Вы находитесь на странице: 1из 70

МИНИСТЕРСТВО ПРОСВЕЩЕНИЯ ПМР

ПРИДНЕСТРОВСКИЙ ГОСУДАРСТВЕННЫЙ УНИВЕРСИТЕТ


им. Т. Г. ШЕВЧЕНКО
Рыбницкий филиал
Кафедра иностранных языков

Theoretische Grammatik der deutschen Sprache

Учебное пособие для студентов III курса специальности


«Иностранный язык с дополнительной специальностью
«Иностранный язык»

Рыбница 2007
УДК 803.0
ББК 81.2 Нем

Конспект лекций по теоретической грамматике немецкого языка: Учебное пособие/Сост. Руссу А. Н. –


Рыбница, 2007. – 51 с.

Учебное пособие по курсу «Теоретическая грамматика немецкого языка» представляет


собой конспект лекций в соответствии с рабочей программой по данной дисциплине. В пособии в
краткой форме изложены основные положения грамматического строя современного немецкого
языка. Пособие основано на традиционной грамматике, а также знакомит с актуальными
нетрадиционными концепциями немецких и российских лингвистов.

Рецензенты:

зав. кафедрой нем. филологии ПГУ им. Т.Г. Шевченко ст. преподаватель Малаш Е.В.
ст. преподаватель кафедры иностранных языков Мартынюк Т. П.

Рекомендовано к изданию НМС ПГУ им Т. Г. Шевченко в 2007 году

© Руссу А. Н., составление, 2007

2
Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Grammatischer Bau der Sprache. Theoretische Grammatik als Zweig der
Sprachwissenschaft................................................................................................................5
Vorlesung 1. Grundbegriffe des deutschen morphologischen Systems.......................7
1. Zum Problem der Definition von Termini „Wort“, „Form des Wortes“, „Morphem“
und „Allomorph“................................................................................................................7
2. Klassifikationen der Morpheme.....................................................................................8
3. Grammatische Formen und grammatische Bedeutungen. Grammatische Kategorien. .9
4. Mittel der Bildung von grammatischen Formen des Wortes........................................10
5. Begriff des Paradigmas................................................................................................12
Vorlesung 2. Theorie der Wortarten................................................................................14
1. Begriff der Wortart. Die Einteilungsprinzipien............................................................14
2. Streitfragen der Wortartentheorie.................................................................................16
Vorlesung 3. Das Verb I. Allgemeine Charakteristik des deutschen Verbs..................19
1. Allgemeines..................................................................................................................19
2. Arten von verbalen Wortformen im Deutschen. Morphologische Klassen deutscher
Verben..............................................................................................................................19
3. Strukturell-semantische Subklassen von Verben.........................................................20
Vorlesung 4. Das Verb II. Die Kategorie der Zeit..........................................................23
1. Allgemeines über den Gebrauch der Zeitformen des Indikativs.................................23
2. Gebrauch des Präsens...................................................................................................24
3. Die Zukunftstempora...................................................................................................26
4. Das Präteritum..............................................................................................................27
4. Das Perfekt...................................................................................................................29
5. Das Plusquamperfekt...................................................................................................30
6. Mittel der Bildung des Temporalfeldes........................................................................31
Vorlesung 5. Das Verb III. Kategorie des Modus...........................................................33
1. Allgemeines..................................................................................................................33
2. Der heischende Konjunktiv Präsens.............................................................................34
3. Der Konjunktiv II als Ausdrucksform irrealen Geschehens........................................35
4. Der Konjunktiv der berichteten Rede...........................................................................37
5. Mittel der Bildung des Modalfeldes.............................................................................38
Vorlesung 6. Das Verb IV. Die Genera Verbi. Die Infinita.............................................40
1. Aktiv und Passiv...........................................................................................................40
2. Das Problem des Zustandpassivs.................................................................................41
3. Konstruktionen mit den passiven Bedeutungen...........................................................41
4. Die Infinita: der Infinitiv, die Partizipien.................................................................43
Vorlesung 7. Das Substantiv. Das Adjektiv.....................................................................46
1. Das Substantiv. Semantisch-strukturelle Klassen, grammatischen Kategorien des
Substantivs.......................................................................................................................46
2. Die Kasusfunktionen....................................................................................................48
3. Das Adjektiv. Problem der Abgrenzung der Adjektive und der Adverbien.
Semantisch-strukturelle Klassen der Adjektive...............................................................52
3
Vorlesung 8. Der Satz und die Wortgruppe als Einheiten der Syntax........................55
1. Allgemeine Charakteristik des deutschen Satzes.........................................................55
2. Strukturelle Klassifikation der Satze in der traditionellen Syntax.............................57
3. Syntaktische Beziehungen in Sätzen und Wortfügungen.............................................58
4. Aktuelle Gliederung des Satzes....................................................................................59
5. Begriff der Wortgruppe................................................................................................60
6. Die Arten der syntaktischen Verhältnisse in den Wortgefügen. Einteilung der
Wortgefüge.......................................................................................................................61
Vorlesung 9. Der komplexe Satz . Texttheorie................................................................63
1. Der komplexe Satz: Parataxe und Hypotaxe................................................................63
2. Allgemeine Charakteristik des Textes..........................................................................65
3. Textklassifikation.........................................................................................................66
5. Mittel der Satzverflechtung im Text.............................................................................67
Literaturverzeichnis.......................................................................................................69

4
Einleitung: Grammatischer Bau der Sprache. Theoretische Grammatik
als Zweig der Sprachwissenschaft

In der menschlichen Gesellschaft hat die Sprache zwei unlöslich miteinander


verbundene Hauptaufgaben zu erfüllen: sie ermöglicht den Austausch von Mitteilungen
unter den Menschen und bildet die Form, in der das menschliche Denken verläuft. Anders
gesagt, sie vollzieht den Austausch von Gedanken. In der Sprachwissenschaft unterscheidet
man 2 Aspekte des Begriffs «die Sprache»:
1. Sprache als Rede, als kommunikative Tätigkeit, infolge deren der Austausch
von Gedanken verläuft.
2. Sprache als System, die Gesamtheit der Ausdrucksmittel.
Einerseits besitzt jede Sprache einen großen Vorrat an einzelnen Komponenten,
Lautkomplexen etc., welche die betreffenden Dinge, Erscheinungen, Prozesse unmittelbar
und als solche bezeichnen, sie sozusagen benennen. Anderseits steht jeder Sprache eine
beträchtliche Anzahl verschiedenartiger Formen zu Verfügung, die sich an diese
unmittelbar benennenden Lautkomplexe anlehnen, sie modifizieren und in Verbindung
bringen. Der Bestand solcher Formen und die Art ihres Zusammenwirkens mit den
Lautkomplexen haben in jeder Sprache ihre Besonderheiten.
Die Gesamtheit dieser Formen einer Sprache bildet das, was man gewöhnlich als die
Grammatik oder den grammatischen Bau der Sprache bezeichnet. Die andere Bedeutung
des Wortes Grammatik ist die Lehre von dem grammatischen Bau der Sprache. Grammatik
als Lehre hat zwei selbständige, aber aufs engste verbundene Teile: Morphologie und
Syntax. In den letzten Jahrzehnten wird in einigen Grammatikbüchern auch die
Textproblematik diskutiert. Grundlage für die Gliederung der Grammatik in der modernen
Sprachwissenschaft ist die Gegenüberstellung von Wort und Satz als zwei Grundeinheiten
der Sprache und die Behandlung jeder von diesen Einheiten unter dem Gesichtspunkt von
Gestalt, Gehalt und Funktionieren.
Der Gegenstand der Morphologie ist das Wort mit allen seinen grammatischen
Eigenschaften. Der Gegenstand der Syntax sind Wortgruppe und Satz.
Theoretische Grammatik stellt folgende Aufgaben:

5
1. die Einheiten des grammatischen Baus sowie die Regeln ihrer gegenseitigen
Verknüpfung und ihres Funktionierens aufzuzeigen, ihr Wesen zu erkennen und zu
beleuchten;

2. ihre Beziehungen zu den Einheiten anderer Komponenten des Sprachsystems mit in


Betracht zu ziehen;

3. die wichtigsten Konzeptionen kritisch zu besprechen;

4. die Ursachen der wesentlichen Unterschiede in der Darstellung des grammatischen


Baus durch die einzelnen Autoren kritisch und möglichst objektiv zu erklären.

6
Vorlesung 1. Grundbegriffe des deutschen morphologischen Systems

1. Zum Problem der Definition von Termini „Wort“, „Form des Wortes“,
„Morphem“ und „Allomorph“

Mit dem Ausdruck "Wort" wird gemeint:

1. Realisierungsform. Eine konkrete sprachliche Einheit im Textsatz, also die Form, in


der das Wort im Satz auftritt, heißt Form des Wortes oder Formativ. Diese Form ist
einem Lexem zugeordnet. Bei der Bildung der Realisationsformen können zusätzliche
Lexeme beteiligt sein.

2. Das Lexem, lexikalisches Wort. Das ist ein Wort als Einheit des Lexikons oder
Wörterbuches, als Repräsentant aller Realisationsformen (Wortformen), in denen er im
Satz erscheinen kann.

3. Vokabel, semantisches Wort, d.h., Wort als kleinste, relativ selbstständige


bedeutungstragende Einheit. Sie kann aus einem oder mehreren Lexemen bestehen.

Das Morph ist ein Minimalzeichen noch ohne Berücksichtigung seiner Zugehörigkeit
zu einer Klasse (zu einem Morphem), die kleinste Ausdruck- und Inhaltseinheit, in die sich
Äußerungen zerlegen oder segmentieren lassen.

Das Morphem ist eine Klasse oder Menge von Morphen, die denselben Wert bei
identischer oder ähnlicher Ausdrucksseite haben. Abramov geht davon aus, das Morphem,
das eine abstrakte Einheit ist, als konkrete Einheit, Morph genannt, realisiert wird.

Die Allomorphe sind Morphe, die demselben Morphem angehören, sie verhalten sich
zueinander als Realisationsformen ein und desselben Morphems. z.B. das Morphem Arbeit
hat nur ein phonisches Allomorph, dem ein grafisches Allomorph entspricht ([arbaet] =
Arbeit). Im Morphem Rad gibt es 4 verschiedene Allomorphe:

[ra:d] - in der grafischen Form des Rades;

[ra:t] – in der grafischen Form Rad;

7
[rE:d] – in der grafischen Form Räder;

[rЕ:t] – in der grafischen Form Rädchen.

Ihnen entsprechen nur 2 grafische Allomorphe:

1. Rad-;

2. Räd-.

2. Klassifikationen der Morpheme

1. Morpheme werden unter verschiedenen Blickwinkel klassifiziert. Nach dem


funktional-semantischen Prinzip unterscheidet man
- lexikale Morpheme: BUCH-es, SING-en, GUT-er, DORT,
- derivationelle (oder wortbildende) Morpheme: Lehr-LING, Fisch-ER, dort-IG, interess-
IER-t, VOR-stellen
- grammatische (oder Flexions-) Morpheme: BUCH-es, interessier-T, laut-ER usw.
2. Hinsichtlich ihres Vorkommens (auch Selbstständigkeit) gibt es freie und
gebundene Morpheme. Freies Morphem ist Morphem, dessen Allomorphe allein für
sich ohne direkte Bindung an ein anderes Morphem in einem Satz als Wort auftreten
können: Tisch, dort. Gebundenes Morphem ist Morphem, dessen Allomorphe in einem
Satz nicht selbstständig als Wort auftreten können, sondern immer an ein anderes Morphem
gebunden sind: -haft, ver-, be-, -ig, -ung.
3. Nach dem topologischen Prinzip (nach der Stelle) unterscheidet man Wurzel- und
affixale (präfixale und postfixale, flektivische) Morpheme. (Basis-/Grund-) oder
Wurzelmorpheme sind lexikalische Morpheme; alle grammatischen und wortbildenden
Morpheme, die sich an das Basismorphem anschließen, heißen Affixe. Diejenigen, die vor
dem Basismorphem stehen, werden Präfixe genannt. Diejenigen, die auf das
Basismorphem folgen, heißen Postfixe. Diese zerfallen ihrerseits in Suffixe (Lehr-ER,
Löw-IN, Kind-ER, Klub-S) und Flexionen oder Endungen (arbeit-ET, gut-ER, Buch-ES).

8
Ein Präfix und ein Suffix, die zusammenwirkend in einem Wortbildungs- (BE-schön-
IG-en, GE-läut-E) oder einem Formbildungsakt (GE-arbeit-ET, GE-komm-EN) verwendet
werden, werden Konfixe genannt. (Es gibt eine andere Interpretation des Konfixes!)
Eine sprachliche Einheit, die aus einem Wurzelmorphem und mindestens einem
wortbildenden Morphem besteht heißt lexikaler Stamm (heutig, Bruderschaft). Eine
sprachliche Einheit, die aus einem Wurzelmorphem und mindestens einem formbildenden
Morphem besteht, heißt grammatischer Stamm (Kinder, Frauen). Der Stamm ist eine
abstrakte Einheit.

3. Grammatische Formen und grammatische Bedeutungen.


Grammatische Kategorien

Den grammatischen Bau der Sprache untersuchend, hat man mit den grammatischen
Formen und mit den grammatischen Bedeutungen, die in diesen grammatischen Formen
ausgedrüсkt werden, zu tun.
Grammatische Bedeutungen und sie zum Ausdruck bringende grammatische Formen
bilden eine Einheit. Das eine kann in der Sprache ohne das andere nicht existieren.
Grammatische Bedeutungen können nur bei der Analyse der grammatischen Formen
bestimmt werden.
Vergleichen wir verschiedene Formen des Verbs fliegen:
Fliegt – flog - wird fliegen;
Fliege – fliegst - fliegt
Die lexikalische Bedeutung, die durch die Wurzel ausgedrückt ist, bleibt in allen
Formen des Wortes, aber dabei ist dem Wort in jeder Form (je nach der Form) eine
besondere grammatische Bedeutung eigen. Zugrunde der Konjugation des Verbs nach den
Zeitformen liegen die grammatischen Bedeutungen der Gegenwart, der Vergangenheit und
der Zukunft; zugrunde der Konjugation des Verbs nach der Person ― grammatische
Bedeutungen der 1.,2.,3. Person. Der Träger der grammatischen Bedeutung wird Formans
genannt. Im Formativ Kind-er ist dieses Formans das pluralbildende Suffix, im Formativ
Bekannt-er ist es eine maskuline Nominativflexion, im Formativ Lehr-er ist es ein

9
Derivationsuffix mit agentiver Bedeutung. Ein Formans kann zugleich Träger von
mehreren grammatischen Bedeutungen sein, z. B. : -es drückt die Bedeutungen des
Genitivs und des Singulars aus; -st trägt am Verb die Bedeutungen der 2. Person und des
Singulars.
Als grammatische Kategorien werden Gesamtheiten von Wortformen gleicher Art
angesehen. Deshalb nennt man die Gesamtheit der Kasusformen die Kategorie des Kasus
und die Gesamtheit der Tempusformen die Kategorie des Tempus. Von einer
grammatischen Kategorie kann nur dann gesprochen werden, wenn mindestens zwei
Wortformen gleicher Art einander gegenüberstehen. Notwendig und ausreichend ist dabei,
dass sie sich in Bedeutung und normalerweise in Form unterscheiden. Als Beispiel für
einen solchen Grenzfall kann die Kategorie des Numerus dienen. Diese Kategorie basiert
auf der Gegenüberstellung der Singularform und der Pluralform als Träger der Bedeutung
der Einzahl bzw. der Mehrzahl: Kind – Kinder; Tisch – Tische; Frau – Frauen. Das erste
Glied jedes Paars heisst unmarkiert, weil es kein Formans besitzt, das andere Glied heisst
markiert, weil es den Plural anzeigendes Formans aufweist. Als grammatische Kategorien
kann man Wortarten, Sätze, Satzglieder, verschiedene Arten und Type der Sätze nennen.
Zum anderen Typ grammatischer Kategorien gehören Kategorien der Zeit, des Modus, des
Geschlechts, des Kasus usw.

