD-Führung Entscheidungen verursacht worden, und
ihrer Verantwortung bewusst sei. das müssen wir auch aussprechen.«
Die Appelle von Merkel und Kramp- Merkel will solche Äußerungen von ih-
Karrenbauer galten nicht allein der SPD. rem Innenminister nicht hören. Auch des-
Das Kanzleramt sieht in der Wankelmü- halb sichert sie Seehofer öffentlich ihre
tigkeit des Koalitionspartners nicht das ein- Unterstützung zu. Es sieht aber nicht da-
zige Problem. Merkel treibt eine größere nach aus, als werde sie Seehofer bremsen
Sorge um. Sie fürchtet, dass die Flücht- können.
lingsdebatte der vergangenen Jahre wieder Schuld daran sind nicht nur die Vor-
aufflammt – mit Seehofer als einem der gänge beim Bamf. Mindestens ebenso viel Aussicht stellen, würde die Flüchtlings-
Hauptakteure. Sorgen macht der CDU-Führung der debatte sofort wieder in voller Schärfe ent-
Es wäre ihr politischer Albtraum. Die Er- »Masterplan für Migration«, den Seehofer brennen. Am Ende wurde die Vorstellung
eignisse der Jahre 2015 und 2016 haben in eigentlich in der vergangenen Woche im des »Masterplans« noch einmal um eine
der Union tiefe Spuren hinterlassen. Die Kabinett vorlegen wollte. Weil das nicht Woche verschoben.
Flüchtlingspolitik hätte fast zum Bruch zwi- klappte, wollte er das Papier am kommen- Seehofer kann sich auch andere For-
schen CDU und CSU geführt. Merkels Stel- den Dienstag der Fraktion vorstellen. mulierungen vorstellen. Eine Alternative
lung in der eigenen Partei erodierte. Erst Doch dann intervenierte das Kanzleramt. wäre, bei einem starken Anstieg der
nach dem schlechten Ergebnis beider Par- Merkel ist alarmiert, weil Seehofer erwägt, Flüchtlingszahlen den Bundestag mit der
teien bei der Bundestagswahl verständigten eine Zurückweisung von Flüchtlingen an Frage zu befassen. Er neigt aber trotz Mer-
sich die Schwesterparteien auf eine ge- der deutschen Grenze zu fordern, wenn die kels Widerstand dazu, Zurückweisungen
meinsame Position, einschließlich dem Be- vereinbarte jährliche Spanne von 180 000 anzukündigen. Er ist nicht frei in seinen
kenntnis, dass sich »eine Situation wie die bis 220 000 überschritten werden sollte. Sie Entscheidungen.
des Jahres 2015 nicht wiederholen wird«. hatte sich seinerzeit trotz des Drängens der Fünf Monate vor der bayerischen Land-
Nichts wünscht sich die Kanzlerin weniger, Bundespolizei gegen eine Zurückweisung tagswahl wird der CSU-Chef von den
als die Diskussionen noch einmal zu führen. entschieden. Es war einer der Hauptstreit- eigenen Leuten unter Druck gesetzt. Der
Die Befürchtung, dass es dazu kommen punkte zwischen ihr und der CSU auf dem bayerische Ministerpräsident Markus Sö-
könnte, ist begründet. Merkels Flüchtlings- Höhepunkt der Flüchtlingskrise. der brachte schon Mitte des Monats in
politik spielt beim Skandal um die Bremer Auch die SPD ist gegen dieses Vorha- einem Interview mit der »Bild«-Zeitung
Außenstelle des Bundesamts für Migration ben. Sollte Seehofer Zurückweisungen in wegen steigender Flüchtlingszahlen über

24
KAY NIETFELD / DPA
Merkel-Kontrahent Seehofer*: »Viele Probleme sind durch politische Entscheidungen verursacht worden«

das Mittelmeer wieder die Abweisung von Noch hat Seehofer keine Antwort darauf ge einzurichten, die zu Konflikten inner-
Asylbewerbern an der Grenze ins Ge- gegeben. Bis zur bayerischen Landtagswahl halb und außerhalb der Unterkünfte füh-
spräch. im Oktober wird sie von ihm erwartet. ren könnten. Sollten sich die Heimatländer
»Unkontrollierte Zuwanderung hat schon Seehofers Position ist auch ohne den abgelehnter Asylbewerber weiter weigern,
einmal, 2015, nicht nur die politische Archi- Skandal um das Bamf schwierig genug. Er ihre Staatsangehörigen zurückzunehmen,
tektur, sondern auch die Sicherheitslage in hatte nach seiner Amtsübernahme voll- könnten diese nicht abgeschoben werden
Deutschland grundlegend verändert«, sagte mundig angekündigt, in den neuen »An- – und würden dann Monate oder gar Jahre
Söder. Wenn die »Anker-Zentren« nicht ker-Zentren« würden die Asylverfahren in den »Anker-Zentren« sitzen.
funktionierten, »wird es an der Grenze Zu- »und die Rückführung gebündelt und be- Die SPD, die das Konzept im Koalitions-
rückweisungen geben müssen«. schleunigt« werden. »Am Ende werden vertrag noch mitgetragen hatte, ließ See-
Seehofer kann sich dem Ansinnen seines die ›Anker-Zentren‹ dazu beitragen, dass hofer in den vergangenen Wochen fast
Parteifreunds kaum entziehen. Er hatte es deutlich weniger Zuwanderung nach schon demonstrativ hängen. Niedersach-
selbst im Bundestagswahlkampf immer wie- Deutschland gibt«, sagte er im April in sens Innenminister Boris Pistorius (SPD)
der gesagt, wer nicht wolle, dass sich die einem SPIEGEL-Gespräch. sagte, man brauche für die »Anker-Zen-
Geschehnisse von 2015 wiederholten, müs- Derzeit ist allerdings noch nicht einmal tren« womöglich eine Grundgesetzände-
se sagen, wie man das sicherstellen könne. klar, ob es die »Anker-Zentren« in größe- rung. Da dafür Zweidrittelmehrheiten in
rer Zahl überhaupt geben wird. Die we- Bundestag und Bundesrat erforderlich sind,
* Mit Bamf-Chefin Jutta Cordt auf dem Weg zur
nigsten Landesregierungen haben ein wäre Seehofers Vorzeigeprojekt erledigt.
Sondersitzung des Innenausschusses am vergangenen Interesse daran, in ihren Städten und Ge- Entsprechend wütend reagiert die CSU.
Dienstag. meinden Lager für über tausend Flüchtlin- »Wenn Teile der SPD jetzt versuchen, die

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 25


Deutschland

›Anker-Zentren‹ und damit die Beschleu- waren nicht wir, sondern ausschließlich die und verlangt eine härtere Gangart gegen-
nigung der Asylverfahren zu verhindern Union zuständig – das ist die Lesart in der über Flüchtlingen ohne Bleiberecht. Juso-
und schlechtzureden, werden wir das nicht SPD-Spitze. Den Blick auf die Nürnberger Chef Kevin Kühnert warnt dagegen vor
zulassen«, sagt der Parlamentarische Ge- Behörde zu lenken gilt im Willy-Brandt- einer Anbiederung an die AfD. Manche
schäftsführer der CSU-Landesgruppe, Ste- Haus als relativ risikoarmes Mittel, um den Genossen halten eine Obergrenze für sinn-
fan Müller. »Die SPD spricht hier mit ge- Koalitionspartner zu ärgern. voll, andere für eine Sünde.
spaltener Zunge. Dafür haben die Men- »Unsere Behörden ziehen ihre Existenz- Justizministerin Katarina Barley hatte
schen kein Verständnis. Das sieht man berechtigung und die Akzeptanz für ihre in mühsamen Verhandlungen mit Seehofer
auch an den Umfragen.« Entscheidungen daraus, dass sie rechtstreu durchgesetzt, dass auch Angehörige von
Das Versprechen, die Asylverfahren agieren«, mahnt Pistorius: »Wenn das Ver- ehemaligen Gefährdern Anspruch auf Fa-
weiter zu beschleunigen, wird allerdings trauen in unsere Behörden erschüttert miliennachzug haben sollten. Die CSU
schon durch die Aufarbeitung des Bamf- wird, weil die Selbstreinigungskräfte nicht war dagegen, obwohl das Thema praktisch
Skandals kaum zu halten sein. Allein funktionieren, kann das zu einer Gefahr weitgehend irrelevant ist. Es ging vor al-
18 000 eigentlich schon entschiedene Fälle für den Rechtsstaat werden.« lem um Symbolik. Barley durfte sich kurz
sollen allein in Bremen neu geprüft wer- Pistorius sagte, er wolle von Seehofer als Siegerin fühlen. Dann wurde der ent-
den. Seehofer selbst sagte im Ausschuss, nun vor allem wissen, wie viele Asylmiss- sprechende Passus von der eigenen Frak-
künftig müsse »Qualität vor Schnelligkeit« brauchsfälle es wirklich gegeben habe, wie tion aus dem Gesetzentwurf gestrichen.
gehen. In der Behörde sind so viele Mit- viele Personen beteiligt gewesen seien und Nahles will das Thema Flüchtlinge nun
arbeiter gebunden, dass die Zahl der nicht warum die Warnungen über die Vorfälle zur Chefsache machen. Um die Kakofonie
abgearbeiteten Fälle in den nächsten in Bremen so lange ignoriert worden seien. zu beenden, hat sie kürzlich eine infor-
melle Gruppe eingerichtet, die klären soll,
wie der Kurs der SPD in der Flüchtlings-
politik aussieht. Zu der Gruppe gehören
neben der Parteivorsitzenden unter ande-
ren ihr Generalsekretär Klingbeil, Partei-
vize Ralf Stegner, Vorstandsmitglied Pis-
torius und Sören Link, der Duisburger
Oberbürgermeister. In den kommenden
Tagen will man sich erstmals in Berlin
zusammensetzen. Das Treffen bildet den
Auftakt zu einer Neupositionierung, die
in den kommenden Monaten breiter in der
Partei diskutiert werden soll.
In der Frage des Untersuchungsaus-
schusses kann Merkel nicht auf die SPD
zählen. Viele Abgeordnete finden die Vor-
stellung verlockend, Seehofer und Merkel
OLIVER DIETZE / DPA

in noch größere Nöte zu bringen. Aus


diesen Gründen will Unionsfraktionschef
Volker Kauder einen Untersuchungsaus-
schuss unbedingt verhindern. Er glaubt,
dass ein solches Gremium wenig zur Auf-
Flüchtling in Erstaufnahmeeinrichtung*: Wenig Interesse an »Anker-Zentren« klärung beitragen, aber der AfD ein Forum
zur Selbstdarstellung geben würde.
Monaten nach langer Zeit erst mal wieder »Ich will, dass Ausmaß und Fehler klar be- Ob das Parlament einen Untersuchungs-
steigen wird, auf möglicherweise bis zu nannt werden. Nur so können wir rasch ausschuss einsetzen wird, ist nach wie vor
100 000. die nötigen Konsequenzen für die Arbeit offen. Die FDP ist dafür, Parteichef Chris-
Merkel fürchtet, dass Seehofer sich des- des Bamf ziehen.« tian Lindner ist für jedes Thema dankbar,
halb zu besonders starken Ankündigungen Andere haben bereits ein größeres Ziel das von seinem Agieren bei den Jamaika-
hinreißen lässt, die nur zu neuem Streit als Seehofer im Visier. »Auch Angela Mer- verhandlungen ablenkt. Grüne und Linke
innerhalb der Union und mit der SPD kel trägt Verantwortung für die Zustände schwanken noch, weil sie ähnlich wie Kau-
führen würden. Die Sozialdemokraten ha- im Bamf«, meint SPD-Generalsekretär der der AfD kein Forum bieten wollen.
ben Vergnügen daran, Seehofer die Wider- Lars Klingbeil. »Die Flüchtlingspolitik Seehofer wiederum teilt die Bedenken
sprüche seiner Position vorzuhalten. »Ich wurde aus dem Kanzleramt koordiniert. der CDU nicht. Er erklärte in dieser Wo-
begrüße es, dass Horst Seehofer beim Es gab immer wieder Forderungen, das che noch einmal im kleinen Kreis, dass
Bamf künftig Qualität vor Schnelligkeit Bamf besser auszustatten.« Merkel müsse ihm vor einer Befragung nicht bange sei.
durchsetzen will«, sagt der innenpolitische öffentlich Stellung beziehen. »Nächste Wo- Aus seiner Sicht hat er nichts zu befürch-
Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, che bei der Befragung im Bundestag hat ten, da er als Gegner der Flüchtlings-
Konrad Lischka. »Allerdings müsste er sie dazu Gelegenheit.« politik Merkels bekannt sei. »An dieser
erklären, wie das mit seinem Anspruch Den Sozialdemokraten kommen die Bewertung durch mich hat sich nichts
zusammenpasst, die Asylverfahren zu Querelen rund um das Bamf gelegen, weil geändert, auch nicht durch meine neue
beschleunigen.« sie verdecken, wie orientierungslos sie sel- Funktion«, sagte er im Innenausschuss.
Die SPD-Führung hat sich entschlossen, ber in Sachen Flüchtlingspolitik sind. SPD- Es sind genau die Worte, die der Kanzle-
nach längerem Zaudern auf einen aggres- Chefin Andrea Nahles möchte die Partei rin Sorgen machen.
siveren Kurs gegenüber Seehofer und der seit Monaten pragmatischer positionieren Veit Medick, Ralf Neukirch,
Union einzuschwenken. Für das Bamf und Wolf Wiedmann-Schmidt
die Koordinierung der Flüchtlingspolitik * Im Jahr 2015 im saarländischen Lebach.

26 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Behörden Innenstaatssekretär Stephan Mayer gibt sich In so einer Situation gehört ein Staatsse-
kretär eigentlich nach Berlin. Anderer-
gern als Law-and-Order-Mann. In seiner
seits stand im Wahlkreis ein Pflichtter-
Amtsführung nimmt er es mit den Regeln nicht so genau. min an: Eine Gedenkstätte für das Kon-
zentrationslager Mühldorfer Hart wurde

»Unsere Bräuche« eröffnet. Da wollte Mayer verständlicher-


weise nicht fehlen. Was tun?
An Sitzungstagen besteht eine Präsenz-
pflicht für Abgeordnete. Wer unentschul-
 Im Innenministerium hatten sie kein sekretär wollte eine Mitarbeiterin aus digt fehlt, wird mit 200 Euro sanktioniert.
schlechtes Gefühl, als der neue Staats- seinem Abgeordnetenbüro ins Ministe- Der Betrag sinkt auf 100 Euro, wenn sich
sekretär einzog. Stephan Mayer, 44, ge- rium holen. Dabei legte er sich mit der die Parlamentarier beim Bundestagspräsi-
noss den Ruf, ein Mann vom Fach zu sein. Personalratsvorsitzenden und der denten für ihr Fehlen entschuldigen – aller-
Ein Jurist, wie so viele Beamte im Haus. Gleichstellungsbeauftragten an. Gegen dings wird am Ende des Plenarprotokolls
Dazu lange innenpolitischer Sprecher den Willen der beiden wollte Mayer sei- vermerkt, wer die Debatte versäumt hat.
der Unionsfraktion. Ein Politiker, der ne Mitarbeiterin unbefristet einstellen. Mayer begann zu tricksen. Er reiste zu
gern betont, dass man sich in Deutsch- Zudem erschien ihnen das geforderte Ge- dem wichtigen Termin nach Bayern, trug
land an »Recht und Gesetz« halten müsse. halt zu hoch. Mayer soll den Frauen mit sich aber trotzdem in die Anwesenheits-
Umso überraschter waren die Beam- einem Artikel in der »Bild«-Zeitung ge- liste des Bundestags ein. Als an jenem
ten, wie der CSU-Politiker dann in ihrem droht haben, falls sie nicht mitmachten, Freitag um 9 Uhr die Sitzung im Reichs-
tag begann, hatte Mayer die Hauptstadt
längst verlassen: Ein Foto, aufgenommen
um 9.13 Uhr, zeigt ihn bereits bei der Er-
öffnungszeremonie.
Auf Nachfrage erklärte Mayer den
Widerspruch so: Er sei »sehr wohl am
Morgen des 27. April 2018 in den Liegen-
schaften des Deutschen Bundestags« ge-
wesen und habe dort in seinem Büro ge-
arbeitet. Danach sei er zu der Einwei-
hungsfeier in Bayern aufgebrochen, »auf
der ich auch Herrn Bundesinnenminister
Horst Seehofer vertreten habe«. Wann
er aufbrach und wie er es in Rekordzeit
BILDAGENTUR MUEHLANGER / IMAGO

ins rund 600 Kilometer entfernte Wald-


kraiburg schaffte, ließ Mayer offen. Ge-
nauso wie die Frage, warum er sich nicht
einfach für sein Fehlen im Bundestag ent-
schuldigte.
Eine andere Merkwürdigkeit führt in
die Poststelle des BMI. Ein Bote soll sta-
pelweise Briefe aus Mayers Bundestags-
Staatssekretär Mayer: Anwesenheit vorgetäuscht büro ins Innenressort gebracht haben.
Von dort wurden sie nach SPIEGEL-In-
Ressort agierte. In der Affäre um das was Mayer vehement bestreitet. Als die formationen an Bürger in Mayers Wahl-
Bundesamt für Migration und Flüchtlin- Auseinandersetzung Kreise zog, gab kreis Altötting verschickt. Jeder Parla-
ge (Bamf) fiel Mayer als miserabler Kri- Mayer nach. Die Assistentin ist heute mentarier bekommt vom Bundestag eine
senmanager auf, der seinem Chef Horst wieder im Abgeordnetenbüro tätig. We- Kostenpauschale über 4339,97 Euro mo-
Seehofer wichtige Informationen vorent- der die Personalvertreterin noch die natlich, um seine Wahlkreisbetreuung zu
hielt. In der ARD-Sendung »Anne Will« Gleichstellungsbeauftragte wollten sich finanzieren. Wollte Mayer durch den
kam Mayer am Sonntag ins Schwitzen, zu dem Vorgang äußern. Versand über das BMI seine Kasse im
als er versuchte, sich zu rechtfertigen. Bald machten neue Vorfälle die Run- Abgeordnetenbüro schonen?
Doch nicht nur in der Bamf-Affäre ge- de. In der Affäre um das Bamf erhielt Der Politiker tritt diesem Vorwurf
rät Seehofers Staatssekretär in Erklä- Mayer am 4. April E-Mails von der Bre- »entschieden entgegen«. Die Post werde
rungsnot. Im Bundesinnenministerium mer Amtschefin Josefa Schmid. Sie wies strikt voneinander getrennt.
(BMI) wundern sich einige Beamte über darin auf Missstände in ihrer Außenstelle Der CSU-Politiker gilt als Talent in sei-
seinen selbstherrlichen Führungsstil. hin. Doch Mayer behielt die Unterlagen ner Partei, manche trauen ihm zu, Seeho-
Mayer wollte eine Vertraute mit aller für sich – wochenlang bekamen weder fer als Innenminister zu beerben. Nun
Macht im Ministerium unterbringen, Seehofer noch die Fachabteilung die bri- muss sich Mayer die Frage gefallen las-
nutzte das Ressort offenbar für seine santen Dokumente zu Gesicht. sen, ob er bei sich selbst andere Maßstä-
Wahlkreisarbeit und täuschte seine Als die Ermittlungen der Staatsanwalt- be anlegt als bei seinen Mitbürgern. Im
Anwesenheit bei einer Bundestags- schaft publik wurden, musste sich Mayer Februar sagte er im Bundestag: »Die kla-
debatte vor. am 26. April im Bundestag rechtfertigen. re Erwartung ist, dass man unsere Bräu-
Das erste Mal sorgte Mayer schon Er ging in die Offensive und verlangte che, unsere Traditionen und unsere Ge-
kurz nach seinem Amtsantritt für Irri- eine »vollständige und rückhaltlose Auf- pflogenheiten zu achten weiß.«
tationen. Der Parlamentarische Staats- klärung«. Sven Becker, Sven Röbel

27
nicht so schlimm kommen, wenn Trump erst einmal im
René Pfister
Weißen Haus sitzt, aber Merkel gibt sich inzwischen kei-

Apokalypse Merkel
nen Illusionen mehr hin. Trump werde Punkt für Punkt
umsetzen, was er im Wahlkampf versprochen habe. Am
Donnerstag machte er seine Ankündigung wahr und
erhob Strafzölle auf Aluminium und Stahl aus Europa.
Wladimir Putin? Ein Präsident, der einmal voller Be-
Essay Die Kanzlerin blickt voller Sorge auf eine Welt, wunderung für die Leistungskraft des Westens war, aber
irgendwann begriffen hat, dass er die wirtschaftliche Wen-
in der die Säulen der Nachkriegsordnung de in seinem Land niemals schaffen wird und nun ganz
zusammenbrechen. Aber was folgt für sie daraus? auf rohe Gewalt und Repression setzt, in der Ukraine, in
Syrien, in Russland selbst.
China? Der Beweis dafür, dass sich Diktatur und Markt-

A
wirtschaft prima vereinbaren lassen. Europa? Zerstritten,
ls Angela Merkel Mitte April ihre Fraktion im vom Brexit geschwächt, dazu gelähmt von quälend lan-
Bundestag besuchte, sprach sie nicht davon, wie gen Entscheidungsprozeduren.
sie das Rentensystem verändern will, es ging Man kann Merkel nicht vorwerfen, dass sie die Lage
nicht um die Maut oder stinkende Diesel, und sie schönreden würde. Wenn man ihr zuhört, kann einem
schimpfte auch nicht über die CSU. Sie sprach über den angst und bange werden.
Augsburger Religionsfrieden aus dem Jahr 1555. Nur: Was folgt daraus?
Die Kanzlerin macht derzeit häufiger Ausflüge in die Von Karl Marx stammt der Satz, dass Philosophen die
Geschichte, auch als sie vor vier Wochen in der Residenz Welt nur verschieden interpretierten, es aber darauf
des deutschen Botschafters in Washington saß, kam sie ankomme, sie zu verändern. Merkel, so viel lässt sich
zurück auf jenen Vertrag, der nach den blutigen Wirren sagen, gehört eindeutig zur Spezies der Philosophen. Sie
der Reformation eine 60-jährige Phase des Friedens zwi- war noch nie eine Frau der großen Pläne, aber was in
schen Protestanten und Katholiken einleitete. Es schien, ihren späten Jahren immer mehr ins Auge sticht, ist eine
als hätten die Menschen endlich zur Vernunft gefunden, geradezu unheimliche Diskrepanz zwischen der Analyse
aber das war ein Trugbild, wie sich bald herausstellte. der Lage, die düsterer kaum sein könnte – und Merkels
1618 begann ein Krieg, wie ihn der Kontinent noch nie praktischer Politik.
gesehen hatte, und als das Inferno 30 Jahre später endete, Merkel hat im Herbst 2016 offenkundig ernsthaft in
waren weite Teile Deutschlands entvölkert, von vielen Erwägung gezogen, sich aus der Politik zurückzuziehen.
Städten standen nur noch die Ruinen. Leute, mit denen sie damals sprach, erzählen, es habe
Für Merkel ist der Augsburger Religionsfrieden viel fast wehgetan zu sehen, wie kalt und nüchtern Merkel
mehr als ein fernes historisches Datum, es ist, wenn man ihre eigene Lage beurteilte: der Hass, den sie inzwischen
sie recht versteht, eine Mahnung, wie dünn der Firnis provoziere, und den Überdruss, der eine lange Kanzler-
der Zivilisation ist. So wie die Menschen des ausgehenden schaft unweigerlich mit sich bringe, gerade im Zeitalter
16. Jahrhunderts dem Irrtum erlegen sind, der Augs- der ultraschnellen neuen Medien.
burger Friede sei von Dauer, genauso könnten sie heute Wenn Hillary Clinton die Wahl in den USA gewonnen
falsch liegen, wenn sie glauben, die Nachkriegsordnung hätte, wäre Merkel nicht noch einmal angetreten, sagt
mit all seinen Verträgen und Bündnissen sei eine Garantie jemand, der fast täglich mit ihr spricht. Doch so kam es
dafür, dass das Monster des Krieges nicht zurückkehrt. nicht. Barack Obamas ehemaliger Berater Benjamin
»Ob wir aus der Geschichte Rhodes schreibt in seinem Buch über die Jahre im Weißen
gelernt haben, wird sich in den Haus, Merkel habe sich nach dem Sieg Trumps ver-
Wie jeder Chef, nächsten Jahrzehnten zeigen«, pflichtet gefühlt, die freie Weltordnung zu verteidigen.
sagte Merkel in Washington nach Für einen Moment schien es so, als meinte sie es damit
der lange im Amt ist, einem Mittagessen mit Donald wirklich ernst. Mitten im Wahlkampf des Jahres 2017, in
kann Merkel Trump. Wenn man sie in diesen einem Festzelt in Trudering, sagte Merkel einen Satz, der
besonders gut erklären, Wochen auf ihren Reisen begleitet, in seiner Tragweite ungeheuerlich war: Europa müsse
in die USA, nach Peking und sein Schicksal nun selbst in die Hand nehmen. Es war der
was nicht geht. Shenzhen, dann hat man nicht den Abschied von der Nachkriegsordnung, in der sich die
Eindruck, dass Merkel sonderlich Europäer immer dann, wenn es unangenehm wurde, auf
optimistisch ist. Schaut man durch den großen Bruder in Amerika verlassen konnten.
ihre Brille auf die Welt, dann erscheinen am Horizont Aber in Merkels Worten lag schon damals ein merk-
schon die Reiter der Apokalypse. würdiger Unernst, und das lag nicht nur am Truderinger
Merkel hatte schon nach der Finanzkrise des Jahres Bierdunst. Merkels Rede war auch dem Wahlkampf
2008 gehofft, dass es eine Vereinbarung geben würde, um geschuldet, denn in jenen Frühsommertagen dachte die
die Kapitalmärkte zu zähmen, so wie sich die Weltge- SPD daran, Merkel als Pudel Trumps zu karikieren,
meinschaft nach 1948, nach Krieg und Holocaust, auf die ein Plan, den die Kanzlerin sehr geschickt durchkreuzte.
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einigen konn- Inzwischen hat sie die Sätze von Trudering mehrmals
te. Aber daraus wurde nichts, und nun sieht sie, wie über- wiederholt. Doch sie füllt sie nicht mit Leben. Am
all die Pfeiler der Weltordnung wanken. 26. September des vergangenen Jahres, zwei Tage nach
Donald Trump? Ein Mann, der aus ihrer Sicht die histo- der Bundestagswahl, hielt Emmanuel Macron eine
rische Zeitrechnung auf null stellt und alles in Zweifel Rede an der Pariser Sorbonne, in der er einen umfassen-
zieht, was den Westen über Jahrzehnte geeint hat, die den Plan zur Reform Europas vorlegte, und die in dem
Nato, Handelsverträge, die Vereinten Nationen. Viele in Satz gipfelte, Kühnheit sei die einzige Antwort auf die
der deutschen Regierung hatten gehofft, es werde schon Herausforderungen der Gegenwart.

28 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Deutschland

Aber schon in der Ukraine stieß


diese Strategie an ihre Grenzen.
Merkel verhinderte eine Eskalation,
was nicht wenig ist, doch all die
Verhandlungen über Kontaktlinien
und Beobachtermissionen waren
eben auch eine Art Beschäftigungs-
therapie für die deutsche Außen-
politik, die bis heute nicht wahrha-
ben will, dass Wladimir Putin an
einem dauerhaften Frieden gar kein
Interesse hat.
Merkel, so hieß es nach der Wahl
Trumps, sei nun die Führerin der
freien Welt. Aber das ist Unsinn. Sie
ist das fleißige Lieschen, schon ewig
dabei, jeder kennt sie und schätzt
ihr Detailwissen, ihre Intelligenz
und Geduld, vom saudischen Kron-
prinzen bis hin zu Herrn Li Xi, dem
Parteisekretär der Provinz Guang-
dong, mit dem sie am Freitag der

KAY NIETFELD / PICTURE ALLIANCE / DPA


vergangenen Woche zu Mittag speis-
te. Doch wie jeder Chef, der lange
im Amt ist, kann auch Merkel
besonders gut erklären, was nicht
geht.
Wollte Europa sein Schicksal
wirklich in die eigenen Hände neh-
men, wäre es eine gute Idee, eine
europäische Interventionsarmee zu
Regierungschefin Merkel schaffen, die in Krisenfällen schnell
eingreifen kann. Macron hat das in
seiner Rede an der Sorbonne vorge-
Bis heute schweigt Berlin dazu. Macron weiß nur, was schlagen, und Merkel ist im Prinzip dafür. Aber eine sol-
Merkel nicht will. Die Kritik der Kanzlerin an den Vor- che Truppe würde voraussetzen, dass der deutsche Parla-
schlägen hat durchaus ihre Berechtigung. Ein EU-Haus- mentsvorbehalt bei Auslandseinsätzen eingeschränkt
halt, der Konjunkturrisiken mit einer »asymmetrischen wird, und das gehe eben leider nicht, weil sich im Bundes-
Schockabsorption« abfedern soll, wie Merkel gern in tag dafür keine Mehrheit finde. So sieht es Merkel.
mokantem Ton sagt, kann natürlich als Einladung an den In Gedanken ist Merkel eine Revolutionärin, sie findet,
Süden Europas verstanden werden, alle Reformanstren- dass alles viel schneller gehen muss, in Europa, in
gungen fahren zu lassen. Und Macron versteht es auch, Deutschland, das es nicht einmal schafft, einen Flughafen
handfeste französische Interessen in das Kleid des großen in der Hauptstadt zu bauen, während in China innerhalb
europäischen Selbstbehauptungswillen zu hüllen, wie von wenigen Jahren Millionenmetropolen aus dem Boden
gerade der Streit über den Umgang mit den amerikani- gestampft werden. Auf ihren Reisen schimmert auch
schen Strafzöllen zeigt. immer eine Spur von Anerkennung für die chinesische Re-
gierung durch, die sich nicht lange mit Planfeststellungs-

N
verfahren aufhalten muss und wo kein Politiker gezwun-
ur sind Bedenken eben noch kein Plan. Merkel gen ist, sich mühsam den Bürgern zu erklären. In China
ist derzeit umzingelt von Männern, die genau wird durchregiert.
wissen, was sie wollen. Macron möchte Europa Irgendetwas müsse passieren, sagt Merkel voller Sorge,
ein neues Gesicht geben, Trump will die Welt als sie, beeindruckt von der Tatkraft der Pekinger Füh-
den Interessen der USA unterordnen, Putin möchte Russ- rung, nach Berlin zurückreist. Um dann im gleichen
land wieder den hegemonialen Glanz der Sowjetunion Atemzug zu erklären, warum eben leider nichts passieren
verleihen. kann, wegen des Föderalismus, Seehofer, der SPD.
Und Merkel? Im Frühjahr 2015 erschien von dem Poli- Sie führe nicht durch Reden und Appelle, sagt Merkel.
tikwissenschaftler Herfried Münkler ein schmaler Band Sie tut so, als sei es eine deutsche Tugend, ohne viel
mit dem Titel »Die Macht in der Mitte«. In ihm plädiert Geschwätz ans Ziel zu kommen. Dabei ist es in Wahrheit
er dafür, dass Deutschland endlich aus der Nische der so, dass sie die Mühe scheut, mit dem richtigen Wort die
Weltpolitik herausfinden müsse. »Scheitert Deutschland Bürger von Ideen zu überzeugen, die im Moment noch
an den Aufgaben der europäischen Zentralmacht, dann keine Mehrheit haben.
scheitert Europa«, schrieb Münkler. Hätte es Brandts Entspannungspolitik gegeben ohne
Das ist nun die Gefahr. Es war immer Merkels große große Reden? Oder die deutsche Einheit? Es gehört zum
Stärke, in komplizierten Verhandlungen einen Kompro- Merkmal der späten Ära Merkel, dass die Kanzlerin mit
miss zu finden, mit dem am Ende alle leben konnten. ihrer Sprachlosigkeit jene Apathie befördert, die sie selbst
So beruhigte sie erst die Finanz- und dann die Eurokrise. so sehr beklagt. I

29
Deutschland

»Echte Differenzen«
SPIEGEL -Gespräch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg über die Krise zwischen
den Europäern und US-Präsident Donald Trump, den maroden
Zustand der Bundeswehr und die Frage, wie der Westen mit Russland umgehen soll

Erst vor ein paar Tagen ist Stoltenberg, 59, Auf dieses Ziel können sich weiterhin alle USA funktionieren kann. Die Auswir-
im neuen Nato-Hauptquartier im Brüsseler Bündnispartner verständigen. Wir sind zu- kungen der US-Sanktionen auf europäi-
Nordosten eingezogen. Der Bau ähnelt ei- dem alle gleichermaßen besorgt über Irans sche Firmen werden in jedem Fall groß
nem Großflughafen und kostete mehr als Raketenprogramm und seine Aktivitäten, sein.
eine Milliarde Euro. Er beherbergt mehr die zur Instabilität in der Region führen, SPIEGEL: Kein Land ist von den Bedro-
als 4000 Mitarbeiter und Diplomaten der die Unterstützung von Terrorgruppen bei- hungen, die von Iran ausgehen, stärker be-
29 Nato-Mitgliedsländer. In seinem Büro spielsweise. Die Regierung in den USA troffen als Israel. Würde die Nato Israel
im zweiten Stock empfängt Hausherr Stol- und die anderen Verbündeten sind sich je- im Falle eines Angriffs schützen?
tenberg den SPIEGEL zum ersten Stoltenberg: Israel ist unser Part-
Interview im neuen Gebäude. ner, aber kein Nato-Mitglied. Die
Sicherheitsgarantie des Artikels 5
SPIEGEL: Herr Stoltenberg, Sie wa- gilt nicht für Israel. Die Nato war
ren kürzlich zu Besuch bei US-Prä- und ist beim Nahost-Friedenspro-
sident Donald Trump. Sind die USA zess nicht beteiligt, genauso wenig
noch ein verlässlicher Verbündeter? wie bei den militärischen Auseinan-
Stoltenberg: Die USA stehen zur dersetzungen in der Region. Das
Nato und ihrer Verpflichtung, Euro- ist nicht unsere Aufgabe.
pa zu schützen. Präsident Trump hat SPIEGEL: Welches Signal sendet
in Washington bekräftigt, dass die die Kündigung des Iran-Deals an
USA zur Beistandspflicht des Arti- Nordkorea? Warum sollte Macht-
kels 5 stehen. Die USA schicken haber Kim Jong Un auf Atomwaf-
mehr Soldaten nach Europa, sie la- fen verzichten, wenn er nicht weiß,
gern mehr Material in Osteuropa ein, ob die USA ihn kurz darauf ein-
geben mehr Geld aus. Diese Aktio- fach »plattmachen«, um einmal
nen sagen mehr als tausend Worte. Trumps Worte zu benutzen?
SPIEGEL: Andere Aktionen vermit- Stoltenberg: Ich fände es gut,
teln einen ganz anderen Eindruck. wenn es nun tatsächlich zu einem
Die USA ziehen sich aus dem Iran- Gipfel käme, der in der Substanz
Abkommen zurück und brechen da- Fortschritte brächte. Wir wollen si-
mit, ohne mit der Wimper zu zu- cherstellen, dass Nordkorea sein
cken, einen internationalen Vertrag Atom- und sein Raketenprogramm
unter dem Dach der Vereinten Na- aufgibt. Dafür müssen wir weiter-
EZEQUIEL SCAGNETTI / DER SPIEGEL

tionen. Handelt so ein Verbündeter, hin maximalen Druck auf Nord-


dem Sie vertrauen? korea ausüben: politisch, diploma-
Stoltenberg: Die Nato hat 29 Mit- tisch, aber auch wirtschaftlich mit
glieder mit unterschiedlicher Ge- den Sanktionen der Vereinten Na-
schichte, Tradition und manches tionen. Es liegt nun an Nordkorea.
Mal auch einer unterschiedlichen SPIEGEL: Zurück zum transatlan-
Sichtweise auf bestimmte Probleme. tischen Verhältnis: Da gab es im-
Das war beim Pariser Klimaabkom- mer wieder Differenzen, etwa bei
men so, das sehen wir im Handels- Nato-Generalsekretär Stoltenberg der Suezkrise 1956 oder beim Irak-
streit und nun auch beim Nuklear- »Die Sicherheit Europas ist abhängig von den USA« krieg 2003, aber bisher hatten US-
abkommen. Die Stärke der Nato Präsidenten keine grundsätzlichen
war und ist, dass wir vereint stehen, trotz doch nicht einig darüber, ob das Iran-Ab- Zweifel, dass die Mitgliedschaft in der
dieser unterschiedlichen Sichtweisen. kommen das beste Instrument ist, um die- Nato im amerikanischen Interesse ist.
SPIEGEL: Lassen Sie uns kurz beim Iran- se Probleme in den Griff zu bekommen. Stoltenberg: Wir haben ein gemeinsames
Abkommen bleiben. Auf ihrem Gipfel in Es gibt da echte Differenzen, da brauchen Interesse daran, uns gegenseitig zu schüt-
Warschau 2016 hat die Nato das Abkom- wir nicht drum herumzureden. Ich begrü- zen. Unterschiedliche Auffassungen sind
men ausdrücklich begrüßt. Daher interes- ße, dass Heiko Maas und Mike Pompeo im Verhältnis der Nato-Partner untereinan-
siert uns Ihre Einschätzung: Begehen die weiterhin im Gespräch sind, um Gemein- der nichts Neues. Meine Botschaft an alle
USA einen Fehler, wenn sie das Abkom- samkeiten zu finden. Alliierten ist klar, das gilt gerade auch für
men nun aufkündigen? SPIEGEL: Sind Sie zuversichtlich, dass der Washington: Zwei Weltkriege und der Kal-
Stoltenberg: Die Nato hat den Vertrag be- Deal gerettet werden kann? te Krieg haben uns gelehrt, dass wir ge-
grüßt, weil wir verhindern wollen, dass Stoltenberg: Das Iran-Abkommen besteht meinsam stärker sind als allein. Die Nato
Iran in den Besitz von Atomwaffen kommt. weiterhin. Die Frage ist, ob es ohne die ist wichtig für Europa, aber auch für die

30
THERON J. GODBOLD / U.S. NAVY / SIPA USA / DDP IMAGES
US-Zerstörer bei Nato-Manöver vor Schottland 2017: »Es geht nicht darum, Präsident Trump einen Gefallen zu tun«

USA und Kanada. Erinnern Sie sich: Das lösen, natürlich. Solange dies aber nicht Deutschland wieder mehr Geld für die
einzige Mal, dass die Nato Artikel 5 aus- möglich ist, müssen wir sicherstellen, dass Bundeswehr bereitstellt.
löste, also den gemeinsamen Verteidi- die Nato ihren Kernauftrag weiterhin er- SPIEGEL: Deutschland hat 2 Prozent für
gungsfall, war nach den Terrorangriffen füllen kann: Wir unterstützen uns, und im das Jahr 2024 in Aussicht gestellt und
vom 11. September in den USA. Für die Falle eines Angriffs helfen wir uns gegen- bietet nun 1,5 Prozent im Jahr 2025 an. Ist
USA ist es ein großer Vorteil, so viele seitig. Für Europa ist dieses Versprechen das genug?
Freunde zu haben wie in der Nato. Keine überlebenswichtig. Die Sicherheit Europas Stoltenberg: Das ist jedenfalls ein bedeut-
andere Großmacht genießt international ist abhängig von den USA. samer Sprung. Im vergangenen Jahr hat
vergleichbaren Rückhalt. SPIEGEL: Trump kritisiert, dass die Euro- Deutschland sechs Prozent mehr als im
SPIEGEL: Als Trump im vergangenen Jahr päer zu wenig Geld für ihre Verteidigung Vorjahr ausgegeben, im Vergleich zu 2015
vor dem neuen Nato-Hauptquartier ein ausgeben. Er schimpft vor allem auf die sollen die Verteidigungsausgaben bis 2025
Mahnmal einweihte, unterließ er es, sich Deutschen, die von der Sicherheitsgaran- um 80 Prozent wachsen. Wir brauchen
zur Verteidigungsgarantie des Artikels 5 tie der USA profitierten, ohne ihren fairen dieses Signal aus Deutschland, als größte
zu bekennen. Erwarten Sie, dass der Prä- Anteil zu zahlen. Hat er recht? Volkswirtschaft Europas. Meine Botschaft
sident beim Nato-Gipfel im kommenden Stoltenberg: Wenn wir die Verteidigungs- ist daher, auch in Richtung USA: Deutsch-
Juli ein derartiges Bekenntnis nachholt? ausgaben erhöhen, geht es nicht darum, land bewegt sich in die richtige Richtung.
Stoltenberg: Das hat er bereits. Als ich Präsident Trump einen Gefallen zu tun. Aber das Zweiprozentziel gilt.
ihn in Washington getroffen habe, ließ Prä- Wir haben uns beim Gipfel 2014 gemein- SPIEGEL: Wenn man über die Bundeswehr
sident Trump keinen Zweifel daran, dass sam auf das Zweiprozentziel verständigt, redet, muss man auch über ihre Ausrüs-
die USA zu Artikel 5 stehen – im Gespräch damals war Barack Obama Präsident. Zur tung sprechen. Die deutsche Armee ist in
unter vier Augen, aber auch in aller Öf- Erinnerung, bis Anfang der Neunziger- einem beklagenswerten Zustand. Taugt
fentlichkeit. jahre hat Deutschland mehr als zwei Pro- die Bundeswehr überhaupt noch für Ein-
SPIEGEL: Verstehen wir Sie richtig: Solan- zent des Bruttoinlandsprodukts für die sätze im Rahmen der Nato?
ge der Streit etwa über die Handelspolitik Verteidigung ausgegeben. Wenn die Ver- Stoltenberg: Deutschland liefert einen ent-
nicht auf die militärischen Belange in der teidigungsausgaben sinken, wenn Span- scheidenden Beitrag in der Nato.
Nato übergreift, ist die Sache nur halb so nungen abnehmen, muss man auch in der SPIEGEL: Mit Verlaub: Flugzeuge der
schlimm. Aber was ist mit dem Anspruch Lage sein, sie zu erhöhen, wenn die Span- Bundeswehr können wegen fehlender Er-
der Nato, eine Wertegemeinschaft zu sein? nungen zunehmen. Es ist in unserem In- satzteile nicht starten, die deutsche Pan-
Stoltenberg: Wir müssen ehrlich sein: Es teresse, mehr für Verteidigung auszugeben, zerbrigade aus Munster, die 2019 den Kern
gibt derzeit Differenzen bei vielen wichti- weil neue Gefahren unsere Sicherheit be- der schnellen Eingreiftruppe der Nato bil-
gen politischen Fragen. Damit ist bei einer drohen, sei es ein wieder aggressiver auf- den soll, wird wohl nur einen Bruchteil
Allianz mit 29 Staaten aber immer zu rech- tretendes Russland, sei es der IS-Terror an der zugesagten Panzer bereitstellen, und
nen. Das Beste wäre, diese Differenzen zu unserer Südflanke. Ich begrüße daher, dass von der Nato-Ausbildungsmission von Sol-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 31


Deutschland

»Lieben
daten im Irak ist Deutschland auch alles len mit unserem Nachbarn gute Beziehun-
andere als begeistert … gen. Deswegen haben wir uns am Don-
Stoltenberg: … ich habe Soldaten der nerstag nach Monaten Pause erneut im
Bundeswehr in Litauen getroffen, wo sie Nato-Russland-Rat getroffen. Wir reden

Dank«
in einer Battle Group die Führung über- über die Ukraine, sorgen für Transparenz
nehmen. Egal ob in Afghanistan, im Ko- bei Manövern, die anstehen – diese The-
sovo oder beim Marineeinsatz im Zuge men bleiben auf der Agenda.
der Flüchtlingskrise in der Ägäis – ich SPIEGEL: Ist die Nato im Umgang mit
schätze die hohe Qualität der deutschen Russland wirklich so stark, wie Sie behaup- Lobbyismus Erstmals prüft eine
Militärs. Aber natürlich gibt es Lücken, ten? Im SPIEGEL berichteten wir zuletzt
auch weil die Verteidigungsausgaben viele über ein Geheimpapier, in dem Ihre Mili- Ethikkommission Wechsel
Jahre gekürzt wurden. Und ich finde es tärs große Zweifel äußerten, ob die balti- von Regierungsmitgliedern in die
gut, dass Deutschland so offen damit um- schen Mitglieder im Falle eines russischen Wirtschaft. Die Ex-Minister
geht. Angriffs verteidigt werden könnten.
SPIEGEL: Gerade wegen der engeren Bud- Stoltenberg: Die Nato ist das erfolgreichs-
Gabriel und Zypries müssen vor
gets haben viele EU-Länder nun be- te und stärkste Militärbündnis der Ge- ihren neuen Jobs pausieren.
schlossen, in Verteidigungsfragen stärker schichte, wir sind in der Lage, alle unse-
zusammenzuarbeiten. Sie bündeln ihre re Mitglieder zu schützen. Das heißt aber
Cyberabwehrkräfte und errichten ein
gemeinsames Sanitätskommando. Fürch-
ten Sie, dass innerhalb des Bündnisses eine
Art Mini-Nato heranwächst?
auch, dass wir uns ständig weiterent-
wickeln müssen, wenn neue Gefahren
entstehen. Daher verstärken wir seit eini-
ger Zeit unsere Präsenz in Osteuropa, wie
E ine Woche bevor Brigitte Zypries die
Bundesregierung verließ, veröffent-
lichte das Start-up Masterplan.com
ein Video auf YouTube. Zu sehen ist die
Stoltenberg: Nein. Die Nato fordert seit etwa mit Soldaten der Bundeswehr in damalige Wirtschaftsministerin, wie sie
Jahrzehnten, dass die Europäer mehr für Litauen. Und wir arbeiten an unseren Fä- über die Digitalisierung spricht. Dann folgt
ihre Verteidigung tun. Wir sind froh, dass higkeiten, um im Notfall schnell Nach- ein Werbeblock: »Ich habe mich gefreut
dies nun endlich geschieht. Ich begrüße es, schub dorthin zu bringen. Wir haben die zu sehen, dass Masterplan.com jetzt eine
wenn die EU bei Verteidigungsfragen stär- Nato-Response-Force verdreifacht, unsere Plattform entwickelt hat, auf der man all
ker zusammenarbeiten will. Wir sollten dies lernen kann, und ich muss gestehen,
uns aber keinen Illusionen hingeben: Nach schon nach einer Dreiviertelstunde hatte
dem Brexit werden 80 Prozent der Vertei- ich was dazugelernt.«
digungsausgaben in der Nato von Ländern Es kommt nicht allzu oft vor, dass sich
EZEQUIEL SCAGNETTI / DER SPIEGEL
außerhalb der EU stammen. Bundesminister so begeistert von einer Fir-
SPIEGEL: In Ihrer Rede auf der Münchner ma zeigen. Noch ungewöhnlicher ist, dass
Sicherheitskonferenz klangen Sie noch sie nur wenige Monate später bei diesem
ganz anders. Sie sprachen von der Gefahr, Unternehmen anheuern wollen. Die So-
dass doppelte Strukturen geschaffen wür- zialdemokratin soll künftig im Beirat von
den und die Bindung über den Atlantik Masterplan.com ihre Erfahrungen aus der
geschwächt zu werden droht. Politik einbringen. Schon im Oktober hat-
Stoltenberg: Mein Eindruck ist, dass die- te sie der Firma einen Besuch abgestattet.
ses Risiko den Beteiligten bewusst ist, und Stoltenberg, SPIEGEL-Redakteur* Damals freute sich Gründer Daniel Schütt
das ist ja schon die halbe Lösung. Unsere »Einer für alle, alle für einen« auf Instagram über den »sehr spannenden
EU-Bündnispartner haben überdies klar- Austausch« mit Zypries. »Lieben Dank für
gemacht, dass es nicht darum geht, die schnelle Eingreiftruppe. Und wir werden deinen Besuch.«
Nato zu kopieren, sondern darum, die eu- beim Nato-Gipfel im Juli darüber disku- In den vergangenen Jahren sorgten
ropäische Säule innerhalb des Bündnisses tieren, wie wir unsere Einsatzbereitschaft Wechsel von Politikern in die Wirtschaft
zu stärken. Frau von der Leyen hat das weiter verbessern können. immer wieder für Schlagzeilen. Gerhard
Problem ganz gut auf den Punkt gebracht. SPIEGEL: Der Nato fehlen Truppen, die Schröder setzte sich im Kanzleramt für die
Bei einem Wettbewerb zwischen der EU sie im Ernstfall schnell verlegen kann … Gaspipeline Nord Stream ein und wurde
und der Nato würde Deutschland in einen Stoltenberg: … deswegen wollen wir mit nach seinem Amtsende in den Aktionärs-
Wettbewerb mit sich selbst eintreten, sagt unseren Bündnispartnern klären, welche ausschuss der Tochterfirma des russischen
sie. Nato und EU müssen sich ergänzen, zusätzlichen Einheiten im Krisenfall rasch Gazprom-Konzerns berufen. Der ehema-
nicht behindern, alles andere wäre absurd. abrufbar sind. Dies dient einer glaubwür- lige Staatsminister Eckart von Klaeden
SPIEGEL: Während sich die Europäer mit digen Abschreckung und nicht dazu, Russ- tauschte seinen Job in der Regierungszen-
Trump streiten, tritt Russland zunehmend land zu provozieren. Dazu kommen Än- trale mit dem Posten des Cheflobbyisten
aggressiv auf. Was setzt die Nato dem Ver- derungen in der Kommandostruktur. Es beim Autobauer Daimler. Stets werfen sol-
halten Russlands entgegen? wird ein neues Atlantikkommando geben, che Seitenwechsel die Frage auf, ob die Poli-
Stoltenberg: Abschreckung und Dialog ge- um Truppen einfacher von Nordamerika tiker mit dem Job für Gefälligkeiten im
hören zusammen. Das habe ich als junger nach Europa zu transportieren. Und wir Amt belohnt werden. Zumindest versil-
Sozialdemokrat in Norwegen von deut- planen ein Hauptquartier für Logistik, das bern sie Kontakte aus der Regierungszeit.
schen Politikern wie Willy Brandt oder in Deutschland entstehen soll. Gerade im In der vergangenen Wahlperiode ent-
Helmut Schmidt gelernt: Solange man Umgang mit einem zunehmend schwieri- schied sich die Große Koalition deswegen,
stark und verlässlich ist, kann man ins Ge- gen Sicherheitsumfeld zeigt sich, was ich das Ministergesetz zu verschärfen. Die
spräch kommen. Wir wollen keinen neuen meine, wenn ich sage: einer für alle, alle neue Regelung wäre »wohl nicht nötig
Kalten Krieg, kein neues Wettrüsten, wir für einen. gewesen, wenn sich manche in der Vergan-
wollen Russland nicht isolieren, wir wol- SPIEGEL: Herr Stoltenberg, wir danken genheit anders verhalten hätten«, sagte da-
Ihnen für dieses Gespräch. mals Innenminister Thomas de Maizière
* Peter Müller im Nato-Hauptquartier in Brüssel. im Deutschen Bundestag.

32
Doch bislang ist nicht erkenn- War das Ethikgremium deswe-
bar, dass das Gesetz eine abschre- gen besonders streng?
ckende Wirkung hat. Seit der Zypries behält sich vor, gegen
Bundestagswahl haben sich be- die Zwangspause beim Verwal-
reits drei politische Schwerge- tungsgericht zu klagen. »Ich
wichte nach lukrativen Tätigkei- muss den Bescheid prüfen,
ten umgesehen: Zypries, der bis- wenn er vorliegt«, sagt die SPD-
herige Außenminister Sigmar Ga- Politikerin. »Falls er mir Tätig-
briel (SPD) und Ex-Innenminis- keiten untersagt, muss ich ent-
ter Thomas de Maizière (CDU). scheiden, ob ich rechtlich gegen
Es geht vor allem um Aufsichts- die Entscheidung der Bundesre-
rats- und Beraterposten in Unter- gierung vorgehe.« Die Karenz-
nehmen und Verbänden. zeit sei ein »Eingriff in die vom
Neu ist, dass Minister und Grundgesetz garantierte Berufs-
Parlamentarische Staatssekre- freiheit«, so die Ex-Ministerin.
täre ihre zukünftigen Tätigkei- Das Gesetz gilt auch für frei-
ten vorab im Kanzleramt mel- berufliche oder ehrenamtliche
den müssen. Sollten durch die Tätigkeiten. Eine Zwangspause
Wechsel »öffentliche Interessen droht nicht nur bei direkten
beeinträchtigt werden«, droht Interessenkonflikten, sondern
den Ex-Ministern eine Zwangs- auch, wenn die geplante Be-

CHRISTIAN G. IRRGANG / AGENTUR FOCUS


pause von bis zu 18 Monaten. schäftigung »das Vertrauen der
Über die Karenzzeit entschei- Allgemeinheit in die Integrität
det das Bundeskabinett auf der Bundesregierung beein-
Empfehlung einer Ethikkom- trächtigen kann«.
mission. Ihr gehören der ehe- Allerdings hat das Gesetz ei-
malige Bundesfinanzminister nige Schwächen. Ein Regie-
Theo Waigel, die frühere Grü- rungsmitglied muss eine Anzei-
nen-Fraktionschefin Krista Sa- ge machen, sobald er oder sie
ger und der ehemalige Richter »mit Vorbereitungen für die
am Bundesverfassungsgericht Wirtschaftsminister Gabriel 2015: »Stehe zur Verfügung« Aufnahme einer Beschäftigung
Michael Gerhardt an. Unter- beginnt oder ihm eine Beschäf-
stützt werden sie von zwei Be- tigung in Aussicht gestellt wird«.
amten im Bundeskanzleramt. Was das konkret heißt, bleibt
Das Team hat seit der Bundes- unklar. Muss ein Minister sich
tagswahl gut zu tun. Zu den bereits im Kanzleramt melden,
ersten Antragstellern gehörte nachdem er das erste Mal infor-
Sigmar Gabriel. Der Ex-Außen- mell angesprochen wurde?
RAINER JENSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA

minister will unter anderem Ver- Und was passiert, wenn er es


waltungsrat beim geplanten nicht tut oder seinen Job ohne
Bahnhersteller Siemens-Alstom Genehmigung antritt? Das Ge-
werden. Das Kabinett wird am setz sieht keine Sanktionen vor.
kommenden Mittwoch eine Auch für mehr Transparenz
zwölfmonatige Karenzzeit ver- sorgt die neue Regelung nicht.
hängen. Gabriel selbst teilte be- Im Bundesanzeiger erscheinen
reits vor zwei Wochen mit, er nur Dauer und Art der Tätig-
stehe »nach Ablauf eines Jahres keit. Die entscheidende Frage,
nach dem Ausscheiden aus der Wirtschaftsministerin Zypries 2017: »Eingriff in die Berufsfreiheit« aufgrund welcher Interessen-
Bundesregierung zur Verfügung«. konflikte die Zwangspause ver-
Bei Zypries hat die Bundesregierung der Ministerin den Ehrenpreis des deut- hängt wird, bleibt unbeantwortet. Die Be-
in einem Fall sogar eine Zwangspause von schen Mittelstandes 2018: »Brigitte Zypries gründung soll geheim bleiben.
15 Monaten verfügt. Außer für Mas- hat sich um den Mittelstand verdient ge- »Wir schaffen damit ein Verfahren, in
terplan.com will die ehemalige Wirt- macht«, sagte Ohoven. Zwei Tage später dem jeder die Entscheidung über die
schaftsministerin auch in den Beirat des schied sie aus ihrem Amt aus. Untersagung einer Beschäftigung einfach
Bundesverbands mittelständische Wirt- Außerdem strebt Zypries einen Posten nachvollziehen kann«, hatte der damalige
schaft (BVMW) zurückkehren, dem sie im Beirat der Deutschen Vermögensbera- Innenminister de Maizière versprochen.
bereits bis Dezember 2013 angehörte. tung (DVAG) an. Die Finanzberater ver- Der CDU-Politiker will sich heute zu sei-
Auch in ihrer Ministerzeit hatte Zypries kaufen Versicherungen und Finanzproduk- nem Gesetz nicht mehr äußern. Das sei
immer wieder mit den Wirtschaftslobby- te. In Zypries’ Amtszeit war ihr Ressort für »gute Tradition«, ließ er ausrichten.
isten zu tun. die Umsetzung der EU-Versicherungsver- Der wahre Grund für de Maizières
Im Februar besuchte die SPD-Politikerin triebsrichtlinie in nationales Recht zustän- Schweigen ist wohl ein anderer: Er hat
das »Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum dig. Das Regelwerk berührt die Interessen selbst mehrere Tätigkeiten im Kanzleramt
Berlin«, das vom BVMW geleitet wird. Die der DVAG. angemeldet. Um welche es sich handelt,
Anlaufstelle für kleine und mittlere Unter- Ein Mitglied der Ethikkommission dürf- will der frühere Minister nicht sagen.
nehmen wird vom Wirtschaftsministerium te Zypries’ Antrag besonders aufmerksam Sven Becker, Florian Gathmann,
finanziell gefördert. Am 12. März über- gelesen haben – Theo Waigel. Der CSU- Christoph Schult
reichte Verbandspräsident Mario Ohoven Mann ist Vorsitzender des DVAG-Beirats.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 33


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die Law-and-Order-Aktionen dennoch

Neuköllner Sound Signale.


