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Серия «Учебники, учебные пособия»

И.И.Жарова, О.Е.Рывкина

ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ

«Феникс»
Ростов-на-Дону
2000
ББК 81.3. Нем.
Ж 35

Ж арова И .И ., Рывкина O.E.


Ж 35 Читаем по-немецки. Учебное пособие.
Серия «Учебники, учебные пособия».
Изд-во «Феникс», Ростов-на-Дону, 2000.
— 384 с.

Книга содержит отрывки из произведений и рассказы немец­


ких писателей X V III-X X вв. Цель данного пособия - научить
студентов читать и понимать худож ественную литературу в
оригинале на немецком языке, а также развить у них навыки уст­
ной речи.
Учебное пособие предназначается для студентов I—III кур­
сов обучения институтов и факультетов иностранных языков,
неязыковых факультетов гуманитарного профиля, учащихся
лицеев и старших классов гимназий языкового профиля, а так­
же для широкого круга читателей, владеющих немецким язы­
ком и желающих познакомиться в подлиннике с произведения­
ми наиболее значительных немецких писателей.
Учебное пособие может быть также рекомендовано как кни­
га для чтения по немецкой литературе.

ISBN 5-222-00501-1 ББК 81.3. Нем.

й«
О Составление: Жарова И. И. ,
Рывкина O.E. 2000
О Оформление: издательство
«Феникс», 2000
ПРЕДИСЛОВИЕ

Данное учебное пособие ставит перед собой зада­


чу познакомить читателей с наиболее значительными
явлениями немецкой литературы XVIII-XX вв.
Выбор текстов осуществлялся с учетом того, что­
бы дать представление о характерных особенностях
стиля данного писателя. Вместе с тем тексты пред­
ставляют собой замкнутые в смысловом отношении
отрывки, имеющие собственную фабулу и дающие воз­
можность как для литературоведческого анализа, так
и для анализа с точки зрения истории, социальных и
межличностных отношений, психологии, быта. После
каждого отрывка предлагается ответить на вопросы,
что позволяет не только проверить уровень владения
навыками чтения, но может также послужить основой
для обсуждения целого комплекса проблем, затрону­
тых в данном произведении.
Поскольку данное пособие может быть рекомендо­
вано также как пособие по немецкой литературе, со­
ставители сочли своим долгом наряду с прозой вклю­
чить и стихотворные произведения наиболее выдаю­
щихся немецких поэтов (Гете, Шиллер, Гейне и др.). К
некоторым стихотворениям прилагаются русские пе­
реводы, ставшие классическими, что даст представ­
ление о взаимосвязях русской и немецкой литературы
на протяжении веков.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 4

Gothold Ephraim LESSING


( 1729 - 1781 )

Literatur- und Kunstkritiker, Dichter, namhaftester Vertreter


der Aufklärung und Begründer der realistischen Ästhetik in
Deutschland sowie der klassischen deutschen Nationalliteratur;
schrieb das erste bürgerliche deutsche Trauerspiel (“Miss Sara
Sampson”), ferner “Emilia Galotti”, das klassische deutsche
Lustspiel “Minna von Bamhelm” und Fabeln.

ff
SINNGEDICHTE UND FABELN

Die Sinngedichte an den Leser


Wer wird nicht einen Klopstock1 loben?
Doch wird ihn jeder lesen? - Nein.
Wir wollen weniger erhoben2
Und fleißiger gelesen sein.

An einen Autor
Mit so bescheiden stolzem Wesen
Tagst du dein neustes Buch - welch ein Geschenk! - mir an.
Doch, wenn ich’s nehme, grundgelehrter Mann,
Mit Gunst: muß ich es dann auch lesen?

1 Klopstock Friedrich Gottlieb (1724-1803) - deutscher lyrischer und epi-


scher Dichter. Lessing übte Kritik an der abstrakten unklaren Form seines Schaffens.
2 weniger erhoben - менее возвышенными.
5 GOTHOLD E P H R A M LESSIN G

Die große Welt


Die Waage gleicht der großen Welt:
Das Leichte steigt, das Schwere fällt.

Der Affe und der Fuchs


“Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachah­
men könnte!” so prahlte der Affe gegen den Fuchs1. Der Fuchs
aber erwiderte: “Und du, nenne mir ein so geringschätziges Tier,
dem es einfallen könnte, dir nachzuahmen”.
Schriftsteller meiner Nation! - Muß ich mich noch deutli­
cher erklären?

Der Strauß
“Jetzt will ich fliegen”, rief der gigantische Strauß, und das
ganze Volk der Vögel stand in ernster Erwartung um ihn ver­
sammelt. “Jetzt will ich fliegen”, rief er nochmals, breitete die
gewaltigen Fittiche weit aus2 und schoß gleich einem Schiffe
mit aufgespannten Segeln auf dem Boden dahin3, ohne ihn mit
einem Tritte zu verlieren4.
Sehet da, ein poetisches Bild jener unpoetischen Köpfe, die
in den ersten Zeilen ihrer ungeheuren Oden mit stolzen Schwin­
gen prahlen, sich über Wolken und Sterne zu erheben drohen
und dem Staube doch immer getreu bleiben!

Der Hamster und die Ameise


“Ihr armseligen Ameisen”, sagte ein Hamster. “Verlohnt es
sich der Mühe5, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so
Weniges einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!”6
* so prahlte der Affe gegen den Fuchs - так хвасталась обезьяна перед
лисой.
2 breitete die gewaltigen Fittiche weit aus - широко расправил огромные
крылья.
3 schoß ... auf dem Boden dahin - помчался ... по земле.
4 ohne ihn mit einem Tritte zu verlieren - не отрываясь от нее ни на шаг.
3 Verlohnt es sich der Mühe - стоит ли стараний.
6 Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet! - Видели бы вы мои запасы!
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 6

“Höre”, antwortete eine Ameise, “wenn er größer ist, als du


ihn brauchst, so ist es schon recht, daß die Menschen dir nach­
graben, deine Scheuren ausleeren1 und dich deinen räuberischen
Geiz mit dem Leben büßen lassen2!”

Die Eule und der Schatzgräber


Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger3 Mann. Er wagte
sich in die Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr4,
daß die Eule eine magere Maus ergriff und verzehrte. “Schickt
sich das”,5 sprach er, “für den philosophischen Liebling Miner-
vens6?”
“Warum nicht?” versetzte die Eule. “Weil ich stille Betrach­
tungen liebe, kann ich deswegen von der Luft leben?7 Ich weiß
zwar wohl, daß ihr Menschen es von euren Gelehrten verlanget.”

Der Esel und der Wolf


Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. “Habe Mitleiden
mit mir”, sagte der zitternde Esel; “ich bin ein armes, krankes
Tier; sieh nur, was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten
habe!”8
- “Wahrhaftig, du dauerst mich9”, versetzte der Wolf. “Und
ich finde mich in meinem Gewissen verbunden10, dich von die­
sen Schmerzen zu befreien.”
Kaum war das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen.

1 deine Scheuren ausleeren - опустошают твои амбары.


2 mit dem Leben büßen lassen - заставляют платить жизнью.
3 unbillig - несправедливый.
4 ward da gewahr - заметил там.
5 schickt sich das - подобает ли это.
6 Minerva - die altrömische Göttin der Weisheit.
7 von der Luft leben - питаться воздухом.
8 was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe! - какой шип я вогнал
себе в ногу!
9 Wahrhaftig, du dauerst mich - и правда, мне тебя жаль.
10 Ich finde mich in meinem Gewissen verbunden - совесть приказывает мне.
7 GOTHOLD E P H R A IM LESSIN G

Der Löwe mit dem Esel


Als des Äsopus Löwe mit dem Esel, der ihm durch seine
fürchterliche Stimme die Tiere sollte jagen helfen,’ nach dem
Walde ging, rief ihm eine naseweise Krähe2 von dem Baume
zu: “Ein schöner Gesellschafter! Schämst du dich nicht, mit einem
Esel zu gehen?” - “Wen ich brauchen kann”, versetzte der Löwe,
“dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen”.
So denken die Großen alle, wenn sie einen Niedrigen ihrer
Gemeinschaft würdigen3.

Der Esel mit dem Löwen


Als der Esel mit dem Löwen des Äsopus, der ihn statt seines
Jägerhoms brauchte4, nach dem Walde ging, begegnete ihm ein
andrer Esel von seiner Bekanntschaft5 und rief ihm zu: “Guten
Tag, mein Bruder!” - “Unverschämter!” war die Antwort.
“Und warum das?” fuhr jener Esel fort. “Bist du deswegen,
weil du mit einem Löwen gehst, besser als ich? mehr als ein Esel?”

Der Fuchs und der Tiger


“Deine Geschwindigkeit und Stärke”, sagte ein Fuchs zu dem
Tiger, “möchte ich mir wohl wünschen.”
“Und sonst hätte ich nichts, was dir anstünde?”6 fragte der
Tiger.
“Ich wüßte nichts!” - “Auch mein schönes Fell nicht?” fuhr
der Tiger fort. “Es ist so vielfarbig als dein Gemüt, und das Äußere
würde sich vortrefflich zu dem Innern schicken”.7

1 durch seine fürchterliche Stimme die Tiere sollte jagen helfen - своим
ужасным голосом должен был помогать ему загонять зверей.
2 eine naseweise Krähe - любопытная ворона.
3 ihrer Gemeinschaft würdigen - удостаивают своего общества.
4 der ihn statt seines Jägerhorns brauchte - которому он был нужен вместо .
охотничьего рожка.
5 ein andrer Esel von seiner Bekanntschaft - другой знакомый ему осел.
6 was dir anstünde - что бы тебе подошло.
7 das Äußere würde sich vortrefflich zu dem Innern schicken - внешнее
прекрасно соответствовало бы внутреннему.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 8

“Eben darum”, versetzte der Fuchs, “danke ich recht sehr


dafür. Ich muß das nicht scheinen, was ich bin. Aber wollten
die Götter, daß ich meine Haare mit Federn vertauschen könnte!”

Der Pfau und der Hahn


Einst sprach der Pfau zu der Henne: “Sieh einmal, wie hoch­
mütig und trotzig dein Hahn einhertritt! Und doch sagen die
Menschen nicht: der stolze Hahn, sondern nur immer: der stolze
Pfau”.
“Das macht”1, sagte die Henne, “weil der Mensch einen
gegründeten Stolz übersieht2. Der Hahn ist auf seine Wach­
samkeit, auf seine Mannheit stolz; aber worauf du? - Auf Far­
ben und Federn.”

Der Adler und der Fuchs


“Sei auf deinen Flug nicht so stolz!” sagte der Fuchs zu dem
Adler. “Du steigst doch nur deswegen so hoch in die Luft, um
dich desto weiter nach einem Aase umsehen zu können”.3
So kenne ich Männer, die tiefsinnige Weltweise4 geworden
sind, nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Begierde zu
einem einträglichen Lehramte5.

Der Schäfer und die Nachtigall


“Singe doch, liebe Nachtigall!” rief ein Schäfer der schweigen­
den Sängerin an einem lieblichen Frühlingsabende zu.
“Ach!” sagte die Nachtigall; “die Frösche machen sich so
laut6, daß ich alle Lust zum Singen verliere. Hörst du sie nicht?”

1 das macht - зд.: так получается.


2 einen gegründeten Stolz übersieht - не замечает обоснованную гордость.
3 um dich desto weiter nach einem Aase umsehen zu können - чтобы иметь
возможность как можно дальше выискивать падаль.
4 tiefsinnige Weltweise - глубокомысленные философы.
5 aus Begierde zu einem einträglichen Lehramte - из стремления к доходной
проф ессуре.
6 die Frösche machen sich so laut - лягушки так расшумелись.
9 GOTHOLD E P H R A IM LE SSIN G

“Ich höre sie freilich,” versetzte der Schäfer. “Aber nur dein
Schweigen ist schuld, daß ich sie höre.”

Das Roß und der Stier


Auf einem feurigen Rosse floh stolz ein dreister Knabe da­
her.1 Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu: “Schande, von einem
Knaben ließ ich mich nicht regieren!”
“Aber ich”, versetzte das Roß. “Denn was für Ehre könnte
es mir bringen, einen Knaben abzuwerfen?”

Der Phönix
Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix, sich wie­
der einmal sehen zu lassen. Er erschien, und alle Tiere und Vögel
versammelten sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie be­
wunderten und brachen in entzückendes Lob aus.
Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleids­
voll ihre Blicke und seufzten: “Der unglückliche Phönix! Ihm
ward das harte Los, weder Geliebte noch Freund zu haben; denn
er ist der einzige seiner Art!”
/

Die Sperlinge
Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester
gab, ward ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze da­
stand, kamen die Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu
suchen. Allein sie fanden sie alle vermauert. “Zu was”, schrien
sie, “taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlaßt den
unbrauchbaren Steinhaufen!”

Der Sperling und der Strauß


“Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz, als du willst”,
sprach der Sperling zu dem Strauße. “Ich bin doch mehr ein

1 floh stolz ein dreister Knabe daher - примчался смелый мальчик.


ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 10

Vogel als du. Denn du kannst nicht fliegen; ich aber fliege, ob­
gleich nicht hoch, obgleich nur ruckweise.”
Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines klei­
nen verliebten Gesanges ist mehr ein Genie als der schwunglose
Schreiber einer langen Hermanniade.

Der Fuchs und der Storch


“Erzähle mir doch etwas von den fremden Ländern, die du
alle gesehen hast”, sagte der Fuchs zu dem weitgereisten Storche.
Hieraus fing der Storch an, ihm jede Lache und jede feuchte
Wiese zu nennen, wo er die schmackhaftesten Würmer und die
fettesten Frösche geschmauset.
Sie sind lange in Paris gewesen, mein Herr. Wo speiset man
da am besten? Was für Weine haben Sie da am meisten nach
Ihrem Geschmack gefunden?

Der Geizige
“Ich Unglücklicher!” klagte ein Geizhals seinem Nachbar.
“Man hat mir den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben
hatte, diese Nacht entwendet und einen verdammten Stein an
dessen Stelle gelegt.”
“Du würdest”, antwortete ihm der Nachbar, “deinen Schatz
doch nicht genutzt haben. Bilde dir also ein, der Stein sei dein
Schatz; und du bist nichts ärmer.”
“Wäre ich auch schon nichts ärmer”, erwiderte der Geizhals;
“ist ein andrer nicht um so viel reicher? Ein andrer um so viel
reicher! Ich möchte rasend werden.”

Der Rabe
Der Fuchs sähe, daß der Rabe die Altäre der Götter be­
raubte und von ihren Opfern mit lebte. Da dachte er bei sich
selbst: Ich möchte wohl wissen, ob der Rabe Anteil an den Opfern
hat, weil er ein prophetischer Vogel ist; oder ob man ihn für
11 GOTHOLD E P H R A IM LE SSIN G

einen prophetischen Vogel hält, weil er frech genug ist, die Opfer
mit den Göttern zu teilen.

Der Dornstrauch
“Aber sage doch”, fragte die Weide den Domstrauch, “warum
du nach den Kleidern des vorbeigehenden Menschen so begierig
bist? Was willst du damit? Was können sie dir helfen?”
“Nichts!” sagte der Domstrauch. “Ich will sie ihm auch nicht
nehmen; ich will sie ihm nur zerreißen.”

Die Nachtigall und die Lerche


Was soll man zu den Dichtem sagen, die so gern ihren Flug
weit über alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen?
Was sonst, als was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte:
“Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht ge­
hört zu werden?”

Die Wohltaten
“Hast du wohl einen größeren Wohltäter unter den Tieren
als uns?” fragte die Biene den Menschen.
“Jawohl!” erwiderte dieser.
“Und wen?”
“Das Schaf! Denn seine Wolle ist mir notwendig, und dein
Honig ist mir nur angenehm”.
“Und willst du noch einen Gmnd wissen, warum ich das Schaf
für meinen großem Wohltäter halte als dich, Biene? Das Schaf
schenket mir seine Wolle ohne die geringste Schwierigkeit; aber
wenn du mir deinen Honig schenkest, muß ich mich noch immer
vor deinem Stachel fürchten.”

Der Adler
Man fragte den Adler: “Warum erziehest du deine Jungen so
hoch in der Luft?” Der Adler antwortete: “Würden sie sich,
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 12

erwachsen, so nahe zur Sonne wagen, wenn ich sie tief an der
Erde erzöge?”

B EA N TW O R TE N SIE FOLG END E FRAG EN :

1. Nennen Sie die Helden der Fabeln von Lessing.


2. Welchen altgriechischen Fabelschreiber erwähnt Lessing?
3. Nennen Sie die Fabeln, die den Fragen der Literatur ge­
widmet sind.
13 JO H A N N W OLFG ANG GOETHE

Johann Wolfgang GOETHE


(1749-1832)

Der größte deutsche Dichter, der die deutsche Literatur auf


die Höhe einer klassischen Nationalliteratur hob. In der Jugend
führend in der Sturm-und-Drang-Bewegung (“Götz von Berli-
chingen”, 1773; “Die Leiden des jungen Werthers”, 1774, der
größte Bucherfolg der Zeit). Berater Herzog Carl Augusts, 1782
Minister am Weimarer Hof. 1786/88 Italienreise als Befreiung
aus überwundenen Bindungen (“Egmonf’, “Iphigenie”, “Tasso”).
Heimgekehrt wird Goethe Leiter des Theaters. Seit 1794 dich­
terische Zusammenarbeit mit Fr.Schiller. Romane “Wilhelm
Meisters Lehrjahre” (1796), “Wilhelm Meisters Wanderjahre”
(1821-29) mit Reformideen im Sinne des aufsteigenden Bür­
gertums. Der Gipfelpunkt Goethes Schaffens ist “Faust”, sein
Lebenswerk.

DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS


(AUSZÜGE)

Am 30. Julius..
Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er
der beste, der edelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder
Betrachtung zu stellen bereit wäre,1 so wär’s unerträglich, ihn
vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheiten zu
sehen. - Besitz! - Genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da! Ein

1 Unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre - и я готов
n любом отношении признать его выше себя.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 14

braver lieber Mann, dem man gut sein muß.1 Glücklicherweise


war ich nicht beim Empfange! Das hätte mir das Herz zerris­
sen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart
noch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn’ ihm Gott! Um des
Respekts willen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lie­
ben. Er will mir wohl,2 und ich vermute, das ist Lottens Werk3,
mehr als seiner eigenen Empfindung: denn darin sind die Weiber
fein und haben recht; wenn sie zwei Verehrer in gutem Verneh­
men miteinander erhalten können, ist der Vorteil immer ihr, so
selten es auch angeht.
...Er hält mich für einen Menschen von Sinn;4 und meine
Anhänglichkeit an Lotten, meine warme Freude, die ich an allen
ihren Handlungen habe, vermehrt seinen Triumph, und er liebt
sie nur desto mehr. Ob er sie nicht manchmal mit kleiner Eifer­
süchtelei peinigt, das lass’ ich dahingestellt sein5, wenigstens
würd’ ich an seinem Platze nicht ganz sicher vor diesem Teufel
bleiben.
Dem sei nun wie ihm wolle! Meine Freude, bei Lotten zu
sein, ist hin. Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung? -
Was braucht’s Namen! Erzählt die Sache an sich! - ich wußte
alles, was ich jetzt weiß, eh Albert kam; ich wußte, daß ich
keine Prätension auf sie zu machen hatte, machte auch keine -
das heißt, insofern es möglich ist, so viel Liebenswürdigkeit nicht
zu begehren. - Und jetzt macht der Fratze große Augen,6 da der
andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt...

1 ...dem man gut sein muß - к которому нужно хорошо относиться.


2 er will mir wohl - он хорошо ко мне относится.
5 das ist Lottens Werk - это дело рук Логты.
4 er hält mich für einen Menschen von Sinn - он считает меня умным
человеком.
5 das lass’ ich dahingestellt sein - не могу поручиться, что...
6 und jetzt macht der Fratze große Augen - а теперь дуралей удивляется.
15 JO H A N N W OLFGANG GO ETHE

Am 8. August.
Abends.
Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässigte, fiel
mir heut’ wieder in die Hände1, und ich sah erstaunt, wie ich so
wissentlich in das alles, Schritt vor Schritt, hineingegangen bin!
Wie ich über meinen Zustand immer so klar gesehen2 und doch
gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch so klar sehe und es
noch keinen Anschein zur Besserung hat.

Am 30. August.
Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betrügst du dich nicht
selbst? Was soll diese tobende endlose Leidenschaft? Ich habe
kein Gebet mehr, als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint
keine andere Gestalt, als die ihrige, und alles in der Welt um
mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht
mir denn so manche glückliche Stunde - bis ich mich wieder
von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! Wozu mich mein Herz oft
drängt!3 - Wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden,
und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmli­
schen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe4 und nun nach und
nach alle meine Sinne aufgespannt werden, mir’s düster vor
den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel
faßt wie ein Meuchelmörder,5 dann mein Herz in wilden Schlä­
gen den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht6 und ihre Ver­
wirrung nur vermehrt - Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf
der Welt bin! Und - wenn nicht manchmal die Wehmut das
Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt,
1 fiel mir heut* wieder in die Hände - попался мне сегодня под руку.
2 wie ich über meinen Zustand immer so klar gesehen ... habe - как ясно я
видел свое состояние.
3 wozu mich mein Herz oft drängt! - куда порой влечет меня мое сердце!
4 mich an ihrer Gestalt ... geweidet habe - наслаждался ... ее обликом.
5 und es mich an die Gurgel faßt wie ein Meuchelmörder - и мое горло как
будто сжимает вероломный убийца.
6 ...mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten Sinnen Luft zu machen
sucht - мое сердце дикими ударами пытается дать выход смятенным чувствам.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 16

auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen1 - so muß ich


fort, muß hinaus! Und schweife dann weit im Felde umher; ei­
nen gähen Berg zu klettern, ist dann meine Freude, durch einen
unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken,
die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da
wird mir’s etwas besser! Etwas! Und wenn ich für Müdigkeit
und Durst2 manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der
tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsa­
men Walde... О Wilhelm! Ich sehe dieses Elends kein Ende als
das Grab.3

Am 15. März
...Der Graf von C. liebt mich, distinguiert mich4, das ist be­
kannt, das hab’ ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich
gestern bei ihm zu Tafel5, eben an dem Tage, da abends die
noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm zusammen­
kommt, an die ich nie gedacht hab’, auch mir nie aufgefallen ist,
daß wir Subaltern nicht hineingehören.6 Gut. Ich speise bei dem
Grafen, und nach Tische gehn wir in dem großen Saal auf und
ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen B., der dazukommt, und
so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott weiß,
an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S. mit Ihrem
Herrn Gemahl und wohlausgebrüteten Gänslein Tochter7 mit
der flachen Brust und niedlichem Schnürleib8, machen en pas­
sant9 ihre hergebrachten hochadligen Augen und Naslöcher, und
1auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen - выплакать над ее рукой
мою тоску.
2 für Müdigkeit und Durst - от усталости и жажды.
3 ich sehe dieses Elends kein Ende als das Grab - я не вижу другого конца
этому страданию, кроме могилы.
4 distinguiert mich - отличает меня.
5 war ich ... bei ihm zu Tafel - был у него за обедом.
6 wir Subaltern nicht hineingehören - нам, подчиненным, там не место.
7 ...wohlausgebrüteten Gänslein Tochter - свежевылупившейся гусыней
дочкой.
8 mit ... niedlichem Schnürleib - с хорошеньким корсетом.
9 en passant (фр.) - мимоходом.
17 JO H A N N W OLFGANG GOETHE
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wie mir die Nation von Herzen zuwider ist1, wollt’ ich mich
eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen
Gewäsche frei wäre,2 als meine Fräulein B. hereintrat. Da mir
das Herz immer ein bißchen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb
ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach
einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger
Verlegenheit mit mir redte. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all
das Volk, dacht’ ich und war angestochen3 und wollte gehn, und
doch blieb ich weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht
glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffte und - was du willst.
Unterdessen füllt sich die Gesellschaft. Der Baron F. mit der
ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des Ersten4
her, der Hofrat R. mit seiner tauben Frau etc.5 ... und ich rede
mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind.
Ich dachte - und gab nur auf meine B. acht. Ich merkte nicht,
daß die Weiber am Ende des Saals sich in die Ohren flüsterten,
daß es auf die Männer zirkulierte, daß Frau von S. mit dem Grafen
redte (das alles hat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich
der Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm.6 - Sie
wissen, sagt’ er, unsere wunderbaren Verhältnisse7; die Gesell­
schaft ist unzufrieden, merk’ ich, Sie hier zu sehen; ich wollte
nicht um alles - Ihro Exzellenz, fiel ich ein8, ich bitte tausend­
mal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken sollen, und ich
weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz9; ich wollte schon

1 wie mir die Nation von Herzen zuwider ist - так как эта порода мне
глубоко противна.
2 vom garstigen Gewäsche frei wäre - освободится от скверной болтовни.
3 war angestochen - был уязвлен.
4 mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des Ersten - во
всей амуниции времен коронации Ф ранца I (австрийский им ператор
Франц I был коронован в 1745 г. - прим. сост.)
5 etc. {фр.) = und so weiter.
6 ...mich in ein Fenster nahm - отвел меня к окну.
7 Sie wissen unsere wunderbaren Verhältnisse - Вам известны наши странные
нравы.
8 Ihro Exzellenz, fiel ich ein - Ваше сиятельство, перебил я.
9 Sie vergeben mir diese Inkonsequenz - извините мне мою опрометчивость.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 18

vorhin mich empfehlen, ein böser Genius hat mich zurückge­


halten, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. - Der
Graf drückte meine Hand mit einer Empfindung, die alles sagte.
Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte
mich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom Hügel die
Sonne untergehen zu sehen...

*
* *
An demselben Tage, als Werther den letzten Brief an seinen
Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam
er abends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschäftigte sich,
einige Spielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen
Geschwistern zum Christgeschenke zurechtgemacht hatte. Er re­
dete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden... - Sie
sollen, sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes
Lächeln verbarg, Sie sollen auch beschert kriegen,1 wenn Sie
recht geschickt sind... - Und was heißen Sie geschickt sein?
rief er aus; wie soll ich sein? wie kann ich sein? beste Lotte! -
Donnerstag abend, sagte sie, ist Weihnachtsabend, da kommen
die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das seinige, da kom­
men Sie auch - aber nicht eher. - Werther stutzte. - Ich bitte
Sie, fuhr sie fort, es ist nun einmal so, ich bitte Sie um meiner
Ruhe willen,2 es kann nicht, es kann nicht so bleiben. - Er wen­
dete seine Augen von ihr, ging in der Stube auf und ab und mur­
melte das: “Es kann nicht so bleiben!” zwischen den Zähnen.
Lotte, die den schrecklichen Zustand fühlte, worein ihn diese
Worte versetzt hatten, suchte durch allerlei Fragen seine Gedan­
ken abzulenken, aber vergebens. - Nein, Lotte, rief er aus, ich
werde Sie nicht wiedersehn! - Warum das? versetzte sie, Wer­
ther, Sie können, Sie müssen uns Wiedersehen, nur mäßigen Sie
1 Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind - Вы тоже
должны получить подарок, если будете умницей.
2 um meiner Ruhe willen - ради моего спокойствия.
19 JO H A N N W OLFGANG GOETHE

sich.1 O, warum mußten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser un-


bezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was Sie einmal
anfassen,2 geboren werden? Ich bitte Sie, fuhr sie fort, indem
sie ihn bei der Hand nahm, mäßigen Sie sich! Ihr Geist, Ihre
Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannig­
faltige Ergötzungen dar!3 Sein Sie ein Mann! Wenden Sie diese
traurige Anhänglichkeit von einem Geschöpf, das nichts tun kann
als Sie bedauern. - Er knirrte mit den Zähnen und sah sie düster
an. Sie hielt seine Hand: Nur einen Augenblick ruhigen Sinn,
Werther! sagte sie. Fühlen Sie nicht, daß Sie sich betrügen, sich
mit Willen zu Grunde richten!4 Warum denn mich, Werther? just
mich5, das Eigentum eines ändern? Just das? Ich fürchte, ich
fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ih­
nen diesen Wunsch so reizend macht. - Er zog seine Hand aus
der ihrigen, indem er sie mit einem starren unwilligen Blick an­
sah. - Weise! rief er, sehr weise! hat vielleicht Albert diese
Anmerkung gemacht? Politisch! Sehr politisch! —Es kann sie
jeder machen, versetzte sie drauf. Und sollte denn in der gan­
zen Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzens
erfüllte? Gewinnen Sie’s über sich, suchen Sie darnach, und ich
schwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstet
mich, für Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese
Zeit her selbst gebannt haben.6 Gewinnen Sie’s über sich! Eine
Reise wird Sie, muß Sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen
werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück, und las­
1 nur mäßigen Sie sich - сдерживайте себя.
2 mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für al­
les, was Sie einmal anfassen - с такой порывистостью, с такой неукротимо
охватывающ ей страстностью ко всему, чего бы Вы ни коснулись.
5 w as bieten die Ihnen für m annigfaltige Ergötzungen dar - сколько
разнообразных наслаждений они Вам дарят.
4 Fühlen Sie nicht, daß Sie sich betrügen, sich mit Willen zu Grunde richten! -
1*3366 Вы не чувствуете, что Вы сами себя обманываете, сами ведете себя
к гибели!
5 just mich - именно меня.
4 ...die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben -
щмкнутость, в которую Вы в последнее время сами себя заклю чили.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 20

sen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft


genießen.1

*
* *
Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er
folgenden Brief an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt
auf seinem Schreibtische gefunden und ihr überbracht hat...

Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreib’


ich dir ohne romantische Überspannung, gelassen, an dem Mor­
gen des Tages, an dem ich dich zum letztenmal sehn werde.
Wenn du dieses liesest, meine Beste, deckt schon das kühle
Grab die erstarrten Reste des Unruhigen,2 Unglücklichen, der
für die letzten Augenblicke seines Lebens keine größere Süßigkeit
weiß, als sich mit dir zu unterhalten. Ich habe eine schreckliche
Nacht gehabt und ach! eine wohltätige Nacht. Sie ist’s, die meinen
Entschluß befestigt, bestimmt hat: ich will sterben! Wie ich mich
gestern von dir riß, in der fürchterlichen Empörung meiner Sinne,
wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein hoff­
nungsloses, freudloses Dasein neben dir in gräßlicher Kälte mich
anpackte3 - ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich
außer mir auf meine Knie’, und о Gott! du gewährtest mir das
letzte Labsal der bittersten Tränen! Tausend Anschläge, tausend
Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er da,
fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben! - Ich
legte mich nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens,
steht er noch fest, noch ganz stark in meinem Herzen: ich will
1lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft genießen
-д а в ай т е вместе будем наслаждаться высшим счастьем истинной дружбы.
2 ...deckt schon das kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen - холодная
могила уже скроет застывшие останки мятущегося.
3 wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein hoffnungsloses,
freudloses Dasein neben dir in gräßlicher Kälte mich anpackte - когда все это
теснилось в моей душе и меня охватило чувство безнадеж ного, без­
радостного существования рядом с тобой в страшном холоде...
21 JO H A N N W OLFG ANG GOETHE
------------------------------------------------------------ «ф

sterben! - Es ist nicht Verzweiflung, es ist Gewißheit, daß ich


ausgetragen habe und daß ich mich opfere für dich. Ja, Lotte!
Warum sollt ich’s verschweigen? Eins von uns dreien muß hin­
weg, und das will ich sein! О meine Beste! In diesem zerrißenen
Herzen ist es wütend herumgeschlichen,1 oft - deinen Mann zu
ermorden! - dich! - mich! - So sei’s denn! - Wenn du hinauf­
steigst auf den Berg an einem schönen Sommerabende, dann
erinnere dich meiner,2 wie ich so oft das Tal heraufkam, und
dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach meinem Grabe,
wie der Wind das hohe Gras im Schein der sinkenden Sonne hin
und her wiegt - Ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun wein’ ich
wie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wem erzählt Werther die Geschichte seiner Liebe?


2. Wer ist Albert?
3. Welche Beziehungen hat Werther zu Lotte und zu Albert?
4. Warum beleidigte Werther die Episode beim Grafen von C.?
5. Wie waren Lottens Gefühle zu Werther?
6. Warum beschloß er zu sterben?

1 in diesem zerrißenen Herzen ist es wütend herumgeschlichen... - в этом


растерзанном сердце возникала ж естокая мысль.
2 erinnere dich meiner - вспомни обо мне.
22

М. Ю.Лермонтов.
WANDERERS NACHTLIED ИЗ ГЕТЕ

Über allen Gipfeln Горные вершины


ist Ruh’, Спят во тьме ночной.
in allen Wipfeln Тихие долины
spürest du Полны свежей мглой;
kaum einen Hauch. Не пылит дорога,
Die Vögelein schweigen Не дрожат листы...
im Walde.
Warte nur, balde Подожди немного,
ruhest du auch. Отдохнешь и ты.

ERLKÖNIG

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?


Es ist der Vater mit seinem Kind;
er hat den Knaben wohl in dem Arm,
er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -


Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlkönig mit Krön’ und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!


Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,


was Erlenkönig mir leise verspricht? -
23 JO H A N N W OLFG ANG GO ETHE

Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:


In dürren Blättern säuselt der Wind.

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?


Meine Töchter sollen dich warten schön;
meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort


Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;


und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,


er hält in Armen das ächzende Kind,
erreicht den Hof mit Mühe und Not;
in seinen Armen das Kind war tot.

ЛЕСНОЙ ЦАРЬ

Кто скачет, кто мчится под хладною мглой?


Ездок запоздалый, с ним сын молодой.
К отцу, весь издрогнув, малютка приник;
Обняв, его держит и греет старик.

- Дитя, что ко мне ты так робко прильнул?


- Родимый, лесной царь в глаза мне сверкнул;
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 24

Он в темной короне, с густой бородой.


- О нет, то белеет туман над водой.

„Дитя, оглянися; младенец, ко мне;


Веселого много в моей стороне:
Цветы бирюзовы, жемчужны струи;
Из золота слиты чертоги мои“.

- Родимый, лесной царь со мной говорит:


Он золото, перлы и радость сулит.
- О нет, мой младенец, ослышался ты:
То ветер, проснувшись, колыхнул листы.

„Ко мне, мой младенец; в дуброве моей


Узнаешь прекрасных моих дочерей:
При месяце будут играть и летать,
Играя, летая, тебя усыплять“.

- Родимый, лесной царь созвал дочерей:


Мне, вижу, кивают из темных ветвей.
- О нет, все спокойно в ночной глубине:
То ветлы седые стоят в стороне.

„Дитя, я пленился твоей красотой:


Неволей иль волей, а будешь ты мой“.
- Родимый, лесной царь нас хочет догнать;
Уж вот он: мне душно, мне тяжко дышать.

Ездок оробелый не скачет, летит;


Младенец тоскует, младенец кричит;
Ездок погоняет, ездок доскакал...
В руках его мертвый младенец лежал.

(Перевод В.А.Ж уковского)


25 JO H A N N W O LFG ANG G O ETHE

EIGENTUM

Ich weiß, daß mir nichts angehört,


als der Gedanke, der ungestört
aus meiner Seele will fließen,
und jeder günstige Augenblick,
den mich ein liebendes Geschick
von Grund aus läßt genießen.

DIE LIEBENDE

Warum ich wieder zum Papier mich wende?


Das mußt du, Liebster, so bestimmt nicht fragen:
Denn eigentlich hab’ ich nichts zu sagen;
doch kommt’s zuletzt in deine lieben Hände.

Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende,


mein ungeteiltes Herz hinübertragen
mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen:
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.

Ich mag vom heut’gen Tag dir nichts vertrauen,


wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen
mein treues Herz zu dir hinüberwendet.

So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen,


und sagte nichts. Was hätt’ ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 26

ERINNERUNG

Willst du immer weiter schweifen?


Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.
27 FRIEDRICH SCHILLER

Friedrich SCHILLER
(1759-1805)

Schiller begann als literarischer Rebell, bewahrte sich seine


leidenschaftliche Freiheitsliebe und blieb der Kämpfer für die
Werte der Humanität. Sein hohes moralisches Pathos trug we­
sentlich bei zur Entwicklung des deutschen Nationalbewußtseins.
Seit 1794 mit Goethe befreundet. Neben reicher Lyrik (besonders
philosophische Gedichte, Balladen, Xenien) vor allem Dramen:
Sturm-und-Drang-Dramen “Die Räuber”, “Fiesco”, “Kabale und
Liebe” und klassische Versdramen “Don Carlos”, “Wallenstein” -
Trilogie, “Die Braut von Messina”, “Wilhelm Teil”; ferner äs­
thetische Schriften: “Briefe über die ästhetische Erziehung des
Menschen”, “Über naive und sentimentalische Dichtung”.

DER VERBRECHER AUS VERLONERER EHRE


(AUSZÜGE)

Christian Wolf war der Sohn eines Gastwirts in einer ...sehen


Landstadt (deren Namen man aus Gründen, die sich in der Folge
aufklären, verschweigen muß) und half seiner Mutter - denn
der Vater war tot - bis in sein zwanzigstes Jahr die Wirtschaft
besorgen.
Die Wirtschaft war schlecht, und Wolf hatte müßige Stunden.
Schon von der Schule her war er für einen losen Buben be­
kannt.1 Erwachsene Mädchen führten Hagen über seine Fre­
chheit, und die Jungen des Städchens huldigten seinem erfin­

1 ...war er für einen losen Buben bekannt - он считался беспутным парнем.


ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 28

derischen Kopfe. Die Natur hatte seinen Körper verabsäumt.


Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unan­
genehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwol­
lene Oberlippe, welche noch überdies durch den Schlag eines
Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gaben seinem An­
blick eine Widrigkeit, welche alle Weiber von ihm zurückscheu­
te und dem Witz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung
darbot.
Er wollte ertrotzen, was ihm verweigert war; weil er mißfiel,
setzte er sich vor, zu gefallen. Er war sinnlich und beredete sich,
daß er liebe. Das Mädchen, das er wählte, mißhandelte ihn; er
hatte Ursache zu fürchten, daß seine Nebenbuhler glücklicher
wären; doch das Mädchen war arm. Ein Herz, das seinen Be­
teuerungen verschlossen blieb, öffnete sich vielleicht seinen Gedan­
ken; aber ihn selbst drückte Mangel, und der eitle Versuch, seine
Außenseite geltend zu machen,1 verschlang noch das wenige,
was er durch eine schlechte Wirtschaft erwarb... Zu stolz, auch
zu weichlich, den Herrn, der er bisher gewesen war, mit dem
Bauer zu vertauschen und seiner angebeteten Freiheit zu ent­
sagen, sah er nur einen Ausweg vor sich - den Tausende vor
ihm und nach ihm mit besserem Glücke ergriffen haben... Er
wurde Wilddieb, und der Ertrag seines Raubes wanderte ge­
treulich in die Hände seiner Geliebten.
Unter den Liebhabern Hannchens war Robert, ein Jägerbur­
sche des Försters. Frühzeitig merkte dieser den Vorteil, den die
Freigiebigkeit seines Nebenbuhlers über ihn gewonnen hatte,
und mit Scheelsucht forschte er nach den Quellen dieser
Veränderung. Er zeigte sich fleißiger in der “Sonne” - dies war
das Schild zu dem Wirtshaus, - sein lauerndes Auge, von Eifer­
sucht und Neid geschärft, entdeckte ihm bald, woher dieses Geld
floß. Nicht lange vorher war ein strenges Edikt gegen die Wild­
schützen erneuert worden, welches den Übertreter zum Zucht­
1 ...d e r eitle Versuch, seine A u ß en seite g elten d zu m ach en ... -
зд.: самонадеянная попытка воспользоваться своим внешним видом.
29 FRIEDRICH SCHILLER

haus verdammte. Robert war unermüdlich, die geheimen Gänge


seines Feindes zu beschleichen; endlich gelang es ihm auch, den
Unbesonnenen über die Tat zu ergreifen.1 Wolf wurde eingezo­
gen, und nur mit Aufopferung seines ganzen kleinen Vermögens
brachte er es mühsam dahin, die zuerkannte Strafe durch eine
Geldbuse abzuwenden.2
Robert triumphierte. Sein Nebenbuhler war aus dem Felde
geschlagen und Hannchens Gunst für den Bettler verloren. Wolf
kannte seinen Feind, und dieser Feind war der glückliche Be­
sitzer seiner Johanne. Drückendes Gefühl des Mangels gesellte
sich zu beleidigtem Stolze, Not und Eifersucht stürmten verei­
nigt auf seine Empfindlichkeit ein, der Hunger treibt ihn hinaus in
die weite Welt, Rache und Leidenschaft halten ihn fest. Er wird
zum zweitenmal Wilddieb; aber Roberts verdoppelte Wachsamkeit
überlistet ihn zum zweitenmal wieder. Jetzt erfährt er die ganze
Schärfe des Gesetzes; denn er hat nichts mehr zu geben, und in
wenigen Wochen wird er in das Zuchthaus der Residenz abge­
liefert.
Das Strafjahr war überstanden, seine Leidenschaft durch
Entfernung gewachsen und sein Trotz unter dem Gewicht des
Unglücks gestiegen. Kaum erlangt er die Freiheit, so eilt er nach
seinem Geburtsort, sich seiner Johanne zu zeigen. Er erscheint;
man flieht ihn. Die dringende Not hat endlich seinen Hochmut
gebeugt und seine Weichlichkeit überwunden - er bietet sich
den Reichen des Orts an und will für den Taglohn dienen... Ein
Amt ist noch ledig, der äußerste verlorene Posten des ehrlichen
Namens - er meldet sich zum Hirten des Städchens; aber der
Bauer will seine Schweine keinem Taugenichts anvertrauen. In
allen Entwürfen getäuscht, an allen Orten zurückgewiesen, wird

1 den Unbesonnenen über die Tat zu ergreifen - застать неосмотрительного


на месте преступления.
2 ...brachte er es mühsam dahin, die zuerkannte Strafe durch eine Geldbuße
abzuwenden - ему с трудом удалось избежать назначенного наказания с
помощью денежного ш трафа.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 30

er zum drittenmal Wilddieb, und zum drittenmal trifft ihn das


Unglück, seinem wachsamen Feind in die Hände zu fallen.
...Die Richter sahen in das Buch der Gesetze, aber nicht
einer in die Gemütsverfassung des Beklagten... Wolf ward ver­
urteilt, das Zeichen des Galgens auf den Rücken gebrannt, drei
Jahre auf der Festung zu arbeiten.
Auch diese Periode verlief, und er ging von der Festung -
aber ganz anders, als er dahin gekommen war. Hier fängt eine
neue Epoche in seinem Leben an; man höre ihn selbst... “Ich
betrat die Festung”, sagte er, “als ein Verirrter und verließ sie
als ein Lotterbube. Ich hatte noch etwas in der Welt gehabt, das
mir teuer war, und mein Stolz krümmte sich unter der Schande.
Wie ich auf die Festung gebracht war, sperrte man mich zu
dreiundzwanzig Gefangenen ein, unter denen zwei Mörder und
die übrigen alle berüchtigte Diebe und Vagabunden waren. Man
verhöhnte mich, wenn ich von Gott sprach... Man sang mir Huren­
lieder vor, die ich, ein liederlicher Bube, nicht ohne Ekel und
Entsetzen hörte... Die Arbeit war hart und tyrannisch, mein Körper
kränklich; ich brauchte Beistand, und wenn ich’s aufrichtig sagen
soll, ich brauchte Bedaurung, und diese mußte ich mit dem letz­
ten Überrest meines Gewissens erkaufen. So gewöhnte ich mich
endlich an das Abscheulichste, und im letzten Vierteljahr hatte
ich meine Lehrmeister übertroffen.
Von jetzt an lechzte ich nach dem Tag meiner Freiheit, wie
ich nach Rache lechzte. Alle Menschen hatten mich beleidigt;
denn alle waren besser und glücklicher als ich. Ich betrachtete
mich als den Märtyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlacht­
opfer der Gesetze...
Mein erster Gedanke, sobald ich mich frei sah, war meine
Vaterstadt... Als ich an der Ecke einer Gasse umlenkte, rannte
ich gegen meine Johanne. “Sonnenwirt!” schrie sie laut und machte
eine Bewegung, mich zu umarmen. “Du wieder da, lieber Son­
nenwirt! Gott sei Dank, daß du wiederkömmst!” Hunger und
Elend sprach aus ihrer Bekleidung, eine schändliche Krankheit
31 FRIED RICH SCHILLER

aus ihrem Gesichte, ihr Anblick verkündigte die verworfenste


Kreatur, zu der sie erniedrigt war. Ich ahnte schnell, was hier
geschehen sein möchte... “Soldatendirne!” rief ich und drehte
ihr lachend den Rücken zu. Es tat mir wohl, daß noch ein Ge­
schöpf unter mir war im Rang der Lebendigen. Ich hatte sie
niemals geliebt.
Meine Mutter war tot. Mit meinem kleinen Hause hatten sich
meine Kreditoren bezahlt gemacht. Ich hatte niemand und nichts
mehr. Alle Welt floh mich wie einen Giftigen; aber ich hatte
endlich verlernt, mich zu schämen...Ich brauchte keine gute
Eigenschaft mehr, weil man keine mehr bei mir vermutete.
Die ganze Welt stand mir offen, ich hätte vielleicht in einer
fremden Provinz für einen ehrlichen Mann gegolten; aber ich
hatte den Mut verloren, es auch nur zu scheinen... Ehemals hatte
ich aus Notwendigkeit und Leichtsinn gesündigt, jetzt tat ich’s
aus freier Wahl zu meinem Vergnügen.
Mein erstes war, daß ich mein Wildschießen fortsetzte. Die
Jagd überhaupt war mir nach und nach zur Leidenschaft ge­
worden, und außerdem mußte ich ja leben. Aber dies war es
nicht allein; es kitzelte mich, das fürstliche Edikt zu verhöhnen
und meinem Landesherrn nach allen Kräften zu schaden. Er­
griffen zu werden, besorgte ich nicht mehr; denn jetzt hatte ich
eine Kugel für meinen Entdecker bereit, und das wußte ich, daß
mein Schuß seinen Mann nicht fehlte.1
...Diese Lebensart trieb ich mehrere Monate. Eines Mor­
gens hatte ich nach meiner Gewohnheit das Holz durchstrichen,
die Fährte eines Hirschen zu verfolgen.2 Zwei Stunden habe
ich mich vergeblich ermüdet, und schon fing ich an, meine Beu­
te verloren zu geben,3 als ich sie auf einmal in schußgerechter
1 ...daß mein Schuß seinen Mann nicht fehlte - что мой выстрел попадет
в цель.
2 ...das Holz durchstrichen, die Fährte eines Hirschen zu verfolgen - исколесил
весь лес, идя по следу оленя.
3 schon fing ich an, meine Beute verloren zu geben - я уже считал, что
потерял свою добычу.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 32

Entfernung entdeckte... Aber plötzlich erschreckt mich der An­


blick eines Hutes, der wenige Schritte vor mir auf der Erde liegt.
Ich forsche genauer und erkenne den Jäger Robert... Just das
war der Mensch, den ich unter allen lebendigen Dingen am gräßli­
chsten haßte, und dieser Mensch war in die Gewalt meiner Kugel
gegeben... Eine unsichtbare fürchterliche Hand schwebte über
mir, der Stundenweiser meines Schicksals zeigte unwiderruflich
auf diese schwarze Minute. Der Arm zitterte mir... Rache und
Gewissen rangen hartnäckig und zweifelhaft; aber die Rache
gewann’s, und der Jäger lag tot am Boden.
“Mörder...” stammelte ich langsam. Der Wald war still wie
ein Kirchhof - ich hörte deutlich, daß ich “Mörder” sagte. Als
ich näher schlich, starb der Mann. Lange stand ich sprachlos
vor dem Toten... Ich tat mir Gewalt an,1 mich lebhaft an alles
Böse zu erinnern, das mir der Tote im Leben zugefügt hatte,
aber - sonderbar! - mein Gedächtnis war wie ausgestorben.
Ich konnte nichts mehr von alledem hervorrufen, was mich vor
einer Viertelstunde zum Rasen gebracht hatte. Ich begriff gar
nicht, wie ich zu dieser Mordtat gekommen war...
Ich hatte das Herz nicht,2 durch Selbstmord aus der Welt zu
gehen, und entsetzte mich vor der Aussicht, darin zu bleiben.
Geklemmt zwischen die gewissen Qualen des Lebens und die
ungewissen Schrecken der Ewigkeit, gleich unfähig, zu leben
und zu sterben, brachte ich die sechste Stunde meiner Flucht
dahin, eine Stunde, vollgepreßt von Qualen, wovon noch kein
lebendiger Mensch zu erzählen weiß..., als plötzlich eine rauhe
befehlende Stimme vor mir her “Halt!” rief. Ich schlug die Au­
gen auf und sah einen wilden Mann auf mich zukommen. Seine
Figur ging ins Riesenmäßige,... und die Farbe seiner Haut war
von einer gelben Mulattenschwärze, woraus das Weiße eines
schielenden Auges gräßlich hervortrat... Der Ruf wurde wie­
derholt, und ein kräftiger Arm hielt mich fest. Der Laut eines
1 ich tat mir Gewalt an - я сделал над собой усилие.
2 ich hatte das Herz nicht... - я не мог решиться.
33 FRIEDRICH SCHILLER

Menschen hatte mich in Schrecken gejagt, aber der Anblick


eines Bösewichts gab mir Herz.1 In der Lage, worin ich jetzt
war, hatte ich Ursache, vor jedem redlichen Mann, aber keine
mehr, vor einem Räuber zu zittern.
“Wer da?” sagte die Erscheinung.
“Deinesgleichen”, war meine Antwort, “wenn du wirklich
bist, dem du gleich siehst!”
“Was hast du hier zu suchen?”
“Was hast du hier zu fragen?” versetzte ich trotzig...
“Topp, Kamerade!” schrie er, indem er eine zinnerne Flasche
aus seiner Jagdtasche hervorlangte, einen kräftigen Schluck
daraus tat und mir sie reichte. Flucht und Beängstigung hatten
meine Kräfte ausgezehrt, und diesen ganzen entsetzlichen Tag
war noch nichts über meine Lippen gekommen... Neue Kraft
floß mit diesem Erquicktrunk in meine Gebeine und frischer Mut
in mein Herz und Hoffnung und Liebe zum Leben.
Ich fing an zu glauben, daß ich doch wohl nicht ganz elend
wäre; so viel konnte dieser willkommene Trank. Ja, ich bekenne
es, mein Zustand grenzte wieder an einen glücklichen; denn endlich,
nach tausend fehlgeschlagenen Hoffnungen, hatte ich eine Krea­
tur getroffen, die mir ähnlich schien. In dem Zustande, worein
ich versunken war, hätte ich mit dem höllischen Geiste Ka­
meradschaft getrunken, um einen Vertrauten zu haben.
“Dein Trunk hat mir wohlgetan”, sagte ich. “Wir müssen
bekannter werden.”
Er schlug Feuer, seine Pfeife zu zünden.
‘Treibst du das Handwerk schon lange?”
Er sah mich fest an. “Was willst du damit sagen!”
“War das schon oft blutig?” Ich zog das Messer aus seinem
Gürtel.
‘Wer bist du?” sagte er schrecklich und legte die Pfeife vor sich.
1 Der Laut eines Menschen hatte mich in Schrecken gejagt, aber der Anblick
eines Bösewichts gab m ir Herz - звук (голоса) человека поверг меня в страх,
но вид злодея успокоил меня.
2 . Читаем по-немецки
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 34

“Ein Mörder wie du - aber nur erst ein Anfänger.”


“Du bist nicht hier zu Hause?”1 sagte er endlich.
“Drei Meilen von hier. Der Sonnenwirt in L..., wenn du von
mir gehört hast.”
Der Mann sprang auf wie ein Besessener. “Der Wildschütze
Wolf?” schrie er hastig.
“Der nämliche.”
“Willkommen, Kamerad! Willkommen!” rief er und schüt­
telte mir kräftig die Hände. “Das ist brav, daß ich dich endlich
habe, Sonnenwirt! Jahr und Tag schon sinn’ ich darauf, dich zu
kriegen. Ich kenne dich recht gut. Ich weiß um alles. Ich habe
lange auf dich gerechnet.”
“Auf mich gerechnet? Wozu denn?”
“Die ganze Gegend ist voll von dir. Du hast Feinde, ein Amt­
mann hat dich gedrückt. Wölf! Man hat dich zugrunde gerichtet,
himmelschreiend ist man mit dir umgegangen.”
Der Mann wurde hitzig. - “Weil du ein paar Schweine ge­
schossen hast, die der Fürst auf unsern Äckern und Feldern
gefüttert, haben sie dich jahrelang im Zuchthaus und auf der
Festung herumgezogen, haben sie dich um Haus und Wirtschaft
bestohlen, haben sie dich zum Bettler gemacht. Ist es dahin gekom­
men,2 Bruder, daß der Mensch nicht mehr gelten soll als ein
Hase? Sind wir nicht besser als das Vieh auf dem Felde? - Und
ein Kerl wie du konnte das dulden?”
...Ich erzählte ihm meine ganze Geschichte. Der Mann, ohne
abzuwarten, bis ich zu Ende war, sprang mit froher Ungeduld
auf, und mich zog er nach. “Komm, Bruder Sonnenwirt”, sagte
er, “jetzt bist du reif, jetzt hab’ ich dich, wo ich dich brauche...
Folge mir!”
“Wo willst du mich hinführen?”
“Frage nicht lange! Folge!” Er schleppte mich mit Gewalt
fort.
1 Du bist nicht hier zu Hause? - ты не местный?
2 Ist es dahin gekommen, daß... - неужели дошло до того, что..
35 FRIEDRICH SCHILLER

...Wir waren wenige Schritte unter der Felsmauer wegge­


gangen, so erweiterte sich der Grund, und einige Hütten wurden
sichtbar. Mitten zwischen diesen öffnete sich ein runder Rasen­
platz, auf welchem sich eine Anzahl von achtzehn bis zwanzig
Menschen um ein Kohlenfeuer gelagert hatte. “Hier, Kameraden”,
sagte mein Führer und stellte mich mitten in den Kreis. “Unser
Sonnenwirt! Heißt ihn willkommen!”
“Sonnenwirt!” schrie alles zugleich, und alles fuhr auf und drängte
sich um mich her, Männer und Weiber. Soll ich’s gestehn? Die
Freude war ungeheuchelt und herzlich; Vertrauen, Achtung sogar
erschien auf jedem Gesichte; dieser drückte mir die Hand, jener
schüttelte mich vertraulich am Kleide, der Auftritt war wie das
Wiedersehen eines alten Bekannten, der einem wert ist...
“Du siehst, Bruder Sonnenwirt”, fing der Mann jetzt an, der
mich hergebracht hatte, “du siehst, wie wir untereinander le­
ben... Kannst du dich also entschließen, an unserer Lebensart
Gefallen zu finden, so schlag ein und sei unser Anführer! Bis
jetzt bin ich es gewesen; aber dir will ich weichen. Seid ihr’s
zufrieden, Kameraden?”
Ein fröhliches Ja antwortete aus allen Kehlen.
Mein Kopf glühte, mein Gehirn war betäubt, von Wein und
Begierden siedelte mein Blut. Die Welt hatte mich ausgeworfen
wie einen Verpesteten - hier fand ich brüderliche Aufnahme,
Wohlleben und Ehre. Welche Wahl ich auch treffen wollte,1 so
erwartete mich der Tod; hier aber konnte ich wenigstens mein
Leben für einen höheren Preis verkaufen... Mein Entschluß ko­
stete mich wenig. “Ich bleibe bei euch, Kameraden”, rief ich
laut mit Entschlossenheit und trat mitten unter die Bande. “Ich
bleibe bei euch”, rief ich nochmals, “wenn ihr mir meine schöne
Nachbarin abtretet!” Alle kamen überein, mein Verlangen zu
bewilligen; ich war erklärter Eigentümer einer Hure und das
Haupt einer Diebesbande.”

1 welche Wahl ich auch treffen wollte... - какой бы выбор я ни сделал.


2*
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 36

Den folgenden Teil der Geschichte übergehe ich ganz; das


bloß Abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leser.
Ein Unglücklicher, der bis zu dieser Tiefe heruntersank, mußte
sich endlich alles erlauben, was die Menschheit empört - aber
einen zweiten Mord beging er nicht mehr, wie er selbst auf der
Folter bezeugte.
Der Ruf dieses Menschen verbreitete sich in kurzem durch
die ganze Provinz. Die Landstraßen wurden unsicher, nächtli­
che Einbrüche beunruhigten die Bürger, der Name des Sonnen­
wirts wurde der Schrecken des Landvolks, die Gerechtigkeit
suchte ihn auf, und eine Prämie wurde auf seinen Kopf gesetzt.
...Ein Jahr schon hatte er das traurige Handwerk getrieben,
als es anfing, ihm unerträglich zu werden. Die Rotte, an deren
Spitze er sich gestellt hatte, erfüllte seine glänzenden Erwartun­
gen nicht... Das Schattenbild jener brüderlichen Eintracht ver­
schwand; Neid, Argwohn und Eifersucht wüteten im Innern dieser
verworfenen Bande. Die Gerechtigkeit hatte demjenigen, der
ihn lebendig ausliefem würde, Belohnung, und wenn es ein Mit­
schuldiger wäre, noch eine feierliche Begnadigung zugesagt -
eine mächtige Versuchung für den Auswurf der Erde! Der Un­
glückliche kannte seine Gefahr... Jetzt fühlte er, wie tief er ge­
fallen war; ruhigere Schwermut trat an die Stelle knirschender
Verzweiflung. Er wünschte mit Tränen die Vergangenheit zurück;
jetzt wußte er gewiß, daß er sie ganz anders wiederholen würde.
Er fing an zu hoffen, daß er noch rechtschaffen werden dürfte,
weil er bei sich empfand, daß er es könne. Auf dem höchsten
Gipfel seiner Verschlimmerung war er dem Guten näher als er
vielleicht vor seinem ersten Fehltritt gewesen war.
Um eben diese Zeit war der Siebenjährige Krieg ausgebro­
chen, und die Werbungen gingen stark. Der Unglückliche schöpfte
Hoffnung von diesem Umstand1 und schrieb einen Brief an seinen
Landsherrn, den ich auszugsweise hier einrücke:
1der Unglückliche schöpfte Hoffnung von diesem Umstand - в связи с зтим
обстоятельством у несчастного возникла надежда.
37 FRIED RICH SCHILLER

“Wenn Ihre fürsterliche Huld sich nicht ekelt, bis zu mir herun­
terzusteigen, wenn Verbrecher meiner Art nicht außerhalb Ih­
rer Erbarmung liegen, so gönnen Sie mir Gehör, durchlauchtigster
Oberherr! Ich bin Mörder und Dieb, das Gesetz verdammt mich
zum Tode, die Gerichte suchen mich aus - und ich biete mich
an, mich freiwillig zu stellen.1 Aber ich bringe zugleich eine
seltsame Bitte vor Ihren Thron. Ich verabscheue mein Leben
und fürchte den Tod nicht; aber schrecklich ist m ir’s, zu ster­
ben, ohne gelebt zu haben. Ich möchte leben, um einen Teil des
Vergangenen gutzumachen; ich möchte leben, um den Staat zu
versöhnen, den ich beleidigt habe. Meine Hinrichtung wird ein
Beispiel sein für die Welt, aber kein Ersatz meiner Taten. Ich
hasse das Laster und sehne mich feurig nach Rechtschaffen­
heit und Tugend. Ich habe Fähigkeiten gezeigt, meinem Vater­
lande furchtbar zu werden; ich hoffe, daß mir noch einige übrigge­
blieben sind, ihm zu nützen...
Es ist Gnade, um was ich flehe. Einen Anspruch auf Gere­
chtigkeit, wenn ich auch einen hätte, wage ich nicht mehr gel­
tend zu machen.2 - Doch an etwas darf ich meinen Richter
erinnern. Die Zeitrechnung meiner Verbrechen fängt mit dem
Urteilsspruch an, der mich auf immer um meine Ehre
brachte...Lassen Sie Gnade für Recht ergehen,3 mein Fürst!
Wenn es in Ihrer fürstlichen Macht steht, das Gesetz für mich
zu erbitten, so schenken Sie mir das Leben! Es soll Ihrem Dien­
ste von nun an gewidmet sein...”
Diese Bittschrift blieb ohne Antwort, wie auch eine zweite
und dritte... Seine Hoffnung zu einem Pardon erlosch gänzlich; er
faßte also den Entschluß, aus dem Lande zu fliehen und im Dien­
ste des Königs von Preußen als ein braver Soldat zu sterben.

1 ich biete mich an, mich freiw illig zu stellen - я предлагаю явиться
добровольно.
2 einen Anspruch auf Gerechtigkeit ... wage ich nicht mehr geltend zu ma­
chen - я больше не смею требовать справедливости.
3 lassen Sie Gnade für Recht ergehen - смените гнев на милость.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 38

Er entwischte glücklich seiner Bande und trat diese Reise


an. Der Weg führte ihn durch eine kleine Landstadt, wo er über­
nachten wollte...

“Wer seid Ihr?” fragt der Richter mit ziemlich brutalem Ton.
“Ein Mann, der entschlossen ist, auf keine Frage zu antworten,
bis man sie höflicher einrichtet.”
“Wer sind Sie?”
“Für was ich mich ausgab. Ich habe ganz Deutschland
durchreist und die Unverschämtheit nirgends als hier zu Hause
gefunden.”
“Ihre schnelle Flucht macht Sie sehr verdächtig. Warum flohen
Sie?”
“Weil ich’s müde war, der Spott Ihres Pöbels zu sein.”
“Sie drohten, Feuer zu geben.”
“Meine Pistole war nicht geladen.” Man untersuchte das
Gewehr, es war keine Kugel darin.
“Warum führen Sie heimliche Waffen bei sich?”
“Weil ich Sachen von Wert bei mir trage und weil man mich
vor einem gewissen Sonnenwirt gewarnt hat, der in diesen Ge­
genden streifen soll.”
“Ihre Antworten beweisen sehr viel für Ihre Dreistigkeit, aber
nichts für Ihre gute Sache. Ich gebe Ihnen Zeit bis Morgen, ob
Sie mir die Wahrheit entdecken wollen.”
...Den Morgen darauf überlegte der Oberamtmann, der Frem­
de möchte doch wohl unschuldig sein; die befehlshaberische
Sprache würde nichts über seinen Starrsinn vermögen, es wäre
vielleicht besser getan, ihm mit Anstand und Mäßigung zu be­
gegnen...
“Verzeihen Sie es der ersten Aufwallung, mein Herr, wenn
ich Sie gestern etwas hart anließ.”1
“Sehr gern, wenn Sie mich so fassen.”
1...wenn ich Sie gestern etwas hart aniieß - что я вчера так грубо набросился
на Вас.
39 FRIEDRICH SCHILLER

“Unsere Gesetze sind strenge, und Ihre Begebenheit machte


Lärm. Ich kann Sie nicht freigeben, ohne meine Pflicht zu ver­
letzen. Der Schein ist gegen Sie. Ich wünschte, Sie sagen mir
etwas, wodurch er widerlegt werden könnte.”
Er schwieg einige Minuten und schien einen heftigen Kampf
zu kämpfen; dann drehte er sich rasch zu dem Richter...
“Ihr gestriges Betragen, Herr Oberamtmann, hätte mich nim­
mermehr zu einem Geständnis gebracht; denn ich trotze der
Gewalt. Die Bescheidenheit, womit Sie mich heute behandeln,
hat mir Vertrauen und Achtung gegen Sie gegeben. Ich glaube,
daß Sie ein edler Mann sind.”
“Was haben Sie mir zu sagen?”
“Ich sehe, daß Sie ein edler Mann sind. Ich habe mich längst
einen Mann gewünscht wie Sie. Erlauben Sie mir Ihre rechte
Hand.”
“Wo will das hinaus?”1
“Dieser Kopf ist grau und ehrwürdig. Sie sind lange in der
Welt gewesen - haben der Leiden wohl viele gehabt - nicht
wahr? - und sind menschlicher geworden?”
“Mein Herr! - Wozu soll das?”
“Sie stehen noch einen Schritt von der Ewigkeit, bald —bald
brauchen Sie Barmherzigkeit bei Gott. Sie werden sie Menschen
nicht versagen.2 - Ahnen Sie nichts? Mit wem glauben Sie, daß
Sie reden?”
“Was ist das? Sie erschrecken mich.”
“Ahnen Sie noch nichts? - Schreiben Sie es Ihrem Fürsten,
wie Sie mich fanden, und daß ich selbst aus freier Wahl mein
Verräter war - daß ihm Gott einmal gnädig sein werde, wie er
jetzt mir es sein wird. Bitten Sie für mich, alter Mann, und las­
sen Sie dann auf Ihren Bericht eine Träne fallen: Ich bin der
Sonnenwirt.”
1 wo will das hinaus? - куда Вы клоните?
2 Sie w erden sie M enschen nicht versagen - Вы не откаж ете в нем
(милосердии) людям.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 40

B EAN TW O RTEN S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wer war Christian Wolf?


2. Warum wurde er “Sonnenwirt” genannt?
3. Wie sah er aus?
4. Wer waren Johanna und Robert?
5. Wie gelang Christian in die Festung?
6. Wie veränderte er sich in der Festung?
7. Warum wurde er Anführer einer Räuberbande?
8. Welchen Brief schrieb er an seinen Fürsten?
9. Warum ergab er sich den Ämten?

AN EINEN WELTVERBESSERER (1795)

“Alles”, sagst du mir, “opfert’ ich hin, der Menschheit zu


helfen,
Eitel war der Erfolg, Haß und Verfolgung der Lohn.”
Soll ich dir sagen, Freund, wie ich mit Menschen es halte?
Treue dem Spruche! Noch nie hat mich der Führer
getäuscht.
Von der Menschheit - du kannst von ihr nie groß genug
denken.
Wie du im Busen sie trägst, prägst du in Taten sie aus.
Auch dem Menschen, der dir im engen Leben begegnet,
Reich’ ihm, wenn er sie mag, freundlich die helfende Hand.
Nur für Regen und Tau und fürs Wohl
der Menschengeschlechter
Laß du das liebe Geschick walten wie gestern so heut.
41 FRIEDRICH SCHILLER

HOFFNUNG (1798)

Es reden und träumen die Menschen viel


Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen,
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,


Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,


Erzeugt im Gehirne des Toren.
Im Herzen kündet es laut sich an,
Zu was Besserm sind wir geboren,
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

AN (1802)

Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,


Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öffnet sich mit Mord.
Und die Grenzen aller Länder wanken,
Und die alten Formen stürzen ein,
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 42

Nicht das Weltmeer setzt der Kriegswut Schranken,


Nicht der Nilgott und der alte Rhein.

Zwo gewaltige Nationen ringen


Um der Welt alleinigen Besitz,
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Ach, umsonst auf allen Länderkarten


Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

Endlos liegt die Welt vor deinen Blicken,


Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum,
Doch auf ihrem unermeßnen Rücken
Ist für zehen Glückliche nicht Raum.

In des Herzens heilig stille Räume


Mußt du fliehen aus des Lebens Drang,
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur im Gesang.
43 JO H AN N PETER H EBEL

Johann Peter HEBEL


( 1760- 1826 )

Hebels Kurzerzählungen, die als “Kalendergeschichten” 1808-


1815 erschienen, erwarben sich durch Schlichtheit und Gemüts­
tiefe, Humor und treffsichere Sprachkraft große Volkstümlich­
keit.

UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN

In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und


mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte
zu ihr: “Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters
Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Frau und bauen uns
ein eigenes Nestlein.” “Und Friede und Liebe soll darin wohnen”,
sagte die schöne Frau mit holdem Lächeln, “denn du bist mein
Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab
sein als an einem anderen Ort.” Als sie aber vor Sankt Luciä
der Pfarrer zum zweitenmal in der Kirche ausgerufen hatte:
“So nun jemand Hindernis wüßte anzuzeigen, warum diese Per­
sonen nicht möchten ehelich Zusammenkommen”, da meldete
sich der Tod. Denn als der Jüngling den anderen Morgen in
seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbei­
ging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er
zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen,
aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Berg­
werk zurück, und sie säumte vergeblich selbigen Morgen ein
schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeitstag,
sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 44

und vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in


Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg
ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesui-
ten-Orden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin
Maria Theresia starb, und Amerika wurde frei, und die verei­
nigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht
erobern, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav
von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische
Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold
der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen,
und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Acker­
leute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede
hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in
ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun
im Jahre 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei
Schachten eine Öffnung durchgraben wollten, gute dreihundert
Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vit­
riolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit
Eisenvitriol1 durchdrungen, sonst aber unverwest und un­
verändert war; also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter
noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde
gestorben und ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit. Als
man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Ge­
freundete und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch
wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem
Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmannes
kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer
zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer
Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit
freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte
Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen
Bewegung des Gemüts erholt hatte, “es ist mein Verlobter”, sagte

1 der Eisenvitriol - железный купорос


45 JO H ANN PETER HEBEL

sie endlich, “um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und
den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht
Tage vor der Hochzeit ist er auf die Grube gegangen und nim­
mer gekommen.” Da wurden die Gemüter aller Umstehenden
von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige
Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters
und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie
in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen
Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer
zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie
ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die
einzige, die ihm angehöre und ein Recht an ihn habe, bis sein
Grab gerüstet sei auf dem Kirchhofe. Den anderen Tag, als das
Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute hol­
ten, schloß sie ein Kästchen auf, legte ihm das schwarzseidene
Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn in ihrem Sonntags­
gewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner
Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab
legte, sagte sie: “Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im
kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich
habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird’s
wieder Tag.” - “Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird
sie zum zweitenmal auch nicht behalten”, sagte sie, als sie fort­
ging und noch einmal umschaute.

B E A N T W O R T E N SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wann wollten der Bergmann und seine Braut ihre Hochzeit


feiern?
2. Liebten sie einander?
3. Was geschah am nächsten Morgen?
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 46

4. Heiratete sie einen anderen Mann?


5. Welche historischen Ereignisse gingen vor sich im Laufe
ihres Lebens?
6. Wann wurde ihr Bräutigam ausgegraben und wie sah er
aus?
7. Welches Gefühl hatte die alte Frau?
8. In welchem Gewand begleitete sie ihn zur Beerdigung?
9. Was sagte sie ihm zum Schluß?
47 BRÜDER GRIMM

Brüder GRIMM
(Jakob, 1785-1863; Wilhelm, 1786-1859)

Germanisten, Verfasser einer historischen “Deutschen Gram­


matik” (1819-37). Herausgeber der “Deutschen Rechtsalter­
tümer”, Begründer der deutschen Sprachwissenschaft, Sammler
und Herausgeber der “Deutschen Kinder- und Hausmärchen”
(1812-22), der “Deutschen Sagen”, der ersten 4 Bände des
“Deutschen Wörterbuchs”.

DORNRÖSCHEN

Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden
Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“, und kriegten im­
mer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß,
daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr
sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr ver­
geht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“ Was der Frosch
gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen,
das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen
wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine
Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen
Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären.
Es war ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf
goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte
eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht
gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen
das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die an­
ЧИТА ЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 48

dere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so mit allem,
was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben
getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich
dafür rächen, daß sie nicht eigeladen war, und ohne jemand zu
grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die
Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spin­
del siechen und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu
sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Aile waren
erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch
übrig hatte, und weil sie den bösen Spiuch nicht aufheben, sondern
nur ihn mildem konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein,
sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welche die Königs­
tochter fällt.“
Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern be­
wahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindel im
ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mäd­
chen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich er­
füllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig,
daß es jedermann, der es ansah, liebhaben mußte. Es geschah,
daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt ward, der
König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum,
besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam end­
lich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe
hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte
ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe
auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit
einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Guten Tag, du al­
tes Mütterchen“, sprach die Königstochter, „was machst du da?“
- „Ich spinne“, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was
ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das
Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte
sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Er­
füllung, und sie stach sich damit in den Finger.
49 BRÜDER GRIMM

In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie


auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf.
Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß; der
König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in
den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze
Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die
Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der
Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still
und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der
Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in
den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind
legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein
Blättchen mehr.
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu
wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß
umzog und darüber hinauswuchs, daß gar nichts mehr davon zu
sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber
die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen,
denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu
Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß
dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Domen,
als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge
blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und
starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren
kam wieder einnmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie
ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß
dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter,
Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und
mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hof­
staat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele
Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
Dornhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben
und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling:
„Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dorn-
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 50

röschen sehen.“ Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte,
er hörte nicht auf seine Worte.
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und
der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte.
Als der Königssohn sich der Dornhecke näherte, waren es lau­
ter große, schöne Bäume, die taten sich von selbst auseinander
und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie
sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die
Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem
Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den
Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen
an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als
wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem
schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter'
und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und
oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er
noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören
konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe
zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es
und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte,
und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem
Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte
und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen
herab, und der König erwachte und die Königin, und der ganze
Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die
Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde
sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das
Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins
Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in
der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten
fing wieder an zu brutzeln; und der Koch gab dem Jungen eine
Ohrfeige, daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig.
Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dorn-
51 BRÜDER GRIMM

röschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an


ihr Ende.

B E A N T W O R T E N S IE FO LG EN D E FRAG EN :

1. Was stellte der König an, als seine Tochter zur Welt kam?
2. Womit beschenkten die zwölf weisen Frauen das Mäd­
chen?
3. Warum wurde die dreizenhte von ihnen nicht eingeladen?
4. Wie wollte sie an der Königsfamilie rächen?
5. Was unternahm der König, um sein liebes Kind vor dem
Unglück zu bewahren?
6. Was passierte der Königstochter an dem Tag, als sie fünf­
zehn Jahre alt wurde?
7. Was passierte auch im ganzen Hofstaat?
8. Warum heißt das Märchen „ Dornröschen“?
9. Konnten die Königssöhne durch die Domhecke in das Schloß
dringen?
10. Wie lange sollte das Mädchen schlafen?
11 .Warum konnte einer der Königssöhne unbeschädigt hin­
durchkommen?
12. Wodurch weckte der tapfere Jüngling das Dornröschen?

DIE DREI SPRACHEN

In der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur ei­
nen einzigen Sohn, aber er war dumm und konnte nichts lernen.
Da sprach der Vater: „Höre, mein Sohn, ich bringe nichts in
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 52

deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will. Du mußt fort
von hier, ich will dich einem berühmten Meister übergeben, der
soll es mit dir versuchen.“ Der Junge ward in eine fremde Stadt
geschickt und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Ver­
lauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte: „Nun,
mein Sohn, was hast du gelernt?“ - „Vater, ich habe gelernt,
was die Hunde bellen“, antwortete er. „Daß Gott erbarm“, rief
der Vater aus, „ist das alles, was du gelernt hast? ich will dich in
eine andere Stadt zu dem ändern Meister tun.“ Der Junge ward
hingebracht und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr. Als er
zurückkam, fragte der Vater wiederum: „Mein Sohn, was hast
du gelernt?“ Er antwortete: „Vater, ich habe gelernt, was die
Vögel sprechen.“ Da geriet der Vater in Zorn und sprach: „O du
verlorener Mensch, hast du kostbare Zeit hingebracht und nichts
gelernt und schämst dich nicht, mir unter die Augen zu treten?
Ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du
auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein.“ Der
Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr,
und als wieder nach Haus kam und der Vater fragte: „Mein
Sohn, was hast du gelernt?“, so antwortete er: „Lieber Vater,
ich habe dieses Jahr gelernt, was die Frösche quaken.“ Da geriet
der Vater in den höchsten Zorn, sprang auf, rief seine Leute
herbei und sprach: „Dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr,
ich stoße ihn aus und gebiete euch, daß ihr ihn hinaus in den
Wald führt und ihm das Leben nehmt.“ Sic führten ihn hinaus,
aber als sie ihn töten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden und
ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge
aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Jüngling wanderte fort und kam nach einiger Zeit zu
einem Burg, wo er um Nachtherberge bat. „Ja“, sagte der Burg­
herr, „wenn du da unten in dem alten Turm übernachten willst,
so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefährlich, denn
er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und
zu gewissen Stunden müssen sie einen Menschen ausgeliefert
53 BRÜDER GRIMM

haben, den sie auch gleich verzehren.“ Die ganze Gegend war
darüber in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen.
Der Jüngling aber war ohne Furcht und sprach: „Laßt mich nur
hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas, das ich
ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts tun.“ Weil er nun
selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen für die
wilden Tiere und brachten ihn hinab zu dem Turm. Als er hinein­
trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwän­
zen ganz freundlich um ihn herum, fraßen, was er ihnen hin­
setzte, und krümmten ihm kein Härchen. Am anderen Morgen
kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt wieder
zum Vorschein und sagte zu dem Burgherrn: „Die Hunde haben
mir in ihrer Sprache offenbart, warum sie da hausen und dem
Lande Schaden bringen. Sie sind verwünscht und müssen einen
großen Schatz hüten, der unten im Turme liegt, und kommen
nicht eher zur Ruhe, als bis er gehoben ist, und wie dies gescheh­
en muß, das habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.“
Da freuten sich alle, die das hörten, und der Burgherr sagte, er
wollte ihn an Sohnes Statt annehmen, wenn er es glücklich voll­
brächte. Er stieg wieder hinab, und weil er wußte, was er zu tun
hatte, so vollführte er es und brachte eine mit Gold gefüllte Truhe
herauf. Das Geheul der wilden Hunde ward von nun an nicht
mehr gehört, sie waren verschwunden, und das Land war von
der Plage befreit.
Über eine Zeit kam es ihm in den Sinn, er wollte nach Rom
fahren. Auf dem Wege kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem
Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er ver­
nahm, was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und trau­
rig. Endlich langte er in Rom an, da war gerade der Papst gestor­
ben und unter den Kardinälen großer Zweifel, wen sie zum Nach­
folger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig, deijenige sollte
zum Papst erwählt werden, an dem sich ein göttliches Wunderzei­
chen offenbaren würde. Und als das eben beschlossen war, in
demselben Augenblick trat der junge Graf in die Kirche, und
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 54

plötzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden


Schultern und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin
das Zeichen Gottes und fragte ihn auf der Stelle, ob er Papst
werden wolle. Er war unschlüssig und wußte nicht, ob er des­
sen würdig wäre, aber die Tauben redeten ihm zu, daß er es tun
möchte, und endlich sagte er „Ja“. Da wurde er gesalbt und
geweiht, und damit war eingetroffen, was er von den Fröschen
unterwegs gehört und was ihn so bestürzt gemacht hatte, daß er
der heilige Papst werden sollte. Darauf mußte er eine Messe
singen und wußte kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen
stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.

B EA N TW O R TE N SIE FOLG END E FRAG EN:

1. Wo lebten der alte Graf und sein Sohn?


2. Warum mußte der Junge fort?
3. Wohin wurde er geschickt?
4. Wie lange blieb der junge Graf bei jedem Meister?
5. Welche Sprachen hat der Junge gelernt?
6. Durfte er danach im Schloß seines Vaters bleiben?
7. Warum waren wilde Hunde freundlich zu ihm?
8. Was hat er von den Fröschen gehört?
9. Wie halfen die Tauben, als er eine Messe singen sollte?

DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke
unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun
55 BRÜDER GRIMM

zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward.


Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber
der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte
sich auf den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja
Stadtmusikant werden.
Als er ein Weilchen fort gegangen war, fand er einen Jagdhund
auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde ge­
laufen hat. „Nun, was jappst du so, Packan?“ fragte der Esel.
,Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer
werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein
Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber
womit soll ich nun mein Brot verdienen?“ - „Weißt du was“,
sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadt­
musikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen.
Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund
war’s zufrieden, und sie gingen weiter.
Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg
und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Nun, was
ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“ sprach der
Esel. „Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kragen
geht“, antwortete die Katze, „weil ich nun zu Jahren komme,
meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen
sitze und spinne als nach Mäusen herumjage, hat mich meine
Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht,
aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?“ - „Geh mit uns
nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da
kannst du Stadtmusikant werden.“ Die Katze hielt das für gut
und ging mit.
Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vor­
bei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus
Leibeskräften. „Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach
der Esel, „was hast du vor?“ - „Da hab ich gut Wetter pro­
phezeit“, sprach der Hahn, „weil Unserer Lieben Frauen Tag
ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 56

und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kom­
men, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der
Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und
da soll ich mir heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun
schrei ich aus vollem Hals, solang ich noch kann.“ - „Ei was, du
Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen
nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall;
du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren,
so muß es eine Art haben.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag
gefallen, und sie gingen alle vier zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht errei­
chen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten
wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen
Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der
Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn
war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier
Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen
brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müßte nicht gar weit
ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: „So
müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die
Herberge schlecht.“ Der Hund meinte, ein paar Knochen und
etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Also machten sie sich
auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es
bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor
ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der Größte,
näherte sich dem Fenster und schaute hinein. „Was siehst du,
Grauschimmel?“ fragte der Hahn. „Was ich sehe?“ antwortete
der Esel, „einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken,
und Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.“ - „Das
wäre was für uns“, sprach der Hahn. „Ja, ja, ach, wären wir
da!“ sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfan­
gen müssen, um die Räuber hinauszujagen, und fanden endlich
ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das
Fenster steilen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die
57 BRÜDER GRIMM

Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf
und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen
war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an ihre Musik zu ma­
chen; der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und
der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die
Stube hinein, daß die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei
dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders,
als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in
den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch,
nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als
wenn sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht
aus und suchten sich eine Schl afslätte, jeder nach seiner Natur
und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund
hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei die warme Asche,
und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken; und weil sie
müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein.
Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen,
daß kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien,
sprach der Hauptmann: „Wir hätten uns doch nicht sollen ins
Bockshorn jagen lassen“, und hieß einen hingehen und das Haus
untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche,
ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Au­
gen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefel­
hölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze
verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte.
Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus,
aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein; und
als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der
Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn
aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter ge­
worden war, rief vom Balken herab „Kikireki!“ Da lief der Räu­
ber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und spach:
„Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich ange­
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 58

haucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt;
und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat
mich ins Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein schwarzes
Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen;
und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, de rief: »Bringt
mir den Schelm her.' Da machte ich, daß ich fortkam.“ Von nun
an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier
Bremer Musikanten gefiel’s aber so wohl darin, daß sie nicht
wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist
der Mund noch warm.

B E A N R TW O R TE N SIE FOLG END E F RAG EN :

1. Warum wurde der Esel zur Arbeit immer untauglicher?


2. Was wollte der Herr mit ihm machen?
3. Wohin ging dann der Esel?
4. Was wollte er werden?
5. Wen fand der Esel unterwegs?
6. Warum wollte der Herr den Hund totschlagen?
7. Wollte die Frau die alte Katze aus dem Hause fortjagen?
8. Wen sahen der Esel, der Hund und die Katze auf dem
Tor?
9. Warum schrie er aus Leibeskräften?
10. Wohin gingen dann alle Tiere zusammen?
11. Warum sollten sie im Wald übernachten?
12. Wer von den Tieren hat in der Ferne ein Fünkchen
entdeckt?
13. Wo brannte dieses Licht?
14. Wie konnten die Here die Räuber hinausjagen?
15. Was unternahmen die Tiere danach?
59 BRÜDER GRIMM

16. Was entdeckten die Räuber im Haus, als alles still wurde
und sie zurückkehren konnten?
17. Getrauten die Räuber wieder ins Haus?
18. Wo blieben die vier Bremer Musikanten?
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 60

Heinrich HEINE
(1797-1856)

Heine begann als romantischer Lyriker (“Buch der Lieder”,


1827), entwickelte sich zum satirischen Kämpfer gegen poli­
tische und kirchliche Reaktion (“Deutschland, ein Wintermärchen”,
“Atta Troll”, 1847). Er schrieb eine stilistisch meisterhafte, geist­
reiche Prosa (“Harzreise” u.a.).

DIE HARZREISE (AUSZÜGE)

Schwarze Röcke, seidne Фраки черные,


Strümpfe, манжеты,
Weiße, höfliche Manschetten. Блеск чулок и ожерелий,
Sanfte Reden, Embrassieren - Речи льстивые, поклоны -
Ach, wenn sie nur Herzen Если б сердце вы
hätten! имели!

Herzen in der Brust, und Если б сердце вы


Liebe, имели,
Warme Liebe in dem Если б в нем любовь
Herzen - пылала б:
Ach, mich tötet ihr Gesinge Ах, она мне надоела -
Von erlognen Ложь любовных ваших
Liebesschmerzen. жалоб!

Auf die Berge will ich steigen, Я хочу подняться в горы,


Wo die frommen Hütten stehen, Где дымки костров синеют,
61 HEINRICH HEINE

Wo die Brust sich frei Где груди дышать


erschließet, свободно
Und die freien Lüfte wehen. И свободный ветер веет.

Auf die Berge will ich steigen, Я хочу подняться в горы,


Wo die dunkeln Tannen ragen, К елям темным и могучим,
Bäche rauschen, Vögel singen, Где звенят ручьи и птицы,
Und die stolzen Wolken jagen. Горделиво мчатся тучи.

Lebet wohl, ihr glatten Säle, Мир вам, гладкие покои,


Glatte Herren! Glatte Frauen! Люди с гладкими сердцами!
Auf die Berge will ich steigen, Я хочу подняться в горы
Lachend auf euch И смеяться там над
niederschauen. вами.

(Пер. Вл. Разумовского)

Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Univer­


sität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuer­
stellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte,
einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller,1 wo das Bier
sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt “die Leine” und
dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an
einigen Orten so breit, daß Lüder2 wirklich einen großen An­
lauf nehmen mußte,3 als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist
schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken
ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere
mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf

1... und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt,


eine Sternwarte... und einen Ratskeller... - имеет 999 домашних о ч аю в,
разнообразные церкви, один родильным дом, одну обсерваторию ... и
один винный погребок...
2 Lüder - студент Геттингенского университета, прославившимся
ловкостью в гимнастических упражнениях.
3 einen Anlauf nehmen - разбежаться.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 62

konsiliiert wurde1, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Anseh­


en und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln,
Dissertationen, Thedansants, Wäscherinnen, Kompendien,
Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen,
Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen
Faxen.2 Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völker­
wanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals
ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückge­
lassen3, und davon stammten all die Vandalen, Friesen, Schwa­
ben, Teutonen, Sachsen, Thüringer usw., die noch heutzutage in
Göttingen ...in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit
der Völkerwanderung dahinleben...
Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt
in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände
doch nichts weniger als streng geschieden sind.4 Der Viehstand
ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller or­
dentlichen und unordentlichen Professoren hierherzuzählen5,
wäre zu weitläuftig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht
alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Profes­
soren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl

1... dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde - был туда зачислен
и вскоре после этого отчислен...
2 war vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Thedan­
sants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotions­
kutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und
anderen Faxen - полностью укомплектован педелями (педели - универ­
ситетские служители, наблюдали за поведением студентов - прим. сост.),
пуделями, диссертациями, чаями с танцами, прачками, компендиумами, жа­
реными голубями, гвельфскими орденами, профессорскими каретами, го­
ловками для трубок, гофратами, юстицратами, релегационератами, про­
фессорами, профокусами и прочими фокусами.
3 ...jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner
Mitglieder darin zurückgelassen... - каждое германское племя оставило там
тогда по одному буйному экземпляру своих членов...
4 vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind - эти четыре
сословия отнюдь не строго между собой разграничены.
5 Die Namen ... aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hierher­
zuzählen, wäre zu weitläuftig... - Перечислять имена ... всех ординарных и
неординарных профессоров было бы слишком долго...
63 HEINRIC H HEINE

der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder bes­
ser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich wenn ich sie des Mor­
gens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnun­
gen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt
sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur soviel Lumpen­
sack erschaffen konnte.

