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итературный глуб Günther WEISEIIBORH СОВЕРШЕНСТВУЕМ НЕМЕЦКИЙ

итературный

глуб

Günther WEISEIIBORH

СОВЕРШЕНСТВУЕМ НЕМЕЦКИЙ

Гю нтер

ИЙЗИИИ1

П р есл едовател ь

З а п и с а н

о Д а н и е л е м

Б р е н д е л е м

ь З а п и с а н о Д а н и е л е

Москва

«ЦИТАДЕЛЬ»

2002

Günther

иивим

D e r V erfo lg er

Die Niederschrift des Daniel Brendel

Moskau

«TSITADEL»

УДК 82/89

ББК 84(4Г)

В14

Автор предисловия, комментария и сносок канд. филол. наук, профессор М . С. Б убнова

Художник В . Я . М ирош ниченко

В14

Вайзенборн Гюнтер

Преследователь.

(На немецком языке). — М.:

Цитадель, 2002. — 256 с.

Преступник должен понести наказание. Однако имеет ли право человек, ставший в свое время жертвой доноса и спустя годы не нашедший справедливости у равнодушного и скрывающего свое преступное прошлое правосудия, самолич­ но осуществить возмездие? Проблема совести и отмщения за гибель товарищ ей, за собственную разрушенную жизнь, рассматриваемая в многослойной временнбй канве прошлого и настоящего —основная тема увлекательного, написанного в форме дневника, психологического романа немецкого писате­ ля Гюнтера Вайзеиборна «Преследователь». Книга предназначена для широкого круга читателей, вла­ деющих немецким языком, для студентов языковых вузов, а также для лиц, самостоятельно изучающих немецкий язык.

Inhalt

К

чи т а т елю

6

G

ü n th er W eisen b o m

7

1

Drei Uhr m orgens

9

2

Drei Uhr fünf M inuten

18

3

Drei

Uhr

zehn

27

4

Drei Uhr fünfzehn

70

5

Drei Uhr zwanzig

93

6

Drei Uhr fünfundzwanzig

120

7

Drei Uhr dreißig

145

8

Drei Uhr vierzig

165

9

Drei Uhr

fünfzig

194

10

Vier Uhr eine M inute

219

K

om m entar

244

К ч и т а т ел ю

Данная серия книг, издаваемая в нашем «Литературном клубе», рассчитана на широкий круг читателей, которые изучают немецкий язык, и тех, кто им уже владеет. Нашим читателям предоставляется возможность позна­ комиться с художественными произведениями известных писателей Германии, Австрии и Швейцарии. Ко всем произведениям прилагаются комментарии язы­ кового и культорологического характера. Все это, а также разнообразие жанров, форм и стилей произведений помо­ гут нашим читателям приобщиться к богатейшему миру ли­ тературы на немецком языке. Предлагаемые произведения данной серии могут быть рекомендованы для студентов филологических вузов и фа­ культетов, для студентов, изучающих иностранный язык в неязыковых вузах, а также для всех тех, кто интересуется немецкой культурой и хочет познакомиться с немецкой ли­ тературой в подлиннике.

ПАБЛИК В КОНТАКТЕ:

G ünther

W eisenbom

( 1902- 1969)

Der bedeutende deutsche Schriftsteller Günther Weisenborn wurde 1902 im Ruhrgebiet geboren. Nach dem Schulabschluss studiert er Medizin, Philosophie und Germanistik an den Universitäten in Bonn, Köln und Berlin. Den ersten literarischen Erfolg erlebt er 1928 bei der Uraufführung im Berliner Theater «Volksbühne» seines ersten Dramas «U-Boot S 4», welches den Krieg anklagt und zur Vernunft aufruft. 1930 geht Weisenbom nach Argentinien, nach seiner Heimkehr 1931 nimmt er am literarischen Leben in Deutschland aktiev teil. Einen besonderen Einfluss auf sein Schaffen sowie auf seine politischen Ansichten übt die Feundschaft mit Bertold Brecht aus, mit dem zusammen er an der Inszenierung von Gorkis «Die Mutter» arbeitet. In seinen früheren Werken, in welchen wie Bertold Brecht der Autor zur symbolischen Verallgemeinerung neigt, verflicht sich das Phantastische mit dem Philosophischen zusammen. Nach Hitlers Machtantritt werden die Bücher Weisenborns Opfer des faschistischen Ungeistes; sie verbrennen mit den Werken der humanistischen Literatur, zu der sich der Schriftsteller zeitlebens bekennt. Für eine kurze Zeit verreist Weisenbom nach Lateinamerika, wirkt in New Jork als Reporter, kommt aber nach Deutschland zurück. Sein Drama «Die Neuberin» und die poetische Liebesgeschichte «Das Mädchen von Fanö», beide 1935 unter Pseudonym veröffendicht, werden berühmt. 1937 erscheinen das Drama «Die guten Freunde» über den Kampf des berühmten Robert Koch um seine wissenschaftliche Entdeckung, und der Roman «Die Furie», welcher von seinen lateinamerikanischen Eindrücken geprägt ist. Gefahr und Heimtücke, Geheimnis und Brutalität, die auf einen Menschen sowohl im Dickicht des Dschungels als auch auf den feinen Gesellschaft lauem, bestimmen die gespannte Atmosphäre des Romans.

7

1937 kommt Weisenborn nach Berlin, wo er Mitglied der Widerstandsgruppe «Rote Kapelle» wird und in der Illegalität kämpft. 1942 wird er wegen «Hochverrarts» zum Tode verurteilt, überlebt nur durch einen Zufall und wird 1945 aus dem Gefängnis Luckau von den Soldaten der Sowjetarmee befreit. Nach Berlin zurückgekommen widmet er sich der Erneuerung der deutschen Literatur. 1946 erscheint das vom Schriftsteller im Gefängnis verfasste Drama «Babel», das in vielen Theatern der Welt aufgefuhrt wird. Das Drama «Die Illegalen» (1945) und das literarischeTagebuch «Memorial» (1947) sind von Weisenboms Erlebnissen in der Nazizeit geprägt und mit dem Willen niedergeschrieben. Seit 1951 lebt und schafft der Schriftsteller in Hamburg. Hier organisiert er die «Lektürenbühne», eine Art Experimentaltheater, und das ständige Seminar für Dramatiker «Dramaturgisches Kollegium», wo die Aufgaben des modernen Theaters im Mittelpukt der Diskussionen stehen. 1956 entstehen seine bedeutenden sozialpolitischen Romane «Der dritte Blick» und «Auf Sand gebaut». Der letzte Roman «Der Verfolger» (1961) wird in Paris preisgekrönt. Der Hauptheld Daniel Brendel, der Verfolger, Mitglied der Widerstandsgruppe «Die silberne Sechs» wurde zum Tode verurteilt und überlebte wie einmal auch Weisenborn selbst nur durch einen Zufall. Der Autor läßt den Leser an der Verfolgung des einstigen Denunzianten Päul Riedel teilnehmem. Wie viele andere Werke von W eisenborn ist der Roman meisterhaft gestaltet. Die Rückblende —die Verflechtung von Erinnerung und Gegenwart bilden seine gespannte Komposition. Günther Weisenborn starb im März 1969 in Hamburg. Bis heute aber reißen seine Werke den Leser hin, sie werden mit großem Interesse gelesen, was mit der Äußerung des Autors selbst in einem seiner Interviews zu erklären wäre: «Ich glaube, dass ein Schriftsteller nicht die wirtschaftliche Lage der Menschheit verändern kann. Aber er kann etwas tun, was mich immer mehr beschäftigt gegenwärtig: die Arbeit an den Gehirnen, den Denkweisen. Der Weltfrieden wird durch denkende Gehirne gesichert, wenn sie die Massen erreichen.»

1 D R E I U H R M O R G E N S
1 D R E I U H R M O R G E N S

1

D R E I

U H R

M O R G E N S

D rei Uhr. Er muß jeden Augenblick kommen. Er wird quer über die Straße gehen. Ich werde

den Gang einschalten und scharf anfahren. Dann gebe ich Vollgas, und er liegt unter den Rädern. Sie

werden es einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang und Fahrerflucht nennen. Seit Wochen stehe ich jede Nacht hier und

beobachte ihn. Gestern habe ich mir den Wagen besorgt. Er ist zwanzig Zentner schwer. Wenn ich zu spät starte, fasse ich ihn vielleicht nur halb. Ich muß ihn frontal bekommen. Er muß mir aufrecht vor den Kühler. Es tut gut, die kalte Nachtluft zu atmen. Ich bin nicht erregt. Im Gegenteil, meine Gedanken sind kalt und klar. Ich liebe diese kühle Drei-Uhr-

in den leeren Straßen der

morgens-Stim m ung

großen Städte. Wenn er mit dem Taxi in die Straße einbiegt, werde ich den Motor starten, den man im Leerlauf kaum hört. Er wird ein wenig angetrunken sein, er wird wie immer schweigend das Taxi bezahlen, das dann davonfährt. Ich habe das oft beobachtet. Er wird wie immer an den gelben Zigarettenautomaten treten

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und eine Packung ziehen. Dann wird er ein wenig pfeifen und die Straße überqueren, ziemlich lang­ sam übrigens. Es fangt an zu regnen, ein wenig nur. Ausge­

zeichnet. Das macht

cher Im Krieg hatte ich den Mann aus den Augen verloren. Aber dann sah ich ihn eines Mittags in den Wartesaal treten. Die Sonnenstrahlen warfen durch die gelben Fenster ein aprikosenfarbenes Licht auf die vielen Tische, an denen vorüber er langsam näher kam. Ich erkannte ihn sofort. Er hatte sich herausgemacht*, er sah gepflegt aus. Ich versteckte mich hinter meiner Zeitung, als er an meinem Tisch vorbeikam. Er sah mich nicht. Er ging davon. Ich ließ die Zeitung langsam sinken und folgte ihm unauffällig mit den Augen. Sein Haar war ein wenig grau geworden. Aber er hatte noch denselben weichen, trägen Gang wie damals. Gelassen, wie einer jener freundlichen Onkel, die für die Kleinen Bonbons1in der Tasche tragen, so schlenderte er durch den Wartesaal. Die runde blasenartige Stirn, die Lachfaltchen um die Augen, die auffallend korallenroten Lippen unter dem blonden Schnurrbärtchen; er war es, und nichts an ihm hätte auf den ehemaligen Spitzel der Gestapo schließen lassen. Ein freundlicher H err verließ den Wartesaal, wohlgenährt und gut gestimmt. Ich zahlte rasch und folgte ihm heimlich. In der Schalterhalle kaufte er eine Zeitung. Vor dem Bahnhof stieg er in einen Autobus. Ich folgte ihm

den Unfall w ahrscheinli­

1 B onbons [ЪоЬб:] frz.

10

mit einem Taxi. In einer Straße der Stadtmitte stieg er aus und betrat das Haus Nummer 66. Er ver­ schwand in der Pension “Elvira” im dritten Stock, er hatte den Schlüssel. Man hörte das wiehernde Gelächter zweier Frauen, das bei seinem Eintritt erstarb. Hier also wohnte er. Am nächsten Abend saß ich in einer kleinen Kneipe, von der aus man durch die Fensterscheibe das Haus Nummer 66 beobachten konnte. Es war schon dunkel, als er das Haus verließ. Ich sah ihn unter der Laterne Vorbeigehen, sein heller Re­ genmantel verriet ihn. Ich richtete es so ein, daß ich ihm begegnete. Ich hielt eine Zigarette in der Hand, als er an mir Vorbeigehen wollte, und sagte:

“Entschuldigen Sie, haben Sie Feuer?” Er stand einen Augenblick unschlüssig, holte mit einigem Zögern aus der Manteltasche Zündhölzer und brannte eins an. Ich bediente mich und blickte ihn an. Ich blickte ihn lächelnd an, denn ich wollte auf keinen Fall seinen Argwohn erregen. “Danke sehr. Ach, sagen Sie, kennen wir uns nicht?”

“Wir?

Wieso?”

Ja, das war sie, das war seine Stimme, die ich nie vergessen habe, jene Stimme mit den melodiösen Vokalen.

hörte ich

meine helle Stimme antworten, so in der Art der guten, alten Schlag-auf-die-Schulter-Kameraderie*.

“Ich? Nee, ich kenne Sie nicht.” Ich erwiderte ein wenig zögernd, als suchte ich unter alten Freunden herum, lauter feinen, groß­

“Sie kommen mir so bekannt vor

”,

11

artigen Burschen, mit denen man irgendwann herrliche Zeiten gehabt hat.

“Warten Sie m al

”,

und dann sagte ich auf­

atmend: “Achja

Satz direkt in die Augen. “Du bist doch Paul, Paul Riedel!” Sein Gesicht veränderte sich kaum. Nur seine Lippen wölbten sich ein wenig zum korallenroten Ring. Wie ich diese Reaktion von ihm kannte, diesen kleinen roten Ring unter dem Schnurrbärtchen, als sauge er. Er gab sich geradezu wundervoll erstaunt:

“Wer soll ich sein?” “Päul Riedel, natürlich! Paul, alter Junge!” Aber dieser fröhliche Anruf, dieser falsche Gemütston, diese gerissene Verführung zur Herz­ lichkeit, die ich ihm anbot, warnten ihn. Sein Gesicht verschloß sich. “Das muß ein Irrtum sein.” Und nun ging ich aufs Ganze. Es war gegen sieben Uhr abends, die Straßen waren belebt, die Rolläden schlossen sich rasselnd, die Autos glitten vorbei, und Scheinwerferlichter beleuchteten uns beide, als ich wieder einen Schritt näher trat und direkt vor ihm stand. “Ein Irrtum? Nein. Sieh mir doch mal genau in die Augen, Paul.” Und auf einmal erkannte er mich. Es war, als habe er sich mit einem Stück Zucker auf der offenen Hand einem Pferdemaul genähert und plötzlich entdeckt, daß er das Gebiß eines Tigers vor sich hatte. Er stieß hervor: “Sie sind ja betrunken, Mann!”, und rannte davon.

”,

und dann schoß ich ihm meinen

12

Und ich lachte, lachte laut. Ich war wie erlöst. Ich hatte ihn gestellt. Ich ging sofort zur Pension “Elvira”. Dort öffnete mir eine breitschultrige Wirtin, graugelockt, mit einem gelben Gänsehals und zwei Vogelaugen darüber.

ich meine, ist

Herr Riedel schon weg? Ich sollte ihn abholen ” Ihr Gesicht lief auseinander, und die Andeutung eines Lächelns erschien darin, fühlte sich jedoch anscheinend nicht wohl dort, quälte sich ein biß­ chen herum und verdrückte sich still. “Da haben Sie aber Pech,junger Mann. Er ist vor fünf Minuten gegangen.” “Das ist aber schade. Wo kann ich ihn wohl erreichen?” “In der ,Ascona-Bar’ natürlich.” “Hoffentlich hat er mein Buch nicht vergessen.” “Was für ein Buch?” “Ach, es ist ein großes Photobuch, wissen Sie. Ich

hätte es gern mitgenommen.” Das Mißtrauen steinhart gewordener Vermie­ terinnen blieb ihr in den Augen, als sie sagte:

“Kommen Sie mit.” Sein Zimmer war klein und kahl, als wohnte darin ein Unteroffizier der Musik1. Ein Klavier stand offen. Gelbe Tasten. Noten lagen herum. Jazz*

“Ach, entschuldigen Sie, ist Paul

Kalypso*

Die sieben T odsünden2

C harlie

Parker*

1ein

U nteroffizier der M usik -

kein großer Künstler.

- D ie sieben T odsünden -

ein Schlager.

13

Ein kleiner, brauner Dickbauchbuddha* nickte eifrig vor sich hin. Über dem nüchternen Bett hing ein bunter Kunstdruck hinter Glas, die büßende Magdalena*. Nichts fand sich hier, was diesen Mann von anderen Untermietern unterschieden hätte. Er hatte sich hinter eine Verwechselbarkeit, die ihn unpersönlich machte, versteckt. Es war ein Zimmer, gewohnt, Haussuchungen zu erwarten. “Hier ist kein Photoalbum.” Die Dame fingerte mit gewohnter Sicherheit herum. Sie kannte sich genau aus in den Sachen des Abwesenden. Sie hatte große, harte Finger, gewohnt, Barzahlung erwar­ tend auf den Tisch zu trommeln. “Dann hat er es also doch mitgenommen.” “Scheint so, Herr ?” “Brendel.” “Brendel.” “Ja, ein alter Freund von Paul, von H errn Riedel, aus der Zeit vor dem Krieg.” “Ah so.” Elvira versuchte zerstreut ein zweites Lächeln, das eine Reihe gelbbrauner Stockzähne entblößte. Ich verabschiedete mich. Ich hatte genug gese­ hen. In der nächsten Kneipe blätterte ich im Telefonbuch nach der Adresse der “Ascona-Bar” Später, am gleichen Abend saß ich in einem Winkel der Bar und beobachtete bei einem “Cam­ pari”1 den Klavierspieler. Er hatte denselben Anschlag. Es war die alte, hyazinthensüße Ein­

1 d er C am pari - ein Bitterlikör, benannt nach der Firma D. Campari, Mailand.

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samkeit des verkannten Schmock-Pianisten*, der “sich das Herz aus dem Leibe” zu spielen pflegt. Beachten Sie, werte Gäste, die geschlossenen Augen des Künstlers, die gelassene Trance1, das Pedal, das Glissando12. Hören Sie, seine Seele wird Melodie, um Sie für nur einen Kognak-Soda3zu erfreuen. Immer dieselben schmierigen Tricks4, und doch hörte ich immer wieder die Hand des geborenen Musikers heraus. Klingelnder Kitsch für die Primitiven, bewußte Sentimentalität und allerlei Pedaleffekte. Aber in sein gerissenes Vorstadtgeklimper mischte sich gelegentlich ein goldener Akkord. Er spielte m it Synkopen3, variierte, verschob den Satz, transponierte mit federleichter Hand und glitt vom Cha-cha-cha* in den Blues*, ein glänzender Artist. Manchmal sah ich dort am Flügel jenen Mann von einst vor mir, den jungen begabten Freund vergangener Tage, ein wenig dicklich schon damals, ein wenig zynisch, Schach spielend und bei schwierigen Zügen die Lippen zu einem koral­ lenroten Ring zusammenziehend. Damals hoffte er auf eine große Künstlerkarriere. Dann wieder sah ich ihn so vor mir, wie er später war, den weich- beinigen Denunzianten, den Spitzel, bei dessen

1 d ie Trance [Trä:sa] —ein dem hypnotischen Schlaf ähnlicher Dämmerzustand.

-d a s G lissand o ital. - gleitend (in der Musik).

:!K ognak-Soda [kjnjak

4 d ieselb en schm ierigen Tricks - Kniffe, Kunstgriffe.

]

frz.

’d ie Synkope - rhythmische Verlagerung auf den unbetonten Taktteil durch Herüberbinden des gleichen Tones.

15

Anblick uns der Atem stehenblieb. Er hatte einst einen Friedhof mit Gräbern gefüllt und spielte heute Klavier in der “Ascona-Bar” Die Kellner eilten, die Gläser klirrten, rundum lachten die Gäste. Einige Paare tanzten. Der Rauch zog opalfarbene Fahnen an den indirektes Licht gebenden Milchglasscheiben entlang. Sektpfropfen zischten diskret, hier eine goldblond flirrende Modefrisur auf einem weißen zwinkernden Gänse­ köpfchen, dort ein rosa Busen auf grünem Taft, viel lebenslustiges Fleisch überall, als gehe es zum Ausverkauf vor dem Alter, dazu dicke Männer mit genormten Industriegesichtern, die ihre Puppen unsicher betasten, röhrende Gelächterecken, die Winkel besät mit blinkenden Brillen, Geflüster und Wollust und Kalkül, Stimmengewirr, Gelächter. Ich verschwand ungesehen. Auf dem Heimweg blieb ich vor einer blühenden Jasminhecke stehen, atmete ihren Duft tief ein und kostete die Situation aus. Er war gefunden. Die Suche hatte Jahre gedauert. Jetzt endlich begann die Verfolgung, und ich war der Verfolger. Er sollte wissen, daß ich da war, ein Überlebender, der ihm jeden Augenblick begegnen konnte. Er wußte nicht, wo ich war. Ich hatte einen Vorteil. Ich war ungreifbar für ihn. Ich war irgendwo. Vielleicht würde er umziehen, aber ich würde ihm auf den Fersen bleiben. Ich kannte ihn. Von heute an würde er in Angst leben. Er wußte zu genau, wer ich war. Es gibt eine Art von Fachleuten der Feindschaft, die fürchterlicher sind als alle Gelegenheitsfeinde.

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Es sind die früheren Freunde, die jene Chancen für einen Herzschuß genauer kennen als Fremde, jene schwachen Punkte, die jeder von uns so gern vor den anderen verbirgt, ob es nun ein Meineid ist, eine Denunziation bei der Gestapo oder sonst eine Leiche im Keller, wie sie in unruhigen Zeiten häufig sind. Übrigens war es nichts Persönliches, was uns damals zu Feinden gemacht hatte, nichts Persön­ liches. Es war die “Silberne Sechs”

2 D R E I U H R F Ü N F M IN U

2

D R E I

U H R

F Ü N F

M IN U T E N

D amals wußte ich noch nicht, daß ich ihn töten würde. Dieses Ende war nicht vorauszusehen

bei all den

machen mußte, dieses Ende, bei dem ich hier am Steuer eines schweren Autos in der Nacht sitze, um jenen Mann niederzufahren, ihn physisch zu ver­ nichten. Es war in der Tat einiges geschehen, bis ich dazu kam, ihm aufzulauern, mitten unter den Schaufensterfrönten der großen Stadt, den taghell erleuchteten Glasgalerien des Handels, und doch war es ein wenig so wie im Urwald, wo hinter dichtem Blattgrün verborgen ein Mann mit glän­ zenden Augen auf das Nahen eines anderen Man­ nes lauert, dem er dann mit aller Kraft die Lanze durch den nackten Wanst schleudert, so daß sie blutum sprudelt neben dem Rückgrat heraus­ blinkt. Ich hatte keine Lanze. Meine Waffe war eine zwanzig Zentner schwere Limousine*, aber sie würde genauso tödlich wirken. Damals, als ich jen en Paul Riedel ausfindig gemacht hatte, ging ich zum Rechtsanwalt M., den man mir empfohlen hatte. Er war ein angesehener Strafverteidiger, ein Mann mit einem mondrunden Gesicht, in dem durch eine schwere Brille eisblaue

unheim lichen Erfahrungen, die ich

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Augen funkelten. Rotblonder Flaum bedeckte den mächtigen Schädel, ein dicker Mann, elegant, leichtfüßig und rasch auffassend. Diese Menschen haben Tuchfühlung mit* dem sogenannten prak­ tischen Leben. Sie kennen die Tricks und die Maschinerie des Erfolges. Sie können vertraulich sein und geschwätzig, milden Zephir1 im Mund haben und an anderem Ort einen Blizzard12 zwi­ schen den Zähnen. Sie können rotköpfig vor Empörung einen vergessenen Paragraphen aus dicken Gesetzbüchern herausfingern und ihn dröhnend auf den Richtertisch schmettern, sie können jenes erfolgreiche Maß von bedeutender Rede so bedeutend artikulieren und dann mit goethischer Aura* gelassen einen Freispruch for­ dern, daß geistig minderbemittelten Richtern der Kopf schwer wird. W ahrhaftig, ich bew undere diese Art von Menschen in ihrer vertrackten Unfehlbarkeit. Es sind immer die anderen, die verurteilt werden, die hinter G ittern bei den Korbflechtern landen3, während sie selber schon für den nächsten Fall Sanftmut und Zorn vorbereiten. Ich sagte ihm, ich wolle eine Strafanzeige er­ statten. Welcher Art? Eine politische Anklage.

1 der Z ephir dichter, veraltet - milder Wind.

2 d e r B lizzard ['blizot] engl. — in Nordamerika auftretender schwerer Schneesturm.

die

Korbflechter - schutzlose, resignierte Menschen.

3

b e i

d e n

K o r b fle c h te r n

la n d e n

,

-

19

So—? Gegen einen Denunzianten. Hier sei sie aufge­ schrieben.

“Ich, Daniel Brendel, Angestellter usw., wohn­

haft

den Barpianisten Paul Riedel, wohnhaft

tätig in der ,Ascona-Bar’, da und da, weil er die Krankenschwester Eva Lang, den M echaniker Walter Heinicke und verschiedene andere Mit­ glieder der W iderstandsgruppe »Silberne Sechs’, darunter den Unterzeichneten, bei der damaligen Gestapo, Abt. IVa*, denunziert hat.” Er las den Brief durch und hob den Kopf. “Ha­ ben Sie sich schon an die Staatsanw altschaft gewandt?” “Ja, man hat mir dort gesagt, ich solle Unter­ lagen beibringen. Das ist der Grund, warum ich zu Ihnen komme.” “Seit wann kannten Sie diesen Riedel?” “Es war im Krieg. Wir waren Musiker. Wir spiel­ ten in »Heines Festsälen’1. Unsere Kapelle hieß die ,Silberne Sechs’. Der Pianist war Paul Riedel. Wir hatten eine Schlagersängerin ”

usw., erstatte hierm it Strafanzeige gegen

usw.,

“Wie hieß sie?” “Eva Lang. Wir waren fünf Männer und sie.”

“Und die Sechs bedeutete also sechs Instru­ mente?”

“Ja, fünf Instrumente

und Eva. Ich meine ihre

Stimme.” “Und dieser Paul Riedel?”

1„Heines Festsäle“ - ein kleines Restaurant.

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“Ich sagte es schon, er war der Klavierspieler, Berufsmusiker.” “Und warum soll er Sie angezeigt haben, Herr Brendel, Sie und Ihre Freunde?” “Es lag politisch etwas gegen ihn vor. Er hatte Schwierigkeiten in der Familie. Sein Vater war wegen eines sogenannten Wirtschaftsverbrechens emigriert. Man hatte von Paul verlangt, daß er sich von seinem Vater öffentlich lossagen solle. Eines Tages hatte er uns unaufgefordert berichtet, daß er zur Gestapo bestellt worden sei und daß man dort von ihm Beweise für seine Gesinnung gefordert habe. Taten habe man von ihm verlangt.” “Was gab es denn anzuzeigen bei dieser Tanz­ kapelle .Silberne Sechs’?” “Sie hatte ein Geheimnis.” M. schluckte aus einer Silberschachtel eine Tablette, beugte sich vor und nahm die schwere Brille ab. Er starrte mich mit dem verschleierten Blick der Kurzsichtigen an, hinter dem ein hell­ sichtiger Verstand arbeitete. Mir fiel auf, daß in dem riesigen Schädel das Gesicht sehr klein wirkte. Nase und Mund saßen eng bei den Augen und waren von mächtigen Wölbungen umgeben, der rosa rasier­ ten Wamme, der riesigen Stirn und den dickfleischigen Backen. Dicht über dem winzigen Gesicht lagen drohend wie Balken die weizen­ blonden A ugenbrauen, buschig und zusam ­ mengewachsen. “Was war das für ein Geheimnis?” Ich sagte ihm, daß Pelle gleich im Anfang des Krieges Soldat geworden sei. Ich sagte ihm, daß Pelle bei einer Truppe war, die nach Polen einmar-

21

schiene, daß er dort gesehen habe, was Menschen in unserer Zeit mit Menschen treiben können, und daß ihn das, was er sah, entschieden verändert habe. In langen Lazarettnächten sei er sich später über verschiedenes klargeworden, zum Beispiel, daß die Menschen ihr Ziel, und sei es das schönste, nicht mit Untaten erreichen dürfen. Das sagte ich dem Rechtsanwalt, und ich erzählte ihm, daß Pelle damals zu uns zurückgekehrt war und uns von seinen schrecklichen Erlebnissen berichtet hatte. Und dann hatte er eines Nachts jenen Vorschlag gemacht. Ich unterrichtete den Rechtsanwalt von Pelles Vorschlag, der gewisse Flugblätter betraf. “Flug­ blätter?” “Ja.” “Aus Polen?” “Nein, eigene Arbeit.” “Soll das heißen, daß die »Silberne Sechs’ Flugblätter entworfen und vervielfältigt hat?” “Genau das. Wenn wir sonntagvormittags prob­ ten, arb eiteten stets zwei an d e r Vervielfäl­

Wir legten die F lugblätter ließen sie auf T reppen, in

tigungsm aschine. in T elefonzellen,

Bahnen lieg en 1 und verschickten sie m it der Post.” Er lehnte sich zurück und spielte mit seiner Brille. “Warum? Wollten Sie etwa die Leute davon überzeugen, daß mit dem Krieg Schluß gemacht

werden muß?”

1

lie ß e n

sie

in

B ah n en

Helgen

Eisenbahn und Straßenbahn.

22

-

kurz für

“J a ”

Er lachte kurz auf. Dann betrachtete er mich mit einiger Neugier, als verwandle sich vor seinen Augen ein goldlockiges Kind in einen Skorpion.

Er klappte die Silberschachtel zu und musterte mich noch einmal mit dem Blick eines Naturforschers. “Also W iderstandsgruppe oder ein heroischer

glatter Selbstmord, so etwa, als

wollte man gegen einen Millionär mit fünf Pfennig

in der Tasche prozessieren. Haben Sie sich nie klargemacht, daß man einen wachsamen Mas­ senm örder, der eine geladene M aschinen­ pistole trägt und in dem selben Haus lebt wie

Sie, nicht

soll?” “Es lag nicht an den Waffen, es lag an den Menschen. Es gab einfach zu wenige, die dazu bereit waren.” “Dafür hat er gesorgt, daß es wenige blieben. Es gibt sie immer wieder, diese todbereiten Kinder, die Tod verbreiten und sterben, Traumtänzer irgend­ welcher Ideen1.” “Und wenn diese Ideen siegen, nennt man sie Revolutionäre.” “Sind Sie etwa Kommunist?” “Nein.” “Und diese ,Silberne Sechs’?” “Keineswegs. Alles junge Menschen, die nichts außer dem Nationalsozialismus kannten. Neben

Unsinn dieser Art

m it einem N agelreiniger angreifen

1 Traumtänzer irgendw elcher Ideen, abw ertend -

wirklichkeitsfremde,, kaum erreichbaren Ideen nach­ hängender Träumer.

23

Pelle gab es Mücke, damals fünfzehn Jahre alt, begabt für Bratsche, er war in der H J1 und Flak­ helfer-, Kind eines Orchestermusikers. Mücke war damals leicht wie ein Pfeil und hatte die Kalt­ blütigkeit erfahrener Großstadtjungen.” “Was ist aus ihm geworden?” “Verschollen. Wahrscheinlich tot.” “Und wer war der Chef ?” “Walter Heinicke, ein junger Dreher, u. k. ge­ stellt*. Spielte großartig auf seiner silbernen Trom­ pete. Seine Soli waren beliebt. Er war gelassen, nüch­ tern und leitete die Flugblattarbeit.” “Und was wurde aus ihm?” “Hingerichtet.” “Dieser Pelle auch?” “Verschollen.” “Eva Lang auch?” “Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.” “Da leben also nur noch Sie und Paul Riedel?” “Ja, soviel ich weiß.” “Und dieser Riedel gehörte dazu?” “Nur in der ersten Zeit. Nachdem er einige Ma­ le bei der Gestapo vorgeladen war, verlor er offen­ sichtlich die Lust.” Er dachte nach. Dann kam die Frage. Ich sah ihm an, daß er als alter Jurist erwartete, die Antwort auf123

1

d ie HJ, H itlerjugend

-

die nationalsozialistische

Jugendorganisation.

 

2

der

F lakhelfer -

d e r

im

2 .W eltkrieg noch

nicht

wehrpflichtige H elfer bei d er Flug(zeug)abwehrkanone.

2. W eltkrieg -

Freistellung vom M ilitärdienst.

3 u.k., unabköm m lich

gestellt -

im

24

diese Frage als die Wurzel jedes Falles anzusehen. Sie stand für ihn am Anfang jedes Verbrechens, je ­ des Opfers, jeder Leidenschaft. Er war es einfach gewohnt, bei allen Geschichten zuerst von dem tiefen Blick einer beliebigen Sirene* zu hören, der dann später gerichtsnotorish1wurde. Er hielt die Banalität für die Regel. “Wer war die Frau?” Es hatte keinen Sinn mehr, irgend etwas zu verbergen. Es war zu lange her. “Sprechen Sie ruhig offen”, meinte er. “Die Sache liegt ja weit zurück. Haben Sie nicht bemerkt, daß jedes Verbrechen, auchjeder Gefühlsakt,ja jede Tat unter uns Menschen mit den Jahren eine andere Qualität bekommt? Ein Mord, der vor zwanzig Jahren geschah, regt kaum noch einen Menschen . auf. Alles ist eine Zeitfrage. Wenn ein Ermordeter unter der Erde verwest, lösen sich auch Schuld und t Sühne über der Erde auf. Mehr noch, jeder Tote stirbt Jahre später in unserer Hirnrinde, eingeweht in verwesenden Erinnerungen. Es gibt da eine geheimnisvolle Parallele. Ich hatte gerade einen entsprechenden Fall. Nach neunzehn Jahren stellt sich eine Mörderin, heiter, mit einem verwüsteten Gesicht, jetzt ist sie in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt.” “Aber das ist ein krimineller Fall.” “Gewiß, gewiß, ich sprach auch nur von der Erfahrung, daß die Zeit die Qualität aller Urteile

1gerich tsn otorisch - vom Gericht amtlich zur Kennt­ nis genommen.

25

verändert. Sie können also getrost von dieser Frau erzählen.” “Sie hieß Eva Lang, war Krankenschwester. Sie arbeitete eine Zeitlang im Labor des Kranken­ hauses, bis sie entlassen wurde.” “Grund?” “Ariernachweis.* Sie hatte für die Herren damals eine falsche Großmutter.” “Aber sie war nicht Sternträgerin*?” “Nein.” “Und dieser Paul Riedel liebte sie?” “Jedenfalls wartete er immer vor der Tür auf sie und sah sie mit Hundeaugen an.” “Erzählen Sie mehr von ihr. Wie haben Sie sie kennengelernt?”

3

D R E I

U H R

Z E H N

I ch sehe sie durch die abendliche Straße gehen, m itten auf dem Fahrdam m kommt sie m ir

entgegen. Ihr Gesicht ist blaß wie damals, als ich sie zum erstenmal sah Paul, der mit ihr ging, begrüßte mich, und wir blieben stehen. Es war ziemlich kalt an jenem Abend. Paul zog fröstelnd die Schultern hoch und sagte: “Das ist Schwester Eva, nein, Fräulein Lang. Sie ist heute rausgeschmissen worden.” Ich stand auf der Straße im dünnen Schneeregen und sah sie an und fragte: “Warum?” “Das Krankenhaus hat eine neue Oberschwester bekommen, und diese Volksgenossin* hat sofort Fräulein Lang als untragbar für eine staatliche Dienststelle entlassen.” Sie blickte mich an. Ihre Oberlippe wölbte sich spöttisch, und sie sagte mit unnachahm lichem Tonfall: “Die Alte trägt den Blutorden.” Es war ein grotesker Satz. Ich habe ihn nicht vergessen, tdenn es war der erste Satz, den ich von Eva hörte. Es war ein Satz, wie er nur in jener Zeit in jenem Lande gesagt werden konnte. Und ich fragte:

“Sind Sie »Nichtarierin’1?”

1die Nichtarierin - eine Jüdin.

27

“Ja, halb.” “Aber sie trägt keinen Stern”, erklärte Paul eifrig. “Meine M utter war Jüdin. Nein, ich brauche keinen Stern zu tragen. Ich bin ganz froh, daß ich da raus bin.” “Und was haben Sie jetzt vor, Fräulein Lang?” “Ich weiß noch nicht. Vielleicht Heringe verkau­ fen, auf Zuteilung.” “Vielleicht kann sie bei uns mitmachen”, meinte Paul. “Bei uns?” “Ja, sie kann nämlich singen.” “Wirklich?” “Oh, Paul übertreibt. Ich hab manchmal auf Gruppenabenden oder bei Weihnachtsfeiern vor den Patienten gesungen. Ich bin keine Nachtigall, nicht mal ein Spatz.” Ich betrachtete sie. Ihr kleines Gesicht mit den sauberen Linien hatte eine Art Jadecharakter*. Die Augen darin blinkten grau und spottlustig, tau­ bengraue Sterne der Ironie, das Haar war von braunroter Honigfarbe. Sie liebte es anscheinend, eine spöttische Maske zu tragen, vielleicht das einzige, was einem Menschen mit ihrem Schick­ sal dam als blieb. Im übrigen hatte sie nichts Ungewöhnliches an sich, nichts hinreißend Schö­ nes, nichts A bstoßendes, ein schm ales, fast jünglingshaftes Mädchen, in dessen Gesicht die grauen Augen manchmal sonderbar aufleuchteten. “Vielleicht sollten Sie es mal bei uns versuchen. Wir sind zwar nicht kriegswichtig, aber unser »Bei­ trag zur Aufheiterung und Unterhaltung des Pub­ likums’ wird höheren Orts geschätzt.”

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“Kriegt man bei Ihnen auch eine Eintragung ins Arbeitsbuch?”

“Wahrscheinlich, wenn Sie auch als eine Art hauptberuflicher Sekretärin bei uns arbeiten. Sie gelten' dann als vollgültig beschäftigt, und als Geschäftsführerin bei uns werden Sie nicht dienst­ verpflichtet.” “Wenn ich ein Stempelchen krieg, sing ich wie ‘n Wasserkessel und putz Ihnen die Trompeten blank”, sagte sie und stand im Schneeregen, eine schmale, entlassene “Halbarierin”, und sie lächelte ein wenig verloren ins Leere. In ihrem Gesicht blinkte es von geschmolzenen Schneeflocken. “Also, dann wollen wir das am Sonntagvormittag besprechen. Dann sind wir alle da.” “Ja”, sagte sie. “Päul wird Ihnen erzählen, was wir machen. Wir haben schon lange vor, eine Sängerin h eran ­ zuholen.” “Bis Sonntag”, sagte sie. Und sie verschwand mit Paul im schräg niederwehenden Schneeregen der verdunkelten Straße. Nein, denken Sie jetzt bitte nicht, aha, die alte

Sache, zwei Männer und eine Frau

Sie hatte nichts mit Paul. Die beiden kannten sich schon lange, das ist alles. Um genau zu sein, Paul verfolgte sie ein wenig mit seiner Anbetung. Das ist wahr. Sie hat es mir später erzählt. Aber sie hatte von Anfang an für reinen Tisch gesorgt. Und Paul Wo ist Paul? Wo bleibt dieser Riedel? Über dem Steuerrad ist die Straße leer. Das erleuchtete Zifferblatt der Kirche, das man gera­ de noch über den Dächern hinter dem dünnen

nichts davon.