4. Mittel der Bildung von grammatischen Formen des Wortes

Die grammatischen Formen eines Wortes können syntetisch (einfach) und analytisch
(zusammengesetzt) sein. Es hängt davon ab, durch welche sprachlichen Mittel die Form
des Wortes gebildet wird.
I. Die synthetischen Formen können gebildet werden durch
äussere Mittel:
- Suffixe (Nachsilben). Sie bilden Pluralformen der Substantive; Komparationsstufen von
Adjektiven und Adverbien; Präteritum der schwachen Verben, den Konjunktiv; das Partizip
I, II ; den Infinitiv;

10
- Präfixe (Vorsilben). Nur das Präfix ge in Partizip II hat grammatische Bedeutung. Die
anderen Präfixe verändern Semantik des Wortes;
- Endungen. Sie dienen zur Bildung von Kasus- und Personalformen: des Lehrers, ich
lebe.
Innere Mittel (innere Flexion)
- der Umlaut, d.h.der Übergang der Vokale a, o, u in ä, ö, ü und des Diphtongs au in äu bei
der Bildung der Pluralformen der Substantive; der Komparationsstufen, des Präteritums
Konjunktiv, der 2. Und 3. Person Singular im Präsens Indikativ von starken Verben.
- die Brechung (Tonerhöhung), d.h. der Übergang des Vokals e in i bei der Bildung der 2.
Und 3. Person Singular Präsens Indikativ und der Singularform des Imperativs der meisten
starken Verben mit dem Stammvokal e.
- der Ablaut, d.h. der Vokalwechsel in verschiedenen Varianten, kennzeichnend für das
System der starken Verben.
Bei der Formenbildung ein und desselben Wortes treten meist die äußeren und inneren
Mittel nicht getrennt, sondern zusammen auf: Gast – Gäste du gibst
II. Die analytischen grammatischen Formen verändern den morphologischen Bau des
Wortes selbst nicht. Die neue Wortform entsteht durch Verbindung zweier und mehr
Wörter, von denen nur eines semantisch vollwertig ist. Das andere Wort (bzw. die anderen
Wörter ) tritt als grammatisches Hilfsmittel auf.
Die analytischen Mittel der Formenbildung sind:
- die Hilfsverben haben, sein, werden.
- der Artikel. Er dient zur Bildung von Plural- und Kasusformen der Substantive.
- die grammatischen Partikeln am und aufs. Sie dienen zur Bildung des Superlativs der
Adjektive (am kürzesten) und der Adverbien ( am, aufs: Man empfingt ihn aufs beste).
III. Im Deutschen gibt es auch sog. suppletive Formen. Von der Suppletivität spricht
man in den Fällen, wenn die grammatischen Formen eines Wortes von verschiedenen
Wurzeln gebildet werden. Suppletive Formen kommen im System der Personalpronomen
(ich – mir; wir – uns; ihr – euch) vor, beim Verb sein ( ich bin; wir sind; ich war); in den
Steigerungsstufen einiger Adjektive und Adverbien (gut – besser – der beste; viel – mehr –
am meisten).

11
Die Grundmorpheme in einigen anderen Paradigmen unterscheiden sich lautlich nur
zum Teil:
Geh-en – ging; steh-en – stand; tun – tat; leid-en – litt; hoch – höh-er.
Der lautliche Unterschied ist hier historisch gewöhnlich als Folge phonetischer
Prozesse entstanden.

5. Begriff des Paradigmas

Unter Paradigma einer Wortart versteht man die Gesamtheit der Wortformen, die den
Wörtern der betreffenden Wortart eigen sind.
Das Paradigma hat einen systemhaften Charakter. Man unterscheidet
Makroparadigmen und Mikroparadigmen, die die Teile der Makroparadigmen sind. Man
spricht von den Makroparadigmen des Substantivs, des Verbs usw.
z.B. das Makroparadigma des Verbs besteht aus 2 Mikroparadigmen – das der Verben
Finita und das der Verben Unfinita. Diese Mikroparadigmen werden weiter
wiedereingeteilt – z.B. Paradigmen des Verbs Finita – Genus, Modus, Tempus, Zahl,
Person.
Paradigmatik in der Grammatik bildet man mit Hilfe der Korrelationen und
Oppositionen. Unter Korrelation von Wortformen verstehen wir die
Zusammengehörigkeit von Wortformen, die auf Grund einer oder mehrer grammatischer
Bedeutungen vereint und zugleich einander gegenübergestellt werden.
Alle Wortformen im Paradigma sind aufeinander abgestimmt und erscheinen als
Gegenglieder einer Korrelationsreihe. So stehen z.B. einander als Gegenglieder
gegenüber:
Ich rufe – du rufst – er ruft
Ich rufe – wir rufen
Ich rufe – ich rief
Ich rufe – ich werde gerufen
Die in solchen Reihen zusammengestellten Wortformen sind korrelierende Formen.
Ihre Zusammenstellung ist möglich, weil ihnen eine oder mehrere grammatische

12
Bedeutungen gemeinsam sind und weil sie zugleich im Rahmen einer dieser
grammatischen Bedeutungen einander gegenüberstehen, d.h. eine Opposition bilden. Im
Beispiel ich rufe – du rufst – er ruft sind die Wortformen dadurch vereint, dass sie alle a)
finite Formen (Personalformen); b) Formen des Präsens; c) Formen des Singulars sind; im
Rahmen der ersten grammatischen Bedeutung aber, als Personalformen sind sie einander
gegenübergestellt als Formen 1.,2.,3. Person.
Unter Opposition also verstehen wir die antonymische Beziehung der Gegenglieder
im Rahmen einer grammatischen Bedeutung, die die korrelierenden Wortformen
unterscheiden lässt.

13
Vorlesung 2. Theorie der Wortarten

1. Begriff der Wortart. Die Einteilungsprinzipien

Die Kategorie der Wortart ist ein grundlegender Begriff für die gesamte Grammatik.
Sie ordnet den Wortschatz in Wortklassen und ermöglicht somit die Beschreibung seines
Funktionierens beim Sprechen. Wortarten sind Wortklassen, die aus dem Wortschatz der
betreffenden Sprache nach bestimmten Prinzipien und Merkmalen ausgegliedert werden.
Das sind folgende Merkmale: semantische Bedeutung; morphologische Prägung der
Wortart; syntaktischer Wert der Wortart;
Die Einteilung des Wortschatzes in Wortklassen stellt ein Problem dar, über dessen
Lösung seit vielen Jahrhunderten diskutiert wird. Die Zahl der Wortklassen schwankt für
das Deutsche zwischen 4 und 14. Am häufigsten werden 9-10 Wortklassen erwähnt. Da
Wörter solche Objekte sind, die Bedeutung, Funktion und Form besitzen, können sie unter
drei verschiedenen Blickwinkeln klassifiziert werden. Es gibt deshalb Vorschläge,
entweder semantisches oder morphologisches oder syntaktisches oder komplexes Prinzip
zu benutzen.
a) das semantische Prinzip
Es existiert in mehreren Versionen. Nach einer Version wird die Art berücksichtigt,
wie die Realität widergespiegelt und ausgedrückt wird. Hier unterscheidet man:
- Wörter, die Begriffe ausdrücken und bezeichnen: Substantiv, Adjektiv, Pronomen,
Numerale, Adverb, Verb;
- Wörter, die Gefühle ausdrücken, aber nicht bezeichnen: Interjektionen, manche
Schallwörter;
- Wörter, die die Beziehung zwischen Begriffen ausdrücken und die Verbindung der Wörter
im Satz herstellen: Präpositionen; Konjunktionen, Artikel, Kopula.
Zum semantischen Prinzip gehört auch die Zweiteilung der Wörter in Voll- und Hilfs-
bzw. Dienstwörter. Man spricht auch von Autosemantika und Synsemantika .
b) das morphologische Prinzip

14
Hier wird von Unterschieden in Formeigenschaften ausgegangen. Die Anwendung
dieses Prinzips ist nur auf flektive Sprachen möglich. Nach Flämigs Vorschlag sind alle
Wörter zunächst in flektierbare und in nicht flektierbare einzuteilen.
Flektierbare nicht flektierbare

Konjugierbare(Verben) nicht konjugierbare (= deklinierbare)

artikelfähige nicht artikelfähige

komparierbar nicht komparierbar

c) das syntaktische Prinzip


Zum syntaktischen Prinzip sind Kriterien + satzwertig und + satzgliedwertig zu
rechnen. Eine andere Variante des syntaktischen Prinzips liegt bei der Einteilung des
Wortschatzes im Lehrbuch von Helbig und Buscha zugrunde. In diesem Fall wird mit dem
sog. diagnostischen Rahmen gearbeitet. Für die Grundwortarten werden folgende Rahmen
vorgeschlagen:
für das Substantiv: Der ... arbeitet fleißig.
für das Verb: Der Student... fleißig.
für das Adjektiv: Der ... Student arbeitet.
für das Adverb: Der Student arbeitet ...
d) das komplexe Prinzip
Dieses Prinzip gestattet, semantische, morphologische und syntaktische Eigenschaften
der Wörter als Kriterien der Klassifikation heranzuziehen. Auf diesem Prinzip basiert die
Einteilung der Wortarten im Rahmen der traditionellen Grammatik.
Da dieses Prinzip von den einzelnen Linguisten unterschiedlich gehandhabt wird,
gelangt man zu verschiedenen Ergebnissen. Gulyga berücksichtigt Allgemeinbedeutung,
grammatische Kategorien und die Fähigkeit zur Formveränderung, dann Fügungspotenz,
syntaktische Funktion, wortbildende Affixe. Ihr System enthält 11 Wortklassen, in vier
Schichten aufgeteilt:

15
1. selbständige Wortarten: Verb, Substantiv, Adjektiv, Numerale, Pronomen, Adverb;
2. Modalwörter;
3. Fügewörter: Präpositionen, Konjunktionen, modale und grammatische Partikel;
4. Interjektionen.
In System von Moskalskaja sind 14 Wortklassen enthalten.
I. Eigentliche Wortarten (Autosemantika)
a) benennende oder nominative: Substantiv, Verb, Adjektiv (einschließlich der
qualitativen Adverbien), Adverb;
b) verweisende: Pronomen;
c) zählende: Numerale;
II. Funktionswörter (Synsemantika)
a) mit syntaktischer Funktion: Präposition, Konjunktion, Kopula, Partikel;
b) mit morphologischer Funktion: Artikel, Hilfsverb;
III. Modalwort
IV. Interjektion

2. Streitfragen der Wortartentheorie

In der Grammatik entstehen viele Probleme in Bezug auf Klassifikation der


Wortarten, die bis heute nicht gelöst sind. Die zeitgenossische Grammatik verfügt über
keine einheitliche Klassifikation des Wortschatzes in Wortarten. Diese variiert einerseits
von Sprache zu Sprache, was durch die Eigentümlichkeiten des Sprachbaus einzelner
Sprachen gerechtfertigt ist. Andererseits variiert sie je nach der Forschungsrichtung.

1. Streitfragen zur Klassifikation der Pronomina und


Numeralien.
Die meisten Grammatikforscher halten die Pronomina für eine selbständige Wortart
mit ihren Eigenschaften (Moskalskaja, Schendels, Stroewa u. a.) Helbig halt Pronomina für
keine selbständige Wortart. Sie werden unter anderen Wortarten eingeteilt, man

16
unterscheidet so genannte pronominale Substantive ( ich, du, er, wer), pronominale
Adjektive (mein, dieser, welcher), pronominale Adverbien (wie, so, hier, dort).
Was die Numeralien anbetrifft, so halten Moskalskaja, Admoni sie für eine besondere
Wortart. Viele deutsche Linguisten hingegen verteilen sie auch unter anderen Wortarten
und unterscheiden:
Zahlsubstantive – zwei, drei, hundert.
Zahladjektive – der erste, der dritte.
Zahladverbien – zweitens, zweimal, dreimal.
2. Der Artikel wird auch verschiedenartig definiert. Nur wenige halten ihn
heutzutage für eine bestimmte Wortart, z.B. Moskalskaja. Glinz vereinigt den Artikel mit
den Pronomina und Numeralien. Helbig und Schmidt ordnen den Artikel in die Klasse der
Begleiter und Stellvertreter des Substantivs.
3. Streitbar ist auch die Zusammensetzung der Wortart Adjektiv. Umstritten ist
vor allem die Stellung der so genanten qualitativen Adverbien, die von den gleichlautenden
Kurzformen der Adjektive in morphologischer Hinsicht nicht zu unterscheiden sind. Es
gibt 3 Lösungen des Problems der Kurzform:
Die traditionelle Grammatik erkennt die Existenz der qualitativen Adverbien an.
Admoni vertritt die Ansicht, die Kurzform bilde "ein gemeinsames Segment von zwei
grammatischen Feldern" – dem Feld der Adjektive und dem Feld der Adverbien. "Die
Kurzform als solche ist ein Bestandteil dieser beiden Kategorien."
Moskalskaja rechnet die traditionellen qualitativen Adverbien zur Wortart Adjektiv (gut,
fleißig, tüchtig arbeiten), wodurch der Wortart Adjektiv zwangsläufig die syntaktische
Funktion des Adverbials zugeschrieben wird. Wichtig ist dabei ihre semantische
Verwandtschaft.
Eine andere Lösung bietet Erben. Er fasst das Adjektiv und das Adverb unter der
Bezeichnung „charakterisierendes Beiwort“ zu einer Gruppe zusammen. Für ihn scheinen
dabei morphologische (Steigerungsfähigkeit) und semantisch-syntaktische Faktoren die
entscheidende Rolle zu spielen.

17
4. Die Zusammensetzung der Wortart Adverb variiert in den einzelnen
Darstellungen je nachdem, wie die qualitativen Adverbien und Modalwörter eingeordnet
werden. Das Kernstück der Wortart Adverb bilden Lokal- und Temporaladverbien.
5. Die Negation wird als selbständige Wortart von Admoni angesetzt, obwohl er
sich dessen bewusst ist, dass die Negationswörter in morphologischer und syntaktischer
Hinsicht nichteinheitlich sind. Entscheidend für ihn ist der Bedeutungsgehalt dieser Wörter.
Aus dem Gesagten ist es ersichtlich, dass die Beziehungen zwischen den Wortklassen
sehr mannigfaltig sind, weshalb es auch möglich ist, den Wortschatz auf verschiedene
Weise aufzugliedern.

18
Vorlesung 3. Das Verb I. Allgemeine Charakteristik des deutschen Verbs

1. Allgemeines
Das Verb ist zahlenmäßig die zweitgrößte nach dem Substantiv Wortklasse, und die
bedeutendste in grammatischer Hinsicht. Das Verb spielt dank seiner inhaltlichen Prägung
die zentrale Rolle im Satz. Die Verben „bezeichnen ein Geschehen oder Sein, liefern also
den Aussagekern“ (Erben). Die satzbildende Kraft der finiten Formen des Verbs erklärt
sich durch die Valenz des Verbs (Fügungspotenz, Fügungswert). Die finiten Formen des
Verbs haben eine zweifache Valenz: die linksgerichtete und die rechtgerichtete Valenz. Die
Valenz des Verbs bestimmt den Bau des Satzes.
Als struktureller Mittelpunkt des Satzes besitzt das Verb ein reich ausgebautes System
von grammatischen Kategorien: die Kategorien der Person, des Numerus, der Zeit, des
Modus, des Genus verbi, der Aktionsart (schwache Kategorie). Das Zusammenspiel dieser
Kategorien ergibt eine Fülle von Wortformen, die das Paradigma des Verbs unter allen
anderen Wortarten auszeichnet. So besteht das Paradigma eines persönlichen intransitiven
Verbs aus 917 Wortformen, das eines persönlichen transitiven Verbs aus 177 Wortformen.
Die kategoriale Bedeutung des Verbs wird meist entweder als Prozess oder als
Prozessualität aufgefasst. Man könnte auch sagen, dass Verben das Sein als Prozess oder
als Zustand bezeichnen.