Die Anschauung vor Ort sei »die Mutter
der Kommunalpolitik«, zitiert Giffey ihren
politischen Ziehvater Buschkowsky gern.
Karrieren Franziska Giffey war Bezirksbürgermeisterin in Berlin, 500 Außentermine habe sie deshalb im
jetzt ist die Familienministerin die neue Jahr absolviert, sagt sie, »ich kannte jede
Hoffnung der Bundes-SPD. Doch sie hält Distanz zu ihrer Partei. Schultoilette«. Weil Schultoiletten eben
viel aussagen über eine Schule.
So will sie das auch als Bundesminis-

S ie hat sich ein pinkes Kostüm aus-


gesucht, knallpink. Doch die grelle
Farbe kann nicht von ihrer Nervo-
sität ablenken. Immer wieder rückt Fran-
Seitdem wird Giffey als neuer Politstar
gefeiert. Sie ist unverbraucht, direkt, zu-
packend, das beflügelt die Hoffnungen der
siechen Sozialdemokraten. Giffey muss
terin machen: rausgehen, zuhören. Und
dann handeln.
Seit ihrem Amtsantritt besucht Giffey
deshalb Kitas, Pflegeheime, Fachtagungen,
ziska Giffey mit den Fingerspitzen ihr jetzt Sinnbild jener Erneuerung sein, die Familienzentren. Sie verleiht Preise, hält
Redemanuskript zurecht. »Ja, sehr geehrte die Parteispitze versprochen hat. Grußworte, backt Brot auf einem Nach-
Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Verbandsvertreter, Abgeordnete und barschaftsfest. Und auf ihrer Facebook-Sei-
Herren Abgeordnete«, sagt sie. Sie klingt Landespolitiker geraten ins Schwärmen, te diskutiert sie mit Followern über ihre
zaghaft. wenn sie über die neue Ministerin spre- Politik. Rausgehen und zuhören klappt
Es ist der Donnerstag vor zwei Wochen, chen. Giffey sei »unerschrocken«, »geer- also ganz gut.
Giffey hält die zweite Bundestagsrede ih- det«, heißt es, eine »Erleuchtung im Ver- Nur mit dem Handeln ist es in der
rer Amtszeit. Hinter ihr auf der Empore gleich zu ihrer Vorgängerin«, sagt sogar ei- Bundespolitik schwieriger.
tippt die stellvertretende Bundestagsprä- ner, der nicht zur SPD gehört. An einem Donnerstag Ende März
sidentin Claudia Roth mehrmals mit den Aber wer große Hoffnungen weckt, quetscht sich Giffey lächelnd auf einen klei-
Zeigefingern auf ihre Ohren, wohl um der kann leicht enttäuschen, diese Erfahrung nen Holzstuhl, um mit einer Gruppe Kin-
Technik zu bedeuten, dass man die neue hat der letzte große Held der Sozialdemo- der »Im Flugzeug um die Welt« zu spielen.
Bundesfamilienministerin schlecht hört. kratie, Martin Schulz, gerade hinter sich. Sie ist zu Besuch in einer Kindertagesstätte
Giffey leidet unter einer Kehlkopfschwä- In ihren drei Jahren als Bürgermeisterin in Berlin-Marzahn.
che, ihre helle Stimme klingt oft irritierend in Neukölln war Franziska Giffey mit ei- Später sitzt Giffey mit mehreren Erzie-
weich. Aber das ist an diesem Tag gar nicht hern und der Kitaleitung im Kreis. Es geht
das Problem. Es ist die Art, wie sie sich um Personalnot, fehlende Kitaplätze und
mühsam von einem Thema zum nächsten »Leider habe ich nicht die miese Bezahlung. Eine Mitarbeiterin
hangelt. den Zauberstab, erzählt, dass sie ihre Ausbildung nur mit
Irgendwann ist sie bei Mobbing ange- der finanziellen Unterstützung ihres Man-
kommen. »Kennen Sie den Film ›Fack ju um das von heute auf nes absolvieren konnte.
Göhte 3‹?«, fragt sie. morgen zu ändern.« »Sie haben sich überlegt: Kann ich es
Doch der Witz zündet nicht so recht. Ei- mir leisten, Erzieherin zu werden?«, hakt
nige Abgeordnete blicken kaum von ihrem Giffey nach, das könne ja wohl nicht sein.
Handy auf. nem einfachen Rezept erfolgreich: Sie frag- Sie sagt das oft in diesen Tagen: Erzie-
Am nächsten Tag sitzt Giffey in einer te die Menschen nach deren Problemen her müssen besser bezahlt werden, ähnlich
rotbraunen Ledersitzecke in ihrem Büro. und handelte. wie Grundschullehrer. Die Leute finden
Die Möbel stammen noch aus der Zeit »Man hatte bei ihr immer das Gefühl, das immer ziemlich gut. Das Problem ist,
ihrer Vorgängerinnen. Bundestagsreden sie kümmert sich persönlich und tut nicht dass sie damit Erwartungen weckt.
seien, sagt Giffey, ja oft sehr formal: »Ich ab, was einem passiert«, sagt Susann Schal- Mitte Mai, sechs Wochen nach ihrem
wollte mal etwas Lockeres reinbringen.« ler, stellvertretende Leiterin der Helene- Besuch in der Marzahner Kita, fragt eine
Sie wirkt in diesem Moment sehr fremd Nathan-Bibliothek. Hessin auf Facebook: »Was ist denn aus
in der Bundespolitik. Die Bücherei in den oberen Stockwer- der Forderung geworden, dass Erzieher so
Giffey war die Überraschungspersonalie ken eines Neuköllner Shoppingzentrums viel verdienen sollen wie Lehrer, oder ist
der neuen Regierung: Vor drei Monaten hatte bis vor drei Jahren einen eher zwei- das schon wieder verpufft?«
machte die 40-Jährige noch Lokalpolitik – felhaften Ruf. Zwischen den Bücherrega- Giffey antwortet, dass für eine bessere
als Bürgermeisterin im Rathaus des Ber- len vertickten Jugendgangs Drogen, im Bezahlung »hart gearbeitet werden« müs-
liner Problembezirks Neukölln. Klo wurden Pärchen beim Sex erwischt se. »Da sind viele Partner einzubeziehen.«
Menschen aus 150 Nationen wohnen und mehrere Feuer gelegt. Leider habe sie »nicht den Zauberstab, um
dort, arabische Clans terrorisieren ganze Bis Giffey vorbeikam und einen Wach- das von heute auf morgen zu ändern«. Sie
Nachbarschaften, schon Grundschülerin- schutz engagierte. bereite aber eine »Fachkräfteoffensive«
nen tragen Kopftuch, während die in den Schaller sagt, Giffey habe das Image des für bessere Ausbildungsbedingungen vor.
Stadtteil strömenden Hipster die Mietprei- ganzen Bezirks gedreht. Ihr Vorgänger Es liest sich wie eine Entschuldigung.
se in die Höhe schießen lassen. Giffey, im- Heinz Buschkowsky hatte Neukölln vor- Dabei beschreibt Giffey nur ihre neue
mer adrett mit Kostüm und Hochsteckfri- geführt als abschreckendes Beispiel für das Realität: Sie muss sich mit einer Armada
sur, regierte diese Gemengelage wie Mary Scheitern von Multikultideutschland. Gif- von Lobbyisten herumschlagen, mit Fach-
Poppins: streng, fürsorglich und scheinbar fey räumte auf. ausschüssen und dem Koalitionspartner
mühelos. Sie baute eine Truppe von Müll-She- streiten, mit dem Kabinett, dem Bundes-
Als für das Bundeskabinett eine Politi- riffs auf gegen den illegalen Sperrmüll auf tag und dem Bundesrat und nicht zuletzt
kerin aus dem Osten gesucht wurde, fiel den Straßen und verhängte konsequent mit den Ländern und Kommunen. Das
die Wahl auf die Brandenburgerin Giffey. Geldbußen fürs Schulschwänzen. Auch Thema Bildung liegt vornehmlich in deren
Wer Neukölln kann, kann auch Haupt- wenn die Schulabbrecherquote im Bezirk Zuständigkeit, und wenn Lokalpolitiker
stadt, so die Logik. dadurch bislang nicht gesunken ist, waren das Gefühl haben, sie müssten die Verspre-

36 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Bei den innerparteilichen Zirkeln und
Grüppchen habe Giffey nie mitgemacht,
sagen Berliner Sozialdemokraten, sie sei
sehr eigensinnig gewesen, habe sich »nicht
in die Karten schauen lassen«. Nicht alle
meinen das als Kompliment.
Giffey hält Distanz zur Parteipolitik, das
kommt gut an in Zeiten populistischer Par-
teienverachtung. Die internen Flügelkämp-
fe fand sie immer »nervig«. »Rechts, links,
haste nicht gesehen. Ich habe immer ge-
sagt: Ich will nach vorne gucken und sehen,
was wir machen können.«
Auch als Ministerin will sie sich raushal-
ten. Auf den desolaten Zustand der Sozial-
demokraten angesprochen, sagt sie nur, sie
wolle sich an »den ganzen Streitereien
nicht beteiligen«.
Bürgernähe heißt für Giffey auch ein-
fache Sprache. Ihr Programm hat sie zu
drei Slogans kondensiert:
»Wir wollen, dass es jedes Kind packt!«
»Wir kümmern uns um die Kümmerer!«
Und: »Frauen können alles!«
Man kann solche Slogans platt finden.
Giffey aber findet, man müsse die Dinge
auch mal so erklären, »dass der Normal-
mensch auf der Couch zu Hause sagt: Ja,
find ick jut«.
Den ersten Gesetzesentwurf, den ihr
Haus vor Kurzem vorgelegt hat, taufte sie
um von »Qualitätsentwicklungsgesetz« zu
»Gute-Kita-Gesetz«. Statt 3,5 Milliarden
Euro, die dem Entwurf zufolge bundesweit
in die Qualitätsverbesserung fließen sollen,
sagt Giffey: »3500 Millionen«. Auch wenn
sie auf einer Veranstaltung vor Wissen-
schaftlern spricht.
Ob Giffeys Methode in Berlin funktio-
niert? Der Zeitgeist ist auf ihrer Seite.
Doch sie muss aufpassen, dass ihre Slogans
nicht irgendwann wie Phrasen wirken,
weil sie nicht liefern kann.
Wenn man Giffey fragt, was sie bewir-
ken will, erzählt sie von einem türkischen
INGA KJER / PHOTOTHEK.NET

Schneider in Neukölln. Ihr Fahrer, der


schon für sie arbeitete, als sie noch Bür-
germeisterin war, sei neulich bei ihm vor-
beigegangen, sagt Giffey: »Der Schneider
hat dann zum Abschied gesagt: Grüß mir
unsere Bürgermeisterin. Weil er gar nicht
Ministerin Giffey: »Man hatte bei ihr immer das Gefühl, sie kümmert sich« mitbekommen hatte, was passiert ist. Der
guckt halt nicht so oft Nachrichten und
muss zusehen, wie er seine Kinder durch-
chen aus Berlin am Ende bezahlen, blo- gierte sie sich für die Bibliothek. Nach ei- bringt, dafür muss er wahrscheinlich ’ne
ckieren sie erst mal. nem Verwaltungsstudium holte Busch- Menge nähen.«
»Man braucht schon Geduld«, sagt Gif- kowsky sie nach Neukölln als »Europa- Das sei der Punkt, sagt sie. »Wir halten
fey, »zum Beispiel bei der Bezahlung von beauftragte«. Um »EU-Kohle« in den tolle politische Reden, aber bis der
Erziehern. Von der politischen Forderung Stadtteil zu schaffen, wie Giffey sagt. Sie Schneider in seinem Laden merkt, hier
bis hin zu: Sie haben mehr Geld im Porte- machte das so erfolgreich, dass er sie als ist ja irgendwas anders, das ist echt ein
monnaie – das dauert.« Den Bürgern das Nachfolgerin aufbaute. weiter Weg.«
zu erklären sei »wahnsinnig schwierig«. Doch auf die Dauer war Politik ohne Wenn dieser Mann am Ende ihrer
Giffey kam nicht über die Partei in die Parteibuch schwierig, mit 29 trat sie dann Amtszeit sage: »Die Giffey, die hat doch
Politik, sondern über die Politik in die Par- doch in die SPD ein. Es war eine Kopfent- was für Familien gemacht. Die ist in Ord-
tei. Sie wuchs in einem Dorf in Branden- scheidung. In einer Partei wie der SPD, in nung«, dann habe sie etwas erreicht.
burg auf, ihr Vater war Kfz-Meister, die der Bauchgefühl so wichtig ist, ist das nicht Anne Seith
Mutter Buchhalterin. Als Schülerin enga- der beste Start.

37
HC PLAMBECK / LAIF
HC PLAMBECK

AfD-Politiker Pohl, -Demonstration in Berlin*: »Die SPD als Volkspartei beerben«

Alternative für Rentner


Parteien Die AfD ringt um ihren Kurs in der Sozialpolitik. Die ostdeutschen Verbände wollen
Milliardengeschenke an die Senioren verteilen – nur möglichst nicht an die Ausländer.

T reffen sich ein westdeutscher Wirt-


schaftsliberaler und ein ostdeut-
scher Sozialist im Café und versu-
chen, sich auf ein Rentenkonzept zu eini-
Oder setzt sich endgültig der rechte Flügel
um Björn Höcke und Jürgen Pohl durch,
der national und sozialistisch tickt?
Jahrelang hat sich die AfD vor einer Ent-
das Rentenkonzept der AfD Thüringen
vorstellen. Es ist nicht irgendein Papier.
Die ostdeutschen Verbände stehen nahezu
geschlossen hinter den Zielen des 104-Sei-
gen. Was klingt wie ein Witz, ist in der scheidung in der Rentenfrage gedrückt. ten-Konvoluts. Pohl hält seine Kernaussa-
AfD Realität. Kürzlich verabredete sich Ausgerechnet bei einem der wichtigsten gen sogar für mehrheitsfähig in der ganzen
AfD-Chef Jörg Meuthen, ein Wirtschafts- Themen, das die Menschen umtreibt, leis- Partei: »Altersarmut ist längst kein rein
professor aus Karlsruhe, mit seinem Par- tete sie sich eine auffällige Inhaltsleere. ostdeutsches Phänomen mehr.«
teifreund Jürgen Pohl aus Thüringen im Früh erklärte der heutige Parteichef Ale- Auch der Zeitpunkt ist mit Bedacht ge-
Berliner Café Einstein. Meuthen ist An- xander Gauland die AfD zur »Partei der wählt. Die Zukunft der Rente wird die De-
hänger der ordoliberalen Lehre im Sinne kleinen Leute« – zum Entsetzen Luckes. batte der nächsten Wochen prägen, denn
Ludwig Erhards; er findet, dass jeder Bür- Auch dessen Nachfolgerin, Frauke Petry, am Mittwoch konstituiert sich die Renten-
ger seines Glückes Schmied sein soll. hielt »brutale« Mittel wie eine längere Le- kommission der Großen Koalition. Noch
Der Anwalt Pohl dagegen klingt wie bensarbeitszeit oder Rentenkürzungen für dazu wird 2019 in Thüringen, Sachsen und
eine männliche Version von Sahra Wagen- unausweichlich. Heute dürfte der soziale Brandenburg gewählt. Die Sozialpolitik soll
knecht, hält die Riester-Rente für eine Ab- Flügel in der AfD in der Überzahl sein. das wichtigste Wahlkampfthema werden,
zocke der Beitragszahler und träumt von Ein detailliertes Rentenkonzept fehlt im haben die ostdeutschen AfD-Fraktionschefs
der staatlichen Aufstockung der Rente in AfD-Grundsatzprogramm wie im Bundes- jüngst beschlossen. Vor allem Pohl treibt
Milliardenhöhe. Pohl und Meuthen zu ver- tagswahlprogramm. Dabei hatte Spitzen- dies voran. Der Politiker, der sich auf seiner
einen ist, als wollte man FDP und Linke kandidatin Alice Weidel sogar ihre Disser- Homepage als »Mann fürs Grobe« vorstellt,
in eine Koalition zwingen. So endete die tation über Altersvorsorge geschrieben. hat eine Art Gewerkschaft namens Alarm!
Rentendebatte im Kaffeehaus ergebnislos. Nur passte ihr Plädoyer für mehr private gegründet. Genau auf diese Klientel zielt
Die Parteifreunde gingen freundlich mit- Vorsorge schlecht zu den AfD-Plakaten, sein Konzept: »Die AfD hat die große
einander um, aber damit könnte es bald auf denen eine Rentnerin im Müll nach Chance, die Sozialdemokratie im Osten als
vorbei sein. In der Sozialpolitik steuert die Pfandflaschen angelt. größte Volkspartei zu beerben«, sagt er.
AfD auf einen Grundsatzstreit zu. Hinter Für den Wahlkampf schlossen die AfD- Die Rechnung ist einfach: In der Sorge
der Debatte, wie die Rentner von morgen Parteiflügel einen Burgfrieden und vertag- vor dem finanziellen Abstieg im Alter
abgesichert werden sollen – ob aus Sicht ten das Thema Rente auf unbestimmte steckt politisches Potenzial – und die AfD
der Rechtspopulisten Deutsche besser da- Zeit. Nun ist die Absprache gekündigt. scheut sich nicht, aus der Angst Kapital zu
stehen sollten als ausländische Beitrags- Am Montag will Pohl, Höckes Ex-Büro- schlagen. Zwar müssen derzeit nur rund
zahler –, steht für die AfD eine Identitäts- leiter und nun Bundestagsabgeordneter, drei Prozent der Senioren einen Antrag
frage: Steckt in ihr ein letzter Rest der beim Sozialamt stellen. Aber das Thürin-
alten Professorenpartei von Bernd Lucke, * Mit AfD-Politikern Alexander Gauland (M.), Jörg Meu- ger Rentenpapier warnt bereits vor der
die auf bürgerliche Leistungsträger zielte? then (2. v. r.), Beatrix von Storch am vorigen Sonntag. »Verelendung ganzer Alterskohorten« und

38 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Deutschland

der »Zerstörung des Systems der gesetz- Stil: Derzeit zählt die Rentenkasse fast weit. »Deutsche gegen ausländische Bei-
lichen Rentenversicherung«. 38 Millionen aktiv Versicherte. Mehr als tragszahler auszuspielen, das widerspricht
Dazu wirft die Ost-AfD mit Fakten um 5 Millionen dieser Beitragszahler haben meinem Gerechtigkeitsempfinden«, sagt
sich, die zwar nie ganz falsch, aber nicht einen ausländischen Pass, die Sozialversi- Parteichef Meuthen. Allerdings kann er kei-
immer ganz richtig sind. Das beginnt mit cherung nennt die Zuwanderer »eine Er- ne Alternative zu Pohls Papier vorweisen.
der Aussage, die »Altparteien« wollten das leichterung«. Auch juristisch ist die Idee Die Bundestagsfraktion, die der Parteivor-
Rentenniveau »perspektivisch auf 43 Pro- heikel, allein europarechtlich dürfte sie stand eilig bat, einen Kompromiss zu er-
zent im Jahr 2030« senken. In keinem Ge- kaum zu halten sein. Ein kalkulierter Eklat. arbeiten, hat noch nicht geliefert. Andere
setz steht das so, der Wert markiert nur Das gilt auch für den Vorschlag einer liberale Gegenentwürfe stammen von Ein-
die absolute Untergrenze. Ganz abgese- neuen Kinderrente, mit dem die AfD ihr zelkämpfern. Vorerst bleibt Meuthen also
hen davon, dass Union und SPD diese traditionelles Familienbild bewirbt. Eltern nur, in seiner Rede auf dem Bundesparteitag
Haltelinie längst für zu niedrig halten. Sie sollen einen festen Rentenaufschlag erhal- Ende Juni für einen liberalen Kurs zu wer-
wollen das Niveau von heute knapp 48 ten, der von der Zahl ihrer Kinder abhängt. ben: »Die AfD darf die Linke nicht links
Prozent bis mindestens 2025 festschreiben. Bei den Beiträgen sollen Väter und Mütter überholen«, warnt er. »Sozialpolitik sollte
Aber die Ost-AfD fordert stets etwas zuvor für jedes Kind entlastet werden. nicht mit dem Füllhorn gemacht werden,
mehr, und wer das Konzept bis zur letzten Die AfD beruft sich auf bekannte Öko- sondern zielgerichtet für Bedürftige.«
Seite liest, fragt sich verwundert, ob es nomen, zerlegt deren Überlegungen aber Auch Alice Weidel fährt einen anderen
nicht in einer Denkfabrik der Linken ent- in populistisch verdaulichere Häppchen. Kurs: Das Sicherungsniveau der Rente
standen ist. Das Rentenniveau? Soll auf Diese Technik zieht sich durch das ganze werde »gern für öffentlichkeitswirksame
50 Prozent angehoben werden. Die geför- Papier. Bei der Kinderrente etwa verwei- Forderungen missbraucht«, sagt sie – eine
derte Privatvorsorge? Ist ein Lobbyerfolg sen die Autoren auf Vorschläge, die der treffende Beschreibung für Pohls Papier.
»des internationalen Finanz- und Versiche- Ökonom Martin Werding vor Jahren für Am liebsten würde Weidel das Modell
rungskapitals« und gehört abgeschafft. das Ifo-Institut vorgelegt hat. Der an- ihrer Schweizer Wahlheimat übernehmen,
Am Ende steht ein wirklichkeitsfremdes erkannte Rentenexperte ist über die Ver- wo die gesetzliche Rente nur eine Säule ist.
Sammelsurium populärer Vorschläge, die einnahmung entsetzt. Seine Ideen seien Den Rest sollten die Bürger bestreiten, so
zwar nicht zusammenpassen, aber den Zu- »aus dem Zusammenhang gerissen«, sagt Weidel, durch kapitalgedeckte Arbeitnehm-
spruch verunsicherter Wähler verheißen. er. Es wäre »bitter«, wenn ausgerechnet erversicherungen oder steuerlich geförderte
Die Kernbotschaft: mehr Geld für alle – die AfD das Thema aufgreifen würde. Geldanlagen. Pohl, der den Osten auf dem
jedenfalls für alle mit deutschem Pass. Bei seinem Konzept sei es stets darum Weg zum »Armenhaus Deutschlands«
So will die Ost-AfD kleine Renten lang- gegangen, die Folgen des demografischen sieht, hält solche Ideen für realitätsblind.
jährig Versicherter aufstocken. Wer min- Wandels zu bewältigen. Werding wollte Der Kampf in der AfD hat erst begon-
destens 35 Jahre in die Rentenkasse ein- Familien besser absichern, zugleich aber nen. Fast 125 Milliarden Euro zusätzlich
gezahlt hat, soll einen steuerfinanzierten am sinkenden Rentenniveau festhalten. würde das Konzept der Ost-AfD die Bei-
Aufschlag auf die Rente erhalten – als Ab- Die Ost-AfD dagegen verspricht ein sattes tragszahler und den Staat von 2045 an kos-
stand zur Grundsicherung. Diese »Staats- Plus beim Niveau – und will von den Las- ten – im Jahr. Es ist eine kaum vorstell-
bürgerrente«, die im Durchschnitt bei ten alternder Gesellschaften nichts wissen. bare Summe. Höhere Steuerzuschüsse,
180 Euro liegen soll, soll allerdings nur Se- Dabei hantiert sie mit einer gewagten argumentiert Pohl, seien doch leicht zu
nioren mit deutscher Staatsangehörigkeit These: Geld sei genug da, man müsse es nur finanzieren. Man könne ja bei den Ausga-
zustehen. Die »persönliche Lebensleis- besser verteilen. Wenn die Löhne mit der ben für Windräder und Flüchtlinge sparen.
tung«, die die AfD angeblich honorieren Arbeitsproduktivität stiegen, würden die Zumindest diese Forderung dürfte bei
will, spricht sie türkischen Kohlekumpeln Versicherten höhere Beitragssätze doch gar den Rechtspopulisten unumstritten sein.
oder polnischen Bauarbeitern damit ab. nicht spüren. Auch den eigenen Parteifreun- Melanie Amann, Cornelia Schmergal
Es wäre eine Diskriminierung in großem den geht Pohls Staatsbürgersozialismus zu

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Biodeutsche Gewaltexzesse flüchtet, aber letztlich


nichts verändert. Lösch verlagerte das
Stück in die sächsische Landeshauptstadt,

Erbauungsstücke sein Graf Öderland war der Anführer der


Pegida-Bewegung, die auf den Plätzen der
historischen Altstadt mit ausländerfeind-
lichen Parolen demonstriert.
Zeitgeist Drohmails gegen Regisseure, Der Regisseur und seine Mitarbeiter
Aufrufe zum Boykott: Die AfD und andere Rechte greifen sprachen Pegida-Anhänger auf den Kund-
Theater als Symbole der offenen Gesellschaft an. gebungen an, luden sie ins Theater zu
Gesprächsrunden. »Es kamen verunsicher-
te Menschen, die um ihren Arbeitsplatz

S hermin Langhoff erwartete einen


angenehmen Abend, als sie Anfang
März die Villa Elisabeth in Berlin
besuchte. Die Kulturstiftung des Bundes
Bernhard Stengele holte als Schauspiel-
chef in Altenburg Menschen aus 26 Natio-
nen ins Ensemble. Sein Theater inszenier-
te das Weihnachtsmärchen »Aladdin und
oder ihre Rente bangten«, sagt Lösch,
»aber auch Rassisten, die am liebsten jeden
Flüchtling ins Mittelmeer zurücktreiben
wollten.« Ihre Aussagen flossen in seine
hatte zum Jahresempfang geladen. Ein die Wunderlampe« mit einer türkischen Inszenierung ein.
schöner Termin, um mit den anderen Gäs- Prinzessin und einem afrikanischen Zau- Lösch provoziert gern, manchmal ge-
ten über die nächsten Premieren, Bienna- berer, es thematisierte die nationalsozia- nießt er es, wenn Zuschauer gegen seine
len und Konzerte zu plaudern. listische Vergangenheit der Stadt und Stücke protestieren. Doch so viel Hass wie
Marc Jongen, der kulturpolitische Spre- unterstützte die flüchtlingsfreundliche Poli- nach der »Öderland«-Premiere im Novem-
cher der AfD im Bundestag, saß in dersel- tik der linken Landrätin. »Wir positionier- ber 2015 hat er noch nicht erlebt.
ben Reihe. Der Philosoph, ein ehemaliger ten uns klar für eine weltoffene Gesell- In einer anonymen Mail hieß es, er ste-
Assistent Peter Sloterdijks, ist dafür be- schaft, das nahm das Bürgerforum wahr he auf »Listen«, die »irgendwann abgear-
kannt, dass er die »Entsiffung des Kultur- und wehrte sich entsprechend«, sagt beitet« würden, in einer anderen wurde
betriebs« verspricht und »linke Kultur- Stengele. ihm prophezeit, dass er »bald am Galgen
blockwarte« verhöhnt. Langhoff stellte Das Bürgerforum, örtlicher Ableger der enden« werde. »Vor dem Theater wurde
sich freundlich vor, als Intendantin des Ber- fremdenfeindlichen Thügida, rief zum ich bespuckt«, sagt Lösch. Er solle abhau-
liner Maxim Gorki Theaters, dann lud sie Boykott des Theaters auf: »Grenzt sie auf en, er sei eine Schande für Dresden. Der
den Politiker zu einer Premiere ein. dieselbe Weise aus, wie sie es mit euch tun. Regisseur spielte mit dem Gedanken, sich
»Gorki – Alternative für Deutschland?« Und zeigt ihnen, woher das Geld kommt, zu bewaffnen: »Ich ging in einen Laden
heißt das Stück, im zweiten Akt geht es mit dem sie ihre Miete bezahlen.« Im vori- und wollte eine Gaspistole kaufen, die wa-
um Jongen: Ein Schauspieler verliest eine gen Jahr ertrug Stengele die Kampagne ren aber ausverkauft.« Lösch sagt heute,
Art Manifest, das der Politiker verfasst hat, nicht mehr, er wollte nicht weiter zusehen, er habe die Situation in Dresden »auch als
es handelt von der Finanzkrise und krimi- wie Rechte sein Ensemble beschimpfen. physisch bedrohend« empfunden.
nellen Spekulanten; seine Analyse könn- Mehrere Schauspieler verließen Alten- Im Magdeburger Landtag ist die AfD
ten viele teilen, Linke wie Rechte. Es folgt burg, auch Stengele ging. die zweitstärkste Fraktion, sie stellt 22 Ab-
eine Rede von Joseph Goebbels. Wäre es In Dresden machte Volker Lösch ähn- geordnete. Zuständig für Kultur ist Hans-
nicht interessant, wenn der echte Jongen liche Erfahrungen, als er am Staatsschau- Thomas Tillschneider. Der 40-Jährige hat
seiner Kunstfigur begegnete? Der Abge- spiel »Graf Öderland« von Max Frisch in- in Islamwissenschaften promoviert und ist
ordnete verzichtete. Später twitterte er: szenierte. Das Werk beschreibt eine »Ge- ein gebildeter, weltgewandter Mann. Er
»Und wieder wird von einer deutschen wurde in Rumänien geboren, wuchs in Ba-
Bühne herab gegen die AfD gehetzt.« den-Württemberg auf und lebte nach sei-
Theater in Deutschland sind zu Arenen ner Promotion an der Universität Freiburg
eines Kulturkampfs geworden. Die AfD eine Zeit lang in Paris.
und andere neue Rechte würden manche Tillschneider, auch Sprecher der ultra-
am liebsten schließen, ihnen mindestens rechten Patriotischen Plattform, ist ein glü-
die Subventionen entziehen. Es gibt Boy- hender Gegner des Regietheaters, wie es
kottaufrufe, Hassattacken, Drohmails ge- seit Jahrzehnten die deutsche Bühnenland-
gen Schauspieler und Regisseure. »Wir schaft dominiert. »Unser Theater zerstört
sind ein Symbol für alles, was die Rechts- die deutsche Identität«, sagt Tillschneider.
extremen in Deutschland nicht haben wol- Statt »große Stoffe« und die »Geschichte
len, aber was zu Deutschland gehört«, sagt der Deutschen in all ihrer Vielfalt« auf die
Intendantin Langhoff. Der Angriff aufs Bühne zu bringen, werde »dekonstruiert
Theater ziele auf die offene Gesellschaft. und entwertet«. Die meisten Theater seien
In Altenburg in Thüringen begann der doch nur Teil eines »linksliberalen Main-
Konflikt mit einer Inszenierung des streams«.
»Hauptmanns von Köpenick«. Die Titel- Tillschneider kocht Kaffee, arabischen
rolle spielte ein Schauspieler aus Burkina mit Kardamom, den möge er am liebsten,
CHRISTIAN PLAMBECK

Faso, Ouelgo Téné, der zwar noch Deutsch sagt er. Er sei immer neugierig auf das
lernt, aber schnell Zugang zu der Figur Fremde, Nichtdeutsche gewesen. Aber es
fand – in Carl Zuckmayers Stück geht es bleibe fremd, und das sei auch gut so.
auch um eine verweigerte Aufenthalts- Sein letzter Theaterbesuch sei in Dessau
genehmigung in Preußen. »Sprich erst mal gewesen, das Anhaltische Theater brachte
Deutsch«, schleuderten Passanten dem AfD-Abgeordneter Tillschneider Jugendliche aus Sachsen-Anhalt und syri-
Schauspieler auf der Straße entgegen. »Dilettantischer Multikulturalismus« sche Flüchtlinge für das Tanz- und Thea-

40
SABINA SABOVIC
Schauspieler Téné als Hauptmann von Köpenick in Altenburg: Menschen aus 26 Nationen im Ensemble

terprojekt »Das Fremde so nah« gemein- noch heranziehen müsste, die ihrem Thea- Thomas Ostermeier, Intendant der
sam auf die Bühne. Tillschneiders Urteil: terverständnis folgen. »Ich kenne keinen Schaubühne in Berlin, setzt in dieser Spiel-
»dilettantischer Multikulturalismus, der Intendanten oder Regisseur in Deutsch- zeit einen Schwerpunkt auf Stücke, die
Jugendlichen nur den Sinn für den Unter- land, der Theater à la AfD machen wür- gesellschaftliche Verunsicherungen und
schied zwischen dem Eigenen und dem de«, sagt Regisseur Lösch. die Hilflosigkeit der Linken thematisieren.
Fremden aberziehen will«. Das habe auf Der AfD-Politiker Tillschneider sucht Die Bühnenfassung von Didier Eribons
»deutschen Bühnen nichts verloren«. sein Theaterheil daher vorerst in Osteuro- Buch »Rückkehr nach Reims« zeigt, wa-
Aber welches Theater will er? Erbau- pa. Als Leitfiguren sieht er Künstler wie rum in einst kommunistischen Hochbur-
ungsstücke fürs biodeutsche Selbstwertge- Attila Vidnyánszky, der das ungarische Na- gen Nordfrankreichs der rechtsextreme
fühl, kulinarisches Guckkastentheater wie tionaltheater in Budapest leitet und den Front National reüssiert.
bei Kleinstaatpotentaten des Barock? autokratischen Ministerpräsidenten Viktor Ostermeier bereitet schon ein weiteres
Die Magdeburger Historikerin Manuela Orbán in kulturellen Angelegenheiten be- Verunsicherungswerk vor: die »Italieni-
Lück hat sich im Auftrag der Heinrich-Böll- rät. Vidnyánszky will, wie er dem Online- sche Nacht« von Ödön von Horváth. Das
Stiftung mit den Kulturkonzepten der AfD theaterforum Nachtkritik.de sagte, Hel- Volksstück, 1931 uraufgeführt, schildert,
beschäftigt. Die Sozialdemokratin ent- dengeschichten erzählen und nicht »im wie blind Sozialdemokraten gegenüber
deckte ein »nationalkonservatives und Schlamm der Wirklichkeit« verharren. dem Nationalsozialismus gewesen sind.
rückwärtsgewandtes Kulturverständnis, Manche Theatermacher haben diesen Zuerst hatten sie die Gefahr für die Re-
das ausschließlich dem Bewahren ver- Kulturkampf angenommen. Florian Lutz, publik belächelt, dann war es zu spät. »Wir
meintlich einheitlicher kultureller Eigen- Intendant der Oper in Halle, spricht vom müssen verhindern, dass immer mehr rech-
heiten des deutschen Volkes dient«. »offenen Visier«, damit müsse man den te Ideologie in die verunsicherte Mitte der
Theater à la AfD, sagt sie, »soll andere Rechten begegnen. Gesellschaft vordringt«, sagt Ostermeier.
Kulturen ausgrenzen und ablehnen und ein Matthias Brenner, Chef des Neuen Das gelinge nur, wenn auch das Theater
vermeintliches Deutschtum heroisieren«. Theaters in der Stadt, eröffnete die Spiel- gesellschaftliche Visionen vermittle. »Es
Klassiker stünden hoch im Kurs, allerdings zeit mit Friedrich Hebbels »Die Nibelun- reicht nicht, nur auf die Rechtspopulisten
nur, wenn sie werkgetreu auf die Bühne gen«, der Siegfried-Saga, dem völkisch- draufzuhauen.«
gebracht würden. Tillschneider nennt das rechten Identifikationsmythos schlechthin. Ostermeiers Kollege Volker Lösch zielt
»Bekenntnis zu Strenge, Form und Stil«. Sogar AfD-Ideengeber Götz Kubitschek ebenfalls auf die verunsicherte Mitte der
Die Stücke, so der AfD-Kulturpolitiker, war neugierig und kam mit Frau und Kin- Gesellschaft. Derzeit arbeitet er an einem
müssten beim Zuschauer »ein gutes Gefühl dern. Die Inszenierung dürfte allerdings Stück über ein Land, in dem die AfD mit-
für die deutsche Geschichte hinterlassen«. nicht so recht in sein Weltbild gepasst regiert. 2019 will er es aufführen, am
Sicher ließen sich Goethes »Götz von haben. Brenner hatte dem Stück den spät- Staatsschauspiel in Dresden.
Berlichingen« oder Kleists »Prinz von romantischen Pathos des 19. Jahrhunderts In Sachsen, wo die AfD mancherorts
Homburg« als deutschnationale Weihe- genommen. »Unsere Kunstwerke«, sagt stärkste politische Kraft ist, werden im sel-
stunde inszenieren, aber würde das den Brenner, »müssen auch mit AfD-Themen ben Jahr Landtagswahlen sein.
Werken gerecht? Wohl kaum. Zumal die zu tun haben, aber wir dürfen sie uns nicht Andreas Wassermann
AfD sich Regisseure und Dramaturgen erst von diesen Trotteln diktieren lassen.«

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 41


Deutschland

Unser täglich Plastik


beim Grünen Habeck. Im schleswig-hol-
steinischen Landesamt für Landwirtschaft,
Umwelt und ländliche Räume lag nämlich
schon 2015 ein Laborbericht vor, nach dem
Biomasse der Firma Refood 2,5 Prozent
Umwelt Hunderttausende Tonnen nicht mehr haltbare Lebensmittel sogenannte Fremdstoffe enthielt – fünfmal
aus Supermärkten werden samt Verpackung geschreddert. mehr als gesetzlich erlaubt, wenn der Stoff
Danach landen Plastikreste auf Feldern und in Gewässern. auf Felder gekippt werden soll. Zwei Jahre
später war bei Refoods angeblicher Bio-
masse der Wert erneut überschritten. Re-

D er Professor aus Bayreuth entdeckt


seinen Forschungsgegenstand bei je-
dem Spaziergang. Auf Waldwegen,
Wiesen, Äckern – überall sieht der Biologe
der Verpackung geschreddert, weil es zu
teuer und mühsam wäre, alles vorher aus-
zupacken. Abscheidemaschinen in den An-
lagen sollen dann Plastik von organischem
food rechtfertigt sich, die Pampe sei bloß
ein »Zwischenprodukt«, erst derjenige, der
den mit Plastik versetzten Brei in die Um-
welt bringe, müsse dafür sorgen, dass der
Plastik: bunte Schnipsel, Folienfetzen, Abfall trennen, aber das gelingt offenbar Grenzwert eingehalten werde.
manchmal scharfkantig, manchmal bröse- nur unvollständig. Der Vorfall an der Schlei war nicht der
lig, oft für ungeübte Augen nicht einmal So kommt eine mit Plastik durchsetzte erste, bei dem geschreddertes Plastik deut-
erkennbar. »Wir beginnen gerade erst zu Pampe in die Biogasanlagen und in die Faul- lich sichtbar in der Umwelt auftauchte. Die
erahnen, welche Mengen Kunststoff sich türme der Klärwerke, die damit ebenfalls Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK)
inzwischen in der Landschaft verteilen«, Strom erzeugen. Am Ende bleiben soge- hat gerade einer Biogasanlage im nordfrie-
sagt Christian Laforsch. nannte Gärreste übrig, die von Landwirten sischen Ahrenshöft ihr Gütesiegel entzo-
Jahrelang hat sich der Ökologe haupt- als Dünger auf die Felder gekippt werden. gen. Warum, wollen weder der Betreiber
sächlich mit Plastikmüll in bayerischen Das wäre ökologisch einwandfrei, befände noch der BGK-Verein sagen. Die Anlage
Flüssen und Seen beschäftigt, inzwischen sich nicht so viel Restplastik darunter. bezog laut Aussage des Besitzers gewerb-
sieht er immer mehr Probleme an Land. Die Praxis wäre vermutlich noch eine liche Lebensmittelabfälle von Refood.
Dorthin gelangt das Plastik auch auf einem Weile nicht weiter aufgefallen, hätten nicht Der Sprecher des Landkreises Nord-
wenig bekannten Weg: als Teil von kom- im März die Strände des Ostseearms Schlei friesland schickt Fotos von zwei Äckern
postierten Abfällen aus der braunen Ton- ausgesehen wie mit Konfetti bestreut. bei Ahrenshöft: Sie sind übersät mit Kunst-
ne oder als Gärrest aus Biogasanlagen. In Bei Nachforschungen kam heraus: Die stoffschnipseln. Der Kreis habe alles ge-
einer Tonne Kompostdünger entdeckten Stadtwerke Schleswig hatten von der Fir- prüft, sagt der Sprecher, aber weil der
Laforschs Leute bis zu 440 000 Mikropar- ma Refood, dem Marktführer der Branche, Grenzwert von 0,5 Prozent Fremdstoffen
tikel Plastik, manchmal millimeterdick, organische Abfälle bezogen. Diese Pampe eingehalten worden sei, habe die Behörde
manchmal dünner als ein Haar. hatten die Stadtwerke im Faulturm ihres gegen die Umweltverschmutzung keine
Schuld daran ist auch eine Schmuddel- Klärwerks vergoren, Strom gewonnen und Handhabe. Die Felder, auf die die Gärreste
branche, die über die Details ihres lukra- dabei Plastikschnipsel aus den Abfällen in gebracht worden waren, gehören dem Be-
tiven Geschäfts nicht gern redet. Und Auf- die Schlei geleitet. Refood und die Stadt- treiber der Biogasanlage.
sichtsbehörden, die nicht sonderlich infor- werke streiten nun darum, wer das Plastik Vor gut drei Jahren landeten Plastikteile
miert darüber scheinen, wie die Entsorger hätte herausfiltern müssen und wer für die aus den Gärresten von Biogasanlagen so-
agieren. Der Grünenchef Robert Habeck, millionenteure Beseitigung des Umwelt- gar im Biosphärenreservat Schaalsee in
Umweltminister in Schleswig-Holstein, desasters aufkommt. Das Landeskriminal- Mecklenburg-Vorpommern.
sagte kürzlich, er habe gar nicht gewusst, amt Kiel ermittelt gegen beide wegen des Auch in Baden-Württemberg ist das Pro-
dass Lebensmittel mitsamt ihren Verpa- Verdachts der fahrlässigen Gewässerverun- blem bekannt. Im Landkreis Ravensburg
ckungen geschreddert werden, um daraus reinigung. kritisieren Mitglieder der Bürgerinitiative
Biogas zu machen. Dabei waren Habecks Bedrohlicher für die Entsorgerbranche »Erle« seit Jahren, dass Verpackungsreste
Behörden dafür zuständig, Firmen zu be- ist jedoch die Aufmerksamkeit, die der auf den Feldern zu finden seien. Sie haben
aufsichtigen, die genau das machen. Skandal geweckt hat. Vor einigen Tagen den regionalen Lebensmittelentsorger
In Deutschlands Supermärkten fallen hat zudem die EU-Kommission in BRV im Verdacht. Aber weil der Grenz-
jedes Jahr Hunderttausende Tonnen un- Deutschland viel Zustimmung geerntet, als wert von 0,5 Prozent eingehalten worden
verkäufliche Lebensmittel an, hauptsäch- sie ein Plastikverbot für Einwegprodukte sei, »können die Behörden nur zuschau-
lich Produkte, deren Haltbarkeitsdatum ins Spiel brachte. Grünenpolitiker Habeck en«, sagt Melanie Maier, Vorstand der Erle.
abgelaufen ist. Die Einzelhandelsketten will auf der Umweltministerkonferenz am Der Grenzwert gilt ohnehin nur für Plas-
betonen, dass sie viele dieser Lebensmittel 6. Juni in Bremen für das Verbot werben, tikstücke, die dicker sind als zwei Milli-
an Tafeln für Bedürftige geben. Dennoch verpackte Lebensmittel zu schreddern, in meter. Der Eigentümer der BRV sagt, seine
bleiben laut Fachverband Biogas pro Jahr Biogasanlagen zu nutzen und die Reste Anlage sei auf dem neuesten Stand der
rund zwei Millionen Tonnen Lebensmittel- auf Felder auszubringen. Das grün- Technik, der Plastikanteil in seinem Dün-
abfälle aus Handel und Gastronomie übrig. schwarz regierte Baden-Württemberg will ger liege unterhalb der Nachweisgrenze.
Täglich fahren deshalb die Lastwagen sich dieser Forderung anschließen. Allerdings kann neuesten Studien zu-
von Entsorgungsfirmen Discounter und Im SPD-geführten Bundesumweltminis- folge zu Nanopartikeln zerfallener Kunst-
Restaurants an, sammeln die Lebensmittel terium in Berlin halten sie ein solches Ver- stoff von Pflanzen über die Wurzeln
samt Verpackung ein und bringen sie zu bot für übereilt, man sieht die Schuld auch aufgenommen werden und sich von dort
Biogasanlagen. Mit diesem sogenannten bis in die Blätter verteilen. Plastikteilchen
organischen Abfall erzeugen die Anlagen auf Ackerflächen könnten so in Pflanzen
Strom – im Sinne der Umwelt, wenn man Video gelangen, aus denen Lebensmittel her-
Wie aus Müll
es denn vernünftig machen würde. Biogas wird gestellt werden, und damit auf unseren
Aber die Müllfirmen arbeiten anders, spiegel.de/sp232018muell
Tellern landen.
weil sie es dürfen: Die Joghurts, die vollen oder in der App DER SPIEGEL Abfallexperte Jean Doumet aus dem
Milchtüten, die Pizzen werden mitsamt Bundesumweltministerium argumentiert

42
CARSTEN REHDER / DPA

JULIAN RETTIG / DER SPIEGEL


JULIAN RETTIG / DER SPIEGEL

An der Schlei angeschwemmte Plastikteile,


Anlage Schradenbiogas bei
Stuttgart, verpackte Lebensmittelabfälle
Millimeterfein gesiebt

trotzdem gegen ein Verbot, Lebensmittel der Anlage werden die nassen Gärreste Entsorger Refood beschäftigt an 19
inklusive Verpackung zu schreddern. Er noch millimeterfein gesiebt. Standorten rund tausend Mitarbeiter und
schlägt vor, neue Kontrollen einzuführen. 99,999 Prozent der Kunststoffe könnten verarbeitet nach eigenen Angaben etwa
Christoph von Jan hätte nichts dagegen. so herausgefiltert werden, so Betreiber Jan. eine halbe Million Tonnen gewerblicher Le-
Der Agraringenieur betreibt in Geislingen Der Gütesiegelverein BGK hält das für bensmittelabfälle im Jahr. Die Firma gehört
bei Stuttgart eine Biogasanlage, die ver- realistisch. Die Methode ist allerdings auch zum Milliardenkonzern Rethmann, in des-
packte Lebensmittel verarbeitet. In seinem teuer. Eine solche Anlage lohne sich nur sen Besitz auch das Müllunternehmen Re-
Gärprodukt fand ein unabhängiges Labor dort, wo die Böden nährstoffarm seien und mondis ist.
in den vergangenen drei Monaten über- wenig Gülle aus Mastbetrieben vorhanden Refood benutzt in seinen Werken unter
haupt keine messbaren Plastikreste. sei, sagt Jan, dann nehmen die Landwirte anderem Hammermühlen zum Zerschred-
Während Refood seine Anlagen nicht den Dünger aus Gärresten kostenlos an. dern der Lebensmittel und Verpackungen.
zeigen wollte, führt Jan mit Besitzerstolz Anderswo müssen die Betreiber der Diese Geräte zertrümmern bei schnellen
durch die streng riechende Halle von Gasanlagen den Bauern Geld geben, da- Umdrehungen einfach alles in kleinste Tei-
Schradenbiogas. Eine Förderanlage füttert mit diese bereit sind, die Pampe auf ihre le. Einst haben solche Mühlen die Kadaver
drei Maschinen mit den Abfällen. Die erste Äcker zu kippen. Jan befürchtet, dass dem- von Rindern und Schweinen zerhackt, die
zerschneidet verpackten Käse oder Pud- nächst noch mehr Plastik in die Landschaft so zu Tierfutter verarbeitet wurden.
dingbecher exakt zweimal. Die zweite gelangt. Denn in den kommenden Jahren Wegen der Rinderseuche BSE wurde im
trennt die Hüllen ab: Rotierende Paddel läuft bei vielen der Biogasanlagen, die heu- Jahr 2000 dieses Futter verboten. Man
katapultieren das leichte Plastik nach te Mais verstromen, die staatliche För- kann dem Müllkonzern immerhin zugute-
oben, die feuchten organischen Bestand- derung aus. In diesen Altanlagen könnten halten, dass er die Technik wiederverwer-
teile werden durch ein Lochsieb nach au- dann vermehrt billige Lebensmittelabfälle tet hat. Annette Bruhns, Vivien Krüger
ßen gedrückt. Nach der Fermentation in vergoren werden.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 43


Deutschland

sowie um Finanzströme, mit denen Straf- Im BKA heißt es, diese Informationen
Jagd nach taten finanziert würden.
Wenn es gut läuft, glauben die deut-
seien erst vor zwei Wochen eingetroffen.
Schon jetzt hätten die Fahnder Datensätze
schen Kriminalisten, könnten die Daten zu mehr als 120 Staats- und Regierungs-
Schattengeld Ermittlern auf der ganzen Welt helfen,
eine Schattenwelt von Verbrechern in
chefs und weiteren Politikern aus 47 Län-
dern darin gefunden. Die Kanzlei Appleby
Schlips und Kragen auszuleuchten. Die vertritt Kunden wie Nike, Google und
Verbrechen Das BKA besitzt Polizisten nehmen an, dass sich Steuer- Facebook. Die Ermittler glauben, dass die-
Datenbestände der wohl wich- fahnder und Finanzermittler aus aller Welt ses Material besonders ergiebig sein kann,
tigsten Offshore Leaks der Welt. auf die Informationen stürzen werden. die Ermittlungen aber schwierig werden.
Allein die sogenannten Panama Papers Die Swiss Leaks mit Daten der HSBC-
Damit wollen die Deutschen mit Kundendaten der Kanzlei Mossack Fon- Bank in Genf umfassen laut BKA mehr als
global Finanzbetrüger verfolgen. seca in Panama umfassen rund 2,7 Terabyte. 2100 Konten deutscher Personen und Fir-
Anfang dieses Jahres erhielt das BKA eine men. Die Offshore Leaks enthalten Kun-
zweite, bislang unbekannte Lieferung, sie dendaten von Kanzleien auf den Briti-

B eim Bundeskriminalamt (BKA) in


Wiesbaden, genauer: in der Ab-
teilung für Schwere und Organisier-
te Kriminalität, herrscht Hochstimmung.
enthält Vorgänge bis ins Jahr 2017.
Mossack Fonseca half bei der Gründung
und Betreuung von mehr als 290 000
Briefkastenfirmen in 21 Steueroasen, wo-
schen Jungferninseln. Ermittlern in Groß-
britannien liegen diese Daten ebenso vor,
aber offenbar hatten die Stellen dort nicht
die Kapazität oder den Willen, die Infor-
Die sonst eher nüchternen Beamten erin- rüber die »Süddeutsche Zeitung« und das mationen technisch aufzubereiten.
nern ein bisschen an Kinder, die glauben, internationale Konsortium ICIJ zuerst be- Das will das Bundeskriminalamt jetzt
einen Schatz gefunden zu haben, und die richtet hatten. Infolge dieser Enthüllungen besser machen: Die Dokumente aus den
darauf brennen, ihn zu zeigen. trat der isländische Ministerpräsident Sig- Leaks sind Millionen unstrukturierte Ein-
Tatsächlich liegt auf den zeldateien – E-Mails, Brie-
Computern der deutschen fe, Urkunden, Faxe und ko-
Fahnder seit Kurzem ein gi- pierte Ausweisdokumente.
gantischer Datenbestand. 20 Ermittler sollen die Da-
Es sind Kundeninformatio- ten auswerten. Olet, der
nen internationaler Treu- Name der Sonderkommis-
händer, Kanzleien und sion, ist abgeleitet vom la-
Banken. Diese Kunden teinischen »pecunia non
nutzten Konten in Steuer- olet«, Geld stinkt nicht.
oasen und Konstrukte, die »Weil manches Geld eben
üblicherweise bei Geldwä- doch stinkt«, sagt Vogt.
sche, Steuerhinterziehung Eine Expertin für Da-

GREGOR SCHLAEGER / DER SPIEGEL


und Üblerem helfen. Teile tenanalyse und künstliche
dieser Informationen mach- Intelligenz hilft den Fahn-
ten in den vergangenen dern, das Datenkonvolut
Jahren Schlagzeilen als Pa- lesbar zu machen. Die
nama und Paradise Papers, IT-Spezialistin trainiert ein
als Swiss und Offshore selbst lernendes Programm,
Leaks. Unter Federfüh- das aus Tausenden Merk-
rung der »Süddeutschen Rechenzentrum im Bundeskriminalamt: »Illegale Strukturen aufdecken« malen wie Wörtern, Wort-
Zeitung« hatte ein Jour- kombinationen und Grup-
nalistenkonsortium große pen ähnlicher Wörter Da-
Datenmengen ausgewertet und Machen- mundur Davíð Gunnlaugsson zurück. Er teien filtern soll. Denn selbst wenn Hun-
schaften von Politikern, Wirtschaftsbossen war Miteigentümer einer Briefkastenfirma derte Polizisten ihr gesamtes Leben lang
und Prominenten aufgedeckt. Den Krimi- mit Anteilen an Banken. lesen würden, könnten sie sich nicht alle
nalisten in Wiesbaden geht es nun darum, In Panama laufen gegen die Kanzlei- Dokumente anschauen.
all jene zu verfolgen, die sich strafbar gründer Jürgen Mossack und Ramón Fon- Zur interessanten Frage, wie das BKA
gemacht haben. Und sie hoffen, dass die seca Ermittlungen wegen des Verdachts an die Daten gekommen ist, schweigt das
Daten ein Durchbruch sein werden, um il- auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Amt. Informanten bei vorangegangenen
legale Geldflüsse rund um den Globus zu Geldwäsche. Kürzlich teilte die Kanzlei Leaks waren oft Insider, die Zugang zu Ser-
verfolgen. mit, ihr operatives Geschäft einzustellen. vern und Computersystemen etwa von
»Das ist derzeit der heißeste Daten- Die Paradise Papers, ein weiteres Leak, Kanzleien oder Banken hatten und so die
bestand«, sagt Sabine Vogt, Chefin der zu- das im Herbst 2017 öffentlich wurde, be- Daten in großem Stil kopierten. Haben
ständigen Abteilung im Bundeskriminal- leuchten ähnlich zweifelhafte Geschäftsmo- also jene Informanten, die Journalisten Da-
amt. »Es gibt ein weltweites System von delle. Die Akteure waren diesmal die Kanz- tensätze zuspielten, nun das BKA belie-
Treuhändern, die Firmen helfen, Steuern lei Appleby auf der Isle of Man, zwischen fert? Oder waren es die Reporter der »Süd-
zu hinterziehen, und Verbrecher unterstüt- Irland und Großbritannien gelegen, sowie deutschen Zeitung« selbst, denen Teile der
zen, ihre illegalen Gewinne zu ver- die Treuhandfirma Asiaciti Trust aus Singa- Offshore-Daten ja vorliegen?
schleiern.« Mit den Daten habe das BKA pur. Pikant: Einige der größten multinatio- »Wir können die Hinweisgeber nicht
nun den Schlüssel dazu. Die Unterlagen nalen Konzerne und Milliardäre nutzen verprellen«, heißt es beim BKA dazu. Die
beträfen nicht nur Steuerhinterzieher, son- Applebys Dienste, um Steuern zu vermei- »Süddeutsche« sei es aber nicht.
dern auch globale Netzwerke für Geldwä- den und zu hinterziehen. Appleby ist eine Das Amt gibt sich selbstgewiss, fast alle
sche und Korruption. Es gehe um Gewinne der größten Offshore-Kanzleien der Welt. Dateien zu illegalen Geldflüssen und Steu-
aus Verbrechen und illegalen Geschäften Zu diesem Komplex liegen 1,7 Terabyte vor. erhinterziehung, die geleakt wurden, auf

44
seinen Rechnern zu haben. Abteilungslei-
terin Vogt versucht das mit dem Vertrauen
ins BKA zu erklären. »Wir können profes-
sionell mit den Daten umgehen.«
Sie sagt, es gehe ihr um das organisierte
Verbrechen. »Wir suchen nach Konstruk-
tionen, die dazu dienen, Geld aus Strafta-
ten zu verstecken oder Straftaten zu bege-
hen«, sagt Vogt. Schon nach den ersten
Panama Papers stieß das BKA auf das Off-
Jetzt im
shore-Vermögen eines Briten, das wohl
aus dem vorgetäuschten Handel mit Um-
Handel
weltzertifikaten stammt. Die Ermittler fan-
den Informationen über andere Briten, die
mit Nordkoreanern Konten unterhielten,
um Handelsembargos zu umgehen, und
sie erfuhren etwas über den brasiliani-
schen Bauunternehmer Marcelo Ode-
brecht, der mit seinem Geld Regierungen
in Südamerika gefügig machte.
Abteilungsleiterin Vogt hofft, ihre Trup-
pe noch verstärken zu können. Aufgrund
der Leaks sind in Deutschland bereits neun
Verfahren wegen Untreue, Korruption und
Geldwäsche eingeleitet worden. »Uns geht
es weniger um Einzelfälle, sondern darum,
illegale Strukturen aufzudecken«, so Abtei-
lungsleiterin Vogt.
Es gibt Hinweise auf einen Online-Waf-
fenhändler, auf Firmen, die illegale Sport-
wetten anbieten, und auf mutmaßliche
Steuerbetrüger mit sogenannten Cum-ex-
Deals. Dabei werden Aktienpakete ver-
kauft und kurz darauf zurückgekauft, um
sich die Kapitalertragsteuer mehrfach er-
statten zu lassen. Und das sind nur einige
Verdächtige aus Deutschland.
Vor allem aus den jüngeren Daten er-
hofft sich das BKA Erkenntnisse über
Finanzbetrüger aus den USA. Mit den www.spiegel-geschichte.de
USA und Brasilien liefen bereits Rechts-
hilfeersuchen, die dortigen Behörden seien
sehr interessiert. Mit dem Bundesjustiz-
ministerium und dem Auswärtigen Amt
sei geklärt, wie die Behörden international
zusammenarbeiten könnten. X Auch als App für iPad, Android
»In Europa können wir unsere Daten den sowie für PC/Mac. Hier testen:
Behörden relativ einfach zur Verfügung
stellen. Und genau das tun wir aktuell«, spiegel-geschichte.de/digital
sagt Vogt. Womöglich bereiten die Papiere
aber Behörden und Regierungen nicht nur
Freude. Das BKA stieß auf obskure Konten
von Staatsbürgern der Slowakei, wo im Fe-
bruar der Journalist Ján Kuciak und dessen
Lebensgefährtin erschossen wurden, und
von Malta, wo im Oktober 2017 die Jour-
nalistin Daphne Caruana Galizia mit einer
Autobombe getötet wurde. Beide Journa-
listen hatten über verdächtige Geldflüsse
Lesen Sie in diesem Heft:
in ihren Ländern recherchiert.
Falls es in diesen Ländern Ermittler und Geografie Das Weltbild der alten Griechen
Politiker geben sollte, die unwillig sind,
Hintergründe herauszufinden, können sie
sich zumindest nicht mehr herausreden, Ägypten Was wollte der Feldherr am Nil?
sie hätten diese Informationen nicht.
Andreas Ulrich Mythos Die Verklärung Alexanders
DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 45
Deutschland

Der Kulturballast
Denkmäler Erst wurde der Berliner Bau abgerissen, nun soll auch in Bitterfeld der geschichts-
trächtige DDR-Palast weichen. Ein Trupp von Gegnern will das verhindern.