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Regenschleier erkennen kann, zeigt drei Uhr zehn, ich kann die Zeit auch im grünlichen Schimmer der Autouhr erkennen. Er hat sich verspätet. Er kommt gewöhnlich gegen halb drei mit dem Taxi. Ich weiß es. Ich habe manche Nacht hier gestanden. Um halb drei verläßt er die “Ascona-Bar” und fährt mit dem Taxi direkt nach Hause, hierher, wo ich auf ihn warte. Es ist besser, den Motor zu starten und leise ein wenig laufen zu lassen, damit er warm wird. Es wird nachher auf Sekunden ankommen. Wenn der Motor nicht sofort anspringen sollte, kann der ganze Plan scheitern. Aber wenn der Motor läuft, kann irgendein schlafloser Nachbar Verdacht schöpfen. Ich starte nicht. Ich lasse es darauf an­ kommen. Es ist besser so. Ein wachsamer Nachbar ist eine größere Gefahr, obwohl er nicht viel sehen kann. Der Wagen ist dunkel, und der Regen trommelt träge auf das Wagendach. Der Regen damals, durch den sie kam, war anders, war fein wie ein w ehender Schleier m it dünnen Schnee­ kristallen besetzt Ich sah sie natürlich öfter, als sie bei uns sang. Wir waren gern mit ihr zusammen, wir liebten ihre Ironie, und bald begann unter uns ein heimlicher Kampf um ihre Gunst. Wir kannten sie nach einiger Zeit genau. Sie hatte dieselbe Meinung von dem Krieg und den Herren, die den Krieg so eifrig be­ trieben, wie wir. Eines Abends baten wir sie unter geheimnis­ vollen Beschwörungen, rasch ein höchst gefähri liches Paket zur Nicolaikirche zu bringen, wq mit dem Glockenschlag elf ein Mann auf einem Fahrrad sie nach dem Weg zur Gewerbeschule für

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Mädchen fragen werde. Ihm solle sie das Paket übergeben. Alles geschah wie abgem acht. Sie wurde natürlich von uns auf dem ganzen Weg beobachtet. Damals hatte sie schon einige Prü­ fungen hinter sich. Wir waren ihrer sicher. Am nächsten Tag, einem Sonntagvormittag, an dem wir Probe hatten, baten Walter Heinicke und ich sie in das Nebenzimmer. Dort öffneten wir das Paket vor ihren Augen. Es enthielt nichts als alte Zeitungen. “Ihr habt mich ja angeführt!” stieß sie verblüfft hervor. “Ja.” “Warum?” “Du hast drei Prüfungen bestanden, von denen du nichts gewußt hast.” “Och, wenn das so leicht ist, mach ich bei euch den Doktor*.” “Das Schwere kommt noch, Eva.” Es dauerte nicht lange. So wurde Eva Sekretärin und eine Mitarbeiterin unserer Tanzkapelle und der Gruppe “Silberne Sechs” Als Liedersängerin hatte sie Erfolg, obwohl es eher die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit war, jene saubere Wärme, mit der sie das Publikum gewann, als ihre klare Stimme. Sie hatte allerhand Entschiedenheit im Gesicht und eine auffällig reine Haut, m ondblaß und durchsichtig. Wenn dieses zierliche, gewinnende Mädchen lächelnd auf dem Podium stand und sang, waren die Leute begeistert. Auch ich muß bekennen, daß sie mich durch ihren Reiz, durch eine Geste etwa, durch eine schüchterne Kopfbewegung immer stärker an sich zog. Ich war von ihr' bereits

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gefesselt, bevor der Tag kam, an dem wir zusammen nach Hause gingen. Nein, ich war es nicht, der den Vorschlag machte, bewahre, sie war es. Ich kann es beschwören. Und es war auch nicht so, daß es ihr etwas bedeutet hätte. Wir gingen allein in der Nacht durch die ver­ dunkelten Straßen, sie wohnte nicht weit, und der Nachtomnibus1kam später, und es war eine warme Juninacht. Als wir am Vorgarten einer Bierwirtschaft vorbeigingen und den Duft desJasmins einatmeten, wußte ich, daß jeder ordentliche Mann hier einige zielsichere Worte gefunden und jene Taten ge­ tan hätte, denen so viele Freundschaften und Feind­ schaften zwischen Mann und Frau entstammen. Ich sagte kein Wort dieser Art. Ich sagte: “Hoffent­ lich gibt es keinen Alarm.” Und sie sagte: “Vorwar­ nung war keine.” “Hat Päul Sie sonst immer nach Hause gebracht?” “Ja ”, erwiderte sie und blieb stehen, und das Mondlicht stand in ihrem reglosen Jadegesicht; Und es war so, als stünde sie hier wie unzählige Frauen an unzähligen Abenden, den Kopf ein wenig schräg zu einem Mann em porhebend, geliebte und liebende, abschiednehmende, verzichtende, weinende und lächelnde Frauen. Es war so, als zeigte diese Frau in diesem Augenblick Haltung und graziöse Überlegenheit all jener Frauen in dei ganzen Welt, schön im Mondlicht, bleichgesichtig großäugig, vom Sommerwind umspielt, und dabe

1der Nachtomnibus - ein nach einem Extrafahrplar in der Nacht verkehrender Bus.

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sagte sie irgendeine jen e r Banalitäten, wie sie überall im Mondlicht geflüstert werden. Ich weiß nicht mehr genau, was sie sagte, aber vielleicht sagte sie: “Ich gehe lieber mit Ihnen ” Das freute mich. Solange ein Menschjung ist und unter Jasm inbüschen mit einem Mädchen tief atmend durch die Nacht geht, und der Alarm ist nah und die Linden blühen nur noch vier Stunden, und die dunklen Häuserfronten werden sich dann auflösen in lodernde Feuerwände, so lange wird solch eine Feststellung trotz allem Herzklopfen verursachen. “Ich gehe lieber mit Ihnen ” Das war alles. Kein Kuß, keine Hand übers Haar,

kein nachttiefer Blick, kein verschwärmtes Seufzen, einfach eine Feststellung. Aber mir kam es nicht vor wie das dünne Geflüster eines Mädchens, nein, eher wie der Ton einer Gambe*, der eine widerborstige Vergnügtheit in mir hervorrief. Weiter sagten wir nichts, bis zum Geheul der Sirenen. Es war ein besonders schwerer N achtangriff. Die breiten B om benteppiche1 rauschten nieder, zahllose Etagen sanken ins Parterre, in den Kellern ertran­ ken H u n d erte, und H u n d e rte w urden v er­ schüttet, und am nächsten Abend gingen wir

am duftenden Jasm in der Bierwirtschaft

/orbei, und wir atmeten tief. Aber die verkohlten

Lindenbäume dufteten nicht mehr. Und eines \bends umarmten wir uns, als träfen wir uns nach

vieder

1die breiten Bombenteppiche - große Anzahl dicht nebeneinander abgeworfener Bomben.

Зж. 301

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einer langen Durchquerung in der Mitte einet endlosen Savanne, fast verdurstet, und wir tranken Und dann kam jenes Heimatgefühl, das denc jungen Liebenden einen Ort schenkt. Und er fühlt sich doppelt stark, mein Gott, vielleicht ist er es, ein« ganze Liebe lang, aber der Ort, der gesuchte Ort ist es, nach dem es ihn verlangt, der Ort, auf dem et seine Heimat gründen will. Kurzum, wir gingen m iteinander, wie jung« Menschen in der ganzen Welt gehen. Die Lieb«

Morgen konnte ein Luftalarno

uns erledigen. Wir machten uns nichts vor, wit hatten zu oft geholfen, verbrannte Väter, schwarz unc

klein, wie Kinder, zu bergen oder veraschte Rest« von Müttern in Packpapier zu wickeln oder fremd« Familien in Waschkörben wegzutragen.

findet heute statt

“Ja, das war ein Mann”, sagte sie, als ich sie eine! Tages danach fragte. “Das ist Jahre her. Es wai wenige Tage vor dem Krieg, er war einundzwanzig und er war schön. Es war damals der heiße Sommer weißt du noch?” “Hast du ihn geliebt?” “Was ist das für eine sonderbare Frage?” “Warum ist sie sonderbar?” “So haben unsere Großeltern gefragt.” “Und heute?”

“Solche großen Worte

Er gefiel mir. Das is1

alles.” “Was ist aus ihm geworden?” i “Er stand jeden Tag vor unserer Haustür un<j pfiff den Papageno aus d e r ,Zauberflöte’*. Er wollti

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von morgens bis abends mit mir zusammen sein. Er konnte nicht genug haben. Er wußte, daß er eingezogen würde. Er hatte Angst. Er glaubte, als Soldat würde er mich nie wieder sehen. Ich habe ihn ausgelacht.” “Und weiter?” “Eines Abends pfiff er wieder vor dem Haus. Er hatte den Befehl bekommen, sich am nächsten Morgen als Soldat zu stellen. Wir gingen zusammen die Promenade auf und ab, immer wieder. Es war ein drückender Abend. Wir gingen die Promenade weiter bis zum Flußufer, wo die Weidenbüsche stehen. Wir setzten uns nebeneinander in den Sand. Er wollte von mir in dieser Nacht das, was alle jungen Männer von ihren Mädchen wollen. Ich wehrte mich. Ich hatte Angst. Ich sagte ihm, er müsse mir Zeit lassen, aber ich wolle mit ihm mein Leben lang zusammen sein. Ob das wahr sei, ob ich ihm immer treu bleiben würde, auch wenn er lange wegbliebe, vielleicht für immer. Er war eifersüchtig aufjene, die ihn vielleicht überleben würden. Ich war jung und sehr töricht. Ich versprach es ihm. Nein, ich solle schwören. Und ich hob meine Hand and sprach die Worte nach, die er mir sagte. Ich wollte ihm beweisen, daß meine Ablehnung nichts nit unserer Liebe zu tun gehabt hatte. Ich dachte lur an ihn, und ich hatte Angst um ihn, und ich vollte ihm Gutes tun. Ich weiß, es war romantisch ind kompliziert, aber es war ein Schwur, und ich ;ehe noch in der Nacht sein Gesicht dicht vor mir, ind wie erleichtert er aussah, als ich geschworen latte.

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Wir waren beide davon überzeugt, daß dies ein< entscheidende Stunde für unser Leben war, eil Verlöbnis vielleicht, wie die Alten so etwas genann hätten. Du mußt das ernst nehmen, Dan. Ich habi es auch ernst genommen. Kurz danach kam e zu den Fallschirmjägern. Er schrieb mir einig Feldpostkarten. Dann habe ich keine Zeile meh von ihm erhalten. Der Leutnant hat geschrieben daß ihn die Kugeln in der Luft getroffen habei und daß er nicht gelitten hat. Ich habe meii Versprechen gehalten. Aber jetzt ist es gebro chen.” “Ein Versprechen, das nicht galt.” “Warum nicht?” “Weil ihr noch Kinder wart.” “Manchmal sitze ich am Fenster und sehe auf di Straße und denke so sehr an ihn, daß er hinter de Scheibe erscheint.” “Du hast es mir erzählt. Das ist gut.” Ich war sehr froh darüber, daß sie es mir erzähl hatte. Es war wie ein gemeinsames Geheimnis.

Bald stand es in der Gruppe fest, daß wir beid zusammengehörten, und alle respektierten es.

Nur Mücke, der kleine sommersprossige Tat sendsasa, sah uns manchmal prüfend von der Seit an. Er war dünn und klein und arbeitete ir

Schreinerei. Er galt dort al

Mädchen für alles* und mußte überall aushelfei denn es herrschte großer Mangel an Arbeitskräfte! Mücke machte alles. Er hatte immer einen Witz ai

O pernhaus in der

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der Zunge. Nur in einem Punkt kannte er keinerlei Humor, das war der Krieg. Er war einer unserer treuesten und geschicktesten Helfer. Eva nannte ihn das “Geigerlein”, und es war eigenartig, wie die alerte Gerissenheit in seinen Augen schwand, wenn

er ein Adagio spielte*. Dann zog eine Spur von Staunen in sein mageres Jungengesicht.

Pelle war ganz anders. Pelle hinkte von seiner Verwundung in Polen her. Das Knie war lädiert1, und

er litt oft Schmerzen. Pelle hatte ein verschlosse­ nes, fast düsteres Gesicht, knochig und hager ln ihm wohnte ein unbezähm barer Haß auf die

M ilitärm aschinerie und auf das Regime der

Schandtaten. Er spielte das Schlagzeug und war ein geschickter Handwerker. Er verrannte sich manchmal, war im Streit leicht erregbar, unnach­ giebig und stets bereit, mit seiner Person für das einzutreten, was er für richtig hielt. Walter, unser heimlicher Chef, mußte ihn gele­ gentlich zurechtweisen. Er tat das oft mit einer trockenen Bemerkung, die jedoch meist ihre Wirkung tat. Walter war der Stärkste unter uns. Er hatte einfache und klare Gedanken, und seine Gelassenheit war durch nichts zu erschüttern. Walter spielte Horn und Saxophon und arbeitete am Tag als Dreher, in einem jen e r Berufe, die besonderes Feingefühl und Intelligenz erfordern. Walter gehörte zu jenen Menschen, denen sich immer die Gesichter der anderen zuwenden. Auf seinen breiten Schultern thronte ein schmales, gutes

1lädiert - äußerlich verletzt.

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Gesicht, und die Mädchen pflegten ihm nach zublicken. Walter war nicht gi'oß, er trug kurz geschorene Haare, und er wirkte wie ein asketi scher Sportler. Er konnte großartig zuhören unc sprach erst, wenn er sich eine Meinung gebildei hatte. Diese drei mit Eva und mir bildeten neber Paul Riedel je n e W iderstandsgruppe, die ab Musikkapelle den Namen “Silberne Sechs” trug Für michjedoch wurde Eva sehr bald Kern und Seele der Gruppe, obwohl sie erst kurze Zeit zu un:

gehörte. Eva besuchte gelegentlich eine ältere Dame, die Sternträgerin war. Mit dem gelben Stern auf dei Brust wurden die Juden gekennzeichnet, die nocl nicht abgeholt worden waren. Es war eine un menschliche und umsichtige Methodik, mit derje u hilflosen M enschen verfolgt wurden. Zuers verschwand das Telefon, dann das Radiogerät, dani das Haustier, Hund, Katze oder Zeisig, danach da Silbergeschirr, der Schmuck und die Bücher. Alle wurde gründlich zusammengesucht und gegei Quittung abgeholt. Schließlich wurden alle Zim m er der W ohnung bis auf ein “Judenzim m er beschlagnahmt. Andere Mieter zogen ein und wun derten sich, daß es in der Wohnung einen Judei gab. Am Ende kam dann die Karte, die befahl, an nächsten Tag sich dort und dort zum Abtranspor einzufinden. Gepäck m itzubringen sei erlaubt jedoch nur soviel man selber tragen könne. Eil solcher Transport führte in ein Ghetto* oder Kj und von dort in den Tod.

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Frau Henschke, jene Sternträgerin, war eine gerade und gescheite Frau, die als O berin1 des Jüdischen Hospitals tätig war. Sie war die Witwe eines Arztes und hatte in früheren Zeiten als Stadtverordnete die Demokratische Partei vertreten. Eines Tages berichtete Eva von einem gespens­ tischen Tee bei der Oberin. Das Meißener Tee­ service* war beschlagnahmt, ebenso die silberne Zuckerdose. Die beiden Frauen saßen vor leeren Bücherregalen. Frau Henschke erzählte, daß un­ erwartet eine ganze Gruppe von Leidensgenos­ sen in der Stadt eingetroffen sei, jüdische Bür­ ger, die in einer benachbarten Stadt vor ihrem A btransport un terg etau ch t waren. Sie waren heimlich in die Hauptstadt gekommen und hausten unangem eldet bei Freunden. Sie h atten ihre Papiere vernichtet und den angenähten Stern. Manche meldeten sich als Evakuierte und Ausge­ bombte. Einigen glückte es, da viele Menschen ihre Papiere in den Trümmern verloren hatten und die Kontrollen dadurch erschwert waren. Andere führten ein elendes Leben in Kellern oder Mansarden, betraten nie m ehr die Straße und hungerten sehr. Das Hauptproblem für alle Untergetauchten war neben der Sicherheit die Nahrung. Zwar teilten m anche M itbürger ihre kärglichen Lebensmittel mit ihnen, aber das war zuwenig. Es gab zu viele, die sich darin teilen mußten. Und auch was die Kranken in jenem Jüdischen Hospital an N ahrung zugeteilt erhielten, war

1die Oberin - die Oberschwester.

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zuwenig. Sie däm m erten ausgezehrt vor sic hin, wie Frau Henschke berichtete. Hungerödem wurden immer zahlreicher. Lebensmittel erhie man nur, wenn man Lebensmittelkarten* vorlegt« und für Juden gab es besonders geringe Rationei Nun war durch die heimliche Ankunft der zwo Untergetauchten ein akuter Notstand eingetretei Es ging um ihr Leben. Ihre Lage war verzweifel Einer hatte Selbstmord begangen. Man dürft jedoch seinen Tod nicht melden, denn die Famili« die ihn als Gast aufgenommen hatte, wäre dadurc in äußerste Gefahr geraten. Der Tote lag seit viel zehn Tagen auf einem Dachboden. Er konnte jede Tag während eines Luftangriffs entdeckt werdei Eva berichtete uns davon. Sie war tief erregt. “Man muß den Menschen helfen”, sagte sie. Wir berieten lange hin und her, bis es schliel lieh Walter war, der sagte: “Wenn sie zuweni Lebensmittelkarten haben, so müssen wir ihne welche besorgen.” Wie er das schaffen wolle? “Nun, diese Karten werden doch irgendwo au bewahrt. Sie werden doch auch gedruckt.” “Sie liegen auf den Verteilungsämtern”, meinl Paul. “Ja, aber in Tresoren”, erwiderte ich. “Also eine Druckerei”, sagte Eva. “Man muß feststellen, wo sich eine Drucker befindet, die Lebensmittelkarten druckt.” Wir machten eine solche Druckerei ausfindig. Wir mußten weiter erfahren, wie der Betri« innen aussah, wo die gedruckten Lebensmittelka ten lagerten und wie die Türen verschlossen wäre

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Walter nahm mich eines Tages beiseite. Er liebte es nicht, einen Auftrag zu geben, wenn ein anderes Mitglied etwas davon erfahren konnte. “Du mußt einen Mann aus dem Betrieb ken­ nenlernen, einen älteren Arbeiter am besten. Bei denen gibt es weniger Fanatiker als bei den jüngeren Kollegen. Kannst ihn ruhig mal zu einem Bier mitbringen.” Ich rief in der Druckerei an und erfuhr unter dem Vorwand, die “Verkehrsbetriebe, Abteilung Statistik”, benötigten U nterlagen für die Stra­ ßenbahn-Häufigkeit der dort vorbeiführenden Linie, also auch die genauen Zeiten für die Schich­ ten. Ich erfuhr dabei, daß vierzehn Männer und sieben Frauen dort arbeiteten. “Wie steht es mit den Nachtschichten?” fragte ich. “Eingestellt”, kam die Antwort, “wegen der Alarme haben wir die Arbeit von zwei Schichten auf den Tag verteilt.” Ich dankte und legte auf. Abends um sechs Uhr kamen die Arbeiter durch das eiserne Gittertor. Bis auf wenige Frauen waren es ältere Männer. Fast ohne Gruß gingen sie aus­ einander. Sie waren müde. Einige wurden von ihren Frauen erwartet, die blaß und schwatzend beisammengestanden hatten, zwei Kinder liefen ihrer M utter entgegen, die aus dem Tor kam. Der kahle Hofeingang und die blaugestrichenen Fenster eines Lagerhauses daneben boten das traurige Bild einer Welt, die zerfiel, einer funk­ tionierenden Leere, die bereits von der grauen Kälte des Unheils bewohnt war. Ich suchte mir einen älteren Mann aus, der ohne

4 1

Begleitung von dannen ging'. Er schritt schwerfällig

und gleichgültig durch eine Nebenstraße, als ich ihn mit einigen Schritten überholte. Ein Paket mit drei Bücklingen, die es auf Sonderzuteilung gege­ ben hatte, trug ich so auf dem Arm, daß es sich nach hinten öffnen konnte. In dem Augenblick, als ich den Mann überholt hatte, richtete ich es so ein, daß einer der Fische auf die Straße glitt. Ich tat, als hätte ich nichts gemerkt. Hätte er den Fisch genommen und mich nicht gerufen, so hätte ich mich nach wenigen Schritten erstaunt umgedreht und so getan, als bemerkte ich jetzt erst den Verlust. Aber der Mann war ehrlich. Er rief: “He! Sie da!” Ich drehte mich um. Er hob den Fisch vom Pflaster auf und fragte: “Ist das Ihr Fisch?” Ich tat so, als erschreckte ich: “Wie kommen Sie

denn

“Aber gewiß doch. Allerliebstes Tierchen, wat12?” Er hatte eine überraschend tiefe Stimme. Ich lachte ihn an. Wir standen zusammen. Er lachte auch. Er hatte ein gutes Gesicht. Der Kopfwar klein, es war ein hagerer Vogelkopf mit Messingbrille, der auf einem faltigen, dünnen Hals saß.

“Was wollen Sie denn für ‘n Finderlohn?” “Den Kopp3 für meine Mucki.” “Ihre Katze?” “Aber gewiß doch. Dreifarbig.” Wir gingen zusammen weiter und blieben wieder stehn. Ich wickelte das Papier auseinander, und er

?

Hab ich den vielleicht

?”

1 von dan nen gin g - vem lt. weg; fortgehen. l wat = was.

3den K opp = den Kopf.

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legte den Fisch zu den übrigen. Begehrlich musterte er ihn. “Scheene Tiere.1Wohl Beuteware, wat?” Ich hielt das Papier immer noch offen. “Wissen Sie was? Behalten Sie den Fisch. Sie haben ihn ja gefunden. Ich hätte sowieso erst zu Hause gemerkt, daß er weg war.” “Wirklich?” Ein mißtrauischer Blick durch die Messingbrille musterte mich. “Ja, nehmen Sie ihn.” Er hob den Fisch aus dem Papier. Ich gab ihm eine vonden Zeitungen. Er packte den Fisch ein und steckte ihn senkrecht in die Rocktasche. Wir gingen nebeneinanderher. Es arbeitete in ihm. Vor einer kleinen Eckkneipe blieb er stehen. “Ich nehm hier noch einen.” “Wiedersehn.” “Wolln Sie einen mittrinken?” “Spricht eigentlich nichts dagegen.” Wir standen an der Theke. Er erhielt nach einigem Geflüster mit dem Wirt einen Klaren12 verdeckt zugeschoben, den er mit einem Ruck hinuntergoß, wobei er seinen grauen Vogelkopf zurücklehnte, als prüfe er die Deckenfarbe. Dann schüttelte er sich und hob sein Bier. “Prost.” “Prost.” Wir tranken langsam und schwiegen. “Wohl Feierabend?” “Ja. Lausig lange Zeit.” “Lassen Sie mich mal raten, was Sie arbeiten.” “Immerzu.”

1scheene Tiere = schöne Tiere.

2 einen Klaren - einen Schnaps (bes. Korn).

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“Schlosser.”

“Nee.1”

“Setzer.” “Geraten. Noch ein Helles!” “Wo arbeiten Sie denn?” ” “Winkler und Sohn heißt die Bude, zwei Straßei weiter.” “Ah, die Buchdruckerei. Werden denn heut nocl Bücher gedruckt?” “Nee, aber sonst so allerhand.” “Aha, Zeitungen.” “Nee, Karten, Lebensmittelkarten.” “Da liegen Sie ja richtig.” Auf einmal sah ich in zwei scharfe Raubvo gelaugen, die mich genau musterten, sehr miß trauisch, schien mir. “Denken Sie. Is aber nich.12 Da wird alles genai überwacht, Mann. Nich mal ‘nem kleinen Raucher abschnitt kann m an Beine m achen*, ga

nischt.3”

Sein Vogelkopf ruckte auf mich zu. Er mustert mich pfiffig durch seine Messingbrille. “Da braucht sich keiner Hoffnung zu machen, d is alles abjezählt und gebündelt und quittiert. Wi Geld is det.4”

1n ee = nein. *Is aber n ic h = ist aber nicht.

s N ich m al’nem kleinen R aucherabschnitt kann ma B een e m achen, gar n isch t = nicht mal einem kleine

Raucherabschnitt kann man Beine machen, gar nicht,

4 da is a lles a b jezä h lt

W ie G eld is det.

ist alles abgezählt

Wie Geld ist das.

4 4

=

d

Für den Anfang war das genug. Ich lenkte ab. lieh erfuhr, daß er verheiratet war, ein Aquarium hatte tund daß er gern Skat spielte*. “Schade, daß wir keinen dritten Mann hier ha­ lben”, meinte ich. “Ja, unserer liegt im Herz-Jesu-Spital, Blut­ vergiftung. Am Bleisatz geritzt.” Ich erzählte ihm von unserer Kapelle. Ob er nicht Lust hätte, morgen abend mal in “Heines Festsäle” ;zu kommen. Dort könnte er mit uns einen gehö- rrigen Skat spielen. Doch, das interessierte ihn. Und am nächsten Abend saß er mit seiner Frau iim Sommergarten und trank mehrere Gläser Bier. IWir hatten noch Zeit und luden ihn ein, und wir spielten Skat mit ihm. Br hieß Richard Jahn, und am folgenden Abend hatten wir viel von dem Betrieb der Druckerei erfahren. Wir hatten es so eeingerichtet, daß zunächst nur einer von uns an seinen Tisch kam. Es war Walter. Sie stellten beide (einander einige Fragen nach Arbeit und Verdienst, uund Walter stellte noch einige unauffällige Fragen (dazu. Dann spielte er m it Richard Ja h n und mir Skat. Nach einer Weile kam Pelle. Und dann geschah dasselbe. Sie nannten einander ihre Na­ men und sprachen beide über ihren jeweiligen Beruf. Danach erschien Eva und schließlich Mücke, Wir ließen beide allein, als unser Programm begann. In der Pause saßen wir wieder bei den beiden am Tisch. Sie waren begeistert. “Nee, ihr spieltja richtige Sachen. Prima. Doch, doch, gefallt uns, was, Herta?” Und die wortkarge Herta nickte mit leuchtenden Augen. Wir merkten, daß eine Menge Mißtrauen bei ihnen verschwunden war.

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Später, als Richard mit seiner Frau gegangen war, setzten wir alle Auskünfte zusammen und bekamen so ein genaueres Bild. An einem der folgenden Abende saßen wir wieder mit Richard Jahn und seiner dicklichen Frau zusammen und erzählten ihm von einem Einbruch in eine Kartendruckerei, von dem wir gehört hätten. “Das kann bei uns nich passieren”, meinte er. “Warum denn nicht?” Wir blickten ihn gespannt an. Es war ein schwüler Sommerabend. Kein Wind regte sich. Im Biergarten saßen erst wenige Leute. “Weil wir ‘n Hund haben, einen Polizeihund, und der is scharf.” Er blinzelte uns pfiffig an und hielt seinen kleinen Kopf ein wenig schräg. Ich hatte auf einmal das Gefühl, daß er unseren Plan erraten hatte. Er reagierte eigenartig. War er etwa ein Betriebsspitzel? War ihm etwa aufgefallen, daß unsere gleichgültigen Fragen alle ein bestimmtes Ziel verfolgten? Oder ahnte er nichts von allem? Er hatte ungewöhnlich scharfe Augen, die Pupillen klar umrandet, falken- haft starr. Walter lehnte breitschultrig und gelassen ihm gegenüber und meinte verächtlich: “Mit ‘nem Hund werden Profis allemal fertig.” “Es is gar kein Hund da.” “Wieso?” “Der Hund ist vor drei Tagen an die Polizei abgegeben worden.” Er lachte unverschämt, wobei er uns starr ansah. Was sollte das? Machte er sich über uns lustig? War er ein Krimineller, der spürte, daß hier irgend etwas

,

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ausbaldowert1wurde? Hielt er uns für Kollegen? Spielte er ein Spiel mit uns? Wie hieß das Spiel? “Sie sagten aber doch, daß ein Hund da wäre?” “Ja, früher war einer da.” Ich lachte, als sei es ein guter Spaß. “Wir zwei haben’s mit den Tieren, zuerst war’s ein Fisch, jetzt ist’s ein Hund.” Mücke verzog sein sommersprossiges Jungen­ gesicht und sagte: “Aber einen Hund kann man nicht essen!” “Oho, sagen Sie das nicht.” “Pudelragout12 is prima!” schrie Mücke, und wir lachten alle. AlsJahn und seine Frau gegangen waren, hielten wir Rat. Mücke sollte heute nacht feststellen, ob der Nachtwächter einen Hund hatte oder nicht. Mücke löste diese Aufgabe spielend. Mücke war der ge­ borene Späher, und er hatte stets Glück. Er war gerissen, flink und pfiffig. Am nächsten Morgen trafen wir uns mit ihm.

H und”, meldete er, als er zur

Probe kam. Walter, Pelle und ich arbeiteten ein wenig mit den Instrum enten und übten einen Flamenco*. Dann unterhielten wir uns leise. Wir brauchten Werkzeug, das Pelle mitbringen wollte, außerdem ein Seil. Mücke sollte eine Stunde, bevor wir in die Druckerei einbrachen, noch einmal prüfen, ob auch

“Da gibt’s keinen

1ausbaldowern sa lo p p — auskundschaften, mit Ge­ schick ausfindig machen.

2„Pudelragout is prima!“ — [ra'gu:] frz.

ist

; das Ragout

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in dieser Nacht kein Hund auf dem Gelände war Richard Jahn hatte uns unsicher gemacht. Wir wußten, daß im Kellerraum der Druckere:

jeden Mittwoch Tausende von K arten gesta­ pelt lagen, daß es einen schläfrigen Invaliden al< Nachtwächter gab und daß die T’üren gut gesicheri waren. Eines Nachts, nachdem wir alles vorbereite hatten, fuhren Walter, Pelle und ich zu der Druk kerei. Sie lag in einem nördlichen Vorort neber einem Lagerhaus, über dessen Umfassungsmauei schattenhaft zwei Lastautos ragten. Als wir näher kamen, begegnete uns Mücke. Ei schüttelte den Kopf, ging, wie verabredet, an un:

vorüber und verschwand in der Nacht. Wir zoger Handschuhe an. Die Druckerei selber war ein rechtwinkliges niedriges Hofgebäude, das allein stand und voi einer Mauer umgeben war. In einem Flügel lagei die Setzerei und das Büro, im anderen Flüge befand sich die Druckerei. Wir hatten einen ge nauen Plan aufgezeichnet. Es war eine dunkle Neumondnacht. Wir klet terten über die M auer und stellten auf de Innenseite eine Kiste bereit, damit wir uns im Fal le einer Gefahr ungehindert hinüberschwingei konnten. Pelle hatte eine Tüte Kreidepulver mit gebracht und zeichnete auf der Erde einen weißei Strich bis zu der Kiste, dam it wir diese in de Dunkelheit auch finden würden. Wir sahen drübei am Hoftor das kleine Zimmer des Portiers, aus den das dünne Licht einer blaugestrichenen Glühbirn

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schimmerte. Der Portier1 schien zu schlafen, und ringsum war alles beängstigend still. Es war keine gute Zeit für Einbrüche damals. Die meisten Berufsverbrecher waren eingesperrt wor­ den. Auf Einbruch oder Diebstahl während der Verdunkelung stand die Todesstrafe, und es war Verdunkelung. Uns interessierten die Fenster auf den schrägen Dächern des Druckereigebäudes, die mit Teerpappe gedeckt waren. Es war nicht schwer, auf das Dach zu gelangen. Wir beschlossen flüsternd, daß Walter draußen auf dem Dach liegenbleiben, den Portier beobachten und ihn im Gefahrenfall überwältigen sollte. Vielleicht mußte auch das Telefon zerstört werden. Walter war der Stärkste von uns. Er sollte uns warnen, indem er Steine durch eines der Dachfenster fallen ließ. Er blieb am Rand des Daches dort liegen, wo er den besten Blick auf den Hofeingang, die Straße und das Portierzimmer hatte, und wir schoben uns lautlos zu einem der schrägen Dachfenster. Pelle hatte das nötige Handwerkszeug mitgenommen. Als ich ihn erreicht hatte, zog ich die Taschenlampe heraus. Aber er flüsterte: “Kein Licht!” Ich sah seine Augen matt glänzen und hörte ihn atmen. Rundum ragten Häuser und Ruinen, und es war so still in der Welt, als hätte es nie Leben gegeben. Pelle hatte gut zugehört, als in einem Militärgefängnis Berufsverbrecher einander ihre Tricks erzählt hatten. Er zerschnitt mit einer Spe­ zialzange das eiserne Gitter über einem der Fenster.

'der Portier [par'tie:] frz.

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Als er die Eisenstäbe beseitigt hatte, entfernten wir mit unseren Messern den Kitt, mit dem die blau bemalten Scheiben im Stahlrahmen befestigt waren. Es war eine langwierige Arbeit. Eine Scheibe zer­ brach dabei. Wir hörten ihre Splitter in die Tiefe fallen. Wir horchten mit angehaltenem Atem, ob sich irgend etwas rühre, und lagen eine endlose Zeit wie erstarrt. D ann begann Pelle e rn e u t zu arb eiten . Schließlich konnte er die restlichen Splitter aus dem Rahmen entfernen. Er tastete hinein, fand den Griff und öffnete langsam das Fenster. Es gab ein knirschendes Geräusch, als sei es eingerostet gewesen. Pelle klappte das Fenster vorsichtig zurück, bis es auf dem Rücken lag. Ich holte den Strick heraus, der eine Reihe von Knoten und am Ende einen kräftigen Haken hatte. Wir befestigten den Haken am Fenster, warfen den Strick hinunter, und Pelle stieg als erster durch das Fenster, verschwand und ließ sich am Strick nach unten ins Dunkle gleiten. Nach einer Weile sah ich unten dreimal die Taschenlampe aufblinken. Dreimal, das hieß:

Komm. Zweimal, das hieß: Bleib da. Ich kletterte an dem Seil hinunter und stand bald unten im dunklen Maschinensaal. Ich sah einen dünnen Lichtschein sich nähern. Pelle trug lautlos einen Tisch herbei und stellte einen Stuhl darauf, damit wir im G efahrenfall leicht und schnell davon konnten. Dann suchten wir den Keller. Pelle leuchtete mit der Taschenlampe durch sein Taschentuch, so daß das Licht kaum wahrzunehmen war. Unser Atem war im dunklen Raum deutlich zu hören.

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Wir fanden zwei Türen. Die eine mußte nach draußen führen, die andere in den Keller. Wir betrachteten sie. Es war eine gewöhnliche Holztür, aber man hatte sie mit einem Sicherheitsschloß versehen. Wir waren keine Fachleute. Ein Sicher­ heitsschloß zu öffnen, war uns unmöglich. Pelle holte aus seinem Bündel eine elektrische Spezialsäge mit einem Verlängerungskabel. “Such eine Steckdose”, murmelte er, und ich ging durch die Halle und leuchtete die Wände ab. Schließlich fand ich eine Steckdose. Aber als wir das Kabel anschließen wollten, war es zu kurz. “Wir brauchen eine Verlängerung”, flüsterte Pelle. Ich hatte auf einem Tisch eine kleine Bürolampe entdeckt. Das Kabel dazu schien ziemlich lang. Aber es war fest an die Lampe angeschlossen. Ich brachte durch das Dunkel tastend die Lampe mit dem Kabel zu Pelle. Er leuchtete das Kabel ab. Ich sah seine helle Mähne im Schein der abgeblendeten Ta­ schenlampe. “Verdammt!” fluchte er. Er schnitt mit seinem Messer das Kabel an der Lampe ab. Dann schnitt er von der ersten Ver­ längerungsschnur den Stecker ab, schob die Plastikhüllen an beiden Enden zurück und verband die beiden Kabel. Jetzt waren sie lang genug. Ich hörte ihn flüstern: “Du hältst jetzt hier die Verbin­ dung so, daß sie mit nichts in Berührung kommt, auch nicht mit deinen Fingern. Sonst haben wir Kurzschluß oder einen Unfall, verstanden?” Sein matt erleuchtetes Gesicht hob’ sich zu mir. Seine Augen waren schmal und sehr hell.