2. Arten von verbalen Wortformen im Deutschen.


Morphologische Klassen deutscher Verben

Das Paradigma des deutschen Verbs vereinigt in sich einfache (synthetische) und
zusammengesetzte (analytische) Wortformen. Die analytischen Wortformen sind in einer
absoluten Überzahl (4 Tempusformen von 6 im Indikativ; 6 Tempusformen von 8 im
Konjunktiv, alle Formen des Passivs, Inf. II Aktiv, die Infinitive I und II,Passiv). Die
einfachen Formen besitzen eine reich entwickelte Flexion (zahlreiche Personalendungen
und Affixe sowie Ablaut, Umlaut, Brechung). Und die Bedeutung der einfachen

19
Wortformen ist umso größer, als gerade sie durch die Mannigfaltigkeit ihrer Bildung die
Einteilung der Verben in morphologische Typen (Klassen) herbeiführen.
Man unterscheidet folgende morphologische Klassen deutscher Verben:
- Starke Verben. Das starke Verb bildet seine Formen mit Hilfe sowohl der inneren
Flexion als auch der äußeren formbildenden Morpheme. Die innere Flexion tritt beim Verb
als Vokalwechsel, und zwar als Ablaut, Umlaut und Brechung, auf.
- Schwache Verben. Das schwache Verb bildet seine Formen dagegen ausschließlich mit
Hilfe der formbildenden Morpheme. Die schwachen Verben sind eine historisch jüngere
und viel zahlreichere Formart der Verben. Neue Verben werden nach ihrem Muster
gebildet, z.B. filmen.
Besondere Gruppe der schwachen Verben (brennen, rennen, senden, wenden, kennen,
denken) bilden ihre Grundformen schwach. Außerdem haben sie den Vokalwechsel. Ich
renne – ich rannte.
- Präteritopräsentia (wissen + Modalverben). Diese morphologische Klasse
erscheint als ein Mischtypus. Die Rolle des Präsens spielt bei diesen Verben ein
Formensystem, das dem Paradigma des starken Präteritums entspricht und zum Teil die
alte Differenzierung nach den Zahlen bewahrt. Ich weiß – wir wissen. Die Rolle des
Präteritums spielt bei ihnen das schwache Präteritum, also die Form mit dem Suffix -te,
die aber in einigen Fällen auch den Vokalwechsel aufweist: ich weiß – ich wußte, ich darf –
ich durfte.
- Unregelmäßige Verben .
In der letzen Zeit werden die schwachen Verben Standartverben genannt, die starken
Verben und die übrigen Verben, derren Grundformen irregulär gebildet werden, nennt man
Nichtstandartverben.

3. Strukturell-semantische Subklassen von Verben

Das Verb als eine sehr komplizierte Wortart hat verschiedene Klassifikationen.
Meistens klassifiziert man die Verben unter Berücksichtigung folgender Faktoren:

20
I. Nach ihrer Leistung im Satz, d.h. ob das Verb als Träger einer lexikalen
Bedeutung oder nur als Träger einer grammatischen Bedeutung im Satz fungiert. Man
unterscheidet
- Vollverben – die Verben, die Träger einer eigenen lexikalischen Bedeutung sind.
- Nichtvollverben:
a)Hilfsverben haben, sein, werden – sie dienen zur Bildung der analytischen
Zeitformen. In diesem Fall besitzen sie keine eigene lexikalische Bedeutung, sie sind nur
Träger der grammatischen Bedeutung.
b) Modalverben – sie bezeichnen subjektive Modalität, d.h. sie drücken das
Verhältnis zur Handlung aus, ihre lexikalische Bedeutung haben sie nicht völlig verloren.
c) Kopulative Verben. Sie haben ihre lex. Bedeutung teilweise verloren und dienen
zur Bildung des zusammengesetzten nominalen Prädikats (sein, werden, bleiben,
erscheinen).
d) Funktionsverben
II. Nach dem Verhältnis der Verben zum Subjekt unterscheidet man:
persönliche und unpersönliche Verben. Unpersönliche Verben lassen als Subjekt nur das
unpersönliche ES zu, einige von ihnen stehen überhaupt, wenn der Satzbau es erlaubt, ohne
Subjekt.
Es dunkelt, Es hungert mich – mich hungert. Es graut mir – mir graut.
Bei vielen von diesen Verben ist auch die persönliche Konstruktion, d.h. die
Verbindung mit einem vollwertigen Subjekt möglich.
Mich hungert – ich hungere.
III. In Bezug auf das Objekt unterscheidet man subjektive Verben, die kein Objekt
fordern, und objektive Verben, die irgendein Objekt voraussetzen. Diese Einteilung kreuzt
sich mit derjenigen in transitive und intransitive Verben. Transitive Verben bezeichnen eine
Handlung, die auf irgendeinen Gegenstand, ein Objekt gerichtet ist. Intransitive Verben
sind die Verben, die ein direktes Objekt bei sich nicht haben können.
IV. Die aktionsartmässige Klassifikation der Verben. Hier unterscheidet man
terminative (perfektive) und kursive (imperfektive, durative) Verben. Kennzeichnen der
terminativen Verben ist das, dass sie einen Vorgang bezeichnen, der auf ein Ziel gerichtet

21
ist, zu einem Abschluss hinstrebt (die Erreichung des Ziels, der eigentliche Abschluss des
Vorgangs sind dabei unwesentlich): aufblühen, kommen, finden, gewinnen, sterben stellen.
Als Endziel können eine Veränderung in der Verfassung des Subjekts oder des Objekts, die
Gipfelung der Tätigkeit im erstrebten Resultat und damit ihr Abbruch gedacht sein.
Die kursiven Verben dagegen stellen den Vorgang in seinem Verlauf dar, ohne Hinweis
auf ein voraussichtliches Endziel (einen Endpunkt): wachen, leben, wohnen, stehen, vgl.
einschlafen – schlafen; erblühen, verblühen – blühen; einatmen, ausatmen – atmen

22
Vorlesung 4. Das Verb II. Die Kategorie der Zeit

1. Allgemeines über den Gebrauch der Zeitformen des Indikativs

Dem Tempussystem liegt die Kategorie der Zeit zugrunde. Diese Kategorie gehört
zu den prädikativen Kategorien. Sie prägt den Satz, in dem sie das zeitliche Verhältnis
zwischen dem Inhalt der Aussage und dem Moment des Redeaktes herstellt. Die Zeitform
des finiten Verbs signalisiert, ob die Aussage im Moment des Redeaktes gültig ist oder auf
die Vergangenheit bzw. auf die Zukunft bezogen wird.
Gebrauch der Zeitformen des Indikativs
Das Tempussystem des deutschen Verbs lässt sich wie folgt aufgliedern.

Absolute / direkte relative / indirektive


Tempora Tempora

Präsens Futur I
Vergangenheits- Perfekt Plusq. Futur II
tempora

Präteritum Perfekt

Man gebraucht Zeitformen absolut und relativ.


Der absolute Gebrauch ist der Gebrauch der Zeitformen in Bezug auf den
Redemoment:
Das Geschehen vor Redemoment Nach dem Redemoment
dem Redemoment
(Vergangenheit) (Gegenwart) (Zukunft)
Präteritum Präsens Futur I
Perfekt

23
Der relative Gebrauch dient zum Ausdruck des temporalen Verhältnisses beim
Vorhandensein einiger Handlungen. In diesem Fall werden die Momente von zwei oder
mehr Handlungen verglichen. Eine Handlung verläuft früher als die andere in der
Vergangenheit, Gegenwart, und Zukunft.
Es gibt 3 relative Zeitverhältnisse: Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit.
Zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit gebraucht man gleiche Zeitformen:
Präsens – Präsens., Präteritum – Präteritum, Futurum I – Futurum I oder möglich
Präsens – Futurum I; Präteritum – Perfekt;
Beim Ausdruck der Vorzeitigkeit sind folgende Kombinationen möglich:
Plusquamperfekt – Präteritum, Perfekt – Präsens, Futurum II (Perfekt) – Futurum I
(Präsens).

2. Gebrauch des Präsens

I. Die Hauptbedeutung dieser Form ist die Bezeichnung der Gegenwart:


1. Das Präsens bezeichnet die Handlung, die mit dem Redemoment im gleichen
Augenblick verläuft:
Der Junge klettert über den Zaun.
Aber der Moment der Rede kann verlängert werden.
Diese Fakultät existiert schon 10 Jahre.
2. Das Präsens bezeichnet eine zeitlose Handlung:
Die Erde dreht sich um die Sonne.
3. Das Präsens bezeichnet eine sich wiederholende Handlung:
Jedes Jahr fahre ich nach Deutschland.
II. Die Transposition des Präsens auf die anderen Zeit / Modusebenen:
1. auf die Ebene des Präteritums. Der Effekt der Transposition des Präsens auf die
Zeitebene des Präteritums (das berichtende Präsens oder Präsens historicum) besteht darin,
dass die Geschehnisse aus der Vergangenheit gleichsam in die Gegenwart rücken,
versinnbildlicht und vor das geistige Auge der Zuhörer (der Leser) gerufen werden. Das

24
historische Präsens kennzeichnet den Erzählstil. Der Übergang vom Präteritum zum
Präsens deutet auf die Wende des Geschehens, auf die Kulmination der Handlung:
Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz (...)
Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt. (F. Schiller)
Man nennt dieses Präsens auch „das Präsens der belebten Erzählung“.
2. auf die Ebene des Perfekts (das konstatierende Präsens). Es betont die Aktualität des
Ausgesagten für die Gegenwart, seine Gültigkeit im Redemoment.
Ich höre, sie wollen verreisen (Ich habe gehört, …)
3. auf die Ebene des Imperativs. Beim imperativischen Präsens handelt es sich nicht um
Verschiebung des Präsens auf eine andere Zeitebene, sondern um Überführung einer
Indikativform in den Bereich des Imperativs. Das Präsens verleiht der Aufforderung den
Klang eines nachdrücklichen herrischen Befehls. Dieser Befehl schließt die Möglichkeit
von Unfolgsamkeit aus und verschiebt das Angeordnete aus dem Bereich des Gewünschten
in den des Realisierten.
Sie können gehen, Leutnant, sagte der General.
Sie bleiben, erklärte Saint Just. (W. Bredel)
4. auf die Ebene des Futurums. Während die anderen Transpositionen des Präsens von
großer Ausdruckskraft sind, ist der stilistische Effekt bei der Verwendung des futurischen
Präsens sehr gering. Das lässt sich damit erklären, dass Präsens als übliche Ausdrucksform
der Zukunft bis 16/17 Jahrhundert sehr gebräuchlich war. Im Alltagsstil ist das futurische
Präsens bis heute vorherrschend:
Ich komme sofort.
In einer Stunde geht mein Zug.

25
Das Präsens kann die Zukunft nur im günstigen Kontext bezeichnen, d.h. in
Verbindung mit einem Adverbiale der Zeit, in futurischer Umgebung u. ä. Im neutralen
Kontext dagegen dient als Ausdrucksform der Zukunft regelmäßig das Futur.

3. Die Zukunftstempora

Das 1. Futur
1. Die Hauptbedeutung dieser Form ist die Bezeichnung eines zukünftigen
Geschehens in einem neutralen Kontext.
Ich werde lesen
2. Das 1. Futur kann in den Bereich des Imperativs transponiert werden und gleich
dem imperativischen Präsens zum Ausdruck eines nachdrücklichen, herrischen Befehls
dienen.
Einige Minuten vergingen,… dann hörte man wieder im Flur sprechen – Sie werden
pünktlich sein! sagte eine unhöfliche Stimme. (Kellermann).
3. Das Futur I gebraucht man zum Ausdruck der Vermutung (das hypothetische
Futur). Beim hypothetischen Futur handelt es sich um eine zweifache Transposition:
a) Eine modale Transposition aus dem Bereich des Indikativs als Realitätsform in den
Bereich der Formen mit hypothetischer Bedeutung (vgl. Er muss zu Hause sein; Sie
mag 20 sein).
b) Eine zeitliche Transposition in den Bereich des Präsens. Der hypothetische Charakter
des Futurs kann durch die Modalwörter wohl, hoffentlich, vielleicht unterstrichen
werden.
Er wird krank sein.
Das 2. Futur
1. Im Paradigma des Verbs erscheint Futur II als eine relative Zeitform, und es
bezeichnet die Vorzeitigkeit in der Zukunft. Futur II erscheint meistens in Verbindung mit
dem Futur I.
Du wirst mich bedauern, wenn au alles gehört haben wirst. (Wieland)

26
Das Futur II wird auch in Verbindung mit einem Zeitadverbiale gebraucht und
bedeutet, dass ein Geschehnis vor einem ausstehenden und ins Auge gefassten Zeitpunkt
eintreten wird.
In ein paar Tagen wirst du mich vielleicht wieder vergessen haben.
Ein Synonym des Futurs II als Ausdrucksmittel der Vorzeitigkeit in der Zukunft ist
das Perfekt.
Ich gebe noch eine Stunde.. Wenn das Lager nicht angetreten ist, dann lasse ich es mit
Waffengewalt räumen.
2. Das hypothetische Futur II dient zum Ausdruck einer Vermutung, die auf die
Vergangenheit bezogen ist, und bildet ein korrelatives Gegenglied zum hypothetischen
Futur I.
Er wird krank sein. - Er wird krank gewesen sein.

4. Das Präteritum

Es bezeichnet eine vergangene Handlung und hebt sich von den anderen
Vergangenheitstempora dadurch ab, dass es ein vorzugsweise direktes Tempus ist, obwohl
auch ihm der relative Gebrauch nicht gänzlich fremd ist. Sein Anwendungsbereich als
direktes Vergangenheitstempus ist aber dadurch eingeengt, dass auch das Perfekt absolut
fungiert.
Wie alle direkten Tempora bezieht das Präteritum auf den Moment des Redeaktes.
Es zeigt, dass das Geschehnis vor dem Redemoment, d.h. in der Vergangenheit, abgelaufen
ist.
Die dem Präteritum innewohnende reine Vergangenheitsbedeutung bedient seine
Gebrauchssphäre.
1. In der modernen deutschen Sprache tritt uns vor allem das so genannte epische
Präteritum entgegen, "das Tempus der erzählenden, berichtenden Darstellung" (Schmidt).
Es versetzt den Hörer oder Leser in die Vergangenheit und schildert das Nacheinander der
Geschehnisse in einem Roman, einer Novelle oder in einem mündlichen

27
zusammenhängenden Bericht. Viele Sprachforscher betonen, dass das Präteritum im
Gegensatz zum Perfekt das Geschehnis nicht als Einzelfaktum, sondern als Glied in einer
Kette von Ereignissen schildert.
2. In der modernen literarischen Prosa ist die Verwendung des Präteritums der
erlebten Rede ein sehr beliebter Handgriff. Die Vergangenheitsbedeutung des Präteritums
wird in diesem Fall neutralisiert. Das Präteritum kennzeichnet hier die Rede und die
Gedanken der Romanhelden, die diese auf die Gegenwart oder die Zukunft beziehen.
Mit ihnen zusammen buk er zwischen heißen Steinen sein Brot und aß es, nachdem er es
mit Knoblauch eingerieben hatte. Denn vom Knoblauch wurde man groß und blieb immer
gesund. (H. Mann).
Der Volksglaube an den Knoblauch ist in Form von erlebter Rede wiedergegeben.
Die Tatsache ist allgemein und auch im Redemoment gültig, das Präteritum wird also auf
die Ebene des Präsens transponiert.
Die Lage schien ihm ganz unerträglich, obwohl er wusste, dass sie nur mehr Stunden
dauern würde, denn morgen ging sein Flugzeug.
Die erlebte Rede gilt der Zukunft, das Präteritum der erlebten Rede wird also wie
das Präsens der direkten Rede auf die Ebene des Futurs transponiert.
3. Das Präteritum kann auch relative zeitliche Bedeutung der Gleichzeitigkeit in der
Vergangenheit haben. Vergleichen wir:
1) Sie begriff, dass ihre Eltern auf sie warteten. 2) Sie begriff, dass ihre Eltern auf sie
gewartet hatten.
1)Es berührte ihn peinlich, dass niemand nach seinem Befinden fragte.2)Es berührte ihn
peinlich, dass niemand nach seinem Befinden gefragt hatte.
Die relative zeitliche Bedeutung des Präteritums kommt zur Geltung, wenn die
Anordnung der Verben im Satz dem zeitlichen nacheinander der Geschehnisse nicht
entspricht und wenn es gilt, das zweitgenanntes Geschehnis nicht als vorangehend (Plusq.),
sondern als gleichzeitig zu kennzeichnen.