*
* *

Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schöne Ilse -
oder soll ich dich “Agnes” nennen, weil dir dieser Name am
besten gefällt? - ich denke deiner, und ich möchte wieder Zusehen,
wie du leuchtend den Berg hinabläufst. Am liebsten aber möchte
ich unten im Tale stehen und dich auffangen in meine Arme. -
Es ist ein schöner Tag! Überall sehe ich die grüne Farbe, die
Farbe der Hoffnung. Überall, wie holde Wunder, blühen hervor
die Blumen, und auch mein Herz will wieder blühen. Dieses
Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein be­
scheidenes Feilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie oder
sonstiges Blümchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mädchensinn
erfreut und sich hübsch vor den hübschen Busen stecken läßt,
und heute welkt und morgen wieder blüht. Dieses Herz gleicht
mehr jener schweren, abenteuerlichen Blume aus den Wäldern
Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre nur einmal blüht.1
Ich erinnere mich, daß ich als Kind eine solche Blume gesehen.
Wir hörten in der Nacht einen Schuß, wie von einer Pistole, und
am folgenden Morgen erzählten mir die Nachbarskinder, daß es
ihr “Aloe” gewesen, die mit solchem Knalle plötzlich aufgeblüht
sei. Sie führten mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner
Verwunderung, daß das niedrige, harte Gewächs mit den när­
risch breiten, scharfgezackten Blättern, woran man sich leicht
verletzen konnte, jetzt ganz in die Höhe geschossen war2 und
1die der Sage nach alle hundert Jahre nur einmal blüht - который согласно
легенде цветет лишь раз в сто лет.
2 ... in die Höhe geschossen war - сильно вытянулся вверх.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 64

oben, wie eine goldene Krone, die herrlichste Blüte trug. Wir
Kinder konnten nicht mal so hoch hinaufsehen, und der alte,
schmunzelnde Christian, der uns liebhatte, baute eine hölzerne
Treppe um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie
die Katzen und schauten neugierig in den offenen Blumenkelch,
woraus die gelben Strahlenfäden und wildfremden Düfte mit
unerhörter Pracht hervordrangen.
Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blühen;
soviel ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblüht, und
das mag schon lange her sein, gewiß schon hundert Jahr. Ich
glaube, so herrlich auch damals seine Blüte sich entfaltete, so
mußte sie doch aus Mangel an Sonnenschein und Wärme elen­
diglich verkümmern, wenn sie nicht gar von einem dunkeln Win­
tersturme gewaltsam zerstört worden. Jetzt aberregt und drängt
es sich wieder in meiner Brust, und hörst du plötzlich den Schuß -
Mädchen, erschrick nicht! ich hab’ mich nicht totgeschossen, sondern
meine Liebe sprengt ihre Knospe und schießt empor in strahlenden
Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster Sangesfülle.
Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mädchen, so mach es
dir bequem und besteige die hölzerne Treppe und schaue von
dieser hinab in mein blühendes Herz.
Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte
ihres Weges zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark,
daß es mir betäubend zu Kopfe steigt, daß ich nicht mehr weiß,
wo die Ironie aufhört und der Himmel anfängt, daß ich die Luft
mit meinen Seufzern bevölkere, und daß ich selbst wieder zerrin­
nen möchte in süße Atome, in die unerschaffene Gottheit; - wie
soll das erst gehen, wenn es Nacht wird und die Sterne am Himmel
erscheinen, “die unglücksel’gen Sterne, die dir sagen können
Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel1 hat
heute das Recht, sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest
du es verwehren?

1 der lumpigste Ladenschwengel - последний лавочник.


65 HEINRIC H HEINE

*
* *

...Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als1 an
Zauber- und Wundergeschichten, und jede schöne Dame, die
Straußfedern auf dem Kopfe trug, hielt ich für eine Elfenköni­
gin, und bemerkte ich gar, daß die Schleppe ihres Kleides naß
war, so hielt ich sie für eine Wassernixe2. Jetzt denke ich anders,
seit ich aus der Naturgeschichte weiß, daß jene symbolischen
Federn von dem dümmsten Vogel herkommen, und daß die
Schleppe eines Damenkleides auf sehr natürliche Weise naß
werden kann. Hätte ich mit jenen Knabenaugen die erwähnte
junge Schöne, in erwähnter Stellung, auf dem Brocken3 geseh­
en, so würde ich sicher gedacht haben: das ist die Fee des Berges,
und sie hat eben den Zauber ausgesprochen, wodurch dort unten
alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade wunderbar
erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken,
alle Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese,
meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbin­
den sich in unserer Seele zu einem großen, noch unentworre-
nen, unverstandenen Gefühl. Gelingt es uns, dieses Gefühl in
seinem Begriffe zu erfassen, so erkennen wir den Charakter
des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hin­
sicht seiner Fehler als auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein
Deutscher. Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns, klar und
deutlich, wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Städte,
Städchen und Dörfer, die meistens nördlich liegen, und ringsum
alle Berge, Wälder, Flüsse, Flächen, unendlich weit. Aber eben
dadurch erscheint alles wie eine scharf gezeichnete, rein illu­
minierte Spezialkarte, nirgends wird das Auge durch eigentlich
schöne Landschaften erfreut; wie es denn immer geschieht, daß
1 an nichts als - ни о чем кроме.
2 so hielt ich sie für eine Wassernixe - то я считал ее русалкой.
3 Brocken - самая высокая гора Гарца. По легенде в ночь с 30 апреля
на 1 мая на ее вершине ежегодно происходит шабаш ведьм (Вальпургиева
ночь).

3 . Читаем по-немецки
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 66

wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen Genauigkeit,


womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken
können, das einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg
hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes;
eben weil er die Dinge so weit und klar überschauen kann. Und
wenn solch ein Berg seine Riesenaugen öffnet, mag er wohl
noch etwas mehr sehen als wir Zwerge, die wir mit unsem blöden
Äuglein auf ihm herumklettern. Viele wollen zwar behaupten,
der Brocken sei sehr philiströse, und Claudius1 sang: “Der Blocks­
berg ist der lange Herr Philister!” Aber das ist Irrtum. Durch
seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe
bedeckt, gibt er sich zwar einen Anstrich von Philiströsität;2
aber, wie bei manchen ändern großen Deutschen, geschieht es
aus purer Ironie.Es ist sogar notorisch, daß der Brocken seine
burschikosen, phantastischen Zeiten hat, z.B. die erste Mainacht.
Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Lüfte und wird,
ebenso gut wie wir übrigen, recht echtdeutsch romantisch ver­
rückt.

B EAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wodurch ist die Stadt Göttingen berühmt?


2. Wie heißt der vorbeifließende Bach?
3. Wo studierte Heinrich Heine in Göttingen?
4. In welche vier Stände teilt H.Heine die Bewohner von
Göttingen?
5. Was ist Ilse?
1 Claudius Matthias (1740-1815) - der deutsche Dichter.
2 Durch seinen Kahlkopf... gibt er sich zwar einen Anstrich von Philiströsität
- Правда, лысина придает ему нечто филистерское.
67 HEINRIC H HEINE

6. Mit welcher Blume vergleicht H.Heine sein Herz und


warum?
7. Was ist Brocken?
8. Wie ist der Charakter von Brocken Heines Meinung nach?
9. Was geschieht auf dem Brocken in der ersten Mainacht?

IDEEN. DAS BUCH LE GRAND

Kapitel XX
Sic war liebenswürdig, und Er liebte Sie;
Er aber war nicht liebenswürdig, und Sie
liebte Ihn nicht.
(Altes Stück)

Und wegen dieser dummen Geschichte haben Sie sich


totschießen wollen? Madame, wenn ein Mensch sich totschießen
will, so hat er dazu immer hinlängliche Gründe. Darauf können
Sie sich verlassen. Aber ob er selbst diese Gründe kennt, das ist
die Frage. Bis auf den letzten Augenblick spielen wir Komödie
mit uns selber. Wir maskieren sogar unser Elend, und während
wir an einer Brustwunde sterben, klagen wir über Zahnweh.1
Madame, Sie wissen gewiß ein Mittel gegen Zahnweh?
Ich aber hatte Zahnweh im Herzen. Das ist ein schlimmstes
Übel, und da hilft sehr gut das Füllen mit Blei und das Zahnpul­
ver, das Barthold Schwarz erfunden hat.2
Wie ein Wurm nagte das Elend in meinem Herzen und nagte,
ich habe dieses Elend mit mir zur Welt gebracht. Es lag schon
mit mir in der Wiege, und wenn meine Mutter mich wiegte, so
wiegte sie es mit, und wenn sie mich in den Schlaf sang3, so
1 ...während wir an einer Brustwunde sterben, klagen wir über Zahnweh -
умирая от раны в груди, мы жалуемся на зубную боль.
2 Barthold Schwarz hat Schießpulver erfunden.
3 in den Schlaf sang - убаюкивала колыбельной.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 68

schlief es mit mir ein, und es erwachte, sobald ich wieder die
Augen aufschlug. Als ich größer wurde, wuchs auch das Elend
und wurde endlich ganz groß und zersprengte mein.
Wir wollen von ändern Dingen sprechen, vom Jungfemkranz,
von Maskenbällen, von Lust und Hochzeitfreude - lalarallala,
lalarallala, lalaral-la-la-la.

*
* *
Sie haben mich gequälet. Они меня истерзали
Geärgert blau und blaß. И сделали смерти бледней, -
Die einen mit ihrer Liebe, Одни своею любовыо,
Die ändern mit ihrem Haß. Другие враждою своей.

Sie haben das Brot mir Они мне мой хлеб


vergiftet, отравили,
Sie gossen mir Gift ins Glas, Давали мне яду с водой, -
Die einen mit ihrer Liebe, Одни своею любовыо,
Die ändern mit ihrem Haß. Другие своею враждой.

Doch sie, die mich am Но та, от которой всех


meisten больше
Gequält, geärgert, betrübt, Душа и доселе больна,
Die hat mich nie gehasset, Мне зла никогда не желала,
Und hat mich nie geliebt. И меня не любила она.

(Пер. Ап. Григорьева)

*
* *
Es stehen unbeweglich
Die Sterne in der Höh,
Viel tausend Jahr, und schauen
Sich an mit Liebesweh.
69 HEINRICH HEINE

Sie sprechen eine Sprache,


Die ist so reich, so schön;
Doch keiner der Philologen
Kann diese Sprache verstehn.

Ich aber hab sie gelernet,


Und ich vergesse sie nicht;
Mir diente als Grammatik
Der Herzallerliebsten Gesicht.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,


Die hat einen ändern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit ihr vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger


Den ersten besten Mann1,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,


Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

1 ... den ersten besten Mann - первый попавшийся.


ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 70

Emst Theodor Amadeus H OFFMANN


(1776-1822)

Nach den “Phantasiestücken in Callots Manier” (1814-15),


Ausdruck einer phantastisch-märchenhaften Romantik, gestaltete
Hoffmann in dem Roman “Die Elixiere des Teufels” (1815-16)
und in den “Nachtstücken” (1817) eine düstere Gegenwelt des
Grauenvollen und Gespenstischen. Die bedeutendste Sammlung
von Erzählungen ist “Die Serapions-Brüder” (1819-21). In seinen
Erzählungen verbinden sich klarer Stil und Wirklichkeitssinn mit
Liebe zum Grotesken und mit Kritik am deutschen Spießbür­
gertum (“Kater Murr”, 1821-22).

NUßKNACKER UND MAUSEKÖNIG (AUSZÜGE)

Pirlipats Mutter war die Frau eines Königs, mithin eine Kö­
nigin, und Pirlipat selbst in demselben Augenblick, als sie ge-
Ar

boren wurde, eine geborene Prinzessin. Der König war außer


sich vor Freude über das schöne Töchterchen, das in der Wiege
lag, er jubelte laut auf, er tanzte und schwenkte sich auf einem
Beine und schrie ein Mal über das andere: “Heisa! - hat man was
Schöneres jemals gesehen, als mein Pirlipatchen?” - Aber alle
Minister, Generale und Präsidenten und Stabsoffiziere sprangen,
wie der Landesvater, auf einem Beine herum, und schrien sehr:
“Nein, niemals!” Zu leugnen war es aber auch in der Tat gar
nicht, daß wohl, solange die Welt steht, kein schöneres Kind
geboren wurde, als eben Prinzessin Pirlipat. Ihr Gesichtchen
war wie von zarten lilienweißen und rosenroten Seidenflocken
71 E RN ST THEODOR AMADEUS HOFFMANN
---------------------------------------------------------------------------------------- ^ f

gewebt, die Äuglein lebendige funkelnde Azure, und es stand


hübsch, daß die Löckchen sich in lauter glänzenden Goldfaden
kräuselten. Dazu hatte Pirlipatchen zwei Reihen kleiner Perl-
zähnchen auf die Welt gebracht, womit sie zwei Stunden nach
der Geburt dem Reichskanzler in den Finger biß, als er die Li­
neamente näher untersuchen wollte, so daß er laut aufschrie...
Kurz, Pirlipatchen biß wirklich dem Reichskanzler in den Fin­
ger, und das entzückte Land wußte nun, daß auch Geist, Gemüt
und Verstand Pirlipats kleinem engelschönen Körperchen wohne.
- Wie gesagt, alles war vergnügt, nur die Königin war sehr äng­
stlich und unnihig, niemand wußte warum? Vorzüglich fiel es
auf, daß sie Pirlipats Wiege so sorglich bewachen ließ. Außer­
dem, daß die Türen von Trabanten besetzt waren, mußten, die
beiden Wärterinnen dicht an der Wiege abgerechnet,1 noch sechs
andere, Nacht für Nacht ringsumher in der Stube sitzen. Was
aber ganz närrisch schien, und was niemand begreifen konnte,
jede dieser sechs Wärterinnen mußte einen Kater auf den Schoß
nehmen, und ihn die ganze Nacht streicheln, daß er immerfort
zu spinnen genötigt wurde.2 Es ist unmöglich, daß ihr, lieben
Kinder, erraten könnt, warum Pirlipats Mutter all diese Anstal­
ten machte, ich weiß es aber, und will es euch gleich sagen.
- Es begab sich, daß einmal an dem Hofe von Pirlipats Vater
viele vortreffliche Könige und sehr angenehme Prinzen versam­
melt waren, weshalb es denn sehr glänzend herging, und viel
Ritterspiele, Komödien und Hofbälle gegeben wurden. Der König,
um recht zu zeigen, daß es ihm an Gold und Silber gar nicht
mangle, wollte nun einmal einen recht tüchtigen Griff in den
Kronschatz tun, und was Ordentliches daraufgehen lassen. Er
ordnete daher, zumal er von dem Oberhofküchenmeister insge­
heim erfahren, daß der Hofastronom die Zeit des Einschlach-

1 die beiden Wärterinnen dicht an der Wiege abgerechnet - ne считая двух


нянь прямо у колыбели.
2 ...daß er immerfort zu spinnen genötigt wurde - так что ему постоянно .
приходилось мурлыкать.
ЧИТА ЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 72
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faß ----------------------------------------------------

tens angekündigt, einen großen Wurstschmaus an,1*warf sich in


den Wagen, und lud selbst sämtliche Könige und Prinzen - nur
auf einen Löffel Suppe ein, um sich der Überraschung mit dem
Köstlichen zu erfreuen. Nun sprach er sehr freundlich zur Frau
Königin: “Dir ist ja schon bekannt, Liebchen! wie ich die Würste
gern habe!” - Die Königin wuß.e schon, was er damit sagen
wollte, es hieß nämlich nichts anders, als sie selbst sollte sich,
wie sie auch sonst schon getan, dem sehr nützlichen Geschäft
des Wurstmachens unterziehen. Der Oberschatzmeister mußte
sogleich den großen goldnen Wurstkessel und die silbernen Kas­
serollen zur Küche abliefern; es wurde ein großes Feuer von
Sandelholz angemacht, die Königin band ihre damastene Küchen­
schürze um, und bald dampften aus dem Kessel die süßen
Wohlgerüche der Wurstsuppe. Bis in den Staatsrat drang der
anmutige Geruch; der König, von innerem Entzücken erfaßt,
konnte sich nicht halten. “Mit Erlaubnis,2 meine Herren!” rief
er, sprang schnell nach der Küche, umarmte die Königin, rührte
etwas mit dem goldnen Szepter in dem Kessel, und kehrte dann
beruhigt in den Staatsrat zurück. Eben nun war der wichtige
Punkt gekommen, daß der Speck in Würfel geschnitten, und auf
silbernen Rosten geröstet werden sollte. Die Hofdamen traten
ab, weil die Königin dies Geschäft aus treuer Anhänglichkeit
und Ehrfurcht vor dem königlichen Gemahl allein unternehmen
wollte. Allein sowie der Speck zu braten anfing, ließ sich ein
ganz feines wisperndes Sümmchen vernehmen: “Von dem Brällein
gib mir auch, Schwester! - will auch schmausen, bin ja auch
Königin - gib mir von dem Brätlein!” - Die Königin wußte wohl,
daß es Frau Mauserinks war, die also sprach. Frau Mauserinks
wohnte schon seit vielen Jahren in des Königs Palast. Sie be­
hauptete, mit der königlichen Familie verwandt und selbst Kö­
nigin in dem Reiche Mausolien zu sein, deshalb hatte sie auch
1er ordnete dah er... einen großen Wurstschmaus an - поэтому он назначил
большой колбасный пир.
2 mit Erlaubnis, meine Herren! - позвольте, господа!
73 E RN ST THEODOR AMADEUS H O FF M AN S
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eine große Hofhaltung unter dem Herde/ Die Königin war eine
gute mildtätige Frau, wollte sie daher auch sonst Frau Mause­
rinks nicht gerade als Königin und als ihre Schwester anerken­
nen,1 sö gönnte sie ihr doch von Herzen an dem festlichen Tage
die Schmauserei, und rief: ‘ Kommt nur hervor, Frau Mause­
rinks, Ihr möget immerhin von meinem Speck genießen.” Da
kam auch Frau Mauserinks sehr schnell und lustig hervorge­
hüpft, sprang auf den Herd, und ergriff mit den zierlichen klei­
nen Pfötchen ein Stückchen Speck nach dem ändern, daß ihr
die Königin hinlangte. Aber nun kamen alle Gevattern und Muhmen
der Frau Mauserinks hervorgesprungen, und auch sogar ihre
sieben Söhne, recht unartige Schlingel, die machten sich über
den Speck her, und nicht wehren konnte ihnen die erschrockene
Königin. Zum Glück kam die Oberhofmeisterin dazu, und ver­
jagte die zudringlichen Gäste, so daß noch etwas Speck übrig­
blieb, welcher, nach Anweisung des herbei gerufenen Hofma­
thematikers sehr künstlich auf alle Würste verteilt wurdet- Pauken
und Trompeten erschallten, alle anwesenden Potentaten und
Prinzen zogen in glänzenden Feierkleidern zum Teil auf weißen
Zeltern, zum Teil in kiistallnen Kutschen zum Wurstschmause.
Der König empfing sie mit herzlicher Freundlichkeit und Huld,
und setzte sich dann, als Landesherr mit Krön und Szepter an­
getan, an die Spitze des Tisches. Schon in der Station der Le­
berwürste sah man, wie der König immer mehr und mehr er­
blaßte, wie er die Augen gen Himmel hob - leise Seufzer ent­
flohen seiner Brust - ein gewaltiger Schmerz schien in seinem
Innern zu wühlen! Doch in der Station der Blutwürste sank er
laut schluchzend und ächzend, in den Lehnsessel zurück, er hielt
beide Hände vors Gesicht, er jammerte und stöhnte. - Alles
sprang auf von der Tafel, der Leibarzt bemühte sich vergebens
des unglücklichen Königs Puls zu erfassen, ein tiefer, namen­

1 ...wollte sie daher auch sonst Frau Mauserinks nicht gerade als Königin und
als ihre Schwester anerkennen - хотя она и не хотела признавать г-жу Мау-
зеринкс королевой и своей сестрой...
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 74

loser Jammer schien ihn zu zerreißen. Endlich, endlich, nach


vielem Zureden, nach Anwendung starker Mittel, als da sind,
gebrannte Federposen und dergleichen, schien der König etwas
zu sich selbst zu kommen, er stammelte kaum hörbar die Worte:
“Zu wenig Speck.” Da warf sich die Königin trostlos ihm zu
Füßen und schluchzte: “O mein armer unglücklicher königlicher
Gemahl! - о welchen Schmerz mußten Sie dulden! - Aber seh­
en Sie hier die Schuldige zu Ihren Füßen - strafen, strafen Sie
sie hart - ach - Frau Mauserinks mit ihren sieben Söhnen, Ge­
vattern und Muhmen hat den Speck aufgefressen und - damit
fiel die Königin rücklings über in Ohnmacht. Aber der König
sprang voller Zorn auf und rief laut: “Oberhofmeisterin, wie ging
das zu?” Die Oberhofmeisterin erzählte, soviel sie wußte, und
der König beschloß Rache zu nehmen an der Frau Mauserinks
und ihrer Familie, die ihm den Speck aus der Wurst weggefres­
sen hatten. Der Geheime Staatsrat wurde berufen, man beschloß,
der Frau Mauserinks den Prozeß zu machen, und ihre sämtliche
Güter einzuziehen; da aber der König meinte, daß sie unterdes­
sen ihm doch noch immer den Speck wegfressen könnte, so
wurde die ganze Sache dem Hofuhrmacher und Arkanisten über­
tragen. Dieser Mann, der ebenso hieß, als ich, nämlich Chris­
tian Elias Droßelmeier, versprach durch eine ganz besonders
staatskluge Operation die Frau Mauserinks mit ihrer Familie auf
ewige Zeiten aus dem Palast zu vertreiben. Er erfand auch wirklich
kleine, sehr künstliche Maschinen, in die an einem Fädchen ge­
bratener Speck getan wurde, und die Droßelmeier rings um die
Wohnung der Frau Speckfresserin aufstellte. Frau Mauserinks
war viel zu weise, um nicht Droßelmeiers List einzusehen, aber
alle ihre Warnungen, alle ihre Vorstellungen halfen nichts, von
dem süßen Geruch des gebratenen Specks verlockt, gingen alle
sieben Söhne und viele, viele Gevattern und Muhmen der Frau
Mauserinks in Droßelmeiers Maschinen hinein, und wurden, als
sie eben den Speck wegnaschen wollten, durch ein plötzlich
vorfallendes Gitter gefangen, dann aber in der Küche selbst
75 E R N ST THEODOR AMADEUS HOFFMANN
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schmachvoll hingerichtet. Frau Mauserinks verließ mit ihrem


kleinen Häufchen den Ort des Schreckens. Gram, Verzweiflung,
Rache erfüllte ihre Brust. Der Hof jubelte sehr, aber die Köni­
gin war besorgt, weil sie die Gemütsart der Frau Mauserinks
kannte, und wohl wußte, daß sie den Tod ihrer Söhne und Ver­
wandten nicht ungerächt hingehen lassen würde.1 In der Tat
erschien auch Frau Mauserinks, als die Königin eben für den
königlichen Gemahl einen Lungenmus bereitete, den er sehr gern
aß, und sprach: “Meine Söhne - meine Gevattern und Muhmen
sind erschlagen, gib wohl acht, Frau Königin, daß Mausekönigin
dir nicht dein Prinzeßchen entzweibeißt - gib wohl acht.” Darauf
verschwand sie wieder, und ließ sich nicht mehr sehen, aber die
Königin war so erschrocken, daß sie den Lungenmus ins Feuer
fallen ließ, und zum zweitenmal verdarb Frau Mauserinks dem
Könige eine Lieblingsspeise, worüber er sehr zornig war. - Nun
ist’s aber genug für heute abend, künftig das übrige.”
“...Nun wißt ihr wohl, Kinder”, so fuhr der Obergerichtsrat
Droßelmeier am nächsten Abende fort, “nun wißt ihr wohl Kinder,
warum die Königin das wunderschöne Prinzeßchen Pirlipat so
sorglich bewachen ließ. Mußte sie nicht fürchten, daß Frau
Mauserinks ihre Drohung erfüllen, wiederkommen, und das Prin­
zeßchen totbeißen würde? Droßelmeiers Maschinen halfen ge­
gen die kluge und gew'itzige Frau Mauserinks ganz und gar nichts,
und nur der Astronom des Hofes, der zugleich Geheimer Oberzei­
chen- und Sterndeuter war, wollte wissen, daß die Familie des
Katers Schnurr imstande sein werde, die Frau Mauserinks von
der Wiege abzuhalten; demnach geschah es also, daß jede der
Wärterinnen einen der Söhne jener Familie, die übrigens bei Hofe
als Geheime Legationsräte angestellt waren, auf dem Schöße
halten, und durch schickliches Krauen ihm den beschwerlichen

1 ...daß sie den Tod ihrer Söhne und Verwandten nicht ungerächt hingehen
lassen würde - что она не оставит неотомщенной смерть своих сыновей и
родственников.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 76

Staatsdienst zu versüßen suchen mußte.1 Es war einmal schon


Mitternacht, als die eine der beiden Geheimen Oberwärterin­
nen, die dicht an der Wiege saßen, wie aus tiefem Schlafe auf­
fuhr. - Alles rundumher lag vom Schlafe befangen - kein Schnur­
ren - tiefe Totenstille, in der man das Picken des Holzwurms
vernahm! - doch wie wars der Geheimen Oberwärterin, als sie
dicht vor sich eine große, sehr häßliche Maus erblickte, die auf
den Hinterfüßen aufgerichtet stand, und den fatalen Kopf auf
das Gesicht der Prinzessin gelegt hatte. Mit einem Schrei des
Entsetzens sprang sie auf, alles erwachte, aber in dem Augen­
blick rannte Frau Mauserinks (niemand anders war die große
Maus an Pirlipats Wiege) schnell nach der Ecke des Zimmers.
Die Legationsräte stürzten ihr nach, aber zu spät - durch eine
Ritze in dem Fußboden des Zimmers war sie verschwunden.
Pirlipatchen erwachte von dem Rumor, und weinte sehr kläg­
lich. “Dank dem Himmel”, riefen die Wärterinnen, “sie lebt!”
Doch wie groß war ihr Schrecken, als sie hinblickten nach Pirli­
patchen, und wahmahmen, was aus dem schönen zarten Kinde
geworden. Statt des weiß und roten goldgelockten Engels­
köpfchens saß ein unförmlicher dicker Kopf auf einem winzig
kleinen zusammengekrümmten Leibe, die azurblauen Augen hat­
ten sich verwandelt in grüne hervorstehende starrblickende Augen,
und das Mündchen hatte sich verzogen von einem Ohr zum ändern.
Die Königin wollte vergehen in Wehklagen und Jammer, und
des Königs Studierzimmer mußte mit wattierten Tapeten aufge­
schlagen werden,2 weil er ein Mal über das andere mit dem
Kopf gegen die Wand rannte, und dabei mit sehr jämmerlicher
Stimme rief: “O ich unglückseliger Monarch!” - Er konnte zwar
nun einsehen, daß es besser gewesen wäre, die Würste ohne
Speck zu essen, und die Frau Mauserinks mit ihrer Sippschaft
' ...und durch schickliches Krauen ihm den beschwerlichen Staatsdienst zu
versüßen suchen mußte - и с помощью обычного поглаживания должна была
пытаться скрасить ему утомительную государственную службу.
2 ...mußte mit wattierten Tapeten aufgeschlagen werden - пришлось оббить
обоями на вате.
77 ERN ST THEODOR AMADEUS HOFFMANN
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unter dem Herde in Ruhe zu lassen, daran dachte aber Pirlipats


königlicher Vater nicht, sondern er schob einmal alle Schuld auf
den Hofuhrmacher und Arkanisten Christian Elias Droßelmeier
aus Nürnberg. Deshalb erließ er den weisen Befehl: Droßelmeier
habe binnen vier Wochen die Prinzessin Pirlipat in den vorigen
Zustand herzustellen, oder wenigstens ein bestimmtes untrügli­
ches Mittel anzugeben, wie dies zu bewerkstelligen sei, widri­
genfalls er dem schmachvollen Tode unter dem Beil des Hen­
kers verfallen sein solle. - Droßelmeier erschrack nicht wenig,
indessen vertraute er bald seiner Kunst und seinem Glück und
schritt sogleich zu der ersten Operation, die ihm nützlich schien.
Er nahm Prinzeßchen Pirlipat sehr geschickt auseinander, schrob
ihr Händchen und Füßchen ab, und besah sogleich die innere
Struktur, aber da fand er leider, daß die Prinzessin, je größer,
desto unförmlicher werden würde, und wußte sich nicht zu ra­
ten nicht zu helfen.1 Er setzte die Prinzessin behutsam wieder
zusammen, und versank an ihrer Wiege, die er nie verlassen
durfte, in Schwermut. Schon war die vierte Woche angegangen
- j a bereits Mittwoch, als der König mit zornfunkelnden Augen
hincinblickte, und mit dem Szepter drohend rief: “Christian Elias
Droßelmeier, kuriere die Prinzessin, oder du mußt sterben!”
Droßelmeier fing an bitterlich zu weinen, aber Prinzeßchen Pirlipat
knackte vergnügt Nüsse. Zum erstenmal fiel dem Arkanisten
Pirlipats ungewöhnlicher Appetit nach Nüssen, und der Um­
stand auf, daß sie mit Zähnchen zur Welt gekommen. In der Tat
hatte sie gleich nach der Verwandlung so lange geschrieen, bis
ihr zufällig eine Nuß vorkam, die sie sogleich aufknackte, den
Kern aß, und dann ruhug wurde. Seit der Zeit fanden die Wär­
terinnen nichts geraten, als ihr Nüsse zu bringen. “O heiliger
Instinkt der Natur, ewig unerforschliche Sympathie aller We­
sen”, rief Christian Elias Droßelmeier aus: “du zeigst mir die
1 ...und wuCle sich nicht zu raten nicht zu helfen - и был в полной рас
терянности.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 78

Pforte zum Geheimnis, ich will anklopfen, und sie wird sich
öffnen!” Er bat sogleich um die Erlaubnis, mit dem Hofastro­
nom sprechen zu können, und wurde mit starker Wache hingeführt.
Beide Herren umarmten sich unter vielen Tränen, da sie zärtliche
Freunde waren, zogen sich dann in ein geheimes Kabinett zurück,
und schlugen viele Bücher nach, die von dem Instinkt, von den
Sympathien und Antipathien und ändern geheimnisvollen Dingen
handelten. Die Nacht brach herein, der Hofastronom sah nach
den Sternen, und stellte mit Hilfe des auch hierin sehr geschick­
ten Droßelmeiers das Horoskop der Prinzessin Pirlipat. Das war
eine große Mühe, denn die Linien verwirrten sich immer mehr
und mehr, endlich aber - welche Freude, endlich lag es klar vor
ihnen, daß die Prinzessin Pirlipat, um den Zauber, der sie ver-
häßlicht, zu lösen, und um wieder so schön zu werden, als vorher,
nichts zu tun hätte, als den süßen Kern der Nuß Krakatuk zu
genießen.
Die Nuß Krakatuk hatte eine solche harte Schale, daß eine
achtundvierzigpfündige Kanone darüber wegfahren konnte, ohne
sie zu zerbrechen. Diese harte Nuß mußte aber von einem Manne,
der noch nie rasiert worden und der niemals Stiefeln getragen,
vor der Prinzessin aufgebissen und ihr von ihm mit geschlos­
senen Augen der Kern dargereicht werden. Erst nachdem er
sieben Schritte rückwärts gegangen, ohne zu stolpern, durfte
der junge Mann wieder die Augen erschließen. Drei Tage und
drei Nächte hatte Droßelmeier mit dem Astronomen ununter­
brochen gearbeitet und es saß gerade des Sonnabends der König
bei dem Mittagstisch, als Droßelmeier, der Sonntag in aller Frühe
geköpft werden sollte, voller Freude und Jubel hineinstürzte, und
das gefundene Mittel, der Prinzessin Pirlipat die verlorene Schön­
heit wiederzugeben, verkündete. Der König umarmte ihn mit
heftigem Wohlwollen, versprach ihm einen diamanten Degen,
vier Orden und zwei neue Sonntagsröcke. “Gleich nach Tische”,
setzte er freundlich hinzu, “soll es ans Werk gehen, sorgen Sie,
teurer Arkanist, daß der junge unrasierte Mann in Schuhen mit
79 E R N ST THEODOR AMADEUS HOFFMANN
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der Nuß Krakatuk gehörig bei der Hand sei,1 und lassen Sie ihn
vorher keinen Wein trinken, damit er nicht stolpert, wenn er
sieben Schritte rückwärts geht wie ein Krebs, nachher kann er
erklecklich saufen!” Droßelmeier wurde über diese Rede des
Königs sehr bestürzt, und nicht ohne Zittern und Zagen2 brachte
er stammelnd heraus, daß das Mittel zwar gefunden wäre, beides,
die Nuß Krakatuk und der junge Mann zum Aufbeißen der­
selben aber erst gesucht werden müßten, wobei es noch oben­
ein zweifelhaft bliebe, ob Nuß und Nußknacker jemals gefunden
werden dürften. Hocherzürnt schwang der König den Szepter
über das gekrönte Haupt, und schrie mit einer Löwenstimme:
“So bleibt es bei dem Köpfen.”3 Ein Glück war es für den in
Angst und Not versetzten Droßelmeier, daß dem Könige das
Essen gerade den Tag sehr wohl geschmeckt hatte, er mithin in
der guten Laune war, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu ge­
ben, an denen es die großmütige und von Droßelmeiers Schick­
sal gerührte Königin nicht mangeln ließ.4 Droßelmeier faßte
Mut und stellte zuletzt vor, daß er doch eigentlich die Aufgabe,
das Mittel, wodurch die Prinzessin geheilt werden könne, zu
nennen, gelöst, und sein Leben gewonnen habe. Der König nannte
das dumme Ausreden und einfältigen Schnickschnack,5 beschloß
aber endlich, nachdem er ein Gläschen Magenwasser zu sich
genommen, daß beide, der Uhrmacher und der Astronom, sich
auf die Beine machen und nicht anders als mit der Nuß Krakatuk
in der Tasche wiederkehren sollten. Der Mann zum Aufbeißen
derselben sollte, wie es die Königin vermittelte, durch mehr­
maliges Einrücken einer Aufforderung in einheimische und

1 ...gehörig bei der Hand sei - надлежащим образом был под рукой.
2 nicht ohne Zittern und Zagen - со страхом и трепетом.
5 so bleibt es bei dem Köpfen - тогда остается казнь (обезглавливание).
4 ...vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben, an denen es die großmütige
... Königin nicht mangeln ließ - прислушаться к разумным возражениям,
на которые не поскупилась великодушная королева.
5 der Schnickschnack - вздор, чепуха.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 80

auswärtige Zeitungen und Intelligenz-Blätter1 herbeigeschafft


werden.
...Droßelmeier und der Hofastronom waren schon fünfzehn
Jahre unterwegs, ohne der Nuß Krakatuk auf die Spur gekom­
men zu sein. Wo sie überall waren, welche sonderbare seltsame
Dinge ihnen widerfuhren, davon könnt ich euch, ihr Kinder, vier
Wochen lang erzählen, ich will es aber nicht tun, sondern nur
gleich sagen, daß Droßelmeier in seiner tiefen Betrübnis zuletzt
eine sehr große Sehnsucht nach seiner lieben Vaterstadt Nürn­
berg empfand. Ganz besonders überfiel ihn diese Sehnsucht, als
er gerade einmal mit seinem Freunde mitten in einem großen
Walde in Asien ein Pfeifchen Knaster rauchte... Als Droßelmeier
so sehr wehmütig klagte, wurde der Astronom von tiefem Mitleiden
ergriffen und fing so jämmerlich zu heulen an, daß man es weit
und breit in Asien hören konnte. Doch faßte er sich wieder,
wischte sich die Tränen aus den Augen und fragte: “Aber wert­
geschätzter Kollege, warum sitzen wir hier und heulen? Warum
gehen wir nicht nach Nürnberg, ist’s denn nicht gänzlich egal,
wo und wie wir die fatale Nuß Krakatuk suchen?” “Das ist
auch wahr”, erwiderte Droßelmeier getröstet. Beide standen
alsbald auf, klopften die Pfeifen aus, und gingen schnurgerade
in einem Strich fort, aus dem Walde mitten in Asien, nach Nürn­
berg. Kaum waren sie dort angekommen, so lief Drosselmeier
schnell zu seinem Vetter, dem Puppendrechsler, Lackierer und
Vergolder Christoph Zacharias Droßelmeier, den er in vielen
vielen Jahren nicht mehr gesehen. Dem erzählte nun der Uhr­
macher die ganze Geschichte,... so daß der ein Mal über das
andere die Hände zusammenschlug und voll Erstaunen ausrief:
“Ei Vetter, Vetter, was sind das für wunderbare Dinge!”
Droßelmeier erzählte weiter von den Abenteuern seiner weiten
Reise..., wie es ihm überall mißlungen sei, auch nur eine Spur
von der Nuß Krakatuk zu erhalten... Da warf Christoph Za-
1 das Intelligenz-Blatt - (i/ст.) вестник, листок объявлений (пред-
шественник газеты).
81 E R N ST THEODOR AMADEUS H O FFM ANN
^

charias Mütze und Perücke in die Höhe, umhalste den Vetter


mit Heftigkeit und rief: “Vetter - Vetter! Ihr seid geborgen, ge­
borgen seid ihr,1 sag ich, denn ... ich besitze selbst die Nuß
Krakatuk”. Er holte alsbald eine Schachtel hervor, aus der er
eine vergoldete Nuß von mittelmäßiger Größe hervorzog. “Seht”,
sprach er, indem er die Nuß dem Vetter zeigte, “seht, mit dieser
Nuß hat es folgende Bewandtnis: Vor vielen Jahren kam einst
zur Weihnachtszeit ein fremder Mann mit einem Sack voll Nüs­
sen hierher, die er feilbot. Gerade vor meiner Puppenbude ge­
riet er in Streit, und setzte den Sack ab, um sich besser gegen
den hiesigen Nußverkäufer, der nicht leiden wollte, daß der Fremde
Nüsse verkaufe, und ihn deshalb angriff, zu wehren. In dem
Augenblick fuhr ein schwer beladener Lastwagen über den Sack,
alle Nüsse wurden zerbrochen bis auf eine,2 die mir der fremde
Mann, seltsam lächelnd, für einen blanken Zwanziger vom Jahre
1720 feilbot. Ich kaufte die Nuß und vergoldete sie, selbst nicht
recht wissend, warum ich die Nuß so teuer bezahlte und dann
sie werthielt.” Jeder Zweifel, daß des Vetters Nuß wirklich die
gesuchte Nuß Krakatuk war, wurde augenblicklich gehoben, als
der herbeigerufene Hofastronom das Gold sauber abwaschte,
und in der Rinde der Nuß das Wort Krakatuk mit chinesischen
Charakteren3 eingegraben fand. Die Freude der Reisenden war
groß, und der Vetter der glücklichste Mensch unter der Sonne,
als Droßelmeier ihm versicherte, daß sein Glück gemacht sei,
da er außer einer ansehnlichen Pension alles Gold zum Vergol­
den umsonst erhalten werde.

1 geborgen seid ihr - вы спасены.


2 bis auf eine - кроме одного.
3 mit chinesischen Charakteren - китайскими буквами.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 82

B EAN TW O RTEN S IE FOLG END E F RAG EN :

1. Wer erzählte den Kindern das Märchen von dem Nußnaker?


2. Wie sah Prinzessin Pirlipat aus?
3. Was für einen Schmaus wollte ihr Vater anordnen und
was sollte die Königin selbst zubereiten?
4. Wer kam während der Zubereitung der Wurstsuppe?
5. Was machten die Mäuse?
6. Was geschah während des Wurstschmauses?
7. Warum ließ die Königin ihre Tochter so bewachen?
8. Was geschah in einer Nacht?
9. Wie sah jetzt die Prinzessin aus und was aß sie?
10. Wer erfand das Mittel, ihr zu helfen?
11. Wie lange suchten Droßelmeier und Hofastronom die Nuß
Krakatuk?
12. Wo fanden sie sie endlich?
13. Erinnern Sie sich an die Fortsetzung des Märchens.
83 GOTTFRIED KELLER

Gottfried KELLER
(1819-1890)

G.Keller verband mit der Liebe zur sinnlich-irdischen Welt


die Freude am Absonderlichen, den Humor und die Lust an über­
legener Ironie, den Humanismus im Sinne Goethes. Hauptwerke:
Roman “Der grüne Heinrich” (1855-80), “Martin Salander”
(1886), Novellen “Sieben Legenden” (1872), “Romeo und Julia
auf dem Dorfe” (1874), “Züricher Novellen” (1878).

ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE


(AUSZÜGE)

An dem schönen Flüsse, der eine halbe Stunde ernfernt an


Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle
und verliert sich, selber wohlgebaut, in der fruchtbaren Ebene.
Fern an ihrem Fuße liegt ein Dorf, welches manche große Bauern­
höfe enthält, und über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei
prächtige lange Äcker weithin gestreckt, gleich drei riesigen
Bändern nebeneinander. An einem sonnigen Septembermorgen
pflügten zwei Bauern auf zwei dieser Äcker, und zwar auf je­
dem der beiden äußersten; der mittlere schien seit langen Jah­
ren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und hoh­
em Unkraut bedeckt, und eine Welt von geflügelten Tierchen
summte ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden
Seiten hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Män­
ner von ungefähr vierzig Jahren und verkündeten auf den ersten
Blick den sicheren, gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze
Kniehosen von starkem Zwillich, an dem jede Falte ihre un­
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 84

veränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt aussah.


Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten, so
zitterten die groben Hemdsärmel von der leichten Erschütte­
rung, indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerk­
sam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hin­
schauten, die Furche bemaßen oder auch wohl zuweilen sich
umsahen, wenn ein fernes Geräusch die Stille des Landes un­
terbrach. Langsam und mit einer gewissen natürlichen Zierlich­
keit setzten sie einen Fuß um den anderen vorwärts, und keiner
sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die
stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie
einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die
ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den
ersten Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den
Zipfel seiner weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber
hinten im Nacken hängen hatte.
... So pflügten beide ruhevoll, und es war schön anzusehen in
der stillen goldenen Septembergegend, wenn sie so auf der Höhe
aneinander vorbeizogen, still und langsam, und sich mählich von­
einander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide wie
zwei untergehende Gestirne hinter der Wölbung des Hügels hin­
abgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder
zu erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so
warfen sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit
lässig kräftigem Schwünge, was aber nur selten geschah, da
derselbe schon fast mit allen Steinen belastet war, welche über­
haupt auf den Nachbaräckern zu finden gewesen. So war der
lange Morgen zum Teil vergangen, als von dem Dorfe her ein
kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches kaum zu sehen
war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das war
ein grünbemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der
beiden Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen,
gemeinschaftlich den Vormittagsimbiß heranfuhren. Für jeden
Teil lag ein schönes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne
85 GOTTFRIED KELLER

Wein mit Gläsern und noch irgendein Zutätchen in dem Wagen,


welches die zärtliche Bäuerin für den fleißigen Meister mitge­
sandt, und außerdem waren da noch verpackt allerlei seltsam
gestaltete angebissene Äpfeln und Birnen, welche die Kinder
am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem
Bein und einem verschmierten Gesicht, welche wie ein Fräulein
zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies
Fuhrwerk hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich
auf der Höhe im Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches
da am Rande des Feldes stand, und nun konnte man die beiden
Fuhrleute näher betrachten. Es war ein Junge von sieben Jah­
ren und ein Dimchen von fünfen, beide gesund und munter, und
weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß beide sehr hüb­
sche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine bräunliche
Gesichtsfarbe und ganz krause dunkle Haare, welche ihm ein
feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren
jetzt auch wieder oben angekommen, steckten den Pferden et­
was Klee vor und ließen die Pflüge in der halbvollendeten Furche
stehen, während sie als gute Nachbaren sich zu dem gemein­
schaftlichen Imbiß begaben und sich da zuerst begrüßten; denn
bislang hatten sie noch nicht gesprochen an diesem Tage.
Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen
und mit zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht
von der Stelle wichen, ließen sie ihre Blicke in der Nähe und
Feme herumschweifen und sahen das Städtchen räucherig glän­
zend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche Mittagsmahl,
welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein weithin
scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen,
welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.
„Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!“ sagte
Manz, der eine der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte:
„Gestern war einer bei mir wegen des Ackers hier.“ - „Aus
dem Bezirksrat? Bei mir ist er auch gewesen!“ sagte Manz.
„So? Und meinte wahrscheinich auch, du solltest das Land be­
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 86

nutzen und den Herren die Pacht zahlen?“ - „Ja, bis es sich
entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm an­
zufangen sei. Ich ... sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen
und den Ertrag au flleben, bis sich ein Eigentümer gefunden, was
wohl nie geschehen wird.“
... Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an:
„Schad’ ist es aber, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist
nicht zum Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so,
und keine Seele fragt darnach; denn hier im Dorf ist niemand,
der irgendeinen Anspruch auf den Acker hat.
... Hiemit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern
geendet, und sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormit­
tagsarbeit zu vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche
schon den Plan entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause
zu ziehen, zogen ihr Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Lin­
den und begaben sich dann auf einen Streifzug in dem wilden
Acker, da derselbe mit seinen Unkräutern, Stauden und Stein­
haufen eine ungewohnte und merkwürdige Wildnis darstellte.
... Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten Plätzchen
legte sich das Dimchen auf den Rücken, da es müde war, und
begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die
nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half... Die Sonne
schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund,
beleuchtete dessen blendendweiße Zähnchen und durchschim­
merte die runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und
dem Mädchen den Kopf haltend und dessen Zähnchen neu­
gierig untersuchend, rief er: „Rate, wie viele Zähne hat man?“
Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als ob es reiflich
nachzählte, und sagte dann aufs Geratewohl: „Hundert!“ -„Nein,
zweiunddreißig!“ rief er, „wart, ich will einmal zählen!“ Da zählte
er die Zähnchen des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig
herausbrachte, so fing er immer von neuem an. Das Mädchen
hielt lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam,
raffte es sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!“ ... und es
87 GOTTFRIED KELLER

zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei, eins“; denn die kleine Schöne
konnte noch nicht zählen.
... Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertiggepflügt und
in frisch duftende braune Furchen umgewandelt. Als nun, mit
der letzten Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen
halten wollte, rief sein Meister: „Was hältst du? Kehr noch ein­
mal um!“ - „Wir sind ja fertig!“ sagte der Knecht. „Halt’s Maul
und tu, wie ich dir sage!“ Und sie kehrten um und rissen eine
tüchtige Furche in den mittleren herr enlosen Acker hinein, daß
Kraut und Steine flogen.
... So ging es rasch die Höhe empor, und als man oben ange­
langt und das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappen­
zipfel des Mannes zurückwarf, pflügte auf der anderen Seite
der Nachbar vorüber, mit dem Zipfel nach vom, und schnitt eben­
falls eine ansehnliche Furche vom mittleren Acker, daß die Schol­
len nur so zur Seite flogen. Jeder sah wohl, was der andere tat,
aber keiner schien es zu sehen, und sie entschwanden sich wieder,
indem jedes Sternbild still am anderen vorüberging und hinter
diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die Weberschiffchen
des Geschickes aneinander vorbei...

Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder
größer und schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwi­
schen seinen breit gewordenen Nachbaren. Mit jedem Pflügen
verlor er hüben und drüben eine Furche, ohne daß ein Wort
darüber gesprochen worden wäre und ohne daß ein Men­
schenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden im­
mer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentli­
chen Grat auf der ganzen Länge des Ackers, und das wilde
Gesträuch darauf war schon so hoch, daß die Kinder, obgleich
sie gewachsen waren, sich nicht mehr sehen konnten, wenn
eines dies- und das andere jenseits ging. Denn sie gingen nun
nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da der zehnjährige
Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon wacker
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 88

auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das
braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dimchen war, mußte
bereits unter den Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre
es von den anderen als Bubenmädchen ausgelacht worden.
... Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der
Erlös einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung
fand an Ort und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer
einfanden außer den Bauern Manz und Marti, da niemand Lust
hatte, das seltsame Stückchen zu erstehen und zwischen den
zwei Nachbaren zu bebauen.
... Manz und Marti waren also die einzigen, welche ernstlich
auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnäckigen Über­
bieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die
Beamten und Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,
welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen
beim Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: „Du wirst
nun dein Land, das alte und das neue, wohl zusammenschlagen
und in zwei gleiche Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so
gemacht, wenn ich das Ding bekommen hätte.“ - „Ich werde es
allerdings auch tun“, antwortete Manz, „denn als ein Acker würde
mir das Stück zu groß sein. Doch was ich sagen wollte: Ich
habe bemerkt, daß du neulich noch am untern Ende dieses Ak-
kers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und ein
gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in
der Meinung, du werdest das ganze Stück an dich bringen undes
sei dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so wirst du
wohl einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht
brauchen noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn
ich den Strich wieder gradmache! Streit wird das nicht abgeben
sollen!“
Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet
hatte: „Ich sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich
denke, du hast den Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn
89 GOTTFRIED KELLER

alle gemeinschaftlich besehen, und er hat sich seit einer Stunde


nicht um ein Haar verändert!“
... „Was früher geschehen, wollen wir nicht aufrühren!
... Wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir
den krummen Zipfel da bestehen ließen. Er muß durchaus weg!“
... „Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht vor dem
Gespötte der Leute! ... Ärgert es dich, gut, so machen wir es
grad, aber nicht auf meiner Seite, das geb’ ich dir schriftlich,
wenn du willst!“
„Rede doch nicht so spaßhaft“, sagte Manz, „es wird wohl
gradgemacht, und zwar auf deiner Seite, darauf kannst du Gift
nehmen!“
„Das werden wir ja sehen und erleben!“ sagte Marti, und beide
Männer gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken.
... Von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im Prozeß
miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet
w aren.... Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in
die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern,... und bald
hatte jeder der Streitenden einen Anhang von Unterhändlern,
Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die alles bare Geld auf
hundert Wegen abzuziehen wußten.
... So ging es gewaltig rückwärts mit ihnen, und ehe zehn
Jahre vorüber, steckten sie beide von Grund aus in Schulden ...
Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde
täglich größer, da jeder den ändern als den Urheber seines Un­
sterns betrachtete, als seinen Erbfeind... Kein Glied ihres Hauses
durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des anderen ein Wort spre­
chen, bei Vermeidung der gröbsten Mißhandlung.... Die Frau
des Marti, die von guter Art war, hielt den Verfall nicht aus,
härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter vierzehn Jahre alt
war.
So war es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche
weder eine gute Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten noch
sich auch einer lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 90

als Zank und Sorge war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlim­
meren Stand als Sali, da seine Mutter tot und es einsam in einem
wüsten Hause der Tyrannei eines verwilderten Vaters anheim­
gegeben war. Als es sechzehn Jahre zählte, war es schon ein
schlank gewachsenes, ziervolles Mädchen; seine dunkelbrau­
nen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die blitzenden
braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen
des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den
frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen
Kinde ein eigentümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige
Lebenslust und Frölichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens;
es lachte und war aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter
nur im mindesten lieblich war, das heißt, wenn es nicht zu sehr
gequält wurde und nicht zuviel Sorgen ausstand.
... Sali erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn
er war nun ein hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich
zu wehren wußte und dessen äußere Haltung wenigstens eine
schlechte Behandlung von selbst unzulässig machte.
... Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war die Feind­
schaft seines Vaters gegen alles, was Marti hieß und an diesen
erinnerte. Doch wußte er nichts anderes, als daß Marti seinem
Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause ebenso
feindlich gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder
den Marti noch seine Tochter anzusehen und seinerseits auch
einen angehenden, doch ziemlich zahmen Feind vorzustellen.
Vrenchen hingegen, welches mehr erdulden mußte als Sali und
in seinem Hause viel verlassener war, fühlte sich weniger zu
einer förmlichen Feindschaft auferlegt und glaubte sich nur ver­
achtet von dem wohl gekleideten und scheinbar glücklicheren
Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er irgendwo in
der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er sich die
Mühe gab, ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen
schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und
gar nicht wußte, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und
91 GOTTFRIED KELLER

doch wunderte es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn über­


haupt von Martis gesprochen wurde, so dachte er unwillkürlich
nur an die Tochter, deren jetziges Aussehen ihm nicht deutlich
und deren Andenken ihm gar nicht verhaßt war.
... Sali lehnte ... an einem alten Scheunchen ... und schaute
unverwandt nach dem stillen wüsten Hause hinüber. Eine ge­
raume Zeit lehnte und schaute er so, als Vrenchen unter die
Haustür kam ... Als sie endlich zufällig in dieser Richtung hin­
sah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile an ... bis
sich Sali endlich aufrichtete und langsam über die Straße und
über den Hof ging, auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe
war, streckte es seine Hände gegen ihn aus und sagte: „Sali!“
Er ergriff die Hände und sah ihr immerfort ins Gesicht. Tränen
stürzten aus ihren Augen, während sie unter seinen Blicken voll­
ends dunkelrot wurde, und sie sagte: „Was willst du hier?“ -
„Nur dich sehen!“ erwiderte er, „wollen wir nicht wieder gute
Freunde sein?“ - „Und unsere Eltern?“ fragte Vrenchen, sein
weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände nicht frei
hatte, um es zu bedecken. „Sind wir schuld an dem, was sie
getan und geworden sind?“ sagte Sali, „vielleicht können wir
das Elend nur gutmachen, wenn wir zwei Zusammenhalten und
uns recht lieb sind!“ - „Es wird nie gut kommen“, antwortete
Vrenchen mit einem tiefen Seufzer, „geh in Gottes Namen dei­
ner Wege, Sali!“ - „Bist du allein?“ fragte dieser, „kann ich
einen Augenblick hineinkommen?“ - „Der Vater ist zur Stadt,
wie er sagte, um deinem Vater irgend etv/as anzuhängen; aber
hereinkommen darfst du nicht, weil du später vielleicht nicht so
ungesehen Weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und
niemand um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!“ - „Nein, so geh’
ich nicht! Ich mußte seit gestern immer an dich denken, und ich
geh’ nicht so fort, wir müssen miteinander reden, wenigstens
eine halbe Stunde lang oder eine Stunde, das wir uns guttun!“
Vrenchen besann sich ein Weilchen und sagte dann: „Ich geh’
gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du weißt welchen, wir
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 92

haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich weiß, daß
niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo
schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und
nimm dich in acht, daß dich niemand sieht! Wenn auch kein
Mensch hier mehr mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches
Gerede machen, daß es der Vater sogleich vernähme.“
... Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen
nachkam, und er an nichts anderes dachte als an sein Glück und
dessen Namen, stand es doch plötzlich und unverhofft vor ihm,
auf ihn niederlächelnd, und froh erschreckt sprang er auf. „ Vree-
li!“ rief er, und dieses gab ihm still und lächelnd beide Hände,
und Hand in Hand gingen sie nun das flüsternde Korn entlang
bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück, ohne viel zu
reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg zurück,
still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun auch
einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der
Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sicher
gehenden Pflugzüge ihrer Väter.
... „Bei Gott, Vreeli, wie schön bist du!“ Vrenchen lachte ihn
nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle eini­
ge kurze mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders
dünkten als der Gesang einer Nachtigall. „O du Hexe!“ rief er,
„wo hast du das gelernt? Welche Teufekskünste treibst du da?“
- „Ach du lieber Gott!“ sagte Vrenchen mit schmeichelnder
Stimme und nahm Salis Hand, „das sind keine Teufelskünste!
Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich habe wohl zuweilen,
wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen müssen,
aber es war nichts Rechts dabei; jetzt aber möchte ich dich
wohl immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich
möchte dich wohl immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein
bißchen recht gut?“ - О Vreeli!“ sagte er und sah ihr ergeben
und treuherzig in die Augen, „ich habe noch nie ein Mädchen
angesehen, es war mir immer, als ob ich dich einst liebhaben
müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast du mir doch
93 GOTTFRIED KELLER

immer im Sinn gelegen!“ - „Und du mir auch“, sagte Vrenchen...


- „Es ist eigentlich wahr“, sagte Sali, „daß wir uns weniger
kennen, als wenn wir uns nie gesehen hätten, so fremd hat uns
die lange Zeit gemacht, seit wir groß geworden sind!..“ - „Wenn
du eins meine Frau bist?“
... Vrenchen seufzte und sagte: „Komm, ich muß nun geh­
en!“ Und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand aus dem
Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen.
... Sie standen wie versteinert, und Marti stand erst auch da
und beschaute sie mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing
er fürchterlich an zu toben in Gebärden und Schimpfworten und
langte zugleich grimmig nach dem jungen Burschen, um ihn zu
würgen; Sali wich aus und floh einige Schritte zurück, entsetzt
über den wilden Mann, sprang aber sogleich wieder zu, als er
sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde Mädchen faßte,
ihm eine Ohrfeige gab, daß der rote Kranz herunterflog, und
seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzuziehen
und weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er ei­
nen Stein auf und schlug mit demselben den Alten gegen den
Kopf, halb in Angst um Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti
taumelte erst ein wenig, sank dann bewußtlos auf den Stein­
haufen nieder und zog das erbärmlich aufschreinde Vrenchen
mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der Hand des Be­
wußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine Bild­
säule, ratlos und gedankenlos. Das Mädchen,als es den wie tot
daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das er­
bleichende Gesicht, schüttelte sich und sagte: „Hast du ihn er­
schlagen?“ Sali nickte lautlos, und Vrenchen schrie: „O Gott, du
lieber Gott! Es ist mein Vater!..“
... Um nur etwas anzufangen, sagte endlich Sali: „Er wird
doch nicht gleich tot sein müssen? Das ist gar nicht ausgemacht!“
Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte es
auf die erblaßten Lippen, und es bewegte sich schwach. „Er
atmet noch“, rief es, „so lauf doch ins Dorf und hol Hilfe.“ Als
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 94

Sali aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach
und rief ihn zurück: „Komm aber nicht mit zurück und sage nichts,
wie es zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts
aus mir herausbringen!“ sagte es, und sein Gesicht, das cs dem
armen ratlosen Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen
Tränen. „Komm, küß mich noch einmal! Nein, geh, mach dich
fort! Es ist aus, es ist ev/ig aus, wir können nicht zusammenkom-
men!“

B EAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wo lebten die Helden dieser Erzählung?


2. Was waren die Familienväter Manz und Marti?
3. Hatten sie Kinder?
4. Charakterisieren Sie das Äußere der Kinder.
5. Wie waren die Verhältnisse zwischen den beiden Fami­
lien, als die Kinder noch klein waren?
6. Worin bestand der Grund des Streites zwischen den beiden
Bauern?
7. Wie war das Ergebnis dieses Streites?
8. Worin drückte sich die Feindschaft zwischen den beiden
Familien?
9. Wie ging es den Kindern der beiden Bauern?
10. Wie sah Vrenchen als erwachsenes Mädchen aus?
11. Wie waren die Gefühle der jungen Leute zueinander?
12. Wie reagierte Vrenchens Vater, als er seine Tochter mit
Sali sah?
13. Was unternahm der junge Mann aus Angst um Vrenchen?
14. Warum war das Mädchen verzweifelt?
95 H EINRIC H MANN

Heinrich MANN
(1871-1950)

H.Mann griff die Wilhelminische Gesellschaft mit ätzender


Schärfe an: “Professor Unrat” (1905), Trilogie “Der Kaiser­
reich” (“Der Untertan”, 1914; “Die Armen”, 1917, “Der Kopf’,
1925). In der Emigration während der Nazi-Herrschaft schrieb
er die Romane “Jugend und Vollendung des Königs Henri Quat-
re” (1935-38) u.a. H.Mann kämpfte gegen Nationalismus und
Militarismus, für demokratische, pazifistische und soziale Ziele,
wobei er besonders in der Emigration für einen “humanistischen
Sozialismus” eintrat.

DER UNTERTAN (AUSZÜGE)

...Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen


Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock,
die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg
noch jemand ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den
Anblick von Diederichs Flanellhemd beleidigt schienen. Er sei­
nerseits fand sie widerwärtig elegant. Sie unternahmen es, in
einer unverständlichen Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten,
worauf er die Achseln zuckte und die Füße in den Socken auf
die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stießen Hilfe­
rufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer selbst, aber
Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und vertei­
digte sein Recht. Ergab dem Beamten sogar zu verstehen, er
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 96

möge sich nur nicht die Zunge verbrennen,1 man könne nie wis­
sen, mit wem man es zu tun habe. Als er dann den Sieg erstrit­
ten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine
andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand,
wobei sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glän­
zend, ihre Sympathie und sprach sie an. Es stellte sich heraus,
daß sie aus Netzig war. Er nannte seinen Namen, worauf sie
frohlockte, sie seien alte Bekannte! “Nun?” Diederich betra­
chtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit dem fleischi­
gen Mund und der kleinen, frech eingedrückten Nase; das weißli­
che Haar, nett, glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten
und selbst rosigen Würstchen glichen. “Nein”, entschied er, “ken­
nen tu ich Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein
frischgewaschenes Schweinchen.” Und er griff ihr um die Taille.
Im selben Augenblick hatte er eine Ohrfeige. “Die sitzt”, sagte
er und rieb sich. “Haben Sie mehr solche zu vergeben?” - “Es
langt für alle Frechmöpse.”2 Sie lachte aus der Kehle und zwinker­
te ihn mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. “Ein Stück Wurst
können Sie haben, aber sonst nichts.” Ohne zu wollen, verglich
er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit, und er
sagte sich: “So eine könnte man getrost heiraten.” Schließlich
nannte sie selbst ihren Vornamen und als er noch immer nicht
weiterfand, fragte sie nach seinen Schwestern. Plötzlich rief er:
“Gusti Daimchen!” Und beide schüttelten sich vor Freude. “Sie
haben mir doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen in
ihrer Papierfabrik. Das vergeß ich ihnen nie, Herr Doktor! Wis­
sen Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab? Die hab ich

1 er möge sich nur nicht die Zunge verbrennen - он не хочет сболтнуть


лиш нее.
2 “Haben Sie mehr solche zu vergeben?” - “Es langt für alle Frechmöpse” -
“ И много у Вас таких в запасе?” - “Хватит на всех нахалов”.
97 HEINRICH M ANN

gesammelt, und wenn meine Mutter mir mal Geld für Knöpfe
gab, hab ich mir Bonbons gekauft.”
“Praktisch sind Sie auch!” Diederich war entzückt. “Und
dann sind Sie immer zu uns über die Gartenmauer geklettert, Sie
kleine Göre, Hosen hatten Sie meistens keine an, und wenn der
Rock raufrutschte, kriegte man hinten was zu sehen.”
Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein Gedächtnis.
“Jetzt muß es aber noch schöner geworden sein”, setzte Diederich
noch hinzu. Sie ward plötzlich ernst.
“Jetzt bin ich verlobt.”
Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstum­
mte, mit enttäuschter Miene. Dann erklärte er zurückhaltend, er
kenne Buck. Sie sagte vorsichtig: “Sie meinen wohl, er ist ein
bißchen überspannt? Aber die Bucks sind auch eine sehr feine
Familie. Naja, in anderen Familien ist wieder mehr Geld”, set­
zte sie hinzu. Hierdurch betroffen,' sah Diederich sie an. Sie
zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er hatte den Mut
verloren.
Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: “Und Ihr Herz,
Herr Doktor, ist noch frei?”
“Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.”2 Er nickte
gewichtig. “Ach! Das müssen Sie mir erzählen”, rief sie. Aber
sie fuhren schon ein. “Wir sehen uns hoffentlich bald wieder”,
schloß Diederich. “Ich kann Ihnen nur sagen, ein junger Mann
kommt manchmal in verdammt brenzliche Sachen hinein.3 Für
ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht.”
Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste
Daimchen erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber
stürzten sie herbei und halfen das Gepäck tragen. Sie erklärten
ihren Eifer, kaum daß sie mit Diederich allein waren. Guste hatte
1 hierdurch betroffen - озадаченный этим.
2 um die Verlobung bin ich noch herumgekommen - от помолвки я пока
отвертелся.
3 ...kommt manchmal in verdammt brenzliche Sachen hinein - попадает
иногда в чертовски щекотливые положения.
4 . Читаем по-немецки
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 98

nämlich geerbt, sie war Millionärin! Darum also! Er war er­


schrocken vor Hochachtung
Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter
in Magdeburg hatte Guste all das Geld vermacht, dafür, daß sie
ihn gepflegt hatte. “Und sie hat es sich verdient”, bemerkte Emmi,
“er soll zuletzt furchtbar unappetitlich gewesen sein.” Magda
setzte hinzu: “Und sonst kann man sich natürlich auch noch al­
lerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr mit ihm
allein”.
Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. “So was sagt ein
junges Mädchen nicht!” schrie er entrüstet; und als Magda be­
teuerte, das sagten auch Inge Tietz, Meta Harnisch und über­
haupt alle: “Dann fordere ich euch energisch auf, dem Gerede
entgegenzutreten.” Es entstand eine Pause; darauf sagte Emmi:
“Guste ist nämlich schon verlobt.” - “Das weiß ich”, knurrte
Diederich.
Bekannte kamen ihnen entgegen. Diederich hörte sich “Herr
Doktor” nennen, erglänzte stolz dabei und ging weiter zwischen
Emmi und Magda, die von der Seite seine neue Barttracht be­
wunderten. Zu Hause empfing Frau Heßling den Sohn mit aus­
gebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer Ver­
schmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich
nicht vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal emp­
fand er die feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal
als wirkliches Haupt der Familie ins Zimmer trat, “fertig”, mit
dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik und Fami­
lie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab Mutter
und Schwestern die Hände, allen zugleich, und sagte mit ernster
Stimme: “Ich werde mir immer bewußt bleiben, daß ich meinem
Gott für euch Rechenschaft schulde.”
Aber Frau Heßling war in Unruhe. “Bist du bereit, mein Sohn?”
fragte sie. “Unsere Leute erwarten dich.” Diederich trank sein
Bier aus und ging, an der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof
war sauber gescheuert, den Eingang der Fabrik umrahmten
99 H E IN R IC H M ANN

Kränze und beschrieben eine Schleife um die Inschrift “Willkom­


men!” Davor stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte: “Na,
guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht raufgekommen, weil ich
noch was zu tun hatte.”
“Heute hätten Sie das auch lassen können”, erwiderte Diede­
rich und ging an Sötbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal1 fand
er die Leute. Alle standen sie in einem Haufen zusammen: die
zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine, den Holländer2 und die
Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen samt den
Frauen, deren Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Män­
ner räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der
Frauen ein kleines Mädchen hinausschoben, das einen Blumen­
strauß vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme dem
Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte. Diederich nahm
mit gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu
räuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den
Leuten scharf in die Augen, allen nacheinander, auch dem
schwarzbärtigen Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes
ihm peinlich war - und begann:
“Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nun
sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt,
mal Zug in den Betrieb zu bringen.3 In der letzten Zeit, wo hier
der Herr gefehlt hat, da hat mancher von euch vielleicht ge­
dacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen.4 Das ist aber ein
gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute,
die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.”
Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter,
und dabei sah er den alten Sötbier an:

1 der Lumpensaal - зд.: склад тряпья (на фабрике по производству


бумаги).
2 der Holländer - зд.: машина для измельчения и промывания сырья, из
которого производится бумага.
3 Zug in Betrieb bringen - внести в дело свежую струю.
4 sich auf die Bärenhaut legen - бить баклуши.
4*
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 100

“Jetzt habe ich den Steuer selbst in die Hand genommen.


Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen ent­
gegen. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind
mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich bei
dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.”
Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurr­
bart sträubte sich noch höher.
“Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem
Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets
mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen. Umsturzgelüste
aber scheitern an meinem unbeugsamen Willen. Sollte sich ein
Zusammenhang irgendeines von euch -”
Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge,
der ein verdächtiges Gesicht machte.
“- mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zer­
schneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch.1 Denn für
mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines
Betriebes und Vaterlandsfeind... So, nun geht wieder an eure
Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe.”
Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem
Schwindelgefühl, das seine starken Worte ihm erregt hatten,
erkannte er kein einziges Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm,
bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter einander noch
lange stumm ansahen, bevor sie nach den Bierflaschen griffen,
die zur Feier des Tages bereitstanden.
Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine
Pläne dar. Die Fabrik war zu vergrößern, das hintere Nachbar­
haus anzukaufen. Man mußte konkurrenzfähig werden. Der Platz
an der Sonne! Der alte Klüsing, draußen in der Papierfabrik
Gausenfeid, bildete sich wohl ein, er werde ewig das ganze
Geschäft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er
denn das Geld nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das
1so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch - то между нами
все будет кончено.
101 H EIN R IC H M ANN

vorlaute Wort ab.1 “Dein Bruder weiß das besser als wir.”
Vorsichtig setzte sie hinzu: “Manches Mädchen wäre glücklich,
wenn sie sein Herz gewinnen könnte” - und sie hielt, seines
Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich er­
rötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. “Es wäre mir ja ein
so entsetzlicher Schmerz”, schluchzte sie, “wenn mein Sohn,
mein lieber Sohn aus dem Hause ginge. Für eine Witwe ist es
doppelt schwer. Die Frau Oberinspektor Daimchen kriegt es
nun auch zu fühlen, denn ihre Guste heiratet ja den Wolfgang
Buck.”
“Oder auch nicht”, sagte Emmi, die Ältere. “Denn der Wolf­
gang soll doch was mit einer Schauspielerin haben.” Frau Heßling
vergaß ganz, die Tochter zu berufen. “Aber wo doch so viel
Geld da ist! Eine Million, sagen die Leute!”
Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er,
der sei nicht normal. “Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat
doch auch schon eine Schauspielerin geheiratet.”
“Man sieht die Folgen”, sagte Emmi. “Denn von seiner
Tochter, der Frau Lauer, hat man sich allerlei erzählt.”
“Kinder!” bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich beruhigte
sie.
“Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die Schelle
umhängt.2 Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Bucks ihre
Stellung hier in der Stadt schon längst nicht mehr verdienen. Sie
sind eine verrottete Familie.” ••

“Die Frau von Moritz, dem Altesten”, sagte Magda, “ist ein­
fach eine Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist
auch schon ganz verbauert.” Emmi empörte sich.

1 ...schnitt ihr das vorlaute Wort ab - прервала ее дерзкие слова.


2 der Katze die Schelle umhängen - называть веши своими именами.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 102

*
* *
...Er schlief diese Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
die Fabrik hinunter und schlug sofort Lärm, weil noch die Bier­
flaschen von gestern umherlagen. “Hier wird nicht gesoffen,
hier ist keine Kneipe. Herr Sötbier, das steht doch wohl im Re­
giment.” - “Regiment?” sagte der alte Buchhalter. “Wir haben
gar keins.” Diederich war sprachlos; er schloß sich mit Sötbier
im Kontor ein. “Kein Regiment? Dann wundert mich allerdings
gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche Bestellungen, mit
denen Sie sich da abgeben?” - und er warf die Briefe auf dem
Pult umher. “Es scheint höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich
eingreife.1 Das Geschäft versumpft in Ihren Händen.”
“Versumpfen, junger Herr?”
“Ich bin für Sie der Herr Doktor!” Und er verlangte, daß
man einfach alle anderen Fabriken unterbieten solle.2
“Das halten wir nicht aus”, sagte Sötbier. “Überhaupt wären
wir gar nicht imstande, so große Aufträge auszuführen wie
Gausenfeid.”
“Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen wir
eben mehr Maschinen ein.”
“Das kostet Geld”, sagte Sötbier.
“Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hi­
neinbringen.3Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache
ich es allein.”
Sötbier wiegte den Kopf. “Mit Ihrem Vater, junger Herr, war
ich immer einig. Wir haben zusammen das Geschäft in die Höhe
gebracht.”
“Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein
eigener Geschäftsführer.”
1cs scheint höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife - видимо, самое
время мне вмешаться.
2 alle anderen Fabriken unterbieten - зд.: сбить цену по сравнению со
всеми другими фабриками.
3 ich werde hier Schneid hineinbringen - я внесу оживление в дела.
103 HEINRIC H M ANN

Sötbier seufzte: “Das ist die stürmische Jugend” - indes


Diederich schon die Tür zuwarf. Er durchmaß den Raum, worin
die mechanische Trommel, laut schlagend, die Lumpen in Chlor
wusch, und wollte das Zimmer des großen Kochholländers be­
treten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbärtige
Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast
hätte er dem Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit
der Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte.
Schnaufend sah er der Arbeit des Holländers zu, dem Drehen
der Walze, dem Schneiden der Messer, das den Stoff in Fasern
zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine bedienten,
nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
erschrocken war? “Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muß raus!”
Ein animalischer Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines
blonden Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Men­
schen von einer anderen Rasse, die er gern für niedriger gehal­
ten hätte und die ihm unheimlich schien. Diederich fuhr auf.
“Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!”
Da die Leute ihn nur ansahen, schrie er: “Maschinenmeister!” Und
als der Schwarzbärtige eintrat: “Sehen Sie sich die Schweinerei
mal an! Die Walze ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie
zerschneiden mir das ganze Zeug. Ich mache Sie verantwort­
lich für den Schaden!”
Der Mann beugte sich über die Maschine. “Schaden ist keiner
da”, sagte er ruhig, aber Diederich wußte schon wieder nicht,
ob er unter seinem schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des
Maschinenmeisters hatte etwas düster Höhnisches, Diederich
ertrug ihn nicht...
“Was ist denn los?” fragte Sötbier, der den Lärm gehört hatte.
Dann erklärte er dem Herrn, daß der Stoff durchaus nicht zu
kleinfaserig geschnitten werde, und daß es immer so gemacht
worden sei. Die Arbeiter nickten mit den Köpfen, der Maschinen­
meister stand gelassen dabei. Diederich fühlte sich einem Kom­
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 104

petenzstreit nicht gewachsen, er schrie noch: “Dann wird es


künftig gefälligst anders gemacht!” und kehrte plötzlich um.
Er gelangte in den Lumpensaal... Farbige Fetzen quollen aus
den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter dem
Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts
mehr zu vernehmen... Aber Diederich, der die Heizungsrohre
untersuchte, hörte etwas Verdächtiges. Er beugte sich hinter
einen Haufen Säcke - und fuhr zurück, errötet und mit zittern­
dem Schnurrbart. “Nun hört alles auf!” schrie er, “rauskom­
men!” Ein junger Arbeiter kroch hervor. “Das Frauenzimmer
auch!” schrie Diederich. “Wird’s bald?” Und als endlich das
Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. Hier
ging es ja heiter zu!1 Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe,
sondern noch ganz was anderes! “Na, Herr Sötbier, dies ist wohl
auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren
Erfolgen. Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu be­
nutzen, um sich hinter den Säcken zu amüsieren. Wie kommt der
Mann hier herein?” Es sei seine Braut, sagte der junge Mensch.
“Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt es nur Arbeiter. Ihr
beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch bezahle. Ihr seid
Schweine und außerdem Diebe. Ich schmeiß euch raus, und ich
zeig euch an wegen öffentlicher Unzucht!”2
Er sah herausfordernd umher.
“Deutsche Zucht und Sitte verlang ich hier. Verstanden?”
Da traf er den Maschinenmeister: “Und ich werde sie durch­
führen, auch wenn Sie da ein Gesicht schneiden!”3 schrie er.
“Ich habe kein Gesicht geschnitten”, sagte der Mann ruhig.
Aber Diederich war nicht länger zu halten. Endlich konnte er
ihm etwas nachweisen!

1 hier ging es ja heiter zu! - зд.: Ну и веселенькие дела здесь творились!


2 Ich zeig euch an wegen Öffentlicher Unzucht! - я подам на вас жалобу
за публичное распутство!
153 ein Gesicht schneiden - корчить рожи.
105 H E IN R IC H MANN

“Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie tun ihren
Dienst nicht, sonst hätte ich die beiden Leute nicht abgefaßt.”
“Ich bin kein Aufpasser”, warf der Mann dazwischen.
“Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten
Leute an Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten für den Umsturz!
Wie heißen Sie überhaupt?”
“Napoleon Fischer”, sagte der Mann. Diederich stockte.
“Nap-. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?”
“Jawohl.”
“Dachte ich mir. Sie sind entlassen.”
Er wandte sich nach den Leuten um: “Merkt euch das!” -
und verließ schroff den Raum. Auf dem Hof lief Sötbier ihm
nach. “Junger Herr!” Er war in großer Aufregung und wollte
nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des Privatkontors hinter
sich geschlossen hatten. “Junger Herr!”, sagte der Buchhalter,
“das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter.”1 - “Deswegen
soll er raus”, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander,
daß das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen würden.
Diederich wollte es nicht begreifen. Waren denn alle organi­
siert? Nein. Nun also. Aber, erklärte Sötbier, sie hatten Furcht
vor den Roten, sogar auf die alten Leute war kein Verlaß mehr.
“Ich schmeiß sie raus!” rief Diederich. “Samt und sonders,
mit Kind und Kegel!”2
“Wenn wir dann nur andere kriegten”, sagte Sötbier und sah
unter seinem grünen Augenschirm mit einem dünnen Lächeln
dem jungen Herrn zu, der vor Zorn gegen die Möbel anrannte.

' der Mann ist ein Organisierter = Mitglied der Gewerkschaft.


2 mit Kind und Kegel - со всей семьей, со всем скарбом.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 106

B EAN TW O RTEN SIE FO LG END E F RAG EN :

1. Wohin fuhr Diederich?


2. Wie benahm er sich im Kupee?
3. Wer wartete auf ihn am Bahnhof?
4. Was erzählten ihm seine Schwestern über Gusti Daim­
chen?
5. Warum nannten die Bekannten Diederich “Herr Doktor”?
6. Welche Fabrik gehörte der Familie Heßling?
7. Was sagte Diederich seinen Arbeitern?
8. Wie wollte er die Fabrik weiter leiten?
9. Wie verhielt sich Diederich zum Maschinenmeister?
10. Warum war es unmöglich, den Maschinenmeister zu ent­
lassen?
107 THOM AS M A N N

Thomas MANN
(1875-1955)

Der größte deutsche Romandichter der ersten Hälfte des


20. Jahrhunderts. Th.Manns Erzählweise erhält ihren Rang durch
seine geistig-bewegte, ironisch-funkelnde Sprachkunst. In seinem
ersten Monumentalwerk “Buddenbrooks” (1901) stellte er die
Grundthematik seines Werkes dar, den Gegensatz zwischen Leben
und Geist. In der Novelle “Tonio Kröger” (1903) wird die Kün-
stler-Bürger-Antinomie durch Hinwendung zum Leben versöhnt.
In der Tradition des Bildungsromans wurzelt Roman “Der Zau­
berberg” (1924). Eine Umfunktionierung des Mythos “ins Psy­
chologische und Humane” leistet Th.Mann in der mit Reflexion
und Ironie durchsetzten Joseph-Tetralogie (1934-43). Im Ro­
man “Doktor Faustus” (1947) parallelisiert die im Teufelspakt
bewältigte Situation der modernen Musik mit dem Schicksal Deut­
schlands. Zahlreiche Romane, Novellen, Essays.

BUDDENBROOKS (AUSZÜGE)

Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum


“Fünfhausen”. Er vermied es, oben herum durch die Breite Straße
zu gehen, um nicht der vielen Bekannten wegen den Hut be­
ständig in der Hand tragen zu müssen. Beide Hände in den weiten
Taschen seines warmen, dunkelgrauen Kragenmantels schritt
er ziemlich in sich gekehrt über den hartgefrorenen, kristallisch
aufblitzenden Schnee, der unter seinen Stiefeln knarrte. Er ging
seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte... Der Himmel
leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe, würzige
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 108

Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von


fünf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen.
Thomas schritt den “Fünfhausen” hinunter, er durchquerte
die Bäckergrube und gelangte durch eine schmale Querstraße
in die Fischergrube. Diese Straße, die in gleicher Richtung mit
der Mengstraße steil zur Trave hin abfiel, verfolgte ihn ein paar
Schritte weit abwärts, bis er vor einem kleinen Hause stand,
einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler Tür und
dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit Zwie­
belgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe
standen.
Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kläffen
begann wie ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Laden­
tisch stand im Gespräch mit der jungen Verkäuferin eine kleine,
dicke, ältliche Dame in türkischem Umhang. Sie wählte unter
einigen Blumentöpfen... Thomas Buddenbrook grüßte sie höflich
und trat zur Seite... Sie war eine unbegüterte Verwandte der
Langhals’,1eine gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die
den Namen einer Familie aus der ersten Gesellschaft trug, ohne
dieser Gesellschaft doch zuzugehören, die nicht zu großen Di­
ners und Bällen, sondern nur zu kleinen Kaffeezirkeln gebeten
ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt “Tante Lott-
chen” genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten Blu­
mentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas
sagte, nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme
zum Ladenmädchen: “Geben Sie m ir... ein paar Rosen, bitte...
Ja, gleichgültig. La France...”2
Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte
und verschwunden war, sagte er leiser: “So, leg nur wieder weg,
Anna... Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schwe­
ren Herzens gekommen.”

1 Die Langhals - handelnde Personen des Romans “Buddenbrooks”.


2 La France - eine Rosensorte.
109 TH OM AS M A N N

Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schli­


chten Kleide. Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine
Gaselle und besaß einen beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein
wenig hervorstehende Wangenknochen, schmale schwarze Augen
voll eines weichen Schimmers und einen mattgelblichen Teint,
wie er weit und breit nicht ähnlich zu finden war. Ihre Hände,
von derselben Farbe, waren schmal und für ein Ladenmädchen
von außerordentlicher Schönheit.
Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des
kleinen Ladens, wo man durchs Schaufenster nicht gesehen
werden konnte. Thomas folgte ihr diesseits des Tisches, beugte
sich hinüber und küßte sie auf die Lippen und die Augen.
“Du bist ganz verfroren, du Ärmster!” sagte sie.
“Fünf Grad!” sagte Tom... “Ich habe nichts gemerkt, ich ging
ziemlich traurig hierher.”
Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der
seinen und fuhr fort: “Ja, hörst du, Anna? ... heute müssen wir
nun vernünftig sein. Es ist soweit.”
“Ach Gott...!” sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und
Kummer ihre Schürze...
“Einmal mußte es doch herankommen, Anna... So! nicht
weinen! Wir wollten doch vernünftig sein, wie? - Was ist da zu
tun? Dergleichen muß durchgemacht werden.”
“Wann...?” fragte Anna schluchzend.
“Übermorgen.”
“Ach Gott... warum übermorgen? Eine Woche noch... Bit­
te!... Fünf Tage!...”
“Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in
Ordnung... Sie erwarten mich in Amsterdam... Ich könnte auch
nicht einen Tag zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!”
“Und das ist so fürchterlich weit fort...!”
“Amsterdam? Pah! gar nicht! Und denken kann man doch
immer aneinander, wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe,
sowie ich dort bin...”
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 110

“Weißt du noch...” sagte sie, “vor einundeinhalb Jahren? Beim


Schützenfest?...”
Er unterbrach sie entzückt...
“Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich für eine Ita­
lienerin... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch...
Ich habe sie noch... Ich nehme sie mit nach Amsterdam... Was
für ein Staub und eine Hitze war auf der Wiese!...”
“Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan...
Ich erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck
und Menschen...”
“Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den
Augen an, was für eine Bewandtnis es mit uns hatte?”1
“Und du wolltest mit mir Karussell fahren... aber das ging
nicht; ich mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten...”2
“Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.”
Sie sagte leise: “Und es ist auch das einzige geblieben, was
ich dir abgeschlagen habe”.
Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.
“Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man muß an­
fangen, Adieu zu sagen!”
“Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?”
“Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch,
wenn ich mich irgend losmachen kann... Aber jetzt will ich dir
eines sagen, Anna... Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist
immerhin recht weit, Amsterdam...und du bleibst hier zurück.
Aber wirf dich nicht weg, hörst du, Anna?... Denn bis jetzt hast
du dich nicht weggeworfen, das sage ich dir!”
Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors
Gesicht hielt.
“Und du?... Und du?...”

1 ...was für eine Bewandtnis es mit uns hatte - зд.: с нами случилось что-
то необыкновенное.
2 die Frau hätte gescholten - хозяйка бы бранилась.
111 THOMAS M ANN

“Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man
bleibt nicht immer jung... du bist ein kluges Mädchen, du hast
niemals etwas von Heiraten gesagt und dergleichen...”
“Nein, behüte!... daß ich das von dir verlange...”
“Man wird getragen, siehst du... Wenn ich am Leben bin,
werde ich das Geschäft übernehmen, werde eine Partie ma­
chen... ja, ich bin offen gegen dich, beim Abschied... Und auch
du... das wird so gehen... Ich wünsche dir alles Glück, meine
liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich nicht weg, hörst du?...
Denn bis jetzt hast du dich nicht weggeworfen, das sage ich
dir...!”
Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und
Blumen lag in dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die
Wintersonne sich an, unterzugehen. Ein zartes, reines und wie
auf Porzellan gemalt blasses Abendrot schmückte jenseits des
Flusses den Himmel. Das Kinn in die aufgeschlagenen Kragen
ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am Schaufenster
vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel des
kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.