O
hne Bitterfeld wäre Brigitte Rei- mann, der im Kulturpalast manchmal gegen den Abriss: »Der Kulturpalast steht
mann nie im Tagebau gelandet. selbst als Sänger auftrat, hatte schon zu mit Blick auf denkmalgeschützte Bausub-
Die aufstrebende Ostschriftstel- Zeiten der DDR an etlichen Industriepro- stanz aus der Zeit der DDR – nach der fast
lerin quälte sich 1960 ins DDR- jekten mitbauen dürfen und kaufte der vollständigen Zerstörung des Kulturhauses
Kombinat »Schwarze Pumpe«, um hier Treuhand nach der Wende mehr als ein in Schkopau – mittlerweile einzigartig da
dem Leben der Werktätigen näherzukom- Dutzend Firmen ab. und besitzt eine außergewöhnliche städte-
men. Reimann stand im Auftrag der Partei Preiss-Daimler übernahm den Palast bauliche und landschaftliche Prägekraft.«
einem »Zirkel schreibender Arbeiter« vor. und den angrenzenden Chemiepark gleich Derartige Bauzeugnisse aus der An-
In ihrem Tagebuch aus jener Zeit fällt sie dazu. Doch dann erkrankte der Mäzen an fangszeit der DDR sind im Osten nicht
ein vernichtendes Urteil zur Proletarier- Krebs und verkaufte 2013 sein Bitterfelder weit verbreitet. Unter Denkmalschutz ste-
lyrik: »Schlechte Prosa, in kurze Zeilen Investment. Der neue Eigentümer, die Gel- hen etwa die Karl-Marx-Allee in Berlin
zerhackt, Rhythmikerei ohne Rhythmus, senwasser AG, betreibt die Chemie wei- und Teile des Dresdner Altmarkts – beide
und das alles gibt sich anspruchsvoll.« ter – doch der Palast ist für sie zum Ballast fast zeitgleich mit dem Bitterfelder Palast
Reimanns Leiden nahmen im Kulturpa- geworden. Seit drei Jahren ist das Haus im sozialistischen Klassizismus errichtet.
last des Elektrochemischen Kombinats Bit- geschlossen, jetzt hat Gelsenwasser den 2000 Unterstützer haben bislang gegen
terfeld ihren Lauf. Im April 1959 tagte hier Abriss beantragt. die Demolierung des Palastes unterschrie-
die erste kulturpolitische Konferenz der Dabei gilt der Bau, der 1993 unter ben. Initiiert hat den Protest der Bitter-
DDR – es ging um nichts Geringeres als Schutz gestellt wurde, »als eine der spek- felder Arbeitslosenhilfeverein. Reinhard
um eine sozialistische Kulturrevolution. takulärsten Bauleistungen im Denkmalbe- Waag, einer der Aktivisten, war bis 2003
Mit der Losung »Greif zur Feder, Kumpel« stand des Bundeslandes Sachsen-Anhalt«. sogar Chef des Palastes. Das Gebäude galt
sollten Künstler und Arbeiterklasse ver- Im Denkmalverzeichnis steht, der Palast für die Bürger als zentraler Anlaufpunkt:
schmelzen, linientreue Laien künftig den sei »größtes, eindrucksvollstes und am Es gab zwei Säle für Theater, Betriebs-
Ruhm der Arbeiter-und-Bauern-Macht besten erhaltenes Dokument neoklassizis- veranstaltungen, Jugendweihen, Kinder-
künstlerisch mehren. Als »Bitterfelder tischer Monumentalarchitektur aus der weihnachten. Der Schlagersänger Udo Jür-
Weg« ging das Ansinnen der SED-Spitze DDR-Zeit überhaupt«. Und sei zudem von gens aus dem Westen trat auf und das ört-
in die Geschichte ein. Bedeutung »als Stätte nachstalinistischer liche Mandolinenorchester. Und natürlich
Geblieben ist von der Idee nicht viel. Die Kulturpolitik in der DDR«. gab es auch hier, am Ausgangspunkt des
Künstler mochten nicht in der Produktion Im Inneren gibt es Holzvertäfelungen Bitterfelder Wegs, einen Zirkel schreiben-
versauern, die Kumpel brachten es in ihren und Marmorverkleidungen aus der Erbau- der Arbeiter. »Das Haus hat gelebt«,
Zirkeln nicht zu bedeutenden Literaturprei- ungszeit, eine monumentale Büste von Wil- schwärmt Waag. Bis zu 3500 »Volkskunst-
sen. Und jetzt, fast 60 Jahre nach der ers- helm Pieck, dem ersten und einzigen Prä- schaffende« hätten den Palast genutzt, die
ten Konferenz, geht es dem Kulturpalast sidenten der DDR, selbst originales Mobi- Geschossfläche misst 5500 Quadratmeter.
ans Fundament: Der denkmalgeschützte liar ist noch vorhanden. Das Landesamt Bis zur Wende finanzierte das alles
neoklassizistische Bau soll abgerissen wer- für Denkmalpflege argumentiert vehement der VEB Chemiekombinat Bitterfeld, ein
den. Ein buntes Bündnis versucht, dem Ge- Gigant mit 30 000 Mitarbeitern, der die
mäuer im letzten Moment das Schicksal Region zu einer der dreckigsten und gif-
des Berliner Palasts der Republik zu erspa- tigsten Europas machte.
ren, der 2006 bis 2008 dem Erdboden Gelsenwasser betreibt heute den Che-
gleichgemacht wurde. miepark. Mehr als 300 Firmen sind hier
Der »Kulturpalast Wilhelm Pieck« war angesiedelt, nach Kultur scheint den we-
noch halbwegs sicher durch die Wirren der nigsten der Sinn zu stehen. Seit Waag und
Einheit gekommen. Rund um das Haus seine Aktivisten gegen den Abriss Sturm
auf dem Gelände des ehemaligen Chemie- laufen, schweigt Gelsenwasser lieber.
kombinats Bitterfeld verschwanden maro- Zuvor hatte die Geschäftsführung in der
de Gebäude, kilometerlange Rohrleitun- Lokalpresse verkündet, der Palast sei
gen und Schornsteine, die in allen Farben »wirtschaftlich nicht betreibbar«. 200 000
gequalmt hatten. Allein der Palast blieb Euro verschlinge das ungenutzte Haus
stehen und liegt heute wie ein gestrandetes jährlich, Personalkosten nicht mitgerech-
Raumschiff auf einer grünen Wiese am net. Weil auch das Grundwasser in Bitter-
Rande der Stadt. feld seit der Flutung der alten Tagebaue
1991 war er mal kurz geschlossen, dann steige, müsse das Wasser unter dem Palast
BUNDESARCHIV

kaufte die Stadt den Bau. Ein Förderverein zusätzlich für 300 000 Euro im Jahr abge-
übernahm den Betrieb, später rettete der pumpt werden. Betriebswirtschaftlicher
Westunternehmer Heinz-Jürgen Preiss- Irrsinn also – zumindest unter kapitalisti-
Daimler das Haus. Der erfolgreiche Kauf- schen Bedingungen. Tatsächlich muss
Bitterfelder Konferenz 1959* unterhalb Bitterfelds Grundwasser abge-
* Am Rednerpult der Schriftsteller Erwin Strittmatter. »Ein bitterer Feldweg« pumpt werden, damit Teile der Stadt nicht

46
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL
Denkmalgeschützter Kulturpalast: Eine der spektakulärsten Bauleistungen Ostdeutschlands

absaufen. Die Kosten dafür übernimmt sei zu viel Konkurrenz in der Nähe. Im Im Bitterfelder Stadtrat hält sich die Eu-
freilich das Land Sachsen-Anhalt. eingemeindeten Wolfen betreibt die Stadt phorie in Grenzen. Schindler hofft auf eine
Die Bitterfelder Arbeitslosen, denen be- noch ein großes Kulturhaus. Deshalb solle Anschubfinanzierung von Gelsenwasser,
reits die Fabrik, die Jobs, das Kino und das der Palast künftig ein »Ort der Kunstpro- damit die Betriebskosten wenigstens für
Theater abhandengekommen sind, wollen duktion und nicht nur ihrer Konsumtion« das erste Jahr gedeckt sind. Im Gegenzug
sich ihren Palast nicht auch noch nehmen sein. Künstler könnten gegen geringe Mie- würde das Unternehmen die Abrisskosten
lassen. Nach Waags Erkenntnissen haben te Ateliers und Proberäume mieten. In den sparen. Zumindest dann, wenn die Ret-
5000 Frauen, Männer und Jugendliche frei- benachbarten Städten Leipzig und Halle tung gelingt.
willige Aufbaustunden geleistet, um den würden schließlich immer mehr Berliner Die Freitreppe des Palasts ist inzwi-
50 Meter hohen Koloss zwischen 1952 und Künstler auf der Suche nach günstigen schen mit Unkraut bewachsen, die Park-
1954 auf das Werksgelände zu stellen. Räumen anlanden. plätze sind verwaist. Der Platz wirkt, als
Inzwischen haben die Widerständler in Eine internationale Kulturszene in Bit- hätte jemand die Zeit angehalten. In der
Matthias Schindler einen Mitstreiter gefun- terfeld? Einer Stadt, in der 31,9 Prozent Nähe steht nur das Haus des Bitterfelder
den. Er ist Vorstand der örtlichen Wohn- der Menschen bei der vergangenen Land- Berufsschulzentrums August von Parseval,
stättengenossenschaft und in linken Krei- tagswahl die AfD gewählt haben und die ein riesiger Bau aus dem Jahr 2000. Auch
sen als Geschäftsführer des klassenkämp- im kollektiven Gedächtnis als »dreckigste der steht größtenteils leer, weil sich im Ge-
ferischen Fachblatts »Neues Deutschland« Stadt Europas« verankert ist? bäude krebserregende Stoffe fanden.
bekannt. Er hat dem Bitterfelder Stadtrat Schindler schreibt ebenso schön wie 1959, als im Kulturpalast der Bitterfelder
ein neunseitiges Konzept mit »Überlegun- entwaffnend, in Bitterfeld »existiert ob- Weg ausgerufen wurde, lauschte der DDR-
gen zur Weiternutzung des Kulturpalastes jektiv kein Umfeld für die Ansiedlung Dichter Kurt Barthel im Saal den neuen
Bitterfeld« übergeben. eines solchen kulturellen Projekts«. Er Ideen. Der Mann, den sie alle nur unter
Schindler rechnet darin vor, dass der Pa- und die Aktivisten glauben trotzdem, der seinem Pseudonym KuBa kannten, hatte
last 45 Prozent mehr Sitze habe als das realsozialistische Hintergrund der Immo- schon damals eine dunkle Vorahnung:
Hallenser Opernhaus in der Nachbarschaft bilie sowie die Lage im Schnittpunkt »Das wird ein bitterer Feldweg werden.«
und der gesamte Bau genauso viele wie zwischen Berlin, Leipzig und Halle böten Steffen Winter
das Anhaltische Theater in Dessau. Das eine Chance.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 47


Gesellschaft
Das Männliche wird assoziiert mit: Egoismus, Gier, Machthunger, Gewalt, Krieg, Sexismus. ‣ S. 50

QUELLE: GOOGLE
»Er weinte« machte im Jahr 2008
Früher war alles schlechter einen Anteil von 0,000 008 Prozent
an allen Wortpaaren der gesamten
Nº 127: Weinende Männer 1947:
0,000 009 Prozent
von Google digitalisierten deutsch-
sprachigen Literatur aus.

1917:
0,000 007 Prozent

1900:
0,000 003 Prozent
1920 1940 1960 1980 2000

Heul doch, Mann! Niemand hat dem Fußballtorwart Loris Karius der vermissten Geliebten oder gefallenen Kameraden hinterher,
(FC Liverpool) seine Tränen übel genommen, nachdem er ver- das Alte Testament ist voller männlicher Tränen, und auch im
gangene Woche im Champions-League-Finale dem Gegner (Real altenglischen »Beowulf«-Heldenepos heult der König. Das Ideal
Madrid) auf geradezu altruistische Weise den Sieg schenkte, mit des emotionslosen Mannes hat zweifellos erheblichen Schaden
zwei sehenswerten Fehlern (siehe Seite 88). Männer dürfen heu- angerichtet, aber seine Zeit läuft ab. Lässt sich dieser Fortschritt
te weinen. Nicht nur im Sport, auch im Kino und in der Politik, irgendwie messen? Schwierig. Die Bundesliga, die jeden Pass
aber im Sport ist es besonders, nun ja, augenscheinlich. Histo- und jeden Rempler zählt, führt leider nicht Buch über die An-
risch betrachtet blieb in dieser maskulinen Domäne lange »für zahl vergossener Tränen (bitte einführen!). Hinweise geben kann
Tränen kein Raum«, wie der Sportsoziologe Bero Rigauer schreibt: der Google Ngram Viewer: Die Kurve oben zeigt die unter-
»Gefragt waren vielmehr sogenannte männliche Tugenden wie schiedliche Häufigkeit der Phrase »Er weinte« in der gesamten
Siegeswille, Disziplin, Härte, begrenztes Mitgefühl, Abwesen- von Google digitalisierten deutschsprachigen Literatur seit 1900,
heit von Empfindungen.« Blickt man noch weiter zurück und also in Hunderttausenden Büchern. So auffällig wie nachvoll-
über das Fußballfeld hinaus, so war das Dogma des »Männer wei- ziehbar ist der heftige Tränenausbruch im und nach dem Zweiten
nen nicht« vielleicht nur ein kurzer Irrweg der Kulturgeschichte: Weltkrieg. Dann, ab Mitte der Siebziger bis heute, schwillt das
Homers Odysseus schluchzte auf seinen Fahrten hemmungslos Heulen der Männer unaufhaltsam an. guido.mingels@spiegel.de

Genuss ausgeholfen, da habe ich gesehen, wie SPIEGEL: Das heißt, der Cocktail schmeckt

Wie trinken wir


viel Trester, also Fasern, bei der Produk- dann nach Apfel?
tion von Apfelsaft anfällt. Als während Neumann: In purem Wasser spürt man
jetzt unseren Cocktail, meines Studiums ein Ideenwettbewerb
zu nachhaltigen Lebensmitteln ausge-
schon eine leichte Aromatisierung.
SPIEGEL: Wie finden Sie Halme aus Glas?
Herr Neumann? rufen wurde, dachte ich mir, dass man Neumann: Für den Privatgebrauch sind
den Trester vielleicht in Trinkhalme ver- die super, einfach auswaschen und wieder
Konstantin Neumann, 21, wandeln könnte. benutzen. In der Gastronomie funktio-
ist Erfinder eines Strohhalms SPIEGEL: Wie machen Sie das? niert das aber nicht, zu umständlich.
aus Apfelfasern. Neumann: Wir lassen den Trester trock- SPIEGEL: Warum trinken Erwachsene
nen, mahlen ihn, dann stabilisieren wir überhaupt aus Röhrchen?
SPIEGEL: Herr Neumann, das EU- ihn mit Geliermitteln, wie man das zu Neumann: Frauen wollen verhindern, dass
Verbot von Plastikstrohhalmen dürfte Hause mit Marmelade macht, schließlich ihr Lippenstift am Glas hängen bleibt.
die Nachricht Ihres Lebens sein. extrudieren wir ihn. Extruder sind Maschi- Außerdem fragen sich manche Barbesucher
Neumann: Sie kommt mir nicht nen, die auch zur Nudelherstellung wohl, wie gut die Gläser gespült werden.
ungelegen, da haben Sie recht. benutzt werden. Das geht ganz gut. SPIEGEL: Wenn man etwas für die
SPIEGEL: Sie produzieren SPIEGEL: Löst sich so ein Apfel- Umwelt tun will, kann man den Stroh-
Strohhalme aus Äpfeln. Wie halm nicht im Getränk auf? halm doch am besten weglassen, oder?
sind Sie darauf gekommen? Neumann: Na ja, in Alkohol Neumann: Ich will zwar mit unseren
WISEFOOD

Neumann: Ich habe vor ein hält er etwa 45 Minuten, in Saft Halmen Geld verdienen, aber das sehe
paar Jahren in einer Mosterei rund 20 Minuten. ich auch so. UBU

48
Ein Foto und seine Geschichte Aus den »Bekenntnissen eines Arztes«: »Ein Finanzbeam-
ter mit einem entzündeten Ischiasnerv. Durch den Schmerz
rasend geworden, brüllt er den Professor an: ›Ihr seid alle

Der letzte Tag Schurken, ihr Scharlatane! Bringt mich doch endlich um, um
des Schöpfers willen, mehr will ich nicht mehr von euch!‹
An einem lauen Sommerabend hatte er sich schön ins tau-
feuchte Gras gesetzt.«
Warum eine 91-jährige Chirurgin ihre Stelle von Ljowuschkina arbeitete als Rettungsärztin, stieg in den
einem Tag auf den anderen kündigte einmotorigen Doppeldecker Antonow An-2 und flog zu Ein-
sätzen in die Pampa. Unvergesslich: der Bauer, der sich in
der Scheune mit einem Schuss aus dem Gewehr das Leben

K urz vor ihrem 91. Geburtstag operiert Alla Ljowusch-


kina einen Bauarbeiter mit Hämorrhoiden. Es ist ihre
erste OP an diesem Tag im Krankenhaus Nummer 11
in Rjasan, ein paar Hundert Kilometer südöstlich von Mos-
hatte nehmen wollen. Sie flickte ihm den Brustkorb zusam-
men. In der Scheune.
Bei einem Vortrag – da wollte sich Ljowuschkina noch auf
die Schilddrüse spezialisieren – versprach sie sich auf eine
kau. Ljowuschkina zieht ihre sterilen Handschuhe an, ihren prophetische Art. Statt »Der Kranke hat einen großen Kropf«
Mundschutz, stellt sich wie gewohnt auf ihren Tritt. Sie ist sagte sie: »Der Kranke hat einen großen Arsch.« Im Russi-
nur 1,52 Meter groß und braucht diesen Tritt, um an ihre Pa- schen klingen die beiden Wörter sehr ähnlich. Ljowuschkina
tienten heranzukommen. Sie nennt ihn »meine Kutsche«. wurde Proktologin. Sie ließ sich dazu ausbilden, weil sie sah,
Der Morgen beginnt, wie eigentlich jeder Morgen bei ihr dass sich in Rjasan sonst keiner um entzündete Därme und
beginnt, seit 67 Jahren. Ljowuschkina ist Proktologin und Hämorrhoiden kümmerte.
blickt in ein menschliches Gesäß. Und nun das, mit 91. Diese Krankenschwester. Könnte
Sie operiert gern nach dem Milligan-Morgan-Verfahren, be- ihre Enkelin sein. Macht alles nach Vorschrift. Hat kein Herz
nannt nach zwei britischen Ärzten, die es in den 1930er-Jahren für Patienten. Und ausgerechnet die sagt zu ihr: Beeilen Sie
entwickelten. Sie zieht mit Klemmen sich doch mal, Dr. Ljowuschkina,
die drei hämorrhoidalen Knoten wir müssen hier schließlich voran-
nach außen, trennt das überschüssige kommen. Passen Sie sonst vielleicht
Gewebe ab, lässt Hautbrücken zwi- lieber zu Hause auf Ihre Katzen auf!
schen den Wunden. Sie näht die Dr. Alla Ljowuschkina dreht sich
Wunden nicht, denn nach Milligan- zu dieser Krankenschwester und
Morgan verheilen die Wunden offen. sieht sie an. Sie sieht sie nur an. Mit
So ein netter Kerl, denkt Ljowusch- ihrem ruhigen, forschenden OP-
kina, der muss unbedingt wieder auf Blick. Dann geht die Chirurgin hi-
die Baustelle. Dem Bauarbeiter soll naus. Langsam. Ihre Hände sind
definitiv nichts nachwachsen. Nach stark, ihr Kopf ist klar. Aber ihre
Milligan-Morgan wächst einem Beine: Sie sind in der Tat langsam
nichts nach. Die Patienten kommen geworden mit den Jahren.
zwar nicht ganz so schnell wieder Am Abend zu Hause, allein mit
auf die Beine, aber es ist eine be- ihren sechs Katzen (es waren auch
währte Methode. mal zwölf), beschließt Alla Ljowusch-
ITAR-TASS / IMAGO

Ljowuschkina bedankt sich inner- kina zu kündigen. Das Tempo im


lich bei Gott (seit dem Zerfall der Krankenhaus Nummer 11 ist nicht
Sowjetunion ist sie, wie viele in ihrer mehr das ihre. Sie fühlt sich plötzlich
Generation, ein frommer Mensch). einsam. Das Bett, in dem bis vor
Sie steigt von ihrer Kutsche. Atmet Ljowuschkina Kurzem ihr Neffe schlief, ist leer. Ihr
tief, die Hand auf dem OP-Tisch. Neffe war querschnittsgelähmt. Er
Denkt an die beiden Eingriffe, die ihr noch bevorstehen. Und ist nun tot. Ihr Bruder, ein Dichter, ist auch tot. Die Chirurgin
dann passiert es. hat nie geheiratet. Ein Leben im OP. Vorbei.
Es wird kein schöner Tag für Dr. Ljowuschkina. Sie ist An ihrem letzten Tag im Krankenhaus Nummer 11 wird
die älteste praktizierende Chirurgin Russlands und vermut- Alla Ljowuschkina mit Blumen verabschiedet. Sie betritt das
lich der Welt. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr so etwas Krankenhaus und wird sofort in einen Rollstuhl gesetzt. Hier,
noch passieren würde. Nach mehr als 10 000 Operationen. die Blumen. Sie wird durchs Krankenhaus geschoben, Händ-
Nachdem Dmitrij Medwedew, so hieß mal zwischendurch chen, Küsschen, noch mehr Blumen. Ein Mann im Anzug
ein russischer Präsident, sie für ihre Treue zum Beruf aus- hält eine Rede. Es muss ganz schnell gehen. Danke für alles,
gezeichnet hat. Die Frau, deren Gesicht – eine unergründliche wirklich alles, Taxi nach Hause.
Faltenlandschaft mit der schweren Brille darin – um die Welt Die Wohnung, die Katzen. Sie schläft eine Runde. Wacht auf.
gegangen ist. Ein Gesicht, das lachen kann, als wäre unser Und fühlt sich erlöst. Sie setzt sich unter ihre Ikonen in der
aller Leben ein Fest. Hätte Marilyn Monroe mit 91 so lachen Küche, entsperrt ihr Handy und ruft einen Freund an, der eine
können? Privatklinik in Rjasan leitet. Der Freund fragt: Wie wäre es mit
Alla Ljowuschkina kam ein Jahr nach Marilyn Monroe einer halben Stelle? Oder vielleicht nur zwei Tage die Woche?
auf die Welt, und ihre Jugend im Krieg bestand aus Hunger Sprechstunde, kleinere Eingriffe? Ljowuschkina sagt zu. Sie
und aus Büchern. Je größer der Hunger, desto gieriger las sie wird sich Zeit für ihre Patienten nehmen können, so viel sie will.
Bücher. Sie las unter anderem »Bekenntnisse eines Arztes« Ärzte müssen sich in Russland regelmäßig einem Eignungs-
von Wikentij Weressajew, einem Militärarzt. Es ist ein starkes test unterziehen. Alla Ljowuschkina hatte ihren letzten Test
Buch. Ljowuschkina wollte eigentlich Geologin werden, aber im Jahr 2016. Sie hat ihn bestanden, ihre Lizenz gilt bis 2022.
nach diesem Buch beschloss sie, Ärztin zu werden. Erst einmal. Timofey Neshitov

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 49


Gesellschaft

Wann ist ein Mann ein Mann?


Geschlechterrollen Die #MeToo-Debatte ist geprägt durch das Bild vom allseits mächtigen,
sexistischen, aggressiven Mann. Aber wie wahrhaftig ist dieses Bild? Und wie soll er sein, der
moderne Mann? Eine Erkundung unter Männerbewegten. Von Jochen-Martin Gutsch

D
er ideale Mann? Das ist der »Her- Das klingt gut. Aber was ist das heute über- Dabei muss man an dieser Stelle noch
zenskrieger«, sagt Bjørn Leim- haupt: Männlichkeit? Welche Attribute fal- mal deutlich sagen: #MeToo ist ein Fort-
bach. Der Herzenskrieger lebt len einem da ein? schritt. Eine Befreiung. Männer wie Har-
stark, frei und unabhängig sein Gar nicht so einfach. Kraft? Fürsorglich- vey Weinstein, dem Vergewaltigung und
Männerleben. Er hat eine Verbindung mit keit? Haltung? Mut? Unabhängigkeit? sexuelle Belästigung zur Last gelegt wer-
der eigenen »Kriegerenergie und seiner Aber sind das überhaupt männliche Eigen- den, der vergangene Woche verhaftet wur-
Herzenskraft, um für seine Visionen zu schaften? Oder nur alte Männerklischees? de, in Handschellen abgeführt von einer
kämpfen«. Ist gleichzeitig aber auch kom- Da zu viele Fragen und Zweifel für die Frau, Sergeant Keri Thompson vom New
munikativ und einfühlsam. Ein Misch- Identitätsfindung eher hinderlich sind, York Police Department, werden es in Zu-
wesen also, in dem sich das Beste vom lehrt Leimbach ein Männerbild, das klar kunft hoffentlich schwerer haben.
Mann von gestern mit dem Guten von heu- umrissen und vor allem positiv ist. Und Mit Weinstein, dem Filmproduzenten
te vereint. nicht ganz billig. Wer »Herzenskrieger« aus Hollywood, fing vor einigen Monaten
Leider, und da beginnt nun das Problem werden will, muss knapp 3000 Euro be- alles an. Seitdem wird aber nicht mehr nur
für Leimbach, werde dieses Männerbild zahlen. Dann sitzt man unter anderem im über sexuelle Übergriffe und männlichen
kaum noch gelebt. »Der Mann ist zu weich Wald, ohne Handy und ohne Frauen, ver- Machtmissbrauch diskutiert. Sondern
geworden«, sagt Leimbach. bringt die Tage mit Körperarbeit, Männer- auch über das Mannsein an sich.
Viel Herz. Wenig Krieger. ritualen, Gesprächsrunden, Trancen, Me- Es ist noch nicht lange her, da galt Männ-
»Ich sehe es schon daran, wie die Leute ditation, Tanz und entdeckt dabei sein lichkeit ganz selbstverständlich als positiv.
hier zur Tür reinkommen. Oft kommen ja »maskulines Potenzial«. Und man denkt: Natürlich nicht in all ihren Ausprägungen,
Mann und Frau gemeinsam, weil sie ein Tanz, Meditation, Gesprächsrunden? Das aber Männlichkeit war grundsätzlich erst
Paarproblem haben. Die Frau geht voran, klingt doch total feminin. mal eine Tugend. Heute ist Männlichkeit
selbstbewusst, stolz. Und der Mann? Trot- In seinen Kursen, sagt Leimbach, gebe eher ein Krankheitsbild. Von »toxischer
tet hinterher, Blick nach unten, Hänge- es immer auch den Ausbildungspunkt: Männlichkeit« ist jetzt oft die Rede, von
schultern.« Frauen auf der Straße ansprechen. Flirten. »hegemonialer Männlichkeit«, das Männ-
Bjørn Leimbach hat ein Büro in Düssel- »Ein Riesenproblem. Wenn Männer liche umweht der Vorwurf des Reaktionä-
dorf. Er ist Psychologe, Therapeut sowie heute Frauen ansprechen, sind sie alkoho- ren und wird im gesellschaftlichen Diskurs
nach eigenen Angaben »Deutschlands lisiert, treten in Gruppen auf. Oder sind fast ausschließlich negativ assoziiert mit:
Männercoach Nr. 1«. Und man denkt: Das Migranten. Alle anderen haben die Hosen Egoismus, Gier, Machthunger, Gewalt,
ist ein seltsames und sicher auch seltenes voll. Oder denken: Nein heißt Nein.« Krieg, Sexismus oder dem »alten weißen
Berufsbild – der Männercoach. Wer Aber Moment mal: Nein heißt doch Mann« – der großen Hassfigur der Gegen-
braucht das? Nein! wart.
Aber dann schaut man ins Internet und »Quatsch«, sagt Leimbach. Natürlich Die Abwertung des Männlichen geht da-
stößt auf eine Fülle von Angeboten für dürfe man nicht zum Belästiger werden. bei einher mit der Aufwertung des Weib-
Männer, die Probleme mit ihrem Mann- »Aber Verführung bedeutet auch, dass lichen. Frauen gelten heute als das gute
sein haben. Männerseminare. Männer- man Grenzen missachtet. Ins Risiko geht. Geschlecht. Vernünftig, friedlich, men-
reisen. Schwitzhütten. Maskuline Wallfahr- Und die meisten Frauen wollen nicht selbst schenfreundlich, kommunikativ, sozial, in-
ten. »Initiationswochen ins Mannsein«. verführen, sondern verführt werden.« teger. Das ist natürlich genauso klischee-
Vater-Sohn-Tage. Die männliche Verunsi- Verführen tue der Mann aber immer sel- haft, aber eben der Zeitgeist.
cherung ist längst ein Geschäftsmodell. tener. Aus Angst. Und wegen des »Gender- Man konnte das gut beobachten, als es
Leimbach ist sehr groß, spricht laut und Mainstreaming«, sagt Leimbach. »Der vor ein paar Wochen große Aufregung
trägt Glatze. Manchmal, zur Bekräftigung Mann verweiblicht. Die Frau vermännlicht. gab um ein Foto, das die neue Führungs-
seiner Thesen, schlägt er mit der Hand auf Ich lehre hier das komplette Gegenteil.« riege des Innenministeriums zeigte. Horst
den Tisch. Er wirkt ein bisschen wie ein Leimbach sagt auch: »Im Schlafzimmer Seehofer, umgeben von lauter Männern
Drill-Sergeant. Aber einer, der es ja nur gibt es keine Gleichberechtigung.« in dunklem Anzug. Und keine einzige
gut meint. »Männliche Aggression ist heu- Vor einem halben Jahr hätte man über Frau.
te total verpönt«, sagt Leimbach. »Erst Drill-Sergeant Bjørn Leimbach vermutlich Sofort folgte ein Shitstorm, das Foto galt
recht seit #MeToo. Aber positive Aggres- gedacht: bisschen schräger Ansatz, den er als Beweis für große Rückständigkeit (was
sion ist total wichtig für einen Mann. Also: da hat. Aber vielleicht ist ja was dran. Heu- es ja vielleicht auch tatsächlich ist). Aber:
Entscheidungen treffen, Konflikte offen te, in Zeiten von #MeToo, sitzt man hier, Wäre es andersherum gewesen – nur Frau-
ansprechen, Haltung zeigen. Die Männer zuckt bei jedem zweiten Satz zusammen en und kein einziger Mann –, hätte es ga-
sind heute übertrieben gefühlig und furcht- und spürt, wie sofort das politisch korrekte rantiert als Beweis für große Fortschritt-
bar ängstlich im Umgang mit Frauen.« Alarmsystem anspringt. Denn nicht nur lichkeit gegolten. Die wichtigste Frage hat
Die Männerseminare Leimbachs stehen das Bild von Männlichkeit hat sich verän- dabei niemanden interessiert: Sind das
unter dem Motto: »Männlichkeit. Leben.«. dert. Auch seine Bewertung. überhaupt gute, fähige Leute, die da in

50 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Coach Leimbach

»Die Männer sind heute übertrieben gefühlig und


furchtbar ängstlich im Umgang mit Frauen.«

51
Gesellschaft

der Regierung arbeiten? Egal ob Mann er nicht wusste, was er tun sollte. Als ge- Kommt es zu häuslicher Gewalt, ist die
oder Frau. schlagene Frau findet man Zuflucht im Verzweiflung noch größer. Aber auch
Auf SPIEGEL DAILY erschien kürzlich Frauenhaus. Aber als geschlagener Mann? das Schamgefühl. Männer suchen sich in
ein Artikel mit der Überschrift: »Neue fe- Anfangs war das Projekt Männer- solchen Fällen oft erst nach Jahren Hil-
ministische Außenpolitik. Wäre die Welt wohnhilfe natürlich auch ein Experiment. fe. Wenn überhaupt. »Der geschlagene
friedlicher, wenn mehr Frauen die Außen- Kommt da überhaupt jemand? Gibt es Mann – das ist noch immer ein absolutes
politik prägten? Ja!« Natürlich fällt einem Bedarf? Tabu«, sagt Frank Albrecht. »In unserer
sofort Condoleezza Rice ein, Nationale Si- »Wir waren dann vom Start weg ausge- Gesellschaft gilt er nicht als Opfer. Son-
cherheitsberaterin und Außenministerin bucht«, sagt Rosenthal. dern als Verlierer.«
unter George W. Bush, die sehr gern in die Den typischen Gast beschreibt Frank Al- Als Witzfigur.
Kriege in Afghanistan und den Irak zog. brecht so: 42 Jahre alt, Akademiker, zwei Ein Mann kann in der Wohnung für drei
Ganz so einfach ist es also nicht. Trotz- bis drei Kinder. Die Karriere, die Bezie- Monate bleiben. Dafür zahlt er 45 Euro
dem scheint heute zu gelten: hung, die Kinder – das Hamsterrad dreht pro Woche. Das deckt die Kosten, die dem
Macht in den Händen von Män- Verein entstehen. Sie arbeiten alle
nern ist schlecht. ehrenamtlich, von der Stadt hat es
Macht in den Händen von Frau- nie eine Förderung für die Männer-
en ist gut. wohnhilfe gegeben. Keinen einzi-
gen Cent.
Wolfgang Rosenthal kann die Natürlich haben sie es versucht,
aktuelle Gut-böse-Sicht auf die sagt Wolfgang Rosenthal. All die
Geschlechter nur schwer ertragen, Jahre. Aber am Ende scheiterten
sagt er. Dieses schlichte Schwarz- sie immer wieder an einem Män-
Weiß-Bild. Dafür kennt er den nerbild, das wie in Stein gemeißelt
Graubereich zu gut. scheint. In diesem Männerbild ist
In Oldenburg, etwas am Stadt- der Mann allenfalls ein Täter. Aber
rand, steht ein Reihenhaus. An der kein Opfer. Er ist auch nie schwach.
Klingel steht oft kein Name, son- Oder machtlos. Oder diskriminiert.
dern nur »Männersache«. Man Oder einfach nur: hilfsbedürftig. Es
geht ein paar Treppen hoch in den ist im Prinzip das gleiche eindimen-
zweiten Stock und betritt eine sionale Männerbild, das auch die
Wohnung. 75 Quadratmeter, zwei #MeToo-Debatte prägt. Das glei-
Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, che Männerbild, welches seit Ewig-
schlichte Einrichtung. Alles ist sehr keiten in gesellschaftlichen Institu-
ordentlich. Das sei eine der Grund- tionen, in deutschen Ämtern, Ge-
regeln, sagt Wolfgang Rosenthal. richten, in der Kindererziehung, in
Wer hier wohnen will, muss die Filmen oder in der Politik präsent
Bude sauber halten. Der darf keine ist. »Von der Politik kommt bis heu-
Drogen nehmen, muss den Alltag te nur Gegenwehr«, sagt Rosenthal.
allein bewältigen, darf nicht gewalt- »Am Anfang hieß es im Sozialaus-
tätig oder psychisch labil sein. Und schuss der Stadt: Jetzt wollt ihr den
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

muss ein Mann sein. gewalttätigen Männern auch noch


Denn das hier ist ein Männer- Schutz anbieten! Die konnten oder
haus. wollten nicht verstehen, was wir
Rosenthal sitzt auf der Couch im hier machen. Später hieß es dann:
Wohnzimmer. Neben ihm sitzt Euer Projekt ist frauenfeindlich.
Frank Albrecht, der eigentlich an- Psychotherapeut Franz Das fördern wir nicht.«
ders heißt. Sie sind zwei ältere Her- Aber warum denn frauenfeind-
ren, beide 60 Jahre alt. Vor 18 Jah- lich? Wolfgang Rosenthal zieht die
ren gründete Rosenthal zusammen Schultern hoch. Es ist völlig absurd.
mit einigen Mitstreitern den Verein »Vier verheerende Generationen Er ist ja sogar mit einer Frauen-
Männerwohnhilfe e. V. Das Ziel: Väter haben das Rollenbild vergiftet.« beauftragten verheiratet. »Ich hätte
Männern eine Unterkunft zur Ver- das früher nie geglaubt, aber so-
fügung stellen bei Beziehungspro- bald man sich für Männer enga-
blemen, Trennungen oder häus- giert, kommt von den Institutionen
licher Gewalt. Rosenthal war lange beim sich immer schneller. Der Mann ist über- ganz schnell der Vorwurf der Frauenfeind-
Jugendamt angestellt, in seiner Arbeit hat fordert, die Konflikte in der Partnerschaft lichkeit.«
er all die Verwerfungen kennengelernt, die häufen sich in diesen Jahren. »Wir hatten Dieser Abwehrreflex ist keine lokale
es in Familien sowie zwischen Männern hier mal einen Mann, dessen Ehe war die Spezialität, keine Oldenburger Besonder-
und Frauen geben kann. Für Männer, das Hölle«, sagt Albrecht. »In seiner Verzweif- heit. Nach der Bundeskriminalstatistik ist
musste er immer wieder feststellen, gab lung hat er versucht, eine Spielhalle zu bei häuslicher Gewalt in knapp 20 Prozent
es aber keine Hilfsangebote. überfallen, weil er hoffte: Die Polizei steckt der Fälle der Mann das Opfer. Im Jahr
Frank Albrecht kam später zum Verein – ihn ins Gefängnis. Das war der einzige Zu- 2016 waren das über 24 000 Fälle. Bei ho-
als Betroffener. Seine damalige Partnerin fluchtsort, der ihm einfiel.« Und dann? her Dunkelziffer. Männliche Opfer haben
war gewalttätig. Mal schlug sie mit Fäusten »Hat ihn die Polizei geschnappt und zurück große Scheu, sich an die Polizei zu wenden.
auf ihn ein. Mal mit dem Telefonhörer in nach Hause gebracht. Zur Ehefrau.« Al- Natürlich bedeuten diese Zahlen nach
der Hand. Albrecht hat das lange ertragen, brecht lacht. Sie haben die wildesten Ge- aller Logik auch: Zu 80 Prozent sind Frau-
wegen der gemeinsamen Tochter und weil schichten erlebt. Hier, im Graubereich. en das Opfer. In Deutschland gibt es heute

52
deshalb glücklicherweise rund 400 Frau- »neuen Väter«, die eine moderne Männer- dern, wie traditionell soll er denn nun bitte
enhäuser. In Sachsen hat voriges Jahr ein rolle verkörpern? sein, der Mann?
Männerhaus eröffnet, staatlich finanziert. Gibt es. Klar. Aber jene Männer, die Franz weiß es auch nicht. Die ganze Ge-
Eine absolute Rarität. heute in städtischen Wohlstandsvierteln schlechterdebatte werde leider »unterkom-
Aber das ist eben der Osten, sagt Wolf- Kinderwagen durch die Straßen schieben plex« und ideologisch geführt, sagt er. Oft
gang Rosenthal. »Die sind dort ideologisch oder Elternzeit nehmen oder Teilzeit ar- werde ein Männerbild angeführt, das mehr
nicht so vorbelastet und haben ein offene- beiten – das ist ein kleiner Ausschnitt der Klischee als Realität sei. Zum Beispiel das
res Männerbild. Im Westen stecken wir Gesellschaft. Der alte »männliche Rollen- Bild vom allseits privilegierten Mann.
noch immer in den Geschlechterkämpfen käfig«, so nennt es Franz, sei noch immer Zwar stehen die Männer noch immer an
der Siebzigerjahre fest.« prägend. der Spitze der Gesellschaft. Aber sie bil-
Nicht nur, weil Männer daran festhiel- deten eben auch den großen Bodensatz,
Will man wissen, woher das männliche ten. Sondern auch Frauen – trotz Femi- sagt Franz.
Rollenbild stammt, das heute so ver- nismus, trotz #MeToo. Nur spreche niemand darüber.
schrien ist, das vehement bekämpft Männer sind häufiger alkohol-
und gleichzeitig am Leben erhalten krank, sind sehr viel häufiger ob-
wird, dann setzt man sich ins Büro dachlos. 75 Prozent der Selbstmor-
von Matthias Franz, Professor für de entfallen auf sie; schon im Teen-
Psychosomatische Medizin und ageralter bringen sich doppelt so
Psychotherapie an der Universität viele Jungen um wie Mädchen.
in Düsseldorf, und fliegt kurz in der Unter 50 Jahren sterben Männer
Zeit zurück. dreimal so häufig wie Frauen an
»Das heutige Dilemma des Man- einem Herzinfarkt. Männer haben
nes ist rund 200 Jahre alt«, sagt eine um 5 Jahre niedrigere Lebens-
Franz. »In der Romantik durften sich erwartung. Beim Unterschicht-
Männer noch weinend in die Arme mann seien es im Vergleich zur
fallen. Mit Beginn der Industrialisie- Oberschichtfrau sogar 15 Jahre,
rung brauchte man dann Männer, sagt Franz.
die zugerichtet sind – Menschenma- »Mal angenommen, es ginge
terial für den Krieg und die Produk- hier um Frauen. Allein: dreimal so
tion. Die Männer verschwanden bis häufig Suizid! Was da los wäre!
zu 16 Stunden in dunklen Industrie- Eine Talkshow würde die nächste
hallen und hatten zu funktionieren. jagen, die Genderlobby würde
Auch die Vaterrolle veränderte sich. heißlaufen, die Politik würde hek-
Vor 100 Jahren gab es den wilhelmi- tisch Präventionsprogramme ver-
nischen Vater: streng, hart, national. abschieden!«
Gefolgt vom nationalsozialistisch- Franz redet seit Jahren über die-
soldatischen Vater, dem Nachkriegs- se Zahlen. Er führte immer wieder
vater, der tot auf den Schlachtfel- Gespräche mit dem Familienminis-
dern des Weltkriegs lag oder see- terium. Kann man da nicht mal was
lisch verstümmelt nach Hause kam. tun? »Aber beim Mann interessiert
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Und als letzte Entwicklungsstufe das niemanden. Warum? Das alte


der jüngsten Vergangenheit: der ab- Rollenbild: Männer sollen funktio-
wesende Scheidungsvater. Vier zum nieren und beim Sterben keine Um-
Teil verheerende Generationen stände machen. Es ist das Männer-
deutscher Väter. Die haben Spuren bild des 19. Jahrhunderts, das noch
hinterlassen und das männliche Rol- Männerhaus-Betreiber Rosenthal immer weiterlebt.«
lenbild völlig vergiftet.« Nach zwei Stunden Gespräch
Matthias Franz beschäftigt sich mit Matthias Franz fühlt man sich,
seit den Neunzigerjahren mit Män- nun ja: ein wenig deprimiert. Gibt
nern. Sie sind sein Lebensthema, als »Engagiert man sich für Männer, kommt es denn so gar keine Entwicklung
Wissenschaftler und als Therapeut. der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit.« in Sachen Männer und Männlich-
Franz veranstaltet alle zwei Jahre keit?
einen wissenschaftlichen »Männer- Doch, doch, sagt Franz. »Aber
kongress«, und in seinem Büro steht wir leben in einer Übergangszeit.
eine Patientenliege mit einer gemütlichen »Ich habe das in vielen Therapien mit Bis der Mann ein neues Rollenbild gefun-
Decke, in Griffweite befindet sich eine Box Frauen erlebt: Wenn der Mann aus seiner den hat, das sich gesellschaftlich auch
mit Kleenextüchern, hier schaut Franz hin- traditionellen Rolle aussteigt und schwä- durchsetzt, dauert es noch 30, 40 Jahre.«
ein in Köpfe und Seelen von Männern. chelt und gefühlig wird oder nicht mehr Vierzig Jahre?
Wie sieht’s da drin aus, also: allgemein Vollzeit arbeiten will oder sich mal eine
empirisch gesehen? Depression leistet, dann bekommen viele Dag Schölper sitzt in Berlin und äußert
Verwirrt, sagt Franz. Verunsichert. Der Frauen große Ängste. Der starke Mann sich zum aktuellen Männerbild in der
männliche Identitätskern ist zerrüttet. ist weg! Insbesondere intellektuelle Frau- Gesellschaft und in den Medien nur sehr,
Die alte Männerrolle funktioniert nicht en sind vom schwachen Mann völlig irri- sehr zurückhaltend. Das ist schade, denn
mehr richtig, und eine neue ist noch nicht tiert.« Dag Schölper repräsentiert gewisserma-
gefunden. Man sitzt hier bei Matthias Franz und ßen den deutschen Mann. Am Alexander-
Aber gibt es denn nicht längst die oft denkt: Das ist ja alles furchtbar wider- platz hat das »Bundesforum Männer« ein
beschriebenen »neuen Männer«? Oder die sprüchlich. Wie hart, wie weich, wie mo- Büro – der »Interessenverband für Jungen,

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 53


Gesellschaft

Männer und Väter«. Die Männerlobby sprechen darf: einen Monat lang. Aber wesen, von dem gefordert wird: Ändere
also. Und Dag Schölper, 45 Jahre alt, ist zum Schluss klappt es dann doch. dich!
ihr Geschäftsführer. Und woran arbeiten sie im Ministerium, Aber es wird nie gesagt: Wie eigentlich?
Als in den vergangenen Monaten die an höchster Stelle nun, männermäßig? Oder gefragt: Männer, was wollt ihr? Wie
#MeToo-Debatte losging, als das ganze Frau Greszczuk, die sehr freundlich ist, stellt ihr euch eure Zukunft vor? Lasst uns
Land über das Verhältnis von Männern und sagt, es gebe zurzeit zwei Projekte: »Ge- doch mal reden! Der Mann ist wie ein Pa-
Frauen debattierte, hätte man sich als Mann schlechterreflektierte Arbeit mit männ- tient, dem man ständig traurige Diagnosen
durchaus einen Repräsentanten gewünscht. lichen Flüchtlingen«. Sowie »Männer im stellt, aber nie ernsthaft eine Therapie an-
Jemanden, der in den Talkshows sitzt und Wandel«. Und die hohe Suizidrate bei bietet.
auf kluge Weise für die Männer streitet – Männern und Jungen, die geringere Le- Seit Grönemeyers Song ist der An-
für die anständigen jedenfalls. Dag Schöl- benserwartung, die fehlenden Männer- forderungskatalog an den Mann stetig
per aber saß in keiner Talkshow. Er gab häuser und Beratungsangebote, das ver- gewachsen: Er soll empathiefähig sein.
kein einziges Interview. Er stellte keine For- heerende öffentliche Männerbild? Verständnisvoll. Gefühlig. Im Haushalt
derung und äußerte keine Meinung. ordentlich mitarbeiten. Ein toller
Auf der Homepage des Bundesfo- Vater sein. Aber eben auch immer
rums Männer findet sich kein Hin- noch Karriere machen, die Familie
weis darauf, dass es die Debatte ernähren und gut zuhören können.
überhaupt gibt. Wie kann das sein? Und so ist die Forderung nach dem
»Wir haben natürlich überlegt, »neuen Mann« einerseits völlig
ob wir uns zu der Debatte äußern berechtigt. Und gleichzeitig etwas
oder uns eher zurückhalten«, sagt verlogen.
Schölper. »Unsere Rolle war dann Der Feminismus hat den Frauen
die des solidarischen Zaungastes.« den Weg in die Moderne geebnet.
Vielleicht war das eine zwangs- Vielleicht ist es deshalb an der Zeit
läufige Entscheidung. Das Bundes- für eine Männerbewegung – eine
forum Männer gründete sich 2010 Art Maskulismus, aber im besten
und wird finanziert vom Familien- Sinne. Nicht als plumpe, frauen-
und Frauenministerium. Eine Män- feindliche, antifeministische Gegen-
nerlobby, um die sich die Frauen bewegung. Sondern als echtes
kümmern. Allerdings ist Dag Schöl- Instrument des Fortschritts. Der
per auch nicht zu beneiden. Män- positiven männlichen Selbstermäch-
nerpolitik ist völliges Neuland. tigung. Wann haben sich Männer
Jahrzehntelang gab es, aus guten je ernsthaft mit ihrem Geschlecht
Gründen, ausschließlich Frauen- beschäftigt?
politik. Frauenförderung. Frauen- Eine Männerbewegung muss na-
beauftragte. Frauenquoten. Und türlich mit starkem Gegenwind
jetzt soll man auch die Männer för- rechnen. Politisch und medial. Wur-
dern? Sie emanzipatorisch ernst den in den Siebzigerjahren die Fe-
nehmen? Echte Gleichstellungs- ministinnen als frustrierte, männer-
politik machen? feindliche Wesen diffamiert, so
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Das würde einen ideologischen wird heute das Engagement für


Bruch mit dem alten Männerbild Männer gern als frauenfeindlich
voraussetzen, das in der Frauen- oder »rechts« abgeurteilt und skan-
politik oft auch ein Feindbild war. dalisiert.
Oder ist. »Auf der politischen Ebene Aber auch hier könnte man wie-
sind die alten Bilder noch wahnsin- Interessenvertreter Schölper der von den Frauen lernen: Sie
nig stark«, sagt Schölper. Und fasst haben die Kämpfe jahrzehntelang
die Lage so zusammen: Die Grünen gegen alle Widerstände geführt.
machen bis heute ausschließlich Und führen sie ja noch immer. Sehr
Frauenpolitik. Bei der SPD ist es »Bei der CDU passt der schwache Mann erfolgreich. Der Feminismus ist
ähnlich. Die CDU sieht eine Män- nicht ins traditionelle Männerbild.« heute keine Randgruppenideologie
nerpolitik kritisch, weil der »schwa- mehr, er ist in Deutschland, gerade
che Mann« nicht in ihr traditionelles in der jungen Frauengeneration,
Männerbild passt. Und die Linken, längst Popkultur geworden.
beeinflusst von der Genderwissenschaft, Man sei an diesen Fragestellungen na- Wann ist ein Mann ein Mann? Es wäre
halten Männer und Frauen sowieso für türlich grundsätzlich interessiert, sagt Frau jedenfalls kein gutes Zeichen für die Män-
überholte Geschlechterkategorien, die es Greszczuk. Denn am Ende sei es ja so: ner wie für die Frauen, gäbe es auch wei-
zu überwinden gilt. Zwischen all diesen »Die Frauenpolitik braucht auch die Män- tere 34 Jahre später, also im Jahr 2052,
Fronten wird es für Männerthemen dann ner, um weiterzukommen.« wieder einen SPIEGEL-Text, der sich die-
sehr eng, sagt Schölper. ser Frage widmete. Und noch immer keine
Im Bundesfamilienministerium gibt es Vor nunmehr 34 Jahren, im Jahr 1984, echte Antwort wüsste.
das Referat 415. Zuständig für »Gleichstel- fragte Herbert Grönemeyer singend: Es sei denn, der Autor oder die Autorin
lungspolitik für Jungen und Männer«. Die »Wann ist ein Mann ein Mann?« Seitdem stellte nun glücklicherweise fest, dass sich
Leiterin heißt Katharina Greszczuk. Sie ist die Antwort nicht gerade leichter ge- die Frage und mit ihr auch all die Ge-
ist, wenn man so will, die oberste Männer- worden. In der Geschlechterdebatte ist schlechterdebatten mittlerweile irgendwie
beauftragte. Man muss ein bisschen war- der Mann heute fast ausschließlich ein erledigt hätten.
ten, bis man sie für 20 Minuten am Telefon Objekt der Kritik. Ein ewiges Defizit-

54
Gesellschaft

Luftpost
Ich rief den Zoll nicht an, sondern hoffte halbherzig auf
ein Wunder. Nach ein paar Tagen dachte ich nicht mehr an
das Paket.
Ein paar Wochen später lag wieder ein Wunschzettel mei-
ner Tochter auf dem Tisch, diesmal für ihren Geburtstag. Auf
Homestory Wie es passieren kann, dass man dem Zettel tauchten noch einmal Pawz und Tentree auf. Wir
Sehnsucht nach Amazon bekommt erzählten ihr in Kurzfassung die Geschichte des Weihnachts-
geschenks. Meine Frau und meine Tochter waren dagegen,
dass das Paket im Zollamt blieb.

E s begann in der Weihnachtszeit mit dem Wunschzettel


meiner Tochter. Zwischen anderen Wünschen stand
dort: etwas von Pawz oder Tentree. Wir wussten nicht
gleich, was sie meinte, fanden aber schnell heraus, dass es
Ich seufzte, aber mein Ehrgeiz war wieder geweckt. Ich
rief im Frankfurter Hauptzollamt an und hatte nach einem
Irrlauf durch das Sprachsystem tatsächlich eine menschliche
Stimme am Apparat. Die Stimme sagte: Dafür ist die Post
sich um amerikanische Kleidung handelt, die man in Deutsch- zuständig. Die Post? Ja, sagte die Stimme, alles lagert bei
land nicht bekommt, auch nicht bei Amazon. der Post. Die Servicemitarbeiterin sprach so emotionslos,
Meine Frau war skeptisch, ich dachte: Die Welt ist globa- dass ich zwischendurch dachte, ich sei wieder im Sprach-
lisiert, im Internet geht alles. Ich fand, nachdem ich auf den system gelandet.
Websites der Firmen herumgeklickt hatte, dass es bei Pawz Ich verlangte ihren Vorgesetzten.
ganz leicht aussah. Wir bestellten ein dunkelrotes Longsleeve- Auf dem Display erschien eine Münchner Nummer. Ein
Shirt mit dem Pawz-Logo, dem Abdruck einer Hundepfote. sehr freundlicher Herr fragte, ob das Paket mehr als zwei
Nach dem Bezahlen bekam ich die Nachricht aus Amerika, Kilo wiege. Ich überlegte kurz – nein. Leider, denn der Herr
dass das Paket abgeschickt worden sei, mit dem United States war nur für Sendungen über zwei Kilo zuständig. Er gab mir
Postal Service, als First Class Mail. dann aber, immer noch freundlich, eine deutsche Tracking-
Weihnachten verging ohne das Geschenk. Unserer Tochter nummer. Die sollte ich seiner Kollegin sagen, die die Sen-
hatten wir nichts erzählt, sie freute sich über die anderen dungen unter zwei Kilo bearbeitet. Ich notierte mir weitere
Sachen und stellte keine Fra- 13 Ziffern, gab sie seiner Kol-
gen. Silvester verging. legin, die blickte in ihren
Anfang Januar sah ich Computer und sagte: Beim
die Mails durch, die mir Zoll sei eine Rechnung offen,
das Pawz-Liefersystem ge- über 8,23 Euro. Ich: Ach so?
schickt hatte, und fand ei- Sie: Das wissen Sie gar
nen 13-stelligen Code, die nicht? Hat man Ihnen die
US-Postal-Service-Tracking- Rechnung nicht geschickt?
nummer. Der zugehörige Es wurde kurz still in der
Internetlink zeigte an, dass Leitung. Es sah aus, als wür-
THILO ROTHACKER / DER SPIEGEL

das Paket seit dem 30. De- de alles jetzt ganz einfach
zember um 17.18 Uhr beim werden. Dann sagte sie, mit
Zoll am Frankfurter Flug- dem pädagogischen Unter-
hafen lag. ton einer Kinderärztin, dass
Ich stellte fest, dass das das Paket vielleicht gar nicht
Formular für Anfragen nur mehr in Frankfurt liege, dass
US-Adressen akzeptierte. es möglicherweise inzwi-
Ich nahm Kontakt mit dem schen nach Amerika zurück-
Absender auf, der Firma geschickt worden sei. Ich
Pawz, die immerhin eine »pawzhelp«-Adresse ins Netz ge- spürte Müdigkeit aufsteigen. Amerika, wieso? Könne sie
stellt hatte, und bat, bei der US-Post nachzufragen, damit etwas Genaueres erkennen? Nein. Es war wohl nur so
die US-Post beim deutschen Zoll nachfragen könnte. Die eine Idee.
Antwort: Das machen wir nicht. Und: »Bitte teilen Sie uns Jedenfalls, sagte sie, müsse der Absender eine Nachfor-
mit, wenn Sie weitere Fragen haben.« schung einleiten. Pawz? Die tun nichts mehr für das Paket,
Ich hatte viele Fragen. Eine davon richtete ich per Mail an sagte ich. Gut, sagte sie, dann können Sie das auch selbst ma-
poststelle.hza-ffm@zoll.bund.de. Ob man mir helfen könne. chen, im Internet. Ich protestierte, von Suchmasken, die nicht
Die Antwort kam von der Deutsche Post DHL Group NL funktionieren, hatte ich genug. Okay, es gebe auch eine Mail-
Internationale Produktion, an die der Zoll meine Mail zur adresse: briefinternational@deutschepost.de. Ich wollte wis-
Beantwortung weitergeleitet habe. Ich möge entweder eine sen, was die Nachforscher in ihren Computern sehen könnten,
offizielle Sendungsrecherche im Internet einleiten oder den was sie nicht sehe. Aber da war das Gespräch zu Ende.
Kundenservice anrufen. Ich rief den Kundenservice an und Im Grunde, dachte ich, bevor ich den Kopf auf die Tisch-
erfuhr, dass nicht die Post zuständig sei, sondern der Zoll. platte sinken ließ, den Kopf wieder hob, eine kurze, ruhige
Aber der Zoll hat mich doch an die Post verwiesen? Ja, das Mail an briefinternational@deutschepost.de schrieb, die auch
machen die gern so. Und jetzt? Rufen Sie den Zoll an. Er kön- nicht geholfen hat, im Grunde gibt es nur eine Lösung: Die
ne nichts versprechen, sagte der Mann von der Post, das Er- Post und der deutsche Zoll und vielleicht auch die ameri-
gebnis hänge davon ab, an wen ich geraten werde. Viel Glück. kanische Post und die Firma Pawz werden von Amazon
Ich gebe zu, dass ich anfing zu denken: Mit Amazon wäre gekauft.
das nicht passiert. Amazon mag ein Internetdiktator sein, Die Firma Pawz hat übrigens inzwischen doch noch ge-
der nur seinen eigenen Gesetzen folgt, aber wenigstens hätte schrieben. Ich hätte doch neulich ein rotes Shirt gekauft. Wie
ich jetzt das rote Longsleeve-Shirt. es mir gefalle. Dietmar Pieper

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 55


Wirtschaft
Der deutsche Ingenieur ist zu provinziell, zu alt, zu männlich, zu analog. ‣ S. 64

LUKAS SCHULZE / GETTY IMAGES


Stahlschrott

Kartelle

Stahlkochern droht 500-Millionen-Strafe


Die Branche soll sich jahrzehntelang über Preise abgestimmt haben – nun müssen die Unternehmen zahlen.
 Das Kartellverfahren gegen deutsche Stahlhersteller und sich jahrzehntelang auf Kosten der Verbraucher über wesent-
ihren Dachverband, die Wirtschaftsvereinigung Stahl, geht in liche Bestandteile des Stahlpreises wie Schrott und teure
die entscheidende Phase. Dabei zeichnen sich Bußgelder für Legierungen abgesprochen zu haben. Für diese wettbewerbs-
die Branche in einer Gesamthöhe zwischen 300 und 500 Mil- widrigen Absprachen sollen sie Treffen und verschwiegene
lionen Euro ab. Mit einem Teil der rund ein Dutzend beschul- Arbeitskreise ihres Branchenverbands genutzt haben.
digten Stahlkocher führt das Bundeskartellamt derzeit so- Bei den verdächtigten Stahlkochern handelt es sich um
genannte Settlement-Gespräche. Bei diesen Verhandlungen Branchengrößen wie ArcelorMittal sowie kleinere und mittel-
geht es darum, Einigungen über die Höhe des verhängten große Hütten aus Deutschland. Aber auch Autofirmen wie
Bußgeldes mit dem jeweiligen Unternehmen zu erreichen. VW, Daimler, BMW und Zulieferer wie Bosch sollen in die
Auf diese Weise sollen langwierige Gerichtsverfahren ver- einträglichen Machenschaften involviert gewesen sein.
mieden werden. Wie viele Firmen sich letztlich auf einen Gegen sie wird in einem gesonderten Verfahren ermittelt.
solchen Deal mit den Wettbewerbshütern einlassen, ist offen. Keines der beteiligten Unternehmen wollte sich auf Anfrage
Das Kartellamt beschuldigt rund ein Dutzend Konzerne, des SPIEGEL zu den laufenden Ermittlungen äußern. FDO

Krankenversicherung Kassen mit hohen Rücklagen verpflichten, ausgleichs der Kassen angegangen wer-
ihre Zusatzbeiträge zu senken. Diese den. Die Rückkehr zur Parität, mit
Zusatzbeiträge sinken Regelung soll allerdings erst im Januar der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich
erst 2020 2020 in Kraft treten und damit ein Jahr die Beiträge künftig wieder zur Hälfte
später als ursprünglich erwartet. In der teilen, gilt wie geplant schon Anfang 2019.
 Die Große Koalition hat sich auf einen SPD und bei den von ihr geführten Minis- Der überarbeitete Referentenentwurf
Kompromiss für ein umstrittenes Gesetz terien hatte es Widerstände gegen Spahns soll zeitnah im Kabinett beraten werden.
geeinigt, mit dem Bundesgesundheits- Projekt gegeben. Experten fürchteten, Im Gegenzug erwägt die Union, ihren
minister Jens Spahn, CDU, für niedrigere klamme Kassen könnten in Finanznöte Widerstand gegen das geplante
Beitragssätze in der gesetzlichen Kranken- geraten. Deswegen soll nun zeitgleich im Brückenteilzeitgesetz einzustellen, das
versicherung sorgen möchte. Spahn will Jahr 2020 auch eine Reform des Finanz- ein Anliegen der SPD ist. COS

56 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Rohstoffe sichern. Schweighofer soll men der Gesetze zu
Durchsuchung bei wettbewerbswidrig Stroh- bewegen. Auch die

JEFF MANGIONE / PICTURE ALLIANCE / DPA


firmen genutzt haben, Wirtschaft rückt von
Holzkonzern die für sie mitbieten, so der durch Gerald
Andrei Ciurcanu von der Schweighofer geleiteten
 Die österreichische Schweighofer- Organisation Agent Gruppe ab, die vor gut
Gruppe, einer der größten Holzverarbei- Green. Die Umweltschüt- einem Jahr ihr FSC-
ter Europas, bekommt ihre Probleme zer hatten vor Kurzem Siegel für nachhaltige
in Rumänien nicht in den Griff. Am Mitt- noch Schweighofers Forstwirtschaft einge-
woch durchsuchten Ermittler der Anti- Bemühen für eine bessere büßt hat. Die Bau-
Mafia-Staatsanwaltschaft den rumäni- Nachverfolgbarkeit des marktkette Hornbach
schen Hauptsitz der Firma und mehrere Holzes gelobt. Die Ermitt- Schweighofer reduzierte das Geschäft
Sägewerke im Land. Ihr Verdacht: Leiten- lung lege abermals nahe, mit den Österreichern
de Mitarbeiter des Unternehmens sollen »dass Schweighofers Reich auf illegal in Rumänien auf zehn Prozent des frühe-
seit 2011 die Holzauktionen der Forstbe- erlangten Rohstoffen aufgebaut ist«. ren Volumens. Wenn Schweighofer bis
hörden zu ihren Gunsten »zweckentfrem- Das Unternehmen ließ Fragen unbeant- Ende 2018 nicht FSC-zertifiziert sei, müs-
det« haben, um sich genügend Rohstoff zu wortet, betonte aber, sich stets im Rah- se man sich ganz trennen. NKL

Kopenhagen
E-Zigaretten
Tasse Kaffee Frankfurt
am Main
6,24 Skrupellose Vermarktung
Durchschnittspreise
in Dollar 2,82  Die Flüssigkeiten, mit denen E-Ziga-
Zürich
Quelle: UBS-Studie 4,98 retten betankt werden, können für klei-
ne Kinder tödlich sein. Trinken sie die
New York nikotinhaltigen E-Liquids, kann es zu
3,12 Shanghai
Delhi Herzanfällen und Atemstillstand kom-
1,52 4,60 men bis hin zum Koma. Dennoch sty-

RENE COMET / STOCKFOOD


Lissabon len einige Hersteller in den USA ihre
0,74 Istanbul
Produkte derart grell, dass sie leicht mit
1,41 populären Süßigkeiten oder Fruchtsäf-
ten verwechselt werden können – sehr
zur Wut der US-Lebensmittelbehörde
Lagos FDA und der Handelskommission FTC.
0,62 Die Behörden haben bereits 13 Warn-
briefe an Hersteller, Vertriebsfirmen
und Einzelhändler gesandt mit der Auf-
forderung, ihre teilweise mit Comic-
und Bonbonbildchen verzierten Waren
umzugestalten und Jugendliche als Ziel-
Städtevergleich Preise in 77 Städten untersucht, liegt gruppe auszuschließen. »Marketing-
Teure Schweiz Genf, gefolgt von Oslo und Kopenhagen.
München, die teuerste deutsche Stadt,
methoden, die Kinder dem Risiko von
Nikotinvergiftungen aussetzen, sind
 Zürich ist die teuerste Stadt der Welt. landete auf Platz 23. Für die Studie wur- nicht akzeptabel«, sagt die FTC-Vorsit-
Das ermittelte die Schweizer Bank UBS. de auch untersucht, was eine Tasse Kaf- zende Maureen K. Ohlhausen. Gesund-
Auf Platz zwei der Studie, die Löhne und fee im Schnitt in Metropolen kostet. NKL heitskommissar Scott Gottlieb droht
mit weiteren Aktionen gegen Firmen,
die Tabakwaren an Jugendliche verkau-
fen und »in solch ungeheuerlicher Art
Finanzen tion. Tatsächlich unterhält sie weiterhin vermarkten«. In den USA nuckeln
Deutsche Bank zieht aus Dienstwohnungen in Frankfurt – wie viele
und wo genau, lässt sie offen. Allerdings
bereits mehr als zwei Millionen Mittel-
und Oberschüler an den Verdampfern.
 Der verschärfte Sparwille der neuen werden für die Frankfurter City rund um Grund für die Beliebtheit sind die vie-
Deutsche-Bank-Führung zeigt sich inzwi- die Zwillingstürme der Deutschen Bank len Geschmacksrichtungen. MSC
schen auch an Kleinigkeiten. So hat der deutliche Mietsteigerungen berichtet, die
Konzern Dauermietverträge für Dutzende der Konzern offenbar nicht hinnehmen
Dienstwohnungen gekündigt. In den will. Zudem werden weniger Mitarbeiter
Apartments in bester Lage an der Frank- als angenommen wegen des Brexits von
furter Zentrale wohnen übergangsweise London an den Main ziehen und eine
externe Mitarbeiter, sogar Vorstände Übergangsbleibe beanspruchen. Hatte die
haben dort bereits logiert. Auch Pläne für Bank anfangs mit rund 4000 Umzüglern
die Anmietung zusätzlicher Boarding- gerechnet, werden jetzt nur noch mehrere
House-Kapazitäten in Frankfurt wurden Hundert erwartet. Und schon das dürfte
kurzfristig gestrichen. Die Bank begründet schwierig werden: Der Widerstand vieler
den Schritt mit »bedarfsabhängiger Port- Londoner Banker, nach Frankfurt zu zie-
folioüberprüfung« und normaler Fluktua- hen, sei enorm, berichten Insider. BAZ E-Zigaretten-Liquid-Packungen

57
Wirtschaft

In der Todesspirale
Welthandel Mit seiner Entscheidung, Strafzölle auf Stahl und Aluminium zu verhängen, nötigt
US-Präsident Donald Trump der Europäischen Union einen Handelskrieg auf. Niemand
hat dabei mehr zu verlieren als deutsche Unternehmen, entsprechend alarmiert ist die Politik.