28
4. Das Perfekt

Die eigenartige Stellung des Perfekts im Tempussystem des Deutschen besteht darin,
dass es sowohl dem Kreis der direkten Tempora als auch dem der indirekten Tempora
angehört.
1. Als direktes Tempora bezeichnet das Perfekt dasselbe Zeitverhältnis zwischen dem
Geschehnis und dem Moment des Redeaktes wie das Präteritum: den Ablauf des
Geschehnisses vor dem Redemoment. Die Eigenart des Perfekts gegenüber dem Präteritum
besteht darin, dass das Perfekt das Geschehnis der Vergangenheit mit der Gegenwart
verknüpft, es aktualisiert: „Der Sprecher wendet den Blick von der Gegenwart aus in die
Vergangenheit zurück.“ (Grebe) Diese Eigenart des modernen Perfekts berührt sich
einigermaßen mit seiner ursprünglichen resultativen Bedeutung. Die Resultativität kommt
zum Vorschein, wenn der Kontext auf das Resultat oder die Folgen des im Perfekt
dargestellten Geschehens direkt hinweist.
„Herr Doktor, “ sagte er, “Eines steht in Ihrer Macht und darum bitte ich sie! Schenken
Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom Leben gestählte Frau... Ich habe
gelernt, die Wahrheit zu ertragen.“ (Th. Mann)
Zwischen den Tatsachen: 1) Ich bin eine vom Leben gestählte Frau.2) Ich habe gelernt,
die Wahrheit zu ertragen besteht eine unmittelbare resultative Beziehung.
Meistens fehlt ein solcher Hinweis auf das Resultat des vergangenen Geschehens, aber das
im Perfekt Ausgesagte ist dadurch mit der Gegenwart verknüpft, dass der Sprechende vor
allem die Bedeutung des vergangenen Geschehens für die Gegenwart, für den Moment des
Redeaktes oder die zeitlich uneingeschränkte Bedeutung dieses Geschehens sieht.
Brinkmann betont, dass das Perfekt das vergangene Geschehen nicht nur unter dem
Gesichtspunkt der Gegenwart schildert, sondern auch als isoliertes Faktum von
selbständiger Bedeutung hinstellt.
Das Perfekt hat sich gerade auf diejenigen Redeformen spezialisiert, die auf die
Gegenwart, auf den Redemoment abgestimmt sind, und zwar auf das Gespräch, eine kurze
Mitteilung oder Meldung, eine wertende oder urteilende Feststellung. Das Perfekt wird

29
auch gebraucht, wenn es sich um ein Selbstgespräch oder um die Gedanken und
Überlegungen eines Romanhelden in Form von direkter Rede handelt.
Die Grenze zwischen dem Perfekt und dem Präteritum wird in der gepflegten
literarischen Prosa zuweilen aus stilistischen Gründen verschoben. So wirkt z.B. der Ersatz
des Perfekts durch das Präteritum als dichterisch, als gehoben.
Am Kreuzweg wird begraben
Wer selber sich brachte um. (Heine).
Der Ersatz des Perfekts durch das Präteritum geschieht in der literarischen Prosa
zuweilen auch, indem ein bestimmter Rhythmus, eine sinngerechtere Wortfolge erstrebt
werden. Stilistisch neutral ist die Bevorzugung des Präteritums bei Modalverben haben,
sein. Anderer Natur ist die Verschiebung der Grenze zwischen Präteritum und Perfekt in
deutschen Mundarten. Im Oberdeutsch gilt Perfekt als Erzählform, im Niederdeutsch –
Präteritum.
2. Das Perfekt als ein relatives Tempus dient zum Ausdruck der Vorzeitigkeit:
a) Das relative Perfekt dient zum Ausdruck der Vorzeitigkeit eines Geschehens in
Bezug auf ein anderes im Redemoment gültiges Geschehen, es wird also in Verbindung mit
dem Präsens gebraucht, z.B.:
Luise: Ferdinand! Dich zu verlieren! – Doch, man verliert ja nur, was man besessen
hat, und dein Herz gehört deinem Stande (F. Schiller)
b) Das relative Perfekt erscheint auch in Verbindung mit dem Futur I oder mit dem
futurischen Präsens und verdrängt in diesem Fall das Futur II.
Sie werden anders darüber denken, wenn sie erst ein Paar Wochen in Amerika
gewesen sind.

5. Das Plusquamperfekt

1. Das Plusquamperfekt ist ein fast ausnahmsweise relativ gebrauchtes Tempus. Es


dient zum Ausdruck der sog. Vorvergangenheit, das heißt der Vorzeitigkeit in der
Vergangenheit und wird nur in Verbindung mit den Vergangenheitstempora (Präteritum,
seltener Perfekt) gebraucht.

30
Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgezählt hatte.
(H. Mann).
Oft werden in der Erzählung größere Episoden im Plusquamperfekt eingeschaltet,
wenn es sich um Erinnerungen an frühere Zeiten handelt. Eine Novelle, ein neues Kapitel
im Roman können auch durch einen längeren Abschnitt im Plusquamperfekt eingeleitet,
der den Lesern erklärt, wie die Situation vor und zu Beginn der erzählten Geschehnisse
war.
2. Das Plusquamperfekt kann zuweilen in Verbindung mit dem Präteritum dieselben
absoluten Bedeutungen haben, die sonst dem Perfekt eigen sind, nur dass sie aus dem
Bereich des Dialogs auf die Ebene der epischen Erzählung transponiert sind.
a) Gleich dem Perfekt kann das Plusquamperfekt beim Ausdruck einer
resultativen Beziehung zwischen zwei Geschehnissen verwendet werden. Beide
Geschehnisse gehören der Vergangenheit an.
Das Bier! Das Alkohol! .. Beim Bier brauchte man nicht zu handeln, nicht zu wollen
und zu erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da
hatte man es schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert
und war ein freier Mann, innerlich frei (H. Mann).
b) Gleich dem Perfekt kann das Plusquamperfekt in einer kurzen Mitteilung,
einer Feststellung verwendet werden, den Gehalt eines Dialogs wiedergeben: „ Direkte, im
Dialog im Perfekt gegebene Rede wird als erlebte Rede im Plusquamperfekt
wiedergegeben.“ Kennzeichnend ist auch in diesem Fall die Verbindung mit dem
Präteritum, die Transposition auf die Ebene der epischen Erzählung.
„ Senator Buddenbrook war an einem Zahne gestorben“, hieß es in der Stadt. (Th.
Mann)

6. Mittel der Bildung des Temporalfeldes

Das Temporalfeld bilden


1. Tempusformen des Verbs;
2. Die Modalverben wollen, sollen + Infinitiv;

31
3. Der Infinitiv I, II (zum Ausdruck der Gleich- und Vorzeitigkeit);
4. Das Partizip II der terminativen Verben, die Partizipien I, II von transitiven Verben;
5. Temporale Konjunktionen:
a) unterordnende: als, wenn, seitdem, bis solange, nachdem;
b) beiordnende: dabei, zugleich, dann, darauf, endlich;
6. Temporale Adverbien und präpositionale Wortfügungen: jetzt, heute, damals, vor
kurzem, seinerzeit,…
7. Temporale Substantive und temporale präpositionale Wortfügungen: das Jahr, die
Stunde, in der Nacht, vor der Reise, innerhalb eines Jahres;
8. Temporale Adjektive: frühheutige, frühmorgige, die gegenwärtige Lage, der
herbstliche Wind, stundenlanges Gespräch;
9. Wortbildende Affixe und Halbaffixe: die Urgeschichte, der Urmensch, der
Expräsident, postoperativ.

32
Vorlesung 5. Das Verb III. Kategorie des Modus

1. Allgemeines

Durch den Modus des Verbs charakterisiert der Sprechende das geschilderte
Geschehen und somit seine gesamte Aussage hinsichtlich der Realität: Das Geschehen wird
entweder als tatsächlich statthabend / stattgehabt / stattzuhabend hingestellt (der Indikativ)
oder aber als: in der Wirklichkeit nicht statthabend, sondern nur: möglich, möglich
gewesen, unter gewissen Bedingungen realisierbar / realisierbar gewesen, erwünscht u Ä.
(der Konjunktiv).
Im Deutsch gibt es 3 Formen des Modus:
Indikativ (was in der Wirklichkeit geschieht, geschah, oder geschehen wird),
Imperativ (realisierbar gedacht),
Konjunktiv (nicht Wirklichkeitsform, Möglichkeitsform).

Indikativ hat 6 Zeitformen, Konjunktiv – 8 Zeitformen, Imperativ hat keine


Zeitformen. Die Zeitformen des Indikativs und des Konjunktivs bilden modale und
zeitliche Opposition (Konjunktiv hat 2 Verben). Die Zeitformen des Indikativs und
Konjunktivs werden verschieden gebraucht. Die Zeitformen des Indikativs gebraucht man
in Bezug auf die Zeitstufen, die Zeitformen des Konjunktivs bezeichnen, außer den
Zeitstufen noch die modalen Schattierungen.
Man unterscheidet verschiedene Bereiche des Gebrauchs des Konjunktivs:
1. Den Konjunktiv des irrealen Geschehens – Konjunktiv II;
2. Den Konjunktiv der mittelbaren Aussage – Konjunktiv I;
3. Den heischenden oder den voluntativen Konjunktiv – Konjunktiv Vol I und II im
Aufforderungssatz (Konjunktiv I) und im Wunschsatz.
Ähnliche Klassifikation bei Schmidt:
1. Der voluntative oder optative Konjunktiv zum Ausdruck einer Bitte oder eines
Wunsches.

33
2. Der hypothetische Konjunktiv zum Ausdruck von Unbestimmtheit, Möglichkeit,
Zweifel, Nichtwirklichkeit.
3. Der oblique (abhängige) Konjunktiv in den Gliedsätzen der indirekten Rede.

2. Der heischende Konjunktiv Präsens

Außerhalb der berichteten Rede wird nur eine Tempusform des Konjunktivs I, der
Konjunktiv Präsens gebraucht. Seine Grundbedeutung ist tatsächlich nicht statthabend,
aber als realisierbar gedacht.
Der Konjunktiv Präsens hat folgenden Anwendungsbereich:
1. Wunschsatz
„ Was haben sie aus unserer Jugend gemacht in ihren Arbeitslagern und ihren
Ausbildungsschulen? Gott möge sie in die tiefste Hölle verdammen! (Kellermann)
Es seien diese Verse abgesandt,
Die Ehrenbotschaft dir zu überbringen;
Du sei fortan Die Ewige Stadt genannt! (Becher)
2. Aufforderungssatz
Man stelle sich einen rechtwinkligen Felsblock vor, etwa achtzig Meter lang, zehn Meter
hoch, fünf Meter breit. (Kisch)
3. Postulierender Aussagesatz
A. sei ein Punkt auf der Geraden X.
Der Doktor Becker, so sei unser Mann genannt, ist mit schwankenden Gefühlen an Bord
des englischen Passagierdampfers. (Kisch)
4. Einräumungssatz (Konzessivsatz)
Jeder Autor, und sei er noch so groß, wünscht, dass sein Werk gelobt werde. (Heine)
5. Finalsatz
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie ihm ein
Schlafzimmer im Syndikatgebäude ein. (Kellermann)
6. Andere Satztype mit heischendem Inhalt

34
Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei:
Zu leiden, zu weinen,
Zu genieße und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich! (Goethe)

3. Der Konjunktiv II als Ausdrucksform irrealen Geschehens

Der Konjunktiv II kennzeichnet das Geschehen als: in der Wirklichkeit nicht


statthabend und nicht als realisierbar gedacht. Daher werden diese Formen oft der Modus
Irrealis ernannt.
Der Konjunktiv II hat einen weiten Verwendungsbereich. Er wird gebraucht:
1. Im irrealen Wunschsatz:
Er dachte:“ O Gott, o Gott, hätte ich nur das nicht getan! (H. Mann)
Der Konditionalis I wird für den Ausdruck eines zukunftsbezogenen Wunsches
verwendet:
Wenn sie doch kommen würde!
2. Beim Ausdruck einer nicht erfüllten / nicht in Aussicht stehenden Möglichkeit:
.... sie fragte leise und zitternd: „Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“
„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.
„ Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief.“
Da er ratlos war:
„ Wir hätten ertrinken müssen. Sag, wärst du gern mit mir gestorben?“
Diederich sah sie an; dann schloss er die Augen. „Ja, sagte er mit einem Seufzer. (H.
Mann)
Wenn die Aussage sich auf die Vergangenheit bezieht, verbinden sich mit dem
Konjunktiv des Plusquamperfekts oft die Adverbien fast, beinahe, um ein Haar:
Um ein Haar hätte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck erzählt
hatten (H. Mann)

35
3. Beim Ausdruck einer Vermutung, einer ausstehender Möglichkeit, eines Zweifels, beim
Ausdruck des Misstrauens:
Was? Räuber wären es gewesen, die uns anfielen? - Mörder waren es, erkaufte Mörder!
(Lessing)
4. Im irrealen Konditionalgefüge:
Den Römern würde gewiss nicht Zeit genug übrig geblieben sein, die Welt zu erobern,
wenn sie Latein erst hätten lernen sollen. (Heine)
5. Im irrealen Konzessivsatz:
Mein bist du, und wärfen Höll’ und Himmel sich zwischen uns! (Schiller)
6. In den modalen ohne-dass- und als dass-Sätzen:
Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Alle hinaus und wartete fünf Minuten, ohne dass
Julchen gekommen wäre. (Th. Mann)
In seinem Schlupfwinkel war er lieber Hungers gestorben, als dass er sich entdeckt hätte
und damit seinen Fluchtplan für immer vereitelt. (Kisch)
7. Im Gliedsatz eines zusammengesetzten Satzes, der im Haupt- oder Gliedteil eine
Negation enthält:
Er hatte auch gut daran getan, nichts dazwischen kommen zu lassen, was den Jungen
verwirrt hätte oder entfremdet. (Seghers)
Überraschenderweise aber zeigte Taubenhaus eine Großzügigkeit, die niemand von ihm
erwartet hätte. (Kellermann)
9. In den irrealen Komparativsätzen:
Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen, frisch gerötet
und in bester Laune. (H. Mann)
Der Konjunktiv II wird auch auf die Ebenen des Konjunktivs Präsens und des
Indikativs transponiert. Das kommt in folgenden Fällen vor:
1. In den Finalsätzen, wo der Konjunktiv Präteritum auf die Ebene des Konjunktivs
Präsens transponiert wird
Die Nachbarin bat Marie öfters um Aufsicht. Sie gab ihr einmal den Wohnungsschlüssel,
damit sie die Kinder heimbrächte. (Seghers)

36
Hier wird die dem Konjunktiv II eigene Irrealitätsbedeutung aufgehoben, dass genannte
Ziel wird als realisierbar gedacht.
2. Auf die Ebene des Indikativs bzw. des Imperativs wird der Konjunktiv transponiert,
wenn es sich um eine höffliche Äußerung handelt.
Könnten Sie mir helfen?
Möchten Sie die Güte haben, meine Frage zu beantworten?
Das dürfte ein Irrtum sein.
3. Einen anderen Gefühlswert hat der Konjunktiv II in einigen formelhaften Wendungen,
die weder betont höflich noch zurückhaltend wirken, sondern gewöhnlich einen
„Rückblick auf das Geleistete“ darstellen:
Das wäre alles.
Endlich wären wir da!
Das wäre also erledigt!
Über den Berg wären wir!