* *
Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen, fragte sich Tornas
Buddenbrook, was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch
berechtige, sich auch nur ein wenig höher einzuschätzen als ir­
gendeinen seiner einfach veranlagten, biderben und kleinbür­
gerlich beschränkten Mitbürger. Die phantasievolle Schwungkraft,
der muntere Idealismus seiner Jugend war dahin. Im Spiele zu
arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit einem halb ernst, halb
spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben, denen man
nur einen Gleichniswert zuerkennt, - zu solchen heiter-skepti­
schen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel
Frische, Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fühlte
sich unaussprechlich müde und verdrossen.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 112

Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und


er wußte wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn
überhaupt, wie er bei sich hinzufügte, bei einem so mittelmäßi­
gen und niedrigen Leben von einem Höhepunkte die Rede sein
konnte, längst überschritten hatte.
Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen
sein Vermögen für stark reduziert und die Firma für im Rück­
gänge begriffen.1 Dennoch war er, sein mütterliches Erbe...,
den Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als sechs-
malhunserttausend Mark Kurant.2 Das Betriebskapital aber lag
brach seit langen Jahren;... und jetzt, in einer Zeit, da alles sich
frisch und siegesfroh regte, da seit dem Eintritt der Stadt in den
Zollverband3 kleine Krämergeschäfte imstande waren, sich bin­
nen weniger Jahre zu angesehenen Großhandlungen zu ent­
wickeln, jetzt ruhte die Finna Johann Buddenbrook, ohne irgend­
einen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit zu ziehen, und
über den Gang der Geschäfte befragt, antwortete der Chef mit
matt abwehender Handbewegung: “Ach, dabei ist nicht viel
Freude...” Ein lebhafterer Konkurrent... tat die Äußerung, daß
Thomas Buddenbrook an der Börse eigentlich nur noch dekora­
tiv wirke, und dieser Scherz, der auf das sorgfältig gepflegte
Äußere des Senators anspielte, wurde von den Bürgern als eine
unerhörte Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht.
War aber der Senator im Fortwirken für das alte Firmen­
schild, dem er ehemals mit so viel Enthusiasmus gedient hatte,...
gelähmt, so waren seinem Emporstreben im städtischen Gemein­
wesen äußere Grenzen gezogen, die unüberschreitbar waren.
1 Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen sein Vermögen
für stark reduziert und die Firma für im Rückgänge begriffen - Что касается
чисто деловой стороны, то считалось, что его состояние сильно умень­
шилось и фирма находится в упадке.
2 ...ein Mann von mehr als sechsmalhunderttausend Mark Kurant - человек,
состояние которого оценивается более чем в 600 тысяч марок.
3 Der Zollverband (Deutscher Zollverein) - wirtschaftspolitische Vereini­
gung Deutschlands unter preußischen Führung; bis 1888 schlossen sich alle deut­
schen Staaten an (seit 1871 Deutsches Zollgebiet).
113 THOMAS M ANN

Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den Senat, hatte er


auch hier erlangt, was für ihn zu erlangen war.1 Es gab nur
noch Stellungen innezuhalten und Ämter zu bekleiden, aber nichts
mehr zu erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche
Wirklichkeit, aber keine Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne
mehr. Zwar hatte er seine Macht in der Stadt umfänglicher zu
gestalten gewußt,2 als ein anderer an seiner Stelle das vermocht
hätte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu leugnen, daß er
“des Bürgermeisters rechte Hand” sei. Bürgermeister aber
konnte Thomas Buddenbrook nicht werden, denn er war Kauf­
mann und nicht Gelehrter, er hatte kein Gymnasium absolviert,
war nicht Jurist und überhaupt nicht akademisch ausgebildet. Er
aber, der von jeher seine Mußestunden mit historischer und litera­
rischer Lektüre ausgefüllt hatte, der sich seiner gesamten Umge­
bung an Geist, Verstand und innerer wie äußerer Bildung über­
legen fühlte, er verwand nicht den Ärger darüber,3daß das Fehlen
der ordnungsmäßigen Qualifikationen es ihm unmöglich machte,
in dem kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle
einzunehmen. “Wie dumm sind wir gewesen”, sagte er zu seinem
Freunde und Bewunderer Stephan Kistenmaker - aber mit dem
“wir” meinte er nur sich allein -, “daß wir so früh ins Kontor
gelaufen sind und nicht lieber die Schule beendigt haben!” Und
Stephan Kistenmaker antwortete: “Ja, da hast du wahrhaftig
recht!... Warum übrigens?”
... In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan
und keine fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedi­
gung hätte hingeben können.

1 ...was für ihn zu erlangen war - чего только он мог достичь.


2 ...hatte er seine Macht in der Stadt umfänglicher zu gestalten gewußt - ...он
сумел сделать свою власть в городе больше.
3 ...der sich seiner gesamten Umgebung ... überlegen fühlte, er verwand nicht
den Ärger darüber, daß... - который чувствовал, что превосходит все свое
окружение, ... он не испытывал досады оттого, что...
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 114

* *
Die Ehe, aus welcher der kleine Johann Buddenbrook her­
vorgegangen war, hatte, als Gesprächsgegenstand genommen,
in der Stadt niemals an Reiz verloren.1 So gewiß wie jedem der
beiden Gatten etwas Extravagantes und Rätselhaftes eigen war,
so gewiß trug diese Ehe selbst den Charakter des Ungewöhnli­
chen und Fragwürdigen.... Und in Wohn- und Schlafstuben, in
Klubs und Kasinos, ja selbst an der Börse sprachen die Leute
über Gerda und Thomas Buddenbrook desto mehr, je weniger
sie von ihnen wußten.
Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie
zueinander? Man erinnerte sich der jähen Entschlossenheit, mit
der vor achtzehn Jahren der damals dreißigjährige Thomas Bud­
denbrook zu Werke gegangen war. “Diese oder keine”, das war
sein Wort gewesen, und er mußte sich mit Gerda wohl ähnlich
verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis zu ihrem sie­
benundzwanzigsten Jahre Körbe ausgeteilt2 und diesen Bewer­
ber alsbald erhört. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in
ihrem Sinne; denn so schwer es ihnen wurde, mußten sie ein­
räumen, daß Gerdas Dreihunderttausend doch wohl nur eine
Rolle zweiten Ranges bei der Sache gespielt hatten. Allein von
Liebe wiederum, von dem, was man unter Liebe verstand, war
zwischen den beiden von Anbeginn höchst wenig zu spüren gewe­
sen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Höflichkeit in
ihrem Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz außeror­
dentliche, korrekte und respektvolle Höflichkeit, die aber unver­
ständlicherweise nicht aus inneren Femheit und Fremdheit, sondern
aus einer sehr eigenartigen, stummen und tiefen gegenseitigen
Vertrautheit und Kenntnis, einer beständigen gegenseitigen Rück­

1 Die Ehe... hatte, als Gesprächsgegenstand genommen, in der Stadt niemals


an Reiz verloren - Брак ... как повод для пересудов в городе никогда не
терял своей привлекательности.
2 Körbe ausgeteilt - отказывала (женихам).
115 THOMAS M ANN

sicht und Nachsicht hervorzugehen schien. Daran hatten die


Jahre nicht das geringste geändert. Die Änderung, die sie her­
vorgebracht hatten, bestand nur darin, daß jetzt der Altersunter­
schied der beiden, so selten geringfügig er den Jahren nach war,
anfing in auffälliger Weise hervorzutreten...
Man sah die beiden an und fand, daß dies ein stark alternder,
schon ein bißchen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur
Seite, war. Man fand, daß Thomas Buddenbrook verfallen aus­
sah - ja , dies war trotz der nachgerade ein wenig komisch wir­
kenden Eitelkeit, mit der er sich zurechtstutzte, das einzig richtige
Wort für ihn, während Gerda sich in diesen achtzehn Jahren
fast gar nicht verändert hatte. Sie erschien gleichsam konser­
viert in der nervösen Kälte, in der sie lebte und die sie ausströmte.
Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten, ihr
schönes, weißes Gesicht genau sein Ebenmaß und die Gestalt
ihre schlanke und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer et­
was zu kleinen und etwas zu nahe beieinanderliegenden brau­
nen Augen lagerten immer noch die bläulichen Schatten... Man
traute diesen Augen nicht. Sie blickten seltsam, und was etwa
in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute nicht zu ent­
ziffern. Diese Frau, deren Wesen so kühl, so eingezogen, ver­
schlossen, reserviert und ablehnend war, und die nur an ihre
Musik ein wenig Lebenswäme zu verausgaben schien1, erregte
unbestimmte Verdächte.

1 ...die nur an ihre Musik ein wenig Lebenswärme zu verausgaben schien - у


которой, казалось, находилось немного душевного тепла только для му­
зыки.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 116

BEAN TW O RTEN S IE FOLG END E FRAG EN:

1. Warum sollte Thomas Buddenbrook von Anna Abschied


nehmen?
2. Wie hat er sie kennengelernt und was war sie?
3. Wie sah Anna aus?
4. Was meinte Thomas Buddenbrook mit Worten “vernünf­
tig sein”?
5. Wie hieß die Frau von Thomas?
6. Wie sahen sie beide aus nach 18 Jahren der Ehe?
7. Warum war diese Ehe Gesprächsgegenstand in der Stadt?
8. Warum konnte Thomas Buddenbrook kein Bürgermeister
werden?
9. Wie fühlte er sich?
117 F R A N Z KAFKA

Franz KAFKA
(1883-1924)

Für Kafkas Helden gibt es keinen Ausweg aus der existen­


ziellen Verunsicherung und Angst; dies wird bestärkt durch Kafkas
Gestaltungsweise: Klarheit der einzelnen Aussagen bei wach­
sender Undurchschaubarkeit und Unwirklichkeit des Ganzen.
Erzählungen: “Der Heizer” (1913), “Die Verwandlung” (1916),
“Das Urteil” (1916), Sammelbände “Ein Landarzt” (1919), “Ein
Hungerkünstler” (1924). Drei als Fragmente hinterlassene Ro­
mane wurden von seinem Freund Max Brod entgegen Kafkas
Wunsch nach seinem Tode veröffentlicht: “Der Prozeß” (1925),
“Der Schloß” (1926), “Amerika” (1927).

EIN LANDARZT

Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand


mir bevor; ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn
Meilen entfernten Dorfe; starkes Schneegestöber füllte den weiten
Raum zwischen mir und ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großrä-
derig,1 ganz wie er für unsere Landstraßen taugt; in den Pelz
gepackt, die Instrumententasche in der Hand, stand ich reisefertig
schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd. Mein
eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der Überan­
strengung in diesem eisigen Winter, verendet2; mein Dienstmäd­
1 ...einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig - у меня был экипаж, легкий,
с большими колесами.
2 mein eigenes Pferd war ... infolge der Überanstrengung... verendet - моя
собственная лош адь околела вследствие перенапряжения.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 118

chen lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekom­


men;1 aber es war aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr
vom Schnee überhäuft, immer unbeweglicher werdend, stand
ich zwecklos da. Am Tor erschien das Mädchen, allein,
schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein Pferd her
zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand
keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an
die brüchige Tür des schon seit Jahren unbenutzten Schweine­
stalls. Sie öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu.
Wärme und Geruch wie von Pferden kam hervor. Eine trübe
Stallaterne schwankte drin an einem Seil. Ein Mann, zusam­
mengekauert in dem niedrigen Verschlag,2 zeigte sein offenes
blauäugiges Gesicht. “Soll ich anspannen?” fragte er, auf allen
vieren hervorkricchend.3 Ich wußte nichts zu sagen und beugte
mich nur, um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das
Dienstmädchen stand neben mir. “Man weiß nicht, was für Dinge
man im eigenen Hause vorrätig hat”, sagte es, und wir beide
lachten. “Holla, Bruder, holla, Schwester!” rief der Pferdeknecht,
und zwei Pferde, mächtige flankenstarke Tiere, schoben sich
hintereinander, die Beine eng am Leib, die wohlgeformten Köpfe
wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der Wendungen ihres
Rumpfes aus dem Türloch,4 das sie restlos ausfüllten. Aber gleich
standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem Körper.
“Hilf ihm”, sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht
das Geschirr des Wagens5 zu reichen. Doch kaum war es bei
ihm, umfaßt es der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es
schreit auf und flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei

1 geliehen zu bekommen - одолжить.


2 ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag - человек, скор­
чившийся в низком закутке.
3 auf dien vieren hervorkriechend - вылезая на четвереньках.
4 zwei Pferde... schoben sich hintereinander... nur durch die Kraft der Wen­
dungen ihres Rumpfes aus dem Türloch - две лошади протиснулись друг за
другом только благодаря силе поворотов своего туловища из отверстия двери.
5 das Geschirr des Wagens - упряжь повозки.
119 F R A N Z KAFKA

Zahnreihen in des Mädchens Wange. “Du Vieh”, schreie ich


wütend, “willst du die Peitsche?”, besinne mich aber gleich, daß
es ein Fremder ist; daß ich nicht weiß, woher er kommt, und
daß er mir freiwillig aushilft, wo alle anderen versagen. Als wisse
er von meinen Gedanken, nimmt er meine Drohung nicht übel,
sondern wendet sich nur einmal, immer mit den Pferden be­
schäftigt, nach mir um. “Steigt ein”, sagt er dann, und tatsäch­
lich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich,
bin ich noch nie gefahren, und ich steige fröhlich ein. “Kutschieren
werde aber ich, du kennst nicht den Weg”, sage ich. “Gewiß”,
sagt er, “ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.” - “Nein”,
schreit Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwend­
barkeit ihres Schicksals1 ins Haus; ich höre die Türkette klirren,
die sie vorlegt; ich höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie
sie überdies im Flur und weiterjagend durch die Zimmer alle
Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen. “Du fährst
mit”, sage ich zu dem Knecht, “oder ich verzichte auf die Fahrt,
so dringend sie auch ist.2 Es fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt
das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.” - “Munter!” sagt er;
klatscht in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in
die Strömung; noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter
dem Ansturm des Knechtes birst und splittert, dann sind mir
Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen gleichmäßig drin­
genden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen Augenblick,
denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof
meines Kranken,3 bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde;
der Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des
Kranken eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen;
man hebt mich fast aus dem Wagen; den verwirrten Reden ent­
1 im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals - с верным
предчувствием неотвратимости своей судьбы.
2 so dringend sie auch ist - какой бы необходимой она ни была.
3 als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof meines Kranken -
как будто непосредственно за воротами моего двора открывается двор
моего больного.
Ч И Т А Е М П О -Ч Е М Е Ц К И 120

nehme ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft kaum atem­


bar;1 der vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das
Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen. Mager,
ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd
hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen
Hals, flüstert mir ins Ohr: “Doktor, laß mich sterben”. Ich sehe
mich um; niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorge­
beugt und erwarten mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl
für meine Handtasche gebracht. Ich öffne die Tasche und suche
unter meinen Instrumenten; der Junge tastet immerfort aus dem
Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte zu erinnern; ich fasse
eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege sie wieder hin.
“Ja,” denke ich lästernd, “in solchen Fällen helfen die Götter,
schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein
zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht.”
Jetzt erst fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich
sie, wie ziehe ich sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn
Meilen von hier entfernt, unbeherrschbare Pferde vor meinem
Wagen?2 Diese Pferde, die jetzt die Riemen irgendwie gelockert
haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von außen aufstoßen;
jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt durch
den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. “Ich fahre
gleich wieder zurück”, denke ich, als forderten mich die Pferde
zur Reise auf,3 aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich
durch die Hitze betäubt glaubt,4 den Pelz mir abnimmt. Ein Glas
Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter,
die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit.
Ich schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten würde
1 im Krankenzimmer ist die Luft kaum atembar - в комнате больного
невозможно дышать.
2 unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen - в мою повозку запряжены
неуправляемые лошади.
3 als forderten mich die Pferde zur Reise auf - как будто лошади призывают
меня ехать.
4 die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt - сестра, которая
считает, что я одурманен от жары.
121 F R A N Z KAFKA

mir übel; nur aus diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die
Mutter steht am Bett und lockt mich hin; ich folge und lege,
während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den Kopf an
die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert.
Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig
schlecht durchblutet,1 von der sorgenden Mutter mit Kaffee
durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus
dem Bett zu treiben.2 Ich bin kein Weltverbesserer und ich lasse
ihn liegen. Ich bin vom Bezirk angestellt und tue meine Pflicht
bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast zu viel wird. Schlecht
bezahlt, bin ich doch freigiebig und hilfsbereit gegenüber den
Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge
recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem
endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand
im Dorf, der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich
mein Gespann ziehen; wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich
mit Säuen fahren.3 So ist es. Und ich nicke der Familie zu. Sie
wissen nichts davon, und wenn sie es wüßten, würden sie es
nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich
mit den Leuten verständigen ist schwer. Nun, hier wäre also
mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig be­
müht, daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert
mich der ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa
hingeben mußte, dieses schöne Mädchen, das jahrelang, von
mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte - dieses Opfer ist zu
groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in
meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Fami­
lie loszufahren,4 die mir ja beim besten Willen Rosa nicht zurück­
1ein wenig schlecht durchblutet - несколько нарушено кровообращение.
2 ...und am besten mit einem Stoß aus den Bett zu treiben - и лучше всего
его выкинуть из постели.
3 wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren - если бы это
случайно не оказались лошади, мне пришлось бы ехать на свиньях
4 und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie
zurechllegen, um nicht auf diese Familie loszufahren - и мне приходится временно
прибегнуть ко всей своей собранности, чтобы не наброситься на эту семью.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 122

geben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und nach
meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater schnup­
pernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir
wahrscheinlich enttäuscht-ja, was erwartet denn das Volk? -,
tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein schwer
blutiges Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter
Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist.1
Ich gehe zu ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm
etwa die allerstärkste Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde
- und nun finde ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten
Seite, in der Hüftengegend hat sich eine handtellergroße Wunde
aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen,2 dunkel in der Tiefe,
hellwerdend zu den Rändern, zartkömig, mit ungleichmäßig sich
aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus
der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung.
Wer kann das ansehen, ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke
und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und
außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde fest­
gehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht.
Armer Junge, dir ist nicht zu helfen.3 Ich habe deine große Wunde
aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.
Die Familie ist glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; die Schwester
sagt’s der Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen Gäs­
ten, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen ba­
lancierend, durch den Mondschein der offenen Tür hereinkom­
men. “Wirst du mich retten?” flüstert schluchzend der Junge,
ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die
Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt ver­
langen. Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt
zu Hause und zerzupft die Meßgewänder,4 eines nach dem ändern;
1...bin ich irgendwie bereit, unter Umständen zuzugeben - я в какой-то сте­
пени, при определенных обстоятельствах, готов признать...
2 rosa, in vielen Schattierungen - розовая, со множеством оттенков.
3 dir ist nicht zu helfen - тебе нельзя помочь.
4 ...zerzupft die Meßgewänder - разрывает церковное облачение на мел­
кие клочки.
123 F R A N Z KAFKA

aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen
Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; ver­
braucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit
mir geschehen;1 was will ich Besseres, alter Landarzt, meines
Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die
Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer
an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache
Melodie auf den Text:

“Entkleidet ihn, dann wird er heilen,


Und heilt er nicht, so tötet ihn!
‘s ist nur ein Arzt, ‘s ist nur ein Arzt.”

Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit
geneigtem Kopf die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt
und allen überlegen2 und bleibe es auch, trotzdem es mir nicht
hilft, denn jetzt nehmen sie mich beim Kopf und bei den Füßen
und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der Wunde
legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird
zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond;
warm liegt das Bettzeug um mich; schattenhaft schwanken die
Pferdeköpfe in den Fensterlöchern. “Weißt du”, höre ich, mir
ins Ohr gesagt, “mein Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja
auch nur irgendwo abgeschüttelt,3 kommst nicht auf eigenen
Füßen. Statt zu helfen, engst du mir mein Sterbebett ein. Am
liebsten kratzte ich dir die Augen aus.” - “Richtig”, sage ich,
“es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was soll ich tun?
Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.” - “Mit dieser Ent­
schuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer
muß ich mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf

1 ...lasse ich auch das mit mir geschehen - с этим я тоже примирюсь.
2 ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen - я совершенно собран и
чувствую свое превосходство.
3 du bist ja auch nur irgendwo abgeschüttelt - от тебя где-то там отделались.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 124

die Welt; das war meine ganze Ausstattung.” - “Junger Freund”,


sage ich, “dein Fehler ist: du hast keinen Überblick. Ich, der ich
schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage
dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei
Hieben der Hacke geschaffen.”1 - “Ist es wirklich so oder täu­
schest du mich im Fieber?” - “Es ist wirklich so, nimm das Ehren­
wort eines Amtsarztes mit hinüber.” Und er nahm’s und wurde
still. Aber jetzt war es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch
standen treu die Pferde an ihren Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche
waren schnell zusammengerafft; mit dem Ankleiden wollte ich
mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie auf der Her­
fahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines.
Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den
Ballen in den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit einem Ärmel
hielt er sich an einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang mich
aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd kaum mit
dem ändern verbunden... “Munter!” sagte ich, aber munter ging’s
nicht; langsam wie alte Männer zogen wir durch die Schnee­
wüste; lange klang hinter uns der neue, aber irrtümliche Gesang
der Kinder:

“Freuet euch, ihr Patienten,


Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!”

Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis


ist verloren; ein Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen,
denn er kann mich nicht ersetzen; in meinem Hause wütet der
eckle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer; ich will es nicht aus­
denken. Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters
ausgesetzt,2 mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe

1im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen - это получилось
от двух ударов киркой под острым углом.
2 nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt... - нагой,
незащищенный от стужи этого злосчастнейшего столетия...
125 F R A N Z KAFKA

ich mich alter Mann umher. Mein Pelz hängt hinten am Wagen,
ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem bewegli­
chen Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betro­
gen! Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist
niemals gutzumachen.

B E A N T W O R T E N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wie meinen Sie: darf man diese Erzählung eine realis­


tische nennen?
2. Was ruft das Gefühl der Irrealität hervor?
3. Finden Sie im Text der Erzählung Beispiele des Irrealen.
4. Gibt es im Sujet eine Logik?
5. Welchen Eindruck macht die Erzählung auf einen Leser?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 126

Rainer Maria RILKE


(1875-1926)

Die Auseinandersetzung mit sozialer Realität, die in frühe­


ren Erzählungen angebahnt wurde, trat im Spätwerk in den Hinter­
grund zugunsten einer ästhetischen und ontologischen Daseins­
bejahung. Die “Duineser Elegien” (1923) und die “Sonette an
Orpheus” (1923) versuchen trotz der Katastrophe des Welt­
krieges die innere Einheit aufrechtzuhalten. Rilke erweiterte die
Möglichkeiten sprachlichen Nuancierung bis an die Grenze des
Sagbaren. Gedichte, Erzählungen, Essays.

WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM

Ich habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das


ist ein blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie som­
mers, hart am Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in
seinem lauschenden Gesicht ist manchmal etwas Knabenhaf­
tes. Aber es gibt auch Tage, da er altert, die Minuten gehen wie
Jahre über ihn, und plötzlich ist er ein Greis, dessen matte Au­
gen das Leben fast schon losgelassen haben. Wir kennen uns
lang. Erst haben wir uns immer angesehen, später lächelten wir
unwillkürlich, ein Jahr lang grüßten wir einander, und seit Gott
weiß wann erzählen wir uns das Eine und das Andere, wahllos,
wie es eben passiert. “Guten Tag”, rief er, als ich vorüberkam
und sein Fenster war noch offen in den reichen und stillen Herbst
hinaus. “Ich habe Sie lange nicht gesehen.”
127 R A IN E R M A R IA RILK E

“Guten Tag, Ewald Ich trat an sein Fenster, wie ich im­
mer zu tun pflegte,1 im Vorübergehen. “Ich war verreist”. “Wo
waren Sie?” fragte er mit ungeduldigen Augen. “In Rußland”.
“Oh so weit -” er lehnte sich zurück, und dann: “Was ist das für
ein Land, Rußland? Ein sehr großes, nicht wahr?” “Ja”, sagte
ich, “groß ist es und außerdem -” “Habe ich dumm gefragt?”
lächelte Ewald und wurde rot. “Nein, Ewald, im Gegenteil. Da
Sie fragen: was ist das für ein Land? wird mir verschiedenes
klar. Zum Beispiel woran Rußland grenzt.” “Im Osten?” warf
mein Freund ein. Ich dachte nach: “Nein”. “Im Norden?” for­
schte der Lahme. “Sehen Sie”, fiel mir ein, “das Ablesen von
der Landkarte hat die Leute verdorben. Dort ist alles plan und
eben, und wenn sie die vier Weltgegenden bezeichnet haben,
scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein Atlas. Es
hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten an
etwas stoßen.” “Hm -” überlegte mein Freund, “Sie haben recht.
Woran könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?” Plöt­
zlich sah der Kranke wie ein Knabe aus. “Sie wissen es”, rief
ich. “Vielleicht an Gott?” “Ja”, bestätigte ich, “an Gott.” “So” -
nickte mein Freund ganz verständnisvoll. Erst dann kamen ihm
einzelne Zweifel: “Ist denn Gott ein Land?” “Ich glaube nicht”,
erwiderte ich, “aber in den primitiven Sprachen haben viele Dinge
denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich, das heißt Gott, und
der es beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker können ihr
Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind groß
und gütig, furchtbar und groß”.
“Ich verstehe”, sagte langsam der Mann am Fenster. “Und
merkt man in Rußland diese Nachbarschaft?” “Man merkt sie
bei allen Gelegenheiten. Der Einfluß Gottes ist sehr mächtig.
Wie viel man auch aus Europa bringen mag,2 die Dinge aus
dem Westen sind Steine, sobald sie über die Grenze sind. Mit­
1 Wie ich immer zu tun pflegte - как я всегда делал.
2 wie viel man auch aus Europa bringen mag - как бы много ни привозили
из Европы.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 128

unter kostbare Steine, aber eben nur für die Reichen, die soge­
nannten “Gebildeten”, während von drüben aus dem anderen
Reich das Brot kommt, wovon das Volk lebt.” “Das hat das
Volk wohl im Überfluß?” Ich zögerte: “Nein, das ist nicht der
Fall,1 die Einfuhr aus Gott ist durch gewisse Umstände er­
schwert.” Ich suchte ihn von diesem Gedanken abzubringen. “Aber
man hat vieles aus den Gebräuchen jener breiten Nachbarschaft
angenommen. Man spricht zu dem Zaren ähnlich wie zu Gott.”
“So, man sagt also nicht: Majestät?” “Nein, man nennt beide
Väterchen.”2 “Und man kniet vor beiden?” “Man wirft sich vor
beiden nieder, fühlt mit der Stirn den Boden und weint und sagt:
“Ich bin sündig, verzeih mir, Väterchen”. Die Deutschen, welche
das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige Sklaverei. Ich den­
ke anders darüber. Was soll das Knien bedeuten? Es hat den
Sinn zu erklären: Ich habe Ehrfurcht. Dazu genügt es auch, das
Haupt zu entblößen, meint der Deutsche. Nun ja, der Gruß, die
Verbeugung, gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür,
Abkürzungen, die entstanden sind in den Ländern, wo nicht so­
viel Raum war, daß jeder sich hätte niederlegen können auf die
Erde. Aber Abkürzungen gebraucht man bald mechanisch und
ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu werden. Deshalb ist es
gut, wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde auszu­
schreiben,3 das ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.”
“Ja, wenn ich könnte, würde ich auch niederknien”, träumte
der Lahme. “Aber es kommt” - fuhr ich nach einer Pause fort
- “in Rußland auch vieles andere von Gott. Man hat das Gefühl,
jedes Neue wird von ihm eingeführt, jedes Kleid, jede Speise,
jede Tugend und sogar jede Sünde muß erst von ihm bewilligt
werden, ehe sie in Gebrauch kommt.” Der Kranke sah mich
fast erschrocken an. “Es ist nur ein Märchen, auf welches ich

1 das ist nicht der Fall - это не так.


2 Väterchen - батюшка.
3 wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde auszuschreiben - зд.: где
есть еще место и время для того, чтобы выразить жестами...
129 R A IN E R M A R IA R IL K E

mich berufe”, eilte ich ihn zu beruhigen, “eine sogenannte Byli-


na, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will Ihnen kurz den Inhalt
erzählen. Der Titel ist: ‘Wie der Verrat nach Rußland kam’.”
Ich lehnte mich ans Fenster, und der Gelähmte schloß die Au­
gen, wie er gerne tat, wenn irgendwo eine Geschichte begann.
“Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten
Tribut auferlegen1 und drohte ihnen mit einem großen Krieg,
falls sie nicht Gold nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken
würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie Rat gepflogen hatten,
wie ein Mann: “Wir geben dir drei Rätselfragcn auf. Komm an
dem Tage, den wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen
Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns die drei
Lösungen. Sobald sie richtig sind, geben wir dir die zwölf Ton­
nen2 Goldes, die du von uns verlangst.” Zuerst dachte der Zar
Iwan Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen Glok-
ken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten
und Räte vor sich, und jeden, der die Fragen nicht beantworten
konnte, ließ er auf den großen, roten Platz führen, wo gerade
die Kirche für Wassilij, den Nackten, gebaut wurde,1 und ein­
fach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung verging ihm die
Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach dem
Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten.
Er wußte auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern,4 aber
der Ritt war lang, und es war immer noch die Möglichkeit, einem
Weisen zu begegnen: denn damals waren viele Weisen unter­
wegs auf der Flucht, da alle Könige die Gewohnheit hatten, ih­
nen den Kopf abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht weise
genug schienen. Ein solcher kam ihm nun allerdings nicht zu

1der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut auferle-
gen - грозный царь Иван захотел наложить дань на соседних князей.
2 die Tonne - бочка, бадья.
3 wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten, gebaut wurde - где как раз
строился храм Василия Блаженного.
4 er wußte auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern - он ничего не мог
ответить ни на один из трех вопросов.

5. Ч итаем п о -н ем ец к и
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 130

Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen alten, bärtigen Bauer,


welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt,
den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzule­
gen.1Da war es nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer
immer wieder von der Kirche herunterstieg, um von den schmalen
Latten, welche unten aufgeschichtet waren, jede einzeln zu holen,
statt viele auf einmal in seinem langen Kaftan mitzunehmen. Er
mußte so beständig auf- und niederklettem, und es war gar nicht
abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle vielhun-
dert Latten an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb
ungeduldig: “Dummkopf’, schrie er (so nennt man in Rußland
meistens die Bauern), “du solltest dich tüchtig beladen mit deinem
Holz und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei weitem
einfacher.” Der Bauer, der gerade unten war, blieb stehen, hielt
die Hand über die Augen und antwortete: “Das mußt du schon
mir überlassen, Zar Iwan Wassiljewitsch, jeder versteht sein
Handwerk am besten; indessen, weil du schon hier vorüberrei­
test, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du am
weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen
müssen”. Und er schärfte ihm die drei Antworten der Reihe
nach ein.2 Der Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen,
zu danken. “Was soll ich dir geben zum Lohne?” fragte er end­
lich. “Nichts”, sagte der Bauer, holte eine Latte und wollte auf
die Leiter steigen. “Halt”, befahl der Zar, “das geht nicht an, du
mußt dir etwas wünschen.” “Nun, Väterchen, wenn du befiehlst,
gib mir eine von den zwölf Tonnen Goldes, welche du von den
Fürsten im Orient erhalten wirst.” “Gut -”, nickte der Zar. “Ich
gebe dir eine Tonne Goldes.” Dann ritt er eilends davon, um die
Lösungen nicht wieder zu vergessen.

1 er war schon dabei angelangt, den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen
Latten darüberzulegen - зд.: он уже сделал стропила купола и теперь
покрывал их маленькими рейками.
2 und er schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein - зд.: и он назвал
ему по порядку три ответа.
131 R A IN E R M ARIA RILK E

Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen


war aus dem Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast,
mitten im fünftorigen Kreml ein und schüttete eine Tonne nach
der anderen auf die glänzenden Dielen des Saales aus, so daß
ein wahrer Berg aus Gold entstand, der einen großen schwarzen
Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte der Zar
auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder füllen,
aber es tat ihm leid, soviel Geld von dem herrlichen Haufen
wieder fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er in den Hof
hinunter, schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu drei Vier­
teilen voll war, kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold
über den Sand und schickte die Tonne mit dem nächsten Mor­
gen durch einen Boten in die Gegend des weiten Rußland, wo
der alte Bauer seine Kirche baute. Als dieser den Boten kom­
men sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange nicht fer­
tig war, und rief: “Du mußt nicht näher kommen, mein Freund,
reise zurück samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und
ein knappes Viertel Gold enthält; ich brauche sie nicht. Sage
deinem Herrn, bisher hat es keinen Verrat in Rußland gegeben.
Er aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken sollte, daß er
sich auf keinen Menschen verlassen kann; denn er hat nunmehr
gezeigt, wie man verrät, und von Jahrhundert zu Jahrhundert
wird sein Beispiel in ganz Rußland viele Nachahmer finden. Ich
brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben. Ich erwartete
nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er aber
hat mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen
Zaren Iwan Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau
sitzt mit seinem bösen Gewissen und in einem goldenen Kleid.”
Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals
um: der Bauer und seine Kirche waren verschwunden. Und auch
die aufgeschichteten Latten lagen nicht mehr da, es war alles
leeres, flaches Land. Da jagte der Mann entsetzt zurück nach
Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und erzählte ihm ziem­
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 132

lieh unverständlich, was sich begeben hatte, und daß der ver­
meintliche Bauer niemand anderes gewesen sei, als Gott selbst.”
“Ob er wohl recht gehabt hat damit?” meinte mein Freund
leise, nachdem meine Geschichte verklungen war.
“Vielleicht -”, entgegnete ich, “aber wissen Sie, das Volk ist
- abergläubisch - indessen, ich muß jetzt gehen, Ewald.”
“Schade”, sagte der Lahme aufrichtig. “Wollen Sie mir nicht
bald wieder eine Geschichte erzählen?” “Gerne - , aber unter
einer Bedingung.” Ich trat noch einmal an das Fenster heran.
“Nämlich?” staunte Ewald. “Sie müssen alles gelegentlich den
Kindern in der Nachbarschaft weitererzählen”, bat ich. “Oh,
die Kinder kommen jetzt so selten zu mir.” Ich vertröstete ihn:
“Sie werden schon kommen. Offenbar haben Sie in der letzten
Zeit nicht Lust gehabt, ihnen etwas zu erzählen, und vielleicht
auch keinen Stoff, oder zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine
wirkliche Geschichte weiß, glauben Sie, das kann verborgen
bleiben? Bewahre, das spricht sich herum, besonders unter den
Kindern!”
“Auf Wiedersehen.” Damit ging ich.
Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben
Tage gehört.

BEANTW O RTEN SIE FOLGENDE FRAG EN :

1. Wem erzählte der Autor seine Geschichte?


2. An welches Land oben grenzt seiner Meinung nach Ruß­
land?
3. Wie spricht man in Rußland zu dem Zaren und zu Gott?
4. Was wollte einmal Zar Iwan tun?
5. Welche Bedingung stellten ihm die Fürsten?
133 R A IN E R M A R IA RILK E

6. Wußte Zar Iwan Antworten auf ihre Rätsel?


7. Wo sollte er sich mit den Fürsten treffen, um ihre Rätsel
zu beantworten?
8. Wem begegnete er unterwegs?
9. Was machte der alte Bauer?
10. Welche Belohnung wollte er bekommen?
11. Was schickte ihm Zar Iwan?
12. Wer war Ihrer Meinung nach dieser alte Bauer?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 134

Robert MUSIL
(1880-1942)

Musils Hauptwerk, der Roman “Der Mann ohne Eigen­


schaften” (1930-33, herausgegeben 1952) entwirft ein Kalei­
doskop der untergangsreifen österreichisch-ungarischen Mo­
narchie des Vorkriegsjahres 1913 und darüber hinaus des mo­
ralischen Weltzustandes der Gegenwart überhaupt. Die
Hauptpersonen sind den Wirklichkeitsmenschen als “Möglich­
keitsmenschen” gegenübergestellt, die in ihrem Wesen nicht
verhärtet sind. Außerdem Erzählungen, Dramen, Essays, Tage­
bücher.

EIN MENSCH OHNE CHARAKTER

Man muß heute Charaktere wohl mit der Laterne suchen


gehn; und wahrscheinlich macht man sich noch dazu lächerlich,
wenn man bei Tage mit einem brennenden Licht umhergeht. Ich
will also die Geschichte eines Mannes erzählen, der immer
Schwierigkeiten mit seinem Charakter gehabt hat, ja, einfach
gesagt, der überhaupt nie einen Charakter hatte; doch bin ich in
Sorge, daß ich vielleicht bloß seine Bedeutung nicht rechtzeitig
erfaßt habe und ob er nicht am Ende so etwas wie ein Pionier
oder Vorläufer ist.
Wir waren Nachbarskinder. Wenn er irgendeine der Klei­
nigkeiten angestellt hatte, die so schön sind, daß man sie nicht
gern erzählt, pflegte seine Mutter zu seufzen, denn die Prügel,
die sie ihm gab, strengten sie an. “Junge”, jammerte sie, “du
hast nicht die Spur von Charakter; was mag aus dir noch wer-
135 R O B E R T M USIL

den!?” In schweren Fällen wurde aber der Herr Vater zu Rate


gezogen, und dann hatten die Prügel eine gewisse Feierlichkeit
und eine ernste Würde, ungefähr wie ein Schulfest. Vor Beginn
mußte mein Freund dem Herrn Oberrechnungsrat eigenhändig
einen Rohrstab holen, der im Hauptberuf dem Ausklopfen der
Kleider diente und von der Köchin verwahrt wurde; während
nach Schluß der Sohn die Vaterhand zu küssen und, mit Dank
für die Zurechtweisung, um Verzeihung für die Sorgen zu bitten
hatte, die er seinen lieben Eltern verursachte. Mein Freund machte
es umgekehrt. Er bettelte und heulte vor Beginn um Verzeihung,
und setzte das von einem Schlag zum ändern fort; wenn alles
aber einmal vorbei war, brachte er kein Wort mehr hervor, war
blaurot im Gesicht, schluckte Tränen und Speichel und suchte
durch emsiges Reiben die Spuren seiner Empfindungen zu be­
seitigen. “Ich weiß nicht”, - pflegte dann sein Vater zu sagen -
“was aus dem Jungen noch werden soll; der Bengel hat absolut
keinen Charakter!”
So war in unserer Jugend Charakter das, wofür man Prügel
bekommt, obgleich man es nicht hat. Es schien eine gewisse
Ungerechtigkeit darin zu stecken. Die Eltern meines Freundes
behaupteten, wenn sie von ihm Charakter verlangten und aus­
nahmsweise einmal zu Erklärung griffen, Charakter sei das be­
griffliche Gegenteil von schlechten Zeugnissen, geschwänzten
Schulstunden, an Hundeschwänze gebundenen Blechtöpfen,
Geschwätz und heimlichen Spielen während des Unterrichts,
verstockten Ausreden, zerstreutem Gedächtnis und unschuldi­
gen Vögeln, die ein gemeiner Schütze mit der Schleuder ge­
schossen hat. Aber das natürliche Gegenteil von alledem waren
doch schon die Schrecknisse der Strafe, die Angst vor Entdek-
ung und die Qualen des Gewissens, welche die Seele mit jener
Reue peinigen, die man empfinden könnte, wenn die Sache schief­
ginge. Das war komplett; für einen Charakter ließ es keinen
Platz und keine Tätigkeit übrig, er war vollkommen überflüssig.
Dennoch verlangte man ihn von uns.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 136

Vielleicht hätte es uns einen Anhaltspunkt bieten sollen,1 was


zuweilen während der Strafen erläuternd zu meinem Freun­
de gesprochen wurde, wie: “Hast du denn gar keinen Stolz,
Bube?!” - oder: “Wie kann man bloß so niederträchtig lügen?!”
- Aber ich muß sagen, daß es mir auch heute noch schwerfällt,
mir vorzustellen, daß einer stolz sein soll, wenn er eine Ohrfeige
bekommt, oder wie er seinen Stolz zeigen soll, während er übers
Knie gelegt wird. Wut könnte ich mir vorstellen; aber die sollten
wir ja gerade nicht haben! Und ebenso verhält es sich mit dem
Lügen;2 wie soll man denn lügen, wenn nicht niederträchtig?
Etwa ungeschickt? Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir
selbst heute noch so vor, als ob man damals am liebsten von uns
Buben gefordert hätte, wir sollten aufrichtig lügen. Das war
aber eine Art doppelter Anrechnung:3 erstens, du sollst nicht
lügen; zweitens, wenn du jedoch schon lügst, dann lüge wenig­
stens nicht verlogen.4 Vielleicht müssen erwachsene Verbrecher
so unterscheiden können, da man es ihnen in den Gerichtssälen
immer als besondere Bosheit ankreidet,5 wenn sie ihre Verbre­
chen kaltblütig, vorsichtig und mit Überlegung begehen; aber von
Buben war das entschieden zuviel verlangt. Ich fürchte, ich habe
bloß deshalb keine so auffallenden Charaktermängel gezeigt wie
mein Freund, weil ich nicht so sorgfältig erzogen wurde.
Am einleuchtendsten von allen elterlichen Aussprüchen, die
sich mit unserem Charakter befaßten, waren noch die, welche
sein bedauerliches Fehlen mit der Warnung in Zusammenhang
brachten,6 daß wir ihn einst als Männer vonnöten haben wer­
1 Vielleicht hätte es uns einen Anhaltspunkt bieten sollen - вероятно,
отправной точкой для нас должно было послужить.
2 und ebenso verhält es sich mit dem Lügen - точно так же обстоит дело
и с ложью.
3 eine Art doppelter Anrechung - своего рода двойная бухгалтерия.
4 dann lüge wenigstens nicht verlogen - то лги, по крайней мере, не лживо.
5 da man es ihnen in den Gerichtssälen immer als besondere Bosheit ankrei­
det - когда в зале суда им ставится в вину как особо злостный поступок.
5 welche sein bedauerliches Fehlen mit der Warnung in Zusammenhang brachten
- которые связывали его прискорбное отсутствие с предостережением
о том, что...
137 R O B E R T M U SIL

den. “Und ein solcher Junge will ein Mann werden!?” hieß es
ungefähr. Sah man davon ab, daß die Sache mit dem Wollen
nicht ganz klar war, so bewies das übrige wenigstens, daß Cha­
rakter etwas sei, das wir erst später brauchen sollten; wozu
also dann jetzt schon die überfasteten Vorbereitungen? Dies wäre
ganz das gewesen, was auch wir meinten.

Obzwar mein Freund also damals keinen Charakter besaß,


so vermißte er ihn doch nicht. Das kam erst später und begann
zwischen unserem sechzehnten und siebzehnten Jahr. Da fin­
gen wir an, ins Theater zu gehen und Romane zu lesen. Von
dem Gehirn meines Freundes,1 das die irreführenden Verlockun­
gen der Kunst lebhafter als das meine aufnahm, ergriffen der
Intrigant der städtischen Theater, der zärtliche Vater, der hel­
dische Liebhaber, die komische Person, ja sogar die teuflische
Salonschlange2 und die bezaubernde Naive Besitz. Er redete
nur noch in falschen Tönen, hatte aber plötzlich alles an Charakter
in sich, was es auf der deutschen Bühne gibt. Wenn er etwas
versprach, konnte man nie wissen, ob man sein Ehrenwort als
Held oder als Intrigant besaß; es geschah, daß er heimtückisch
begann und aufrichtig endete, wie auch umgekehrt; er empfing uns
Freunde polternd, um uns plötzlich mit dem eleganten Lächeln des
Bonvivants Platz und Schokoladebonbons anzubieten, oder
umarmte uns väterlich und stahl dabei die Zigaretten aus unserer
Tasche.
Doch war das harmlos und offen im Vergleich mit den Wirkun­
gen des Romanelesens. In den Romanen finden sich die wun­
dervollsten Verhaltungsweisen für unzählige Lebenslagen be­
schrieben.3 Der große Nachteil ist aber der, daß sich die Le-
1 von dem Gehirn meines Freundes ... ergriffen Besitz - мозгом моего друга
владели...
2 die teuflische Salonschlange - демоническая женщина, женщина-вамп.
3 in den Romanen finden sich die wundervollsten Verhaltungsweisen für un­
zählige Lebenslagen beschrieben - в романах описываются удивительнейшие
типы поведения для бесчисленных жизненных ситуаций.
ЧИТА ЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 138
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benslagen, in die man gerät, niemals ganz mit denen decken,1


für die in den Romanen vorgesehen ist, was man zu tun und zu
sagen hat. Die Weltliteratur ist ein ungeheures Magazin, wo
Millionen Seelen mit Edelmut, Zorn, Stolz, Liebe, Hohn, Eifer­
sucht, Adel und Gemeinheit bekleidet werden. Wenn eine ange­
betene Frau unsere Gefühle mit Füßen tri tt,2 so wissen wir, daß
wir ihr einen strafend seelenvollen Blick zuzuwerfen haben; wenn
ein Schurke eine Waise mißhandelt, so wissen wir, daß wir ihn
mit einem Schlage zu Boden schmettern müssen. Aber was sol­
len wir tun, wenn die angebetene Frau unmittelbar, nachdem sie
unsere Gefühle mit Füßen getreten hat, die Tür ihres Zimmers
zuschlägt, so daß sie unser seelenvoller Blick nicht erreicht?
Oder wenn zwischen dem Schurken, der die Waisen mißhan­
delt, und uns ein Tisch mit kostbaren Gläsern steht? Sollen wir
die Tür einschlagen, um dann durch das Loch einen sanften
Blick zu werfen; und sollen wir sorgfältig die teuren Gläser abräu-
men, ehe wir zum empörten Schlag ausholen? In solchen wirk­
lich wichtigen Fällen läßt einen die Literatur immer im Stich;3
vielleicht wird es erst in einigen hundert Jahren, wenn noch mehr
beschrieben ist, besser sein.
...Damals entdeckte mein Freund, wieviel bequemer es wäre,
als einzigen Charakter seinen eigenen zu besitzen, und begann
diesen zu suchen.

Aber er geriet in neue Abenteuer. Ich traf ihn nach Jahren


wieder, als er den Beruf eines Rechtsanwalts ergriffen hatte.
Er trug Brillen, rasierte sich den Bart und sprach mit leiser Stimme.
- “Du siehst mich an?” bemerkte er. Ich konnte es nicht leugnen,

1 daß sich die Lebenslagen, in die man gerät, niemals ganz mit denen de k-
ken - что жизненные ситуации, в которые попадают, никогда полностью
не совпадают с теми...
2 wenn eine angebetete Frau unsere Gefühle mit Füßen tritt - когда обожаемая
женщина попирает наши чувства.
3 ...läßt einen die Literatur immer im Stich - литература всегда бросает
человека на произвол судьбы.
139 R O B E R T M U SIL

irgend etwas hieß mich, in seiner Erscheinung eine Antwort


suchen.1 - “Sehe ich aus wie ein Rechtsanwalt?” fragte er. Ich
wollte es nicht bestreiten. Er erklärte mir: “Rechtsanwälte ha­
ben eine ganz bestimmte Art, durch ihre Kneifergläser zu blik-
ken, die anders ist als zum Beispiel die der Ärzte. Es läßt sich
auch sagen, daß alle ihre Bewegungen und Worte spitzer oder
zackiger sind als die rundlichen und knorrigen der Theologen.
Sie unterscheiden sich von ihnen wie ein Feuilleton von einer
Predigt, mit einem Wort, so wenig ein Fisch von Baum zu Baum
fliegt, so sehr sind Rechtsanwälte in ein Medium eingetaucht,
das sie niemals verlassen.”
“Berufscharakter!” sagte ich. Mein Freund war mit mir
zufrieden. “Es ist nicht so einfach gewesen”, bemerkte er. “Als
ich anfing, habe ich einen Christusbart getragen; aber mein Chef
hat es mir verboten, weil es nicht zum Charakter eines Rechts­
anwalts paßt. Darauf habe ich mich wie ein Maler getragen,
und als es mir verwehrt wurde,2 wie ein Seefahrer auf Urlaub.”
- “Um Gottes Willen, warum?” fragte ich. “Weil ich mich natürlich
dagegen wehren wollte, einen Berufscharakter anzunehmen”,
gab er zur Antwort. “Das Schlimme ist, daß man ihm nicht ent­
gehen kann. Es gibt natürlich Rechtsanwälte, die wie Dichter
aussehen, und ebenso Dichter, die wie Gemüseverkäufer ausseh-
en, und Gemüseverkäufer, die Denkerköpfe besitzen. Sie alle
haben aber etwas von einem Glasauge oder einem angeklebten
Bart an sich... Ich verstehe nicht warum, aber es ist doch so?”
Er lächelte in seiner Art und fügte ergeben hinzu: “Wie du weißt,
habe ich doch nicht einmal einen persönlichen Charakter...”
Ich erinnerte ihn an die vielen Schauspielercharaktere. “Das
war erst die Jugend!” ergänzte er es seufzend. “Wenn man ein
Mann wird, bekommt man noch einen Geschlechts-, einen Na­
tional-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geographischen
1 irgend etwas hieß mich, in seiner Erscheinung eine Antwort suchen - что-
то заставило меня искать ответ в его облике.
2 darauf habe ich mich wie ein Maler getragen, und als es mir verwehrt wur- .
de... - затем я выглядел как художник, а когда это было мне запрещено...
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 140

Charakter dazu, man hat einen Charakter der Handschrift, der


Handlinien, der Schädelform und womöglich noch einen, der aus
der Konstellation der Gestirne im Augenblick der Geburt folgt.
Mir ist das zuviel. Ich weiß nie, welchem meiner Charaktere ich
recht geben soll.’’1 - Wieder kam sein stilles Lächeln zum Vor­
schein. “Zum Glück habe ich eine Braut, die von mir behauptet,
daß ich überhaupt keinen Charakter besitze, weil ich mein Ver­
sprechen, sie zu heiraten, noch nicht eingehalten habe. Ich werde
sie gerade deshalb heiraten, denn ihr gesundes Urteil ist mir
unentbehrlich.” - “Wer ist deine Braut?”
“Welchem Charakter nach? Aber, weißt du”, unterbrach er
das, “sie weiß trotzdem immer, was sie will! Sie ist ursprünglich
ein reizendes hilfloses kleines Mädchen gewesen - ich kenne
sie schon lange -, aber sie hat viel von mir gelernt. Wenn ich
lüge, findet sie es entsetzlich; wenn ich morgens nicht rechtzei­
tig ins Büro gehe, so behauptet sie, ich werde niemals eine Familie
erhalten können; wenn ich mich nicht entschließen kann, eine
Zusage einzuhalten, die ich gegeben habe, so weiß sie, daß das
nur ein Schuft tut.”
Mein Freund lächelte noch einmal. Er war damals ein liebens­
würdiger Mensch, und jeder Mensch sah freundlich lächelnd
auf ihn herab. Niemand nahm ernstlich an, daß er es zu etwas
bringen werde. Schon an seiner äußeren Erscheinung fiel auf,
daß, sobald er zu sprechen anfing, jedes Glied seines Körpers
eine andere Lage annahm; die Augen wichen zur Seite aus,
Achsel, Arm und Hand bewegten sich nach entgegengesetzten
Richtungen... Wie gesagt, er war damals ein liebenswürdiger
Mensch, bescheiden, schüchtern, ehrfürchtig; und manchmal war
er auch das Gegenteil von all dem, aber man blieb ihm schon
aus Neugier gewogen.2

1 welchem meiner Charaktere ich recht geben soll - какому из моих ха-
рактеров отдать предпочтение.
2 aber man blieb ihm schon aus Neugier gewogen - но к нему испытывали
расположение уже просто из любопытства.
141 R O B E R T M U SIL

Als ich ihn wiedersah, besaß er ein Auto, jene Frau, die nun
sein Schatten war, und eine angesehene, einflußreiche Stellung.
Wie er das angefangen hatte, weiß ich nicht; aber was ich ver­
mute, ist, daß das ganze Geheimnis darin lag, daß er dick wur­
de. Sein eingeschtichterles, bewegliches Gesicht war fort. Genau­
er gesehen, es war noch da, aber es lag unter einer dicken Hülle
von Fleisch. Seine Augen, die einst, wenn er etwas angestellt
hatte, so rührend sein konnten wie die eines traurigen Äffchens,
hatten eigentlich ihren aus dem Innern kommenden Glanz nicht
verloren; aber zwischen den hoch gepolsterten Wangen hatten
sie jedesmal Mühe, wenn sie sich nach der Seite drehen wollten,
und stierten darum mit einem hochmütig gequälten Ausdruck-
So war nun auch der Mensch geworden. Sein irrlichtender Geist1
hatte feste Wände und dicke Überzeugungen bekommen. Manch­
mal blitzte noch etwas in ihm auf; aber es verbreitete keine
Helligkeit mehr in dem Menschen, sondern war ein Schuß, den
er abgab, um zu imponieren oder ein bestimmtes Ziel zu errei­
chen. Er hatte eigentlich viel gegen früher verloren.2 Von allem,
was er äußerte, ging jetzt zwölf auf ein Dutzend,3 wenn das
auch ein Dutzend guter, verläßlicher Ware war. Und seine Ver­
gangenheit behandelte er so, wie man sich an eine Jugendtorheit
erinnert.
Einmal gelang es mir, ihn auf unseren alten Gesprächsge­
genstand, den Charakter, zurückzubringen. “Ich bin überzeugt,
daß die Entwicklung des Charakters mit der Kriegführung zusam­
menhängt”, legte er mir in atemknapper Sprache dar, “und daß
er darum heute auf der ganzen Welt nur noch unter Halbwilden
zu finden ist. Denn wer mit Messer und Speer kämpft, muß ihn
haben, um nicht den kürzeren zu ziehen.4 Welcher noch so
entschlossene Charakter hält aber gegen Panzerwagen, Flam­
1 sein irrlichtender Geist - его мятущийся дух.
2 er hatte viel gegen früher verloren - он многое утратил по сравнению
с прежним временем.
3 zwölf auf ein Dutzend - двенадцать на дюжину (= как все).
4 um nicht den kürzeren zu ziehen - чтобы не остаться в проигрыше.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 142

menwerfer und Giftwolken stand!? Was wir darum heute brauchen,


sind nicht Charaktere, sondern Disziplin!”
Ich hatte ihm nicht widersprochen. Aber das Sonderbare war
- und darum erlaubte ich mir auch, diese Erinnerung niederzu­
schreiben daß ich, während er so sprach und ich ihn ansah,
immerdar das Empfinden hatte, der alte Mensch sei noch in
ihm. Er stand in ihm, von der fleischigen größeren Wiederho­
lung der ursprünglichen Gestalt eingeschlossen. Sein Blick stach
im Blick des ändern, sein Wort im Wort. Es war fast unheimlich.
Ich habe ihn inzwischen noch einigemal wiedergesehen, und dieser
Eindruck hat sich jedesmal wiederholt. Es war deutlich zu seh­
en, daß er, wenn ich so sagen darf, gerne einmal wieder ganz
ans Fenster gekommen wäre; aber irgend etwas verhinderte
ihn daran.

BEANTW O RTEN SIE FOLGENDE FRAG EN :

1. Warum wird hier nämlich von diesem Mann erzählt?


2. Seit wann kennt ihn der Erzähler?
3. Mit welchen Methoden erzogen ihn seine Eltern?
4. Wie war sein Charakter zwischen seinem sechzehnten
und siebzehnten Jahr?
5. Was machte auf ihn den größten Eindruck in diesem Al­
ter?
6. Welchen Beruf wählte der Freund und wie sah er dabei
aus?
7. Welche Arten von Charakter unterscheidet er?
8. Wie sah der Freund während ihrer letzten Begegnung aus?
9. Wie erklärte er die Bedingungen für die Entwicklung des
Charakters?
143 S T E F A N ZW EIG

Stefan ZWEIG
(1881-1942)

Pazifistisch-humanistisch gesinnt, war St.Zweig ein einfühl­


samer Mittler zwischen den Nationen. Eindringliche Schilderung
von Gefühlsverwirrungen und untergründigen Leidenschaften
und ein sinnlich-farbiger Stil sind Merkmale seiner Novellen:
“Amok” (1922), “Sternstunden der Menschheit” (1927),
“Schachnovelle” (1942) u.a. Romanisierte Biographien: “Maria
Stuart” (1929), “Marie Atnoinette” (1932); “Drei M eister-
Balzac, Dikkens, Dostojewski” (1920), “Der Kampf mit dem
Dämon - Hölderlin, Kleist, Nietzsche” (1925) u.a. Zahlreiche
Novellen, Essays.

MARIE ANTOINETTE (AUSZÜGE)

Die Revolution ist der Feind - dies der Standpunkt der Kö­
nigin. Die Königin ist das Hindernis - dies die Grundüberzeu­
gung der Revolution. Mit ihrem untrüglichen Instinkt spürt die
Masse des Volkes in der Königin die einzige elementare Widersa­
cherin, von Anfang an wendet sich die volle Wut des Kampfes
gegen ihre Person. Ludwig XYI. zählt nicht im Guten, nicht im
Bösen, das weiß schon der letzte Bauer im Dorf, das jüngste
Kind auf der Straße. Diesen ängstlichen, scheuen Mann kann
man mit ein paar Schüssen so schrecken, daß er zu jeder Forderung
ja und amen sagt; man kann ihm die rote Mütze aufsetzen, und
er wird sie tragen, und würde man ihm energisch befehlen, er
solle rufen: “Nieder mit dem König! Nieder mit dem Tyrannen!”
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 144
Й » ................................................................................................................. --------------- -----------

- obwohl König, würde er hampelmännisch Folge leisten.2


Ein einziger Wille verteidigt in Frankreich den Thron und seine
Rechte, und dieser “einzige Mann, den der König hat”, ist seine
Frau. Wer für die Revolution ist, muß also gegen die Königin
sein...

...Zu früh und üppig hatte das Geschick sie verwöhnt, eine
hohe Geburt und eine noch höhere Stellung waren ihr ohne An­
strengung zugefallen; so meinte sie, sich nicht anstrengen zu
müssen, sie brauchte sich nur leben zu lassen, wie sie wollte,
und alles schien recht. Die Minister dachten, das Volk arbeitete,
die Bankleuie zahlten für ihre Bequemlichkeit, und die Verwöhnte
nahm alles hin ohne Gedanken und ohne Dank. Jetzt erst, her­
ausgefordert von dem ungeheuren Anspruch, dies alles, ihre Krone,
ihre Kinder, ihr eigenes Leben, gegen den großartigsten Auf-
ruhr der Geschichte verteidigen zu müssen,“ sucht sie in sich
selbst nach Kräften des Widerstands und holt plötzlich unausge-
nutzte Reserven der Intelligenz, der Tatkraft aus sich heraus.
Der Durchbruch ist endlich erfolgt. “Erst im Unglück weiß man,
wer man ist”, dieses schöne, dieses erschütterte und erschüt­
ternde Wort blitzt jetzt plötzlich in einem ihrer Briefe auf. Die
Mahner, die Mutter, die Freunde haben jalirzehntelang keine Macht
gehabt Uber diese trotzige Seele. Es war zu früh für die Unbe­
lehrbare. Das Leid ist der erste wirkliche Lehrer Marie Antoi­
nettes, der einzige, von dem die Unbelehrbare gelernt hat.
Eine neue Epoche beginnt mit dem Unglück im inneren Le­
ben dieser seltsamen Frau. Aber Unglück verwandelt eigentlich
niemals einen Charakter, es preßt keine neuen Elemente in ihn
hinein; es bildet nur längst vorhandene Anlagen aus... Sie hatte

1 ...würde er hampelmännisch Folge leisten - он повиновался бы, как ма-


рионетка.
2 ...herausgefordert von dem ungeheuren Anspruch, dies alles... gegen den
großartigsten Aufruhr der Geschichte verteidigen zu müssen - зд.: поставленная
перед чудовищной необходимостью защищать все это ... от величайшего
в истории восстания.
145 S T E F A N ZW EIG

bisher mit dein Leben nur gespielt - das fordert keine Kraft -
und nie mit ihm gekämpft... Marie Antoinette denkt und über­
legt erst, seit sie denken muß. Sie arbeitet, weil sie gezwungen
ist zu arbeiten. Sie erhöht sich, weil sie vom Schicksal genötigt
ist, groß zu sein... Eine völlige Umstellung ihres äußeren und
inneren Lebens beginnt nun. Dieselbe Frau, die zwanzig Jahre
lang keinen Vortrag eines Gesandten aufmerksam bis zu Ende
anhören konnte, die niemals ein Buch las, die sich um nichts
bekümmerte als um Spiel, Sport, Mode und ähnliche Unwich­
tigkeiten, verwandelt ihren Schreibtisch in eine Staatskanzlei,
ihr Zimmer in ein diplomatisches Kabinett...
Dieser wie eine Fahne vor der Welt hochgetragene Stolz kostet
allerdings Marie Antoinette mehr, als die ändern ahnen dürfen.
Denn im innersten Grunde ist diese Frau weder hochmütig noch
stark, keine Heroine, sondern eine sehr weibliche Frau, für Hingabe
und Zärtlichkeit und nicht für den Kampf geboren. Der Mut,
den sie zeigt, soll nur den ändern Mut machen; sie selbst glaubt
zutiefst an bessere Tage nicht mehr...

Nach der Annahme der Konstitution scheint die Krise über­


wunden. Die Revolution ist Gesetz geworden... Einige Tage,
einige Wochen trügerischen Wohlbefindens kommen, Wochen
einer täuschenden Euphorie; Jubel füllt die Straßen, Begeiste­
rung die Versammlung, die Theater donnern von Beifallsstür­
men. Aber Marie Antoinette hat längst die naive, unbefangene
Gläubigkeit ihrer Jugend verloren. “Wie schade”, seufzt sie zu
der Erzieherin ihrer Kinder, als sie von der festlich beleuchteten
Stadt in das Schloß zurückkehrt, “daß etwas so Schönes in un­
serem Herzen nur ein Gefühl von Trauer und Unruhe auslösen
kann”. Nein, zu oft enttäuscht, will sie sich nicht mehr täuschen
lassen. “Alles ist für den Augenblick ruhig”, schreibt sie an Fer­
sen, den Freund ihres Herzens, “aber diese Ruhe hängt nur an
einem Faden, und das Volk ist genauso, wie es immer war, jeden
Augenblick zu allen Schrecken bereit. Man versichert uns, es
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 146

sei für uns. Ich glaube nichts davon, wenigstens was meine Person
betrifft. In den meisten Fällen ist das bezahlt, und das Volk liebt
uns nur, sofern wir tun, was es fordert. Es ist unmöglich, das
dies noch lange so weitergeht. Es besteht noch weniger Sicher­
heit in Paris als vordem, denn man hat sich daran gewöhnt, uns
erniedrigt zu sehen...”

Die Furcht vor einem Geschehnis ist meist unerträglicher als


das Geschehnis selbst. Sosehr die Gefangenschaft für den König
und die Königin Erniedrigung bedeutet, ihren Personen bietet
sie vorerst eine gewisse Sicherheit. Die dicken Mauern, die sie
umschließen, die verbarrikadierten Höfe, die Wachtposten, sie
verhindern jeden Fluchtversuch, aber sie schützen gleichzeitig
auch vor jedem Überfall... Die Stadtverwaltung tut zunächst
alles, um für das rein körperliche Wohlbehagen der gefangenen
königlichen Familie zu sorgen: im Kampf rücksichtslos, ist die
Revolution dem inneren Willen nach nicht unmenschlich. Nach
jedem harten Schlag setzt sie immer wieder einen Augenblick
aus,1 ohne zu ahnen, daß gerade diese Pausen, diese schein­
baren Entspannungen den Besiegten die Niederlage noch fühl­
barer machen. Die ersten Tage nach der Überführung in den
Temple bemüht sich die Stadtverwaltung, den Gefangenen ihr
Gefängnis möglichst annehmlicher zu gestalten.2 Sie dürfen je­
derzeit den düsteren, muffigen Turm verlassen, im Garten Spa­
zierengehen, und vor allem sorgt die Kommune für das, was
dem König für sein Wohlbehagen leider am wichtigsten ist, für
gutes, reichliches Essen. Nicht weniger als dreizehn Angestellte
sind für seinen Tisch tätig.3

1 nach jedem harten Schlag setzt sie immer wieder einen Augenblick aus -
после каждого тяжелого удара она всегда на мгновение останавливается.
2 ...den Gefangenen ihr Gefängnis möglichst annehmlicher zu gestalten -
сделать заключенным их тюрьму по возможности приемлемой.
3 nicht weniger als dreizehn Angestellte sind für seinen Tisch tätig - к его
столу приставлено не менее тринадцати служащих.
147 S T E F A N Z W E IG

...In dieser ersten, sehr kurzen Epoche hat die Festsetzung


der königlichen Familie durchaus nicht den Charakter einer Be­
strafung, und so könnten, abgesehen von der seelischen Be­
drückung, der König und die Königin ein stillgemächliches und
beinahe friedsames Leben führen. Morgens läßt Marie Antoi­
nette ihre Kinder kommen und unterrichtet sie oder spielt mit
ihnen, mittags wird gemeinsam gegessen, nach Tische eine Par­
tie Tricktrack oder Schach gespielt. Während dann der König
den Dauphin' im Garten spazierenführt und mit ihm Drachen
steigen läßt,2 befaßt sich die Königin, die zu stolz ist, um unter
Bewachung öffentlich zu promenieren, meist in ihrem Zimmer
mit Handarbeiten. Abends bringt sie selbst die Kinder zu Bett,
man plaudert noch ein wenig oder spielt Karten, manchmal ver­
sucht sie auf dem Clavecin zu spielen, wie in früheren Tagen,
oder ein wenig zu singen, aber abgeschnitten von der großen
Welt, von ihren Freundinnen, fehlt ihr jene für immer verlorene
Leichtigkeit des Herzens...

Drei Wochen später, am 21. September, dröhnen wiederum


die Straßen. Abermals horchen die Gefangenen beunruhigt hinaus.
Aber diesmal murrt nicht der Zorn des Volkes, diesmal braust
seine Freude; sie hören, wie unten, mit absichtlich lauten Stim­
men, die Zeitungsausträger ausrufen, der Konvent habe die
Abschaffung des Königtums beschlossen.3 Am nächsten Tag
erscheinen die Abgeordneten, um dem König, der nicht mehr
König ist, von seiner Absetzung Mitteilung zu machen. Ludwig
der Letzte - so wird er von nun ab genannt - nimmt diese
Botschaft gelassen hin...
Kein Wort des Widerspruchs findet der längst gegen alle
Erniedrigung abgestumpfte Mann,4 keines auch Marie Antoi­
1 der Dauphin - дофин, наследник престола.
2 ...den Drachen steigen läßt — запускает воздушного змея.
3 der Konvent habe die Abschaffung des Königtums beschlossen - Конвент
принял решение об упразднении монархии.
4 ...der längst gegen alle Erniedrigung abgestumpfte Mann - давно безучастно
воспринимающий любое унижение человек.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 148

nette; vielleicht fühlen sie sich sogar beide entlastet. Denn von
jetzt an haben sie für ihr eigenes Schicksal und das des Staates
keine Verantwortung mehr, sie können nichts mehr falsch tun
oder versäumen und brauchen für nichts mehr zu sorgen als für
das kleine Stück Leben, das man ihnen vielleicht läßt. Am be­
sten jetzt, sich an kleinen menschlichen Dingen zu freuen, der
Tochter bei Näharbeiten oder am Clavecin zu helfen, dem Kna­
ben die Schulaufgaben zu verbessern, die er mit seiner großen,
steifen, kindischen Schrift schreibt (freilich, sie müssen jetzt immer
rasch das Blatt zerreißen, wenn das Kind auf das Papier - wie
sollte der sechsjährige Knabe die Geschehnisse verstehen? -
noch sein mühsam erlerntes “Louis Charles Dauphin”1 schreibt...
Und vor allem: man versucht zu vergessen, was man einst gewe­
sen, und sucht an das zu denken,2 was kommt und un venneidlich
kommen muß.
Jetzt wäre, so scheint es, die Revolution am Ziel. Der König
ist abgesetzt, er hat ohne Einspruch verzichtet und wohnt still
mit Frau und Kind in seinem Turme... Aber, abgesetzt und ohne
Krone, ist dieser unglückselige, ungefährliche Mann noch im­
mer ein Symbol... So glauben die Führer, den politischen Tod
Ludwigs XYI. noch körperlich vollziehen zu müssen, um vor
jedem Rückfall sicher zu sein.3
...Ferner wird Ludwig XYI. von seiner Familie getrennt.
Obwohl im selben Turm wohnend, nur ein Stockwerk unter den
Seinen, was die Grausamkeit dieser Maßregel verschärft, darf
er von diesem Tage an weder Frau noch Kinder sehen... Ein
Stockwerk tiefer, nur durch die eine Wand getrennt, hört seine
Frau den schweren Schritt ihres Gatten und darf ihn nicht seh­
en, darf ihn nicht sprechen: unsägliche Qual durch eine völlig

1 ...sein mühsam erlerntes “Louis Charles Dauphin” schreibt - пишет свое


выученное с трудом “Людовик Карл дофин’".
2 ...sucht an das zu denken - и стараются думать о том...
3 ...noch körperlich vollziehen zu müssen, um vor jedem Rückfall sicher zu
sein - ...привести в исполнение еще и физически, чтобы подстраховаться
от рецидива.
149 S T E F A N ZW EIG
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unsinnige Maßnahme.1 Und als am 20. Januar ein Munizipal­


beamter bei Marie Antoinette erscheint und mit etwas bedrück­
ter Stimme mitteilt, es sei ihr heut ausnahmsweise gestattet, sich
mit ihrer Familie zu ihrem Gatten ins Unterstockwerk zu bege­
ben, versteht sic sofort das Fürchterliche dieser Gnade: Ludwig
XVI. ist zum Tode verurteilt, sie und ihre Kinder sehen den Gat­
ten, den Vater zum letztenmal. Aus Rücksicht auf den tragi­
schen Augenblick2 - wer morgen aufs Schafott kommt, ist nicht
mehr gefährlich - lassen die vier Munizipalbeamten bei diesem
letzten Beisammensein der Familie Gattin, Gatten, Schwester
und Kinder in dem Zimmer zum erstenmal allein; nur durch eine
Glastür überwachen sie den Abschied.
Dieser pathetischen Stunde gleichzeitig des Wiedersehens
mit dem verurteilten König und schon des Abschiednehmens
für immer hat niemand bei gewohnt; alle gedruckten Berichte
sind freie, romantische Erfindungen... Diesen Mann aber, Marie
Antoinette hat ihn zwar nie mit Leidenschaft geliebt und ihr Herz
längst einem anderen gegeben, aber doch, zwanzig Jahre hat sie
mit ihm täglich gelebt, vier Kinder ihm geboren; nie hat sie ihn in
dieser bewegten Zeit3 anders gekannt als gütig und hingebungs­
voll für sie. Inniger vci blinden als jemals in den hellen Jahren,
waren die beiden ursprünglich nur aus politischer Staatsräson
für ein Leben Vereinten4 sich durch das Übermaß gemeinsam
erlittenen Unglücks in diesen düsteren Stunden des Turms men­
schlich nähergekommen. Und außerdem: die Königin weiß, sie
wird ihm bald nachfolgen müssen über diese letzte Stufe.5 Er ist
ihr nur um eine kurze Frist voraus.
11 unsägliche Qual durch eine völlig unsinnige Maßnahme - невыразимое
страдание из-за совершенно бессмысленной меры.
2 aus Rücksicht auf den tragischen Augenblick - принимая во внимание
трагичность момента.
3 in dieser bewegten Zeit - в это неспокойное время.
4 ursprünglich nur aus politischer Staatsräson für ein Leben Vereinten -
первоначально соединенные на всю жизнь только по государственно­
политическим соображениям.
5 sie wird ihm bald nachfolgen müssen über diese letzte Stufe - ей вскоре
придется последовать за ним за эту последнюю черту.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 150

In dieser äußersten, in dieser letzten Stunde wird, was dem


König zeitlebens zum Verhängnis geworden war:1 seine völlige
Nervenlosigkeit, seine sonst so unerträgliche Unerschütterlich-
keit gibt Ludwig XVI. in diesem entscheidenden Augenblick eine
gewisse moralische Größe. Er zeigt weder Furcht noch Erre­
gung, die vier Komissare im Nachbarzimmer hören ihn nicht ein
einziges Mal laut und schluchzend die Stimme erheben; bei diesem
Abschied von den Seinen erweist dieser beklagenswert schwache
Mann, dieser unwürdige König, mehr Kraft und mehr Würde
als jemals in seinem ganzen Leben.
...Die ganze Welt hat sie verlassen. Aber noch ist der Wille
dieser Frau ungebrochen, und aus diesem Willen wächst die
Entschlossenheit, sich selber zu helfen. Die Krone hat man ihr
nehmen können, aber eines hat diese Frau, obwohl schon müden
und gealterten Angesichts, sich bewahrt: die merkwürdige Macht
und Magie, Menschen ihrer Umgebung zu gewinnen. Alle Vor­
sichtsmaßregeln, die die Mitglieder der Stadtverwaltung getrof­
fen haben,2 erweisen sich als wirkungslos gegen die geheimnis­
volle magnetische Kraft, die für alle diese kleinbürgerlichen
Wächter und Beamten noch immer von der Nähe und dem Nimbus
einer wirklichen Königin ausstrahlt. Schon nach wenigen Wochen
sind alle oder fast alle, die sie bewachen sollten, aus Wächtern
zu heimlichen Helfern geworden, und trotz der strengen Ver­
ordnungen der Kommune wird die unsichtbare Wand durchbro­
chen, die Marie Antoinette von der Welt trennt. Dank der Hilfe
der gewonnenen Wächter werden Botschaften und Nachrich­
ten aus dem Haus und in das Haus geschmuggelt, teils mit Zitro­
nensaft oder mit unsichtbarer Tinte auf kleine Zettel geschrie­
ben... Eine Hand- und Gebärdensprache wird erfunden, um, den
wachsamen Komissaren zum Trotz, die Königin die täglichen
1was dem König zeitlebens zum Verhängnis geworden war - то, что в течение
всей его жизни было для короля роковым.
2 alle Vorsichtsmaßregeln, die die Mitglieder der Stadtverwaltung getroffen
haben - все меры предосторожности, которые предприняли члены го­
родского управления.
151 S T E F A N ZW EIG

Geschehnisse der Politik und des Krieges wissen zu lassen; außer­


dem wird vereinbart, daß ein eigens bestellter Kolporteur1
besonders laut die wichtigsten Nachrichten vor dem Temple
ausruft. Allmählich erweitert sich dieser heimliche Kreis der
Mithelfer unter den Wächtern.

... Nun ist die unterste Stufe erreicht, der Weg geht zu Ende...
Die den Luxus liebte und die tausendfältigen kunstvollen und
künstlerischen Kostbarkeiten des Reichtums rings um ihr Le­
ben, nun hat sie nicht einmal mehr einen Schrank, einen Spiegel,
einen Lehnstuhl, nur das äußerst Notwendige, einen Tisch, ei­
nen Sessel, ein eisernes Bett...

...Am 12. Oktober wird Marie Antoinette zum ersten Verhör


in den großen Beratungssaal gerufen.... In den vielen Wochen
des Alleinseins hat Marie Antoinette ihre Kraft gesammelt. Die
Gefahr hat sie gelehrt, ihre Gedanken zusammenzufassen, gut
zu sprechen und noch besser zu schweigen: jede ihrer Antworten
erweist sich als überraschend und schlagkräftig und gleichzeitig
vorsichtig und klug... Jetzt, in der letzten, allerletzten Minute,
hat Marie Antoinette die Verantwortlichkeit ihres Namens be­
griffen, sie weiß: hier, in diesem halbdunklen Verhörzimmer, muß
sie die Königin werden, die sie in den Prunksälen von Versailles
nicht genug gewesen.2 Nicht einem kleinen, aus dem Hunger in
die Revolution geflüchteten Advokaten, der hier den Ankläger
zu spielen meint,3 antwortet sie hier, oder diesen als Richter
verkleideten Wachtmeistern und Schreibern, sondern dem ein­
zig wirklichen und wahrhaftigen Richter: der Geschichte. “Wann
wirst Du endlich werden, was Du bist”, hatte verzweifelt vor
zwanzig Jahren ihre Mutter Maria Theresia geschrieben. Jetzt,
1 ein eigens bestellter Kolporteur - специально нанятый продавец газет.
2 muß sie die Königin werden, die sie in den Prunksälen von Versailles nicht
genug gewesen - она должна стать королевой, которой она недостаточно
была в блестящих залах Версаля.
3 ...der hier den Ankläger zu spielen meint - который изображает здесь
из себя обвинителя.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 152

eine Spanne vor dem Tod,1 beginnt Marie Antoinette durch eigene
Kraft jene Hoheit zu erringen, die ihr bisher nur äußerlich
verliehen war.2 Auf die formelle Frage, wie sie heiße, antwortet
sie laut und klar: “Marie Antoinette von Österreich-Lothrin­
gen, achtunddreißig Jahre alt, Witwe des Königs von Frank­
reich”.

...Die siebzig Tage in der Conciergerie3 haben Marie Anto­


inette zu einer alten und kränklichen Frau gemacht. Rot und von
Tränen entzündet, brennen jetzt ihre des Tageslichtes völlig ent­
wöhnten Augen,4 ihre Lippen sind auffallend blaß durch die
schweren unaufhörlichen Blutverluste, die sie in den letzten
Wochen erlitten.5 Oft und oft hat sie jetzt mit Müdigkeit zu
kämpfen, mehrmals muß der Arzt ihr Herzstärkungsmittel ver­
ordnen. Aber sie weiß, heute beginnt ein historischer Tag, heute
darf sie nicht müde sein, niemand im Gerichtssaal soll die
Schwäche einer Königin und Kaiserstochter bespötteln dürfen...6
Nur zwei Dinge hat Marie Antoinette noch auf der Erde zu tun:
aufrecht sich zu verteidigen und aufrecht zu sterben.
...Um acht Uhr versammeln sich in dem großen Saal die Richter
und Geschworenen... Der Saal selbst ist gedrängt voll. Nur ein­
mal im Jahrhundert hat man Gelegenheit, eine Königin auf dem
Armsünderstuhl7 zu sehen.
1 eine Spanne vor dem Tod - за мгновение до смерти.
2 ...durch eigene Kraft jene Hoheit zu erringen, die ihr bisher nur äußerlich
verliehen war - благодаря своей силе достигать того величия, которое до
сих пор ей придавалось лишь внешне.
3 die Conciergerie - Консьержери, парижская тюрьма.
4 ...von Tränen entzündet, brennen jetzt ihre des Tageslichtes völlig ent­
wöhnten Augen - ей жжет воспаленные от слез, полностью отвыкшие от
дневного света глаза.
5 ...durch die schweren, unaufhörlichen Blutverluste, die sie in den letzten
Wochen erlitten - из-за тяжелых непрерывных кровотечений, которыми
она страдала последние недели.
6 niemand im Gerichtssaal soll die Schwäche einer Königin und Kaiserstochter
bespötteln dürfen - никто в зале суда не должен насмехаться над слабостью
королевы и дочери императора.
7 der Armsünderstuhl - скамья подсудимых, скамья смертников.
153 S T E F A N ZW EIG

...Marie Antoinette hat ohne jede Bewegung vollkommen mhig


den Spruch der Geschworenen und das Urteil angehört. Sie gibt
nicht das kleinste Zeichen weder von Angst noch von Zorn,
noch von Schwäche. Ohne sich umzuwenden, ohne jemanden
anzublicken, schreitet sie durch das allgemeine Schweigen aus
dem Saal und die Stufen hinab; sie ist müde dieses Lebens, dieser
Menschen und zutiefst zufrieden, daß alle diese kleinen Quälereien
nun zu Ende sind. Jetzt gilt es nur,1 fest zu bleiben für die letzte
Stunde.
...Mit besonderer Sorgfalt kleidet sich dann die Königin an.
Seit mehr als einem Jahr hat sie die Straße nicht mehr betreten,
nicht freien und weiten Himmel über sich gesehen: gerade die­
ser letzte Gang soll sie anständig und sauber gekleidet finden;2
nicht weibliche Eitelkeit ist es mehr, die sie bestimmt, sondern
Gefühl für die Würde der historischen Stunde.3
...Als um zehn Uhr der Scharfrichter Samson,4 ein junger
Mensch von riesenhaftem Wuchs, eintritt, um ihr die Haare zu
schneiden, läßt sie sich ruhig die Hände auf den Rücken bin­
den5 und leistet keinen Widerstand. Das Leben, sie weiß es,
ist nicht mehr zu retten, einzig die Ehre. Nur jetzt vor nieman­
dem Schwäche zeigen! Nur Festigkeit bewahren und allen, die
es zu sehen begehren, zeigen, wie eine Tochter Maria There­
sias stirbt.

Der riesige Revolutionsplatz, der heutige Place de la Con­


corde, ist schwarz von Menschen. Zehntausende stehen seit
frühmorgens auf den Beinen, um das einmalige Schauspiel nicht
1jetzt gilt es nur... - теперь нужно только...
2 gerade dieser letzte Gang soll sie anständig und sauber gekleidet finden -
именно в этот последний путь она должна быть одета пристойно и чисто.
3 nicht weibliche Eitelkeit ist es mehr, die sie bestimmt, sondern Gefühl für
die Würde der historischen Stunde - ею движет больше не женское тщеславие,
а ощущение величия исторического момента.
4 der Scharfrichter Samson - палач Самсон.
5 läßt sie sich ruhig die Hände auf den Rücken binden - она спокойно дает
связать себе руки за спиной.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 154

zu versäumen,1 wie eine Königin stirbt... Plötzlich regt sich die


Menge, schäumt auf und wird mit einem Male stumm. In dieser
Stille ... biegt um die Ecke der tragische Karren mit der gefes­
selten Frau, die einst Herrin von Frankreich war; hinter ihr steht...
Samson, der Henker. Völlig still wird es auf dem riesigen Platz.
Die Ausrufer rufen nicht mehr, jedes Wort verstummt, so still
wird es, daß man das schwere Stapfen des Pferdes und das
•»

Ächzen der Räder vernimmt. Die Zehntausende, die eben noch


munter schwatzten und lachten, sehen plötzlich beklommen mit
einem gebannten Gefühl des Grauens auf die blasse gebundene
Frau, die keinen von ihnen anblickt. Sie weiß: nur diese letzte
Probe noch! Nur fünf Minuten Sterben noch und dann Unster­
blichkeit.
Der Karren hält vor dem Schafott. Ruhig und ohne Hilfe,
“mit einem noch steinerneren Gesicht als beim Verlassen des
Gefängnisses”, tritt die Königin, jede Hilfe zurückweisend, die
Stufen des Schafotts empor; sie schreitet genauso leicht und
beschwingt in ihren schwarzen, hochstöckeligen Atlasschuhen
diese letzten Stufen hinauf wie einst die marmornen Treppen
von Versailles. Einen verlorenen Blick jetzt noch über das wid­
rige Gewühl hinweg in den Himmel vor ihr!2 ...Erinnert sie sich
noch, in dieser letzten, schon allerletzten Minute, da ebendieselben
Massen sie begeistert im gleichen Garten als Thronfolgerin be­
grüßten? Man weiß es nicht. Niemand kennt die letzten Gedan­
ken einer Sterbenden. Und schon ist es vorbei. Die Henker fas­
sen sie rücklings an, ein rascher Wurf auf das Brett, den Kopf
unter die Schneide, ein Riß am Strang, ein Blitz des niedersau­
senden Messers,3 ein dumpfer Schlag, und schon packt Samson

1 um das einmalige Schauspiel nicht zu versäumen - чтобы не пропустить


единственное представление.
2 Einen verlorenen Blick jetzt noch über das widrige Gewühl hinweg in den
Himmel vor ihr! - Теперь еще один потерянный взгляд поверх враждебной
сутолоки в небо над ней!
3 ein Riß am Strang, ein Blitz des niedersausenden Messers - рывок веревки,
сверкание скользящего вниз ножа.
155 S T E F A N ZW EIG

an den Haaren ein entblutetes Haupt und hebt es sichtbar em­


por über den Platz...
Es ist Mittag. Die Menge hat sich zerstreut... Der Platz wird
wieder leer. Nur die Göttin der Freiheit, in ihren weißen Stein
gebannt,1 ist unbeweglich auf ihrem Platz geblieben und starrt
weiter und weiter auf ihr unsichtbares Ziel. Sie hat nichts gesehen,
nichts gehört. Streng blickt sie über das wilde und törichte Tun
der Menschen hinweg2 in die ewige Ferne. Sie weiß nicht und
will nicht wissen, was in ihrem Namen geschieht.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E F RAG EN :

1. Was war Marie Antoinette?


2. Wie war ihr Mann seinem Charakter nach?
3. Wie verlief das Leben der Königin früher?
4. Wie verhielt sie sich zu ihrem Mann?
5. Wann beginnt die völlige Umstellung ihres äußeren und
inneren Lebens?
6. Warum wollte sie unbedingt ihren Stolz der ganzen Welt
beweisen?
7. Wie lebte die königliche Familie in der Haft?
8. Warum wurden der König und die Königin auf der Guillo­
tine hingerichtet?
9. Wie benahm sich Marie Antoinette vor dem Tode?

1 die Göttin der Freiheit, in ihren weißen Stein gebannt - богиня свободы,
скованная своим белым камнем (имеется в виду статуя - прим. ред.).
2 streng blickt sie über das wilde und törichte Tun der Menschen hinweg -
она строго смотрит вдаль поверх диких и глупых действий людей.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 156

Lion FEUCHTWANGER
(1884-1958)

Verfasser von zahlreichen zeitkritischen, geschichtlichen und


biographischen Romanen, Dramen; bekannte sich in seinen his­
torischen Romanen zum gesellschaftlichen Fortschritt.
Hauptwerke: “Jud Süß” (1925), Trilogie “Der Wartesaal” (“Er­
folg”, 1930; “Geschwister Oppenheim”, 1933; “Exil”, 1939);
Josephus-Trilogie (“Der jüdische Krieg”, 1932; “Die Söhne”,
1935; “Der Tag wird kommen”, 1945); “Goya”, 1951; “Die Füchse
im Weinberg” , 1952; “Die Narrenweisheit”, 1952.

DIE FÜCHSE IM WEINBERG (AUSZUG)

Der Alte - sein Name war Francois Arouet, die Welt kannte
ihn unter dem Namen Voltaire - reiste nach Paris. Das Theatre
Fran^ais bereitete die Aufführung seines letzten Stückes vor,
der Tragödie “Irene”, und er wollte die Proben leiten.
Er hatte seine Vaterstadt lange nicht mehr gesehen, sieben­
undzwanzig Jahre lang nicht. Es war ihm das Betreten der Stadt
Paris nicht ausdrücklich verboten; doch hatte der letzte König,
der Fünfzehnte Louis, erklärt, er wünsche diesen Mann nicht
mehr in seiner Hauptstadt zu sehen. Jetzt indes war seit Jahren
ein neuer König da, ein Sechzehnter Louis, und Toinette und der
Fliederblaue Klüngel bewunderten den Alten.
Trotzdem hatte er lange geschwankt, ehe er sich auf den
Weg machte. Sein treuer Freund und Sekretär, Wagniere, der
ihn jetzt begleitete, hatte dringlich abgeraten. Der Dreiundacht-
157 LIO N FEUCH TW ANG ER

zigjährige lebte und arbeitete ausgezeichnet in seinem Ferney:


Was suchte er in Paris? Was immer er sich von Paris erwarten
konnte, brachte man ihm ohnedies nach Ferney. Wen immer er
haben wollte1, der suchte ihn auf. Mündlich und schriftlich teilte
man ihm mit, was sich in Paris ereignete, und alle geheimen
Motive dazu. Er konnte in seinem Ferney die französischen und
die Welthandel besser übersehen als die Minister des Königs in
ihrem Versailles. Wozu also wollte der Alte das geregelte Le­
ben seines Landsitzes mit dem auftreibenden, gehetzten Aufenthalt
in Paris vertauschen?
Voltaire gestand dem Freunde zu, daß er recht habe. Auch
die Ärzte hatten Bedenken. Aber Madame Denis, seine Nichte
und Vertraute, stellte ihm vor2, er sehne sich nun doch nach
Paris, er wünsche sich seit langem, wiedereinmal selber eines
seiner Stücke auf einer großen Bühne zu inszenieren, er möge
sich diese wunderbare Gelegenheit nicht entgehen lassen3. Ein
anderer Hausgenosse, der Mann von Voltairs Adoptivtochter,
der Marquis de Villete, lag ihm mit ähnlichen Argumenten in
den Ohren.4 Voltaire ließ sich gern Zureden...5 So schwankte
er hin und her, und wenn er in der Stille der Nacht beschloß,
keinen Unsinn zu machen und in seinem schönen Ferney zu
bleiben, dann sagte er sich des Morgens, er dürfe diese Tragödie
“Irene”, an der sein Herz hing, nicht Schauspielern überlassen,
die nur sich zur Geltung bringen wollten, nicht sein Stück.6
Seinem treuen Wagniere erklärte der Alte, er gehe nach Paris
vor allem, um seine Versöhnung mit Versailles herbeizuführen
und so die Verbreitung seiner Werke zu fördern. Er sprach ihm
wohl auch beweglich von seiner brennenden Sehnsucht nach

1 wen immer er haben wollte... - кого бы он ни захотел увидеть...