P
eter Altmaier lässt sich in seinen zent. »Rechtswidrig« sei das, schimpft Doch es geht nicht nur um Handels-
Sitz plumpsen, es ist Punkt vier Bundeskanzlerin Angela Merkel. bilanzen und Firmenumsätze. In atembe-
am Donnerstagnachmittag. Der Die unfreundliche Ansage der Amerika- raubender Geschwindigkeit verabschieden
Pilot der Flugbereitschaft drängt ner ist wohl der Auftakt eines Handelskriegs, sich die USA von jener Weltordnung, die
zum Start, und der Bundeswirtschafts- der den Volkswirtschaften der USA und Eu- sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
minister ist froh, dass er möglichst schnell ropas nachhaltig Schaden zufügen könnte. geprägt haben. Freier Welthandel, gemein-
vom Pariser Geschäftsflughafen Le Bour- Es droht eine Dauerfehde von Strafzöllen, same Regeln, und im Notfall schlichtet die
get abheben kann. Gegenmaßnahmen und erneuten Vergel- Welthandelsorganisation WTO – Trump
Zwei Tage lang hat Altmaier in Frank- tungsschlägen. Die EU hat längst Aufschläge zerstört ein Arrangement, das wie ge-
reichs Hauptstadt versucht, doch noch zu auf Whiskey und Motorräder aus den USA macht war für das deutsche Wirtschafts-
verhindern, dass die USA Strafzölle gegen angedroht. Trump wiederum lässt für die- modell, das vom Export lebt.
die EU verhängen. Seit wenigen Minuten sen Fall prüfen, ob er auf europäische Auto- Der Präsident, das weiß man bereits,
weiß er nun offiziell: Es hat nichts genutzt. importe höhere Zölle verhängen könnte. wirft alles über Bord wie lästigen Ballast,
Jetzt heißt es, Ruhe zu bewah- was die USA an der freien Entfal-
ren, zu signalisieren, dass man alles tung ihrer Macht hindert. Vor fast
im Griff habe, um die Märkte nicht einem Jahr traf es den Pariser Kli-
noch weiter zu verunsichern. In der mavertrag, und erst vor wenigen
Luft, irgendwo zwischen Frank- Wochen kehrten die USA dem
reich und Deutschland, sagt Altmai- Atomabkommen mit Iran den Rü-
er: »Seit Dienstagmittag war doch cken. Nun setzt Trump die Axt an
klar, was kommt.« den Wohlstand der Europäer. Stei-
Der CDU-Mann ist dennoch gende Konsumentenpreise könnten
CARSTEN KOALL / POOL / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK
nach Paris geflogen, zur jährlichen die Weltwirtschaft abwürgen. So
Konferenz der Organisation für war das meist in der Geschichte.
wirtschaftliche Zusammenarbeit Vor wenigen Jahren verhandel-
und Entwicklung (OECD). Die ten Europäer und Amerikaner
internationale Wirtschaftspolitik über das Freihandelsabkommen
sei »in einer kritischen Lage«, hat TTIP, nun drohen die Partner zu
er dort gesagt, und er hat sich mit gnadenlosen Konkurrenten zu wer-
Wilbur Ross, dem Handelsminister den. Wie es der Zufall will, steht
der USA, getroffen. EU-Kommissionschef Jean-Claude
Fast eine Stunde lang redete er Juncker bei einer Veranstaltung mit
auf Ross ein, den US-Handelsmi- dem Titel »Re-energising Europe –
nister, einen dünnen alten Herrn, Now!« auf einer Bühne in Brüssel,
dem ein kurzer Draht zu Präsident als ihn die Nachricht von Trumps
Donald Trump nachgesagt wird. Kanzlerin Merkel, Präsident Macron Entscheidung ereilt. Er redet über
»Wir haben in den letzten Monaten Es liegt Trotz in der Luft die Erfolge der EU, da reicht ihm
eine freundschaftliche Verbindung ein Mitarbeiter einen Zettel.
aufgebaut«, sagt Altmaier. Die Bilder aus Gerade in Deutschland stehen viele Juncker blickt kurz darauf, dann steckt
Paris waren wichtig. Sie zeigten: Der Mi- Arbeitsplätze auf dem Spiel, entspre- er das Papier weg. »Wie erwartet«, sagt er
nister lässt nichts unversucht, die Ameri- chend besorgt äußern sich führende Poli- und blickt zu den Zuschauern. »Wo war
kaner umzustimmen. Auch wenn die Zei- tiker. »Ich warne davor, dass es zu einer ich?« Erst am Ende seiner Rede geht er
chen aus den USA, dass Trump zur Kraft- weiteren Eskalation kommt«, sagt Nieder- auf den drohenden Handelskrieg ein. »Das
probe mit den Europäern entschlossen sei, sachsens Ministerpräsident Stephan Weil ist ein schlechter Tag für den Welthandel«,
eindeutig waren. (SPD), der auch im Aufsichtsrat von Volks- sagt er. »Die EU kann darauf nicht ohne
Das Gespräch am Mittwoch im Haupt- wagen sitzt. »Die angedrohten Strafzölle Reaktion bleiben. Wir machen exakt das-
quartier der OECD brachte nicht den er- gegen die deutsche Autoindustrie würden selbe wie sie. In den nächsten Stunden
wünschten Durchbruch. Und gerade mal zu drastischen Gegenmaßnahmen der Eu- werden wir Gegenmaßnahmen verkün-
24 Stunden später war es ausgerechnet ropäischen Union führen. Darunter wür- den.« Es liegt Trotz in der Luft.
Ross, der die Entscheidung Trumps ver- den beide Seiten leiden«, so der Sozialde- Die Europäer haben viel einstecken
kündete, nun auch gegen die Europäer mokrat weiter. Wissenschaftler wie der müssen von Trump, jetzt wollen sie auch
Strafzölle zu erheben. Seit 1. Juni zahlen Chef des renommierten Brüsseler Think- mal austeilen, Haltung zeigen, Rückgrat.
europäische Firmen, die Stahl in die USA tanks Bruegel, Guntram Wolff, sehen das Juncker wird Trump Ende kommender
exportieren, auf den Einfuhrpreis 25 Pro- ähnlich: »Dieser zweite Schlag würde Woche beim G-7-Treffen in Kanada sehen,
zent Zoll, bei Aluminium sind es 10 Pro- Deutschland besonders wehtun.« und wenn man so zuhört, was der Kom-

58 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


missionschef am Donnerstagabend in deut-
sche Fernsehkameras sagt, bekommt man
den Eindruck, es könnte zur Sache gehen.
»Man hört nicht zu, und man denkt, man
kann die Europäer kleinreden und klein-
machen. Das wird nicht passieren«,
schimpft Juncker. »So geht man mit Ver-
bündeten – Amerikaner und Europäer
sind Verbündete – nicht um.«
Anders als bei der klassischen Außen-
oder Sicherheitspolitik hat die EU beim
Welthandel tatsächlich mitzureden. Ge-
messen am Volumen des Waren- und
Dienstleistungsverkehrs ist ihre Wirtschaft
größer als die der USA. Europa wäre also
ein mächtiger Spieler in der Handelspoli-
tik, jedenfalls dann, wenn die Gemein-
schaft einmal einig wäre.
Doch daran hapert es, wieder einmal.
Während Frankreichs Präsident Emma-
nuel Macron ganz im Sinne der Grande
Nation auf Härte gegen Trump drängt, zö-
gern die Deutschen. Verwunderlich ist das
nicht. Amerika ist der wichtigste Handels-
partner Deutschlands, fast zehn Prozent
der Exporte wandern jedes Jahr in die
USA, darunter Autos, Maschinen und Che-
mieprodukte. Kein europäisches Land hat
bei einem Handelskrieg mehr zu verlieren.
Trumps Bannstrahl dürfte zunächst vor
allem die Hersteller von Stahl, Stahlrohren
und Aluminiumblechen treffen wie zum
Beispiel den Paderborner Automobilzulie-
ferer und Stahlrohrspezialisten Benteler.
»Wir werden den Zoll aufschlagen müs-
sen«, sagt Vorstandschef Ralf Göttel. »Die
Hälfte der Kunden wird den Aufschlag zah-
len, weil sie die gewünschten Produkte in
der gewohnten Qualität sonst nicht be-
kommt. Die andere Hälfte wird den Stahl
dann in den USA kaufen.«
Auch der baden-württembergische Ma-
schinenbauer Trumpf könnte betroffen
sein – wenn Lieferanten die höheren Zölle
in ihre Preise einkalkulieren und weiter-
geben. Trumpf müsste die Ausgangspro-
dukte für seine Maschinen wie Rohstahl
teurer einkaufen und die Preise für seine
Aggregate anheben. Das aber dämpft in
der Regel die Nachfrage. Immerhin sind
die USA nach Deutschland der zweitwich-
tigste Markt für das Unternehmen.
Vergleichsweise gelassen gibt sich –
noch – der Münchner Siemens-Konzern.
TOM BRENNER / THE NEWYORKTIMES / REDUX / LAIF

Er unterhält für Produkte mit einem hohen


Stahl- oder Aluminiumanteil eigene Pro-
duktionsstätten in den USA, etwa für Züge,
Gasturbinen oder Ultraschallgeräte. Theo-
retisch könnten die Ableger Rohstoffe
oder Halbfabrikate vor Ort einkaufen, um
die Strafzölle zu umgehen. Das gilt jedoch
nicht für Speziallegierungen, die in den
USA nicht hergestellt werden. Sie müssten
mit entsprechenden Aufschlägen etwa aus
Deutschland importiert werden.
Der Mann mit der IG-Metall-Weste am
Staatschef Trump: Der zweite Schlag könnte besonders wehtun Tor 1 des Thyssenkrupp-Stahlwerks in

59
Duisburg hat eine klare Mei- auf Harley-Davidson-Motor-
nung. »Ein Irrer« sei dieser räder und Jeans erheben will,
Trump, »ein Psychopath«, der zielen bewusst auf Symbole des
deutsche Arbeitsplätze gefähr- amerikanischen Traums, Le
de. Man kann den Mann ver- Maire will das so.
stehen, schließlich hat die Stahl- Altmaier hält nichts von sol-
industrie auch ohne die Straf- chen Provokationen, er wolle
zölle genug Probleme. Nach die »Todesspirale aus Strafzöl-
Schätzungen der OECD beläuft len« vermeiden, sagt er. Und
sich der weltweite Kapazitäts- auch Ross hatte in seinem State-
überhang in der Stahlerzeu- ment ein Fenster für Gespräche
gung auf 740 Millionen Tonnen. gelassen. Er freue sich darauf,
Verdrängungswettbewerb und »die Verhandlungen mit der Eu-
Preiskampf sind so brutal, dass ropäischen Kommission fortzu-
selbst Vorzeigeunternehmen führen«, sagte der US-Handels-
wie Thyssenkrupp allein keine minister. Ein Hoffnungsschim-
Chance mehr haben. Mühselig mer, Altmaier hält das für den
einigten sich Management Erfolg seiner wochenlangen Be-
und Beschäftigte auf eine Fu- mühungen, wieder einen Ge-
sion mit dem indischen Stahl- sprächsfaden zu den Amerika-
riesen Tata. nern aufzubauen. Insgeheim

KAI KITSCHENBERG / WAZFOTOPOOL / ACTION PRESS


Die größte Sorge macht den hofft er darauf, dass ihm auch
deutschen Unternehmen nicht, die Welthandelsorganisation zu
dass ihnen durch den von Hilfe kommt. Denn die Gegen-
Trump verhängten Zoll von maßnahmen der EU treten
25 Prozent auf Stahlimporte nicht automatisch in Kraft.
US-Aufträge von jährlich 1,3 Mil- Zwar ist alles vorbereitet,
lionen Tonnen Stahl entgehen der Gegenschlag bei der WTO
könnten. Das entspräche knapp notifiziert. Das heißt aber nur,
vier Prozent der Gesamtaus- dass die Genfer Behörde darü-
fuhr und ließe sich verkraften. ber befinden muss, ob Strafzöl-
Schlimmer ist, dass Europa le auf Jeans und andere Impor-
und Deutschland infolge der Stahlwerk in Duisburg: »Ein Irrer, ein Psychopath« te im richtigen Verhältnis ste-
US-Zölle mit noch mehr Billig- hen zu den Zöllen der Ameri-
stahl überschwemmt würden. kaner.
Ein Großteil der weltweiten Stahlüber- Auge sind. Werden Strafzölle verhängt, Das dauert noch bis Juli, das verschafft
schüsse geht heute in die USA. Mit den müssten sie wohl mit höheren Preisen rea- Zeit. Und wer weiß, so denkt Altmaier,
Schutzzöllen jedoch, heißt es in einem gieren und damit sinkende Verkäufe ris- vielleicht mildert die WTO die EU-Maß-
Papier der Wirtschaftsvereinigung Stahl, kieren. Insbesondere die VW-Tochter Por- nahmen noch ab? Sein Ziel ist es, mit den
würden große Mengen dieses Stahls nach sche wäre betroffen: Sie hat keine eigene Amerikanern ein Abkommen über Indus-
Europa umgelenkt. Produktion vor Ort und verkauft fast jedes triezölle zu verhandeln, ein Freihandels-
Seit der Ankündigung des US-Präsiden- vierte Auto nach Amerika. abkommen light. Die EU-Handelskommis-
ten, Zölle zu erheben, sind die Importe VW-Chef Herbert Diess hat bereits ge- sarin Cecilia Malmström hat er schon so
von Stahlerzeugnissen in die EU mit rund fordert, die Politik möge für Entspannung weit, nur die Franzosen wollen partout
14 Prozent deutlich angestiegen. Anbieter gegenüber Trump sorgen. Der Konzern nicht.
des Billigstahls, der nun auf dem EU- sei an guten Beziehungen interessiert, so- Manchmal weiß der Minister nicht mehr
Markt ankommt, sind genau die Länder, wohl zu den USA als auch zu China. zu unterscheiden, mit wem schwerer zu ver-
die in den USA keine vorläufige Ausnah- Der Mann hat leicht reden. Schließlich handeln ist: mit den Amerikanern oder den
megenehmigung erhalten haben: die Tür- war es ja gerade die Bundesregierung, die Franzosen. Die letzten Tage haben seinem
kei, Indien und Russland. in den vergangenen Wochen gegen den optimistischen Wesen schwer zugesetzt. Er
Sollte Trump sein Zollpolitik fortsetzen, Willen etwa der Franzosen darauf drängte, musste lernen, dass die Hoffnung zwar zu-
könnten die Importe in die EU um mehre- den Amerikanern zumindest ein Stück letzt, aber manchmal eben doch stirbt.
re Millionen Tonnen pro Jahr ansteigen. weit entgegenzukommen. Das Angebot, Schon als er Mittwochnachmittag nach
Für die hiesige Stahlindustrie wäre das das die Europäer für die USA am Vor- Paris jettete, schaltete er um auf Galgen-
eine »ernste Bedrohung«, heißt es in ei- abend ihres Gipfels in Sofia Mitte Mai zu- humor. Um seine Mitarbeiter auf die neue
nem Papier der Stahlbranche. Besonders rechtzimmerten, kam nicht zuletzt auf Lage vorzubereiten, stimmte er im Lande-
kleineren Stahlkochern wie Georgsmarien- deutschen Druck zustande. Wenn Trump anflug sogar einen Song des Liederma-
hütte oder Salzgitter drohten dann harte darauf verzichte, Strafzölle zu verhängen, chers Hans Hartz an: »Die weißen Tauben
Einschnitte. so die Staats- und Regierungschefs, dann sind müde«, sang Altmaier gegen das
Die deutsche Autoindustrie würde ein sei man unter anderem bereit, über den Gedröhn der Triebwerke an, »jedoch die
möglicher Handelskrieg mit den USA, Kauf von amerikanischem Flüssiggas und Falken fliegen weiter.«
dem nach China zweitgrößten Absatz- die Reform der WTO zu reden. Die erste Schlacht haben die Falken
markt der Welt, empfindlich treffen. Rund Wie hartleibig soll Europa auftreten? gewonnen.
eine halbe Million Fahrzeuge exportieren Dieser Streit geht nun in die zweite Runde. Dinah Deckstein, Frank Dohmen,
die deutschen Autobauer jährlich in die Der französische Finanzminister Bruno Simon Hage, Peter Müller,
USA, vor allem jene teuren Limousinen, Le Maire will den Amerikanern wehtun. Gerald Traufetter
die Trump seit Jahrzehnten ein Dorn im Die Vergeltungszölle, die die EU nun

60 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Wirtschaft

Schwarzenegger, um öffentlich einen te Brecht, »dass an den Vorwürfen zum

Vorgeführt Schnaps zu trinken. Die Shows waren


schrill, die Geschäftszahlen blendend: Stei-
gende Verkäufe und Rekordgewinne lie-
Vito etwas dran ist«. Der Aufsichtsrat
wurde von den Vorwürfen kalt erwischt.
Bislang war er davon ausgegangen, dass

in Berlin ßen Zetsches Kritiker verstummen. Bis


zum vergangenen Montag.
Verkehrsminister Scheuer war in das
Daimler auf gutem Weg sei, eine Einigung
mit den Behörden zu erzielen. Die verbale
Aufrüstung der Bundesregierung können
Autoindustrie Daimler-Chef Gespräch mit der Einstellung gegangen, sich die Kontrolleure nicht recht erklären.
Dieter Zetsche hat einen neuen dass nicht er derjenige sein werde, der Zetsche ging es ähnlich. Er schien erst
über diesen Skandal stolpere. Wenn schon, im Verkehrsministerium zu bemerken, in
Gegner. Der Verkehrsminister dann sollte es Zetsche treffen. Für Daimler welch heikle Situation er da geraten war.
droht mit einer Ordnungsstrafe bedeutet diese Haltung der Bundesregie- Scheuer machte weiter: Er wolle, dass ihm
von fast vier Milliarden Euro. rung Gefahr. Noch am Wochenende zuvor Daimler umgehend melde, an wie vielen
hatte Daimler-Cheflobbyist Eckart von Autos etwas mit dem Abgassystem nicht
Klaeden offenbar versucht, seine alten stimme. Einer von Scheuers Beamten

V ielleicht hatte Dieter Zetsche ge-


dacht, er könne in Berlin so auftre-
ten wie immer: lässig im Stil, mür-
risch im Ton. In Turnschuhen betrat der
Kontakte als Staatsminister im Kanzler-
amt zu nutzen, um die Regierung auf ihre
alte Autolinie einzuschwören.
Vergeblich. Denn auch im Hause Ange-
nannte eine Frist: zwei Wochen. Zetsche
musste schlucken. Er könne »hier und jetzt
nicht entscheiden«, ob er in der Lage sei,
in dieser Zeit die Informationen zu liefern.
Daimler-Chef am Montagmorgen den la Merkels kannte man bereits die horren- Scheuers Leute geben sich damit nicht
Konferenzraum des Bundesverkehrsminis- den Zahlen möglicherweise manipulierter zufrieden, ganz im Gegenteil. Die Unter-
teriums – und legte los: Ob das Ganze Mercedes-Fahrzeuge. Es wäre politisch ris- suchungen an Dieselmodellen der C-Klas-
wirklich so schlimm sei, wollte er vom kant, Daimler aus dieser Lage herauszu- se sind weit fortgeschritten, die Indizien
Hausherrn und seinen Beamten wissen, pauken. Die Bundesregierung fürchtet die aus Sicht der Behörde erdrückend. Man
die ihn einbestellt hatten. Schließlich gehe
es doch nur um knapp 5000 Fahrzeuge.
Zetsche hatte offenbar geplant, den amt-
lichen Rückruf des Mercedes-Vans Vito als
Kleinigkeit zu behandeln. Doch Verkehrs-
minister Andreas Scheuer wollte nicht nur
über die mögliche Abgasmanipulation bei
dem einen Transporter reden. Der CSU-
Mann wollte dem Autoboss klarmachen,
dass es diesmal schmerzhaft werden könn-
te – für Zetsche und sein Unternehmen.
Scheuer sagte, er könne ein Ordnungs-
geld verhängen. Nicht nur beim Vito, bei
einer Dreiviertelmillion Daimler-Autos be-
stehe der Verdacht, dass darin ein unzu-
lässiges Reinigungssystem eingebaut sei.
5000 Euro könne er für jeden einzelnen
FABRICE COFFRINI / AFP

Wagen berechnen, erklärte Scheuer: »Das


macht 3,75 Milliarden Euro.«
Nach dieser Rechnung wirkte der Daim-
ler-Chef gar nicht mehr lässig. So beschrei-
ben es Beteiligte.
Eine Stunde dauerte die Unterhaltung Vorstandsvorsitzender Zetsche: Gar nicht mehr lässig
zwischen den beiden Kontrahenten, und
womöglich markiert sie eine Zäsur im Um-
gang der Politik mit der Autoindustrie in Wut der Dieselfahrer, wenn es zu Fahrver- wird die Daimler-Ingenieure deshalb noch
der Affäre um manipulierte Dieselautos. boten kommen sollte. innerhalb der zweiwöchigen Frist zur An-
Nie zuvor hat ein Verkehrsminister der So waren es neue Töne, die Zetsche im hörung ins KBA nach Flensburg laden. Um
sonst so industrienahen Union einen Auto- Ministerium zu hören bekam. Ob er wisse, mindestens 80 000 Autos geht es dabei,
boss derart vorgeführt. Bestätigen sich die was seine Manager im Frühjahr 2016 für ein schmerzlicher Schritt. Daimler sagt,
Vorwürfe des Ministers, könnte Daimler die Kontrolleure aus dem Kraftfahrt-Bun- man habe »über die Inhalte des Gesprächs
zum zweiten Fall Volkswagen werden. desamt (KBA) unterschrieben hätten, woll- mit Minister Scheuer Vertraulichkeit ver-
Für Zetsche, der stets alle Vorwürfe ge- te Scheuer wissen und beantwortete die einbart« und werde sich nicht äußern.
gen seine Firma zurückgewiesen hat, wäre Frage gleich selbst: Der Konzern habe da- Sichtlich zerknirscht machte sich Zet-
das ein Fiasko. »Bei uns wurden keine Ab- rin erklärt, dass die Abgassysteme in den sche am Montag auf den Weg zu seiner Li-
gaswerte manipuliert«, hatte er nach Aus- Fahrzeugen des Daimler-Konzerns den ge- mousine. Dort empfing ihn eine Schar von
bruch der Dieselkrise betont. Kann er die- setzlichen Bestimmungen entsprächen. Journalisten. Zetsches Leute hatten zuvor
ses Versprechen nicht halten, könnte ihn Auch im eigenen Haus wächst der im Ministerium angefragt, ob man nicht
das den Job kosten. Druck auf den Vorstandschef. Kurz nach im Hof parken könne. Dort, wo keine Ka-
Bislang galt der Daimler-Chef als Pop- seinem Besuch beim Minister erhielt der meraleute hinkommen.
star unter den Autobossen. Mal trat er mit Daimler-Boss einen Anruf seines Betriebs- Scheuers Mitarbeiter lehnten ab.
flottem T-Shirt auf (»Do epic shit«), mal ratschefs Michael Brecht. In den Daimler- Simon Hage, Gerald Traufetter
traf er sich mit Schauspieler Arnold Werken greife »die Angst um sich«, erklär-

61
Wirtschaft

auf alle Onlineanbieter übertragbar ist, aber

Gefährliche Bestellung offensichtliche Schwachstellen aufzeigt.


Getestet wurden insgesamt 24 Kosme-
tikartikel, die bei Amazon Marketplace
angeboten wurden: von der Fettverbren-
Handel Das Geschäft mit Kosmetika im Internet boomt. Eine nercreme über Brustvergrößerungsöl bis
Stichprobe bei Amazon Marketplace zeigt: Viele Artikel dürften nicht zur schwarzen Gesichtsmaske. Alle sind
verkauft werden, manche sind sogar gesundheitsgefährdend. sogenannte Topseller-Produkte, also Arti-
kel, die besonders häufig geordert wurden.
Die wenigsten davon findet man hierzu-
lande im stationären Handel – und das of-
fenbar aus gutem Grund.
Bei den 24 getesteten Produkten wur-
den insgesamt 93 Einzelverstöße gegen die
EU-Kosmetikverordnung festgestellt. Ge-
rade einmal zwei Produkte waren unein-
geschränkt in Deutschland als »verkehrs-
fähig« einzuordnen.
Das Unternehmen Sefiro aus Schleswig-
Holstein, das die Produkte bestellt und
überprüft hat, ist auf Qualitätstests für
Konsumgüterhersteller und Handelsunter-
nehmen spezialisiert. »Die Ergebnisse die-
ser Stichprobe sind erschreckend«, sagt
Sebastian Fischer-Rombach, Leiter von
Sefiro. »Die Verbraucher bezahlen viel
Geld für die Produkte, aber mitunter wer-
den sie schlicht getäuscht.«
Die Auswertung der Laboranalysen zei-
gen, wie lückenhaft der Verbraucherschutz
bei Kosmetikartikeln funktioniert, die
über Onlineshops vertrieben werden. Die
Verbraucher können über Amazon Mar-
ketplace offenbar Produkte erwerben, die
Kosmetik aus dem Internet Anteil am Gesamtumsatz in Deutschland in der EU überhaupt nicht zugelassen sind.
2015 7,5 % 1,4 Mrd. € Und ahnen nichts davon.
Drei Beispiele aus der Stichprobe:
2016 8,8 %
Das »Weisy Breast Ätherisches Öl« ver-
2017 Quelle: Handelsverband Deutschland, »HDE Online-Monitor 2018« 10,1 % sprach eine »Thorax-Verbesserung«, in die-
sem Fall die Brustvergrößerung. Das Öl
enthielt vier verschiedene, nicht deklarier-
te Allergene.

E s gibt Pessimisten, die behaupten,


ein frei verkäufliches Mittel, das
wirklich gegen Haarausfall helfe, sei
nirgends zu erwerben. Und es gibt das
Inzwischen hat Amazon das Produkt
von seiner Website genommen. Der On-
linehändler gibt jedoch keine Auskunft
darüber, ob der Anbieter aus Asien ge-
Im »Honolulu Bronzing Powder« wur-
den spezielle Konservierungsstoffe nach-
gewiesen, sogenannte Parabene, die über
der zulässigen Höchstkonzentration lagen.
Internet. Allein bei Amazon erhält man sperrt wurde oder die bisherigen Käufer Auch die in Deutschland geltenden Blei-
mit dem Suchwort »Haarwuchs« auf An- des Produkts vor dem Gebrauch des ver- werte wurden überschritten.
hieb 800 Treffer – die meisten verspre- keimten Mittels gewarnt worden sind. Beim »Arganöl Shampoo gegen Haar-
chen wahre Wunder. Das Geschäft mit der Schönheit boomt. ausfall« stimmte das gelieferte Produkt
Auch das Produkt »LuckyFine« soll die Rund 14 Milliarden Euro setzte die Beauty- nicht einmal mit dem auf Amazon Mar-
Haare wieder sprießen lassen. Das un- industrie 2017 in Deutschland mit »Schön- ketplace beworbenen Mittel überein. Das
scheinbare Fläschchen mit den chinesi- heitspflegemitteln« um, der Markt wächst Shampoo enthielt zwar viele nicht dekla-
schen Schriftzeichen wurde mit den seit Jahren. Jede dritte Frau in Deutschland rierte Inhaltsstoffe – das namensgebende
Schlagwörtern »pflanzlich« und »chine- hat schon einmal Kosmetik im Internet ge- Arganöl allerdings war nicht dabei.
sische Kräutermedizin« auf Amazon kauft. Tendenz steigend. Allein Amazon Schwerer noch wiegen oft Details, die
Marketplace beworben. 30 Milliliter für soll Schätzungen zufolge mit Drogerie- und nebensächlich klingen, im Ernstfall aber
9,99 statt 19,98 Euro. Kosmetikartikeln einen Umsatz von mehr gravierende Folgen haben können. Ist
Bei einer Laboranalyse stellte sich je- als 700 Millionen Euro im Jahr machen. nicht einmal eine in der EU ansässige Per-
doch heraus, dass das Mittel so stark mit Theoretisch ist der Kauf im Internet so son oder Firma genannt, die für mögliche
pathogenen Keimen belastet war, dass es sicher wie im Geschäft. Die EU-Kosmetik- Rechtsverstöße haftet, ist zu befürchten,
gesundheitsgefährdend war und aus dem verordnung ist besonders streng, und natür- dass die Produkte auch nicht beim Cosme-
Verkehr gezogen werden musste. Auch lich gelten die Regeln auch für Artikel, die tic Products Notification Portal der EU
eine zweite Probe war belastet. Das Labor online verkauft werden. Die Frage ist bloß: registriert sind. Dort werden alle Inhalts-
informierte daraufhin die Behörden sowie Wer prüft die Einhaltung der gesetzlichen stoffe kosmetischer Produkte hinterlegt.
Plattformbetreiber Amazon und wies auf Grenzwerte? Dem SPIEGEL liegen Labor- Verschluckt ein Kind ein solches Kosmeti-
die Verbrauchergefährdung hin. analysen zu einer Stichprobe vor, die nicht kum, können die Giftnotrufzentralen ent-

62 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


IN DER SPIEGEL-APP

sprechende Informationen über die Zu- den Produkten auf aktuelle Trendproduk-
sammensetzung des Produkts abrufen. te, bei denen Probleme bereits bekannt
Amazon teilt zu der Stichprobe schrift- oder naheliegend seien, wie zuletzt etwa
lich mit: »Die Sicherheit der Kunden hat Zahnbleichmittel oder Gele und Lacke für
oberste Priorität, wir möchten, dass unsere künstliche Fingernägel. »Der Onlinehan-
Kunden jederzeit mit Vertrauen bei Ama- del ist natürlich ein Eintrittskanal für Pro-
zon einkaufen.« Auf die einzelnen Fragen dukte, die es sonst nie auf den deutschen
zu konkreten Produkten geht der Konzern Markt schaffen würden«, sagt Raschke.
nicht ein, obwohl Amazon die Prüfergeb- Einige Wettbewerber wollen das nicht
nisse von Sefiro vorliegen. Im Amazon- hinnehmen. Und so kommt es, dass sich
Statement heißt es, man habe »bereits Unternehmen, die sonst Konkurrenten
einige der angeführten Produkte ent- sind, zusammentun. Die Geschäftsführer
fernt« – aber es wird nicht benannt, wel- der zwei größten deutschen Drogerieket-
che Produkte dies konkret sind und welche ten, dm und Rossmann, Christoph Werner
weiterhin, trotz bekannter Mängel, be- und Raoul Roßmann, und Tina Müller,
stellt werden können. Warum? »Die Unter- Chefin der Parfümeriekette Douglas, hat-
suchung der Produkte läuft noch.« ten die zuvor erwähnte Amazon-Stichpro-
Ganz allgemein erklärt Amazon: »Wir be bei Sefiro in Auftrag gegeben. Die Er-
überprüfen die auf unserer Website gelis- gebnisse schickten sie Mitte Mai in einem
teten Produkte mit Blick auf Sicherheits- Brief nach Berlin. Das vierseitige Schrei-
bedenken, und sofern notwendig entfer- ben ging an die Ministerinnen Katarina

AKG
nen wir ein Produkt und wenden uns an Barley (Justiz und Verbraucherschutz) und
Verkäufer, Hersteller und Behörden, um Julia Klöckner (Ernährung und Landwirt-
mithilfe zusätzlicher Informationen even- schaft) sowie an die Staatsministerin für
Digitalisierung, Dorothee Bär.
»In ihrem Koalitionsvertrag hat sich die
»Ein so großer Player wie Bundesregierung dazu bekannt, ›den Ver-
Amazon darf sich bei so braucherschutz auch in der digitalen Welt
sicherzustellen‹«, schreiben die Händler.

LUCA ZANETTI
gravierenden Vorwürfen Internetverkaufsplattformen wie Ebay
nicht wegducken.« oder Amazon Marketplace böten jedoch
»beste Möglichkeiten, in Deutschland Wa-
ren zu verkaufen, ohne sich um die gelten-
tuelle weitere Maßnahmen zu ergreifen.« den Vorschriften kümmern zu müssen«.
Wie häufig das passiert, wie viele Verbrau- Dann kommen sie zum Kern: Es erschei-
cher sich zuletzt mit konkreten Beschwer- ne ihnen »äußerst befremdlich«, dass
den an den Kundendienst gewandt ha-
ben – darauf gibt Amazon keine Antwort.
»auch das kleinste Geschäft mit aller not-
wendigen Strenge kontrolliert« werde,
Auf Humboldts
»Gerade ein so großer Player wie Ama-
zon darf sich bei so gravierenden Vorwür-
während es »Schwergewichten des Online-
handels ohne Weiteres möglich ist, frei von
Spuren
fen nicht wegducken«, sagt die promovier- jeder staatlichen Aufsicht zu handeln«. Im Jahr 1800 war Alexander von
te Chemikerin Kerstin Etzenbach-Effers Douglas, Rossmann und dm fordern
Humboldt einer der Ersten, die den
von der Verbraucherzentrale in Nordrhein- eine Mithaftung der Plattformanbieter –
Westfalen. »Unzureichende Informatio- und einen Rechtsrahmen auf EU-Ebene, Orinoco erkundeten. Längst ist der
nen bei einer Produktbestellung sind ein »der es den Überwachungsbehörden er- Fluss erforscht. Doch auch heute noch
häufiges Problem im Onlinehandel.« möglicht, neue Vertriebswege des digitalen gibt es abgelegene Siedlungen, fast
Ende Januar hat deshalb das Kammer- Zeitalters ebenso effektiv zu kontrollieren vergessen von der Zivilisation. Hier
gericht Berlin geurteilt, dass auch ein On- wie den stationären Handel«. geht die kolumbianische Fotografin
linelieferservice verpflichtet sei, Kunden Bislang gibt es da offensichtlich noch Lü- Juanita Escobar auf Entdeckungsreise.
vor der Bestellung von Kartoffelchips, Tief- cken. Amazon beispielsweise verpflichtet Unsere Visual Story erzählt, wie
kühlpizzen oder Schokoriegeln im Inter- laut eigenen Angaben zwar alle Verkäufer Humboldt den Strom erlebte, wie die
net über Zutaten und Allergene der ange- dazu, »unsere lokalen Verkaufsbedingun- Menschen heute am und mit dem Fluss
botenen Lebensmittel zu informieren. gen« zu beachten. Wie engmaschig die Ein-
leben und warum eine Reise auf dem
Doch die deutschen Behörden scheinen haltung dieser Regeln jedoch von Amazon
überfordert damit, die Flut der Angebote überprüft wird, weiß niemand. Die Market-
Orinoco noch immer zu einer Expedition
im Netz zu kontrollieren. Hinzu kommt: place-Stichprobe legt zumindest nahe, dass ins Unbekannte werden kann.
Die Kontrolle ist Ländersache. Der Wohn- Amazons interne Kontrollmechanismen
ort des Verbrauchers entscheidet über die das ein oder andere Schlupfloch aufweisen. Sehen Sie die Visual Story im digitalen
Zuständigkeit. »Wir können eigentlich im- Simone Salden SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
mer nur Ausschnitte betrachten«, sagt Mail: simone.salden@spiegel.de
Dennis Raschke. Er leitet die Bund-Län-
der-Kontrollstelle für den Internethandel
beim Bundesamt für Verbraucherschutz Video
So erkennen Sie
und Lebensmittelsicherheit. Das Amt gehe unseriöse Angebote
bei seinen Recherchen daher »risikoorien- spiegel.de/sp232018amazon
tiert« vor, man konzentriere sich neben oder in der App DER SPIEGEL
Recherchen zu akut gesundheitsgefährden- JETZT DIGITAL LESEN

63
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

Wirtschaftsingenieur Kiesel
»Was wollen die von mir?«

64
Wirtschaft

Das Düsentrieb-Dilemma
Berufe Der Ingenieur ist der Stolz der Nation, er verkörpert das Gütesiegel
»made in Germany«. Doch Abgasskandal und BER-Debakel kratzen am Mythos, Digitalexperten
laufen den Technikern den Rang ab. Die Erfinder müssen sich neu erfinden.

»Ich bin Ingenieur, Herr Doktor«, mit den Anforderungen zurecht, die in der schrieben »vom Glück, Ingenieur zu sein«,
antwortete Hans Castorp mit beschei- Arbeitswelt heute gestellt werden. Wie so ist ein Kapitel überschrieben. Der Beruf
dener Würde. »Ah, Ingenieur …« aber mag es da erst Kiesels älteren Kolle- habe ihm alles gegeben, was ein Mensch
Thomas Mann: »Der Zauberberg« (1924) gen gehen, von denen manche ausgebildet sich wünschen mag: Erfüllung, Anerken-
wurden, als die Lochkarte der gängige Da- nung, Wohlstand. Er könne nur jedem

R
tenträger war? dazu raten, diesen Weg einzuschlagen,
aphael Kiesel würde anecken, Viele von ihnen leben noch in der Welt auch wenn das vielleicht nicht als be-
das war klar, Kiesel war nervös. von Taschenrechner und Millimeterpapier, sonders cool gelte.
Der junge Mann stand am Pult sie haben den Übergang ins 21. Jahrhun- Schulz studierte Ende der Sechzigerjah-
im Hörsaal der Technischen Uni- dert verpasst. Der deutsche Ingenieur, ob re in Clausthal im Harz Eisenhüttenwesen.
versität Berlin, vor ihm die Professoren, erfahren oder neu im Job, bedarf der Rund- Schmerzhaft habe er, der Technikstudent,
die meisten Ingenieur wie er, aber eine Ge- erneuerung. Er ist reif für den Neustart. damals feststellen müssen, »dass Geistes-
neration älter. Kiesel, Jahrgang 1991, bat Dies mag schwer zu glauben sein, da wissenschaftler in Dutschke-Deutschland
um Verständnis für das, was er zu sagen sein Image lange tadellos war, das Anse- deutlich mehr Sex-Appeal verströmten«.
habe. Dann legte er los. hen enorm. Der deutsche Ingenieur gilt Er sei »nicht ganz frei von Neid« gewesen,
Kiesel sprach im März auf einem Kon- als Inbegriff von Präzision und Perfektion. so schreibt er, wenn »die flotten Denker
gress zur Qualität der Ingenieursausbil- Er verkörpert wie kein anderer das Güte- mit den langen Haaren« von Mädchen um-
dung, ein schlanker, junger Mann, der et- siegel »made in Germany«. Er steht für schwärmt worden seien. Stattdessen habe
was vom Rock-’n’-Roller Buddy Holly hat, ausgereifte Produkte, die verlässlich funk- er sich an mathematischen Gleichungen
wenn er über das Horngestell blickt. Er er- tionieren und ewig halten. Deshalb bezah- berauscht und an der Freude, Beständiges
zählte, dass er in Aachen Wirtschaftsinge- len Kunden überall auf der Welt anstands- zu schaffen, das vielen nütze.
nieur mit Fachrichtung Maschinenbau stu- los etwas mehr für den Miele-Wäschetrock- Schulz ist ein Ingenieur alter Schule.
diert habe und nun dort am Fraunhofer- ner oder die Mercedes-S-Klasse als für Ihn begeistert die Arbeit an Dingen – das
Institut arbeite. Und er berichtete, was ihm Konkurrenzprodukte. Digitale ist ihm fremd geblieben. »Ich
einst widerfahren war, als er Kontakt mit Mit seiner Neugier, seiner Hartnäckig- bin eben ein Digital-Oldie«, sagt er frei-
der Unternehmenswelt hatte, erstmals keit und einem schier unerschütterlichen mütig. Da geht es dem Industrieveteranen
überhaupt. Glauben an die Kraft des Fortschritts wie vielen anderen Ingenieuren, auch sol-
Die Leute hätten von »MongoDB« und scheint er zu jedem noch so kniffligen Pro- chen, die jünger sind als er. Sie können
»SQL« geredet, von den Vor- und Nach- blem eine praktikable Lösung zu finden. wenig anfangen mit Themen, die über-
teilen solcher Datenbanksysteme. »Was »Geht ein deutscher Techniker mit ein paar nächste Woche in Hannover die Compu-
wollen die von mir?«, habe er sich gefragt. Konservendosen in den Urwald, kommt termesse Cebit bestimmen: mit künst-
Er hatte an einer Spitzenuni studiert, Zeit er mit einer Lokomotive heraus«, prahlte licher Intelligenz, Datenanalyse oder der
in den USA, in Frankreich, in China ver- einmal der Motorenbauer Felix Wankel Blockchain. Mit der Dynamik, die alles
bracht – und dann so etwas: »Ich fühlte mit imperialer Arroganz. Daran stimmt umkrempelt, können viele kaum Schritt
mich überfordert.« zumindest, dass Technikern hierzulande halten.
Nun rächte sich, dass Computertechno- immer wieder erstaunliche Innovationen Der Ingenieur weiß zwar alles über
logien in seinem Studium keine große Rol- gelungen sind, der Kunststoff-Spreizdübel Maschinen – aber wenig darüber, wie sie
le gespielt hatten. 210 Leistungspunkte zum Beispiel und der Airbag. in der digitalen Wirtschaft funktionieren.
musste er für den Bachelor erbringen, Ekkehard Schulz, 76, früher Vorstands- Er beherrscht die Gesetze der Mechanik
nur 6 davon waren für Informatik vorge- chef von Thyssenkrupp, hat ein Buch ge- aus dem Effeff – doch ihm fehlt vielfach
sehen. Über Mathematik und Mechanik das Verständnis für Algorithmen oder
hatte Kiesel eine Menge erfahren – aber Quellcodes. Er lebt in dem Glauben, er
zu wenig über das, was er so dringend be- Ingenieure in Deutschland, erwerbstätig liefere die beste Qualität und die neuesten
nötigte: Verständnis fürs Digitale. Frauenanteil Technologien – obwohl ihm oft genug
Die Reaktion im Auditorium? Erst Stille. 17,8% Wettbewerber aus Fernost den Rang ab-
Dann, zum Erstaunen Kiesels, Zustim- 14,7 % laufen.
mung. Die Lehrpläne seien reformbedürf- Der deutsche Ingenieur denkt verbreitet
tig, sagte einer. »Unsere ganzen Strukturen noch in den Gewissheiten von gestern, da-
stimmen nicht mehr«, rief ein anderer ins 2005 2014 bei ist er längst mit den Herausforderun-
Plenum. Da passte es irgendwie, dass es
im Hörsaal spürbar kühler wurde: Die Hei-
1,4 Mio. 1,8 Mio. gen von morgen konfrontiert. Das ist das
Dilemma, in dem er gefangen ist.
zung war ausgefallen. Theoretisch lassen sich solche Defizite
Selbst Ingenieure frisch von der Hoch- Quelle: beseitigen. »Dem Ingenieur ist nichts zu
schule kommen offensichtlich nur schwer VDI, 2017 schwer«, heißt es im »Ingenieurlied« von

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 65


Wirtschaft

1871. Doch der Anspruch deckt sich nicht Software entwickelten, mit der sie ver- Damals legten Ingenieure wie Benz das
ganz mit der Wirklichkeit. tuschten, dass dieser Motor mehr Stick- Fundament für das erste Wirtschaftswun-
Rund 1,8 Millionen erwerbstätige Inge- oxide ausstieß, als die verschärften Grenz- der in Deutschland. Sie bauten Unterneh-
nieure gibt es in Deutschland. Gerade mal werte erlaubten. men auf, die zum Teil noch heute eine füh-
jeder vierte besucht innerhalb eines Jahres Mag sein, dass man die Skandale in rende Rolle spielen. Sie haben großen An-
eine Weiterbildung, in anderen Disziplinen Wolfsburg, Berlin oder Köln nicht dem In- teil daran, dass die Deutschen zu solchem
ist es jeder Dritte; nur wenige unterziehen genieur anhängen darf, sondern eher das Wohlstand gelangt sind – und mit welchen
sich der Mühe, Erfahrungen im Ausland zu Handeln von Managern oder auch Politi- Tugenden sie verbunden werden: mit Fleiß,
gewinnen. Dafür aber verdient der Inge- kern zu hinterfragen ist. »Gäbe es dort Zuverlässigkeit, Qualitätsstreben. Inge-
nieur im Schnitt recht gut, zwischen rund mehr technologische Kompetenz, wäre nieure haben dem Land ihren Stempel auf-
65 000 und 70 000 Euro im Jahr. Viele ha- dies hilfreich«, verteidigt Ralph Appel, Di- gedrückt.
ben schon ein reiferes Alter erreicht, jeder rektor des Vereins Deutscher Ingenieure Die Verknüpfung von Wissenschaft und
zweite ist jenseits der 50. Und zu rund (VDI), seine Profession. Ingenieure genös- Wirtschaft sei international einzigartig,
82 Prozent ist er ein Er. Kurzum: Der deut- sen ein ähnlich hohes Ansehen wie Ärzte sagt Helmuth Trischler, Forschungsleiter
sche Ingenieur ist zu provinziell, zu alt, zu oder Pfarrer, sagt er, nach wie vor. des Deutschen Museums. Die Verbindung
männlich, zu analog. Natürlich hört aber auch Appel, dass erkläre, warum aus »made in Germany«
»Sich neu erfinden«, der Spruch ist et- sich manche Mitglieder Sorgen machen diese Erfolgsgeschichte geworden sei.
was abgegriffen, in diesem Fall aber be- um das Image des Berufsstandes. Auch an- Erstmals seit der Eröffnung des Hauses
schreibt er treffend die Herausforderung: derswo in der Welt fragt man sich: Was ist 1925 wird der Bau auf der Isarinsel grund-
Die Erfinder müssen sich neu erfinden. Es los mit »German Engineering«? Ist der In- saniert. Auch die Ausstellung erhält ein
ist höchste Zeit, dass die Düsentriebe eine genieur dabei, seinen Ruf zu verspielen? neues Konzept, und daran wirkt Trischler
neue Raketenstufe zünden. Sonst verlieren mit. Glänzende Maschinen bestaunen zu
sie den Anschluss. Und ihren Nimbus. lassen genüge nicht mehr, sagt er. Der Pro-
Die prägende Vergangenheit
Wenn Ingenieure heute Nachrichten ma- fessor möchte die historischen Ikonen le-
chen, dann nicht selten mit folgenschweren Im Ehrensaal des Deutschen Museums in bendig werden lassen, mit dem Einsatz
Fehlleistungen. München sind die Helden der Technik von Virtual-Reality-Brillen. Die Besucher
‣ In Köln wird der Prozess um den Ein- versammelt, in Marmor gemeißelt oder in sollen spüren, wie es sich anfühlt, das
sturz des Stadtarchivs vor neun Jahren Öl gemalt: Werner von Siemens, Gottlieb Mondauto zu fahren oder den Lilienthal-
geführt. Zu den Angeklagten gehören Daimler, Carl von Linde und gut drei Dut- Gleiter zu fliegen. »Wir stellen quasi ein
Ingenieure, sie sollen, so der Vorwurf, zend weitere Persönlichkeiten. Erhaben digitales Museum neben das reale.«
den Pfusch beim Ausschachten der Bau- blicken sie ins Oval, erfüllt von Ingenieurs- Wenn voraussichtlich 2025 alles fertig
stelle übersehen haben. stolz. ist, wird das Museum kaum wiederzuer-
‣ In Berlin haben zeitweise fast 70 Inge- Ihre Meisterwerke sind im Museum zu kennen sein. Die Veränderung ist nach
nieurbüros am Bau des Flughafens BER besichtigen: Siemens’ Dynamo von 1866, Trischlers Ansicht auch Sinnbild für den
mitgeplant. Das Ergebnis ist ein Desas- mit dem sich erstmals günstig Strom er- Umbruch, den der Ingenieur zu meistern
ter: Die Pannen nehmen kein Ende, die zeugen ließ. Daimlers Einzylinder-Vier- habe. Er könne nicht wie bisher bloß seine
Fertigstellung verzögert sich Jahr um taktmotor von 1885 zum Antrieb von Boo- Technik anbieten und warten, dass ihm
Jahr. Das Projekt ist zum Symbol tech- ten und später Vierrädern: Er markierte die Kunden alles abkauften. Und er müsse
nischen Versagens geworden. den Beginn des Autozeitalters. Oder Lin- die Chancen der Digitalisierung nutzen.
‣ In Wolfsburg hat der Abgasskandal VW des Kältemaschine von 1871, Vorläufer des Dies freilich bedeutet die Abkehr von
in eine Imagekrise gezogen. Mit der Ma- modernen Kühlschranks. vielem, was der Ingenieur an seinem Beruf
nipulation von Emissionswerten haben Ende des 19. Jahrhunderts haben solche so schätzt. Von jeher konzentriert er seine
VW-Ingenieure die gesamte Branche dis- Firmengründer die Weichen dafür gestellt, Kraft und sein Können darauf, fassbare
kreditiert. »Vorsprung durch Technik«, dass Deutschland seine industrielle Prä- Produkte herzustellen, geformt aus Eisen,
der Slogan der Konzerntochter Audi, gung erfuhr. Es war die Zeit der »neuen Stahl oder Beton. Nun werden plötzlich
klingt heute wie Hohn. Industrien«: Chemiegewerbe, Elektrotech- Daten wichtiger als Dinge, wird Software
Die Dieselaffäre zeigt, wie nahe bei- nik, Metallindustrie, später auch Fahrzeug- wertvoller als Hardware, bekommt jeder
einander Genie und Versagen, Lässigkeit bau. Technische Hochschulen wurden er- Gegenstand erst dann einen Wert, wenn
und Nachlässigkeit liegen. Es waren Inge- öffnet, sie versorgten die Unternehmen die Kunden ihn vernetzen. Das allein
nieure, denen es Ende der Achtzigerjahre mit Fachkräften. Der Autopionier Carl schon bedeutet für einen Ingenieur eine
gelungen war, den sprichwörtlich lahmen Benz erinnerte sich begeistert an seine Zeit Zumutung.
Diesel in einen flinken und verbrauchs- am Karlsruher Polytechnikum: »Da wurde Vor allem aber setzt die Digitalisierung
armen Antrieb zu verwandeln. Es waren entworfen, konstruiert, differenziert und ihn unerwarteter Konkurrenz aus. Die
aber auch Ingenieure, die Jahre später eine integriert, dass es eine Freude war.« neuen Wettbewerber sind mit ihrer Daten-

Deutscher Ingenieursgeist
1866 1876 1885 1887

Generator Kühlschrank Motorrad Schallplatte


A KG / S C I E N C E P H OTO L I B R A R Y

Werner Siemens Carl Linde Gottlieb Daimler erfindet Emil Berliner gelingt die
baut einen Strom- fertigt einen zweirädrigen »Reit- Tonaufzeichnung auf einer
erzeuger nach elektrische wagen« mit Verbrennungs- spiralförmig eingeritzten
dem dynamo- Kältemaschinen motor. Ein halbes Jahr Platte. Das erzeugte
elektrischen mit Ammoniak- später meldet Carl Benz Muster kann vervielfältigt
DAI M LE R AG

Prinzip. Kühlkreislauf. das erste Auto zum und auf einem »Grammo-
Daimler-»Reitwagen« Patent an. phon« abgespielt werden. Berliner, Grammophon

66 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


kraft in der Lage, altbewährte kann, sie erkennen Fehler und
Geschäftsmodelle förmlich zu vermeiden sie. Dieses Prinzip
zertrümmern. Die Beumer bedeutet eine kleine Revolution
Group, ein Anlagenbauer aus für einen Ingenieur, es stellt sei-
Beckum im Münsterland, hat ne gewohnten Arbeitsabläufe
erlebt, was die viel zitierte Dis- auf den Kopf.
ruption in der Praxis bedeutet. Bislang begann er damit,
Bauteile zu entwerfen, sie zu
fertigen, zu einem Produkt zu-
Die digitale
sammenzusetzen und dann zu
Transformation
testen. Nun wird zunächst ein
Beumer stellt Transporttechnik Digitalmodell des gesamten
her, die Bänder sind auf Flug- Systems geschaffen und ge-
häfen von Frankfurt bis Singa- prüft, ob es läuft. Erst dann wer-
pur im Einsatz. Das Unterneh- den die Einzelteile real gefer-
men ist einer dieser kaum be- tigt. Eine Konsequenz: Die Be-
kannten Weltmarktführer, die rufserfahrung des Ingenieurs
in ihrer Region verwurzelt sind. verliert dramatisch an Wert.
Mitten auf dem Werksgelände Noch eine Stufe weiter wird
in Beckum steht die Gründer- das physische Produkt zur Ne-
villa, ein Backsteinbau mit bensache. Entscheidend sind
Buchsbaumkegeln an der Pfor- dann die Betriebsdaten, die
te. Daneben unterhält der Se- die Hardware liefert, daraus
niorchef einen Taubenschlag. werden Geschäftsmodelle ent-
Vor einigen Jahren produ- wickelt: Ein Kompressoren-
zierte Beumer auch CD-Sortier- hersteller verkauft nicht mehr
anlagen, bis Musik-Streaming- Geräte, sondern rechnet die

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


dienste die Compact Disc über- erzeugte Druckluft ab.
flüssig machten. »Von heute auf Die Daten werden zum
morgen war das Geschäft kom- Trumpf in der digitalen Ökono-
plett weggebrochen«, erinnert mie, die Dinge verlieren an Be-
sich der Manager Johannes deutung, oder sie werden sogar
Stemmer. Spotify hatte es Beu- überflüssig, wie es Beumer mit
mer weggenommen. Digitalchef Stemmer seinen CD-Sortieranlagen er-
Stemmer, Jahrgang 1985, hat »Von heute auf morgen war das Geschäft komplett weggebrochen« lebt hat. So etwas könne jeder-
in Hannover Maschinenbau stu- zeit wieder passieren, sagt Di-
diert, Schwerpunkt Mechanik, gitalchef Stemmer, auch im
»ganz klassisch«, sagt er. Seitdem hat er timale Route zwischen Be- und Endlade- Kerngeschäft, zum Beispiel bei den Ge-
noch vieles dazugelernt, was nicht in der punkt. »Hier wird aus dem physischen Pro- päckfördersystemen an Flughäfen.
Uni vorkam. Stemmer soll das Unterneh- dukt ein cleveres System«, sagt Stemmer. Sein Szenario: Angenommen, ein Dienst-
men ins digitale Zeitalter führen. Es ist ein Dies beschreibt den Umbruch, der die leister verspräche, Gepäck sicher und
weiter Weg. deutsche Industrie und ihre Ingenieure he- pünktlich von A nach B zu transportieren.
Beumer ist ein ingenieurgetriebener An- rausfordert. Die Transformation verläuft Dann müsste der Passagier den Koffer
lagenbauer, wie schon der Blick in die Pro- mehrstufig. Typischerweise beginnt sie nicht mehr zum Flughafen schleppen, das
duktion verrät. Da wird gehämmert, ge- damit, dass Unternehmen ihre Produkte Gepäckstück würde frühzeitig abgeholt
bohrt, geschweißt, Blechteile liegen auf mit Sensoren ausstatten, um sie aus der und mit Bussen, Bahnen, Schiffen oder
dem Boden, bereit zum Lackieren, es Ferne überwachen zu können. Sie können Frachtfliegern zum Zielort befördert – vor-
riecht nach Öl und Metall. Störungen identifizieren, teilweise noch bei an Beumers Bändern.
Beumer ist aber auch ein IT-Unterneh- bevor sie auftreten. Tatsächlich existiert bereits eine Platt-
men, wie eine Halle weiter im Testlabor zu Die nächste Stufe: Konstrukteure er- form namens Dufl, die einen ähnlichen
sehen ist. Dort transportieren Fahrzeuge, schaffen am Rechner ein virtuelles Abbild Service anbietet. Noch haben solche
die Autoscootern ähneln, Koffer über ein ihrer Maschine, einen digitalen Zwilling. Unternehmen nicht die Größe von Spotify,
Schienensystem. Die Wagen sind vernetzt An ihm simulieren sie schon in der Entwick- sagt Stemmer, aber man sei wachsam:
und entscheiden selbstständig über die op- lungsphase, wie die Anlage funktionieren »Die Idee, Passagier und Koffer zu entkop-

1895 1902 1903 1925 1928

Röntgenstrahlen Zündkerze Isolierflasche Kleinbildkamera Tonband


Wilhelm Conrad Rönt- Gottlieb Honold, Reinhold Burger stellt Oskar Barnack präsentiert Fritz Pfleumer erfindet
gen entdeckt für das Ingenieur in der beschichtete doppel- einen auf einer Spule auf- die Tonaufzeichnung auf
Auge unsichtbare Strah- Werkstatt von Robert wandige Glasgefäße gewickelten Negativfilm einem magnetbeschich-
W I LH E L M RÖ N TG EN

lung, die organisches Bosch, entwickelt zum Warm- und Kalt- aus Zelluloid. Fortan teten Bandstreifen.
SVEN BURGER

Gewebe durchdringt. den Hochspannungs- halten von Getränken gibt es handliche Foto- Ein Rekorder (»Magneto-
Magnetzünder für oder Speisen her. kameras für jedermann. phon K1«) folgt Mitte der
Handaufnahme von 1896 Ottomotoren. Thermos-Behälter Dreißigerjahre.