4. Der Konjunktiv der berichteten Rede

Der Konjunktiv der berichteten Rede ist der Modus der mittelbaren Darstellung eines
Geschehens. Die Leistung des Konjunktivs tritt besonders klar zutage, wenn die berichtete
Rede ohne einleitendes Verb des Sagens in Form eines unabhängigen Satzes erscheint, was
nicht selten in der modernen literarischen Prosa vorkommt. In diesem Fall ist der
Konjunktiv das einzige Merkmal des Übergangs von der Autorensprache zu der berichteten
Rede der Romanhelden.
Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn zornig und deprimiert zu Tische... Was passiert
sei? Ach, nichts... Eine große Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren
gegangen; Strunk Hagenström hätten sie ihnen von der Nase weggeschnappt... (Th.
Mann).
Der Konjunktiv wird in den unabhängigen Sätzen gebraucht, die die erlebte Rede
darstellen. Der Konjunktiv der berichteten Rede steht auch nach den Verben des Denkens,

37
des Empfindens sowie in den Attributsätzen zu den Substantiven wie z.B. die Behauptung,
die Meinung, die Prophezeiung, das Gefühl u.a.
Der Konjunktiv der berichteten Rede kennzeichnet v.a. die literarische,
publizistische und wissenschaftliche Prosa. In der Umgangssprache und dementsprechend
in der Figurensprache der literarischen Werke überwiegt der Indikativ. Flämig verzeichnet
auch die Abhängigkeit des Modus der berichteten Rede von der Zeitform des Verbs im
Hauptsatz: nach dem präsentischen Hauptsatz steht der Indikativ:
Du bildest dir ein, du hast schon genug mitgemacht.
Nach dem präteritalen Hauptsatz steht der Konjunktiv.
Dann glaubte sie, dass das nur Verstellung sei.
Die präsentischen Zeitformen des Konjunktivs werden ersetzt durch synonymische
Präteritalformen beim lautlichen Zusammenfall der präsentischen Konjunktivformen mit
dem Indikativ. Präsentische und präteritale Formen werden ohne grammatischen oder
Stilunterschied nicht selten in einem und demselben Satz gebraucht. Doch können die
präteritalen Formen des Konjunktivs gebraucht werden, auch wenn die präsentischen
Konjunktivformen gegenüber dem Indikativ markiert sind.
General Pichegru erhob Einwände. Die angeforderten Reserven wären noch nicht
eingetroffen. Für acht Geschütze fehlten die Bedienungsmannschaften.
In diesem Beispiel ist der Ersatz „sei eingetroffen“ durch das präteritale „wäre
eingetroffen“ inhaltlich neutral. Behagel erklärt solche Ersatzfälle durch
Analogieausdehnung des prateritalen Konjunktiv. Gelegentlich aber wird der Konjunktiv II
als Ausdrucksmittel geringeren Geltungsgrades der wiedergegebenen Aussage angewandt:
Direkte Rede: Er trinkt Petroleum
1) Abhängige Rede ohne besondere Stellungnahme des Sprechers
..., er trinke Petroleum
2) Abhängige Rede mit der Stellungnahme des Sprechers
..., er tränke Petroleum.

5. Mittel der Bildung des Modalfeldes

38
1. Den Kern des Modalfeldes bildet die Kategorie des Modus. Sie gehört zur Ebene der
morphologischen Kategorien der Sprache;
2. Auf der Ebene der Wortfügungen liegen verschiedene Verbindungen mit Modalverben;
3. Auf der Ebene der Wortfügungen liegen auch die grammatikalisierten idiomatischen
Wortfügungen haben + zu + Infinitiv, sein + zu + Infinitiv (Was ist da zu machen? Sie
haben zu gehorchen);
4. Auf der Ebene der morphologischen Formen des Wortes liegt die Transposition des1.
und 2. Futurs auf die Ebene der Modalität der Vermutung;
5. Auf der Ebene der lexikalischen Bedeutung des Wortes liegt der Ausdruck der Modalität
durch Modalwörter: sie verleihen der Äußerung die Modalität der Vermutung (wohl,
wahrscheinlich, vermutlich, hoffentlich wahr) oder betonen die Wirklichkeit des
Ausgesagten (das ist bestimmt, gewiss, natürlich, sicherlich wahr)

39
Vorlesung 6. Das Verb IV. Die Genera Verbi. Die Infinita

1. Aktiv und Passiv

Die Genera verbi sind grammatische Formen des Verbs, die dem Sprechenden
verschieden Darstellungsmöglichkeiten desselben Sachverhaltes von verschiedenen
Blickrichtungen aus gewähren. Wenn am Geschehen zwei oder mehrer Aktanten beteiligt
sind, kann der Sachverhalt von folgenden Blickrichtungen aus gesehen werden:
a) vom Handlungsurheber (Agens1) aus
Die Kommission begutachtete den Bauentwurf.
Der Lehrer hilft dem Schüler.
Wir haben über diesen Fall heftig gestritten.
b) vom Patiens aus
Der Bauentwurf wurde (von der Kommission) begutachtet.
c) Vom Adressaten der Handlung aus
Dem Schüler wird (von dem Lehrer) geholfen.
d) von der Handlung aus (Handlungsurheber und Zielpunkt der Handlung sind nicht
wichtig)
Es wurde heftig gestritten.
Wird hier denn nicht geheizt?
Die letztere Satzform kann auch von einigen einwertigen Verben gebildet werden:
Man marschierte weiter. – Es wurde weiter marschiert.
Der Hauptbereich der Genera verbi sind die transitiven Verben, d. h. zwei- und
mehrwertige Verben, die ein Agens und ein Patiens voraussetzen. Das Aktiv zeigt, dass der
Sachverhalt vom Agens aus gesehen und dargestellt wird. Das Subjekt des Satzes ist
wirkend, der Handlungsträger, das Agens. Das Passiv zeigt, dass der Sachverhalt vom

1
Agens – Träger eines im Verb genannten aktiven Sachverhaltens

40
Patiens aus gesehen und dargestellt wird. Das Subjekt des Satzes ist inaktiv (bewirkt),
Zielpunkt der Handlung, das Patiens.
Die ein- und mehrwertigen intransitiven Verben setzen kein Patiens voraus. Daher
steht der Aktiv-Anordnung eine subjektlose Passiv- Anordnung gegenüber.

2. Das Problem des Zustandpassivs

Die Stellung der Konstruktion, die bald Zustandspassiv, bald Resultatspassiv, bald
Stativ genannt wird, ist eine streitbare Frage der Grammatik. Admoni und Guchman neigen
dazu, die Konstruktion „sein+Partizip II“ als eine Abart des zusammengesetzten nominales
Prädikats aufzufassen, wo das Verb sein eine Kopula ist, das Partizip II als Prädikativ die
Eigenschaft des Subjekt bezeichnet. Die Gesamtsemantik ist hier nur eine Summe dieser
Eigenbedeutungen. Die Bestandteile des Vorgangspassivs dagegen verlieren ihre
grammatische Eigenbedeutung. Sinder und Strojewa meinen, dass sie je nach der lexikalen
Ausfüllung und dem Kontext bald als zusammengesetztes nominales Prädikat, bald als
reduzierte Form des Vorgangspassivs anzusehen wäre. In der Duden –Grammatik werden
zwei Typen des SEIN-Passivs auseinander gehalten. In einem Fall lässt sich diese
Konstruktion auf ein Perfekt des WERDEN-Passivs zurückführen: die Tür ist geöffnet –
die Tür ist geöffnet worden, in dem anderen aber nicht: Die Bücher sind mit dem Staub
bedeckt. Moskalskaja unterstreicht, dass solche Fügungen an der Grenze zwischen den
analytischen Formen des Verbs, d.i. Verbalformen, und den syntaktischen Fügungen liegen.
Glinz, Helbig, Buscha vertreten die für die deutsche Grammatik traditionelle Ansicht, dass
das Stativ als Glied des verbalen Paradigmas aufzufassen ist.

3. Konstruktionen mit den passiven Bedeutungen

Folgende Konstruktionen drücken passive Bedeutungen aus:


1.das Vorgangspassiv:
 das zweigliedrige Passiv
Er ist gelobt worden.

41
 das dreigliedrige Passiv
Er ist von mir gelobt worden.
 das unpersönliche Passiv. Die semantisch-strukturelle Basis solcher Sätze ist nicht
durch ein transitives, sondern durch ein intransitives Verb bedingt, das eine
bewusste menschliche Tätigkeit bezeichnet;
Im Nebenzimmer wird laut diskutiert.
2. das Zustandspassiv (Stativ):
 das zweigliedrige Zustandspassiv
Das Projekt ist geprüft.
 das dreigliedrige Zustandspassiv
Diese Methoden sind von den Experten anerkannt
3. das Adressatenpassiv. Diese umgangssprachlich gefärbte Konstruktion besteht aus dem
Verb bekommen (oder seinen Synonymen erhalten, kriegen) und Partizip II. Es ist die
passive Form, die zu den Verben mit dem Dativobjekt gebildet wird nach dem Muster Ich
bekomme die Zeitung gebracht.
Das Subjekt ich entsprich hier semantisch dem Dativobjekt mir im Satz Man bringt mir
die Zeitung.
Vgl. Ich habe schon alles erzählt bekommen
Er bekommt seinen Lohn ausgezahlt / die Strümpfe gestopft / etw. gesagt.
4. sein + zu + Infinitiv (modale Bedeutung - Möglichkeit, Notwendigkeit),
Das Buch ist in allen Buchhandlungen zu kaufen.
Das Gerät ist sofort zu reparieren.
5. bleiben + Infinitiv (modale Bedeutung - Möglichkeit, Notwendigkeit)
Es bleibt noch hinzuzufügen, dass...(muss hinzugefügt werden)
Es bleibt nichts zu machen (kann nichts gemacht werden)
6. sich lassen + Infinitiv (modale Bedeutung - Möglichkeit)
das lässt sich kaum beschreiben
7.Reflexivkonstruktion + Adjektiv / Adverb(Möglichkeit)
Das Hemd pflegt sich leicht (kann leicht gepflegt werden)
8. es gibt + Infinitiv (modale Bedeutung - Möglichkeit)
42
Es gibt viel neues zu berichten (kann berichtet werden)

9. sein + Adjektiv auf -bar, -fähig, -lich, -wert (modale Bedeutung - Möglichkeit)
Das Flugzeug ist bereits sichtbar (kann gesehen werden)
10. etw. gehört + Partizip II (modale Bedeutung - Notwendigkeit, umg.)
Er gehört aufgehängt (soll aufgehängt werden)
11. Funktionsverbfügungen mit liegen, stehen, fallen, geraten, finden u. a.
Er fiel in einen falschen Verdacht (wurde verdächtigt)

4. Die Infinita: der Infinitiv, die Partizipien

Es gibt zwei Arten der Infinita: die Infinitive und die Partizipien.
Traditionell wird für das Deutsche ein System aus 6 Infinitiven angesetzt:
Infinitiv I Aktiv Infinitiv I Passiv Infinitiv I Stativ
bauen, kommen gebaut werden gebaut sein
Infinitiv I Aktiv Infinitiv II Passiv Infinitiv II Stativ
gebaut haben, gebaut worden sein gebaut gewesen sein
gekommen sein - -
Die morphologische Funktion der Infinitive besteht darin, dass sie als Bestandteile
von folgenden analytischen Verbalformen fungieren: Futur I, Futur II, Konditionalis I,
Konditionalis II. In syntaktischer Funktion können die Infinitive auftreten als:
1. Subjekt:
Über die Tatsachen hinwegzusehen, ist unklug;
2. Objekt:
Man verspricht ihm zu helfen;
3. Prädikativum:
Das heißt arbeiten;
5. Teil des zusammengesetzten Prädikats:
Er muss das gewusst haben;
6. Adverbiale:

43
Er trat näher, um sich vorzustellen;
6. in der Konstruktion Accusativus cum Infinitivo:
Ich höre sie singen.
Das Mikrosystem der Infinitive im Deutschen beruht auf der Opposition dreierlei
Art. Nach der Genusbedeutung können sie in zwei Gruppen eingeteilt werden: In Infinitive
mit „aktiver“ Semantik und in Infinitive mit „passiver“ Semantik, in jeder Gruppe sind die
Infinitive einander nach ihrer (aktionsartmäßiger) temporalen Bedeutung
gegenübergestellt:
imperfektiv perfektiv
Infinitiv I Infinitiv II
Gleichzeitigkeit + -
Nachzeitigkeit + (+)
Vorzeitigkeit - +
Die passiven Infinitive stehen einander nach dem Merkmal + Prozess oder +
Zustand gegenüber: gebaut werden / gebaut worden sein - gebaut sein /gebaut gewesen
sein.
Die Einordnung der Partizipien in der Wortklasse Verb ist eine Interpretationsfrage.
Nach ihren morphologischen Eigenschaften in attributiver Verwendung (adjektivische
Deklinierbarkeit) und nach ihrem syntaktischen Gebrauch stehen sie den Adjektiven viel
näher. Schendels meint dagegen, dass bei den Partizipien die verbalen Eigenschaften
überwiegen. In der antiken Grammatik wurden sie als eine selbständige Art angesehen.
Ihrer Form und ihrem Gebrauch nach unterscheidet man das Partizip I und das
Partizip II. Das Partizip I kommt in der syntaktischen Funktion eines Attributs (ein
bellender Hund), eines Adverbials (Er ging schweigend hin und her) und eines
Prädikativums zum Objekt vor (Man fand ihn auf dem Boden liegend).
Das Partizip I hat die Bedeutung des „aktiven“ Genus, aktionsartmäßig stellt es ein
Geschehen als in seinem Ablauf unbegrenzt (durativ, imperfektiv) dar. Vom Partizip I
unterscheidet sich das Gerundivum. Syntaktisch kommt es nur als Attribut vor: die zu
bestellende Ware, die noch zu prüfende Aufgabe. Die lexikale Basis des Gerundivums
stellen die transitiven Verben das. Das Gerundivum hat die Bedeutung des „passiven“

44
Genus, die Bedeutung der Notwendigkeit / Möglichkeit und die temporale Bedeutung des
Bevorstehenden. In der morphologischen Funktion, d.h. bei der Bildung von
Tempusformen, werden das Partizip I und das Gerundivum nicht gebraucht.
Das Partizip II jedes Verbs wird in den Tempusformen des Aktivs mit der Bedeutung
des „aktiven“ Genus und mit der Bedeutung des Vollzugs oder des erreichten Zustandes
verwendet:
Er hat gearbeitet/ist gekommen/wird gearbeitet haben/wird gekommen sein.
In den Formen des Vorgangspassivs wird das Partizip II der transitiven Verben und in
den Formen des Zustandpassivs das Partizip II der perfektiven transitiven Verben mit der
Bedeutung des „passiven“ Genus und mit der Bedeutung des Vollzugs gebraucht:
Das Buch wird/ist gedruckt.
Das Hilfsverb werden neutralisiert die perfektive Bedeutung des Partizips II.
In den subjektlosen Passivsätzen wird das Partizip II der intransitiven Verben mit der
Bedeutung des „aktiven“ Genus und mit der Bedeutung der Dauer gebraucht:
Im Nebenzimmer wurde laut gesprochen.
Syntaktisch kann das Partizip II als Attribut und als Adverbiale verwendet werden. In
attributiver Verwendung hat das Partizip II der transitiven Verben die Bedeutung des
„passiven“ Genus und die Bedeutung des Vollzugs einer Tätigkeit:
die getane Arbeit, der veröffentlichte Roman.
Das Partizip II der imperfektiven transitiven Verben bezeichnet dagegen einen
dauernden Vorgang oder Zustand:
Ein von zwei Lokomotiven gezogener Zug fährt /fuhr in den Bahnhof ein;
die geliebte Mutter.
In adverbialer Verwendung hat das Partizip II die Bedeutung des Vollzugs bzw. Des
erreichten Zustandes. Die Genusbedeutung kann variieren:
Seine Pflicht getan, ging er (aktive Bedeutung).
Er stand beschämt da (passive Bedeutung).
In der Funktion des Prädikativs zum Subjekt bzw. zum Objekt hat das Partizip II die
Bedeutung des erreichten Zustandes:
Man musste die Staatsfinanzen zerrüttet nennen.