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Ich nickte und hielt die Verbindung hoch. Er verschwand und schob den Stecker in die Dose. Als er zurückkehrte, hob er die elektrische Spezialsäge und tastete mit der linken Hand die Tür ab. Die Tür hatte vier eingelegte Felder aus dünnerem Holz. Die Säge arbeitete summend und bewegte sich außerordentlich rasch. Es hörte sich an wie das Nagen eines Tiers. Es dauerte nicht lange, und Pelle hob das Feld aus der Tür. Die Säge verstummte. Er leuchtete durch die Öffnung und nickte befriedigt. “Raus!” flüsterte er. Ich hielt die Verbindung hoch, tastete mich am Kabel entlang bis zur Steckdose und zog die Schnur heraus. Er hatte die Säge bereits wieder abmontiert und in seine Aktentasche getan. Ich kletterte als erster durch die Öffnung. Sie war eng, aber es ging ganz gut. Pelle folgte. Wir stiegen in den Keller hinunter. Pelle untersuchte die Mauern, aber es gab hier keine Fenster, und so ließ er zum erstenmal das Licht seiner Taschenlam pe offen durch den Raum wandern. Es war ein Lagerraum mit Werkzeu­ gen, Maschinenteilen und Papiervorräten. Einige Schränke standen an der Wand, alte schmutzige Militärspinde. Sie waren verschlossen. Die Schlüssel waren nicht aufzufinden. Ich griff ein flaches Eisen, eine Art Meißel, konnte es jedoch schlecht an­ setzen, da ich Lederhandschuhe trug. Schließlich sprengten wir das Schloß. Wir atmeten tief auf. Vor uns lagen in sauberen Stapeln Tausende voll Lebensmittelkarten. Wir nahmen die oberen vor jedem Stapel, steckten die Köpfe zusammen unc

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untersuchten im Licht der Taschenlam pe die Gültigkeit und Zeitdauer. Ich sah das m att er­ leuchtete Gesicht Pelles mit der metallisch glän­ zenden Mähne darüber dicht vor mir. Seine Augen waren hart und prüften genau den Druck. Wir entschieden uns für einen Stapel der Karten für Normalverbraucher und für Raucherkarten. Wir steckten uns die Taschen voll damit, ließen den Schrank offenstehen und kehrten zur Treppe zurück. Pelle blieb stehen und flüsterte: “Warte!” Er ging noch einmal zu dem Schrank. Ich hörte ihn kaum. Aber ich riet, daß er noch einen Stapel Karten aus dem Schrank holte. Er ging damit zu dem Tisch auf der anderen Seite des Kellers, wo das winzige Licht aufleuchtete. Nach einer Weile tauchte Pelle vor mir auf. Er trug einen rechteckigen Stapel fest zusammengebunden an einer Schnur. “Das Wichtigste hätten wir beinah vergessen.” “Was?” “Reisemarken.” “Los!” Ich ging voraus und leuchtete mit meiner Ta­ schenlampe gleichfalls durch das Taschentuch, wie ich es bei ihm gesehen hatte. Vor der Öffnung in der Tür kniete ich nieder und spähte hinaus. Die kalte Luft der Maschinenhalle trafmein Gesicht. Wennjetzt der Wächter mit seiner Pistole hinter der Tür stand, waren wir verloren. Ich zwängte mich durch die Öffnung und stand wieder im dunklen Maschinensaal. Pelle reichte die Karten heraus und folgte mir. Ich öffnete die Aktentasche, und Pelle schob alle Lebensmittelkarten hinein. Es

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blieben jedoch noch einige Packen übrig, die wir in die Rocktaschen steckten. Ich wollte mich gerade umdrehen, um Pelle zu leuchten, als jem and aufschrie. Wir fuhren zusammen. Es war kein Mensch. Es war die Alarmsirene. Luftalarm. Pelle fluchte vor sich hin. Wir rannten durch den Maschinensaal. Wir mußten uns beeilen, sonst la­ gen wir auf dem Gelände der Druckerei fest, bis es hell wurde. Außerdem waren bei Luftalarm alle Menschen wach und rannten in die Keller. Die Luftschutzwarte und Polizei kontrollierten die Straßen. Wir m ußten auf jed en Fall rechtzeitig flüchten. Und rechtzeitig hieß sofort. Ich sprang auf den Usch, zog mich an dem Seil nach oben und half Pelle, der gleich hinter mir aul dem Dach auftauchte. Ich zog den Strick heraus und nahm ihn mit. Wii! sahen Walter nirgendwo auf dem Dach. In den Häusern drüben glomm ein bläuliches Licht auf. Wie ließen uns vom Dach herab und rannten über den Kreidestreifen zu der Kiste an der Mauer. Die Sirenen heulten noch immer. Walter war nirgends zu sehen. Ich schlich über den Hof zurück zu dem Gebäude der Druckerei. Die Sirenen hörten auf zu heulen/ aber in der Ferne begann die Flak zu rumoren. Nalj und fern bellten aufgeschreckte Hunde. Die Tür anj Portierhaus ging auf, der Nachtwächter erschien. Ei war geweckt worden und wollte anscheinend voj dem Angriff einen Rundgang antreten. Er hatt^ eine starke abgeblendete Taschenlam pe und

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leuchtete das Gebäude ab. Plötzlich sah ich Walter sprungbereit hinter der Mauerecke eines Schuppens stehen. Er schien bereit, sich auf den Nachtwächter zu stürzen, um uns zu schützen. Aber das konnte alles gefährden. Ich rannte zu dem Schuppen. Das rollende Feuer der Flak machte meine Schritte unhörbar. Der N achtw ächter kam näher. Er leuchtete aufmerksam vor sich hin. Ich stand still. Ich durfte mich nicht bewegen, wenn er nicht auf mich aufm erksam w erden sollte. Wer w ürde schneller sein? Der Nachtwächter brauchte nur aus Versehen seine Taschenlampe zur Seite zu schwenken, dann mußte er mich sehen. Er näherte sich der Mauerecke, hinter der Walter stand. Er hatte nur noch wenige Meter, als in der Nähe eine Schnellfeuerkanone anfing zu lärmen. Ich sprang hinter die Mauerecke und schlug Walter auf die Schulter. Er fuhr herum. Ich legte warnend den Finger auf den Mund und hielt ihn fest. Er verstand. Wir duckten uns. Der Nachtwächter schlenderte vorbei. Der schwankende Lichtschein verlor sich in der Dun­ kelheit, als er um die Ecke des D ruckerei­ gebäudes bog. Die Gefahr war vorüber. Wir lie­ fen im Feuer der Kanonen zu dem weißen Strei­ fen auf dem Hof und trafen Pelle, der sich sofort hochschwang, um die Straße zu beobachten. Er winkte uns. Er saß einen Augenblick auf der Mauer im fahlen Licht der kreisenden Scheinwerfer. Dann war er hinter der Mauer verschwunden. Wir folgten ihm nacheinander, nachdem wir die

Werkzeugtasche

hinübergeworfen hatten.

und die gefüllte Aktenm appe

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Wir eilten die Straßen entlang. Walter bekam während, wir fast rannten, die Aktentasche mit de Beute darin. Er verließ uns und ging auf die ander« Straßenseite hinüber. Wir begleiteten ihn unauf fällig und hielten uns in seiner Nähe, um ihn zi schützen oder um irgendwelche Gefahren ab zulenken. Ich trug die Werkzeugtasche. Das Opernhaus war nicht fern. Wir hatten aus gemacht, daß Mücke eine bestimmte Seitentür de Bühnenhauses offenhalten sollte, durch die wi im Fall eines Alarms schlüpfen konnten. Eva sollt im Theater warten, um die Karten in Empfang zi nehm en. Unsere Schritte waren in den leerei Straßen deutlich zu hören. Die Kanonen hatten sic] beruhigt. Jene Minuten vor einem Angriff, wem nach dem Geheul der Alarmsirenen wieder Still herrscht, aber eine gespannte Stille, sind stets di unheimlichsten. Welches Haus würde getroffen, um wer unter uns würde getötet oder verschütte werden? Es war, als ob die große dunkle Stadt vo Angst sich duckte, es war, als ob die nahende Gefah:

die am Nachthimmel heranschwebte, Schweigei verlangte. Gerade als uns ein aufgeregter Luftschutzwart mi ausgebreiteten Armen anhalten wollte, erreichte:

wir das Opernhaus. “Halt! Stehenbleiben! Sie gehen sofort hier i den Luftschutzkeller!” schrie er. Er rannte eifrig un mit einem Stahlhelm auf dem Kopf einige Schritt hinter uns her. Wir antworteten nicht und liefe über den Opernplatz. “Ich melde Sie! Das ist Sabotage!” schrie er erbos

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“Mensch, wir müssen ins Theater!” schrien wir. Wir erreichten die kleine eiserne Seitentür. Sie war nur angelehnt. Wir stürmten hinein. Mücke, der bei der Flak dienstfrei hatte, stand in einem kleinen, fast dunklen Vorraum bereit und nahm als erstes die Tasche mit dem Werkzeug in Empfang, das dem Theater gehörte. Wir atmeten heftig nach dem Lauf. “Ihr beide bleibt hier”, sagte er zu Walter und Pelle. “Daniel bringt die Aktenm appe zu Eva, einverstanden?” Wir nickten, und ich folgte Mücke durch Seitengänge zur Bühne. “Vorsicht!” warnte Mücke und drehte sich um. “Es ist Beleuchtungs­ probe!” Auf der riesigen Bühne gingen einige Arbeiter hin und her. Aus dem Zuschauerraum kam eine breite, herrenhafte Stimme: “Und jetzt gehen Sie vom Tisch zu dem Fenster links. Da stehenbleiben. Kuttner!” Eine beflissene Stimme antwortete von oben:

“Hier!” Von unten kam wieder die Stimme des Regisseurs:

“Kuttner, am Fenster ist mir zu wenig. Geben Sie doch langsam den rechten Rang rein, ganz lang­ sam ” Im Zuschauerraum rechts oben begann ein Scheinwerfer aufzuleuchten. Er erhellte die De­ koration am Fenster, wo ein ju n g er Regieassis­ tent in einer sonderbaren Ballettpose stand und blinzelte. “Gut so, Kuttner. Einschreiben!” Ein Mann in der braunen Uniform eines Amts- Walters überquerte mit vorsichtigen Schritten die Bühne. Er blinzelte in den Zuschauerraum, hielt

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die Hand über die Augen und rief: “Herr Intendant, es ist Zeit, in den Keller zu gehen.” “Ach was, Mensch! Wenn sie anfangen zu bal­ lern1, ist noch Zeit genug”, kam die breite Stimme ungeduldig von unten. Der Uniformierte zuckte mit den Schultern, wandte sich um, nahm stramme Haltung an und kommandierte: “Alle, die nicht unbedingt bei der B eleuchtungsprobe des H errn Intendanten beschäftigt sind, suchen sofort den Luftschutzraum auf!” “Sind Sie wahnsinnig, Mensch!” Wie ein plötzlich aufschießender Flammenwerfer der Wut schrie die Stimme aus dem Parkett. “Sind Sie verrückt geworden, meine Anordnungen zu widerrufen?” Hier brüllte ein Löwe einen Hund nieder. “Was fallt Ihnen ein, hier zu befehlen? Hier befehle ich, verstanden? Sie sabotieren die Arbeit! Verlassen Sie sofort die Bühne, Mensch, oder ich melde Sie dem Gauleiter12! Erst wenn geknallt wird, gehen wir in den Keller, ist das klar? Aber noch ist es nicht soweit, verstanden, Herr, noch nicht!” “Verzeihen Sie, H err Intendant, ich habe nur meine Pflicht getan!” “Quatsch, Sie haben Angst vor den paar pluto- kratischen* T errorfliegern. Ein bißchen Mut, meine Herren. Unsere deutsche Flak ist die beste der Welt. Darauf können wir uns’ verlassen. Oder ist etwa jem and anderer Meinung? Weiter mit der

1ballern - anhaltend laut schießen, knallen. 2der G auleiter - der Leiter eines bestimmten Bezirkes als Organisationseinheit der NSDAP.

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Probe. Kuttner!

Wo ist er denn? Kuttner! Kuttner,

warum antworten Sie nicht?” Man sah die Angst, das Unbehagen in den blassen Gesichtern der Bühnenarbeiter. Wer auffiel oder dem Intendanten nicht paßte, den strich er von der Liste der U.-k.-Gestellten. Und wer nicht mehr auf dieser Liste stand, wurde am nächsten Tag Soldat. Der “Heldenklau” ging um und erfaßte jeden abkömmlichen Mann für die Front. Mücke hatte einm al von einem B üroangestellten in der Verwaltung berichtet, der sich einst beim Intendanten beschwert hatte und vierundzwanzig Stunden später eingezogen worden war. Wenige Monate danach stand sein Name in einer der zahlreichen Todesanzeigen des “Völkischen Beo­ bachters”*. Seine Familie gab “mit stolzer Trau­ er” Nachricht von seinem Opfertod “für Führer und Reich” Aus dem Z uschauerraum d ran g ein h em ­ mungsloses Gebrüll. “Kuttner! — Wo ist der Mensch?” Atemlos kam ein Mann in grauem Kittel auf die Bühne gerannt. Seine Brille blinkte. Er lief auf die Treppe zur Beleuchterloge zu und rief: “H ier bin ich, Herr Intendant. Geht sofort weiter, H err Intendant!” “Wird aber Zeit, Mensch ” Gnädiger gestimmt knurrte der Löwe im Parkett und fuhr dann fort: “Es wird geprobt bis morgen früh. Jeder soll sich darauf einrichten. Hier ist kein Sanatorium, hier ist Front, verstanden?” “Jawohl, Herr Intendant!”

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In diesem Augenblick fing draußen das Feuer der Flak an. Es entstand eine gewisse Verwirrung auf der Bühne. “Schluß der Probe! Luftschutzkeller! Tempo!” schrie der Intendant, erhob sich mit seinen Mit- arbeitem, schob sich die Reihe entlang und näherte sich auf der anderen Seite dem Ausgang. Mücke schob mich eine enge Stahltreppe hin­ unter, die durch verschiedene Türen in den leeren Flur des Zuschauerraums führte. Wir eilten bis zur teppichbelegten Treppe in den ersten Rang. Mücke öffnete eine T ür zum Zuschauerraum. Die Flak draußen schwieg erneut. “Die Mappe unter den Stuhl Num m er drei”, flüsterte er und verschwand. Ich stand fast im

Dunkeln. Die Bühne unten war

schwaches Arbeitslicht erhellte sie spärlich. Ich stand in einer Loge. Es war plötzlich still, über­

raschend still. Auf einmal hörte ich ein feines Geräusch, dicht neben mir. Es war ein Ticken, kaum wahrzunehmen. Es konnte eine U hr sein, eine

Armbanduhr. In m einer Nähe m ußte

bekannter sich aufhalten, direkt neben mir. Be­ deutete das eine Gefahr? Das Ticken kam näher. Ich hörte einen leisen Atem. Eine H and berührte m einen Arm. Ich fuhr zurück und versuchte zu erkennen, wer sich außer mir in der Loge aufhielt. “Dan.” “Eva.” “Gib mir die Mappe”, flüsterte sie. Ich reichte sie ihr, aber es dauerte einige Sekunden, bis ihre tastenden H ände sie gefunden hatten. Dann entsann ich mich der kleinen Taschenlampe. Ich

leer, n u r ein

ein Un­

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bückte mich und leuchtete mit der verdeckten Taschenlampe nach dem Stuhl Nummer drei. Er

war leicht gefunden. Unter seinem Sitz befand sich

ein dünnes Brett, groß genug, um die

daraufzulegen. Das Brett hatte seitliche Abdek- kungen, die mit dem roten Stoff des Polsters be­ zogen waren. Man konnte den Stuhl seitlich kip­ pen, die Mappe würde sich nicht bewegen. Sie würde hier ziemlich sicher sein. Ich verbarg die Aktentasche in dem Versteck. “Komm, wir gehen in die Nebenloge”, flüsterte Eva. “Warum?” “Wir wollen nicht bei der Mappe bleiben. Wenn uns einer entdeckt und mißtrauisch wird, bleibt die Mappe aus dem Spiel.” Wir gingen auf Zehenspitzen in die Nebenloge, und ich stellte einen Stuhl gegen die Tür, damit sie nicht leicht zu öffnen war. Endlich hatten wir ein wenig Ruhe. Wir setzten uns in den Hintergrund der Loge und sahen vor uns den riesigen, leeren Zuschauerraum mit seinen drei Rängen und weit vorn die Bühne, die grünlich diffus1 wie eine Tiefseehöhle schim m erte. Nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Aber wir w ußten, daß die Luftschutzwarte ihre Kontrollgänge zu machen hatten. Nach den ersten Schüssen hatte sich das Flakfeuer beruhigt. Nur in der Ferne noch hörten wir einige Minuten das Rollen der Artillerie, bis auch das verstummte. Dann wurde es still, sehr still.

M appe

1diffus - konturlos, verschwommen.

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Es ist erstaunlich, wie bedrohlich die Stille in großen Räumen wirkt. Vielleicht liegt es daran, daß in großen Räumen ein Mensch leichter sich unbeo­ bachtet nähern kann. Und ein Mensch, das war meist eine Gefahr.

Wir saßen nebeneinander. Zum erstenmal hatten wir nichts zu tun als zu warten, einfach zu warten, bis der Luftalarm vorüber war. Kein Mensch sah uns. Wir waren allein. Ich hörte in den O hren das Summen der Stille. Oder war es das Summen meines Blutes? Wir saßen lange Zeit und sagten nichts. Eine gewisse Feierlichkeit erfaßte mich. Gut, man mochte es Eitelkeit nennen, aber wir hatten einen Schatz geborgen, der mehr wert war als ein Hut voll Geld. Hier war Speise, hier war ein Berg Lebensmittel.

Hier war vielleicht sogar Rettung für viele Gejagte. Ich stellte m ir ihre A ufregung vor, wenn sie die M appe öffneten und viele H underte von Reisemarken erblickten. Ich sah ihre Verwirrung,

ihre Erregung. Es gab zu essen, ja

Aber wer um

Himmels willen würde einkaufen? Frau Henschke hatte berichtet, es gebe einige nichtjüdische Freunde, die in diesem Fall von Geschäft zu Geschäft

wandern würden, um überall zu kaufen, nicht zuviel auf einmal, nur nicht auffällig. Alles war genau rationiert. Wer einen Sack Reis auf Grund seiner Reisemarken gekauft hätte, der wäre bestimmt festgehalten worden. Und dann wäre die Un­ tersuchung gekommen, und vielleicht wäre alles von1 den findigen Spürhunden der Polizei auP gedeckt worden. Da hat es doch einen Einbruch

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gegeben, und hier ist ein Sack Reis gekauft worden. Aha! Nichts davon. Hier ein Pfund Reis und ein Brot, dort ein Pfund Reis und ein Brot und ein halbes Pfund Butter und Wurst. Und dann nach Hause gewandert und die Beute weggebracht. Und aufs neue in einen dritten Laden und ein Pfund Reis gekauft und das andere und Kaffee, und hier die Reisemarken, bitte! Und der ganze Reichtum würde heimlich ins Jüdische Hospital gebracht und dann in jene Häuser, in denen die U ntergetauchten hausten. Und es würde endlich, endlich nach aller Not, nach aller Entbehrung ein paar Wochen der Sättigung geben, mit Eiern, Fett und Äpfeln und Brot und allem, was ein Mensch braucht. Mehr als Gold war es, was in der Nebenloge unter dem Stuhl Nummer drei lag, es war Glück. Wir brauchten nur die Mappe am nächsten Tag zu Frau Henschke zu schaffen. Um vier U hr am Nachm ittag des folgenden Tages waren Eva und Frau Henschke verabredet. Um drei Uhr sollte ich die Mappe hier im rrheater bei Mücke abholen und sie um halb vier Eva im “Ringcafe” überbringen. Das würde einfach sein. Vielleicht. Es war mitten in der Nacht, es mußte halb zwei sein, und Eva saß neben mir, in Reichweite. Sie saß sonderbar still. Es war, als sei sie tot, so still saß sie. Es war, als sähe sie ein Schauspiel, faszinierend und leuchtend, so still saß sie neben mir. “Die Bühne”, sagte sie leise, “die Bühne ist ganz leer.” Ich schwieg.

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“Komisch, eine Bühne ohne Menschen. Hab ich noch nie gesehen.” “Jetzt können wir in Gedanken auch Theater spielen —wie wir es wollen. Was würdest du spielen, Eva?” “Eine Komödie. Bunte Seide, Lachen, Krino- linen, lustige Gesprächigkeit, Liebe und das al­ les ” “Alles, was wir nicht haben ” “Ja.” Ich sah ein anderes Stück auf der Bühne: Die Angstmaschine. Sie versprühte Angst wie ein Par­ fümzerstäuber. Graue Kriegsknechte bedienten sie, der Angstregen fiel ununterbrochen, und wen ein Tropfen traf, der verwandelte sich in ein asch­ graues, gequältes Tier. Es verging eine kleine Zeit. Dann sprach sie wieder: “Ich war lange nicht im Theater. Zuletzt haben sie hier den ,Faust’ gespielt*. Ich hab’s auf den Plakaten gelesen.” “Die Oper von Gounod*?” “Hm. Kennst du das Stück?” “Ein wenig, von der Schule her.” “Das war doch was m it,Verweile doch’* ” “Faust sucht das Glück, jenen Augenblick, in dem er ganz glücklich ist, so daß er sagen kann: Verweile doch, du bist so schön. So ähnlich.” “Bist du schon mal glücklich gewesen?” “Ich weiß nicht.” “Vielleicht ist das Glück das Gegenteil von Angst.” “Wieso?” “Vielleicht ist man glücklich, wenn man keine Angst hat.”

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“Vielleicht ”

“Vielleicht ist das Glück wirklich nur eine Au-

genblickssäche. Ich

stellen, daß man ein ganzes Leben glücklich ist. Du-?” “Nein. Da müssen die Umstände schon alle sehr günstig sein, Liebe, Erfolg, Ehe, Kinder, Geld ” “Und man muß es merken.” “Das ist eben Gefühlssache.” “ja.” “Aber seine Gefühle kann man nicht immer auf Neunundneunzig halten. Das ist wie mit der Liebe. In der Jugend überschlägt man sich. Dann führt man eine Ehe, und die Liebe wird ruhiger, aber Freundschaft kommt dazu. Und werden die beiden alt, dann kann es wirklich eine Art Ähnlichkeit werden, eine gemeinsame Existenz in zwei Körpern. Aber in den Romanen findet immer noch die alte

Hochstapelei statt. Da gibt es kaum was anderes als

immerzu die große Liebe

“Es gibt auch noch eine andere —eine beson­ dere Liebe.” “Davon reden wir nicht.” “Nein.” Wir starrten auf die leere Bühne, weil dort ein wenig Licht war. Man sieht immer dorthin, wo Licht ist oder eine Bewegung. Meinte sie mit der anderen Liebe vielleicht die unsrige? War es Liebe? Ich hielt nichts von Definitionen. Ich hatte ganz allgemein gespro­ chen, grundsätzlich sozusagen, und sie hatte das Besondere gem eint, das höchst Besondere im höchst Typischen. Sie war eine Frau, und ich hörte

kann m ir gar nicht

vor­

Langweilig.”

3. Зак. 301

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sie leise atmen. Ich spürte die Wärme ihres Körper! wie eine Ahnung, obwohl sie sicher einen halber Meter entfernt saß. Ich griff nach ihrer jünglinghaft harten Hand Sie wollte zuerst entschlüpfen. Dann aber blieb di< Hand in der meinen. Ja, sie schien sich ziemlicl wohl darin zu fühlen. Sie entspannte sich unc öffnete sich. Sie erinnerte mich ein wenig an eir kleines Tier, das sich in meiner Hand behaglicl fühlte. Ich hörte Evas Stimme, sehr leise, fas schüchtern: “Glaubst du nicht, daß es auch ein< andere Liebe gibt?” Ich atmete langsamer. “Vielleicht, Eva.” “Ich glaube es”, sagte sie einfach. Ich war ganz still. Es war ein Augenblick, sanf und flammend und schön wie nie. Sie atmete eil wenig lauter. Draußen war es ganz still, nicht eil Schuß. “Es ist alles ein wundervoller Wahnsinn”, sagt< ich. Ich sah die vielen leeren Sitzreihen unter uns Ich prüfte immer wieder mißtrauisch, ob auch nich irgendwo einer heimlich saß. Ein starkes, stechende Licht drang durch eine Tür, die sich öffnete. Eil Mann mit B lendlaterne w anderte durch dei Seitengang des Zuschauerraums. Ich sah neben mi:

das weiße, starre Gesicht Evas, das einen Augenblid aufschimmerte wie das Gesicht einer im Wasse Auftauchenden. Der Mann mit der Blendlater ne erstieg auf einer kleinen Treppe die Bühne leuchtete sie ab und überquerte sie. Dann vef schwand er hustend. “Was meinst du mit dem wundervollen Wahn sinn?”

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“Na, alles ringsum, die Welt, den Alarm, die Gruppe, die Lebensmittelkarten und die Angst. Und mitten darin wir beide, hier in der Loge.” Ihre Hand in der meinen bewegte sich. Sie zog sich zurück. Aber dann kam sie wieder, nahm meine Hand und hob sie an ihre Brust. Ich spürte die sanfte Rundung und den kleinen Herzschlag darunter. “Da ist noch viel außer dem, was du aufgezählt hast. Noch mehr, viel mehr.” Sie sagte alles fast auf einem Ton, fast unhörbar. Und sie fuhr fort: “Das sollten wir nicht vergessen.” “Du hast recht.” “Leute wie du vergessen es leicht.” “Vielleicht.” “Wir vergessen es vor lauter Elend und Angst, und weil wir so oft wachsam sind.” “Wir müssen jede Sekunde wachsam sein.” “Nein! Ich kann das nicht. Ich kann nicht in eurer klugen Kälte dahinleben, immer in Angst, immer nur wachsam. Ich will leben, leben wie ein Mensch, verstehst du das?” Sie hatte meine Hand weg­ geschoben, beugte sich zu mir herüber und starrte mich an. “Du mußt leise sein, Eva.” “Du mußt leise sein, hör auf damit, ich habe es manchmal so satt, ewig leise zu sein, vorsichtig, berechnend und in Angst, satt habe ich es.” “Eva, hör zu, das Elend der meisten kommt daher, daß sie zuviel vom Leben erwarten. Es gibt Ge­ nerationen, die Pech haben. Unser Leben wird bis ans Ende vom Krieg bestimmt sein. Wahnsinn statt Vernunft. Wir wollen das ändern. Ist das klar?”

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“Verstehst du mich nicht?” Ih r handgroßes Gesicht schimmerte neben mir. Gespannt starrte sie mich an.

“Eva ” “Willst du mich denn nicht verstehen?” “Ich versteh dich, gewiß, aber ” “Ach hör doch auf m it deiner verdam m ten Schulmeisterei. Das weiß ich alles selber. Aber das,

das ist mehr, das geht uns an, dich

und mich. Aber dafür hast du keine Nerven. Du bist hart, Dan.” In diesem Augenblick hörten wir die Entwar­ nung. Ihr Geheul erlöste uns. Es dauerte nicht lange, und Mücke erschien in der Logentür. Er hatte

eine Taschenlampe in der Hand und grinste mit seinem Lausejungengesicht. “Na, habt ihr euch amüsiert, ihr beiden?” “Du hättest deinen Spaß daran gehabt, kleiner Halunke”, erwiderte ich. “Bestimmt”, meinte er ungerührt und lief uns durch einige Gänge voraus und über Treppen hinab. Durch die kleine Tür verließen wir das Theater. “Sei morgen nachmittag um drei hier, nach der Probe”, flüsterte mir Mücke zu, als wir auf der mondhellen Straße standen, “dann geb ich dir die Mappe.” “Einverstanden. Danke”, murmelte ich. Eva war schon einige Schritte vorausgegan- gen. Die Laternen schimmerten bläulich, und das Pflaster glänzte dort, wo nicht Hunderte von Lö­ chern von niedergefallenen Granatsplittern zeug­ ten.

was ich meine

6 8

Wir gingen schweigend durch einige Straßen. Dann sagte ich: “Natürlich versteh ich dich, Eva.” “Lieber Himmel, brich dir keine Verzierungen ab.” “Also morgen im ,Ringcafe’ ”, meinte ich. “Um halb vier bringe ich die Mappe.” “Gut”, erwiderte sie grimmig, “und wir wollen ganz gehörig wachsam sein.” Ich sah ihr ins Gesicht. Es war verschlossen und kalt. “Ja”, sagte ich, drehte mich um und ging davon.

4 D R E I U H R F Ü N F Z E H

4

D R E I

U H R

F Ü N F Z E H N

D er Zeiger auf der erleuchteten Turmuhr drüben rückt langsam vor. Die große Stadt schläft.

Staatsanwälte und Verbrecher, Kinder und Lehrer

schlafen. Zu beiden Seiten der Straße liegen die

hinter den Gardinen und träum en von

Sorgen und dem großen Glück. Der Regen hat zugenom m en. Ich sehe die schrägen Streifen des fallenden Wassers vor der nächsten Straßenlaterne. Er trommelt auf das Dach der Limousine, in der ich sitze, wachsam und gespannt. Ich habe diese Straße nie am Tage gesehen. Aber m anche Nacht habe ich in ihr verbracht, um mir die Zeiten zu merken, um den Ablauf eines be­ stimm ten Vorgangs vorzubereiten. Ich bin ein geduldiger Mensch und in meinen Plänen wenig beirrbar. Als ich alles wußte, was ich für mein Vor­ haben brauchte, ging ich zu einem Autoverleih. Im nüchternen Büro saß die Besitzerin, eine dicke Frau mit Hornbrille. Im Haar trug sie eine auffällig weiße Strähne, sauber eingefärbt. Sie kaute Süßes und griff öfter in eine Schachtel mit kandiertem Ingwer. Sie verlangte einen scharfen Preis, aber wir woirden handelseinig.

Familien

7 0

Es könne sein, daß ich den Wagen eine Woche brauche oder länger. Ich würde gelegentlich den Wagen nachts einstellen, ziemlich spät in der Nacht allerdings. Es sei in Ordnung. Sie sei auch nachts im Hause. Ich möge nur an das linke Fenster klopfen. Sie blickte mir kauend nach. Es war ein nach­ denklicher Blick, mit dem sie mich abtaxierte, indes ihre Zähne unablässig mahlten. Sie hatte samtbraune, eigentümlich dreiste Augen hinter der Brille und sah mir lange nach. Einige Nächte später, als ich von einer meiner ersten Exkursionen mit dem Wagen zurückkehrte, klopfte ich an das linke Fenster. Sie reichte mir den Schlüssel zur Toreinfahrt hinaus, und ich brachte den Wagen weg. Als ich zum Tor zurückkam, stand sie im Morgen rock in der Seitentür. Sie bat mich, hereinzukommen, und führte mich in ein unauf­ geräumtes Wohnzimmer. Sie habe heute Geburtstag, sagte sie, und sie wolle wenigstens mit einer menschlichen Seele ein Likörchen trinken. Das dürfe man einer Frau doch nicht abschlagen. Sie tat sich leid. Ihre Stimme schlug um, als finge gleich ein kleines Weinen an. Ich sah durch die offene Tür ins Badezimmer. An einer Leine hingen ausgewaschene Strümpfe und ein erm üdeter Büstenhalter von beträchtlichen Ausmaßen. Sie nötigte mich, in einem Plüschsessel am Tisch Platz zu nehmen, und schenkte mir ein safrangelbes, fadenziehendes Getränk ein. Im Ausschnitt ihres Morgenrocks bewegte sich erschreckend viel von dem, wovon der erschöpfte Büstenhalter Kunde gab.

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Im Wohnzimmer befand sich ein erstaunliches Sammelsurium* von veralteten Möbeln, das mit zwei arabischen M arm ortaburetts und einem Nierentisch* fatal kom plettiert war. Künstliche Rosen ragten aus zwei schlanken Kristallvasen. Über allem lag der schwere Geruch faulender Birnen, die in einer Majolikaschüssel* auf dem Vertiko* ihr Ende erwarteten. Eine Fernsehtruhe glotzte blind vor sich hin. Kissen mit Quasten* lagen umher. Ein Hirsch schrie aus einem schweren Goldrahmen an der Wand, und m ir gegenüber saß in einem sommergelben Morgenrock aus brüchiger Seide die massige A utoverleiherin, redete die üblichen Mitternachtssätze und hatte diesen bannenden Blick in ihren sam tbraunen Augen, d er eine Kreuzung zwischen “Kommdoch-rein-Liebling” und einem Hilferuf darstellt. “Ich muß leider gehen”, sagte ich. Nein. Auf keinen Fall! Sie sei sehr einsam. Ihr redlicher Mann sei tot. Sie plage sich mühsam, aber sie habe das Leben gemeistert, so daß sie jetzt von ihren Renten leben könne. Sie sitze manchmal allein beim Tanztee im “Hotel König” Sie nahm die Brille ab. “Ich muß wirklich gehen”, wiederholte ich. Auf keinen Fall. Sie lasse m ich nicht fort- Manchmal denke sie sich, hier müsse ein Mann ins

Geschäft, ein richtiger Mann

eine Frau allein lebe, Tag und Nacht allein. Nein­ nein. Oh, sie habe da ein wenig Konfekt Und sie stand auf, und wie es sozusagen der Zufall wollte, löste sich vorne der Morgenrock und bewies

Es sei nichts, wenn

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daß sie nichts darunter trug. Und das war schade. Sie entschuldigte sich erschrocken mit allzuviel Aufwand und begann, auf eine um zwanzig Jahre verspätete Art zu balzen. Sie wehte sich mit einer bleichen Wattehand Kühlung zu. Ob es mir auch so warm sei? Es sei die fliegende Hitze. Sie sei nämlich ein bißchen hitzig. Das alles sagte sie stark betont mit ihrem flachen Kassierermündchen, und sie ließ die Leidenschaft mit Kinoglut aus ihren Augen steigen, und sie drehte sich und bewegte ihren schweren Körper auf mädchenhafte Art. Ich dankte ihr und stand auf. Da kam sie auf mich zu wie ein dunkler Wach­ turm, in dem unten die Bluthunde heulen und oben die Wächter den Feind beobachten. Sie fiel mir weich in die Arme, und ihr Mantel öffnete sich weit.

“Bleib

”,

flüsterte sie brünstig, “bleib!”

Jetzt waren die Bluthunde auch nach oben gedrungen, hatten die Wächter vertrieben und den ganzen Turm besetzt. Aus allen Luken schluchzte und heulte die ungehem m te Leidenschaft. Ich betrachtete interessiert das Schauspiel. “Ich hole morgen gegen zwölf den Wagen”, sagte ich. Sie blieb fassungslos stehen, wie versteinert, mit halboffenem Mund, die Arme noch halb ausge­ breitet, doch die Hände schon herabhängend, und ihre Samtblicke sanken in aschgrauer Enttäu­ schung zusammen. Sie stand da, ein Bild der Einsamkeit, der Ver­

geblichkeit. Sie tat mir leid. Und ich ging;

7 3

Am nächsten Tag, als ich den Wagen holte, sah ich sie nicht. Ich machte mit der Limousine eine Probefahrt. Vor allem prüfte ich in den stillen Vorstadtstraßen das plötzliche Anfahren und das Bremsen. Ich legte Steine oder einen Zweig auf die Fahrstraßen und übte eine gewisse Präzision, denn jeder Wagen reagiert anders. Ich paßte auf, daß mich niem and beobach­ tete. Es hatte sich mir durch den Krieg und un­ sere illegale Arbeit eine natürliche Wachsamkeit eingeprägt, die durch die Haftjahre verstärkt wor­ den war. Jene Wachsamkeit, von der Eva damals gespro­ chen hatte, hat mich bis auf den heutigen Tag nicht verlassen. Und wenn mir heute nacht glückt, was ich so lange vorbereitet habe, werde ich weiter wachsam bleiben müssen, und Eva, wenn sie noch die heutige Zeit der Spaltung Deutschlands und der Atomrüstung* erlebt hätte, würde vielleicht nicht mehr so bitter über die Wachsamkeit sprechen, wie sie es damals in der Opernloge tat Ich sah sie übrigens am nächsten Tag sofort, als ich pünktlich das “Ringcafe” betrat. Sie saß in dem großen, vollbesetzten Restaurant vor einer Tasse Kaffee. Sie warf einen Blick auf die gefüllte Aktentasche, die ich auf einen Stuhl legte. “Wie geht es dir?” fragte sie. Ich sah, daß sie ihren Zorn vergessen hatte. “Ausgezeichnet”, erwiderte ich und lachte sie an. Sie atm ete auf. Ich habe selten ein G esicht gesehen, in das so rasch die Freude einziehen

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konnte. Sie каш wie ein Windstoß, der über das blasse Gesicht flog und es errötet und leuchtend zurückließ. Sie dachte an die Hungernden, die zu essen bekommen würden. Aber sie sprach nicht darüber. “Willst du Kaffee?” fragte sie. “Ja”, und sie bestellte ihn bei der Kellnerin. Sie geriet plötzlich in eine ausgelassene Stim­ mung. Rundum saßen viele M enschen. Der Lärm ihrer Gespräche füllte das Lokal, dessen zitronengelb gestrichene Wände Risse zeigten, da das Haus oben ausgebrannt war. Gelächter wurde hier und da laut. Aus einem Radio krächzte mit Tschingtara1 fade M ilitärmusik. U niform ierte Amtswalter thronten dick und lärmend in einem braunen Ring um einen runden Biertisch. Flieger mit Orden auf der Brust und graue Urlauber saßen mit Familien oder mit ihren Mädchen bei einem Stammgericht an den Tischen, und Verwundete, mit einem ausgestreckten Arm auf der Verbandschiene oder mit Stahlkrücken, tranken ein dünnes Bier oder löffelten einen Eintopf. Und überall dazwi­ schen befanden sich die elenden Gesichter der von den Luftalarmen übernächtigen Einwohner der Hauptstadt. Müde Kellnerinnen rannten hin und her, und auf die großen Fensterscheiben, die durch schwarze Pappe ersetzt waren, hatte man das Plakat mit dem grauen Mann geklebt, der zu flüstern schien: “Vorsicht! Feind hört mit!”

1 m it T schingtara

von Becken und Trommel.

- lautmalend für den Klang

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Eva spielte mit mir Liebespaar. Ich weiß nicht, wie sie auf den Gedanken kam. Sie nippte geziert von ihrem dünnen Kaffee in der plumpen Stein­ guttasse. “Ach, Liebling, hast du auch brav auf die Kom­ mode gespart?” flüsterte sie mit sentimentalem Augenaufschlag. Dann konnte sie das unterdrückte Lachen kaum halten. “Gewiß, gewiß.” Ich fühlte mich nicht behaglich dabei. “Und einen Lüster aus Kristall, achtflammig, brauchten wir auch dringend, Schatzi1. So einer paßt so gut in unsere heutige Zeit. Süß, nicht wahr?” Und das “nicht wahr” zog sie damenhaft zirpend in die Länge und stützte ihr Kinn schmachtend auf die zierliche Linke. Kleine, elende Scherze, mit denen sie sich in dieser Welt der Angst und Gefahr ein wenig Luft machen wollte. Wer lachte schon mit ihr? Sollte ihre Jugend ganz ohne Lachen vorübergehen? Jugend findet für jeden nur einmal statt. Aber sie war um ihre Jugend betrogen worden. Statt einer Ferien­ reise Luftalarme, statt einer Bootsfahrt nächtliche Flugblattaktionen, statt eines vergnügten Tanz­ abends illegale Treffs und imm er Angst in der Nacht. Ich verstand ihre Ausgelassenheit. “Komm, wir gehen”, schlug ich vor. “Oh, Kleiner, dein Schlips sitzt schon wieder schlecht. Er zeigt auf halb neun. Du solltest wirk­ lich m ehr auf dich achten, Goldschatz. Du siehst wahrhaftig aus wie ein Einbrecher.”

1

Schatzi

- Liebling.

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Sie lachte leise

Ich rückte den Schlips zurecht.

Plötzlich sah ich zu meinem Entsetzen eine Hand nach der Aktentasche greifen, eine fremde Hand. Ich fuhr herum. Ein rotes Clownsgesicht1 beugte sich grinsend zu m ir herab, hob die Aktentasche hoch und legte sie auf den Stuhl nebenan, auf dem Evas Mantel lag. Der Fremde näherte seinen weißum randeten Schädel und flüsterte mit vergnügter Bonhomie2: “Entschul­ digen Sie, junger Mann, darf ich Ihnen den Stuhl entführen?” “Aber gewiß.” Er verschwand mit dem Stuhl. Eva und ich blickten ihm nach. Die Erstarrung löste sich. Wir atmeten tief auf und lachten uns unsicher an. “Geh voraus”, sagte ich. Sie nickte und ging. Ich bezahlte die Rechnung und folgte Eva mit der Aktentasche. Sie ging lang­ sam vor mir her. Wir hatten den Brauch, immer einen Zweiten in der Nähe zu haben, wenn einer illegales Material trug. Der Zweite spielte im Falle der Gefahr eine wichtige Rolle als Zeuge oder als Ablenkung. Wir wußten, daß sich jeder von uns auf Eva verlassen konnte. Sie hatte eine Kaltblütigkeit, als sei sie für die illegale Arbeit geboren. Ich folg­ te ihr in ungefähr dreißig Meter Entfernung. Ich freute mich über ihren schönen Gang und über ihren kleinen nervigen Körper. Als ich eine Straße

überquerte, bekam ich plötzlich einen Stoß. Die

1 ein rotes Clownsgesicht [klaun] engl. mit vergnügter Bonhomie [bano'mi:]jrz. - m it Gutmütigkeit.

Aktentasche flog auf das Pflaster. Neben mir stürzte ein Radfahrer. “Können Sie nicht aufpassen?” schrie er. “Rennt

der Heini1 direkt vor die Mühle. Sie müssen

mal zum Optiker, Mann!” Die Leute blieben stehen. Ich sah, daß der Deckel der Aktentasche sich geöffnet hatte. Deutlich waren die oberen Kanten der Lebensmittelkarten zu sehen. Ich bückte mich, um die Tasche aufzuheben. Aber ein Junge kam mir zuvor. Er faßte sie ungeschickt an. Jeden Augenblick konnten die Lebensmit­

telkarten herausgleiten. Ich stürzte hinzu, griff nach

der M appe und ließ das Schloß des

einschnappen. Dem Fahrrad war nichts passiert. Der Fahrer schimpfte leise vor sich hin. “Wenn Se abkratzen wollen, Mann, suchen Se sich besser ‘n Achtzylinder aus, aber nich meinen Drahtesel. Sowat 12” Auf der anderen Seite der Straße näherte sich ein Polizist, der die Menschenansammlung gesehen hatte. Ich bekam einen Schrecken. “Schimpfen Sie nicht”, sagte ich rasch, “drüben kommt schon ein Polizeibeamter, der schreibt alles auf.” Der Radfahrer blickte sorgenvoll hinüber. Dann schob er sein Rad an, sprang hinauf und radelte davon. Ich ging mit der Aktentasche fest unter dem Arm auf dem Bürgersteig in der anderen Richtung

mir

Deckels

1 H ein i

. der

- ein dummer, einfältiger Mensch-

2 Se sich b esser

. su ch en

So wat

-

Sie sich.-

So was

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davon. Die Menschen liefen auseinander. Eva stand vor einem Schaufenster. Sie hatte alles beobachtet. Als ich mich näherte, ging sie wieder vor mir her, bis wir in eine stille Straße kamen. Hier standen einige frische Ruinen, und hier lag irgendwo das Jüdische Hospital. Die W ohnung von Frau Henschke befand sich in einem der alten Miets­ häuser nebenan. Eva ging in das Haus, ich folgte ihr. Im Hausflur wartete sie. Mit einem hellen Blick ihrer grauen Augen prüfte sie das Treppenhaus. Aber es gab keinen Zuschauer. Ich reichte ihr die Aktentasche. Sie nickte. Einen Augenblick lang blieb sie stehen, sah mich ernst an und sagte leise:

“Mit dir geht immer alles gut, Dan ” Dann stieg sie die Treppe hinauf und klingelte. Ich wartete noch eine Weile und beobachtete durch das Fenster der Haustür die Straße. Es war nichts Verdächtiges zu sehen. Ich ging zur nächsten Haltestelle und fuhr mit dem Autobus davon. Ich hatte sie im Autobus immer noch vor Augen, wie sie vor mir über die Straße gegangen war, schmal, zierlich, geradezu, mit rotbraunem Haar, das im Sonnenlicht aufleuchtete. Und wenn sie sich umsah, hatte sie die sorgenden Augen einer Schwester. Es war der uralte Blick einer namenlosen Kameradschaft, ein Blick, der Mut machte. Sie liebte es, ihre Gefühle mit einem kleinen Spott zu zeigen. Wenn einer sie lobte, wie ich es am Tag zuvor getan hatte, konnte sie die Oberlippe ein wenig wölben und sagen: “Laß man, ich bin bloß ne Singerin.”

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“Nein, du bist eine Sängerin.”

“Quatsch, eine Sängerin singt große Sachen, Arien und so. Ich sing man bloß so vor mich hin.” “Du singst aber gut, Eva.”

“Lieber Himmel

laß das.”

Sie war manchmal verspielt, aber auf eine Weise, die eine ironische U nerschrockenheit bewies. Man konnte ihr nichts vormachen. Jeder falsche Zungenschlag reizte sie. Dann pflegte sie ihre Au­ gen spöttisch zum Himmel aufzuschlagen und “lieber Himmel” zu rufen. Vor -allem Paul war es, der sie mit bestimmten Redewendungen aufbrachte. Als wir uns am gleichen Abend im Probenzimmer vor dem Konzert versammelten, zog Eva mich

hinter die Bühne und berichtete: “Es ist etwas Unangenehmes passiert. Ich habe die Mappe nicht abliefern können.” “Teufel! Warum nicht?” “Frau Henschke war nicht zu Hause. Sie liegt in der Krankenabteilung des Hospitals. Sie hat eine Lungenentzündung. ” “Und weiß niemand sonst Bescheid?” “Nein.” “Und wenn man die Mappe einfach im Büro des Hospitals abgibt?” “Sie werden denken, es sei ein Trick der Polizei, um sie hereinzulegen.” “Aber die Karten müssen verteilt werden, damit die Menschen zu essen bekommen.” “Es gibt eine Möglichkeit”, meinte Eva. “Welche?” “Der Professor.” “Was für ein Professor?”