2 Madame Denis ... stellte ihm vor... - зд.: мадам Дениз ... внушила ему.
3 er möge sich diese wunderbare Gelegenheit nicht entgehen lassen - он не
должен упускать эту чудесную возможность.
4 lag ihm... in den Ohren - прожужжал все уши.
5 ...ließ sich gern Zureden - охотно дал себя уговорить.
6 ... zur Geltung bringen - выставить в выгодном свете.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 158

Paris. Er hatte nun mehr als ein Vierteljahrhundert in Einsamkeit


verbracht. Es war eine belebte Einsamkeit gewesen, zugege­
ben, aber immerhin Einsamkeit, und er wollte, bevor er starb,
noch einmal die Buntheit und den Lärm seiner Vaterstadt um
sich spüren. Er kannte Paris, er hatte Gedächtnis und Phantasie
und wußte: das Paris seiner Vorstellung war schöner, farbiger,
lebendiger als das wirkliche.Gleichwohl drängte es ihn, dieses
wirkliche Paris zu sehen, zu hören, zu riechen, um sich zu spüren.
Aber Wagniere kannte seinen Herren, seine Größe und seine
Schwächen, und er wußte, daß die letzte Ursache dieser un­
vernünftigen Reise nicht Voltaires Sehnsucht war, sondern Vol­
tairs Eitelkeit.
Der Alte verachtete die Eitelkeit. Er war übersättigt mit Ruhm.
Ferney war das geistige Zentrum der Welt, von seinem Landsitz
aus1 regierte Voltaire die Republik der Geister unumschränkter
als irgendein absoluter Monarch seine Untertanen. Wer immer
in Europa Anspruch auf geistigen Rang hatte2, suchte ihn auf,
schrieb ihm, bat um Rat und Meinung. Auch zwei große Herr­
scher taten das, Friedrich von Preußen und Katharina von Ruß­
land; sie erachteten Voltaire als gleichberechtigte Großmacht3.
Der Alte spottete über diesen seinen Ruhm, über all das Schel­
lengeklingel. Er wußte, und immer wieder sagte es ihm die Welt,
daß er sich ein Monument errichtet hatte, dauernder als Erz,
daß die Wertung seiner Leistung längst nicht immer mehr ab­
hing von der Zustimmung oder der Ablehnung der Zeitgenos­
sen, daß sie nurmehr dem Urteil der Späteren, der Geschichte
unterlag. Trotzdem trieb es diesen sehr alten Mann, den Ruhm
von heute einzukassieren. Er wollte ihn leibhaft um sich spüren,
ihn einschlürfen, wollte umbraust sein vom Lärm des Erfolges.

1 von seinem Landsitz aus - m своего поместья.


1 wer immer in Europa Anspruch auf geistigen Rang halle ... - если кто-то
в Европе претендовал на духовный авторитет...
3 ...als gleichberechtigte Großmacht - как равноправную великую дер­
жаву.
159 L IO N FE U CH TW ANG ER

Es dürstete ihn; Ehrungen einzuheimsen1 in der Stadt, die ihn


davongejagt hatte. Er wollte seine Leistung noch einmal bestätigt
hören, laut, mit Gedröhn, in der Stadt seiner Geburt.
Darum also fuhr der sehr große alte Mann gegen den Rat des
treuesten Freundes, der Ärzte und der eigenen Vernunft aus dem
behaglichen, befriedigenden Leben seines Landsitzes durch das
winterliche Frankreich in das lärmende, strapaziöse Paris.
Er hatte viele Titel und Würden, er hieß Graf de Tournay,
Seigneur de Ferney, Kammerherr des Königs, vor allem aber
hieß er Voltaire. Doch auf dieser Reise gebrauchte er keinen
seiner Namen, er wollte auf der Fahrt und während der ersten
Pariser Tage inkognito bleiben.
Er hatte nicht damit gerechnet, daß sein Gesicht bekannt war,
wie der Kopf des Königs auf den Münzen. Wo er erschien, war
er umströmt von Verehrung. Die sonst so hochnäsigen Post­
meister mühten sich, ihm ohne Aufenthalt gute Pferde zu be­
schaffen.2 Hatte er irgendwo Aufenthalt, so lief die Kunde seiner
Anwesenheit durch den Ort wie der Wind, und die Leute ver­
sammelten sich, um einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen.
Nirgends konnte er die kleinste Mahlzeit einnehmen, ohne daß
sich die Stube gefüllt hätte.3 In Dijon, wo er einen Nachmittag
und eine Nacht blieb, fiel ihm auf, wie ungeschickt er bedient
wurde;4 es erwies sich, daß seine Aufwärter junge, wohlha­
bende Bürgersöhne waren, welche die Kellner spielten, um mit
ihm in Berührung zu kommen.
...An der Stadtgrenze wurde Voltaire gefragt, ob er Verbotenes
bei sich habe. Er grinste und erwiderte: “Höchstens mich sei­
1Es dürstete ihn, Ehrungen einzuheimsen... - он жаждал пожинать почести.
2 Die sonst so hochnäsigen Postmeister mühten sich, ihm ohne Aufenthalt
gute Pferde zu beschaffen - Обычно столь высокомерные почтмейстеры
старались без задержки предоставить ему хороших лошадей.
3 Nirgends konnte er die kleinste Mahlzeit einnehmen, ohne daß sich die
Stube gefüllt hätte - Он нигде не мог даже перекусить, чтобы комната не
была полна люден.
4 ...fiel ihm auf, wie ungeschickt er bedient wurde - он обратил внимание,
как неловко его обслуживают.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 160

ber.” Der Beamte beschaute ihn, rief: “Mein Gott, das ist ja der
Herr Voltaire.” Sofort liefen die Leute zusammen.

*
* *
Und mehr Gäste kamen und immer mehr, ein Strom von al­
ten Bekannten. So hatte sich’s Voltaire gewünscht, Menschen,
Menschen. Er empfing im Schlafrock, Zipfelmütze und Pantof­
feln. Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis, er erinnerte sich
jedes einzelnen, auch wenn er ihn Jahrzehnte nicht gesehen hatte,
und hatte für jeden ein hübsches, gescheites, persönliches Wort.
Unter den Kommlingen war auch Monsieur Pierre de Beau­
marchais.
Die Nachricht vom Eintreffen Voltaires hatte ihn aufgerührt.
Er spührte, der respektlose Pierre, vor diesem alten Manne Ehr­
furcht und Bewunderung. Der hatte seine dreiundachtzig Jahre
so gelebt, wie sich Pierre sein eigenes Leben wünschte. Hatte
alle seine Tage angefüllt mit Leidenschaft, großer Literatur, kleinen
Intrigen, mit Ruhm, Erfolg, Theater, Geld und mit sieggekrönten
Kämpfen für Freiheit und Vernunft. Nun lebte er als Schloßherr,
umgeben von seinen Untertanen, eine Kaiserin und ein großer
König behandelten ihn als gleichen, sein Name klang über die
Länder und die Meere. Seine Erfolge im Kampf gegen das Un­
recht und gegen die privilegierte Dummheit waren Geschichte.
Dieser Greis durfte sich sagen: wenn die Welt jetzt, da er sich
anschickte, sie zu verlassen1, ein wenig gescheiter und gere­
chter war als zu der Zeit, da er sie betreten hatte, so war dies zu
einem großen Teil sein Verdienst.
Es war erhebend, daß Pierre seit Jahren von diesem Manne
als gleichwertig geschätzt und geehrt wurde. Voltaire hatte in
seinem Privattheater in Ferney den “Barbier”2 spielen lassen,

1 da er sich anschickte, sie zu verlassen - когда он собрался покинуть его.


2 “Der Barbier von Sevilla” (1775) - die Komödie von Beaumarchais.
161 L IO N FE U CH TW ANG ER

und er hatte Pierre über seine “Memoires” höchst Schmeichel­


haftes geschrieben.
Auch jetzt ehrte ihn der alte Mann vor den ändern. Durch
die Menge der Gäste, die ehrfürchtig Platz machten, ging er auf
ihn zu, begrüßte ihn: “Mein sehr lieber Freund und Kollege”,
umarmte ihn. Pierre geleitete ihn behutsam und verehrungsvoll
zurück zu seinem Lager. “Wissen Sie, mein Lieber”, erzählte
ihm Voltaire, “daß ich ohne Sie meine “Irene” kaum geschrie­
ben hätte? Es war der Erfolg Ihres “Barbiers”, der mich an­
gestachelt hat, meine alte Hand einmal wieder zu versuchen.
Freilich auch hat mir Ihr vortreffliches Werk einigen Kummer be­
reitet. Sie werden in meinem Stück einen Priester namens Leonce
finden. Dieser Mann hat ursprünglich Basile geheißen. Aber
seitdem Ihr Basile auf den Brettern erschienen ist, weckt der
Name Vorstellungen, die sich nicht vertragen mit dem finstern
Wesen meines alten Priesters. Der Name Basile gehört Ihnen,
mein Freund, für die nächsten Jahrhunderte.” Pierre, der sonst
so Wortgewandte1, war verlegen um eine Antwort. Voltaires
Anblick ergriff ihn. Da hockte der unglaubhaft magere Alte,
umbauscht von dem viel zu weiten Schlafrock, das häßliche
Gesicht grotesk von der Zipfelmütze umrahmt, aber daraus strahl­
ten gescheit, gütig und ungeheuer lebendig die Augen, und dieses
Häuflein Knochen und pergamentene Haut war der Sitz des
stärksten Geistes, der heute auf dem Planeten dichtete und dachte.
Und es kam eine Abordnung der Akademie, Voltaire zu be­
grüßen. Und es kamen die Mitglieder des Theatre Fran?ais.
Auch die Schauspieler, abgebrühte Herren und Damen, waren
bewegt, da sie diesen ihren Dichter, der für sie beinahe eine
Legende war, lebendig unter sich sahen. Der Mann hatte das
Stück, das sie jetzt spielen sollten, als Zweiundachtzigjähriger
begonnen, hatte die Arbeit, als sie ihn ermüdete, beiseite gelegt
und ein neues Stück angefangen, hatte dann das erste, eben die

1 der sonst so Wortgewandte - обычно такой словоохотливый.


6 . Читаем по-немецки
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 162

Tragödie “Irene”, wieder vorgenommen, sie vollendet und sie


angefüllt mit dem gleichen, gewaltigen Haß gegen das Vorurteil
wie seine früheren Stücke. Sie, die Schauspieler, da sie diese
Tragödie eingehend studierten, wußten es: die Kraft des Alten
hatte nicht nachgelassen. Der verschrumpfte, zahnlose Mann
war heute noch wie vor Jahrzehnten ein Bündel Energie, ein
einziger, großer, zorniger Brand gegen das Böse.
Eifrig diskutierte er mit ihnen, hörte sich ihre Urteile über die
Tragödie an, ging auf ihre Wünsche ein oder wies sie zurück.
Man beschloß, die Proben bei ihm abzuhalten, da er nicht kräf­
tig genug war, sich ins Theater zu begeben. Zunächst, am Tage
darauf, wollte er ihnen das ganze Stück vorlesen. Jetzt schon
sprach er ihnen einzelne Stellen vor, und trotz des Schlafrocks
und der Nachtmütze taten die Verse, wie sie aus seinem zahnlosen
Munde kamen, starke Wirkung.
...Pierre konnte sich nicht loßreißen von dem Schauspiel des
hofhaltenden Voltaire. Gegen seine Gewohnheit gab er sich be­
scheiden; er mischte sich nicht in die Beratung Voltaires mit den
Schauspielern ein, wiewohl er da einiges hätte beisteuern kön­
nen, noch in die Unterhaltungen der Besucher. Schweigend und
ehrerbietig stand er am Rande des Zirkels, der Voltaire umgab,
und sah und hörte. Was der kleine Tempel in seinem Garten
gleichnishaft zum Ausdruck brachte, war die reine Wahrheit:
die Feder hatte diesem Greis eine Fülle des Ruhmes und der
Macht verschafft wie kaum je einem Monarchen seine Krone.
Und Pierre war selig, ihm durch Schicksal verbunden zu sein
und durch Verwandschaft in Geiste.
...Es kam auch Doktor Franklin.
Er kam voll Neugier und Bewunderung. Er und Voltaire hat­
ten seit Jahrzehnten freundliche Botschaften ausgetauscht. Vol­
taire hatte ihn und seine Sache stets gepriesen und ihn in seinem
“Philosophischen Wörterbuch” hoch gerühmt, weil er den Blitz
bezwungen, dessen Gesetze erforscht und so einen wichtigen
Beitrag geleistet habe zu der Besiegung des Aberglaubens, der
163 L IO N F E U C H TW A N G E R

seit den ältesten Zeiten verknüpft gewesen sei mit Blitzen und
Gewittern. Vor allem aber hatte dieser Voltaire mehr als jeder
andere beigetragen zur Verbreitung der Ideen, auf denen das
freie Amerika errichtet war. So fand sich Franklin in beinahe
festlicher Stimmung bei seinem großen Kollegen ein.
...Voltaire sagte, er freue sich, Franklin persönlich Glück zu
wünschen zu den Siegen, die seine Truppen erfochten hätten.
Er sprach englisch. Franklin erwiderte, wer sich in Amerika mit
Literatur befasse, sehe in Voltaire den Vater der amerikanischen
Republik. “Wäre ich so jung wie Sie, verehrter Mann”, ant­
wortete Voltaire, “dann reiste ich übers Meer, um mir Ihr glück­
liches Land anzuschauen.” Und er zitierte aus dem Gedächtnis
Verse aus Thomsons “Ode an die Freiheit”, die vor vierzig Jahren
große Mode gewesen war und an die sich Franklin undeutlich
erinnerte. Voltaires Nichte, im Namen1 der übrigen Anwesenden,
beklagte sich, daß die Unterhaltung englisch geführt werde und
niemand sie verstehe. “Ich bitte um Verzeihung,” sagte Vol­
taire, “daß ich der eiteln Genugtuung nachgab,2 dieselbe Sprache
zu sprechen wie Doktor Franklin.”

B E A N T W O R T E N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wie war der echte Name von Voltaire?


2. Wie lange hatte er seine Vaterstadt nicht gesehen?
3. Wie alt war Voltaire zu dieser Zeit?
4. Was wollte er in Paris tun?

1 im Namen - от имени.
2 ...daß ich der eiteln Genugtuung nachgab - что я поддался тщеславному
удовлетворению .
6*
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 164

5. Mit welchen großen Herrschern stand er im Briefwech­


sel?
6. Gelang es Voltaire, bei der Reise unerkannt zu bleiben?
7. Warum wurde er in Dijon ungeschickt bedient?
8. Wer kam, um Voltaire zu besuchen?
9. Wie sah Voltaire aus?
10. Wie war sein Gedächtnis?
11. In welcher Sprache sprach er mit Doktor Franklin?
12. Wovon sprachen sie?
165 HERM ANN H ESSE

Hermann HESSE
(1877-1962)

Hesses meist bekenntnishafte Werke spiegeln in der Frühzeit


die Naturinnigkeit der Neuromantik und die verfeinerte psycho­
logische Einfühlung des Impressionismus, später seelische Zer­
rissenheit als “Krankheit der Zeit” (“Der Steppenwolf’, 1927);
das Streben nach universaler Ganzheit gestaltete er in dem östliche
und westliche Weisheit frei vereinenden Alterswerk “Das Glas­
perlenspiel” (1943). Zahlreiche Erzählungen; Essays, lyrische
Gedichte. 1946 Nobelpreis für Literatur.

ф
DER WALDMENSCH

Am Anfang der ersten Zeitalter, noch ehe die junge Men­


schheit sich über die Erde verbreitet hatte, waren die Waldmen­
schen. Diese lebten eng und scheu in der Dämmerung der tro­
pischen Urwälder, stets im Streit mit ihren Verwandten, den Affen,
und über ihrem Tun und Sein stand als einzige Gottheit' und
einziges Gesetz: der Wald. Der Wald war Heimat, Schutzort,
Wiege, Nest und Grab, und außerhalb des Waldes vermochte
man sich kein Leben zu denken.2 Man vermied es, bis an seine
Ränder vorzudringen,3 und wer je durch besondere Schicksale
auf Jagd oder Flucht dorthin verschlagen worden war, der erzählte
1 ...über ihrem Tun und Sein stand als einzige Gottheit... - зд.: их житьем-
бытьем правило одно божество...
2 ...vermochte man sich kein Leben zu denken - нельзя было и помыслить
о жизни.
3 Man vermied es, bis an seine Ränder vorzudringen - старались не доходить
до его границ.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 166

zitternd und geängstigt von der weißen Leere draußen, wo man


das furchtbare Nichts im tödlichen Sonnenbrände gleißen sähe.1
Es lebte ein alter Waldmann, der war vor Jahrzehnten, durch
wilde Tiere verfolgt, über den äußersten Rand des Waldes hinaus
geflohen und alsbald blind geworden. Er war jetzt eine Art Priester
und Heiliger und hieß mata galam (der das Auge inwendig hat)2;
er hatte das heilige Waldlied gedichtet, das bei großen Gewit­
tern gesungen wurde, und auf ihn hörten die Waldleute. Daß er
die Sonne mit Augen gesehen hatte, ohne daran zu sterben, das
war sein Ruhm und sein Geheimnis.
Die Waldmenschen waren klein und braun und stark behaart,
sie gingen vorgebückt und hatten scheue Wildaugen. Sie konn­
ten wie Menschen und wie Affen gehen und fühlten sich noch
im Geäst des Waldes ebenso sicher wie am Boden. Häuser und
Hütten kannten sie noch nicht, wohl aber mancherlei Waffen
und Gerätschaften, auch Schmuck. Sie verstanden Bogen, Pfeile,
Lanzen und Streitkolben aus harten Hölzern zu machen, Hals­
bänder aus Bast mit getrockneten Beeren oder Nüssen behängt,
auch trugen sie um den Hals oder im Haar ihre Kostbarkeiten:
Eberzahn, Tigerkralle, Papageienfeder, Flußmuschel. Mitten durch
den unendlichen Wald floß der große Strom, die Waldmenschen
wagten sein Ufer aber nur in dunkler Nacht zu betreten, und
viele hatten ihn nie gesehen. Die Mutigeren schlichen zuweilen
des Nachts aus dem Dickicht hervor,3 scheu und lauernd, dann
sahen sie im schwachen Schimmer die Elefanten baden, blickten
durch die überhängenden Baumwipfel und sahen erschrocken
im Netzwerk der vielarmigen Mangrovenbäume die glänzenden
Sterne hängen. Die Sonne sahen sie niemals, und es galt schon
für äußerst gefährlich, ihr Spiegelbild im Sommer zu erblicken.

' ...wo man das furchtbare Nichts im tödlichen Sonnenbrände gleißen sähe -
где видно, как ужасное Ничто сверкает в смертельном солнечном жаре.
2 ...der das Auge inwendig hat - имеющий внутреннее око.
3 die Mutigeren schlichen zuweilen des Nachts aus dem Dickicht hervor -
более смелые иногда ночью прокрадывались из чащи.
167 H E R M A N N H E SSE

Zu jenem Stamme der Waldleute, welchen der blinde mata


dalam Vorstand, gehörte auch der Jüngling Kubu, und er war
der Führer und Vertreter der Jungen und Unzufriedenen. Es
gab nämlich Unzufriedene, seit mata dalam älter und herrsch­
süchtiger geworden war. Bisher war es sein Vonecht gewesen,
daß er, der Blinde, von den anderen mit Speise versorgt wurde,
auch fragte man ihn um Rat und sang sein Waldlied. Allmählich
aber führte er allerlei neue und lästige Bräuche ein, welche ihm,
wie er sagte, von der Gottheit des Waldes im Traum waren geof-
fenbart worden.1 Ein paar Junge und Zweifler aber behaup­
teten, der Alte sei ein Betrüger und suche nur seinen eigenen
Vorteil.
Das Neuste, was mata dalam eingeführt hatte, war eine
Neumondfeier, wobei er in der Mitte eines Kreises saß und die
Rindentrommel schlug. Die anderen Waldleute aber mußten so
lange im Kreise tanzen und das Lied golo elah dazu singen, bis
sie todmüde waren und in die Knie sanken. Dann mußte ein
jeder sich das linke Ohr mit einem Dorn durchbohren, und die
jungen Weiber mußten zu dem Priester geführt werden, und er
durchbohrte einer jeden das Ohr mit einem Dorn.
Dieser Sitte hatte sich Kubu samt einigen seiner Altersgenos­
sen entzogen,2 und ihr Bestreben war, auch die jungen Mäd­
chen zum Widerstand zu überreden. Einmal hatten sie Aussicht,
zu siegen und die Macht des Priesters zu brechen. Der Alte
nämlich hielt wieder Neumondfest und durchbohrte den Weib­
chen das linke Ohr. Eine kräftige Junge3 aber schrie dabei furcht­
bar und leistete Widerstand, und darüber passierte es dem Blin­
den, daß er ihr mit dem Dom ins Auge stach,4 und das Auge lief

1 ihm...von der Gottheit des Waldes im Traum waren geoffenbart worden -


были открыты ему во сне божеством леса.
2 dieser Sitte hatte sich Kubu samt einigen seiner Altersgenossen entzogen -
этого обычая Кубу вместе с некоторыми из своих сверстников избегал.
3 eine kräfrige Junge - одна сильная молодая девушка.
4 ...und darüber passierte es dem Blinden, daß er ihr mit dem Dorn ins Auge
stach - и от этого слепец воткнул ей шип в глаз.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 168

aus. Jetzt schrie das Mädchen so verzweifelt, daß alle herbeilie­


fen, und als man sah, was geschehen war, schwieg man betrof­
fen und unwillig. Als aber die Jungen sich triumphierend darein
mischten und als der Kubu den Priester an der Schulter zu packen
wagte,1 da stand der Alte vor seiner Trommel auf und sagte mit
krähend höhnischer Stimme einen so grauenhaften Fluch, daß
alle entsetzt zurückflohen und dem Jüngling selber das Herz vor
Entsetzen gefror. Der alte Priester sagte Worte, deren genauen
Sinn niemand verstehen konnte, deren Art und Ton aber wild
und grausig an die gefürchteten heiligen Worte der Gottesdien­
ste anklang.2 Und er verfluchte des Jünglings Augen, die er
dem Geier zum Fräße zusprach, und verfluchte seine Einge­
weide, von welchen er prophezeite, sie werden eines Tages im
freien Felde in der Sonne rösten. Dann aber befahl der Priester,
der im Augenblick mehr Macht hatte als jemals, das junge Mäd­
chen nochmals zu sich und stieß ihr den Dorn auch ins zweite
Auge, und jedermann sah es mit Entsetzen, und niemand wagte
zu atmen.
“Du wirst draußen sterben”, hatte der Alte dem Kubu ge­
flucht, und seither mied man den Jüngling als einen Hoffnungslo­
sen. “Draußen” - das hieß: außerhalb der Heimat, außerhalb des
dämmernden Waldes! “Draußen”, das bedeutete Schrecken,
Sonnenbrand und glühende, tödliche Leere.
Entsetzt war Kubu weit hinweg geflohen, und als er sah, daß
jedermann vor ihm zurückwich, da verbarg er sich in einem hohlen
Stamme und gab sich verloren.3 Tage und Nächte lag er, wech­
selnd zwischen Todesangst und Trotz, und ungewiß, ob nun die
Leute seines Stammes kommen würden, ihn zu erschlagen, oder
ob die Sonne selbst durch den Wald brechen, ihn belagern und
1 und als der Kubu den Priester an der Schulter zu packen wagte - и когда
Кубу осмелился схватить жреца за плечо.
2 deren Art und Ton aber wild und grausig an die gefürchteten heiligen Worte
der Gottesdienste anklang - характер и тон которых, однако, дико и страшно
напоминал внушающие страх священные слова богослужения.
3 ...und gab sich verloren - и считал себя пропавшим.
169 H ERM AN N H ESSE

erjagen und erlegen werde. Es kam aber weder Pfeil noch Lan­
ze, weder Sonne noch Blitzstrahl, es kam nichts als eine tiefe
Erschaffung und die brüllende Stimme des Hungers
Da stand Kubu wieder auf und kroch aus dem Baume, nüchtern
und beinahe mit einem Gefühl von Enttäuschung.
“Es ist nichts mit dem Fluch des Priesters”, dachte er ver­
wundert, und dann suchte er sich Speise, und als er gegessen
hatte und wieder das Leben durch seine Glieder kreisen fühlte,1
da kam Stolz und Haß in seine Seele zurück. Jetzt wollte er
nicht mehr zu den Seinen zurückkehren. Jetzt wollte er ein Ein­
samer und Ausgestoßener sein, einer, den man haßte und dem
der Priester, das blinde Vieh, ohnmächtige Verfluchungen nach­
rief. Er wollte allein sein und allein bleiben, zuvor aber wollte er
seine Rache nehmen.
Und er ging und sann. Er dachte über alles nach, was ihm
jemals Zweifel erweckt hatte und als Trug erschienen war, und
vor allem über die Trommel des Priesters und seine Feste, und
je mehr er dachte und je länger er allein war, desto klarer konnte
er sehen: ja, es war Trug, es war alles nur Trug und Lüge. Und
da er schon so weit war, dachte er noch weit und richtete sein
wachsam gewordenes Mißtrauen vollends auf alles, was als wahr
und heilig galt. Wie stand es zum Beispiel mit dem Waldgotte
und mit dem heiligen Waldliede? Oh, auch damit war es nichts,
auch das war Schwindel! Und ein heimliches Entsetzten über­
windend, stimmte er das Waldlied an, höhnisch mit verächtli­
cher Stimme und alle Worte verdrehend, und er rief dreimal den
Namen der Waldgottheit, den außer dem Priester niemand bei
Todesstrafe nennen durfte, und es blieb alles ruhig, und kein
Sturm brach los, und kein Blitz zuckte nieder!
Manche Tage und Wochen irrte der Vereinsamte so umher,
Falten über den Augen und mit stechendem Blick. Er ging auch,
was noch niemand gewagt hatte, bei Vollmond an das Ufer des
1 ...und wieder das Leben durch seine Glieder kreisen fühlte - и почувствовал,
что жизнь снова заструилась по его жилам.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 170

Stromes. Dort blickte er erst dem Spiegelbild des Mondes und


dann dem Vollmond selber und allen Sternen lang und kühn in
die Augen, und es geschah ihm kein Leid. Ganze Mondnächte
saß er am Ufer, schwelgte im verbotenen Lichtrausch und pflegte
seine Gedanken. Viele kühne und schreckliche Pläne stiegen in
seiner Seele auf. Der Mond ist mein Freund, dachte er, und der
Stern ist mein Freund, aber der alte Blinde ist mein Feind. Also
ist das “Draußen” vielleicht besser als unser Drinnen, und viel­
leicht ist die ganze Heiligkeit des Waldes auch nur ein Gerede!
Und er kam, um Generationen vor allen Menschen voraus, eines
Nachts auf die verwegene und fabelhafte Idee,1 man könne
ganz wohl einige Baumäste mit Bast zusammenbinden, sich darauf
setzen und den Strom hinunterschwimmen. Seine Augen
funkelten, und sein Herz schlug gewaltig. Aber es war nichts
damit; der Strom war voll von Krokodilen.
Dann gab es also keinen anderen Weg in die Zukunft als den,
den Wald an seinem Rande zu verlassen, falls es überhaupt ein
Ende des Waldes gab, und sich alsdann der glühenden Leere,
dem bösen “Draußen” anzuvertrauen. Jenes Ungeheuer, die
Sonne, mußte aufgesucht und bestanden werden.2 Denn - wer
weiß? - am Ende war auch die uralte Lehre von der Furcht­
barkeit der Sonne nur so eine Lüge!
Dieser Gedanke, der letzte in einer kühnen, fiebrig wilden
Reihe, machte den Kubu erzittern.3 Das hatte in allen Weltaltem
noch niemals ein Waldmensch gewagt, freiwillig den Wald zu
verlassen und sich der schrecklichen Sonne auszusetzen. Und
wieder ging er Tage um Tage, seinen Gedanken tragend. Und
endlich faßte er Mut. Er schlich mit Zittern am hellen Mittag
1und er kam, um Generalionen vor allen Menschen voraus, eines Nachts auf
die verwegene und fabelhafte Idee - и однажды ночью, еще до всех поколений
людей, ему пришла в голову дерзкая и чудесная идея.
2jenes Ungeheuer, die Sonne, mußte aufgesucht und bestanden werden - это
чудовище, солнце, нужно было отыскать и одолеть.
3 dieser Gedanke, der letzte in einer kühnen, fiebrig wilden Reihe, machte
den Kubu erzittern - эта мысль, последняя в смелом, лихорадочно бурном
ряду, заставила Кубу задрожать.
171 H E R M A N N H E SSE

gegen den Fluß, näherte sich lauernd dem glitzernden Ufer und
suchte mit bangen Augen das Bildnis der Sonne im Wasser. Der
Glanz schmerzte heftig in den geblendeten Augen, er mußte
sich rasch wieder schließen, aber nach einer Weile wagte er es
wieder und dann nochmals, und es gelang. Es war möglich, es
war zu ertragen, und es machte sogar froh und mutig. Kubu
hatte Vertrauen zur Sonne gefaßt. Er liebte sie, auch wenn sie
ihn töten sollte, und er haßte den alten, finstern, faulen Wald, wo
die Priester quäkten und wo er, der Junge und Mutige, verfemt
und ausgestoßen worden war.
Jetzt war sein Entschluß reif geworden, und er pflückte die
Tat wie eine süße Frucht. Mit einem neuen, zügigen Hammer
aus Eisenholz, dem er einen ganz dünnen und leichten Stiel gegeben
hatte,1 ging er in der nächsten Morgenfrühe dem mata dalam
nach, fand seine Spur und fand ihn selbst, schlug ihm den Ham­
mer auf den Kopf und sah seine Seele aus dem gekrümmten
Maul entfliehen. Er legte ihm seine Waffe auf die Brust, damit
man wisse, durch wen der Alte gestorben sei, und auf die glatte
Fläche des Hammers hatte er mit einer Muschelscherbe müh­
sam eine Schilderung geritzt, einen Kreis mit mehreren geraden
Strahlen: das Bildnis der Sonne.
Mutig trat er seine Wanderschaft nach dem fernen “Draußen"
an und ging vom Morgen bis zur Nacht in gerader Richtung und
schlief nachts im Gezweige und setzte in der Frühe sein Wan­
dern fort, viele Tage lang, über Bäche und schwarze Sümpfe,
...immer durch den ewigen Wald, so daß er am Ende zweifel­
haft und traurig wurde und den Gedanken erwog, vielleicht möchte
es doch den Geschöpfen des Waldes von einem Gotte verboten
sein, ihre Heimat zu verlassen.
Und da kam er eines Abends ... unversehens an ein Ende. Der
Wald hörte auf... Zu sehen war nichts als eine ferne schwache P.öte
und oben einige Sterne, denn die Nacht hatte schon begonnen.
1 dem er einen ganz dünnen und leichten Stiel gegeben hatte - к которому
он приделал очень тонкую и легкую рукоятку.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 172

Kubu setzte sich an den Rand der W elt... In Grauen und


wilder Erregung verbrachte er die Nacht, ohne ein Auge zu
schließen, und beim ersten Grauen der Frühe sprang er ungeduldig
auf seine Füße und wartete auf den Tag.
Gelbe Streifen schönen Lichtes erglommen in der Feme, und
der Himmel schien in Erwartung zu zittern, wie Kubu zitterte,
der noch niemals das Werden des Tages im weiten Luftraum
gesehen hatte. Und gelbe Lichtbündel flammten auf, und plötz­
lich sprang die Sonne groß und rot in den Himmel. Sie sprang
empor aus einem endlosen grauen Nichts, welches alsbald blau­
schwarz wurde: das Meer.
Und vor dem zitternden Waldmann lag entschleiert das
“Draußen”. Vor seinen Füßen stürzte der Berg hinab bis in un­
kenntliche rauchende Tiefen, gegenüber sprang rosig und juwe-
lenhaft ein Felsgebirge empor, zur Seite lag fern und riesig das
dunkle Meer... Und über dies alles, über diese tausend neuen,
fremden gewaltigen Formen zog die Sonne herauf und wälzte
einen glühenden Strom von Licht über die Welt, die in lachenden
Farben entbrannte.
Kubu vermochte nicht, der Sonne ins Gesicht zu sehen. Aber
er sah ihr Licht in farbigen Fluten um die Berge und Felsen und
Küsten und fernen blauen Inseln strömen, und er sank nieder
und neigte sein Gesicht zur Erde vor den Göttern dieser strah­
lenden Welt. Ach, wer war er, Kubu? Er war ein kleines,
schmutziges Tier, das sein ganzes dumpfes Leben im dämmeri­
gen Sumpfloch des dicken Waldes hingebracht hatte, scheu und
finster und niederträchtigen Winkelgottheiten untertan.1 Aber
hier war die Welt, und ihr oberster Gott war die Sonne, und der
lange schmähliche Traum seines Waldlebens lag dahinten2 und
begann schon jetzt in seiner Seele zu erlöschen wie das fahle

1 ...und niederträchtigen Winkelgottheiten untertan - и покорялся мерзким


мелким божествам.
2 ...und der lange schmähliche Traum seines Waldlebens lag dahinten - и долгий
постыдный сон его жизни в лесу был позади.
173 H E R M A N N H E SSE

Bild des toten Priesters. Auf Händen und Füßen kletterte Kubu
den steilen Abgrund hinab, dem Licht und dem Meere entge­
gen, und über seine Seele zitterte in flüchtigem Glücksrausch
die traumhafte Ahnung einer hellen, von der Sonne regierten
Erde,1 auf welcher helle, befreite Wesen im Lichte lebten und
niemand untertan wären als der Sonne.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN:

1. Wo lebten die Waldmenschen?


2. Wie sahen sie aus?
3. Was war mata dalam und welche Rolle spielte er in ihrem
Leben?
4. Wer war Kubu und wessen Führer war er?
5. Was machten die Waldmenschen während des Neumond-
feiers?
6. Warum sollte Kubu ins Wald fliehen?
7. Worüber dachte er im Wald, als er allein war?
8. Wohin beschloß er zu gehen?
9. Was bedeutete für die Waldmenschen das “Draußen”?
10. Was sah Kubu am Rande des Waldes?

1... und über seine Seele zitterte in flüchtigem Glücksrausch die traumhafte
Ahnung einer hellen, von der Sonne regierten Erde - и в его душе в мимолетном
порыве счастья затрепетало волшебное предчувствие светлой земли,
которой правит солнце.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 174

Bertolt BRECHT
(1898-1956)

Brecht begann mit expressionistisch-anarchistischen Dramen


(“BaaF, 1918/19), hatte dann großen Erfolg mit der die bürger­
lichen Konventionen verspottenden “Dreigroschenoper” (1928).
Die Hauptwerke Brechts entstanden im Exil: “Mutter Courage”
(1939), “Leben des Galilei” (1939), “Der kaukasische Kreide­
kreis” (1945). Sein episches Theater, das mit Verfremdungen
arbeitete, sollte kritisches Bewußtsein wecken und zur gesell­
schaftlichen “Änderung” führen. In dem 1949 in Ost-Berlin
gegründeten “Berliner Ensemble” schuf sich Brecht eine Ex­
perimentierbühne; seine Inszenierungen erlangten Weltruhm.

DIE GESCHÄFTE DES HERRN JULIUS CAESAR


(AUSZÜGE)

...Der große Caius Julius Caesar, über dessen Privatleben


ich nun aus den Aufzeichnungen seines langjährigen Sekretärs
Einzelheiten zu erfahren hoffte, war eben zwanzig Jahre tot. Er
hatte ein neues Zeitalter eingeleitet. Vor ihm war Rom eine große
Stadt mit einigen zerstreuten Kolonien gewesen. Erst er hatte
das Imperium gegründet. Er hatte die Gesetze kodifiziert, das
Münzwesen reformiert, sogar den Kalender den wissenschaftli­
chen Erkenntnissen angepaßt. Seine Feldzüge in Gallien, welche
die römischen Feldzeichen bis ins ferne Britannien trugen, hat­
ten dem Handel und der Zivilisation einen neuen Kontinent eröff­
net. Sein Standbild stand unter denen der Götter, nach ihm nannten
sich Städte und ein Jahresmonat, und die Monarchen fügten seinen
175 B E R T O LT B R E C H T

erlauchten Namen den ihrigen zu. Die römische Geschichte hatte


ihren Alexander bekommen. Es war schon klar, daß er das un­
erreichbare Vorbild aller Diktatoren werden würde. Und klei­
neren Geschlechtern blieb nur, seine Taten zu beschreiben. Das
sollte meine geplante Biographie tun. Die Unterlagen dafür hatte
ich jetzt.
...Seit grauer Vorzeit verteilten 300 Familien unter sich alle
hohen Ämter inner- und außerhalb Rom. Der Senat war ihre
Börse. Dort handelten sie aus, wer von ihnen auf der Senat­
bank, wer auf dem Richterstuhl, wer auf dem Schlachtroß1 und
wer nur auf dem Landgut sitzen sollte. Sie waren Großgrundbe­
sitzer, behandelten die übrigen römischen Bürger als ihr Ge­
sinde und ihr Gesinde als Gesindel.2 Die Kaufleute behandelten
sie als Diebe und die Bewohner der eroberten Provinzen als
Feinde. Einer von ihnen war der alte Cato,3 ein Urgroßvater
unseres Cato, der zu meiner und C.s4 Zeit Führer der Senatspartei
war. Er pries die Gesetzgebung des II. Jahrhunderts, wo man
den Dieb zweimal, den, der Geld auf Zinsen auslieh, aber vier­
mal soviel zurückzahlen ließ, als er “genommen” hatte. Noch
eine Generation vor der meinigen machten sie ein Gesetz, nach
dem ein Senator nicht Handel treiben durfte. Das Gesetz kam
zu spät, es wurde sofort umgangen, man kann mit Gesetzen
alles, nur nicht den Handel aufhalten, das Gesetz führte sogar
zum Ausbau der Handelsgesellschaften, in denen jeder von fünfzig
Teilhabern ein Fünfzigstel eines Schiffes besitzt, so daß er fünf­
zig Schiffe kontrollieren kann statt ein einziges, aber Sie sehen,
wohin jedenfalls die Tendenz dieser Herren ging. Sie waren
ausgezeichnete Feldherren und durchaus fähig, Provinzen zu ero­
bern, sie wußten nur nicht, was dann damit anfangen.
1 Das Sclilachtroß - боевой конь.
2 игра слов: das Gesinde - присл>га, челядь; das Gesindel - сброд,
отродье.
1 Calo - Катон (Старший), древнеримский государственный деятель
и историк.
4 C.s = Caesars.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 176

Aber als unser Handel aus den Kinderschuhen herauswuchs


und wir anfingen, in größerem Umfang Öl, Wolle und Weine
auszuführen und Getreide und vieles andere einzuführen, und
besonders, als wir Geld ausführen wollten, um es in den Provin­
zen arbeiten zu lassen, zeigten die Herren ihre ganze junkerli­
che Unfähigkeit, mit der Zeit zu gehen, und die junge City stellte
fest, daß es ihnen an einer vernünftigen Führung fehlte. Sie ver­
stehen, wir verspürten keinerlei Verlangen, uns selber auf Schlacht­
rosse zu setzen und unsere Zeit, die Geld war, auf schimmigen
Beamtensesseln zu verschwenden, die Herren konnten ruhig
bleiben, was sie waren, nur eben unter einer soliden Führung
der City. Sie werden begreifen, was ich meine, wenn Sie als
Beispiel den Punischen Krieg1 nehmen. Wir hatten ihn aus dem
besten Grund geführt, den es gibt, nämlich um die afrikanische
Konkurrenz niederzukämpfen, aber was wurde daraus? Unsere
Militärs nahmen Karthago nicht seine Produkte und Zölle, sondern
seine Mauern und Kriegsschiffe weg. Man holte nicht das Korn,
man holte den Pflug. Unsere Feldherren sagten stolz: Wo meine
Legionen hintreten, wächst kein Gras mehr. Aber worauf wir
aus waren,2 das war eben dieses Gras: Sie wissen, aus einer
dieser Grassorten wird Brot gebacken. Was im Punischen Krieg
mit immensen Kosten3 erobert war, das waren Wüsten. Diese
Gebiete hätten gut und gern unsere ganze Halbinsel ernähren
können, aber für den Triumphzug in Rom nahm man ihnen alles
weg, was sie brauchten, um für uns arbeiten zu können, von den
Ackergeräten bis zu den Ackersklaven. Und nach solcher Er­
oberung kam eine ähnliche Verwaltung. Die Statthalter schrie­
ben die Ziffern nur in ihre eigenen Haushaltungsbücher. Man
weiß, daß keine Kleidung so viele Taschen enthält als der Feld­
herrnrock. Aber die Kleider der Statthalter bestanden überhaupt

1 der Punische Krieg - Пуническая война, которую Рим вел против


Карфагена на протяжении многих лет.
2 aber worauf wir aus waren... - но то, к чему мы стремились...
3 mit immensen Kosten - ценой огромных средств.
177 BERTO LT BRECHT

nur aus Taschen. Die Herren schlepperten, wenn sie wieder


Heimatboden betraten, nach Metall nicht weniger,1 als wenn
sie in Kriegspanzem gekommen wären. Cornelius Dolabella und
Publius Antonius, die Gestalten, gegen die der junge C. antrat,
hatten halb Makedonien auf ihre Schiffe verladen.
Auf solche Weise konnte man natürlich nichts auf die Beine
stellen, was sich wirklich Handel nennen konnte. Nach jedem
Krieg gab es in Rom Konkurse und Zahlungseinstellungen.2
Jeder Sieg des Heeres war eine Niederlage der City. Die Tri­
umphe der Feldherren waren Triumphe über das Volk. Das Wehe­
geschrei, das sich nach der Schlacht von Zama, die den Punis-
chen Krieg beendete, erhob, war zweisprachig. Es war das
Wehegeheul der punischen und der römischen Banken. Der Senat
schlachtete die Milchkuh. Das System war durch und durch
verfault.
Das alles war Stadtgespräch in Rom. Man schwatzte in allen
Barbierbuden von der sittlichen Verfaultheit3 des Senats. Man
schwatzte sogar im Senat selber von der “Notwendigkeit einer
durchgreifenden moralischen Wiedergeburt”. Cato, der Jüngere,
sah schwarz für die Zukunft der 300 Familien. Er beschloß, et­
was für ihren guten Ruf zu tun, und erschien als Statthalter von
Sardinien in den ihm untergebenen Städten zu Fuß und von einem
einzigen Diener begleitet, welcher ihm den Rock und die Opfer­
schale nachtrug, und als er von seiner spanischen Statthalter­
schaft heimkehrte, verkaufte er vorher sein Schlachtroß, weil
er sich nicht befugt hielt,4 die Transportkosten desselben dem
Staat in Rechnung zu bringen. Leider geriet sein Schiff in einen
Sturm; er erlitt Schiffbruch und verlor seine Rechnungsbücher

1die Herren schlepperten ... nach Metall nicht weniger, als wenn sie in Kriegs­
panzern gekommen wären - эти господа тащили с собой ... металла не
меньше, как если бы они прибыли в военных доспехах.
2 Konkurse uns Zahlungseinstellungen - банкротства и приостановки
платежей.
3 sittliche Verfaultheit - моральное разложение.
4 weil er sich nicht befugt hielt... - потому что он считал себя не вправе.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 178

und jammerte dann bis an sein Lebensende, daß er niemandem


beweisen konnte, wie anständig er seine Geschäfte geführt hatte.
Er wußte, daß sein Verhalten unglaublich war. Die City hielt
nichts von “mit gutem Beispiel vorangehen” und moralische
Redensarten.1 Sie war sich klar darüber, was fehlte: man mußte
die Beamten bezahlen.
Die Herren verrichteten ihr Amt nämlich ehrenhalber.2 Für
Arbeit Geld zu nehmen, erschien ihnen schimpflich. Bei so hoh­
en Idealen blieb ihnen natürlich nichts übrig, als zu stehlen.3
Und sie stahlen von den Kontributen und von den Straßenbau­
ten und Wasser aus den staatlichen Wasserleitungen.
Die City war, wie gesagt, nicht unvernünftig. Sie setzte sich
mit den Kaufleuten in den eroberten Provinzen ins Benehmen4
und ermunterte sie, Prozesse anzustrengen. Es gab also Pro­
zesse. Cicero5 selbst, die große Trompete der City, führte eini­
ge, im Auftrag sizilianischer Firmen.
Aber unsere Herren vom Senat gewöhnten sich mit der Zeit
an die Prozesse, wie man sich an Regen gewöhnt: man zieht
einen Mantel an. Sie stahlen hinfort nicht mehr bei einigen viel,
sondern bei vielen einiges. Und wenn doch Prozesse drohten,
stahlen sie alles. Zum Prozeßführen ist Geld nötig. Also stahlen
sie denen, die sie ausplünderten, auch noch die eventuellen Prozeß­
kosten.6

1 Die City hielt nichts von “mit gutem Beispiel vorangehen” und morali­
schen Redensarten - Сити не придавал никакого значения тому, чтобы “по­
давать хороший пример” , и морализаторской болтовне.
2 Die Herren verrichteten ihr Amt nämlich ehrenhalber - То есть господа
несли свою почетную службу (не получая оплаты).
3 Bei so hohen Idealen blieb ihnen natürlich nichts übrig, als zu stehlen -
При таких высоких идеалах им, разумеется, ничего не оставалось делать,
как воровать.
4 sich ins Benehmen setzen - войти в соглашение, договориться.
5 Cicero - Цицерон, великий древнеримский оратор, писатель и госу­
дарственный деятель.
6 also stahlen sie denen, die sie ausplünderten, auch noch die eventuellen
Prozeßkosten - так что они крали у тех, кого они обирали, еще и возможные
издержки на процесс.
179 BERTO LT BRECHT

Dann fingen ein paar reiche demokratische Klubs in Rom


an, die Prozesse gegen die senatorischen Räuber zu finanzie­
ren, das heißt gegen die unverschämsten von ihnen, diejenigen,
die sogar römische Kaufleute in der Provinz an der Führung
ihrer Geschäfte hinderten. Diese Prozesse diskreditierten im­
merhin ein wenig, und, was vielleicht noch wichtiger war, die
jungen Anwälte konnten sich in die Materie einarbeiten. Denn
hier handelte es sich nicht nur darum, ein paar witzige Reden zu
halten. Der Anwalt hatte Zeugen aufzustellen und einzuüben,1
und er hatte die Geldsummen geschickt zu verteilen, so daß der
Gerichtsapparat gut geölt war. Wir bekamen sogar aus den se­
natorischen Familien junge Anwälte. Auf keine andere Weise
konnten sie die Verwaltungsmaschine besser studieren. Man muß
einmal bestochen haben, um sich selber ordentlich bestechen
lassen zu können.2
C. verlor beide Prozesse. Einige meinen, weil er zu untüchtig,
ich meine, weil er zu tüchtig war. Auf das letztere deutet, daß er
danach verreisen mußte, um, wie er sich mir gegenüber einmal
selbst ausdrückte, einer gegen ihn erregten gehässigen Stim­
mung aus dem Weg zu gehen.3 Er fuhr nach Rhodos, angeblich,
um sich in der Redekunst zu vervollkommnen. Da diese Moti­
vierung einer etwas beschleunigten Abreise für einen jungen
Anwalt nicht eben ruhmvoll klingt, muß man annehmen, daß es
noch andere Motive für die Reise gab, die noch weniger ruhmvoll
geklungen hätten.
Es ist richtig, daß man als Anwalt unter Umständen mehr
verdienen kann, wenn man einen Prozeß verliert, als wenn man
ihn gewinnt. Aber man sollte das nicht schon gleich mit den
1 der Anwalt hatte Zeugen aufzustcllen und einzuüben - защитник должен
был представить и подготовить свидетелей.
2 man muß einmal bestochen haben, um sich selber ordentlich bestechen las­
sen zu können - нужно один раз дать взятку, чтобы самому обеспечить
себе хорошие взятки.
3 um ... einer gegen ihn erregten gehässigen Stimmung aus dem Weg zu geh­
en - чтобы ... избежать возбуждаемых против него враждебных настро­
ений.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 180

allerersten Prozessen machen, die man bekommt. Es war eine


Schwäche dieses jungen Mannes, daß er nichts halb machte.
Wahrscheinlich wollte er von allem Anfang an ein richtiger An­
walt sein. Mit der Kriegführung machte er es später genauso.
...“Er brauchte immer Geld. Er hat es auch einmal mit Sklaven­
handel versucht”, sagte der Alte im Weitergehen. “Sie haben
wohl gehört von der Geschichte mit den Seeräubern?”
Ich begriff, daß er wieder von “C.” sprach, und nickte er­
staunt. Die köstliche Anekdote stand in allen Schulbüchern.
“Wären Sie bereit, zu wiederholen, was Sie davon wissen?”
fragte er.
“Ich bin bereit”, sagte ich und wiederholte, was ich davon
wußte. Ich gab meiner Stimme ein wenig von dem Tonfall, in
dem ich Gelerntes vor meinem griechischen Lehrer aufzusagen
pflegte,1 als ich die so berühmte Anekdote zitierte.
“Der junge Caesar wurde nahe der Insel Pharmakusa von
Piraten gefangengesetzt. Sie unterhielten beträchtliche Flotten
und bedeckten das Meer mit einer großen Menge von Fahrzeu­
gen. Anfänglich verhöhnte er die Piraten, weil sie nicht mehr
als 20 Talente Lösegeld forderten. Wußten sie nicht, wen sie
gefangen hatten? Und er erbot sich freiwillig ihnen 50 zu bezahlen.
Und sofort schickte er einige Begleiter in verschiedene Städte,
das Geld aufzubringen. Mit seinem Arzt, seinem Koch und zwei
Kammerdienern blieb er gelassen bei den mordgierigen Klein­
asiaten zurück. Er behandelte sie weiter so verächtlich, daß er
ihnen, sooft er sich schlafen legte, befahl, Ruhe zu halten. 38
Tage verlebte er auf eine Art, daß die Schiffsbesatzung eher
seine Leibwache zu sein schien, als er ihr Gefangener.2 Ohne
die geringste Furcht trieb er mit ihnen Scherz und Spiel. Bis­
1 ich gab meiner Stimme ein wenig von dem Tonfall, in dem ich Gelerntes
vor meinem griechischen Lehrer aufzusagen pflegte - я придал своему голосу
немного той интонации, с которой я обычно произносил выученное перед
своим греческим учителем.
2 ...verlebte er auf eine Art, daß die Schiffsbesatzung eher seine Leibwache zu
sein schien, als er ihr Gefangener - он прожил таким образом, что казалось
скорее, что команда судна - его личная охрана, а не он их пленник.
181 BERTO LT BRECHT

weilen setzte er sogar Gedichte und Reden an und las sie ihnen
vor; die sie nicht bewunderten, nannte er Dummköpfe und Bar­
baren, drohte ihnen auch oft unter Lachen, daß er sie noch auf­
hängen lassen wolle. Die Piraten amüsierten sich sehr über ihn
und nahmen seine freien Reden als charmante Späße.
Aber sobald das Lösegeld aus Milet eingetroffen und er in
Freiheit gesetzt war, bemannte er im Hafen von Milet einige
Fahrzeuge mit Bewaffneten und lief gegen die Piraten aus. Er
fand sie auch noch an der Insel vor Anker liegen1 und bekam
die meisten in seine Gewalt. Ihre Reichtümer betrachtete er als
eine rechtmäßige Beute, sie selbst aber lieferte er in das Gefäng­
nis von Pergamos und begab sich dann zu Junius, dem Statthal­
ter von Asien, um bei ihm die Bestrafung seiner Gefangenen zu
erwirken.2 Da dieser aber sein ganzes Augenmerk auf das den
Piraten Abgenommene richtete, welches freilich eine ansehnli­
che Summe ausmachte, und daher die unbestimmte Antwort
gab, er hätte im Augenblick nicht die Zeit, sich um die Gefan­
genen zu kümmern, ging Caesar, ohne sich weiter an ihn zu
kehren, nach Pergamos zurück und ließ die Piraten sämtlich aus
eigener Machtvollkommenheit3 ans Kreuz schlagen, wie er es
ihnen auf der Insel so oft scherzhaft vorausgesagt hatte.”
Der Alte hatte fast bei jedem Satz genickt... Weitergehend
sagte er:
“So sieht fast alles in seinem Leben jetzt schon aus. Ich werde
Ihnen sagen, was es war. Es war Sklavenhandel. Das kleine
Geschäft fällt in die Zeit, wo C. das Begräbnis seiner ersten
Frau und seiner Tante zu einer Demonstration für die Demokratie
ausnützte, und unmittelbar nachdem er die Prozesse gegen die
Übergriffe der Senatoren in den Provinzen angestrengt hatte.4
1 vor Anker liegen - стоять на якоре.
2 ...um bei ihm die Bestrafung seiner Gefangenen zu erwirken - чтобы
добиться у него наказания своих пленных.
3 aus eigener Machtvollkommenheit - в силу своих полномочий.
4 ...nachdem er die Prozesse gegen die Übergriffe der Senatoren in den Provinzen
angestrengt hatte - после того как он возбудил дела против злоупотреб­
лений властью сенаторами в провинциях.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 182

Es handelte sich um seine Fahrt nach Rhodos, wo er bei einem


Griechen das Reden lernen wollte. Unser junger Anwalt liebte
es, mehrere Dinge zugleich zu tun. Und, wie erwähnt, er brauchte
Geld. Er nahm also eine Schiffsladung Sklaven mit, wenn ich mich
erinnere, gelernte gallische Lederarbeiter, die man dort unten mit
Gewinn abstoßen konnte. Es war natürlich Schmuggel.
Die großen kleinasiatischen Sklavenhändler hatten alte Ver­
träge mit unseren Häfen sowohl als mit den griechischen und
syrischen, die ihnen das Monopol auf die Sklaventransporte in
beiden Richtungen sicherten. Der Sklavenhandel war ja ein gut
organisierter, mit vielem, auch römischem Kapital versehener
Geschäftszweig. Auf dem Sklavenmarkt in Delos wurden mit­
unter an einem einzigen Tag bis zu zehntausend Stück verkauft.
Die Verbindungen der Sklavenhändler mit den Händlern der
Hauptstadt waren eng und wohlgeordnet. Erst später, als die
City einen eigenen Sklavenhandel auf die Beine stellte, kam es
zu Reibereien mit dem kleinasiatischen Exporttrust. Unsere
Zollpächter1 veranstalteten unter dem Schutz der römischen Adler
im tiefsten Frieden regelrechte Sklavenjagden in den kleinasi­
atischen Provinzen. Die kilikischen und syrischen Firmen wehr­
ten sich, so gut sie konnten, gegen die Konkurrenz, die sie als
unfair betrachteten. Der Kampf um das Sklavenmonopol führte
bald zu einem ganz schönen Seekrieg. Hüben und drüben wur­
den Transportschiffe gekapert und Sklavenladungen beschlag­
nahmt. Die römischen Firmen schimpften die kleinasiatischen
und die kleinasiatischen die römischen Piraten.
C. fuhr im Winter, wo man der Stürme wegen von den klein­
asiatischen Kaperschiffen sicherer war.2 Sie fingen ihn aber
doch ab. Man nahm ihm seine Ladung weg und setzte ihn in
Gewahrsam...3 Man ließ ihm seinen Arzt und seine Kammerdie­
1 die Zollpächter - откупщики (ист.)
2 ...wo man der Stürme wegen vor den kleinasiatischen Kaperschiffen sicherer
war - когда из-за штормов можно было меньше опасаться малоазиатских
пиратских судов.
3 man ... setzte ihn in Gewahrsam - его заключили под стражу.
183 BERTOLT BRECHT

ner und hörte sich sogar geduldig seine Gedichte an. Die guten
Kleinasier ließen sich auch diese Brutalität gefallen1 und blie­
ben höflich. Er sollte nur die Schadenersatzsumme bezahlen,
die nach der Größe der geschmuggelten Ladung berechnet wurde.
Es waren 20 Talente.
Das Weitere, was ich Ihnen erzähle, habe ich von dem Prokon­
sul Junius... Er untersuchte die Angelegenheit, weil ein großer
Skandal entstand.
C. wandte sich zunächst durch Boten an die kleinasiatischen
Städte um das Geld. Er verbarg, daß es sich um einen Schaden­
ersatz für Sklavenhandel handelte,2 und behauptete, es sei von
Piraten erpreßtes Lösegeld. Und er forderte nicht 20 Talente,
sondern 50. Sie wurden angebracht. Er zahlte sie niemals zurück.
Freigelassen, reiste er nach Milet, bemannte ein paar Schiffe
mit Fechtersklaven3 und nahm den Kleinasiaten das “Lösegeld”
sowie seine Sklavenladung wieder ab. Außerdem verschleppte
er nicht nur die Mannschaft des kleinasiatischen Kaperschiffes,
sondern auch einige Sklavenhändler, die es ausgeschickt hatten,
sowie alle Sklavenvorräte, die er bei ihnen vorfand, nach Perga-
mos. Von Junius darüber zur Rede gestellt,4 verlangte er, daß
die Kleinasier samt und sonders als Piraten behandelt würden,
und als Junius ihm das verweigerte und sich allzu eindringlich
nach den näheren Umständen des Falls erkundigte, reiste er bei
Nacht und Nebel nach Pergamos ab und ließ die Kleinasiaten
mit gefälschten Orders ans Kreuz hängen, damit sie nichts ge­
gen ihn aussagen konnten.
...Sie dürfen nicht aus dem Auge verlieren,5 daß C. hier
Kaufleute aufhängen ließ... Es war damals noch nicht so, daß
1 ...ließen sich auch diese Brutalität gefallen - терпеливо сносили даже
эту жестокость.
2 ...daß es sich um einen Ersatz für Sklavenhandel handelte - что речь идет
о возмещении ущерба за работорговлю.
3 ...bemannte ein paar Schiffe mit Fcchtersklaven - укомплектовал два
судна вооруженными рабами.
4 von Junius darüber zur Rede gestellt - когда Юний потребовал у него
объяснений.
5 aus dem Auge verlieren - упускать из виду.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 184

man die kleinasiatischen Firmen offiziell Piraten nennen konnte.


Sie heißen jetzt so in den Geschichtsbüchern. Da sie von uns
geschrieben sind, konnten wir natürlich unsere Anschauung der
Dinge zur Geltung bringen.1
Schon damals war aber in Rom mit einem Haufen Geld eine
moralische Kampagne gegen die Kleinasiaten gestartet worden;
man behauptete, sie verschafften sich ihre Ware auf unrecht­
mäßige Weise, ja man ging so weit, daß man ihnen unmenschli­
che Behandlung der Ware vorwarf.2 Dabei ist es klar, daß die
Ware, die von den Statthaltern in Feldzügen erbeutet wurde,
viel mehr auf dem Transport litt:3 dem Militär war es gleich­
gültig, wieviel Stück ankamen. Die Händler dagegen verloren
mit jedem Mann Geld und sorgten daher für sanitäre Verfrach­
tung. Aber erst Jahre nach dem kleinen Vorfall, von dem wir
sprechen, erreichten es die römischen Firmen, daß ihre Sache
zur Sache Roms gemacht wurde. Sie halfen der Stimmung auf
dem Forum etwas nach, indem sie gelegentlich einige römische
Getreideschiffe durch irgendwelche griechischen Freibeuter
kapern ließen.4 Dann erst konnten sie nach Staatshilfe schreien
und die Anwendung des Piratengesetzes verlangen. Die römische
Kriegsflotte bekam die City aber für ihren Konkurrenzkampf
mit den Kleinasiaten nicht ohne Kämpfe. Auch dabei spielte
übrigens C. eine Rolle, wenn auch eine bescheidene.

1...unsere Anschauung der Dinge zur Geltung brigen - выразить наш взгляд
на вещи.
2 ...daß man ihnen unmenschliche Behandlung der Ware vorwarf - что их
обвиняли в бесчеловечном обращении с товаром.
3 ...viel mehr auf dem Transport litt - гораздо больше страдал при
транспортировке.
4 Sie halfen der Stimmung auf dem Forum etwas nach, indem sie gelegentlich
einige römische Getreideschiffe durch irgendwelche griechischen Freibeuter kapern
ließen - они несколько повлияли на настроение на форуме, когда при случае
позволили каким-то греческим пиратам захватить несколько римских
судов с зерном.
185 B E R T O L T BR E C H T

B E A N TW O R TE N S IE FOLG END E F RAG EN :

1. Was war Rom vor Caius Julius Caesar?


2. Welche Rolle spielte Caesar in der römischen Geschich­
te?
3. Wem gehörte die Macht in Rom?
4. Durften die Senatoren Handel treiben?
5. Gegen wen führte Rom den Punischen Krieg?
6. Wie endeten die beiden ersten Prozesse, wo Caesar als
Anwalt auftrat?
7. Wieviel Tage verbrachte Caesar bei den Seeräubern?
8. Wieviel Lösegeld forderten sie?
9. Wieviel Geld bezahlte Caesar und warum?
10. Was machte er nach seiner Befreiung?
11. Was geschah in Wirklichkeit?
12. Warum sorgten die Sklavenhändler für “menschliche
Behandlung der Ware”?

1940

Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Mathematik


lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Daß zwei Stück Brot mehr ist
als eines
Das wirst du auch so merken.
Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Französisch
lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Dieses Reich geht unter. Und
Reibe du nur mit der Hand den Bauch und stöhne
Und man wird dich schon verstehen.
Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Geschichte
lernen?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 186

Wozu, möchte ich sagen. Lerne du deinen Kopf in die


Erde stecken
Da wirst du vielleicht übrigbleiben.

Ja, lerne Mathematik, sage ich


Lerne Französisch, lerne Geschichte!

HOLLYWOOD

Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen1


Gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer.

' mein Brot zu verdienen - чтобы заработать свой хлеб.


187 BERN H ARD K E L LE R M A N N

Bernhard KELLERMANN
(1879-1951)

B.Kellermann hatte Welterfolg mit dem Roman “Der Tun­


nel” (1913). Seine weiteren gesellschafts-kritischen Romane (“Der
9. November”, “Der Totentanz”) schildern vor allem Zeiterschei­
nungen in Deutschland nach 1918.

DER TUNNEL (AUSZÜGE)

Allan hatte die Brücken hinter sich abgebrochen.


Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschloß er sich
aber, noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an
die Regierung, was er schon früher, ohne Erfolg, getan hatte. Er
blieb drei Wochen in Washington und war Gast des Präsiden­
ten. Der Präsident gab ihm ein Diner, und man erwies ihm Ach­
tung und Respekt wie einem abgesetzten Monarchen. Allein an
eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung vorläufig nicht
denken.
Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken
und den Finanzgroßmächten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken
und Großkapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, daß sie sich
eventuell beteiligen würden, wenn Lloyd vorangche. So kam
Allan wiederum zu Lloyd zurück.
Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem
stillen Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm über die Börse und den
Weltmarkt, schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl,
Zucker, die Baumwolle und die Frachtsätze... Die Welt war immer
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 188

noch um zehn Jahre in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zurück,


so verzweifelt sie auch aufzuholen versuchte.
Sobald es Allan möglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er
geradeswegs auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der
Regierung, und Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.
“Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert,
Allan, Sie können ja schließlich noch drei bis fünf Jahre warten.”
Allans Gesicht zuckte. “Ich kann das unmöglich!” rief er. “Drei
bis fünf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!”
Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. “Es geht
nichts!” sagte er dann bestimmt und preßte die Lippen zusammen.
Sie schwiegen. Es war zu Ende.
Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum
Diner zu bleiben. Allan war unentschlossen - aber es war ihm
nicht möglich, Lloyd jetzt zu verlassen. Obwohl es vollkommen
unsinnig war, log er sich noch immer eine leise Hoffnung vor.
“Ethel wird vor Überraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja
nicht, daß Sie hier sind!”
“Ethel... Ethel...” Nun, da Lloyd einmal den Namen seines
Abgotts genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr spre­
chen. Er schüttelte Allan sein Herz aus.
“Denken Sie”, sagte er, “Ethel war vierzehn Tage mit der
Jacht fort, gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich
den Telegrafisten bestochen - ja, bestochen, denn so muß ich
es bei Ethel machen -, aber er telegrafierte nicht. Ethel hatte
mich durchschaut. Sie ist in schlechter Laune, und wir haben
uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da ich Ethel nicht sehe, ist
für mich eine Qual. Ich witze und warte auf sie. Ich bin ein alter
Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!”
Ethel war äußert verwundert, als sie Allan plötzlich eintreten
sah. Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entge­
gen und gab ihm erfreut die Hand, während sie leicht errötete.
“Sie sind hier, Allan! Wie schön! - Ich war nicht gut zu spre­
chen auf Sie - viele Wochen lang, das muß ich Ihnen sagen,
wenn ich ehrlich sein soll.”
189 B E R N H A R D K E L LE R M A N N

Lloyd kicherte. Er wußte, daß Ethel nun wieder besser ge­


launt sein würde.
“Ich konnte damals nicht ins Konzert kommen.”
“Allan, Sie lügen doch nicht? Höre doch, Pa, wie Allan lügt.
Er wollte nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.”
“Nun - ich wollte nicht.”
Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er fürchtete ein
Ungewitter. Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem
Zimmer laufen. Er war erstaunt, als Ethel nur lachte.
“Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.”
Und Ethel war den ganzen Abend fröhlich und liebenswür­
dig.
“Hören Sie aber nun, Allan, mein Freund!” sagte sie, als sie
sich trennten. “Ein zweites Mal dürfen Sie nicht so häßlich zu
mir sein - ich würde es Ihnen nicht mehr verzeihen.”
“Ich werde mir alle Mühe geben” antwortete Allan scherzhaft.
Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr
nicht. Aber sie verriet sich nicht und sagte lächelnd: “Nun, ich
werde sehen.”
Allan stieg in Lloyds Wagen und hüllte sich in den Mantel. Er
sann vor sich hin und sagte: “Der alte Lloyd wird nichts ohne sie
tun - und alles für sie.”
Einige Abende später betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds
im Madison-Square-Palast.
Sie traten während des Konzerts ein, und ihr Eintreten er­
regte solch großes Aufsehen, daß die Egmont-Ouvertüre fast
vollkommen verlorenging.
“Ethel Lloyd und - Mac Allan!”
Ethels Robe repräsentierte ein Vermögen. Sie hatte die Phan­
tasie der drei ersten Bekleidungskünstler New Yorks an­
gepeitscht...
Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd,
der schon fürs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick
zu bestimmen, zu Hause zu bleiben, da er nicht wohl aussähe.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 190

Sie hatte ihn “my honey-father”1 genannt, so daß Lloyd in seiner


Affenliebe überglücklich war, drei Stunden im Sessel auf seine
Tochter zu warten.
Ethel wollte, daß man sie allein mit Allan sah, und sie wollte,
daß die Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle
Gläser auf die Loge, und Stimmen wurden laut: “Mac Allan! -
Mac Allan!”
Allans Glanz kam in dem Augenblick zurück, da er sich an
der Seite einer Milliarderin zeigte. Er zog sich beschämt tiefer
in die Loge zurück.
Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lächeln,
das nicht mißzuverstehen war, und dann beugte sie sich über die
Brüstung und zeigte ihre schönen Zähne und ihr schönes Lä­
cheln und kassierte den Triumph ein.
Allan überstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner
Kräfte. Er dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge
gegenüber saß und darauf wartete, daß Lloyd ihn zu sich rief.
Er erinnerte sich deutlich an Mauds transparentes rosiges Ohr
und ihre vor Erregung geröteten Wangen, an den verträumten
Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und ebenso deutlich erin­
nerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum erstenmal
die Hand reichte und sagte: “How do yu do, Mr.Allan?” Er fragte
sich in Gedanken: Würdest du wünschen, daß Lloyd damals nicht
gekommen wäre, daß man den Tunnel niemals begonnen hätte?
- Und er entsetzte sich über sich selbst, als sein Inneres ant­
wortete: Nein! - Selbst für Maud und Edith würde er nicht sein
Werk hingeben.
Schon am nächsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sie­
ben Prozent! Eine unverschämte Zeitung brachte am Morgen
die Notiz, daß Ethel Lloyd sich im nächsten Monat mit Mac
Allan verloben würde.
Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.

1 my honey-father (engl.) = mein lieber Vater.


191 B E R N H A R D K E L LE R M A N N

Miß Lloyd erklärte: “Der Mann, der diese Nachricht verbreitete,


ist der größte Lügner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac
Allans. Das ist die Wahrheit, und ich bin stolz darauf."
Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach eini­
gen Wochen ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte
Notiz durch die Blätter, daß Mac Allan wieder nach New York
übergesiedelt sei.
Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste
mit Allans Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete
sich im Gebäude der Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Ge­
bäude war noch im Bau. Es bestand aus einem Mittelbau von
dreißig Stockwerken bei einer Front von fünfzig Fenstern, den
zu beiden Seiten zehn Fenster breite Türme von fünfundzwan­
zig Stockwerken flankierten. Mittelbau und Türme ruhten auf
kolossalen Bogen, die direkt in die Bahnhofshalle führten. Die
Türme waren mit dem breiten Mittelbau durch zwei Brücken­
paare verbunden. Zur Abwechselung sollte das Gebäude Säulen
auf den Dächern tragen, luftige Dachgärten-Arkaden.
Das Gebäude war bis zum sechsten Stockwerk fertig - und
oben das dreißigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte
das wirre Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage
winzige Menschen kletterten und hämmerten.
Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt über dem großen
Mittelbogen der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den großen
Restaurationssaal verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den
Hudson und die Wasserfront New Yorks gewährte.
Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Aus­
schmückung des ungastlichen Riesensaales beizutragen, des­
sen bloßer Anblick einen Menschen melancholisch machen mußte.
Sie hatte Wagenladungen von Zimmerpflanzen aus ihren Treib­
häusern in Massachusetts kommen lassen. Sie hatte persönlich
Ballen von Teppichen im Auto herübergebracht.
Das Aussehen Allans mißfiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl
und ungesund. Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und aß wenig.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 192

Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen französi­


schen Künstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den
Speisezettel schließen konnte, der ihm zusagte. Sie erklärte ferner,
daß ihm nichts mehr nötig sei als frische Luft, da die Stollen sein
Blut vergiftet hätten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie
jeden Tag Punkt sechs Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und
fuhr Allan genau eine Stunde spazieren. Allan ließ sie gewähren.
Sie wechselten auf der Spazierfahrt zuweilen kein Wort.
Das Gerücht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und
wieder in den Zeitungen auf. Die Folge davon war, daß die Pa­
piere des Syndikats zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller
Sülle für zehn Millionen Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien
nahezu umsonst bekam, und verdiente jetzt schon ein Vermögen!)
Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Din­
gen - den kleinsten - zeigte sich eine Besserung. Der bloße
Umstand, daß Ethels Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hobo-
ken-Station stand, beeinflußte die Weltbörse.
Allan war der Komödie, die ihn peinigte und beschämte, über­
drüssig und beschloß zu handeln.
Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.
Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit großen, erstaunten
Augen an. “Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan!” rief sie aus.
Allan stand auf und klopfte dem Schofför. Er war totenbleich.
“Was wollen Sie, Allan?” fragte Ethel erschrocken und un­
gläubig und wurde rot. “Wir sind dreißig Meilen von New York!”
“Das ist ganz einerlei!” antwortete Allan brüsk und stieg aus.
Er ging ohne jeden Gruß.
Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wälder,
knirschend vor Grimm und Beschämung. Es war aus mit dieser
Intrigantin! Nie mehr, nie mehr in seinem Leben würde sie sein
Gesicht sehen! Der Teufel mochte sie holen...
Schließlich stieß er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hobo-
ken zurück. Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort
ein Auto und begab sich nach Mac City.
193 B E R N H A R D K E LLE R M A N N

Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch


das Licht sehen.

*
* *

...“Bist du sehr müde, Mac?” fragte Ethel nach langem Still­


schweigen. Sie fragte es ganz leise und demütig.
Allan blieb stehen und sah Ethel an.
“Ja”, sagte er mit klangloser Stimme, während er sich gegen
den Kamin lehnte. “Es waren so viele Menschen!” Von ihm zu
ihr waren nur zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als
seien sie meilenweit voneinander entfernt. Nie war ein
Hochzeitspaar einsamer.
Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren
glanzlos und erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu ver­
stellen. Ethel aber schien er nun endlich ein Mensch geworden
zu sein, wie sie einer war, ein Mensch mit einem Herzen, das
fühlen und leiden konnte.
Sie stand auf und ging näher. “Mac!” rief sie leise.
Allan blickte auf.
“Höre, Mac”, begann sie mit ihrer weichsten Stimme, “ich
muß mit dir sprechen. Höre zu. Ich will nicht, daß du unglücklich
bist, Mac. Im Gegenteil, ich wünsche von ganzem Herzen, daß
du glücklich wirst - so gut es geht! Glaube nicht, ich sei so
töricht anzunehmen, du habest mich aus Liebe geheiratet. Nein,
so töricht bin ich nicht. Ich habe nicht das Recht, Ansprüche an
dein Herz zu stellen, und ich stelle sie auch nicht. Du bist genau
so frei und ungebunden wie früher. Du brauchst dir auch keine
Mühe zu geben, mich glauben zu machen, daß du mich ein wenig
liebtest, nein! Es würde mich beschämen. Ich verlange nichts
von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit Wochen
genoß, immer ein wenig in deiner Nähe sein zu dürfen...”
Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.

7 . Читаем п о - н е ме цк и
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 194

Und Ethel fuhr fort: “Ich spiele jetzt nicht mehr Komödie,
Mac. Das ist vorbei. Ich mußte Komödie spielen, um dich zu
bekommen, aber nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht
mehr. Nun kann ich ganz aufrichtig sein, und du wirst sehen,
daß ich nicht nur ein launenhaftes und garstiges Geschöpf bin,
das die Menschen quält. Höre, Mac, ich muß dir alles sagen,
damit du mich kennenlemst... Du hast mir gefallen, als ich dich
zuerst sah! Dein Werk, deine Kühnheit, deine Energie bewunderte
ich. Ich bin reich, ich wußte es schon als Kind, daß ich reich sei.
Mein Leben sollte groß und wunderbar werden, so dachte ich
bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es. Mit sechzehn
Jahren träumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten, und mit
siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das
war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestim­
mten Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die
reiche Eltern haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig.
Ich war nicht unglücklich, aber ich war auch nicht gerade glück­
lich. Ich lebte von einem Tag zum ändern, amüsierte mich und
schlug die Zeit tot, so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit
überhaupt nichts, so scheint cs mir wenigstens jetzt. Dann kam
Hobby, dein Freund zu Pa mit deinem Projekt. Aus purer Neu­
gierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn die zwei taten
sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Pläne und tat,
als verstände ich alles. Dein Projekt interessierte mich außeror­
dentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzählte mir von dir und
was für ein prachtvoller Mensch du seist, und schießlich war
ich ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich
hatte einen solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor
einem Menschen! Du gefielst mir! So einfach, so stark und ge­
sund sahst du aus. Und ich wünschte: möchte er doch nett zu
mir sein! Aber du warst ganz gleichgültig. Wie oft habe ich an
diesen Abend gedacht! Ich wußte, daß du verheiratet warst,
Hobby hatte mir ja alles erzählt, und es kam mir auch gar nicht
in den Sinn - damals -, daß ich dir mehr werden könnte als eine
195 B E R N H A R D K E LLE R M A N N

Freundin, Später aber fing ich an, auf Maud eifersüchtig zu werden.
Verzeihe, daß ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging,
hörte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum
könntest du nicht an Mauds Stelle sein. Das wäre herrlich! Es
hätte dann auch Sinn, reich zu sein! Das war nicht möglich, ich
sah es ein, und ich wollte mich zufrieden geben, wenn ich mich
zu deinen Freunden zählen dürfte. Um das zu erreichen, kam
ich damals öfter zu euch hinaus, aus keinem anderen Grund.
Denn wenn ich auch verrückte Pläne schmiedete: wie ich es
anstellen könnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt,
daß du Frau und Kind verließest, so meinte ich das doch nicht
ernst und glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich
kam ich dir nicht näher, Mac! Du verschlössest dich, du hattest
weder Zeit noch Gedanken für mich. Ich bin nicht sentimental,
Mac, aber damals war ich sehr, sehr unglücklich!
Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich hätte alles hingege­
ben, um das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwöre
es dir! Es war grausam, und ich litt schrecklich damals. Aber
ich bin ein Egoist, Mac, ein großer Egoist! Und während ich
noch weinte um Maud, kam es mir zum Bewußtsein, daß du ja
nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und von diesem Augen­
blick an trachtete ich dir näherzukommen, Mac, ich wollte dich
haben! Der Streik, die Sperre, der Bankrott, all das kam mir
gelegen - das Schicksal arbeitete mir plötzlich in die Hände. Ich
drang monatelang in Vater, sich für dich einzusetzen. Aber Pa
sagte: “Es ist unmöglich!” In diesem Januar bestürmte ich ihn
von neuem. Aber Pa sagte: “Es ist ganz unmöglich.” Da sagte
ich zu Pa: “Es muß möglich sein, Pa! Denke nach, du mußt es
möglich machen!” Ich quälte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut.
Tagelang. Endlich sagte er zu. Er wollte an dich schreiben und
dir seine Hilfe anbieten. Da aber dachte ich nach. Was dann?
dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen, ein paarmal bei uns
speisen - und dann wird er sich wieder in die Arbeit vergraben,
und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, daß ich nur eine ein­
7*
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 196

zige Waffe gegen dich hatte - und das war Pas Geld und Name!
Verzeih, Mac, daß ich so offen bin! Ich zögerte nicht, diese
Waffe zu gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich
wollte, einmal in seinem Leben, und nicht nach meinen Gründen
zu fragen. Ich drohte ihm, meinem kleinen, lieben, alten Pa, daß
ich ihn verlassen würde und er mich nie, nie mehr sehen sollte,
wenn er mir nicht gehorchte. Das war schlecht von mir, aber
ich konnte nicht anders. Ich hätte Pa ja doch nicht verlassen,
denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn ins Bockshorn.1
Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schön - aber
es gab für mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten
darunter, aber ich wollte bis ins Äußerste gehn.2 Wie du mir im
Car den Auftrag machtest, hätte ich gleich annehmen wollen.
Aber ich wollte doch auch, daß du dir ein wenig Mühe um mich
gäbest, Mac...”
Ethel sprach mit halblauter Stimme, und oft flüsterte sie nur.
Sie lächelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang
und legte die Stirn in Falten, daß sie traurig aussah, sie schüt­
telte den schönen Kopf, sie sah schwärmerisch zu Allan empor.
Häufig hielt sie bewegt inne.
“Hörtest du mich, Mac?” fragte sie nun.
“Ja!” sagte Allan leise.
“Das alles mußte ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich.
Nun weißt du es. Vielleicht können wir trotz allem gute Kame­
raden und Freunde werden?”
Sie sah mit einem schwärmerischen Lächeln in Allans Au­
gen, die müde und vergrämt waren wie vorhin. Er nahm ihren
schönen Kopf in beide Hände und nickte.
“Ich hoffe es, Ethel!” erwiderte er, und seine fahlen Lippen
zuckten.

1 ich jagte ihn in Bockshorn - я запугала его (букв.: скрутила в бараний


рог).
2 ich wollte bis ins Äußerste gehn - я была готова идти до последнего.
197 B E R N H A R D K E LL E R M A N N

Und Ethel folgte ihrem Gefühl und schmiegte sich einen


Augenblick an seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem
tiefen Atemzug auf und lächelte verwirrt.
“Eines noch, Mac!” begann sie nochmals. “Wenn ich dir schon
das sagte, muß ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben, und
nun habe ich dich! Aber höre nun: jetzt will ich, daß du mir
vertraust und mich liebst! Das ist nun meine Aufgabe! Nach
und nach, Mac, hörst du, es soll meine Sache sein, und ich glaube
daran, daß es mir gelingen wird! Denn wenn ich das nicht glaubte,
so wäre ich todunglücklich. - Gute Nacht nun, Mac!”
Und langsam, müde, wie schwindig ging sie hinaus.
Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Während
er mit müden Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Frem­
der war, dachte er, daß sein Leben an der Seite dieser Frau am
Ende doch weniger trostlos werden würde, als er befürchtet
hatte.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN:

1. Wozu brauchte Mac Allan soviel Geld?


2. An wen wandte sich Mac Allan?
3. Was war Lloyd?
4. Welchen Einfluß hatte auf ihn seine Tochter Ethel?
5. Woran erinnerte sich Mac Allan, als er mit Ethel im Konzert
war?
6. Wie reagierten die Zeitungen auf ihren Konzertbesuch?
7. Wie sorgte sich Ethel um Allans Gesundheit?
8. Was erzählte sie ihm nach ihrer Hochzeit?
9. Wie meinen Sie, war Ethels Gefühl eine echte Liebe?
10. Was dachte Mac Allan an diesem Abend?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 198

Erich Maria REMARQUE


(1898-1970)

E.M.Remarque hatte mit seinem antimilitaristischen Kriegs­


roman “Im Westen nichts neues” (1929) Welterfolg. Ein zweiter
Welterfolg wurde die Darstellung von Emigrantenschicksalen
im Roman “Are de triomphe” (1946). Hauptwerke: “Drei Kame­
raden” (1937), “Zeit zu leben und Zeit zu sterben” (1954), “Der
schwarze Obelisk” (1956).

DREI KAMERADEN (AUSZUG)

Ich ging wieder zu Pat hinauf. Sie lag schwer atmend, mit
vielen Kissen im Rücken. “Willst du nicht Ski laufen?” fragte
sie. Ich schüttelte den Kopf. “Der Schnee ist zu schlecht. Es
taut überall.”
“Willst du dann nicht mit Antonio Schach spielen?”
“Nein”, sagte ich. “Ich will hier bei dir bleiben.”
“Armer Robby!” Sie versuchte eine Bewegung zu machen.
“Hol dir doch wenigstens was zu trinken.”
“Das kann ich tun.”
Ich ging in mein Zimmer und holte eine Flasche Kognak und
ein Glas. “Willst du ein bißchen?” fragte ich. “Du darfst, das
weiß ich doch.” Sie nahm einen kleinen Schluck und nach einer
Weile noch einen. Dann gab sie mir das Glas zurück. Ich schenkte
es voll und trank es aus.
“Du sollst nicht aus demselben Glas trinken wie ich”, sagte
Pat.
199 E R IC H M A R IA REM ARQ U E

“Das wäre ja noch schöner.” Ich goß das Glas noch einmal
voll und stürzte es herunter.
Sie schüttelte den Kopf. “Du mußt das nicht tun, Robby. Du
darfst mich auch nicht mehr küssen. Du darfst überhaupt nicht
mehr so viel bei mir sein. Du sollst nicht krank werden.”
“Ich werde dich küssen und mich den Teufel um etwas sche­
ren”,1 erwiderteich.
“Nein, du darfst nicht. Du darfst auch nicht mehr in meinem
Bett schlafen.”
“Gut, dann schlaf du mit mir in meinem.”
Sie bewegte abwehrend den Mund. “Laß das, Robby. Du
mußt noch lange leben. Ich will, daß du gesund bleibst und Kinder
hast und eine Frau.”
Sie lag eine Weile still. “Ich hätte gern ein Kind von dir ge­
habt, Robby”, sagte sie dann und legte ihr Gesicht an meine
Schulter. “Früher wollte ich es nie. Ich konnte es mir gar nicht
vorstellen. Aber jetzt denke ich oft daran. Es wäre schön, wenn
etwas von einem bleibe. Das Kind würde dich dann manchmal
ansehen und du würdest dich an mich erinnern. Dann wäre ich
wieder da so lange.”
“Wir werden noch ein Kind haben”, sagte ich. “Wenn du
wieder gesund bist. Ich möchte gern ein Kind von dir haben,
Pat. Es muß aber ein Mädchen sein, das auch Pat heißt.”
Sie nahm mir das Glas aus der Hand und trank einen Schluck.
“Vielleicht ist es besser, daß wir keins haben, Liebling. Du
sollst nichts mitnehmen. Du sollst mich vergessen, Und wenn
du an mich denkst, sollst du nur denken, daß es schön war mit
uns, - mehr nicht. Daß es vorbei gegangen ist, das werden wir
doch nie begreifen. Traurig sollst du nicht sein.”
“Ich bin traurig, wenn du so etwas sagst.”
Sie sah mich eine Zeitlang an. “Wenn man so liegt, denkt
man über manches nach. Und vieles kommt einem sonderbar

1 ...und mich den Teufel um etwas scheren - и плевал я на все.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 200

vor, was man sonst gar nicht beachtet. Weißt du, was ich jetzt
nicht mehr verstehen kann? Daß man sich so liebt wie wir, und
daß trotzdem einer stirbt.”
“Sei still”, sagte ich. “Einer muß immer zuerst sterben, im­
mer im Leben. Aber so weit sind wir noch lange nicht.”
“Man dürfte nur sterben, wenn man allein ist. Oder wenn
man einander haßt; - aber nicht wenn man sich liebt.”
Ich zwang mich zu einem Lächeln. “Ja, Pat”, sagte ich und
nahm ihre heiße Hand in meine, “wenn wir die Welt machen
würden, würde sie besser aussehen, was?”
Sic nickte. “Ja, Liebling. Wir würden solche Sachen nicht
zulassen. Wenn man nur wüßte, was dahinter ist. Glaubst du,
daß es weitergeht, nachher?”
“Ja”, erwiderte ich. “Es ist so schlecht gemacht, daß es nicht
zu Ende sein kann.”
Sie lächelte. “Das ist auch ein Grund. Aber findest du das
auch schlecht gemacht?” Sie zeigte auf einen Busch gelber Rosen
neben ihrem Bett.
“Das ist es ja gerade”, erwiderte ich. “Die Einzelheiten sind
wunderbar, aber das Ganze hat keinen Sinn. Als wenn es von
einem gemacht ist, dem auf die wunderbare Vielfalt des Lebens
nichts anderes eingefallen ist, als es wieder zu vernichten.”
“Und es wieder neu zu machen”, sagte Pat.
“Auch da sehe ich den Sinn nicht”, erwiderte ich. “Besser
ist es dadurch bis heute nicht geworden.”
“Doch, Liebling”, sagte Pat, “mit uns, das hat er schon gut
gemacht. Besser gings gar nicht. Nur zu kurz. Viel zu kurz.”-

Ein paar Tage später spürte ich Stiche in der Brust und hustete.
Der Chefarzt hörte den Lärm, als er über den Korridor ging und
steckte den Kopf in mein Zimmer. “Kommen Sie doch mal mit
ins Sprechzimmer.”
“Es ist weiter nichts”, sagte ich.
201 E R IC H M A R IA REM ARQ U E

“Das ist egal”, erwiderte er. “Mit so einem Husten dürfen


Sie nicht bei Fräulein Hollmann sitzen. Kommen Sie mal gleich
mit.”
Ich zog mir mit einer sonderbaren Befriedigung im Sprech­
zimmer das Hemd aus. Hier oben erschien einem Gesundheit
fast wie ein unberechtigter Vorteil; man kam sich wie ein Schie­
ber und Drückeberger vor.
Der Chefarzt sah mich eigentümlich an. “Sie scheinen sich
ja noch zu freuen”, sagte er stirnrunzelnd.
Dann untersuchte er mich sorgfältig. Ich sah mir die blanken
Dinge an den Wänden an und atmete tief und langsam und schnell
und kurz ein und aus, wie er es verlangte. Dabei spürte ich wieder
die Stiche und war zufrieden, Pat jetzt etwas weniger voraus zu
haben.
“Sie sind erkältet”, sagte der Chefarzt. “Legen Sie sich ein
oder zwei Tage ins Bett oder bleiben Sie wenigstens in Ihrem
Zimmer. Zu Fräulein Hollmann dürfen Sie nicht hinein. Nicht
Ihretwegen, - Fräulein Hollmanns wegen.”
“Kann ich durch die Tür mit ihr sprechen?” fragte ich. “Oder
über den Balkon?”
“Über den Balkon ja, aber nur ein paar Minuten, und durch
die Tür meinetwegen auch, wenn Sie fleißig gurgeln. Sie haben
außer der Erkältung auch noch einen Raucherkatarrh.”
“Und die Lunge?” Ich hatte irgendwie die Erwartung, daß
wenigstens eine Kleinigkeit daran nicht in Ordnung wäre. Ich
hätte mich besser Pat gegenüber gefühlt.
“Aus ihrer Lunge könnte man drei machen”, erklärte der
Chefarzt. “Sie sind der gesündeste Mensch, den ich seit langem
gesehen habe. Sie haben nur eine ziemlich harte Leber. Wahr­
scheinlich trinken Sie zu viel.”
Er verschrieb mir etwas, und ich ging zurück.
“Robby”, fragte Pat aus ihrem Zimmer, “was hat er gesagt?”
“Ich darf nicht zu dir, einstweilen”, erwiderte ich unter der
Tür. “Strenges Verbot. Ansteckungsgefahr.”
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 202

“Siehst du”, sagte sie erschrocken, “ich habe es immer schon


nicht mehr gewollt”.
“Ansteckungsgefahr für dich, Pat. Nicht für mich.”
“Laß den Unsinn”, sagte sie. “Erzähle mir genau, was los
ist.”
“Es ist genau so, Schwester -” ich winkte der Stationsschwes­
ter, die mir gerade die Medikamente brachte, - sagen Sie Fräulein
Hollmann, wer der Gefährlichere von uns beiden ist.”
“Herr Lolikamp”, erklärte die Schwester. “Er darf nicht raus,
damit er Sie nicht ansteckt.”
Pat sah ungläubig von der Schwester zu mir. Ich zeigte ihr
die Medikamente durch die Tür. Sie begriff, daß es stimmte und
begann zu lachen, immer mehr, sie lachte, bis ihr die Tränen
kamen und sie schmerzhaft zu husten anfing, so daß die Schwester
hinauflaufen und sie stützen mußte. “Mein Gott, Liebling”, flüs­
terte sie, “das ist zu komisch. Und wie stolz du aussiehst!” Sie
war den ganzen Abend fröhlich. Ich ließ sie natürlich nicht al­
lein, sondern saß in einem dicken Mantel, einen Schal um den
Hals, bis Mitternacht auf dem Balkon, eine Zigarre in der einen
und ein Glas in der ändern Hand, eine Kognakflasche zu meinen
Füßen, und erzählte ihr Geschichten aus meinem Leben, immer
wieder von ihrem leisen Vogelgelächter unterbrochen und an­
getrieben, ich log, was ich konnte, um das Lachen über ihr Ge­
sicht gleiten zu sehen, ich war glücklich über meinen bellenden
Husten und trank die Flasche leer und war am nächsten Mor­
gen gesund.