45
Vorlesung 7. Das Substantiv. Das Adjektiv

1. Das Substantiv. Semantisch-strukturelle Klassen,


grammatischen Kategorien des Substantivs

Die kategoriale Bedeutung des Substantivs wird als Gegenständlichkeit im weiten


Sinne des Wortes verstanden. Dabei denkt man nicht nur an materielle, sondern auch an
gedankliche Gegenständlichkeit. Es ist möglich auch Prozesse, Zustände, Relationen,
Eigenschaften zum Gegenstand eines Gedankens zu machen.
Die Wortart Substantiv ist zahlenmäßig die größte (etwa 50-60 % des gesamten
Wortschatzes). Außerdem werden immer neue Substantive gebildet. Ihre Bildung erfolgt
auf mehrere Wege: durch Komposition, Derivation, Konversion und Substantivierung. Im
Prinzip kann jede beliebige nicht-substantivische Spracheinheit substantiviert werden.
In funktionaler Hinsicht ist die Wortklasse Substantiv ebenfalls die wichtigste: ihre
Elemente können im Satz in allen syntaktischen Funktionen auftreten, d.h. als Subjekt,
Objekt, Attribut, Adverbiale verschiedener Semantik.
Traditionell werden zunächst die Substantive in zwei ungleich große Gruppen
eingeteilt:
1. Konkreta : Eigennamen, Gattungsnamen, Sammelnamen (Kollektiva), Stoffnamen
2. Abstrakta
Stepanowa und Helbig gliedern die Substantive anders auf:
1. Eigennamen: belebte, unbelebte (geographische)
2. Gattungsnamen:
a) Konkreta: zählbare Individuativa, Kollektiva, Unika, Stoffnamen
b) Abstrakta
Schendels teilt die Substantive primär in Lebewesen und Nichtlebewesen ein.
Moskalskaja halt auch zählbare und unzählbare Substantive auseinander.
Traditionell unterscheidet man die Kategorie des grammatischen Geschlechts, des
Numerus, des Kasus. Moskalskaja betrachtet die Kategorie des grammatischen Geschlechts

46
gesondert, da diese Kategorie keine formveränderliche, sondern eine klassifizierende
Kategorie ist. Sie nennt noch eine Kategorie: die Kategorie der Bestimmtheit/der
Unbestimmtheit.
a) Die Kategorie des Genus zerfällt in drei Subklassen, von denen nur zwei zum
Teil semantisch motiviert sind. Den Kernteil der Subklasse Maskulina bilden Substantive,
die männliche Person bezeichnen. Der Kernteil der Subklasse Feminina besteht aus den
Substantiven, die weibliche Person bezeichnen. Die Einteilung der Substantive in
Maskulina und Feminina ist nur in ihren Kernteilen motiviert. Die Subklasse Neutra ist im
heutigen Deutsch unmotiviert.
Die Wurzelsubstantive kein äußeres Kennzeichen ihrer Zugehörigkeit zu einem
bestimmten Genus. Sie wird durch ein Artikelwort oder durch die Endung eines attributiv
gebrauchten Adjektivs oder Partizips markiert. Kein grammatisches Geschlecht weisen die
Pluraliatantum auf.
b) Die lexikale Basis der Kategorie des Numerus bilden die zählbaren Substantive.
Diese Kategorie ist zweigliedrig. Sie besteht aus dem Singular und Plural als Gegenglieder.
Die Singularform hat kein besonderes Kennzeichen, deshalb gilt sie als unmarkiertes
Gegenglied der Opposition. Die Pluralform markieren Suffixe, der Umlaut, Artikelwörter,
Endungen des attributiven Adjektivs oder Partizips, die Form des Finitums.
Von der Neutralisation der Gegenüberstellung von Singular und Plural spricht man
dann, wenn diese Formen zur Gattungsbezeichnung benutzt werden, anders gesagt in der
generalisierenden Funktion. Die Bezeichnung der einzelnen Gattungsvertreter nennt man
individualisierend.
Vgl. Der Mensch ist sterblich. (die) Menschen sind sterblich.
Eine verwandte Erscheinung ist die stilistische Transposition eines Numerus auf die
Ebene des anderen Numerus, und zwar die Transposition des Singulars auf die Ebene des
Plurals in der dichterischen Sprache, auch die Transposition in einigen festen
Redewendungen.
Im düstern Auge
Keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl

47
Und fletschen die Zähne. (H. Heine)

Die Welle wieget unser Kahn


Im Rudertakt hinauf. (Goethe)
Ein gutes Ohr haben, ein scharfes Auge auf jmd. haben.
Keine Kategorie des Numerus besitzen die unzählbaren Substantive. Die
Singularform ist bei ihnen verwendet aus dem einzigen Grunde, dass jeder Substantiv
entweder in der Singular- oder Pluralform gebraucht werden muss. Unzählbar sind die
Unika (der Mond), die meisten Kollektiva (der Adel), die Stoffnamen (die Milch), viele
Abstrakta (Bewusstsein).
Bedeutend geringer ist die Anzahl der Pluraliatantum. Die Pluralform ist hier bei einigen
Kollektiva motiviert, so bei Personennamen (die Geschwister, die Zwillinge) bei einigen
Sachnamen (die Trümmern, die Kurzwaren). Doch unmotiviert sind die Namen einiger
Feste (die Ostern, die Pfingsten) die Namen für einige Krankheiten (die Masern, die
Pocken), auch geographische Namen (die Dardanellen, die Pyrenäen). Auch hier handelt
es sich in erster Linie um den formalen Numerus.
c) Die Kategorie des Kasus ist im Deutschen viergliedrig. Sie erfasst vier Kasus
den Nominativ, den Genitiv, den Dativ und den Akkusativ. Am Substantiv selbst ist der
Kasus nur in zwei Fällen markiert: im Genitiv Sg. starker Deklination und im Dativ Plural
aller Substantive, an die in diesem Kasus das Formans –n angeschlossen werden kann.
Sonst bleibt der Kasus morphologisch ungekennzeichnet. Deswegen werden die Kasus
vornehmlich durch ein Artikelwort, durch die Endungen der Adjektive sowie durch
syntaktische Position markiert.

2. Die Kasusfunktionen

Man unterscheidet die primären und die sekundären Kasusfunktionen.


1. Der Nominativ

48
Der Nominativ kann außerhalb des Satzes als Name für einen Gegenstand oder eine
Erscheinung verwendet werden (der sog. Benennungsnominativ). Er ist auch zum
satzwertigen Gebrauch fähig: Diebe!
1. Die primäre syntaktische Funktion des Nominativs ist die des Subjekts. Der
Subjektnominativ nennt den Gegenstand einer Aussage.
2. Mit dem Subjektsnominativ hängt der sog. Vorstellungsnominativ zusammen, die
Prolepse eines im Weiteren genannten Satzgliedes.
Bah, diese blaue, duftige Ferne, wie oft hab ich mich von ihr verlocken lassen. (Raabe .
Hier handelt es sich um Transposition eines abhängigen Satzgliedes auf die Ebene des
Subjektsnominativs.
3. Zum Subjektnominativ kommt im Satz häufig ein zweiter Nominativ hinzu, der mit dem
Subjekt kongruiert:
a) das Prädikatsnomen: Diederich Hessling war ein weiches Kind.
b) das prädikative Attribut: Als junges Mädchen verließ sie ihre Heimatstadt.
c) die Apposition:
d) das Adverbiale des Vergleichs: Du benimmst dich wie ein dummer Junge
Die zweiten Nominative ändern ihren Kasus je nach dem Satzgliedwert des
Bezugssubstantivs bzw.-pronomens :
Man behandelt dich wie einen dummen Jungen.
4. Der Nominativ wird auch bei den Anreden gebraucht (der vokativische Nominativ).
5. Mit der Nennfunktion des Nominativs hängt auch der sog. Gemeinschaftskasus oder die
Nullform des Substantivs zusammen:
Zwischen Affe und Mensch ist ein großer Unterschied. Er steht auf der Altersstufe
zwischen Knabe und Jüngling.
Auch in den Wortfügungen einige Glas Tee, zwei sack Mehl, Ende Oktober u. a.
2. Der Akkusativ
1. Die primäre syntaktische Funktion des Akkusativs ist die Bezeichnung des direkten
Objekts:
Sie schüttelte den gemahlenen Kaffee in den Kaffeebeutel und goss kochendes Wasser
darüber.

49
2. Implizit ist das Objektverhältnis in dem sog. Absoluten Akkusativ enthalten, obwohl die
gesamte Wortfügung einen adverbialen Charakter hat:
Ein lustiges Lied singend, den Alpenstock in der Hand, bestieg der Tourist den Berg.
3. Die sekundären Funktionen des reinen Akkusativs sind verschiedene
Umstandsergänzungen (Adverbialen). Der Akkusativ ist frei, er wird vom Verb nicht
regiert. Die Art der Umstandsergänzung ergibt sich aus der lexikalischen Bedeutung der
umgebenden Wörter und des Substantivs selbst. Es sind:
a) temporale Umstandsergänzung (Zeitangabe):
Ich blieb die Nacht ebenfalls in der „Krone“. (Heine)
b) lokale Umstandsergänzung (Raumangabe):
Fabian kam den kleinen Seitenweg aus dem Hofgarten gegangen. (Kellerman)
c) Umstandsergänzungen des Maßes oder des Wertes (Mass-und Wertangaben):
zwei Meter lang sein,
4. Nach dem Modell Akkusativ + Verb sind zahlreiche feste Verbindungen gebildet. Zum
Teil sind es idiomatische Wortverbindungen: Pech haben, Rede stehen, zum größeren Teil
aber nicht idiomatische feste Wortverbindungen: Abschied nehmen, Unterricht halten. Sie
sind syntaktisch nicht zu gliedernde lexikalische Einheiten, die Handlungen und Vorgänge
bezeichnen und im Satz im Rahmen des Prädikats fungieren. Der Akkusativ hat hier keine
selbständige Kasusbedeutung oder –Funktion. Auch in den Wortfügungen einen tiefen
Schlaf schlafen, einen schweren Gang gehen (der Akkusativ des Inhalts) sowie in den
Wortfügungen Ball spielen, Schlange stehen ist kein echtes Akkusativobjekt, sonder eine
objektähnliche Komponente einer festen Wortfügung enthalten.
3. Der Dativ
1. Die primäre syntaktische Funktion des reinen Dativs ist die des indirekten Objekts. Das
Dativobjekt tritt zu den Verben des Zuneigens, Zusagens, Zukommens, Zustrebens,
Nehmens u.a.:
Sie versprach der Tochter, dass es nie vorkommen werde. (Bredel)
Der Dativ verbindet sich in der Gruppe des Prädikats mit den Adjektiven behilflich,
förderlich, vorteilhaft, hinderlich, schädlich, dankbar, böse, gehorsam, gleich, nahe, fern,
teuer, treu u.a.

50
2. Eine Sonderart des Dativsobjekts ist der freie Dativ. Er bezeichnet die Person, die an
der Handlung interessiert ist, daher wird er auch der Dativ des Interesses genannt. Zum
Unterschied von dem notwendigen Dativobjekt ist der freie Dativ für die Vollständigkeit
des Satzes nicht unbedingt erforderlich:
Er ähnelt seinem Vater (notwendiges Dativobjekt).
Wie herrlich leuchtet mir die Natur...(Goethe)
Mir ist der Appetit vergangen.
Der Anteil des freien Dativs ist gering, seine Verwendung ist auf einige Stilarten der Rede
(Dichtersprache, Umgangssprache) beschränkt.
4. Der Genitiv
1. Die primäre syntaktische Funktion des Genitivs ist die des Attributs. Als adnominaler
Kasus stellt der Genitiv das Substantiv in Beziehung zu einem andern Substantiv, dem
Bezugswort, versieht es mit einer näheren Bestimmung. Der Genitiv kann
verschiedenartige Verhältnisse ausdrücken: das Besitzverhältnis, das
Abstammungsverhältnis, das Verhältnis des Merkmals, das Verhältnis eines Teils zum
Ganzen u. a.:
Die Flinte des Jägers, der Sohn eines Wissenschaftlers, das Zentrum der Stadt, der Stoff
bester Qualität.
2. Als adnominaler Kasus fungieren auch der Genitiv der Teilung (einer der Anwesenden,
keiner meiner Freunde, der beste meiner Freunde, der höchste aller Berge) und der
quantitative Genitiv (eine Schar fröhlicher Kinder, die Gesamtheit der Bürger, ein Stapel
eingegangener Post).
3. Die sekundäre syntaktische Funktion des Genitivs ist die des Objekts. Das Genitivobjekt
wird von einigen Verben als einziges Objekt oder neben dem Akkusativobjekt gefordert:
anklagen, beschuldigen, bedürfen, sich erfreuen, sich enthalten, überführen u.a.
man beraubte den Pförtner seines Schlüssels.
Einige Adjektive in prädikativer Funktion regieren ebenfalls das Genitivobjekt:
Voll, mächtig, wert, schuldig, fähig, müde.
„Das war doch nicht der Rede wert“, stieß er endlich heraus, „ein Paar Blumen“(H.
Mann)

51
4. Als sekundäre syntaktische Funktion des Genitivs erscheint auch sein adverbialer
Gebrauch. Der reine Genitiv ist ein Adverbiale:
a) als Zeitangabe: Wachtmeister Hartwig trat eines Nachmittags in Walters Zelle (Bredel)
auch : eines Tages, eines Abends, Sonntags
b) als Ortsangabe: Wohin des Weges? Geh deines Weges.
c) als Adverbiale der Art und Weise oder als Prädikatsattribut ( in festen Redewendungen):
Er ging gemessenen Schrittes zur Tür hinaus.
auch: fröhlichen Mutes, entblößten Hauptes.
5. Als Prädikatsnomen in Verbindung mit dem Verb sein erscheint der Genitiv zur
Bezeichnung der Zugehörigkeit:
Dieses Substantiv ist männlichen Geschlechts. Dieses Wort ist lateinischen Ursprungs.

3. Das Adjektiv. Problem der Abgrenzung der Adjektive und der Adverbien.
Semantisch-strukturelle Klassen der Adjektive

Das Adjektiv ist eine Wortart, deren Elemente zur Bezeichnung verschiedenartiger
Eigenschaften der materiellen und gedanklichen Gegenstände dienen, vergleichen: ein alter
Baum, eine gute Idee.
Das Adjektiv hat dieselben grammatischen Kategorien wie das Substantiv (Kasus,
Genus, Zahl werden von grammatischen Kategorien des Substantivs bestimmt, deswegen
sind das relative Kategorien des Adjektivs), und auch die Komparation (die absolute
Kategorie). Die Kategorie der Komparation findet Ausdruck in den Vergleichsformen der
qualitativen Adjektive.
Adjektive können sowie in der kurzen als auch in der flektierten Form gebraucht
werden. Das Vorhandensein der Kurzform macht die Grenzziehung zwischen Adjektiv und
Adverb recht problematisch, da sich die Kurzform in formaler Hinsicht von den
qualitativen Adverbien der traditionellen Grammatik nicht unterscheidet. Im Hinblick auf
die Abgrenzung der Adjektiven und der Adverbien gibt es mehrere Vorschläge, und zwar:

52
1. Die Kurzform des Adjektivs und das gleichlautende Adverb sind Elemente
verschiedener Wortarten (traditionelle Grammatik). Vergleichen Sie: eine gute Arbeit –
Diese Arbeit ist gut.
2. Die qualitativen Adverbien werden als Adjektive betrachtet.
3. Die Kurzform hängt mit dem Adjektiv zusammen. Neben den adjektivisch gefärbten
Kurzformen gibt es aber auch adverbial gefärbte: groß, niedrig alt einerseits und schnell,
langsam, früh andererseits.
4. Zur Wortklasse Adjektiv werden alle Wörter gerechnet, die in den folgenden
diagnoszierenden Rahmen eingesetzt werden können: 1) der … Mann und 2) Der
Mann ist …
5. Das Adjektiv und das Adverb werden als zu einer Wortklasse „ charakterisierendes
Beiwort“ gehörend angesehen.
Je nachdem, wie im Einzelfall die Grenzen der Wortart „Adjektiv“ gezogen werden,
erfolgt auch ihre Beschreibung.
Adjektive können im Satz folgende syntaktische Funktionen haben:
1. Attributive Funktion:
a) flektierte Form: ein weiter Weg.
b) Unflektierte Form: ein lila Kleid.
c) Nachgestelltes, abgesondertes Attribut das Männlein, dickbäuchig und
rotwangig.
2. Prädikative Funktion. Der Weg ist weit.
3. Prädikatives Attribut. Von der Krim kam er sonnengebrannt zurück.
7. Adverbiale Funktion. Dieser Auftrag ist leicht zu erledigen.(in der normativen
Grammatik wird sie nur Adverbien zu erkannt).
8. Attribut zum Objekt. Er hat das Gerät unbeschädigt zurückgebracht.
Semantisch-strukturelle Klassen der Adjektive
In der Grammatik sind viele Klassifikationsvorschläge bekannt, einige von ihnen
stützen sich auf semantische, einige auf syntaktische Charakteristika der Adjektive.
1. In der normativen Grammatik werden Adjektive in absolute (das dicke Baum, eine
schöne Stimme) und relative Adjektive (berufliche Tätigkeit, betriebliches Eigentum)

53
eingeteilt. Relative Adjektive charakterisieren einen Gegenstand durch Bezug auf einen
anderen.
O. Behagel: Absolute Adjektive erfordern keine Ergänzung.
Relative Adjektive erfordern mindestens eine Ergänzung (der in dieser
Stadt seit langem wohnhafte Mann).
W. Admoni nimmt die Weiterteilung der relativen Adjektive vor, indem er unterscheidet
zwischen:
a) syntaktisch-relativen
ein zwei Meilen langer Weg
b) semantisch-relativen
betriebliches Eigentum
c) etymologisch-relativen
hölzern, golden.
2. Nach syntaktischen Charakteristika unterscheidet man:
a) Adjektive, die als Attribut, Adverbiale und Prädikativum fungieren können: eine
gute Arbeit, gut arbeiten, die Arbeit ist gut.
b) Adjektive als Attribut oder Pr1dikativum: eine breite Straße, die Straße ist breit.
c) Adjektive als Attribut und Adverbiale: eine wöchentliche Zeitschrift, wöchentlich
erscheinen.
d) Adjektive, die nur in attributiver Funktion erscheinen: die linke Hand, das russische
Volk.
e) Adjektive, die nur prädikativ gebraucht werden: Es ist schade.
3. Klassifikation nach Valenz (Fähigkeit, notwendige Ergänzungen zu fordern). Hier
unterscheidet man:
a) Adjektive ohne Ergänzung: schön, faul.
b) Einwertiges Adjektiv: irgendwo wohnhaft (sein)
c) Zweiwertiges Adjektiv: jemandem in etwas ähnlich sein.