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“Ein jüdischer Gelehrter, dem wir die Mappe geben könnten.” “Weißt du, wo er wohnt?” “Ja, er ist Sternträger. Er geht jeden Morgen von der Waldstraße in die Staatsbibliothek. Wenn er die Bibliothek verläßt, folgen wir ihm bis zu seiner Haustür und geben ihm dort die Mappe.”

Am nächsten Morgen standen wir in der großen Halle der Staatsbibliothek. Studenten, Soldaten und Wissenschaftler eilten herein, gaben in der Garderobe ihre Mäntel und M appen ab, stie­ gen die große Treppe hinauf und passierten die Kontrolleure, um sich in den Arbeitssälen zu vertei­ len. Um diese Zeit herrschte lebhafter Verkehr. Endlich sahen wir ihn eintreten, einen alten, müden Juden, der zwei Stunden Fußweg hinter sich hatte. Er trug den gelben Stern, aber der Fünfundsiebzig- jährige hatte, da er ein berühmter Wissenschaftler war, eine Sondervergünstigung erhalten. Er durfte sich Bücher aus der Bibliothek entleihen. Er holte sich drei Bücher ab, die für ihn bereitlagen, und sank erschöpft auf eines der Ledersofas. Dort begann er zu lesen. Aber es dauerte nicht lange, so trat ein Beamter der Ausleihe auf ihn zu und sagte nicht unfreundlich: “Sie da, das geht aber nicht. Sie wissen doch, daß Sie in der Staatsbibliothek nicht sitzen dürfen.” Und achselzuckend wandte er sich an seinen Kollegen hinter dem Tisch: “Immer diese Übergriffe. Da dürfen sich diese Leute wirklich nicht beschweren, wenn man eines Tages mal andere Seiten aufzieht. Ist doch klar.”

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Der Kollege stapelte einige Bücher auf dem Tisch der Ausleihe und knurrte: “Mal halblang, Egon. Deine Beförderung ist ja sicher.” Der Professor hatte die Augen von seinem Buch erhoben und die Brille in die Stirn geschoben. Er hatte graublaue Augen, wie vereist. Er nahm seine drei Bücher und stand langsam auf. Man sah, daß er sehr müde war. Er blickte sich suchend um. Er hatte die Auswahl zwischen einer Fensterbank und einem Stehpult. Er entschied sich für die Fensterbank, legte seine Bücher ordentlich darauf, holte Papier und Stift heraus und begann stehend zu arbeiten. Er durfte die benötigten Bücher nicht mit hinausnehmen. Hier stand ein bedeutender Wissenschaftler, verelendet und mit einem Zeichen gebrandmarkt, an einer Fensterbank, um zu arbei­ ten. Er durfte sich nicht setzen. Von diesem Mann waren einst oben im großen Katalog elf Bücher verzeichnet gewesen, die alle von den Machthabern “sekretiert” worden waren. Er war einmal der Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften von Rang gewesen, ordentlicher Professor und Präsident wissenschaftlicher Gesellschaften. Jetzt stand er eine halbe Stünde im lärmerfüllten Raum der Ausleihe am Fenster, schrieb sich Auszüge heraus, füllte einen Wunschzettel für morgen aus, gab die drei Bücher zurück und wandte sich schwerfällig dem Ausgang zu. Noch in der Haupt­ halle trat Eva zu ihm. Er erkannte sie sofort, und ein Schein von Freude leuchtete in seinem mageren Gesicht auf, als er ihr die Hand gab. Nach einigen Worten, mit denen Eva ihn über mich aufklärte, begrüßte er auch mich.

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“Darf ich Sie begleiten, Herr Professor?” fragte

Eva, als wir mit ihm die Bibliothek verließen. “Was? Den ganzen Weg? Das geht aber nicht. Sie werden sehr müde werden”, wehrte er ab. “Was Sie können, das kann ich auch”, lachte sie, und es hörte sich munter und nach sportlichem Wettkampf an, aber es wurde ein Weg durch gera­ dezu absurde Demütigungen, die im Hirn von Mitbürgern entstanden waren. Eva wanderte mit dem alten graugesichtigen Professor durch die Stadt, zwei Stunden lang, bis in die Waldstraße. Ich folgte ihnen mit der vertrackten Mappe in der Hand im Abstand von fünfzig Metern. Der Professor durfte wie alle Sternträger keinerlei Fahrzeug benutzen. Der Weg führte durch einen

riesigen alten Park, der m itten in

und angenehme Promenaden bot. Aber da dem Professor wie allen Sternträgern das Betreten von Grünanlagen verboten war, mußten wir einen Umweg um den Park herum machen. Gewiß hätte er das Verbot heimlich übertreten können. Aber leider war die Wahrscheinlichkeit groß, daß irgend­ ein Mitbürger den gelben Stern auf der Brust des alten Mannes bemerkt und gerufen hätte: “Was hat denn der Jude hier zu suchen? He, Sie da, Sie meine ich! Das ist doch eine Unverschämtheit!” Andere wären hinzugekommen und hätten sich erregt. Diejenigen, die sich für den Sternträger eingesetzt hätten, wären mit einem drohenden Wort, ja mit einem Blick eingeschüchtert worden. Man hätte einen Polizisten gefunden, und damit wären Abtransport und Tod sicher gewesen. Am Anfang, als die gelben Sterne eingeführt worden waren,

der Stadt lag

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hatte mancher sich über die vielen Verbote hinweg­ gesetzt. Das hatte stets mit dem Abtransport geendet, denn überall lauerte der Haß. Der Professor also wanderte regelmäßig um den Park herum. Weitere Umwege waren notwendig, weil den Stemträgern auch das Betreten großer Straßen und Alleen verboten war. War der Professor müde, so durfte er sich nicht auf eine Bank setzen. Es gab gelegentlich eine gelb gestrichene Bank, auf der “Nur für Juden” stand. Übrigens durfte der Pro­ fessor auch kein Restaurant, kein öffentliches Lokal anderer Art, keinen Wartesaal, kein Kino und keine Telefonzelle oder Markthalle betreten. Auch Ladengeschäfte durften von den Sternträgern nur zu bestimmten, genau vorgeschriebenen Stunden besucht werden. Dann allein waren Einkäufe mit der elenden Judenkarte möglich. Der Pro­ fessor, neben Eva durch die belebten Straßen wan­ dernd, führte mit ihr ein lebhaftes Gespräch. Seine Kleidung war armselig, aber seine Haltung verriet Würde. Auf schiefgelaufenen Absätzen mit tief hängender Hose, aber mit den Gesten der Heiterkeit wanderte er dahin. Als wir nach der langen W anderung der W aldstraße näher ka­ men, bemerkte ich, daß es Eva war, die ihm etwas auseinandersetzte. Er schien längere Zeit zu schweigen, und Eva redete auf ihn ein. Dann schüttelte er energisch den Kopf. Aber Eva hörte nicht auf zu reden. Er schüttelte noch mehrere Male den Kopf, aber schon langsamer. Man sah, daß die Argumente Evas ihre W irkung taten. Er stellte Fragen und sah sie genau an, während sie weh tergingen.

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Zwei schwarz Uniformierte kamen näher und stutzten, als sie den Mann mit dem Stern sahen. Sie gingen direkt auf ihn zu, als wollten sie ihn niedermarschieren. Aber der Professor wich mit großer Aufmerksamkeit und einer höflichen Dre­ hung seines Oberkörpers, die drei Schritte lang währte, zur Seite und ließ sie vorbei. Als ich danach an den beiden SS-Männern vorüberging, sah ich, daß es sich um zwei brav aussehende junge Männer mit frisch rasierten Gesichtern handelte. Einer sagte: “Daß solche Brut es überhaupt noch wagt, am hellen Tag über die Straße zu gehen ” “Und dann noch mit einem Mädchen! Vielleicht sogar ‘ne Arierin. Sollte man verprügeln ” “Laß man”, meinte der erste, “die haben wir bald alle im Keller.” Einige Kinder rannten lachend vorbei und schrien vergnügt. Ich beschleunigte meine Schritte. Als ich näher kam, erkannte ich, daß Eva den Professor anscheinend überredet hatte. Er nickte kurz. Er blieb einen Moment lang stehen. Dann nickte er noch einmal. Ich paßte scharf auf. Eva redete nicht mehr. Aber als wir vor der Einbiegung in die Waldstraße angelangt waren, gab mir Eva das verabredete Zeichen. Sie blickte nach oben, als sei dort am Dach eines Mietshauses etwas Besonderes zu sehen. Sie verlangsamten ihre Schritte, und ich erreichte die beiden. “Hallo”, sagte ich, “das ist aber nett, Sie zu treffen. Wir haben uns lange nicht gesehen.” Wir wechselten einige Worte, so wie das bei Gelegenheiten üblich ist, bei denen man auf der Straße zufällig Bekannte trifft. Ich stellte die Mappe

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auf das Pflaster, als sei sie mir ein wenig schwer. Nach einer Weile bückte sich der Professor, richtete etwas an seinen Hosen und nahm die Tasche auf. Es dauerte nicht lange, bis wir uns trennten. Ich ging die Straße geradeaus weiter. Ich sah, daß Eva sich von dem Professor vor der Waldstraße ver­ abschiedete und daß der alte Mann mit der Tasche allein auf das Haus zuging, in dem er wohnte. Auf diese Art hatte er die Mappe nur kurze Zeit in der Hand. Am nächsten Tag erfuhren wir, daß alles gut gegangen war. Übrigens hörten wir einige Monate später, daß der Professor m it seiner Frau in ein Durchgangslager gebracht worden war. An­ schließend wurden sie nach Theresienstadt* in das KZ abtransportiert, wo er kurz darauf starb. Sein letztes Werk überlebte in einem Tresor den Krieg und wurde veröffentlicht. Seine Frau wurde mit siebenundsechzig Jahren nach Auschwitz* trans­ portiert und dort vergast.

Als ich am Tag nach der Aktion mit der Mappe Eva wiedersah, blickten wir uns in die Augen. Dieses Erlebnis hatte uns enger zusammengefuhrt, als es eine Nacht in den Weidenbüschen am Flußufer getan hätte. Die Entscheidung zwischen uns war endgültig, das wußten wir von nun an. Und das verstanden alle unsere Freunde von der “Silbernen Sechs” bis auf Paul. Wenn er Eva und mich bei den Proben oder bei den Konzerten sah, veränderte sich sein Gesicht. Er schob dann seine Lippen zu einem

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roten Ring zusammen und blickte starr auf die Tasten des Klaviers. Aber eines Nachts, als der letzte Gast das Lo­ kal verlassen hatte und wir unsere Instrumente einpackten, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Eva und Paul. Eva legte schließlich die Noten mit einer Bewegung der Endgültigkeit auf den Tisch. Dann wandte sie sich um und sagte leise, aber sehr entschieden: “Laß mich in Ruhe, Paul. Laß mich doch endlich in Ruh. Es hat doch keinen Sinn, versteh es doch! Quäl mich doch nicht.” Er stand halb hinter ihr, als er sagte: “Ich quäle dich doch nicht ”

“Natürlich quälst du mich! Du weißt genau, daß ich mit Daniel befreundet bin und daß ich dir gesagt habe ” Sie sah ihn an. Er blickte ihr wild in die Augen.

“Was hast du mir gesagt

was, Eva?”

Und dann brach sie aus, sie schrie es heraus: ГDu sollst mich in Ruhe lassen, verdammt noch mal! Heute und morgen und immer! Das habe ich dir gesagt.” Es war totenstill im Raum. So hatte keiner von uns sie bisher erlebt. Ich war erschrocken von diesem wütenden Ausbruch, den ich nie bei Eva erwartet hätte. Paul starrte sie an. Er stand einen Augenblick lang reglos wie aus grauem Stein. “Eva, hast du nicht gesagt, daß wir Freunde bleiben wollen?”

“Ja, ja, aberjetzt

Paul legte ihr den Arm um die Schulter und

jetzt geh.”

versuchte sie zu beruhigen: “Hör zu, Eva

87

Aber sie fuhr herum, so daß sein Arm herabflog, und schrie: “Geh!” Da drehte er sich auf dem Absatz herum und ging hinaus. Die Tür fiel laut ins Schloß. Wir andern packten schweigend unsere Instrumente weg. Mir fiel auf, daß Walter sich nicht rührte und schweigend seine Trompete anstarrte. Eine ganze Weile war es still. Wir fünf standen ein wenig unschlüssig herum. Vor uns dehnte sich der leere und dunkle Saal. Auf dem Podium brannte eine einzige, kahle Birne, die die sparsame Wir­ tin einzuschalten pflegte, sobald der letzte Gast verschwunden war. Im Licht dieser Birne fielen dunkle Schatten über unsere Gesichter. Plötzlich sagte Walter leise: “Wir müssen aufhören.” Pelles hellblondes Haar glänzte im Licht, als er heranhinkte. Sein junges Gesicht sah erstaunt aus. “Was heißt das?” Walter blickte uns alle an. Sein mageres Gesicht war sehr ernst, als er sagte: “Das heißt, keinerlei Flugblätter mehr.” Er hatte es sehr leise gesagt. Da fuhr Mücke auf, der Jüngste. Er war empört. “Nu man sachte, Walter. Wat hör ick da? Kneifen solln wir?”* Und Pelle schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: “Ich denke nicht daran!” Eva hatte einen wachsamen Blick hinter die Bühne getan und fragte: “Warum denn? Was ist hier los, Walter?” Walter stand gelassen am Bühnenrand. Sein schmales Athletengesicht war verschlossen. “Wir werden Paul sagen, daß wir in Zukunft nicht mehr unseren Hals riskieren. Das ist alles.”

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Eva schüttelte den Kopf; “Aber warum denn, Walter? Weil wir ‘n bißchen Krach hatten? Lieber Himmel ” “Das will ich euch sagen. Der Tag wird kommen, und vielleicht bald, an dem Paul unser Feind ist. Außerdem haßt er dich, Daniel, und vielleicht auch Eva und uns alle. Unsere Arbeit ist durch persönliche Gefühle gefährdet. Ich habe kein Vertrauen mehr zu ihm.” Pelle massierte sein Bein und knurrte vor sich hin: “Also das stimmt, Leute. Ich auch nicht, schon lange nicht mehr.” Mücke war langsam durch den Saal gegangen, um zu kontrollieren, ob ein Unbefugter zuhören könne. Jetzt kam er zurück. Er stand vor dem Ständer, auf dem mit silbernen Buchstaben gestickt “Silberne Sechs” stand. Er schüttelte den Kopf und stieß verzweifelt hervor: “Wenn er doch nur ver­ schwinden würde!” “Nein”, erwiderte Walter leise wie immer, “das wäre gefährlicher, als wenn er bliebe. So haben wir ihn unter den Augen.” Er wurde noch leiser, so daß wir ihn kaum verstanden: “Vergeht nicht, für einen Verräter könnten wir eine ganz hübsche Chance sein. Ihr wißt, die Gestapo verlangt von ihm Taten.” In diesem Augenblick begriff Eva. Sie flüsterte bleich: “Verrat?” “Mensch, willst du tatsächlich für immer mit der Arbeit aufhören?” fragte Mücke. “Nein, natürlich nicht. Aber für ihn muß es so Aussehen. Wir erklären ihm, wir hätten für immer aufgehört. Aber wir machen nur eine Pause. Und dann fangen wir, unter veränderten Umständen,

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wieder an. Nur darf er nie merken, daß wir weiter- arbeiten. Der geringste Zufall, durch den er er­ fährt, daß er praktisch ausgeschlossen ist, kann ihn zum Denunzianten machen.”

Eva schüttelte den Kopf. “Das ist eine gefährliche Sache.” Aber Walter entgegnete ihr: “Ich habe mir das tagelang überlegt. Aufhören dürfen wir nicht, weil unsere Arbeit einfach notwendig ist. Notwendig, versteht ihr, notwendig.” Dieser Satz nahm den Druck von uns. Und schließ­ lich beschlossen wir, so zu handeln, wie Walter vorgeschlagen hatte. Eva sprach am nächsten Tag mit Paul, um ihn zu besänftigen. Sie stand allein mit ihm hinter der

Bühne. Sie sei überm üdet

der Alarm. Aber Paul hatte an diesem Tag andere Sorgen. Er reichte Eva mit überraschendem Gleich­ mut die Hand und zeigte uns dann einen Zettel, den er morgens mit der Post erhalten hatte, eine rauh getippte Vorladung zur Gestapo. “Es dreht sich wieder um meinen Vater”, meinte Paul und zuckte die Schultern. Er trug wie immer einen rehbraunen Anzug, und sein Gesicht sah sorgenvoll und gedunsen aus. Ich sah, wie Walter aufatmete. Ich wußte den Grund. Solange Paul uns solche Vorladungen zeigte, trug er sich nicht mit schlechten Absichten. Außerdem

begünstigte diese Vorladung Walters Plan. “Natürlich gehst du morgen dahin, Paul, und sofort danach kommst du hierher. Wir erwarten dich. Und solange dich die Gestapo mit diesen Vorladungen verfolgt, stellen wir unsere Arbeit ein» verstanden?”

gewesen, die Nerven,

9 0

Paul nickte. Man sah ihm an, daß er erleichtert war. Walter fuhr fort, es sei bedauerlich, daß gestern abend jene Auseinandersetzung stattgefunden habe. Aber eine Widerstandsgruppe bestehe aus Menschen, und bei jungen Menschen seien die persönlichen Gefühle meist ungebrochen und heftig. Auch innerhalb einer Gruppe gehe das Leben weiter, mit Liebe und Feindschaften und allem, was zu heranwachsenden Menschen ge­ höre. Wer illegal arbeite, sei nicht auf einmal ein geschlechtsloser Engel. Vielleicht seien sie nicht reif für die Arbeit. Jedenfalls hätten sie beschlossen, die illegale Arbeit vorläufig einzustellen, und es sei die Frage, ob sie angesichts der Umstände je wieder aufgenommen würde. Paul war einverstanden, und wir spielten am Abend, als sei nichts geschehen. Nur gelegentlich fiel mir ein kalter, ja feindlicher Blick von Paul auf, den er vom Flügel her zu Eva und zu mir schickte. Und schon am nächsten Nachmittag spürte ich, wie unsere Nerven uns zu schaffen machten. Die Spannung und das Mißtrauen wurden unerträglich. Wir warteten lange Stunden vergeblich auf Paul. Um vierzehn Uhr war er vorgeladen, und obwohl er versprochen hatte, sofort danach in “Heines Pest- saal” zu kommen, wo mindestens einer von uns, der sich frei machen konnte, auf ihn warten sollte, war er nicht erschienen. Erst abends gegen sieben Uhr, als wir alle voller Sorge versammelt waren, öffnete er zögernd die Tür des Garderobenraums hinter der Bühne. Wir ließen die Instrumente sinken und sahen ihm gespannt entgegen.

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Er blickte langsam über unsere Gesichter und warf den Mantel nachlässig auf den Tisch. “’n Abend, Päul.” Walter legte seine Trompete behutsam auf den Tisch. Er blickte Paul nicht an und sprach sehr ruhig. “Du kommst sehr spät ?” “Bin noch was rumgelaufen ” Walter fuhr herum und blickte Paul ins Gesicht. “Du hast uns doch versprochen, sofort zu kommen. Kannst du dir nicht denken, daß wir verdammt gespannt sind?” “Natürlich.” “Also, was war?” “Ach, nichts Besonderes.” “Was heißt das? Sie müssen doch was von dir gewollt haben?”

Das hab

ich euch ja vorher gesagt. Nichts sonst.” Da rief Eva laut: “Paul!” “Was starrt ihr mich denn alle so an?” Eva rief mit klarer Stimme vom Klavier herüber:

“Du lügst doch, Paul!” “Aber, Eva!” Päul war herumgefahren. Walter saß halb auf der Tischkante. Er blieb ruhig. “Was hat man von dir gewollt, Paul? Sag die

Wahrheit!” Aber Paul war wütend. Er zog die Lippen zu einem korallenroten Ring zusammen und er­ widerte: “Ich hab’s ja gesagt! Was soll das über­ haupt hier, dieses Verhör?” Nie werde ich Evas hellen, fast erstaunten Ausruf vergessen: “Du hast ja eine ganz andere Stimme, Paul eine ganz andere Stimme was ist ge­ schehen?”

“Nur eine Auskunft über meinen Vater

9 2

5

D R E I

U H R

ZW A N ZIG

S eit jenem Abend paßten wir scharf auf ihn auf. Unser Verdacht machte uns wachsamer denn je.

Aber Pau 1war wie immer pünktlich und zuverlässig. Natürlich spielten wir damals keinen Jazz, der als “Negermusik” verboten war, aber wir variierten die erlaubte Tanzmusik. Wir waren damals eine Band, die meist aus Laien bestand, Amateuren, ungelenk ein wenig, aber in unserem Viertel beliebt. Im Som­ mer und Winter war es voll in “Heines Festsaal” oder im Biergarten, wenn wir Tanzmusik machten. Paul war ein seidenweicher pianistischer Unterhalter. Und wenn Walter die silberne Trompete hob und seine schönen Soli blies, so daß man glaubte, er spräche mit uns, dann fiel Paul am Flügel mit schweren, kurzen Harmonien rauschend ein, ehe sie sich im Finale mit den anderen vereinigten. Es gab Abende, an denen wir uns immer noch ver­ standen, Paul und wir. Wir glaubten allzulange, er habe unsere frühere Untergrundtätigkeit ver­ gessen. Wir irrten uns. Das stellten wir später zu unserem Schrecken fest. Wir hatten nämlich nach einigen Wochen wieder begonnen, Flugblätter zu verteilen. Wir hatten Räume, Termine und Arbeits­ weise verändert. Wir waren vorsichtiger dennje, und

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niemand, auch Paul nicht, hätte irgend etwas Ver­ dächtiges bemerken können. Wir nahmen das Abenteuer erneut auf uns und jene graue Angst in den Morgenstunden, jenen samtenen Nebel von Angst, in dem viele Augen zu lauern schienen, wenn man wach lag und wartete Wir trugen die Lastjahrelang, wir trugen sie. Und das Ergebnis? Hier im Auto sitzt einer und späht durch die Windschutzscheibe in die Regennacht hinaus, nach einem anderen, den er töten will. Es ist nicht mein Wille, es ist mein Auftrag. Es ist wie ein Eid, der mich zum unerbittlichen Vollzug zwingt. In mir ist zu Stahl zusammengeschmolzen, was ich alles damals an Mord und Folter erlebt habe. Es hat mich alles kälter werden lassen und gnadenloser. Jetzt wartet alles in mir auf diese einzige Minute, in der die geballte T.N.T.*-Fracht losbricht wie eine höllengelb aufflammende Explosion. Der große Frost in mir ist es in Wahrheit, an dem ich seit jener Zeit leide. Mag sein, daß ich krank bin, verätzt von der Essenz des Hasses. Eines ist sicher, hier wird ein ganzes Leben eingesetzt, um ein anderes Leben zu vernichten. Überall hörte ich die seifigen Phrasen, die nach dem Mord den Mord entschuldigen. Ich las sie in den Zeitungen und hörte sie in vielen Gesprächen. Das machte mich zum Einzelgänger, überem p­ findlich gegen das “Tout comprendre, c’est tout

pardonner1.”

1Tout com prendre, c ’est tou t p ardonner [tu köpoädo

se tu paixl6n]/r<mz. —“Alles verstehen heißt alles verge­ ben” -

e i n b e k a n n t e s

f r a n z ö s i s c h e s

S p r i c h w

o r t .

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Gut, ein Einzelgänger bin ich, und ich habe einen sehr eigenen Weg eingeschlagen, der hierher- gefiihrt hat. Drei Uhr zwanzig schon

Der nicht m ehr lange leben wird, hat auch Eva auf dem Gewissen. Meist hatte sie den Auftrag, abends mit den Flugblättern in die Häuser zu gehen. Ich begleitete sie oft und bewachte ihre Arbeit gegen plötzliche Gefahren. Sie fing immer in der obersten Etage eines Hauses an und legte die Flugblätter auf Fenstersimse oder auf eine Stufe. Das ging fast immer rasch, und sie war bald wieder unten auf der Straße. In der nächsten Straße ging sie wieder in ein Haus, und im Laufe eines solchen Abends verbreitete sie etwa dreihundert Flugblätter, die ich bei mir trug. Ich hielt mich von ihr entfernt und blieb imm er in der Nähe eines Gully, um im Gefahrenfall die restlichen Flugblätter rasch hineinschieben zu können, ehe ich ihr zu Hilfe eilen würde. Nie werde ich jenen Abend vergessen, an dem wir in einer Som m ernacht Flugblätter verteilt hatten. Eine rumpelige alte Straßenbahn hatte uns aus dem fremden Stadtviertel in die Nähe unserer Wohnungen gebracht. Als wir ausstiegen und die verdunkelte T ram 1 m it ihren blauen Birnen kreischend im Dunkel verschwand, lachte Eva plötzlich auf. Sie hatte vergessen, die Baum- w ollhandschuhe auszuziehen, m it denen sie

1die Tram -,-s: Kurzform von „tramway“- die Staßen- bahn.

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immer arbeitete. Sie zog sie aus, hob die heißen Hände hoch und bewegte sie, als handele es sich um Schattenspiele. “So, das ist vorbei”, sagte sie und holte tief Atem. “Du machst es großartig”, erwiderte ich. Die Erleichterung verwandelte sie. Hatte sie eben noch behend und überlegt gearbeitet und dazu mit ihrer gewohnten Kaltblütigkeit, so schlenderte auf einmal ein lachlustiges Mädchen neben mir über die Straße. Wir waren allein. Der halbe Mond erleuchtete hell eine Häuserfront, in der die dunk­ len Fensterreihen das Licht mit schwachem Glanz reflektierten. Eva flüsterte: “Du, meine Mutter würde den Kopf schütteln, daß ich als gelernte Krankenpflegerin nachts in Häuser gehe, und in jedem Haus bleibt ein Aufruf zurück. Und wenigstens einer wird unser Blatt lesen.” “Du solltest wieder in einem Lazarett arbeiten, statt hier in der Nacht ” “Aber das geht doch nicht, Daniel. Hast du mei­ nen kleinen Webfehler vergessen1? Ich habe Glück, daß ich bei euch singen darf.” “In deiner Lage hast du viel Mut, Eva. Was du tust, kann einer allein eigentlich nicht tragen.” “Ich trag’sja nicht allein, Daniel, du trägstja mit.” Die Angst bindet Menschen, sie bündelt Schick­ sale. Eva und ich waren einander nie so nahe wie ifl jenen Tagen. Ich hatte sie schon oft nach Hause ge­ bracht. Aber als ich an diesem Abend in die Stras­

1

meinen kleinen Webfehler vergessen - meinet1

geistigen Defekt (

.

A n s p i e l u n g a

u f

d i e

j ü

d i s c h

96

e

H

e r k u n f t )

se einbiegen wollte, in der sie wohnte, schüt­ telte sie den Kopf. “Ich will nicht nach Hause.” Ich war überrascht. Ich verstand nicht. Aber sie hängte sich bei mir ein, lächelte mich an und schlug den Weg ein, der zu mir führte. Ich öffnete vorsichtig die Haustür, und wir schlichen die Treppe hinauf. Die blaugestrichenen Glühbirnen gaben kaum eine Ahnung von Licht. Man mußte aufpassen, daß man nicht über die Luftschutzeimer stolperte, die mit Wasser oder Sand gefüllt vorjeder Wohnungstür zu stehen hatten. Oben im fünften Stock blieb Eva stehen. Ich hörte

sie kaum, als sie flüsterte: “Du, man siehtja nichts ”

leise, die Wirtin

hat Ohren wie eine Katze ” “Es ist aber so dunkel ” “Nachts soll es meistens dunkel sein, hab ich mal gehört.” Wir lachten leise und unterdrückt. Dann öffnete ich die Tür meines möblierten Zimmers und atmete ”

Wir erschraken, als eine Diele knarrte, und traten ein. Der Mond erleuchtete blaß meine Mansarde. Eva blieb an der Tür stehen. Ihre Stimme war rauh. “Hast du kein Licht?” “Nein, das elektrische Licht tut es seit dem letzten Angriff nicht mehr.”

Ich zündete eine Kerze an, die ein winziges gel­ bes Lichtzelt um uns schuf. Ich sah einen Augen­ blick in ihr erleuchtetes Gesicht. Ihre hellgrau glänzenden Augen mit dem weiten Schnitt beweg­ ten sich nicht. Sie stand unbeweglich.

Ich flüsterte ebenfalls: “Leise

auf “So

wir sind da

4. 3ax. 301

97

“Was stehst du denn da wie ein Denkmal? Setz dich doch! Ist ja nicht groß, bloß ‘ne Mansarde hoffentlich kriegen* wir keinen Alarm! So, die Verdunkelung ist einfach. Das halbe Fenster ist sowieso nur Pappe. Aber wie gefallen d ir die Blumen auf dem Tisch? Mohn- und Kornblumen, hübsch im Kerzenlicht, nicht? Und siehst du, was das hier ist? Rotwein, Beutewein.” Ich holte eine Flasche “Chateau neuf du Pape”1 aus dem Schrank und öffnete sie. “Du sagstja nichts, hast du Angst?”

“Hm

ein bißchen.”

Salut!”

Ich ging auf sie zu und reichte ihr den Wein. Wir tranken und sahen einander an. Der Kerzenschein flackerte in ihrem bleichen Gesicht. “Salut! Ah, tut der gut!” “Wenn man Wein in einen Menschen gießt, das ist genauso” als ob man im Winter den Ofen anmacht.” Sie schwieg. “Dummes Zeug, was ich da rede, Wein als Kohle.” “Warm wird einem bestimmt davon”, sagte sie; sie wollte mir helfen. “Ist dir denn kalt?” “Ein wenig.” “Komm her.” Sie ging zum Fenster, lehnte am Rahmen und sah mich an. Ich ging auf sie zu, nicht allzu nah. Ich

“Ich hab sogar zwei Gläser, eins für dich

1 „C hateau n e u f d u P ape“ [/a'to: noef dy pap] frz. "

eine der besten Weinsorten von höchster Qualität.

9 8

lachte ein wenig. “Jetzt brennt dir das Ofenfeuer zu den Augen heraus. Ich kann’s sehen.” Wir sprachen sehr leise. “Ach, ich wollte dir noch sagen, daß wir morgen den Apparat ”

hast du vergessen, daß wir privat nie

“Pst

darüber sprechen? Und wir sind hier doch privat, oder ?” Sie lachte sehr leise. Dann kam sie auf mich zu, legte mir ihre Hand auf die Schulter und flüsterte:

“Sonderbar, Liebe bei Angst und Verdunkelung ” “Geliebt wird immer in der Welt, hinterm Jasmin, auf Kellertreppen, in Ruinen und unterm Dach. Es gibt keinen Winkel auf Erden, wo nicht geliebt würde. Die Menschheit besteht aus Paaren, die sich finden, trotz Angst und Elend ” Sie blies die Kerze aus Gegen Morgen sagte sie: “Merkst du nichts? Die Angst hat begriffen, daß sie bei uns ihr Spiel verloren hat. Jetzt schleicht sie bestimmt die Treppe hinunter. Vielleicht kehrt sie morgen zurück. Aber heute nacht liegen wir ohne Angst im fünften Stock unter dem Himmel.” Sie lachte leise und richtete sich ein wenig auf. “Aber hell ist es draußen. Die Nacht ist hell und dein Zimmer auch.”

“Es ist kein Zimmer es ist nur eine alte Man­ sarde.” “Ob sich hier schon viele geliebt haben?” “Sicher. Wer oben wohnt, liebt leichter als die in der Beletage1.”

1d ie B eleta g e [bde'ta:3 a]y?z. —Hauptgeschoss, erster Stock.

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Ich hatte die Pappe weggenommen und das Fenster geöffnet. Ein wenig Mondlicht drang in die Mansarde. Ich sah den kleinen Kanonenofen1 im Winkel schimmern. Sie lag neben mir. Ihre Haut war sehr hell. Sie hatte ein Bein aufgestützt, und sie sprach so leise, daß man ihre Worte eher ahnte als vernahm. Unter dem Fenster draußen raschelten die Blätter des alten Kastanienbaums. Sonst war es totenstill in der großen Stadt, die unsere Heimat war, als seien wir beide allein in der Welt. “Hast du noch Wein?” Ich stand auf und schenkte den Wein ein. Es sah aus, als sei er schwarz. Sie trank halb aufgestützt in einer gelassenen, klassischen Haltung. Sie reichte mir das Glas zurück und sah mich an.

In der Feme begann leise ein Untier zu winseln, anderes Geheul fiel näher ein. Schließlich fing die Sirene von der nahen Straßenecke an. Der anstei­ gende und abschw ellende Gesang der vielen Sirenen schallte über den Dächern der Stadt in verschiedenen Rhythmen, vielstimmiges Wolfs­ geheul, das einen großen Tod ankündigte. Jetzt fuhren Millionen Menschen taum elnd aus dem Schlaf. Wir rührten uns eine Weile nicht. Dann stand sie auf, und wir traten ans offene Fenster. Ich legte die H and auf die warm e H aut ih rer Schulter, und wir blickten in die Nacht hinaus. Sie meinte

1d er K anon en ofen - kleinerer, eiserner Ofen, dessen runde Form an ein Kanonenrohr erinnert.

100

gleichgültig: “In den Keller gehn wir aber nicht. Sonst wissen deine Nachbarn, daß du Besuch hast.” “Das ist doch heutzutage schon lange gleich­ gültig.” Wir hörten die kleineren em sigen Schnell­ feuerkanonen wie N ähm aschinen des Todes. Dann folgten die bellenden großen Lang­ rohrgeschütze. Ein Scheinwerfer sprang hoch wie ein Schuß, der im Nachthim m el stehenbleibt. Andere folgten, tasteten sich mit langen steifen Fingern suchend durch das Firmament, hielten sich

m ißtrauisch an Wolken fest, untersuchten

neugierig und bündelten sich zusam m en, als berieten sie. Dann wanderten sie als weiße Licht­ spinnen durch den Himmel. Andere eilten einzeln und aufgeregt umher, stießen plötzlich auf neue, steckten einen Augenblick lang die Köpfe zu­ sammen und liefen auseinander. Im m er m ehr sprangen auf, bis es Hunderte waren, die hastig und in allen Richtungen durcheinanderrannten. Die Nacht flackerte im aufschießenden Licht. Ich sah es an Evas Gesicht, das nach oben blickte. Nach wenigen M inuten donnerte die Flak­

sie

artillerie aus allen Richtungen, daß die Schei­ ben von jetzt an unaufhörlich klirrten. Und dann folgte je n e r M om ent, d e r uns stets erregte. Wir hörten das vielstimmige Orgeln der hoch fliegenden Bomberschwärme, die unaufhaltsam näher kamen, näher zu uns, wir waren das Ziel,jeder von uns. Sie kam en wie H orden gepanzerter Heuschrecken, in düsteren Zügen über die ganze Stadt sich schiebend wie ein schwarzes Gewitter aus

101

Mord. Fackelartige Christbäume1 standen zu Dut­ zenden, weithin leuchtend, über den Wohnvier­ teln, die heute nacht sterben sollten, zierlich schwebende Galerien von Himmelskörpern, Lam­ pen für den Massenmord. Ein Flugzeug, von einer Lichtkralle aus sieben bleichen Scheinwerferfingern umfaßt, versuchte vergeblich, durch Kurven und Sturzflug dem tö­ tungsgierigen Licht zu entkommen. Aber es wurde getroffen, und in einem weiten Bogen stürzte es rauchend ab. Auf der anderen Seite der Stadt loderten die ersten Brände reihenweise auf. Ab und zu prasselte der eiserne Hagel der G ranatsplitter über die Dächer. Es hörte sich an, als renne eine Meute von Zwergen mit eisernen Schuhen über die Dächer und verschwinde eilig in der Ferne, bis eine neue herantrabte. Man erkannte die niederrauschenden Bomben an ihrem Pfeifen, das hoch oben zierlich begann, imm er lauter wurde, im m er näher kam, bis es aufheulend in einer Explosion verschwand. Oft gingen die Bom ben m it vielstim m igem Ge­ pfeife als tödliche Teppiche nieder, und unter den Flächenbränden wurden die M enschen in den Kellern verschüttet, zerdrückt, verbrüht und verbrannt. In ein hochragendes Hotel, das nicht weit von uns entfernt lag, schlug eine Bombe. Wir taumelten von der mächtigen Explosion zurück. Der Luftdruck warf uns zu Boden. Es war eine Zeitlang still. Danach hörten wir leise Schreie durch

1 der C hristbaum - der Weihnachtsbaum.

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die Nacht hallen: “Hilfe

gen die ersten Flammen hoch. “Kann man ihnen nicht helfen?“ “Nein.” “Arme Menschen.” “Es kann jeden Augenblick auch uns treffen.” “Und hilft uns dann keiner?” "Nein, erst nach der Entwarnung.” Wer konnte schon während des Alarms Hilfe bringen? Die Granatsplitter prasselten wie eiserne Regenböen auf Dächer und Straßen. Es brannte überall, und die Explosionen der einschlagenden Bomben dröhnten unaufhörlich, daß der Boden bebte. In den Him mel stiegen H underte von leuchtenden Ketten, ein Netz aus Schüssen der Leuchtspurm unition. Das Firm am ent war be­ stickt mit leuchtendem Tod. Und es regnete Stan­ niolstreifen, die durch den Höllentanz nieder­ rauschten, um die punkmeßgeräte der Abwehr zu stören, ein Schneefall von Silberpapier. Immer neue Bomberschwärme zogen unbeirrbar singend über den Wolken dahin. Und dann kam der Wind auf, wie nach jedem Alarm, der mächtige, heiße Wind von den Feuerwänden. Das recht genau gezielte Gewitter hinterließ einen Garten von Großbränden, in dem viele Blumen mit den roten Farben des Feuers erblühten. Diese Blumen wuchsen sehr rasch und wehten im Wind. Es war erstaunlich, wie groß der Garten war, aber man hatte sich auch viel Mühe gegeben. Man hatte eifrig gesät: Luftminen, Bomben und Brandstäbe

Hilfe!” Dann erst schlu­

mit Phosphor.

103

Wir blickten über die brennende Stadt. Wir wa­ ren eine Zeitlang vorn Fenster geflüchtet, als der Luftdruck immer gefährlicher hereinschlug. Jetzt waren wir wieder zum Fenster geschlichen. Ich spürte an meiner Schulter, daß Eva zitterte. “Ich hol dir einen Mantel”, sagte ich. Als ich am Schrank mich zum Fenster wandte, sah ich sie, umflammt vom Licht der Brände, umtost vom Donner der Explosionen, ein schmaler, hüllen­ loser Mensch im fünften Stock. Sie stand weiß schim­ mernd in der Nacht und blickte mir entgegen. “Hast du Angst?” “Nein, ich bin nur traurig.” “Warum?” “Spürst du es nicht? In dieser Stunde sterben viele Menschen rundum, und sie sterben schreck­ lich.” Einige liliengrade Scheinwerferstrahlen standen wie bleiche Blüten nebeneinander. Sie sahen schön und böse aus. Plötzlich waren sie wie ein Spuk verschwunden, und dunkelrote Brände quollen bauchig aus schwelenden Wolken, die durch die entsetzten Straßen zogen. Wir zogen uns schweigend an. Das Feuer der Flak ließ nach. Das Orgeln der Bomberschwärme war vorübergezogen. Es trat Stille in der zerschlagenen Stadt ein, aber an der Anzahl der läutenden Feuer­ wehrautos, die jetzt in vielen Richtungen durch die Straßen zu rasen begannen, konnten wir hören, wie schwer der Angriff gewesen war. Nach endloser Zeit kam der langgezogene Ton der Entwarnung über die Dächer gezogen.