67
peln, ist für unser Geschäft BMW, Thyssenkrupp, Lufthan-
hochgradig disruptiv.« sa, RWE, Linde, Infineon, Vono-
Beumer will nicht noch ein- via und Daimler. Noch größe-
mal überrumpelt werden. Das ren Einfluss üben Ingenieure
Unternehmen hat sich in der im industriellen Mittelstand
Factory eingemietet, einem aus. Die Abkürzung »Dipl.-
Campus der Start-up-Szene in Ing.« steht oft auf der Visiten-
Berlin-Mitte. Dort sollen Digi- karte von Geschäftsführern im
talexperten Trends aufspüren, Maschinenbau. Und dennoch:
die die Ingenieure in der Zen- Der Einfluss der IT-Experten
trale noch nicht auf dem Schirm wächst in allen Firmen, die viel
haben. mit Technik zu tun haben. Das
ist auch bei Bosch spürbar, wo
die Ingenieurskultur so tief wur-
Ringen um die
zelt wie in kaum einem ande-
Leitkultur
ren Konzern.
Zwischen Beckum und Berlin Zwar verdient Bosch sein
liegen 440 Kilometer – in man- Geld in erster Linie mit dem
cherlei Hinsicht aber trennen Verkauf von Autokomponen-
die Standorte Welten. Hier der ten. Die Hoffnungen ruhen nun
Diplom-Ingenieur, dort der aber darauf, dass neue, digitale
Computer-Nerd, hier der Ar- Geschäftsmodelle ebenso lukra-
beitskittel, dort der Hoodie, hier tiv sein werden. Rund 25 000
der Kaffee, dort der Matetee: Es Software- und IT-Spezialisten
klingt verdächtig stereotyp, aber hat das Unternehmen angeheu-
in der deutschen Betriebswirk- ert. »Wir können sowohl Hard-
lichkeit lassen sich solche Gegen- ware als auch Software«, sagt

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


sätze oft genug beobachten. Konzernchef Volkmar Denner.
In vielen deutschen Betrie- Eine zentrale Management-
ben prallen Kulturen aufeinan- aufgabe für ihn besteht nun da-
der. Ingenieure streben danach, rin, altgediente Ingenieure für
die perfekte Maschine zu kon- die neuen Aufgaben zu begeis-
struieren, die ewig läuft. Soft- tern – und jungen Nachwuchs
wareentwickler erheben den KI-Expertin Kothe aus der Digitalszene für Bosch
Anspruch gar nicht erst: Sie ver- »Ich wollte die Welt um mich herum erklären können« zu gewinnen.
stehen ihre Arbeit als Prozess,
bei dem notwendigerweise Feh-
ler passieren, die sich aber mit Updates be- Mittag, da sind unsere Techniker schon Suche nach Tech-Talenten
heben lassen. vier Stunden am Arbeiten. Das sind ein- Berlin, der alte Dresdner Bahnhof am
Ein Kühlschrank wird konstruiert, da- fach ganz andere Typen.« Gleisdreieck: Bosch hat rund 700 Entwick-
mit er jahrzehntelang hält. Ein Programm Daraus spricht, wie genervt viele Inge- ler, überwiegend Studenten, zu einem
wird geschrieben, um es manchmal schon nieure von den neuen Stars im Hause sind. »Hackathon« eingeladen, er ist Teil der
nach Tagen zu erneuern: Auf die Version Der Kult ums Digitale verunsichert sie. hauseigenen Digitalmesse »Connected
1.0 folgt 1.1, folgt 1.2, folgt 1.3. Mit dieser Ihre Erfolgsrezepte wirken plötzlich wie World«. Im Hackathon sollen die Teams
Philosophie können sich Ingenieure alter von vorgestern. Angesagt sind Innova- innerhalb von zwei Tagen »Challenges«
Schule schwer anfreunden. Sie definieren tionsmethoden aus der Softwarewelt, sie lösen, Aufgaben für das »Internet of
Qualität anders, und auch sonst unterschei- heißen »Scrum« oder »Design Thinking«. Things« (IoT), das alle Dinge vernetzt:
det sich ihre Arbeitsweise fundamental. Sie verwenden eine andere Sprache, als Autos, Maschinen, Anlagen.
Der Ingenieur einer Schwarzwälder Ma- Ingenieure sie sprechen. Wie lange mag es Im ersten Stock des Backsteinbaus tip-
schinenbaufirma beschreibt es so: »Den also noch dauern, bis die Digitalelite in pen die Entwickler in ihre aufgeklappten
Entwicklern mit den Jesuslatschen muss der Wirtschaft das Wort führt? Rechner, sie sitzen an langen Tischen, da-
man immer wieder sagen, dass sie in der Noch ist es nicht so weit. Immerhin ste- neben sind Flipcharts aufgebaut, an ihnen
Werkhalle doch bitte Sicherheitsschuhe hen bei 9 der 30 größten Dax-Konzerne haften bunte Klebezettel. Mittendrin,
anziehen sollen. Die kommen oft erst am Ingenieure an der Spitze: bei Volkswagen, leicht zu erkennen an den flaschengrünen

1930 1931 1936 1936 1941

Fernsehen Elektronenmikroskop Düsentriebwerk Helikopter Computer


Manfred von Ardenne Ernst Ruska und Max Hans von Ohain Ein von Henrich Konrad Zuse entwi-
zeigt sein System zur Ab- Knoll erzielen mit entwickelt den Focke entworfener ckelt eine binarisch
tastung und Übertragung magnetischen Linsen ersten Turbinen- Hubschrauber arbeitende, program-
bewegter Bilder: In einer die erste elektronen- antrieb für Flug- vermag senkrecht mierbare Rechenma-
ECKHARD ETZOLD

Kathodenstrahlröhre wer- optische Vergrößerung. zeuge. zu starten und zu schine, die »Z3«.
den die Signale sichtbar. landen.
J. B R EW

Telefunken-Fernseher von 1936 Ruska-Mikroskop (Nachbau) Z3 (Rekonstruktion)

68
Wirtschaft

T-Shirts, stehen die »Hack MC«, die »Mas- nerisch 3,37 Stellen zu Auswahl. Gesucht sie direkt von der Hochschule kommen,
ters of Ceremony«, es sind IoT-Spezialis- wird am Bau, in der Vermessung oder der erst einmal einiges nachzuholen, wie der
ten, sie geben den Teams Hilfestellung. Ja- Gebäudetechnik, aber auch im Maschinen- Jungingenieur Kiesel auf der Berliner Ver-
nette Kothe ist eine von ihnen, eine Frau bau, in der Autoindustrie und der Elektro- anstaltung klargemacht hat.
Anfang dreißig, die bei Bosch Rexroth ar- technik. Also im Grunde überall.
beitet. »Hackathon, das ist wie Flöhe hü- Besonders gefragt sind Ingenieure, die
Ausbildung mit Reformbedarf
ten«, sagt sie, »aber sehr kreative Flöhe.« es verstehen, Digitalprojekte umzusetzen.
Kothe ist so ziemlich das Gegenteil des Wer Technikwissen hat und zugleich IT- Das Studium ist zu Beginn überladen mit
typischen Bosch-Ingenieurs, schon äußer- Kompetenz mitbringt, also das Beste aus Theorie, nicht wenige Studenten brechen
lich: Turnschuhe, T-Shirt, die Haartolle rot zwei Welten vereint, wird umworben wie es in den ersten Semestern ab, oft wird ih-
gefärbt. Lässig lehnt sie an einem Tisch- ein Fußballstar. nen Mathematik zum Verhängnis. Das
kicker mit der Aufschrift »KI-cker«, KI wie Wie begehrt solche Kräfte sind, machen Zahlenverhältnis von Lehrenden zu Stu-
künstliche Intelligenz. Der Automat lernt die Stellenangebote deutlich, die im Febru- dierenden hat sich in den vergangenen Jah-
mit jeder Partie dazu: »Wir trainieren ein ar bei einer Jobmesse für Ingenieure in der ren verschlechtert. Vor allem aber fehlt es
neurales Netz darauf, gegen menschliche Hamburger Handelskammer an den Stell- an Studienangeboten, die den Nachwuchs
Spieler zu kickern«, sagt Kothe. wänden angepinnt waren. Gesucht wurden darauf vorbereiten, was ihn in der Indus-
Dass sie mal leidenschaftlich gern »co- dort IT-Systemarchitekten, Data-Scientists trie 4.0 erwartet. Und was die Betriebe
den« würde, also programmieren, war zu oder Security-Spezialisten, gefragt war, von ihm erwarten.
Schulzeiten nicht absehbar. Kothe besuchte wer einen »sicheren Umgang mit Doors«, Eine digitale Strategie? »Wir haben sie
ein Gymnasium mit musischem Schwer- einer IBM-Software, vorweisen kann oder noch nicht«, räumt Hans-Ulrich Heiß, der
punkt, danach wollte sie etwas »Kenntnisse von C++«, einer Vizepräsident der TU Berlin, während der
Künstlerisches machen. Es kam
Abschlüsse von Frauen Programmiersprache. Tagung in seinem Haus ein: »Sie ist noch
anders. Mit ihrem Abitur hätte in Ingenieurwissenschaften Laut einer VDI-Umfrage un- im Entstehen begriffen.« Heiß steht im
sie fast alles studieren können, an deutschen ter Personalchefs wird sich in Lichthof des Gebäudes, an diesem Ort ver-
sie entschied sich für das Inge- Hochschulen, 2016 den kommenden fünf Jahren lieh 1899 Kaiser Wilhelm II. den techni-
nieurstudium in Dresden: »Ich die Zusammensetzung der Be- schen Hochschulen das Promotionsrecht
wollte die Welt um mich herum legschaften in Technikbetrie- für Ingenieure. Mit diesem Erlass, so Heiß,
erklären können«, sagt sie. ben deutlich verschieben. Den hätten die Ingenieure Augenhöhe mit den
Unter den rund 400 Studie- 22,5 %traditionellen Ingenieur sehen Geisteswissenschaftlern erreicht.
renden, die damals mit ihr das Frauen: 28564 sie auf dem Rückzug, sein An- Heiß ist Informatikprofessor, Spezialist
Männer: 98 374
Studium der Mechatronik und teil sinkt von 61 auf knapp für Datenbanksysteme. Er ist prädestiniert
Elektrotechnik begannen, seien 48 Prozent. Dagegen steigt der dafür, ein Digitalkonzept zu entwerfen,
genau 7 Frauen gewesen. Sie Anteil der IT-Ingenieure von 18 doch die Umsetzung fällt nicht leicht. Es
schaut in die Halle: »Heute sind Quelle: Statistisches Bundesamt auf 28 Prozent. Den idealen beginnt schon damit, dass Studenten im
es schon ein paar mehr«, sagt Kandidaten stellen sich die Per- Hörsaal daran scheitern, Dokumente zu
sie, »immerhin.« Kothe ist gern Vorbild als sonaler so vor: ein Ingenieur, der IT-Kennt- laden: Es fehlt an Hochleistungsroutern.
eine Frau, die diesen Beruf gewählt hat, nisse draufgesattelt hat, dazu ein paar Jahre Die größte Schwierigkeit bestehe aller-
auch wenn sie ungern davon Aufhebens Berufserfahrung, gern auch im Ausland. dings darin, Forschung und Lehre zu erneu-
macht: »Das sollte selbstverständlich sein.« Von solchen Profilen schwärmt jeder ern, sagt der TU-Vizepräsident: »Wir brau-
Ist es aber nicht. Von 1,8 Millionen er- der Personalmanager, die an diesem Vor- chen eine Aktualisierung des Curriculums.«
werbstätigen Ingenieuren sind rund 313000 mittag in der Handelskammer beim »Com- Den Studenten mangele es an wichtigen IT-
Frauen, das entspricht einem Anteil von pany Pitch« ihr Unternehmen präsentie- Kompetenzen, zum Beispiel auf dem Feld
knapp 18 Prozent. In Spitzenpositionen ren. Sie versuchen für »das Produkt Trieb- der Datenanalyse. Wenn man den Lehrplan
sind Ingenieurinnen noch seltener vertre- werk« zu begeistern oder die Faszination hier ergänze, bedeute dies aber zwangsläu-
ten. Eine Hoffnung gibt es: Wenn in eini- zu vermitteln, die von Gurtsystemen oder fig, an anderer Stelle zu streichen, und da-
gen Jahren die Ruhestandswelle rollt und Turbinenschaufelbeschichtungen ausge- bei stößt Heiß regelmäßig auf Widerstand:
Lücken in die Belegschaften reißt, werden hen mag. Alle legen sich ins Zeug. Doch Jeder Kollege wacht eifersüchtig darüber,
die Unternehmen nicht umhinkommen, sie ernten bloß müden Applaus. Entspannt dass seine Disziplin unangetastet bleibt.
weibliche Kräfte zu fördern. sitzen die Fachkräfte auf den Stühlen und Dieser Konflikt lähmt die Hochschulen.
Schon heute schaffen es viele Betriebe lassen sich umwerben. Deshalb sind Reformen hier mühselig
kaum, ihre Stellen zu besetzen. Der Arbeits- Selbst klangvolle Adressen der deut- und langwierig. Vor fast zwei Jahrzehnten
markt kann den Ingenieursbedarf nicht de- schen Industrie müssen sich anstrengen, hat Heiß bereits Erfahrungen damit ge-
cken, die Arbeitslosenquote liegt bei unter Tech-Talente für sich zu gewinnen. Dabei macht. Damals begann der sogenannte
zwei Prozent, jeder Jobsuchende hat rech- haben viele der Nachwuchskräfte, wenn Bologna-Prozess, die europaweite Harmo-

1951 1953 1958 1969 ab 1982

Graviergerät Videorekorder Kunststoffdübel Chipkarte mp3


Rudolf Hells Eduard Schüller meldet Artur Fischer fertigt Jürgen Dethloff Karlheinz Brandenburg
»Klischograph« die Aufzeichnung und aus Nylon Hülsen, und Helmut Göttrup ist führender Entwick-
tastet lichtelek- Wiedergabe von Fern- die sich durch ein- melden das Patent ler für ein Verfahren,
KONRAD ZUSE ARCHIV

trisch Bilder sehbildern mittels gedrehte Schrauben für eine Plastik- das die Datenmenge
ab und überträgt Schrägspuraufzeich- fest in Bohrlöchern karte mit digital gespeicherter
sie in Gravur- nung zum Patent an. verankern. integriertem Audiodaten drastisch
vorlagen. Schaltkreis an. reduziert.
DPA

Fischer

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 69


nisierung der Studienabschlüs- mehr als 50 neue Unternehmen
se, in Deutschland fiel ihr der hervor. Das Gebäude ist ausge-
»Diplom-Ingenieur« zum Op- stattet mit allem, was Start-ups
fer, der legendäre »Dipl.-Ing.«. benötigen. Unten befindet sich
Das Wehklagen darüber war die Werkstatt, »MakerSpace«
groß, inzwischen haben die genannt. Oben in den Büros
meisten Hochschulen den Titel helfen Berater, Businesspläne
durch den »Master of Enginee- zu entwickeln und Startkapital
ring« ersetzt. Manche in der zu beschaffen. »Ich würde mich
Wissenschaft haben den Verlust in ein paar Jahren so sehr ärgern,
bis heute nicht verwunden. wenn ich es nicht versucht hät-
Zur Reform der Ingenieurs- te«, sagt Moritz Mangold, ein
ausbildung gehört allerdings 28-jähriger Maschinenbauer.
mehr als nur eine Digitalstra- Mangold, ein zierlicher Mann
tegie, die schon im Bachelor- mit lockiger Mähne, entwickelt
studium greift. Die Hochschule seit vorigem Sommer mit zwei
müsse dem Nachwuchs stärker Kommilitonen ein Roboterauto,
als bisher bewusst machen, wel- es sieht aus wie ein Aufsitzmä-
che moralische Verantwortung her, hinten ist eine Hacke an-
der Beruf mit sich bringt, for- montiert. Sie pickt gezielt Un-
dert Ralph Dreher, ein Technik- kraut weg und lässt die Nutz-
didaktiker aus Siegen. pflanze stehen. Dazu haben die
Der Professor hat die Idee drei Männer monatelang Pflan-
eines »leonardinischen Eides« zen fotografiert.
ins Gespräch gebracht, benannt Sie befestigten acht Handys
nach Leonardo da Vinci, dem an Latten, darunter zwei Räder,
Multitalent der Renaissance, rollten das Gefährt über die Fel-

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


der Flugapparate konstruierte, der und scannten alles Grüne ab.
aber auch Schnellfeuergeschüt- Dann trainierten sie einen Algo-
ze erfand. Ingenieure sollten rithmus darauf, zu erkennen, ob
ein solches Versprechen als Zei- es sich um den gemeinen Knö-
chen dafür ablegen, dass sie die terich handelt oder doch um
ethischen Folgen ihres Tuns be- eine wertvolle Zuckerrübe.
dächten, fordert Dreher, so wie Firmengründer Mangold Der Prototyp ist fertig, in die-
Ärzte den hippokratischen Eid »Ich würde mich so ärgern, wenn ich es nicht versucht hätte« sen Wochen beginnen die drei
leisten können. Mit ihrem tech- Gründer von Acrai, so nennen
nischen Wissen könnten Inge- sie ihr Unternehmen, mit den
nieure beides bewirken, Segensreiches und verlieh. »Sie sind zu großen Aufgaben be- Feldversuchen. Ziel sei es, das Spritzen
Monströses, wie Leonardos Beispiel zeige. rufen«, lobte der Kaiser die Ingenieure. von Herbiziden überflüssig zu machen,
Mit solchen Überlegungen ist der Mann Immer mehr Schulabgänger entschie- sagt Mangold: »Wir wollen Landwirtschaft
nicht überall wohlgelitten. Mitunter werde den sich dafür, ein technisches Studium nachhaltiger und effizienter betreiben.«
er als Nestbeschmutzer beschimpft, sagt aufzunehmen. Bald wurden im Deutschen Mit dem Studium ist er fast fertig, Man-
Dreher. Dabei liegt gerade, was die Rolle Reich achtmal so viele Ingenieure ausge- gold muss nur noch die Masterarbeit
von Ingenieuren in der Nazizeit angeht, bildet wie in Großbritannien. Der Staat in- schreiben. Damit lässt er sich aber Zeit,
noch manches im Dunkeln. Andere Be- vestierte massiv in die Qualifizierung des erst soll das Unternehmen in Schwung
rufsgruppen, Juristen oder Mediziner, ha- technischen Nachwuchses. kommen. Seine Zukunft sieht er vorerst
ben größere Anstrengungen unternom- Zugleich unterstützte er die Gründung nicht als angestellter Ingenieur mit siche-
men, die Vergangenheit aufzuarbeiten. wissenschaftlicher Institute wie der Kai- rem Gehalt und geregelten Arbeitszeiten
ser-Wilhelm-Gesellschaft. Die Niederlas- in einem Großkonzern. »So etwas hat
sungen waren mit modernsten Gerätschaf- mich nie gereizt«, sagt Mangold, »ich will
Lehren aus der Geschichte
ten ausgestattet, ihre Forscher genossen lieber etwas Eigenes ausprobieren.«
Die Betrachtung der Geschichte des Inge- Freiheiten, um Grundlagenforschung zu Das ist die neue Generation von Ingenieu-
nieurwesens ist auch in anderer Hinsicht betreiben. Von dem Umfeld profitierten ren, die in München, aber auch anderswo
empfehlenswert. Sie gibt Antworten auf die Unternehmen der neuen Industrien. heranwächst. Sie denkt unternehmerisch.
die Frage, wie Deutschland ein herausra- Diese Erfolgsformel gilt nach wie vor. Sie entscheidet ethisch. Vor allem: Sie tickt
gender Standort für wissensbasierte Indus- Hochschulen, an denen Technologien von digital. Sie macht Hoffnung, dass eine neue
trien bleiben kann. morgen erforscht werden, Firmengründer, Welle von Firmengründungen ins Rollen
Dass im 19. Jahrhundert Techniker wie die daraus Geschäftsmodelle entwickeln, kommt, so wie vor 150 Jahren, als die Vor-
Daimler, Bosch oder Siemens solche Erfol- ein Staat, der moderiert und fördert: Das gänger der heutigen Start-up-Ingenieure
ge feierten, war nicht allein ihr Verdienst, ist ein Modell, wie der deutsche Ingenieur die Zukunft veränderten. Alexander Jung
sondern auch das Ergebnis aktiver Wirt- Motor der Innovation bleiben kann. Eine
schaftspolitik. Gezielt förderte das Kaiser- halbe Autostunde nördlich vom Deutschen
reich den Aufbau technischer Hochschulen, Museum, in Garching, ist zu sehen, wie die- Video
Was deutsche Ingenieure
die das Wissen einer neuen Zeit vermittel- ses Zusammenspiel funktioniert. heute können müssen
ten. Anfangs verspottet als »Klempner-Aka- Hier befindet sich »UnternehmerTUM«, spiegel.de/sp232018ingenieure
demien«, fanden sie endlich Anerkennung, ein Institut, angegliedert an die TU Mün- oder in der App DER SPIEGEL
als Wilhelm II. ihnen das Promotionsrecht chen. Das Gründerzentrum bringt jährlich

70 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Mädchen
erhalten
keine Bildung.

Bis Du einen
Blog schreibst.
Auf malalayousafzaibbcblog.blogspot.de schreibt
die Friedensnobelpreisträgerin, seit sie 11 ist.
Die ganze Geschichte: handelsblatt.com/handeln

FÜR ALLE,
DIE HANDELN
Medien

Teilnehmer der SPIEGEL-Leserkonferenz in Hamburg: Erzieherisch, übermoralisch, selbstgerecht?

Wut und Wahrheit


Journalismus Bei der ersten Leserkonferenz wurde im SPIEGEL-Haus diskutiert
und gestritten: Gibt es zu viel Nähe zur Politik?
Blinde Flecken? Immer nur Meinung statt Fakten? Von Klaus Brinkbäumer

K
ommunikation besteht aus Sen- eingestünden und Fehler erklärten, zu- gilt das auch für uns selbst, für jedes Titel-
den und Empfangen, und wenn dem für unsere Leser besser erreichbar bild, für jeden Text.
sie gelingt, dann formulieren die seien. Unser Selbstbild besagt, dass der Dies also ist jenes Selbstbild, das ver-
Absender durchdacht und klar, SPIEGEL von 2018 keine von alten Herren mutlich die meisten SPIEGEL-Menschen
und die Empfänger sind aufmerksam und dominierte Firma mehr sei, sondern Spie- eher stolz als bitter auf die eigene Redak-
hören oder lesen das, was der Absender gelbild einer modernen Gesellschaft. tion und die gesamte Verlagsgruppe bli-
meint. Und werden selbst zu Absendern. Schließlich: Wir glauben, dass wir uns cken lässt. In solch einer Redaktion – falls
Es gibt allerdings, meistens, eine Vorge- selbst so scharf beurteilten, wie wir die sie denn wirklich so ist – würden vermut-
schichte, also jene geglückte oder miss- Regierung oder VW kritisieren. Jeden lich alle Journalisten Deutschlands gern
glückte Kommunikation der Vergangen- Montag, in der großen Konferenz, steht arbeiten. Doch stimmt das alles?
heit, die in der Gegenwart mitschwingt. die Heftkritik an, häufig mit einem Gast- Ist der SPIEGEL so, wie er sich selbst
Und es geht deshalb hin und wieder um kritiker, und da geht es zur Sache. Denn wahrnimmt?
Vorurteile und stets um Erwartungen, um der SPIEGEL will nicht schmusen, er will In Leserbriefen und in den Foren von
Wahrnehmung: das Bild des Gegenübers stets und überall herausfinden, wo warum SPIEGEL ONLINE werden wir bisweilen
und das Selbstbild. welche Fehler gemacht wurden und was scharf attackiert. Zweifellos lauter als frü-
Wenn wir vom SPIEGEL über den SPIE- dann daraus folgen sollte, und natürlich her. In Schreiben, die an mich persönlich
GEL diskutieren, kommen wir meist zu gerichtet sind, geht es mitunter beleidi-
dem Schluss, in den vergangenen Jahren gend zu: »Wir werden dich finden,
habe sich einiges verändert. Wir halten Video Schwachkopf«, solche Sachen schreiben
Und das sagen
uns für offener, für differenzierter als frü- die Leser Leser. Da ist mehr Wut als früher, auch
her, schon rein sprachlich für vielseitiger spiegel.de/sp232018leser
mehr Enttäuschung.
und darum im Urteil für weniger holz- oder in der App DER SPIEGEL »Die Wut der klugen Köpfe«, so nannte
schnittartig; wir glauben, dass wir Zweifel Isabell Hülsen ihre Reportage über Lese-

72 FOTOS: ISABELA PACINI / DER SPIEGEL


rinnen und Leser, in der es um jene Ent- Leserstimmen China und die deutsche Provinz vernach-
täuschung ging und um ernsthafte Leser lässigten. Dass wir zu viel über Vergange-
wie Hartmut Richter, die sich abgewandt nes und zu wenig über die großen Fragen
hatten, die den SPIEGEL nicht mehr schät- »Über die Einladung der Zukunft berichteten, Klima, Bevölke-
zen oder jedenfalls weniger als in vergan- habe ich mich sehr ge- rungswachstum, Digitalisierung, künst-
genen Zeiten (SPIEGEL 9/2018). freut. In letzter Zeit habe liche Intelligenz. Dass wir der Regierung
Hartmut Richter, in der DDR groß ge- ich mich allerdings öfter zu nahe stünden.
worden, einstiger Leiter eines Chemiefaser- über den SPIEGEL geär- Wir konnten einiges erklären: dass der
werks, hatte die BRD um den SPIEGEL be- gert. Es gibt eine gewisse SPIEGEL wirtschaftlich und publizistisch
neidet, »weil er sich etwas traute, zum Bei- Einseitigkeit in der Berichterstattung, unabhängig sei und dass die Kanzlerin
spiel im Umgang mit Strauß, das war ja in die dem Narrativ der politischen Kor- noch kein einziges Mal einen Text ge-
der DDR undenkbar«. Nach 26 Lektüre- rektheit folgt. Für die Zukunft wün- wünscht habe; oder dass wir nicht die
jahren aber schrieb er uns: »Warum man sche ich mir, dass mehr unterschied- Nähe zur Politik suchten, um uns wichtig
keinen SPIEGEL mehr lesen sollte.« Richter liche Meinungen abgebildet werden. zu fühlen, sondern dass der Wechsel zwi-
hielt uns vor, unliebsame Politiker zu jagen Ich hoffe, dass nicht nur die Leser et- schen Nähe und Distanz zum journalisti-
und zu vernichten, und nannte das Beispiel was von der Veranstaltung mitneh- schen Handwerk gehöre, da zunächst
Christian Wulff, das tun viele Leser. Die men, sondern auch der SPIEGEL.« Nähe nötig sei, um Informationen zu er-
wirklichen Probleme des Landes würden Helmut Schuster, 63, Burglengenfeld (Bayern) langen, Distanz dann aber beim Schreiben,
wir kaum kennen: Gemeinden ohne Super- um kühl und neutral bewerten zu können.
markt und Internet, ohne Arzt und Kneipe. »Ich liebe Diskussionen, Und wir erklärten, immer wieder, wie
Nach diesem Text kamen wieder Briefe, und es gab hier viele kon- gründlich unsere Dokumentation arbeitet.
knapp 3000; mit Dank für die ernsthafte troverse Themen. Mich Doch zu gelingender Kommunikation
Beschäftigung mit dem Riss zwischen uns hätte es gefreut, mehr gehört, dass die Empfänger nicht in den
und einem Teil unseres Publikums und darüber zu erfahren, wa- Selbstverteidigungsmodus rutschen soll-
auch mit neuer Kritik. Einer Kritik, die rum der SPIEGEL diese ten, und diesmal waren ja wir die Empfän-
mit unserem Selbstbild nicht mehr viel zu Veranstaltung initiiert hat. In Zukunft ger. Manche Kritik blieb deshalb eher un-
tun hatte. werde ich den SPIEGEL aufmerksa- widersprochen stehen, vor allem waren es
Wir seien: erzieherisch (denn wir wür- mer lesen und genau auf die oft vor- zwei ständig wiederkehrende Punkte.
den unsere Leser für dumm verkaufen); gebrachte Kritik achten, dass Fakten Viele unserer Gäste sagten, wir würden
übermoralisch und selbstgerecht; hämisch; und Meinungen vermischt werden.« Fakten und Meinung vermischen sowie
und allzu männlich. Wir würden Meinun- Sabine Gierok, 33, Karlsruhe Themen und Standpunkte ignorieren. Bei-
gen über Fakten stellen und beides nicht des wurde in jedem der sechs Workshops
klar genug voneinander trennen; wir wür- »Die Veranstaltung war gesagt, auch hinterher in der Diskussion
den Gegenpositionen ignorieren und die eine gute Idee, und ich und danach erneut, bei Bier und Wein.
Regierung zu sanft behandeln. Wir wür- habe mich ernst genom- Der eine oder andere Widerspruch ließ
den zu viel über Trump schreiben und vor- men gefühlt. Was mich sich nicht auflösen: Dass wir zu aggressiv
eingenommen über Putin (über Trump am SPIEGEL und an der seien, hörte ich oft; das wir zahnlos gewor-
auch). Wir würden Großstadtjournalismus ganzen westlichen Pres- den seien, hörte ich genauso oft.
machen. Elitenjournalismus. Blinde Fle- se ärgert, ist die durchweg proame- Aus alldem folgt, dass wir unsere Selbst-
cken hätten wir. Die Flüchtlinge hätten wir rikanische Haltung. Der SPIEGEL einschätzung überprüfen werden. An Spra-
einseitig jubilierend beschrieben. muss in seiner Auslandsberichterstat- che, an thematischer und gedanklicher
Natürlich sehen wir das meiste noch im- tung kritischer werden.« Vielfalt werden wir weiterhin feilen. Do-
mer anders, denn wir machen den SPIEGEL Paul Holmes, 62, München nald Trump und Wladimir Putin allerdings
ja in jeder Woche so gewissenhaft und werden wir auch künftig kritisch begleiten,
leidenschaftlich, wie es uns möglich ist; »Es war schön zu sehen, denn wenn Demokratie und Pressefreiheit
70 Dokumentare, drei Juristen und die dass der SPIEGEL Inte- in Gefahr geraten, müssen Medien wach-
Schlussredaktion überprüfen jeden Satz resse an seinen Lesern sam sein; gerade in solchen Zeiten dürfen
und jedes Wort mehrfach. Wir nehmen un- signalisiert und die Frage sie nicht ermatten. Aber wir werden
seren Auftrag, integre Aufklärung, ohne stellt: ›Wie kommen wir Trump, Putin und die Sichtweise ihrer
die geringste Einschränkung ernst. bei euch an?‹ Es wäre Wähler erklären, ehe wir sie bewerten;
Aber es wäre falsch, wenn ich nun sagte: schön zu sehen, wenn sich die Kritik und China werden wir ähnlich ernst neh-
Ach Gottchen, das sind bloß Einzelstim- der Leser künftig in der Berichterstat- men wie die USA; und das ganze Deutsch-
men. Es sind nämlich nicht wenige wüten- tung widerspiegelte.« land, jenes außerhalb Berlins und Ham-
de Leser. Die Kritik trifft mutmaßlich sämt- Marlies Däberitz, 65, Leipzig burgs, ebenso wie die Metropolen. Scharf
liche Medien, den SPIEGEL aber, da die und präzise werden wir auch künftig
stärksten Marken in jeder Branche im »Die Idee, sich mit seinen schreiben, denn wir wollen der SPIEGEL
hellsten Licht stehen, gewiss nicht weniger Lesern auseinanderzu- bleiben; Präzision und Schärfe aber sind
als die anderen. setzen, ist toll. Meiner etwas anderes als Häme, schon klar.
Und darum haben wir vor einer Woche Meinung nach war die Zu Leserkonferenzen werden wir
unsere erste Leserkonferenz veranstaltet, Veranstaltung allerdings weiterhin einladen, regelmäßig, und nicht
150 Leserinnen und Leser, darunter Hart- zu kurz, sodass nicht je- nur in Hamburg und Berlin. Auch dies
mut Richter, waren unsere Gäste im Ham- der Gast zu Wort kommen konnte. gehört zu geglückter Kommunikation:
burger SPIEGEL-Haus. In insgesamt sechs Interessant fand ich zu sehen, wie Irgendwann muss sie halt irgendwo begin-
Workshops ging es um »Zu viel Meinung«, nahbar Journalisten doch sind und nen. Dann kann sie wachsen. Und hinter-
»Blinde Flecken«, »Gefährliche Nähe« dass das SPIEGEL-Haus gar nicht so her sind hoffentlich beide schlauer, Sender
(zur Politik). Und wir SPIEGEL-Leute hör- verschlossen ist, wie ich dachte.« und Empfänger.
ten vor allem zu und hörten also, dass wir Max Prange, 18, Kiel

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 73


Ausland
»Die europäische Hölle ist besser als das afrikanische Paradies.« ‣ S. 76

TED ALJIBE / AFP


116 geschmuggelte Roller und Motorräder werden in der philippinischen Hauptstadt Manila von einem Bagger
zerstört. So will Präsident Rodrigo Duterte die Korruption eindämmen – wie immer mit brachialen
Methoden. Der Kampf gegen Korruption ist sein wichtigstes Wahlversprechen, neben dem mit großer Härte
geführten »Krieg gegen die Drogen«, bei dem nach Schätzungen bisher mehr als 20 000 Menschen starben.

Analyse

Macrons Show
Er habe Libyen in Richtung Versöhnung geführt, meint Frankreichs Präsident. Schön wär’s.
Womit sich Vermittler von Uno und Europäischer Union seit Jah- an, dass sich die Libyer weigerten, ihre angeblichen Beschlüsse
ren plagen, das schien Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron auch zu unterschreiben, »da sie sich ja gegenseitig nicht anerken-
mal eben so geschafft zu haben: Am Dienstag trafen sich im Ély- nen«, so Macron. In dem unterschriftslosen Acht-Punkte-Fahr-
sée-Palast die vier wichtigsten Akteure aus dem Bürgerkriegs- plan sind entscheidende Fragen gar nicht geregelt, beispielsweise,
land Libyen, darunter aus Ostlibyen der Armeechef Khalifa Haf- über welche Macht ein künftiger Präsident Libyens verfügen
tar und der Parlamentssprecher, aus Westlibyen der Chef der kann, ob es ein Verfassungsreferendum vor der Wahl geben wird
Regierung in Tripolis – alle mehr oder minder verfeindet. Trotz- und vor allem: wie all die Milizen – viele mächtiger als die offi-
dem einigten sie sich angeblich innerhalb weniger Stunden zielle Regierung – zu integrieren wären.
darauf, dass im September ein Verfassungsentwurf verabschiedet Verstimmt sind westliche Diplomaten: Macron hatte die EU
und im Dezember gewählt werden soll. Danach sprachen sie von und die Uno-Mission für Libyen nicht im Detail eingeweiht. Ver-
einem historischen Treffen und einem Ende des Konflikts. schnupft sind auch die Italiener, die mit westlibyschen Milizen
Was zu schön ist, um wahr zu sein, das ist auch selten wahr. verbündet sind – welche die Pipelines für Italiens Ölkonzern Eni
»Die Details müssen nun in Libyen ausgearbeitet werden«, schützen. Deren Befehlshaber waren jedoch nicht nach Paris ein-
sagte Macron. Und die Details sind das Problem. Es fängt damit geladen. Sie hätten die Show sicher vermasselt. Mirco Keilberth

74 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Brasilien Chappatte
Die Chance der Militärs
 Seit knapp zwei Wochen legen strei-
kende Lastwagenfahrer das Land lahm,
vielerorts sind Treibstoff und Lebens-
mittel knapp. Schulen mussten schlie-
ßen, Krankenhäuser arbeiten im Not-
betrieb. Vordergründig geht es um die
Erhöhung der Dieselpreise, doch der
Streik hat eine politische Dimension.
Denn viele Lastwagenfahrer und ihre
Unterstützer rufen die Streitkräfte zum
Putsch auf. In der Streikbewegung
bricht sich das diffuse Unbehagen an
der Demokratie Bahn. Großgrundbesit-
zer und rechte Milizen schlachten die
Bewegung für sich aus, die Korruption
der politischen Klasse bestärkt die Geg-
ner der Demokratie. Armee-Offiziere
beteuern zwar, dass sie nicht putschen
wollen. Aber das haben sie auch nicht
nötig: Bei der nahenden Präsident-
schaftswahl im Oktober könnten die
Rechtsradikalen gewinnen. Dann
kämen die Generäle durch die Hinter-
tür wieder an die Macht. JGL

Diplomatie

»Es ist unrealistisch, dass Kim seine Atomwaffen sofort aufgibt«


Ely Ratner ist Studienleiter des Washing- sogar länger als ein Jahrzehnt dauern Vehemenz, mit der sich Xi in die Verhand-
toner Thinktanks »Center for a New wird – falls Kim das überhaupt will. Ich lungen eingeschaltet hat, zeigt, wie groß
American Security«. Zuvor beriet er den halte es für unrealistisch, dass er seine die Angst in Peking ist, außen vor gelassen
früheren US-Vizepräsidenten Joe Biden. Atomwaffen sofort aufgibt. In Washington zu werden. Die US-Regierung hat aufmerk-
herrscht eine berechtigte Skepsis gegen- sam zur Kenntnis genommen, dass Nord-
SPIEGEL: Was erwarten Sie von dem Tref- über Kims Motiven. Pjöngjang könnte die koreas Position sich nach dem zweiten
fen zwischen Donald Trump und Nord- Gespräche allein deshalb führen, um Treffen zwischen Kim und Xi verhärtet hat.
koreas Diktator Kim Jong Un – falls es einen Keil zwischen die USA, China und SPIEGEL: Gleichzeitig will Trump einen
denn zustande kommt? Südkorea zu treiben. Wir müssen äußerst Handelskrieg gegen China führen. Kann
Ratner: Ich denke, es wird immer deut- wachsam sein. das zum Problem für die Gespräche mit
licher, dass beide Seiten diesen Gipfel SPIEGEL: Welche Rolle spielt China im Nordkorea werden?
wollen. Die Wahrscheinlichkeit eines Vorfeld des Treffens? Ratner: Washington wie Peking haben
großen Durchbruchs erscheint mir aber Ratner: Peking will Stabilität auf der kore- beide Themen immer wieder miteinander
relativ gering. Ich hoffe, dass das Treffen anischen Halbinsel. Allerdings würde Prä- verknüpft. Bis vor sechs Monaten dachten
einen diplomatischen Prozess in sident Xi Jinping gern die Allianz zwischen viele, Xi sitze beim Thema Nordkorea am
Gang bringt, in dessen Folge sich Ex- den USA und Südkorea schwächen. Die längeren Hebel, weil Trump für eine
perten mit den wichtigen Details Lösung auf dessen Hilfe ange-
befassen. wiesen sei. Inzwischen ist das
SPIEGEL: Die US-Regierung for- Gegenteil der Fall: Wenn die
dert eine »vollständige, verifi- Verhandlungen mit Pjöngjang
zierbare und irreversible Denu- scheitern, wird sich das negativ
klearisierung« der koreanischen auf Trumps Bereitschaft auswir-
Halbinsel. Ist diese Erwartung ken, in Wirtschaftsfragen auf
nicht zu hoch gegriffen? China zuzugehen. Die Macht-
Ratner: Die gleichen Forderungen verhältnisse haben sich zuguns-
erhoben frühere US-Regierungen, ten von Trump verschoben,
sowohl demokratische wie re- zumindest im Moment. Eines
publikanische. Die Frage ist, wie aber ist sicher: Sollten die Ver-
flexibel Trump ist, was die zeit- handlungen über das Atompro-
liche Umsetzung angeht. Selbst gramm schiefgehen, werden wir
die größten Optimisten gehen in Washington wieder über
davon aus, dass die komplette De- einen Militäreinsatz reden. Und
AP

nuklearisierung Jahre, vielleicht Kim Kim weiß das. CX

75
Ausland

Zwei Minuten Glück


Migration Majid Diallo ist 27 und will weg aus Afrika. Doch seine Überfahrt nach Italien scheitert,
er macht sich auf den langen Weg zurück nach Guinea. Die Geschichte seiner Reise zeigt,
warum es für viele Migranten keine Heimkehr gibt. Von Fritz Schaap, Fotos: Sascha Montag

V
ier Tage und 15 Stunden bevor mutet. Und der nun wieder zurück nach 70 000 im Jahr 2017 gesunken, so die Zah-
Majid Diallo in sein Dorf im Nor- Hause muss. len der Internationalen Organisation für
den Guineas zurückkehren und 15,9 Millionen Migranten gab es laut Migration (IOM). Das liegt laut IOM aber
den Traum der anderen zerstören der jüngsten Studie der Internationalen auch daran, dass die Migranten nun neue,
wird, bevor er seiner Mutter sagen wird, Arbeitsorganisation in Genf 2014 in Afri- oft noch gefährlichere Routen wählen, auf
dass er ihr kein Haus bauen wird, dass er ka. Durch die EU-Politik sind die Zahlen denen sie nicht erfasst werden. Nur wenig
dem Dorf keine Schule schenken, den derer, die durch Niger nach Norden ziehen, mehr als 7000 Männer und Frauen hat die
Dorfvorsteher nicht beim Aufbau der Man- von 333 000 im Jahr 2016 auf knapp IOM im vergangenen Jahr bei ihrer Rück-
goplantagen unterstützen wird, läuft er
eine ausgestorbene, staubige Straße ent-
lang, zu einem der vielen Busbahnhöfe
Niameys, der Hauptstadt Nigers.
Er schaut in den Himmel, wo die Flug-
hunde kreisen. Fragend. Ein kleiner Mann,
1,68 Meter, schätzt er. 27 Jahre alt. Zurück-
haltend, mit wachen Augen. Eine zerschlis-
sene Trainingsjacke über dem Muskelshirt.
Ein paar Narben wie verirrte Sommer-
sprossen im Gesicht.
Er schiebt sich die Kopfhörer auf die Oh-
ren. Wie Mickymaus sehe er damit aus, ha-
ben die anderen immer gesagt, die noch in
Libyen sind oder tot. Er hatte Glück. Diallo
läuft auf dem Boulevard Mali Bero in Rich-
tung Norden. Auf einer dieser breiten Stra-
ßen Niameys, auf denen nie Stau herrscht,
weil es dafür nicht genug Autos gibt. Niamey,
wo roter Staub den Boden bedeckt. Die
Stadt, durch die fast jeder Migrant in West-
afrika kommt, auf dem Weg in den Norden
Nigers, nach Agadez, dem Drehkreuz, von
dem aus die Schmuggler die Migranten
weiter in die Wüste fahren. Auf den Lade-
flächen ihrer Pick-ups, hinein nach Libyen.
Niamey, die Stadt aber auch, die nun
zur Drehscheibe für die geworden ist, die
aufgegeben haben. Die zurückfahren in
ihre Heimat. Wie Majid Diallo.
Diallo ist, was die Europäische Union
sich wünscht. Ein Migrant, der umkehrt,
bevor er europäischen Boden erreicht hat.
Um mehr wie ihn zu haben, bildet die EU
Sicherheitskräfte in Niger aus, lässt Zäune
bauen, unterstützt dubiose Milizen, die in
Libyen die Küste sichern sollen. Pumpt
Hunderte Millionen Euro in die Sahelzone.
Diallo ist für die EU ein Erfolg.
Ein junger Mann, der loszog, um seiner
Mutter ein Haus, seinem Dorf eine Schule
zu bauen, der früher unter den Akazien
mit einem platten Ball kickte, der dem
Nachbarn zum Spaß die Hennen stahl und
der, weil er zu arm ist, noch immer nicht
heiraten will, da er seinen Kindern nicht
zumuten möchte, was das Leben ihm zu-

76 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


kehr aus Niger nach Hause unterstützt. Diallo läuft an der heruntergekomme- rien oder nach Libyen. An den Sklaven-
Um zu verstehen, warum es so wenige nen Station der rostzerfressenen Billig- märkten vorbei nach Europa.
sind, muss man den Weg zurückgehen. An busse vorbei. Ein Feld, halb Staub, halb »Denn umkehren kann ich nicht«, sagt
den Ausgangspunkt. Müllplatz, auf dem die Busse zwischen er. Ein kräftiger Mann in einer staubigen
In Niamey liegen vor Diallo mehr als zerfetzten Plastiktüten in die Nacht qual- Lederjacke, auf dessen Armen die Venen
3500 Kilometer hinein in eine Vergangen- men und in dessen Ecke vier Gestalten hervortreten. Müde Augen, in denen sich
heit, von der er nicht weiß, wie sie ihn kauern. Es sind Yapi, Frau Adama mit ih- Gelb und Rot mischen.
empfangen wird. Denn die Vergangenheit rer fünfjährigen Tochter und Mohammed, »Meine Eltern, meine drei Geschwister,
ist nie, wie man sie zurückgelassen hat. der 15-Jährige, der nicht mehr sprechen meine Frau und meine zwei Kinder. Alle
Sein Traum damals, als er aufbrach: will, seitdem er in Libyen war. Sie sitzen erwarten, dass ich ihnen Geld schicke.
Italien, ein Job auf dem Bau, eine Woh- unter einem Eukalyptusbaum, auf einer Ohne Geld kann ich nicht nach Hause. Nie.
nung. Er schickt seinen Eltern Geld, roh gezimmerten Holzbank, gefangen Bei uns ist das Leben Leiden. Ein Mensch
abends schreibt er ein Buch. Über Afrika zwischen ihren Erwartungen und ihrer sollte nicht leiden müssen.«
und seine Familie. Über Träume. Und Angst. Sie bewegen sich kaum, denn jede
hört Julio Iglesias. Bewegung kostet Energie. Wer aber leidet, muss dahin gehen, wo
Sein Traum heute: Sein Dorf wird ihm Seit zwei Monaten haust Yapi hier, am weniger Leid ist. Die vier haben das nicht
vergeben; er wird recht behalten mit dem, Rand der Busstation. Jahrelang war er eine geschafft. Und so sitzen sie, wie jeden
was er seinen Mitreisenden sagte, die nicht Art schlecht bezahlter Haussklave in Al- Abend, wie jeden Tag, unter dem Eukalyp-
umkehren wollten: Sie werden mich will- gerien. Dann haben sie ihn aus dem Land tusbaum und schauen auf die Busse, die auf
kommen heißen. geworfen. Nun will er zurück, nach Alge- den Platz rollen, auf die Menschen, die vor-
beiziehen, so wie Diallo an diesem Abend.
Diallo schaut kurz hinüber, zögert und
schiebt die Daumen unter die Gurte des
Rucksacks, in dem er sein Leben trägt. Ein
Paar Schuhe, zwei Hosen, drei T-Shirts
ohne Ärmel, eine grüne Zahnbürste und
eine Tube Colgate. Dann geht er weiter,
schreitet auf den beleuchteten Hof von
»Rimbo Transport Voyageurs«, von dem
aus die Busse nach Gao, Bamako, Coto-
nou, Lomé und Abidjan fahren.
Heimzukehren ist für viele Migranten
schwieriger, als die Route nach Europa
weiterzugehen. Die Schmach ist fürchter-
licher als ein möglicher Tod.
Und so kehren die meisten nicht um.
Auch wenn sie feststecken, gefoltert wer-
den oder fast ertrinken. Die, die sich das
Geld für ihre Reise leihen mussten, noch
seltener. Sie probieren es weiter, bis sie Er-
folg haben oder sterben. Oder sie richten
sich ein in traurigen Zwischenwelten in
Nordafrika, in Lagern, in Camps. Und war-
ten. Wer arm ist, der hat nicht viele Versu-
che. Wer sehr arm ist, hat meist nur diesen
einen; und auf den wartet er. Denn wer
mit leeren Händen zurückkehrt, wird nicht
selten verstoßen.
Diallo hat Angst vor der Rückkehr.
Aber er hat es ja versucht mit Europa, sagt
er, er hat Libyen überlebt. Er hat von nie-
mandem Geld genommen. »Die Liebe
meiner Familie ist doch größer als Geld.«
So hofft er zumindest. Denn bisher war
Diallos Leben nicht viel mehr als eine Rei-
se auf der Suche nach einem besseren Le-
ben. Für die anderen.
Er ist sieben, als ihn seine Mutter fort-
schickt aus dem kleinen Dorf in den Bin-
ani-Bergen im Norden Guineas, in denen
zwar Gold und Aluminium liegen, auf de-
nen sich aber nie genug Essbares anbauen
lässt. Er kommt zum Freund eines Onkels,

Rückkehrer Diallo im guineischen Conakry


Die Schmach ist fürchterlicher als der Tod

77
Beginn von Täglich kommen die Wärter, schießen in
Diallos Rückreise N I G E R die Decke, drohen. Sie geben den Gefan-
SENEGAL MALI
Niamey genen ihre Handys zurück, schlagen die
Diallos Inhaftierten und lassen sie die Familien
Heimatdorf Ouagadougou BURKINA anrufen, damit sie Geld erflehen können.
FASO Zusammengekauert versucht Diallo, das
Boual Labé
alles von sich fernzuhalten.
Marela Seit seiner Jugend hat er das Talent, un-
Conakry GUINEA
BENIN ter dem Radar zu bleiben, abseits zu blei-
ELFENBEIN- ben von Ärger und Tumult. Es hat ihn im-
SIERRA
LEONE KÜSTE TOGO mer gut beschützt. Dann trifft ein Quer-
Nzérékoré Bouaké GHANA schläger den Mann neben ihm in den Kopf.
AFRIKA Diallo hatte von alldem gehört. Aber
Daloa dass es ihm selbst passiert, nein, das hatte
LIBERIA er nicht geglaubt. Keiner glaubt das. Als
Abidjan 250 km er klein war, hat ihm seine Mutter von Gott
erzählt. Wie er allen gegenüber barmher-
zig sei, die sich ihm unterwürfen. Diallo
hatte das lange Zeit beruhigt. Dass alles
fünf Autostunden entfernt. Der Mann be- Im September 2017 hat Diallo das Geld schon geregelt sei. Dass alles Gottes Wille
treibt eine Tankstelle. Er wird Diallo die zusammengespart. Umgerechnet knapp sei. Doch in Libyen verliert er ihn, diesen
Schule zahlen, damit er später sowohl das 2000 Euro. Fast das Dreifache eines durch- Gott, als er merkt, dass für einen Afrikaner
Dorf als auch den Ziehvater unterstützen schnittlichen Jahreseinkommens in Gui- nur selten alles gut wird.
kann. Seit Majid Diallo sieben Jahre alt nea. Das Geld war die ganze Zeit über sein Er beschließt umzukehren. Ein Freund
ist, ist er nicht nur ein Junge, sondern auch Geheimnis, er erzählte seiner Familie schickt ihm die letzten 450 000 CFA-
eine Geldanlage der Familie. nichts davon. »Denn es ist hier so«, sagt Francs, umgerechnet knapp 700 Euro, die
Er geht zur Schule, und mit 15, als Klas- er, »wenn einer etwas hat, wollen alle Diallo in Abidjan deponiert hatte. Er kauft
senbester, bricht er ab. Auf Drängen seines etwas davon haben.« Und so zieht jeder sich mit 350 000 CFA-Francs frei, von dem
Vaters. Der will, dass der Sohn im Senegal jeden wieder hinunter auf das Niveau der Rest bezahlt er die Fahrt nach Niamey.
arbeitet. Seitdem ist er unterwegs. Gemeinschaft. Um drei Uhr nachts verlässt dort der
2006 geht er nach Liberia, arbeitet in Er fährt über Bamako nach Niamey, die Bus nach Abidjan die blau-weiße Rimbo-
einem Gemischtwarenladen, zieht weiter. zerfurchte, von Banditen belagerte Straße Station. »Klar«, sagt Diallo, als vor den
Er hört, in der Elfenbeinküste könne man hinauf in den Norden Nigers, nach Agadez, Fenstern die schlafende Stadt vorbeizieht,
Geld verdienen. Aber auch dort bleibt er wo an den Wänden der Gettos steht: Barca »natürlich habe ich Angst, nach Hause zu
nicht lange. Danach: Benin, Guinea-Bissau, or Barzagh – Barcelona oder sterben. kommen, mit leeren Händen. Aber in Li-
Ghana, Äquatorialguinea. Er verkauft Reis, Wo steht: Better die in the sea than cry byen hatte ich mehr Angst. In Libyen bist
erntet Cashewnüsse, arbeitet als Sicher- in front of your mother – Besser im Meer du nie frei. Viele arbeiten wie Sklaven dort.
heitsmann, betreibt eine Reinigung, bohrt sterben, als vor deiner Mutter zu weinen. Ein Migrant ist nie frei.« Jetzt immerhin
Brunnen. Gelegentlich schickt er Geld in Wo steht: European hell is better than sei er frei.
sein Dorf, nach Télimélé und zum Vater in African paradise – Die europäische Hölle Die Frage ist: wie lange noch?
den Senegal. Doch es reicht nie für alle. ist besser als das afrikanische Paradies. »Im Dorf werden sie mich für einen Feig-
Europa, sagt ein Freund dann in Äqua- Und wo steht: A good son has to help ling halten, einen Versager, sie werden
torialguinea, sei gar nicht so weit. Und his mother – Ein guter Sohn muss seiner lachen. Aber meine Familie wird mich
wenn es dort eines gebe, dann Geld. Mutter helfen. willkommen heißen. Ich werde es dort
In Europa, denkt Diallo, sei alles besser. Er schafft es schließlich bis dorthin, schaffen«, sagt er. »Ich bringe ja auch zwei
Das Klima sei milder, das Leben leichter, wo nur noch das Meer zwischen ihm Weiße mit.«
die Menschen seien rücksichtsvoller. In und Europa liegt. Nach Sabrata, in die
Europa hätten sie Respekt voreinander. libysche Hafenstadt, von der die Schiffe Diallos Reise verändert sich ab diesem
Sicher auch vor einem wie ihm, der sich aufbrechen. Zeitpunkt, an dem wir, das Team vom
aus dem Elend gekämpft hat. Der Wind steht mit zwölf Knoten aus SPIEGEL, mit ihm reisen. Sie wird einfa-
Er habe einen Cousin, sagte damals sein Nordwest gegen das Schlauchboot. In den cher werden, sobald man ihn als unsere
Freund, der habe es nach Italien geschafft. Wellentälern ist Dunkelheit. Auf dem Boot Begleitung ansieht, sie wird billiger, weil
Für 1000 Euro. Und nun habe dieser Cou- sind zu viele Menschen. Wasser spült hi- man ihn seltener ausnehmen wird.
sin dort ein Haus und einen Job. Der nein. Die Angst von 130 Menschen auf Der Bus fährt an Akazien und Eukalyp-
Freund zeigt ihm Fotos. Eine Ikea-Küche, dem Meer wird zu Wut. Über Satelliten- tusbäumen vorbei, unter denen tagsüber
die mondänen Straßen Mailands, Selbst- telefon sagen die Italiener, sie müssten die Händler an morschen Tischen stehen
porträts eines kräftigen, lächelnden Man- weiter nach Norden fahren. Dort, wo die und Mangos verkaufen, Kolanüsse, rostige
nes. Es gibt ihn immer, den einen, der es großen Schiffe außerhalb der Zwölfmeilen- Gaskartuschen und schmutziges Benzin in
geschafft hat. Jeder kennt ihn. Denn die zone kreuzen. Der Senegalese am Außen- alten Whiskeyflaschen. Es ist eng im Bus,
Geschichte der Flucht aus Afrika ist auch bordmotor gibt weiter Gas, es kommt zu der Gang voll mit rotem Staub und Müll.
immer eine Geschichte der Mythen. Rangeleien an Bord. Das Schlauchboot Es riecht nach Schweiß und Urin. Hinter
Die Mythen überdecken die Bilder der li- droht zu kentern. Sie drehen um. So er- Diallo schreit ein kleines Kind, das Gesicht
byschen Sklavenmärkte, wo Männer wie zählt es Diallo. verschmiert von Rotz. Es wird die ganze
einst an der Goldküste aus Käfigen heraus Zurück an Land werden alle verhaftet. Nacht lang schreien.
verkauft werden; sie sind stärker als die Bil- Sie sind nun Gefangene im libyschen Sys- Der Bus fährt vorbei am Bahnhof von
der sinkender Schlauchboote oder von der tem aus Folter und Lösegelderpressung. Niamey. Seit mehr als zwei Jahren steht
Sonne ausgedörrter Leichen im Wüstensand. Wochenlang sitzt Diallo in seiner Zelle. dort ein neuer Zug. Er hat den Bahnhof

78 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


nur einmal verlassen, als ein paar Fotogra-
fen ihn fotografieren sollten. Seitdem steht
der Zug, denn die Trasse wird nicht fertig.
Diallo überlegt, was er sagen wird in
fünf Tagen. Dann schläft er ein. Zusam-
mengesackt, mit dem Kopf gegen den
Sitz des Vordermanns stoßend. Manchmal
wacht er kurz auf, schweigt, hört Musik,
dann fällt sein Kopf wieder auf den
schwarzen Griff an der Rücklehne des
Vordersitzes.
65 Menschen, in 13 engen Sitzreihen,
fahren in dieser Nacht aus der Stadt hinaus
und nähern sich nach Stunden der Grenze
zu Burkina Faso. 65 Menschen, von denen
61 auf der Suche sind nach Geld. Sie alle
wollen in der Elfenbeinküste ein paar Tau-
send Francs dazuverdienen, bevor sie zur
Regenzeit zurück nach Niger kommen, um
Arbeit auf den Feldern zu finden.
»Aber es ist nie genug«, sagt einer. »Nie
genug für ein gutes Leben, egal wohin du
hier fährst. Für ein gutes Leben muss man
nach Norden.«
»In Europa«, sagt einer zwei Reihen vor
Diallo zu seinem Nachbarn, »da hat ein
Cousin nun Arbeit gefunden. 200 Euro
schickt der jeden Monat.«
»Es ist kalt dort, dunkel. Die Menschen
sind anders.«
»Aber es gibt viele Jobs. Du kommst in
einem Camp an, da erhältst du deine Pa-
piere, damit bekommst du dann Arbeit.
Agenten kommen in die Camps, weil sie
Leute auf den Feldern, in Hotels, auf dem
Bau brauchen.«
»Da hast du wohl recht.«
Die Migration ist ein Geschäft der Ge-
rüchte.
Dann versinken sie in dumpfes Schwei-
gen. Die Köpfe sacken nach vorn, schlagen
nach links und nach rechts, im Takt der
Schlaglöcher. Die klare, beißende Kälte
der nächtlichen Savanne zieht durch die
undichten Fenster in den Bus. Wer ein
Tuch besitzt, wickelt es sich um den Kopf,
ums Gesicht. Um 7.17 Uhr erreicht der Bus
mit der aufgehenden Sonne die Grenze
bei Pentelkole.
Burkina Faso. Das Land, wie so viele
andere afrikanische Länder abhängig von
nur wenigen Rohstoffen und deren Welt-
marktpreisen, war lange bekannt für seine
Baumwolle. Bis Monsanto die Mächtigen
überzeugen konnte, das genmanipulierte
Saatgut auszusäen. Es war schon vorher
schwierig gewesen, gegen US-Ware zu
bestehen, doch nun war die Qualität der
eigenen Baumwolle so schlecht, dass sie
noch weniger Geld verdienten.
Der Bus fährt in Richtung Südwest auf
die Hauptstadt Ouagadougou zu. Die
Checkpoints geben von hier den Takt der
Reise an. 18 werden es sein bis zur Grenze

Busbahnhof im nigerischen Niamey, Flüchtling Diallo im Buschtaxi und im Schlafsaal* * In der Unterkunft der Internationalen Organisation
»Für ein gutes Leben muss man nach Norden« für Migranten in Niamey.