Pat wurde immer schwächer. Sie konnte nicht mehr aufstehen.


In den Nächten hatte sie oft Erstickungsanfälle. Dann wurde
sie grau vor Todesangst. Ich hielt ihre nassen, kraftlosen Hände.
“Nur diese Stunde überstehen!” keuchte sie, “nur diese Stunde,
Robby. Da sterben sie -”
Sie hatte Angst vor der letzten Stunde zwischen Nacht und
Morgen. Sie glaubte, daß mit dem Ende der Nacht der geheime
203 E R IC H M A R IA R E M A R Q V E

Strom des Lebens schwächer würde und fast erlosch, - und nur
vor dieser Stunde hatte sie Furcht und wollte nicht allein sein.
Sonst war sie so tapfer, daß ich oft die Zähne zusammenbeißen
mußte.
Ich ließ mein Bett in ihr Zimmer stellen und setzte mich zu
ihr, wenn sie erwachte und wenn in ihre Augen das verzweifel­
te Flehen kam. Ich dachte oft an die Morphiniumampullen in
meinem Koffer, und ich hätte es ohne Nachdenken getan, wenn
sie nicht so dankbar für jeden neuen Tag gewesen wäre.
Ich saß bei ihr am Bett und erzählte ihr, was mir gerade
einfiel. Sie durfte nicht viel sprechen, und sie hörte gern zu,
wenn ich ihr erzählte, was mir alles schon so passiert war. Am
liebsten hörte sie Geschichten aus meiner Schulzeit, und manchmal,
wenn sie kurz vorher noch einen Anfall gehabt hatte und blaß
und zerschlagen in den Kissen saß, verlangte sie schon wieder,
daß ich ihr irgendeine Type von meinen Lehrern vormachte...
Ich erfand täglich neue hinzu, und Pat wußte allmählich unter
den Raufbolden und Lümmeln unserer Klasse, die den Lehrern
immer neuen Ärger bereitet hatten, sehr gut Bescheid.1
...Langsam sickerte dann das Tageslicht durch das Fenster.
Die Bergrücken wurden messerhafte, schwarze Silhouetten. Der
Himmel hinter ihnen fing an, kalt und blaß zurückzuweichen.
Die Nachttischlampe verrostete zu bleichem Gelb, und Pat legte
ihr feuchtes Gesicht in meine Hände. “Es ist vorbei, Robby. Jetzt
habe ich wieder einen Tag dazu.”

Antonio brachte mir seinen Radioapparat. Ich schloß ihn an


die Lichtleitung und die Heizung an und probierte ihn abends bei
Pat aus. Er quarrte und quakte, dann löste sich plötzlich aus
dem Schnarren eine zarte, klare Musik.
“Was ich das, Liebling?” fragte Pat.
1 Pat wußte allmählich unter den Raufbolden und Lümmeln ... sehr gut Be-
scheid - и Пат постепенно стала хорошо разбираться в задирах и шало­
паях...
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 204

Antonio hatte mir eine Radiozeitschrift mitgegeben. Ich schlug


nach. “Rom, glaube ich.”
Da kam auch schon die tiefe, metallische Stimme der Ansa­
gerin. “Radio Roma - Napoli - Firenze
Ich drehte weiter. Ein Klaviersolo. “Da brauche ich gar nicht
nachzuschlagen”, sagte ich. “Das ist die Waldsteinsonate von
Beethoven. Die habe ich auch mal spielen können in den Zeiten,
als ich noch glaubte, irgendwann mal Studienrat, Professor oder
Komponist zu werden. Jetzt kann ich sie längst nicht mehr. Wollen
lieber weiter drehen. Sind keine schönen Erinnerungen.”
Ein warmer Alt, sehr leise und einschmeichelnd. “Parlez moi
d’amour1
“Paris, Pat.”
Ein Vortrag über die Bekämpfung der Reblaus. Ich drehte
weiter. Reklamenachrichten. Ein Quartett. “Was ist das?” fragte
Pat.
“Prag. Streichquartett, Opus 59 zwei, Beethoven”, las ich
vor.
Ich wartete, bis der Satz zu Ende war, dann drehte ich wei­
ter, und auf einmal war eine Geige da, eine wunderbare Geige.
“Das wird Budapest sein, Pat. Zigeunermusik.”
Ich stellte die Skala genau ein. Voll und weich schwebte jetzt
die Melodie über dem mitflutenden Orchester von Zimbals, Gei­
gen und Hirtenflöten. “Herrlich, Pat, was?”
Sie schwieg. Ich wandte mich um. Sie weinte mit weit
geöffneten Augen. Ich stellte mit einem Ruck den Apparat ab.
“Was ist denn, Pat?” Ich legte den Arm um ihre schmalen
Schultern.
“Nichts, Robby. Es ist dumm von mir. Nur wenn man das so
hört, Paris, Rom, Budapest, - mein Gott, und ich wäre schon
froh, wenn ich noch einmal ins Dorf hinunter könnte.”
“Aber, Pat.”

’ parlez moi d’amour (fr.) = sprich mir von der Liebe.


205 E R IC H M A R IA REM ARQ U E

Ich sagte ihr alles, was ich ihr sagen konnte, um sie darüber
weg zu bringen. Aber sie schüttelte den Kopf. “Ich bin nicht
traurig, Liebling. Du mußt das nicht glauben. Ich bin nicht trau­
rig, wenn ich weine. Es kommt wohl mal so, aber nicht lange.
Dafür denke ich viel zuviel nach.”
“Worüber denkst du denn nach?” fragte ich und küßte ihr
Haar.
“Über das einzige, worüber ich noch nachdenken kann, -
über Leben und Sterben. Wenn ich dann traurig bin und nichts
mehr verstehe, sage ich mir, daß es besser ist, zu sterben, wenn
man noch leben möchte, als zu sterben und man möchte auch
sterben. Was meinst du?”
“Ich weiß nicht.”
“Doch.” Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. “Wenn man
noch leben möchte, dann ist etwas da, was man liebt. Es ist
schwerer, aber auch leichter. Sieh, sterben hätte ich doch müs­
sen, und nun bin ich dankbar, daß ich dich hatte. Ich hätte ja
auch allein und unglücklich sein können. Dann wäre ich gern
gestorben. Jetzt ist es schwer; aber dafür bin ich auch ganz voll
Liebe, wie eine Biene voll Honig, wenn sie abends in den Stock
zurückkommt. Wenn ich wählen sollte, - ich würde zwischen
beiden immer wieder dasselbe wählen.”
Sie sah mich an. “Pat”, sagte ich, “es gibt noch ein drittes, -
wenn der Föhn1 aufhört, dann wird es besser gehen, und wir
werden hier fortfahren.”
Sie blickte mich weiter prüfend an. “Um dich habe ich Angst,
Robby. Für dich ist es viel schwerer als für mich.”
“Wir wollen nicht mehr darüber sprechen”, sagte ich.
“Ich habe es nur gesagt, damit du nicht denkst, ich sei trau­
rig”, erwiderte sie.
“Ich glaube auch nicht, daß du traurig bist”, sagte ich.

' der Föhn - влажный, теплый ветер, дующий с гор.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 206

Ich legte ihre Hand auf meinen Arm. “Willst du nicht die
Zigeuner wieder spielen lassen?”
“Willst du sie hören?”
“Ja, Liebling.”
Ich stellte den Apparat wieder an, und leise, dann immer
voller klang die Geige mit den Flöten und den gedämpften Ar-
peggien der Zimbals durch das Zimmer.
“Schön”, sagte Pat. “Wie ein Wind. Ein Wind, der einen
wegträgt.”
Es war ein Abendkonzert aus einem Gartenrestaurant in
Budapest. Das Gespräch der Gäste war manchmal durch das
Raunen der Musik zu vernehmen, und ab und zu hörte man ei­
nen hellen, fröhlichen Ruf. Man konnte denken, daß jetzt auf
der Margarethinsel1 die Kastanien schon das erste Laub hatten
und daß es blaß im Monde schimmerte und sich bewegte, als
würde es durch den Geigenwind angeweht. Vielleicht war es
schon ein warmer Abend, und die Leute saßen im Freien und
hatten Gläser mit dem gelben ungarischen Wein vor sich stehen,
die Kellner liefen in ihren weißen Jacken hin und her, die Zigeu­
ner spielten, nachher ging man durch die grüne Frühjahrsdäm­
merung müde nach Hause, und da lag Pat und lächelte und würde
nie wieder aus diesem Zimmer herauskommen, nie wieder aus
diesem Bette aufstehen.

Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Das Fleisch des ge­
liebten Gesichtes schmolz. Die Backenknochen traten hervor,
und an den Schläfen kam die Stirn durch. Die Arme waren dünn
wie Kinderarme, die Rippen spannten sich unter der Haut, und
das Fieber raste in immer neuen Stößen durch den schmalen
Körper. Die Schwester brachte Sauerstoffballons, und der Arzt
kam jede Stunde.

1 die Margarethinsel - остров Маргит на Дунае, самый большой остров


города Будапешта
207 E R IC H M A R IA REM ARQ U E

Eines Nachmittags sank das Fieber unerklärlicherweise


rasch. Pat wachte auf und sah mich lange an. “Gib mir einen
Spiegel”, flüsterte sie dann.
“Wozu willst du einen Spiegel?” sagte ich. “Ruh dich aus,
Pat. Ich glaube, du bist jetzt durch. Du hast fast kein Fieber
mehr.”
“Nein”, flüsterte sie mit ihrer zerborstenen, verbrannten
Stimme, “gib mir den Spiegel.”
Ich ging um das Bett herum, nahm den Spiegel und ließ ihn
fallen. Er zersprang. “Entschuldige”, sagte ich. “So was Unge­
schicktes. Fällt mir einfach aus der Hand und ist auch gleich in
tausend Scherben.”
“In meiner Tasche ist noch einer, Robby.”
Es war ein kleiner Spiegel, aus verchromrntem Nickel. Ich
wischte mit der Hand darüber, damit er etwas erblindete, und
gab ihn Pat. Sie rieb ihn mühsam sauber und sah angestrengt
hinein. “Du mußt abreisen, Liebling”, flüsterte sie dann.
“Warum denn? Magst du mich nicht mehr?”
“Du sollst mich nicht mehr sehen. Da bin ich nicht mehr.”
Ich nahm ihr den Spiegel ab. “Diese Metalldinger taugen nichts,
Pat. Sieh nur, wie ich darin ausschaue. Blaß und mager. Dabei
bin ich doch braun und kräftig. Ganz wellig ist das Ding.”
“Du sollst eine andere Erinnerung an mich behalten”, flüs­
terte sie. “Fahr weg, Liebling. Ich werde schon allein damit fer­
tig.”
Ich beruhigte sie. Sie verlangte den Spiegel wieder und ihre
Tasche. Dann begann sie sich zu pudern, das arme abgezehrte
Gesicht, die zerrissenen Lippen, die schweren, braunen Höhlen
unter den Augen.
“Nur etwas, Liebling”, sagte sie und versuchte zu lächeln.
“Du sollst mich nicht häßlich sehen.”
“Du kannst machen, was du willst”, sagte ich, “du wirst nie
häßlich sein. Für mich bist du die schönste Frau, die ich je gesehen
habe.”
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 208

Ich nahm den Spiegel und die Puderdose fort und legte meine
Hände vorsichtig um ihren Kopf. Nach einiger Zeit wurde sie
unruhig.
“Was ist, Pat?” fragte ich.
“Es tickt so laut”, flüsterte sie.
“Was? Die Uhr?”
Sie nickte. “Es dröhnt so
Ich machte die Uhr von meinem Handgelenk los.
Sie blickte angstvoll auf den Sekundenzeiger. ‘Tu sie weg
Ich nahm die Uhr und warf sie gegen die Wand. “So, jetzt
tickt sie nicht mehr. Jetzt steht die Zeit still. Wir haben sie mit­
ten dui ci'.gerissen. Nur wir beide sind noch da, nur wir beide, du
und ich, und niemand sonst.”
Sie sah mich an. Ihre Augen waren sehr groß. “Liebling
flüsterte sie.
Ich konnte ihren Blick nicht ertragen. Er kam von weit her
und ging durch mich hindurch, irgendwohin. “Alter Bursche”,
murmelte ich, “mein geliebter, tapferer, alter Bursche.”

Sie starb in den letzten Stunden der Nacht, bevor es Morgen


wurde. Sie starb schwer und qualvoll, und niemand konnte ihr
helfen. Sie hielt meine Hand fest, aber sie wußte nicht mehr,
daß ich bei ihr war.
Irgendwann sagte jemand: “Sie ist tot -”
“Nein”, erwiderte ich, “sie ist noch nicht tot. Sie hält meine
Hand noch fest -”
Licht. Unerträgliches, grelles Licht. Menschen. Der Arzt.
Ich öffnete langsam meine Hand. Pats Hand fiel herunter. Blut.
Ein verzerrtes, ersticktes Gesicht. Qualvolle, starre Augen.
Braunes, seidiges Haar.
“Pat”, sagte ich. “Pat.”
Und zum ersten Male antwortete sie mir nicht.
209 E R IC H M A R IA REM ARQ U E

“Möchte allein sein”, sagte ich.


“Soll nicht erst fragte jemand.
“Nein”, sagte ich. “Rausgehen. Nicht anfassen.”
Ich habe ihr dann das Blut abgewaschen. Ich war aus Holz.
Ich habe ihr das Haar gekämmt. Sie wurde kalt. Ich habe sie in
mein Bett gelegt und die Decken über sie gedeckt. Ich habe bei
ihr gesessen, und ich konnte nichts denken. Ich habe auf dem
Stuhl gesessen und sie angestarrt. Der Hund kam herein und
setzte sich zu mir. Ich habe gesehen, wie ihr Gesicht anders
wurde. Ich konnte nichts tun, als leer dasitzen und sie ansehen.
Dann kam der Morgen, und sie war es nicht mehr.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wo befanden sich Pat und Robby?


2. Warum sagte Pat, daß Robby nicht aus demselben Glas
trinken soll, wie sie?
3. Warum lud der Chefarzt Robby in sein Sprechzimmer?
4. Warum w'ar Robby zufrieden, daß er krank ist?
5. Warum hatte Pat Angst vor der letzten Stunde zwischen
Nacht und Morgen?
6. Welche Musik hörten sie im Radio?
7. Worüber dachte Pat dabei?
8. Warum zerschlug Robby den Spiegel?
9. Wann starb Pat?
10. Was machte Robby nach ihrem Tod?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 210

Hans FALLADA
(1893-1947)

H.Fallada schilderte in seinen Romanen sachlich genau und


mit lebensnahem Dialog das Schicksal kleiner Leute in der Zeit
zwischen den Weitkriegen. Hauptwerke: “Kleiner Mann - was
nun?” (1932), “Wolf unter Wölfen” (1937), “Jeder stirbt für sich
allein” (1947).

JED ER STIRBT FÜR SICH ALLEIN (AUSZÜGE)

Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im


Treppenhaus Jabionskistraße 55 hoch. Sie ist nicht nur deshalb
so langsam, weil dir Besteilgang sie ermüdet hat, auch weil ei­
ner jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie haßt,
und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muß sie ihn bei Quangels
abgeben.
Vorher hat sie den Persickes in der Etage darunter den Schu­
lungsbrief1 auszuhändigen. Persicke ist Amtswalter oder Poli­
tischer Leiter oder sonst was in der Partei - Eva Kluge bringt
alle diese Ämter noch immer durcheinander. Jedensalls muß
man bei Persickes “Heil Hitler!” grüßen und sich gut vorsehen
mit dem, was man sagt. Das muß man freilich überall, selten
mal ein Mensch, dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich
denkt. Sie ist politisch gar nicht interessiert, sie ist einfach eine
Frau, und als Frau findet sie, daß man Kinder nicht darum in die
Welt gesetzt hat, daß sie totgeschossen werden. Auch ein Haus­

1 Der Schulungsbrief - зд.: письмо с инструкциями.


211 H A N S FALLAD A

halt ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr,
weder die beiden Jungen noch den Mann, noch den Haushalt.
Statt dessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein
und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der Hand,
sondern mit der Maschine geschrieben sind und als Absender
den Regimentsadjutanten nennen.
Sie klingelt bei Persickes, sagt “Heil Hitler!” und gibt dem
alten Saukopp seinen Schulungsbrief. Er hat auf dem Rockauf­
schlag das Partei- und das Hoheitsabzeichen sitzen und fragt:
“Wat jibt’s denn Neuet?”1
Sie antwortet: “Haben Sie denn die Sondermeldung nicht
gehört? Frankreich hat kapituliert.”
Persicke ist durchaus nicht mit ihr zufrieden. “Mensch, Frol-
lein, det weeß ick natürlich; aber Sie saren det so, als ob Se
Schrippen vakoofen täten!2 Det müssen Se zackig rausbringen!
... Der zweite Blitzkrieg, hätten wa ooch geschafft, und nu ab
Trumeau nach England! In ‘nem Vierteljahr sind die Tommys
erledigt,3 und denn sollste mal sehen, wie unser Führer uns le­
ben läßt! Denn können die ändern bluten, und wir sind die Herren
der Welt! Komm rin, Mächen, trink ‘nen Schnaps mit! Amalie,
Erna, August, Adolf, Baldur - alle ran! Heute wird blaujemacht,4
heute wird keene Arbeet anjefaßt! Heute begießen wie uns mal
die Neese, und am Nachmittag gehen wa bei de olle Jüdsche in
de vierte Etage, und det Aas muß uns Kaffee und Kuchen je-
ben!...”
Während Herr Persicke, von seiner Familie umstanden, sich
in immer aufgeregter Ausführungen ergeht und die ersten
Schnäpse schon hinter die Binde zu gießen beginnt,5 ist die Brief­
1wat jib t’s denn Neuet? = was gibt es Neues?
2 ...als ob Se Schrippen vakoofen täten - как будто Вы продаете булочки
{диалект.)
3 ...sind die Tommys erledigt - покончим с Томми (Томми - презрительная
кличка английских солдат).
4 heute wird blaujemacht (=blaugemacht) - сегодня прогуливаем (разг.).
5 in ... Ausführungen ergeht und die ersten Schnäpse schon hinter die Binde
/u gießen beginnt - разразился длинной речью и начал уже выпивать.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 212

trägerin in die Etage darüber hinaufgestiegen und hat bei den


Quangels geklingelt. Sie hält den Brief schon in der Hand, ist
bereit, sofort weiterzulaufen. Aber sie hat Glück; nicht die Frau,
die meist ein paar freundliche Worte mit ihr wechselt, sondern
der Mann mit dem scharfen, vogelähnlichen Gesicht, dem dünnlip-
pigen Mund und den kalten Augen öffnet ihr. Er nimmt wortlos
den Brief aus ihrer Hand und zieht ihr die Tür vor der Nase zu,
als sei sie eine Diebin, vor der man sich vorzusehen hat.
Eva Kluge zuckt nur die Achseln und geht wieder die Trep­
pen hinunter. Manche Menschen sind eben so; solange sie die
Post in der Jabionskistraße austrägt, hat der Mann noch nie ein
einziges Wort zu ihr gesagt. Nun, laß ihn, sie kann ihn nicht
ändern, hat sie doch nicht einmal den eigenen Mann ändern kön­
nen, der mit Kneipensitzen und mit Rennwetten sein Geld ver­
tut, und der zu Haus nur dann auftaucht, wenn er ganz abge­
brannt ist.1
Bei den Persickes haben sie die Flurtür offengelassen, aus
der Wohnung klingt Gläserklirr und das Lärmen der Siegesfeier.
Die Briefträgerin zieht die Flurtür sachte ins Schloß und steigt
weiter hinab. Dabei denkt sie, daß dies eigentlich eine gute Nach­
richt ist, denn durch den raschen Sieg über Frankreich wird der
Friede nähergerückt. Dann kommen die beiden Jungen wieder.
Bei diesen Hoffnungen stört sie das ungemütliche Gefühl,
daß dann solche Leute wie die Persickes ganz obenauf sein
werden. Solche zu Herren haben und immer den Mund halten
müssen und nie sagen dürfen, wie einem ums Herz ist, das scheint
ihr auch nicht das Richtige.
Flüchtig denkt sie auch an den Mann mit dem Vogelgesicht,
dem sie eben den Feldpostbrief ausgehändigt hat, und sie denkt
an die alte Jüdin Rosenthal, oben im vierten Stock, der die von
der Gestapo vor zwei Wochen den Mann weggeholt haben. Die
kann einem leid tun, die Frau. Rosenthals haben früher ein

1 ...wenn er ganz abgebrannt ist - когда останется без гроша в кармане.


213 H A N S F A L LA D A

Wäschegeschäft an der Prenzlauer Allee gehabt. Das ist dann


arisiert worden,1 und nun ist der Mann weg, der nicht weit von
Siebzig ab sein kann. Was Böses getan haben die beiden alten
Leute sicher nie jemandem, immer angeschrieben,2 auch für
die Eva Kluge, wenn mal kein Geld für Kinderwäsche da war,
und schlechter oder teurer als in ändern Geschäften war die
Ware bei Rosenthals auch nicht. Nein, es will nicht in den Kopf
von Frau Eva Kluge, daß so ein Mann wie der Rosethal schlechter
sein soll als die Persickes, bloß weil er ein Jude ist. Und nun
sitzt die alte Frau da oben in der Wohnung mutterseelenallein
und traut sich nicht mehr auf die Straße.3 Erst wenn es dunkel
geworden ist, macht sie mit dem Judenstern4 ihre Einkäufe,
wahrscheinlich hungert sie. Nein, denkt Eva Kluge, und wenn
wir zehnmal über Frankreich gesiegt haben, gerecht geht es nicht
bei uns zu...
Damit ist sie in das nächste Haus gekommen und setzt dort
ihren Bestellgang fort.
Der Werkmeister Otto Quangel ist unterdessen mit dem Feld-
|K>stbrief in die Stube gekommen und hat ihn auf die Nähmaschine
gelegt. “Da!” sagt er nur. Er läßt seiner Frau stets das Vor-
iccht, diese Briefe zu öffnen, weiß er doch, wie sehr sie an
ihrem einzigen Sohne Otto hängt. Nun steht er ihr gegenüber; er
hat die dünne Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und wartet
auf das freudige Erglänzen ihres Gesichtes. Er liebt in seiner
wortkargen, stillen, ganz unzärtlichen Art diese Frau sehr.
Sie hat den Brief aufgerissen, einen Augenblick leuchtete ihr
Gesicht wirklich, dann erlosch das, als sie die Schreibmaschi­
nenschrift sah. Ihre Miene wurde ängstlich, sie las langsamer

1 arisieren - передавать в собственность арийца имущество, ранее


принадлежавшее евреям (в фашистской Германии).
2 ...immer angeschrieben - всегда записывали в кредит.
1 ...und traut sich nicht mehr auf die Straße - и больше не осмеливается
пмйти на улицу.
4 der Judenstern - шестиконечная желтая звезда, которую евреи в
фашистской Германии обязаны были носить на рукаве.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 214

und langsamer, als scheute sie sich vor jedem kommenden Wort.
Der Mann hat sich vorgebeugt und die Hände aus den Taschen
genommen. Die Zähne sitzen jetzt fest auf der Unterlippe, er
ahnt Unheil. Es ist ganz still in der Stube. Nun fängt der Atem
der Frau an, keuchend zu werden.
Plötzlich stößt sie einen leisen Schrei aus, einen Laut, wie
ihn ihr Mann noch nie gehört hat. Ihr Kopf fällt vornüber, schlägt
erst gegen die Garnrollen auf der Maschine und sinkt zwischen
die Falten der Näharbeit, den verhängnisvollen Brief verdek-
kend.
Quangel ist mit zwei Schritten hinter ihr. Mit einer bei ihm
ganz ungewohnten Hast legt er seine große, verarbeitete Hand
auf ihren Rücken. Er fühlt, daß seine Frau am ganzen Leibe
zittert. “Anna!” sagt er. “Anna, bitte!” Er wartet einen Augen­
blick, dann wagt er es: “Ist was mit Otto? Verwundet, wie?
Schwer?”
Das Zittern geht fort durch den Leib der Frau, aber kein
Laut kommt von ihren Lippen. Sie macht keine Anstalten, den
Kopf zu heben und ihn anzusehen.
Er blickt auf ihren Scheitel hinunter, er ist so dünn geworden
in den Jahren, seit sie verheiratet sind. Nun sind sie alle Leute;
wenn Otto wirklich was zugestoßen ist1, wird sie niemanden
haben und bekommen, den sie liebhaben kann, nur ihn, und er
fühlt immer, an ihm ist nicht viel zum Liebhaben. Er kann ihr nie
und mit keinem Wort sagen, wie sehr er an ihr hängt. Selbst
jetzt kann er sie nicht streicheln, ein bißchen zärtlich zu ihr sein,
sie trösten. Er legt nur seine schwere Hand auf ihren dünnen
Scheitel, er zwingt sanft ihren Kopf hoch, seinem Gesicht ent­
gegen, er sagt halblaut: “Was die uns schreiben, wirst du mir
doch sagen, Anna?”
Aber obwohl jetzt ihre Augen ganz nahe den seinen sind,
sieht sie ihn nicht an, sondern hält sie fest geschlossen. Ihr Ge­
1 wenn Otto wirklich was zugestoßen ist... - если с O rro действительно
что-то случилось.
215 H A N S F A LLA D A

sicht ist gelblichblaß, ihre sonst frischen Farben sind geschwunden.


Auch das Fleisch über den Knochen scheint fast aufgezehrt, es
ist, als sähe er einen Totenkopf an. Nur die Wangen und der
Mund zittern, wie der ganze Körper zittert, von einem geheim­
nisvollen inneren Beben erfaßt.
Wie Quangel in dies vertraute, jetzt sö fremde Gesicht schaut,
wie er sein Herz stark und stärker schlagen fühlt, wie er seine
völlige Unfähigkeit spürt, ihr ein bißchen Trost zu spenden, packt
ihn eine tiefe Angst. Eigentlich eine lächerliche Angst diesem
tiefen Schmerz seiner Frau gegenüber, nämlich die Angst, sie
könne zu schreien anfangen, noch viel lauter und wilder, als sie
eben schrie. Er ist immer für Stille gewesen, niemand sollte et­
was von Quangels im Haus merken. Und gar Gefühle laut wer­
den lassen: nein! Aber auch in dieser Angst kann der Mann
nicht mehr sagen, als er vorhin schon gesagt hat: “Was haben
sie denn geschrieben? Sag doch, Anna!”
Wohl liegt der Brief jetzt offen da, aber er wagt nicht, nach
ihm zu fassen. Er müßte dabei den Kopf der Frau loslassen, und
er weiß, dieser Kopf, dessen Stirne schon jetzt zwei blutige Flecke
aufweist, fiele dann wieder gegen die Maschine.
Er überwindet sich, noch einmal fragt er: “Was ist denn mit
Ottochen?”
Es ist, als habe dieser vom Manne fast nie benutzte Kose­
name die Frau aus der Welt ihres Schmerzes in dieses Leben
/.urückgerufen. Sie schluckt ein paarmal, sie öffnet sogar die
Augen, die sonst sehr blau sind und jetzt wie ausgeblast ausseh-
en. “Mit Ottochen?” flüstert sie fast. “Was soll denn mit ihm
sein? Nichts ist mit ihm, es gibt kein Ottochen mehr, das ist es!”
Der Mann sagt nur ein “Oh!”, ein tiefes “Oh!” aus dem In­
nersten seines Herzens heraus. Ohne es zu wissen, hat er den
Kopf seiner Frau losgelassen und greift nach dem Brief. Seine
Augen starren auf die Zeilen, ohne sie noch lesen zu können.
Da reißt ihm die Frau den Brief aus der Hand. Ihre Stim­
mung ist umgeschlagen, zomig reißt sie das Briefblatt in Fetzen,
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 216

in Fetzchen, in Schnitzelchen, und dabei spricht sie ihm über­


stürzt ins Gesicht: “Was willst du den Dreck auch noch lesen,
diese gemeinen Lügen, die sie allen schreiben? Daß er den Hel­
dentod gestorben ist für seinen Führer und für sein Volk? Daß
er ein Muster von ‘nem Soldaten und Kameraden abgab? Das
willst du dir von denen erzählen lassen, wo wir doch beide wis­
sen, daß Ottochen am liebsten an seinen Radios rumgebastelt
hat, und weinen tat er, als er zu den Soldaten mußte! Wie oft hat
er mir in seiner Rekrutenzeit gesagt, daß er lieber seine ganze
rechte Hand hergäbe, bloß um von denen loszukommen! Und
jetzt ein Muster von Soldat und Heldentod! Lügen, alles Lügen!
Aber das habt ihr angerichtet mit eurem elenden Krieg, du und
dein Führer!”
Jetzt steht sie vor ihm, die Frau, kleiner als er, aber ihre Au­
gen sprühen Blitze vor Zorn.
“Ich und mein Führer?” murmelt er, ganz überwältigt von
diesem Angriff. “Wieso ist er denn plötzlich mein Führer? Ich
bin doch gar nicht in der Partei, bloß in der Arbeitsfront, und da
müssen alle rein. Und gewählt haben wir ihn ein einziges Mal,
alle beide.”
Er sagt das in seiner umständlichen, langsamen Art, nicht so
sehr um sich zu verteidigen, als um die Tatsachen klarzustellen.
Er versteht noch nicht, wie die Frau plötzlich zu diesem Angriff
gegen ihn kommt. Sie waren doch immer eines Sinnes gewesen...
Aber sie sagt hitzig: “Wozu bist du denn der Mann im Haus
und bestimmst alles, und alles muß nach deinem Kopf gehen,
und wenn ich nur einen Verschlag für die Winterkartoffeln im
Keller haben will: es muß sein, wie du willst, nicht wie ich will.
Und in einer so wichtigen Sache hast du falsch bestimmt? Aber
du bist ein Leisetreter,1 nur deine Ruhe willst du haben und bloß
nicht auffallen. Du hast getan, was sie alle taten, und wenn sie
geschrien haben: “Führer befiehl, wir folgen!”, so bist du wie

1 der Leisetreter - проныра, все делающий тихой сапой.


217 HANS FALLADA
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- «ф

ein Hammel hinterhergerannt.1 Und wir haben wieder hinter dir


hcrlaufen müssen! Aber nun ist mein Ottochen tot, und kein
Führer der Welt und auch du nicht bringen ihn mir wieder!”
Er hörte sich das alles ohne ein Widerwort an. Er war nie
der Mann gewesen, sich zu streiten, und er fühlte es zudem, daß
nur der Schmerz aus ihr sprach. Er war beinahe froh darüber,
daß sie ihm zürnte, daß sie ihrer Trauer noch keinen freien Lauf
ließ. Er sagte nur zur Antwort auf diese Anklagen: “Einer wird’s
der Trudel sagen müssen.”
Die Trudel war Ottochens Mädchen gewesen, fast schon
seine Verlobte; zu seinen Eltern hatte die Trudel Muttchen und
Vater gesagt. Sie kam abends oft zu ihnen, auch jetzt, da Ot­
tochen fort war, und schwatzte mit ihnen. Am Tage arbeitete
sie in einer Uniformfabrik.
Die Erwähnung der Trudel brachte Anna Quangel sofort auf
andere Gedanken. Sie warf einen Blick auf den blitzenden Re­
gulator an der Wand und fragte: “Wirst du’s noch bis zu deiner
Schicht schaffen?”
“Ich habe heute die Schicht von eins bis e lf’, antwortete er.
“Ich werd’s schaffen.”
“Gut”, sagte sie. “Dann geh, aber bestell sie nur hierher und
sag ihr noch nichts von Ottochen. Ich will’s ihr selber sagen.
Dein Essen ist um zwölfe fertig.”
“Dann geh ich und sag ihr, sie soll heute abend vorbeikom­
men”, sagte er, ging aber noch nicht, sondern sah ihr ins gel­
blichweiße, kranke Gesicht. Sie sah ihn wieder an, und eine
Weile betrachteten sie sich so schweigend, die beiden Men­
schen, die an die dreißig Jahre miteinander verbracht hatten,
immer einträchtig, er schweigsam und still, sie ein bißchen Le­
ben in die Wohnung bringend.
Aber sosehr sie sich jetzt auch anschauten, sie hatten ein­
ander kein Wort zu sagen. So nickte er und ging.
1 ...so bist du wie ein Hammel hinterhergerannt - ты как баран потащился
1Л Н И М И .
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 218

Sie hörte die Flurtür klappen. Und kaum wußte sie ihn wirklich
fort, drehte sie sich wieder nach der Nähmaschine und strich
die Schnitzelchen des verhängnisvollen Feldpostbriefes zusam­
men. Sie versuchte, sie aneinanderzupassen, aber sie sah schnell,
daß das jetzt zu lange dauern würde, sie mußte vor allen Dingen
sein Essen fertigmachen. So tat sie denn das Zerrissene sorg­
fältig in den Briefumschlag, den sie in ihr Gesangbuch legte.
Am Nachmittag, wenn Otto wirklich fort war, würde sie die
Zeit haben, die Schnitzel zu ordnen und aufzukleben. Wenn es
auch alles dumme Lügen, gemeine Lügen waren, es war doch
das Letzte von Ottochen! Sie werde es trotzdem aufbewahren
und der Trudel zeigen. Vielleicht würde sie dann weinen kön­
nen, jetzt stand es noch wie Flammen in ihrem Herzen. Es würde
gut sein, weinen zu können!
Sie schüttelte zornig den Kopf und ging an die Kochmaschine.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN:

1. Was war Eva Kluge von Beruf?


2. Warum hatte sie Persicke nicht gern?
3. Welche Sondermeldung hatten sie an diesem Tag gehört?
4. Wie reagierte Persicke auf diese Nachricht?
5. Welchen Brief sollte Eva Kluge den Quangels einhändi-
gen?
6. Was stand in diesem Brief?
7. Welche Gefühle empfand Otto Quangel zu seiner Frau?
8. Warum sagte Anna Quangel, daß alles im Brief Lügen
sei?
9. Warum riß sie den Brief in Fetzchen?
219 W ILLI B R ED EL

Willi BREDEL
(1901-1964)

Schilderer des Proletarierlebens und der revolutionären Be­


wegungen. Romantrilogie “Verwandte und Bekannte” (“Die
Väter”, “Die Söhne”, “Die Enkel”, 1948-1953).

Щ)

DIE VÄTER (AUSZUG)

Das Ernst-Drucker-Theater am Spielbudenplatz auf Sankt


Pauli, ein ausgesprochenes Volkstheater, hatte als Publikum
Seeleute, Hafenarbeiter, Fischhändler, Straßenverkäufer, Huren,
und die dargebotenen Schauspiele waren Burlesken und Pos­
sen, meistens im hamburgischen Platt, derb, unwüchsig, gesund;
der Schubbejack1 auf der Bühne bekam am Ende Prügel, und
die arme Unschuld wurde erlöst und erhöht. So gefiel es diesem
Publikum, das mit Beifall nicht geizte und oft am Schluß der
Vorführungen den Schauspielern statt Blumen eine Runde Bier
spendierte oder einen dicken Räucheraal hinaufreichte. Nun,
einer der Dramaturgen dieses Volkstheaters war vor Jahren auf
den Gedanken gekommen, die Gretchentragödie aus dem “Faust”
lierauszuschälen2 und zur Aufführung zu bringen. Vielleicht
1' hite ihm gerade ein Siück; vielleicht wollte er dem Volk auch
einmal ernste Kost bieten3. Die Aufführung wurde denn auch
1 Der Schubbejack - плут, мерзавец, негодяй.
2 ...die Gretchentragödie aus dem “Faust” herauszuschälen... - взять из
“Ф ауста” только трагедию Гретхен.
3 ...dem Volk ... ernste Kost bieten... - предложить народу серьезную
духовную пищу.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 220

ernst und aufmerksam aufgenommen. Laute Hagen erschollen


aus den Reihen des Publikums, als Gretchen sich in Gewissens­
qualen wand. Und beim Hatsch der Mädchen am Brunnen schrien
einige Männer erregt: “Jojo, so is dat! Düsse verdammten
Hatschwiewer!”1 Am Schluß aber gab’s einen so mörderischen
Skandal, wie ihn das altehrwürdige Theater noch niemals erlebt
hatte und in dessen Verlauf das entrüstete biedere Hamburger
Publikum einen vollständigen Sieg über Goethe davontrug2. Als
Doktor Faust sein Gretchen im Kerker zurücklassen und sich
mit seinem Teufelsbegleiter aus dem Staube machen wollte3,
half es absolut nichts, daß eine Stimme vom Himmel rief, sie sei
gerettet. Das war den Hamburgern, in denen noch ein Gefühl
für Recht und Gerechtigkeit lebte und deren Herz für die Un­
schuld schlug, nun doch ein zu mystischer und unsicherer Trost...
Männer wie Frauen erhoben sich, aufs höchste empört, und
schrien: “Watt heet hier gerettet?... Datt is Mumpitz! Heiroden
sali he se!4 Heiroden sali he se! Her mit denn Doktor! He sali
se heiroden!”
Das Publikum schrie im Chor: “Heiroden! Heiroden! Heiroden!”
Schreckensbleich stürzte der Regisseur auf die Bühne und bat
um Ruhe. Er wies daraufhin, daß dieser Schluß nicht von ihm
stamme, daß ihn vielmehr Goethe nun einmal so gedichtet habe.
Er wurde niedergeschrien. “Watt heet hier Goethe! Datt sünd
nur Utreden! Heiroden sali he se! Heiroden! Heiroden!”5
Endlich traten Gretchen und Doktor Faust, letzterer wie ein
zerknirschter, reuiger Sünder, vor den Vorhang. Als es im Zu­

1 “Düsse verdammten Klatschwiewer!” (диалект.) - Эти проклятые


сплетницы!
2 ...einen vollständigen Sieg über Goethe davontrug... - одержала полную
победу над Гёте.
3 ...sich aus dem Staube machen wollte... - хотел незаметно удрать.
4 “Watt heet hier gerettet? ... Datt is Mumpitz! Heiroden sali he se!“
(диалект.) = “Was heißt hier gerettet? Das ist Mumpitz! Heiraten soll er sie!“
Der Mumpitz - чепуха, вздор.
5 “Watt heet hier Goethe! Datt sünd nur Utreden!“ (диалект.) = “W ^ J heißt
hier Goethe! Das sind nur Abreden!“
221 W IL L I B R E D E L

hörerraum still geworden war, begann der Doktor: “Verzeih mir,


Gretchen, ich habe schlecht an dir gehandelt. Ich will es gutma­
chen, darum frage ich dich: Willst du mich heiraten?”
Und Gretchen antwortete leise: “Ja, Heinrich!”
Darauf gaben sie sich die Hand und küßten sich.
Die korrigierte Schlußszene wurde mit unbeschreiblichem Jubel
aufgenommen. Mehrere Male mußten Faust und Gretchen vor
den Vorhang und sich vom Beifall des nun vollkommen
zufriedengestellten Publikums übersschütten lassen. Der Gastwirt
vom “Roten Finken” in der Finkenstraße auf St. Pauli lud alle
Schauspieler zum Freibier ein. Gretchen bekam einen Blumen­
strauß und Faust eine Handvoll Zigarren auf die Bühne gereicht.
Das war der Theaterskandal, den Hardekopfs1 miterlebt
hatten, und noch heute empfand Frau Pauline Genugtuung darüber,
daß durch die Stimme des Volkes dies unmoralische Stück ei­
nen anständigen Schluß erhalten hatte.

B E A N T W O R T E N S IE FO LG END E F RAG EN :

1. Was für ein Theater war das Ernst-Drucker-Theater?


2. Welches Publikum besuchte das Theater am meisten?
3. Was inszenierte der Dramaturg des Theaters?
4. Welches Ende hatte die Geschichte bei Goethe?
5. Was forderte das Publikum?
6. Welchen Ausgang fanden die Schauspieler?
7. Wie wurden die Schauspieler vom Publikum belohnt?
8. Worüber empfand Frau Pauline Hardekopf Genugtuung?

1 Hardekopfs - die Haupthelden des Romans “Die Väter”.


ЧИТА ЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 222
— --------------

DIE VÄTER (AUSZUG)

Hermine Hardekopf konnte sich in ihrer neuen Wohnung


durchaus nicht glücklich fühlen. Von niemandem mehr wurde
sie bedient. Sie mußte das Essen für sich, ihren Mann und ihr
Kind selber kochen, mußte die Wohnung säubern, Einkäufe
machen. Es gab keine hilfsbereite Schwägerin mehr, zu der man
sagen konnte: “Frieda, mach dies... Frieda, mach das...” Und
vor allem, mit einem recht kleinen Haushaltsgeld mußte sie
wirtschaften und alle Ausgaben bestreiten1. Sie kam sich vor
wie das geplagteste, unglücklichste Geschöpf auf dem weiten
Erdenrund. Ungeschickte Hände hatte sie. Sie mochte sich noch
so quälen, die Wohnung kam nie in Ordnung. Und kein Mittags­
mahl gelang ihr. Während der Monate ihrer Schwangerschaft
bei Brentens hatte sie das Nichtstun so gründlich genossen, ei­
nen Roman nach dem anderen gelesen, alle Sorgen von sich
ferngehalten, daß die eingetretenen Veränderungen in ihrer
Lebensweise sie um so schwerer trafen.2 In den ersten Tagen
und Wochen war sie noch zu ihrer Mutter gerannt, und die hatte
hier und hatte dort helfen und aushelfen müssen. Schießlich war
es aber auch der zuviel geworden, sie hatte ihrer Tochter zu
verstehen gegeben, daß sie sich allein zurechtfinden müsse, denn
...”Ich habe eine eigene Familie zu versorgen”. Das hatte eine
Entzweiung von Mutter und Tochter gebracht. Das Ergebnis:
Hermine wurde noch einsamer, noch hilfloser, noch verbitterter,
noch unlustiger.
Ihr Mann hatte kein leichtes Leben. Täglich mußte er hören,
daß er nicht genug verdiene, um eine Familie zu erhalten. Daß
sie bereue, geheiratet zu haben. Daß an allem Unglück nur seine
egoistischen Verwandten Schuld trügen. Daß sie das unglückli­
chste Weib auf dieser Welt sei. Daß sie ihn, sich, alle, alle hasse
und verfluche.
1 Die Ausgaben bestreiten - покрывать издержки.
2 sie um so schwerer trafen - сказались на ней тем больнее
223 W IL L I BR ED EL

In wenigen Monaten war Ludwig Hardekopf um Jahre geal­


tert, ein hinfälliger Mann geworden. Still und geduldig ertrug er
sein Los. Wenn Hermine zeterte, widersprach er nie. Auf der
Werft schuftete er, um die höchsten Akkordsätze zu erreichen1,
was ihm zuweilen auch gelang. Nie indessen gelang es ihm,
seine Gattin zufriedenzustellen. Er sparte an allem, verbrauchte
nichts für sich. Er lief morgens zu Fuß von Winterhude nach
dem Hafen, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen. Er
hungerte, damit sie und das Kind genug hatten... Es nutzte alles
nichts; ihr war es nie genug. Freitags mußte er oft ohne Butter­
brot zur Arbeit gehen, weil eben das Wirtschaftsgeld für die
Woche schon verbraucht war.
Hermine schimpfte oftmals selbst auf sich und nannte sich
eine ungeschickte Kruke2. Anderen Frauen ging alles so leicht
von der Hand. Dann aber blickte sie auch wieder verächtlich
auf diese Frauen, die nichts als nähen, kochen oder rein machen
konnten, im übrigen ungebildet und beschränkt waren, nichts
von Lebensreform und Vegetarismus wußten und vor allem nicht
so viele gute Romane gelesen hatten wie sie. Hermine gehörte
seit langem dem “Verein der Bücherfreunde” an und hatte eine
stattliche Reihe Bücher mit in die Ehe gebracht, sowohl belehrende
wie unterhaltende... Kein Wunder, daß Ludwig täglich neu staunte,
was für eine kluge Frau er hatte. Dann und wann erzählte Her­
mine ihm, was sie gelesen hatte; der Ärmste kam nicht dazu3,
selber eins in die Hand zu nehmen. Gegenwärtig war sie ganz
hingerissen von dem neuen Roman Hermann Löns’, “Das zweite
Gesicht”. “Seelenvoll und doch männlich”, nannte sie dies Buch.
In den Romanhelden, den Jägersmann und Kunstmaler Helmold
Hagenrieder, war sie geradezu verliebt. Herrje auch, war das
ein Mann! Ein wirklicher, ein grandioser Mann! Er strotzte vor

1 ...um die höchsten Akkordsätze zu erreichen - чтобы как можно больше


заработать сдельно.
2 eine ungeschickte Kruke - растяпа безрукая.
3 der Ärmste kam nicht dazu - зд.: Несчастный и не пытался...
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 224

Kraft! Und dieses Selbstbewußtsein! Dieses Draufgängertum!


Wenn der die Fäuste ballte, die Arme reckte und die Brust -
diese heldische Brust! - dehnte und sehnsuchtsvoll ausrief: “Einen
Krieg, den möcht ich noch erleben, aber aktiv!” - so verstand
sie das vollkommen, denn das war männlicher Kraftüberschuß,
der sich entladen mußte1; das war Auflehnung gegen das
spießerische Dasein.2 Und wenn Ludwig das nicht begriff, dann
war nur seine Dussel igkeit daran schuld3.
Nachdem Hermine in diesem Roman gelesen hatte, daß je­
ner Kraftmensch Hagenrieder von einer idealen deutschen Frau
verlangte, daß sie sich ausschließlich ihrem Mann, der Küche
und den Kindern widme, da nahm sie sich ernsthaft vor, auf das
Kochen noch mehr Mühe zu verwenden, ihren Ludi einmal tüchtig
zu überraschen. So kochte sie eines Tages anstatt des üblichen
Reisbreis mit Rhabarberkompott oder Haferschleim mit getrock­
neten Bananen ein luxuriöses Gemüseragout. Da es noch wenig
Frischgemüse gab, kaufte sie Konserven: Erbsen, Blumenkohl,
Spinat, Karotten - es wurde eine teure Mahlzeit. Aber Ludi
sollte einmal sehen, was sie konnte, wenn man sie aus dem vol­
len wirtschaften ließ. Und diesmal kochte sie ausnahmsweise
mit Lust und Vergnügen. Er sollte Augen machen.
Und der magenkranke Ludwig machte Augen, als er den
farblosen Pantsch mit geheimnisvollem Lächeln vorgesetzt bekam.
“Was ist denn das? fragte er, wie einer, der fürchtet, vergiftet zu
werden4. “Probier nur!” flötete sie. Ludwig, Kummer gewöhnt,
ergriff mannhaft seine Gabel und begann zu essen. Es war ge­
nießbar, es sah nur etwas unappetitlich aus. Sein Magen war
aber wohl in letzter Zeit besonders in Unordnung geraten5.
1 Kraftiiberschuß, der sich entladen mußte - избыток сил, которому
необходима была разрядка.
2 das spießerische Dasein - обывательское, мещанское существование
3 dann war nur seine Dusseligkeit daran schuld - то в этом была виновата
только его глупость.
4 ...der fürchtet, vergiftet zu werden - кто боится быть отравленным.
5 Sein Magen war... besonders in Unordnung geraten - его желудок был
сильно расстроен.
225 W IL L I B R E D E L

Ihm wurde schlecht; er legte die Gabel hin. Da begann Hermine


/.u toben, zu schreien, zu weinen: nun habe sie sich mal besonders
Mühe gegeben, und das sei der Dank, dabei koste die Mahlzeit,
die mit bester Nußbutter angemacht sei, über vier Mark. Lud­
wig griff noch einmal zur Gabel. Schloß die Augen. Würgte
einige Bissen herunter, aber er mußte wieder aufhören. Sie weinte,
und er, hungrig und elend, tröstete sie.
Ludwig war ein schweigender Dulder. Nur frühmorgens, wenn
er schlaftrunken und unglücklich an der Alster entlang der Ar­
beitsstätte zutrottete, knurrte und murrte er wohl vor sich hin
und haderte mit seinem Schicksal1; er war jedoch zu stolz, an­
deren gegenüber sein Unglück einzugestehen2. Erkundigte sich
seine Schwester, wie es ihm und seiner Familie gehe, so antwortete
er: “Oh, soweit recht gut!” Einmal fragte ihn seine Mutter, warum
er jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe3 zu Fuß nach dem Hafen
lierunterlaufe, wo es doch eine schnelle und bequeme Fahrverbin­
dung gebe. Ludwig antwortete: “Ich höre morgens so gerne die
Vögel singen”. Und als er den ungläubigen Blick der Mutter
bemerkte, fügte er verlegen lächelnd hinzu: “Du weißt doch, ich
bin ein alter und unverbesslicher Naturschwärmer”4. - “Dann
wandert ihr wohl auch wieder sonntags ins Grüne?” fragte Frau
I lardekopf. Und er bestätigte es eifrig: “Jaja, sehr oft. Da er­
holen wir uns”.
Wie log Ludwig, um sein Unglück zu verheimlichen. Niemals
mehr war er, seit er geheiratet hatte, ins Grüne gezogen. Her-
uiine schlief auch sonntags bis in den Mittag hinein, war viel zu
bequem, erschöpft von ihrer häuslichen Plackerei, wie sie sagte,
um an Ausflügen noch Vergnügen zu finden. Und dann war das
Kind da, ein lästiges Anhängsel für Naturfreunde5. Nein, sie
1 haderte mit seinem Schicksal - роптал на свою судьбу.
2 ... anderen gegenüber sein Unglück cinzugestehen - чтобы признаться
ipy; нм в своем несчастье.
' In aller Herrgottsfrühe - ни свет ни заря.
1 unverbesslicher Naturschwärmer - неисправимый любитель природы.
^ ein lästiges Anhängsel für Naturfreunde - обременительный привесок
i im друзей природы.
И lnideM no-мемецки
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 226

hockten alle Abende zu Hause. Ihr einziges Sonntagsvergnügen


war, nachmittags mit der Kleinen eine Stunde am Kanal zu spa­
zieren.
In wenigen Wochen war Hermines neue Wohnung verschmutzt
und in heilloser Unordnung. Zum Abendessen wurde kein weißes
Tischtuch mehr aufgelegt (was Hermine so vornehm gefunden
hatte, als Frieda es noch waschen mußte), jetzt, da sie ihre Tisch­
tücher selber zu waschen hatte, kam flugs ein kariertes Wach­
stuch aut den Tisch. “Ist ja proletarischer”, meinte sie, “aber
praktischer”. Ludwig bekam Brei, Schleim und Pantsch und dazu
getrocknete Pflaumen oder Bananen und auf die mit Nußbutter
bestrichene Brotschnitte eine Scheibe süßen Früchtebrots. “Hafer­
schleim nährt und heilt deinen Magen”, sagte sie, “iß, Ludi, ißl”
Ihr Ludi wurde fahler und hagerer. Sie selber lebte vor allem
von Kuchen und Bohnenkaffee. Süßigkeiten aß sie für ihr Le­
ben gern. Aus einem kräftigen, schmackhaften Mittagessen
machte sie sich wenig. Bei diesem Leben ward sie noch dicker
und unförmiger. Sie ging nicht, sie watschelte nur noch. Ewig
klagte, stöhnte, seufzte sie und war glücklich, wenn sie bedauert
wurde. Alles tat sie unlustig und mürrisch. Wenn ihr etwas miß­
lang - und ihr mißlang viel -, verfluchte sie daran Unschuldigen,
nur sich nicht.

B EAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Warum fühlte sich Hermine Hardekopf in ihrer neuen


Wohnung unglücklich?
2. Welche Beziehungen hatte sie zu ihrer Mutter?
3. Wie fühlte sich ihr Mann Ludwig Hardekopf?
4. Wie sparte Ludwig das Geld?
i -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
n W IL L I B R E D E L
«ф

5. Warum blickte Hermine verächtlich auf andere Frauen?


6. Welches Buch machte auf sie einen besonders großen
I•indruck?
7. Welche Folgen zog sie aus diesem Buch?
8. Wie ertrug Ludwig Hardekopf so ein Leben?
9. Wie verbrachte die Familie Sonntage?
10. Wie sahen die Hardekopfs aus?
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 228

Johannes R. BECHER
(1891-1958)

In seiner umfangreichen lyrischen Produktion wandelte sich


Becher vom kühnen expressionistischen Neuerer (“Der Rin­
gende”, 1911, “Verfall und Triumph”, 1914) und vom patheti­
schen Revolutionär zum Verfasser von politischen Zweck- und
epigonaler Gefühlslyrik. Hauptthema während der Emigration
ist die Klage um Deutschland.

WENN EINES TAGES...


(Aus den „Deutschen Sonetten 1952“)

Wenn eines Tages, Deutschland, deine Glocken


Vereinen sich zu einem Hochgesang
Und deine Fahnen wehn wie ein Frohlocken,
Die Lieder schwingen im Zusammenklang -

Wenn eines Tages alle deutschen Sender


Verkünden feierlich: „Es ist vollbracht:
E i n deutsches Land sind alle deutschen Länder,
Und e i n e Macht nur ist - des Friedens Macht!“

Wenn dies erreicht ist - wie ein Händereichen,


Das sich durch alle Völker weiterreicht,
Daß sie in Liebe Deutschlands Namen nennen -
229 JO H A N N E S R. BECHER
^

Wenn dies erreicht ist, wird das Herz uns leicht,


Dann wird das Schwere, wird das Dunkle weichen,
Dann magst auch du, mein Herz, dir Ruhe gönnen.

GOETHES TOD
(Aus dem „Buch der Gestalten“)

Die Augen sind von einem Schirm bedeckt.


Das Märzlicht blendet. Durch die Fensterscheiben
Wärmt es herein. Und Goethes Hand, sie streckt
Sich zitternd hoch, und sie beginnt zu schreiben.

Er lehnt sich in den Stuhl zurück. Im Liegen


Schreibt er und spitzt die Finger wie zum Stift.
Er schreibt in einer unsichtbaren Schrift.
Schreibt in die Luft mit riesenhaften Zügen.

Setzt Beistrich, Punkt. Scheint etwas auszustreichen.


Ein wenig tiefer sinkt die Hand, die schreibt.
Dringt in die Luft, daß, ewig sichtbar bleibend,

Die Schrift dasteht, und unterstreicht, zum Zeichen,


Daß dieser Satz vor allem wirksam bleibt...
Er starb. Es schrieb die Hand... So starb er schreibend.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 230

THOMAS MANN. ZU SEINEM BESUCH


IN WEIMAR
(Aus dem „Buch der Gestalten“)

Als Du aus Deiner Heimat warst verbannt,


War sie Dir in die Fremde nachgezogen.
In Deiner Sprache hochgewölbtem Bogen
Wie über die Jahrhunderte gespannt,

Hat sich die Heimat in Dir heimgefunden


Und hat Dir ihr Geheimnis anvertraut.
Du warst ihr Wiegenlied und Glockenlaut
Und warst ihr Trost in allerschwersten Stunden.

Du hast bewahrt der Sprache Heiligtum,


Sie liebend so, wie nur der lieben kann,
Der sie durchlitt, die heimatlosen Zeiten.

Du, Deutschlands Ehre, und Du, Deutschlands Ruhm,


Willkommen in der Heimat, der befreiten,
Du, Deutschlands Ruhm und Ehre: Thomas Mann.

REGEN
(Aus „Glück der Ferne - leuchtend nah“)

Der Regen raunt, der Regen rinnt,


Und einer staunt, und einer sinnt,

Der Regen hält ihn leise wach,


Der Regen flüstert auf dem Dach.
231 JO H A N N E S R. BECH ER

Und einer sieht die Dunkelheit


Und sinnt dem Rätsel nach der Zeit,

Und sinnend, staunend wird er ihn,


Im Dunkeln einer Zeit Beginn...

Der Regen wandert durch die Nacht,


Und einer in dem Dunkeln wacht,

Und einer sinnt, und einer staunt,


Und Regen rinnt, und Regen raunt.

WARTEN

Auf dich zu warten, wird mir niemals leid.


Ich kann von dir nicht Pünktlichkeit verlangen,
und so verbring ich meine Wartezeit,
um ein Gedicht auf dich noch anzufangen.

So ist die Wartezeit mir rasch vergangen.


Ich sitze da in meiner Einamkeit
Und warte immer noch, dich zu empfangen.
Ich bin mit dem Gedicht schon ziemlich weit.

Ich kann von dir nicht Pünktlichkeit verlangen


Und hab’ es eigentlich schon aufgegeben,
daß du noch kommst... Da spür’ ich deine Hände,
als trätest du aus dem Gedicht ins Leben.

Doch wollt ich dich mit dem Gedicht vergleichen -


der beste Vers wird niemals dich erreichen.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 232

DICH ZU BESCHREIBEN

Dich zu beschreiben, will mir nicht gelingen.


Ich kann wohl Linien aneinanderreihen,
Als ob die Teile dann ein Ganzes seien -
Ein wirres Bild werd ich zustande bringen.

Denn du bist mehr als auf dem Abendgrund


Verzeichnet ist. Bist mehr als Morgenhellc.
Du hüpfst heran als blaue Freudenwelle
Und bist in mir, was wund ist, immerwund.

Wir sitzen um ein Tischchen irgendwo


Und sagen Worte. Ineinanderpassen
Die Worte, die wir vor uns liegen lassen,
Als spielten wir zusammen Domino.

Zu einem Bild bewegt sich Stein auf Stein,


Mit schwarzen Augen in dem Elfenbein.

DANK-SONETTE

I
Ich danke euch. Euch allen Dank zu sagen
Beginne ich damit, daß ich zuerst
Dir, Mutter, danke. Denn was war gewesen,
Wenn du, Mutter, nicht gewesen wärst.

Das erste Gute kam aus deiner Güte,


Und deine Wärme war wie Sonnenschein.
Dein Lächeln, Mutter, war die erste Blüte.
Wie könnte ich dafür nicht dankbar sein!
233 JO H A N N E S R. BE C H E R

Als ich schon längst der Kindheit Zauberkreis


Entwachsen bin, bliebst du mir Zuversicht.
Warst Einkehr, Abend, ferner Glockenton.

Dies lebt nun weiter, hoff ich, im Gedicht


Und singt darin der Heimat Lob und Preis.
Dies alles dankt dir dein „Verlorener Sohn“.

V
Ich danke euch. Was soll ich Namen nennen?!
Dir, Liebe, namenlos, die mich umwacht.
Ich danke dir, durch dich lem ich mich kennen
Du bist es, die mich stark und stärker macht.

Ich danke euch, was dank ich nicht euch allen!


Ihr Dichter, Kämpfer, Helden, seid bedankt!
Gedenke derer, die für dich gefallen -
Ein Dank?! Hier wird wohl mehr als Dank verlangt!

Gestattet mir, nicht viel von Dank zu sagen,


Wo man, statt Dank zu sagen, besser schweigt.
Die Dankesschuld ist oft nicht abzutragen,
Und es genügt, daß man sich dankbar zeigt.

Denn was ist Dank? Ein stetes Darandenken,


Daß wir, beschenkt, Geschenktes weiterschenken.

DER WEITGEREISTE

Kein Visum brauch ich, keinen Reisepaß,


Wenn ich vom Tage in die Nacht verreise.
Ich reise, reise ohne Unterlaß,
Ich reise auf die angenehmste Weise.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 234

Ich steige um, ich komm frühmorgens an,


Vor mir steht eine lange Tagesreise,
Ich pfeif, ich fahre mit der Eisenbahn,
Ich reise um mich selbst herum im Kreise.

Ich reise, kaum mich regend von der Stelle,


So reis ich durch die Zeit, ich sah das meiste,
Was sich zu sehen lohnt. Zuviel, zuviel.
Zuviel des Dunklen, wenig freie Helle.

Des Reisens bin ich müd, der Weitgereiste,


Nun reis ich ab mit unbekanntem Ziel.
KU RT TU C H O LSK Y

Kurt TUCHOLSKY
(1890-1935)

K.Tucholsky war als Satiriker und Zeitkritiker in Vers und


l’rosa (auch in Berliner Mundart) von großer Treffsicherheit
und beißender Ironie; er vertrat einen linksgerichteten pazifis­
tischen Humanismus; schrieb auch verspielt-zärtliche Liebesge-
м hichten (“Rheinsberg”, 1912; “Schloß Gripsholm”, 1932).
I lauptwerke: “Träumereien an preußischen Kaminen” (1920),
“Das Lächeln der Mona Lisa” (1929), “Deutschland, Deutschland
über alles” (1929), “Lerne lachen ohne zu weinen” (1931).

FAMILIENBANDE

Die Familienbande... also wir wollen höflich sein.


Was hält die Familie zusammen? Die gemeinsame Abstam­
mung? Die Stimme des Blutes? Das allein kanns nicht sein.
Wenn Onkel Edgar, der schon als junger Mann nach Mada­
gaskar gegangen ist, weil er sich zu viel auf den Rennplätzen
limimgetrieben hat, wieder zurückkommt, dann verkriechen sich
die Kinder und sagen zu Mama: “Da ist ein fremder Herr im
Salon!” und auch in den vier Wochen, wo er in der Familie lebt,
wird das nichts Rechtes. Da fehlt irgend etwas...
Es fehlt die Gemeinsamkeit der kleinen Hauserlebnisse. Und
die sind es, die die Familie zu einer kompakten Einheit zusam­
menschweißen, mit Verlaub zu sagen. Familienglieder sind alte
Ki iegskameraden.
Denn die Vertraulichkeit zwischen den Angehörigen dessel-
U-ii Familienstammes, eine Vertraulichkeit, die dem andem noch
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 236

die Haut abschält, um zu sehen, was darunter ist, stammt daher,


daß alle Beteiligten, Schulter an Schulter und Unterhose an
Unterhose den Stürmen des Lebens getrotzt haben.
Der Familienkalender hat seine eigene Einteilung und mit dem
gregorianischen wenig zu tun.1 Das war im Jahre 1921? Nein:
“Das war damals, als Tante Frida deine Stehlampe umgeworfen
hat!” Vor zwei Jahren-? Nein: “Du weißt doch, Erich kam mit
seiner Zensur, und da hat sich Papa noch so aufgeregt...” So
war das.
Krach eint.
Der Gasometer läuft. Erst tropft er, niemand merkts, dann
tropft er stärker, immer noch merkts keiner; dann drippelt er
ganz rasch, ein kleiner See steht im Korridor - und nun laufen
sie alle zusammen. Der Gasometer ist gar kein Gasometer mehr,
sondern Prüfstein der Charaktere, Riff, an dem sich die Wogen
der Temperamente brechen, Stein der Weisen und Stein der Dum­
men; Anlaß, Exposition und das Ding an sich. - “Hundertmal
hab ich schon gesagt, ihr sollt besser auf den Gasometer auf­
passen!” - “Vorhin, gnä’ Frau2, wie er noch nicht gelaufen hat,
da hat er noch nicht gelaufen - und da hab ich noch nachgeseh­
en - ” “Bring mal ein Wischtuch her - nein, das nicht - Gott, ist
das ein Ochse! - den Scheuerlappen!” - “Mama, wo ist denn
mein Schrankschlüssel?” - “Mama, es hat geklingelt!” - “Ich
bin kein Ochse!” - “Widersprich nicht immer-!” - “Aua, Edith
kneift mich!” - “Gnädige Frau, die Gasrechnung!” - “Der Gas­
mann soll mal herkommen-!” - “Mama, wo ist denn mein
Schrankschlüssel?” - “Hier sehn Sie mal: der Gasometer läuft!”
- “Ich blick bloß für die Rechnung - det er looft, det jeht mir
jahnischt an!”3 - “Mama, wo ist denn mein Schrankschlüssel?”
- “Emma, wenn Sie noch ein einziges Mal...” Krach eint.
1 ...mit dem gregorianischen wenig zu tun - и имеет мало общего с
грегорианским (календарем).
2 gnä’ Frau = gnädige Frau.
3 det er looft, det jeht mir jahnischt an = daß er läuft, das geht mich gar nicht
an.
237 KURT TUCHOLSKY
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Die Einigung wird um so stärker empfunden, je mehr sich die


Mitglieder dieses Indianerstammes von einander zu entfernen
wünschen. Das machen sie so:
“Papa, guck mal - unser neuer Teppich -!” Papa: “Na, da
habt ihr euch ja schön bekauft (Ihr - er gehört nicht dazu.)
“Arthur, Tante Rosa kommt heute abend zum Abendbrot - sei
pünktlich!” - “Kinder, ihr müßt auch immer die ganze Ver­
wandtschaft einladen. Das wird ja schön langweilig werden bei
euch!” - Es ist der letzte schwache Versuch des Individuums,
sich als solches zu behaupten - aber er mißlingt immer: denn
der Mensch in der Familie ist gar kein Mensch, sondern nur
( ii uppenteil, Partikel einer Kollekrivität und Glied in der Kette,
die ihn sanft und unnachgiebig umschlingt. Und das eint.
Daher man denn nicht sagen sollte: Herr X. stammt aus der
l-ämilie der Henkeltopfs - sondern man sollte sagen: Er ent­
stammt der Hausgemeinschaft Geisbergstraße 67, Maaßenstraße
Nr. 11 und Haberlandstraße 5 - denn es sind nicht die Bande
des Blutes, die einen - sondern die Bande des Krachs und der
gemeinschaftlichen Erlebnisse.
Daher die grandiose Respektlosigkeit, die Familienmitglieder
Iiir einander haben. Kommt ein Fremder hinzu und bewundert
. den süßen Brustansatz Lieschens; das Pfeiftalent Frietzchens
und den Witz Papas, dann gähnt die Familie und ist höchstens
p-langweilt geschmeichelt. Eine Sensation ist das nicht mehr...
I >en süßen Brustansatz Lieschens haben sie bis da, Fritz pfeift
und soll das nicht, und Papa macht immer dieselben Witze. Man
i l kein Held in Unterhosen: Vor seinem Kammerdiener nicht
mul vor der Familie schon gar nicht.
Man liebt sich auseinander, aber man zankt sich zusammen.
Und weil sich gleichnamige Pole abstoßen, so stoßen sich
du Pole der Familie so lange ab, bis sie ganz rund geschliffen
• h u ! , auseinander können sie nicht, und säe kennen sich viel zu

i'fiiau, um sich lieben zu können, obgleich jeder von sich be­


hauptet, er sein ein unverstandenes Kind, und die in der Familie
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 238

hätten auch nicht den Schimmer einer Ahnung, wer da unter


ihnen weile - und wenn die Familie nicht wäre, so wäre jeder
schon längst Napoleon und Ford und Josephine Baker in einem.
Denn wer ist an allem schuld-? Die Familie.
Man kann sich fremde, große Männer und Frauen nur sehr
schwer in ihrer Familie vorstellen: für uns schweben sie ewig­
lich in einer Wolke des Ruhmes und Gloriole ihrer Werke... In
Wahrheit ist das aber ganz anders.
“Benito!” sagt Frau Mussolini zu Herrn Mussolini; “den
Kragen kannst du nicht mehr umbinden - erstens ist er ausge­
franst, und zweitens siehst du darin wirklich nicht gut aus. Ich
habe mich neulich so über die Fotografie im “New York He-
rald” geärgert, ausgerechnet an dem Tag mußte du diesen alten
Kragen tragen!” - “Mach mich nicht nervös”, sagt der Dikta­
tor. “Das ist ein schöner Kragen - eine gute italienische Marke,
und das englische Zeug mag ich nicht, das du mir da gekauft
hast... Himmelherrgottdonnerwetter-jetzt ist das Knopfloch
geplatzt-!” - “Beenchen...” - “Porco dio!” sagt Italien und wirft
den Kragen wütend auf den Boden; “Madonna! Verfl -
Ein guter Familienvater braucht den Krach; es ist wie mit
dem Druck der Atmosphäre: ohne den zerplatzte er... Denn was
eint die Familie-?
Blut ist dicker als Wasser; Krach ist dicker als Blut, und stärker
als alle drei beide1 ist die Gewöhnung.

1 stärker als alle drei beide - но сильнее, чем все они, вместе взятые...
239 K U R T TU CH O LSKY

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E F RA G EN :

1. Welche Rolle im Leben einer Familie spielt die Gemein-


vimkeit der kleinen Hauserlebnisse?
2. Was nennt der Autor “Familienkalender”?
3. Was ist, seiner Meinung nach, der Mensch in der Familie?
4. Was behauptet jeder von sich?
5. Sind Sie mit dem Autor einverstanden, wenn er sagt, daß
die Gewöhnung in der Familie am stärksten ist?
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 240

Wolfgang BORCHERT
(1921-1947)

Borchert gestaltete im Hörspiel “Draußen vor der Tür” (1947)


realistisch und zugleich symbolisch überhöht die Situation des Kriegs­
heimkehrers; schrieb auch Gedichte und Kurzgeschichten.

LESEBUCHGESCHICHTEN

Alle Leute haben eine Nähmaschine, ein Radio, einen Eis­


schrank und ein Telefon. Was machen wir nun? fragte der Fab­
rikbesitzer.
Bomben, sagte der Erfinder.
Krieg, sagte der General.
Wenn es denn gar nicht anders geht, sagte der Fabrikbe­
sitzer.

Der Mann mit dem weißen Kittel schrieb Zahlen auf das
Papier. Er machte ganz kleine zarte Buchstaben dazu.
Dann zog er den weißen Kittel aus und pflegte eine Stunde
lang die Blumen auf der Fensterbank. Als er sah, daß eine Blume
eingegangen war, wurde er sehr traurig und weinte.
Und auf dem Papier standen die Zahlen. Danach konnte man
mit einem halben Gramm in zwei Stunden tausend Menschen
tot machen.
Die Sonne schien auf die Blumen.
Und auf das Papier.
241 W OLFGANG B O R C H E R T

Zwei Männer sprachen miteinander.


Kostenanschlag?1
Mit Kacheln?
Mit grünen Kacheln natürlich.
Vierzigtausend.
Vierzigtausend? Gut. Ja, mein Lieber, hätte ich mich nicht
n chtzeitig von Schokolade auf Schießpulver umgestellt, dann
könnte ich Ihnen diese vierzigtausend nicht geben.
Und ich Ihnen keinen Duschraum.
Mit grünen Kacheln.
Mit grünen Kacheln.
Die beiden Männer gingen auseinander.
Ls waren ein Fabrikbesitzer und ein Bauunternehmer.
Es war Krieg.

Kegelbahn. Zwei Männer sprachen miteinander.


Nanu,2 Studienrat, dunklen Anzug an. Trauerfall?
Keineswegs, keineswegs. Feier gehabt. Jungens gehn an die
I i 011t. Kleine Rede gehalten. Sparta erinnert. Clausewitz3 zi-
t кмt. Paar Begriffe mitgegeben: Ehre, Vaterland... Langemarck
j’.cdacht4. Ergreifende Feier. Ganz ergreifend. Jungens haben
i'csungen: Gott, der Eisen wachsen ließ.5 Augen leuchteten.
I iigreifend. Ganz ergreifend.
Mein Gott, Studienrat, hören sie auf. Das ist ja gräßlich.
Der Studienrat starrte den anderen entsetzt an. Er hatte beim
I i /ühlen lauter kleine Kreuze auf das Papier gemacht. Lauter

1 Der Kostenanschlag - смета расходов.


Nanu - в чем дело, что случилось? (разг.).
Clausewitz - Карл фон Клаузевиц, прусский генерал (1780-1831);
• <а к*нно известен своим трактатом о военной стратегии “Vom Krieg”.
1 Langemarck gedacht - вспомнил Лангемарк. Лангемарк - городок во
•I' ммдрии (Бельгия), недалеко от которого во время первой мировой войны,
I ' .треля 1915 г. немцы впервые применили отравляющие газы.
<fott, der Eisen wachsen ließ - первая строка песни, написанной
> М Арндтом (1769-1860) в эпоху наполеоновских войн - “Vaterlandslied”;
■■па оыла очень популярна в Германии и считалась народной песней.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 242

kleine Kreuze. Er stand auf und lachte. Nahm eine neue Kugel
und ließ sie über die Bahn rollen. Es donnerte leise. Dann stürz­
ten hinten die Kegel. Sie sahen aus wie kleine Männer.

Zwei Männer sprachen miteinander.


Na, wie ist es?
Ziemlich schief.
Wieviel haben Sie noch?
Wenn es gut geht: viertausend.
Wieviel können Sie mir geben?
Höchstens achthundert.
Die gehen drauf.1
Also tausend.
Danke.
Die beiden Männer gingen auseinander.
Sie sprachen von Menschen.
Es waren Generale.
Es war Krieg.

Zwei Männer sprachen miteinander.


Freiwilliger?
‘türlich.2
Wie alt?
Achtzehn. Und du?
Ich auch.
Die beiden Männer gingen auseinander.
Es waren zwei Soldaten.
Da fiel der eine um. Er war tot.
Es war Krieg.

Als der Krieg aus war, kam der Soldat nach Haus. Aber er
hatte kein Brot. Da sah er einen, der hatte Brot. Den schlug er tot.
1 Die gehen drauf - они обречены, они погибнут {разг.).
2 ‘türlich = natürlich.
243 W O LFG ANG BO RC H ERT

Du darfst doch keinen totschlagen, sagte der Richter.


Warum nicht, fragte der Soldat.

Als die Friedenskonferenz zu Ende war, gingen die Minister


durch die Stadt. Da kamen sie an einer Schießbude vorbei. Mal
schießen, der Herr?' riefen die Mädchen mit den roten Lippen.
Da nahmen die Minister alle ein Gewehr und schossen auf kleine
Männer aus Pappe.
Mitten im Schießen kam eine alte Frau und nahm ihnen die
Gewehre weg. Als einer der Minister es wiederhaben wollte,
gab sie ihm eine Ohrfeige.
Es war eine Mutter.

Es waren mal zwei Menschen. Als sie zwei Jahre alt waren,
da schlugen sie sich mit den Händen.
Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen
mit Steinen.
Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren
nach einander.
Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie sich mit Bomben.
Als sie zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.
Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie. Sie wurden
nebeneinander begraben.
Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden
Gräber fraß, merkte er gar nicht, daß hier zwei verschiedene
Menschen begraben waren. Es war dieselbe Erde. Alles die­
selbe Erde.

Als im Jahre 5000 ein Maulwurf aus der Erde rauskuckte2,


da stellte er beruhigt fest:
Die Bäume sind immer noch Bäume.
Die Krähen krächzen noch.
1 Mal schießen, der Herr? - Не желаете ли пострелять, сударь?
2 ...ein Maulwurf aus der Erde rauskuckte - из земли высунулся крот.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 244

Und die Hunde heben immer noch ihr Bein.


Die Stinte und die Sterne,
das Moos und das Meer
und die Mücken:
Sie sind alle dieselben geblieben.
Und manchmal -
manchmal trifft man einen Menschen.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wie meinen Sie, was ist “der Mann mit dem weißen Kit­
tel” von Beruf?
2. Wie ist die Rolle des Studienrates?
3. Warum achtet Borchert darauf, was der Studienrat auf
das Papier gemalt hat?
4. Wie wird solch eine Art Literatur genannt (Novelle,
Erzählung, Parabel)?

DIE KÜCHENUHR

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er
fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran
sah man, daß er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem
alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen,
was er in der Hand trug.
Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der
Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich
habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.
245 W O LFG ANG B O R C H E R T

Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und


tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab.
Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das
weiß ich auch. Und sie ist auch nicht so besonders schön. Sie
ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen
Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind
natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr.
Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch
aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.
Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf
dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist
übriggeblieben.
Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an.
Einer sah auf seine Schuhe und die Frau sah in ihren Kinder­
wagen. Dann sagte jemand:
Sie haben wohl alles verloren?
Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie
hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die
anderen sie noch nicht kannten.
Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.
Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber
sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und
wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist,
fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt
nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie
mal, sie ist um halb drei stehengeblieben. Ausgerechnet um halb
drei, denken Sie mal. Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei
getroffen,1 sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe
vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht,
bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.
Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein,
lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben
1Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen - тогда бомба попала
и Ваш дом наверняка в половину третьего.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 246

nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden.
Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur
nicht. Das ist nämlich der Witz, daß sie gerade um halb drei
stehengeblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sie­
ben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts,
meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.
Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm
weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu:
Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging im­
mer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei.
Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so
leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn
ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich
das Licht an.1 Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit
einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei
war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz
klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon
geschlafen. Es war ja Nacht.
So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So
spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und
sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße anein­
ander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhen zog sie nachts
nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann
hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem
Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es
so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstver­
ständlich, fand ich, daß sie mir nachts um halb drei in der Küche
das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat
das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder.
Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das könnte nie
aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles. Es war
doch immer so gewesen.

1 ...ging plötzlich das Licht an - внезапно зажигался свет.


247 W O LFG ANG B O R C H E R T

Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank. Dann
sagte er leise: Und jetzt? Er sah die anderen an. Aber er fand
sie nicht. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Ge­
sicht: Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das rich­
tige Paradies.
Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und
Ihre Familie?
Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern?
Ja, die sind auch mit weg.1 Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich
vor. Alles weg.
Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen
ihn nicht an.
Da hob er wieder die Uhr hoch und er lachte. Er lachte: Nur
sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, daß sie ausgerechnet
um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.
Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht.
Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er
sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies.

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN:

1. Wie sah der Mann mit der Uhr aus und wie alt war er?
2. Was war von seinem Haus übriggeblieben?
3. Warum war es für ihn so wichtig, daß die Uhr ausgerech­
net um halb drei stehengeblieben war?
4. Warum sahen die Menschen auf der Bank ihm nicht ins
Gesicht?
5. Warum nannte er sein früheres Leben “Paradies”?

1 die sind auch mit weg - они тоже погибли (разг.).


ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 248

Heinrich BOLL
(1917-1985)

Schrieb zunächst Romane und Erzählungen über die Not von


Krieg und Nachkriegszeit: “Wo warst du, Adam?” (1951), “Und
sagte kein einziges Wort” (1953); kritisierte dann Mißstände
der westdeutschen Gesellschaft, die Herrschaft der Wohlstands­
ideologie und des konformistischen Denkens (“Ansichten eines
Clowns”, 1963); positiv gesehen werden einfache Menschen
und individualistische Außenseiter (“Billard um halb zehn”, 1959;
“Gruppenbild mit Dame”, 1971). Viele Werke Bölls haben einen
satirischen Einschlag. 1972 Nobelpreis für Literatur.

ES WIRD ETWAS GESCHEHEN


EINE HANDLUNGSSTARKE GESCHICHTE

Zu den merkwürdigsten Abschnitten meines Lebens gehört


wohl der, den ich als Angestellter in Alfred Wunsiedels Fabrik
zubrachte. Von Natur bin ich mehr dem Nachdenken und dem
Nichtstun zugeneigt als der Arbeit, doch hin und wieder zwin­
gen mich anhaltende finanzielle Schwierigkeiten - denn Nach­
denken bringt sowenig ein wie Nichtstun, eine sogenannte Stelle
anzunehmen. Wieder einmal auf einem solchen Tiefpunkt an­
gekommen, vertraute ich mich der Arbeitsvermittlung an und
wurde mit sieben anderen Leidensgenossen in Wunsiedels Fab­
rik geschickt, wo wir einer Eignungsprüfung unterzogen wer­
den sollten.
Schon der Anblick der Fabrik machte mich mißtrauisch: die
Fabrik war ganz aus Glasziegeln gebaut, und meine Abneigung
249 H E IN R IC H BÖ LL

gegen helle Gebäude und helle Räume i s i so stark wie meine


Abneigung gegen die Arbeit. Noch mißtrauischer wurde ich, als
uns in der hellen, fröhlich ausgemalten Kantine gleich ein Früh­
stück serviert wurde: hübsche Kellnerinnen brachten uns Eier,
Kaffee und Toaste, in geschmackvollen Karaffen stand Orangen­
saft; Goldfische drückten ihre blasierten Gesichter gegen die
Wände hellgrüner Aquarien. Die Kellnerinnen waren so fröh­
lich, daß sie vor Fröhlichkeit fast zu platzen schienen.1 Nur starke
Willensanstrengung - so schien mir - hielt sie davon zurück,
dauernd zu trällern. Sie waren mit ungesungenen Liedern so
angefüllt wie Hühner mit ungelegten Eiern. Ich ahnte gleich,
was meine Leidensgenossen nicht zu ahnen schienen: daß auch
dieses Frühstück zur Prüfung gehöre; und so kaute ich hinge­
bungsvoll, mit dem vollen Bewußtsein eines Menschen, der genau
weiß, daß er seinem Körper wertvolle Stoffe zuführt. Ich tat
etwas, wozu mich normalerweise keine Macht dieser Erde bringen
würde: ich trank auf den nüchternen Magen Orangensaft, ließ
den Kaffee und ein Ei stehen, den größten Teil des Toasts liegen,
stand auf und marschierte handlungsschwanger in der Kantine
auf und ab.
So wurde ich als erster in den Prüfungsraum geführt, wo auf
reizenden Tischen die Fragebogen bereitlagen. Die Wände waren
in einem Grün getönt, das Einrichtungsfanatikem das Wort “ent­
zückend” auf die Lippen gezaubert hätte. Niemand war zu seh­
en, und doch war ich so sicher, beobachtet zu werden,2 daß ich
mich benahm, wie ein Handlungsschwangerer sich benimmt, wenn
ei sich unbeobachtet glaubt: ungeduldig riß ich meinen Füllfeder­
halter aus der Tasche, schraubte ihn auf, setzte mich an den
nächstbesten Tisch und zog den Fragebogen an mich heran, wie
Choleriker Wirtshausrechnungen zu sich hinziehen.