104

Aber in der Frühe gab es neuen Alarm, und in die Massenkatastrophe prasselten neue Bomben­ teppiche, und andere Wohnviertel brannten. Jene Nacht verlief übrigens nicht anders als die meisten Nächte damals in unserer Städte.

Ich brachte Eva nach Hause. Es war nicht weit, aber wir mußten einen großen Umweg machen, denn einige Straßen brannten auf beiden Seiten, und der Feuersturm, die Zugluft des Großbrandes, machte uns zu schaffen. Eine Frau kam schreiend aus einer Straße gerannt, ihre halbverbrannten Kleider flogen. Sie taumelte und schrie unauf­ ”

hörlich: “Erna

sahen wir, daß sie kahl war. Es war lächerlich, zu sehen, wie zwei Lösch­ züge gegen einen riesigen Brand kämpften. Die Wasserstrahlen sahen winzig aus. Aber ich sah, daß die Feuerwehrmänner gerade in ihrer Ohnmacht ein Beispiel menschlichen Mutes und entschlos­ sener Hilfsbereitschaft zeigten. Sie waren zu Tode erschöpft, aber sie fuhren von Brand zu Brand, Nacht für Nacht. In den Straßen, in denen es nicht brannte, waren Räumkommandos an der Arbeit. Mit Hacken und Schaufeln und H änden versuchte man aus T ausenden von K ellern in den zu­ sammengestürzten Häusern die Verschütteten zu bergen. Auf Bahren wurden sie in Krankenwagen getragen, die dann aufheulend davonfuhren. Selten hatte bei uns die Menschlichkeit ein kühneres Gesicht als währendjener Nächte zwischen

Erna

Erna

Als sie näher kam,

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den Feuerfronten unserer Straßen, wenn aus Dro­ gerien und Milchläden die Explosionen hoch­ schossen und es galt, Verschüttete und Verstüm­ melte zu retten. Eva und ich wurden angehalten und zur Hilfe aufgefordert. Wir arbeiteten bis zum Morgengrauen mit einem Räumtrupp, der den Mauerschutt von den Straßen schaufelte, um sie passierbar zu ma­ chen. Wir hörten einen Ruf vom Trupp nebenan, der einen Keller freilegte: “Ein Strumpf!” Man warf in großer Hast noch einige Ziegelsteine beiseite. “Ein Kinderstrumpf!” Man arbeitete fieberhaft von den Seiten her. “Hier liegt ein Kind!” Schließlich hob man es auf. Aber dort, wo einst das Gesicht gewesen war, gab es nur eine tote Maske von Zementschutt, in der es lackrot aufglänzte. Ein Arm fehlte. Man legte das Kind zu den Toten. Fieberhaft arbeiteten die Männer weiter. “Hier klopft einer!” rief eine Frau. “Wir kommen!” schrie ein Mann und sprang in die Mulde. “Wir kommen!” Von unten her klopfte es. Und sie schaufelten und warfen mit ihren Händen die Steine beiseite, und wir schaufelten die Straße frei. Es war morgens gegen neun Uhr, als wir abgelöst wurden und nach Hause gingen. Am nächsten Tag gab es bereits gegen Mittag den ersten Alarm. Abends spielte die “Silberne Sechs”, als sei nichts geschehen. Wir spielten draußen auf der Ter­ rasse, denn der B iergarten war überfüllt von

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erholungsuchenden Menschen, die in völliger D unkelheit bei ihrem Bier saßen. Wir sahen die Lichtpunkte der Zigaretten, wir hörten das ge­ däm pfte Murmeln der Gespräche. Die Kellne­ rinnen rannten über die Kieswege, die nur schwach von sorgfältig abgedunkelten Glühbirnen erleuch­ tet waren. Wir spielten langsame Walzer, Tangos, Potpour­ ris1 und das übliche. Eva sang zu unserer Be­ gleitung ihr Lied:

“Trägst d u m ein B ild in der Uhr

?

Trägst d u deine U hr auch a n der Front ? Ich w ill bei d ir sein,

liegst d u im B u n ker

vo r dem H o rizo n t

Mücke, unser kleiner Poet, hatte es geschrieben, Walter hatte es komponiert, und wir alle spielten die sparsame Begleitung dazu. Eva stand auf der abgedunkelten Terrasse. Wir konnten wegen der wenigen blaugestrichenen Glühbirnen kaum unsere Noten erkennen. Aber ich sehe heute noch von der Seite Evas singendes Gesicht, das matt schimmerte. Sie sang nicht laut, und sie sang ohne jede Kunst, einfach so hin, aber es wurde still im Biergarten. Nur das Rauschen der alten Linden im Abendwind war außer Evas Stimme zu hören. Aber da unten saßen hundert müde

1 das P otpourri ['patpuri:] fiz . —Zusammenstellung verschiedener durch Übergänge verbundener (meist bekannter, populärer) Melodien.

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Menschen. Ihre Zigaretten glühten vielfältig in der Dunkelheit, und ich wußte, viele von ihnen blickten oft zum Himmel auf. Wenn er sternenklar war, kamen sie selten. Sie brauchten einzelne Wolken. Das wußtejeder. Und Eva sang leise, und nach jeder Strophe stand Walter auf und hob seine silberne Trompete und blies ein klagendes Solo. Er benutzte geschickt den Dämpfer, und aus dem Solo wurde der Gesang einer Vox hum ana1. Es war unbe­ schreiblich, wie Walter sein Instrument spielte. Seine Soli waren berühmt. Vielleicht lag es an der Zeit, an unser aller Not damals, an der Angst auch, daß Walter so gut spielen konnte. Es war, als ob er mit der Trom pete alles das sagte, was er sonst nie aussprach. Nie war Walter zugänglicher als nach seinem Solo. Dann war er gelöst und lachte gern. Er stand übrigens stets sehr gerade auf dem Podium und hielt die Trompete sehr hoch. Sie schimmerte silbrig und brachte jene Tonfolgen, die die Leute unten begeisterten. Das Lied brachte uns meist großen Beifall. Wir standen danach immer auf und verbeugten uns alle. In der Pause ging Paul in den Garten, um sich zu Bekannten zu setzen. Wir andern saßen in unserem kleinen Künstlerzimmer und rauchten Machorka12, als Eva plötzlich sagte: “Es gibt etwas zu tun.” Aber Pelle fuhr ihr ins Wort, hart und direkt. “Nichts mit Paul! Das ist Beschluß.” “Aber davon spreche ich doch nicht, Pelle.” “Wovon sprichst du denn?”

1 d ie V ox hum ana - eine Menschenstimme.

2 d er M achorka - grob geschnittener russischer Tabak-

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“Von den Flüchtlingen. Von den zwölf Unterge­ tauchten.” Auf einen Blick Walters stand Mücke auf, öffnete die Tür ein wenig und blickte vorsichtig hinaus. Dann schloß er die Tür wieder und nickte. Walter setzte seine Trompete beiseite und sagte: “Was hast du, Eva?” “Ihr wißt, daß die Kartenaktion damals gut angekommen ist. Ihr wißt, wie dankbar die Leute waren. Es ging für sie um Leben oder Tod.” “Für uns auch”, knurrte Pelle. “Laß die Späße, Pelle.” Eva blickte ihn lange an. Schließlich sagte sie: “Ich habe von dem Mann berichtet, der elend gestorben ist. Man konnte ihn nicht begraben, weil niemand wissen durfte, daß die Familie einen untergetauchten Juden beherbergt hat. Er liegt seit Wochen versteckt auf dem Dach­ boden in einer zurechtgezimmerten Kiste.” “Dann soll die Familie ihn wegschaffen.” “Die Familie besteht aus einer Frau, deren Mann im Wolchow-Kessel* eingeschlossen ist, und aus zwei Mädchen, Kindern. Die Gefahr der Entdeckung durch Zufall oder durch einen Luftangriff wächst jeden Tag. Die Frau ist am Ende ihrer Kraft. Juden kommen für den Transport nicht in Frage. Das ist klar.” Wir schwiegen. “Das ist eine böse Sache”, meinte ich. “Richtig”, erwiderte Eva. “Ich habe auch kein Wort davon gesagt, daß wir das machen könnten.” Mücke stand auf und ging zur Tür und dann zum Fenster.

109

Pelle blickte Walter an. “Was sollen wir tun?” Walter rauchte nachdenklich eine Zigarette. Sein schmaler Kopf mit dem kurzen Haar wirkte asketischer als sonst. Er drückte die Zigarette aus und erhob sich: “Das wollen wir überlegen. Nach der Arbeit bleiben wir noch ein wenig zusammen. Wenn Paul auch hierbleibt, kommen wir morgen abend eine Stunde früher als gewöhnlich hierher.” Wir erhoben uns alle und gingen hinaus. Der zweite Teil unseres Programms folgte, wir fanden den üblichen Beifall. Es war sternenklar, und es gab keinen Alarm. Wir standen hinterher noch ein wenig zusammen, erzählten uns das Neueste vom Tage und zögerten unser Auseinandergehen hinaus, bis Paul sich verabschiedet hatte. Er bleibe noch ein wenig mit seinen Bekannten zusammen, meinte er und ging. Kaum war er fort, setzten wir uns zusammen, während Mücke die Tür bewachte. “Es ist eine scheußliche Sache”, sagte Walter, “aber es gibt keine andere Lösung, wenn wir den Untergetauchten helfen wollen. Wir müssen ihn beerdigen.” Etwas zaghaft stimmten wir zu. Das war eine neuartige, häßliche und gefährliche Aufgabe. Wir mußten mit größter Umsicht vorgehen. “Wir müssen alle fünf m itarbeiten. Paul darf nichts davon erfahren. Eva teilt ihren Leuten mit, daß wir die Sache übernehmen. Wir überlegen uns bis morgen, wie wir vorgehen wollen. Jeder macht einen Vorschlag. Morgen eine Stunde früher als gewöhnlich hier. Einverstanden?”

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Einen toten Mann in einer Großstadt heimlich vvegschafFen und begraben, das ist eine schwierige Arbeit. Am nächsten Tag gab es die verschiedensten Vorschläge: Einen Krankenwagen organisieren, einen unauffälligen Transport mit Möbeln, mit einem Handkarren, den Maurer begleiten, offen am Tag oder nachts heimlich die Kiste in ein Bomben­ loch bringen, dort niederlegen und verschwinden. Wir prüften alle Vorschläge. Der Krankenwagen schied aus, da niemand von uns einen Arzt oder den Fahrer eines Krankenwagens gut genug kann­ te. Der Handkarren wurde abgelehnt, ebenso ein Leichenwagen und ein Möbelwagen. Wir einig­ ten uns schließlich auf ein kleineres Lastauto mit Verdeck, einen sogenannten Lieferwagen. Walter erklärte während unserer Beratung, daß er einen Automechaniker kenne. “Hat er denn einen Lastwagen?” “Nein, aber er arbeitet in einer Garage, in der verschiedene Lastautos stehen. Für Geld würde er wahrscheinlich eine Schwarzfahrt1machen.” “Und wo soll er hinfahren?” “Wenn es eben möglich ist, zum Ostfriedhof.” “Nachts?” “Nein, ich denke abends vor unserer Arbeit, wenn es gerade dunkel geworden ist. Dann ist noch Leben auf den Straßen. Nachts aber ist es still. Und man fallt leichter auf. Es ist besser abends.” “In Ordnung, Walter.” “Wer soll mitfahren?”

1die Schw arzfahrt - illegal, ohne behördliche Ge­ nehmigung.

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“Ich denke Daniel und ich. Einverstanden, Daniel?” “Einverstanden. ” “Und Eva macht mit Pelle ein Liebespaar am Eingang zum Friedhof, um eventuell abzulenken. Eva, du sagst Bescheid, daß die Frau ab morgen mit uns rechnen kann. Wir werden das alles noch genauer besprechen.” Am nächsten Abend standen Walter und ich in einer Garagenhalle dem Automechaniker gegen­ über, der sich gerade die Hände mit Sand und

Schmierseife1wusch.

“Wie geht’s dir, Erwin?” Er fuhr herum und musterte uns erstaunt. “Wie kommst du denn hierher, Walter?” “Ich hätte was zu reden mit dir.” Erwin hatte ein schmales Gesicht und schlaue, unruhige Augen, in denen ein eigentümliches Gelb stand. Walter hatte mir erklärt, daß er wegen eines schweren Leberleidens von der Wehrmacht zurück­ gestellt sei. “Ich bin gleich fertig mit dem Waschen.” Wir warteten auf dem Hof. Er war noch feucht von einem Regenschauer. Ein Lastauto stand in der Halle, die Reifen waren abgefahren, und die Kühler­ haube stand offen. Erwin hatte anscheinend am Motor gearbeitet. Ein sonderbares resedagrünes Licht zog über den Abendhimmel, das nach unten hin in ein dünnes Rosa überging. Erwin kam über den Hof, und Walter bot ihm eine Zigarette an. Wir rauchten alle drei.

1die Schmierseife - weiche, kahlihaltige Seife.

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“Hör zu, Erwin, eine Fahrt ist wieder mal fällig.” Erwin blickte mich sofort mißtrauisch an. “Er ist in Ordnung, garantiert”, setzte Walter hinzu mit einem Blick auf mich. “Was für ‘ne Fahrt? Schwarz?” “Klar. D enkste1, ich bin ‘n Wehrwirtschafts- fuhrer?” “Was denn?” “Keine Ware.” “Nanu?” “Wir wollen einen Toten wegfahren.” “Was is denn los12*mit ihm?” “War’n U-Boot.” “Ach so.” “Machst du mit?” “Wohin?” “Bloß zum Ostfriedhof in der Kronenstraße.” “Ist die Sache echt?” “Würd ich sonst dabeisein?” “Wieviel?”

“Fuffzig.”4

“Bar?” “Halb vorher, halb danach.” Erwin kratzte sich den Hals. “Weiß keiner davon?” “Mann, du stellst Fragen. Kein Mensch hat ihn gekannt, nur die Leute, wo er untergetaucht ist. Die reden nich, und die wissen auch warum, weil sie sonst selber dran sind. Ist nur ein Gefallen, den ich der Frau tu.”

1 d en k ste,

- denkst du.

2 W as is

d en n lo s - was ist denn los.

:tfu ffzig - fünfzig.

113

“Aber mich müßt ihr rauslassen. Ich war nicht dabei, verstehste1? Ich kann mir nämlich nischt m ehr12 leisten. Die haben mich auf der Latte,

verstehste?3”

“Klar, also mein Wort. Du bist nie dabeigewesen. Ist versprochen. Hörst du, Daniel?” Beide blickten mich scharf an. Ich nickte und sagte, daß das selbstverständlich sei. “Gut, Erwin, dann hol den Lieferwagen raus. Du fährst uns. In ‘ner halben Stunde kannst du zurück sein.” “Jetzt?” “Warum denn nicht?” “Ich hab noch wat vor4, Mann.” “Kommste ‘n halbes Stündchen später.”3 “Mann, ich kann doch nich einfach ” “Du kannst.” “Ich muß doch ’n Fahrauftrag haben.” “Haste nich gesagt, du hättest fertige Formulare?” “Ja, aber die sind für den Chef, wenn er organi­ sieren fahrt.” “Ist der Chef da?” “Heut abend nich.”

1verstehste -

verstehst du.

2nischt mehr - nicht m ehr. 3Die haben mich auf der Latte, verstehste? - Die

haben es auf m ich abgesehen, (die können m ich nicht leiden) verstehst du?

4Ich hab noch wat vor -

vor.

ich habe noch was (etwas)

3Kommste ’n halbes Stündchen später - kom m st

du ein halbes Stündchen später.

114

“Nimm ein Formular mit, und fertig.” “Und wenn der Alte Krach macht?” “Der wird sich hüten. Den haste1 doch in der Hand mit seinen vielen Schwarzfahrten.” “Also gut, ich hol mein Zeug.” Erwin hatte sich kurz entschlossen umgedreht und war in die Halle gegangen. Er gefiel mir nicht besonders, ich sagte es Walter. Aber er schüttelte den Kopf. “Für solche Sachen braucht man solche Jungens.” Eine Garagentür wurde von innen aufgeschoben, der Lieferwagen fuhr rückwärts auf den Hof. Erwin sprang herab und schloß die Garage ab. Wir stiegen ein und fuhren in die Stadtmitte zu dem Haus, in dem der Tote verborgen war. Es war abends gegen neun Uhr. Walter und ich klingelten im vierten Stock bei Bodde. Frau Bodde, eine blasse Person, erschien sofort. “Ach, Sie wollen die Bücher holen?” “Ja.” “Kommen Sie mit. Sie sind in einer Kiste auf dem Boden.” Frau Bodde hatte im Hause verbreitet, die Bücher eines früheren Untermieters seien beschlagnahmt worden und würden amtlich abgeholt. Wir gingen über den leeren Boden, auf dem Sandsäcke und Wassereimer standen. Frau Bodde schloß einen Lattenverschlag auf und leuchtete in einen Dachwinkel. Dort stand hinter einem alten Schrank die Kiste. Sie hatte keine sargähnliche

1den haste - den hast du.

115

Form. Der Tote kauerte darin, wie es in frühe­ ren Jahrtausenden bei Bestattungen der Brauch gewesen war. Wir zogen die schwarzgestrichene Kiste hervor. In diesem Augenblick erschien Erwin, wie wir verabredet hatten. Frau Bodde leuchtete ihm entgegen. Er kam leise durch den dunklen Bo­ denraum auf uns zu. Ich hatte ein unbehagliches Gefühl, als er sich uns näherte. Er brachte Trans­ portbänder mit, die wir uns über die Schultern legten. Dann zogen wir uns Handschuhe an und hoben die Kiste auf. Sie war trocken und hatte kaum einen Geruch. Fachleute hatten ihn nach heimli­ chem Ritual eingesargt. Totenbestatter seines Glau­ bens. Wir trugen die Kiste zur Treppe. Erwin und ich waren vorne, Walter, als der Kräftigste, trug hinten die Last. Wir bemerkten kaum, daß Frau Bodde bald verschwand. Wir tappten die Treppe hinab. Als wir unten im Hausflur die Kiste abstellten, um uns schwer atmend ein wenig auszuruhen, erschien ein Amtswalter, ein braun uniformierter “Goldfasan”, dick, mit schwit­ zendem Gesicht. Er erschrak, als er plötzlich im Flur drei Männern gegenüberstand. “Nanu, woll ‘ne Massenversammlung hier, wat?” knurrte er und ließ seine wäßrigblauen Augen von einem zum anderen wandern. Ich sah sofort, daß er ein wenig angetrunken war. “Ne, nur Bücher für das Lazarett wegbringen, für unsere Verwundeten, damit sie was zu lesen haben.” Walter sprach laut mit dem m ännlich sieges­ bewußten Tonfall, wie er damals den Machtha­ bern Vertrauen einflößte.

116

Der Amtswalter rieb seine Nase, deren Seiten von tiefroten Äderchen durchzogen waren. “Is gut,

is gut.1Können ja nich immer Skat spielen, unsere

Verwundeten. Na, denn macht mal zu, sonst kommt ihr noch in einen Alarm. Heiitler-'!” Er hielt seinen Arm hoch. Dann stieg er schwerfällig die Treppe

hinauf. Der Lift war schon lange stillgelegt. Wir hoben unsere Last an, trugen sie zum Auto und schoben sie hinten auf die Pritsche, deren Klappe herunterhing. W alter sprang auf die Pritsche, wir schlossen die Klappe. Erwin und ich gingen zum Fahrersitz, und Erwin fuhr sofort an. Ich merkte, daß er Angst hatte. Er mußte langsam fahren, da man mit den abgeblendeten Lichtschlit­ zen kaum etwas auf der Straße sehen konnte. Wir fuhren eine ganze Weile in der Richtung des Friedhofs. Ich sah das angespannte Gesicht des

Fahrers im grünlichen Schim m er

m eterlichtes. Es war ein bitteres, brutales Ge­

sicht. Die A larm sirenen heulten auf. Erwin beschleunigte sein Tempo. Die Straßenlaternen, deren blaue Birnen kaum Licht gegeben hatten, gingen aus wie durch einen Zauberschlag. Ein kaum erleuchteter Tramwagen stand mitten auf der Straße, er war überfüllt mit Menschen. Zwei Feldgendarmen hatten ihn angehalten. Sie zwangen die Menschen, die Straßenbahn zu verlas­ sen und in einen öffentlichen Luftschutzkeller zu

des Tacho­

gehen.12

1Is gu t, is 2 H eiitler! -

gut. - Ist gut, ist gut. Hitler!

“Los, los, Beeilung!” schrien die Feldgendarmen in das Durcheinander. Die Menschen schimpften laut und gingen auf das bezeichnete Haus zu, fahle Schatten, von den abgeblendeten Laternen der Feldgendarmen dünn angestrahlt. Erwin stoppte plötzlich. Dann wendete er das Auto und brauste davon, um sofort in eine Neben­ straße einzubiegen. Hier hielt er an. “Können Sie fahren?” fragte er mich. Ich bejahte. “Hören Sie zu, ich darf nicht auffallen. Fahren Sie weiter. Ich verschwinde.” “Nein, Sie müssen uns noch tragen helfen.” “Kommt nicht in Frage.” Er wollte aussteigen, ich hielt ihn fest und rief Walter. “Laß mich los, Mann! Ich halte dicht, verlaßt euch darauf, aber eine Kontrolle kann ich mir nicht leisten. Hat seine Gründe. Wenn was passiert, sagt ihr aus, ihr habt den Wagen ohne Erlaubnis geholt.” “Sie bleiben hier, Mensch!” Walter stand draußen. “Laß ihn laufen!” Erwin sprang ohne ein Wort hinaus und ver­ schwand in der Nacht. Walter stieg rasch ein. “Los, los!” “He, Sie da!” hörten wir eine Stimme. Eine zweite Stimme schrie: “Stehenbleiben! Luftalarm! Halt!” Ich gab Gas, und wir fuhren davon. Wir konnten den Friedhof nicht mehr erreichen, das war klar. Die Vorschrift lautete, daß bei Luft­ alarm en Autos auf der Straße abgestellt und

118

verlassen werden sollten. Polizei und Luftschutz­ wachen kontrollierten die Straßen. Wir d u rf­ ten auch den Toten nicht im Wagen lassen. Es wäre zu leicht alles aufzudecken gewesen. Wir mußten anhalten und die Kiste in irgend­ einem Bombenloch oder in einer stillen Stra­ ße abstellen. Die Polizei würde dann schon für den Abtransport und die Bestattung sorgen. W ährend wir durch die nächtlichen Straßen fuhren, so rasch es möglich war, verständigten Walter und ich uns durch kurze Zurufe. Ich hielt an und ließ den Motor leer laufen. Wir sprangen hinaus, hoben die Kiste heraus und setzten sie vor ein zertrümmertes Haus. Wir rannten zum Auto zurück, als wir schon die ersten Rufe hörten. In den Alarmnächten gab es Tausende von wachsamen Augen. Wir blickten uns beide nicht um, vertrauten auf die Dunkelheit, die es etwaigen Verfolgern unmöglich machen würde, die Wagennummer zu erkennen, und jagten davon. Einige Straßen weiter hielten wir an und eilten in einen Luftschutzraum. Nach der Entwarnung fuhren wir den Liefer­ wagen zum Garagenhof, wo Erwin arbeitete, und ließen ihn davor stehen. Wir klingelten am Tor, sahen Erwin herauskommen und gingen davon. Erwin fuhr den Wagen in den Hof. Es würde nicht lange dauern, und er würde bei Walter den Rest seines Lohnes abholen. Es war alles gut gegangen

6

D R E I

U H R

F Ü N F U N D Z W A N Z IG

6 D R E I U H R F Ü N F U N D Z

a kommt ein Auto

sein. Ist es ein Taxi? Hält es an? Nein. Es fahrt

es biegt ein. Das muß es

Aber das richtige Auto wird kommen. Er

wird aussteigen. Drei Uhr fünfundzwanzig. Dieses Warten ist unerträglich. Eine Zigarette. Heute morgen hat mich Frau Bertholdi, die Vermieterin meines möblierten Zimmers, gefragt, ob ich in der Firma eine Nachtarbeit übernommen hätte. Ich käme in den letzten Wochen immer so spätnachts nach Hause, daß ihr Mann schon aus dem Schlaf erwacht sei und an Einbrecher geglaubt habe. “Ach, beste Frau Bertholdi, ich habe einen alten Bekannten getroffen, mit dem ich mich nur spät­ abends verabreden kann.” “Na, na, Herr Brendel, wenn das man nich die große Liebe ist, haha ” “Sie denken aber auch immer gleich an das Schlimmste, teure Wirtin.” “Na, wird es nicht Zeit, Herr Brendel, wird es nicht Zeit? Sie setzte mir das Tablett mit dem Frühstück, das immer aus dünnem Kaffee und zwei Brötchen mit

vorüber

120

Butter und billiger Marmelade bestand, auf den ovalen Tisch. Sie war eine schwere Person, gutmütig und mit rosa Pastellfarben im dicken Kuchengesicht. Es ging den Bertholdis gut. Er war Geschäftsführer eines Kinos, glatt, gelenkig und unpersönlich. Cläre Bertholdi dagegen war auf ihre Art eine Per­ sönlichkeit, ein wenig töricht, mag sein, aber in ihrem beschränkten Gesichtskreis recht entschieden denkend und gutartig dazu, eine Art lächelnder Fettgletscher in Rosa und Blond. Sie liebte es. Cremehütchen zu naschen und Liebesromane zu lesen. Abends saß sie gebannt vor dem Fern­ sehgerät. Gewiß, sie las auch Hemingway* und Galsworthy*. Mit Sartre* jedoch fand sie sich nicht zurecht. Sie hatte eine helle verwunderte Mäd­ chenstimme. Überhaupt hatte man bei ihr wie bei manchen ehrsamen Bürgerinnen den Eindruck, daß in einem massiven Frauenkörper unter einer Hülle von Fett verborgen ein Mädchen steckte. Die Bertholdis waren ziemlich Ungeschoren durch den Krieg gekommen, hatten ihre Wohnung behal­ ten, und Kinder gab es nicht. Für Frau Bertholdi existierte hauptsächlich eine Erscheinung, die alle Gebiete des Lebens bestimmte, das war die Liebe oder, besser gesagt, jene Konsumerotik, die uns das Wirtschaftswunder* massenhaft beschert hatte. Während ich mein trübes Frühstück zu mir nahm, murmelte ich irgend etwas Undeutliches, aber sie ließ sich nicht stören. “Dreht sich denn nicht alles um die Liebe, im Roman, im Kino und im Fernsehen, wie? Ne, ne, Herr Brendel, ich weiß Bescheid. Wenn ich so über die Straße gehe, dann denke ich mir immer: Na,

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die zwei da drüben, die sind sich doch einig. Und

ja, was

denken Sie wohl, wo die vielen Kinder herkom-

men?” Ich grinste sie an und erklärte, ich hätte nicht die geringste Ahnung. “Soso, Sie Unschuldsengel, sieht Ihnen ähnlich, Ihre Wirtin zu verkohlen. Ne, lassen Se m an1, lassen Se man, H err Brendel, Sie werden das auch noch durchmachen, wie? Das bleibt keinem erspart. Gott, ich hab mir das ja auch ganz anders gedacht, als

na

ja

so mehr mit Geluhl, wie? Aber wie das Leben so ist, es kommt immer anders. Er ist in Ordnung, nur muß er soviel arbeiten. Was denken Sie, wie es heute zugeht? Wirtschaftswunder? Pah! Gearbeitet wird. Da wird einem nichts geschenkt. Und gerade heute, wo die Kinos so schwer gegen das Fernsehen anzukämpfen haben, da gibt’s viel Arbeit. Aber er sagt ja nichts, nichts sagt er. Denken Sie, abends erzählt der von seiner Arbeit, wie? Kein bißchen. Wenn die Abendvorstellung angefangen hat, kommt er müd nach Hause, und dann sitzt er vor dem Fern­ sehapparat, und stumm ist er, kein bißchen erzählt er, wie? Na gut, ist so seine Art. Er muß ja am Tag mit so vielen Kunden reden und allen Leuten guten Tag sagen. Ist ja auch nicht einfach, wie? Da haben Sie es einfacher im Büro.” “Sicher, Frau Bertholdi.”

in der Nacht

in der Nacht, Herr Brendel

ich noch jung war, viel romantischer und auch

leidenschaftlicher hab ich mir das alles gedacht,

1 L assen

Se m an - lassen Sie einen.

122

“Na, treiben Sie sich man nachts nicht so lange rum. Is nicht gesund.1Sie sehen ja auch ganz blaß aus. Fehlt Ihnen was?” “Nein, nein.” Und ich floh aus dem möblierten Zimmer mit dem ovalen Kirschholztisch und der geschwätzigen Wirtin, die hinter dem rosa Kuchengesicht die Liebesträume eines einsamen Mädchens hegte. Im Büro empfing mich der Abteilungschef mit einem sauren Gesicht. Er warjünger als ich, drahtig und skrupellos wie alle diese glatten Erfolgsanbeter von der Stange, die den smarten Businessman von Manhattan* spielen. Er starrte mich mit seinen kleinen, schnellen Vogelaugen an, ruckte an seinem zu bunten Seidenschlips und krähte: “Sie ha­ ben gestern in der Korrespondenz zwei Offerten verwechselt. Sie sind überhaupt in der letzten Zeit nachlässig geworden. Wie sehen Sie überhaupt aus? Grau! Der Chef will eine fröhliche Crew12, m ehr Keep smiling3, Mensch! Versauen Sie mir unser Betriebsklima nicht. Bester!” Ich entschuldigte mich und zog mich an meinen Arbeitstisch zurück. Es war klar, ich mußte mich mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Graf, mein Nebenm ann, schüttelte den Kopf und meinte gutmütig: “Mensch, das hast du doch nicht nötig, hier aufzufallen. Was ist denn los mit dir?”

1Is nicht gesund. —Ist nicht gesund.

2die Crew [kru:] e n g l . — einem

Zweck, e in e r Auf­

gabe verpflichtete, Personen.

gem einsam auftretende G ruppe von

:’’keep smiling [ki:p

sm ailanj]

e n

g l .

— im m er n u r

lächeln (nicht zeigen, wie einem zum ute ist).

123

“Gar nichts ist los, Graf.” “Kannst mir doch nichts vormachen. Du bist doch nicht in Ordnung. Willst du dich nicht krank melden?” Krank melden. Das war ein guter Gedanke. Ich überlegte. Natürlich hätte ich dann m ehr Zeit und brauchte nach einer durchwachten Nacht nicht den ganzen Tag im Büro auf dem Posten zu sein. Aber dann fiel mir ein, daß es ja heute nacht eine Entscheidung geben mußte. Der Tag zog sich endlos hin, bis der Abend kam und diese Nacht, in der ich hier am Steuer sitze Und jener mondköpfige Rechtsanwalt M. mit seiner schweren Hornbrille wird mich nicht daran hindern, auf keinen Fall! Er saß damals da vor mir, nahm eine Pille aus der Silberdose und hatte den grausam genauen Blick einer Amsel, die einen Wurm aus dem Rasen zieht, und er sagte: “Lieber Herr, viele wollen heute anklagen. Aber die Zeu­ gen fehlen. Haben Sie Beweise? Nein. Haben Sie Zeugen? Auch nicht. Wie soll ein Staatsanwalt Ihre Anklage vertreten, wenn er keine Unterlagen hat?” Ich sagte ihm, es gebe Unterlagen genug, man brauche nur die Gräber zu öffnen, Unterlagen in einer wahren Bedeutung des Wortes, unterlegene Menschen. Ich sagte ihm, heute sei in der Bundes­ republik eine tüchtige Justiz am Werk, mit dem Ergebnis, daß Verfolger von gestern wegen ihrer Ver­ folgungen nicht bestraft, sondern manchmal gerade­ zu belohnt würden. Ich hätte gelesen, daß der Chef des größten Blutrichters von damals heute eine monatliche Rente erhalte, und er sei doch der geschäftsführende Justizminister gewesen.

124

Die Herren Richter hätten entschieden, daß dem Chef des “Volksgerichts”* “das Bewußtsein” gefehlt habe, pflichtwidrig zu handeln. Er sei zwar einen “rechtsstaatwidrigen Weg” gegangen und habe unter anderem der Gestapo einen vierundsiebzigjähri- gen Juden zwecks Tötung übeigeben, aber der alte Mann wäre ihr wahrscheinlich ohnehin in die Hände gefallen, und der Minister des Diktators erhalte heute noch eine Menge Geld. So hätten die Herren Richter entschieden, und das sei nur einer von vielen Fällen. Ich sagte ihm, ich hätte von Prozessen gelesen, in denen Übeltäter freigesprochen worden seien; andere hätten lächerlich geringe Strafen erhalten. Ich sagte ihm, ich hätte wenig Vertrauen zur Justiz. Er sagte, das ändere überhaupt nichts daran, daß in jedem Prozeß die Anklage durch Unterlagen oder Zeugen gestützt werden müsse, sonst könne ja jeder kommen. Ich ging. Ich suchte Unterlagen. Ich schrieb viele Briefe. Ich suchte Zeugen. Ich suchte die Verschollenen. Ich wandte mich an Organisationen, an den Suchdienst. Die Staatsanwaltschaft war meiner Anzeige nachgegangen, aber auch hier fand man weder Dokumente noch Zeugen. Man vernahm mich erneut. Dann riet man mir, zu warten. Ich wußte, daß es im Riesenapparat der Justiz um die Wahrheit bemühte und gerechte Richter gab. Aber wie fand ich sie? Ich saß in einer Kneipe, und langsam befiel mich ein Gefühl der Hilflosigkeit. Warum schien es nicht möglich, den Mörder zu überführen? War es wirk­ lich nicht möglich, oder wollte man nicht? Man

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hatte in der letzten Zeit viel davon gelesen, daß diese Justiz mit Richtern und Beamten aus der Nazizeit durchsetzt sei. Das machte gewisse Urteile ver­

ständlich. N atürlich m ußte es M enschen,

die

zwölf Jahre lang ihr Denkvermögen und ihre

Ur­

teilsbildung nach den Befehlen eines Mörders eingerichtet hatten, schwerfallen, heute in ent­ gegengesetztem Sinne Recht zu sprechen. Man kann natürlich manipulieren, man kann auslegen und unterstellen. Man kann verzögern, verhindern oder freien Lauf geben, je nach der Lage. Man kann Umstände verschieden auffassen und Aussagen verschieden bewerten. Ein tiefes Mißtrauen erfaßte mich. Waren in diesem Fall die Schwierigkeiten wirklich so groß, daß man nicht zur Anklage kam? Ich dachte an meinen mondköpfigen Rechtsan­ walt. “Sie haben keine Beweise”, hatte er erklärt. “Ohne Beweise kann man nichts unternehm en.” Zu wem gehörte er? Wollte er mir helfen? Und wenn mir niemand half? Dann mußte ich mir selber helfen. Nein, was ich vorhabe, ist kein Mord. Ich bin ein Instrument der Gerechtigkeit. Wenn niemand in der Welt diesen Mörder anklagt und verurteilt, die ganze gewaltige Justiz nicht, mit Tausenden von Richtern, Beamten und Wachtmeistern, muß dann nicht der handeln, der die Schuld kennt und den Schuldigen? Der Mann hat vielfach gemordet. Soll solch einer herumlaufen, weil meiner Anklage die Zeugen fehlen? Warum fehlen sie? Wahrscheinlich

liegen sie im Grab. Beweise

Beweise

126

Ich bin der Beweis, krank vom KZ. Gewiß, gewiß, sie handeln alle nach der Ord­ nung, nach dem Gesetz. Aber das Gesetz kann ein Spazierstock sein, eine Krücke oder eine Keule. Ich sehe nur: er läuft ungestraft herum. Und er ist ein Mörder. Ich weiß es.

Ich weiß sogar genau die Stunde, in der er zum M örder wurde. Es war ein Som m ernachm ittag während des Tanztees. Im großen Biergarten saßen unter den Gästen viele Urlauber und Verwundete mit ihren Angehörigen. Ich trank ein Bier und hörte dabei das Gespräch zweier Urlauber am Nebentisch: “ da ließ ich die Hand los. Da fiel sie zu Boden. Da kam ein Hund, den hab ich davonge­ ”

“War das ‘n Russe?” fragte der andere Landser. “Kannst du das einer Hand ansehen, für wen sie gekämpft hat? Die Hände sind alle gleich im Krieg. Nur die Köpfe sind verschieden. Prost!” “Prost.” “Das Bier ist dünn, aber die Linden blühn. Es sieht hier manchmal fast aus, als wäre Frieden. Aber nachts kommt der Bombenteppich, und immer mehr Straßen verwandeln sich in Trampelpfade.” “Kennst du den Zeller, den Friseur aus der Stift­ straße?” “Ist das der, der in der B-Mannschaft gespielt hat?” “Ja. Ist gefallen. Mittelabschnitt.” “Na, da kriegt die junge Frau ja jetzt Rente.”

jagt. Und die Hand haben wir verscharrt

127

“Stimmt. Ist gemütlich hier, der Sommergarten, he?”

hörst du?”

Am zersplitterten Birnbaum raschelten die Blät­ ter im Wind. Von fern hörte man Marschierende singen. “Glücklich ist, wer vergißt, das, was nicht zu ändern ist ”

“Das sind Rekruten. Die kommen vom Schleifen.” “Liegen sie erst in der HKL1, hört das Singen auf.” “Die Kleine von der Kapelle da vorne, die ist Zucker, was?,Trägst du mein Bild in der Uhr ?’singt ”

se

Bei

uns im Abschnitt trommelt der Iwan12seit acht Tagen, sagt der OKW-BerichtV’

“In deinem Bier schwimmt ‘ne Wespe

kann mir ja ihr Bild schenken “Bloß, daß man morgen wieder weg muß

“Mann

das riecht sauer.”

“Darum haben die m ir das Telegramm ge­ schickt ” “Und wenn du hierbleibst? Kann ja nicht mehr lang dauern ” “Lang für wen?” Ich ging in unser kleines Garderobenzimmer, wo wir unsere Instrumente auspackten, als Paul eintrat. “Wo ist Walter?” rief er scharf. Walter drehte sich verwundert nach ihm um.

“Hier. Was hast du?”

1 d ie H K L - milit. Hauptkampflinie.

2

d er

Iw an

Russen.

- volkstümliche Bezeichnung für die

:1 d er O K W -Bericht, OKWfasehist. - Oberkommando

der Kriegsmarine.

128

Paul trat dicht zu ihm und flüsterte fast laut: “Was

ich habe

habe nur eine Frage: Habt ihr mich damals nicht angelogen? Ihr alle? Spielt ihr nicht ein falsches Spiel mit mir? Habt ihr damals wirklich mit der illegalen Arbeit aufgehört?” “Aber ja! Wie kommst du denn darauf?” sagte Walter ruhig. “Weil ich Angst hab. Wenn einer einmal ein Verbrechen begangen hat, glaubt ihr, der hat ein Jahr später vielleicht keine Angst mehr?” Ihm saß die Panik in den Augen. Walter blieb gelassen. Er sah sich um. “Schrei doch nicht so. Hat irgendeiner mit dir darüber gesprochen?” “Nein.” “Übrigens, wie kommst du darauf, von einem Verbrechen zu reden?” “Das ist nur ein Vergleich.”

“Eigenartiger Vergleich.” “Eigenartig oder nicht, ich will weg von euch. Ich verlasse euch. Ich kündige. Eines Tages, wenn ihr alles längst vergessen habt, klopft es bei euch an die

Tür

“Du weißt doch genau, daß das nicht in Frage kommt, Paul. Aus solch einer Gruppe kann man nicht einfach aussteigen wie aus einem Fußball­ verein. Sollten wir wirklich mal hochgehn, so su­ chen sie dich doch und holen dich vors Messer, auch wenn du dann schwörst, du hättest längst nichts mehr mit uns zu tun. Nein, du bist drin, Paul!” “Ihr seid anders geworden, ihr behandelt mich wie einen Fremden. Und sollten wir eines Tages

Oh, mir ist da einiges klargeworden. Ich

Laßt mich frei!”

platzen, dann würde keiner von euch mich schützen.5

1 2 9

Ihr würdet mich belasten. Ihr würdet alles auf mich

schieben

Ich will weg von euch, weg!”

“Du bist verrückt, Paul!” “Nein! Ich bin in Notwehr.” “Was willst du damit sagen?” “Ich will nicht vor Gericht, verstanden?” “Nicht so laut, Paul! Wir müssen anfangen. Du hast die erste Nummer.” “Spielt heute abend ohne mich!” Er stürzte davon. Die Tür flog hinter ihm knallend ins Schloß. Wir schwiegen. Dann sagte Pelle: “Er ist in Gefahr.” “Er selber ist die Gefahr”, sagte Walter.