79
Ausland

der Elfenbeinküste. 18-mal werden alle bitter. Die Leute seien egoistisch. Wer arm erholt wieder los. Arbeitet am Fuß der Ber-
Passagiere aussteigen und ihren Pass zei- ist, werde irgendwann egoistisch. ge. Baut sich etwas auf in Guinea. Er hört
gen und die Soldaten, die wie Wegelagerer Als der Bus sich am frühen Abend durch Julio Iglesias und lächelt.
am Straßenrand kampieren, bezahlen. Ein den Verkehr der Hauptstadt Ouagadougou »Je sais en amour il faut toujours un per-
bis drei Euro pro Person. schlängelt, schlägt der Wind einer Frau vor dant – ich weiß, in der Liebe gibt es immer
Die Migration ist ein Geschäft, an dem Diallo den Vorhang ins Gesicht. Sie rührt einen Verlierer;
jeder verdienen will. sich nicht. 15 Minuten lang. Bis ihr Mann j’ai eu la chance de gagner souvent – ich
»Auf dem Hinweg zahlst du mehr«, sagt den Vorhang festbindet. »Das Dulden ist habe das Glück gehabt, oft zu gewinnen,
Diallo. »Wenn du aufbrichst, um Wohl- die zweite Natur des Reisenden gewor- et j’ignorais que l’on pouvait souffrir au-
stand zu deinen Leuten zu bringen, für dein den«, sagt Diallo. Der Reisende in Afrika tant – aber ich wusste nicht, dass man so
Land, für deinen Kontinent, wollen alle duldet. Nur so kann er es schaffen, indem leiden kann.«
dein Geld. Bis zu 45 Euro pro Checkpoint. er Stolz und Würde unterdrückt. Es ist sein Lieblingslied. »Es ist in der
Oft haben wir den Bus verlassen und uns Morgens um vier erreicht der Bus den Liebe doch wie im Leben«, sagt er.
Motorräder gemietet. Sind Stunden durch Grenzposten Yendene, den Übergang zur Auf der Straße zapfen ein paar Jugend-
die Savanne gefahren, um die Checkpoints Elfenbeinküste. Soldaten liegen um ein liche das Benzin aus einem auf die Seite
zu umgehen. Denn wer nicht zahlen konnte Feuer herum. Ziegen suchen zwischen gekippten Truck ab.
oder wollte, wurde zurückgeschickt. Soli- dem Müll nach Futter.
darität mit Migranten gibt es hier nicht.« Der ehemalige Vorzeigestaat Westafri- Immer wieder lassen Soldaten den Bus
Kaum ist es neun Uhr, kaum steht die kas, das Land des Kakaos, wurde erst zum warten, weil der Fahrer nicht genug Ge-
Sonne höher am Himmel, weicht die Küh- Bürgerkriegsland und ist nun ein Staat der schenke oder Geld dabeihat. In der Elfen-
le einer brutalen Hitze. Die Fahrer machen Meutereien. Die Regierung bekommt die beinküste zahlen nicht die Passagiere, in
vorsorglich die Klimaanlage aus. Aus ehemaligen Rebellen nicht unter Kontrolle, der Elfenbeinküste zahlt der Fahrer. Wenn
Gründen, die nur sie selbst kennen, wird trotz fürstlicher Zahlungen. In der Wirt- nicht, starren die Männer mit den Kalasch-
nikows so lange tatenlos in die Gepäck-
räume, bis der Fahrer doch zahlt.
»Die Soldaten auf der Straße wollen nur
Geld. Nur dafür sind sie da, afrikanische Sol-
daten denken wie Verbrecher«, sagt Diallo.
In Bouaké, der zweitgrößten Stadt der
Elfenbeinküste, ist es ruhig. Keine Schüsse,
keine Kämpfe wie noch vor vier Tagen,
nur der Verkehr, der sich röchelnd durch
die Straßen schiebt. Der Bus hält. Diallo
steigt aus. »Herzlich willkommen, Weiße«,
sagt eine junge Frau mit geflochtenen Haa-
ren und frechem Lächeln.
»Wir sind zwei Schwarze und zwei Wei-
ße«, sagt Diallo. »Warum begrüßt du nur
die Weißen?«
Afrikaner, sagt er, sähen Weiße noch im-
mer als überlegen an. »Europa schaut auf
uns herab, aber wir schauen zu euch hi-
nauf«, sagt er. »Vielleicht bedingt sich das.«
Zwei Stunden später geht es weiter.
An einem bewölkten Mittwochmorgen,
Heimkehrer Diallo, Mutter im Dorf Boual: »Du solltest mir doch ein neues Haus bauen« 41 Stunden nach dem Aufbruch, 71 Stun-
den vor seiner Ankunft, auf einem nach
Diesel stinkenden Busbahnhof im Westen
sie ausschließlich während der Nacht ein- schaftsmetropole Abidjan fürchten die der Elfenbeinküste, sagt Diallo plötzlich:
geschaltet, sodass sie zusätzliche kalte Luft Menschen heute die »Mikroben«: jugend- »Ich muss sie anrufen. Irgendwann muss
in den eisigen Bus blasen kann. Sobald es liche Banden, zugedröhnt, die mit Mache- ich sie anrufen.« Er meint seine Mutter.
heiß wird, stellen sie sie aus. ten, Eisenstangen und Messern bewaffnet Niemand weiß, dass er kommt.
Mal alle 15, dann alle 30 Minuten hält durch die Stadt ziehen. Draußen zieht Daloa vorbei. Eine Stadt,
der Bus. Dann wird kassiert, geschrien, Als die Luft nicht mehr nach Staub, son- die nicht viel mehr ist als wahllos hinge-
gedroht. Kinder kommen aus den Hütten dern nach satter, feuchter Erde riecht und worfene wellblechgedeckte Hütten, zwi-
gestürzt, aus dem Schatten der Zachun- Mangobäume in früher Blüte an den Fens- schen denen sich der Müll sammelt. Diallo
Bäume, stehen stumm vor den Reisenden, tern vorbeiziehen, beginnt Diallo zu träu- sitzt jetzt nicht mehr in einem Bus, son-
die Augen groß und leer, die Gesichter fast men, wie jeder Reisende irgendwann. dern in einem Minibus, er fährt hinaus auf
weiß vor Staub. Wie Geister aus einem In Gedanken, so erzählt er es später, einer dieser Straßen, die sich wie Schluch-
Shakespeare-Drama. Sie tragen, für die kommt er in seinem Dorf an. Die Mutter ten durchs Unterholz ziehen.
Almosen, kleine Plastikeimer um den begrüßt ihn, es wird Fisch aus dem Fluss 2016 ist Diallo schon einmal hier entlang-
Hals. geholt, in dem er sich als Junge wusch. Erd- gefahren. Nach Abidjan, an den Ort, an dem
»Wenn du nichts hast«, sagt Diallo, nüsse werden gerieben und zu Soße ver- er damals sein Glück vermutete. Jemand
»geht es immer ums Geld. Und irgend- kocht. Das Dorf lauscht seinen Abenteu- hatte erzählt, in Abidjan könne man Geld
wann geht es immer um Neid.« Draußen ern, hört, wie er nur knapp überlebte. Sie machen. Er aber machte dort kein Geld.
brennt die Sonne auf die braune, trockene verstehen ihn. Die Onkel begrüßen ihn. Auf den Straßen Westafrikas liegt eine
Savanne. Jeder hier sei allein, sagt Diallo Er bleibt einige Wochen und zieht dann Patina enttäuschter Hoffnungen.

80 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Zurückgekehrter Diallo beim Wasserholen: »Ich fühle mich wie ein Fremder«

In Niger, erzählt ein Mitreisender im nicht um die Ecke«, sagt einer der Jungs, sie am Morgen verkaufen. An alle diejeni-
Taxi, da hätten die Fulbe, Diallos Stamm, die in dem Raum schlafen. »Dort hausen gen, die eine neue Autobatterie brauchen.
ein Fest, bei dem sie sich mit Stöcken duel- die Vagabunden. Die schlagen euch zusam- Am nächsten Morgen steht Diallo wie-
lierten. »Mein Stamm«, sagt Diallo, »hat men und rauben euch aus.« der vor einem Sammeltaxi. Elf Menschen
zu Hause fast alle Traditionen aufgege- Ein Mann setzt sich zu Diallo und ver- in einem Renault-Nevada-Kombi. 20 Stun-
ben. Der einzige Brauch, den wir heute kauft ihm eine SIM-Karte. Er ist Geolo- den bis Labé im Norden des Landes. Doch
noch haben, ist zu versuchen, Geld aufzu- giestudent. »Das Land hätte alles, um reich das Taxi verschwindet mit allem Gepäck
treiben.« zu sein«, sagt er. »Aber alles, was wir ha- und kehrt erst eine Stunde später zurück.
Einige Stunden später fährt ihn ein ben, sind Korruption und Armut.« »Das ist das Problem hier«, sagt Diallo,
durchgerosteter Nissan zum ivorischen Guinea. Der Boden hier ist voll von »keine Regeln, keine Ordnung. Jeder
Grenzposten. Der fettleibige Boss des Rohstoffen. Es gibt Öl und Diamanten, macht, was er will.«
Grenzübergangs döst in einer Hänge- Gold und Bauxit. Und Erz. Allein die
matte unter einem Mangobaum und Simandou-Berge, so Schätzungen, könn- Am Straßenrand warnen Plakate vor der
brüllt Befehle herüber, dann wird Diallo ten Eisenerz im Wert von 140 Milliarden Wiederkehr von Ebola. Und vor dem ge-
abgefertigt. Dollar enthalten. Mehr als zwei Milliar- fährlichen Weg nach Europa. »Holt mich
Aufpassen solle man, drüben bei den den Tonnen liegen in der Erde. Es gilt als hier raus«, steht über dem Bild eines zu-
Guineern, das seien Banditen. Alle. »Es das größte unerschlossene Vorkommen sammengekauerten Mannes. Die EU hat
gibt so viel Rassismus hier«, sagt Diallo. der Welt. Und dennoch gehört Guinea die Plakate aufhängen lassen.
»Zwischen Stämmen, zwischen Ländern.« mit seinen über zwölf Millionen Einwoh- Als zwölf Stunden später der überlade-
Dann ruft der Boss aus seiner Hänge- nern zu den ärmsten Ländern der Welt. ne Renault in Marela einfährt, ist es bereits
matte: »Afrika ist ein freies Land!« Sein Dank windiger Deals korrupter Regierun- Nacht. Die Dörfer gleichen einander. Im-
Bauch ragt unter dem Unterhemd hervor. gen. So bekam etwa das Unternehmen mer ist die Straße Markt, Treffpunkt und
»Frei für euch. Ihr könnt überallhin. Wo eines israelischen Diamantenhändlers im Stall zugleich. Selten gibt es Strom. Wenn,
kann ich in Europa hin? Nirgendwo.« Jahr 2008 die Erlaubnis, die Simandou- dann aus Solarzellen, die NGOs aufgestellt
Ein schlammiges Rinnsal, das die Piste Vorkommen abzubauen. Offenbar ohne haben. Manchmal gibt es einen Brunnen,
kreuzt, markiert die Grenze. Und dort er- dafür etwas zu zahlen, jedenfalls nicht manchmal nicht. Immer gibt es einen
wachen, tief im Busch, Gefühle, mit denen offiziell. Stand, an dem für Geld die Handys aufge-
Diallo nicht gerechnet hat. Stolz und Freu- Statt Reichtum haben sie in Guinea heu- laden werden können.
de. Er ist zu Hause. te den Highway 10. So genannt, weil er Dann kippt die Stimmung im Wagen.
56 Stunden bevor er seine Mutter in die ungefähr entlang des zehnten Breitengra- Noch sieben Stunden sind es bis Labé,
Arme schließen wird, duscht Diallo aus ei- des verläuft. Er ist die Drogenschmuggel- der Fahrer drückt aufs Gas, doch unter
nem Plastikeimer am Busbahnhof der süd- route südamerikanischer Kartelle durch den Passagieren macht sich Angst breit.
guineischen Stadt Nzérékoré. Für einen Westafrika nach Europa. Es ist die Zeit, zu der die Händler zurück
Euro die Nacht kann er in einem fensterlo- Später in der Nacht hört man die Ratten – nach Labé kommen und mit ihnen,
sen Raum schlafen, den sie um 23.30 Uhr und die Diebe, wie sie Autobatterien aus nachts, die Räuber. Es wird gestritten.
verbarrikadieren. »Geht nicht hinaus und den Wagen klauen. Kleine Jungs werden Schließlich wird in drei von Termiten zer-

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fressenen Hütten bis zum Morgengrauen dann immer schneller. Er springt über kleine
ZDF REPORTAGE gewartet. Felsen. Hühner eilen umher, Tauben schre-
SONNTAG, 3. 6., 18.00 – 18.30 UHR | ZDF Am nächsten Abend, dem letzten, be- cken auf. Dann steht er vor seiner Mutter.
vor er seiner Mutter in die Augen schauen
Alles koscher? Deutsche Juden wird, in denen er nicht weniger als Abso- Sie weint, umarmt den Sohn. »Gott sei
verstehen ihr Land nicht mehr lution erwartet, sitzt Diallo im Hof eines gedankt«, ruft sie. Immer wieder. Sie
85 Jahre nach der Machtergreifung heruntergekommenen Hotels. Er sitzt ne- nimmt ihm den Rucksack ab. Legt ihn in
der Nationalsozialisten geht in ben einem leeren Pool, in den ein steiner- die Hütte, neben die Matte und die Töpfe.
Deutschland wieder ein Gespenst ner Delfin ein Rinnsal speit, unter dem Alles ist gut.
um: Hass auf Juden. Sie werden sich Kinder waschen. Diallo schaut auf sein Sie umarmt ihn. Dann sagt sie leise, ge-
auf offener Straße geschlagen oder Telefon. Dann wählt er. rade so, dass er es hören kann: »Du warst
beschimpft. Die Reportage hat »Ich bin es«, sagt er, »Majid, dein Sohn.« Jahre weg. Schau, wie mein Haus aussieht.
Juden in Deutschland begleitet, Die Mutter schweigt. Dann sagt sie: »Gott Du solltest mir doch ein neues bauen.«
um zu erfahren, wie sie Antisemi- ist groß!« Das Glück hielt zwei Minuten.
tismus erleben. »Ich komme nach Hause, Mutter«, sagt Ich muss es ihr erklären, denkt Diallo.
er, »morgen bin ich da.« Ich muss ihnen von der Reise erzählen.
»Gott ist groß«, sagt sie. Vom Tod, den ich auf dem Meer gesehen
SPIEGEL TV MAGAZIN »Alles wird gut«, sagt er, als er auflegt. habe. Doch da drängen ihn schon die Onkel
SONNTAG, 3. 6., 22.50 – 23.35 UHR | RTL Warum er kommt, dass er nichts mit- weg. Eine Träne läuft ihm die Wange hinab.
bringt, hat er nicht gesagt. Es wird ein Familientreffen für den
Tod im toten Winkel – Tragische Un- »Ich weiß nun, was ich sagen werde: Es Abend einberufen.
fälle durch Rechtsabbieger; Armee- war hart in Libyen. Ich will in meinem Sechs alte Männer sitzen auf einer dün-
hubschrauber und Sturmgewehre – Land leben. Ich werde viel reden müssen nen Strohmatte. Reden über die Ziege, die
Die Militarisierung der Polizei in morgen. Ich werde jeden Schritt der Reise vor ein paar Tagen gerissen worden ist.
den USA; Wo Trinker trinken dürfen – erzählen.« 15 Frauen, die meisten mit Kindern, sitzen
Ein Wohnheim für Alkoholiker. Dann geht er schlafen. Beruhigt. im Hintergrund. Eine LED-Lampe wirft
Fünf Stunden dauert die Fahrt hinauf einen Lichtkegel auf die Gruppe, die vor
nach Boual, in sein Dorf. Straßen gibt es Diallo sitzt wie eine Richterschar.
SPIEGEL GESCHICHTE hier nicht mehr, nur tief zerfurchte Pisten. Diallo beginnt. Er legt sich hinein in seine
DIENSTAG, 5. 6., 20.15 – 22.10 UHR | SKY Einmal die Woche quält sich ein Wagen Erzählung, versucht, sie mitzureißen, die
die Berge hoch, durch die Wälder, wo die Angst aufleben zu lassen. Er erzählt von der
Black Panthers Paviane wohnen, über das Hochplateau, Wüste, von den Verdurstenden, von Krüp-
Mitte der Sechzigerjahre gab auf dem das rotbraune Bauxitgeröll liegt. peln in Libyen, denen sie in die Beine ge-
es in den USA längst noch keine Reiche Berge sind es, auf denen arme Men- schossen haben, von den Sklavenmärkten,
Gleichberechtigung zwischen schen wohnen. vom Meer, vom Gefängnis, vom Warten,
Schwarzen und Weißen. 1966 Diallo schweigt. Einmal sagt er: »Gleich vom Tod. Und von seiner langen Rückreise.
gründete sich die Black Panther wird alles gut.« Er kauft 20 Kilogramm Dann steht seine Mutter auf und geht.
Party, um der Unterdrückung Orangen am Wegesrand. Damit er wenig- »Ich bin wütend«, wird sie später sagen.
ein Ende zu setzen – und sei es stens etwas in den Händen hält. »Er ist losgezogen, mir ein Haus zu bauen,
mit Gewalt. Der Wagen rollt ins Dorf. Die Piste en- und nichts hat er geschafft. Ich bin sehr
det unter einer Akazie. Weiter weg von enttäuscht. Als Verlierer wird er nie eine
Europa kann man nicht sein. Frau finden.«
SPIEGEL TV REPORTAGE Früher haben sie hier Antilopen gejagt, Diallo sitzt vor seinem Onkel. Keiner
DIENSTAG, 5. 6., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1 die neben dem Dorf grasten. Heute gibt fragt etwas. Immerhin habe er die ersten
es den Wald nicht mehr, der den Antilopen Weißen ins Dorf gebracht, sagt einer. Er
Schweiß und Tränen – Frauen in Schutz bot. Man hat ihn abgebrannt, weil sei kein gutes Vorbild für die Jüngeren,
der Bundespolizei man dachte, man könne Mais anpflanzen. sagt ein anderer. Zwei Frauen tuscheln lei-
Aber der Boden ist zu steinig, um Land- se, vielleicht sei der Junge auch verflucht.
wirtschaft zu betreiben. Und seit der Wald Dann gehen sie schlafen.
weg ist, sind auch die Brunnen ausgetrock- »Ich fühle mich wie ein Fremder«, sagt
net. Deswegen sollte Diallo Geld für eine Diallo nur. Und doch versteht er sie. Denn
Mangoplantage beschaffen. Mangos wach- so ist es immer gewesen. Die Jungen zie-
sen noch. hen los, um die Alten zu versorgen. Darin
Die runden Hütten liegen versprengt am ist er gescheitert. »Das ist«, sagt er, »mein
Hang. Sechs eckige Häuser gibt es. »Richti- Fehler.«
ge Häuser«, sagen die Dorfbewohner. Weil Der Traum der Migranten ist nicht nur
sie aussehen, wie Häuser in Europa ausse- ihr eigener. Es ist der Traum einer ganzen
hen, zumindest glauben sie das hier. Be- Gemeinschaft, dem sie sich fügen müssen,
SPIEGEL TV

zahlt von Männern, die in Europa oder den für den sie aufbrechen.
USA gearbeitet haben. Am nächsten Mittag packt Diallo seinen
Polizeischülerinnen Alexandra, Eda Es ist ein Dorf, so abgelegen und arm, Rucksack und steigt in den Wagen, der
dass man die Armut nicht sofort sieht, weil wieder hinunter in die Ebene fährt.
Rund ein Drittel aller Polizeischüler der Kontrast fehlt, in dem sie sich spiegeln Diallo fährt nach Conakry, in die Haupt-
in Neustrelitz sind Frauen. Zwei könnte. An einem Hang hinter schulterho- stadt. Geld beschaffen. Irgendwie. Er muss
von ihnen sind Alexandra und Eda. hen, von der Sonne verdorrten Gräsern liegt wieder los. Nach Europa. Denn die Träu-
Ihr Alltag wird von Gebrüll, Gelände- die Hütte der Mutter im Schatten eines Man- me der anderen sind schwer zu erfüllen.
läufen und Liegestützen bestimmt. gobaums. Diallo läuft hinauf. Erst langsam,

82 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Ausland

dann für den Oppositionskandidaten stim-

»Das Land hat genug men, ist Erdoğans Macht ernsthaft ge-
fährdet.
Das Interview mit dem SPIEGEL wurde
schriftlich geführt, Demirtaş beantwortete

von Erdoğan« die Fragen in seiner Gefängniszelle.

SPIEGEL: Herr Demirtaş, wie viel haben


Türkei Selahattin Demirtaș kandidiert für die Präsidentschaftswahl – die Erzählungen in Ihrem Buch mit Ihrem
eigenen Leben zu tun?
aus dem Gefängnis heraus. In der Haft hat er einen Demirtaş: Sehr viel, auch wenn die Ge-
Erzählband geschrieben, in dem er seine Erfahrungen verarbeitet. schichten fiktiv sind. Der Stoff ist direkt
aus meinem Leben gegriffen.
SPIEGEL: Unter welchen Bedingungen

E in Mann sitzt im Gefängnis, irgend-


wo in der Türkei. Er beginnt ein Ge-
spräch mit den Spatzen im Hof, um
nicht verrückt zu werden. Er beobachtet,
Vorsitzender der prokurdischen Partei
HDP. Diese brachte die Regierungspartei
AKP bei der Wahl im Juni 2015 um die
absolute Mehrheit im Parlament. In der
sind die Texte entstanden?
Demirtaş: Ich habe die Geschichten im
Hochsicherheitsgefängnis in Edirne ge-
schrieben, nachts, in meiner Zelle.
wie das Spatzenweibchen Widerstand ge- Folge wurden mehrere Tausend HDP-Mit- SPIEGEL: Sie teilen sich eine Zelle mit
gen die Staatsmacht leistet. Das ist eine glieder verhaftet; Demirtaş sitzt seit No- Ihrem Parteifreund Abdullah Zeydan.
der Geschichten, die Selahattin Demirtaş vember 2016 im Gefängnis, unter anderem Haben Sie ihm Ihre Texte zu lesen ge-
in seinem Buch »Morgengrauen« erzählt, wegen angeblicher »Terrorpropaganda«. geben?
das im Herbst auf Deutsch erscheint. Die Ein Urteil gegen ihn gibt es noch immer Demirtaş: Ja, Abdullah war mein erster
Erzählungen sind fiktiv und doch geprägt nicht. Nun tritt er für die HDP bei der Leser. Er hat Anmerkungen gemacht, von
von dem, was er erlebt hat. Das mühsame vorgezogenen Präsidentschaftswahl am denen ich die meisten übernommen habe.
Leben der Kurden im Südosten der Türkei, 24. Juni an – aus dem Gefängnis heraus. SPIEGEL: Wie haben Sie das Manuskript
die Selbstgerechtigkeit der Mächtigen, der Erdoğan hat die Wahl im Vertrauen aus dem Gefängnis herausgeschafft?
Mut der Frauen. darauf vorgezogen, sie gewinnen zu kön- Demirtaş: Ich habe jeden Text einzeln als
Dabei ist Demirtaş eigentlich kein nen. Für einen Wahlsieg in der ersten Brief an meine Frau Başak geschickt.
Schriftsteller, sondern einer der wichtigs- Runde brauchte er jedoch 50 Prozent der SPIEGEL: Ist das Schreiben für Sie ein Weg,
ten Gegner von Präsident Recep Tayyip Stimmen, was nicht mehr sicher ist – es mit der Haft fertigzuwerden?
Erdoğan. Geboren 1973 in Ostanatolien, könnte daher zu einer Stichwahl am 8. Juli Demirtaş: Wenn es dir gelingt, die Mau-
Anwalt, Menschenrechtler, Politiker – und kommen. Demirtaş wird die zweite Runde ern in deinem Kopf einzureißen, dann bist
von Mitte 2014 bis Anfang des Jahres Co- nicht erreichen, aber wenn seine Wähler du kein Gefangener mehr, dann bist du

AP

Inhaftierter Demirtaş: »Zweimal am Tag gibt es Essen, ansonsten lese und schreibe ich«

83
Ausland

frei. Das Schreiben und das Lesen helfen Demirtaş: Sie sind höflich. Sie halten sich hindern. Das wäre ein weiterer Justiz-
mir dabei, die Haft erträglich zu machen. an die Regeln. skandal.
SPIEGEL: Können Sie uns Ihren Alltag im SPIEGEL: Wer sind die Menschen, die mit SPIEGEL: Über 3000 HDP-Mitglieder sit-
Gefängnis schildern? Ihnen im Gefängnis sitzen? zen im Gefängnis. Ist Ihre Partei überhaupt
Demirtaş: Ich sitze beinahe den gesamten Demirtaş: Es sind gewöhnliche Kriminelle in der Lage, Wahlkampf zu betreiben?
Tag in meiner Zelle. Zweimal am Tag gibt und politische Gefangene, Linke wie Rech- Demirtaş: Der Druck auf meine Partei ist
es Essen, morgens und abends. Ansonsten te. Aber es ist mir verboten, auch nur Sicht- groß. Aber unsere Basis ist nach wie vor
lese und schreibe ich. kontakt zu ihnen aufzunehmen. entschlossen und mutig. Mit der Hilfe von
SPIEGEL: Wie sieht Ihre Zelle aus? SPIEGEL: Sie haben im Februar Ihr Amt Freiwilligen werden wir bestens aufgestellt
Demirtaş: Es ist ein hässlicher, zwei- als Parteichef niedergelegt und wollten die in diese Wahlen gehen.
stöckiger Raum, fünf mal sechs Meter Politik eigentlich ruhen lassen. Nun treten SPIEGEL: Präsident Recep Tayyip Erdoğan
groß. Oben sind die Betten, unten sind Sie aus dem Gefängnis heraus bei der Prä- liegt in den meisten Umfragen vorn. Was
die Toilette und die Dusche. Außerdem sidentschaftswahl an. Warum? gibt Ihnen Hoffnung, dass ein Regierungs-
gibt es einen winzigen Hof, umschlossen Demirtaş: Meine Partei hat mich gebeten wechsel möglich ist?
von hohen Betonwänden und Stachel- zu kandidieren. Und ich habe immer ge- Demirtaş: Das Land hat genug von Erdo-
draht. sagt, dass ich zur Stelle bin, wenn meine ğan. Das ist überall zu spüren. Bei dieser
SPIEGEL: Dürfen Sie Besuch empfangen? Partei und mein Volk mich brauchen. Ich Wahl werden die Menschen sagen: »Es
Demirtaş: Ich darf meine Familie einmal habe den Kampf nie aufgegeben. reicht.«
die Woche für eine Stunde durch eine Glas- SPIEGEL: Wie halten Sie Kontakt zur HDP? SPIEGEL: Der Krieg der Türkei in Afrin
scheibe hindurch sehen. Einmal im Monat Demirtaş: Sporadisch über meine Anwälte. hat den Graben zwischen Türken und
Kurden weiter vertieft. Was ant-
worten Sie jungen Kurden, die
sagen, die Politik ist nicht in der
Lage, unsere Probleme zu lösen?
Demirtaş: Verliert eure Hoff-
nung nicht. Wir werden unseren
Kampf mit friedlichen Mitteln
fortsetzen, so wie wir das immer
getan haben. Das ist unser
Prinzip.
SPIEGEL: Was empfinden Sie an-
gesichts der Schikanen gegen
Ihre Partei? Ohnmacht? Wut?
Verzweiflung?
Demirtaş: Die Regierung ist ver-
zweifelt, nicht wir sind es. Das
zeigt sich an der Art und Weise,
wie sie gegen uns vorgeht. Wir
CHRIS MCGRATH / GETTY IMAGES

konzentrieren uns auf uns selbst,


nicht auf unsere Gegner.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie
aus dem Gefängnis freikommen
könnten, solange Erdoğan an
der Macht ist?
Demirtaş: Die Freiheit der Men-
Kundgebung von HDP-Anhängern in Istanbul: »Die Regierung ist verzweifelt, nicht wir sind es« schen ist wichtiger als meine ei-
gene. Wenn die Menschen frei
sind, wird auch meine Geisel-
gestatten sie uns ein Treffen in einem offe- SPIEGEL: Sie können weder Reden halten haft vorbei sein. Ich nehme die Ausein-
nen Raum. noch von Haus zu Haus ziehen oder im andersetzung mit dem türkischen Staat
SPIEGEL: Welche Bücher lesen Sie im Fernsehen auftreten. Wie wollen Sie die nicht persönlich. Selbst wenn ich wüsste,
Gefängnis? Wähler erreichen? dass ich mein Leben lang im Gefängnis
Demirtaş: Ich lese quer, alles, was es gibt. Demirtaş: Ich kann mich über Briefe an bleiben muss, würde ich den Kampf für
Ich habe schon Hunderte Bücher gelesen, die Öffentlichkeit wenden. Jugendliche den Frieden nicht aufgeben.
über Politik, Philosophie, Geschichte. Ro- und Frauen werden für mich von Haus zu SPIEGEL: Sie haben 2013 gemeinsam mit
mane, Gedichte, Kurzgeschichten. Haus gehen und Wähler überzeugen. Ich der Regierung den Friedensprozess zwi-
SPIEGEL: Verfolgen Sie die Nachrichten? vertraue meinem Volk. Ich führe diese schen Türken und Kurden angeschoben. Ist
Demirtaş: Ich habe Tageszeitungen abon- Kampagne nicht für mich, sondern für Frei- eine solche Initiative heute noch möglich?
niert und schaue Fernsehen. heit und Demokratie. Demirtaş: Wenn wir an die Macht kom-
SPIEGEL: Können Sie die Umstände be- SPIEGEL: Sie müssen sich am 8. Juni ein men sollten, werden wir die Kurdenfrage
schreiben, unter denen Sie die Fragen für weiteres Mal vor Gericht verantworten. mit den Mitteln der Demokratie lösen.
dieses Interview beantworten? Sollte der Richter Sie schuldig sprechen, Wir erwarten nichts mehr von Erdoğans
Demirtaş: Ich sitze in meiner Zelle an ei- stünde Ihre Partei zwei Wochen vor der AKP. Sie repräsentiert den türkischen
nem Plastiktisch und antworte handschrift- Wahl ohne Kandidaten da. Faschismus.
lich auf Ihre Fragen. Demirtaş: Dafür müsste das Gericht Interview: Maximilian Popp
SPIEGEL: Wie gehen die Gefängniswärter den Prozess in einem Rekordtempo ab- Twitter: @Maximilian_Popp
mit Ihnen um? wickeln und ein Berufungsverfahren ver-

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tatsächlich auf der Bühne erschien. Die
Szene war eine Mischung aus Zirkusvor-
stellung und Fernsehshow – und die Art
der Aufführung erklärt vieles.
Die Aktion – noch bizarrer als James
Bonds vorgetäuschter Tod in »Man lebt nur
zweimal« – schlug deshalb so hart ein, weil
die Todesmeldung so viele Menschen scho-
ckiert hatte. Der Verdacht, der russische Ge-
heimdienst habe mal wieder einen Kreml-
gegner umgebracht, lag nahe.
Babtschenko sei an der Schwelle seiner
Wohnung durch drei Schüsse niederge-
streckt worden und auf dem Weg ins Kran-
kenhaus verstorben, hieß es zuerst. Bald
darauf veröffentlichte der ukrainische Ge-
heimdienst eine Phantomzeichnung, die
einen Kaukasier als mutmaßlichen Mörder
zeigte. Seine Auftraggeber seien »in Russ-
land« zu suchen, so der Dienst.

UKRINFORM / ZUMA / ACTION PRESS


»Völliger Blödsinn. Sie sind im Fieber-
wahn«, kommentierte der russische Ge-
heimdienstchef Alexander Bortnikow.
Da hatte in Kiew die Welle der Empö-
rung bereits ihren ersten Gipfel erreicht.
Ganz Eifrige forderten die sofortige Ein-
richtung der Visapflicht gegenüber Russ-
land, die Entlassung ukrainischer Beamter,
Angebliches Opfer Babtschenko (r.)*: 30 000 Dollar für den wahren Killer? die Verbindungen nach Russland haben,
sowie die Ausweisung aller Journalisten,
die als Propagandisten des Feindes arbei-

Man lebt nur zweimal


ten, als Trolle des Kreml.
Aber manches an dem Vorgang war von
Anfang an rätselhaft: Niemand hatte den
Körper des angeblich Erschossenen gese-
hen. Auch fand der »Mord« an einem Tag
Ukraine Der Geheimdienst hat einen Mord an einem statt, an dem Babtschenko eigentlich gar
russischen Kriegsreporter fingiert. Dessen nicht in Kiew sein wollte – erst kurz zuvor
wildes Leben gehört zum Hintergrund des bizarren Falls. hatte er es sich anders überlegt. Und dass
er an dem besagten Abend noch mal aus
dem Haus ging, um Brot zu holen, hätte

G ibt es in der ukrainischen Geschichte


einen ähnlichen Fall wie den des 20
Stunden lang für tot erklärten Jour-
nalisten Arkadij Babtschenko? Nein, sieht
Selbst der deutsche Bundespräsident
Frank-Walter Steinmeier, zur vermeint-
lichen Tatzeit gerade in der Stadt, zeigte
sich irritiert – er hatte in einer Stellung-
der Killer nicht wissen können.
Noch eigenartiger schien, dass Präsident
Petro Poroschenko sich nicht zum Attentat
äußerte, obwohl Babtschenko ein promi-
man einmal ab von Alexander Uspenski, nahme den brutalen Mord an Babtschenko nenter Journalist war. Und es verging nicht
Geheimdienstgeneral und ukrainischer eindeutig verurteilt. Auch Steinmeier war mal eine halbe Stunde, bis die ukrainische
Innenminister unter Josef Stalin. Der wur- nun durch das Manöver der ukrainischen Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren im
de 1938 nach Moskau befohlen, und weil Geheimen düpiert. Babtschenko-Mord eröffnete. So schnell wa-
er eine Verhaftung befürchtete, inszenierte Noch scheint nicht allen in Kiew klar zu ren die Kiewer Ermittlungsorgane noch nie.
er seinen Tod. In der neueren Zeit aber ist sein, was da angerichtet worden ist, noch Andererseits passte überraschend genau
der Fall Babtschenko beispiellos, und des- herrscht seit dem Wiederauftauchen des ins Bild, was plötzlich an letzten Lebens-
wegen wird er Folgen haben – für das rus- von Russland angeblich Gemeuchelten äußerungen Babtschenkos auftauchte.
sisch-ukrainische Verhältnis und die Glaub- Euphorie. Die Freude, dass der 41-jährige Hatte er nicht am selben Tag noch auf
würdigkeit der Führung in Kiew. Babtschenko noch lebt, deckt alle Fragen Facebook von einem Zwischenfall ge-
Am Dienstagabend gegen 20 Uhr hatte und Zweifel zu. schrieben, der ihn fast das Leben gekostet
die Nachricht Kiew erreicht, der russische Als der Chef des ukrainischen Geheim- hätte? 2014 wollte er mit einem Hub-
Journalist Arkadij Babtschenko sei erschos- dienstes SBU, Wassyl Hryzak, am Mitt- schrauber der ukrainischen Armee ins ost-
sen worden. Babtschenko war einer der be- woch zur Pressekonferenz rief, erwarteten ukrainische Kriegsgebiet fliegen – nur er-
kanntesten Schreiber der Stadt, erst im ver- die Journalisten noch Nachrichten zum wies der sich als zu voll, Babtschenko
gangenen Jahr war der scharfe Putin-Kriti- Tathergang. Aber Hryzak sagte nur: »Er musste zurückbleiben. Kurze Zeit später
ker aus Moskau in die Ukraine geflüchtet. lebt.« Dann rief er in die Kulissen: »Arka- wurde der Hubschrauber von prorussi-
Doch am Tag nach der Todesnachricht stell- dij, ins Studio!«, woraufhin der Journalist schen Separatisten abgeschossen.
te sich heraus, dass der ukrainische Geheim- Auch ein Interview mit Babtschenko
dienst den Mord fingiert hatte, um ein an- * Mit Geheimdienstchef Wassyl Hryzak und ukraini-
wurde zitiert, das er mit Schanna Nemzo-
gebliches Mordkomplott der Russen aufflie- schem Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko auf der Presse- wa geführt hatte, der Tochter des 2015 in
gen zu lassen. Babtschenko war putzmunter. konferenz am vorigen Mittwoch in Kiew. Moskau erschossenen liberalen Politikers

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 85


Ausland

Noch gibt es keine Gewissheit über die


Auftraggeber, ebenfalls am Donnerstag
wurde erstmals ein Kiewer Vertreter einer
deutschen Waffenfirma als Verdächtiger
genannt. Welche Verbindungen er zu Russ-
land hat, ist nicht bekannt.
Genau darauf aber wird es ankommen.
Wenn der Nachweis nicht gelingen sollte,
dass Russland diesen Anschlag geplant
und einen Mörder angeworben hat, wird
sich die Inszenierung als Bärendienst des
ukrainischen Geheimdienstes am eigenen
Staat erweisen.
»Die ukrainischen Ermittlungsbehörden
werden mit jedem Tag stärker und fähiger,
sich der russischen Aggression entgegen-

SERGIY NUZHNENKO / DPA


zustellen«, hatte Präsident Poroschenko
nach der Aktion gesagt. Ein Berater des
Innenministers feierte den Coup mit den
Worten, jetzt habe man es endlich mal
dem russischen Geheimdienst gezeigt.
Vielleicht steckt auch darin eine Erklärung
Babtschenkos Wohnsitz in Kiew: Den Mord vorweggenommen? für die seltsame Aktion?
Der ukrainische Geheimdienst hat im
eigenen Land keinen guten Ruf. Bis vor
Boris Nemzow. »Ich habe Informationen«, Mitleid mit jenem russischen Militärchor, Kurzem leitete er noch den Krieg gegen
so sagte er da, »dass man im russischen der in einer Tu-154 im Dezember 2016 über die Separatisten im Osten des Landes –
Geheimdienst FSB gerade beschließt, was dem Schwarzen Meer abgestürzt war, als sogenannte Anti-Terror-Operation.
man mit mir machen soll: entweder mich schrieb er auf Facebook. Denn der Chor Eine gute Figur machte der Dienst dabei
endgültig festzusetzen oder abzuwinken sei auf dem Weg nach Syrien gewesen, um nicht. Im Mai entzog Präsident Poroschen-
und mich laufen zu lassen.« Das alles dort bei einer Feier auf einem russischen ko ihm die Leitung und übertrug sie der
scheint zwar nicht abwegig, aber man soll- Luftwaffenstützpunkt aufzutreten. Die Sän- Armeeführung.
te einiges über Babtschenko wissen. Auch ger hätten sich in den Dienst der russischen Auch all die tatsächlichen Morde in
weil es erklärt, warum gerade er die Insze- Propaganda gestellt. Er könne nicht um Kiew hatte der SBU nicht aufzudecken
nierung des ukrainischen Geheimdienstes Menschen trauern, die den Tod syrischer vermocht, etwa den im Juli 2016, als der
mitgemacht hat. Ja warum er wohl sogar Befreiungskämpfer besingen wollten. Journalist Pawel Scheremet mit einer Bom-
seiner Frau Unglaubliches antat, indem er Babtschenkos Kommentare zu billigen sei be in die Luft gejagt worden war. Trotz
sie in dem Glauben ließ, er wäre tot. oft schwierig gewesen, sagt sein Kollege Sap- der Skripal-Affäre in Salisbury, trotz des
Babtschenko hat in beiden Tschetsche- rykin. Er sei wie ein Partisan an von ihm Nemzow-Mordes in Moskau – die Ukrai-
nienkriegen als Soldat gekämpft, im Krieg weit gesteckte moralisch-ethische Grenzen ner und die westliche Welt »glauben den
um Südossetien arbeitete er als Korrespon- gegangen, kaum jemand habe ihm folgen Russen noch immer mehr als uns«, hatte
dent. Dazwischen schrieb er ein Buch: wollen. Wie ein Rächer sei er durch die Welt das Kiewer Magazin »Neue Zeit« geklagt.
»Der Krieg«. Es sei keine Literatur, so sagte gejagt, während zu Hause sechs adoptierte, Und das »im vierten Jahr jenes Krieges,
er, sondern ein Mittel zur eigenen »Reha- schwierige Kinder auf ihn warteten. den wir gegen Russland führen müssen«.
bilitation«. Es sei unmöglich, aus einem Das alles mag erklären, warum der Jour- Der ukrainische Geheimdienst benötig-
Krieg zurückzukehren und das, was man nalist Babtschenko sich für die Geheim- te also dringend einen Erfolg. Er glaubt,
dort erlebt habe, von sich abzuwaschen. dienst-Inszenierung hergab. Worum aber Moskau nun düpiert zu haben.
Die Rehabilitation scheint ihm nicht ging es dem ukrainischen SBU? »Aber hat es sich für die ukrainische Füh-
wirklich gelungen zu sein. Er sei all die Darüber ist wenig bekannt. Der Kiewer rung gelohnt, die eigene Öffentlichkeit und
Jahre Soldat geblieben, sagt der russische Geheimdienst erklärte bis Donnerstag- die ganze Welt getäuscht zu haben?«, frag-
Journalist Jurij Saprykin, der ihn gut kennt. abend lediglich, es habe einen Mordplan te am Donnerstag ein Kiewer Journalist.
Ein unsteter Mensch, immer »bereit, in je- gegen Babtschenko gegeben. Den habe Das wird sich erst herausstellen müssen.
dem beliebigen Moment wieder in den An- man nur dadurch aufdecken können, dass Auffallend ist auf jeden Fall, wie zurück-
griff zu ziehen. Und ein Soldat blickt an- man den Mord vorweggenommen, ihn haltend Moskau nach der Aufdeckung des
ders auf die Welt als ein Zivilist«. also inszeniert habe – um so an die Hinter- inszenierten Mordes blieb. Noch am Mitt-
Babtschenkos Hauptfeind blieb das Pu- männer zu kommen. Ein Mann, der in der woch, als alle an den Tod Babtschenkos
tin-Regime, dessen Gewalt gegenüber Op- Ostukraine gekämpft hatte, habe den glaubten, hatte der Kreml die Ukraine mit
positionellen oder unbotsamen Ländern. Mordauftrag erhalten, ihm seien dafür Häme überschüttet. Morde wie jener an
Selbst Gleichgesinnte in Moskau griff er 30 000 Dollar in Aussicht gestellt worden. Babtschenko seien nur in der Ukraine
immer wieder an, etwa Liberale, die mit Doch er habe sich rechtzeitig dem SBU möglich, hatte Putins Außenministerium
Luftballons gegen Putin auf die Straße gin- offenbart. Zwei Monate lang sei die Aktion da erklärt. Als ob nicht in Moskau viele
gen. Er hielt diese Leute für schwach, für daraufhin vorbereitet worden. Dank des Oppositionelle zu Tode gekommen wären.
Konformisten, ewig zu Kompromissen be- inszenierten Mordes sei es am Donnerstag Danach aber war weitgehend Ruhe. Ein
reit, anstatt etwas Substanzielles gegen gelungen, einen Mittelsmann festzuneh- Eingeständnis, dass die ukrainischen Vor-
den Kreml zu unternehmen. men. Neben Babtschenko sollten, so der würfe nicht aus der Luft gegriffen sind?
Babtschenkos Kommentare waren oft an SBU, angeblich 30 weitere Russlandgeg- Christian Neef
der Grenze des Erträglichen. Er habe kein ner beseitigt werden.

86 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Sport
Für Fußballer kann ein Wechsel ins Ausland wirken wie ein Auslandssemester für Studenten. ‣ S. 91

Begegnung in der NBA-Finalserie LeBron James und Stephen Curry duel-


Karrierevergleich
lieren sich in den NBA-Finals zum vierten
LeBron James Stephen Curry Mal in Folge, eine einmalige Serie. Cleve-
lands Finaleinzug überraschte manche
1143 Saisonspiele 625 Basketballexperten, Superstar James, 33,
erzielte in sieben Play-off-Partien jeweils
235 Play-off-Spiele 86 über 40 Zähler, traf zweimal mit der

BEN MARGOT / PICTURE ALLIANCE / AP / DPA; WA Z FOTO POOL / ACTION PRESS


Schlusssirene zum Sieg, markierte mehr
31 038 Saisonpunkte 14 434 als ein Drittel aller Cavaliers-Punkte –
selten war eine Mannschaft so stark von
6775 Play-off-Punkte 2238 einem Spieler abhängig. Curry, 30,
bekommt bei Golden State aus dem kali-
27,2 Saisonpunkte pro Spiel 23,1 fornischen Oakland mehr Entlastung: Die
erste Play-off-Runde gewannen die War-
28,8 Play-off-Punkte pro Spiel 26,0 riors trotz einer Verletzungspause ihres
Distanzwurfspezialisten, sein Punkte-
Auszeichnungen schnitt in der K.-o.-Phase ist niedriger als
in den Meisterjahren 2015 und 2017. Den-
3 NBA Champion 2 noch geht Golden State favorisiert in die
Finalspiele. Aber schon 2016 war Cleve-
Most Valuable land Außenseiter, lag in der Serie mit 1:3
4 2
Player zurück. Dann gewannen die Cavaliers
drei Partien nacheinander und sicherten
14 NBA All-Star 5 sich den ersten Titel der Klubgeschichte.
Stand: 31. Mai

Magische Momente

»Sechs Runden um den Triumphbogen«


Tennistrainer Heinz Günthardt, 59, über den letzten Sieg von Steffi Graf bei den French Open

SPIEGEL: 1999 gewann Stef- SPIEGEL: Hingis brachte die Zuschauer wie ein Kind, dem man das Lieblingsspiel-
fi Graf mit Ihnen als Trai- bei 6:4 und 2:0 gegen sich auf. zeug wegnimmt.
ner zum sechsten und letz- Günthardt: Sie wollte nicht wahrhaben, SPIEGEL: Graf gewann den dritten Satz
ten Mal die French Open. dass ein Ball Aus gegeben wurde. Sie mit 6:2, und Hingis verließ noch vor der
Sie sagte, dass es der wun- diskutierte mit der Schiedsrichterin, zeig- Siegerehrung den Platz.
dervollste Moment ihrer te auf einen Abdruck und bekam sich Günthardt: Sie konnte mit der Situation
Karriere gewesen sei. Warum? überhaupt nicht mehr ein. Das Publikum nicht umgehen. Kinder laufen manchmal
Günthardt: Weil sie mit diesem Erfolg mochte Steffi und pfiff Martina nieder. hilflos in eine Ecke und schmollen – hier
PUBLIC ADDRESS / ULLSTEIN BILD

nicht mehr gerechnet hatte. Nach einer SPIEGEL: Hingis wirkte frustriert. Sie schaute dabei die ganze Welt zu.
Knieoperation 1997 konnte sie acht schlug sogar zweimal von unten auf, um SPIEGEL: Konnte Graf diesen letzten gro-
Monate lang nicht spielen. Es war unklar, Graf aus dem Rhythmus zu bringen. ßen Triumph genießen?
ob sie in die Weltspitze zurückkehrt. Günthardt: Sie handelte aus der Emotion Günthardt: Ja, als sie jung war, folgte Sieg
SPIEGEL: In Paris traf Graf auf Martina heraus. Als sie merkte, dass sie die Kon- auf Sieg. Wenn Siege aber normal sind,
Hingis – ihre damals 18-jährige Nachfolge- trolle über das Spiel verlor, fühlte sie sich werden sie weniger intensiv wahrgenom-
rin als Nummer eins der Welt. men. Rückschläge sind wichtig, denn erst
Günthardt: Es wurde als Duell der Gene- durch sie weiß man zu schätzen, was man
rationen aufgebauscht. Steffi ist schließ- wirklich geleistet hat.
lich elf Jahre älter als Martina, und man- SPIEGEL: Wie haben Sie gefeiert?
che meinten, Steffis Tennis sei unmodern. Günthardt: Als uns der Chauffeur von
SPIEGEL: Welche Szenen des Endspiels der Anlage ins Hotel fuhr, drehten
sind Ihnen in Erinnerung geblieben? wir erst mal sechs Runden um den Tri-
Günthardt: Es war ein extrem enges umphbogen. Einfach so – vor Freude.
IMAGO SPORT

Match. Martina fehlten im zweiten Satz Für Tennis war ausnahmsweise kein
nur wenige Punkte zum Sieg – und dann Platz im Kopf. Wir haben die Nacht in
natürlich diese unglaubliche, energiegela- irgendeinem Laden durchgetanzt.
dene Atmosphäre auf dem Court Central. Hingis, Graf 1999 in Paris Es war wunderbar. PK

87
Sport

»Es gibt in diesem


Moment keinen Trost«
SPIEGEL-Gespräch Oliver Kahn über die Einsamkeit nach
Niederlagen, die deutsche Nummer eins und sein Engagement für Saudi-Arabien

Kahn, 48, gilt als einer der besten deut- ler nach so einem Fiasko nicht mehr ihr
schen Torhüter der Geschichte. Mit Bayern höchstes Niveau erreicht haben. Anderer-
München gewann er die Champions seits haben wir zum Beispiel Bastian
League und den Weltpokal, mit der Natio- Schweinsteiger gesehen, der im Cham-
nalmannschaft verlor er 2002 das WM- pions-League-Finale 2012 gegen Chelsea
Finale gegen Brasilien. Heute arbeitet den entscheidenden Elfmeter verschossen
Kahn als TV-Experte und Unternehmer, hat. Was wurde damals für eine Häme
seine Firma Goalplay unterstützt weltweit über ihn ausgeschüttet. Ein Jahr später
Torwarttrainer. wurde er Champions-League-Sieger und
2014 Weltmeister, weil er die richtigen
SPIEGEL: Herr Kahn, das Champions- Schlüsse gezogen hat. Ich wünsche Loris
League-Finale vergangene Woche hat Karius, dass es ihm gelingt, ähnlich ge-

OLIVER BRENNEISEN / DER SPIEGEL


Loris Karius, der Torwart des FC Liver- stärkt aus diesem Erlebnis hervorzugehen.
pool, mit zwei Fehlern mitentschieden. SPIEGEL: Karius hat sich tränenreich bei
Am folgenden Morgen meinte Karius, er den Fans entschuldigt. Ist es ein gutes Zei-
habe nicht geschlafen, die Szenen seiner chen, dass er seine Gefühle zeigt?
Fehler gingen ihm noch durch den Kopf. Kahn: Entscheidend ist immer die eigene
Kennen Sie das? Authentizität. Wenn ich wirklich das Be-
Kahn: 1999 habe ich mit Bayern München dürfnis in mir spüre, meine Gefühle zu zei-
das Champions-League-Finale gegen Man- gen, dann sollte ich das tun. In solchen
chester United in der Nachspielzeit ver- Unternehmer Kahn Situationen reagiert jeder Spieler anders.
loren. Die Gegentore waren zwar nicht »Das war brutal« 1999 konnte ich kaum Emotionen zeigen,
meine Fehler, aber es war trotzdem grau- ich hatte eher ein Gefühl der kompletten
sam. Anders war es beim WM-Finale 2002 Kahn: Es gibt auch Spieler, die machen inneren Lähmung. 2002 war es schon bes-
gegen Brasilien. sich nicht so viele Gedanken. Mario Basler ser. Da habe ich mich nach dem WM-Fi-
SPIEGEL: Sie ließen einen Schuss vor die hat wenige Stunden nach der Niederlage nale eben ein paar Minuten an den Pfosten
Füße von Ronaldo prallen, der das 1:0 er- gegen Manchester beim Bankett schon gesetzt.
zielte. wieder gefeiert. Das war seine Art, das zu SPIEGEL: Weil Sie allein sein wollten?
Kahn: In solchen Momenten entstehen ex- verarbeiten. Torhüter sind meistens anders Kahn: Wenn ein Torwart einen Fehler
trem negative Gefühle, wie sie Loris Ka- gestrickt. Ich will sagen: Es hängt nun sehr macht, ist das immer ein einsamer Mo-
rius erlebt hat. Direkt nach dem Spiel kann stark von Karius’ Charakter ab, wie er die- ment. Auch jetzt bei Loris Karius, wie er
man noch damit umgehen. Aber irgend- sen ganzen Wahnsinn verarbeitet. nach dem Spiel völlig allein auf dem Platz
wann sinkt der Adrenalinspiegel, und der SPIEGEL: Er ist noch sehr jung. lag. Das hat etwas sehr Symbolisches, es
Körper fährt sich runter. Das ist der Mo- Kahn: Das ist genau der Punkt. Er kennt gibt in diesem Moment keinen Trost.
ment, in dem es richtig hart wird, weil man solche Situationen noch nicht. Ein Spieler SPIEGEL: Haben Sie nie einen Spieler ge-
dann anfängt, über die Konsequenzen mit größerer Erfahrung kann das mög- tröstet?
nachzudenken. licherweise schneller verarbeiten und den Kahn: Nach dem Champions-League-Sieg
SPIEGEL: Wann kam das bei Ihnen? Blick wieder nach vorn richten. Bei einem 2001 gegen Valencia. Da stand Santiago
Kahn: Ich weiß noch, wie ich am Morgen noch jungen Sportler gibt es zwei Möglich- Cañizares im Tor, er hatte bereits im Vor-
nach dem Champions-League-Finale 1999 keiten. Entweder er wächst an der Situa- jahr das Finale gegen Real Madrid verlo-
im Hotelzimmer aufgewacht bin. Ich habe tion, was viel mentale Arbeit erfordert, ren. Er lag nach Spielende auf dem Rasen
mich gefühlt, als wäre mir ein Amboss aus oder, wie ich bereits bei der TV-Analyse und hat hemmungslos geweint. Da war es
dem zehnten Stock auf den Kopf gefallen. im ZDF gesagt habe: So etwas kann auch mir ein echtes Bedürfnis, zu ihm zu gehen.
Als Spieler träumt man ein ganzes Leben mal eine Karriere zerstören. SPIEGEL: Was haben Sie ihm gesagt?
davon, diesen großen Titel zu gewinnen, SPIEGEL: Ihnen ist schon bewusst, dass er Kahn: (überlegt lange) »I am sorry.« Ich
und dann lassen wir ihn uns in zwei von Ihren Kommentar auch mitbekommt? wusste genau, was in ihm vorgeht. Er hat
drei Minuten Nachspielzeit wegnehmen! Kahn: Für Phrasendrescherei nach dem in diesem Finale drei Elfmeter gehalten
SPIEGEL: Durchlebt das jeder Spieler? Motto »Kopf hoch, das wird schon wieder« und geht trotzdem nicht als Sieger vom
bin ich nicht zu haben. Weil es der Situa- Platz. Das war brutal.
Das Gespräch führten die Redakteure Thilo Neumann tion nicht gerecht wird, sondern sie bana- SPIEGEL: Sind Sie nach Ihrem Fehler im
und Christoph Winterbach auf Mallorca. lisiert. Wie oft haben wir erlebt, dass Sport- WM-Finale in ein Loch gefallen?