1 ...daß sie vor Fröhlichkeit fast zu platzen schienen - казалось, что они
нот-вот лопнут от радости.
2 ...und doch war ich so sicher, beobachtet zu werden - тем не менее я был
настолько уверен, что за мной наблюдают.
ЧИТАЕМ ПО-НЕМЕЦКИ 250

Erste Frage: Halten Sie es für richtig, daß der Mensch nur
zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?
Hier erntete ich zum ersten Male die Früchte meiner Nach­
denklichkeit und schrieb ohne Zögern hin: “Selbst vier Arme,
Beine, Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die
Ausstattung des Menschen ist kümmerlich.”
Zweite Frage: Wieviel Telefone können Sie gleichzeitig bedienen?
Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer
Gleichung ersten Grades. “Wenn es nur sieben Telefone sind”,
schrieb ich, “werde ich ungeduldig, erst bei neun fühle ich mich
vollkommen ausgelastel”.
Dritte Frage: Was machen Sie nach Feierabend?
Meine Antwort: “Ich kenne das Wort Feierabend nicht mehr
- an meinem fünfzehnten Geburtstag strich ich es aus meinem
Vokabular, denn am Anfang war die Tat”.1
Ich bekam die Stelle. Tatsächlich fühlte ich mich sogar mit
den neun Telefonen nicht ganz ausgelastet. Ich rief in die Mu­
scheln der Hörer: “Handeln Sie sofort!” oder: “Tun Sie etwas!”
- “Es muß etwas geschehen - Es wird etwas geschehen - Es
ist etwas geschehen - Es sollte etwas geschehen.” Doch meis­
tens - denn das schien mir der Atmosphäre gemäß - bediente
ich mich des Imperativs.
Interessant waren die Mittagspausen, wo wir in der Kantine,
von lautloser Fröhlichkeit umgeben, vitaminreiche Speisen aßen.
Es wimmelte in Wunsiedels Fabrik von Leuten, die verrückt darauf
waren, ihren Lebenslauf zu erzählen, wie eben handlungsstarke
Persönlichkeiten es gern tun. Ihr Lebenslauf ist ihnen wichtiger
als ihr Leben, man braucht nur auf einen Knopf zu drücken, und
schon erbrechen sie ihn in Ehren.
Wunsiedels Stellvertreter war ein Mann mit Namen Broschek,
der seinerseits einen gewissen Ruhm erworben hatte, weil er
als Student sieben Kinder und eine gelähmte Frau durch Nacht-
1 am Anfang war die Tat - Zitat aus Goethes “Faust”, Periphrase des bibli­
schen Spruchs “Am Anfang war das Wort”.
251 H E IN R IC H B Ö L L

arbeit ernährt, zugleich vier Handelsvertretungen erfolgreich


ausgeübt und dennoch innerhalb von zwei Jahren zwei Staatsprü­
fungen mit Auszeichnung bestanden hatte. Als ihn Reporter
gefragt hatten: “Wann schlafen Sie denn, Broschek?”, hatte er
geantwortet: “Schlafen ist Sünde!”
Wunsiedels Sekretärin hatte einen gelähmten Mann und vier
Kinder durch Stricken ernährt, hatte gleichzeitig in Psychologie
und Heimatkunde promoviert, Schäferhunde gezüchtet und war
als Barsängerin unter dem Namen Vamp 7 berühmt geworden.
Wunsiedel selbst war einer von den Leuten, die morgens,
kaum erwacht, schon entschlossen sind, zu handeln. “Ich muß
handeln”, denken sie, während sie energisch den Gürtel des
Bademantels zuschnüren. “Ich muß handeln”, denken sie,
während sie sich rasieren, und sie blicken triumphierend auf die
Barthaare, die sie mit dem Seifenschaum von ihrem Rasierap­
parat abspülen: Diese Reste der Behaarung sind die ersten Opfer
ihres Tatendranges. Auch die intimeren Verrichtungen lösen Be­
friedigung bei diesen Leuten aus: Wasser rauscht, Papier wird
verbraucht. Es ist etwas geschehen. Brot wird gegessen, dem
Ei wird der Kopf abgeschlagen.
Die belangloseste Tätigkeit sah bei Wunsiedel wie eine Hand­
lung aus: wie er den Hut aufsetzte, wie er - bebend vor Energie
- den Mantel zuknöpfte, der Kuß, den er seiner Frau gab, alles
war Tat.
Wenn er sein Büro betrat, rief er seiner Sekretärin als Gruß
/.u: “Es muß etwas geschehen!” Und diese rief frohen Mutes:
“Es wird etwas geschehen!” Wunsiedel ging dann von Abtei­
lung zu Abteilung, rief sein fröhliches: “Es muß etwas gescheh­
en!” Alle antworteten: “Es wird etwas geschehen!” Und auch
ich rief ihm, wenn er mein Zimmer betrat, strahlend zu: “Es
wird etwas geschehen!”
Innerhalb der ersten Woche steigerte ich die Zahl der bedien-
len Telefone auf elf, innerhalb der zweiten Woche auf drei­
zehn, und es machte mir Spaß, morgens in der Straßenbahn
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 252

neue Imperative zu erfinden oder das Verbum geschehen durch


die verschiedenen Tempora, durch die verschiedenen Genera,
durch Konjunktiv und Indikativ zu hetzen; zwei Tage lang sagte
ich nur den einen Satz, weil ich ihn so schön fand: “Es hätte
etwas geschehen müssen”, zwei weitere Tage lang einen an­
deren: “Das hätte nicht geschehen dürfen”.
So fing ich an, mich tatsächlich ausgelastet zu fühlen, als
wirklich etwas geschah. An einem Dienstagmorgen - ich hatte
mich noch gar nicht richtig zurechtgesetzt - stürzte Wunsiedel
in mein Zimmer und rief sein “Es muß etwas geschehen!” Doch
etwas Unerklärliches auf seinem Gesicht ließ mich zögern,1
fröhlich und munter, wie es vorgeschrieben war, zu antworten:
“Es wird etwas geschehen!” Ich zögerte wohl zu lange, denn
Wunsiedel, der sonst selten schrie, brüllte mich an: “Antworten
Sie! Antworten Sie, wie es vorgeschrieben ist!” Und ich ant­
wortete leise und widerstrebend wie ein Kind, das man zu sagen
zwingt: ich bin ein böses Kind. Nur mit großer Anstrengung
brachte ich den Satz heraus: “Es wird etwas geschehen”, und
kaum hatte ich ihn ausgesprochen, da geschah tatsächlich et­
was: Wunsiedel stürzte zu Boden, rollte im Stürzen auf die Seite
und lag quer vor der offenen Tür. Ich wußte gleich, was sich
mir bestätigte, als ich langsam um meinen Tisch herum auf den
Liegenden zuging: daß er tot war.
Kopfschüttelnd stieg ich über Wunsiedel hinweg, ging lang­
sam durch den Flur zu Broscheks Zimmer und trat dort ohne
anzuklopfen ein. Broschek saß an seinem Schreibtisch, hatte in
jeder Hand einen Telefonhörer, im Mund einen Kugelschreiber,
mit dem er Notizen auf einen Block schrieb, während er mit den
bloßen Füßen eine Strickmaschine bediente, die unter dem
Schreibtisch stand. Auf diese Weise trägt er dazu bei, die Beklei­
dung seiner Familie zu vervollständigen. “Es ist etwas gescheh­
en”, sagte ich leise.
1Doch etwas Unerklärliches auf seinem Gesicht ließ mich zögern - но нечто
необъяснимое в его лице заставило меня промедлить...
253 H E IN R IC H B Ö L L

Broschek spuckte den Kugelstift aus, legte die beiden Hörer


hin, löste zögernd seine Zehen von der Strickmaschine. “Was ist
denn geschehen?” fragte er.
“Herr Wunsiedel ist tot”, sagte ich.
“Nein”, sagte Broschek.
“Doch”, sagte ich, “kommen Sie!”
“Nein”, sagte Broschek, “das ist unmöglich”, aber er schlüpfte
in seine Pantoffeln und folgte mir über den Flur.
“Nein”, sagte er, als wir an Wunsiedels Leiche standen, “nein,
nein!” Ich widersprach ihm nicht. Vorsichtig drehte ich Wun­
siedel auf den Rücken, drückte ihm die Augen zu und betrach­
tete ihn nachdenklich.
Ich empfand fast Zärtlichkeit für ihn, und zum ersten Male
wurde mir klar, daß ich ihn nie gehaßt hatte. Auf seinem Ge­
sicht war etwas, wie es auf den Gesichtern der Kinder ist, die
sich hartnäckig weigern, ihren Glauben an den Weihnachtsmann
aufzugeben, obwohl die Argumente der Spielkameraden so
überzeugend klingen.
“Nein”, sagte Broschek, “nein”.
“Es muß etwas geschehen”, sagte ich leise zu Broschek.
“Ja”, sagte Broschek, “es muß etwas geschehen”.
Es geschah etwas: Wunsiedel wurde beerdigt, und ich wurde
ausersehen, einen Kranz künstlicher Rosen hinter seinem Sarg
lierzutragen, denn ich bin nicht nur mit einem Hang zur Nach­
denklichkeit und zum Nichtstun ausgestattet, sondern auch mit
einer Gestalt und einem Gesicht, die sich vorzüglich für schwarze
Anzüge eignen. Offenbar habe ich - mit dem Kranz künstlicher
Bosen in der Hand hinter Wunsiedels Sarg hergehend - großar­
tig ausgesehen. Ich erhielt das Angebot eines eleganten Beerdi­
gungsinstitutes, dort als berufsmäßiger Trauernder einzutreten.
“Sie sind der geborene Trauernde”, sagte der Leiter des In­
stituts, “die Garderobe bekommen Sie gestellt. Ihr Gesicht -
einfach großartig!”
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 254

Ich kündigte Broschek mit der Begründung, daß ich mich


dort nicht richtig ausgelastet fühle, daß Teile meiner Fähigkeiten
trotz der dreizehn Telefone brachlägen. Gleich nach meinem
ersten berufsmäßigen Trauergang wußte ich: Hierhin gehörst
du, das ist der Platz, der für dich bestimmt ist. Nachdenklich
stehe ich hinter dem Sarg in der Trauerkapelle, mit einem schli­
chten Blumenstrauß in der Hand, während Händels Largo1
gespielt wird, ein Musikstück, das viel zu wenig geachtet ist.
Das Friedhofscafe ist mein Stammlokal, dort verbringe ich die
Zeit zwischen meinen beruflichen Auftritten, doch manchmal
gehe ich auch hinter Särgen her, zu denen ich nicht beordert bin,
kaufe aus meiner Tasche einen Blumenstrauß und geselle mich
zu dem Wohlfahrtsbeamten2, der hinter dem Sarg eines Hei­
matlosen hergeht. Hin und wieder auch besuche ich Wunsiedels
Grab, denn schließlich verdanke ich es ihm, daß ich meinen eigentli­
chen Beruf entdeckte, einen Beruf, bei dem Nachdenklichkeit
geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist.
Spät erst fiel mir ein, daß ich mich nie für den Artikel inte­
ressiert habe, der in Wunsiedels Fabrik hergestellt wurde. Es
wird wohl Seife gewesen sein.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN:

1. Was ist der Erzähler von Natur seiner Meinung nach?


2. Wie verstehen sie den Ausdruck “handlungsschwanger”?
3. Wie meinen Sie, hat der Erzähler den Fragebogen offen­
herzig beantwortet?

1 G.F.Händel (1685-1759) - einer der größten deutschen Komponisten.


2 Der Wohlfahrtsbeamte - служащий благотворительного общества.
255 H E IN R IC H B Ö L L

4. Warum sieht die Beschreibung von Broschek und Wun­


siedels Sekretärin komisch aus?
5. Welchen Beruf hat der Erzähler endlich gewählt?

AN DER BRÜCKE

Die haben mir meine Beine geflickt und haben mir einen Posten
gegeben, wo ich sitzen kann: ich zähle die Leute, die über die
neue Brücke gehen. Es macht ihnen ja Spaß, sich ihre Tüchtigkeit
mit Zahlen zu belegen, sie berauschen sich an diesem sinnlosen
Nichts aus ein paar Ziffern, und den ganzen Tag, den ganzen
Tag geht mein stummer Mund wie ein Uhrwerk, indem ich Nummer
auf Nummer häufe, um ihnen abends den Triumph einer Zahl zu
schenken.
Ihre Gesichter strahlen, wenn ich ihnen das Ergebnis meiner
Schicht mitteile, je höher die Zahl, um so mehr strahlen sie, und
sie haben Grund, sich befriedigt ins Bett zu legen, denn viele
Tausende gehen täglich über ihre neue Brücke...
Aber ihre Statistik stimmt nicht. Es tut mir leid, aber sie stimmt
nicht. Ich bin ein unzuverlässiger Mensch, obwohl ich es ver­
stehe, den Eindruck von Biederkeit zu erwecken.
Insgeheim macht es mir Freude, manchmal einen zu unter­
schlagen und dann wieder, wenn ich Mitleid empfinde, ihnen ein
paar zu schenken. Ihr Glück liegt in meiner Hand. Wenn ich
wütend bin, wenn ich nichts zu rauchen habe, gebe ich nur den
Durchschnitt an,1 manchmal unter dem Durchschnitt, und wenn
mein Herz aufschlägt, wenn ich froh bin, lasse ich meine Großzü­
gigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen.2 Sie sind ja so
glücklich! Sie reißen mir förmlich das Ergebnis jedesmal aus
1 ...gebe ich nur den Durchschnitt an - я даю только средний результат.
2 ...lasse ich meine Großzügigkeit in einer fünfstelligen Zahl verströmen - я
выражаю свое великодушие пятизначным числом.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 256

der Hand, und ihre Augen leuchten auf, und sie klopfen mir auf
die Schulter. Sie ahnen ja nichts! Und da fangen sie an zu mul­
tiplizieren, zu dividieren, zu prozentualisieren, ich weiß nicht was.
Sie rechnen aus, wieviel heute jede Minute über die Brücke
gehen und wieviel in zehn Jahren über die Brücke gegangen
sein werden.1 Sie lieben das zweite Futur, das zweite Futur ist ihre
Spezialität - und doch, es tut mir leid, daß alles nicht stimmt...
Wenn meine kleine Geliebte über die Brücke kommt - und
sie kommt zweimal am Tage -, dann bleibt mein Herz einfach
stehen. Das unermüdliche Ticken meines Herzens setzt einfach
aus, bis sie an die Allee eingebogen und verschwunden ist. Und
alle, die in dieser Zeit passieren, verschweige ich ihnen. Diese
zwei Minuten gehören mir, mir ganz allein, und ich lasse sie mir
nicht nehmen. Und auch wenn sie abends wieder zurückkommt
aus ihrer Eisdiele, wenn sie auf der anderen Seite des Gesteiges
meinen stummen Mund passiert, der zählen, zählen muß, dann
setzt mein Herz wieder aus, und ich fange erst wieder an zu
zählen, wenn sie nicht mehr zu sehen ist. Und alle, die das Glück
haben, in diesen Minuten vor meinen blinden Augen zu defilie­
ren, gehen nicht in die Ewigkeit der Statistik ein: Schattenmän­
ner und Schattenfrauen, nichtige Wesen, die im zweiten Futur
der Statistik nicht mitmarschieren werden...
Es ist klar, daß ich sie liebe. Aber sie weiß nichts davon, und
ich möchte auch nicht, daß sie es erfährt. Sie soll nicht ahnen,
auf welche ungeheure Weise sie alle Berechnungen über den
Haufen wirft,2 und ahnungslos und unschuldig soll sie mit ihren
langen braunen Haaren und den zarten Füßen in ihre Eisdiele
marschieren, und sie soll viel Trinkgeld bekommen. Ich liebe
sie. Es ist ganz klar, daß ich sie liebe.
Neulich haben sie mich kontrolliert. Der Kumpel, der auf der
anderen Seite sitzt und die Autos zählen muß, hat mich früh
1...und wieviel in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden - и сколько
пройдет через мост за 10 лет (Futurum II).
2 ...auf welche ungeheure Weise sie alle Berechnungen über den Haufen wirft
- каким неслыханным образом она срывает все расчеты.
257 H E IN R IC H B Ö L L

genug gewarnt, und ich habe höllisch aufgepaßt. Ich habe gezählt
wie verrückt, ein Kilometerzähler kann nicht besser zählen. Der
Oberstatistiker selbst hat sich drüben auf die andere Seite ge­
stellt und hat später das Ergebnis einer Stunde mit meinem Stun­
denplan verglichen. Ich hatte nur einen weniger als er. Meine
kleine Geliebte war vorbeigekommen, und niemals im Leben
werde ich dieses hübsche Kind ins zweite Futur transportieren
lassen, diese meine kleine Geliebte soll nicht multipliziert und
dividiert und in ein prozentuales Nichts verwandelt werden. Mein
Herz hat mir geblutet, daß ich zählen mußte, ohne ihr nachseh-
en zu können, und dem Kumpel drüben, der die Autos zählen
muß, bin ich sehr dankbar gewesen. Es ging ja glatt um meine
Existenz.
Der Oberstatistiker hat mir auf die Schulter geklopft und hat
gesagt, daß ich gut bin, zuverlässig und treu. “Eins in der Stunde
verzählt”, hat er gesagt, “macht nicht viel. Wir zählen sowieso
einen gewissen prozentualen Verschleiß hinzu. Ich werde bean­
tragen, daß sie zu den Pferdewagen versetzt werden”.
Pferdewagen ist natürlich die Masche.1 Pferdewagen ist ein
Lenz2 wie nie zuvor. Pferdewagen gibt es höchstens fünf­
undzwanzig am Tage, und alle halbe Stunde einmal in seinem
Gehirn die nächste Nummer fallen zu lassen, das ist ein Lenz!
Pferdewagen wäre herrlich. Zwischen vier und acht dürfen über­
haupt keine Pferdewagen über die Brücke und ich könnte Spa­
zierengehen oder in die Eisdiele, könnte sie mir lange anschauen
oder sie vielleicht ein Stück nach Hause bringen, meine kleine
ungezählte Geliebte...

1 ...ist natürlich die Masche - это, конечно, удача {разг.).


2 ...ein Lenz - безделье.
9 . Ч и таем по-мемецки
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 258

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN:

1. Welche Arbeit leistet der Erzähler?


2. Warum bekam er diesen Posten?
3. Wer wird unter “sie” gemeint?
4. Wie reagieren “sie” auf die Ergebnisse seiner Arbeit?
5. Warum will der Erzähler ein Mädchen nicht zählen?
6. Wo ist dieses Mädchen tätig?
7. Wie war das Resultat der Kontrolle?
259 LEONHARD FRANK
2------------------- «ф

Leonhard FRANK
( 1882 - 1961 )

Mit dem Expressionismus verbunden und von der Psycho­


analyse beeinflußt; Anhänger des Sozialismus und Pazifismus.
Romane: “Die Räuberbande” (1914), “Die Jünger Jesu” (1949),
Lebenserinnerungen “Links, wo das Herz ist” (1952).

DIE JÜNGER JESU (AUSZUG)

Ruth Freudenheim war zuerst nach Auschwitz1 gebracht


worden und später, zusammen mit zwei Jüdinnen aus Frankfurt
am Main, nach Warschau in ein Bordell für deutsche Soldaten.
In der Nacht vor dem Fall Warschaus hatte eine Bombe das
Haus zerrissen. Die meisten Bewohnerinnen waren umgekom­
men. Ein sowjetischer Offizier hatte das umherirrende, fast un­
bekleidete Mädchen durch die Postenlinein nach hinten geführt.
Fünfzehn Monate nach dem Ende des Krieges war sie von
einem russischen Militärarzt aus Barmherzigkeit nach Berlin
geschickt worden, in einem überfüllten Ambulanzwagen, und
den folgenden Tag hatte ein amerikanischer Ordonnanzoffizier
sie im Auto nach Frankfurt am Main mitgenommen.
Ruth hatte einen schwarzen Lüsterrock an, der viel zu weit
war und bis zu den Knöcheln reichte, und eine gestrickte rosa
Bettjacke mit halblangen Ärmeln. Sie sah aus, als wollte sie nur
über die Straße laufen und schnell etwas zum Morgenkaffee
einkaufen. Das blauschwarze Haar, in der Mitte des schläfen­

1 Auschwitz - Освенцим.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 260

schmalen Kopfes gescheitelt, war straff zurückgekämmt und


lag als dickgeflochtener Knoten im Nacken. Das Gesicht war
todweiß und tot.
Ruth hatte zugesehen, wie ihre Eltern auf dem Marktplatz
erschlagen und an den Beinen fortgeschleift worden waren.
Bevor sie im Würzburger Bahnhof in den Transportzug
gestoßen worden war, vor fünfeinhalb Jahren, hatte ein Begleit­
soldat ihr ins Gesicht geschrien, daß auch ihr kleiner Bruder
erschlagen worden sei. Dennoch war ihr Ziel Wtirzburg, da sie
keinen anderen Ort denken konnte, wo sie hätte hingehen kön­
nen.
Viele amerikanische Militärautos fuhren zwischen Frankfurt
und Würzburg hin und her. Sie hätte nur die Hand zu heben
brauchen. Aber sie wollte ihr Ziel, das kein Ziel mehr war, nicht
schnell erreichen.
Ein siebzehnjähriges unberührtes Mädchen war in ein Bor­
dell für Soldaten verschickt worden. Einige Mädchen hatten sich
in dem Bordell das Leben genommen. Einige waren schließlich
zu Bordellmädchen geworden. Ruth war im unermeßlichen Ent­
setzen abgestorben. Der Körper war zwei Jahre in dem Haus
gewesen. Ihr Körper war nicht mehr sie. Sie war nicht mehr.
Nichts auf der Welt hätte sie zum Weinen bringen können. Nichts
mehr bewegte sie. Sie war etwas, das es vor der Naziherr­
schaft auf der Erde nicht gegeben hatte. Ruth war eine wan­
delnde Tote, die nur noch den Willen hatte, nicht schneller als zu
Fuß in die Heimatstadt zurückzukehren.
Sie ging zwischen toten Hausruinen langsam aus Frankfurt
hinaus und bog von der Landstraße ab auf einen Feldweg... Sie
ging. Etwas in ihr veranlaßte sie, die Füße voreinander zu stellen,
und etwas in ihr wußte die Richtung... Es war ein wunderbarer
klarer Tag im Juli.
Auf der Waldstraße blieb sie stehen und blickte zurück zu
einem Bauernwagen, der langsam näher kam. Auch ein Hund
wäre stehengeblieben und hätte zurückgeblickt.
261 LEONHARD FRANK

Sie trat auf die Seite. Das hätte auch ein Hund getan. Aber
sie war nicht zum Tier geworden, sie hatte Bewußtsein, sie erin­
nerte sich, daß in der zerstörten Bahnhofsstraße ein weißes Hemd
/um Trocknen im Fensterloch gehangen hatte.
Der Bauer hielt an. Ob sie ins Dorf mitfahren wolle. Sie
schüttelte den Kopf. Ein Vogel zwitscherte. Sie hörte es. Der
Hauer sagte: “Ich hab mir nur gedacht, auf dem Bock war Platz
für zwei. Alsdann, adieu.”
Sie blieb noch eine Weile stehen. Sie schloß die gestrickte
rosa Bettjacke, die nur noch drei Knöpfe hatte, große Perlmut­
terknöpfe. Der obere Knopf fehlte. Auf den Falten des zu weiten
schwarzen Rockes lag Staub, auch auf dem schwarzen Haar­
knoten. Die schnurgerade breite Waldstraße war in der weiten
ferne nur noch ein Kreidestrich im Grün.
Sie ging langsam durch die Dörfer. Blicke folgten ihr. Ruth
erregte keine Teilnahme, da in ihrem Gesicht kein Leidenszug
war. Gegen Abend kaufte sie von dem Geld, das der amerika­
nische Ordonnanzoffizier ihr gegeben hatte, ein Stück Brot. Sie
trank einen Schluck Wasser aus dem Zinkbecher, der an den
Dorfbrunnen angekettet war, und ging langsam weiter. Es war
dunkel. Sie legte sich in den Wald. Hier lagen abgefallene Äste.
Sie lag gestreckt auf dem Rücken. Auf dem schwarzen Boden
schimmerte das weiße Gesicht wie ein Stein im Wald.
Ruth hatte im blutigen Zerstörungswirbel der ersten Tage
die Stunde verpaßt, da es ihr noch möglich gewesen wäre, sich
das Leben zu nehmen, und dann war alles gleich gewesen. Sie
hatte auch nie mehr geträumt von den Erlebnissen im Bordell.
Sie litt nicht. Der Körper schlief.
...Ruth war klein und dünn. Sie hatte dunkle Augen, sehr
dünne Brauen und lange Wimpern. Wenn das Gesicht gelebt
hätte, wäre es schön gewesen. Auch der Mund hatte keinen
Ausdruck. Es waren Lippen. Der Fährmann setzte das tote
Mädchen über den Fluß.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 262

Als sie in der Höhe langsam die Landstraße entlangging, die


mit der sanft gewellten Hügellinie auf und ab zog, kam ein
städtisch gekleideter dicker Mann aus dem Birkenwäldchen heraus
und trat auf sie zu. Er lächelte in einer Weise, als wäre er ganz
sicher, keinen Widerstand zu finden. In dieser Zeit, da Millionen
Obdachlose im Land umherirrten und das Leben in jeder Bezieh­
ung aus den Fugen ging,' war es zur Selbstverständlichkeit ge­
worden, daß zwei, die einander nie gesehen hatten, gelegentlich
für eine halbe Stunde zusammenfanden, an Ort und Stelle.
Er war Viehhändler, aus Frankfurt am Main, und suchte gleich
vielen Ausgebombten Unterschlupf bei einem Bauer. Sein riesiger
Bauch schien unter dem Halse zu beginnen. Sein Atem ras­
selte, als er lächelnd fragte: “Wie wär’s?”
Das entgegenkommende Lächeln, das er erwartet hatte, kam
nicht. Sie ging nicht im geringsten schneller und wich nicht ei­
nen Zentimeter auf die Seite.
Man legt den Arm nicht in die Taille einer Steinfigur. Er
fürchtete plötzlich, daß sie ihn, wenn er es täte, niederschießen
würde, so selbstverständlich, wie sie atmete. Sie ging weiter,
langsam wie bisher. Sie sagte: “Ich sollte etwas haben. Ein
Messer.” Ruth hatte einen Zug zwischen den Backenknochen
und der Nase, der offenbarte, das sie ein gefährliches Wesen
geworden war. Auf der Haut war der Zug nicht sichtbar. Die
Haut war glatt.
In der Kurve stand ein Christusbildwerk. Der Bauernmaler
hatte nicht gespart mit der blutroten Farbe. Sie rann von der
Dornenkrone in Tropfen und Streifen über das Gesicht herun­
ter... Die Sonne war schon untergegangen.
Obwohl der Viehhändler noch in der Straßenmitte stand, legte
sie sich ins Gras. Sie war müde. Sie schlief sofort ein. Er ging
langsam vorüber und blickte scheu auf die Gestalt, die unter
dem Christus gestreckt auf dem Rücken lag.
1 ...und das Leben in jeder Beziehung aus den Fugen ging - и жизнь во всех
смыслах вышла из колеи.
263 LEO NH ARD FRANK

Um fünf Uhr war sie wieder unterwegs. In der großen Stille


vor dem Tag war noch kein Laut. Sie bog auf einen schmalen
Feldweg ab und kam in einen Tannenwald.
...Im Spessart war sie an der Leiche eines blonden jungen
Soldaten vorübergegangen. Er hatte sich erhängt. Sein Uniform­
rock hatte unter der Eiche am Stamm gelegen, ordentlich zusam-
mengefaltet, der Länge nach, die Innenseite nach außen. Als
sie die Leiche des Viehhändlers sah, der sich in die Schläfe
geschossen hatte und verkrümmert zwischen zwei moosbe­
wachsenen Felsblöcken lag, hob sie den Revolver auf, im Vorü­
bergehen. Sie hatte in Auschwitz jeden Tag Leichen gesehen.
Den Zettel, auf den der Viehhändler geschrieben hatte: “Es hat
keinen Sinn mehr”, ließ sie liegen.
...Ihr Rock war dünn, der Revolver schwer. Er schlug bei
jedem Schritt gegen das Bein. Sie nahm ihn aus der Tasche,
während sie den steilen Pfad emporstieg. Oben setzte sie sich.
Den Revolver hatte sie noch in der Hand.
Der Gedanke kam von selbst. Er hatte kein Gewicht. Warum
bringt sie sich nicht um? “Kein Unterschied.” Sie nahm den
Revolver in die andere Hand und zog den Rest des Brotes aus
der Tasche.
Sie ging den ganzen Tag und noch den folgenden Morgen.
Die Landschaft war vertraut geworden. Diese Hügellinien kannte
sie. Sie ging noch an dem Gutshof vorüber, in dem sie und Jo­
hanna als kleine Mädchen oftmals Milch getrunken hatten, und
blieb stehen vor dem weiten Tal, wo Würzburg gewesen war.
Die ausgebombten Häuschen sahen aus wie Honigwaben. Ihr
Gesicht blieb ausdruckslos.
Die Sonne stand hoch. Es war heiß. Sie wollte den Feldpfad
hinabsteigen. Es wurde ihr schwarz vor den Augen.1 Sie fiel
bewustlos in die Disteln am Weg. Sie hatte in der letzten Woche
nur ein paar Scheiben Brot gegessen.

1 es wurde ihr schwarz vor den Augen - у нее потемнело в глазах.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 264

Eine halbe Stunde später wurde sie gefunden, von dem elf­
jährigen Töchterchen der Gutsbesitzerin. Der Knecht trug sie
auf den Hof.
Sie lag im Wohnzimmer auf dem Kanapee. Die Gutsbesitzerin,
eine blonde dickliche Frau, städtisch gekleidet, erkannte sie so­
fort. Sie erinnerte sich, daß die zwei kleinen Freundinnen immer
zusammen nur aus einem Milchglas getrunken und die Milch
aus dem zweiten Glas nachgegossen hatten.
Zuerst sah Ruth, als sie aus der Ohnmacht erwachte, die
große Photographie des Gutsbesitzers, in Offiziersuniform, die
auf dem Kamin stand, hinter einer Reihe grüner Äpfel. Er war
in Stalingrad gefallen. Sie wurde sofort klar und erkannte, wo
sie sich befand. Sie nahm die Kompresse von der Stim und sagte:
“Danke.”
Die Gutsbesitzerin wußte, daß Ruth nach Auschwitz und dann
nach Warschau in ein Bordell gebracht war. Jeder Mensch in
Würzburg wußte es. Sie führte ihr Töchterchen aus dem Zim­
mer und blickte dann wieder ratlos hinunter auf Ruth. “Hier
bleiben kann sie jedenfalls nicht. Was weiß man? Ich geb ihr zu
essen.” Sie sagte: “Ihre frühere Freundin Johanna war vor ei­
nigen Tagen hier bei mir. Sie wohnt jetzt in dem Ziegenstall auf
dem Weidenland.”
Ruth hatte mit Johanna oftmals auf dem Weidenland gespielt.
Sie kannte den Ziegenstall. Sie sah ihn. Ihr Blick war nicht im
Zimmer, während die Gutsbesitzerin ein niedriges Tischchen, auf
dem Brot, Milch und ein Ei waren, zum Kanapee rollte.
Auf dem Gutshof wohnten drei Ausgebombte, die hier für
ein paar Wochen Unterkunft gefunden hatten. Professor Häber-
lein, der an der Würzburger Universität Geschichte gelehrt hatte,
schüttelte staunend den Kopf. “Kein kleines Wunder, das sie
mit dem Leben davongekommen ist.”1

1 ...daß sie mit dem Leben davongekommen ist - что она осталась в живых.
265 LEO NH ARD FRANK

“Ich hab sie gut gekannt und auch den Jungen, der mit ihr
verlobt war”, sagte der Instrumentenmacher Sims, ein im ganzen
1.and berühmter Geigenbauer. “Sie war ein besonders reizendes
und rührendes Mädchen. Es ist ein entsetzliches Schicksal.”
“Was ist da so entsetzlich! Eine kleine Judenhur! Mein Gott,
das kommt alle Tage vor.”
Der Geigenmeister starrte den Privatier Philippi an. “Das
sollte Ihnen auch auf dem Sterbebett nicht verziehen werden.”
Iä ging ins Haus.
“Herr Sims ist ein bißchen übertrieben”, sagte der Geschichts­
professor lächelnd. “Aber auch ich kann da nicht mit Ihnen über-
cinstimmen, Herr Philippi. Dieser Fall liegt denn doch anders.1
Schließlich ist sie ja nicht freiwillig ins Bordell gegangen. Aller­
dings ist die Tatsache, daß sie im Bordell war, nicht mehr aus
der Welt zu schaffen.2 Und eine Tatsache, wie immer sie zustande
gekommen sein möge, hat nun einmal ihre Konsequenzen.”
Ruth ging langsam an den zwei Männern vorüber und aus
dem Hof hinaus. Die Gutsbesitzerin blickte ihr vom Fenster auch
nach. Ihr Blick war vor Ratlosigkeit stumpf. Sie bewegte sich
nicht, bis Ruth in der Feme hinter dem Gebüsch verschwunden
war.
Der Geschichtsprofessor sagte kopfschüttelnd: “Ich kann nur
nicht verstehen, daß sie nach Würzburg zurückkehrt, wo jeder
sie kennt. Warum geht sie nicht in eine Stadt, wo niemand et­
was von ihr weiß? Nicht zu verstehen.”
Sie ging am Kloster vorüber. Zwei junge Nonnen knieten im
Gemüsegarten und zogen gelbe Rüben heraus. Sie waren mit
Ruth und Johanna zur Schule gegangen. Sie erröteten vor Schreck
und senkten die Gesichter. Eine bekreuzigte sich.
...Johanna saß am Ufer und wusch sich die•• Füße. Zuerst
glaubte sie nicht, was ihre Augen sahen. Die Ähnlichkeit er­
1 dieser Fail liegt denn doch anders - это все же иной случай.
2 allerdings ist die Tatsache... nicht aus der Welt zu schaffen - тем не менее
нельзя не считаться с тем фактом, что...
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 266

schreckte sie. Sie spürte, während sie aufstand, Stiche in der


Kopfhaut, als würde sie an den Haaren hochgezogen. Ruth, noch
zwanzig Schritte entfernt, ging auf sie zu, unverändert langsam.
Als Johanna glauben mußte, lief sie hin und flüsterte entgei­
stert: “Ruth, о Gott, Ruth!”
Ruths Gesicht blieb ausdruckslos. In Johanna verging die Welle
innerer Bewegung, und mit ihr vergingen Schreck und Freude.
“Die Frau vom Gutshof hat mir gesagt, daß du jetzt in dem
Stall wohnst.”
Plötzlich wollte alles wieder weich werden. “Ruth.” Sie nahm
sie in die Arme. Sie hielt in befreitem Glück die ganze Kindheit
an der Brust. Aber da wartete ein anderes mächtiges Gefühl,
das Platz brauchte in derselben Sekunde, in der nur für ein Gefühl
Platz war. Das Glück mußte weichen. Was hat sie durchgemacht!
Allmächtiger, was hat sie durchgemacht! Ein Schluchzen brach
durch.
Ruth notierte den Gefühlsausbruch nur mit dem Blick. Jo­
hanna legte den Arm um sie und führte sie in den Stall. Sie lag
länger als eine halbe Stunde reglos auf dem Eisenbett, auf der
gelb und schwarz getigerten Decke. Die Augen waren offen.
Auch Johanna rührte sich nicht.
Als Johanna Ruths Blick fand, kniete sie vor das Bett. “Willst
du mir erzählen? Kannst du? Oder lieber nicht!” Sie hatte Angst.
Sie legte die Stirn auf die Arme.
Nach einer langen Minute hörte sie Ruths unpersönlich ruh­
ige Stimme. “Ich kann dir erzählen, wenn du willst.” Es war, als
zeigte sie Johanna gleichgültig Abzüge von photographischen
Platten in ihrem Gehirn. “Ich kam in einen Viehwagen. In dem
Wagen waren neunzig. Sie konnten nur stehen. Es dauerte acht
Tage.” Ruth erwähnte nicht, daß im Wagen keine Toilette war.
Sie zeigte das nächste Erinnerungsbild. “In Auschwitz wur­
den die Wagen aufgeschlossen. Auf dem Bahnhof waren SS-
Soldaten. Sie schlugen mit Peitschen. Es war Nacht. Die Luft
267 LEO NH ARD FRANK

war voll von Brandgeruch. Der Himmel war rot von Flammen
und Rauch. Die Öfen des Krematoriums.”
Johanna packte Ruths Hand, ohne aufzublicken.
“Sie sortierten die Angekommenen - alte Männer, junge
Männer, alte Frauen und auch die jungen Frauen und Mädchen
in eine Reihe. Auf dem Weg zum Lager lagen ein paar hundert
Tote. Weil sie aus der Reihe getreten waren, sagte der Soldat.
I)oktor Mengele1 stand vor dem Tor des Lagers. Er sagte nichts.
Lr deutete nur. Nach links und nach rechts, wohin die Leute
zu gehen hatten. Sie klammerten sich an und schrien, weil sie
von ihren Verwandten getrennt wurden. Sie wurden mit Gum­
miknüppeln auseinandergeschlagen. Sie sahen ihre Verwandten
nicht wieder. In der Nacht kamen noch sechsunddreißigtausend
Gefangene nach Auschwitz. Am Morgen lebten noch zweit­
ausend.”
Johanna riß das Gesicht hoch und rüttelte Ruth, als wollte sie
eine Schlafende aufwecken. “Ruth! Dein Bruder lebt. Er ist
hier. Er lebt.”
“So? ... Ich kam nach Warschau in ein Bordell.” Sie sah die
noch Unberührte an, das Gesicht, das Haar, die Augen, mit run­
dem, leerem Blick. “In Warschau war ich zwei Jahre.”
“Soll ich ihn holen, Ruth? Soll ich?”
“Wenn du willst.”
Johanna zog ihre Buchenholzsandalen an. Sie wollte noch
sagen, daß sie gleich zurückkomme. Aber Ruth war einge­
schlafen. Noch zitternd blickte Johanna das Gesicht an. Es war
die Totenmaske eines Mädchens, das ruhig atmete.

1 Doktor Mengele - врач, известный своими бесчеловечными опытами


на узниках фашистских концлагерей.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 268

B EAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Was geschah mit Ruth Freudenheim?


2. Wie alt war sie damals?
3. Was geschah mit ihrer Familie?
4. Wie sah Ruth aus?
5. Wohin ging sie?
6. Wem begegnete sie auf dem Weg?
7. Wie benahmen sich die Leute, die ihre Geschichte kannten?
8. Wer war Johanna?
9. Wo fand sie Ruth?
10. Was erfuhr Ruth von ihrem Bruder und wie reagierte
26‘> М А Х F R IS C H

Мах FRISCH
(1911-1991)

Frischs Dramen sind wandiungsreich in der Form (Farce,


Komödie, Drama) und behandeln, oft gleichnishaft, die Prob­
leme von Schuld, Macht, Gerechtigkeit; darüber hinaus geht es
I risch, besonders auch in seinen Romanen, um das Problem der
Identität und die Freiheit, sich jeweils anders als in vorgege­
benen Formen verhalten zu können. Hauptwerke: Dramen “Als
der Krieg zu Ende war” (1945), “Don Juan oder die Liebe zur
( ieometrie” (1953), “Biedermann und die Brandstifter” (1958);
Romane “Stiller” (1954), “Homo faber” (1957), “Mein Name
sei Gantenbein” (1964), “Blaubart” (1982). Tagebücher, Essays.

HOMO FABER1 (AUSZÜGE)

Hanna hatte Deutschland verlassen müssen und studierte


damals Kunstgeschichte bei Professor Wöllflin, eine Sache, die
mir ferne lag, aber sonst verstanden wir uns sofort, ohne an
I Iciraten zu denken. Auch Hanna dachte nicht an Heiraten. Wir
waren beide viel zu jung, wie schon gesagt, ganz abgesehen von
meinen Eltern, die Hanna sehr sympathisch fanden, aber um
meine Kariere besorgt waren, wenn ich eine Halbjudin heiraten
würde, eine Sorge, die mich ärgerte und geradezu wütend machte.
Ich war bereit, Hanna zu heiraten, ich fühlte mich verpflichtet
verade in Anbetracht der Zeit. Es kam für mich nicht in Frage,
! lanna im Stich zu lassen. Ich war kein Feigling, ganz abgeseh-

1 Homo faber (по аналогии с homo sapiens) - человек строящий.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 2

сп davon, daß wir uns wirklich liebten. Ich erinnere mich ger
an jene Zeit, Parteitag in Nürnberg, wir saßen vor dem Rad
Verkündung der deutschen Rassengesetze.1 Im Grunde war
Hanna, die damals nicht heiraten wollte; ich war bereit da;
Als ich von Hanna hörte, daß sie die Schweiz binnen vierze
Tagen zu verlassen habe, war ich in Thun als Offizier; ich fi
sofort nach Zürich, um mit Hanna zur Fremdenpolizei2 zu g<
en, wo meine Uniform nichts ändern konnte, immerhin gelangi
wir zum Chef der Fremdenpolizei. Ich erinnere mich noch h<
te, wie er das Schreiben betrachtete, das Hanna vorwies, u
sich das Dossier kommen ließ, Hanna saß, ich stand. Dann sei
wohlmeinende Frage, ob das Fräulein meine Braut sei, und i
sere Verlegenheit. Wir sollten verstehen: die Schweiz sei <
kleines Land, kein Platz für zahllose Flüchtlinge, Asylrecht, al
Hanna hätte doch Zeit genug gehabt, ihre Auswanderung
betreiben. Dann endlich das Dossier, und es stellt sich hera
daß gar nicht Hanna gemeint war, sondern eine Emigrantin gl
chen Namens, die bereits nach Übersee ausgewandert war. 1
leichterung allerseits! Im Vorzimmer nahm ich meine Offizie
handschuhe, meine Offiziersmütze, als Hanna nochmals an с
Schalter gerufen wurde, Hanna kreidebleich. Sie mußte nc
zehn Rappen3 zahlen, Porto für den Brief, den man fälsch
cherweisc an ihre Adresse geschickt hatte. Ihre maßlc
Empörung darüber! Ich fand es einen Witz. Leider mußte i
am selben Abend wieder nach Thun zu meinen Rekruten; <
jener Fahrt kam ich zum Entschluß, Hanna zu heiraten, falls
je die Aufenthaltsbewilligung etnzogen werden sollte.4 Kurz dar;
(wenn ich mich richtig erinnere) starb ihr alter Vater. Ich v
entschlossen, wie gesagt, aber es kam nicht dazu. Ich weiß eige
1 Verkündung der deutschen Rassengesetze - оглашение германских
совых законов (законы о чистоте расы, принятые нацистами).
2 Die Fremdenpolizei - полиция, ведающая делами иностранцев.
3 der Rappen - раппен, швейцарский сантим (мелкая денежная едини)
4 falls ihr je die Aufenthaltsbewilligung entzogen werden sollte - в слу1
если когда-нибудь ее соберутся лишить разрешения на жительство
271 M A X F R IS C H

lieh nicht warum. Hanna war immer sehr empfindlich und sprung­
haft, ein unberechenbares Temperament; wie Joachim sagte:
manisch-depressiv. Dabei hatte Joachim sie nur ein oder zwei
Mal gesehen, denn Hanna wollte mit Deutschen nichts zu tun
haben. Ich schwor ihr, daß Joachim, mein Freund, kein Nazi ist;
aber vergeblich. Ich verstand ihr Mißtrauen, aber sie machte es
mir nicht leicht, abgesehen davon, daß unsere Interessen sich
nicht immer deckten.1 Ich nannte sie eine Schwärmerin und
Kunstfee. Dafür nannte sie mich: Homo Faber.2 Manchmal hatten
wir einen regelrechten Krach, wenn wir beispielweise aus dem
Schauspielhaus kamen, wohin sie mich immer wieder nötigte;
1lanna hatte einerseits einen Hang zum Kommunistischen, was
ich nicht vertrug, und andererseits zum Mystischen, um nicht zu
sagen: zum Hysterischen. Ich bin nun einmal der Typ, der mit
beiden Füßen auf der Erde steht. Nichtsdestoweniger waren
wir sehr glücklich zusammen, scheint mir, und eigentlich weiß
ich wirklich nicht, warum es damals nicht zur Heirat kam. Es
kam einfach nicht dazu. Ich war, im Gegensatz zu meinem Vater,
kein Antisemit, glaube ich; ich war nur zu jung wie die meisten
Männer unter dreißig, zu unfertig, um Vater zu sein. Ich arbeite­
te noch an meiner Dissertation, wie gesagt, und wohnte bei meinen
Eltern, was Hanna durchaus nicht begriff. Wir trafen uns immer
in ihrer Bude. In jener Zeit kam das Angebot von Escher-Wyss,
eine Chance sondergleichen für einen jungen Ingenieur, und was
mir dabei Sorge machte, war nicht das Klima von Bagdad, sondern
l lanna in Zürich. Sie erwartete damals ein Kind. Ihre Offen­
barung hörte ich ausgerechnet an dem Tage, als ich von meiner
eisten Besprechung mit Escher-Wyss kam, meinerseits entschlos-
Nen, die Stelle in Bagdad anzutreten sobald als möglich. Ihre
Behauptung, ich sei zu Tode erschrocken, bestreite ich noch
beute; ich fragte bloß: Bist du sicher? Immerhin eine sachliche
1 ...daß unsere Interessen sich nicht immer deckten - наши интересы не
iu егда совпадали.
1 Homo Faber - здесь игра слов: Фабер - фамилия главного героя.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 212

und vernünftige Frage. Ich fühlte mich übertölpelt1 nur durch


die Bestimmtheit ihrer Meldung; ich fragte: Bist du bei einem
Arzt gewesen? Ebenfalls eine sachliche und erlaubte Frage. Sie
war nicht beim Arzt gewesen. Sie wisse es! Ich sagte: Warten
wir noch vierzehn Tage. Sie lachte, weil volkommen sicher, und
ich mußte annehmen, daß Hanna es schon lange gewußt, aber
nicht gesagt hatte; nur insofern fühlte ich mich übertölpelt. Ich
legte meine Hand auf ihre Hand, im Augenblick fiel mir nicht
viel dazu ein, das ist wahr; ich trank Kaffee und rauchte. Ihre
Enttäuschung! Ich tanzte nicht vor Vaterfreude, das ist wahr,
dazu war die politische Situation zu ernst. Ich fragte: Hast du
denn einen Arzt, wo du hingehen kannst? Natürlich meinte ich
bloß: um sich einmal untersuchen zu lassen. Hanna nickte. Das
sei keine Sache, sagte sie, das lasse sich schon machen! Ich
fragte: Was meinst du? Später behauptete Hanna, ich sei erleichtert
gewesen, daß sie das Kind nicht haben wollte, und geradezu
entzückt, drum hätte ich meinen Arm um ihre Schultern gelegt,
als sie weinte. Sie selber war es, die nicht mehr davon sprechen
wollte, und dann berichtete ich von Escher-Wyss, von der Stelle
in Bagdad, von den beruflichen Möglichkeiten eines Ingenieurs
überhaupt. Das war keineswegs gegen ihr Kind gerichtet. Ich
sagte sogar, wieviel ich in Bagdad verdienen würde. Und wörtlich:
Wenn du dein Kind haben willst, dann müssen wir natürlich hei­
raten. Später ihr Vorwurf, daß ich von Müssen gesprochen habe!
Ich fragte offen heraus: Willst du heiraten, ja oder nein? Sie
schüttelte den Kopf, und ich wußte nicht, woran ich bin.2 Ich
besprach mich viel mit Joachim, während wir unser Schach
spielten; Joachim unterrichtete mich über das Medizinische, was
bekanntlich kein Problem ist, dann über das Juristische, bekanntlich
auch kein Problem, und dann stopfte er seine Pfeife, Blick auf
unser Schach, denn Joachim war grundsätzlich gegen Ratschläge.
Seine Hilfe (er war Mediziner im Staatsexamen) hatte er zuge­
1 ich fühlte mich übertölpelt - я чувствовал себя одураченным.
2 ich wußte nicht, woran ich bin - я не знал, что мне делать.
273 M A X F R IS C H

sagt, falls wir, das Mädchen und ich, seine Hilfe verlangen. Ich
war ihm sehr dankbar, etwas verlegen, aber froh, daß er keine
große Geschichte draus machte; er sagte bloß: Du bist am Zug!1
Ich meldete Hanna, daß alles kein Problem ist. Es war Hanna,
die plötzlich Schluß machen wollte; sie packte ihre Koffer, plötz­
lich ihre wahnsinnige Idee, nach München zurückzukehren. Ich
stellte mich vor sie, um sie zur Vernunft zu bringen;2 ihr einziges
Wort: Schluß! Ich hatte gesagt: Dein Kind, statt zu sagen: Un­
ser Kind. Das war es, was mir Hanna nicht verzeihen konnte.

*
* *
Es ist mir heute noch ein Rätsel, wieso Hanna und Joachim
geheiratet und wieso sie mich, Vater des Kindes, nie haben wis­
sen lassen, daß dieses Kind zur Welt gekommen ist.
Ich kann nur berichten, was ich weiß.
Es war die Zeit, als die jüdischen Pässe annuliiert wurden.
Ich hatte mir geschworen, Hanna keinesfalls im Stich zu lassen,
und dabei blieb es. Joachim war bereit, Trauzeuge zu sein. Meinen
bürgerlichen und besorgten Eltern war es auch recht, daß wir
nicht eine Hochzeit mit Droschken und Klimbim wollten;3 nur
Hanna machte sich immer noch Zweifel, ob es denn richtig wäre,
daß wir heirateten, richtig für mich. Ich brachte unsere Papiere
aufs zuständige Amt, unsere Eheverkündigung stand in der Zei­
tung. Auch im Fall einer Scheidung, so sagte ich mir, blieb Han­
na jedenfalls Schweizerin und im Besitz eines Passes. Die Sa­
che eilte, da ich meine Stelle in Bagdad anzutreten hatte. Es
war ein Samstagvormittag, als wir endlich - nach einem komi­
schen Frühstück bei meinen Eltem, die dann das Kirchengeläute
1 Du bist am Zug! - твой ход.
2 ...um sie zur Vernunft zu bringen - чтобы образумить ее.
3 Meinen bürgerlichen und besorgten Eltern war es auch recht, daß wir nicht
eine Hochzeit mit Droschken und Klimbim wollten - моих буржуазных и оза­
боченных родителей тоже устраивало, что мы не хотим свадьбу с из­
возчиком и пиром горой.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 274

doch vermißten!1 - endlich ins Stadthaus gingen, um die Trau­


ung zu vollziehen. Es wimmelte von Hochzeiten wie üblich an
Samstagen, daher die lange Warterei, wir saßen im Vorzimmer,
alle im Straßenanzug, umgeben von weißen Bräuten und Bräuti­
gams, die wie Kellner aussahen. Als Hanna gelegentlich hinaus­
ging, dachte ich nichts Schlimmes, man redete, man rauchte.
Als endlich der Standesbeamte uns rief, war Hanna nicht da.
Wir suchten sie und fanden sie draußen, nicht zu bewegen,2 sie
weigerte sich in das Trauzimmer zu kommen. Sie könne nicht!
Ich redete ihr zu, ich bat Hanna, die Sache ganz sachlich zu
nehmen; aber vergeblich. Sie schüttelte den Kopf und weinte.
Ich heirate ja bloß, um zu beweisen, daß ich kein Antisemit sei,
sagte sie, und es war einfach nichts zu machen. Die Woche
darauf, meine letzte in Zürich, war abscheulich. Es war Hanna,
die nicht heiraten wollte, und ich hatte keine Wahl, ich mußte
nach Bagdad, gemäß Vertrag. Hanna begleitete mich noch an
die Bahn, und wir nahmen Abschied. Hanna hatte versprochen,
nach meiner Abreise sofort zu Joachim zu gehen, der seine ärzt­
liche Hilfe angeboten hatte, und in diesem Sinn nahmen wir Ab­
schied; es war ausgemacht, daß unser Kind nicht zur Welt kom­
men sollte.
Später hörte ich nie wieder von ihr.
Das war 1936.
Ich hatte Hanna damals gefragt, wie sie Joachim, meinen
Freund, nun finde. Sie fand ihn ganz sympathisch. Ich wäre nie
auf die Idee gekommen, daß Hanna und Joachim einander hei­
raten.

'...meine Eltern, die dann das Kirchengeläute doch vermißten! - мои родители
все-таки жалели об отсутствии колоколов!
2 nicht zu bewegen - зд.: ее нельзя было сдвинуть с места.
275 M A X F R ISC H

* *

...Sie tat wirklich (wie es die Art aller Frauen ist, vermute
ich, auch wenn sie noch so intellektuell sind) wie eine Henne,
die ihr Junges unter die Flügel nehmen muß; daher meine Be­
merkung mit der Henne, ein Wort gab das andere,' Hanna war
;iußer sich wegen meiner Bemerkung, weibischer als ich sie je
gesehen habe. Ihr ewiges Argument:
“Sie ist mein Kind, nicht dein Kind.”
Daher meine Frage:
“Stimmt es, daß Joachim ihr Vater ist?”
Darauf keine Antwort.
“Laß mich!” sagt sie. “Was willst du überhaupt von mir? Ich
habe Elsbeth ein halbes Jahr lang nicht gesehen, plötzlich dieser
Anruf vom Hospital, ich komme und finde sie bewußtlos - weiß
nicht, was geschehen ist.”
Ich nahm alles zurück.
“Du”, sagt sie, “du - was hast du zu sprechen mit meiner
Tochter? Was willst du überhaupt von ihr? Was hast du mit ihr?”
Ich sah, wie sie zitterte.
...Ich verstand ohne weiteres, daß Hanna an ihrem Kind hängt,
«laß sie die Tage gezählt hat, bis das Kind wieder nach Hause
kommt, und daß es für eine Mutter nicht leicht ist, wenn das
Kind, das einzige, zum ersten Mal in die Welt hinaus reist.
“Sie ist ja kein Kind mehr”, sagt sie, “ich selber habe sie ja
a u f diese Reise geschickt, eines Tages muß sie ja ihr eigenes
I.eben führen, das ist mir klar, daß sie eines Tages nicht wieder­
kommt”.
Ich ließ Hanna sprechen.
“Das ist nun einmal so”, sagt sie, “wir können das Leben
nicht in unseren Armen behalten, Walter, auch du nicht”.
“Ich weiß!” sage ich.

' ein Wort gab das andere - слово за слово.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 276

“Warum versuchst du es denn?” fragt sie.


...Dann eben ihr Ausspruch: sie habe nicht hundert Töchter,
sondern eine einzige (was ich wußte), und ihre Tochter hätte
nur ein einziges Leben (was ich ebenfalls wußte) wie jeder
Mensch; auch sie, Hanna, hätte nur ein einziges Leben, ein Leben,
das verpfutscht sei, und auch ich (ob ich es wisse?) hätte nur
ein einziges Leben.
“Hanna”, sage ich, “das wissen wir.”
Unser Essen wurde kalt.
“Wieso verpfuscht?” frage ich.
Hanna rauchte. Statt zu essen.
“Du bist ein Mann,”, sagte sie, “ich bin eine Frau - das ist
ein Unterschied, Walter.”
“Hoffentlich!” lache ich.
“Ich werde keine Kinder mehr haben -
Das sagte sie im Laufe des Abends zweimal.
...Ich finde das Leben von Hanna gar nicht verpfuscht. Im
Gegenteil. ...Dabei hat Hanna immer getan, was ihr das Rich­
tige schien, und das ist für eine Frau, finde ich, schon allerhand.
Sie führte das Leben, wie sie’s wollte. Warum es mit Joachim
nicht gegangen war, sagte sie eigentlich nicht. Sie nennt ihn ei­
nen lieben Menschen. Von Vorwurf keine Spur; höchstens fin­
det sie uns komisch, die Männer ganz allgemein.
...Sie findet es dumm von einer Frau, daß sie vom Mann
verstanden werden will; der Mann (sagt Hanna) will die Frau
als Geheimnis, um von seinem eignen Unverständnis begeistert
und erregt zu sein. Der Mann hört nur sich selbst, laut Hanna,1
drum kann das Leben einer Frau, die vom Mann verstanden
werden will, nicht anders als verpfuscht sein. Laut Hanna. Der
Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau nur als seinen Spiegel.
Der Herr ist nicht gezwungen, die Sprache der Unterdrückten
zu lernen; die Frau ist gezwungen, doch nützt es ihr nichts, die
Sprache ihres Herrn zu lernen, im Gegenteil, sie lernt nur eine
1 laut Hanna - по мнению Ханны.
277 M A X F R ISC H

Sprache, die ihr immer unrecht gibt.1 Hanna bereut, daß sie Dr.
phil. geworden ist. Solange Gott ein Mann ist, nicht ein Paar,
kann das Leben einer Frau, laut Hanna, nur so bleiben, wie es
heute ist, nämlich erbärmlich, die Frau als Proletarier der Schöp­
fung, wenn auch noch so elegant verkleidet2 - Ich fand sie ko­
misch, eine Frau von fünfzig Jahren, die wie ein Backfisch3
philosophiert, eine Frau, die noch so tadellos aussieht wie Han­
na, geradezu attraktiv, dazu eine Persönlichkeit, das ist mir klar...
Ich sehe nicht ein, wieso ihr Leben verpfuscht sein sollte. Im
Gegenteil. Ich finde es allerhand,4 wenn jemand ungefähr so
lebt, wie er’s sich einmal in den Kopf gesetzt hat. Ich bewun­
dere sie. Ich habe, offen gesprochen, nie daran geglaubt, daß
Philologie und Kunstgeschichte sich bezahlt machen. Dabei kann
man nicht einmal sagen, Hanna sei unfraulich. Es steht ihr, eine
Arbeit zu haben. Schon in der Ehe mit Joachim, scheint es, hat
sie stets gearbeitet, Übersetzungen und Derartiges, und in der
IEmigration sowieso. In Paris, nach ihrer Scheidung von Joachim,
arbeitete sie in einem Verlag. Als dann die Deutschen kamen,
Iloh sie nach England und sorgte allein für ihr Kind. Joachim
war Arzt in Rußland, somit zahlungsunfähig. Hanna arbeitete
als deutsche Sprecherin bei BBC.5 Heute noch ist sie britische
Staatsbürgerin.
...Obschon sie in den folgenden Jahren nicht ohne Männer
lebt, opfert sie ihr ganzes Leben für ihr Kind. Sie arbeitet in
Paris, später in London, in Ostberlin, in Athen. Sie flieht mit
ihrem Kind. Sie unterrichtet ihr Kind, wo es keine deutschsprachige
Schule gibt, selbst und lernt mit vierzig Jahren noch Geige, um
ihr Kind begleiten zu können. Nichts ist Hanna zuviel, wenn es

1 ...nur eine Sprache, die ihr immer unrecht gibt - ...только один язык, на
к»»юром она всегда не права.
2 ...wenn auch noch so elegant verkleidet - пусть даже так элегантно
t.i маскированные.
4 der Backfisch - девочка-подросток.
4 Ich finde es allerhand... - я считаю, что это немало...
5 ВВС - Би-Би-Си (английская радиостанция).
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 279

um ihr Kind geht.1. Sie pflegt ihr Kind in einem Keller, als die
Wehrmacht nach Paris kommt, und wagt sich auf die Straße,
um Medikamente zu holen. Hanna hat ihr Kind nicht verwöhnt;
dazu ist Hanna zu gescheit, finde ich, auch wenn sie sich selbst2
(seit einigen Tagen) immerzu als Idiotin bezeichnet. Warum ich
das gesagt habe? fragt sie jetzt immerzu. Damals: Dein Kind,
statt unser Kind. Ob als Vorwurf oder nur aus Feigheit? Ich
verstehe ihre Frage nicht. Ob ich damals gewußt hätte, wie
recht ich habe?3 Und warum ich neulich gesagt habe: Du be­
nimmst dich wie eine Henne! Ich habe diesen Ausspruch schon
mehrmals zurückgenommen und widerrufen, seit ich weiß, was
Hanna geleistet hat; aber es ist Hanna, die nicht davon loskommt.4
Ob ich ihr verzeihen könne! Sie hat geweint, Hanna auf den
Knien, Hanna, die meine Hand küßt, dann kenne ich sie gar
nicht. Ich verstehe nur, daß Hanna, nach allem was geschehen
ist, Athen nie wieder verlassen wird, das Grab unseres Kindes...
Es ist Hanna schon schwer genug gefallen, das Mädchen allein
auf die Reise zu lassen, wenn auch nur für ein halbes Jahr. Hanna
hat immer schon gewußt, daß ihr Kind sie einmal verlassen wird;
aber auch Hanna hat nicht ahnen können, daß Sabeth auf dieser
Reise gerade ihrem Vater begegnet, der alles zerstört.

1Niehls ist Hanna zuviel, wenn es um ihr Kind geht - ничто не кажется ей
слишком трудным, когда речь идет о ее ребенке.
2 ...auch wenn sie sich selbst - пусть даже она сама...
3Ob ich damals gewußt hätte, wie recht ich habe? - Знал ли я тогда, насколько
я прав?
4 aber es ist. Hanna, die nicht davon loskommt - но Ханна никак не осво­
бодится от этого.
279 M A X F R ISC H

B E A N TW O R TE N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wie heißen die Hauptpersonen des Romans?


2. An welche Zeit erinnert sich der Erzähler?
3. Warum wollte er unbedingt Hanna heiraten?
4. Wohin sollte der Erzähler fahren?
5. Warum wollte Hanna ihn nicht heiraten?
6. Wie war Hannas Leben später?
7. Wie erzog sie ihre Tochter?
8. Wie ist Hannas Meinung über die Männer?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 280

Günter GRASS
(1927)

Literarischen Ruhm brachte G.Grass 1959 der Roman ‘‘Die


Blechtrommel”, hier wie in anderer Erzählprosa verbinden sich
detailreicher Realismus, groteske Phantasie und scharfe Zeit­
satire. Hauptwerke: Roman “Örtlich betäubt” (1969), Erzählung
“Katz und Maus”; Gedichte, Dramen, Essays. 1999 Nobelpreis
für Literatur.

DIE LINKSHÄNDER

Erich beobachtet mich. Auch ich lasse kein Auge von ihm.
Beide halten wir Waffen in der Hand, und beschlossen ist, daß
wir diese Waffen gebrauchen, einander verletzen werden. Un­
sere Waffen sind geladen. In langen Übungen erprobte, gleich
nach den Übungen sorgfältig gereinigte Pistolen haben wir vor
uns, das kühle Metall langsam erwärmend. Auf die Länge nimmt
sich solch ein Schießeisen harmlos aus... Nie darf in mir der
Gedanke reifen, Erichs Waffe könnte blind, harmlos, ein Spielzeug
sein. Auch weiß ich, daß Erich keine Sekunde an der Ernsthaf­
tigkeit meines Werkzeuges zweifelt. Zudem haben wir, etwa
vor einer halben Stunde, die Pistolen auseinandergenommen, gerei­
nigt, wieder zusammengesetzt, geladen und entsichert. Wir sind
keine Träumer. Zum Ort unserer unvermeidlichen Aktion haben
wir Erichs Wochenendhäuschen bestimmt. Da das einstöckige
Gebäude mehr als eine Wegstunde von der nächsten Bahnsta­
tion, also recht einsam liegt, dürfen wir annehmen, daß jedes
unerwünschte Ohr, in des Wortes wahrer Bedeutung, weitab
2X1 GÜNTER G R A SS

vom Schuß sein wird. Das Wohnzimmer haben wir ausgeräumt


und die Bilder, zumeist Jagdszenen und Wildbretstilleben, von
den Wänden genommen. Die Schüsse sollen ja nicht den Stühlen,
warmglänzenden Kommoden und reichgerahmten Gemälden
gelten. Auch wollen wir nicht den Spiegel treffen oderein Por­
zellan verletzen. Nur auf uns haben wir es abgesehen.
Wir sind beide Linkshänder. Wir kennen uns vom Verein her.
N'c wissen, daß die Linkshänder dieser Stadt, wie alle, die ein
verwandtes Gebrechen drückt,1 einen Verein gegründet haben.
Wir treffen uns regelmäßig und versuchen unseren anderen, leider
so ungeschickten Griff zu schulen. Eine Zeitlang gab uns ein
gutwilliger Rechtshänder Unterricht. Leider kommt er jetzt nicht
mehr. Die Herren im Vorstand kritisieren seine Lehrmethode
und befanden, die Mitglieder des Vereins sollten aus eigener
Kraft umlemen. So verbinden wir nun gemeinsam und zwangs­
los eigens für uns erfundene Gesellschaftsspiele mit Geschick-
lichkeitsproben wie: Rechts einfädeln, eingießen, aufmachen und
/uknöpfen. In unseren Statuten heißt es: Wir wollen nicht ruhen,
bis daß rechts wie links ist.
Wie schön und kraftvoll dieser Satz auch sein mag, ist er
•loch lautester Unsinn. So werden wir es nie schaffen. Und der
extreme Flügel unserer Verbindung verlangt schon lange, daß diese
Sentenz gestrichen wird und statt dessen geschrieben steht: Wir
wollen auf unsere linke Hand stolz sein und uns nicht unseres
angeborenen Griffes schämen.
Auch diese Parole stimmt sicher nicht, und nur ihr Pathos,
wie auch eine gewisse Großzügigkeit des Gefühls, ließ uns diese
Worte wählen. Erich und ich, die wir beide dem extremen Hü­
gel zugezählt werden, wissen zu gut, wie tief verwurzelt unsere
Scham ist. Elternhaus, Schule, später die Zeit beim Militär ha­
ben nicht dazu beigetragen, uns eine Haltung zu lehren, die diese
gei ingfügige Absonderlichkeit - geringfügig im Vergleich mit

' ...die ein verwandtes Gebrechen drückt - кого гнетет похожий недостаток.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 28 |

anderen, weitverbreiteten Abnormitäten - mit Anstand ertrüge.


Das begann mit dem kindlichen Händchengeben. Diese Tanten,
Onkels, Freundinnen mütterlicherseits, Kollegen väterlicherseits,
dieses nicht zu übersehende, den Horizont einer Kindheit ver­
dunkelnde, schreckliche Familienfoto. Und allen mußte die Hand
gegeben werden: “Nein, nicht das unartige Händchen, das brave.
Wirst du wohl das richtige Händchen geben, das gute Händ­
chen, das kluge, geschickte, das einzig wahre, das rechte Händ­
chen!”
Sechzehn Jahre war ich alt und faßte zum erstenmal ein Mäd­
chen an: “Ach, du bist ja Linkshänder!” sagte sie enttäuscht
und zog mir die Hand aus der Bluse. Solche Erinnerungen
bleiben, und wenn wir dennoch diesen Spruch - Erich und ich
verfaßten ihn - in unser Buch schreiben wollen, so soll damit
nur die Benennung eines sicher nie zu erreichenden Ideals ver­
sucht werden.
Nun hat Erich die Lippen aufeinandergepreßt und die Augen
schmal gemacht. Ich tue das gleiche. Unsere Backenmuskeln
spielen, die Stimhaut spannt sich, schmal werden unsere Nasen­
rücken. Erich gleicht jetzt einem Filmschauspieler, dessen Züge
mir aus vielen abenteuerlichen Szenen vertraut sind. Darf ich
annehmen, daß auch mir diese fatale Ähnlichkeit mit einem dieser
zweideutigen Leinwandhelden anhaftet?1 Wir mögen grimmig
aussehen, und ich bin froh, daß uns niemand beobachtet. Würde
er, der unerwünschte Augenzeuge, nicht annehmen, zwei junge
Männer allzu romantischer Natur wollen sich duellieren? Sie
haben die gleiche Räuberbraut, oder der eine hat wohl dem an­
deren Übles nachgesagt. Eine seit Generationen währende Fa­
milienfehde, ein Ehrenhandel, ein blutiges Spiel auf Gedeih und
Verderb.2 So blicken sich nur Feinde an. Seht diese schmalen,

■...daß auch mir diese falale Ähnlichkeit mit einem dieser zweideutigen Lein­
wandhelden anhaftet? - ... что мне тоже присуще это фатальное сходство
с одним из этих двусмысленных экранных персонажей?
2 auf Gedeih und Verderb - на веки вечные.
283 G Ü N TER G R ASS

lai blosen Lippen, diese unversöhnlichen Nasenrücken. Wie sie


(Im Haß kauen,1 diese Todessüchtigen.
Wir sind Freunde. Wenn unsere Berufe auch so verschieden
sind - Erich ist Abteilungsleiter in einem Warenhaus, ich habe
den gutbezahlten Beruf des Feinmechanikers gewählt - können
wir doch so viel gemeinsame Interessen aufzählen, als nötig sind,
einer Freundschaft Dauer zu verleihen. Erich gehört dem Ver­
ein länger an als ich. Gut erinnere ich mich des Tages, da ich,
sehiiehtern und viel zu feierlich gekleidet, im Stammlokal der
I inseitigen eintrat, Erich mir entgegenkam, dem Unsicheren die
( iai aerobe wies, mich klug, doch ohne lästige Neugierde betra-
rbiete und dann mit seiner Stimme sagte: “Sie wollen sicher zu
uns. Seien Sie ganz ohne Scheu; wir sind hier, um uns zu helfen.”
Ich sagte soeben “die Einseitigen”. So nennen wir uns offi­
ziell. Doch auch diese Namengebung scheint mir, wie ein Großteil
der Statuten, mißlungen. Der Name spricht nicht deutlich genug
aus, was uns verbinden und eigentlich auch stärken sollte. Gewiß
wären wir besser genannt, würden wir kurz, die Linken, oder
klangvoller, die linken Brüder heißen. Sie werden erraten, warum
wir verzichten mußten, uns unter diesen Titeln eintragen zu las­
sen. Nichts wäre unzutreffender und dazu beleidigender, als uns
mit jenen, sicher bedauernswerten Menschen zu vergleichen,
d e n e n die Natur die einzig menschenwürdige Möglichkeit
voi enthielt, der Liebe Genüge zu tun.2 Ganz im Gegenteil sind
wir eine buntgewürfelte Gesellschaft, und ich darf sagen, daß
unsere Damen es an Schönheit, Charme und gutem Benehmen
mit manch einer Rechtshänderin aufnehmen,3 ja, würde man
m>i:;faltiger vergleichen, ergäbe sich ein Sittenbild, das manchen

1 tien Haß kauen - зд.: как они упиваются ненавистью.


...denen die Natur die einzig menschenwürdige Möglichkeit vorcmhielt, der
l и-he Genüge zu tun - ...которых природа лишила единственно достойной
•к ■ч.ска возможности воздать должное любви.
' ..daß unsere Damen es an Schönheit ... mit manch einer Rechtshänderin
.•и1 к hmen - что наши дамы по красоте... могли бы потягаться с некоторыми
•V . инами.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 284

um das Seelenheil seiner Gemeinde besorgten Pfarrer von der


Kanzel ausrufen ließe: “Ach, wäret Ihr doch alle Linkshänder!’
Dieser fatale Vereinsname. Selbst unser erster Vorsitzender
ein etwas zu patriarchalisch denkender und leider auch lenkender
höherer Beamter der Stadtverwaltung, Katasteramt, muß dann
und wann einräumen, daß wir nicht gutheißen, daß es am Links
fehlen würde, daß wir weder die Einseitigen sind, noch einseitig
denken, fühlen und handeln.
Gewiß sprachen auch politische Bedenken mit, als wir die
besseren Vorschläge verwarfen und uns so nannten, wie wir
eigentlich nie hätten heißen dürfen. Nachdem die Mitglieder des
Parlamentes von der Mitte aus nach der einen oder anderen
Seite tendieren und die Stühle ihres Hauses so gestellt sind, daß
allein schon die Stuhlordnung die politische Situation unseres
Vaterlandes verrät, ist es zur Sitte geworden, einem Schreiben,
einer Rede, in der das Wörtchen links mehr als einmal vorkommt,
eine gefährliche Radikalität anzudichten. Nun, hier mag man
ruhig sein. Wenn ein Verein unserer Stadt ohne politische Ambi­
tionen auskommt und nur der gegenseitigen Hilfe, der Gesel­
ligkeit lebt, dann ist es der unsrige. Um nun noch jedem Ver­
dacht erotischer Abwegigkeit hier und für alle Zeit die Spitze
abzubrechen,1 sei kurz erwähnt, daß ich unter den Mädchen
unserer Jugendgruppe meine Verlobte gefunden habe. Sobald
für uns eine Wohnung frei wird, wollen wir heiraten. Wenn eines
Tages der Schatten schwinden wird, den jene erste Begegnung
mit dem weiblichen Geschlecht auf mein Gemüt warf, werde
ich diese Wohltat Monika verdanken können.
Unsere Liebe hat nicht nur mit den allbekannten und in vielen
Büchern beschriebenen Problemen fertig werden müssen, auch
unser manuelles Leiden mußte verwunden und fast verklärt
werden, damit es zu unserem kleinen Glück kommen konnte
1 um noch jedem Verdacht erotischer Abwegigkeit hier und für alle Zeit die
Spitze abzubrechen... - чтобы раз и навсегда покончить с любым подо­
зрением в эротических отклонениях...
G Ü N TER G R ASS
-- :------------------------------------------------------
Nachdem wir in der ersten, begreiflichen Verwirrung versucht
hallen, rechtshändig einander gut zu sein, und bemerken mußten,
wie unempfindlich diese unsere taube Seite ist, streicheln wir
mir noch geschickt, das heißt, wie uns der Herr geschaffen hat.
h h verrate nicht zuviel und hoffe auch, nicht indiskret zu sein,
wenn ich hier andeute, daß es immer wieder Monikas liebe Hand
i а. ciie mir die Kraft gibt, auszuharren und das Versprechen zu
halten. Gleich nach dem ersten, gemeinsamen Kinobesuch habe
ich ihr versichern müssen, daß ich ihr Mädchentum schonen
| wt ule, bis daß wir uns die Ringe - hier leider nachgebend und
das Ungeschick einer Veranlagung bekräftigend - an die rech­
ten Ringfinger stecken. Dabei wird in südlichen, katholischen
; I ändern das goldene Zeichen der Ehe links getragen, wie denn
mich wohl in jenen sonnigen Zonen mehr das Herz als der uner­
bittliche Vorstand regiert. Vielleicht um hier auf Mädchenart zu
irv<iltieren und zu beweisen, in welch eindeutiger Form die Frauen
ui gumentieren können, wenn ihre Belange gefährdet zu sein
•a licinen, haben die jüngeren Damen unseres Vereins in em-
1sigei Nachtarbeit unserer grünen Fahne die Inschrift gestickt:
I .inks schlägt das Herz.
Monika und ich haben diesen Augenblick des Ringwechselns
nun schon so oft besprochen und sind doch immer wieder zu
demselben Ergebnis gekommen: Wir können es uns nicht leis­
ten, von einer unwissenden, nicht selten böswilligen Welt, als
Vei lobte zu gelten, wenn wir schon lang ein getrautes Paar sind
und alles, das Große und das Kleine, miteinander teilen. Oft
weint Monika wegen dieser Ringgeschichte. Wie wir uns auch
»ul diesen unseren Tag freuen mögen, wird denn wohl doch ein
len liier Trauerschimmer auf all den Geschenken, reichgedeck-
11■11 Tischen und angemessenen Feierlichkeiten liegen.
Nun zeigt Erich wieder sein gutes, normales Gesicht. Auch
к h "be nach, verspüre aber dennoch eine Zeitlang diesen Krampf
Midi Kiefermuskulatur. Zudem zucken noch immer die Schläfen.
U i.i, ganz gewiß standen uns diese Grimassen nicht. Unsere
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 286

Blicke treffen sich ruhiger und deshalb auch mutiger; wir zielen.
Jeder meint die gewisse Hand des anderen. Ich bin ganz sicher,
daß ich nicht fehlen werde; und auch auf Erich kann ich mich
verlassen. Zu lange haben wir geübt, fast jede freie Minute in
einer verlassenen Kiesgrube am Stadtrand zugebracht, um heu­
te, da sich so vieles entscheiden soll, nicht zu versagen.
Ihr werdet schreien, das grenzt an Sadismus, nein, das ist
Selbstverstümmelung. Glaubt mir, all diese Argumente sind uns
bekannt. Nichts, kein Verbrechen haben wir uns nicht vorge­
worfen. Wir stehen nicht zum ersten Mal in diesem ausgeräumten
Zimmer. Viermal sahen wir uns so bewaffnet, und viermal ließen
wir, erschreckt durch unser Vorhaben, die Pistolen sinken. Erst
heute haben wir Klarheit. Die letzten Vorkommnisse persönli­
cher Art und auch im Vereinsleben geben uns recht, wir müssen
es tun. Nach langem Zweifel - wir haben den Verein, das Wol­
len des extremen Flügels in Frage gestellt - greifen wir nun
endgültig zu den Waffen. So bedauerlich es ist, wir können nicht
mehr mitmachen. Unser Gewissen verlangt, daß wir uns von
den Gepflogenheiten der Vereinskameraden distanzieren. Hat
sich doch da ein Sektierertum breitgemacht, und die Reihen der
Vernünftigsten sind mit Schwärmern, sogar Fanatikern durch­
setzt. Die einen himmeln nach rechts, die anderen schwören
auf links. Was ich nie glauben wollte, politische Parolen werden
von Tisch zu Tisch geschrien, der widerliche Kult des eidbedeu­
tenden, linkshändigen Nägeleinschlagens wird so gepflegt, daß
manche Vorstandssitzung einer Orgie gleicht, in der es gilt, durch
heftiges und besessenes Hämmern in Ekstase zu geraten. Wenn
es auch niemand laut ausspricht und die offensichtlich dem Laster
Verfallenen bislang kurzerhand ausgestoßen wurden, es läßt sich
nicht leugnen: jene verfehlte und mir ganz unbegreifliche Liebe
zwischen Geschlechtsgleichen hat auch bei uns Anhänger ge­
funden. Und um das Schlimmste zu sagen: Auch mein Verhält­
nis zu Monika hat gelitten. Zu oft ist sie mit ihrer Freundin, einen
labilen und sprunghaften Geschöpf, zusammen. Zu oft wirft sie
287 G Ü N TER G R ASS

mir Nachgiebigkeit und mangelnden Mut in jener Ringgeschich-


ic vor, als daß ich glauben könnte, es sei noch dasselbe Ver­
trauen zwischen uns, es sei noch dieselbe Monika, die ich, nun
immer seltener, im Arm halte.
Erich und ich versuchen jetzt gleichmäßig zu atmen. Je mehr
wir auch hierin übereinstimmen, um so sicherer werden wir, daß
unser Handeln vom guten Gefühl gelenkt wird. Glaubt nicht, es
ist das Bibelwort, welches da rät, das Ärgernis auszureißen.
Vielmehr ist es der heiße, immerwährende Wunsch, Klarheit zu
I* kommen, noch mehr Klarheit, zu wissen, wie steht es um mich,
ist dieses Schicksal unabänderlich oder haben wir es in der Hand,
с mzugreifen und unserm Leben eine normale Richtung zu wei­
sen? Keine läppischen Verbote mehr, Bandagen und ähnliche
11 icks. Rechtschaffen wollen wir in freier Wahl und durch nichts
mehr vom Allgemeinen getrennt neu beginnen und eine glück-
1k he Hand haben.
Jetzt stimmt unser Atem überein. Ohne uns ein Zeichen zu
j'i-hcn, haben wir gleichzeitig geschossen. Erich hat getroffen,
und auch ich habe ihn nicht enttäuscht. Jeder hat, wie vorgesehen,
die wichtige Sehne so unterbrochen,1 daß die Pistolen, nicht
mehr kraftvoll genug gehalten, zu Boden fielen und damit nun
H der weitere Schuß überflüssig ist. Wir lachen und beginnen
unser großes Experiment damit, ungeschickt, weil nur auf die
icehte Hand angewiesen, die Notverbände anzulegen.2

1 j Sehne unterbrechen - перебить сухожилие.


6 jo Notverbäncle anlegcn - накладывать временные повязки.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И

B EAN TW O RTEN S IE FO LG END E F RAG EN :

1. Wo befinden sich Erich und der Erzähler?


2. Welche Hand benutzen sie beide?
3. Welchem Verein gehören sie an?
4. Was sind sie von Beruf?
5. Warum empfinden sie ihre Linkshändersein als eine Scham?
6. Warum nennt man sich im Verein “die Einseitigen” statt
“die Linken”?
7. Welche Beziehungen hat der Erzähler zu Monika?
8. Was für eine “Ringgeschichte” erwähnt der Erzähler?
9. Wie endet die Erzählung?
289 SIE G F R IE D L E N Z

Siegfried LENZ
(1926)

Lenz schreibt zeitnahe Romane und Erzählungen, auch Dra­


men und Hörspiele. In seinem erfolgreichsten Roman “Deut­
schstunde” (1968) wird national-sozialistische Vergangenheit aus
der Perspektive eines jungen Menschen dargestellt. In den
P.rzählungen werden meist ethische und soziale Probleme be­
handelt, einige sind humorvoll-satirisch. Romane: “Duell mit dem
Schatten” (1953), “Der Mann im Strom” (1957), “Stadtgespräch”
(1963), “Heimatmuseum” (1978), “Exerzierplatz” (1985).