Wir wußten, daß etwas Entscheidendes gesche­ hen war. Das war die Trennung, vielleicht eine Kriegserklärung. Wir fühlten uns alle von einer Lähmung ergriffen. Wir ahnten, daß der Davon­ geeilte handeln würde. Wir konnten nichts tun, wir konnten uns nicht wehren, wir konnten ihn nicht fragen, ihn nicht beschwören. Es war ungewiß, was er tun würde. Davonfahren? Ein anderes Engagement?1 Oder ? Erst später erfuhr ich alles. In jenen Tagen muß es geschehen sein. Bis zu jenem Nachmittag war er unschlüssig gewesen. Er mußte mit sich gekämpft haben, lange Zeit. Hin­ terher ist mir das alles klargeworden. Und dann kam der Tag des Verrats. Der Kommissar benötigte nur ein wenig väterliches Lächeln und einige klei­ ne Tricks von der freundlichen Sorte, um ihn mit

1 das E n gagem ent [адазэта:] frz.

1 3 0

seiner “Na also, sehen Sie, ist doch das Beste”-

Masche zum Sprechen zu bringen. Die Angst ist eine Zange, die fast jedem Menschen den Mund öffnet. Ich kann mir vorstellen, was der Kommissar in seinem trüben Bürozimmer sagte, als alles heraus war und das harte und hübsche Mädchen an der Schreibmaschine den Kopf schüttelte

Verschaffen Sie

sich doch mal ein paar von den Flugblättern und bringen Sie sie her. Stellen Sie fest, wo sie verteilt worden sind, wann und welche Straßen, Kontakte mit andern Gruppen, überhaupt Einzelheiten. Liefern Sie uns ein Faktum!”

Ich kann es mir genau vorstellen. Ich bin nach meiner Verhaftung oft genug vernommen worden. Ich habe diese unbeirrbaren Stimmen im Ohr, die so zielsicher federn konnten, diese sacharinsüßen, langsamen Vokale oder das Faustschlagorgan des Malträteurs, wenn so einer lospolterte: “Haben Sie doch den Mut zur Wahrheit! Sie verheimlichen uns doch etwas! Sie verheimlichen doch etwas !” Das war der Satz, den man hundertmal am Tag vorgehalten bekam. Jedenfalls muß der Kommissar den Pianisten Paul Riedel in einen willigen Spitzel verwandelt haben. Den Beweis dafür bekamen wir ein halbes Jahr später. Es war kurz vor Weihnachten. Die Straßen der Großstadt lagen abends in tiefer Dunkelheit. Man konnte die alten Schneehügel, die am Straßenrand zusammengefegt worden waren, nicht sehen. Man tappte hinein, man fiel darüber. Die wenigen Autos suchten sich mit zwei schwa­ chen Schlitzlichtern mühsam ihren Weg. Kein

“Ist ja ‘n dicker Hund, Mann

131

Schaufenster war erleuchtet. In der Dunkelheit hörte man nur am Husten, an den knirschenden Schritten, an gedämpften Gesprächen, daß man nicht allein durch die Straßen ging. Wir lebten fast nur noch in der Verdunkelung.

An einem solchen Abend betraten wir unsern neuen Kellerraum. Die Flugblätter bewahrten wir in einem kleinen Nebenraum auf. Dort stand ein alter Schrank, in den Pelle einen zweiten Boden eingebaut hatte, ein gutes Versteck. Walter wollte an diesem Abend sechshundert Flugblätter zu einem Treff in Tegel1mitnehmen. Als er die Tür zu dem Nebenraum öffnete, stutzte er. “Nanu, hier ist doch jemand?!” Ich stand noch im Kellerraum, als ich einen kurzen Tumult hörte. Ich stürzte zur Tür. Walter und Pelle hielten im dunklen Nebenraum einen Mann fest, der sein Gesicht verbarg. Ich hörte, wie Walter rief: “Ich hab ihn! Wer ist das? Man kann den Burschen im Dunkeln nicht erkennen ” Sie schoben den Widerstrebenden zur Tür. Wal­ ter gab ihm einen Stoß und schrie: “Ans Licht, Mensch!” Ich stand wie aus Stein und stieß hervor: “Das ist ja Paul! Was suchst du denn hier?”

stand im Keller, schwer atm end und ein

wenig geblendet. Sein Mund zog sich zu einem korallenroten Ring zusammen.

Paul

1T egel - Ortsteil des Berliner Bezirks Reinickendorf.

1 3 2

Walter ging auf ihn zu. Ich habe Walter nie so erregt gesehen. Sein bleiches Gesicht bebte. Er

stand vor Paul und fragte ihn gefährlich leise: “Was suchst du hier?” Paul hatte die Augenbrauen hoch in die runde, blasenartige Stirn gezogen. Er antwortete nicht. “Warum schleichst du dich hier ein wie ein Dieb?”

“Ich

wollte euch nicht stören

“Und woher kennst du diesen Kellerraum?” “Ich bin hinter euch hergegangen. Ihr habt ihn mir verheimlicht.” “Laß doch mal sehn, was du alles gefunden hast ” Walters Blick fiel auf die Seitentasche Pauls, aus der Papier heraussäh. “Nichts”, erwiderte Paul. Man hörte es kaum.

“Was hast du denn da in der Tasche?”

“N ichts

ich habe nichts!” Paul sah ihn

unverwandt an, während seine linke H and das Papier in die Tasche stopfte. Walter stand einen Augenblick und überlegte. Sein kurzgeschorenes Haar leuchtete hellblond dort, wo es die Stirn umgab. Er war nicht groß, aber seine Schultern waren breit. Wir wußten, daß er enorm e Kräfte hatte. Dabei war er schnell und entschlossen. Er trat auf Paul zu, der eine Ab­ wehrbewegung machte. Walter zog ihm das Papier aus der Tasche. Im Augenblick, als Paul es ihm entreißen wollte, schlug Walter die ausgestreckte Hand Pauls hart hinunter. Dann öffnete er das Papier und überflog es. Tonlos sagte er: “Unser

Flugblatt.”

1 3 3

Wir drän g ten uns um Paul. Alles ging ge­ spenstisch leise vor sich.

”Aber

es war, als ob wir es uns selbst bestätigten. Es war kaum noch ein Vorwurf in unseren Worten.

Es wurde still, als Walter immer noch tonlos feststellte: “Das ändert alles.”

Paul fuhr wild auf: “Ich weiß nicht, wie das in meine Tasche kommt. Ich weiß es wirklich nicht.

Vielleicht hat ein anderer

heimlich hineingesteckt!” Walter beobachtete ihn kühl wie ein Biologe ein Versuchstier, in das er eine Kanüle eingeführt hat. “Was wolltest du damit?” Es war sehr still. Er wiederholte: “Was wolltest du mit dem Flugblatt?”* “Es kam mir in die Hand, als ich ” Walters Stimme unterbrach die breiige Erklä­ rung: “Paul, sei ein einziges Mal offen zu uns. Du willst uns anzeigen, gib’s zu.” Paul entschied sich für den Angriff. “Ihr seid ja verrückt!” “Das Flugblatt in deiner Tasche? Für wen ist es bestimmt?” “Ich wollte die Chopin-Noten* suchen. Aber als ich das Flugblatt sah, habe ich plötzlich etwas begriffen ” “Und was ist das?” “Ihr habt mich angelogen! Ihr habt heimlich weitergearbeitet. Ihr habt mich tatsächlich für einen Dummkopf gehalten. Und das werdet ihr bereuen.

Ah, ihr habt es mir

Wir flüsterten: “Schuft

Spitzel

Verräter

So, und jetzt geh ich.” “Du bleibst!”

1 3 4

“Ich rufe die Polizei!” “Ich warne dich!” “Du drohst mir?” “Wir werden dich einschließen.” “Oho! Dann macht ihr aber eine große Dumm­ heit.” “Wird sich herausstellen, wer sie macht.” “Laßt mich gehen!” Walter packte Paul und schleuderte ihn mit

großer Kraft durch die offene Tür in den kleinen Nebenraum. Dann warf er die Tür zu und schloß

sie zweimal ab. Von drinnen

Fäuste gegen die Tür. Rasend vor Wut schrie er:

“Aufmachen! Aufmachen! Das werdet ihr bezahlen, alle! Bezahlen werdet ihr das!” Seine schrille Stimme mußte weit zu hören sein. Wir blickten einander besorgt an. Walter schloß mit kürzem Entschluß die Tür auf. Dann schlug er Päul ins Gesicht, daß dieser zurücktaumelte. Walter schloß die Tür wieder zu, als er zurücktrat. Wir blickten auf die Tür, aber es blieb still dahinter. Hier standen wir schweigend, ein Häuflein schlecht gekleideter junger Menschen in einem Keller, mitten in der großen Stadt, die unter den Schlägen des späten Krieges langsam zerfiel. Rund­ um lagen die Fronten wie ein Ring aus Explo­ sionen, der sich immer enger um die Hauptstadt zusammenzog. Die Explosionen wanderten über Berge und Ströme, sie tanzten über die Äcker und Wälder der Reichskanzlei entgegen. Hier hauste der Werwolf inmitten verfallender Hoffart tief unter der Erde, und viele Tausende gab

häm m erten Pauls

1 3 5

es, die mit den Augen des Werwolfs ihr zusam­ menbrechendes Reich auf Verrat musterten. Wir aber in diesem Keller hier, wenige junge Menschen ohne Waffen, unterernährt, doch ent­ schlossen, hatten uns aufgemacht, gegen diese waffenstarrenden M achthaber in ihren grauen Tressenkleidern* zu kämpfen. Wir tippten Auf­ schreie auf unsere Flugblätter:

“Hört zu! Glaubt ihnen kein Wort. Ihr werdet das alles eines Tages einsehen! Ihr werdet sagen, ihr hättet nichts von alledem gewußt, nichts davon, daß unsere Machthaber Kriminelle waren. Ihr werdet es bereuen. Bereut heute durch die Tat! Helft uns! Handelt!” Der blutdürstige M achtapparat des Werwolfs mit dem Clownsbärtchen herrschte eisern in der Hauptstadt, röhrte durch zahllose Lautsprecher und jagte Mensch auf Mensch in die große Katastrophe. Aber unsere Flugblätter, die morgens in vielen Briefkästen, in Eisenbahnabteilen und unter vielen Türen durchgeschoben lagen, diese vielen kleinen Flugblätter rückten langsam und schweigend vor. Gewiß wurden viele von ihnen vernichtet. Aber die anderen konnten manchem in den Arm fallen, der den Hammer, den Füller, die Waffe für den Werwolf hob. Unsere Aufrufe brachten nicht nur Waffen zum Verstummen, sie stim m ten auch Köpfe um, so hofften wir. Ein Satz stand oben am Rand: “Behandle dieses Flugblatt mit Achtung, denn wir riskieren unser Leben, damit du diese Meinung lesen kannst.” Ich sah die helle Energie im Gesicht Walters, der täglich acht Stunden an der Drehbank stand. Wie

136

müde mußte er abends sein. Wie viele Treffs, von denen wir nichts wußten, hatte er hinter sich. Wo es am gefährlichsten war, dorthin ging Walter. Wo es mühselig war, dort stand Walter. Er wußte immer einen Weg, auch wenn wir keine Möglichkeit mehr sahen. Eva trat ein. Sie fragte sofort: “Was habt ihr mit Paul gemacht?” “Wir haben ihn festgesetzt.” “Ihr behandelt ihn ungerecht.” “Du m ußt zugeben, Eva, daß Paul sich sehr verändert hat. Es ist, als ob aus seinem Gesicht ein Fremder blickt”, sagte ich. “Wir haben ihn zu einem Fremden gemacht”, meinte sie leise. “Und ich weiß, was der Fremde ist”, erwiderte Walter. “Was?” “Ein Spitzel der Gestapo!” ”

ander an. Walters Stimme war hart. “Warum nicht? Es ist Krieg, ein lautloser Krieg an der Schafottfront! Wer einen möglichen Feind nicht als Feind behandelt, riskiert die Hinrichtung. Also müssen wir mit der

schlechtesten Möglichkeit rechnen ” “Und was ist die schlechteste Möglichkeit?” fragte sie sofort. “Wir lassen ihn frei. Er geht zur Gestapo, zeigt uns an, und wir sind heute abend verhaftet. Nein. Wenigstens für einige Stunden muß er unschädlich gemacht werden.”

“Das ist nicht möglich

Sie blickte uns nachein­

1 3 7

“Er wird Lärm machen”, sagte ich. Pelles Gesicht war wie Eis, als er hervorstieß:

“Wenn er wirklich ein Spitzel ist, müssen wir ihn töten.” “Töten? Nein! Aber schlafen soll er, und das gründlich.” Walter überlegte. Plötzlich holte er Geld aus der Tasche. “Mücke, hier ist Geld, kauf Schnaps, schlechten Schnaps, soviel du kriegst. Und in sein Glas wirfst du nacheinander drei Schlaftabletten. Hier.” Er holte ein Röhrchen aus dem Schrank und gab ihm die Tabletten. Eva starrte ihn verwundert an. “Was habt ihr vor? Ich sag euch, er wird abends spielen, oder ich singe nicht m ehr bei euch!” Sie verließ den Keller. Ich wollte sie zurückhalten, aber Walter sagte müde:

“Laß sie, sie wird nie m ehr bei uns singen. Ist er wirklich ein Spitzel, dann gibt’s keine »Silberne Sechs’ mehr.” Ich schlug vor, ihn so lange zu verhören, bis wir Klarheit hatten. Walter nickte. “Wir werden ihn jetzt hereinrufen und ihm Fragen stellen. Achtet genau auf sein Gesicht. Du, Daniel, nimmst dir vor, ihn für unschuldig zu halten. Du, Pelle, halte ihn für schuldig. So haben wir zwei verschiedene Me­ thoden, sein Gesicht und seine Worte zu prüfen.” Ich holte ihn heraus. Er stand in der Tür, bleich, sehr wachsame Augen, den korallenroten Mund zusammengezogen. Mir fiel auf, daß er der einzige von uns war, der nicht hungrig und elend aussah. Aber das hatte wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Walter begann das Verhör. Wir alle stellten Fragen, genaue, scharfe Fragen. Er antwortete.

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Mücke brachte den Schnaps. Walter schenkte uns ein. Niemand trank von uns außer Paul. Es waren Stunden voller Spannung. Wir saßen um Paul herum und stellten immer wieder Fragen. Wir wollten unbedingt Gewißheit. Es kamen Augen­ blicke der Panik, der Wut, des Hasses, der Erschöp­ fung, der blanken Angst. Schließlich sprang Walter auf und schrie: “Und ich sage dir, Paul, daß du ein Spitzel bist!” “Nein.” “Aber du hast der Gestapo von uns erzählt ” “Sie haben mich nach meinen Bekannten ge­ fragt ” “Und du hast ihnen geantwortet!” “Was sollte ich sonst tun?” Mücke hatte die Gläser neu gefüllt. “Beruhigt euch! Will jem and einen Schnaps?”

Paul trank sein Glas leer. Schweiß stand dünn auf seinem teigigen Gesicht. Walter war unerbittlich mit seinen Fragen: “Was hast du von uns erzählt? Ich will es dir sagen: Daß wir keine Nazis sind und daß

Eva keine Arierin ist

stimmt das oder nicht?” “Aber sonst hab ich nichts erzählt!” Plötzlich war es still, totenstill. Dann hörte ich Walters Stimme sehr leise und hell: “Du hast erzählt, daß Eva Nichtarierin ist ?” “Na und? Das wußten die doch schon längst! - Gib mir noch ‘n Schnaps, Mücke.”

“Hast du ihnen von unseren Gesprächen oder von den sonstigen Sachen erzählt?” “Was denkst du von mir?”

Das hast du ihnen gesagt,

139

“Haben sie dich denn danach gefragt? Besinn dich genau!” “Sie haben mich tausend Sachen gefragt. Glaubst du etwa, daß ich euch verraten wollte?” “Glaubst du, daß einer, der verrät, immer ver­ raten will?”

“Also

ich kann mich nicht mehr richtig erin­

nern. Das ist alles so schwer. Sie haben mich ganz wirr gemacht im Kopf. Ich bin auch jetzt müde. Ich

hab genug, hört ihr, genug! Seid ihr nicht bald fertig mit eurer Ausfragerei?” Walter fuhr ihn an: “Nein!” “Dann gebt mir noch ‘n Schnaps.” Walter stand dicht vor ihm. Er war es allein, der jetzt noch fragte. Fragen und Antworten wurden

immer erregter und eiliger. “Paul, sie wissen alles von den Flugblättern, gib es zu!” “Nein!” schrie Paul und sprang auf. Walter packte ihn am Rockaufschlag und schrie ihm ins Gesicht:

“Gib es zu!”

“Gib es zu

gib es zu

Ihr quält mich!”

“Gib es zu, Mensch!” Die Gesichter waren dicht voreinander. In Walters Augen glänzte eine gefähr­ liche Energie. In Pauls aufgerissenem Gesicht stand flackernd die Panik.

“Gebt mir zu trinken ” “Nein. Du hast alles gesagt!” “Paul, die Flugblätter, hast du davon gespro­ chen?” fragte ich. “Was sollte ich sonst tun?” Ich wurde starr vor Entsetzen. Er gab es zu. “Du hast ihnen von den Flugblättern erzählt?”

1 4 0

Paul riß sich los. Er war wie rasend. “Erzählt

erzählt

Ihr habtja keine Ahnung, wie es da zugeht!

Keine Ahnung! Keine Ahnung! Ja, ich habe davon erzählt. Ja, ja, ja! Und ihr hättet auch davon erzählt!

Glaubt ihr, es sind

Idioten dort? Da kann man keine M ärchen

erzählen. Sie wissen allerhand. Zeit für uns, zu verschwinden. Ich muß euch warnen, es ist höchste

Zeit! Jawohl! So, nun wißt ihr alles

Schnaps ” Und er trank. Dann sank er auf einen Stuhl. Er murmelte: “Wir sind ja schon lange auseinander Es ist aus mit der »Silbernen Sechs’, aus.” Keiner von uns sprach ein Wort. Ich blickte zur Tür. Ich wunderte mich, daß nicht ein Trupp SS- Männer hereindrang. Mücke sprang plötzlich wie ein Panther auf Paul zu, er heulte vor Verzweiflung und Wut und schlug auf ihn ein. Aber Walter riß ihn zurück. Paul erhob sich mühsam und strich sich laut atmend die Haare zurecht. “Ich geh jetzt nach Hause.” Walter gab ihm einen Stoß, so daß er zur Tür zurücktaumelte, durch die wir ihn geholt hatten. „Zum Kommissar, was? Du bleibst!” Paul stand mit ausgebreiteten Armen an der weißen Wand. “Soll ich schreien, bis die ganze Straße zusammenläuft?” Er hatte eine hohe fis­ telnde Stimme vor Angst. Walter riß jäh die Tür auf: “Du bleibst!” Er stieß Paul hinein. Aber während Paul hineintaumelte, wandte er sich um und schrie hektisch vor Angst:

Gebt mir einen

Ihr alle, wie ihr hier steht

“Habt wohl einen kleinen Mord vor, was?”

141

“Das wirst du sehn

”,

sagte Walter, “wenn du

Lärm m achst, dann bringen wir dich zum Schweigen. Merk dir das!” Er schloß die Tür hinter ihm zu. Niemand kann unser Entsetzen begreifen, der sich nicht in ähnlicher Lage befunden hat. Es war heraus. Es war entschieden. Paul war ein Spitzel. Wir blickten die Tür an, hinter der er sich befand. Wir berieten lange. Wir saßen bis zum frühen Morgen zusammen. Ich muß gestehen, daß wir

ernstlich überlegten, ob man ihn töten solle. Es hieß

jetzt nur

noch: er oder wir. Und wir waren fünf. Je ­

der Kompaniechef draußen riskierte lieber einen Soldaten als fünf. So sagte Pelle. Aber gegen Morgen faßten wir einen andern Beschluß. Ehe wir gingen, öffneten wir die Tür. Er lag in einem alten Lehnstuhl und schlief. Er hatte viel getrunken, und die Ta­ bletten hatten gewirkt. Große, runde Augenlider, opalen grau, bedeckten seine Augen, und sein dicker Mund leuchtete mit kirschroten Lippen, die sich im Schlaf geöffnet hatten. Er schnarchte ein wenig. Wir kontrollierten mißtrauisch seinen Schlaf. Aber seine Augenlider zitterten nicht. Schlaff und ohne Kontrolle lag er in dem alten Korbstuhl. Wir gingen wieder hinaus. Walter schloß die Tür ab und sah uns an. “Er wird ein bis drei Stunden schlafen. Auch dann wird er einige Zeit brauchen, um die Gestapo zu alarmieren. Wir haben also sicher Zeit bis gegen sechs Uhr. Um sieben Uhr muß jeder von uns seine Wohnung geräum t haben und unter­ getaucht sein.”

Mücke wollte zu seinen Eltern fahren, wenn er sich eine Reiseerlaubnis verschaffen konnte, aber

1 4 2

Pelle widersprach. Keiner von uns dürfe jemanden aufsuchen, bei dem man ihn vermuten könne.

M ädchen, keinen Freund.

Keine Mutter, kein

Die “Silberne Sechs” mußte in wenigen Stunden ver­ schwunden sein wie Rauch im Wind. Für jeden von uns ging es jetzt um Leben und Tod. So etwa sagte Walter, der wie stets die Führung übernommen hatte. Ich bewunderte heimlich die Sicherheit seiner Entscheidungen. Ich fühlte bei Pelle die innere Verzweiflung, bei Mücke die ohnm ächtige Wut, ich selbst war gespannt und überwach. Walter jedoch war gelassen und blaß. Als wir gehen wollten, hielt er uns zurück. “Habt ihr nicht das Wichtigste vergessen?” fragte er uns. Wir blickten einander ratlos an. Er stand klein und breit und sehr allein im erleuchteten Kellerraum und schüttelte den Kopf. Dann ging er in den Nebenraum und kehrte nach einiger Zeit mit dem Packen Flugblätter zurück, die wir erst gestern

hergestellt hatten. Er tat die Flugblätter in eine Mappe und nahm sie mit. Dann verabschiedeten wir uns kurz. Wir wußten nicht, ob wir uns Wiedersehen würden. Wir haben uns nicht wiedergesehen. Nur Walter sah ich noch einmal. Als wir in die Nacht hinaustraten, schneite es. Es war sehr still in der Welt. “Geh sofort zu Eva. Bereitet alles vor und packt. Ich hole eucn gleich ab”, sagte Walter zu mir. “Und unsere Musikinstrumente?” “Wir brauchen sie nicht mehr. Die Musik ist zu Ende.”

1 4 3

Ich dachte an die schönen Soli, die er auf seiner silbernen Trompete geblasen hatte. Natürlich hätten die Instrumente uns verraten können. Wir trennten uns. Ich ging allein durch die Straßen. Man hörte keinen Schritt

7 D R E I U H R D R E Iß IG E r

7

D R E I

U H R

D R E Iß IG

E r kommt nicht mehr. Es gibt kaum noch eine Chance. Ich warte hier umsonst. Es ist kalt. Oder

kommt er doch noch? Er macht vielleicht mit seinen Kumpanen irgendwo ein Spiel, oder er schläft

diese Nacht woanders. Vor einiger Zeit erfuhr ich, daß ein früherer

M itgefangener von mir, ein Lehrer, in einem

Nachbarort lebe. Ich traf ihn, als er gerade aus der Schule kam. Wir tranken zusammen eine Tasse

Kaffee auf der Terrasse eines Restaurants, das mitten

in der Kleinstadt lag. Im Wind flatterten die bunten

Tischdecken. Eine Kirchenuhr schlug. Vor der Ter­

rasse spielten die Kinder.

die Kinder tut es mir leid”,

meinte Werner, nachdem wir einander kurz unsere Schicksale berichtet hatten. Werner war politischer

Gefangener gewesen und hatte sich damals oft durch seine trockene Kaltschnäuzigkeit den Bewachern gegenüber ausgezeichnet. Er war jetzt krank und verbittert. Lange Zeit hatte er in einer ähnlichen Sache einen Kampf um Recht und Unrecht geführt wie ich. Er war unterlegen. “Man kommt gegen die Justiz nicht an”, meinte er. “Wenn sie einen Unschuldigen verhaftet haben,

“Um die Kinder

1 4 5

kann er sich nicht selbst verteidigen. Er kann froh sein, wenn ihm ein Briefbogen ausgehändigt wird. Der Rechtsanwalt wieder kann froh sein, wenn er die Akten, einsehen darf. Und die Freunde draußen helfen nicht, weil sie glauben, in ein »schwebendes Verfahren’ dürfe man nicht eingreifen. Aber läuft der Prozeß, kann man nicht m ehr eingreifen. Und ist das Urteil erst gesprochen, kommt alles zu spät. Du siehst, der Vorgang ist trefflich abgesichert.” “Also darf man in ein schwebendes Verfahren eingreifen?” “Manchmal muß man es sogar tun.” Er trank seinen Kaffee aus. Sein aschgraues Haar wehte im Wind. Ich betrachtete ihn, er hatte noch das noble Gesicht von damals, aber es war schwerer im Fleisch geworden. Das Alter hatte es gezeichnet,

und die Verbitterung hatte dieses Gesicht wie eine kleine, weiße Faust zusammengezogen. Blaßblond und krank saß er da, der mir einst hinter Gittern eine kristallharte Siegeszuversicht bewiesen hatte. Hier trug jem and seinen Kopf noch immer hoch, aber er lief Gefahr, in Melancholie zu ertrinken. Die Enttäuschung ist ein Bleigewicht.

flüsterte er. “Man läßt sie

ohne Ahnung heranwachsen. Weißt d u ”, fuhr er fort, “daß der Mord ein gebildetes G esicht hat? Gut, ich nehm e die grobschlächtigen Töter aus. Sie sind das simple Endprodukt einer Maschinerie. Aber wer hat die Maschinerie erfunden, wer hat sie anlaufen lassen und wer kontrolliert sie? Eine Maschine besteht aus Tausenden von Einzelteilchen. Jahrhunderte haben

“Die armen Kinder

”,

1 4 6

daran geform t, um endlich diese m oderne Maschinerie zu produzieren, das Werk bestimmter Philosophen und Ingenieure der Macht. Und das Geheimnis ist, sie existiert noch immer. Untaten werden verschwiegen, Massenmörder begnadigt. Da ist jene Ärztin, die an gefangenen Frauen im KZ experimentierte, bis sie unter schrecklichen Qualen starben. Diese Ärztin lebt unangefochten. Da ist der Kinderarzt, der etwa fünfzig Kinder töten ließ. Er lebt ungeschoren. Da sind Töter in Offiziers­ uniform, in Richtertalaren, denen es gut geht. Gewaltverbrecher leben unter uns —und es geht ihnen ausgezeichnet. Der Mord hat zwei Gesichter, mein Lieber, eine stumpfsinnige Vollzugsvisage* und ein gebildetes Gesicht, hinter dem eine fatale Entscheidungsgewalt steht. Man muß es einfach wissen ” Ich erwiderte, daß manche sonderbare Urteils­ sprüche unserer Nachkriegsjustiz durch die Frei­ heit der Rechtsprechung zu erklären seien. “Eine Justiz ist so viel wert, wie ihre Richter wert sind. Und Freiheit ohne Gerechtigkeit ist eine Witwe.” Ich ging unvermittelt zu meiner Frage über: “Hast du in deiner Haftzeitjemals etwas von einem Mann namens Paul Riedel gehört?” “Paul Riedel? Hm ” Er dachte nach, dann schüttelte er langsam den Kopf. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die milde Herbstluft. “Nein.” Auch von den anderen Mitgliedern der “Sil­ bernen Sechs” hatte er nichts gehört. Er nannte

1 4 7

andere Namen und fragte, ob ich sie irgendwann schon gehört hätte. Auch ich mußte verneinen. H ier saßen wir auf der Terrasse eines Cafes unter dem wolkenreichen Himmel eines Herbst­ nachmittags, zwei frühere Gefangene, zwei Zeugen, aber wir konnten nicht das gleiche bezeugen. Jeder kannte ein anderes Unrecht, und das half keinem von uns weiter. In seinem Gesicht stand bitterer Verzicht. Er tat mir leid. Entmutigt fuhr ich zurück. Auch hier zeigte sich kein Weg, der zur Rechtsprechung geführt hätte. Es blieb beim Auto, in dem ich hier sitze. Ich werde aussteigen und einige Schritte gehen, denn die Beine sind fast unbeweglich vor Kälte. Ich gehe bis zur Straßenecke, dort, wo die Durchgangsstraße kreuzt. Ich gehe langsam. Es tut wohl, sich zu bewegen. Aber dann packt mich die Sorge, er könnte inzwischen mit seinem Taxi hier einbiegen, und ich käme zu spät. Ich eile zurück und nehme meinen Platz am Steuer wieder ein. Ich ziehe die Tür leise wieder zu, damit der Knall nicht etwa einen Nachbarn wecke. Ich werde noch eine halbe Stunde warten. Wenn er dann nicht kommt, muß ich die nächste Nacht wieder hier stehen, um den Spitzel zu erwarten Ja, ein Spitzel war er. Das wußten wir seit jener Nacht. Und wir handelten rasch. Die “Silberne Sechs” löste sich auf. Paul war eingeschläfert worden und betrunken. Er würde wenigstens eine Stunde fest schlafen. Er würde dann einige Zeit brauchen, um sich mit eigener Hilfe oder durch herbei­

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gerufene Nachbarn aus dem Keller zu befreien. Dann allerdings konnte er durch ein Telefonge­ spräch die Gestapo alarmieren. Bis gegen sechs Uhr also waren wir einigermaßen sicher, so rech­ neten wir. Aber wir rechneten falsch. In allen unseren Überlegungen war das Erlebnis mit Päul so bestimmend gewesen, daß wir alle Berechnungen an seine Person geknüpft hatten. Aber die Gestapo dachte nicht daran, die Person eines kleinen Angebers m it ihren Aktionen zu verknüpfen. Man hatte wahrscheinlich in einer Chefbesprechung beschlossen, die “Silberne Sechs” in den Morgenstunden platzen zu lassen, und gegen fünf Uhr früh verließen einige schwere Limousinen den Fahrhof der Polizeizentrale und suchten sich mit den schmalen Lichtschlitzen der verdunkelten Scheinwerfer ihren Weg durch die morgengraue Großstadt. Darin saßen Fahrer, Kommissare und Sekretäre, bewaffnet und jagdgierig. Davon wußten wir damals nichts. Wir waren auseinandergelaufen, ich war zu Eva geeilt und hatte sie mit wenigen Worten informiert. “Alles aufgeben?” fragte sie. “Alles, auch den Namen.” “Sofort?” “Wir müssen in fünf Minuten weg sein. Nimm nur eine Tasche mit.” Ihr Zimmer war nicht in bester Ordnung. Sie hatte gerade geschlafen. Sie hatte nichts an als ihr Nachthemd. Sie war noch schlafwarm und ver­ träumt. Sie war nie so pflanzenhaft schön gewe­ sen wie jetzt, als sie, aus dem Schlaf aufgestört,

1 4 9

ihr rotbraunes Haar zurückwarf. Sie zog sich rasch an. Und sie veränderte sich. “Wo fahren wir hin?” “Mit der ersten Straßenbahn nach außerhalb. Walter bringt uns in ein Bootshaus am See. Von da müssen wir weitersehen.” “Ihr denkt an alles”, sagte Eva. “Wenn Sie kommen, dürfen sie kein einziges Photo finden, keinen Ausweis, nichts.” “Und meine Kleider?” “Können hierbleiben.” “Ich nehme nur mit, was ich brauche.” Sie sprach sachlich, als hätte sie nach d er Zeit gefragt, aber ihre Hände flatterten, als sie ihre Wäsche in die Reisetasche stopfte. Und sie lief verschiedene Male eilig durch das Zimmer, um etwas zu holen, was sie schon eingepackt hatte. “Du darfst nichts Geschriebenes hierlassen. Das andere ist nicht so wichtig.” “Auch die Noten?” “Laß sie hier.” Sie war stehengeblieben. Jetzt erst begriff sie ganz. Sie blickte mich über die Schulter an. Ich werde nie den verzweifelten Ausdruck in ihrem kleinen Gesicht vergessen. Sie hatte den Mund geöffnet, als wollte sie aufschreien. Ihre Lippen waren fast weiß. Ihre aufgerissenen Augen zeigten einen Vorweltstrom von Panik. Ich sah, sie stand kurz vor einem Schrei. Sie durfte nicht schreien. Sie hätte die Nachbarn geweckt. Ein Schrei in der Nacht konnte Folgen haben. Sie schrie nicht. Sie bezwang sich. Aber ihr

1 5 0

Gesicht schrie. Es schrie unaufhörlich, indes ihre Hände bebend den Koffer mit Briefen und Papieren füllten und mit den Dingen des täglichen Lebens. Ich liebte sie in diesen Augenblicken m ehr als sonst. Ihr Gesicht war so klein, daß eine Männer­ hand es hätte bedecken können, aber es stand eine Hölle an Qual darin. “Auch die Noten?” Damit war ihr Singen, waren Lieder, Musik, waren Konzerte, waren Mozart, Licht, Frieden und helle Welt gemeint. Ich schüttelte den Kopf. W ährend sie oben eilig ihre Sachen packte, müssen unten auf der dunklen Straße drei der Autos mit den bewaffneten Männern der Abiteilung IVa sich dem Haus genähert haben, in dem wir uns befanden. Es waren schwere Limousinen. In jedem Wagen saßen zwei Männer, der Fahrer in Uniform, der Gestapomann in Zivil, wie ich später beobachten konnte. Sie wußten natürlich, daß das Haus keinen Hinterausgang hatte. Das war längst ausgespitzelt worden. Es war eine kalte Schneenacht ohne Mond. Sie kamen langsam heran, rollten auf leisen Gummitatzen am Haus vorbei und blieben wie zufällig stehen. Das geschah mit einer lautlosen Gefährlichkeit. Die waagerechten Lichtschlitze des nächsten Autos glitten bis genau vor die Haustür. Das dritte Auto blieb unauffällig zurück, als wollte es nichts mit den kommenden Ereignissen zu tun haben. Hier standen drei Schatten, drei entfernt parkende Autos in der Nacht.

151

Aber kaum hatte das letzte Auto angehalten, als sich gleichzeitig alle Türen öffneten. Vier Männer in schweren Mänteln eilten auf die Haustüre zu, schlossen sie mit ihren Spezialschlüsseln auf und stiegen hintereinander die Treppen hinauf, schwer, bebend und leise. Draußen klingelte es. Es war eine kleine, ge­ mütvolle Türglocke. Wir erstarrten. Wir sahen einander an und rührten uns nicht. Was bedeutete das? Walter konnte das noch nicht sein. Und die Polizei? Nein, sie konnte auf keinen Fall schon alarmiert sein. Es klingelte noch einmal, ein drittes Mal. Die gemütvolle Flurglocke läutete schrill und lange Zeit. Dann hörten wir, wie die Schlafzimmertür von Frau Klein sich öffnete. Ihre grämliche Stimme war ziemlich nah: “Wer ist denn da?” Die A ntwort eines M annes war kaum zu verstehen: “Der Luftschutzwart. Machen Sie mal auf!” “Was ist denn los?” Seufzend hantierte sie mit den Schlüsseln. Ich hörte, wie sie den Türriegel zurückschob und wie die Tür sich öffnete. Aber ich hörte auch, wie die M ännerstimme unterdrückt fragte: “Wo ist das Zimmer von Fräulein Lang?” Ich konnte noch eben zur Tür springen und den Schlüssel herumdrehen.

“Polizei

?”

flüsterte Eva.

Ich war völlig überrascht. Ich hatte sie nicht erwartet. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß wir hier in Evas Zimmer verhaftet werden könnten.

152

Ein hartes Klopfen von draußen gegen die Tür. ”

Aufmachen

“Verdammt!

Das ist

”,

Polizei stammelte Eva und

starrte zur Tür. Sie hielt ihre rechte Hand hoch, als

hielte sie einen Revolver. Sie hätte geschossen, es stand in ihren Augen. “Zu spät.” “Das ist doch nicht möglich.” Ich hatte mich noch nicht von der Überraschung erholt, als Eva schon ihre Reisetasche aufgerissen

“Fräulein Lang

und leise das Fenster geöffnet hatte. Sie riß Briefe und Papiere aus der Tasche und warf sie in die Nacht hinaus. Sie legte iautlos das Fenster wieder an und schloß die Tasche.

“Aufmachen

Polizei!”

Es wurde jetzt drohend und energisch gegen die Tür gepocht.

Ich eilte ans Fenster, um nach einem Fluchtweg zu suchen. Aber ich sah nur schwarze Nacht, in der dünne Schneeflocken wirbelten. Nichts war zu erkennen als gestaltlose Tiefe.

“Aufmachen

Aufmachen

Polizei!”

Eva fragte, als sei sie soeben aus dem Schlaf

erwacht: “Ja

“Machen Sie die Tür auf!” Und ein paar Fäuste polterten wütend gegen die Tür. Sie blickte mich an. Ich nickte. Sie öffnete die Tür.

Ein untersetzter, behender Mann mit der rechten Hand in der Manteltasche schob sie vor sich her, bis sie in der Mitte des Zimmers standen. Die anderen folgten. Einer von ihnen ging sofort zum

. was ist los?”

153

Radioapparat und prüfte die eingestellte Wellen­ länge. “Sind Sie Fräulein Lang?” “Ja.” Der Untersetzte hatte ein schmutzfarbenes Ge­ sicht unter dem Velourhut1 und einen kleinen Schnurrbart. Seine Augen zogen sich zusammen, als er mich sah.

“Ah, da ist ja noch ein Vogel

Kleiner Nacht­

besuch, was?

Einer legte mir Fesseln an, während die anderen den Schrank öffneten und darin herumsuchten, das Bett aufschlugen, ihre Hände unter die Matratze

schoben, in der Lampe nachsahen und den Teppich hochklappten, um darunterzuschauen. Das Ganze zeugte von viel Übung. Es herrschte einige Minuten lang eine schweigsame Betriebsam keit in Evas Zimmer. Nur wir beide blieben unbewegt stehen, und der Kommissar, der uns genau beobachtete und den anderen seine Anweisungen gab. “Auf dem Schrank nachsehen! Ist ein Nagel unterm Tisch?” Dann blickte er Eva an. “Packen Sie einen kleinen

Koffer mit Nachtzeug und dem Nötigsten

Wo ist

Ihr Paß?” Eva griff nach ihrer Reisetasche und hob sie hoch. “Ich habe keinen.” “Ach ja. Sie sind ja Nichtarierin.” Sie blickte ihn mit erhobenem Kopf an und ihm direkt in die Augen. “Wird es länger dauern?” “Man keine Sorge. Alles ist vergänglich, selbst

lebenslänglich ”

Fesseln!”

1der Velourhut [vaTu:r

]yiz.

1 5 4

Einer der Suchenden каш mit einer Schreib­ maschine. Der Kommissar hob die Wachstuch­ hülle hoch und musterte sie. “Aha, das wird sie sein. Haben Sie darauf die Aufrufe getippt?” Eva hatte die Aufrufe auf einer anderen Maschine getippt, die sicher in einem Büro untergebracht war. “Nein”, sagte sie. “Sie lügen. Glauben Sie, das hat noch einen Zweck? Es ist aus, Kleine. Aus der »Silbernen Sechs’ machen wir eine blutige Null. Sie können sich schon

die Haare schneiden lassen,

“Sie ist unschuldig!” rief ich laut. Ich dachte an Walter, der jeden Augenblick kommen mußte. Er mußte gewarnt werden. Ich schrie laut: “Sie ist unschuldig! Was wollen Sie überhaupt von uns! Das ist ein Überfall! Sie sind nicht von der Polizei! Hilfe!