54
Vorlesung 8. Der Satz und die Wortgruppe als Einheiten der Syntax.

1. Allgemeine Charakteristik des deutschen Satzes

Die Einheiten, die den Gegenstand der Syntax als Teildisziplin der Grammatik
bilden, sind Wortgruppe, einfacher Satz und komplexer Satz.
Die zentrale Stellung gehört dem Satz, dessen Eigenart besteht darin, dass erst mit
ihm die eigentlich menschliche Rede beginnt. Der Ausdruck unserer Gedanken geschieht
nicht in Form einzelner Wörter und Wortgruppen, sondern in Form von Sätzen. Wörter und
Wortgruppen kommen im Prozess des sprachlichen Verkehrs nur im Bestande eines Satzes
zur Geltung.
Der Text (d.i. eine inhaltlich und strukturell als eine Ganzheit geprägte Sequenz von
Sätzen) nimmt einen höheren Rang gegenüber dem Satz ein und bildet den Gegenstand der
Textlinguistik.
Die Sätze sind keine konstanten Größen, sie gehören nicht zum Inventar der
Sprache wie Phoneme, Morpheme und das gesamte Wortgut, sondern werden jedes Mal in
konkreter Situation nach den Gesetzen der jeweiligen Sprache neu gebildet und sind somit
Einheiten der Rede. Das Konstante an ihnen sind aber die Struktur der einzelnen
Satztypen, die Arten der syntaktischen Verbindung zwischen den Wörtern im Satz, die
Formmittel der Satzgestaltung.
Die wesentlichen Charakteristiken des Satzes:
1. Der Satz ist die minimale Einheit der Rede.
2. Der Satz hat eine kognitive und eine kommunikative Funktion.
Die Merkmale des Satzes (nach Gulyga):
1. die kommunikative Funktion;
2. das prädikative Verhältnis;
3. die Modalität;
4. die relative inhaltliche Abgeschlossenheit;

55
5. die intonatorische und grammatische Gestaltung.

Die Form des Satzes, wie er im Kommunikationsprozess auftritt, ist recht bunt
und verschiedenartig. Will man aber die wesentlichsten Züge des deutschen Satzes
untersuchen, so muss man die Einflüssen auf die Struktur des Satzes von Seiten des
Kontextes ausschalten. Erst dann gelingt es, die notwendigen Bestandteile seines Baus
auszusondern. Diese Bestandteile sind in meisten Fällen das Subjekt in der Form des
Nominativs und das Prädikat in der Form des finiten Verbs oder einer Wortgruppe, an
welcher jedenfalls ein finites Verb teilnimmt.
Der Satz im Deutschen wird also dadurch charakterisiert, dass er zweigliedrig,
nominativisch und verbal ist.
Alle anders gebauten Satztypen (eingliedrige, ohne Verb u.s.w.) sind auf diesen
„Grundtypus“ bezogen. Die Faktoren, die auf die Form des deutschen Satzes einwirken,
sind folgende:
1. Der Satz kann das finite Verb oder den Subjektnominativ vermissen, wenn der
Bedeutungsgehalt, der in dem fehlenden Glied seinen Ausdruck finden sollte, so
unbestimmt, allgemein oder unbekannt ist, dass man ihn vom semantischen Standpunkt
aus nicht zu nennen braucht (die unpersönlichen Sätze ohne ES, eingliedrige
Existenzialsätze – Abend).
2. Die Situation und der Kontext wirken auf die Struktur des Satzes ein. z.B. fehlt im
Imperativsatz in der 2. Person Singular das Subjekt, weil es durch die Situation gegeben
ist.
Auch die Benennungssatze sind in ihrer Eingliedrigkeit durch die Situation bedingt:
Schön! – bei der Betrachtung eines Bildes.
3. Auch die Struktur des Satzes wirkt sich selbst aus, z.B. bei dem genauen Parallelismus
zwischen Subjekt und Prädikat, besonders in Sprichwörtern kann die Kopula fehlen.
Träume sind Schäume – Träume Schäume. Auch wenn das fehlende Verb semantisch
vollwertig sein sollte und zuweilen schwer definierbar ist: Ein Mann ein Wort.

56
Die Beseitigung der finiten Form des Verbs wird oft durch Vorhandensein der
infiniten verbalen Formen im Satz hervorgerufen. Es werden Hilfsverben oder Kopulas
ausgelassen.
2. Strukturelle Klassifikation der Satze in der traditionellen Syntax

1. Von der Tatsache ausgehend, dass Sätze nicht immer beide Hauptglieder enthalten,
unterscheidet man:
zweigliedrige Sätze als Haupttyp;
eingliedrige Sätze als Nebentyp.
Vgl. Bitte, vortreten! Der Tiger ist ein Raubtier.
2. Die zweigliedrige Sätze werden je nach ihrer Zusammensetzung in
einfache unerweiterte (bestehen nur aus den Hauptgliedern)
einfache erweiterte Sätze (außer dem Subjekt und dem Prädikat
enthalten sie noch irgendein Glied) eingeteilt.
Vgl. Das Schiff läuft ein.
Er verspricht uns seine Hilfe.
3. Nach dem Vollständigkeitsgrad, d.h. nach dem, ob alle notwendige Satzelemente
vorhanden sind oder nicht, unterscheidet man
vollständige
nicht vollständige Sätze
Vgl. Hast du den Text schon gelesen?
Schon gelesen?
4. Nach der Stellung des finiten Verbs in der finiten Konstruktion werden die Sätze in
Kernsätze ( mit dem Finitum an zweiter Stelle: die Gruppe schreibt ein Diktat.)
Stirnsätze (mit dem Finitum an erster Stelle: Singt alle mit! Kommst du mit?)
Spannsätze (mit dem Finitum an letzter Stelle: ..., dass er kommt.) gegliedert.
5. Nach der Anzahl der Subjekt-Prädikat-Gruppen unterscheidet man
einfache ( nur mit einer Subjekt-Prädikat Gruppe)
zusammengesetzte oder komplexe Sätze (mit zwei und mehr Subjekt-Prädikat-
Gruppen).

57
Vgl. Der Jungespitz seinen Bleistift.
Sobald es zu regnen aufhört, gehen wir spazieren.

3. Syntaktische Beziehungen in Sätzen und Wortfügungen

Die Wörter im Satz und in der Wortfügung werden durch verschiedene syntaktische
Beziehungen verbunden. Man unterscheidet zwei Arten der syntaktischen Beziehungen:
I. Syntaktische Beziehungen, die nur dem Satz eigen sind. Das ist die Subjekt-Prädikat-
Beziehung (prädikative Beziehung) z.B. Der Student schreibt.
Kennzeichnend für die Subjekt-Prädikat-Beziehung ist es, dass ihre Gegenglieder
immer die unmittelbaren Konstituenten des Satzes sind. Die Subjekt-Prädikat-Beziehung
ist folglich satzprägend. Sie gestaltet den zweigliedrigen Satz als eine Mitteilung und
unterscheidet ihn von den Wortfügungen.
Vgl: Der Vater schläft. der schlafende Vater
Die Verbindung zwischen Subjekt und Prädikat nennt man die Zuordnung – die
gegenseitige Abhängigkeit beider Gegenglieder. Das Substantiv „Vater“ wird zum Subjekt
des Satzes nur, wenn es sich mit dem Prädikat „schläft“ verbindet und umgekehrt.
II. Syntaktische Beziehungen, die auch auf der Ebene der Wortfügungen realisierbar sind.
1. die subordinierenden (unterordnenden) Beziehungen. Sie kennzeichnen
Wortfügungen (Sätze), die aus einem untergeordneten und übergeordneten Glied bestehen.
Die Abhängigkeit ist in diesem Fall einseitig. Zu den subordinierenden Beziehungen
gehören:
a) die attributive Beziehung
Sie entsteht zwischen dem Substantiv (Wortart, die das Substantiv ersetzt) und den
Wortarten (bzw. den Nebensätzen), die das Substantiv bestimmen. Für das Substantiv ist
die Beziehung zum Attribut fakultativ, für das Attribut – obligatorisch.
Ein nettes Mädchen (auf der Ebene der Wortfügungen)
... ein Mädchen , das nett ist (auf der Ebene der Sätze)
b) die Objektbeziehung

58
Sie entsteht zwischen dem Verb oder Prädikativ gebrauchten Adjektiv und ihren
näheren Bestimmungen. Die nähere Bestimmung bezeichnet den Gegenstand, auf welchen
die Handlung gerichtet oder orientiert ist. Das formelle Merkmal der Objektbeziehung,
welches sie von der nächsten Art der subordinierenden Beziehungen unterscheidet, ist die
Rektion (d.h. die Abhängigkeit in dem Kasus von dem übergeordneten Wort) z.B.: einen
Roman lesen, dem Vorschlag zustimmen
... dem zustimmen, was vorgeschlagen wurde.
Das Objekt nimmt eine bestimmte Form an, die von der lexikalischen Bedeutung des Verbs
abhängt.
c) die adverbiale Beziehung
Sie entsteht zwischen dem Verb und den von Verb abhängigen Satzgliedern, die der
Vorgang irgendwie charakterisieren und die Umstände angeben, unter welchen sich der
Vorgang vollzieht. (Verb + Adverbialbestimmung, Adverbialsatz), z.B.
Zu spät kommen, recht gut tanzen ( Wortfügung ) oder Er ist gekommen , wenn es zu spät
war (Satz) .
2. die koordinierenden Beziehungen (beiordnenden)
Sie kennzeichnen die Zusammenfügung syntaktisch gleichartiger und voneinander
formell unabhängiger Wörter (oder Sätze als Bestandteile der Satzreihe)
Bruder und Schwester, ein kleines nettes Mädchen

4. Aktuelle Gliederung des Satzes

Ende des 19. Jahrhunderts ist aus der Orientierung auf die Psychologie die Ansicht
entstanden, dass neben der grammatischen Gliederung des Satzes auch psychologisch zu
begründende Gliederung vorgenommen werden kann. So setzte Hermann Paul neue
Begriffe in die Welt: psychologisches Subjekt und psychologisches Prädikat. Sie sind an
kein bestimmtes Satzglied gebunden und vom grammatischen Subjekt und Prädikat
auseinander gehalten werden müssen. Als psychologisches Subjekt bestimmt Paul die
Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, die zuerst in der Seele des Sprechenden vorhanden
ist, als psychologisches Prädikat – die daran neu angeknüpfte Vorstellung. Anders gesagt

59
gilt als psychologisches Subjekt das als bekannt zu Denkende und als psychologisches
Prädikat das, was vor der Mitteilung nicht unbekannt war. Paul führt folgendes Beispiel an:
Karl fährt morgen nach Berlin.
Je nach der Informiertheit des Hörers kann dieser Satz unter stimmlicher
Hervorhebung verschiedener teile auf vier verschiedene Fragen antworten:
Wer fährt morgen nach Berlin? Wohin fährt Karl morgen? Wann fährt Karl nach Berlin?
Wie kommt Karl morgen nach Berlin?
Karl ist psychologisches Prädikat und das Übrige psychologisches Subjekt bei der Frage
Wer fährt morgen nach Berlin?
Auf dieser Konzeption basieren heute alle Varianten der Theorie der aktuellen
Gliederung des Satzes bzw. der Thema-Rhema-Gliederung. Die Paulschen Termini wurden
durch Termini Thema und Rhema ersetzt, die Idee selbst bleibt aktuell. Zu erwähnen ist
noch, dass die aktuelle Gliederung des Satzes durch die Wortstellung und phonetische
Mittel (Tonführung, Betonungen und Pausen) zu Vorschein kommt.

5. Begriff der Wortgruppe

Die Wortgruppe ist eine nichtsatzartig geprägte Verbindung zweier oder mehrerer
aufeinander syntaktisch und semantisch bezogener Autosemantika.
Die Grammatik befasst sich mit den freien syntaktischen Wortfügungen, die im
Prozess der Rede generiert werden. Feste Wortkomplexe bilden den phraseologischen Teil
des Wortschatzes einer Sprache und werden von der Phraseologie studiert.
Merkmale der freien syntaktischen Wortgruppe:
1. Sie bestehen mindestens aus 2 Begriffswörtern.
2. Das Verhältnis zwischen den Gliedern der Wortgruppen ist entweder:
a) Unterordnung (Subordination). Das dominierende Glied ist der Kern der Wortgruppe,
andere Glieder sind abhängige Glieder. Diese Art der Wortgruppe heißt Wortgefüge
nach Hause kommen, parlamentarisch gewählt, sehr spät;

60
b) oder Beiordnung (Koordination). Die Wortgruppe besteht aus syntaktisch
gleichwertigen Wörtern meist derselben Wortart, die mittels beiordnender Konjunktionen
miteinander verknüpft werden. Diese Art wird Wortreihe genannt.
hier und dort, Frauen und Kinder
3. Die freien Wortgruppen sind sowohl semantisch als auch syntaktisch zerlegbar.
Vgl. einen Bruder haben; Pech haben.
Beide Glieder der ersten Wortfügung haben ihre eigene Semantik. Die zweite
Wortfügung hingegen ist eine stehende Redewendung. Sowie syntaktisch als auch
semantisch ist diese Wendung nicht zerlegbar. Manchmal fallen die phraseologischen und
die freien Wortfügungen nach dem Bestand zusammen:
reine Hände haben (1. saubere Hände haben; 2. reines Gewissen haben.)
Zum Unterschied vom Satz hat Wortfügung nur einen Kern; das prädikative
Verhältnis fehlt, weil in der Wortfügung weder Subjekt noch Prädikat vorhanden sind.