VORGESCHICHTE

Kannst du dir vorstellen, Christina, daß Bard hier an einem


Sonntagmorgen vor neun Jahren aus dem Bus stieg, fremd und
ohne Gepäck, nicht einmal eine Rückfahrtkarte in der Tasche?1
Aber so war es: er kam an und war da, ein Mann, dem niemand
ansehen konnte, daß sein Lieblingswort “ich” war: unrasiert, in
schäbigem Anzug und mit seinem kleinen infamen Lächeln, das
seine Wünsche offenbarte, bevor er sie aussprach. Ich sah ihn,
che ich seinen Namen kannte; er stand allein auf dem Halte­
platz, nachdem der Bus weitergefahren war, nicht ratlos oder
unglücklich, sondern eher staunend, mit einer gewissen herab­
lassenden Neugierde, wie so ein Mann aus der Metropole eine
Provinzstadt am Sonntagmorgen ansieht. Tatsächlich, Christina,

1 nicht einmal eine Rückfahrtkarte in der Tasche - даже без обратного


оилета в кармане.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 296

ich habe Bard vor allen ändern gesehen, im Augenblick seinef


fast unbemerkten Ankunft, und ich beobachtete, wie er ein Kind
zu sich heranwinkte, ein kleines Mädchen, dem er den Arm uni
die Schulter legte und von dem er sich zum Hotel begleiten ließ*
Dann sah ich ihn eine Woche lang nicht; ich hatte ihn längst
vergessen oder glaubte ihn bereits aus der Stadt,1 als er an un­
sere Tür klopfte. Es war der nächste Sonntag. Ich ging selbst
an die Tür, um zu öffnen, und da stand mein Mann mit seinem
kleinen, infamen Lächeln, grüßte und sah mich sehr lange an
mit unerträglichem Schweigen, und wahrscheinlich gab ich ihm
Grund dazu, indem ich nicht verbergen konnte, daß er mir be­
kannt war. Auch jetzt lag auf seinem Gesicht der Ausdruck ei­
ner vorsichtigen Herablassung, ich spürte eine seltsame Unter­
legenheit, ich hatte Angst. Er trug immer noch denselben An­
zug, ein ungebügeltes Hemd ohne Krawatte, doch das bemerkte
ich kaum oder nur insofern, als seine Kleidung im Gegensatz
stand zu der herausfordernden Sicherheit seines Verhaltens. Ich
sehe noch dies Gesicht vor mir - blaß, weich und ebenmäßig,
und ich höre noch seine Stimme, die geläufige Höflichkeit, mit
der er sich nach Vaters Befinden erkundigte.
Du Wirst es mir nicht glauben, Chrisdna, aber ich spürte da­
mals einen Schauer, einen Schauer von Gewißheit, den vielleicht
nur mein Körper empfand: noch bevor es geschah, kannte ich
die Art seiner Umarmungen und die Zärtlichkeit, zu der er fähig
war. Er wollte Vater sprechen; ich sagte, daß Vater in seinem
Arbeitszimmer sei, darauf wiederholte er seinen Namen und
sah mich an, und ich ging und benachrichtigte Vater, daß Be­
such für ihn da sei. Vater rechnete mit keinem Besuch, er bat
mich, den Mann für den nächsten Tag ins Büro zu bestellen und
schickte mich zur Tür, wo Bard sich alles ohne Enttäuschung
anhörte, mit der vollkommenen Höflichkeit, die er nun mal be­
herrscht, und dann sah er mich wieder freimütig an und fragte
mich schließlich, ob ich vielleicht vergessen hätte, Vater den
' glaubte ihn bereits aus der Stadt - думала, что он уже уехал из города.
SIE G F R IE D L E N Z
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- « X

Namen des Besuchers zu nennen. So ging ich noch einmal ins


Ai beitszimmer, nannte Vater den Namen, und diesmal kam er
selbst an die Tür. Ich sah Vater weder zögern noch erschrek-
kcn, er kam ungeduldig an die Tür, wie um etwas rasch zu regeln,
das ihm lästig war, und ich benutzte diesen Moment, um Bard
klarzumachen, wie wenig willkommen er mir selbst war. Ich
war kaum in meinem Zimmer, da hörte ich, wie Vater Bard herein­
hat und wie beide in das Arbeitszimmer gingen, in dem Vater
sonst niemanden empfing außer Doktor Lund, und ich konnte
mir nicht vorstellen, welch ein Vertrauen es war, das sie ver­
band: Bard war doch nur halb so alt wie mein Vater und vier
Jahre älter als ich.
Sie blieben da unten im Arbeitszimmer den ganzen Vormit­
tag, lautlos und unbemerkt, obwohl seine Anwesenheit im Haus
spürbar war, unsere Stimmen veränderte, unsere Schritte be­
einflußte; sie saßen bei verschlossenem Fenster und herabgelas-
si nen Jalousien, und ich hatte manchmal das Gefühl, daß dort
rm Kampf stattfand, eine geheimnisvolle Auseinandersetzung,
lu i der es um mehr ging als Geld; denn wenn es nur um Geld
gegangen wäre, hätte Vater ihn in sein Büro in der Sparkasse
U-stellt und nicht zwei Stunden seines Sonntagvormittags geopfert,
ei ne Zeit, die er sonst unerbittlich für sich beanspruchte. Sobald
»•me Tür im Haus geöffnet wurde, stürzte ich ans Fenster in der
I loffnung, ihn Weggehen zu sehen, doch ich täuschte mich jedes­
mal: er blieb, und je länger er da war, desto größer wurde mein
Ai g wohn, daß er bei dem, was zwischen Vater und ihm vorging,
gewann oder doch alles zu seinen Gunsten entschied, mit seiner
geläufigen, unergründlichen Höflichkeit und dem kleinen, infa­
men Lächeln. Damals kannte ich ihn ja nicht mehr, als du ihn
lieuie kennst, Christina, aber es genügte anscheinend, um bereits
.ml etwas gefaßt zu sein:1 seine Gegenwart rief eine besondere
l 'in uhe hervor, nicht eine bestimmte Furcht, weißt du, sondern
1aber es genügte anscheinend, um bereits auf etwas gefaßt zu sein - но этого,
•■а нидно, было достаточно, чтобы быть готовым к чему-то неприятному.
иг
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 292

nur Unruhe, und die bestand darin, daß du dir selbst unwillkür­
lich Rechenschaft gabst über das, was du in der vergange­
nen Woche getan hattest.
Es ist verrückt, aber immer, wenn Bard mich so freimütig
anschaute, begann ich damit, mich zu rechtfertigen, und es er­
ging nicht nur mir allein so. Schon an jenem Sonntag erhielt ich
einen Vorgeschmack davon: ich dachte nur an Vater und daran,
was ihn und Bard hätte verbinden können, und unwillkürlich tastete
ich mich durch Vaters Biographie auf der Suche nach einem
Erlebnis oder nach einer Begegnung, erinnerte mich an Namen,
die er genannt hatte - ich fand keinen Anhaltspunkt. Nie war
der Name Bards aufgetaucht, und gerade das machte uns be­
sorgt, ließ uns zu gleicher Zeit eine unbestimmte Bedrohung
empfinden, Mutter nicht weniger als mich: während er dort un­
ten lautlos mit Vater verhandelte, glaubte ich, daß er mit jeder
Minute mehr gewönne, und darum entschloß ich mich, ging hin­
ab, klopfte an die Tür des Arbeitszimmers. Ich mußte mehrmals
klopfen, bis Vater öffnete; dann stand er vor mir in einer Hal­
tung von unabänderlicher Resignation, müde, mitgenommen, mir
einem Blick, der sofort preisgab, was ich in ihm suchte: die Nie­
derlage. Vater hatte verloren, das sah ich, ohne zu wissen, worum
es gegangen war, und ich fand die Bestätigung, als ich Bards
Gesicht im Hintergrund erkannte, das ebenmäßige Treibhaus­
gesicht, das gezeichnet war von den Lichtgittern, die die Ja­
lousien warfen. Und ich erhlielt die letzte Bestätigung, als Vater
tonlos sagte, daß sein Besucher zum Mittagessen bleibe, worauf
sich Bard ironisch-gehorsam verneigte.
Er blieb, Christina, mit einer Selbstverständlichkeit, als seien
wir ihm diese Einladung schuldig gewesen, und ich erinnere mich,
daß er uns während des Essens von einem seiner Freunde in
der Hauptstadt erzählte... Während Bard von diesem Freund
erzählte, beobachtete ich nur Vater, und ich sah, daß er grinste
und sich amüsierte - oder vorgab, sich zu amüsieren, so beflis­
sen, weißt du, qualvoll bemüht; denn er konnte nie etwas an-
293 SIE G F R IE D L E N Z

dcres sein als er selbst, ein gravitätischer Sparkassen- und Bank­


direktor, der nie lachte, auf keinen Witz einging und dafür eine
Überzeugung hatte: in seinen Augen rechtfertigte das Leben
kein Gelächter.
Natürlich, hätte ich ihn fragen können, woher er Bard kannte,
doch ich fürchtete, ihn zu einer Lüge zu zwingen oder in Verle­
genheit zu versetzen, darum sagte ich nichts, obwohl mir diese
plötzliche kindische Heiterkeit auf die Nerven ging. Andererseits
lat mir Vater leid, es wäre dir genauso gegangen, Christina; er
hatte die Heiterkeit eines Geschlagenen, der über die Späße
seines Bezwingers lacht oder lachen zu müssen glaubt, um ihn
hei guter Laune zu halten.
Und in dem Maße, in dem Vater mir leid tat, begann ich Bard
zu hassen, ihn, dem es gelungen war, uns alle zu verändern,
indem er uns zu gewissen Fragen veranlaßte, die uns unter­
gruben. Ich taxierte ihn unaufhörlich, dachte mir Berufe aus,
die er gehabt haben könnte, versuchte mir vorzustellen, wodurch
cs ihm gelungen war, Vater in die Hand zu bekommen - er hatte
ihn offensichtlich in der Hand -, während Mutter allmählich,
nachdem sie ihn lange genug verstohlen gemustert hatte, Ge­
fallen an seiner Höflichkeit und seinen Erzählungen fand und
ihm auffordernd zunickte, mehr Fleisch zu nehmen. Das war
Mutters entscheidende Sympathieerklärung: wenn sie einen Gast
beim Essen aufforderte, mehr Fleisch zu nehmen. Naja, was
ihr an Intelligenz fehlte, hat sie durch Liebe ersetzt. Obwohl er
spürte, wie wenig er mir willkommen war - ich versuchte so
gleichgültig gegen ihn zu sein wie nur möglich, ließ er sich nichts
anmerken. Seine Sicherheit nahm keinen Schaden.1
Auf einmal schien dann Vater das Gefühl zu haben, uns eine
Erklärung schuldig zu sein; er blickte zu Boden, sein Mund zuckte,
und mit leiser Stimme sagte er, daß er sich freue, nach einigen
Jahren Bard wiederbegegnet zu sein, den er auf einer Reise in
1 seine Sicherheit nahm keinen Schaden - его уверенность не была поко-
лсблена.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 294

die Hauptstadt kennengelemt habe, “gemeinsame Ansichten über


verschiedene Probleme verbinden uns”, sagte er. Bard sei hier­
hergekommen, weil er Hilfe brauche; da er, Vater, Bards
Fähigkeiten kenne, falle es ihm leicht, die gewünschte Hilfe zu
gewähren: “Ich habe Bard zu meinem Mitarbeiter gemacht, er
fängt morgen in der Bank an”... So, Christina, lemte ich meinen
Mann kennen.
Du wirst dich wundern, doch am Anfang war ich es, die ei­
niges für Bard unternahm, und nicht nur einiges, sondern alles.
Ich tat es, obwohl ich erfuhr, was mit ihm geschehen war, bevor
er zu uns kam und uns alle veränderte. Vielleicht geschah es
nur, weil ich ihn zunächst so haßte: sein Lächeln, seine herab­
lassende Höflichkeit, vor allem aber seine Art, in der er mit
Väter umging. Bard hatte ihn vollkommen in der Hand, er be­
herrschte ihn, wie er wollte; dennoch verbarg er seine Überle­
genheit und tat unaufhörlich so, als ob er von Vater abhinge.
Natürlich tat Vater mir leid, besonders dann, wenn er mir mor­
gens begegnete mit der Müdigkeit durchwachter Nächte, wenn
er nickte, ohne aufzusehen und wortlos das Haus verließ; doch
am nächsten Abend verachtete ich ihn, als ich sah, mit welch
widerwärtigem Eifer er sich um Bards Wohlbefinden sorgte...
Wir waren deshalb nicht erstaunt, als er uns an einem Morgen
sagte, daß er Bard vorgeschlagen habe, aus dem Hotel auszu­
ziehen und bei uns zu wohnen. Wir waren nicht überrascht.
Mutter ging stillschweigend in das Zimmer hinauf, um den
Einzug vorzubereiten, ich ging fort. Ich hatte nur noch den Wunsch,
herauszubekommen, was sie verband, welch ein Geheimnis es
war, das sie teilten...
Bard arbeitete nun in der Bank, aß bei uns, wohnte bei uns,
und zu all dem hatte er nicht mehr als vierzehn Tage gebraucht:
was ihm noch zu fehlen schien, war ich. Und ich wollte be­
sonders geschickt sein, Christina, glaubte mit aller Klugheit und
Vorsicht handeln zu müssen. Ich fuhr dorthin, woher er gekom­
men war.
295 S IE G F R IE D L E N Z

Du wirst dir denken können, daß ich kein sehr gutes Gefühl
dabei hatte, als ich losfuhr, um in seiner Vergangenheit zu gra­
ben, aber ich mußte erfahren, was es zwischen Vater und ihm
gab und woher Bards Einfluß stammte, ich mußte ihm auf die
Spur kommen. Dieser verdammte Wunsch führte mich schließlich
zu Bard selbst; denn dort, woher er gekommen war, erfuhr ich
nichts, obwohl ich verschiedene seiner Freunde ausfindig machte.
Sie alle schwiegen mit bedeutungsvollem Grinsen, sobald ich sie
nach Bard fragte.. Bard vermied es nicht, mir zu begegnen, aber
es schien ihm auch nichts daran zu liegen: eine gleichgültige,
etwas herablassende Höflichkeit war alles, was er mir entge­
genbrachte. Es hatte den Anschein, als ob er von mir weder
etwas erwartete noch befürchtete.
...Heute weiß ich, daß Bard damals nichts anderes tat als
arbeiten, hartnäckig, umsichtig... Es verließ sich nie auf sein
Glück. Er mißtraute allen Geschenken des Zufalls. Was er gewann
oder eroberte, war immer ein Ergebnis seiner methodischen
Anstrengung; selbst die Aufmerksamkeit, mit der er Mutter be­
handelte, lag ein Plan zugrunde.
Ich weiß nicht, Christina, warum ich so lange brauchte, um
ihn zu stellen1 - wahrscheinlich aber, weil ich mich insgeheim
vor dem fürchtete, was er zu erzählen hatte. Und als es dann
geschah... Bard wollte etwas sagen und wußte nicht wie; denn
sein Gesicht verriet, daß er meine Fragen kannte und Antworten
darauf bereit trug, nicht erst seit jenem Abend. Mag sein, daß
er meine Frage durch mein Schweigen aufnahm, jedenfalls sagte
er, bevor ich den Mund aufgemacht hatte, daß ich besser daran
getan hätte, zu ihm zu kommen, als mich bei seinen Freunden zu
erkundigen - wenn ich schon darauf aus sei, alles über ihn zu
erfahren.
Das sagte er ohne Vorwurf, Christina, auch ohne Spott...Wie
hätte ich mich schließlich ihm gegenüber rechtfertigen sollen

1 um ihn zu stellen - чтобы застигнуть его врасплох.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 296

für meine Reise in seine Vergangenheit, da ich doch nichts in


der Hand hatte... Auf einmal hatte ich keine andere Möglichkeit
mehr, als ihm zuzuhören, seine vorgefaßten Antworten hinzuneh­
men, die ich von seinen Freunden nicht hatte bekommen kön­
nen.
...Bard erzählte mir, nur durch mein Schweigen aufgefordert,
von seinem Unglücksfall, der sein Leben verändert hatte; das
heißt: er nannte es einen Unglücksfall, womit er einen Teil sei­
ner Verantwortung zurückwies. Wahrscheinlich habe ich dir die
Geschichte schon einmal erzählt: der vorgetäuschte Banküber­
fall in der Hauptstadt, bei dem er als Junge mitmachte. Er ließ
die Leute herein, sollte niedergeschlagen und gefesselt werden,
und da der Niederschlag ihm selbst nicht überzeugend genug
schien, brachte er sich eine Kopfwunde bei, die ihn zwang, mehrere
Wochen im Krankenhaus zu liegen. Das nannte er seinen “Un-
glücksfall”, wobei er sich einerseits als Verführten bezeichnete,
andererseits, in geschickter Selbstanklage, als halb Gestrauchelten,
was in mir überraschend eine Art von Teilnahme hervorrief, die
ich einfach nicht erklären konnte. Das ist wirklich etwas, was
Bard beherrscht: die Kunst der Selbstanklage... Wirklich, Chris­
tina, das habe ich bei Bard gelernt: wenn wir das Vertrauen
eines Menschen prompt gewinnen wollen und sich keine andere
Chance bietet, dann ist eine gemäßigte Selbstanklage das beste
Mittel.
Und als Bard mir so von seinem “Unglücksfall” erzählte,
glaubte ich auf einmal sogar ein Gefühl der Dankbarkeit haben
zu müssen. Verstehst du das? Ich sprach ihn für mich nicht nur
frei, sondern fühlte mich ihm verpflichtet, und das führte dazu,
daß ich nicht mehr so viel fragte wie am Anfang.
... Das war die erträglichste Zeit: als wir noch nicht verhei­
ratet waren und ich davon träumte, ihn zu ändern. Natürlich
dachte ich weniger daran, mich ihm anzugleichen, als ihn selbst
dazu zu bringen, gewisse Eigenschaften abzulegen. Ach, Chris­
tina, ich mußte erst lernen, welch eine Anmaßung darin steckt,
297 S IE G F R IE D L E N Z

einen Menschen ändern zu wollen. Einen anderen zu erziehen,


das ist die beste Gelegenheit zur Selbsttäuschung: wir genießen
die hervorgerufenen Veränderungen und übersehen völlig da­
bei, daß auch wir selbst uns ändern. Ich konnte damals Bard nie
sehen, wie er wirklich war, sondern immer nur so, wie ich ihn
laben wollte.
Mir ging es genauso, wie es Mutter gegangen war: auch sie
sah Vater nie, wie er wirklich war. Wenn er unentschlossen war,
zweifelte, wenn er gravitätisch und seufzend das Haus verließ,
lächelte sie mit all ihrer naiven Gläubigkeit und sagte: du schaffst
cs, du hast es doch immer geschafft. Sie konnte sich einfach
keinen Konflikt vorstellen, dem er nicht gewachsen war, kein
Problem, das er nicht meistern würde. Für sie war Vater der
verläßliche, sieghafte, vertrauenswürdige Mann, der durch nichts
unterwandert werden konnte, und weil sie sich ihn so wünschte,
konnte sie an seinem wirklichen Leben nicht teilnehmen. “Du
schaffst es, du hast es doch immer geschafft”: das war ihr gan­
zer Beitrag.
Es war nicht Bard, der zuerst vom Heiraten sprach, sondern
ich, Christina, ich fing davon an und war enttäuscht, weil er
nicht gleich zustimmte und runterging zu Vater. Heute weiß ich,
daß auch sein Zögern und die anfängliche Abwehr zu seinem
IMan gehörten: er machte sich einfach klein, Christina. Er hatte
eine ganz bestimmte Art, sich klein zu machen - wie manche,
die sehr hoch spielen -: er ging nicht so weit, sich als ungeeigneter
(larzustellen, er gab mir nur geschickt zu verstehen, wie wenig
i:tich erwartete, wenn wir verheiratet wären: ein beamtetes Leben,
( i liebliche Verzichte, na, und nicht zuletzt das Unberechenbare
ui ihm selbst. Das war die beste Bestätigung für mich, die ich
hören konnte; denn du weißt ja, wie wir sind: wir wollen gern
etwas in Kauf nehmen, wir brauchen eine Spanne der Überra-
vi iungen, einen Streifen Niemandsland zwischen Mann und Frau.
Wir mißtrauen doch dem Vollkommenen, weil es mitunter etwas
l hi menschliches hat.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 298

Jedenfalls, wir einigten uns, indem ich ihn überzeugte, und


dann ging ich zu Vater, um es ihm beizubringen. Ich erinnere
mich noch genau, ich ging in sein Büro in der Sparkasse, fand
ihn dort sitzen... Ich glaubte, ihm eine Freude zu machen, doch
er sah mich auf einmal an mit ruhigem, beherrschtem Entsetzen,
gerade so, als gäbe es keine Nachricht in der Welt, die für ihn
Schlimmeres bedeuten könnte als meine Heirat mit Bard, aller­
dings lag in seinem Entsetzen auch bereits eine Kapitulation: er
hatte das Unabänderliche erkannt und sich vorzeitig damit ab­
gefunden.
Es war peinlich. Du hättest ihn sehen sollen, wie er sich auf­
richtete, steif und gewichtig..., und dann sagte er nichts anderes
als: “Du mußt es wissen. Viel Glück”. Danach kam er zögernd
hinter dem Schreibtisch hervor, der ihm einen Rest von Schutz
und Sicherheit zu geben schien, legte mir seine Hand auf die
Schulter und küßte mich mit einer verzweifelten Zärtlichkeit: du
weißt nicht, warum. Mein Vater, Christina, der kein Fest aus­
ließ, der überall gesucht war wegen seiner behäbigen Würde -
er gehörte zu jeder Feier wie die Lorbeerbäume in den Kübeln,
schien sich vor dem Fest zu fürchten, das mir galt und doch
auch ihm.
Ich spürte wieder, daß Bard ihn in der Hand haben mußte,
das alte Mißtrauen war wieder da, doch auch unser Mißtrauen
nutzt sich allmählich ab, und so unterließ ich es auch diesmal,
ihn nach seiner Verbindung mit Bard zu fragen. Es war die letzte
Gelegenheit - ich versäumte sie. Vielleicht hätte er mir in seiner
Verzweiflung anvertraut, wozu er sonst nicht den Mut gehabt
hatte, ich weiß es nicht; ich weiß heute nur, daß seine Angst ihn
davor zurückhielt, sich gegen etwas aufzulehnen, was er nicht
nur mißbilligte, sondern sogar haßte. Frag mich nicht, wieviele
Masken er trug; als er mich zur Tür brachte, nahm sein Lächeln
schon wieder zu, und als er sich übers Geländer beugte und mir
nachwinkte, mußte ich annehmen, daß seine erste Reaktion nur
ein Irrtum gewesen war.
299 S IE G F R IE D L E N Z

Er hatte einfach zu viele Möglichkeiten, du wußtest nicht,


woran du dich halten solltest bei ihm...
Jedenfalls brachte er mich so weit, daß ich ihm mehr Zutrauen
mußte, als ihm angenehm sein konnte: schließlich ist dir ja be­
kannt, was auf meiner Hochzeit geschah, wofür er sorgte.
Das war ein Tag, Christina, der nie aufhören wird für mich.
Und ich ahnte es, fühlte es im voraus, daß sich da etwas vor­
bereitete: eine Stimmung entstand, ein Stau; der Tag begünstigte
eine Entladung, es war der Tag, Christina, es war das bevorsteh­
ende Ereignis der Hochzeit, das so befreiend wirkte. Natürlich
war alles vorhanden und angelegt in uns, jeder war seine Möglich­
keit, nur der Stoß fehlte noch.
Mein Hochzeitstag brachte den Augenblick. Ich merkte es
schon am Morgen, als wir beim Frühstück saßen; Vater behan­
delte Bard, wie er ihn nie zuvor behandelt hatte oder zu behan­
deln gewagt hätte: eine erbitterte Ironie, eine agressive Verach­
tung erfüllten ihn; er reizte Bard durch Anspielungen, die wir
nicht verstanden, er gab ihm zu verstehen, daß er nicht beliebt
war bei den Herren der Stadt, er zweifelte an seinen Fähigkeiten,
für eine Familie zu sorgen - nie zuvor hatte Vater so mit Bard
besprochen. Und ich bewunderte Bard. Ich konnte ihm anseh-
cn, wie ihm zumute war; ich wußte, daß er sich hätte wehren
können, wenn er es gewollt hätte, doch er verzichtete darauf, er
■leckte nur ein und schwieg. Er ließ sich nicht verleiten, nicht
herausfordern zu dem, worauf Vater es abgesehen hatte in seiner
Verzweiflung. Ausgerechnet an diesem Tag, scheint mir, hatte
Vater seine wahren Gefühle entdeckt und sich für die Ehrlich-
1eit entschieden; kannst fast den Eindruck haben, daß er in letz-
i‘ t Minute bemüht war, ein Konto an Aufrichtigkeit zu erwer­
ben.
Das war gewiß der Grund, warum er sich weigerte, Bard
nach der Kirche die Hand zu geben und neben ihm zu sitzen
später beim Essen. Sie saßen sich gegenüber, und wenn ihre
harten, wissenden Blicke sich begegneten, schien es mir mitun­
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 300

ter, als ob jeder sich selbst im ändern begegnete. Und als er


dann aufstand zu seinem Trinkspruch... noch heute, Christina,
zieht sich etwas in mir zusammen, wenn ich daran denke, wie
Vater sich erhob mit herabgezogenen Lippen, steifnackig da­
stand und jeden einzelnen musterte, abschätzig und befragend,
bevor er sein Glas hob und in die erwartungsvollen Gesichter
hineinsprach mit seiner Kapitänsstimme, was ich immer hören
werde: “Liebes Kind, liebe Freunde: wer glaubt, sich freuen zu
können, der freue sich; wer anderer Meinung ist, ist auch willkom­
men. Eine Hochzeit ist ein Tag des Abschieds. Prost!”
Ja, das war alles, was er sagte mit gravitätischer Unbestimmt­
heit, und er setzte sich und genoß die allgemeine Verblüffung.
Was mich nur wunderte, war, mit wieviel Haltung Bard dies
ertrug; ich hätte verstehen können, wenn er die Gesellschaft,
das Haus, die Stadt verlassen hätte an diesem Tag...
Aber das Schlimmste stand uns noch bevor, und du weißt,
was ich meine: deine Eltern waren doch auch dabei. Auch deine
Eltern waren im Garten wie wir alle, es regnete einmal nicht,
und zwischen den Bäumen stand ein kaltes Büfett, ...es hatte
den Anschein, als sei durch den trockenen Abend eine genüg­
same Fröhlichkeit aufgekommen. Immerhin kamen einige Leu­
te zu mir und sagten: “Freu dich, dieser Abend ist ein Erfolg.”
...Es wurde getanzt, cs wurde enorm gegessen und getrun­
ken, liegt darin nicht ein Erfolg für die Gastgeber?
Ich konnte mich nicht ständig um Bard kümmern, ich hatte
eine Menge zu tun, doch immer, wenn ich ihn suchte, fand ich
ihn allein im Schatten der Veranda, er lehnte dort rauchend und
bewegungslos, niemand vermißte ihn, niemand zog ihn hinab zu
einer der Cliquen, der kleine Glut der Zigarette im Dunkeln erin­
nerte mich fortwährend daran, daß er ausgeschlossen, nicht akzep­
tiert war - und das an dem Tag, der doch auch ihm gehörte.
Anfangs war ich nur enttäuscht, aber dann hatte ich solch
eine Wut, daß ich beschloß, Vater zu holen, damit er sich um
Bard kümmerte: ich suchte ihn im Garten überall und im Haus,
301 S IE G F R IE D L E N Z

und je länger ich ihn suchte, desto wütender wurde ich, und
schließlich hatte ich den Verdacht, daß er mein Fest verlassen
hatte und in die Stadt gegangen war. Ich fragte alle - niemand
wußte, wo er war, und zuletzt, als ich an Bards Zimmer vor­
beikam, sah ich dies Stück Papier an der Tür kleben, las in Vaters
penibler Handschrift die Worte: Herein, ich bin tot.
Sicher, Christina, es klang wie ein makabrer Witz, doch die
l ur war verschlossen, und als Bard sie gewaltsam öffnete...
Vater war tot. Bard schnitt ihn ab von seinem Gürtel, an dem er
sich erhängt hatte, Bard wollte ihn auffangen, doch Vater stürzte
auf ihn mit seinem ganzen Gewicht, drückte und zwang ihn nieder,
als ob er ihn endlich im Tod überwältigt hätte mit seinen schwe­
ren, schlappen Armen...
Bald jährt sich sein Todestag, bald jährt sich auch der Tag
unserer Hochzeit, den wir nie gefeiert haben. Acht Jahre, Chris-
lina, und vielleicht sollte ich wieder anfangen, mich für die Verbin­
dung zu interessieren, die zwischen Vater und Bard bestand:
was meinst du? In den letzten Jahren vergaß ich es offenbar.
Übrigens läuft Bards Zug jetzt bald ein; ich glaube, ich muß
mich fertigmachen und dann zur Bahn, um ihn abzuholen.
Kommst du mit, Christina?

B E A N T W O R T E N S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Wann sah die Erzählerin Bard zum ersten Mal?


2. Wie sah er aus?
3. Wie empfing Bard ihr Vater?
4. Wo arbeitete ihr Vater?
5. Wo wohnte Bard?
6. Warum wollte die Erzählerin Bards Freunde besuchen?
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 302

7. Was erzählte ihr Bard über seine Vergangenheit?


8. Wie verlief ihre Hochzeit?
9. Was geschah während der Hochzeit?
303 ANNA SEGHERS

Anna SEGHERS
(1900-1983)

Schon in ihrem ersten Werk, der Erzählung “Der Aufstand


der Fischer von St.Barbara” (1928) behandelte A.Seghers in
herb-sachlichem Stil sozialrevolutionäres Geschehen. Sie schrieb
dann Romane über den Terror in der nazional-sozialistischen
Zeit (“Das siebte Kreuz”, 1941), über Emigrantenschicksale
(“Transit”, 1947), die gesellschaftlich-politische Entwicklung seit
Ausgang des 1. Weltkriegs (“Die Toten bleiben jung”, 1949),
wobei sie kunstvoll viele Geschehnisketten verflicht. Mit diesen
und späteren Romanen aus der DDR gilt sie als Hauptvertreterin
des sozialistischen Realismus.

DIE REISEBEGEGNUNG (AUSZÜGE)

Bei der Ankunft in Prag hatte Hoffmann noch ein paar Stunden
Z e it, bevor er das Cafe aufsuchen mußte, in dem er mit dem
unbekannten Freund verabredet war. Gogol hatte ihm geschrie-
Iн и, er wolle gern auf seiner Reise aus Italien nach der Ukraine
mit Hoffmann Zusammenkommen. Er hätte mit großem Genuß
Verschiedenes von ihm gelesen.
Auf der Karte fand Hoffmann die Straße, in der das angege­
b ene Cafe lag. - Wie viele Geschichten er auch in seinem Le­
ben geschrieben hatte und Leserbriefe empfangen, es lockte
ilm besonders stark, diesen Mann zu sehen. Ohnedies lag Dres­
den, wo er manches besorgen mußte, nicht allzuweit von Prag.
A uch Gogol verlor nicht viel Zeit, wenn er von hier aus in sein
e i g n e s Land fuhr. Es mußte grenzenlos sein, dachte Hoffmann,
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 304

nicht zu vergleichen mit seinem eigenen,1 wenn man den Misch­


masch von Herzogtümern und Fürstentümern und Königreichen
und Bischofssitzen ein einziges Reich nennen konnte.2 Aller­
dings schrieben dort die Dichter in ein und derselben Sprache...
Um diese Zeit war das Cafe fast leer. Der Kellner sprach
gut deutsch, und er brachte ihm einen vorzüglichen Kaffee und
Gebäck, das Hoffmann auf der Zunge zerging, und er brachte
ihm deutsche Zeitungen. Hoffmann blätterte ein wenig. Was er
las, verstand er nicht recht, und es war ihm langweilig. Er wußte
nicht, wer dieser Masaryk3 war, der in mancher Zeitung gelobt,
in einer anderen getadelt wurde. Es kümmerte ihn auch gar nicht.
Menschen in seiner Nähe, die kümmerten ihn. Er war immer
begierig, ihr Schicksal aus ihrem Aussehen zu erraten.4 Und
dann ihr Schicksal weiterzudichten in Geschehnissen, die sie
selbst nicht errieten. Die Lebenden tot machen und die Toten
lebendig, das gehörte zu seinem Beruf. Was längst geschehen
war, noch einmal vergegenwärtigen und erraten, was in Zukunft
passieren könnte.
Wer war wohl der junge, magere Mensch, der in der Fen­
sternische saß und schrieb und schrieb? Das Geschriebene las
er wieder, die meisten Zeilen strich er durch. Dann schrieb er
von neuem, völlig benommen,5 das Neue las er lautlos sich
selbst vor, die Lippen bewegend. Dann trank er einen Schluck
Kaffee.
Hoffmann stand auf. Er ging ohne Zögern und Zaudern gera­
dezu in die Fensternische. Er sagte: “Entschuldigen Sie die
Störung. Ich weiß, wie lästig es ist, beim Schreiben gestört zu
1 nicht zu vergleichen mit seinem eigenen - не сравнить с его (страной).
1 wenn man den Mischmasch von Herzogtümern und Fürstentümern und
Königreichen und Bischofssitzen ein einziges Reich nennen konnte - если только
можно назвать единым государством мешанину герцогств, и княжеств,
и королевств, и епископств.
3 Masaryk - Масарик, президент Чехословакии в 1918-1935 гг.
4 ihr Schicksal aus ihrem Aussehen zu erraten - догадываться об их судьбе
по их внешности.
5 völlig benommen - зд.: совершенно отрешенно.
305 AN N A SEG H ERS

werden.' Ich bin selbst Schriftsteller, wenn ich außerdem oft


noch anderes tun muß, um Geld zu verdienen. Seien Sie bitte
nicht böse, daß ich Sie unverblümt frage, was das ist, was Sie
gerade schreiben. Mein Name ist Hoffmann. Ernst Theodor
Amadeus.”
Der junge Mensch war nicht begeistert über die Störung.
Auch nicht erstaunt. Er erwiderte: “Ich habe mich immer ge­
fragt, welche Namen die drei Buchstaben E.T.A. bedeuten. Meine
Zeit, leider, ist wirklich sehr knapp.2 Jetzt ist sie furchtbar knapp.
Ich spreche von meiner Lebenszeit. Denn ich bin arg krank, und
ich bin vielleicht zum letztenmal hier. Ich muß in ein Sanatorium
fahren. Außerdem, als ich noch nicht sehr krank war, kam ich
auch nicht genug zum Schreiben.3 Denn ich mußte mir wie Sie
Geld verdienen. Ich in einer Versicherungsanstalt. Einen Vorna­
men mit drei Buchstaben kann ich nicht bieten. Ich bin einfach
Franz. Franz Kafka.”
“Ach bitte, Herr Kafka”, sagte Hoffmann, “es ist sicher un­
gewöhnlich, wenn ich Sie trotzdem wieder bitte, mir, einem Un­
bekannten, etwas vorzulesen. Vielleicht die paar Zeilen, die Sie
jetzt bei der Durchsicht nicht durchstrichen. Dann merke ich
vielleicht schon, was Sie für eine Art Mensch sind. Nochmals,
verzeihen Sie die Bitte eines Wildfremden”.4
Kafka sagte: “Wieso wildfremd? Ich habe fast alles gelesen,
was Sie schrieben. Sogar “Des Vetters Eckfenster”. Ich glaube,
das war Ihre letzte Geschichte. Manches von Ihnen gefällt mir
gut. Anderes weniger. Ich wünschte mir aber, ich hätte so einen
I .ebensmut wie Sie, so einen Schreibmut. Aber den hab ich nicht,
nein, verzweifelt denke ich: Franz, du bist zum letztenmal hier.

1 ...wie lästig es ist, beim Schreiben gestört zu werden - как тягостно, когда
мешают писать.
2 meine Zeit, leider, ist wirklich sehr knapp - у меня, к сожалению, дей-
i иштельно очень мало времени.
' kam ich auch nicht genug zum Schreiben - я писал слишком мало.
4 verzeihen Sie die Bitte eines Wildfremden - простите эту просьбу co-
мгршенно незнаком ом у человеку.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 30d

Und doch, wie Sie sehen, ich schreibe ein bißchen. Bin noch
mal hier in meinem Cafe und mache mir was vor.” - “Was heißt
denn das: Vormachen?” sagte Hoffmann, “ich hatte mir nichts
vorgemacht. Sondern beschlossen, bis zur letzten Minute zu
schreiben, obwohl oder vielleicht gerade weil es dem Innenmi­
nister lieber gewesen wäre, ich hätte damit aufgehört.”1 . “Was
haben Sie im Leben getan, verehrter E.T.A., wenn Sie nicht
schrieben?”
“Musik liebe ich sehr. Nur Musik hat es fertiggebracht, mich
loszureißen vom Schreiben.2 Außerdem war mir mein Beruf
immer wieder von Nutzen. Früher, als man mich noch zu etwas
zwingen konnte, mußte ich Jura studieren.” - “Ich auch!” rief
Kafka. “Wo haben Sie studiert?” - “In Königsberg.” - “Dort
gab es den Professor Kant?” - “Ich glaube, den gab es. Ich
war aber nie in seinen Vorlesungen. Ich kannte ihn gar nicht.”
“Warum sind Sie jetzt in Prag?” - “Ich bin mit einem Dichter
berabredet. Ein Mann, der mehr kann als ich und vielleicht auch
als Sie. Denn Sie haben mir immer noch nicht meinen Wunsch
erfüllt und mir wenigstens eine halbe Seite vorgelesen. Der Schrift­
steller, der gleich kommen wird, heißt Gogol. Er ist Russe. Er
schrieb einen wunderbar wunderlichen Roman, “Die toten
Seelen”. Kennen Sie dieses Buch?” - “Gewiß!” rief Kafka.
“Und wie ich’s bewundere. Sein Land ist sicher so grenzenlos,
und seine Bewohner sind herrlich und bodenlos im Guten und
Schlechten wie in ihren Wünschen.3 Ich hab mir immer ge­
wünscht, diesen Gogol einmal im Leben zu sehen. Ich liebe auch
viele Geschichten, die er schrieb. “Der Mantel”, “Die Nase”,
sein Theaterstück “Der Revisor”.
1 ...obwohl oder vielleicht gerade weil es dem Innenminister lieber gewesen
wäre, ich hätte damit aufgehört - хотя или, скорее, именно потому, что министр
внутренних дел предпочел бы, чтобы я с этим покончил.
2 nur Musik hat es fertiggebracht, mich loszureißen vom Schreiben - только
музыке удавалось оторвать меня от письма.
3 und seine Bewohner sind herrlich und bodenlos im Guten und Schlechten
wie in ihren Wünschen - а ее жители великолепны и не знают меры в добре
и зле и в своих желаниях.
ANNA SEGHERS
---------------------------------------------------------------------------------- «X
...Ein Fremder war an ihren Tisch getreten. Er hatte die Hände
auf Hoffmanns Schultern gelegt. Er sagte auf französisch: “Sie
sind sicher Hoffmann.” Sie umarmten sich. Schweigend, sehr
aufmerksam sah Kafka der Begrüßung zu. Gogols Gesicht, ob­
wohl er es von der Abbildung kannte, enttäuschte ihn. Es mißfiel
ihm. Gekünstelt einfach kam es ihm vor1 - sein Schnurrbart,
seine spitzen Augen, seine Kleidung mit vielen Knöpfen, als seien
die Augen wie Knöpfe aufgereiht. Er hätte ihn für einen Ober-
lorster gehalten oder irgendeinen Beamten dieser Art, wenn er
nicht gewußt hätte, daß einer der ganz großen Dichter Ruß­
lands vor ihm stand.
ln einem Gemisch von Sprachen unterhielten sich Hoffmann
und Gogol. Kafka verstand ein gut Teil, da er nicht nur Deutsch,
sondern auch Tschechisch sprach und etwas Französisch. Doch
I loffmann war immer besorgt um Kafka, als kenne er ihn seit
Jahren, und übersetzte ihm, was wichtig war. Er sagte dazwi­
schen: “Gogol ist von Reisefieber gepackt.2 Oft bin ich es auch.
IJald ist er in Deutschland zur Kur, bald in der Schweiz. Bald
lalirt er nach Rom, bald nach Paris. Die Sprachen, wo er auch
durchfahrt, scheinen einfach an ihm hängenzubleiben. Unter­
wegs schrieb er an dem Roman von den “Toten Seelen”, dem
großen Kunstwerk.” - Gogol sagte: “In Paris erfuhr ich Pusch-
kms Tod. Die Idee zu diesem Roman hat er mir geschenkt.”
Das sagt er, dachte Kafka, obwohl ihm seine Freunde, Popen
und Adlige, die Liebe zu Puschkin austreiben wollen.
Mit dünnen Lippen fuhr Gogol fort: “Man muß gerecht zu
den Toten sein. Übrigens ist der Roman durchaus nicht wunder-
It.ir. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich die neuen Kapitel
/t i ieißen, denn ich sehe ein, daß sie nicht viel taugen.” - “Nichts
i.uigcn?” riefen Hoffmann und Kafka zugleich.

1 gekünstelt einfach kam es ihm vor - оно показалось ему неестественно


И|>< ч I Ы М .
Gogol ist von Reisefieber gepackt - Гоголя охватила жажда путешествий.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 308

“Das reden Sie sich nur ein”, sagte Kafka, “oder man redet
es Ihnen ein. Die einen loben ein Buch bis zum Himmel, die
anderen lassen daran kein gutes Haar”.1
“Es kommt darauf an, wer es lobt und wer es verdammt.”
Gogol betrachtete Kafka ein wenig spöttisch, als dächte er: Was
ist denn das für ein Bürschlein?
Kafka dachte: Auch ich will nichts übriglassen von meiner
Arbeit, aber aus einem völlig anderen Grund. Man muß sie ver­
nichten, wenn ich gestorben bin. Die Leute werden nur alles
mißverstehen, und ich werde mich nicht mehr wehren können.
Hoffmann betrachtete Gogol aufmerksam, und er dachte:
Warum aber, im Grunde genommen, so viel Wesens um die
Nachwelt?2 Doch dieser Mann wird wirklich die letzten Kapitel
vernichten. Aus Angst vor der Hölle, mit der ihm die Popen
drohen. Ja, wird er. Jetzt ist er ein anderer geworden, als er in
der Zeit war, in der er den Roman schrieb. Warum hat er sich
verändert? Was ist mit ihm los?
Gogol fuhr fort: “Jeder hat Schuld an dem, was er schreibt.
Am Jüngsten Tag muß jeder dafür geradestehen”.3
“Woran sollten Sie schuld sein in diesem Roman?” rief Hoff­
mann, “schuldig nenne ich die, die Sie hindern wollen, die Wahr­
heit zu schreiben. Auch mich hat man oft hindern wollen. Was
die Leute für pure Phantasie halten, kann manchmal auch ein
Stück handfeste Wirklichkeit enthalten. Mir hat man die letzte
Lebenszeit verbittert, weil ich in dem Märchen “Meister Floh”
den Innenminister und seine Gehilfen verhöhnte. Mein Verleger
hat die betreffenden Stellen herausnehmen müssen... Hoffent­
lich werden sie eines Tages in irgendeiner Nachausgabe wieder
eingesetzt.”
1 ...die anderen lassen daran kein gutes Haar - другие разбирают его по
косточкам.
2 warum ... so viel Wesens um die Nachwelt? - почему столько шумихи
вокруг грядущих поколений?
3 Am Jüngsten Tag muß jeder dafür geradestehen - в день Страшного суда
каждый ответит за это.
309 ANNA SEGHERS

Kafka hatte nachdenklich zugehört. Sein Gesicht war fast


schön, als er dachte: Gewiß, jeder ist schuld an dem, was er
schreibt. Jeder von uns muß wahr über das wirkliche Leben
schreiben. Die Schwierigkeit liegt darin, daß jeder etwas an­
deres unter “wahr” und “wirklich” versteht. Die meisten ver­
stehen darunter nur das Derb-Wirkliche.1 Das Sichtbare und
das Greifbare. Sobald die Wirklichkeit in Geträumtes übergeht,
und Träume gehören zweifellos zur Wirklichkeit - wozu sollten
sie denn gehören? -, verstehen die Leser nicht viel.
Hoffmann sagte, als hätte er diese Gedanken gehört: “Die
Leute verstehen nur ihre eigenen Träume. Auch wenn sie diese
Träume vergessen hätten, sie erinnern sich ihrer, wenn sie dar­
gestellt werden.”
Gogol unterbrach ihn: “Was hat denn das Schreiben für ei­
nen Sinn, wenn die Menschen sie nicht verstehen?”
“Es hat keinen Sinn”, sagte Kafka. “Ich schrieb darum meinem
l 'reund, er soll gleich meine Schriften verbrennen, wenn er von
meinem Tod hört. Man würde alles falsch auslegen.2 Nie wird
man meinen Gedanken folgen, den Worten, die ihre Flügel sind,
nie. Nicht, weil ich etwas falsch schrieb. Zum Beispiel mein
Roman “Der Prozeß”. Man wird ihn in Zusammenhang mit ir­
gendwelchem Prozeß bringen, der jeweils die Leute erregt, wenn
ich schon längst tot und stumm bin. Ich weiß, ich bin todkrank.
Iiine Macht, die mir unbekannt ist, hat ihren Prozeß gegen mich
angestrengt, der einen tödlichen Ausgang haben wird. Das ist
mein eigner Prozeß.”
Hoffmann dachte: Vielleicht ist er wirklich dem Tode ausge-
liefert, der junge Mensch, auf den ich hier stieß. Wenn aber
( iogol den besten Teil seines Ichs, sein Werk, vernichten will,
»lann ist der Grund die Angst vor Gottes Gericht, die man ihm
cingeimpfthat.

1 das Derb-Wirkliche - голая (неприкрашенная) действительность.


2 man würde alles falsch auslegen - все может быть истолковано неверно.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 310

Kafka fuhr nachdenklich fort: “Ich mußte auch über die


sonderbare Beamtenschaft schreiben, die im Auftrag einer un­
bekannten Macht über uns verfügt, aber selbst ganz bedeutungslos
ist. Man sieht ihr nicht an, daß sie den Haftbefehl in der Rock­
tasche trägt. Ob ein Nebel über den Augen der Leser liegt oder
über meinem Roman, es kommt nicht klar heraus.”
“Ich glaube, bei mir kommt es klar heraus”, sagte Hoffmann,
“wenn ich auch immerzu aus der Wirklichkeit ins Phantastische
springe. Und es muß auch herauskommen. Wer sonst als wir
kann die Menschen trösten und warnen?
Allerdings, man darf nicht schläfrig lesen, man muß wach,
abtastend lesen, auf der Suche. Nur dann kommt heraus, was
ich meine.”
Gogol sagte in einem Ton, der so aufgesetzt wirkte1 wie der
Schnurrbart in seinem Gesicht: “Ich war einmal eurer Meinung.
Jetzt glaube ich, keiner weiß allein, was Wahrheit ist -” Beide
sahen ihn verblüfft an. Hoffmann lachte auf. “Was ist denn mit
Ihnen passiert, Gogol, seit Sie Ihren Roman schrieben? Ohne
eure widerliche Beamtenschaft, ohne eure Leibeigenschaft konnte
Ihr Seelenhändler gar keine Seelen kaufen.” -
...Gogol sprach weiterhin ziemlich steif: “Puschkin, der hätte
Ihnen zugestimmt. Ein Duelischuß, wie Sie wissen, hat auf Er­
den über ihn entschieden. Wer weiß, ob es dem einzelnen Men­
schen ansteht, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.”
Hoffmann sagte: “Sie haben aber sehr klar zwischen Recht
und Unrecht unterschieden in Ihren Romanen und Novellen”.
“Ihre Novelle “Der Mantel” gefällt mir noch besser als Ihr
großer Roman”, rief Kafka. “Wenn der Geist nachts durch die
Straßen der Stadt fliegt und den satten Herren die schönen
warmen Pelzmäntel von den Schultern reißt!”
“Gerade in dieser Novelle”, sagte Gogol, der plötzlich all seine
Steifheit verloren hatte und in dem Gespräch mit seinen beiden
1 ... der so aufgesetzt wirkte - зд.: который казался таким же йена-
туральным.
311 AN N A SEC H ERS

Gefährten in sein echtes Ich zuriickgekehrt war, “endet die Wirk­


lichkeit plötzlich in einem wilden Flug...”
Er wandte sich plötzlich an Hoffmann: “Wie ich schon sagte,
gefallen mir Ihre Märchen nicht alle gleich gut. Doch oft ent­
zückt mich das Unerwartete, Sonderbare. Ich habe darüber nach­
gedacht, wie Sie an ein winziges Etwas, eine Türklinke, einen
Floh, phantastische Gedanken knüpfen. Ja, aber eins will mir
nicht einleuchten: Wie Sie leichtfertig umgehen mit der Zeit. Sie
setzen die Zeit ein, wie Sie wollen. Etwas geschieht heute, was
ins Gestern gehört, ein anderes Mal ist vor zweihundert Jahren
etwas geschehen, was jetzt erst seine Fortsetzung erlebt. Auch
im Phantastischen, meine ich, herrscht das Gesetz der Zeit.
Ja, nach dem Tode Akakis krallt sich nachts sein Gespenst in
den Mantel des Staatsrats.1 Natürlich geht auch bei mir die
Wirklichkeit ins Phantastische über. Aber dem Ablauf der Zeit
bleibe ich treu. Der arme Akaki hat furchtbar sparen müssen,
um sich sein Mäntelchen anzuschaffen. Durch die Zeit des Sparens
wird Ihnen klar, was der Erwerb und dann der Verlust für ihn
Ivdeutet. Erst wenn er vor Verzweiflung stirbt, spukt sein Geist.”
“Ich aber, ich pfeif auf die Zeit!” rief Hoffmann. “Zum Beispiel
treffen sich in meinem Roman zwei holländische Gelehrte in
I 'rankfurt am Main, obwohl einer schon längst in Utrecht begra­
ben liegt. Er war der erste Gelehrte, der ein Vergrößerungsglas,
die Lupe, erfunden hat. Und ich brauche für meine Erzählung
diese Lupe. Ich wende sogar seine Erfindung als Nachtlupe an,
die im Flohzirkus plötzlich alle winzigen Biester so ungeheuer
vergrößert, daß die Leute, von Schrecken gepackt,2 aus dem
Saal fliehen. Vor dem Gewimmel schrecklich vergrößerten Läuse
und Mücken, die vorher unsichtbar oder winzig waren.

1 nach dem Tode Akakis krallt sich nachts sein Gespenst in den Mantel des
m .« *tsrats - после смерти Акакия ночью его призрак впивается в шинель
< I н е к о го советника.
von Schrecken gepackt - охваченные страхом.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 312

Wir drei, wir säßen hier doch gar nicht beisammen an diesem,
Tisch, wenn wir ernstlich die Zeit einhalten würden.1 War ich
nicht lange vor Ihnen, Gogol, geboren? Und Sie, Gogol, fast hundert
Jahre vor Kafka?”
Kafka sagte halb zu sich selbst: “Die Zeit ist unbedingt ver­
bunden mit meinem Leben und Schreiben. Gesichter brauchen
meine Gestalten nicht, die können die Leser sich selbst ausden­
ken. Mich geht ihr Verhalten an, ihre Gemütsart in einer bestim­
mten Lage... Ich kann mich aber hineindenken, wie es einem
zumut ist, wenn eine rätselhafte Macht einen bedroht.”2
...Gogol sagte: “Als Schuljunge, da saugte ich alles in mich
auf, was ich von den Dekabristen hörte. Und später, als ich
Dichter war, war es nicht eigentlich meine Absicht, zwischen
Recht und Unrecht zu unterscheiden, zwischen arm und reich;
es kam von selbst, wenn ich der Wirklichkeit treu blieb.”
Das sagst du. Dabei wagst du es nicht mehr, dachte Hoff­
mann, deinen Lehrer, deinen Freund Belinski, öffentlich zu tref­
fen. Jetzt hast du Angst, jemand von deinen adligen Freunden
könnte dich mit ihm zusammen sehen.
Er sagte: “Ich flehe Sie geradezu an, nichts zu verändern3 an
Ihrem Buch “Die toten Seelen”, es zeigt für immer und ewig die
Wahrheit über das Leben der Menschen während der Leibeigen­
schaft... Beinah vollkommen erscheint mir die Einheit von Wort
und Inhalt am Ende der “Toten Seelen”.
“Was Sie jetzt Ende nennen”, sprach Gogol dazwischen, “wird
einmal ein Mittelstück sein!”
Hoffentlich nicht, dachte Hoffmann, und Kafka dachte: Es
ist nicht schlecht für die Kunst, wenn du das angeklebte Ende

1 ...wenn wir ernstlich die Zeit einhalten würden - если бы мы строго


придерживались времени.
2 ich kann mich aber hineindenken, wie es einem zumut ist, wenn eine rät­
selhafte Macht einen bedroht - но я могу вдуматься, каково у человека на
душе, когда ему угрожает некая загадочная сила.
3 ich flehe Sie geradezu an, nichts zu verändern... - я Вас просто заклинаю
ничего не менять...
313 AN N A SEG H ERS
•V
verbrennst; was du jetzt als Mittelstück ausgibst, kann dann ewig
der Abschluß bleiben...
“Wir sprachen vorhin von meiner Erzählung “Der Mantel”,
sagte Gogol.
“Darin endet die bittere Wirklichkeit in einer phantastischen
Nacht. In einer meiner anderen Geschichten, “Das Porträt”,
liingt alles gleich mit einer Erfindung an, die übergeht in einen
echten Lebenslauf. - Ein Künstler kauft für seine letzten Rubel
auf dem Newski-Prospekt ein abgeschabtes, altes Porträt. Aus
einem fremdartigen Gesicht sehen ihn durchdringende Augen
an. Er hängt es in sein Atelier. Die Augen verfolgen ihn. Nachts
steigt der Mann aus dem Rahmen. Er verliert eine Geldrolle.1
Als am Morgen der Wirt kommt mit einem Polizisten, um die
Mietschulden zu kassieren,2 entdeckt der Polizist ein paar Geld­
stücke aus der Rolle. -
Der Künstler steht weiterhin vor der Frage: Entweder mie­
test du dir für das Geld, das dir plötzlich zufiel, ein Atelier und
arbeitest hart, wie dein Talent dir gebietet,3 oder du schaffst dir
modische Kleider an und lebst drauflos.
Die ganze übrige Geschichte, versteht ihr, bringt den Lebens­
lauf des Künstlers, der den Verlockungen nachgibt4 und nichts
wird als ein reicher Modekünstler. Zuletzt verfällt er in
krankhaften Geiz.5 Für all das Geld, das ihm noch bleibt, kauft
er voll Haß und Wahnsinn die Bilder auf von begabten Kolle­
gen, und er verbrennt sie.
Das alles könnte auch ohne den phantastischen Anfang eine
gewöhnliche Lebensgeschichte sein, ich aber wollte aus einem
phantastischen Vorgang heraus den Ablauf eines gewöhnlichen
I.cbens entwickeln.”
1 die Geldrolle - сверток с деньгами.
2 um die Mietschulden zu kassieren - зд.: чтобы взыскать задолженность
по оплате квартиры.
3 wie dein Talent dir gebietet - как повелевает тебе твой талант.
4 ...der den Verlockungen nachgibt - который уступает соблазнам.
5 zuletzt verfällt er in krankhaften Geiz - в конце концов он впадает в
болезненную скупость.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 314

Kafka sagte vor sich hin: “Falls durch einen unglückseligen


Zufall nach meinem Tode etwas von meinem Werk übrigbleibt,
wird man sich kaum mehr erinnern, daß ich geboren bin in der
Habsburger Monarchie und dann lebte und starb in der tsche­
choslowakischen Republik. Vielleicht spürt man in allem, was
ich schreibe, etwas von der Qual, von der Unsicherheit, von den
Zweifeln, die eine Zeitwende im Menschen erregt, und auch
meine eigne Todesangst.”
“Die Nähe des Todes hat mich nicht hindern können”, sagte
Hoffmann, “bis zum letzten Moment gegen meinen Feind, den
Innenminister, zu kämpfen.
Um wieder zuriickzukommen, Gogol, auf unser Gespräch über
Greifbares und Phantastisches: Nicht nur Träume und Phanta­
sien gehören zu meiner Welt, auch Vorahnungen und Hoffnun­
gen und Ängste.
Manchmal gelingt es sogar einem Dichter, etwas zu erfin­
den, was das Leben selbst noch nicht verwirklicht hat.”
Kafka sagte nicht mehr vor sich hin, sondern laut über den
Tisch weg: “Man wird mir vorwerfen, meine Welt sei ausweg­
los. Habe ich aber nicht das Recht, wenn mir die Wirklichkeit
ausweglos vorkommt, sie darzustellen, wie ich sie sehe?”
“Höchstens das schmale Stück Wirklichkeit, das Sie selbst
vor sich sehen; niemals die Wirklichkeit als Ganzes”, sprach
Hoffmann erregt, “weil Sie für sich selbst keinen Ausweg seh­
en, sehen Sie auch keinen für andere. Man muß aber nach einem
Ausweg suchen, nach einer Bresche in der Mauer. Wie ein
Gefangener eine sucht, um eine Botschaft durchzustecken von
einem Menschen zum anderen. Ein Lichtpünktchen muß man
aufglänzen sehen. Gewisse dunkle Bilder, zum Beispiel von Rem-
brandt, bekommen erst ihren Sinn durch solche kleinen, richtig
aufgesetzten Lichter.
315 AN N A SEG H ERS

Lesen Sie, was ich schrieb, als mich der Tod schon umzin­
gelt hatte,1 lesen Sie mal eine meiner letzten Geschichten, “Des
Vetters Eckenfenster”.
“Die kenn ich”, sagte Kafka, und er dachte: Dieser Hoff­
mann hat Mut. Mit all seinen Zaubereien, mit all seinem Spuk -
gelähmt, ohne sich bewegen zu können, hat er über sich selbst
wie über einen Dritten geschrieben, der aus dem Eckfenster den
Markt beobachtet und all die Leute, die da unten herumgehen.
“Halt! Halt!” sagte Gogol. “Sie bringen es vielleicht fertig,
sich nicht an den Ablauf derZeit zu halten.2 Sie müssen sich
aber auf jeden Fall an die Wirklichkeit halten.”
“Gewiß”, sagte Hoffmann, “an was sonst? Symbolische oder
phantastische Darstellungen, Märchen und Sagen wurzeln doch
irgendwie in der Wirklichkeit. Genausogut wie greifbare Dinge.
I an richtiger Wald gehört zur Wirklichkeit, doch auch ein Traum
von einem Wald. Entstand das Hexenhäuschen von Hänsel und
( iietel3 vielleicht nicht aus der Wirklichkeit? Ich sage euch: aus
der bittersten Wirklichkeit, als Eltern im Dreißigjährigen Krieg
ihre eigenen Kinder in den wilden Wald schickten, damit sie
nicht vor ihren Augen verhungern”.
Gogol sagte: “Sie haben sehr viel gesprochen. Ich will über
alles nachdenken -”
Er stand auf: “Ich muß leider jetzt gehen, denn ich habe ein
Icsies Reiseprogramm. Es hat mir gutgetan, mit euch zusam­
men zu sein.”
Er rief den Kellner: “Tut mir leid, ich hab kein tschechisches
( КId.”

1 als mich der Tod schon umzingelt hatte - когда смерть уже окружила
М. ПЯ.
’ Sie bringen es vielleicht fertig, sich nicht an den Ablauf der Zeit zu halten
но ш ожно, Вам удается не считаться с течением времени.
' das Hexenhäuschen von Hänsel und Gretel - домик колдуньи из сказки
1 п п ел ь и Гретель” (в обработке братьев Гримм), в которой родители
•и 1 .1 иляют своих детей в лесу, чтобы не умереть всем вместе от голодной
»игр! и.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 316

“Macht nichts,”1 sagte der Kellner, “wir nehmen hier auch


andere Valuta.”
Als ihm aber Gogol auf den Tisch seine Zarenrubel legte,
schüttelte er den Kopf. “Verzeihen der Herr, diese Valuta wird
jetzt nicht mehr gebucht.”2
Hoffmann griff nach seiner Börse, da fiel ihm ein, daß er
auch mit seinen Talern in diesem Cafe nichts anfangen konnte.
Es endete schließlich damit, daß Kafka für alle drei die Rech­
nung beglich. Wie mager er auch bei Kasse war,3 er freute sich,
Gogol und Hoffmann begegnet, ja beide bewirtet zu haben.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wo findet diese Begegnung statt?


2. In welcher Zeitperiode findet sie statt?
3. Konnte solch eine Begegnung in Wirklichkeit stattfinden?
4. Warum hat Anna Seghers für ihre Erzählung gerade diese
Schriftsteller gewählt?
5. Welche Werke von Hoffmann und Kafka kennen Sie?
6. Welche Werke von Gogol werden in dieser Erzählung er­
wähnt?
7. Wie charakterisiert Hoffmann seinen russischen Kollegen
Gogol?
8. Geben Sie den Inhalt der Erzählung von Gogol “Das Por­
trät” wieder.

1 macht nichts - ничего.


2 diese Valuta wird jetzt nicht mehr gebucht - эту валюту больше не
принимают.
3 wie mager er auch bei Kasse war - как бы мало ни было у него денег
317 M A R IE L U IS E K A S C H N IT Z

Marie Luise KASCHNITZ


(1901-1974)

M.L.Kaschnitz schrieb stark autobiographische Lyrik, Erzählun­


gen, Romane, Hörspiele, Betrachtungen. Lyrik: “Dein Schweigen
- meine Stimme” (1962), Romane: “Liebe beginnt” (1933), “Elis-
sa” (1936).

DAS D IC K E K IN D

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als


das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefan­
gen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen,
die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbrin­
gen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber
es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße
wohnten. Und wenn auch die Melirzahl von ihnen gerade nur so
lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm,1 so gab
cs doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu
lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbei­
tete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücher­
wand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht.
Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jeden­
falls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hatte vor,
auszugehen, und war im Begriff,2 einen kleinen Imbiß, den ich
1 Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange blieb, wie der
Umtausch in Anspruch nahm... - и хотя большинство из них оставалось
ровно столько времени, сколько занимал обмен...
2 war im Begriff - собиралась.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 318

mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich
einen Besuch gehabt und dieser mußte wohl vergessen haben,
die Eingangstür zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind
ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den
Schreibtisch niedergestellt hatte und mich umwandte, um noch
etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von viel­
leicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und
schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen
ein Paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch
nicht richtig bekannt vor,1 und weil es so leise hereingekommen
war, hatte es mich erschreckt.
Kenne ich dich? fragte ich überrascht.
Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die
Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit
seinen wasserhellen Augen an.
Möchtest du ein Buch? fragte ich.
Das dicke Kind gab wieder keine Antwort... Ich war es ge­
wohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen
helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie
vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran,
eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bü­
cher aufgezeichnet wurden.
Wie heißt du denn? fragte ich.
Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.
Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.
Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln
nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht
sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog.
Aber ich achtete darauf nicht.
Wann bist du geboren? fragte ich weiter.
Im Wassermann,2 sagte das Kind ruhig.

1 es kam mir bekannt vor - она показалась мне знакомой.


2 der Wassermann - 1) Водолей (созвездие); 2) водяной.
319 M A R IE L U IS E K A S C H N IT Z

Diese Antwort belustigte mich und ich trug sie auf der Karte
ein, spaßerhalb gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder
den Büchern zu.
Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.
Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bü­
cher ins Auge gefaßt,1 sondern seine Blicke auf dem Tablett
ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegte Brote standen.
Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.
Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie
ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen
Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem
ändern zu essen. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen
kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in
seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja
gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an
ihm hat mich abgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches,
fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und
anmaßend war. Und obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm
zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch
keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.
Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun
an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über
meine Schulter weg sagte, lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau
wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann
saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zustande,2
weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie
wenn man etwas erraten soll und errät es nicht, und ehe man es
nicht erraten hat, kann nichts mehr so werden, wie es vorher
war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange,
und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung,
und es fielen mir nur die törichsten Fragen ein.
Hast du noch Geschwister? fragte ich.
1 ...gar nicht die Bücher ins Auge gefaßt - смотрит совсем не на книги.
2 und brachte nichts zustande - и ничего не выполнила.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 320

Ja, sagte das Kind.


Gehst du gern in die Schule? fragte ich.
Ja, sagte das Kind.
Was magst du denn am liebsten?
Wie bitte? fragte das Kind.
Welches Fach, sagte ich verzweifelt.
Ich weiß nicht, sagte das Kind.
Vielleicht Deutsch? fragte ich.
Ich weiß nicht, sagte das Kind.
Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs
etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes
in gar keinem Verhältnis stand. i
Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.
О ja, sagte das Mädchen.
Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.
Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem
haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine j
Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte e s !
jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, \
von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich
doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte
darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an ZU;
essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem:
inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm.
Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind
mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes,;
weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich,
als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich
setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das
Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trä­
gen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde,
es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe
der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr.
Was willst du von mir, dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich:
321 M A R IE L U IS E K A S C H N IT Z

hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu
stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich
es nicht aus dem Zoimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm,
und wieder auf dieselbe grausame Art.
Gehst du jetzt aufs Eis, fragte ich.
Ja, sagte das dicke Kind.
Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf
die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen
hatte.
Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder er­
schien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer
und wieder beachtete ich ihn nicht.
Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?
Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz
dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir
auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter
kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer
und singt.
Und du? fragte ich.
Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.
Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.
Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch
vom obersten Sprungbrett Sie macht einen Kopfsprung, und dann
schwimmt sie weit hinaus...
Was singt deine Schwester denn? fragte icn neugierig.
Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht
Gedichte.
Und du? fragte ich.
Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und
sagte, ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es
legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was
ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen,
einen unhörbaren dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte
1 1 . Читаем п о-н ем е ц к и
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И ъгг

ich, aber es war mir nicht ernst damit,1 und das Kind sagte!
nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war
es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen.
Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte,2
lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen
Mantel an. Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und er­
reichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die
nächste Ecke verschwand.
Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft,
dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß3 auf
dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um
das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.
Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind'
zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein.
Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit ver­
bracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während
ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht
mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die
vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch
plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewe- !
sen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten und mit
so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte
und am Himmel große Wolken ihres Weges zogen. Wir kamen
von der Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten ,
umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und
dann verswchwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung
hinab.4 Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor
mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde
Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz
anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich
1 es war mir nicht ernst damit - но я сказала это не всерьез.
2 aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte - но еще прежде
чем я услышала, как захлопнулась дверь квартиры.
3 der Fettkloß - зд.: жирная туша.
4 ...tauchte eine Böschung hinab - вновь появилась под откосом.
323 M A R IE L U IS E K A S C H N IT Z

geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden


wären:1 er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umge­
ben und sah genau wie in meiner Kindheit aus.
Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das
Iremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich
es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das
andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am
Fuß festzuhalten, während es mit der ändern den Schlüssel herum­
drehte. Der Schlüssel fiel ein paar Mal herunter, und dann ließ
sich das dicke Kind auf alle viere fallen und rutschte auf dem
Eis herum2 und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus.
Überdem wurde es immer dunkler... Mach doch schnell, rief ich
ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht
auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des
langen Dampfersteges3jemand winkte und “Komm Dicke” schrie,
jemand, der dort seine Kreise zog,4 eine leichte, helle Gestalt.
Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin,
die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich
war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt
hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich
aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder
schwebten.5 Denn nun begann mit einem Mal dieses seltsame
Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint,
che die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin
wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie und die Kinder hörten
sie nicht.
1 ...der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut
worden wären - озеро, о котором я думала, что его берега за это время уже
нее застроены .
2 dann ließ sich das dicke Kind auf alle viere fallen und rutschte auf dem Eis
herum - и тогда толстый ребенок опускался на четвереньки и ползал по
с негу.
3 der Dampfersteg - сходни парохода.
4 jemand, der dort seine Kreise zog - кто-то, кто выписывал там свои
круги (на коньках).
5 ...wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten - но
н также осознала опасность, которой подвергались дети.

Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 324

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die
Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht,
sie wäre nicht mit ihren kratzigen unbeholfenen Stößen immer
weiter hinausgestrebt,1 und die Schwester draußen hätte nicht
gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze
ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Ach­
ter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen ver­
mieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch
zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch
aufgerichtet und wäre nicht davongeglitten, fort, fort, einer der
kleinen einsamen Buchten zu...
Ich konnte das Gesicht des dickes Kindes sehen, das einen
dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte
auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen
wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäu­
mendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter
dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der
Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur weni­
ge Armlängen vor dem Ende des Stegs.
Ich muß gleich sagen, daß dieses Eisbrechen kein lebens­
gefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und
die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch
ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter
tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich, aber wenn sie
nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den
Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr
dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird
es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht
schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur
ein paar unbeholfene Bewegungen machte, und das Wasser
strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach.
1sie wäre nicht mit ihren kratzigen unbeholfenen Stößen immer weiter hinaus-
gestrebt - она бы не стремилась все дальше своими скребущими бес­
помощными толчками.
3*5 M A R IE L U IS E K A S C H N IT Z

Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich
spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen und rührte
mich nicht.
Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt
vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken er­
schienen war, konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem
Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch
nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leiden­
schaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken,
alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß
der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das
Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein
Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da
aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die
Hände aus und begann sich heraufzuziehen... Sein Körper war
zu schwer, und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück,
aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und es war ein
langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Ver­
wandlung, wie das Ausbrechen einer Schale oder eines Gespin­
stes,1 dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl
helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu
helfen2- ich hatte es erkannt...
An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich
nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin
erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen
und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe
es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch
durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes
Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid
mit Stehkragen, mit hellen wässrigen Augen und sehr dick.

1 wie das Ausbrechen einer Schale oder eines Gespinstes - как прорывание
оболочки или паутины.
2 aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen - но я знала, что
больше не должна помогать ему.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 326

BEAN TW O RTEN SIE FOLGENDE F R A G E N :

1. Wann spielt sich die Handlung der Erzählung?


2. Wozu kamen zur Erzählerin die Kinder aus der Nachbar­
schaft?
3. Was wollte sie tun, als das dicke Kind kam?
4. Wie benahm sich das Kind?
5. Wie sah es aus?
6. Welche Gefühle rief das dicke Kind bei der Erzählerin
hervor?
7. Wohin ging das Kind dann?
8. Warum folgte ihm die Erzählerin?
9. Wie war das Wetter geworden?
10. Wer lief Schlittschuh am See?
11. Was geschah mit dem dicken Kind?
12. Wer war dieses Kind in Wirklichkeit?
327 C H R IS T A W O L F

Christa WOLF
(1929)

Ihre Romane “Der geteilte Himmel” (1964) und “Nachden­


ken über Christa T.” (1969), die die menschliche Situationen im
geteilten Deutschland schildern, wurden inner- und außerhalb
der DDR viel beachtet; später wandte sie sich dem Thema
Nationalsozialismus (“Kindheitsmuster”, 1977) sowie dem der
künstlerischen Existenz zu (Erzählung “Kein Ort. Nirgends”,
1979).

DER G E TE ILTE H IM M E L (AUSZÜGE)

Als er damals vor zwei Jahren in unser Dorf kam, fiel er mir
sofort auf. Manfred Herrfurth. Er wohnte bei einer Verwandten,
die vor niemandem Geheimnisse hatte. Da wußte ich bald so
gut wie jeder andere, daß der junge Mann ein studierter Chemiker
war und daß er sich im Dorf erholen wollte. Vor seiner Dok­
torarbeit, unter der dann stand: „Mit Auszeichnung“. Ich hab’s
selbst gesehen. Aber das kommt später.
Wenn Rita, die mit Mutter und Tante in einem winzigen Häus­
chen am Waldrand lebte, früh ihr Rad bergauf bis zur Chaussee
schob, stand der Chemiker halbnackt bei der Pumpe hinter dem
Haus seiner Kusine und ließ sich das kalte Wasser über Brust
und Rücken laufen. Rita sah prüfend zu dem blauen Himmel
hoch, in das klare Morgenlicht, ob es angetan war, einem über­
arbeitenden Kopf Entspannung zu geben.
Sie war zufrieden mit ihrem Dorf: Rotdächrige Häuser in
kleinen Gruppen, dazu Wald und Wiese und Feld und Himmel in
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 328

dem richtigen Gleichgewicht, wie man sich’s kaum ausdenken


könnte. Abends führte aus dem dunklen Kreisstadtbüro eine
schnurgerade Straße mitten in den untergehenden Sonnenball,
und rechts und links von dieser Straße lagen die Ortschaften.
Wo der Pfad in ihr eigenes Dorf abzweigte, stand dieser Chemiker
an der windzerrupften Weide und hielt seine kurzen Haarstop­
peln in den lauen Abendwind.
Die gleiche Sehnsucht trieb sie in ihr Dorf und ihn an diese
Chaussee, die zur Autobahn und, wenn man will, zu allen Straßen
der Welt führte.
Wenn er sie kommen sah, nahm er seine Brille ab und be­
gann sie sorgfältig mir einem Zipfel seines Hemdes zu putzen.
Später sah sie ihn langsam auf den blauschimmernden Wald
zugehen, eine große, etwas dürre Gestalt mit zu langen Armen
und einem schmalen, harten Jungenkopf. Dem möchte man seinen
Hochmut austreiben. Den möchte man sehen, wie er wirklich
ist. Das prickelt sie.
... Aber Sonntag abends im Gasthaussaal fand sie, daß er
älter und härter aussah, und ihr sank wieder die Mut. Den gan­
zen Abend sah er zu, wie die Jungen aus dem Dorf sie herum­
schwenkten. Der allerletzte Tanz begann, man öffnete schon
die Fenster, und frische Luftschleusen zerteilten den Rausch­
vorhang über den Köpfen der Nüchternen und Betrunkenen.
Jetzt endlich trat er zu ihr und führte sie in die Mitte. Er tanzte
gut, aber unbeteiligt. Er sah sich nach anderen Mädchen um
und machte Bemerkungen über sie.
Sie wußte, am nächsten Tag fuhr er in aller Frühe zurück in
die Stadt. Sie wußte, er kriegt es fertig,1 nichts zu sagen, nichts
zu tun, er ist so. Ihr Herz zog sich zusammen vor Zorn und
Angst. Plötzlich sagte sie in seine spöttischen und gelangweilten
Augen hinein: „Ist das schwer, so zu werden, wie Sie sind?“
Er kniff bloß die Augen zusammen.

1 Er kriegt es fertig - он с этим справится.


329 C H R IS T A W O L F

Wortlos ergriff er ihren Arm und führte sie hinaus. Schweigend


gingen sie die Dorfstraße hinunter. Rita brach eine Dahlie ab,
die über einen Zaun hing. Eine Sternschnuppe fiel, aber sie wün­
schte sich nichts. Wie wird er es anstellen, dachte sie.
Da standen sie schon an der Gartenpforte, langsam ging sie
die wenigen Schritte bis zu ihrer Haustür - ach, wie stieg ihre
Angst bei jedem Schritt! - schon legte sie die Hand auf die
Klinke, da sagte er in ihrem Rücken, gelangweilt und spöttisch:
„Können Sie sich in einen wie mich verlieben?“
,Ja “, erwiderte Rita.
Sie hatte keine Angst mehr, nicht die mindeste. Sie sah sein
Gesicht als helleren Fleck in der Dunkelheit, und genauso mußte
er das ihre sehen. Die Klinke wurde warm von ihrer Hand, die
eine Minute, die sie noch so dastanden. Dann räusperte er sich
leise und ging. Rita blieb ganz ruhig an der Tür stehen, bis seine
Schritte nicht mehr zu hören waren.
Nachts lag sie ohne Schlaf, und am Morgen begann sie auf
seinen Brief zu warten, staunend über diese Wendung der Dinge,
aber nicht im ungewissen über ihren Ausgang. Der Brief kam
eine Woche nach jenem Dorftanz. Der erste Brief ihres ganzen
Lebens, nach all den Aktenbriefen im Büro, die sie überhaupt
nichts angingen.
„Mein braunes Fräulein“, nannte Manfred sie.
... Rita, neunzehn Jahre alt und oft genug mit sich selbst un­
einig, weil sie sich nicht verlieben konnte wie andere Mädchen,
mußte nicht erst lernen, einen solchen Brief zu lesen. Auf ein­
mal zeigte sich: Die ganzen neunzehn Jahre, Wünsche, Taten,
Gedanken, Träume, waren zu nichts anderem dagewesen, als
sie gerade für diesen Augenblick, gerade auf diesen Brief vor­
zubereiten. Plötzlich war da eine Menge von Erfahrung, die sie
gar nicht selbst gesammelt hatte. Wie jedes Mädchen war sie
sicher, daß vor ihr keine und keine nach ihr gefühlt hatte und
fühlen konnte, was sie jetzt empfand. Sie trat vor den Spiegel.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 330

Sie war rot bis in die braunen Haarwurzeln, gleichzeitig lächelte


sie, auf neue Weise bescheiden, auf neue Weise überlegen.
Sie wußte, es war genug an ihr, was ihm gefiel und immer
gefallen würde.

* * *

Rita weiß seit ihrem fünften Jahr, daß man immer auf eine
plötzliche Veränderung des ganzen Lebens gefaßt sein muß.
Dunkel erinnert sie sich an ihre frühe Kindheit in einem blaugrünen
hügligen Land, an das Auge des Vaters mit dem eingeklemmten
Vergrößerungsglas, an den feinen Pinsel in seiner Hand, der
flink und genau winzig kleine Muster auf Mokkatassen malte,
aus denen Rita niemals einen Menschen trinken sah.
Ihre erste große Reise fiel fast genau mit dem Ende des
Krieges zusammen und führte sie inmitten trauriger, wütender
Menschen für immer fort aus den böhmischen Wäldern. Die
Mutter wußte eine Schwester des Vaters in einem mitteldeut­
schen Dorf. An ihre Tür klopften sie eines Abends wie Schiff­
brüchige. Sie fanden Einlaß, Bett und Tisch, ein enges Zimmer
für die Mutter, eine weißgetünchte Kammer für Rita. Und sooft
die Mutter in der ersten Zeit sagte: Hier bleibe ich nicht, nie und
nimmer! - sie blieben, an die allgemeine Not und an die unsinni­
ge Hoffnung gefesselt, eines Tages werde doch eine Nachricht
vom Vater, der an der Front vermißt war, dieses sichere kleine
Haus erreichen.
Wie die Hoffnung schwand und an ihre Stelle Trauer trat,
dann schmerzende Erinnerung, vergingen die Jahre. Rita lernte
in diesem Dorf lesen und schreiben, sie lernte die Abzählreime
der einheimischen Kinder und die altüberlieferten Mutproben
am Bach. Die Tante war trocken und genau, ihr Leben, an dieses
Häuschen gekettet, hatte ihr großes Glück und großes Unglück
versagt, hatte ihr jeden Tropfen Sehnsucht ausgesogen und zu­
letzt sogar den Neid auf andere in ihr getilgt. Sie pochte auf ihr
331 CH RISTA W OLF

Besitzrecht an den zwei Stuben und der Kammer, aber sie liebte
das Kind auf ihre Weise.
Den Platz auf dem Herd und die Liebe des Kindes zu teilen,
kostete der Mutter mehr Kraft, als sie Rita ahnen ließ. Rita war
anhänglich und aufgeschlossen, jedermann war freundlich zu
ihr, jedermann glaubte sie zu kennen. Aber worüber sie sich
wirklich freute und woran sie wirklich litt, das zeigte sie keinem.
Der junge Lehrer, der später in ihr Dorf kam, sah, daß sie oft
einsam war. Er gab ihr Bücher und nahm sie auf seine Streif­
züge in die Umgebung mit. Er wußte auch, was es ihr kostete,
die Schule zu verlassen und in dieses Büro zu gehen. Aber sie
blieb starrsinnig bei ihrem Entschluß. Uiretwegen hatte die Mutter
auf den Feldern und dann in der Textilfabrik gearbeitet. Da sie
krank war, hatte nun ihre Tochter die Pflicht, für sie zu sorgen.
„Sie werden’s noch manchesmal schwer haben“, sagte der Lehrer.
Er war wütend auf sie.
Rita war damals siebzehn Jahre alt. Starrsinn ist gut, wenn
man gegen sich selbst angehen muß, aber ewig hält er nicht vor.
Etwas anderes ist es, mutig einen unangenehmen Entschluß zu
fassen, ein Opfer, meinetwegen - etwas anderes, dann Tag für
Tag in einem engen Büro zu sitzen, allein (denn wieviel Ange­
stellte brauchte schon so eine kleine ländliche Zweigstelle von
einer großen Versicherung?); tagtäglich Zahlenreihen in end­
lose Listen zu schreiben und mit immer den gleichen Worten
immer die gleichen säumlichen Zahler an ihre Pflichten zu erin­
nern. Gelangweilt sah sie die Autos kommen, denen anleitende,
lobende, tadelnde Männer für ihr Büro entstiegen - immer die
gleichen. Gelangweilt sah sie sie wieder wegfahren.
Einst hatte der junge, blasse, begeisterte Lehrer ihre Ansprüche
an das Leben bestärkt: Sie erwartete Außerordentliches, außer­
ordentliche Freuden und Leiden, außerordentliche Geschehnisse
und Erkenntnisse. Das ganze Land war in Unruhe und Auf­
bruchstimmung (das fiel ihr nicht auf, sie kannte es nicht anders);
aber wo blieb einer, der ihr half, einen winzigen Teil dieses großen
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 332

Stromes in ihr eigenes kleines, wichtiges Leben abzuleiten? Wer


gab ihr die Kraft, einen bösen blinden Zufall zu korrigieren? -
Schon bemerkte sie an sich mit Schrecken Zeichen der Gewöh­
nung an den einförmigen Ablauf ihrer Tage.
Wieder wurde Herbst. Zum drittenmal sollte sie Zusehen, wie
die Blätter von den zwei mächtigen Linden vor ihrem Bürofen­
ster fielen. Manchmal schien ihr das Leben dieser Bäume ver­
trauter als ihr eigenes. Oft dachte sie: Niemals krieg ich von
diesem Fenster aus noch was neues zu sehen. In zehn Jahren
hält das Postauto noch hier, Punkt zwölf Uhr mittags, dann wer­
den meine Fingerspitzen staubtrocken, ich wasche mir die Hände,
noch ehe ich weiß, daß ich essen gehen muß.
Tagsüber arbeitete Rita, abends las sie Romane, und ein Gefühl
der Verlorenheit breitete sich in ihr aus.
Da traf sie Manfred, und auf einmal sah sie Sachen, die sie
nie gesehen hatte. Dieses Jahr verloren die Bäume ihre Blätter
in einem Feuerwerk von Farben, und das Postauto verspätete
sich manchmal um schreckliche Minuten. Eine feste, zuverläs­
sige Kette von Gedanken und Sehnsüchten band sie wieder an
das Leben. In dieser Zeit gab sie sich zufrieden, wenn sie Man­
fred wochenlang nicht sah. Sie kannte keine Langeweile mehr.
Dann schrieb er, Weihnachten werde er kommen. Rita er­
wartete ihn an der Bahn, obwohl er es sich verbeten hatte.
„Ach“, sagte er. „Das braune Fräulein mit brauner Pelzmütze.
Wie in einem russischen Roman.“
Sie gingen die paar Schritte bis zur Omnibushaltestelle und
blieben vor einem Schaufenster stehen. Es zeigte sich: In Brie­
fen kann man leicht „Sie“ zueinander sagen und dabei doch ganz
vertraut werden, weit weniger leicht aber in Wirklichkeit.
„Sehen Sie“, sagte er schließlich - und für eine Sekunde packte
sie die Angst, sie könnte ihn schon jetzt, für immer, enttäuscht
haben - „das hab ich vermeiden wollen. Im Schneematsch stehen,
auf Gießkannen und Kinderbadewannen starren und nicht wis­
sen, wie’s weitergehen soll.“ „Wieso denn?“ sagte Rita. Sie lernte
333 C H RISTA W OLF

wirklich rasend schnell, wenn sie mit ihm zusammen war. „Wir
lassen den Roman einfach ablaufen.“
„Zum Beispiel?“ fragte er gespannt.
„Zum Beispiel sagt die Heldin jetzt zum Helden: Komm, wir
steigen in den blauen Bus ein, der da gerade um die Ecke biegt.
Dann bring ich dich nach Hause, und du kommst mit mir zu
meinen Leuten, die noch keine Ahnung haben, daß es dich gibt,
und die dich kennenlernen müssen, damit sie dich zur Weih­
nachtsgans einladen können. Genug Handlung für einen Tag?“
In der Schaufensterscheibe begegnete sie seinen Blick.
„Genug“, sagte er überrascht. „Übergenug. Das hast du gut
gemacht...“
Sie lachten ein bißchen und stiegen dann in den blauen Bus
ein, der vor der Schaufensterscheibe hielt, und sie brachte ihn
zu seiner Kusine, und er begleitete sie zu ihren Leuten, die fast
keine Ahnung hatten, daß es ihn gab, und die ihn minutenlang
schweigend musterten. Sehr männlich, dachte die Tante, aber
zu alt für das Kind. Ein Chemiedoktor, dachte die Mutter. Wenn
er sie nimmt, hat sie ausgesorgt, und ich kann beruhigt sterben.
Und beide sagten gleichzeitig: „Kommen sie Weihnachten zum
Gänsebraten?“
Wenn Rita heute daran denkt: Weihnachten in dem verschneiten
Dörfchen - denn zu Heiligabend war Schnee gefallen, wie es
sein muß - und sie gingen ganz still, Arm in Arm, die einsame
Dorfstraße hinunter, dann fragt sie sich: Wann war es noch ein­
mal so? Wann kann es noch mal so sein? Die beiden Hälften
der Erde paßten ganz genau ineinander, und auf der Nahtstelle
spazierten sie, als wäre es nichts.
Vor ihrer Haustür zog Manfred einen schmalen silbernen
Armreifen aus der Tasche und gab ihn ihr, ungeschickter, als er
je einem Mädchen etwas geschenkt hatte. Rita hatte längst be­
griffen, daß ein für allemal sie die Geschicktere sein mußte. Sie
zog ihre Hände aus den dicken Wollhandschuhen, die in den
Schnee fielen, und legte sie an Manfreds kalte Wange. Er hielt
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 334

ganz still und sah sie an. „Warm und weich und braun“, sagte er
und blies ihr die Haare aus dem Gesicht. Das Blut schoß ihm in
die Augen, er blickte weg.
„Sieh mich ruhig an“, sagte sie leise.
„So?“ fragte er.
„So“, erwiderte Rita.
Sein Blick hatte sie getroffen wie ein Stoß. Den ganzen Abend
lang mußte sie verbergen, daß ihre Hände zitterten, dann hatte
er es doch gemerkt und lächelte, und sie verdachte ihm das
Lächeln, obwohl sie ihn weiter und weiter ansehen mußte. Sie
war ein wenig zu lebhaft, aber die Tante und die Mutter hatten
nie erfahren oder längst vergessen, wie ein Mädchen beklem­
mende Liebe zu verbergen suchte. Sie sorgten sich um das Gelingen
des Bratens.
Später hob man die Gläser und trank einander zu. „Auf Ihr
Examen“, sagte die Mutter zu Manfred. „Daß alles gur geht.“ -
„Auf die lieben Eltern“, versuchte es die Tante. Sie hatte bis
jetzt zu wenig von dem jungen Mann erfahren.
„Danke“, sagte er trocken. Rita könnte heute noch lachen
über sein Gesicht. Er war damals neunundzwanzig Jahre alt und
eignete sich ein für allemal nicht für den liebevollen Schwieger­
sohn. Er sagte: „Heut nacht hab ich geträumt, wir feiern zu Hause
Weihnachten. Mein Vater, hab ich geträumt, hebt sein Glas und
trinkt mir zu. Da hab ich - im Traum! - alle Teller und Gläser,
die ich zu fassen kriegte, nacheinander an die Wand geschmis­
sen.“
„Mußt du die Menschen so erschrecken?“ fragte Rita ihn
später an der Gartenpforte.
Er zuckte die Achseln. „Warum erschrecken sie?“
„Dein Vater...“
„Mein Vater ist ein deutscher Mann. Im ersten Krieg hat er
durch den Verlust eines Auges für den zweiten vorgesorgt. So
macht er’s heute noch: Opfere ein Auge, behalte das Leben.“
„Du bist ungerecht.“
335 C H R ISTA W OLF

„Läßt er mich in Ruhe, laß ich ihn auch. Zutrinken darf er


mir nicht mal im Traum. Warum wollen sie nicht wahrhaben,
daß wir alle ohne Eltern aufgewachsen sind?“
Zu Neujahr waren sie in einer kleinen Herberge im nahen
Vorgebirge. Sie fuhren Nachmittags auf Skiern die Hänge ab,
und abends feierten sie mit den anderen Herbergsbewohnern -
alles junge Leute - den Anbruch dieses neuen Jahres: 1960.
Rita erfuhr, wie dieser spöttische kalte Mensch sich danach
sehnte, unspöttisch und warm zu sein. Er überraschte sie nicht,
und doch weinte sie etwas vor Erleichterung. Er wischte ihr
brummelnd mit den Fingern die Augen trocken, sie trommelte
mit den Fäusten auf seine Brust, erst sacht, dann wütend. „Na“,
sagte er leise, „was trommelt man?“
Da weinte sie stärker.
Später drehte sie sein Gesicht zu sich herum und suchte im
Schneelicht, das durch das Fenster fiel, seine Augen.
„Hör mal“, sagte sie. „Wenn du nun nicht damals diesen letz­
ten Tanz mit mir getanzt hättest? Wenn ich nicht diese komische
Frage gestellt hätte? Wenn du geschwiegen hättest, als ich schon
ins Haus gehen wollte?“
„Nicht auszudenken“, sagte er. „Aber ich hab mir alles vorher
ausgedacht.“

* * *

Die Wochen zwischen den Sonntagen dehnten sich zäh, manch­


mal fielen ein paar Tränen auf seine Briefe. Einmal kam ein
verwunderter Ausdruck in ihr Gesicht, als ihre Mutter sie dring­
lich fragte: „Bist du glücklich, Kind?“
Glücklich? Sie fühlte, daß sie lebte wie nie vorher. Manfred
verstand besser, als Rita selbst, was an ihrer Liebe Besonderes
war... An dieses Mädchen band ihn das erste Wort, das sie zu
ihm sagte. Er war getroffen, auf unzulässige, fast unwürdige
Art im Innersten verwundet. Einige unentschiedene Wochen lang
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 336

versuchte er, sich zu lösen, bis er einsah, daß dies nicht in seiner
Macht lag.
Er war mißtrauisch. Er prüfte Rita auf verschiedene Weise.
Sie bestand jede Probe, lächelnd und unbewußt. Gerade daß sie
ihre Vorzüge nicht kannte, gewann ihn, der alles an ihr für sie
beide entdeckte. Er war wütend, daß sie Hoffnungen weckte,
die er begraben hatte. Dann gab er sich zögernd der Hoffnung
hin...
Das Leben hat vor ihnen gelegen, und sie hatten darüber zu
befinden. Alles war möglich, nur daß sie sich wieder verloren,
war unmöglich.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN :

1. Wohin führte die erste große Reise im Leben von Rita?


2. Wer gehörte zu Ritas Familie?
3. Beschreiben Sie das Dorf, in dem Rita lebte.
4. Hatte Manfred Herrfurth Verwandte in Ritas Dorf?
5. Was war Manfred von Beruf?
6. Wo arbeitete Rita?
7. Wohin fuhr sie jeden Morgen?
8. Warum ist Manfred ihr aufgefallen?
9. War Rita mit ihrem alltäglichen Leben zufrieden?
10. Wie veränderte sich ihr Leben, nachdem sie Manfred
kennengelemt hatte?
11. Was für ein Geschenk hat Rita von Manfred zum Weih­
nachten bekommen?
337 ALF R E D A N D E R SC H

Alfred ANDERSCH
(1914-1980)

Thema Anderschs Romane, Erzählungen und Hörspiele ist


der Ausbruch aus der Unfreiheit, so die Flucht aus dem natio­
nal-sozialistischen Deutschland in “Sansibar oder der letzte
Grund” (1957). Nach 1945 Mitherausgeber der Zeitschriften
“Der R uf’ und “Texte und Zeichen”. Romane: “Die Kirschen
der Freiheit” (1952), “Die Rote” (1960), “Efraim” (1967), ‘Win­
terspelt” (1974).

TOCHTER

Herr Dr. med. Richard Wenger, Leiter der Röntgen-Abtei­


lung einer Klinik in Davos, und seine Tochter Therese kamen
gegen elf Uhr vormittags in Calais1 an. Sie hatten den Schnell­
zug genommen, der Basel um null Uhr fünfzig verläßt, und die
Nacht in einem Liegewagen-Abteil verbracht. Aus Sparsamkeit,
aus erzieherischen Gründen und weil Therese in den Weihnachts­
ferien mit dem gleichen Zug und in der gleichen Klasse reisen,
Strecke und Art des Reisens also kennenlernen sollte, hatte Dr.
Wenger kein Schlafwagenabteil erster Klasse bestellt. Übrigens
hatten sie Glück gehabt, nur ein einziger Fahrgast war während
der Nacht zugestiegen, hatte sich, ohne das Licht anzuzünden
und so leise wie möglich, auf eine der oberen Bänke gelegt und
den Zug bereits in Lille wieder verlassen.