Hilfe!” Ich hob die Fesseln und sprang zum Fenster. Ein furchtbarer Schlag ins Gesicht machte mich für kurze Zeit blind. “Fällt Ihnen nichts auf, Kommissar? Der Junge wollte doch jemanden warnen. Hier muß noch einer stecken.” Zwei gingen in die anderen Zimmer. Ich hörte Frau Klein draußen jam m ern. Einer kam zurück und schüttelte den Kopf. Wir wurden abgefuhrt. Wir stiegen die Treppe hinab. “Rascher!” sagte der Kommissar. Unten wurde Eva in das erste Auto gesetzt, ich in das letzte. Alle Autos fuhren davon. Aber ich beobachtete, daß sie nur das Haus freigaben und an verschiedenen Plätzen parkten. Die Lichter wurden ausgemacht.

halsfrei.*”

1 5 5

Der Fahrer schob mich auf den linken Hintersitz. Dort waren Fußfesseln eingebaut. Er schloß sie in der Knöchelgegend um meine Beine. Dann setzte er sich nach vorne, zog seine schwere Dienstpistole, richtete sie auf meine Brust und wandte sich nach mir um. “Wenn du ein einziges Wort sagst, ist es dein letztes. Verstanden? Es ist verdammter Ernst ” Ich nickte. Der zweite Gestapomann war nicht mit einge­ stiegen. Er war in der Nacht verschwunden. Ich konnte das Haus, in dem wir verhaftet worden waren, nicht sehen. Der Wagen stand in der anderen Fahrtrichtung. Es war mir klar, daß ich einen Fehler gemacht hatte, als ich um Hilfe gerufen hatte. Sie warteten anscheinend auf Walter. Alle meine Sinne waren auf das äußerste gespannt. Es dauerte nicht lange, und ich spürte, daß draußen etwas vorging. Walter mußte angekommen sein. Ob er das Fahrrad bei sich hatte? Plötzlich hörte ich eine schrille Stimme schreien: “Walter

Weg

Evas Stimme erstickte. Ich hörte Schritte. Es mußten mehrere Männer sein, die rannten.

Vor mir der Fahrer stieß mich mit seiner Pistole hart gegen die Brust und knurrte gefahrilich: “Ein

Wort

Polizei!”

und du bist im Arsch.”

“Halt

stehenbleiben

Polizei!”

Rennende Schritte, Sprünge in der Nähe. Aber die Geräusche kamen nicht von der Straße. Sie kamen aus der Ruine, die schräg gegenüber dem Haus stand Bröckelnde Steine Fielen. Es mußte Walter sein.

1 5 6

Und ganz in der Nähe ein Ruf: “Halt

stehen­

bleiben

Halt!”

Eine andere Stimme ziemlich weit: “Los

knall

ihn ab !” Und dann kamen die Schüsse, sehr laut, ziemlich regelmäßig, fünf Schüsse. Nach dem letzten Schuß hörte ich, daß Walter getroffen war. Es war ein stöhnender Aufschrei und danach Stille. Wieder war das Geräusch von Schritten zu hören und ein verzweifeltes Ächzen. Auf einmal hörte ich andere Geräusche. Es waren mehrere Männer, die in der Ruine herum kletterten, die G estapoleute. Im Gesicht des Fahrers mir gegenüber erkannte ich das unregelmäßige Licht von Taschenlampen, mit denen sie in dem Gemäuer herumleuchteten. Dann kam ein Ruf: “Ich hab ihn, Kommissar!” Polterndes Getrappel der benagelten Schuhe. “Da ist das Schwein! Aufstehn!” Und ein klatschendes Geräusch, mehrere Male. Sie schlugen ihn. Ich hörte Gemurmel. Dann brachten sie ihn auf die Straße. Wieder hörte ich ihn ächzen. Es war ein hoher Ton, wie ich ihn nie vorher gehört hatte. Ich hörte, wie ein Wagen vorfuhr und wie man Walter hineinschob. Dann kam der Zivilbeamte zu unserem Wagen, musterte mich scharf und stieg wortlos ein. Der Fahrer startete, und wir fuhren an. In diesem Augenblick überholte uns die erste Limousine, in der Eva saß. Ich erkannte undeutlich ihr blasses Gesicht, das weit zurücklag, aber sie beugte sich vor und drehte es mir halb zu und nickte ein wenig. Ich sah durch die Seitenscheibe ihres

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Autos im grauen Morgenlicht, daß sie versuchte zu lächeln. Dann war sie vorüber.

Über das Gefängnis und über das, was ich dort erlebt habe, will ich schweigen. Ich lebte in einer halbdunklen Zelle, die von einer vergitterten Birne über der Tür trüb erleuchtet war, neun Monate in Einzelhaft. Bei den Vernehm ungen durch den Kommissar, der uns verhaftet hatte, stellte ich fest, daß er tatsächlich sehr genau über uns Bescheid wußte. Er kannte den Schrank mit dem doppelten Boden, in dem wir unsere Flugblätter aufbewahrt hatten. Er wußte, wann wir mit der Arbeit angefangen und wann wir sie unterbrochen hatten. Er legte mir die Photos von Pelle und Mücke vor und das von Walter. Nur das Photo von Päul zeigte er mir nicht. Alles das habe ich dem Anwalt berichtet. Und immer gab er dieselbe Antwort: Das sind Erzäh­

aber wo sind die Zeugen, wo sind die

lungen

schriftlichen Unterlagen? Im Büro des Kommissars wurden m ehr als genug schriftliche Unterlagen angefertigt. Sie wurden von einer hübschen Sekretärin getippt. Nach jeder Vernehmung wuchsen sie. Und in der Hauptverhandlung vor dem Son­ dergericht* geschah es dann. Ich sah, daß der Zeuge Paul Riedel hereingeführt wurde. Ich hörte, was der Kronzeuge Paul Riedel vor Gericht aussagte. Ich habe es gehört. Mit meinen eigenen Ohren, genügt das nicht? Er hat uns angezeigt, alle. Der Vorsitzende hob eines unserer Flugblätter hoch

1 5 8

und fragte ihn, ob das eines der Flugblätter sei, die diese Gruppe angefertigt habe. Er solle es sich genau ansehen. Und Paul ging nach vorn und sah es sich genau an. “Ja”, sagte er. “Lesen Sie vor!” sagte der Richter. Er hatte purpurn umwucherte Augen, Päpageienaugen mit grauer Nickhaut, böse und bernsteinfarben. Und Paul las vor. Er las mit einer mechanischen Stimme, in der tief unten ein erregtes Beben zu hören war. Er schluckte zweimal. Er las ohne jede Akzentuierung, alles auf einem Ton sprechend und mühsam wie ein Kind in der Schule:

0

“An alle friedliebenden Bürger Je eher der verlorene Krieg ein Ende findet, desto m ehr M enschenleben werden gerettet. Dieser Krieg ist ein Verbrechen. Schluß mit dem Wahnsinn ” “Das genügt”, sagte der Richter. “Das ist vollen­ deter Hochverrat*. Wer von den Angeklagten hat mit diesen Flugblättern zu tun gehabt? Überle­ gen Sie sich genau die Antwort. Wer?” Und Paul blickte hoch und sah auf die große Hakenkreuzfahne, die über dem Richtertisch hing, und er sagte es leise, aber es war deutlich im leeren Saal zu hören: “Alle.”

sagte der Richterund schloß nachdenklich

die Nickhaut über seinen Augen. Dann sagte er mit milder Stimme: “Es ist gut. Abtreten.”

“Alle

”,

1 5 9

Alle. Das bedeutete den Tod für alle. Ich habe es

gehört, Herr Rechtsanwalt, den Tod, H err Staats­ anwalt. Danach wurde Walter in den Gerichtssaal ge­ führt. Er hatte ein dünnes, weißes Lazarettge­

sicht*

Sein kurzgeschorenes H aar schimmerte

blond. Er hatte zwei Einschüsse, wußte ich. Er humpelte am Stock. Paul blieb stehen. Ja, er mach­ te ihm höflich Platz. Ich sah, daß er sich sogar ein wenig zurücklehnte, und ich erkannte, daß es sich nicht nur um Höflichkeit handelte. Walter aber kam langsam und ging an Paul vorbei, als sei er ein Zaunpfahl. Da wandte Paul sich ab und ging hinaus wie ein Kranker. Walter schleppte sich mit dem Stock Schritt für Schritt zum Richtertisch. Dort richtete er sich mühsam auf. Es war, als stehe er allein im weiten Gerichtssaal, durch dessen gotische Fenster kar- neolfarbenes1Abendlicht fiel. Aber es waren darin verloren etwa zehn Menschen, Richter in roten Roben, Wächter, Angeklagte und an einem Tisch, nicht weit von der Tür, der Kommissar, der heimliche Regisseur dieser Vorstellung. Der Vorsitzende blätterte eine Weile im Abschluß­ bericht. Es war sehr still. Dann beugte er sich vor. “Angeklagter Heinicke. Ihr Geständnis liegt vor. Ich habe Sie noch einmal vorführen lassen und wiederhole noch einmal meine letzte Frage. Sie ist

entscheidend für das Urteil über Sie. Sie haben während der ganzen Voruntersuchung die Namen verheimlicht. Ich mache Sie darauf aufmerksam,

1 karneolfarben - blutrot mit gelblicher Färbung.

160

daß Sie Ihre Lage nur verbessern können, wenn Sie

offen alles gestehen

an dieser Verschwörung beteiligt?” Er blickte aus seinen trüben Papageienaugen den Angeklagten wie eine Beute an, ein wenig müde

und kühl. Es blieb eine Zeit sehr still im Saal. Dann war

Walters leise Stimme zu hören. “Ich war es allein.” Und er sagte noch einmal: “Ganz allein ” Der Vorsitzende machte eine plötzliche Bewe­ gung zur Seite und flüsterte mit den andern Richtern. Ein rotes Sonnenfeuer lag plötzlich auf den schweren Falten seiner Robe. Dann beugte er sich erneut vor und sagte mit gebildeter Stimme, übrigens nicht laut: “Ich gebe Ihnen eine allerletzte Chance: Überlegen Sie sich gut die Antwort. Hat

Eva Lang

die Flugblätter getippt? Ja oder nein?” Die Antwort kam sofort und klar: “Sie hat überhaupt nichts davon gewußt.” Jetzt aber schrie der Ankläger auf der rechten Seite auf. Er hatte einen spitzen bebrillten Wer­ wolfsschädel, der vor Wut rot anlief. Er schrie aller­ hand, aber was ich behalten habe, ist: “Das ist eine Lüge! Haben Sie doch den Mut zur Ehrlichkeit, Mensch! Sie sind ja ein ganz schäbiges und feiges Subjekt, Sie!” Und da blickte Walter nach der Seite, auf der der Ankläger rot verhüllt stand, sah ihn lange an und erwiderte sachlich: “Ich bin kein Handlanger der Polizei.” Und dann kamen die Todesurteile für Eva, Walter,

Also wer war außer Ihnen noch

sie ist doch Nichtarierin, nicht wahr?

Mücke, Pelle und für mich.

Зак. 301

161

Ich wurde in ein anderes Gefängnis gebracht, wo ich den ganzen Tag fror. Der größte Feind der Gefangenen ist nicht der Hunger, sondern die Kälte. Ich fror wochenlang, Tag und Nacht. Aber während ich auf mein Schicksal w ar­ tete, hatten sich die Luftangriffe im m er m ehr verschlimmert. Fast jede Nacht wurde zur Kata­ strophe. Neuerdings kamen sie auch am Tag. Die Stadt brannte unter den pausenlosen Angriffen der Bomberschwärme aus. Die M ansarden sanken in die Keller. Ganze Stadtviertel verw andelten sich in Ruinenlandschaften. Der Feuersturm fraß Wohnhäuser, Kirchen, Schlösser und Gerichtsge­ bäude. Eines Tages hörte ich durch einen Kalfaktor*, daß die Akten vieler Prozesse verbrannt seien. Ich fragte ihn erregt, ob auch der Prozeß der “Silbernen Sechs” darunter sei. Er versprach, sich zu erkun­ digen. Gelegentlich habe ein dienstverpflichte­ ter Hilfswachtmeister im Hause zu tun. Er helfe unauffällig und könne bei anderen Justizleuten heimlich nachforschen. Und schon wenige Tage später erfuhr ich, daß auch unsere Akten mit den Urteilen nicht m ehr existierten. Ich atmete auf. Was würde mit uns geschehen? Der Kalfaktor sagte mir, daß oben ein großes Durcheinander herrsche. Vielleicht hätte ich eine Chance. Meine Chance war das KZ. Über Walter muß es irgendwo einen Vermerk gegeben haben, in dem sein Urteil notiert war. Oder einer der überlebenden Richter hatte zwar uns, aber nicht ihn vergessen, wohl wegen seiner küh­

162

nen Antworten. Es kann auch sein, daß er schon hingerichtet war, bevor die Akten verbrannten. Es gibt jedenfalls eine “Unterlage” Walters Eltern haben sie mir später gezeigt. Es ist eine Kosten­ rechnung, die ich auswendig weiß:

in der Strafsache des Walter Heinicke, Dreher, Sohn des Werkmeisters Otto Heinicke, geb. 11. 11. 22 in Berlin, wegen Hochverrats:

Gebühr für Todesstrafe

Postgebühren gern.1§ 72 RKG

Geb.12*für den Rechtsanwalt Haftkosten gern. § 72 RKGS*für die Unter­ suchungshaft vom 24. 12. 43

bis 28. 3. 44 = 96. Tage4ä 1,50 f. d.r>Strafhaft v. 29. 3. 44 bis 8. 5.44 = 40 Tage ä 1,50 Kosten der Strafvollstreckung a) Vollstreckung des Urteils Hinzu Porto f.e Übersendung d. Kostenrechnung

_

300,-

2,70

81,60

144,-

60,-

158,18

-12

Es sind zu zahlen: RM7 746,60

Und darunter war für die Eltern eine Frist ge­ setzt: Zahlbar binnen8 vierzehn Tagen.

1gern. - gemäß. 2Geb. - Gebühr. sRKG - das Reichskriminalpolizeigesetz.

496 Tage ä 1,50 - 96 Tage pro (zu) 1,50 fürjeden Tag. ’f.d. - für die Untersuchungshaft.

(>Porto

7RM - Reichsmark (deutsche Währungseinheit

d. Kostenrechnung - für die

1924-1948).

*Binnen - innerhalb, im Laufe von.

163

Ist das nicht eine prächtige Unterlage, H err Rechtsanwalt. Allerdings steht darin nicht der Name Paul Riedel. Nein, ich brauche keinerlei Unterlagen mehr. Ich bin ein Vollstrecker ohne Unterlagen und nehme für die Todesstrafe keine Gebühr, auch Haftkosten werden gespart. Ich bin der Verfolger. Gewiß, Sie handeln, wie Sie müssen, H err Staats­ anwalt. Aber auch ich, auch ich.

8 D R E I U H R V IE R Z IG enn er

8

D R E I

U H R

V IE R Z IG

enn er doch endlich käme!

W Mein Wagen ist zwanzig Zentner schwer. Er

würde ihn packen und ihn hoch in die Luft

schleudern. Er würde auf meine Kühlerhaube fliegen und dort nach einem Halt suchen, seine Augen würden einen M oment durch die Wind­ schutzscheibe starren und dahinter die plötzliche Erscheinung eines unerbittlichen Strafvollzugs erkennen. Er würde aufschreiend vom Kühler rutschen. Und dann würde er fallen. Als letztes würde ich seine gespreizten, winkenden Hände sehen, und dann würden ihn die zwanzig Zentner zermalmen. Der Wagen würde zweimal hüpfen, und ein blutiges Knäuel in Lumpen würde reglos in der Nacht auf der Straße liegenbleiben, ein häßliches Bündel, die Füße verdreht, formlos, mit roten, glitzernden Pfützen obenauf, die im milden Regen dann langsam verfließen würden. Ich wünschte, der Regen wäre ein peitschender H agel aus G ra­ natsplittern, und dieses Knäuel würde zerstampft, ausgelöscht, vernichtet, sowie die andern vernichtet worden waren. Und ich werde davonfahren. Ein Verkehrsunfall,

jawohl.

Fahrerflucht?

1 6 5

In Ordnung. Ich werde bezahlen, ich werde ins Gefängnis gehen. Nur eines werde ich nicht. Ich werde nicht der Polizei sagen, daß ich aus Vorsatz getötet habe. Der Staatsanwalt soll auf keinen Fall befriedigt einen neuen Akt aufschlagen. Er soll nicht mit dem Kopf nicken und erklären können:

Jedes Unrecht findet seine Strafe. Nichts davon. Unrecht, das nie eine Strafe findet, gibt es wie Sand am Meer. Nur, ihr findet das Unrecht nicht, weil das Unrecht euch so lange Befehle gab. Ihr werdet nicht damit fertig. Für euch verlieren oft genug die Hingerichteten. Und Sie, Herr Staatsanwalt, der Sie abgelehnt haben, das Verfahren gegen den Spitzel Riedel zu eröffnen, waren Sie damals schon als Staatsanwalt tätig? Haben Sie das Unrecht, das damals Recht genannt wurde, in Ihren Urteilen proklamiert? Na? Ein wenig, wie? Es ging nicht anders, nicht wahr? Haben Sie nie mit voller Brust Unrecht gesprochen? Gelegentlich? Aber nur mit halbem^Atem, wie? Und Sie finden heute keine juristische Handhabe, leider, leider? Und das Achselzucken, ist es nicht ein Grundelement der Justiz geworden? Fehlt es an Zeugen? Aber waren Sie damals nicht zufrieden, wenn Sie keinen Zeugen hatten, sondern Befehle? Nein, Herr! Ihnen stelle ich mich nicht. Wenn Sie kein gerechtes Verfahren wegen der Opfer eröffnen können, so sollen Sie auch kein Verfahren gegen mich, den Rächer, einleiten. Ich entziehe mich Ihrer Justiz. Ich erkenne sie nicht an. Ich habe meine eigene Justiz, die der unschuldig Gemor­ deten, die der in den Kellern unter Poltern Aus- gelöschten, der fürchterlich Verendeten, die kein Recht finden, keine Zeugen, kein Verfahren

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In dieser Nacht wird Paul Riedel zur Strecke gebracht wie ein Untier im Busch. Hier sitzt der Jäger. Drüben hält eine Taxe. Das ist er. Die Schein­ werfer blenden. Man hört ein Lachen. Es sind zwei Menschen, ein Pärchen. Verdammt. Ist er nicht allein, dann ist alles umsonst. Aber ist er es? Sie kommen näher. Das Taxi fahrt an. Es rollt vorbei. Das Pärchen schlendert vorbei. Sie spannt einen Schirm auf. Sie gehen schwatzend davon. “Nein, das darfst du nicht sagen ” “Aber warum, denn nicht ?” “Nein, so was sagt kein Kavalier ” “Aber Kindchen, Kavaliere sagen noch ganz andere Dinge ” Ein kleines Aufkreischen und ein doppeltes Gelächter, und sie biegen drüben in eine Sei­ tenstraße ein. Er war es nicht. Ich werde weiter war­ ten. Geduld habe ich im KZ gelernt. Die Stunde kommt. Ich habe darauf gewartet, seit dem Tag, als sich das Lagertor öffnete und die Kapitulation kam. Die Mörder flüchteten in alle Welt. Sie hatten sich rechtzeitig falsche Papiere besorgt, echte Ausweise mit unechten Namen. In der allgemeinen Wirrnis und Verwilderung verschwanden wie mit einem Zauberschlag die Uniformen, die Naziorden, der deutsche Gruß*, die Folterer, der SD1, die Todes­ schützen und die Spitzel. Dagegen öffneten sich die Tore der Lager, Zucht­ häuser und Gefängnisse, und eine Armee des

1der SD - Sicherheitsdienst im faschistischen Deutsch­ land.

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Elends bevölkerte die Landstraßen Europas. Einer darin war ich. M eine Suche dauerte jahrelang. In den Trüm m ern der Städte hatten sich die ersten O rganisationen gebildet. Die große Suche in Europa hatte begonnen, die große Suche, die mit Kreideinschriften an den M auern der Ruinen angefangen hatte: “Werner, Elli, wir sind bei Großvater.” —“Meldet euch doch endlich, wir woh­ nen bei Dreyers.” Ich suchte mit. Die Zeitungen veröffentlichten die ersten Suchlisten. Ich studier­ te sie. Die Radiosender nahmen ihre Suchdienste auf. Ich hörte sie ab. Alle Verbindungen waren zerschlagen, das Netz der Verwandtschaften war gerissen, die Familien waren vernichtet oder zerstreut. Es wurden Väter, Brüder, Mütter, Kinder, Soldaten und Vermißte, Verwundete und Gefangene von uns allen gesucht. Und es wurden die Schuldigen gesucht. Ich suchte Paul Riedel. Ich blätterte viele Karteien und Register durch und machte endlose Wege zu Polizeibüros und zu den Staatsanwaltschaften, Ich hatte erfahren, daß von keinem Mitglied der “Silbernen Sechs” ein Lebenszeichen vorlag. Das erbitterte mich noch mehr. Ich setzte jahrelang meine ganze Energie in die Suche nach dem Schuldigen. Aber ich kam nicht weiter. Ich verlor mich in Einzelheiten, kam auf falsche Spuren, wurde müde und bekam neue Kraft, wenn ich las, daß einer der Verbrecher gefaßt worden war, ein Arzt, der gemordet hatte, ein Henkersknecht, ein verbrecherischer Beamter.

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Ich studierte eifrig die Zeitungen, um zu erfahren, ob ein bestimmter Spitzel darunter war. Gelegentlich war ich nämlich auf eine Spur gestoßen, eine verwischte, fast unerkennbare Spur. In den Protokollen einer Verfolgtenorganisation war sein Name aufgetaucht. Ein Beam ter der Gestapo hatte ausgesagt, daß der Gesuchte immer häufiger Aufträge zur Zufriedenheit seines Chefs ausgeführt hatte, ja, daß er sich vom simplen Spitzel zum V-Mann*, zum Fachmann für die Bekämpfung staatsfeindlicher Kräfte entwickelt hatte. Ich studierte die spärlichen Nachrichten mit atemlosem Interesse. Wie ich ihn mir vorstellen konnte, wenn er als freundlicher Onkel, sehr be­ scheiden natürlich, auf der Plattform der verdun­ kelten Straßenbahn stand und den Gesprächen lauschte. Und wenn ein rabiater Fronturlauber* auf den Krieg fluchte, winkte er wahrscheinlich bei der nächsten Haltestelle heimlich einem SS-Mann* oder einem Polizisten. O der er mochte einem Arbeiter folgen, der mit anderen Arbeitern sich traf oder mit alten Gewerkschaftern lärm end Skat spielte, um leise oppositionelle G espräche zu führen. Und dann plötzlich, an einem Sonn­ tagvormittag vielleicht, ließ er sie alle vier hoch­ gehen, und es gab vier Hinrichtungen. In einem anderen Nachkriegsprotokoll fand ich Aussagen von Mitgliedern eines kirchlichen Jungmännervereins verzeichnet, der damals einen dicklichen blonden Mann namens Weber als Mit­ glied aufgenom m en hatte. Es war verm erkt, daß dieser in den Gesprächen sich als einer der radikalsten aufluhrte, und nach einem Vierteljahr

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wurde der Jungm ännerverein von der Gestapo gesprengt, drei kamen ins KZ, und zwei wurden hingerichtet. Ein großartiger Klavierspieler soll er gewesen sein, so hatte man ausgesagt, und man war eigentlich sicher, daß er den Verein verraten hatte. Von dem dicklichen blonden Mann jedoch fehlte jede Spur. Sein Zeigefinger hatte bestimmt auf viele Häu­ ser gewiesen, auf gewisse Fenster, die sich in den verdunkelten Hausfronten befanden, auch auf frie­ rende Männer, die sich in elenden Raucherab­ teilen wartender Bummelzüge befanden und er­ schreckt aufblickten, wenn zwei Uniformierte die Abteiltür öffneten und sagten: “Polizei, Ausweis­ kontrolle.” Und nach jener bedeutungsvollen Pause, in der man alle Papiere genau geprüft hatte, hieß es dann:

“Mitkommen. Ohne Aufsehen. Bei Fluchtversuch wird geschossen.” Und man trieb sie den Bahnsteig entlang, und abseits stand sicherlich Paul Riedel und machte seinen Korallenmund, und niemand ahnte, daß der dickliche blonde Mann drüben damit zu tun hatte. Ich konnte es mir genau vorstellen. Ich fand nur jene flüchtigen Notizen. Aber was steckte dahinter an emsiger Bluthundtätigkeit1? Ich sah das alles vor meinen Augen, und ich konnte mir denken, daß Paul Riedel immer, wenn er mit einigem Erfolg seinem Spitzelgeschäft nachgegangen war, zu Hause

1 d ie B lu th u n d tä tigk eit - Beschäftigung, die mit Foltern und Mord verbunden ist.

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auf den Klavierstuhl sank und sanfte Triolen1spielte, ein Adagio voller schwarzer Melancholie, mit viel Pedal übrigens. Er befand sich unter dem direkten Schirm der Macht. Gibt es eine größere Sicherheit, wenn diese Macht schrecklich und überaus stark ist? Nein, Paul fühlte sich völlig sicher. Sein fahlbleiches Gesicht leuchtete bestimmt herzlich, wenn er in das kahle Amtszimmer des Kommissars trat und melden konnte: “H err Kommissar, es ist soweit. Morgen abend um neun treffen sie sich im Biergarten .Altbayern’. Sie kommen immer einen Tag und eine Stunde früher zusammen, als sie sich verabreden. Das ist ihr Trick, um sicherzugehen. Es sind alle vier.” Und auf seiner weißen, blasenartigen Stirn schimmerte das Licht der Kugellampe im Büro des Kommissars. Und dieser legte den Bleistift nie­ der, blickte ihn mit seinen Scharfschützenaugen gemütich an und knurrte: “Na, dann ist ja Polen offen. Horrido!12” Und am nächsten Abend wurde der Biergarten “Altbayern” umstellt, und im Keller der Gestapo gab es vier Zugänge und wenig später einige Tote. Aber damals kam es auf Tote nicht an. Paul machte sich gewiß nichts daraus. Er hielt sowieso nicht viel von den Menschen, er tat seine lautlose Arbeit, und immer wieder muß er damals in das Zimmer des Kommissars getreten sein und seine Erfolge ge­ meldet haben: “H err Kommissar, es ist wirklich eine alte Jüdin. Ich habe sie gesehen. Sie haust in der

1die Triole - Folge von drei gleichen Noten, die zusammen die gleiche Zeitdauer haben. 2Horrido! - Ausruf triumphierender Freude.

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Mansarde, geht nie auf die Straße und öffnet manchmal die Dachluke.” “Die holen wir uns. Es geht grad ein Transport nach Auschwitz”, sagte der Kommissar gewiß in solchem Fall. “Und was ist mit den Leuten, die sie versteckt haben?” Der Kommissar lachte. “Riedel denkt an alles, nicht nur die Versteckten, auch die Verstecker will er haben. Soll er kriegen. Wie viele sind es?” “Eine dreiköpfige Familie.” “Na, ein T.-U.1ist sicher dabei. Der Rest KZ. Also, hebt die Mischpoche12 aus!” So muß es vor sich gegangen sein. Gewiß, ich kann es nicht beweisen. Der Kommissar hat nach dem Krieg Selbstmord begangen. Aber ich sehe Paul Riedel vor mir, wenn er etwa von einer Telefonzelle aus anrief: “Herr Kommissar, der Flüchtling sitzt im ,Ringcafe’, gleich rechts von der Eingangstür. Er hat eine Brille, ist mager und schlecht rasiert. Sein Anzug ist braun.” Und dann quäkte im Hörer die Stimm des Kom­ missars: “Bleiben Sie am Mann! Es kommt ein Ein­ satzwagen zum ,Ringcafe’.” Oder Riedel rief vielleicht an: “Ich habe die zwei Deserteure gefunden. Sie hausen im Keller Arns- walder Straße neunzehn.” Und die Antwort kam durch den Hörer: “Ich schicke sofort einen Flitzer. Bleiben Sie am Mann!”

1ein T.-U. - das Todesurteil. 2d ie M isc h p o c h e (auch Mischpoke) - hier eine jüdische Familie, Verwandtschaft.

1 7 2

Oder Riedel kam mit leisen Sohlen lächelnd ins Zimmer des Kommissars, zupfte vergnügt an seinem Schnurrbärtchen und meinte: “Morgen früh können Sie die Leute ausheben. Die ganze Familie befindet sich in Norddorf, Amselstraße elf. Zwei Erwachsene, drei Kinder.” Und der Kommissar atmete erleichtert auf. “Na, endlich eine Spur! Großartig! Morgen früh ” Mag sein, daß meine Phantasie überhitzt ist. Aber wie sonst soll das alles vor sich gegangen sein, wie sonst? Ich habe eine gewisse Ahnung von dem Betrieb dort, ich wurde oft verhört in jenen großen Bürozimmern. Und Riedel hat dann sicherlich immer er­ folgreicher gearbeitet. “H err Kommissar, der Kaplan1ist in der Sakrister12 der Gnadenkirche ” Oder er meldete: “H err Kommissar, drei Ar­ beiter ” Oder er rief an: “Der Oberleutnant schläft noch im Zimmer einundvierzig ” Es waren Menschen wie wir, die gegen den Krieg aufgestanden waren, oder gegen das Regime des Massenmordes. Paul Riedel war ganz sicher ein trefflicher Erm ittler geworden, kein G elegen­ heitspfeifer, nein, ein ausgekochter Berufsspitzel. Dahinjagende Autos, polternde Schritte eines

1der Kaplan - Geistlicher, der den Gottesdienst an einer Kapelle hält. 2die Sakristei - Nebenraum in der Kirche für den Geistlichen und für den Gottesdienst benötigten Gegen­ stände.

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Verhaftungstrupps auf den Treppen der Miets­ häuser, Schreie: Halt! Stehenbleiben! Schüsse und Fesseln, Prozesse und Hinrichtungen folgten seiner Arbeit. Er spürte auf, er sagte aus, er gab zu Proto­ koll, und wohin er nur mit dem Finger zeigte, dorthin wurden wenig später Pistolen gerichtet. Aber beweisen läßt sich das alles nicht mehr. Die Toten sprechen nicht, und die Menschenjäger sind verschwunden oder tot.

Ich blieb dem Spitzel auf den Fersen. Ich beschwor den dicken Rechtsanwalt M., m ir zu helfen. Und eines Tages setzte er sich mit einem Aktenhefter an den Schreibtisch seines Büros, das im Stil eines sogenannten H errenzim m ers eingerichtet war. Er nahm eine Tablette aus der silbernen Dose und sagte: “Also, H err Brendel, wir haben einen kleinen Erfolg zu verzeichnen.” Er schlug die Akten auf, las darin und blickte mich über den Rand seiner schwarzen Brille an. “Im Prozeß gegen den früheren Regierungsrat Roeder im R eichssicherheitshauptam t hat dieser eine Aussage gemacht und bestätigt, daß in seiner Dienststelle ein gewisser Paul Riedel drei Jahre lang gearbeitet hat. Als V-Mann.” “Endlich!” “Halt! Keine übertriebenen Hoffnungen.” “Hat er etwa alles wieder zurückgenommen?” “Nein. Aber erstens brauchen wir mindestens zwei Zeugen. Und zweitens wird er seine Aussage erheblich abschwächen, wenn wir ihn in die Zange

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nehmen. Außerdem wird reine Spitzeltätigkeit nicht bestraft. Da muß man schon ein Verbrechen nachweisen. Übrigens ist der Mann, dieser Riedel, im Prozeß gegen Roeder vernommen worden. Er hat natürlich erklärt, er sei völlig unschuldig. Können Sie das Gegenteil beweisen? Können Sie beweisen, daß dieser Riedel in der Gestapo Ver­ brechen begangen hat?” Ich war erregt. Ich schlug die flache Hand auf den Tisch. “Ich habe doch selbst gehört, was er vor dem Sondergericht ausgesagt hat!” Der Anwalt zog die weizenblonden Augenbrauen zusammen und rückte an seiner schweren Brille. “Möglich, aber heute würde er das natürlich ab­ streiten. Die Akten sind unauffindbar, die Richter tot. Ihre Zeugen sind gleichfalls unauffindbar. Wir müssen die Akten schließen, so leid es mir tut. Ich habe mir das sehr lange und gut überlegt.” Sein kleines Gesicht in dem mächtigen, mond­ runden Schädel hatte zum erstenmal einen re­ signierten Ausdruck. Er saß regungslos in seinem hellgrauen Anzug hinter seinem Tisch und blickte mich an. “Aber das ist doch unmöglich!” schrie ich. “Das wäre ja Wahnsinn! Ein M örder läuft durch die Straßen, der so perfekt getötet hat, daß nicht ein einziger Zeuge am Leben geblieben ist!” “Das behaupten Sie. Wie oft stellt sich bei einem Prozeß heraus, daß der Kläger aus Haß oder sa­ gen wir aus persönlicher Voreingenommenheit gehandelt hat. Wir haben unsere Erfahrungen, Richter und Rechtsanwälte und auch die Staats­

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anwälte, auch sie. Es wird häufig versucht, die

Justiz für private Rache zu mißbrauchen

nicht, daß es in diesem Fall so ist, ich mache nur eine Feststellung. Und das zwingt die Gerichte zur Vorsicht.” Ich hörte den unterirdischen Verdacht in seiner Stimme. “Aber dagegen kann man sich doch wehren.” “Richtig. Und eine dieser Abwehrmaßnahmen ist die Frage nach Zeugen, nach mindestens zwei Zeugen, die glaubwürdig sein müssen. Halten Sie das für richtig oder nicht?” Seine Stimme wurde scharf. Sein letzter Satz erinnerte an eine geschwun­ gene Sense, die blinkend ins Korn saust.

aber es muß doch für besondere Fälle

auch eine andere Lösung möglich sein. Es waren doch ungewöhnliche Zeiten, mit denen kein Ge­ setzgeber rechnen konnte.” Der Rechtsanwalt nahm seine schwarze Brille ab und blickte mich mit seinen verschleierten Augen an. “Können Sie mir Zeugen verschaffen oder nicht?” In meiner Ohnmacht schrie ich ihn an: “Nein, Sie wissen es doch. Das ist Bürokratie! Ich fordere Gerechtigkeit!” Er starrte mich unbewegt an und erwiderte knapp: “Und ich bin Rechtsanwalt und fordere Zeugen.” Ich bebte vor Zorn. Ich sprang auf und rief: “Ein Mörder läuft durch die Stadt, und die Justiz zuckt die Schultern. Aber wenn den Opfern kein Gericht der Welt hilft, dann helfe ich ihnen! Dann bringe

Ich sage

“Ja, ja, ja

ich den Mörder um ”

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Plötzlich war es still zwischen uns. Der Rechts­ anwalt erhob sich. Er stand massig hinter dem Tisch. Er hatte den Aktenhefter unter dem Arm und warf ihn plötzlich auf die Eichenplatte, daß er ein wenig zu mir herüberglitt. Er hob seine Stimme:

“Dann setzen Sie genau das fort, was Sie damals bekämpft haben. Begreifen Sie das nicht? Sie setzen an die Stelle des Rechts die Willkür!” Ich war auf einmal erschrocken über das, was ich zum erstenmal ausgesprochen hatte. Ich antwortete:

“Das Recht wird von Menschen gehandhabt. Sind es nicht oft dieselben Menschen, die damals auf Befehl Unrecht gesprochen haben?” “Sie sehen das alles höchst einseitig an.” “Ja. Von einer einzigen Seite her, nämlich von der Seite der Opfer. Glauben Sie mir, von dieser Seite aus sieht man außerordentlich scharf.” Hier standen wir uns am Tisch gegenüber, jeder in einer anderen Welt. Unsere Erfahrungen, unsere Gedanken, unsere Ansichten waren verschieden, waren vielleicht entgegengesetzt. Er richtete sich auf, ich hörte die Entschiedenheit in seiner Stimme:

“Kurz und gut, eine Anklage allein genügt nicht zu einem Urteil, solange es eine Justiz gibt.” “Aber das alles genügt zu einem Urteil über die Justiz”, sagte ich wütend. Er beugte sich über den Tisch, stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, mahlte ein wenig mit dem Unterkiefer und sagte mit einem drohenden Unterton: “Hören Sie mir genau zu, Herr Brendel: Wenn dieser Paul Riedel plötzlich

so steht

sterben sollte

zufällig, verstehen Sie

,

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hier am Tisch einer, der weiß, daß es sich in diesem Fall um Mord handeln kann.” “Sie?” “Ja, ich. Das ist eine Warnung. Und glauben Sie mir, ich nehme es mit dem Recht sehr genau.” “Ich auch, H err Rechtsanwalt, ich auch ” “Und nun hören Sie, Herr Brendel, schaffen Sie einen Zeugen herbei, oder ich schließe endgültig ” Aber ich hörte nicht mehr zu. Ich lief davon. Ich war auf das tiefste betroffen von dem, was ich soeben herausgeschrien hatte. Was? Ich wollte den Mörder um bringen, ich? Mit eigenen Händen? Welch ein vermessener Gedanke! Und die Heiligkeit des Lebens? Die Heiligkeit des Lebens gab -es in frommen Büchern, aber nicht in der blutbesudelten Realität. Hatte ich nicht in jener Zeit gelernt, daß das Leben der meisten Menschen nicht mehr galt als eine Brombeere, ein Brikett1? An der Front, im KZ, in der Stadt beim Luftangriff, im Gefan­ genenlager? Und war hier nicht Front? War hier nicht ein Kessel von der Front übriggeblieben, in dem wir saßen, er und ich, und uns einander anstarrten in der Urlandschaft des Hasses? Riedel mußte sterben. Aber wie? Ein Schuß, ein Messer, ein Unfall? Ja, ein gezielter Unfall. Der Gedanke verließ mich seitdem nicht mehr, bis zu diesem Augenblick, in dem ich hier hinter dem Steuer des Wagens sitze Übrigens hatte meine Suche einen Erfolg. Ich fand meinen Richter. Ich fand K., der einstmals

1

dass

das L eben

galt als ein e Brom beere, ein

Brikett - nichts kostete, nur zum Verbrennen geeignet.

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Vorsitzender des Gerichtes gewesen war. Eine Organisation der Verfolgten hatte die Einzelheiten gesammelt, die ihn betrafen. Ich hielt das Kartothekblatt in den Händen, und studierte es. Der übliche Werdegang: Referen­ dar*, SA1, NSKK12, Assessor*, A m tsrichter, Kriegsgerichtsrat, als Mitläufer eingestuft, in den Justizdienst übernommen, jetzt Landgerichtsrat in M. Es war nicht weit dorthin. Ich fuhr nach M. Im Gebäude des Landgerichts irrte ich durch die Flure und suchte nach einem Saal, in dem ich K. bei einer Verhandlung am Richtertisch Wiedersehen konnte. Schließlich erfuhr ich, daß er meist in Saal 3 den Vorsitz habe. Ich öffnete leise eine Tür, an der sich ein Schild mit der Aufschrift “Zuhörer” befand, und trat ein. Es saßen nur wenige Menschen in dem kahlen, braungrünen Raum. Vor der Anklagebank stand gerade ein Mann, klein, mit einem runden Gnomengesicht, der unaufhörlich sprach. Der Richter stellte nur kurze Fragen. Der Richter war nicht K. Ich war zu früh gekommen. Nun, es machte mir nichts aus, zu warten. Ich hatte lange genug gewartet, um jede Ungeduld verlernt zu haben. Als ich unter den Zuhörern saß, jenen eigenartigen Typen, die die Gerichtssäle bevölkern, um sich an den Verbrechen, den Erregungen, Wutausbrüchen und Tränen anderer Menschen zu weiden, als ich

1SA - Sturmabteilung, uniformierte und bewaffnete politische Kampftruppe als Gliederung der NSDAP. 2NSKK - nationalsozialistischer Kraftfahrkorps.