6. Die Arten der syntaktischen Verhältnisse in den Wortgefügen.


Einteilung der Wortgefüge

Das Verhältnis der Unterordnung weist drei Arten der syntaktischen Beziehungen
auf: die Kongruenz, die Rektion, die Anschließung.
I. Bei der Kongruenz nimmt das abhängige Wort die grammatischen Kategorien des
Kernwortes an. Das attributive Adjektiv (Partizip, Pronomen, Numerale) stimmt mit dem
Substantiv in Kasus, Zahl, Geschlecht überein:
Ein gelungener Versuch, einem schönen Mädchen.
II. Bei der Rektion fordert das Kernwort eine bestimmte Kasusform des abhängigen
Wortes (mit oder ohne Präposition). Zum Unterschied von Kongruenz wird die Rektion
durch die lexische Bedeutung des Kernwortes bestimmt.
dem Freund helfen (D), des Erfolges sicher (G), Sehnsucht nach seinem verlorenen Glück.
III. Die Anschließung ist die Anknüpfung der abhängigen Konstituente an den Kern ohne
Benutzung eines morphologischen Kennzeichens. Die Anschließung ist ein Verhältnis, bei
dem:

61
a) ein Wort der Wortfügung unflektierbar ist:
laut sprechen, langsam gehen, sehr laut, fast ruhig.
b) eine Präpositionalgruppe frei angeknüpft wird:
Die Blumen in der Vase, keiner von den Schülern, Rot vor Scham, in der Bibliothek
arbeiten.
Bei der Anschließung wird die Unterordnung durch Kontaktstellung und Intonation
ausgedrückt.
Durch Anschließung verbindet man Adverbien mit den Verben
Adjektiven, Partizipien, anderen Adverbien; präpositionale Wendungen mit Verben,
Adjektiven, Partizipien, Pronomen, Numeralien, Substantiven; Infinitive mit Verben,
Adjektiven, Substantiven, Partizipien mit Verben
Die Mittel, die die syntaktischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen und die Wörter
zu einem Wortgefüge organisieren, sind:
- Flexionen und Artikel des Rates bedürfen
- Präpositionen an einem Problem arbeiten
- Wortstellung sehr wichtig
- Intonation
Nach der Zugehörigkeit des Kernwortes zu einer Wortart werden Wortgefüge in
folgenden Hauptarten eingeteilt:
1 Verbale Wortgefüge mit einem Verb als Kernwort.
dem Sinn entsprechen langsam gehen. zu studieren beginnen Vorgebeugt sitzen
2.Substantivische Wortgefüge mit einem Substantiv als Kernwort.
Schöne Städte, das schlafende Kind, die vierte Stunde, die Besprechung der Films, der
Wille zu kämpfen, das Zimmer oben, einige Menschen, ein Glas Wasser

3. Adjektivische Wortgefüge
dem Vater ähnlich, des Lobes würdig, den Preis wert, stolz auf die Leistungen, bereit zu
helfen
4. Adverbiale Wortgefüge
gestern Abend

62
5. Pronominale WF
nichts Neues

Vorlesung 9. Der komplexe Satz . Texttheorie

1. Der komplexe Satz: Parataxe und Hypotaxe

Der komplexe Satz ist ein syntaktisches Gebilde, das aus zumindest zwei
miteinander verknüpften finiten Konstruktionen besteht.
In der traditionellen Syntax werden die Bestandteile eines komplexen Satzes als
Sätze eingesehen. Diese Auffassung kommt deutlich in solchen Termini wie Satzreihe,
Satzverbindung, Satzgefüge, Hauptsatz zum Ausdruck. Seit einigen Jahren werden von
den Syntaxforschern mehrere Bezeichnungen für die Konstituenten des komplexes Satzes
vorgeschlagen: Subjekt-Prädikat-Struktur (Moskalskaja), Grundstruktur (Helbig, Buscha),
Teilsatz (Brinkmann, Duden-Grammatik). In der Russistik werden seit einigen Jahren die
Konstituenten des komplexen Satzes mit den Terminus Satzteil genannt. Statt der Termini
Satzreihe, Satzgefüge verwendet man Termini parataktischer Satz und hypotaktischer
Satz In diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen, dass man jetzt zur Bezeichnung der
abhängigen Satzteile den Terminus Gliedsatz gebraucht.
Der komplexe Satz dient dazu, die durch seine Konstituenten benannten Situationen
als zusammenhängend darzustellen. Der Inhalt der Beziehungen zwischen diesen
Situationen wird durch die Verbindungsmittel gekennzeichnet oder ist aus dem
Sinnzusammenhang zu erschließen. Mehrere Beziehungsbedeutungen können sowohl bei
parataktischer als auch bei hypotaktischer Verbindung der Satzteile ausgedrückt werden.
Das gilt für temporale, kausale, konsekutive, konzessive und modale Bedeutungen.
Traditionell unterscheidet man koordinative Verbindung der gleichrangigen
Konstituenten (Parataxe) und subordinative Verbindung der ungleichrangigen

63
Konstituenten (Hypotaxe). In beiden Fällen wird zwischen der eingeleiteten und der
nichteingeleiteten Verbindung unterschieden.
Der komplexe Satz dient dazu, die durch seine Konstituenten benannten Situationen
als zusammen hängend darzustellen. Der Inhalt der Beziehungen zwischen diesen
Situationen wird durch die Verbindungsmittel gekennzeichnet oder ist aus dem Situation zu
erschließen. Mehrere Beziehungsbedeutungen können sowie bei parataktischer als auch bei
hypotaktischer Verbindung er Satzteile ausgedrückt werden. Das gilt für temporale,
kausale, konsekutive, konzessive und modale Bedeutungen.
Traditionell unterscheidet man koordinative Verknüpfung der gleichrangigen
Konstituenten (Parataxe) und subordinative Verknüpfung der ungleichrangigen
Konstituenten (Hypotaxe). In beiden Fällen wird zwischen der eingeleiteten und der
nichteingeleiteten Verknüpfung unterschieden.
Ein parataktischer Satz besteht aus gleichrangigen Satzteilen. Es gibt zwei
Unterarten der koordinativen Verbindung: das Asyndeton, d.h. konjunktionslose
Verbindung und das Syndeton, d.h. konjunktionale Verbindung. Zum Syndeton wird
traditionell nicht nur die Verbindung mit Hilfe der Konjunktionen, sondern auch die
Verbindung mittels Konjunktionaladverbien gerechnet.
Vgl. Wir konnten aufs Land nicht fahren, es regnete stark
Wir konnten aufs Land nicht fahren, denn es regnete stark
Es regnete stark, deshalb konnten wir aufs Land nicht fahren.
Einige Syntaktiker betrachten die Verknüpfung mittels Konjunktionaladverbien als
eine selbständige Verfahrensweise und nennen sie quasikoordinative Verbindung.
Als eine besondere Unterart der Parataxe ist der zusammengezogene Satz anzusehen.
Das ist ein Satz, dessen Satzteile ein gemeinsames Element besitzen, z.B.:
Er studiert in Jena, seine Schwester in Berlin.
Als Hypotaxe wird traditionell ein syntaktisches Gebilde angesehen, dessen
Konstituenten miteinander subordinativ verbunden sind:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.

64
Die Mittel des Ausdrucks von subordinativen Beziehungen sind die einleitenden
Konjunktionen und Relativpronomen, spezifische Wortfolge mit dem finiten Verb an letzter
Stelle im Gliedsatz, progrediente Satzintonation
Die abhängigen Teile des Satzgefüges werden traditionell unter drei Blickwinkel
klassifiziert:
1. Nach der Art der Verbindung mit dem übergeordneten Satzteil unterscheidet man
uneingeleitete und eingeleitete abhängige Satzteile.
2. Nach der Art der Einleitung unterscheidet man Konjunktionalsätze, Relativsätze,
indirekte Fragesätze. Neben den finiten Konstruktionen werden als abhängige Satzteile
noch satzwertige Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen angesehen.
3. nach der Stellung des abhängigen Satzteils in Bezug auf den übergeordneten Satzteil des
Satzgefüges werden Vorder-, Zwischen- und Nachsätze auseinander gehalten.
4. Bei der semantischen Klassifikation wird der Inhalt der Beziehungsbedeutung
berücksichtigt, anders gesagt, die semantisch-syntaktische Funktion des abhängigen
Satzteils in Bezug auf den übergeordneten Satzteil im Satzgefüge. Hier unterscheidet man
Subjekt-, Prädikativ-, Objekt- und verschiedenartige Adverbialsätze.

2. Allgemeine Charakteristik des Textes

Bekanntermaßen gelangte die Linguistik von den kleineren zu den größeren


Einheiten (vom Laut zum Wort zum Satz). Den Übergang zur Textgrammatik markierte die
Erweiterung des Inventars sprachlicher Einheiten um den „Text“ als Grundeinheit der
menschlichen Kommunikation.
Eine der ersten kohärenten Darstellungen der Textgrammatik des Deutschen stammt
von Moskalskaja, die den Text als linguistisches Superzeichen interpretiert, das in der
menschlichen Kommunikation verwurzelt ist. Jeder Text ist eine mehr oder weniger
komplexe Äußerung über die Wirklichkeit. Der Wirklichkeitsbezug eines Textes (seine
Aktualisierung) determiniert seine inhaltliche, kommunikative und strukturelle
Ganzheitlichkeit (Kohärenz), seine temporale, lokale und modale Charakteristik. Der

65
Wirklichkeitsbezug eines Textes regelt seine Produktion und Rezeption und sichert das
beiderseitige Verstehen
Die weitere textgrammatische Forschung betont den intentionalen Aspekt des Textes
im Sinne einer kommunikativ orientierten Textlinguistik. Unter dem Text versteht man eine
komplexe sprachliche Handlung, die eine bestimmte kommunikative Beziehung zwischen
den Kommunikationspartnern herstellt und sich auf interpersonale, situative und andere
pragmalinguistische Faktoren stützt. In Anlehnung an die Sprechakt-Typologie
unterscheidet etwa Brinker verschiedene Textfunktionen, z. B. die Informationsfunktion,
die Appellfunktion, die Obligationsfunktion, die Kontaktfunktion, die
Deklarationsfunktion. Der integrative Textbegriff der modernen Textlinguistik ermöglicht
es, den Text als eine sprachliche und zugleich als eine kommunikative Einheit zu
beschreiben: „Der Terminus ‘Text’ bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen
Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare Funktion signalisiert.“

3. Textklassifikation

Der Text ist eine inhaltliche, kommunikative und strukturelle Ganzheit. Dem
Umfang nach unterscheidet man einen Einworttext, Einsatztext und einen mehrsätzigen
Text.

Um das ganze Redewerk und seine semantisch-strukturellen Bestandteile


auseinander zu halten, benutzt man für das Redewerk die Bezeichnungen: Makrotext,
Ganztext, Großtext. Mit diesen Termini bezeichnet man den Gesamttext von einem
beliebigen Umfang und funktionalen Stil. Und für seine Bestandteile, also für eine
Satzfolge oder einen Satzgemeinschaft, die innerhalb eines Gesamttextes als Satzgrenzen
überschreitende (transphrastische) syntaktische Einheit ausgegliedert werden kann,
gebraucht man die Bezeichnungen: Mikrotext, Teiltext, Kleintext. Der Mikro- und
Makrotext sind Grundeinheiten und Forschungsobjekte der Textlinguistik. Der Umfang
eines Mikrotextes kann verschieden sein. Die untere Grenze bildet Ein-Satz-Text. Die
obere grenze des Mikrotextes ist der monothematische Absatz. Da ein Absatz aber auch
polythematisch sein kann, sind text und Absatz nicht gleichzusetzen.

66
Man unterscheidet geschriebene und gesprochene Texte. Die mündlichen Texte
lassen sich analysieren, nur wenn sie fixiert sind (z.B. Aufnahme). Nach der
Mitteilungsabsicht kann eine lange Reihe von Textsorten unterschieden werden, z.B.:
Vorschrift, Anweisung, Bekanntmachung, Telegramm, Brief… Teilweise decken sich diese
Texte mit den Funktionalstilen. Doch ist die Zahl der Textsorten viel größer als die der
Stile. Jede Textsorte verlangt eine bestimmte sprachliche Ausformung. Einige Textsorte
reihen sich schwer in irgendwelchen Funktionalstil ein (z.B. Roman in Briefen)
Die Sprechsituation wirkt auch auf die Gestaltung der Texte. Je nach dem
Vorhandensein der Gesprächspartner unterscheidet man partnerbezogene (Gespräch,
Prüfung, Verhör), nicht partnerbezogene (Monolog) und scheinbar partnerbezogene
Texte (Fernsehen, Radio, Internet)

5. Mittel der Satzverflechtung im Text

In einem Ganz- oder Teiltext sind die Sätze inhaltlich und formell mit- und
untereinander verflochten. In der Verbindung der Sätze sind zwei Richtungen möglich: die
vorverweisende Richtung, die aufs folgende hinweist und das Erscheinen irgendwelcher
Aussageelemente vorbereitet. Solche Verbindung heißt die Katapher. Die
rückverweisende Verbindung, welche etwas schon Erwähntes aufnimmt und auf das
Vorhergesagte hinweist, d.h. die Anapher. Kataphorische Mittel stehen in der Regel am
Anfang des Textes, anaphorische – am Schluss. Mitten im Text sind beide Richtungen
möglich. Der unbestimmte Artikel ist ein kataphorisches Mittel. Solche Wörter, wie
„erstens“ gehören auch dazu. Die Wörter „also“, „folglich“ sind anaphorische Hinweise,
weil sie Schlussfolgerungen aufgrund des Vorhergesagten einleiten. Pronominaladverbien
können beide Richtungen einweisen, z.B.:

Ich habe erfahren, dass der Zug zwei Stunden Verspätung hatte. Damit (Anapher)
habe ich nicht gerechnet.

Ich habe damit (Katapher) nicht gerechnet, dass der Zug zwei Stunden Verspätung
hatte.

67
Lexikalisch-syntaktische Mittel der Satzverflechtung sind Pronomen,
Pronominaladverbien (davon), Konjunktionen, Partikeln, Fragewörter, Adverbien
(folgenderweise, im Folgenden) Zahlwörter (erstens…), Wiederholungen (wörtliche,
synonymische und Paraphrasen), Ellipsen, Wortfolge, der syntaktische Parallelismus.

Die grammatischen Charakteristiken eines Gesamttextes:


1. einheitliche temporale Struktur. So überwiegen in einem erzählenden Text das
Präteritum und das von ihm abhängige Plusquamperfekt (die Erzähltempora).
2. die temporal-lokale Achse des Textes. Die Begebenheiten, von denen es sich im Text
handelt, sind zeitlich und lokal situiert. Sie verlaufen in einer bestimmten Zeit und an
einem bestimmten Ort und sind auch innerlich zeitlich gegliedert.
3. einheitliche modale Struktur. Viele Texte haben als ihre modale Dominante oder den
modalen Schlüssel die Modalität der Realität. Der modale Schlüssel der Irrealität liegt
manchmal einem lyrischen Gedicht zugrunde. Im künstlerischen Text wechselt der modale
Schlüssel des Textes beim Übergang von der Erzählung des Autors zu den Äußerungen
Figuren von einer Modalität zu einer anderen hinüber.
4. die referenzielle Struktur. Gemeint ist der Gebrauch von dem Artikel, Artikelwörtern,
Pronomina (er, ihn, sie), die ein vorerwähntes Substantiv ersetzen.
5. die Arten der Rededarstellung (direkte, indirekte, erlebte Rede, innerer Monolog).
6. Distanzverbindung und Nachbarbindung der Textteile durch Pronominaladverbien und
Konjunktionen.

68
Literaturverzeichnis
1. Абрамов Б. А. Теоретическая грамматика немецкого языка. М., 2001
2. Admoni W. G. Der deutsche Sprachbau. 4.Aufl. – Moskwa, 1986
3. Duden – Grammatik. 6. Auflage. Dudenverlag Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich, 1998
4. Engel U. Deutsche Grammatik. Heidelberg, 1988
5. Gulyga E. W., Nathanson M. D. Syntax der deutschen Gegenwartssprache. Moskwa-
Leningrad, 1966
6. Moskalskaja O. I. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Moskwa, 1975

69
Учебное издание

Конспект лекций по теоретической грамматике немецкого языка

Учебное пособие для студентов III курса специальности


«Иностранный язык с дополнительной специальностью
«Иностранный язык»

Подписано в печать Формат 112 x 180. Усл. печ. л. 3.


Тираж 10 экз.

70