1 Calais - Кале, портовый город на севере Ф ранции, у пролива Ла


MaHt*
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 338

Nach der Abfahrt hatte Dr. Wenger noch eine Weile die
“Times” gelesen. Er hatte das Blatt im Basler Bahnhof gekauft,
um nachzusehen, was in London los war. Vielleichet würde er
an dem einen Abend, der ihm blieb, wenn er Therese in Oxford
abgeliefert hatte, ins Theater gehen.
Sie lagen sich auf den unteren Bänken gegenüber, er und
Therese, mit Wolldecken zugedeckt.
“Es hat was von einer Skihütte, findest du nicht?” hatte er
gesagt.
“Ich kann Skihütten nicht leiden”, hatte Therese geantwortet.
Ehe er die Leselampe löschte, hatte er zu ihr hinübergeseh­
en. Sie schlief schon. Sie hatte sich zur Wand hin gerollt, und er
sah von ihr nur die Masse ihres dunklen Haars, das ihr immer
solche Schwierigkeiten bereitete, mit dem sie Kämpfe ausfocht.
Sie brauchte auch diesen Morgen lange Zeit, um sich zu fri­
sieren. Als sie aus dem Waschraum kam, fragte sie: “Seh’ ich
ordentlich aus, Daddy?”
“Bildhübsch!” sagte Wenger.
“Ich und hübsch!”
“Gut - also, du bist häßlich.”
“Nein”, erwiderte sie, “häßlich bin ich auch nicht. Ich bin nur
einfach nicht besonders hübsch.”
Sie standen im Gang, und Therese ließ sich durch die Land­
schaft draußen von dem Thema ihres Aussehens ablenken. Sie
war begeistert von den handtuchschmalen Häusern, die an den
Chausseen zwischen St. Omer und Calais standen.
“Das sind Häuser!” rief sie. “Nicht so blöd wie alle die Cha­
lets in Davos.”
“Findest du unser Haus blöd?” fragte Wegner. “Es ist doch
auch ein Chalet.”
“Ach, Daddy”, sagte sie, “ich find unser Haus wunderbar,
besonders innen. Wenn es nur kein Chalet wäre! Chalet sind so
spießig.” Sie unterbrach sich höchstens eine Sekunde. “Mammi
und du, ihr seid überhaupt keine Spießer. Und ich versteh ja,
339 A L F R E D A N D E R SC H

daß man sich in Davos nichts anderes bauen lassen kann. Herr­
lich, das flache Land hier! Ich möchte später in einem Land
wohnen, das ganz flach ist.”
“Du mußt einen Holländer heiraten”, sagte Wegner, “oder
einen Russen.”
“Russen kann man nicht heiraten”, stellte Therese fest. “Außer­
dem will ich nicht einen Mann heiraten, bloß weil er in einem
flachen Land lebt. Ich will irgendeinen Mann heiraten und zu
ihm sagen: Los, ziehen wir dorthin, wo es flach ist!”
“Und wenn er nicht will?”
“Das hab’ ich doch schon vorher herausgebracht, ob er für
flach oder fürs Gebirge ist.”
Das Wetter wurde immer schöner, je mehr sich der Zug der
Küste näherte. Auf dem Bahnsteig in Calais spürten sie den Wind.
Therese deutete auf das Fährschiff und rief: “Daddy, ist das
unser Schiff?”
“Ja”, sagte Wenger, “aber schrei bitte nicht immer so laut
“Daddy”!
Die Leute, unter denen sie zur Paßkontrolle gingen, schienen
überwiegend Engländer zu sein, und es war Wenger peinlich,
daß Therese ihn so laut, daß sie es hören konnten, mit daddy
anredete. Der Kosenamen war bei den Wengers wegen des
Doktors Anglophilie in Gebrauch genommen worden, aber hier,
in Calais, unter einem Publikum aus reisenden Engländern, störte
cs ihn plötzlich. Sie würden ihn für einen dieser amerikanisierten
Deutschen halten, während er bloß ein anglophiler Schweizer ist.
Aber er konnte schießlich nicht herumlaufen und ihnen den
Unterschied erklären.
Als sie einen Rundgang durch das Schiff machten, stießen
sie auf einen Hippie. Er hatte sich im Rauchsalon niedergelas­
sen und war damit beschäftigt, den Inhalt eines großen schmutzi­
gen Seesacks um sich auszubreiten. Seine Haare fielen ihm bis
auf die Schultern, er trug glänzende Ohrringe und einen langen
Schaffelmantel mit der Innenseite nach außen.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 340

Wenger beobachtete, wie Therese sich bemühte, den Hippie


nicht anzustarren, wie sie schnell weiterging, während die meis­
ten Leute stehenblieben und den jungen Mann ungeniert betra­
chteten. Therese hatte noch nie einen Hippie gesehen, außer in
den Illustrierten und auf den Hüllen ihrer Beatles-Platten. In
Davos gab es keine Hippies.
Das Wetter war so klar, daß sie, als sie auf Deck standen,
die englische Küste sehen konnten.
“So ein Wetter habe ich noch auf keiner Überfahrt gehabt”,
sagte Wenger... Der Kanal erschien ihm heute wie eine Bühne,
von der man den Vorhang zu früh aufgezogen hatte.
“Man sollte nie anders als mit dem Schiff nach England reisen”,
sagte er. “Man muß spüren, daß man auf eine Insel kommt.”
Er ärgerte sich über die gedankenlose Pädagogik seiner Be­
merkung. Vielleicht war diese lange Reise für Therese gar nicht
das Richtige. Nach einer solchen Reise würde sie sich in Ox­
ford endlos weit weg von zu Hause Vorkommen.1 Sie würde
zum erstenmal von daheim fort sein, und dann gleich über einen
für sie so unübersehbaren Raum entfernt. Schließlich war sie
gerade erst sechzehn geworden! Er hätte mit ihr fliegen sollen;
mit dem Flugzeug gelangte man binnen einer Stunde von Zürich
nach London; es hätte für Therese ausgesehen wie nichts.
Sie blickte über das Hafenbecken auf das Meer. “Schade,
daß Mammi das nicht sehen kann!” sagte sie.
Auch Wengers Frau war Ärztin. Sie führte eine gutgehende
kinderärztliche Praxis. Richard und Madeleine Wenger konnten
nur im Frühsommer zusammen verreisen, wenn es in Davos
ganz still war. Sie fuhren dann meistens ein paar Wochen nach
Sardinien, immer in das gleiche Hotel. Sie schwammen, oder sie
machten Ausflüge in die Berge, ließen das Auto stehen und
gingen in die Macchia hinein, wo sie eine Weile stumm saßen

1 ...würde sie sich in Oxford endlos weit weg von zu Hause Vorkommen - в
Оксфорде ей будет казаться, что она бесконечно далеко от дома.
341 A L F R E D A N D E R SC H

und den Zikaden zuhörten. Anfang Oktober war Frau Dr. med.
Wenger unabkömmlich.
“Sie hat es schon gesehen”, sagte Wenger. “Ich habe ja deine
Mutter in England kennengelemt.”
Sie hatten beide den röntgenologischen Kurs von Professor
Matthew besucht, 1947, als sie eigentlich schon fertige Ärzte
waren; Wenger war dann an der Röntgenologie hängengeblie­
ben, seine Frau an der Kinderheilkunde. Sie heirateten 1948.
1949 kam ein Sohn zur Welt, der auf den Namen Ulrich getauft
wurde, er machte gerade die Matura;1 zwei Jahre später Therese,
bei der Madeleine darauf bestand, daß sie diesen französisch
akzentierten Vornamen erhielt, nach ihrer Großmutter, die eine
Persönlichkeit gewesen sein mußte. Therese wurde es nie müde,
Geschichten von Therese Badiou aus Nyon zu hören; ihre Mut­
ter konnte Geschichten erzählen, besonders wenn sie sich dabei
der französischen Sprache bediente.
Der Himmel war so blau, weil ein scharfer Ostwind wehte,
und Therese wurde seekrank, nicht so stark, daß sie sich übergeben
mußte, aber doch so, daß sie nach unten verschwand. Als Wenger
einmal nach ihr sah, fand er sie im Rauchsalon; sie lag mit ge­
schlossenen Augen auf einem Sofa, unweit von ihr saß der Hip­
pie und klimperte auf seiner Gitarre. Sie war noch blasser als
sonst; bleich ruhte ihr Gesicht in dem dunklen Nest ihrer Haare.
...Sie stellten ihre Uhren um eine Stunde zurück. “Maximal”,
sagte Therese, “jetzt haben wir eine Stunde gewonnen.”
Als sie in dem Zug nach London saßen, hielt sie nach dem
Hippie Ausschau,2 der aber nirgends zu erblicken war. Erst kurz
vor der Abfahrt kam er den Bahnsteig entlang, in Begleitung
eines Polizisten. Er stieg nicht in den Zug ein, sondern wurde in
irgendein Büro geführt.
“Daddy!” rief Therese. “Hast du das gesehen?”
Wenger nickte.
1 die Matura (aecmp.) = das Matur (нем.) - экзамен на аттестат зрелости.
2 ...hielt sie nach dem Hippie Ausschau - она озиралась в поисках хиппи.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 342

“Sie haben ihn verhaftet! Warum? Weil er ein Hippie ist?”


“Sicher nicht deswegen. Es muß auch nicht gleich eine Ver- ;
haftung sein. Vielleicht behalten sie ihn nur zu einer Kontrolle
zurück. Ich glaube, sie kontrollieren das Gepäck solcher Leute
ganz genau.”
“Wegen Rauschgift, nicht wahr?”
“Du bist ja sehr gut informiert!”
“Er hat bestimmt kein Rauschgift. Er hat mir alles gezeigt,
was in seinem Seesack ist.”
“Therese!” sagte Wenger. “Ich denke, dir war schlecht?”
“Mir war auch schlecht. Ganz furchtbar schlecht. Ich habe
mich höchstens zehn Minuten mit ihm unterhalten, dann habe
ich mich hingelegt.”
“Sprach er denn Deutsch?”
“Er sprach Französisch. Nicht sehr gut, aber es ging. Er ist j
den ganzen Sommer in Frankreich und Nordafrika gewesen. Er <
hat mir etwas geschenkt.”
Sie öffnete ihre Handtasche, zog eine kurze Kette aus Mu- 1
schein hervor und reichte sie ihrem Vater.
“Kaurimuscheln”, sagte Wenger, “hübsch!”
“Es muß furchtbar sein”, sagte sie, “das ganze Jahr so herum­
zuvagabundieren. Er sagte, für ihn gäb’s kein Zuhause mehr. Er
will auch gar keins, sagt er.”
Wenger sah ihr zu, wie sie die Kette schließlich wegtat. Sie ,
trug ein braunes Jackenkleid aus einem sehr guten Geschäft für
Sportmoden in Davos. Unter der Jacke hatte sie einen dünnen
hellblauen Pullover an. Die Sachen standen ihr sehr gut, doch
eine Muschelkette, auch wenn sie hübsch war, würde nicht zu i
ihnen passen. Therese sah gepflegt und wohlerzogen aus, aber
nicht hausbacken. Obwohl ihre Mutter nicht elegant war - sie
verkörperte eher den Madame-Curie-Typ -, verstand sie es doch, ,
dem Kind etwas von dem Genfer Chic der übrigen Frauen ihrer
Familie zu geben. Dr. Wenger fand, daß seine Tochter erfreu­
lich aussah.
343 A L F R E D A N D E R SC H

...Therese war im Kunstunterricht des Gymnasiums in Da­


vos immer die Beste gewesen. Im vergangenen Winter hatte
sie in einem Schülerwettbewerb den ersten Preis gewonnen...
Leider versagte sie in Mathematik vollständig, und der Direktor
der Schule hatte den Wengers trocken mitgeteilt, daß Therese
die Matura nie schaffen würde. Sie wäre auch sprachlich be­
gabt, nicht nur künstlerisch, gewiß, aber für die Fächer, bei denen
es auf rein rationales Denken ankäme, sei sie total ungeeignet.
Die Eltern waren von Thereses künstlerischer Anlage über­
rascht. Sie hatten sich erkundigt, was da zu tun sei, und es war,
nach einem Gespräch mit dem Zeichenlehrer, beschlossen
worden, Therese zum Vorkurs der Züricher Kunstgewerbeschule
zu schicken. Aber der Kurs begann erst an Ostern, und bis da­
hin sollte Therese Englisch lernen, denn sie hatte bisher nur Latein
und Französisch gehabt. Wenger war der Ansicht, in dieser Zeit
nicht Englisch zu können, sei eine Art von Analphabetismus. Er
hatte Briefe geschrieben, Prospekte durchgesehen und Referen­
zen eingeholt, bis er sich zu einer Schule in Oxford entschloß,
die sich St. Sidwells Hall nannte. Seine Frau schien von der
Idee nicht ganz so entzückt zu sein wie er.
“Wir finden doch hier in Davos sicher jemand, der ihr Privat­
stunden gibt”, hatte sie eingewendet.
“Das ist nicht dasselbe, wie wenn sie in England Englisch
lernt!”
“Aber meinst du nicht, daß sie noch ein bißchen zu jung ist?’
“Tausende von Mädchen ihres Alters gehen mal ein halbes
Jahr nach England.”
Sie hatte nichts mehr erwidert. Therese selbst schien sich
auf England zu freuen.
...Sie fuhren mit dem Taxi in das Hotel, in dem Wenger im­
mer wohnte. Er war vor drei Jahren zuletzt in London gewesen.
Sie hielten sich nicht lange in ihren Zimmern auf, sondern gin­
gen schnell wieder hinaus, in den hellen Spätnachmittag.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 344

Therese geriet außer sich über die Kürze der Miniröcke der
Mädchen in Piccadilly. Wenger gab sich überlegen, aber er ge­
stand sich ein, daß diese Mode auch ihn verwirrte. Therese wurde
immer unglücklicher.
“Ich kann meine ganze Garderobe wegwerfen”, sagte sie.
“Bist du verrückt?” Wenger war jetzt wirklich empört. “Du
bist besser angezogen als alle diese Mädchen hier.”
Therese blieb stehen. Sie weinte fast. “Spießig bin ich ange­
zogen!” - sagte sie. “Spießig, spießig, spießig!”
Zum erstenmal bedauerte Wenger es, daß er nicht seine Frau
überredet hatte, Therese nach England zu bringen. Madeleine
würde sich jetzt in ihrer freundlichen Art mit dem Mädchen unter­
halten, auf Einzelheiten ihrer Garderobe eingehen,1 Änderun­
gen an dem einen oder anderen Kleid erwägen, das Kind beruh­
igen. Er, als Vater und Mann, hatte einfach keine Lust, mit seiner
Tochter ein Gespräch über Modefragen zu führen...
St. Sidwells Hall erwies sich2 als ein Komplex aus zwei et­
was größeren Backsteinvillen in neugotischem Stil. Im Ein­
gangsraum herrschte ein Durcheinander aus Koffern und Mäd­
chen. Die Sekretärin im Anmeldebüro war freundlich, aber trok-
ken. Sie sagte, Wenger und seine Tochter sollten sich zu Miss
Maverdine ins Nebenhaus begeben. Miss Maverdine war je­
doch nicht aufzutreiben.3 Im Nebenhaus befanden sich die
Schlafräume, und die Mädchen gingen darin umher und suchten
sich ihre Betten selber aus. Einige von ihnen waren von ihren
Müttern begleitet, die meisten waren jedoch allein. Wenger fand
sich hier endgültig fehl am Platze;4 zweifellos wäre es richtiger
gewesen, dachte er, wenn seine Frau Therese nach Oxford ge­

1Madeleine würde sich... auf Einzelheiten ihrer Garderobe eingehen - Мадлен


вникла бы в детали ее гардероба.
2 St. Sidwells Hall erwies sich... - Сент Сидвеллс Холл оказался...
3 Miss Maverdine war jedoch nicht aufzutreiben - однако они не смогли
застать мисс Мавердин
4 fand sich hier ... fehl am Platze - чувствовал свою неуместность.
345 A L F R E D A N D E R SC H

bracht hätte. Therese kam mit einem deutschen Mädchen ins


Gespräch, und sie belegten Betten nebeneinander.
...Die Räume waren sauber, aber hoffnungslos verwohnt. Die
Kleiderschränke und die Gardinen schienen aus dem gleichen
graugewordenen und brüchigen Material zu bestehen.
“Ich glaube, es ist am besten, du richtest dich erst einmal ein,
und ich komme in zwei Stunden und hole dich ab”, sagte Wenger.
Er war darauf gefaßt, daß Therese antworten würde: “Hier bleibe
ich nicht”, aber sie äußerte nichts dergleichen.
Wenn sie sich weigern würde, zu bleiben, hätte ich einen
sehr schweren Stand, dachte er, während er mit einem Taxi
zum Hotel fuhr.
“Weißt du”, sagte er, als er Therese abholte, “ich glaube, wir
sind mit unseren Schweizer Vorstellungen hergekommen. Du
weißt ja, wie eine Internatsschule dieses Ranges bei uns in der
Schweiz aussehen würde.”
Er sagte dieses Ranges, wobei er, unhörbar seufzend, an
die Kosten dachte. St. Sidwells Hall war keineswegs billig; Dr.
Wengers Anglophilie kam ihm in diesem Falle teuer zu stehen.1
“Ich hätte es wissen und dich darauf vorbereiten müssen”, sagte
Wenger. “Englische Internatsschulen sind bekannt dafür, daß
sie ein bißchen unordentlich, aber dafür sehr gemütlich sind.”
...Es war Zeit, eine Tasse Tee zu trinken. Das Lokal, in das
sie eintraten, war überfüllt von Frauen, die eingekauft hatten,
und - obwohl das Trimester noch nicht begonnen hatte - von
Studenten. Wenger wäre am liebsten gleich wieder hinausge­
gangen, aber sie fanden noch zwei Plätze. Sie saßen beengt
zwischen Tischen und Leuten, konnten sich kaum rühren. Als
Wenger Tee bestellte, goß ihnen die Kellnerin, ohne weiter zu
fragen, Milchtee in große, dickwandige Tassen.
Sie besahen sich das Getränk.
“Die Engländer trinken Tee mit Milch”, sagte Wenger.

1 kam ... teuer zu stehen - дорого обходилась.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 346

“Das Essen heute mittag war übrigens maximal”, erzählte


Therese. “Kalbsbraten mit Kartoffelbrei und Salat, und danach
Pudding.”
...”Die Schule ist nicht das, was wir uns vorgestellt haben”,
sagte Wenger, “aber ich glaube, du wirst sie gemütlich finden.
Auf eine typisch englische Weise gemütlich.”
Er sah sich in dem Lokal um. Es bestand aus nichts als aus
Tischen und Stühlen. Die Wände waren kahl, und es herrschte
das helle graue Licht von Neon-Lampen... Als er sie wieder
anblickte, sah er, daß sie Tränen in den Augen hatte.
“Heines”, sagte er, “du wirst doch Weihnachten schon wieder
bei uns sein!”
Er fühlte sich völlig hilflos. Das Lokal war auch wirklich zu
schlimm. Therese griff sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger
in ihre Augenwinkel, eine für sie typische und harte Geste, wenn
sie einen Tränenausbruch zurückzudrängen wollte. Eine Geste
wie diese machte sie zur erwachsenen Frau. Als sie ihre Hand
zurückzog, hatte sie sich wieder gefaßt.
“Ja”, sagte sie, “in den Ferien werd ich euch immer besuchen
kommen. Aus Oxford, aus Zürich.”
Dagegen war so gut wie nichts zu sagen. Wenger wollte ein­
wenden, daß sie auch an den Wochenenden nach Hause kom­
men würde, wenn sie erst einmal in Zürich studierte, ab Ostern,
Zürich lag schließlich nur drei Zugstunden von Davos entfernt,
aber er äußerte nichts dergleichen, sondern gab statt dessen
blindlings dem Wunsch nach,1 auszusprechen, was er dachte.
“Man kann nicht immer zusammenbleiben”, sagte er.
Danach fühlte er zu seinem Entsetzen, daß er es war, dem
die Tränen kamen. Panik breitete sich in ihm aus; Himmel, dachte
er, wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht, werde ich gleich weinen,
das ist doch verrückt, seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr
geweint, hoffentlich merkt Therese nichts.
1 ...sondern gab statt dessen blindlings dem Wunsch nach - но вместо этого
слепо уступил желанию...
347 A L F R E D A N D E R SC H

...Als es ihm endlich möglich war, sich seiner Tochter zuzu­


wenden, hatte er sich entschlossen.
“Also gut”, sagte er, “wenn du willst, nehme ich dich morgen
wieder mit nach Hause.”
Therese erwiderte nichts; sie schüttelte nur, kaum merklich,
den Kopf.
...Das Abendessen im Hotel verlief friedlich, harmonisch, so,
als befänden sie sich auf einer der Ferien-Reisen der Familie
Wenger. An allen Tischen in dem kleinen Speisesaal des Hotels
fanden Abschiedsessen statt, saßen Studenten im Kreise ihrer
Angehörigen, die sie nach Oxford gebracht hatten.
“Schade, daß ich nicht noch einen Tag bleiben kann”, sagte
Wenger. “Ich hätte dir gerne noch mehr von Oxford gezeigt.”
“Es ginge gar nicht”, sagte Therese verständig, “wir haben
morgen schon den ganzen Tag Unterricht.”
...Er verbrachte einen Tag in London damit, daß er durch
Straßen ging, in Schaufenster starrte, Menschen betrachtete.
Er hielt sich zwei Stunden in einer Buchhandlung auf, kaufte
einiges. Um fünf Uhr rief er die Schule an, ließ sich mit Therese
verbinden.
“Hallo!” hörte es sie sagen.
“Miss Wenger”, sagte er.
“Daddy!” Sie schien sich riesig zu freuen.
“Wie ist es?” fragte er.
“Maximal”, sagte sie. Sie rief ihm eine Folge unzusammen­
hängender Mitteilungen zu. Offensichtlich war sie ausgefüllt.1
Vielleicht hatte er sich umsonst Sorgen gemacht.
Alles war in bester Ordnung. Sie plauderten miteinander, ehe
sie noch einmal Abschiedsgrüße tauschten. Dennoch wartete
Wenger, bis sie aufhängte, ehe er selber den Hörer auflegte. Sie
trennte die Verbindung wirklich nicht sofort. Wenger hörte sie
atmen, und er legte seine Hand schnell und vorsichtig auf die

1 offensichtilich war sic ausgefüilt - она была явно удовлетворена.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 348

Sprechmuschel, damit Therese nicht seinen Atem hören konnte.


Als sie schließlich aufgehängt hatte, legte er sich auf das Hotel­
bett und starrte zur Zimmerdecke empor, auf deren weißer Fläche
nichts zu sehen war. Überhaupt nichts...

B EAN TW O RTEN S IE FO LG END E FRAG EN :

1. Was sind Wenger und seine Frau von Beruf?


2. Wie alt sind ihre Kinder?
3. Wozu kommen Wenger und seine Tochter aus der Schweiz
nach England?
4. Wo will Therese später studieren?
5. Welchen Eindruck machten auf Therese die Mädchen in
London?
6. Wie sah St.Sidwells Hall aus?
7. Was schlug Wenger seiner Tochter am Tee?
8. Wie war ihr Telefongespräch am nächsten Tag?
349 D IE TE R N O LL

Dieter NOLL
(1927)

D.Nolls erfolgreichster Roman “Die Abenteuer des Wemer


Holt” erzählt über das Schicksal eines jungen Deutschen, der
sich mit der national-sozialistischen Ideologie auseinandersetzt.
Roman “Kippenberg” behandelt die Rolle der Wissenschaft in
der modernen Gesellschaft.

DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT (AUSZUG)

Der Wecker rasselte. Werner Holt schreckte sich aus dem


Schlaf, sprang aus dem Bett und stand ein wenig taumelig im
Zimmer. Er fühlte sich nicht erfrischt, sondern matt und benom­
men. Sein Kopf schmerzte. In einer Stunde begann der Schul-
unterrich.
Durch die weitgeöffneten Fenster flutete Sonnenlicht. Der
Mai des Jahres 1943 endete mit heißen, trockenen Tagen, mit
prachtvollem Badewetter. Der Fluß, der bei der kleinen Stadt
reißend durch die Berge brach, lockte mit seinen grünen Ufern
weit mehr als das ziegelrote Schulhaus und seine muffigen
Räume.
Mathematik, Geschichte, Botanik und Zoologie, dachte Holt,
und dann zwei Stunden bei Maaß, Studienrat Maaß, Latein und
Englisch. Die Übersetzung aus dem Livius muß ich bei Wiese
abschreiben, in der großen Pause. Wenn ich bei Zickel dran­
komm, meck-meck, dann gibt’s ein Fiasko... Allmählich wich
der dumpfe Schmerz, der hinter der Stirn saß. Er erinnerte sich
jetzt, erregend und beänstigend geträumt zu haben, von der Marie
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 350

Krüger und ihrem bunten Zigeunerrock, und dann von einer


Schlägerei mit Wolzow.
Ich bin krank, dachte er, als ihn bei der dritten Kniebeuge vor
dem offenen Fenster ein Schwindelgefühl ergriff, ich geh nicht
in die Schule, mir ist elend, ich bleib im Bett. Nein! Das ist un­
möglich. Wenn ich heut fehle, dann hab ich verspielt, dann heißt
es, ich hab Angst vor Wolzow. Bei diesem Gedanken wurde ihm
noch elender. Es hatte gestern mit Wolzow Krach gegeben, es
hatte jeden Tag Krach gegeben; und heute war die Prügelei
fällig. Er fürchtete niemanden in der Klasse, aber gegen Wol­
zow hatte er keine Chance: und damit war er erledigt. Denn ein
unbesiegter Herr war, von Homer bis heute, so gewaltig wie
sein Mundwerk, aber ein besiegtes Großmaul war nur noch lächer­
lich.
Es ist ein Jammer, dachte Holt, als er sich unlustig und frie­
rend mit kaltem Wasser wusch und dabei in den Spiegel starrte;
es ist ein großes Jammer: Wolzow und ich, wir würden die gan­
ze Schule beherrschen, wenn wir Freunde wären, denn die äl­
teren Jahrgänge sind beim Militär, wir sind die oberste Klasse.
Er trocknete sich ab. Er befühlte Wangen und Oberlippe: der
Bart ließ sich Zeit, das war Holts Kummer. Er rasierte sich nur
aus Prestigegründen. Mit sechzehneinhalb noch fast ohne Bart...
eine Schande! Kein Wunder, daß er sich mit so einer glatten
Haut nicht an die Marie Krüger herantraute, wenn sie dann und
wann wie eine Katze in der Badeanstalt herumstrich. Immer­
hin: als er ihr kürzlich begegnet war, da - er besann sich genau
- hatte sie ihn mit einem verwirrenden Blick angeschaut... Außer­
dem: kratzte es am Kinn nicht doch schon ganz ordentlich?
Einsfiinfundsiebzig groß, siebenundsechzig Kilo schwer, schmal,
doch muskulös, aber neben Wolzow, der einsachtundachtzig maß
und fast neunzig Kilo wog, eben doch beinahe knabenhaft.
Dunkeläugig, dunkelhaarig sah er sich im Spiegel, und das Haar
war sehr widerborstig und ringelte sich gern in die Höhe. Er
kämmte sich, er kleidete sich an. Der Kopfschmerz war ver­
351 D IE T E R N O LL

gangen, nur ein dumpfer Druck wollte nicht von der Stirn wei­
chen. Auch machte das Schlingen Beschwerden, und der Mund
war trocken.
Wolzow galt seit eh und je als der größte Flegel der Schule,
zweimal Consilium, das drittemal nur durch Intervention seines
Generalsonkels dem Hinauswurf entgangen. - Und ich Idiot komm
neu in die Klasse und lauf ihm den Rang ab, statt seine Freund­
schaft zu suchen! Das war ein Freund, Gilbert Wolzow, ein
Freund wie Hagen von Tronje, Winnetou oder Roller!
Er war fertig, er stopfte ein paar Bücher in die Aktentasche,
dann lief er die Treppe hinab.

Das Haus gehörte den Schwestern Eulalia und Veronika


Dengelmann, eigentlich deren Mutter, einer fünfundachtzigjäh-
rigen Greisin, die wegen Altersschwachsinn entmündigt worden
war. Die beiden Schwestern, zweiundfünfzig und sechsundvier­
zig Jahre alt, unterhielten eine Pension, „Kost und Logis für allein­
stehende Herren“. Holt wurde verwöhnt, da seine Mutter großzü­
gig zahlte; er war zeitlebens verwöhnt worden. Seit zwei Monaten
lebte er in der Pension und tyrannisierte die Schwestern.
Er trat in das Wohnzimmer im Erdgeschoß und rief nach dem
Kaffee. Veronika Dengelmann, die jüngere der Schwestern, das
Gesicht dick mit Fett eingerieben und die Haare voller Locken­
wickler, setzte die Tasse und den Teller mit Broten vor ihn hin.
„Guten Morgen.“
Holt antwortete nicht. Er dachte: Ich bin krank. Gleich wird
sie wieder anfangen: Beeilen Sie sich... Das Schlucken schmerzte,
die Kehle war wund. Fräulein Dengelmann sagte: „Beeilen Sie
sich! Es fällt wieder auf uns zurück, wenn Sie zu spät kom­
men...“
Holt schob den Teller mit den Broten von sich. Durch die
Tüt trat Eulalia, in einen verwaschenen Schlafrock gewickelt.
Sie hat ein Gesicht wie ein Schaf, und Veronika sieht aus wie
der Vollmond.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 352

„Sehen Sie zu, daß Sie fortkommen“, sagte nun auch Eulalia,
„es ist gleich sieben...“ Er warf ihr einen bösen Blick zu. Wenn
Wolzow mich verdroschen hat, dachte er, muß ich etwas so
Verrücktes anstellen, daß mein Ansehen wiederhergestellt wird.
Bei Maaß, beim Ordinarius! Ich habe alle Lehrer hereingelegt,
Zickel, meck-meck, Schöner, Gruber, alle... Mag Zemtzki sti­
cheln: Bei Maaß traust du dich nicht... Bei Maaß traut sich keiner,
nicht mal Wolzow. Aber ich bin gerissen, ich fange auch Maaß,
und das wird mich zum Helden des Tages machen. Ich werde
bei Maaß die Sprache verlieren, und wenn er mich bestrafen
will, zieh ich ein ärztliches Attest aus der Tasche, daß ich seit
gestern taubstumm bin; aber woher nehm ich das Attest? Oder
ich werde bei einer Antwort den Mund nicht mehr schließen
und bloß noch lallen können, Maulsperre, Kieferklemme, da wird
die Klasse toben vor Freude, und wenn Maaß vor Wut einem
Schlaganfall nah ist, gibt mir jemand die vereinbarte Ohrfeige,
und dann ist alles wieder in Ordnung; da soll er mir erst mal was
beweisen! Das ist eine gute Idee! Oder... ob man ihn mit seinen
wahnsinnigen Schachtelsätzen reinlegen kann?
Er saß unbeweglich am Tisch. Ein herrlicher Tag! Ich möchte
ein Segelboot haben! Man könnte... Sein Blick fiel durch das
Fenster auf die gebeugte Gestalt der alten Dengelmann; die Greisin
tappte durch die Beete und riß die jungen Kohlrabipflanzen aus
dem Boden, eine nach der anderen... „Fast jeden Tag kommen
Sie zu spät zur Schule“, schimpfte Veronika Dengelmann, „gestern
traf ich Herrn Benedict...“ Benedict? Das war der Turnlehrer,
und er war harmlos... Und jetzt reißt die Alte tatsächlich auch
noch die Salatpflanzen aus! „Passen Sie auf Ihren Grünkram
auf1, sagte Holt, „die Alte ist im Garten!“ - „Ogottogott!“ Türen
schlugen. Im Garten erhob sich Gezeter.
Holt verließ das Haus. Langsam ging er die Bahngeleise
entlang; er ließ sich Zeit, er kam sowieso zu spät zum Unter­
richt, und Ausreden gab es genug. Meistens mußten die ge­
schlossenen Bahnschranken herhalten.
353 D IE T E R N O LL

,Holt!“ rief es hinter ihm. „Warte!“


Das ist Rutscher, der verdirbt mir den Schulweg., Fritz Rut­
scher war der Sohn eines vor zwei Jahren verstorbenen Stu­
dienrates. „Schon sieben durch“, keuchte er, „...müssen uns be­
eilen!“ Er war vom schnellen Lauf so außer Atem, daß er das
Stottern vergaß.
„Hast du Angst?“ sagte Holt mürrisch. „Zu zwein“, stam­
melte Rutscher, ein semmelblonder Junge, „zu zwein findt man
bessere Ausreden!“ Sie überquerten die Bahngeleise. Nun führte
die Bismarckallee, breit und von Linden gesäumt, hinab in die
kleine Stadt. Links und rechts standen Villen.
Hier wohnen Barnims, dachte Holt. Er blickte neugierig auf
ein großes, geklinkertes Haus. Oberst Barnim hatte zwei Töchter.
Gerda, fünfzehnjährig, besuchte die Mädchenoberschule; Holt
traf sie manchmal auf dem Schulweg, ein mageres, sommer­
sprossiges Mädchen. Sie soll noch eine Schwester haben, Uta
Barnim, die ist neunzehn, Abitur mit Auszeichnung, und voriges
Jahr war sie Gebietsmeisterin im Tennis; ich hab sie noch nicht
gesehen, aber alle sagen, sie ist das schönste Mädchen in der
Stadt. Und hier wohnt der Peter Wiese, gleich nebenan. Der ist
natürlich längst in der Schule, der Wiese-Peter, ein richtiger
Miesepeter, der Primus, der alles weiß und lateinische Reden
halten kann, aber nie einen Jux mitmacht. Er spielt wunderbar
Klavier.
Schon oft war Holt, unter irgendeinem Vorwand, im Hause
des Amtsrichters Wiese erschienen und hatte schließlich ge­
sagt: „Spiel doch mal was, du...“ Dann setzte sich der kränkli­
che und schwache Peter an den Flügel. Holt konnte stunden­
lang zuhören, unbeweglich in einem Sessel.
Vor Holts Augen drehten sich feurige Kreise, es rauschte in
seinen Ohren... Er rang nach Atem. „Was hast du?“ rief Rut­
scher. Ein Kälteschauer lief über Holt hin, dann wurde ihm heiß.
Sollte er wirklich krank sein? Alles war ganz nahe herangerückt,

1 2 . Читаем по-немецки
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 354

wie durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und Rutschers


Stimme hatte ein Echo...
„Was sagen wir dem Schöner?“ fragte Rutscher. - „Am
Bahnübergang war ‘n Verkehrsunfall. Da ist ein Radfahrer mit
einem Lieferwagen zusammengestoßen.“ —Rutscher staunte:
„Hast du das g-g-gesehn?“ - „Das sagen wir! Wir mußten der
Polizei alles zu Protokoll geben.“ - „Großartig!“ Rutschers Phan­
tasie entzündete sich. „Ich werd sagen, der Radfahrer hat ganz
f-f-furchtbar geblutet!“ - „Hör auf', sagte Holt. „Und laß mich
reden, verstanden?“
Holt blieb in der Tür stehen und überschaute den Klassen­
raum. Schöner, der Mathematiklehrer, stand an der Tafel und
malte sie wie üblich voll Zahlen. Er war ein Mann von achtund-
sechzug Jahren, der, wie fast alle Lehrer der Schule, schon ein­
mal pensioniert gewesen und nun wieder zum Unterricht heran­
gezogen worden war. Er ließ die Schüler in Ruhe und rechnete
selbst; seine Unterrichtsstunden verliefen still; niemand, außer
Peter Wiese, arbeitete mit. Holt sah, daß der dicke Christian
Vetter, Sohn eines Schreibwarenhändlers, hinten in der Ecke
am Fenster mit irgendwem Karten spielte. Gilbert Wolzow, we­
gen seiner Körpergröße quer in der Bank, saß über einem dik-
ken Buch und las.
Holt brachte seine Entschuldigung in einem frechen und pro­
vozierenden Ton vor, der sie von vornherein unglaubhaft machte...
Der blutende Radfahrer wurde mit Geschrei begrüßt, aber es
klang ein wenig lustlos. Nur Fritz Zemtzki, ein Bürschlein mit
brandrotem Haar, quäkte mit heller Kinderstimme: „O Gott, der
arme, arme Radfahrer!“, aber auch das fand keine Resonanz.
Es war wieder still; in der Ecke warf Vetter seine Trümpfe auf
den Tisch.
Schöner trug Holts Verspätung ins Klassenbuch ein. Rut­
scher war unbemerkt auf seinen Platz geschlichen. Die Eintra­
gung hatte keine Bedeutung, denn Schöner schrieb mit Bleistift,
und seine Eintragungen wurden wieder ausradiert, jeder Tadel
355 D IE T E R N O LL

und auch die Schulaufgaben. Aber als Holt in der Pause mit
einem Radiergummi auts Katheder stieg, rief Wolzow mit ra­
uher, wüster Stimme: „Na, da hast du Schiß, daß der Maaß was
erfährt!“
Holt klappte das Klassenbuch zu. Mochte die Eintragung steh-
cnbleiben! Ich und Schiß?“ sagte er. „Vor Maaß haben andere
Leute Schiß, auch wenn sie sonst mit der Schnauze vornan sind!“
„Meinst du mich?“ fragte Wolzow drohend und legte den Kopf
auf die Seite... Aber da schrillte schon, vom Korridor her, der
Warnungspfiff, und Knack marschierte ins Zimmer, dreißigjäh­
rig, wegen eines Herzfehlers wehrdienstuntauglich, Studien­
assessor Knack. „Heil Hitler, Kameraden!“
Die Klasse antwortete: „Heil Hitler!“ - „...Kamerad Knack“,
rief Holt hinterher, denn er wollte es Wolzow zeigen. In der
Klasse gab es unterdrücktes, beifälliges Gelächter. Wolzow biß
sich auf die Lippe. Zum zweiten Male an diesem Morgen wurde
Holt ins Klassenbuch eingetragen, getadelt wegen „unarischer
Frechheit“, wie Knack mit seiner schnarrenden Kommandostimme
bekanntgab. Dann begann der Geschichtsunterricht. Dies ist
Wolzows Stunde, dachte Holt.
Gilbert Wolzow war ein paar Monate über sechzehn Jahre
alt. Sein Vater, der Oberst Wolzow, stand als Regimentskom­
mandeur an der Ostfront. Wenn man Wolzows Erzählungen
glauben durfte, so waren die Wolzows ein preußisches Offi­
ziersgeschlecht, das seit zweihundert Jahren ausnahmslos Offi­
ziere hervorgebracht hatte; der Bruder des Obersten Wolzow
war Generalmajor. Auch Gilbert wollte Offizier werden, und er
bereitete sich von Kind an darauf vor.
Er war der ungekrönte König der Klasse, ja der Schule, der
die Cliquen und Schülergruppen mit Gewalt zusammenhielt und
niemals, bis Holt in die Klasse eingetreten war, Widerspruch
geduldet hatte. Er war zugleich der „frechste und faulste Schüler
der Anstalt“, wie Maaß, der Klassenlehrer, des öfteren sagte,
denn er stand in den meisten Fächern so jammervoll schlecht,
(2*
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 356

daß seine Versetzung in die nächste Klasse diesmal gefährdet


schien. Aber in allem, was mit Krieg, Kriegswesen, Kriegsge­
schichte, mit Waffentechnik und Kriegsgerät zu tun hatte, war
er ein Phänomen. Er hatte frühzeitig begonnen, die kriegswis­
senschaftliche Bibliothek seines Vaters zu lesen, und sein er­
staunlich gutes Gedächtnis hatte eine Fülle von Einzelheiten be­
halten, über die er nach Belieben verfügte; entfiel ihm doch ein­
mal ein Schlachtendatum, der Name eines Feldherm, so schlug
er in dem dicken Taschenbuch nach, das er immer mit sich herum­
schleppte... Jetzt saß er zurückgelehnt in seiner Bank, das Ge­
sicht mit den grauen Augen und der Adlernase emporgehoben
zu Knack.
Knack und Wolzow führten während des Geschichtsunter­
richts endlose Debatten. Knack charakterisierte seine Geschichts­
auffassung des öfteren als „rassisch-völkisch“. Wolzow stand
neben seiner Bank und erklärte: „Geschichte, das ist Krieg. Von
1469 vor bis 1930 nach Christi Geburt hat es nur zweihundertvier­
undsechzig Jahre Frieden gegeben...“ - „Vergessen Sie nicht
das rassische Moment“, ergänzte Knack, „die wertmäßigen
Unterschiede der Völker, die rassischen Triebkräfte...“
Holt saß stumm auf seinem Platz und hörte Knack mit der
ewig gleichen, schnarrenden Stimme sagen: „Das Reich grün­
det sich bewußt auf uralte mythische Vorstellungen und Kräfte
des Volkes...“ Er döste vor sich hin, der Kopf schmerzte, und
der Hals war wie zugeschnürt... Neben ihm saß Sepp Gomulka,
Sohn eines Rechtsanwalts, ein braunhaariger, kluger Junge, der
sich meist zurückhielt und sich nur manchmal, im Übermut, an
den Ausschreitungen der Klasse gegen die alten Lehrer beteiligte.
Er war ein Einzelgänger, trieb sich mit seinem Kleinkalibergewehr
in den Wäldern umher und schoß Eichelhäher, statt sich den
Schulaufgaben zu widmen. Während Knack redete und redete,
schnitzte Gomulka mit einem Messer an seiner Bank und sam­
melte die Späne in einer Tüte aus Löschpapier. Auf dem Platz
vor Holt saß der zarte, ewig kränkelnde Peter Wiese, der diesen
357 D IE T E R N O L L

Sommer zu seiner Kräftigung täglich zwei Stunden in der Badean­


stalt zu verbringen und Sport zu treiben hatte, eine Maßnahme,
unter der er litt. Holt schrieb auf einem Zettel: „Gib mir deine
Lateinübersetzung!“ Er wollte für den Weigerungsfall eine Droh­
ung hinzusetzen, unterließ es aber und schob den Zettel zu Wiese.
Wiese las und nickte.
Aber in der großen Pause fand Holt keine Gelegenheit, die
Übersetzung abzuschreiben, obwohl eine fehlende Hausaufgabe
bei Studienrat Maaß schlimme Folgen haben konnte. Die Schüler
begaben sich ins Biologiezimmer. Der bevorstehende Unterricht
bei Doktor Zickel, genannt Meck-meck, riß sie aus ihrer Lethargie.
Chrisrtian Vetter, blond, mit rundem Kindergesicht und blanken
Schweinsäuglein, wegen seiner Körperfülle seit eh und je ge­
hänselt und verspottet, probierte ein paar quiekende und grun­
zende Geräusche aus. Wolzow und Holt standen mit gleichgülti­
gen Gesichtern beieinander. Gomulka wetzte sein Messer an
der Gasleitung des Experimentiertisches, und Kirsch, Tischler­
sohn, von Knach als Vertreter des „bodenständigen Hands werks“
gefeiert, futterte Brot auf Brot in sich hinein, wodurch er zu
wachsen hoffte, denn er war nur einssechzig groß.
Zemtzli piepste plötzlich: „Gilbert, das mußt du zugeben: den
Knack hat der Werner prima veralbert!“ - „Scher dich vor die
Tür und paß auf!” befahl Wolzow. Dann sagte er zu Holt: „Glaub
bloß nicht, es war was besonderes.“ Er blickte sich suchend
um. Dann trat er an die Tafel. Dort stand ein Skelett, das Dok­
tor Zickel im Unterricht brauchte, neben dem großen Aquari­
um. Wolzow, in Breeches und Stiefeln, den Brustkorb von einem
verwaschenen HJ-Hemd umspannt, holte ein Stück Holzkohle
aus der Hosentasche und begann, den Totenschädel zu be­
schmutzen. Peter Wiese erblaßte. Er fürchtete Wolzow, den er
„miles gloriosus“, ruhmredigen Kriegsmann, nannte; Holt freilich
hatte gloriosus mit „prahlerisch“ übersetzt.
Jetzt malte sich Angst in Wieses Gesicht, denn er, der Pri­
mus, wurde als erster nach dem Täter befragt, und da er nie­
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 358

mals einen Lehrer belog, beim Verrat aber erbarmungslos Prü­


gel bezog, geriet er jedesmal in Gewissensnot, aus der ihn an­
dere mit der Lüge erlösen mußten, Wiese könne nichts wissen,
er sei nicht im Zimmer gewesen.
Wolzow sah Holt ins Gesicht und fragte: „Wie findest du das?“
Holt ging wortlos zur Tafel, nahm den Schädel vom Skelett und
warf ihn in das große Aquarium. Wasser und Schlingpflanzen
schwappten auf den Boden.
Die Klasse tobte. Dann wurde es still. Man blickte gespannt
auf Wolzow. Wolzow verlor die Beherrschung. „Warte!“ schrie
er, leicht nach vom geneigt. „Wenn du wirklich soviel Mut hast,
dann komm heute um vier zum Rabenfelsen, damit ich dir end­
lich...!“ - „Du bist wohl am Ende?“ höhnte Holt. „Was Beßres
als Prügel fällt dir wohl nicht ein?“ - „Jetzt dreh ich ein Ding“,
schrie Wolzow, „von dem die ganze Stadt sprechen soll!“ Zemtzki
steckte den Kopf zur Tür herein. „Gilbert... nicht! Nein! Du ...
fliegst, wenn sie dich erwischen!“ - „Seht den großen Wol­
zow!“ spottete Holt. „Er will sich prügeln, aber er hat Schiß vor
den Paukern!“
Wolzow starrte sich auf das Aquarium, wo der verunstaltete
Totenschädel durch die Ranken der Wasserpest grinste und die
roten Leiber sechs tropischer Zierfische im grünen Wasser hin
und her glitten. „Sepp“, befahl Wolzow, „schaff mir das Katzen­
vieh vom Hausmeister her!“
„Gilbert“, sagte Gomulka, „laß das... Maaß wirft dich raus!“
Aber jemand rief schon Zemtzki auf dem Korridor zu: „Du sollst
dem Wolzow die Katze bringen!“
Zemtzki brachte die Katze, ein getigertes, wildes Biest, das
argwöhnisch äugte, nervös durch die lärmenden Stimmen der
Jungen. Wolzow nahm sie mit einem Griff seiner Rechten am
Fell; sie legte sich gegen seine Brust, die Schwanzspitze krüm­
mte sich leise. Wolzow streichelte sie. ^uhig, Miezchen! Gleich
gibt’s was Schönes...“ Er tauchte den nackten linken Arm ins
Aquarium. „... was Schönes zu fressen ... was Markenfreies ...
359 D IE T E R N O L L

eine Sonderzuteilung!“ Dann warf er den ersten Fisch auf den


Boden... Die Katze war mit einem Satz abgesprungen und ver­
schwand mit dem zappelnden Salmler unter einer Bank. Stumm
und atemlos sah die Klasse zu, wie Wolzow Prachlschme: len
und Barben aus dem Aquarium fischte. Die Katze begann laut
zu schnurren. Sie fraß, daß es knirschte, und ihre Augen funkelten.
Dann schlich sie davon, leckte sich das Maul, noch immer schnur­
rend, und von Doktor Zickels Fischen blieben nur ein paar glän­
zende Schuppen auf dem Fußboden zurück.
„So!“ sagte Wolzow. Das Schweigen war wie eine Huldi­
gung, die er gelassen entgegennahm. „So, mein Lieber! Wer hat
hier Schiß vor den Paukern?“ Er ging zu seinem Platz, setzte
sich und nahm sein Buch vor. Er war blaß. Er rief: „Vergiß
nicht, heut um vier!“ Aber Holt dachte nur dies: Er fliegt, und
ich hab ihn dazu getrieben...
Zemtzki pfiff.
Doktor Zickel war ein verkrümmeltes Männlein mit dem
Habitus eines zwölfjährigen Jungen, dem man den Kopf eines
Greises aufgesetzt hat. Er trat vor die Klasse, in Knickerbok-
kers, grüner Joppe und weißem Hemdchen mit geöffnetem Bu­
bikragen. Mit einer heiseren Knabenstimme rief er den Hitler­
gruß. Seine Rede war voller Eigenarten: er pflegte öfters „ni
wahr“ zu sagen und gab, zwischen die Worte eingestreut, ein
seltsames Geräusch von sich, eine Mischung aus Hüsteln und
Räuspern, die wie „kh-kh“ klang. Er sagte: „Wo ist... ni wahr...
das Klassenbuch... kh-kh...?“ Aus einer Ecke kam ein gedämpftes
,,Meck-meck“, was ihn nervös machte, ohne daß er darauf einge­
gangen wäre... Er war viel Kummer gewohnt. Sein Blick fiel
auf das kopflose Skelett, und die magere Brust hob sich in er­
regten Atemzügen. „Das is t... kh-kh... das is enne Lumperei is
das, ni wahr...“ Er schaute wild in die Klasse, dann sah er aufs
Aquarium, und er wankte.
„Wer ... wer is es gewesen?“
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 360

„Herr Lehrer!“ rief der kleine Zemtzki. „Ich bin es nicht gewe­
sen, aber ich bin es nicht allein nicht gewesen, die anderen sind
es auch alle nicht gewesen!“
„Wolzow! Haben Sie... die Fische...?“
„Lassen Sie mich doch mit Ihren kindischen Verdächtigun­
gen in Ruhe“, knurrte Wozow, ohne aufzustehen... Lind nun log
die Klasse mit einer Ausdauer, an der Zickels Wut verpuffte.
Verzweifelt begann er die Untersuchung, aber da seinem Zorn
jede physische Grundlage fehlte, die langwierige und ermüdende
Befragung der Schüler zu überdauern, log man immer dreister
und verhöhnte ihn, und Zickel ermattete, dem Weinen nahe.
Die Untersuchung verlief ergebnislos. Studienrat Maaß set­
zte sie fort. Holt nahm nicht teil an dem Durcheinander, das in
der Pause herrschte. Er saß zusammengesunken auf seinem
Platz im Klassenzimmer, der Schweiß brach auf seiner Stirn
hervor, und der Kopf schmerzte... „Du hast ein ganz rotes Ge­
sicht“, sagte Gomulka teilnahmsvoll, „wie gesprenkelt, bist du
krank?“ Holt schüttelte den Kopf.
Die Katze brachte alles ans Licht; sie hatte in der Wohnung
des Hausmeisters die unverdauten Fische wieder ausgebrochen.
Ein Lehrer hatte den Ruf gehört: „Du sollst dem Wolzow die
Katze bringen...“ Wolzow war überführt. Er stand neben seiner
Bank und log beharrlich, er wisse von nichts, man möge ihn in
Ruhe lassen, er sei es nicht gewesen.
Maaß hockte dick und massig hinter dem Karheder. Das
Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, spiegelte sich auf seiner
Glatze, die von schlohweißem Haar umrahmt war. Das runde
und feiste Gesicht grinste triumphierend, die Augen hinter der
hellen Hornbrille waren kalt und mitleidlos auf Wolzow gerich­
tet. „Sie sind erledigt, Wolzow“, sagte er, mit einem begeisterten
Zittern in der Stimme, „auch ohne Geständnis erledigt.“ Er schielte
über die Ränder der Hornbrille hinweg auf sein Opfer. Es war
sein Steckenpferd, verworrene Schachtelsätze zu konstruieren,
die er mit strenger Logik zu Ende sprach; er hielt die Massen
361 D IE T E R N O L L

mit diesen Sätzen in Spannung, er vollendete auch den schwierig­


sten Satz und heimste das ehrfürchtige Aufatmen der Schüler
als Beifall ein. „Unsere Anstalt“, begann er, „die einmal vom
strengen Geist des Lerneifers und Gehorsams regiert, durch Sie
jedoch wie durch einen Bazillus vergiftet wurde, mit Anarchie
und Disziplinlosigkeit, was kein zweites Mal Ihr Onkel wird sank­
tionieren können...“, er legte eine Pause ein, um die Spannung
zu steigern, und dann vollendete er: „...wird nun endlich und
endgültig von Ihnen befreit werden. Ich beglückwünsche mich
zu diesem Erfolg.“ Alle Augen waren auf Wolzow gerichtet.
Wolzow sah bewegungslos vor sich hin; nur Holt, zurückgelehnt
und zusammengesunken, blickte auf Maaß. Er dachte: Wolzow
wird nicht relegiert werden! Wolzow ist ab heute mein Freund.
„Nehmen Sie Ihre Tasche, Wolzow, und verlassen Sie auf
der Stelle das Schulhaus. Sie sind relegiert. Der Brief des Direk­
tors folgt Ihnen auf dem Fuß.“
„Moment“, sagte Holt.
Er erhob sich. Er fühlte Wolzows Blick auf sich gerichtet. Er
lehnte sich rücklings gegen die Bank. „Der Brief des Direk­
tors“, sagte er, und seine Stimme krächzte, „folgt Wolzow nicht
auf dem Fuß. Wolzow ist es nicht gewesen... Man hat sich ...
verhört... Wolzow soll mir die Katze bringen, wurde gerufen...“
Er mußte seine Worte sehr langsam formen, denn die geschwollene
Zunge versagte den Dienst. „Ich bin es gewesen“, sagte er.
Peter Wiese, das Gesicht auf Holt gerichtet, erstarrte in Staunen
und Bewunderung... Jch bin es gewesen... Wiese wird es bezeu­
gen...“ Wiese erhob sich, wie unter einem Zwang, und zum er­
stenmal in seinem Leben belog er einen Lehrer, als er mit tief
auf die Brust gesunkenem Kopfe sagte: „Ja... Holt war es... ich
bezeuge es.“
Holt hörte nur noch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren.
Vier Stunden Karzer? Egal! Blauer Brief an meine Mutter? Sie
wird bloß lachen... Und jetzt sieht er ins Klassenbuch... Die
Eintragungen? Wenn er wüßte, wie egal mir das alles ist!
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 362

... Wohltuende Müdigkeit überkam ihn, Gleichgültigkeit. Man


müsse ein Segelboot haben, dachte er, jetzt, wo Gilbert mein
Freund ist, und nun ist’s geschafft: Wolzow gerettet, und er wird
mir’s danken!... Dann fiel er seitwärts zu Boden.
Peter Wiese lief zum Hausmeister, Rutscher stotterte: „Er
war schon morgens auf dem W-w-weg so komisch!“ Maaß beugte
sich über Holt und sagte: „Das i s t ... Scharlach...!“ Wolzow
schob ihn beiseite. Bald fuhr der Krankenwagen vor.

B EAN TW O RTEN S IE FOLG END E FRAG EN :

1. In welcher Zeitperiode spielt die Handlung des Romans?


2. Wie fühlte sich Werner Holt an diesem Tag?
3. Warum wollte Werner Holt an diesem Tag beim Unter­
richt nicht fehlen?
4. Wie waren die Beziehungen zwischen Holt und Gilbert
Wolzow?
5. Wie war die Meinung der Lehrer und der Klassenkameraden
über Wolzow?
6. Fürchtete Holt jemanden in der Klasse?
7. Bei wem lebte Werner?
8. Wie war das Wetter an diesem Tage?
9. Verspätete sich Holt oft zum Unterricht? Was für Ent­
schuldigungen erfand er?
10. Bei wem wollte Werner die Übersetzung aus Latein ab­
schreiben?
11. Wie vergingen gewöhnlich die Mathematikstunden?
12. In welcher Stunde spielt das Hauptereignis des Auszuges?
13. Wurde der wahre „Täter“ entdeckt?
363 D IE T E R N O L L

14. Womit endet die Episode mit der Untersuchung, die der
Studienrat Maaß unternahm?
15. Charakterisieren Sie andere Schulkameraden von Wer­
ner Holt.
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 364

Johannes Mario SIMMEL


(1924)

Johannes Mario Simmel war seit 1945 als Journalist und Zei­
tungsredakteur tätig und widmete sich seit 1963 ganz seiner
schriftstellerischen Arbeit. Romane „Mich wundert, daß ich so
fröhlich bin“ (1949), „Das geheime Brot“ (1951), „Gott schützt
die Liebenden“ (1957), „Es muß nicht immer Kaviar sein“ (1960),
.Liebe ist nur ein Wort“ (1963), „Alle Menschen werden Brüder“
(1967), „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970), „Der Stoff,
aus dem die Träume sind“ (1971), „Die Antwort kennt nur der
Wind“ (1973), „Hurra-wir leben noch!“ (1978),,.Zweiundzwan­
zig Zentimeter Zärtlichkeit“, (1980), „Die Erde bleibt noch lange
jung“, „Bitte, laßt die Blumen leben“ (1983) u.a. Mit seinen bril­
lant erzählten zeit- und gesellschaftskritisch engagierten Romanen
und Erzählungen hat sich Simmel international einen Namen
gemacht.

ES MUß NICHT IM M ER KAVIAR SEIN (AUSZUG)

„Wir Deutschen, liebe Kitty, können ein Wirtschaftswunder


machen, aber keinen Salat“, sagte Thomas Lieven zu dem
schwarzhaarigen Mädchen mit den angenehmen Formen.
.Jawohl, gnädiger Herr“, sagte Kitty. Sie sagte es ein wenig
atemlos, denn sie war fürchterlich verliebt in ihren charmanten
Arbeitgeber. Und mit verliebten Augen sah sie Thomas Lieven
an, der bei ihr in der Küche stand.
Über seinem Smoking - nachtblau, mit schmalem Revers -
trug Thomas Lieven eine Küchenschürze. In der Hand trug er
365 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

eine Serviette. In der Serviette befanden sich die zarten Blätter


von zwei bildschönen Salatköpfen.
Was für ein Mann, dachte das Mädchen Kitty, und ihre Au­
gen glänzten. Kittys Verliebtheit rührte nicht zuletzt daher, daß
ihr Arbeitgeber, Herr über eine Villa mit vielen Zimmern, sich
so selbstverständlich in ihrem Reich, der Küche, zu bewegen
verstand.
„Salat richtig anzurichten, ist eine fast schon verlorene Kunst“,
sagte Thomas Lieven. ,Jn Mitteldeutschland wird er süß zubereitet
und schmeckt wie verdorbener Kuchen, in Süddeutschland sau­
er wie Kaninchenfutter, und in Norddeutschland benutzen die
Hausfrauen sogar Salatöl. О heiliger Lukullus! Türschlösser sollte
man behandelt mit diesem Öl, aber nicht Salat!“
„Jawohl, gnädiger Herr“, sagte Kitty, immer noch atemlos.
In der Ferne begannen Kirchenglocken zu läuten. Es war 19
Uhr am 11. April 1957.
Der 11. April 1957 schien ein Tag zu sein wie jeder andere.
Nicht so für Thomas Lieven! Denn an diesem Tag wähnte er,
mit einer wüsten, gesetzfeindlichen Vergangenheit abschließen
zu können. An diesem 11. April 1957 bewohnte Thomas Lieven,
kurz vorher 48 Jahre alt geworden, eine gemietete Villa im vornehm­
sten Teil der Cecilien-Allee zu Düsseldorf. Er besaß ein ansehn­
liches Guthaben bei der „Rhein-Main-Bank“ und einen Luxus-
Sportwagen deutscher Fabrikation, der 32 000 DM gekostet hat.
Thomas Lieven war ein außerordentlich guterhaltender End­
vierziger. Schlank, groß und braungebrannt, besaß er kluge,
leicht melancholische Augen und einen sensiblen Mund im
schmalen Gesicht. Das schwarze Haar war kurzgeschnitten,
graumeliert an den Schläfen.
Thomas Lieven war nicht verheiratet. Seine Nachbarn kannten
ihn als stillen, vornehmen Menschen. Sie hielten ihn für einen
soliden bundesdeutschen Geschäftsmann, wenngleich sie ein
wenig unmutig darüber waren, daß sich so wenig Konkretes
über ihn erfahren ließ...
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 366

„Meine liebe Kitty“, sagte Thomas Lieven, „Sie sind hübsch,


Sie sind jung, zweifellos werden Sie noch eine Menge lernen
müssen. Wollen Sie von mir etwas lernen?“
„Mit Freuden“, hauchte Kitty, diesmal sehr atemlos.
„Gut, ich werde Ihnen das Rezept verraten, wie man Kopf­
salat schmackhaft macht. Was haben wir bisher getan?“
Kitty knickste. „Vor zwei Stunden haben wir zwei mittel­
große Salatköpfe gewässert, gnädiger Herr. Dann haben wir
die harten Stiele entfernt und nur die zarten Blätter ausgesucht...“
„Was haben wir mit den zarten Blättern gemacht?“ forschte
er weiter.
„Wir haben sie in eine Serviette getan und die Serviette mit
den vier Zipfeln zusammengeknotet. Dann haben Sie, gnädiger
Herr, die Serviette geschlenkert...“
„Geschleudert, liebe Kitty, geschleudert, um den letzten
Tropfen Flüssigkeit herauszuholen. Es ist von größter Wichtigkeit,
daß die Blätter vollkommen trocken sind. Doch wollen wir jetzt
unsere Aufmerksamkeit der Zubereitung einer Salatsauce zu­
wenden. Reichen Sie mir bitte eine Glasschüssel und ein Salat­
besteck!“
Als Kitty zufällig die lange, schlanke Hand ihres Arbeitge­
bers berührte, durchlief sie ein süßer Schauer.
Was für ein Mann, dachte sie...
Was für ein Mann - das hatten auch unzählige Menschen
gedacht, die Thomas Lieven in den vergangenen Jahren ken-
nenlemten. Von welcher Art diese Menschen waren, mag daraus
hervorgehen, was Thomas Lieven liebte und was er haßte.
Thomas Lieven liebte:
Schöne Frauen, elegante Kleidung, antike Möbel, schnelle
Wagen, gute Bücher, kultiviertes Essen und gesunden Menschen­
verstand.
Thomas Lieven haßte:
Uniformen, Politiker, Krieg, Unvernunft, Waffengewalt und
Lüge, schlechte Manieren und Grobheit.
367 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

Es hatte eine Zeit gegeben, da war Thomas Lieven das Ur­


bild eines ordentlichen Bürgers, abhold jeder Intrige, zugeneigt
einem Leben voll Sicherheit, Ruhe und Bequemlichkeit. Gerade
einen solchen Menschen aber riß ein seltsames Geschick - von
dem ausführlich noch zu erzählen sein wird - aus seiner sanften
Bahn.
Der ordentliche Bürger Thomas Lieven sah sich gezwun­
gen, in ebenso gewaltigen wie grotesken Aktionen die folgenden
Organisationen übers Ohr zu hauen:1 die Deutsche Abwehr und
die Gestapo, den britischen „Secret Service“, das französische
„Deuxieme Bureau“, das amerikanische „Federal Bureau of
Investigation“ und den Sowjetischen Staatssicherheitsdienst.
Der ordentliche Bürger Thomas Lieven sah sich gezwun­
gen, in fünf Kriegs- und zwölf Nachkriegsjahren sechzehn falsche
Pässe von neun Ländern zu benutzen.
Im Krieg stiftete Thomas Lieven maßlose Verwirrung in den
deutschen wie in den alliierten Hauptquartieren. Er fühlte sich
keineswegs wohl dabei.
Nach dem Krieg wiederum hatte er - wie wir wohl alle - für
kurze Zeit das Gefühl, daß der Wahnsinn, in dem und von dem
er gelebt hatte, zu Ende sei.
Irrtum!

Die Herren im Dunkeln ließen Thomas Lieven nicht mehr


los. Aber dafür rächte er sich an seinen Peinigern. Er nahm von
den Reichen der Besatzungszeit, von den Hyänen der Währungs­
reform, von den Neureichen des Wirtschaftswunders.
Es gab keinen Eisernen Vorhang für Thomas Lieven. Er han­
delte und wandelte in Ost und West. Die Behörden zitterten vor
ihm.
Abgeordnete verschiedener Landtage und Parlamentarier in
Bonn zittern noch heute, denn Thomas Lieven lebt, und er weiß

1 übers Ohr hauen - втирать очки.


Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 368

eine Menge über Spielbanken, Baugeschäfte und Aufträge der


neuen deutschen Bundeswehr...
Er heißt natürlich nicht Thomas Lieven.
Man wird uns unter den gegebenen Umständen verzeihen,
daß wir seinen Namen ebenso geändert haben wie seine Adresse.
Aber die Geschichte dieses einstmals friedlichen Bürgers, des­
sen Leidenschaft auch heute noch das Kochen ist, und der wi­
der Willen zu einem der größten Abenteuerer unserer Zeit wur­
de, diese Geschichte ist wahr.
Wir beginnen sie am Abend des 11. April 1957, in jenem his­
torischen Moment, da Thomas Lieven über die Zubereitung von
Kopfsalat doziert.
Kehren wir also wieder in die Küche seiner Villa zurück!
„Salat darf nie mit Metall in Berührung kommen“, sagte
Thomas Lieven.
Kitty blickte wie hypnotisiert auf die schlanken Hände ihres
Arbeitgebers, und sie hörte seinem Vortrag mit immer neuen
Schauem zu.
„Zur Sauce“, sagte Thomas Lieven, „nehme man eine Mes­
serspitze Pfeffer, eine Messerspitze Salz, einen Teelöffel scharfen
Senf. Dazu ein hartes Ei, kleingeschnitzelt. Viel Petersilie. Noch
mehr Schnittlauch. Vier Eßlöffel original-italienisches Olivenöl.
Kitty, das Öl bitte!“
Errötend reichte Kitty das Gewünschte.
„Vier Löffel davon, wie gesagt. Und nun noch ein Viertel­
liter Sahne, saure oder süße, das ist eine Geschmacksfrage, ich
nehme saure...“
In diesem Augenblick ging die Küchentür auf, und ein Riese
trat ein. Er trug schwarz-grau gestreifte Hosen, eine blau-weiß
gestreifte Hausjacke, ein weißes Hemd und eine weiße Schlei­
fe. Bürstenhaar zierte den Schädel. Wäre ihm eine Glatze eigen
gewesen, dann hätte er wie eine zu groß geratene Zweitaus­
gabe von Yul Brynner gewirkt.
„Was gibt es, Bastian?“ fragte Thomas Lieven.
369 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

Mit einer leicht schleppernden, französisch akzentuierten


Stimme erwiderte der Diener: „Herr Direktor Schallenberg ist
eingetroffen.“
„Pünktlich auf die Minute“, sagte Thomas. „Mit dem Mann
wird sich arbeiten lassen.“
Er band die Schürze ab. „Essen also in zehn Minuten. Bas­
tian wird servieren. Sie, liebes Kind, haben Ausgang.“
Während Thomas Lieven sich im schwarzgekachelten Ba­
dezimmer die Hände wusch, bürstete Bastian noch einmal über
die Smokingjacke.
„Wie sieht der Herr Direktor denn aus?“ fragte Thomas
Lieven.
„Das übliche“, antwortete der Riese. „Fett und solide. Stier­
nacken und Kugelbauch. Ordentliche Provinz.“
„Hingt nicht unsympathisch.“
„Zwei Schmisse hat er auch.“
„Ich nehme alles zurück.“ Thomas Lieven schlüpfte in die
Smokingjacke. Dabei fiel ihm etwas auf. Mißbilligend sprach
er: „Bastian, du bist schon wieder an den Kognak gegangen!“
„Nur ein Schlückchen. Ich war ein bißchen aufgeregt.“
„Laß das! Wenn etwas Menschliches passiert, brauche ich
deinen klaren Kopf. Du kannst den Herrn Direktor nicht zusam­
menschlagen, wenn du blau bist.“
„Den Dicken nehme ich noch im Delirium tremens auf mich!“
„Ruhe! Die Sache mit dem Klingelzeichen ist dir klar?“
,Jawohl.“
„Wiederhole.“
„Einmal klingeln: Ich bringe den nächsten Gang. Zweimal
klingeln: Ich bringe die Fotokopien. Dreimal klingeln: Ich kom­
me mit dem Sandsack.“
„Ich wäre dir dankbar“, sagte Thomas Lieven, an seinen Nägeln
feilend, „wenn du das nicht durcheinanderbringen wolltest.“
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 370

*
* *
„Ausgezeichnet, die Suppe“, sagte Direktor Schallenberg. Er
lehnte sich zurück und betupfte mit der Damastserviette seine
schmalen Lippen.
,JLady Curzon“, sagte Thomas und klingelte einmal, indem er
auf eine Taste unter der Tischplatte drückte.
„Lady was?“
„Curzon - so heißt die Suppe. Schildkröte mit Sherry und
Sahne.“
„Ach, so, natürlich!“
Die Flammen der Kerzen, die auf dem Tisch standen, flak-
kerten plötzlich. Geräuschlos war Bastian eingetreten und servier­
te das Paprika-Huhn.
Die Flammen beruhigten sich. Ihr warmes, gelbes Licht fiel
auf den dunkelblauen Teppich, den breiten altflämischen Tisch,
die bequemen Holzstühle mit den Bastlehnen, die große altflä­
mische Anrichte.
Das Hühnchen entzückte Direktor Schallenberg aufs neue.
„Delikat, einfach delikat. Wirklich charmant von Ihnen, mich
einzuladen, Herr Lieven! Wo sie mich doch eigentlich nur ge­
schäftlich sprechen wollen...“
„Alles bespricht sich besser bei einem guten Essen, Herr
Direktor. Nehmen Sie noch Reis, er steht vor Ihnen.“
„Danke. Nun sagen Sie schon, Herr Lieven, um was für ein
Geschäft handelt es sich?“
„Noch etwas Salat?“
„Nein, danke. Schießen Sie doch endlich los!“
„Na schön“, sagte Thomas. „Herr Direktor, Sie haben eine
große Papierfabrik.“
„So ist es, ja. Zweihundert Angestellte. Alles aus den Trüm­
mern wieder aufgebaut.“
„Eine stolze Leistung. Zum Wohlsein...“ Thomas Lieven hob
sein Glas.
371 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

„Komme nach.“
„Herr Direktor, wie ich weiß, stellen Sie besonders hoch­
wertiges Wasserzeichen-Papier her.“
„Jawohl.“
„Unter anderem liefern Sie das Wasserzeichen-Papier für
die neuen Aktien, welche die .Deutsche Stahlunion-Werke1gerade
auf den Markt bringen.“
„Richtig. Aktien der DESU. Kann Ihnen sagen, diese Sche­
rereien, diese dauernden Kontrollen! Damit meine Leute ja nicht
auf die Idee kommen, ein paar Aktien selber zu drucken, haha-
ha!“
„Hahaha. Herr Direktor, ich möchte bei Ihnen fünfzig Großbo­
gen dieses Wasserzeichen-Papiers bestellen.“
„Sie wollen... was?“
„Fünfzig Großbogen bestellen. Als Firmen-Chef dürfte es
Ihnen kaum Schwierigkeiten bereiten, die Kontrollen zu umge­
hen.“
„Aber um Himmels willen, was wollen Sie denn mit den Bo­
gen?“
„Aktien der DESU-Werke drucken natürlich. Was haben Sie
gedacht?“
Direktor Schallenberg legte seine Serviette zusammen, blickte
nicht ohne Bedauern auf seinen noch halb vollen Teller und
äußerte:
„Ich fürchte, ich muß jetzt gehen.“
„Aber keineswegs. Es gibt noch Äpfel in Weinschaumsauce
und Toast mit Käse”.
Der Direktor stand auf. „Mein Herr, ich werde vergessen,
daß ich jemals hier gewesen bin.“
„Ich bezweifle, daß Sie das jemals vergessen werden“, sagte
Thomas und häufte etwas Reis auf seinen Teller. „Warum steh­
en Sie eigentlich, Herr Wehrwirtschaftsführer? Setzen Sie sich
doch.“
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 372

Schallenbergs Gesicht lief dunkelrot an. Er sagte leise: „Was


war das?“
„Sie sollen sich setzen. Ihr Huhn wird kalt.“
„Sagten Sie Wehrwirtschaftsführer?“
„Sagte ich. Das waren Sie doch. Auch wenn Sie diesen Titel
1945 vergaßen. In Ihrem Fragebogen beispielsweise. Wozu auch
noch daran erinnern? Damals hatten Sie sich gerade neue Pa­
piere und einen neuen Namen besorgt. Als Wehrwirtschafts­
führer hießen Sie Mack.“
„Sie sind wahnsinnig!“
„In keiner Weise. Sie waren Wehrwirtschaftsführer im War­
thegau. Sie stehen noch immer auf einer Auslieferungsliste der
polnischen Regierung. Unter Mack natürlich, nicht unter Schal­
lenberg.“
Direktor Schallenberg sank auf seinen altflämischen Bast­
sessel, fuhr sich mit der Damastserviette über die Stirn und äußerte
kraftlos: „Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich das anhöre.“
Thomas Lieven säufzte. „Sehen Sie, Herr Direktor, auch ich
habe eine bewegte Vergangenheit hinter mir. Ich will mich von
ihr lösen. Darum brauche ich ihr Papier. Es nachzumachen, dauert
zu lange. Zuverlässige Drucker dagegen habe ich... Ist Ihnen
nicht gut? Nanu... Nehmen Sie einen Schluck Champagner, das
belebt... Ja, sehen Sie, Herr Direktor, damals, als der Krieg zu
Ende war, hatte ich Zugang zu allen geheimen Dossiers. Zu
jener Zeit waren Sie gerade in Miesbach untergetaucht...“
„Lüge!“
„Entschuldigen Sie, ich meine Rosenheim. Auf dem Linden­
hof.“
Diesmal hob Direktor Schallenberg nur schlaff die Hand.
„Ich wußte, daß Sie sich dort vesteckten. Hätte Sie verhaften
lassen können, in meiner damaligen Position. Ich dachte mir:
Was hast du schon davon? Man wird ihn einsperren, man wird
ihn ausliefern. Na und -?“ Mit Appetit aß Thomas ein Stück
Hühnerbein. .Jedoch, sagte ich mir, wenn du ihn hübsch in Ruhe
373 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

läßt, dann wird der Herr in ein paar Jahren wieder oben schwim­
men. Die Sorte geht nicht unter, die schwimmt immer wieder
oben...“
„Unverschämtheit!“ krächzte es aus dem Bastsessel.
„... und dann kann er dir viel nützlicher sein. Sagte ich mir
damals, handelte danach, und siehe, es war wohlgetan.“
Mühsam rappelte sich Schallenberg hoch. „Ich gehe jetzt direkt
zur Polizei und erstatte Anzeige.“
„Nebenan steht ein Telefon.“ Unter dem Tisch drückte Tho­
mas zweimal auf die Klingeltaste.
Wieder flackerten die Kerzenflammen, als der Diener Bas­
tian geräuschlos eintrat. Er trug ein Silbertablett, darauf lagen
mehrere Fotokopien. ■
„Ich bitte, sich zu bedienen“, sagte Thomas. „Die Kopien
zeigen unter anderem Herrn Direktor in Uniform, verschiedene
Erlasse des Herrn Direktors aus den Jahren 1941 bis 1944 und
eine Empfangsbestätigung des sogenannten NS-Reichs-
schatzmeisters über den Erhalt von Reichsmark einhunderttausend
als Spende für SA und SS.“
Direktor Schallenberg setzte sich wieder.
„Sie können abservieren, Bastian. Der Herr Direktor ist fer­
tig“
„Sehr wohl, gnädiger Herr.“
Nachdem Bastian verschwunden war, sagte Thomas: „Im
übrigen sind Sie mit fünfzigtausend bei der Sache dabei. Genügt
Ihnen das?“
„Ich lasse mich doch nicht erpressen!“
„Haben Sie sich nicht auch am letzten Wahlkampf mit hohen
Spenden beteiligt, Herr Direktor? Wie heißt doch gleich das
deutsche Nachrichtenmagazin, das sich für derlei interessiert?“
„Sie sind komplett wahnsinnig! Sie wollen falsche Aktionen
drucken? Ins Zuchthaus werden Sie kommen! Und ich mit! Ich
bin erledigt, wenn ich Ihnen das Papier gebe!“
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 374

„Ich komme nicht ins Zuchthaus. Und Sie sind nur erledigt,
wenn Sie mir das Papier nicht geben, Herr Direktor.“ Thomas
drückte einmal auf den Klingelknopf. „Passen Sie auf, wie gut
Ihnen die gespickten Äpfel schmecken werden.“
„Ich esse doch keinen Bissen mehr bei Ihnen, Sie Erpresser!“
„Wann kann ich also mit dem Papier rechnen, Herr Direktor?“
„Niemals!“ schrie Schallenberg in maßlosem Zorn. „Niemals
bekommen Sie von mir auch nur einen einzigen Bogen!“

*
* *
Es war beinahe Mitternacht. Mit seinem Diener Bastian saß
Thomas Lieven vor einem flackernden Kaminfeuer in der großen
Bibliothek. Rot und golden, blau, weiß, gelb und grün leuchteten
Hunderte von Bücherrücken aus dem Halbdunkel. Ein Platten­
spieler lief. Leise erklang das Klavierkonzert Nummer zwei von
Rachmaninoff.
Thomas Lieven trug immer noch den makellosen Smoking.
Bastian hatte den Hemdkragen geöffnet und seine Beine auf
einen Stuhl gelegt, allerdings nicht ohne vorher, mit einem Seiten­
blick auf seinen Herrn, eine Zeitung untergeschoben zu haben.
„Direktor Schallenberg liefert das Papier in einer Woche“,
sagte Thomas Lieven. „Wie lange brauchen deine Freunde zum
Drucken?“
,Etwa zehn Tage“, antwortete Bastian. Er hob ein bauchiges
Schwenkglas mit Kognak zum Mund.
„Dann werde ich am ersten Mai - schönes Datum, Tag der
Arbeit - nach Zürich fahren“, sagte Thomas. Er überreichte
Bastian eine Aktie und eine Liste. „Hier ist eine Vorlage für den
Druck, und auf der Liste stehen die laufenden Nummern, die
ich auf den Aktien sehen möchte.“
„Wenn ich bloß wüßte, was du vorhast“, brummte der
Igelkopf bewundernd.
375 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

Nur wenn Bastian sich absolut allein mit seinem Herrn wußte,
benutzte er das vertrauliche „Du“, denn er kannte Thomas seit
siebzehn Jahren, und er war früher einmal alles andere als ein
Diener gewesen.
Bastian hing an Thomas seit jener Zeit, da er mit ihm im
Quartier einer Marseiller Gangster-Chefin bekannt geworden
war. Außerdem hatte er einige gefährliche Abenteuer mit Tho­
mas bestanden. So etwas bindet.
„Thommy, wirst du mir nicht sagen, was du planst?“
„Es handelt sich, lieber Bastian, im Grunde um etwas sehr
Legales und Schönes: um die Erwerbung von Vertrauten. Mein
Aktienschwindel wird ein eleganter Aktienschwindel sein. Es
wird - Holz anfassen - überhaupt niemand merken, daß es ein
Schwindel gewesen ist. Alle werden verdienen. Alle werden
zufrieden sein.“
Thomas Lieven lächelte verträumt und holte eine goldene
Repetieruhr hervor. Sie stammte von seinem Vater. Durch alle
Fährnisse des Lebens hatte Thomas diese flache Uhr mit dem
Sprungdeckel begleitet, auf tollkühnen Fluchten und Jagden war
sie dabei gewesen. Immer wieder war es Thomas Lieven ge­
lungen, sie zu verstecken, zu beschützen oder wiederzuerobem.
Er ließ den Deckel aufspringen. Silberhell kündigte ein einge­
bautes Schlagwerk die Zeit.
Traurig sagte Bastian: „Ich kriege es nicht in meinen Schädel.
Eine Aktie ist ein Anteilschein an einem großen Unternehmen.
Auffällige Aktien-Coupons erhält man in bestimmten Abständen
eine bestimmte Dividende ausbezahlt, einen entsprechenden Teil
des Gewinnes, den das Unternehmen erzielt hat.“
„Ja und, mein Kleiner?“
„Himmel noch mal, aber die Coupons deiner gefälschten
Aktien kannst du doch bei keiner Bank der Welt vorlegen! Die
Nummern, die darauf stehen, stehen doch auch auf den echten
Aktien, die irgendjemand besitzt. Der Schwindel muß doch so­
fort auffliegen.“
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 376

Thomas erhob sich. „Coupons werde ich natürlich auch nie­


mals vorlegen.“
„Aber wo ist dann der Trick?“
„Laß dich überraschen“, sagte Thomas, trat zu einem Wand­
safe und öffnete das Kombinationsschloß. Eine schwere Stahl­
türe schwang zur Seite. Im Safe lagen Bargeld, ein paar Gold­
barren mit Bleikern (und einer kurzweiligen Geschichte) und
drei Schachteln mit gefaßten und ungefaßten Edelsteinen. Im
Vordergrund lag ein Häufchen Pässe.
Versonnen sprach Thomas: „Ich werde zur Sicherheit doch
lieber unter einem anderen Namen in die Schweiz reisen. Laß
uns mal sehen, was haben wir denn noch an deutschen Päs­
sen?“ Lächelnd las er die Namen: „Mein Gott, wieviel Erin­
nerungen hängen daran -: Jakob Hauser... Peter Scheuner... Ludwig
Freiherr von Trendelenburg... Wilfried Ott...“
„Als Trendelenburg hast du die Cadillacs nach Rio verschoben.
Den Freiherrn würde ich ein bißchen ausruhen lassen. Auch
den Hauser. Den suchen sie immer noch in Frankreich“, sagte
Bastian versonnen.

BEAN TW O RTEN SIE FO LG END E FRAG EN:

1. Wie sah Thomas Lieven aus?


2. Wie alt war er?
3. Wie war sein Vermögen am 11. April 1957?
4. Was für Leben führte er während des Krieges und in den
Nachkriegsj ahren?
5. Was erklärte er an jenem 11. April 1957 seiner Köchin?
6. Was meinte er über Salatzubereitung in verschiedenen
Gebieten Deutschlands?
377 J O H A N N E S M A R IO S IM M E L

7. Wer war Bastian und wie lange war er mit Thomas Lieven
bekannt?
8. Wen erwartete Thomas an jenem Tag?
9. Was wurde dem Gast serviert?
10. Was sollte Bastian nach den Klingelzeichen unterneh­
men?
11. Was wurde in Schallenbergs Fabrik hergestellt?
12. Was wollte Lieven von ihm bekommen?
13. Was war Direktor Schallenberg während des Krieges
und wie hieß er damals?
14. Wie reagierte er auf Lievens Vorschlag?
15. Worin bestand Lievens Plan?
16. Wollte er seine Affäre unter seinem eigenen Namen un­
ternehmen?
СОДЕРЖАНИЕ

Gothold Ephraim LESSING............................................ «... 4


Sinngedichte und Fabeln...................................................... 4

Johann Wolfgang G oethe................................................... 13


Die Leiden des jungen Werthers (Auszüge)...................... 13
Wanderers Nachtlied.........................................................22
Из Гете. M. Ю.Лермонтов.............................................. 22
Erlkönig............................................................................. 22
Лесной царь (Пер. В.А.Жуковского)............................. 23
Eigentum...........................................................................25
Die Liebende.....................................................................25
Erinnerung.........................................................................26

Friedrich Schiller................................................................ 27
Der Verbrecher aus verlonerer Ehre (Auszüge)................27
An einen Weltverbesserer (1795)...................................... 40
Hoffnung (1798)................................................................41
An ***(1802)...................................................................41

Johann Peter H ebel........................................................... 43


Unverhofftes Wiedersehen............................................... 43

Brüder Grimm (Jakob, W ilhelm )..................................... 47


Dornröschen..................................................................... 47
Die drei Sprachen..............................................................51
379 СО Д Е Р Ж А Н И Е
<*

Die Bremer Stadtmusikanten.............................................54

Heinrich H eine....................................................................60
Die Harzreise (Auszüge)...................................................60
Ideen. Das Buch Le Grand (Auszüge)..............................67
Sie haben mich gequälet.....................................................68
Es stehen unbeweglich.......................................................68
Ein Jüngling liebt ein Mädchen...........................................69

Ernst Theodor Amadeus H offm ann................................. 70


Nußknacker und Mausekönig (Auszüge).......................... 70

Gottfried K eller...................................................................83
Romeo und Julia auf dem Dorfe (Auszüge)....................... 83

Heinrich M an n ....................................................................95
Der Untertan (Auszüge)................................................... 95

Thomas M ann....................................................................107
Buddenbrooks (Auszüge)............................................... 107

Franz Kafka........................................................................ 117


Ein Landarzt..................................................................... 117

Rainer M aria R ilke...........................................................126


Wie der Verrat nach Russland k am ............................... 126

Robert M u sil.....................................................................134
Ein Mensch ohne Charakter............................................. 134

Stefan Zweig.......................................................................143
Marie Antoinette (Auszüge)............................................. 143
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 380
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Lion Feuchtwanger........................................................... 156
Die Füchse im Weinberg (Auszug)................................. 156

Hermann H esse................................................................165
Der Waldmensch............................................................ 165

Bertolt B rech t...................................................................174


Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar (Auszüge) 174
1940............................................................................... 185
Hollywood...................................................................... 186

Bernhard K ellerm ann......................................................187


Der Tunnel (Auszüge)................................................... 187

Erich M aria R em arque....................................................198


Drei Kameraden (Auszug)............................................. 198

H ansFallada......................................................................210
Jeder stirbt für sich allein (Auszüge)............................... 210

Willi Bredel........................................................................219
Die Väter (Auszug).........................................................219
Die Väter (Auszug).........................................................222

Johannes R. Becher......................................................... 228


Wenn eines Tages............................................................ 228
Goethes Tod.................................................................... 229
Thomas Mann. Zu seinem Besuch in Weimar................. 230
Regen............................................................................. 230
Warten............................................................................ 231
Dich zu beschreiben........................................................ 232
Dank-Sonette.................................................................. 232
Der Weitgereiste............................................................. 233
381 СОДЕРЖАНИЕ
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Kurt TXicholsky............................................................... 235


Familienbande...................................................................235

Wolfgang Borchert......................................................... 240


Lesebuchgeschichten....................................................... 240
Die Küchenuhr................................................................ 244

Heinrich B ö II.................................................................. 248


Es wird etwas geschehen. Eine handlungsstarke
Geschichte.................................................................. 248
An der B rücke................................................................ 255

Leonhard Frank.............................................................. 259


Die Jünger Jesu (Auszug)................................................259

Max Frisch...................................................................... 269


Homo faber (Auszüge).................................................... 269

Günter Grass.................................................................. 280


Die Linkshänder.............................................................. 280

Siegfried Lenz................................................................. 289


Vorgeschichte.................................................................. 289

Anna Seghers.................................................................. 303


Die Reisebegegnung (Auszüge).......................................303

Marie Luise Kaschnitz...................... 317


Das dicke Kind................................................................ 317

Christa W olf................................................. 327


Der geteilte Himmel (Auszüge)........................................327
Ч И Т А Е М П О -Н Е М Е Ц К И 382

Alfred Andersch............................................................. 337


Tochter............................................................................ 337

Dieter N o ll........................................................ 349


Die Abenteuer des Werner Holt (Auszug)...................... 349

Johannes Mario Simmel.............................. 364


Es muß nicht immer Kaviar sein (Auszug)...................... 364
Серия «Учебники, учебные пособия»

Жарова Ирина Ипполитовна,


Рывкина Ольга Ефремовна

ЧИТАЕМ П О -Н ЕМ ЕЦ КИ

О тветственны й редактор И. Полонская


Корректор О. Рывкина
Художник С. Каштанов
Оригинал-макет А. Ильинова

Лицензия ЛР № 065194 от 2 июня 1997 г.

Сдано в набор 11.12.99 г.


Подписано в печать 07.02.2000 г.
Формат 84x108 V32- Бумага газетная.
Гарнитура Таймс.
Тираж 10 000. Заказ № 45.

Налоговая льгота — общероссийский классификатор


продукции ОК-ОО-93, том 2; 953000 — книги, брошюры

Издательство «Феникс»
344007, г. Ростов-на-Дону, пер. Соборный, 17.

Отпечатано с готовых диапозитивов в ЗАО «Книга»


344019, г. Ростов-на-Дону, ул. Советская, 57.