1 7 9

unter diesen kaltäugigen Frauen und mürrischen Männern saß, dachte ich an die große Geduld und die gnädige Güte, mit der manche Gerichte heute die Verbrechen der letzten Diktatur anblickten und selten bestraften. Nun, dies hier war kein politischer Prozeß. Es schien sich um Totschlag zu handeln. Jedenfalls benutzte der Staatsanwalt, der sein gereiztes Kindergesicht hinter einer schweren Hornbrille verbarg, dieses Wort bei einer kurzen Auseinan­ dersetzung mit dem Angeklagten. Aber dieser ließ sich kaum unterbrechen. Klein und grau stand er vor dem Gerichtstisch. Sein Gnomengesicht wech­ selte oft und unvermittelt den Ausdruck. Er be­ gleitete seine Verteidigungsrede mit fahrigen und dramatischen Armbewegungen. Mit einer kleinen weichen Nähmaschinenstimme wandte er sich an den Richter, der ihn aufmerksam beobachtete und nicht u n terb rach , ebenso wie alle anderen Anwesenden, die von der schlichten Darstellung eines Leidensweges gepackt schienen. Der An­ geklagte machte eine theatralische Bewegung und schüttelte heftig den Kopf. “Nein, nein, H err Richter, so war esja gar nicht Außerdem hatte ich das Messer auf dem Küchentisch nur einen Augenblick gesehen, bevor ich zustieß. Alles andere ist Geschwätz. Die Richtung des Stichs beweist Ihnen ja, daß das Messer von rechts oben kam. Er sagte überhaupt kein Wort mehr. Er lag einfach vor meinen Füßen, und sie ließen alle ab von mir und nahmen ihn mit, und ich hörte nur noch vor der Tür ihr Gepolter und ihre Rufe. Ich

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stand auf einmal ganz allein in der Küche und hörte einen schrecklich keuchen, und da war ich es, der keuchte, und das Brotmesser war ganz blank, nur oben am Heft ein wenig rosa verschmiert, aber ganz wenig. Ich dachte noch, alles Schwindel mit dem Blut, das vom Messer tropft, alles Schwindel aus den Romanen. Und ich hielt es unter den Wasserhahn, und ich wartete, daß Anna kommen sollte, und ich

aber sie kam nicht. Sie ist

wegen der Schuhe unterwegs, dachte ich noch, weil ich damals noch nicht wissen konnte, daß sie mich alle verraten hatten, Schmidtmann und alle. Und weil ich da, wie ich das Brotmesser unter den Wasserhahn hielt, auf einmal Angst kriegte, schrie

ich: ,Anna

Ich dachte nämlich, wenn meine Anna hier in der Küche wäre, würde sie mit mir schimpfen, und dann wäre mir wieder besser geworden. Es fehlte eben, daß jem and so mit mir redete. Aber das darf mit mir nur einer tun, den ich mag. Ein Fremder nicht. Anna darf es. Sie hat solch eine Art, wissen Sie, da nimmt man es an. Da sagt man: ,Ach, halt ‘s

Maul

und sie schimpft

immer weiter. Und manchmal wirft sie ihr Haar mit einem Ruck aus der Stirn und zittert mit der Nase. Da weiß ich, es ist Zeit, Junge, und ich greif mir die Mütze vom Haken. Man muß den Weibern mal ‘ne

Pause gönnen, das tu ich oft, daß sie ihre Ruhe hat, und wenn ich heimkomme, steht die Suppe auf dem Ofen, und sie liegt auf der Bank. Sie schläft da, und ich schlaf in dem Stück Flur auf dem Feldbett. Es ging alles ganz gut solang, und ich ließ nichts auf

schrie: ,Anna

Anna

’,

Anna

Anna

halt ‘s Maul

’,

181

Anna kommen! Naja, sie ist keine Schönheit, nein, dazu ist sie eben zu arm und muß in der Stepperei zuviel arbeiten. Aber sie hat ein Herz aus Marien­ gold, m eine H erren, und kein Stäubchen auf dem Konsol.* Was Anna tut, ist wohlgetan, weil sie fruchtbare H ände hat. Wenn sie Salat pflanzt, der geht an, brät sie ohne Fett Kartoffeln, die schmecken, und legt sie einem die Hand auf den Kopf, gehn die Kopfschmerzen weg. So ist Anna. Und ich brauchte ihr nur zu sagen: ,Hör mal, Anna, hörst du sie singen?’ Dann hörte sie es, und alle anderen Dummköpfe hörten es nicht. Haben eben Dreck in den Ohren. Ja, und dann kam es, als ich damals die Zeitung las, und oben an dem weißen Rand liefen auf einmal die kleinen Männerchen herum. Und als ich an die Decke sah, liefen da eine ganze Menge herum, immer mehr. Waren so hoch wie ein Stuhl und eine ganze Menge. Und ich sah Anna gar nicht mehr.

Und dann kamen sie auf mich zu. Und da mußte ich mich natürlich verteidigen. Und ich hatte schwer mit ihnen zu tun. Aber ich schlug sie am Ende mit meinen Fäusten und einigen Blumentöpfen in die Flucht. Als ich sie verjagt hatte, war meine Anna zu mir wie ‘ne Mutter, die ihr Kind tröstet. Ich war nämlich aufgeregt. Sie legte mir kalte Handtücher auf die Stirn und gab mir Baldrian und sagte immer ’

zu mir, ganz leise. Das sagte

sie sonst nie. Und es war alles in Ordnung. Und ich paßte scharf auf, daß mir die Männchen nicht noch einmal in die Küche kamen. Und abends sagte Anna, sie ginge weg. Sie zog sich den Mantel

»Liebster

Liebster

1 8 2

aber wieder aus, und dann ging sie herum, und dann zog sie den Mantel wieder über und war ganz still. Sie streichelte mich und weinte ein bißchen und hatte eine rote Nase, sie konnte gar nicht zur Tür hinausfinden. Endlich aber ging sie doch. Inzwischen sitz ich in der halbdunklen Küche und achte drauf, daß die Männchen wegbleiben. Da geht auf einmal die Tür auf, und es springen ein paar große Kerle herein, mit mächtigen weißen Händen und wollen mich packen. Ich kämpfte wild und schrie: ,Anna’, schrie ich, Anna!’ Und dann sah ich das Messer auf dem Küchentisch und stach den Größten. Ja, hätten Sie denn das um Gottes willen anders gemacht, mein H err? Setzen Sie sich mal m it Gedanken in eine dunkle Küche, und haben Sie mal Angst. Verurteilen Sie mich bitte nicht. Lassen Sie mich bitte nach Haus. Ach so, nach Haus kann ich ja nun nicht mehr. Die Küche gehörte ihr ja, und daß mich dieses Weib so glatt verraten hat, nein, das kann ich ihr nicht vergessen. Nie. Ich denk noch, sie ist wegen der Schuhe weg, und da steht sie

die ganze Zeit hinter der Tür und ist mit den Kerlen

Ja, H err

einig und sagt immer: Ja, Herr Doktor Doktor ’

Und als der Überfallwagen kam, schrie sie und hängte sich an mich und machte Theater. Alles

Falschheit, m eine H erren.

unschuldig sie da drüben sitzt. Sie hat mich hierhergebracht. Ich erkläre diese Dame als falsch. Und wenn der Stich nicht lebensgefährlich war, so

freut es mich. So bin ich ja nicht. Ich willja niemand

etwas tun. Wer will mich verurteilen

Sehen Sie nur, wie

?”

183

Ein medizinischer Sachverständiger sprach nur kurz. Der Angeklagte wurde zur Beobachtung seines Geisteszustandes in eine Anstalt überwiesen.

Aber bevor er den Gerichtssaal verließ, erhob sich Anna von der ersten Zuhörerbank und trat auf ihn zu und hielt ein Taschentuch vor den Mund gepreßt und zitterte. Sie sah ihn mit roten Augen an und

und er erkannte sie

nicht. Er sah sie an, als wäre sie ein Kalenderblatt vom vorigen Jahr.

Dann nickte ihm der Wachbeamte zu, und er ging mit dem Beamten und trat einen Weg durch viele Türen an, an denen es keine Klinken gab. Nun, ich hatte es nicht mit einem armen Teufel von der Schattenseite des Lebens zu tun, sondern mit einem Gegner, der sein Leben auf der Sonnen­ seite verbracht hatte. Ich verließ den Gerichtssaal 3 und erkundigte mich nach K. Nein, er habe in dieser Woche keine Sitzung. Ich fand im Telefonbuch seine Adresse und fuhr hinaus zu ihm.

flüsterte: “Alfred

Alfred

”,

Es war bereits dunkel, als ich in das Villenviertel kam. Er bewohnte ein breitgelagertes Haus, das von Efeu1umrankt war, eine Art Villa in einem parkähnlichen Garten. Einige Fenster waren er­ leuchtet.

1der E feu - immergrüne, als Kletterstrauch wach­ sende Pflanze (плющ).

1 8 4

Das eiserne G artentor stand offen. Vor

der

Garage stand im Licht einer scharfen Birne der Wagen. Der Fahrer hantierte mit Schlauch und Bürste und sah mich nicht, als ich eintrat. Das Mädchen hinkte ein wenig und lächelte mich rotbäckig an, als ich ihr sagte, ein alter Bekannter wolle Herrn K. sprechen. Sie verschwand und kehrte nach einiger Zeit zurück. “Bitte”, sagte sie und ging voraus. Ich durch­ querte einen altertüm lich eingerichteten Sa­ lon, in dem schwere Möbel, Bücherschränke und

ein Flügel standen. Dahinter lag in gedämpftem Licht eine breite Terrasse, die von einer Markise1 überdeckt war. Hinter der Tischlampe mit rötlichem Seidenschirm saß K. am Tisch allein vor einem Aktenband und blickte zwinkernd auf, wie es Kurzsichtige tun. Und ich erkannte ihn. Es waren die honigfarbenen Papageienaugen mit ihrer furchtbaren Kälte, die ich kannte. Ich nannte meinen Namen und ging auf ihn zu, während das Mädchen verschwand. Er erhob sich, stand halb im Schatten und blickte mich befremdet an. “Woher kennen wir uns?” Es war dieselbe gebil­ dete Stimme, seidig und sonor. “Vom Dritten Senat her.”* Sein Gesicht, völlig beleuchtet, verschloß sich. Die Lider über seinen Augen senkten sich einen Moment. Danach hatten die Augen einen bösen Ausdruck. Sein Ton wurde frostig. Er war größer als

1die Markise - aufrollbares, schräges Sonnendach.

1 8 5

ich, schlank. Sein stahlgraues Haar war sorgfältig nach hinten gelegt. Er sah gut aus. Er hielt den schmalen Schädel herrenhaft hoch. Sein linkes Auge zuckte häufig. Er trug eine Cordjacke. Ich sah ihm an, daß er überlegte, wie er den ungebetenen Gast rasch und reibungslos entfernen könnter Es war sehr still hier, bis auf das leise Rauschen eines Wassersprühers, der sich auf dem Rasen unten drehte. Der Wasserschleier glänzte zuweilen im Lampenlicht auf und deutete, während er rundum tanzte, alle Farben des Regenbogens an. “Hören Sie mal, Herr ” “Sie haben mich damals verurteilt, in dem Hochverratsprozeß gegen die »Silberne Sechs’, entsinnen Sie sich?” Er entsann sich, aber diese Erinnerung heiterte ihn keineswegs auf. “Ich habe leider keine Zeit, Herr ” “Ich komme ja gar nicht wegen meines Urteils, H err Landgerichtsrat, ich komme wegen einer anderen Sache ” “Dann machen Sie bitte rasch. Ich habe zu tun.” Er machte einige Schritte in Richtung auf seinen Korbsessel, blieb jedoch "stehen, als überlege er. “Es gab einen Denunzianten bei dem Prozeß.” K. dachte nach. Sein schmales Gesicht entspann­ te sich. “Einen Denunzianten?” “Ja, einen Mann namens Paul Riedel.” “Und was ist mit ihm?” “Er war die Säule der Anklage. Die Todesurteile gingen auf seine Aussagen zurück, entsinnen Sie sich?”

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“Möglich.” Er war gescheit. Er ließ alles offen, bis er wußte, wie das Gespräch lief. Er jedenfalls wurde nicht attackiert. Es betraf einen anderen. Er setzte sich und blickte mich mit seinen kalten, bösen Augen an.

“Warum setzen Sie sich nicht?” Ich setzte mich. Seine nervösen Hände lagen auf dem Tisch. Er griff nach einer glimmenden Zigarre, die auf dem Aschenbecher lag, sog daran und blies den Rauch von sich. Er dachte nach. Schlagschatten fielen von der rötlichen Lampe auf sein Gesicht, so daß eines seiner gelben Augen einen Ausdruck dämonischer Starrheit bekam. “Paul Riedel?” “Ja, Musiker, Pianist, dicklich, blond.” “Ich habe keinerlei Unterlagen mehr. Die Ge­ richtsakten existieren auch nicht mehr, soviel ich weiß.” Das besagte gar nichts. Vielleicht hatte er private Notizen im Hause, vielleicht hatte er sogar die Akten in den Jah ren der Verwirrung beiseite gebracht. Es gab damals heimliche Hände, die unauffällig Unterlagen verschwinden ließen oder ungesehen aus einem Konvolut1belastende Seiten herausrissen. Die heimliche Emsigkeit in jenen Jahren war beträchtlich, und beträchtlich war ihr Ergebnis, gewaschene und geflickte Unschuld. “Das ist schade.”

1 aus e in e m K o n v o lu t, das Konvolut lat. —eine

Sammelmappe, ein Sammelband.

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“Ja, das erschwert heute alle Nachforschungen.” “Eben. Aber vielleicht haben Sie eine p e r­ sönliche Erinnerung an diesen Riedel?” “Ich habe Sie auch nicht wiedererkannt, Herr Gehörten Sie dazu?” “Ja.” “Keine Ahnung mehr.” “Es war ein Todesurteil.” “Ach so.” Er legte die Zigarre wieder auf den Aschenbecher. Dieses “Ach so” war leise, fast gehaucht gekommen. Das feine, männliche Be­ dauern im Tonfall war wirkungsvoll. “Es waren alles Todesurteile, bis auf diesen Riedel.” Ich sprach sanft und ohne Vorwurf. “Sie verstehen, es waren die verschärften Straf­ bestimmungen damals. Sie waren bindend für uns. Da konnten wir gar nichts tun. Leider.”

“Natürlich nicht. Natürlich nicht ” “Was glauben Sie, was ich durchgemacht habe.” Ich schwieg. Vielleicht redete er weiter. Er redete weiter: “Das war für einen Menschen wie mich das

schlimmste, solche Urteile fällen zu müssen

dabei ein Mensch zu bleiben. Das war ja kein

Einzelfall, diese

und

illegale Gruppe, da waren noch

jedenfalls habe ich solcherlei Urteile nur unter tiefstem Widerstreben ausgesprochen. Das ist mir übrigens vielfach bestätigt worden, später, bei

der Entnazifizierung*. Die Leute haben sich so­

gar bei m ir entschuldigt

ausnahmsweise, weil Sie ein Beteiligter, äh, ein Betroffener waren. Aus Anstand sozusagen. Im Grunde standen wir Richter häufig auf Ihrer Seite.”

Ich spreche davon

188

Diesmal war ich es, der “Ach so” sagte. Sein Gesicht leuchtete edel auf im rötlichen Schimmer der Tischlampe. Die Papageienaugen

blickten mich aufm erksam am, wenn sich

Nickhäute hoben. “Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie etwaige Haßgefühle, die mich betreffen, begraben könnten. Verstehen Sie, es war die Zwangslage, die Situation, das eiserne Muß. Entweder parierte ein Richter, oder er kam ins KZ. Das war ein klarer Fall. Und wenn ich solch ein Urteil verweigert hätte, der Nachfolger hätte es ausgesprochen. Es gabja genug. Nein, nein. Sie dürfen diese Dinge nicht falsch

sehen.” “Gewiß, gewiß.” “Außerdem war noch eins zu bedenken, was man heute leicht vergißt, es war Krieg. In jedem Land hätte man Sie verurteilt. Wahrscheinlich hätte man überall auch das gleiche Strafmaß für angebracht gehalten, das können Sie mir glauben.” “Ja, ja , ja da ist n u r eine Sache, H e rr Landgerichtsrat —wofür haben die Völker ge­ kämpft?” “Na. Wir jedenfalls haben gekämpft, um Haus und Herd zu verteidigen, um unsere bedrohte Heimat zu schützen, nicht wahr?” “Nein.” “Was?” “Ich sagte: nein, nichts sonst.” “Sie sind anderer Meinung?” “Ja.” “Aber wieso?”

die

1 8 9

“Um seine Heimat zu schützen, fallt man nicht in zwölf Heimaten anderer Menschen ein wie in Frankreich, Norwegen, Polen, Rußland, G rie­ chenland und die anderen alle. Es war schließlich ein Eroberungskrieg, nicht wahr?” Schweigen. Ein leichter Abendwind wehte in den Bäumen des Gartens. Aus dem Nachbargarten kam ein schläfriges Kinderlachen. Es schien mir, als sei es hier auf der Terrasse ein wenig dunkler gewor­ den. K. sah auf, sorgenvoll, gekonnt sorgenvoll. “Paul Riedel hieß er?”

“Ja ”

“Nein, ich entsinne mich wirklich nicht.” “Es könnte sein, daß Sie als Zeuge unter Eid aussagen müßten.” “Ich bin zu jeder Wahrheitsfindung bereit.” Ich sah ihm an, daß er von heute an jede mög­ liche Erinnerung an Riedel innerlich zerstören würde, einmauern, vergessen. Ich sah ihm an, daß er gelenkig und flink manipulieren würde. Ich sah ihm an, daß er heute, genauso wie früher, Urteile fällen würde, wie man sie von ihm erwartete. Ich stand auf. “Es tut mir leid, ich hatte gehofft, einige Aufklärung von Ihnen zu erhalten.” Er stand vor mir, höflich und gerade und in edler Haltung. Sein linkes Auge zwinkerte, das andere Auge sah mich gelb und starr an. “Ja, ich bedaure außerordentlich, daß mein Gedächtnis nicht ausreicht. Aber es waren so viele Hauptverhandlungen, und später kamen so viele andere Ereignisse, daß ich mich beim besten Willen nicht entsinnen kann. Wir sind alle nur Menschen,

1 9 0

nicht wahr? Aber ich werde mein Bestes tun, um zu helfen, wo es möglich ist, und gerade in einem tragischen Fall wie dem Ihren.” Er trat auf midi zu. Die starren Papageienaugen, rund umwulstet, kamen mir erschreckend nahe. Er reichte mir mit warmer Herzlichkeit die Hand. Ich gab ihm die meine nicht. Ich drehte mich um. Im Dunkel des Gartens rauschte der Rasensprenger vor sich hin. Ich ging durch den im Licht aufflammenden Salon und ließ die Haustür hinter mir zufallen. Das war erledigt.

Er wußte bestimmt von Riedel. Er war ganz sicher ein Zeuge. Aber er schwieg. Viel später erst las ich in einem Zeitungsbericht, daß K. eine Frau, die

M utter von vier K indern war und bei einer

Winterhilfssammlung* Wollsachen im Wert von

dreißig Mark entwendet hatte, zum Tod verurteilt hatte. Sie wurde hingerichtet. Bei dem Prozeß gegen K. stellten sich weitere

M ordurteile heraus. Er war ein sogenannter

“Blutrichter” gewesen, der auch in Fällen, in denen das Strafmaß im Ermessen des Richters stand, Todesurteile ausgesprochen hatte. Von dem Prozeß gegen K. standen Berichte in allen Zeitungen. Seine früheren Mitarbeiter belasteten ihn nicht. Sie hatten alles, was ihn schädigen konnte, vergessen. Man hielt zusammen, und der Verteidiger wies nach, daß K. frei von Unrechtsbewußtsein gewesen sei. Er habe die Überzeugung gehabt, daß derlei Todesurteile die Moral der deutschen Kriegführung gestärkt hätten. K. wurde freigesprochen. Ich konnte mir vorstellen, wie K., den herrenhaft

schmalen Schädel erhoben, den Gerichtssaal

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verließ, ein Mörder, gepflegt und gelassen, der in seinem schweren Wagen davonfuhr, begleitet von seinen soignierten Kum panen1, die in Ämtern, Kanzleien, Ministerien und Behörden saßen, Schul­ ter an Schulter, und eine augenzwinkernde Front des Schweigens bildeten. Und w ieder hatte ich mich gegen Hoff­ nungslosigkeit zu wehren, gegen Einsamkeit und Ohnmacht. Wer fragte nach den Opfern? Die Ju­ gend, die von alledem nichts wußte? Ich glaube, es istjedem von uns so gegangen, der damals ein Gefangener war und befreit wurde. Wir betraten, aus den dunklen Kellern emporsteigend, die Welt wieder, in der der Wind wehte, die Sonne unsere Hände wärmte, in der es regnete und in der wir selber eine Tür aufmachen konnten. Es war damals die Trümmerwelt der totalen Katastrophe. Wir hatten unaufhörlich davor gewarnt, wir hatten er bittert für den Frieden gekämpft. Die meisten von uns waren tot. Und wir wenigen, die zurück­ kehrten? Fragte man uns? Wollte man Einzel­ heiten wissen? Nichts davon. Wir verbargen unser Erstaunen. Wollten sie, die uns damals vergessen hatten, als wir in die Keller des Todes hinabgeschleudert wurden, wollten sie wirklich nicht erfahren, was sich damals zugetragen hatte? Nein, sie wollten nichts wissen. Sie fragten nicht. Sie liefen durch die Ruinenfelder und jagten nach einem Stück Brot oder nach Zigaretten. Sie hatten geholfen, den Krieg zu führen, der die

1 b egleitet von sein e n

soign ierten [soan'ji:nt] j rt-

K um panen -

von seinen gepflegten Mittätern.

1 9 2

Katastrophe brachte. Sie waren blind gewesen, und blind waren sie geblieben. Im übrigen vertrauten sie auf die große Vergeßlichkeit. Wer eine Untat begeht, vergißt sie leichter alsjener, dem sie angetan wurde. Sie fragten nicht, sie sprachen nicht davon. Sie wandten sich ein anderes Mal von uns ab und beklagten ihr eigenes Schicksal. Wir aber schwiegen und lernten, daß die Schwester des Werwolfs Vergeßlichkeit heißt. Die Vergeßlichkeit verbirgt unter ihrem Mantel die Schandtat. Sie ist die grämliche Verweserin. Sie steigt nachts in die Kammern, in denen die Massenmörder und die Übeltäter unruhig schlafen, und mit ihren zerfließenden Händen nimmt sie ihnen die Erinnerung, damit sie am nächsten Tag gestärkt sich wieder erheben können. Sie nebelt Angst und G rauen ein, und sie streichelt das Entsetzen, damit es einschläft in Millionen Köpfen, die bleiche Schwester des Werwolfs *, die nach der Wut den Mohn bringt. Und stehen immer noch Empörte auf und zeigen auf das Meer von vergossenem Blut und verlangen Strafe, so schütteln zahllose andere ihre Köpfe und sagen: Wir wissen nichts davon. War dort Blut? Ich glaube es nicht. Wer redet von einer Schandtat? Wir können uns nicht erinnern Ich verbrachte eine schlaflose Nacht. Ich dachte an Eva, die verschollen war. Vielleicht war sie tot, die ich einst geliebt hatte. Ich sah ihre hellgrauen Augen vor mir, ihr rotbraunes Haar, ihre schmale Gestalt. Ich hörte ihre spottgewohnte Stimme. Wenn sie noch leben würde, sie wäre eine Kronzeugin geworden. Am nächsten Tag traf ich sie

7- 3« . 301

1 9 3

9 D R E I U H R F Ü N F Z IG E

9

D R E I

U H R

F Ü N F Z IG

E in Auto biegt mit glotzenden Lichtern in die Straße ein, in der ich auf dem Anstand sitze. Es

ist ein Polizeiauto mit Funkantenne. Es rollt langsam

heran. Zwei Uniformierte sitzen darin, erkenne ich voller Unbehagen. Was wollen sie? Ich ducke mich nieder, so daß sie mich nicht sehen können. Hier steht ein Wagen geparkt am Straßenrand, genauso wie andere Wagen in der Straße stehen. Und wenn sie mich fragen, ich habe meine Ausweise bei mir, auch die Zulassung für das Auto. Nein, betrunken bin ich auch nicht. Kein Trop­ fen Alkohol. Aber vielleicht haben Sie recht. Ich werde bald nach Hause fahren. Nichts für ungut, meine Herren, und auf Wiedersehen! Aber sie fragen nicht. Sie rollen vorbei mit ihrem Fahrzeug, das Sirene und Blaulicht und Funktelefon und Revolver mit sich führt. Fahren Sie wohl, meine Herren. Ich bleibe und warte

Es war an einem grauen Regentag gegen Abend. Ich erkannte sie sofort. Sie kam au$ einem Laden

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gegenüber dem Bahnhof. Sie schlug den Kragen ihres Regenmantels hoch und blickte sich nach der anderen Seite um, als ich näher trat. Sie fuhr erschrocken zusammen, als ich sie begrüßte. “Eva! Guten Abend ” Ihre Augen irrten suchend über mein Gesicht. Dann begriff sie. Langsam begann ihr Lächeln,

dann leuchtete es auf. “Daniel! ”

Daniel, du lebst “Eva! Endlich “Ich freue mich

Ihr Gesicht war klein und gespannt und sehr weiß unter dem Regenschirm. Ich sah es gegen die hellgrauen Streifen des Gewitterregens, die schräg hinter ihr niederfielen. Ihre schmale H and um klam m erte den Griff des Regenschirms so krampfhaft, daß das Blut aus den Fingern gewichen

war. Ihre Blicke wanderten über mich hin, als sei ich ein Wunder.

du bist der erste, den

, ich wiedersehe. Und es ist schon so lange her ” “Wie geht es dir, Eva?”

“Es geht, Daniel. Welches Pech! Mein Zug fahrt in zehn M inuten ab. Aber ich geb dir m eine Adresse, und du schreibst mir sofort, nicht wahr?

Ich lebe in

Wir müssen uns bald Wiedersehen

Frankreich ” Wir gingen zur Sperre. Ich zog eine Bahn­ steigkarte am A utom aten. Wir hielten unsere Karten dem Beamten hin. Wir gingen auf den Bahnsteig. Der Zug stand schon bereit.

Du bist es!

endlich

seh ich dich wieder ”

ich freu mich so sehr

“Daniel

lieber Daniel

“In Frankreich?”

195

Leute eilten umher. Die Wagen mit dem Rei­ segepäck rollten heran. A rbeiter klopften mit einem langen Hammer gegen die Achsen. Eilige Reisende rannten den Zug entlang. Zeitungs­ verkäufer schoben ihre bunt bebilderten Kar­ ren über den Bahnsteig und riefen die Namen der Zeitungen aus. Der Lärm verlor sich in der großen Bahnhofshalle. Eva stand an der Tür eines

2.-Klasse-Wagens.

“Ja. Bitte, schreibe mir sofort. Wir dürfen unsjetzt nicht mehr aus den Augen verlieren.” Ich blickte ihr ins Gesicht. Ich erkannte immer deutlicher die alte Eva darin. Ich nickte ihr zu. “Bestimmt nicht, Eva, bestimmt nicht.” Sie sagte es noch einmal: “Lieber Daniel, schreib mir sofort, ja?” “Ja, von heute an lassen wir uns nicht mehr trennen.” Ich hatte eine Zeitung in der Hand. Ich reichte sie ihr, und sie schrieb eilig ihre Adresse auf den Rand der Zeitung. Ich nahm die Zeitung wieder an mich. “Es ist so schön, daß wir uns getroffen haben, Daniel.” Und plötzlich setzte sie hinzu: “An Walter denke ich oft. Es ist gut, daß du es überstanden hast, Daniel.” “Und die andern? Hast du irgend etwas von ihnen gehört, Eva?” “Nein. Nie. Und du?” “Auch ich hab nie etwas von ihnen gehört, bis auf einen ”

196

“Was? Wer ist es?” “Paul Riedel.” “Oh.” “Ja, er lebt. Hier in der Stadt.” “Ist das wahr?” “Ja. Ich habe Strafantrag gegen ihn gestellt. Wir brauchen dich für den Prozeß, als Zeugin.” Sie stand plötzlich reglos mitten im Gewühl der

Abfahrt. Darin sagte sie leise: “Ein Prozeß? Um Gottes willen, Daniel! Auf keinen Fall. Begreife doch, das ist alles zu lange her. Die ganze Welt ist voll von Prozessen. Alles wird immer wieder aufgerührt, alle Qual von damals. Wohin führt das? Ich bin froh, daß

alles vorbei ist. Und Paul

unter Druck

Daniel ” “Aber es handelt sich nicht nur um uns, Eva. Paul hat ” Ein Schaffner eilte an unserem Waggon vorbei und rief: “Einsteigen bitte! Die Türen schließen!” Sie stand auf der untersten Stufe und blickte sich um. “Soll ich dir einen Fensterplatz ?” Sie lächelte blaß. “Danke, ich hab eine Platz­ karte.” Sie stieg ein, schlug die Tür zu und ließ das Fenster herab. Ich blickte hinauf zu ihr. “Hör zu, Eva, Walter ist tot, die andern sind verschollen, wahrscheinlich auch tot. Soll er unbestraft bleiben?” Sie beugte sich tief zu mir herab und sprach leise und eindringlich auf mich ein: “Daniel, wenn du mich noch ein wenig liebhast, verschone mich mit

er stand doch damals

das weißt du doch. Versteh mich,

197

alledem. Ich möchte nie mehr daran denken. Was wir heute brauchen ist Vergessen und Vergeben.” “Das ist genau das, was alle Schuldigen sich wünschen ” Ich sah, daß sie ratlos war. Einen Augenblick sah es so aus als ob sie aussteigen wollte. Dann schüttelte sie den Kopf. “Ich weiß nicht, ob ich überhaupt nützen kann ” “Aber es ist doch nur eine kurze Zeugenaussage, Eva. Wenn nichtjeder von uns dem Recht hilft, nützt er dem Unrecht.” Sie blickte hilflos den Gang entlang. Dann lehnte sie sich wieder hinaus. “Aber ein Prozeß bringt neues Unheil und neue Schuld.” “Ein Prozeß ist eine Selbstreinigung. Wenn du mir hilfst, Eva, wenn du aussagst, können wir ihn endlich anklagen. Der Rechtsanwalt wird dir alles ”

In diesem Augenblick kam der schrille Pfiff. Der Beamte, nicht weit von uns, hob den Signalstab. Eva öffnete die Tür. Sie war sehr blaß. Sie stieg eilig mit

ihrem Handkoffer aus und warf die Tür hinter sich zu. Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte lautlos davon. “Ich bleibe”, sagte sie, “ich fahre morgen.” Ich nahm ihre Reisetasche. Wir gingen den Bahnsteig entlang. Wir sprachen kein Wort. Als wir plötzlich vom Regen getroffen wurden, blickten wir auf und lachten. “Wir sind in die falsche Richtung gegangen”, sagte ich, “der Ausgang liegt hinter uns.” “Wo sollen wir hingehen?” fragte sie und blickte sich suchend um.

genau mitteilen

Ich bitte dich

Eva

198

Ein kleiner Lokalzug stand abfahrbereit auf dem anderen Geleise. Nur wenige Menschen schauten aus den regennassen Fenstern. “Laß uns nicht in der Stadt bleiben”, meinte sie und blickte weg. “Komm, da ist ein leeres Abteil”, erwiderte ich und öffnete eine Tür des Lokalzuges. Wir stiegen ein. Es war ein kleines, trauriges Abteil mit braunen Holzbänken. Wir saßen einander gegenüber. Als habe er auf uns gewartet, fuhr der Zug mit uns ab und verließ die Station. Der Regen prasselte gegen die Scheiben. Als der Schaffner kam, hatten wir zunächst einige Schwierigkeiten, aber dann schrieb er uns die Fahrkarten bis zur dritten Station aus. Er lachte freundlich und ein wenig unverschämt, als er sagte, dort gäbe es ein altes Dorf, im Wald gelegen, einen Gasthof fände man dort auch. “In Ordnung”, sagten wir. Wir fuhren dorthin. Zuerst schwieg sie. Wahrscheinlich mußte sie zunächst mit sich ins reine kommen. Was war da plötzlich geschehen? Zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges nach Paris trifft sie einen Freund früherer Tage und fahrt mit ihm in ein Dorf. Was bedeutete das? Bedeutete das überhaupt etwas? Lag es an seiner drin g en d en Bitte, sich als Zeugin zur Verfügung zu stellen? Oder war es die Erinnerung an früher? Und die Nacht? Was sollte daraus werden? Aufjeden Fall sollte es nur eine sachliche und freundschaftliche Auseinandersetzung bleiben und sonst nichts. Ich begann zu fragen. Ich wollte ihre Geschichte wissen. “Wann bist du freigekommen?”

1 9 9

“Im Frühjahr fünfundvierzig”, entgegnete sie. “In Bergen-Belsen*.” “Und dein T.-U.?” T.-U., das hieß Todesurteil. “Der Kommissar, der mich damals ins KZ schickte, hat mir gesagt, daß meine Akten verbrannt seien.” “Und die anderen?” “Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört.” “War es schlimm?” “Reden wir nicht davon.” “Und was hast du dann gemacht?” “Ich bin nach Aachen1gegangen.” Ihre Antworten waren kurz. Das entsprach ihrer Art. Sie war ein Mensch, der sehr entschieden handeln konnte. Sie hatte es bei Walters Verhaftung bewiesen und auch eben auf dem Bahnhof, als sie plötzlich den Zug verließ. Aber sie gab ungern Auskunft. Oder sie m ußte von selbst ins Erzählen geraten.

die Eltern

haben es nicht überlebt

Wir hausten eine Zeitlang

da zusammen. Ich arbeitete in einer Apotheke. Die Familie war sehr freundlich, ein Doktor König und

Nein,

nein, ich blieb

“In Aachen wohnte meine Schwester

seine Frau, ich fühlte mich wohl bei ihnen

zu hungern brauchten wir nicht sehr

nur zwei Jahre in Aachen

Dann ging ich nach

Lyon12

Nein, nicht allein

Nein, geheiratet hab

ich nicht

ich hab in einem Kinderhospital gearbei­

tet

Nein, eine Arbeitserlaubnis hat man mir

an der

2 Lyon [ho:] - südfranzösische Departement; Haupt­

1 A ach en - Stadt in Nordrhein-Westfalen,

niederländisch-belgischen Grenze.

stadt, Industrie- und Handelsstadt.

2 0 0

besorgt, war nicht einfach

Später haben wir uns getrennt

silien

Bist du in deinen Leben schon einmal zufrieden gewesen?” Ich gab zu, daß ich es bisher noch nicht gewesen sei, oder höchstens in m anchen Augenblicken. Zufriedenheit sei vielleicht nicht m ehr als die Sache eines Augenblicks, sicher kein Dauerzustand, sagte ich und dachte an unser damaliges Gespräch in der Opernloge. Vielleicht ist man zufrieden, meinte sie, wenn man nicht mehr an sich denkt, weil man für andere sorgen muß, für Menschen oder für eine Aufgabe. Es war typisch für sie. Sie hatte immer an andere gedacht. Sie war natürlich verändert. Sie war mit den Jahren ein wenig voller geworden. Die grazile1 Hagerkeit ihrer Jugend war nicht mehr da. Aber sie war immer noch schlank. Ich betrachtete ihre kleinen und sehr festen Hände. Ihre Brust war immer noch unauffällig, ihr Hals faltenlos und dünn. Ihr Gesicht zeigte manchmal eine nüchterne Resignation. Aber es war das alte Jadegesicht mit den klargrauen Augen und der schönen Wölbung des Jochbeins. Sie sprach kein Wort von dem Prozeß. Die Dämmerung, die an diesem Regentag früh einsetzte, zeichnete Schatten in ihr fast regloses Gesicht. Sie blickte meist zum Fenster hinaus, nur zuweilen sah sie mich plötzlich an, eigentlich eher

dann zogen wir fort

er lebt in

Bra­

Ob ich zufrieden bin? Ich weiß es nicht.

1grazil - fein gebildet, zartgliedrig, zierlich.

2 0 1

kalt als freundschaftlich. Es war, als ob sie ihren plötzlichen Entschluß bedaure. Sie saß mir im Grunde fast fremd gegenüber. Gewiß, sie hatte Auskunft gegeben, knapp, mühsam. Aber sie hatte nicht einmal nach m ir gefragt, nach meinem Schicksal, nach meinen Erlebnissen. Genügte es ihr, daß ich vor ihr saß, lebend und gesund? Die langen Jahre dazwischen meldeten sich. Auch Gefühlsbezie­ hungenwelken, auch Liebesbeziehungen werden alt und bekommen trübe Augen, und Leidenschaften versanden mit der Alterung. Oder irrte ich mich? Eigentlich war ich ziemlich enttäuscht. Wie leben­ dig, wie herzlich war die Begegnung auf dem B ahnhof gewesen. Die Eile hatte das Erlebnis gewürzt. Jetzt hatten wir viel Zeit, und die Herz­ lichkeit war, um die Wahrheit zu sagen, zusammen­ gesunken. Ein wenig? Ich wußte es nicht. Ich wußte überhaupt nicht, was daraus werden sollte. Als der Zug zum dritten Male hielt, stiegen wir aus. Der Gasthof lag nicht weit vom Bahnhof. Das Dorf war kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Hoffentlich gefiel es ihr. Ich trug ihre Reisetasche, und wir gingen durch die Däm m erung in den Gasthof hinein. Es gab n u r ein G astzim m er. Die Lam pen b rannten schon. Fast alle Tische waren mit lärm enden Männern besetzt, die vergnügt und ungeniert zu Abend aßen. Wir fanden einen leeren Tisch und bestellten etwas zu essen. Die Kellnerin Sagte, es gebe nur Schnitzel mit Rotkohl. Wir könnten ja selber sehen, was für ein Andrang herrsche. Fast die ganze Kreiskonfei^nz nehme ihre

2 0 2

Mahlzeiten hier ein. Wir aßen Schnitzel mit Rotkohl. Ich bestellte dazu eine Flasche Rheinwein, nachdem Eva zugestimmt hatte. Der Wein war nicht gut, er war auch nicht sonderlich schlecht. Wir tranken ihn und fühlten uns danach ein wenig wohler. Dann hielt ich die dickliche Kellnerin an. “Wir möchten Zwei Zimmer für die Nacht.” Sie zog die Augenbrauen hoch, als höre sie nicht recht. “Zimmer? Ausgeschlossen. Es ist alles besetzt. Nicht mal die Bügelkammer ist frei.” “Geht heute abend ein Zug zurück?” “Jetzt noch? Nein. Der letzte Zug ist vor einer Stunde in die Stadt gefahren.” Da saßen wir. Eva lachte trocken. “Das wirdja ein Abenteuer.” “Möglich. Fräulein!” Beim dritten Ruf kam sie. Erregt und schwitzend schrieb sie die Rechnung aus und schob sich mit dem Handrücken das Haar aus dem Gesicht. Ich zahlte ihr ein gutes Trinkgeld und fragte: “Wo kann man denn sonst hier schlafen?” “Ich glaube nicht, daß es hier im Ort noch ein freies Zimmer gibt. Die Kreiskonferenz ” “Ich weiß. Aber m anchm al gibt es doch Privatzimmer.” “Höchstens bei der Witwe Carls. Versuchen Sie es mal. Carls in der Birkenstraße.” Wir gingen durch den Regen in die Birkenstraße. Es war ein älteres, schmuckloses Haus, in dessen Vorgarten einige Teerosen an ehemals weißen Stöcken standen. Der Regen tropfte von den vvelkenden Blüten, die die Köpfe hängen ließen.

2 0 3

Einige Blütenblätter waren schon in das Gras gefal­ len. Witwe Carls hatte das Gesicht eines alten Kar­ pfens, grau, bemoost, mit ein wenig vorstehen­ dem Unterkiefer, und sie öffnete den Mund öf­ ters, um wegen ihres Asthmas Luft zu holen. Ihre runden Augen hatten die etwas verschwim­ mende Fischsilberfarbe des Alters. “Kommen Sie mal rein”, sagte sie und schlurfte voraus in die gute Stube. Wir folgten ihr. Sie holte Luft und sagte: “Wissen Sie, die Kreiskonferenz ” “Wir wissen”, sagte ich. “Ich habe alles vermietet”, meinte sie und holte Luft. Sie musterte uns. “Ich kann ja in der Küche schlafen. Dann könnten Sie die Stube haben.” “In Ordnung”, sagte ich rasch. “Wo ist sie?” “Die Stube?”

“J a ”

“Hier”, lächelte sie und breitete graziös ihre alten,

braun gefleckten H ände aus, als

Paradies zu zeigen. Es war eine gute Stube, die aus mächtigen Möbeln, alten, weinroten Samtbezügen und vielen Deckchen und G egenständen des

vorigen Jahrhunderts bestand, gekrönt von einem

Kristallgeflitter an der Decke, das um drei Glüh­ birnen herumzitterte. Und ein Bett stand da. “Das bezieh ich Ihnen n