88 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


ROBERT GHEMENT / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK
Torwart Karius nach verlorenem Champions-League-Finale: »Das hat etwas sehr Symbolisches«

Kahn: Das hat schon eine gute Saison ge- SPIEGEL: Letztendlich kann aber nur er Kahn: Manuel ist viel weiter als ich damals.
dauert, bis ich das zu den Akten legen einschätzen, ob er das leisten kann, oder? Er ist sehr erfahren, deshalb ist es durchaus
konnte. Irgendwann habe ich realisiert: Kahn: Er ist überzeugt, dass er das kann. möglich, dass ihm die Spiele in der Vor-
Fußball ist kein Einzelsport, in dem ein Ob er wirklich in den entscheidenden Mo- runde ausreichen, um in der K.-o.-Phase
Spieler für Sieg und Niederlage verant- menten auf allerhöchstem Niveau spielen das optimale Level zu erreichen.
wortlich ist. Wir hätten dieses Finale ja kann, wird sich zeigen. Dort geht es um SPIEGEL: Können Sie nachvollziehen, dass
auch 4:2 gewinnen können. Wer im Fuß- Millimeter, um Sekundenbruchteile, ob Löw sagt: Neuer ist Nummer eins, oder er
ball den einen Schuldigen für eine Nieder- ein Ball im Tor landet oder nicht. Es ist kommt gar nicht mit?
lage sucht, hat das Wesen dieses Sports klar, wenn es nicht funktioniert, dann hat Kahn: Das kann ich nachvollziehen. Denn
nicht verstanden. sich keiner einen Gefallen getan, weder Nummer zwei hieße ja, dass er nicht abso-
SPIEGEL: Die Klubsaison ist nach dem Jogi Löw noch Manuel Neuer. Jeder ist lut fit wäre und immer noch Probleme hat.
Champions-League-Finale vorbei, alles sich dieses Risikos bewusst. Was soll er dann bei einer WM? Dann hätte
richtet sich auf die Weltmeisterschaft. Ma- SPIEGEL: Sie selbst haben sich bei Bayern die weitere Behandlung zu Hause Priorität.
nuel Neuer will nach acht Monaten Ver- das Kreuzband gerissen und standen nach SPIEGEL: Wie ist das wohl gerade für Marc-
letzungspause mit zur WM. Geht das? dreieinhalb Monaten schon wieder im André ter Stegen?
Kahn: Bei keinem anderen Spieler hätte Trainingsspiel zwischen den Pfosten. Kahn: Das ist keine leichte Situation für
man daran gedacht, ihn ohne jede Kahn: Unser damaliger Masseur Fredi Bin- ihn. Er muss so trainieren, als wäre er die
Spielpraxis mitzunehmen. Manuel hat der stand draußen und hat nur den Kopf Nummer eins, muss dann aber mit der Ent-
bei Welt- und Europameisterschaften im- geschüttelt. Das war natürlich viel zu früh täuschung leben, wenn er nicht spielt.
mer Topleistungen gezeigt. Er ist der für so eine Belastung. SPIEGEL: Entscheidet sich an der Torwart-
Kapitän. Er hat sich dieses Vertrauen er- SPIEGEL: Glauben Sie, dass Neuer sich bes- frage das Schicksal der deutschen Mann-
arbeitet. ser einschätzt? schaft bei der WM?

89
Kahn: Es sind starke Veränderungen zu
spüren. Mohammed bin Salman, der Kron-
prinz, möchte seine Vision bis 2030 Schritt
für Schritt umsetzen und das Land wei-
terentwickeln. Dazu gehört auch der Fuß-
ball.
SPIEGEL: Der Sport ist also ein Instrument
der Politik?
Kahn: Den zahlreichen Aktivitäten liegt
ein Masterplan zugrunde, der das Land
unabhängiger vom Öl machen soll. Aber
die Leidenschaft für Fußball ist spürbar.
Beim saudischen Pokalfinale vor drei
Wochen waren 60 000 Zuschauer, da gab
es eine Lasershow, so etwas habe ich
noch nicht gesehen. Die ganze Zuschauer-

CHRISTIAN CHARISIUS / DPA


fläche auf den Tribünen wurde zu einem
Screen, einer Projektionsfläche. Die Halb-
zeitpause dauerte 60 Minuten. Wir dis-
kutieren in Deutschland über Helene Fi-
scher. Aber die Saudis machen da eine
Show, da hat keiner gepfiffen, die Leute
Nationaltorhüter Neuer im Trainingslager: »Jeder ist sich dieses Risikos bewusst« fanden es toll!
SPIEGEL: Wie fanden Sie das?
Kahn: Ich habe mich irgendwann gefragt,
Kahn: Das hat es noch nie getan. Deutsch- Kahn: Der saudi-arabische Fußballver- ob die Spieler noch mal kommen oder
land hatte immer genügend absolute Top- band hat im Oktober vergangenen Jahres schon nach Hause gefahren sind. Ich muss-
torhüter. Kontakt mit meinem Unternehmen Goal- te abends noch heimfliegen, und dann fiel
SPIEGEL: Das haben Sie aber schon anders play aufgenommen und angefragt, ob wir natürlich in der 92. Minute das 1:1. Ver-
gesehen. Sie sagten einmal, mit Ihnen als die Ausbildung der Torhüter in Saudi-Ara- längerung. Es ging bis ein Uhr nachts. Ver-
Torwart wäre Deutschland 2006 Weltmeis- bien voranbringen können. such das mal in Europa!
ter geworden. SPIEGEL: Was beinhaltet das Geschäft? SPIEGEL: Die Menschenrechtssituation in
Kahn: Sollte ich nicht unter akutem Ge- Kahn: Die Kooperation sieht den Aufbau Saudi-Arabien ist verheerend.
dächtnisverlust leiden, kann ich mich an einer Torwartakademie vor. Das ist ein Kahn: Wir haben uns im Vorfeld unseres
so eine hohle Aussage von mir nicht erin- langfristig angelegtes Projekt. Zum ande- Engagements intensiv mit der Lage in Sau-
nern. ren arbeiten wir mit den saudi-arabischen di-Arabien auseinandergesetzt. Die aktuel-
SPIEGEL: War es ein Fehler, 2006 als Num- Nationaltorhütern zusammen, um sie bis le politische Situation verfolge ich. Nach
mer zwei hinter Jens Lehmann mitzu- zur WM in Russland weiter zu verbessern. meinen Gesprächen mit den Partnern vor
fahren? Wir haben mit ihnen im Dezember in Ort gehe ich davon aus, dass sie grundsätz-
Kahn: Im Rückblick war das sicher eine Deutschland intensiv gearbeitet. lich neue und aus unserer Sicht positive
meiner besseren Entscheidungen. SPIEGEL: Wie sah das Training aus? Wege beschreiten wollen.
SPIEGEL: Warum? Kahn: Wir haben ein 14-tägiges Trainings- SPIEGEL: Hat Saudi-Arabien die Ambi-
Kahn: Sich einer Sache unterzuordnen, die lager gemacht. Dort ging es vor allem um tion, zur Fußballgroßmacht aufzusteigen?
größer ist als das persönliche Schicksal, und Leistungsdiagnostik und spezifisches Tor- Kahn: Vorrangiges Ziel ist es, eine acht-
dabei nicht den ganzen Tag mit einem »Be- warttraining. bare WM in Russland zu spielen und sich
leidigte-Leberwurst-Gesicht« herumzulau- SPIEGEL: Was haben Sie für Schwächen für die WM 2022 in Katar zu qualifizieren.
fen, kann der eigenen Entwicklung nicht ausgemacht? SPIEGEL: Für Deutschland geht es in Russ-
schaden. Zudem hatte ich mit dem Spiel Kahn: Es gibt natürlich Unterschiede in land um die Titelverteidigung. Kann das
um Platz drei gegen Portugal einen ver- Athletik, Taktik, Technik und Stellungs- klappen?
nünftigen Abschied aus der Nationalmann- spiel gegenüber einem Torwart, der in Kahn: Ich hätte es auch nicht für möglich
schaft. Diese Wochen gehören für mich zu Europa ausgebildet ist. Nichtsdestotrotz gehalten, dass eine Mannschaft dreimal in
den wichtigsten in meiner Karriere. sind sie absolut begeisterungsfähig und Folge die Champions League gewinnen
SPIEGEL: Nach der Zeit als aktiver Fußbal- lernwillig. Aber in der kurzen Zeit bis kann. Ausgeschlossen ist die WM-Titelver-
ler sind Sie Unternehmer geworden. Wie zur WM ist es eine echte Herausfor- teidigung also nicht. Aber andere Länder
leicht ist Ihnen der Schritt in die zweite derung, einen Torwart merklich besser sind besser geworden. Portugal spielt ei-
Karriere gefallen? zu machen. In Zukunft erwartet der Ver- nen super Fußball, die Franzosen und Spa-
Kahn: Wenn man bereit ist, wieder bei band von uns, dass sich über die Aus- nier sind stark, und die Brasilianer wollen
null anzufangen, ständig zu lernen und bildung in der Akademie mittelfristig ein es wieder wissen.
sich auf etwas Neues einzulassen, kann bestimmtes Potenzial an Torhütern ent- SPIEGEL: Das Finale wird vom ZDF über-
dieser Schritt gelingen. Der ehemalige wickelt, das in Europa konkurrenzfähig tragen, Sie sind als Experte dabei.
Weltklassegolfprofi Greg Norman hat das ist. Kahn: Wahrscheinlich schafft es Deutsch-
auf vorbildliche Weise geschafft. An ihm SPIEGEL: Und die Einrichtung heißt dann land dann nicht ins Finale. Außer Oliver
orientiere ich mich. Oliver Kahn Academy? Welke entwickelt sich endlich mal zum
SPIEGEL: Aktuell sind Sie unter anderem Kahn: Die wird mit großer Wahrschein- Glücksbringer …
in Saudi-Arabien aktiv. Haben sich die Sau- lichkeit so heißen. SPIEGEL: Herr Kahn, wir danken Ihnen
dis bei Ihnen gemeldet, oder haben Sie SPIEGEL: Wie erleben Sie diesen neuen für dieses Gespräch.
Ihre Idee dort präsentiert? Fußballehrgeiz in Saudi-Arabien?

90 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Sport

Multikulti
haupten. Mit 15 wechselte er in die Nach- ren. Aber er spielt seit Jahren bei Borussia
wuchsakademie Borussia Dortmunds. Dortmund. Draxler trainierte in der letz-
Dort sagte ein Trainer, er werde es niemals ten Saison jeden Tag mit Neymar. Da neh-
in den Profifußball schaffen. Drei Jahre me man schon die »eine oder andere wich-
Nationalelf Wie Joachim Löw später machte Rüdiger sein erstes Bundes- tige Erfahrung« mit, meint Löw.
ligaspiel für den VfB Stuttgart. Es ist schwer zu sagen, mit welchem
im Vorbereitungslager eine 2015 zog er weiter zum AS Rom, er Team der Trainer in Russland auflaufen
Mannschaft aus internationalen wollte sich taktisch verbessen, und nir- wird, aber egal, wie die Zusammenstellung
Spielstilen formt gendwo wird so viel Wert auf Taktik gelegt ausfällt, das Mittelfeld wird sich zusammen-
wie in Italien. »Rom war gut«, sagt Rüdi- setzen aus Spielstilen verschiedener Ligen.
ger, die emotionalen Fans, das Essen, das Draxler spielt in Frankreich, Thomas Mül-

D er deutsche Nationalspieler Anto-


nio Rüdiger, 25, hält nicht viel von
der Bundesliga. Der Innenverteidi-
ger vom FC Chelsea findet, dass dort nicht
Wetter. Aber in einer Partie kamen aus
der Fankurve des Gegners Affenlaute. Er
bebte vor Wut, riss sich zusammen und
spielte weiter.
ler mit München in der Bundesliga, Sami
Khedira mit Juventus Turin in der Serie A,
Mesut Özil (Arsenal), İlkay Gündoğan und
Leroy Sané (Manchester City) in der Pre-
schnell genug gespielt werde. Die Premier Vor einem Jahr ging Rüdiger zu Chelsea, mier League, Toni Kroos mit Real Madrid
League in England, in der er seit einem für 38 Millionen Euro. Rüdiger findet Lon- in der Primera División.
Jahr sein Geld verdient, habe ein »ganz don cool. Viel Multikulti, so wie in Neu- Kroos fehlte wegen des Champions-
anderes Level«. Er könne sich nicht vor- kölln. Die Anhänger in Chelsea lieben League-Finales, das er vergangenen Sams-
stellen, in absehbarer Zeit wieder in die ihn, weil er in jeden Zweikampf geht wie tag mit Real zum dritten Mal gewann,
Bundesliga zurückzukehren, sagt Rüdiger. eine Abrissbirne. Für Fußballer kann ein beim Training. Es wurde dennoch ständig
In der deutschen Nationalmannschaft, Umzug ins Ausland so belebend wirken über ihn geredet. Löw nennt Kroos seinen
die sich seit gut einer Woche in Südtirol wie ein Auslandssemester für Studenten. »Schlüsselspieler«. Durch seine Arbeit mit
auf die Weltmeisterschaft in Russland vor- »Man wird reifer«, sagt Julian Draxler, der Zidane und Ronaldo in Madrid sei sein
bereitet, spielen neun Profis, die bei Klubs für Paris Saint-Germain spielt. Spiel noch ruhiger, noch effektiver ge-
im Ausland unter Vertrag sind, so viele Draxler begann seine Profikarriere bei worden.
wie noch nie vor einer WM. Sie prägen Schalke 04, mit 21 Jahren wechselte er zum Im März, nach einer Partie gegen Brasi-
das Team von Bundestrainer Joachim VfL Wolfsburg, wo er nicht glücklich wurde. lien, hatte Kroos junge Kollegen wie Leon
Löw – die einen durch ihr Spiel, andere, Er lebte in einer Wohnung, die aussah, als Goretzka hart kritisiert. Sie hätten in dem
wie Rüdiger, durch ihr Ego. hätte sie jemand für ihn eingerichtet. Er rea- Testspiel zu wenig Engagement gezeigt.
Er kam wegen des FA-Cup-Finales in gierte scheu auf Menschen, wirkte zerbrech- Goretzka wurde in Südtirol gefragt, wie
England, das er mit Chelsea gewann, ver- lich. In Brasilien wurde er Weltmeister, An- die Rüge bei ihm ankam. Er antwortete,
spätet ins Trainingslager. Die Spieler fang vergangenen Jahres zog er nach Paris, er lasse sich nur von wenigen Leuten etwas
kämpfen dort um die Plätze im Team. Bei inzwischen ist er kaum wiederzuerkennen. sagen, Kroos gehöre »definitiv« dazu. Es
seiner ersten Übungseinheit zeigte Rüdi- Er spricht selbstbewusst, beim Confed Cup war eine Unterwerfung.
ger beim Aufwärmen ein paar Kung-Fu- vor einem Jahr war Draxler Kapitän und Früher gab es die Theorie, dass Spieler,
Tritte. Es war nicht ganz klar, was er damit führte das Team zum Turniersieg. die im Ausland aktiv sind, vom Bundestrai-
genau ausdrücken wollte. Marco Reus ist vielleicht noch besser ner nicht so beachtet würden. Löws Scouts
Rüdigers Mutter stammt aus Sierra Leo- am Ball als Draxler, man sieht ihn in Süd- dagegen sind ständig unterwegs, um Kan-
ne, er wuchs auf in Berlin. Er lernte, sich tirol im Training manchmal kleine Tricks didaten zu begutachten – etwa in Barcelona,
auf den Bolzplätzen in Neukölln zu be- machen, die ein Renner auf YouTube wä- wo Marc-André ter Stegen spielt. Ter Ste-
gen war wegen der Verletzung Neuers zu-
letzt Stammtorwart der Nationalelf, dann
reiste er mit dem Team nach Südtirol, und
seither ist es, als wäre er verschwunden.
Im Trainingszentrum wird nur noch
über Manuel Neuer geredet und geschrie-
ben. Hält der Fuß? Spielt er in Russland?
Über ter Stegen wurde am Ende der ersten
Trainingswoche in Südtirol bereits gespro-
chen wie über einen Ersatztorwart.
Antonio Rüdiger könnte es noch passie-
ren, dass er gar nicht nach Russland mit-
fährt. Am Montag wird Löw vier Spieler
aus seinem WM-Kader streichen. Rüdiger
geht nicht davon aus, dass er einer von
ihnen sein wird. Vor einigen Wochen stand
er im Stadion des großen FC Chelsea
ROLAND KRIVEC / DEFODI.DE / IMAGO

in einer Loge, der Junge aus Neukölln.


Rüdiger trug einen Kapuzenpulli, modisch
verschlissene Jeans und Sneaker. Er sagte,
wer es als Fußballer zu Chelsea geschafft
habe, wisse, wie man sich durchsetze.
»Mein Motto ist, hart arbeiten und Klappe
halten.« Darin sei er wirklich »typisch
deutsch«. Gerhard Pfeil
Spieler Rüdiger (r.) im Trainingslager in Südtirol: »Ganz anderes Level«

91
Sport

Hightech-Videokameras auszustatten und Wie passt solch ein Geschäftsgebaren

»Prima, Fußballspiele im Internet zu übertragen.


Ein Geschäft, das »die gesamte Sport-
übertragung und -medienvermarktung re-
zu der von Curtius beschworenen neuen
Ethik? Bestens, wenn man der DFB-Pres-
sestelle glaubt. Die Frage, warum der Ver-

Friedrich« volutionieren könnte«, schrieb Manager-


magazin.de, eine Art »Tesla des Sport-
business«. Der Plan: Tausende Kameras,
trag nicht öffentlich ausgeschrieben wurde,
beantwortete der DFB so: Erstens sei man
»zu einer Ausschreibung rechtlich nicht
Verbände Wie DFB-General- Zehntausende Partien von Amateurver- verpflichtet«, zweitens seien Kooperatio-
einen und Millionen potenzielle Zuschau- nen »mit anderen Partnern nach wie vor
sekretär Curtius einem Schul-
er, eine bundesweite »Amateurliga-Sport- möglich« – und drittens habe es »im
freund einen Exklusivvertrag schau« für jedermann. Herbst 2016 kein vergleichbares Konkur-
zuschanzte und dessen Kon- Ein Produkt, das der Werbebranche und renzangebot« gegeben.
der Wirtschaft einen neuen Kontinent er- Teil drei der Antwort ist nicht mal die
kurrenten aus dem Rennen warf
schließt. Wer auf diesem Kontinent als halbe Wahrheit. Im Herbst 2016 war zwar
Erster seine Claims abstecken darf, hat für eine Testphase von Sporttotal.tv in einigen

E r ist das neue Gesicht des DFB. 41 Jah-


re alt, smart, mit jungenhaftem Auf-
tritt. »Eher ein Unternehmensbera-
ter als ein Fußballfunktionär«, schwärmte
lange Zeit die Nase vorn. Dank des Zehn-
jahresvertrags mit dem DFB hat Curtius-
Freund Lauterbach dieses Privileg sicher.
Denn der Verband versprach, die Installa-
Ligen angekündigt worden, aber erst im
Juli 2017 unterzeichneten Curtius-Freund
Lauterbach und der DFB den Koopera-
tionsvertrag mit der luxuriös langen Lauf-
die »Süddeutsche Zeitung« über Friedrich tion »automatischer Kamerasysteme« von zeit. Und zu diesem Zeitpunkt gab es sehr
Curtius, den Generalsekretär des größten Sporttotal.tv »exklusiv zu fördern«, wie wohl einen ernsthaften Konkurrenten: Soc-
nationalen Sportfachverbands der Welt. es in einem Curtius-Schreiben heißt. cerwatch.tv, ein Start-up aus Essen, das mit
Curtius, der nach der Sommermärchen- Im Klartext: Der DFB planiert das Ge- einem Gründerstipendium des Bundeswirt-
Affäre (SPIEGEL 43/2015) ins Amt kam, lände und sorgt dafür, dass Sporttotal.tv schaftsministeriums ein ähnliches Kamera-
weiß, dass nach einem Skandal Beschei- mit seinen Kameras möglichst reibungslos system entwickelt hat wie jenes, das Sport-
denheit zum guten Ton gehört. Vom auf die Rasen- und Ascheplätze der Repu- total.tv aus Israel importiert.
»Vertrauen«, das »gelitten hat«, ist in sei- blik kommt. Dass auf diese Weise auch ein Die Verantwortlichen des DFB hatten
nen Interviews die Rede – und von seiner Mitbewerber plattgemacht wird, ist ein of- die Truppe aus dem Ruhrgebiet vor Ab-
»Aufgabe, dieses Vertrauen wieder auf- fenbar willkommener Kollateralschaden. schluss des Vertrags auch durchaus auf
zubauen und dafür auch als Per- dem Radar – als »kritisches The-
son einzustehen«. ma«, wie es in internen Memo-
Unter seiner Führung, sagt randen heißt.
Curtius, sei der DFB schon Das Problem: Soccerwatch.tv
weit gekommen: »Wir haben biete seine automatischen Kame-
ein Compliance-Management- ras den Vereinen zu günstigeren
MALTE OSSOWSKI / SVEN SIMON / DDP IMAGES
System eingeführt.« Und einen Konditionen an als Sporttotal.tv,
Ethikkodex plus Ethikkommis- wie es in einer internen Analyse
sion, die aufpassen soll, dass der heißt. Es gebe daher Vereine, vor
Kodex auch eingehalten wird. allem im Westen und Südwesten
Dass es die neue DFB-Spitze der Republik, die Soccerwatch.tv
mit den eigenen Regeln nicht bevorzugten.
so genau nimmt, ist ein Verdacht, Am 18. Mai 2017 schlug Lau-
den interne Unterlagen nun nahe- terbach Alarm. Per E-Mail (»be-
legen. Darin geht es um eine Ko- wusst im üblich kleinen Vertei-
operation, die der DFB im Som- ler«) bat er seinen Schulfreund
mer 2017 ohne Ausschreibung um Hilfe bei den Vertragsver-
vereinbart hat – mit dem Medien- handlungen und im Umgang mit
unternehmen Sporttotal.tv. sperrigen Provinzfunktionären:
An dessen Spitze steht Peter »Lieber Friedrich, bitte sei auch
Lauterbach, ein Mann, mit dem so freundlich und bestimme eine
der DFB-Generalsekretär seit Person, die unter Deiner Füh-
gemeinsamen Schultagen am rung das Thema jetzt insgesamt
Darmstädter Ludwig-Georgs- vorantreibt.«
Gymnasium befreundet ist. Dort Curtius antwortete vier Tage
haben beide 1995 ihr Abitur ge- später: »Lieber Peter, ich habe
macht. mich heute mit meinen Kollegen
Den Dokumenten zufolge zur Finalisierung der Vertragsge-
agierten Lauterbach und Curtius staltung abgestimmt. Uns ist sehr
als Seilschaft, die nach Kräften bewusst, dass wir die Dinge nun
kungelte, einen Mitbewerber zur zügig zum Abschluss bringen
Seite drängte und die DFB-Regio- müssen. Insofern hast Du meine
nalverbände auf Linie brachte. Zusicherung, dass wir das Pro-
In dem für zehn Jahre besie- jekt weiterhin extrem begrüßen
gelten »Lizenz- und Koopera- und die Umsetzung aktiv voran-
tionsvertrag« geht es darum, die bringen.«
Sportplätze deutscher Amateur- DFB-Generalsekretär Curtius, Gerdes-Brief (Ausrisse) Lauterbach mailte zurück:
vereine flächendeckend mit Wie passt solch ein Geschäftsgebaren zur neuen Ethik? »Prima. Danke, lieber Friedrich.

92 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


Ich bin sehr dankbar, dass hier jetzt Dein
Go erfolgt ist und wir operativ weiter ma-
chen können.«
ALZHEIMER HEILEN.
Laut DFB-Pressestelle war General-
sekretär Curtius »in die eigentlichen Ver-
handlungen nicht eingebunden«. Er habe
DEN KREBS BESIEGEN.
lediglich »an flankierenden Gesprächen
teilgenommen, in denen er über den Stand
der Vertragsverhandlungen unterrichtet
JAHRZEHNTE
wurde«. In Wahrheit bestimmte Curtius,
wie die Dokumente zeigen, mit seinem
Freund Lauterbach das Tempo – und die
LÄNGER LEBEN.
Vorgaben für die DFB-Mitarbeiter.
Da war es nur konsequent, einen alt-
bekannten Strippenzieher des DFB für
sich wirken zu lassen. Karl Rothmund,
langjähriger Präsident des Fußballver-
bands Niedersachsen, wurde damit be-
auftragt, die zögerlichen oder mit Soccer-
watch.tv liebäugelnden Lokal- und Regio-
nalfürsten auf Linie zu bringen.
Darüber freute sich auch Jürgen Gerdes,
Mitglied im Vorstand der Deutschen Post,
mit dem Rothmund schon beim DFB-
Internetportal Fussball.de kooperiert hat-
te. Denn die Deutsche Post ist auch bei
Sporttotal.tv mit von der Partie – als Grün-
dungspartner, der beim Durchmarsch des
Lauterbach-Projekts profitiert.
Schon bald meldete Rothmund erste Er-
folge. Er habe die Abstimmung in Nord-
deutschland so weit vorangetrieben, dass
Lauterbach alle Ansprechpartner bekom-
me, die er brauche. Post-Mann Gerdes
fand dies ausgesprochen löblich.
Bei Rothmunds Abschied vom Amt des
Verbandspräsidenten 2017 schrieb er sei-
nem Duz-Freund einen Brief: »Welche
Projekte es auch immer waren, die wir als
Partner für gut befunden haben: Solange
ich wusste, dass Karl Rothmund der Trei-
ber sein wird, war mir völlig klar, dass sie
nur gut und erfolgreich werden konnten.«
Deshalb, so Gerdes, erfülle es ihn »mit gro-
ßer Zuversicht«, dass der liebe Karl auch
»weiterhin Verantwortung tragen« werde.
Etwa im Bereich »sporttotal«. 288 Seiten · Gebunden mit SU · C 20,00 (D) · Auch als E-Book erhältlich
Gegen solche Seilschaften hatte Kon-
kurrent Soccerwatch.tv keine Chance. Im
August 2017 bat dessen Geschäftsführer
beim DFB um einen Termin. Zwar sei ihm Lange Zeit konnten wir von solchen Durchbrüchen
bekannt, schrieb er, dass der Verband ein in der Medizin nur träumen. Doch bereits in den nächsten Jahren
»weiteres System bereits unterstützt«.
Dennoch würde er sich freuen, »wenn werden viele dieser Träume Wirklichkeit werden,
sich der DFB auch mit unserem System denn im Silicon Valley wird gerade die Medizin neu erfunden.
auseinandersetzen würde und auch für Thomas Schulz, langjähriger Silicon-Valley-Korrespondent des SPIEGEL,
Soccerwatch.tv eine Empfehlung bei Ver-
bänden und Vereinen aussprechen wür- hat Einblicke in die geheimen Forschungslabore erhalten.
de«. Die Bitte um eine faire Chance war In seinem Buch zeigt er, worauf Patienten hoffen dürfen, und erklärt,
vergebens.
»FCU«, Friedrich Curtius, reichte den welche Chancen und Risiken die Zukunftsmedizin
Brief an eine Mitarbeiterin weiter. Am obe- für jeden von uns birgt.
ren Rand notierte er handschriftlich: mit
der Bitte »um Beantwortung + Absage«.
Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp,
Gunther Latsch, Jörg Schmitt

93
www.dva.de
Wissenschaft+Technik
»Ich bin sofort losgesprintet, durch alle Zimmer, und habe gerufen: ›Nicht die Tabletten schlucken!‹« ‣ S. 102

PETER GRIESBACH / DPA


Bonobomutter mit Jungem

Verhaltensforschung

Geburtstagsparty bei Bonobos


 Werdenden Müttern bei der Geburt Schutz und Hilfe zu- auch ihre Genitalien vor Insekten und halfen, wenn sie das
kommen zu lassen galt bislang als eine der Besonderheiten des Neugeborene nicht selbst tragen konnte«. Diese Beobachtung,
Homo sapiens. Nun beobachteten Biologen der Universitäten so die Schlussfolgerung, stelle eine traditionelle Sichtweise
von Pisa, Parma und Lyon bei Bonobos eine ähnliche Fürsorge, infrage: Bisher galt der schwierige Austritt des Menschenkindes,
wie sie gebärende Frauen im Kreißsaal genießen. Mehrere das mit seinem sehr großen Kopf den engen Geburtskanal pas-
Monate lang hatten die Forscher die Tiere in zwei Primatengehe- sieren muss, als ein Grund für die Geburtshilfe beim Menschen.
gen beobachtet und gefilmt. »Wie bei Menschen«, heißt es in Bonobos zählen zwar zu dessen nächsten Verwandten, die
der Studie, »war die Geburt der Bonobos ein soziales Ereignis.« Schädel der Babys sind aber – im Verhältnis zum Becken der
Die Weibchen der Gruppe gesellten sich um die Gebärende und Mütter – so klein, dass eine Niederkunft ohne Assistenz pro-
»hielten nicht nur die Männchen von ihr fern«, sagt die Prima- blemlos gelingen kann. Dennoch ziehen die Primaten es offen-
tologin Elisabetta Palagi, Mitautorin der Studie, »sie schützten bar vor, diese in hilfreicher Gesellschaft zu erleben. CW

Umwelt Plymouth jetzt nachgewiesen haben: ten Dasein giftig. Studienleiter Andrew
Elektroschrott im Essen Schädliche Substanzen wie Brom, Anti-
mon und Blei schleichen sich in Lebens-
Turner untersuchte mehr als 600 Kunst-
stoffprodukte, die unter anderem mit Klei-
 Während es durchaus zu begrüßen ist, mittelverpackungen, weil Kunststoffher- dung und Nahrungsmitteln in Berührung
dass Elektroschrott via Recycling neuen steller aufgearbeiteten Elektroschrott für kommen, und stieß dabei auf die gefähr-
Verwendungen zugeführt wird, sollte er ihre Produkte nutzen. So wirken Stoffe, lichen Substanzen. In früheren Arbeiten
nicht in toxischer Form im Abendbrot lan- die einst nützlich waren – Bromverbin- hatte der Umweltwissenschaftler bereits
den. Doch genau dies geschieht offenbar, dungen etwa mindern die Entflammbar- Kadmium in Trinkgefäßen und Sicher-
wie Wissenschaftler der Universität von keit von Gerätegehäusen –, in ihrem zwei- heitsmängel an Spielwaren entdeckt. CW

94
drei Großstädte in drei verschiedenen tungssanitäter und Bestatter können
Ländern gelangen könnte, darunter in die durch die Impfung geschützt werden. Das
Megacity Kinshasa. Im schlimmsten Fall schenkt den Menschen echte Hoffnung –
würde sich das Virus dort unkontrolliert ein riesiger Unterschied zu der tiefen Re-
ausbreiten. Und drittens gibt es in der signation, die während der letzten großen
Demokratischen Republik Kongo rund Ebola-Epidemie in den betroffenen Gebie-

HORST A. FRIEDRICHS
fünf Millionen Vertriebene und Flücht- ten herrschte.
linge, was Aufklärungskampagnen über SPIEGEL: Kann der Ebola-Ausbruch in
Ebola und das Auffinden möglichst aller der Demokratischen Republik Kongo
Kontaktpersonen von Erkrankten sehr trotzdem noch außer Kontrolle geraten?
erschweren könnte. Farrar: In den nächsten zwei bis vier Wo-
SPIEGEL: Der Wellcome Trust hat die Ent- chen werden wir mehr wissen. Wenn die
Medizin wicklung des Ebola-Impfstoffs, der jetzt Zahl der Fälle in den Städten steigt und die
zum Einsatz kommt, mitfinanziert, Sie Infektionsketten unübersichtlich werden,
»Die Impfung schenkt den selbst haben gemeinsam mit anderen den ist das besorgniserregend – wenn das nicht
Menschen Hoffnung« Anstoß für dieses Großvorhaben gegeben. passiert, ist die Chance groß, dass wir den
Zahlt sich das jetzt aus? Ausbruch bald stoppen können. VH
Jeremy Farrar, 56, Direktor des Wellcome Farrar: Absolut, es ist ein
Trust, der zweitgrößten Stiftung der riesiger Schritt nach vorn.
Welt zur Unterstützung der medizinischen Zwar ist die Impfung nur
Forschung, über den aktuellen Ebola- eine Maßnahme von vielen.
Ausbruch in der Demokratischen Republik Genauso wichtig ist es, die
Kongo Kranken zu isolieren und
zu behandeln, die Toten
SPIEGEL: Die Demokratische Republik sicher zu beerdigen und die
Kongo hat in den vergangenen Jahren Kontaktpersonen der In-
mehrere Ebola-Ausbrüche recht schnell fizierten zu finden. Aber
wieder in den Griff bekommen. Was ist statt nur abzuwarten und
diesmal anders? zu sagen, »wir können
Farrar: Mich beunruhigen drei Dinge: nichts für Sie tun«, ist es
erstens, dass das Virus jenem Ebola-Virus uns jetzt möglich, den

CDC / POLARIS / LAIF


ähnelt, das vor vier Jahren die verhee- Betroffenen eine Impfung
rende Epidemie in Westafrika verursachte. anzubieten, die den Aus-
Zweitens, dass der Erreger bereits die bruch der Krankheit ver-
Millionenstadt Mbandaka erreicht hat, hindern kann. Auch Kran-
von wo aus er per Fluss und Straße in kenschwestern, Ärzte, Ret- Ebola-Virus (Elektronenmikroskop-Aufnahme)

Einwurf

Es war einmal im Mai


Sommer im Frühling – wie das Wetterphänomen zu erklären ist. Und wie nicht.

Mancherorts versiegten die Brunnen. Auf den Feldern verdorrte ist es an einem anderen kalt – machen Tiefdruckgebiete im
der Weizen. Seit mehr als hundert Jahren gab es in Norddeutsch- westlichen Mittelmeerraum dann Schietwetter. So verzeichnete
land keine solche Dürre. Im Süden dagegen kam es zu heftigen Spanien in diesem Jahr einen total verregneten April – schon
Gewittern und Überschwemmungen. Die Bauern klagten, wie deshalb ist es absurd, die Frühjahrshitze in Deutschland auf den
immer, aber die meisten Menschen genossen den Sommer im Klimawandel zurückzuführen; wer so daherredet, liefert nur
Mai – so geschehen 1992. denjenigen eine Vorlage, die vom Treibhauseffekt nichts wissen
Ein mediterranes Frühjahr haben die Deutschen schon häu- wollen.
figer erlebt und auch in diesem Jahr wieder. Ursache war stets Intellektuell dürftig argumentiert beispielsweise Greenpeace.
eine für diese Jahreszeit besondere Großwetterlage, die sich alle »Die Temperatur im April lag im Schnitt 5 Grad über dem
paar Jahre einstellt. Was sich an dem Phänomen exemplarisch Referenzwert. Es ist Zeit, etwas gegen die Klimaerhitzung zu
zeigt: Für die Temperatur gibt es keine Obergrenze, die verhin- tun«, twitterten die Umweltaktivisten. Der Meteorologe Jörg
dern würde, dass es im Mai schon so heiß wird wie im August. Kachelmann, Kolumnist auf SPIEGEL+, kommentiert das so:
Ist das alles noch normal? Aber sicher. Es kommt nicht auf den »Die Rosstäuscher von Greenpeace vergleichen einen extremen
Kalender an, sondern darauf, woher die Luftmassen jeweils Monat von heute mit dem Durchschnitt von früher und tun so,
stammen. als ob es früher keine Ausreißer gab. Ja, es gibt den Klimawan-
Zum Mai-Sommer kommt es bei uns, wenn sich über Skan- del, aber so ein Unfug schadet der Sache.«
dinavien ein kräftiges Hochdruckgebiet bildet, das sich wochen- Schon vergessen, Greenpeace? Schüler hatten hitzefrei, Frei-
lang nicht von der Stelle rührt. Das Hoch lenkt sodann fort- bäder öffneten vorzeitig, in vielen Geschäften waren Bikinis
während heiße Luft aus dem Südosten nach Mitteleuropa. Und ausverkauft – im hochsommerlichen April 1968, als von globaler
nach der alten Meteorologenregel – ist es an einem Ort warm, Erwärmung noch keine Rede war. Olaf Stampf

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 95


Schauspieler Peele »bewegt«
Obamas Lippen

BuzzFeed-Video

Fake News 2.0


Wie sich Gesichter in Videos mithilfe künstlicher Intelligenz austauschen lassen

1 SAMMELN 2 TRAINIEREN 3 ÜBERTRAGEN


Videos der Zielperson und jener Anhand dieser Einzelbilder werden Damit kann eine Software
Person, die diese im Video ersetzen soll, spezielle künstliche neuronale Netzwerke (z. B. FakeApp) das Gesicht
werden von einer Software in einzelne (generative adversarial networks) darauf der Zielperson ganz oder teil-
Frames zerlegt und analysiert. Mindestens trainiert, die beiden Gesichter zuverlässig weise durch das zweite Gesicht
500 Einzelbilder der Personen sind not- aus allen Richtungen und in jeder Position ersetzen. Ein Video, das so
wendig, um gute Ergebnisse zu erzielen. zu erkennen und abzugleichen. entsteht, nennt sich »DeepFake«.

96
Wissenschaft

Die perfekte Lüge


Digitalisierung »Ziegen…« – bitte was hat Kanzlerin Merkel da gerade zu Erdoğan gesagt?
Ton- und Videoaufnahmen lassen sich immer raffinierter und glaubwürdiger
verfälschen. Schwarzseher trauen den filmischen Fake News zu, die Demokratie zu zerstören.

V
on der Nummer eins in den USA Echokammer liefern, sollen demnach nur des Faktischen bis heute immer wieder in-
hält er nichts, und er macht der Anfang der Manipulation gewesen frage stellt.
daraus keinen Hehl: »Präsident sein. Was nun angeblich droht, ist die Per- Der US-Präsident hat den idealen Nähr-
Trump ist ein totaler und kom- fektionierung der Lügenmanufaktur. boden für Technologien geschaffen, die
pletter Vollidiot.« »Es ist ein historischer Glücksfall, dass die Wirklichkeit manipulieren. Gleichzei-
Der Mann, der diese Worte sagt, sitzt wir uns bisher auf Videos als Tatsachen- tig wird die »erweiterte Realität« zum
in seinem Büro, rechts hinter sich die ame- beweise verlassen konnten.« So umriss der Trend in den Softwarefirmen des Silicon
rikanische Flagge, und blickt staatstragend Google-Experte für künstliche Intelligenz, Valley. Zumeist kommt die neue, aufge-
in die Kamera. Er sieht exakt aus wie Ba- Ian Goodfellow, die Zeitenwende im No- peppte Wirklichkeit noch ganz unschuldig
rack Obama. Er hat die Stimme Obamas. vember auf einer Tagung des Massachu- daher, etwa mit den Fotofiltern von Apps
Selbst sein Sprachrhythmus gleicht dem setts Institute of Technology. wie Snapchat. Die logische Fortschreibung
des ehemaligen US-Präsidenten. Es muss Und der Technologe Aviv Ovadya vom ist die rundum neu produzierte Illusion,
Obama sein. Center for Social Media Responsibility der die Manipulation der Wirklichkeit.
Doch Barack Obama hat dies nie gesagt, University of Michigan fragt: »Was ge- Im Herbst 2017 tauchte beim Internet-
zumindest nicht öffentlich. schieht, wenn jeder jedes Ereignis überzeu- portal Reddit ein Pornovideo auf. Es zeigt
Wer in diesem Video wirklich spricht, gend simulieren kann, egal ob es stattge- die israelische Schauspielerin Gal Gadot
ist der US-Schauspieler Jordan Peele, ein funden hat oder nicht?« Immer einfacher beim Sex. Allein, die Schauspielerin war
talentierter Obama-Darsteller. Eine Soft- werde es, Audio- und Videoinhalte zu ver- gar nicht aktiv. Ein Reddit-Nutzer mit dem
ware namens FakeApp hat Peeles Mund- fälschen, von dem Szenario »Ein Weltfüh- Pseudonym »deepfakes« hatte Gadots Ge-
partie mit einem Video des echten Obama rer befehligt einen Atomschlag« bis hin zur sicht in den Porno montiert.
verschmolzen. 56 Stunden dauerte die Pro- Der Programmierer nutzte das Maschi-
duktion des kurzen Films. Dann formulier- nenlernsystem TensorFlow für den digita-
ten die geliehenen Lippen auf gruselig au- Ob Angelina Jolie oder len Gesichtstransfer, ein von Google für
thentische Weise Peeles Appell an die Welt. Taylor Swift, sie alle die Forschung freigegebenes Werkzeug
»Wir leben in gefährlichen Zeiten«, der künstlichen Intelligenz (KI).
warnt der falsche Obama im echten. »Es räkeln sich nun ungewollt Heute, nur rund ein halbes Jahr später,
beginnt eine Ära, in der unsere Feinde je- in Hardcore-Filmen. kann jeder mit ein bisschen Mühe Gesich-
den jederzeit alles sagen lassen können, ter in Videos austauschen. Angelina Jolie,
was sie wollen – ohne dass es je wirklich Natalie Portman, Taylor Swift, sie alle
gesagt wurde.« »Simulation der Stimme des eigenen Part- räkeln sich nun ungewollt in Hardcore-Fil-
Das Video, kürzlich veröffentlicht vom ners, der am Telefon nach dem Bankpass- men, mit Körpern, die eigentlich Porno-
Internetmedium BuzzFeed, ist das bislang wort fragt«. darstellerinnen gehören. Hobbyprogram-
überzeugendste Beispiel einer Fake News Eine »Infokalypse« drohe, der Verlust mierer nutzen den Gesichtertausch zudem,
der zweiten Generation. der vertrauten Medien- und Kommunika- um sich selbst, Freunde oder Partner in
Kaum haben sich die Algorithmen so- tionsstrukturen, sagt Ovadya. »Die Werk- Szenen aus Hollywood-Blockbustern zu
zialer Netzwerke wie Facebook oder Twit- zeuge und die Motivation, Falschmeldun- versetzen, das ultimative Geburtstags-
ter als Verstärker von Propaganda und gen in die Welt zu setzen, sind längst vor- geschenk technikversierter Millennials.
Desinformation entpuppt, warnen Exper- handen.« Nun sei die ultimative Eskalation Möglich macht dies die frei im Internet
ten vor dem perfekten digitalen Schwindel: der Schwindelei in Sichtweite: »die Ver- verfügbare Software FakeApp, mit der
der überzeugenden Verfälschung von Ton- zerrung der Realität selbst«. auch BuzzFeed den falschen Obama er-
und Videoaufnahmen. Gut anderthalb Jahre ist es her, dass der zeugt hat. Das Programm erleichtert die
Die Schwarzseher entwerfen ein verstö- Welt erstmals klar wurde, wie das Internet Herstellung der im Netzjargon inzwischen
rendes Bild der kommenden Jahrzehnte. das Geschäft mit Wahrheit und Lüge ver- »Deepfakes« genannten Videos.
Sie skizzieren eine Welt, in der manipu- ändert. Russlands Mühen, die US-Präsi- FakeApp setzt selbst lernende Algorith-
lierte Videos falsche Erinnerungen erzeu- dentschaftswahlen zu beeinflussen, sind men ein, die in der Lage sind, ihre Ergeb-
gen und politische Konflikte oder gar Krie- immer noch nicht gänzlich aufgeklärt. nisse fortlaufend ohne menschlichen Ein-
ge auslösen könnten, kurz: in der man den Doch auf Twitter allein betrieb die Sankt griff zu optimieren. Wird die Software mit
eigenen Augen und Ohren nicht mehr trau- Petersburger Trollfabrik Internet Research Bildern zweier Personen gefüttert, ent-
en kann. Diese Zukunft soll eine ganze Agency 3814 Accounts. Die Propaganda- wickelt sie eigenständig Modelle beider
Palette leicht zu bedienender Software- Tweets erreichten mindestens 1,4 Millio- Gesichter. Dann kann das Programm das
Werkzeuge bereithalten, die es jedermann nen US-Bürger. Gesicht der einen Person auf den Körper
ermöglichen, die Wirklichkeit mit verblüf- 2017 war dann das Jahr, in dem »alter- der anderen montieren.
fender Präzision zu verfälschen. native Fakten« hoffähig wurden, befördert Die Ergebnisse sind bereits verblüffend
Twitter-Bots und Facebook-Trolle, die von Donald Trump, der »Fake News« zum authentisch. Und KI-Forscher lassen kei-
jedem Nutzer seine maßgeschneiderte Kampfbegriff machte und die Beweiskraft nen Zweifel daran, dass es in Zukunft noch

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 97


Wissenschaft

einfacher werden wird, Videos überzeu- sche im Restaurant reservieren oder Fri- Weise eingesetzt werden könnten. Er
gend zu manipulieren. »Man muss sich seurtermine abmachen, selbstständig über fürchtet allein durch künstliche Intelligenz
einfach klar sein, dass Videos wie auch Bil- das Telefon. ausgeführte politische Kampagnen, die
der nichts anderes als Bits sind, die man Sogar lebensecht wirkende Pausen sich nicht mehr von den Graswurzelbewe-
editieren kann«, sagt der Informatiker oder Laute wie »mmmh« fügt Duplex in gungen echter Menschen unterscheiden
Matthias Nießner von der Technischen seine Anrufe ein. Bei der Präsentation lassen. Selbst die direkte »Manipulation
Universität München, »und der Aufwand des Programms spielten die Google-Ent- der Diplomatie« hält Ovadya für möglich,
dafür wird noch geringer werden.« wickler zwei solche Telefonate vor. An etwa indem interessierte Kreise »den Glau-
Nießner ist Professor für Visual Com- keiner Stelle informierte die Software den ben erzeugen, ein Ereignis habe statt-
puting. Der 32-Jährige KI-Experte würde Gesprächspartner darüber, dass sie kein gefunden«.
ein Mehrfaches seines Gehalts in der frei- Mensch ist. Schon ein Film, in dem Angela Merkel
en Wirtschaft verdienen. Doch er bleibt Das Programm löste Begeisterung, etwas Kompromittierendes über den tür-
der öffentlichen Forschung treu, auch weil gleichzeitig jedoch auch Befremden aus. kischen Präsidenten Recep Tayyip Erdo-
er es wichtig findet, über seine Arbeit Eine Software zu entwickeln, die »vorgibt, ğan sagt, könnte schlimmste diploma-
aufzuklären. menschlich zu sein« und Menschen tische Verheerungen anrichten. Und was
»In der Filmbranche gibt es Videomani- »täuscht«, sei »entsetzlich«, twitterte die erst, wenn ein gefälschtes Video auftauch-
pulationen schon sehr lange«, sagt Nieß- Soziologin Zeynep Tufekci von der Uni- te, in dem Nordkoreas Führer Kim Jong
ner. Ständig würden für Spielfilme wie versity of North Carolina. Das Silicon Val- Un den Abschuss von Nuklearraketen ge-
etwa James Camerons »Avatar« verblüf- ley sei »ethisch verloren«. gen die USA ankündigt? Würde Donald
fend reale Bilder generiert. Der Aufwand Tatsächlich stellt sich die Frage, wie weit Trump mit einem Gegenschlag warten, bis
sei dabei jedoch extrem hoch. die Softwareentwickler bei ihren Täu- sein Stab die Echtheit des Videos zweifels-
»Wir erforschen, wie es auch einfacher schungen gehen dürfen. Denn wenn nicht frei bestätigt?
geht«, sagt Nießner. Zusammen mit seinen mehr echt ist, was echt erscheint, was lässt Was geschieht mit der Gesellschaft,
Kollegen hat er verblüffende Verfahren er- sich dann überhaupt noch glauben? wenn sie von immer perfekteren Fake
sonnen, um Gesichter und inzwischen so- Bislang gelten Audio- und Videoaufnah- News durchsetzt wird? Zwei Szenarien
gar ganze Oberkörper in Videos nach Gut- men den meisten Menschen als authen- seien denkbar, glaubt Ovadya. Und sie
dünken zu manipulieren. tisch, zumindest dann, wenn sie unge- sind gleichermaßen beunruhigend, denn
Wie das funktioniert, zeigt Nießner in schnitten sind oder live gesendet werden. beide gefährden die Demokratie.
seinem Büro an der Fakultät für Informa- Skandale haben immer noch vor allem »Entweder die Menschen werden es
tik in Garching. Auf seinem Computer ruft dann Wucht, wenn O-Töne oder Filmauf- aufgeben, die Nachrichten zu verfolgen«,
er ein Video auf, das den russischen Präsi- nahmen vorliegen. Ab jetzt aber wachsen sagt der Medienexperte. »Realitätsapa-
denten Wladimir Putin bei einer Neujahrs- mit jedem Fake-Video und jeder verfälsch- thie« nennt Ovadya dieses Szenario. Bom-
ansprache zeigt. Gleichzeitig filmt er sich bardiert mit Falschmeldungen, werde die
selbst mit einer einfachen Webcam. Gesellschaft beginnen, Nachrichten und
Dann vollbringt die Software Face2Face »Es ist sehr einfach, Fakten grundsätzlich infrage zu stellen.
ihr Zauberwerk: Lacht Nießner, lacht auch den Leuten etwas als »Oder die Menschen werden, noch
Putin. Zieht Nießner die Augenbrauen mehr als heute schon, nur noch das wahr-
hoch, tut es ihm Putin gleich. Der russische wahr zu verkaufen, nehmen, was ihren Überzeugungen ent-
Präsident ist die Marionette des Informa- das gar nicht wahr ist.« spricht«, so lautet Ovadyas zweite, noch
tikers. beängstigendere Variante. Was, wenn je-
Der Trick funktioniert, weil der Putin der nur noch das glaubt, was er glauben
auf Nießners Bildschirm gar nicht mehr ten Tonaufnahme beim Publikum die will? Dann hätte es die Gesellschaft plötz-
der Präsident aus dem ursprünglichen Zweifel. lich mit mehreren, sich widersprechenden
YouTube-Video ist. Stattdessen wird der Und Zweifel sind die Währung der Wirklichkeiten zu tun.
Original-Putin von einer Putin-Maske Populisten. In den USA ist bereits zu spüren, wie
überdeckt, einem perfekten 3-D-Abbild Noch im Oktober 2016 kam Donald alternative Beschreibungen der Realität
des Präsidenten. Diese Gesichtsmaske Trump nicht umhin, die Echtheit der be- eine Gesellschaft spalten. Das Problem
kann Nießner anschließend mit seiner eige- rühmt gewordenen »Grab-’em-by-the- liegt dabei auch in der Natur des Men-
nen Mimik gleichsam fernsteuern. pussy«-Tonaufnahme einzuräumen und schen: Die Forschung zeigt, dass Erinne-
Noch ist Nießners Putin stumm. Doch sich öffentlich für seine obszönen Bemer- rungen über die Zeit zu Gewissheiten
es wäre ein Leichtes, ihm glaubhaft Worte kungen über Frauen zu entschuldigen. In- werden, ganz gleich, ob sie anfangs noch
in den Mund zu legen. Denn auch Pro- zwischen weist er die Urheberschaft zu- mit Zweifeln behaftet waren oder nicht.
gramme zur Manipulation und Kreation rück: »Wir glauben nicht, dass das meine Für Videos gilt das im Besonderen. Das
von Sprache werden längst entworfen. Stimme war«, wird er zitiert. menschliche Gehirn verfügt nur be-
Die Firma Adobe präsentierte schon Oder Emma González, Überlebende schränkt über Mechanismen, einmal Ge-
2016 die Stimmenanalyse-Software VoCo. des Amoklaufs an der Schule in Parkland sehenes gleichsam ungesehen zu machen.
20 Minuten Sprachmaterial reichen dem im US-Bundesstaat Florida: Die Schülerin »Es ist sehr einfach, den Leuten etwas
Programm angeblich aus, um Charakteris- mit dem Stoppelhaarschnitt wurde zur als wahr zu verkaufen, das gar nicht wahr
tika einer beliebigen Stimme komplett zu Ikone des Protestes gegen die US-Waffen- ist«, sagt Ovadya. Auf gewisse Weise han-
erfassen. Über ein simples Texteingabefeld gesetze. Nun geistert ein kurzes Video dele es sich dabei »um eine Sicherheits-
kann der Nutzer diese Stimme dann alles durch soziale Netzwerke, in dem die lücke des Menschen«. Schon bald würden
sagen lassen, was er will. 18-Jährige die US-Verfassung zerreißt. Ein die KI-Werkzeuge der Wirklichkeitsfäl-
Und auch Internetgigant Google mischt Fake: Im Original zerreißt sie eine Ziel- schung für jedermann nutzbar sein, warnt
bei der Entwicklung von Sprachsystemen scheibe. Unbekannte veränderten das der Technologe. Auf die Gesellschaft kön-
mit. Gerade hat die Firma einen neuen Video, um González zu diskreditieren. ne das »extrem destabilisierend« wirken.
Sprachassistenten vorgestellt. Duplex kann Der Technologe Ovadya erwartet, dass Droht also der Kollaps der Realität? Könn-
mit verblüffend menschlicher Stimme Ti- Fake-Videos künftig weit häufiger auf diese ten Fake News, geboren aus künstlicher In-

98 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


telligenz und virtueller Realität, einen der
Grundsteine der Demokratie zerschmet-
tern: die Glaubwürdigkeit von Fakten?
Nicht alle Forscher sind so pessimistisch
wie Ovadya. »Da ist auch viel Panikmache
dabei«, sagt der Münchner Informatiker
Nießner. Zwar stimme es, dass sich Men-
schen leicht täuschen lassen. So konnten
seine Studenten in einer Studie gefälschte
Videos in den meisten Fällen nicht von
echten unterscheiden.
Für Computer jedoch sei es ein Leichtes,
manipulierte Videos oder Bilder zu iden-
tifizieren, berichtet Nießner. Der Forscher
will Fake News technisch bekämpfen: mit
maschinenschlauen forensischen Verfah-
ren. Es gelte, neue Standards für Video-
und Audioformate zu schaffen.
Zusammen mit seinen Kollegen hat er
gerade ein Detektivprogramm entwickelt.
FaceForensics erkennt mit großer Wahr-
scheinlichkeit, ob ein Film echt ist oder
nicht. Dazu entwickeln die Münchner For-
scher zusammen mit der gemeinnützigen
AI Foundation ein Browser-Plug-in, das
Fake-Videos automatisch entlarven soll. Je-
der Nutzer könnte damit befähigt werden,
in seinem Firefox- oder Chrome-Browser
die Dichtung von der Wahrheit zu trennen.
Nießner rät dazu, digitale Medien künf-
tig mit fälschungssicheren Wasserzeichen
zu versehen. »Es gibt längst Verfahren, Vi-
deos zu authentifizieren«, sagt er. Auch
Onlinemedien sollten ihre Artikel künftig
digital zertifizieren.
Dann könnte die Glaubwürdigkeitskrise
des Internets sogar eine Chance sein,
TYLER MITCHELL FOR TEEN VOGUE

glaubt Nießner. »Es ist wichtig, den Leuten


zu zeigen, was technisch alles möglich ist«,
sagt er, »erst dann werden sie mit der not-
wendigen Skepsis im Internet surfen.«
Vielleicht ist es ja richtig, dass die
Schwarzseher im Moment die Angst vor
der Weltenlüge weiter schüren. Ab Don-
nerstag treffen sich die Fake-News-Exper-
ten in New York, um mal wieder Alarm
zu schlagen: Das NYC Media Lab hat zur
»Fake News Horror Show« geladen, einer
»Wissenschaftsmesse für schreckenerregen-
de Propagandawerkzeuge, einige davon
echt, andere ausgedacht, aber alle basie-
rend auf plausibler Technologie«, wie es
in der Einladung heißt.
Erst wenn das Vertrauen erschüttert ist,
kann neues aufgebaut werden, könnte
das Motto der Tagung lauten. Oder, um
es mit dem falschen Obama am Ende des
BuzzFeed-Videos zu sagen: »Stay woke,
bitches.« Bleibt achtsam, ihr Miststücke.
Philip Bethge

Video
Der falsche Obama
spiegel.de/sp232018fake
Schülerin González mit Zielscheibe (Originalvideo), mit US-Verfassung (Fälschung) oder in der App DER SPIEGEL
Was, wenn jeder nur noch das glaubt, was er glauben will?

99
Wissenschaft

hörte und angeblich von mir im Weltall

»Angst schadet nur« abgestempelt wurde.


SPIEGEL: Und, war das so?
Jähn: Nein, ich musste ihr antworten: Lei-
der war der Brief nie an Bord unserer Sta-
Raumfahrt Der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, über seine tion. Ich erinnere mich natürlich nicht
historische Reise, seinen Nachfolger Alexander mehr an jedes Experiment, das ich in der
Gerst und die Rolle des Kommandanten an Bord einer Raumstation Schwerelosigkeit gemacht habe. Aber die
Mission war ein Erlebnis, das ich nie ver-
gessen werde.
Jähn, 81, verbrachte 1978 SPIEGEL: Gab es während Ihrer Mission SPIEGEL: Ihr Flug ins All war der wohl
KIRSTEN NIJHOF / DPA

eine Woche an Bord der vergleichbare Zwischenfälle? größte propagandistische Erfolg der DDR.
sowjetischen Raumstation Jähn: Nein, wir haben keine brenzlige Si- Jähn: Die Jubelberichterstattung war aber
Saljut 6. Nach seiner Rück- tuation erlebt. Aber der Kommandant keine Musik in meinen Ohren, zum Volks-
kehr wurde der Offizier Wladimir Kowaljonok war trotzdem ein helden wollte ich mich nicht machen lassen.
der DDR-Luftstreitkräfte Typ, der sagte, so wird’s gemacht, auch Es war nie meine Sache, große Reden zu
zum ostdeutschen Star, Straßen und Schu- bei alltäglichen Dingen. Als der Urinbehäl- halten. Im Rampenlicht zu stehen fand ich
len wurden nach ihm benannt. Heute ge- ter entsorgt werden musste, war klar: Das anstrengender als die Reise ins All.
nießt er die Abgeschiedenheit seiner Jagd- ist unsere Aufgabe. SPIEGEL: Wie kamen Sie 1976 zu der Ehre,
hütte im sächsischen Vogtland, die er nach SPIEGEL: Denken Sie noch oft an Ihre Pio- zum Kosmonautentraining ausgesucht zu
seinem Flug von der DDR geschenkt bekam. niertat? werden?
Jähn: Ich bin gezwungen, daran zu den- Jähn: Glück war auch dabei. Eines Mor-
SPIEGEL: Herr Jähn, vor 40 Jahren kreis- ken. Zu meinem Geburtstag erhalte ich gens wurde ich zum Kommandeur be-
ten Sie als erster Deutscher um die Erde. auch nach so langer Zeit noch immer Hun- fohlen. Ich dachte nur: Hast du was aus-
Was können Sie Ihrem Nachfolger Alexan- derte Briefe, viele Menschen wollen ein- gefressen? Da saßen schon viele andere
der Gerst, der in wenigen Tagen zur Inter- fach nur ein Autogramm, manche haben erfahrene Piloten. Keiner von uns wusste,
nationalen Raumstation ISS aufbricht, mit aber auch spezielle Fragen. Erst heute hat worum es ging. Dann wurde uns eröffnet,
auf den Weg geben? mich eine ältere Dame zu einem Brief be- dass die Russen einen von uns ostdeutschen
Jähn: Alexander kenne ich gut, wir haben fragt, der ihrem verstorbenen Mann ge- Fliegern mitnehmen wollten auf eine Welt-
einen persönlichen Draht zueinander.
Aber ich habe ihm keine Ratschläge zu er-
teilen; es ist ja schon sein zweiter Flug ins
All. Seinen Start werde ich wieder von Bai-
konur aus verfolgen – auch wenn das eine
beschwerliche Anreise notwendig macht.
Der kasachische Weltraumbahnhof liegt
ja nicht gerade um die Ecke.
SPIEGEL: Als erster Deutscher überhaupt
wird Alexander Gerst das Kommando auf
der ISS haben. Bisher leiteten fast nur Rus-
sen oder Amerikaner die Missionen.
Jähn: Ja, mit gutem Recht hat sich die Eu-
ropäische Raumfahrtagentur Esa, für die
Gerst startet, diesmal die Führung er-
kämpft. Schließlich haben wir auch viele
Milliarden für die Raumstation bezahlt.
SPIEGEL: Aber ist es nicht ohnehin nur
von symbolischer Bedeutung, wer das
Kommando hat?
Jähn: Keineswegs. Bei einem Notfall,
wenn schnelle Entscheidungen zu treffen
sind, sagt allein der Kommandant, wo es
langgeht – speziell wenn keine Funkver-
bindung zur Bodenstation besteht.
SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?
Jähn: Ich war 1997 im Flugleitzentrum in
Moskau, als auf der damaligen russischen
Raumstation Mir ein Feuer ausbrach. Der
russische Kommandant reagierte sofort
und gab die nötigen Befehle. Unser deut-
scher Astronaut Reinhold Ewald hat be-
sonnen reagiert und sich gut gehalten.
Nachdem der Brand gelöscht war, sagte
er: »Dann kann ich ja jetzt weitermachen
mit meinen Experimenten.« Nur der Ame-
AP

rikaner schien von dem Feuer stärker be-


eindruckt gewesen zu sein. Kosmonaut Jähn vor Start in Baikonur 1978: »Der russische Arzt hat mich gerettet«

100 DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018


raummission. Gleich danach gingen die musste ich mich einmal in höchster Not das Schwarze Meer, den Ural, den Pazifi-
medizinischen Untersuchungen los. Vier aus meinem Flugzeug herauskatapultieren. schen Ozean. Ich wäre später gern noch
von uns wurden schließlich zur Kosmonau- Ein paar Sekunden später wäre ich tot ge- einmal ins All gereist – zu einer mehr-
tenausbildung ins Sternenstädtchen bei wesen. Ich sah meine Maschine in den Bäu- monatigen Langzeitmission oder zu ferne-
Moskau gebracht. Ich rechnete mir keine men explodieren. Aber der Schleudersitz ren Zielen wie dem Mond oder dem Mars.
großen Chancen aus – und fast wäre ich funktionierte fehlerfrei, was mein Vertrau- Jetzt bin ich natürlich zu alt dafür.
auch gar nicht erst mitgenommen worden. en in die Technik noch stärkte. Und so hat- SPIEGEL: Zu Beginn der Raumfahrt flogen
SPIEGEL: Warum nicht? te ich beim Weltraumflug keine Angst. fast nur Kampfpiloten wie Sie ins All. Heu-
Jähn: Ich habe eine gute Nase, aber ich Angst schadet nur. Man ist ja nur Gast und te werden überwiegend Wissenschaftler
kann oft nicht sagen, was ich rieche. Ich kann ohnehin nichts tun. hochgeschossen, Gerst ist Geophysiker.
kenne mich in Küchendingen nicht so gut SPIEGEL: Es heißt, Sie hatten einen Hang Wie hat das die Missionen verändert?
aus. Um meine Sinneswahrnehmung zu zum Abenteurertum. Jähn: Ich glaube, der Unterschied ist gar
testen, musste ich Geruchsproben identi- Jähn: Ein wenig stimmt das sicherlich. nicht so groß. Ich habe die mir übertra-
fizieren. Und ich konnte zwar etwas rie- Jedenfalls habe ich den Flug mit der genen Experimente ordentlich ausgeführt.
chen, wusste aber nicht, wie das Zeug »Sojus«-Rakete genossen, das war eine Und auch ohne militärische Ausbildung ist
heißt. Zweimal hatte ich schon passen müs- richtig tolle Sache. Das ist so, als ob man Alexander Gerst belastbar und nerven-
sen. Da betrat der russische Hals-Nasen- auf einem mehrere Millionen PS starken stark. Es kommt immer auf den einzelnen
Ohren-Spezialist den Untersuchungsraum. Pferd sitzt, das auf einmal losgaloppiert. Menschen an, nicht auf seine Ausbildung
Unsere Ärzte berichteten ihm: »Der Jähn SPIEGEL: Was hat Sie in der Schwerelosig- oder Herkunft.
kann nicht riechen.« Er wollte das nicht keit am meisten beeindruckt? SPIEGEL: Im Weltraum kooperieren Euro-
glauben und hielt mir selbst eine Flasche Jähn: Die Erde, ihre Zerbrechlichkeit. päer und Amerikaner weiter mit den Rus-
unter die Nase. Diesmal erkannte ich es Dort oben wird einem bewusst: Unser Pla- sen, als wäre am Erdboden nichts gesche-
sofort: Essig! Gut, sagte er, der kann mit. net ist nicht groß genug, als dass der hen. Halten Sie das für richtig – trotz
So hat der russische Arzt mich gerettet. Mensch ihn nicht kleinkriegen könnte mit Ukrainekrise und Syrienkrieg?
SPIEGEL: Hatten Sie Angst vor dem Welt- seiner Profitgier. Übrigens war ich etwas Jähn: Unbedingt, solange nicht geschossen
raumflug? überrascht, wie nahe wir der Erde noch wird, ist alles gut. Sofern nicht jemand
Jähn: Nein, wer Angst hat, ist fehl am waren. Raumstationen kreisen ja in nur wie der amerikanische Präsident Donald
Platz. Und ich hatte schon größere Gefah- wenigen Hundert Kilometern Höhe um Trump die Nerven verliert, bleibt es hof-
ren überstanden. Als junger Jagdflieger die Erde. Ich konnte alles gut erkennen, fentlich wenigstens in der Raumfahrt fried-
lich. Leider ist die Menschheit noch genau-
so dumm wie vor tausend Jahren. Nur die
Art der Bewaffnung hat sich geändert. Die-
jenigen, die an den Hebeln sitzen, spielen
wie eh und je ihr schmutziges Spiel.
SPIEGEL: Kann Raumfahrt helfen, Brü-
cken zu bauen zwischen den Völkern?
Jähn: Das war die Hoffnung, die wir ein-
mal hatten. Heute glaube ich nicht mehr
so recht daran. Ich habe große Angst vor
dem, was die kommenden Generationen
erwartet. Ich fürchte, am Ende werden wir
uns doch alle gegenseitig umbringen.
SPIEGEL: Stehen Sie noch in Kontakt zu
anderen Raumfahrern?
Jähn: Ja, gelegentlich sehen wir uns. Ich
bin auch Mitglied der Association of Space
Explorers. Aber die Treffen finden meist
an weit entfernten Orten statt, das kann
ich mir mit meiner Rente nicht leisten.
SPIEGEL: Was ist zu Ihrem Jubiläum ge-
plant?
Jähn: Die Deutsche Raumfahrtausstellung
in meinem Geburtsort Morgenröthe-Rau-
tenkranz bereitet eine Sonderschau vor.
Leider rücken die Militärs meine Lande-
kapsel nicht heraus. Die Kapsel hängt im
Militärmuseum in Dresden an der Decke,
sodass man als Besucher nicht einmal rein-
schauen kann. Das ist wirklich schade.
Interview: Olaf Stampf

Video
Sigmund Jähns Reise
ins All
ESA

spiegel.de/sp232018jaehn
oder in der App DER SPIEGEL
Astronaut Gerst vor einer »Sojus«-Rakete: »Belastbar und nervenstark«

101
Wissenschaft

dran. Meine Chefin fing an, mich zu beobachten, nach Fehlern

Der Tod kam im zu suchen. Seitdem hatte ich Angst.


All das ging mir durch den Kopf, als ich vor der Übergabe
um sechs noch schnell die Insulinspritzen vorbereitete und das

Plastikbecher Fach mit den Betäubungsmitteln öffnete.


Die Betäubungsmittel, also zum Beispiel starke Schmerz-
mittel wie Morphium, sind die einzigen Medikamente, um die
wir uns noch selbst kümmern müssen. Die normalen Arznei-
Pflege Eine Krankenschwester in einem Alten- mittel sortiert die Apotheke immer schon eine Woche im
heim macht einen Fehler, ein Mann stirbt. Voraus für jeden Bewohner in kleine Plastikbecher. Dass wir
das nicht noch einmal gründlich kontrollieren müssen, ist in
Das könnte jedem in diesem Job passieren – zu meinen Augen eine gefährliche Sicherheitslücke. Aber selbst
viel Stress, falsche Routinen. Eine Beichte. wenn – ein und derselbe Wirkstoff kommt inzwischen alle
paar Wochen von einem anderen Hersteller, sodass die Pillen
immer anders aussehen. Wir haben also keinen echten Über-
Es war ein Tag im August vorigen Jahres, als Ulrike Korth in blick, welche Tablette welche ist.
einer Kleinstadt mitten in Deutschland jener verhängnisvolle Mein halbes Berufsleben lang konnte ich mit einem Blick in
Fehler unterlief. Korth, 57, bemerkte ihre Tat selbst, stand dafür die Pillendose feststellen, welche Medikamente jemand be-
ein, auch juristisch, und möchte sie hier schildern – in der Hoff- kommt. Dass das nicht mehr geht, macht mir ein mulmiges
nung, aufmerksam zu machen auf Missstände, die solche Fehler Gefühl. Aber ich kann nichts daran ändern. In einem Alten-
begünstigen. Sie bittet um Verständnis, dies nicht unter ihrem heim, in dem ich früher mal gearbeitet habe, konnten wir
richtigen Namen tun zu wollen. Verbesserungsvorschläge machen, die dann tatsächlich um-
gesetzt wurden. In diesem Heim aber – und sicher auch in vie-

A n diesem Tag bin ich um 5.30 Uhr auf die Station gekom-
men. Eigentlich beginnt die Schicht erst um sechs Uhr,
aber die Station hat 33 Bewohner, und ohne diese zu-
sätzliche halbe Stunde ist die Arbeit nicht zu schaffen, auch
len anderen – sind Verbesserungsvorschläge nicht erwünscht.
Sicherheitslücken wie bei den Medikamenten bleiben deshalb
bestehen.
Die Betäubungsmitteltabletten, die wir selbst heraussuchen,
wenn ich diese Extrazeit nicht bezahlt bekomme. Es gibt immer kommen nicht in eigene Plastikbecher, sondern zu den anderen
nur eine examinierte Pflegekraft pro Schicht; ich bin eine davon. Tabletten dazu.
Ich arbeite Teilzeit und verdiene 1000 Euro netto im Monat. Und dabei ist mir dieser Fehler unterlaufen.
Der Computer war am Vortag ausgefallen. Statt eines über- Ich weiß bis heute nicht genau, wie das passiert ist. Wenn
sichtlichen Pflegeberichts lagen mehrere eng beschriebene Sei- die Morphiumtabletten gut sichtbar in eigene kleine Plastik-
ten auf dem Schreibtisch, auf denen viele Anweisungen für becher gelegt würden oder wenn wir zu zweit gewesen wären,
mich standen, die ich nur schwer entziffern und teilweise auch wenn zum Beispiel die Nachtschicht morgens noch bei den Be-
nicht nachvollziehen konnte. täubungsmitteln mithelfen würde, dann wäre es aufgefallen,
Ich bin sehr penibel, möchte einfach immer alles ganz genau glaube ich. Doch auch diese einfachsten Sicherheitsmaßnah-
machen. Es war also klar: Gleich, während ich die zehn Be- men gibt es nicht.
wohner, für die ich zuständig bin, im Akkord wasche, rasiere, So habe ich überhaupt nichts gemerkt. Im Nachhinein lässt
bürste und anziehe und in der Zeit schon mal Hausarztpraxen sich sagen, dass mir wohl eine hoch dosierte Morphiumtablette
und Sanitätshäuser wegen verschiedener Probleme um Rückruf für den einen Bewohner aus den Fingern geglitten sein muss
bitte, muss ich auch noch telefonisch bei der Kollegin nachfra- und in den Plastikbecher für einen anderen Bewohner hinein-
gen, die die Anweisungen geschrieben hatte. fiel. In diesem Becher waren schon etwa zehn andere Tabletten,
Ich stand also mächtig unter Druck, denn morgens beim sodass eine überzählige nicht auffiel.
Waschen komme ich ohnehin immer schnell in Verzug. Die Erst um 8.15 Uhr hat sich der Bewohner, der die Tablette
Bewohner kennen mich und wissen, dass sie mir erzählen kön- eigentlich hätte bekommen sollen, gemeldet und beschwert,
nen, was ihnen auf der Seele liegt. Ich sei mit dem Herzen da- dass sein Morphium nicht da sei. Auf der Stelle war mir klar,
bei, haben sie mir oft gesagt. dass ein schrecklicher Fehler passiert sein musste! Ich bin so-
Es macht mir etwas aus, wenn sich jemand morgens hinsetzt fort losgesprintet, durch alle Zimmer, und habe gerufen:
und den ganzen Tag nur noch vor sich hin starrt. Dann über- »Nicht die Tabletten schlucken!« Aber manche hatten sie
lege ich, was ich machen kann, um diesen Menschen aufzu- eben doch schon genommen.
muntern. Irgendeine kleine, verrückte Ich rief die Pflegedienstleitung in ihrem
Sache. Manchmal rufe ich auch die An- Büro an, die wohl schon an meiner Stim-
gehörigen an, um einen Streit zu schlich- me merkte, dass es ernst war. Wir über-
ten oder sie dazu zu bewegen, mal wie- legten, was zu tun sei, und ich rief dann
der zu Besuch zu kommen. einen der Hausärzte an. Der meinte, wir
Aber das läuft alles nebenher, die Zeit sollten die Bewohner, die das hoch dosier-
dafür musste ich mir immer sonst woher te Morphium möglicherweise geschluckt
organisieren. Meine Chefin hatte mich hatten, genau im Auge behalten. Die Be-
ohnehin schon auf dem Kieker – ich habe troffenen habe ich dann sofort informiert.
einen Kollegen verteidigt, der zwei Jahre Ein recht korpulenter und sehr lebens-
ARNDT OEHMICHEN / MAURITIUS

vor seiner Rente vom Pfleger zum Pfle- lustiger Mann, dem die hohe Morphium-
gehelfer degradiert wurde, weil ihm seine dosis wahrscheinlich nicht allzu viel hätte
Arbeit ein bisschen langsamer von der anhaben können, hat noch einen Witz
Hand ging. Dabei war er die Seele des gemacht: »Ah, Morphium, dann kriege
ganzen Betriebs. Ich habe gesagt, dass ich wenigstens mal einen ordentlichen
man so mit Menschen nicht umgehen Rausch!« Ich habe nur gedacht: Aber was,
darf. Danach wusste ich: Jetzt bin ich wenn es nicht ihn erwischt hat, sondern

102
ALEXANDRA POLINA / DER SPIEGEL
Pflegekraft Korth: »Das ist das Schrecklichste, was mir je passiert ist – wirklich das Schrecklichste«

jemanden, der dünner ist und kränker? Ich habe allen Mitar- es wahrscheinlich so, dass ich in diesem Beruf nicht mehr
beitern Bescheid gesagt, mich aus der alltäglichen Arbeit he- arbeiten werde. Jedenfalls nicht in diesem Altenheim. Weil
rausgezogen und nur noch aufgepasst. Aber bis zum Ende mei- ich Angst habe, dass mir das wieder passiert – man kann ja
ner Schicht gab es keine Auffälligkeiten. Gern wäre ich länger nichts dagegen tun!
geblieben, aber meine Chefin hat mich nach Hause geschickt.
Gegen vier Uhr nachmittags ging es einem Bewohner dann
plötzlich schlecht. Ich kannte ihn gut und mochte ihn sehr gern.
Er war ein sehr liebenswürdiger und feiner Mann, höflich und
einfühlsam. So richtig alte Schule.
U nd es ist auch schon vorher passiert. Regelmäßig gibt es
kleine Verwechslungen, bei denen zum Glück nicht viel
schiefgeht und die dann sofort unter den Teppich ge-
kehrt werden. Am Ende will es immer keiner gewesen sein.
Ich hatte gerade meine Kolleginnen in der Nachmittags- Das gibt es in vielen Altenheimen: ein Klima der Angst. Fehler
schicht angerufen, um zu fragen, ob alles okay sei. Sie wollten zu vertuschen ist gang und gäbe, jeder deckt jeden, und nach
wissen, ob dieser Mann die Morphiumtablette geschluckt oben wird gebuckelt. So ändert sich nie etwas.
haben könnte, und ich habe sofort gesagt: »Ja!« Für mich war Auch nach meinem furchtbaren Fehler hat sich an den Ab-
klar, dass sie jetzt sofort den Notarzt rufen mussten. läufen auf der Station überhaupt nichts getan, immer noch
Aber sie haben nicht gleich den Rettungswagen gerufen, aus gibt es diese Sicherheitslücken, die tödliche Versehen ermög-
Scheu vor dem Hausarzt dieses Mannes: Der war bekannt für lichen. Deshalb erzähle ich meine Geschichte auch hier im
seine schwierige, aufbrausende Persönlichkeit, und es hatte SPIEGEL: weil ich mir wünsche, dass sich endlich etwas ver-
schon einmal riesigen Ärger gegeben, als er sich übergangen bessert in den Heimen. Es muss einen offenen Umgang mit
fühlte. Also haben die Kolleginnen zunächst versucht, ihn zu Fehlern geben. Sodass man Strategien entwickeln kann, wie
erreichen. sie sich in Zukunft vermeiden lassen.
Als er endlich ankam, war der Mann schon dabei, ins Koma Es gäbe auch viele Möglichkeiten, die Arbeit anders ein-
zu fallen. Der Hausarzt tobte und rief natürlich sofort den Not- zuteilen. Sie könnte mehr Spaß machen, medizinisch pro-
arzt, der dann das Gegenmittel spritzte. Dadurch ist der Mann fessioneller werden und so, dass man nicht mehr so irrsinnig
zwar wieder aufgewacht, aber er musste trotzdem ins Kran- unter Druck gerät. Auch das führt ja dazu, dass Fehler pas-
kenhaus, auf die Intensivstation. Nach zwei Tagen ging es ihm sieren. Aber Vorschläge dazu sind in vielen Heimen uner-
zunächst besser. Aber einen halben Tag später war er dann wünscht.
plötzlich tot; kurz vor seinem 87. Geburtstag ist er gestorben. Ich musste Alarm schlagen; ich hätte mit meinem schlechten
Das ist das Schrecklichste, was mir je passiert ist. Wirklich Gewissen sonst nicht weiterleben können. Aber ich bin mir
das Schrecklichste. Zum Glück glaube ich an ein Leben nach sicher: Wenn ich dem Bewohner, der seine Morphiumtablette
dem Tod, sonst wüsste ich nicht, wie ich damit leben sollte. vermisste, einfach eine neue gegeben und den Kolleginnen
Ich hoffe sehr, dass die Angehörigen des Mannes irgendwie ih- gesagt hätte, die andere sei mir heruntergefallen, wäre mein
ren Frieden mit seinem Tod machen können. Fehler wahrscheinlich nie aufgefallen. Dann wäre der liebens-
Bei der Obduktion wurde zwar festgestellt, dass er wohl würdige alte Herr, der jetzt tot ist, offiziell an »Herzversagen«
nicht unmittelbar am Morphium gestorben ist, und am Ende gestorben. Wie so viele andere.
wurde das Strafverfahren gegen mich eingestellt. Trotzdem ist Aufgezeichnet von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 103


Kultur
Du kommst nicht durchs Leben, ohne dich zu beschmutzen. ‣ S. 106

Fotografie
Grobkörnige Melancholie
 »Ich mag es nicht, wenn ich keine
Kontrolle habe«, hat der Künstler
Anton Corbijn mal gesagt, deshalb
habe er nie Drogen genommen und die
Jahrzehnte gut überstanden, die er in
der Nähe zur Musikbranche verbrachte.
»The Living and the Dead«, die Leben-
den und die Toten, lautet der Titel
einer Corbijn-Ausstellung mit mehr als
hundert Bildern, die nun im Rahmen
der Triennale der Photografie in Ham-
burg zu sehen sein wird (Bucerius
Kunst Forum, 7. Juni bis 6. Januar).
Dieser Titel fasst das Werk des hol-

THIBAULT CAMUS / AFP


ländischen Fotografen und Filmema-
chers perfekt zusammen. Corbijn, Jahr-
gang 1955, war Ende der Siebzigerjahre
Macron, Gassama der Fotograf, der die britischen Band
Joy Division in Szene setzte. Die
expressive, grobkörnige Melancholie
Einwurf der Bilder wirkte bald wie eine Vorah-
nung, der Blick des Sängers Ian Curtis

In Geberlaune
in die Kamera wie ein Abschied: 1980
nahm sich Curtis im Alter von 23 Jah-
ren das Leben. Auch Kurt Cobain, der
Star von Nirvana, beging Selbstmord,
Mehr Macht als Spider-Man hat nur der französische Präsident. einige Monate nachdem Corbijn ein
Video mit der Gruppe gedreht hatte.
Es waren vier Stockwerke. Aber Mamou- Gassama, dass er demnächst französischer Und Oscarpreisträger Philip Sey-
dou Gassama brauchte nicht mal 30 Se- Staatsbürger sein werde. Das ist erfreulich mour Hoffman, der 2014 an einer Über-
kunden, um sich von Balkon zu Balkon für den sympathisch wirkenden Mann. dosis starb, spielte seine letzte Haupt-
hinaufzuschwingen und das kleine Kind zu Eine märchenhafte Geschichte wie diese rolle im Thriller »A Most Wanted Man«
greifen, das zuvor unbeaufsichtigt herum- verfehlt nur selten ihre Wirkung. Aber sie unter der Regie von, genau, Anton
geklettert war und nun außen am Gelän- wirft auch Fragen auf. Dass der französi- Corbijn. Kein Wunder also, dass zu den
der hing. Er brachte es in Sicherheit. Als er sche Präsident wie ein Monarch über das bisher unveröffentlichten Werken in
oben stand und hinunterblickte, habe er Glück einzelner Untertanen richten kann, der Hamburger Ausstellung nun Auf-
angefangen zu zittern, sagte er später. erscheint zumindest anachronistisch. nahmen von Grabmonumenten
Doch zuerst waren da sein Mut und seine Am Mittwoch, vier Tage nachdem Gas- gehören, morbide Eleganz, auch ohne
Entschlossenheit, und glücklicherweise sama dem Kind das Leben gerettet hatte, berühmte Gesichter. Die beruhigende
gab es auch jemanden, der die Szene filmte wurde in Paris ein Flüchtlingscamp ge- Nachricht: Die Rolling Stones, aber
und ins Netz stellte. Nun war Gassama, räumt, 1500 Menschen vorwiegend aus auch die Musiker von Depeche Mode
Spider-Man genannt, ein Held. Afrika lebten dort. Die Bewohner wurden oder U2 sehen auf Corbijns Fotos noch
Keine 48 Stunden später, am vergange- in Unterkünfte außerhalb von Paris ge- recht lebendig aus. MWO
nen Montag, saß der Mann, der aus Mali bracht, dort werden sie überprüft, im April
stammt und seit einem hal- war in Frankreich ein verschärftes Asyl-
ben Jahr ohne Aufenthalts- recht beschlossen worden. Wie viele dieser
genehmigung in Frankreich Menschen verfügen womöglich über den
lebt, im Élysée-Palast dem gleichen Mut, die gleiche Entschlossenheit
Präsidenten gegenüber. wie Gassama? Es ist eine schlichte Wahr-
© ANTON CORBIJN, 2018

Die Fotos von dieser Begeg- heit, dass das Leben ungerecht ist. Wie der
Video
nung lassen einen an den Präsident über solche Zusammenhänge hin-
Die Rettungs- Film »Ziemlich beste Freun- wegging und pompös seine Macht in Szene
aktion
de« denken. Und weil setzte, ist zum Staunen. Gassama nutzte
spiegel.de/ Emmanuel Macron einen die Geberlaune des Staatsoberhaupts und
sp212018kritik
oder in der App ausgeprägten Sinn für bewarb sich gleich noch für die Feuerwehr.
DER SPIEGEL Gesten hat, versicherte er Geht auch klar. Claudia Voigt Corbijn-Foto von Joni Mitchell, 1999

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Hollywood Am ersten Wochenende spielte »Solo« Nils Minkmar Zur Zeit
Erschlaffen der Macht in Nordamerika 84 Millionen Dollar ein.

 Die drei »Star Wars«-Filme, die seit


Das ist nur ein gutes Drittel dessen, was
der Vorgänger »Die letzten Jedi« im
Widerstand analog
dem Neustart der Serie im Dezember gleichen Zeitraum verbuchen konnte. Jede Zeit hat ihre Angewohn-
2015 ins Kino gekommen sind, haben Die Zahlen aus dem zweitgrößten heiten und Frisuren, die sich
zusammen rund viereinhalb Milliarden Markt China sind geradezu alarmie- später recht sonderbar aus-
Dollar eingespielt. Für den Mutterkon- rend. Der Hauptgrund für den dras- nehmen. Was dachte man
zern Disney war die von George Lucas tischen Zuschauerrückgang dürfte sich nur? Ich wette, dass spä-
erschaffene Weltraumsaga bislang eine darin liegen, dass das Publikum über- ter mal nicht nur über den
Gelddruckmaschine intergalaktischen sättigt ist. Bisher war jedes Jahr nur ein Männerdutt, sondern mehr noch
Ausmaßes. Doch nun droht ein schwar- »Star Wars«-Film herausgekommen, über unseren digitalen Alltag gespottet
zes Loch. Der neue Film »Solo«, der seit zwischen dem Start von »Jedi« und wird. Auf jedem mit dem Smartphone
zwei Wochen weltweit läuft, bleibt weit »Solo« lagen dagegen lediglich fünf aufgenommenen Bild ist jemand, der
hinter den Erwartungen zurück. Einige Monate. Wenn die »Star Wars«-Helden wieder ein Bild mit dem Smartphone
Branchenexperten vermuten sogar, dass zu oft zum Einsatz kommen, scheint ihre schießt, und alle anderen haben eines
er am Ende Verlust schreiben könnte. Macht zu erschlaffen. LOB in der Hand. Die theoretische Möglich-
keit, Dinge des Alltags irgendwie digi-
tal zu regeln, führt uns in einen Feldver-
such, in dem noch die simpelste Sache
digital kompliziert wird. Wenn man
schnell ein Buch per App bestellen
möchte, zuvor aber zig Geschäftsbedin-
gungslisten akzeptieren, Passwörter
aktualisieren und Systeme neu installie-
ren soll, wird man enerviert auf den
Gedanken kommen, dass es Zeit für
einen Spaziergang sei, und warum soll
der nicht zur Buchhandlung führen?
Wird man es in einigen Jahren noch
bewundern, dass man per App minder-
bezahlte Fahrradkuriere beauftragen
konnte, Speisen durch unsere Innen-
städte zu befördern? Wie viele lauwar-
me Pizzen kommen an einem regneri-
COURTESY OF TIWANI CONTEMPORARY, LONDON

schen Sonntag per Rad, und hatten wir


uns die Zukunft so vorgestellt?
Wenn man sich umsieht, erkennt
man schon die Zeichen digitaler Ermü-
dung. Sie entsteht durch Unterforde-
rung: Nur im lateinischen Namen
beschäftigt sich die Digitalisierung mit
den Fingern, ansonsten wird die Ver-
bindung zwischen Hirn und Händen
irrelevant. Man tippt noch ein wenig,
wischt ein wenig – aber das war es.
Oussou-Werk »La Grenouille« Eine Weile sorgte der Fidget Spinner
für therapeutische Ersatzbeschäftigung,
seine Popularität währte aber nur so
Ausstellungen Afrika um die Zeugnisse seiner Geschich- lange wie jene von Martin Schulz. Der
Kein Bedarf an Helden te gebracht wurde, weil die Kolonialher- Wunsch nach Analogbeschäftigung
ren alles mitnahmen, Thronsessel, Juwe- ist in diesem Frühjahr überall zu entde-
 Den Titel für dieses Jubiläum haben len, Skulpturen, Skelette. Die Europäer cken. In Reparaturcafés werden Haus-
sich die Veranstalter bei Tina Turner sahen sich damals als Helden – und Ber- haltsgeräte wie Toaster und Radios
geliehen: »We Don’t Need Another lin, wo noch Straßen nach solchen Ero- wieder flottgemacht, statt wegen eines
Hero« ist so etwas wie die Philosophie berern benannt sind, wo die Trophäen wackligen Schalters gleich per App ein
der zehnten Berlin Biennale, die in der in Museumsbestände eingingen, ist ein neues Elektrogerät auf dem Seeweg aus
nächsten Woche beginnt und vermeintli- guter Ort, diese Männer als Räuber zu China zu bestellen. Bastelläden erfreu-
che Helden und Gewissheiten infrage entlarven. Afrika sei ausgebeutet worden, en sich anhaltender Beliebtheit, das alt-
stellen will. So hat es die zuständige süd- es herrsche da eine sichtbare Leere, sagte modische Konzept eines Hobbys wird
afrikanische Kuratorin Gabi Ngcobo Oussou dem SPIEGEL – aber das krea- wieder wertgeschätzt. Kochen, Backen
versprochen. Einer der von ihr geladenen tive Potenzial, die Schöpferkraft des Kon- und Nähen werden zur Vorhut des ana-
Künstler ist Thierry Oussou, er stammt tinents »konnte niemand stehlen«. Nun logen Widerstands, das Leben wird wie-
aus Benin und behandelt in seinen Wer- gehe es darum, dass das heutige Afrika der in die eigenen Hände genommen.
ken Gegenwart und Vergangenheit seines und sein Wert für die zeitgenössische
Landes, im Grunde seines ganzen Kon- Kunst anerkannt würden. Auch dafür ist An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke
tinents. Er erinnert etwa daran, dass Berlin ein angemessener Ort. UK Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 105


DEVIN YALKIN / DER SPIEGEL

Schauspieler Sutherland: »Es wird keine großen charakterlichen Veränderungen mehr geben, man akzeptiert, wer man ist«

106
Kultur

Jack Bauer hat den Blues


Resozialisierung Der Schauspieler Kiefer Sutherland bekämpft seine
Dämonen mit Countrymusik. Ein Therapieabend in New Jersey. Von Philipp Oehmke

A
ls die Sonne in Asbury Park an Rock liebt und trotzdem nicht Trump Sie wird sich, zum Glück, relativ schnell
der Atlantikküste von New Jersey wählt. an diesem Tag als falsch herausstellen. Je
untergeht, steht Kiefer Suther- 600 bis 700 von ihnen werden an die- mehr man Sutherland bei seiner Arbeit zu-
land auf einem abgesperrten sem Abend Ende Mai kommen, um Kiefer schaut, desto stärker vermittelt sich eine
Stück Parkplatz zwischen seinen beiden Sutherland zu sehen. Countryfans, aber existenzielle Dringlich- und Ernsthaftig-
Tourbussen und beginnt mit dem Auf- auch Jack-Bauer-Fans und Anhänger von keit. Die Band und die Crew sind seine
wärmprogramm. Er trägt zerschlissene President Kirkman, den Sutherland zu- Familie, und er scheint allen (und bald
schwarze Cowboystiefel und hält ein Lasso letzt in der Serie »Designated Survivor« auch dem Reporter) überaus dankbar zu
aus Nylon in der Hand. Ansonsten sieht gespielt hat. sein, dass sie es mit ihm aushalten.
er immer noch aus wie Jack Bauer, jener Kiefer Sutherland, vor allem durch sei- Wenn das hier alles ein Spaß wäre, hätte
ebenso übermenschliche wie gebrochene ne Jack-Bauer-Rolle eines der wiederer- Sutherland sich möglicherweise auch et-
Antiterroragent aus der Serie »24«, den kennbarsten Gesichter der Welt, verdiente, was heiterere Musik ausgesucht, doch was
er 15 Jahre lang verkörpert hat und der da er auch Mitproduzent war, sehr viele er vorträgt, ist das, was man vielleicht
zum ersten Actionhelden der Post-9/11- Millionen mit der Serie, er war für einige Gothic Country nennen könnte, düstere
Ära wurde. Jahre der höchstbezahlte Fernsehschau- Cowboymusik, Sutherlands Vorbilder sind
Sutherland hat seine Assistentin Beth spieler der Geschichte, jetzt ist er 51 Jahre Countryexistenzialisten wie Merle Hag-
angewiesen, zwischen den Bussen hin- alt, er könnte sich in sein Haus in Los An- gard oder Waylon Jennings.
und herzugehen, Beth kennt das schon. geles zurückziehen. Er schreibt alle Songs selbst. Inzwischen
Dann konzentriert sich Sutherland, zielt, »Doch dort«, sagt er, »war ich seit zwei- hat er 25, die ihm gefallen, dafür habe er
wirft die Schlinge des Lassos, lässt sie kurz einhalb Jahren nicht mehr.« aber auch »15 Jahre gebraucht«.
hinter Beth auf den Boden ditschen, sodass Stattdessen hat er sofort nach Ende der Er hat sie überall geschrieben, wo sie
die Schlinge wieder hochspringt und sich Dreharbeiten für »Designated Survivor« ihm einfielen, zum Beispiel bei den Dreh-
von unten um Beths Bein windet. in Toronto seine Band zusammengetrom- arbeiten zur Folter- und Actionserie »24«,
»Vor 25 Jahren, mit Mitte zwanzig«, sagt melt, zwei Tourbusse, in denen man auch ausgerechnet wenn er auf seinen Einsatz
Sutherland und zieht an seiner Zigarette, schlafen kann, gemietet, dazu eine Crew wartete, eine seiner zeitweilig 80 Gitarren
der circa 20. des Tages, »bin ich von Ro- und ist ohne Umweg über sein Zuhause war immer dabei.
deoturnier zu Rodeoturnier gereist, wurde auf Tournee gegangen. Der Nordamerika- Die Lieder sind schlicht, aber haben
immer besser und habe die Dinger irgend- teil der Tour mit 32 Auftritten innerhalb Kraft, und die Geschichten, die er in ihnen
wann auch alle gewonnen.« von sieben Wochen nähert sich jetzt dem erzählt, sagt Sutherland, seien alle tatsäch-
Tatsächlich hatte sich Sutherland nach Ende, es folgen ab kommender Woche lich erlebt, also wahr. »Das ist Zeug aus
einem relativ rasanten Aufstieg zum Star 15 Auftritte in Europa, darunter auch 5 in meinem Leben, es ist der Kram, mit dem
mit den Rebellenfilmen »The Lost Boys«, Deutschland. ich in den letzten Jahrzehnten versucht
»Young Guns« oder »Flatliners« Anfang Geld verdient Sutherland damit nicht. habe klarzukommen.«
der Neunzigerjahre eine Ranch in Monta- Er sagt, immerhin zahle er inzwischen Wenn das stimmt, hat Kiefer Sutherland
na gekauft, wo er sich bald mit der Frage nicht mehr oder zumindest kaum noch ein hartes Leben. Denn die Lieder handeln
konfrontiert sah, was man dort eigentlich drauf. In den USA spielt er tapfer in klei- von den großen Countrythemen, von der
im Sommer macht, wenn die Skisaison nen Klubs, meist in kleinen Städten vor Frau, die weg ist (»Truth in Your Eyes«),
vorbei ist. So kam er zum Rodeo, der Cow- einigen Hundert Menschen, sein bisher und der Flasche Whiskey, die nicht reicht,
boykultur und der Countrymusik. einziges Album, erschienen 2016, hat es über den Verlust hinwegzukommen (»Not
Das Lasso zu werfen ist für ihn bis heute in keine Hitparade geschafft. Enough Whiskey«); es geht um die Bar
wie eine Meditation. Er sagt, es helfe Sutherland schläft mit den anderen im und die Nacht als Fixpunkt des Lebens
ihm gegen die Nervosität. Ein Cowboy Bus, sie fahren meist über Nacht nach dem (»Can’t Stay Away«) und die Hoffnung,
auf einem Asphaltparkplatz. Auftritt, nicht immer gibt es eine Dusche das damit verbundene Leben vielleicht
In zwei Stunden wird er hier in dem und nur selten ein Hotel. Heute ist die Ab- doch irgendwann hinter sich lassen zu kön-
Klub, zu dessen Backstage der Parkplatz fahrtszeit für 1.30 Uhr angesetzt, niemand nen (»Going Home«).
gehört, mit seiner Countryband auftreten. weiß genau, wohin es geht, ein Kaff im Bun- Wer es in den vergangenen Jahrzehnten
Der Klub heißt The Stone Pony, er ist einer desstaat New York, aber Sutherland behält in der Boulevardpresse oder im Internet ver-
der berühmtesten Rockklubs Amerikas. sich vor, den Plan noch einmal umzuwerfen. folgt hat, kann die Schauergeschichten, die
Im Pony, gleich an der Strandprome- Vielleicht bekommt er nach seinem Auftritt Sutherland erzählt, tatsächlich mit den kur-
nade in diesem leicht runtergekommenen so gegen Mitternacht plötzlich Lust, noch sierenden Realitätsfetzen in Einklang brin-
Vergnügungsküstenort knapp zwei Stun- eine Flasche Scotch zu trinken und auszu- gen. Immer mal wieder war von Verhaftun-
den südlich von New York, hat Bruce gehen, dann muss der Bus warten. gen zu lesen, meistens wegen Trunkenheit
Springsteen seine Karriere begonnen. Ein teures Hobby eines Multimillionärs am Steuer, manchmal auch wegen einer
Hier in Asbury Park findet sich auch (ne- also, der seine Musik unter die Menschen Schlägerei. Vor zehn Jahren musste Suther-
ben den Intellektuellen natürlich) die ty- bringt, weil er es eben kann? Das ist die land sogar mal für 48 Tage ins Gefängnis.
pische Springsteen-Klientel, weiße Mittel- Arbeitshypothese, mit der man als Repor- Seine Unterarme sind voll mit Tätowie-
und Unterschicht, die Budweiser trinkt, ter auftaucht. rungen – was ja bei jungen Musikern wie

DER SPIEGEL Nr. 23 / 2. 6. 2018 107


diesem Abend auch spielen
wird.
Fast ein ganzes Jahrzehnt
lang hat Sutherland jedes Jahr
zehn Monate an »24« gedreht.
Die Crew wurde seine Familie,
und zwar eine, die er besser zu
handhaben können schien als
seine biologische. Er schwärmt
davon, wie sich die Leute auf
dem »24«-Set kennengelernt
und verliebt haben, Eltern
wurden, die Rede ist von ins-
gesamt 35 Kindern.
Zak, heute sein Bühnen-
manager auf dieser Tour, kann-
te er schon als fünfjährigen
Jungen, er ist der Sohn eines

DEVIN YALKIN / DER SPIEGEL


»24«-Regisseurs. Und während
Sutherland davon erzählt, wird
klar, warum er diese Tournee
trotz aller Strapazen so liebt:
Das hier ist auch seine kleine
fahrende Familie, alle sind ge-
Musiker Sutherland: »Schauspieler, die Musik machen – fuck that« zwungen, stets zusammen zu
sein und es miteinander aus-
zuhalten.
Justin Bieber oder braven Fußballern wie machen, er wollte für seine Tochter da sein, Sutherland gibt sich große Mühe, aus-
Toni Kroos völlig normal ist, aber bei Män- sorgte sich aber, sie überhaupt ernähren gesprochen nett und höflich zu sein, und
nern über fünfzig doch immer noch ein zu können. »Ich hatte mit Angststörungen bedankt sich unaufhörlich bei allen und
bisschen gefährlich aussieht, weil man zu kämpfen. Das Baby brauchte Essen, die jedem. Man würde gern wissen, von wel-
ahnt, dass diese Tätowierungen tatsächlich Rechnungen kamen immer weiter, und ich chen Therapeuten er das hat.
mal etwas bedeutet haben. wusste nicht, ob ich eine nächste Filmrolle Um 22 Uhr geht Sutherland auf die Büh-
Die ersten Auftritte vor ein paar Jahren bekam. Mit der Angst kam die Unsicher- ne. Er trägt einen cremefarbenen Stetson,
mit diesen persönlichen Liedern waren heit, und Unsicherheit kann dazu führen, die Cowboystiefel hat er gegen beigefar-
Furcht einflößend für Sutherland. Er hatte dass man ziemlich dumme Sachen macht.« bene Cowboy-Ausgehschuhe aus Schlan-
geglaubt, dass 30 Jahre Erfahrung als Gerade als er sich mit einem Leben als genleder getauscht, seine Gibson-Gitarre
Schauspieler ihm auf der Bühne helfen wür- Rodeochampion abgefunden hatte (es war an einem Cowboygurt umgehängt, ein
den. »Doch das war absolut nicht der Fall. die Zeit, als es losging, dass man damit Glas mit J&B Scotch in der Hand. Er findet
30 Jahre lang habe ich versucht, meine Pri- richtig Geld verdienen konnte), kam das es immer noch erstaunlich, dass 700 Men-
vatsphäre zu schützen, und nun serviere Angebot für die Jack-Bauer-Rolle. Suther- schen kommen, um seine Songs, die die
ich mein Seelenleben freiwillig.« Aber land redet erstaunlich gern über »24«. meisten nicht kennen, anzuhören. Er be-
nach einer Weile stellte sich der typische Eigentlich hätte man vermutet, dass zu die- dankt sich bei ihnen, sagt, wie viel es ihm
Anonyme-Alkoholiker-Effekt ein, wo man ser Serie und seinem Helden alles gesagt, bedeute, und erstaunlicherweise glaubt
mit Fremden im Kreis sitzt, ungeschützt geschrieben, analysiert und gefragt wor- man ihm das. Es ist spät, und es ist das lan-
seine Schwächen preisgibt und sich danach den ist. Allein über die von Jack Bauer ge Memorial Day Weekend, viele im Publi-
besser fühlt oder das zumindest glaubt. häufig angewendete Folter gibt es ganze kum sind schon angenehm angetrunken,
Kiefer Sutherland ist der Sohn des Essaysammlungen, man findet Analysen und doch herrscht eine merkwürdig ge-
großen Schauspielers Donald Sutherland, darüber, was dieser von Sutherland ver- spannte und konzentrierte Stimmung. Das
eines Übervaters, der Kiefer, dessen Zwil- körperte Held mit seinen Abgründen uns Publikum hört den Geschichten von Kiefer
lingsschwester und die Mutter für eine Af- über die Ambivalenz unserer von Terro- Sutherland zu, die von ihm handeln und
färe mit Jane Fonda verließ, als Kiefer vier rismus geprägten Zeit erzählt. nie schmeichelhaft sind. Vor dem Stück
war. Von da an sah er den Vater nur zu Die These von »24« lautete: Es ist un- »Can’t Stay Away« erzählt er von seiner
Weihnachten. Erst mit 18, als er selbst möglich, in den modernen Kriegen un- Tochter. Lange hätten immer alle gerätselt,
schon Schauspieler war, hat er sich die Fil- schuldig zu bleiben, und der Preis, den von welcher Ex-Frau das Stück handle,
me seines Vaters angesehen, sechs hinter- wir mit unserer individuellen oder kol- von der Kiefer sich nicht fernhalten könne.
einander – »M.A.S.H.«, »Wenn die Gon- lektiven psychischen Hygiene bezahlen, Und dann eines Abends sagte seine Toch-
deln Trauer tragen«, »Klute«, »Das dre- ist immens. Im Kleinen ist das auch Su- ter zu ihm, das sei doch gar keine Frau,
ckige Dutzend«, »Fellinis Casanova« und therlands Countryblick auf die Welt. Du um die es da gehe, sondern »die blöde Bar
Bertoluccis »1900«. kommst nicht durchs Leben, zumindest da vorn an der Ecke«.
»Danach bist du völlig fertig, aber na- nicht durch ein erfülltes, ohne dich zu be- Nach dem Konzert, nach Mitternacht,
türlich war ich extrem beeindruckt. Ich schmutzen. Du wirst Menschen verletzen sitzt Sutherland draußen auf einer Terrasse
rief meinen Vater an und weinte. Ich ent- (wenn auch nicht foltern wie Bauer), und im Backstagebereich. Er hat die J&B-Fla-
schuldigte mich, dass ich mir seine Filme am Ende wird dir selbst die Flasche nicht sche in der Hand und gießt sich und allen
nie angeguckt hatte.« mehr helfen können, wie Merle Haggard anderen den Scotch in Plastikbecher.
Mit 21 wurde Kiefer Sutherland selbst es in »The Bottle Let Me Down« beschrie- Am Nachmittag hatte ich ihn gefragt,
Vater einer Tochter. Er wollte es besser ben hat, einem Song, den Sutherland an weil es ja in manchen Liedern um die

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Macht des Alkohols geht, ob er ein »drin-
king problem« habe, wie man hier sagt.
Aus ärztlicher Sicht habe er mit Sicher- Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control);
heit »a hell of a drinking problem«, hatte nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
er geantwortet. »Aber ich bin noch nie zu
spät zur Arbeit gekommen, ich habe 204 Belletristik Sachbuch
Folgen von ›24‹ gedreht, rund 100 Filme,
2 Platten aufgenommen und bisher so was 1 (1) Frank Schätzing 1 (2) Bas Kast Der Ernährungskompass
wie 357 Konzerte gegeben. Ich mag es, mir Die Tyrannei des Schmetterlings C. Bertelsmann; 20 Euro
einen Drink zu genehmigen. Und ich ent- Kiepenheuer & Witsch; 26 Euro
schuldige mich nicht dafür, solange ich kei- 2 (1) Richard David Precht
nen Scheiß dabei baue.« 2 (–) Donna Leon Jäger, Hirten, Kritiker Goldmann; 20 Euro
Scheiß wird er in dieser Nacht keinen Heimliche Versuchung
bauen, doch Teile seiner Crew, vor allem Diogenes; 24 Euro 3 (4) Otto Waalkes
jene, die für die Organisation zuständig Kleinhirn an alle Heyne; 22 Euro
Das Arbeitspensum von
sind, beäugen ihn und den Fortschritt, den Commissario Brunetti
4 (5) Peter Hahne Schluss mit euren
er mit der J&B-Flasche macht, ängstlich. nähert sich langsam dem
eines echten Ermittlers: ewigen Mogelpackungen! Lübbe; 10 Euro
Sie sehen ihre Abfahrtszeit um 1.30 Uhr Er löst in diesem Roman
davonschwimmen. Alarmiert hören sie, seinen 27. Fall – seit 1993 5 (3) Jan Frodeno Eine Frage
wie Sutherland sich schon nach einer Bow- der Leidenschaft Ariston; 20 Euro
lingbahn erkundigt, die noch aufhaben 3 (2) Volker Klüpfel / Michael Kobr
soll. Unauffällig räumen sie schon mal den Kluftinger Ullstein; 22 Euro 6 (9) Gerald Hüther
einen oder anderen Plastikbecher mit J&B 4 (3) Maja Lunde Würde
weg, wenn gerade niemand guckt. Die Geschichte der Bienen btb; 20 Euro
Knaus; 20 Euro
Sutherlands bester Freund aus seiner Die Unantastbarkeit der
Schulzeit in Kanada ist mit seiner Frau ge- 5 (8) Maxim Leo / Jochen Gutsch Es ist Würde steht im ersten
kommen und hat drei weitere befreundete nur eine Phase, Hase Ullstein; 12 Euro Artikel des Grundgesetzes;
Ehepaare mitgebracht, mittelalte, wohl- der Neurobiologe be-
6 (4) Jojo Moyes Mein Herz trachtet sie als inneren
habende Männer, Herzchirurgen und An- in zwei Welten Wunderlich; 22,95 Euro Kompass
wälte im Freizeitlook, Mokassins, bunte
Shorts, lachsfarbene Polohemden, dazu 7 (7) Paluten / Klaas Kern Freedom. 7 (6) James Comey
hochgetunte Ehefrauen. Sie passen hier in Die Schmahamas-Verschwörung Größer als das Amt Droemer; 19,99 Euro
dieses Countrysetting überhaupt nicht Community Editions; 12 Euro
rein, aber Sutherland, der Familienmensch 8 (7) Manfred Lütz
(solange es nicht die eigene Familie ist), in- 8 (5) Ferdinand von Schirach Der Skandal der Skandale Herder; 22 Euro

tegriert jeden und redet mit der noch so Strafe Luchterhand; 18 Euro
9 (11) Peter Wohlleben Das geheime
langweiligen Ehefrau vom Freund des 9 (11) Daniel Kehlmann Leben der Bäume Ludwig; 19,99 Euro
Freundes über die Schule der Kinder. Tyll Rowohlt; 22,95 Euro
Er sei mit sich im Reinen, sagt er dann 10 (15) Michael Wolff
und gießt mir J&B in meinen Plastikbe- 10 (9) Maja Lunde Feuer und Zorn Rowohlt; 19,95 Euro
cher: »Das Schöne an meinem Alter ist: Die Geschichte des Wassers btb; 20 Euro
Während man sich natürlich immer weiter 11 (–) Georg Schmidt Die Reiter
11 (6) Martin Walker der Apokalypse C. H. Beck; 32 Euro
evaluiert, wird es bei einem doch keine
Revanche Diogenes; 24 Euro
großen charakterlichen Veränderungen 12 (16) Yuval Noah Harari
mehr geben, man akzeptiert, wer man ist.« 12 (12) Mariana Leky Was man von hier Homo Deus C. H. Beck; 24,95 Euro
Er blickt sich um auf der Terrasse im aus sehen kann DuMont; 20 Euro
Backstagebereich. Hinten auf dem Park- 13 (8) Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt
platz sieht man die Tourbusse in der 13 (10) Laetitia Colombani Mit den Händen sehen Insel; 22,95 Euro
Dunkelheit rangieren. Etwa 20 Leute sind Der Zopf S. Fischer; 20 Euro

noch da. Sein alter Freund mit den be- 14 (10) Hamed Abdel-Samad
14 (13) Bernhard Schlink
freundeten Ehepaaren scheidet aus, die Integration Droemer; 19,99 Euro
Olga Diogenes; 24 Euro
müssen nach Hause. Seine Band – zu
15 (–) Per Mertesacker
müde vom Abend vorher. Der Sänger des 15 (14) Haruki Murakami Die Ermordung des
Commendatore Band II Weltmeister ohne Talent Ullstein; 20 Euro
Support-Act hat sogar jetzt noch Mühe, DuMont; 26 Euro
die Stripperinnen loszuwerden, die er am 16 (–) Herfried Münkler Der Dreißigjährige
Abend vorher alle überschwänglich zum 16 (17) Marc-Uwe Kling
QualityLand Ullstein; 18 Euro
Krieg Rowohlt; 39,95 Euro
Konzert eingeladen hatte. Nein, es hat kei-
nen Sinn. Die Busse rangieren demonstra- 17 (16) Lucinda Riley 17 (17) Elke Heidenreich
tiv wild blinkend vom Parkplatz auf die Die Perlenschwester Goldmann; 19,99 Euro Alles fließt Corso; 24,90 Euro
Straße. Es ist 1.40 Uhr.
»Hey«, ruft Sutherland, noch bevor er 18 (19) Elena Ferrante Die Geschichte 18 (–) Navid Kermani
zur Erleichterung aller in seinen Bus steigt: des verlorenen Kindes Suhrkamp; 25 Euro Entlang den Gräben C. H. Beck; 24,95 Euro

»Ich weiß, was Sie denken: Schauspieler, 19 (18) Ranga Yogeshwar Nächste Ausfahrt
19 (20) Nina George Die Schönheit
die Musik machen – fuck that.« der Nacht Knaur; 18,99 Euro Zukunft Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
Habe er immer genauso gesehen.
Twitter: @oehmke 20 (18) Éric Vuillard 20 (12) Wolfram Eilenberger
Die Tagesordnung Matthes & Seitz; 18 Euro Zeit der Zauberer Klett-Cotta; 25 Euro

109
Kultur

»Ein Schlag ins Gesicht


eines jeden linksliberalen
Bürgers«
SPIEGEL -Gespräch Der Schauspieler Edgar Selge feiert am Theater große
Erfolge mit Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung«.
Nun kommt das Stück ins Fernsehen. Eine Begegnung in Berlin.

D
as Delphi-Kino in Berlin ist an SPIEGEL: Herr Selge, die Figur François mäßigtes islamisches Regime etabliert. Fran-
diesem Abend im Mai bis auf den aus Michel Houellebecqs Roman »Unter- çois, der an der Sorbonne Literatur unter-
letzten Platz gefüllt. Auf der gro- werfung« entwickelt sich zur zentralen richtet, überlegt, sich damit zu arrangieren,
ßen Leinwand wird ein einziges Rolle Ihrer späten Karriere. Die Theater- weil ihm das Regime Vorteile sichert: Geld,
Mal der Fernsehfilm »Unterwerfung« öf- inszenierung haben Sie mehr als 60-mal Frauen. Ist der Text für Sie eine Satire?
fentlich aufgeführt. Als der Schauspieler gespielt, nun wurde »Unterwerfung« mit Selge: Nein, Houellebecq betreibt ein an-
Edgar Selge nachher auf die Bühne gebe- Ihnen in der Hauptrolle für das Fernsehen spruchsvolleres Spiel. François ist eine sehr
ten wird, schallt ihm stürmischer Applaus verfilmt. Mögen Sie François eigentlich? menschliche Figur, daher auch die große
entgegen. Selge: Sympathisch, unsympathisch, so be- Bereitschaft des Publikums, sich auf ihn
Selge kennt das schon. Nach jeder trachte ich meine Rollen nicht. Ich suche einzulassen. Er ist ambivalent und zerris-
Vorstellung des gleichnamigen Theater- keine Identifikation. Mir geht es darum, sen. Erst mal beobachtet er die politischen
stücks am Hamburger Schauspielhaus parabelhafte Situationen durchzuspielen. Entwicklungen von außen, er springt nicht
ist es das Gleiche: Die Zuschauer jubeln »Unterwerfung« bietet da einigen Stoff, es sofort auf den Zug auf. Er bemerkt den Zer-
und trampeln. Selge trägt an diesem geht um eine Gesellschaft in der Krise, um fall seiner eigenen Person, seiner Identität
Abend eine karierte Hose, ein Jackett, ein Desinteresse an Demokratie, um die und spürt seine Bedürftigkeit nach Aner-
und wie er da oben auf der Bühne steht, Frage nach dem Umgang mit dem eigenen kennung. Er wartet darauf, begehrt zu wer-
könnte er auch François sein, der franzö- Opportunismus. den, als Mann und als Intellektueller. Es
sische Hochschullehrer aus Houellebecqs SPIEGEL: Als Zuschauer hat man den Ein- dauert lange in dem Stück, bis er die Frage
Roman. druck, Sie fühlen sich in dieser Rolle be- stellt: Denken Sie, dass ich jemand bin, der
Die Grenzen zwischen Rolle und sonders wohl. zum Islam konvertieren könnte? Des-
Schauspieler sind unscharf. Dazu trägt Selge: Ich kann mich in der Rolle spiele- wegen ist Houellebecq ein großer Autor,
der Eindruck bei, den der Fernsehfilm risch sehr gut loslassen, das merken die weil seine Figuren keine Kopfgeburten
(»Unterwerfung«, am 6. Juni in der ARD) Zuschauer. Das hat etwas mit meinem Ver- sind, sondern körperlich erlebbar werden.
hinterlässt. Selge begegnet einem darin hältnis zum Autor Michel Houellebecq zu SPIEGEL: Sehen Sie »Unterwerfung« als
auf drei Handlungsebenen: als Edgar tun. Wenn ich ein Buch von ihm aufschla- einen islamfeindlichen Text?
Selge, der auf dem Weg ins Theater ist ge, dann fühle ich mich für die Zeit, wäh- Selge: Es ist ein entlarvender Text. Fran-
und sich auf seinen Auftritt vorbereitet, rend ich ihn lese, entlastet und entspannt. çois’ Ansichten schlagen zunächst mal je-
als Schauspieler, der sich in François ver- Es geht mir gut. Houellebecq beschreibt dem linksliberalen Bürger ins Gesicht. Und
wandelt, und als Filmcharakter François, sich ja selbst als Autor der totalen Erschlaf- weil Houellebecq sich nicht eindeutig zu
der in Paris lebt und in seinem Apparte- fung; der Begriff ist von ihm, es ist ein gro- seinen Texten äußert, lässt er seine Leser
ment mit Blick über die Stadt seine ßes Bekenntnis zu seiner eigenen Müdig- und Zuschauer mit seinen Provokationen
Geliebte empfängt. Der Film von Titus keit. Wenn ich Romane von ihm lese, mer- allein. Warum sind wir so schwach darin,
Selge (einem Neffen Edgar Selges) blendet ke ich, wie sehr ich mich in meinem Leben unsere Werte und unsere Religion zu ver-
zwischen den verschiedenen Ebenen hin anstrenge. Was ich mir für Mühe gebe und teidigen? Wie patriarchalisch ist unsere Ge-
und her. unter welchen Druck ich mich stelle. Auch sellschaft trotz 50 Jahren Gleichberechti-
Zum Gespräch am nächsten Tag er- hier, jetzt, in unserem Gespräch. Wir ha- gung immer noch? Houellebecq entzieht
scheint ein Mann, der ganz er selbst ist. ben knapp 90 Minuten, ich versuche, so sich der schnellen Einvernahme, das ver-
Vormittags hatte er eine kleine Familien- viel wie möglich von meinen Überzeugun- schafft ihm als Autor riesige Freiheit.
feier, nun beantwortet er konzentriert und gen loszuwerden, es tickt eine Uhr, das ist SPIEGEL: Sind Sie ihm mal begegnet?
freundlich alle Fragen. Im März ist Selge anstrengend. Ein Text von Houellebecq Selge: Bisher nicht. Ich spreche kein Fran-
70 geworden, er wirkt alterslos. Wie je- nimmt mir diesen Druck. Das ist seine zösisch, ich rauche nicht, ich trinke nicht.
mand, der neugierig geblieben ist und sich Qualität. SPIEGEL: Sie meinen, Sie bringen nicht
gern auf etwas einlässt. SPIEGEL: »Unterwerfung« spielt im Jahr die richtigen Voraussetzungen mit?
2022 und erzählt, wie in Frankreich ein Selge: Ich glaube, er ist ein großer Selbst-
Das Gespräch führte die Redakteurin Claudia Voigt. Muslim neuer Präsident wird und ein ge- darsteller, und ich bin auch ein Selbstdar-

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ten. Er zeigt dann die ersten Szenen der
Aufführung und springt im weiteren Ver-
lauf zwischen Theater- und Filmszenen
hin und her. Das ist ein ungewöhnliches
ästhetisches Konzept.
Selge: Während ich im Theater einen
Monolog spiele, habe ich im Film Partner,
dadurch entstehen ganz neue Situationen.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Am besten
funktioniert das für mich in der Auseinan-
dersetzung mit Rediger, dem islamischen
Direktor der Sorbonne. Matthias Brandt
spielt diese Figur überragend gut, er zeigt
eine gewalttätige Verführungskunst in
dieser Rolle. Im Film sieht man einen
François, der als Opfer dieser Verführungs-
kunst ein beschämendes Bild abliefert. Auf
der Bühne war das nicht so klar zu erken-
nen. Wenn ich alle Figuren allein spiele,
kann ich immer nur eine zurzeit spielen.
In den Szenen mit Matthias Brandt ver-
wandle ich mich dagegen in einen Zuhö-
renden und Empfindenden, dabei entsteht
etwas, über das ich nicht nachdenke. Da
spiele ich einfach mit, setze mich der Fan-
tasie meines Partners aus und entdecke
einen anderen Bereich der Figur.
SPIEGEL: Als die Verfilmung vor einigen
Tagen in einem Berliner Kino aufgeführt
wurde, haben Sie nachher auf der Bühne
gesagt, für Sie sei die zentrale Frage des Tex-
tes: Was ist uns unsere Kult