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ФЕДЕРАЛЬНОЕ АГЕНТСТВО ПО ОБРАЗОВАНИЮ

ГОСУДАРСТВЕННОЕ ОБРАЗОВАТЕЛЬНОЕ УЧРЕЖДЕНИЕ


ВЫСШЕГО ПРОФЕССИОНАЛЬНОГО ОБРАЗОВАНИЯ
СЛАВЯНСКИЙ-НА-КУБАНИ
ГОСУДАРСТВЕННЫЙ ПЕДАГОГИЧЕСКИЙ ИНСТИТУТ

П.Н. НЕСТЕРЕНКО

ЛИНГВИСТИЧЕСКИЕ ОСОБЕННОСТИ
ПУБЛИЦИСТИЧЕСКОГО ТЕКСТА
СБОРНИК ТЕКСТОВ
НА НЕМЕЦКОМ ЯЗЫКЕ

Славянск-на-Кубани
2008
ББК 81.2 Нем
Л 59

Рекомендовано к печати
учебно-методическим советом СГПИ

Лингвистические особенности публицистического текста: Сборник


текстов на немецком языке / Авт.-сост. Нестеренко П.Н. – Славянск-
на-Кубани: Издательский центр СГПИ, 2008. – 35 с.

Настоящий сборник публицистических текстов создан в


соответствии с государственным стандартом и учебной программой.
Его цель – развитие навыков работы с публицистическим текстом
(реферирование, анализ лингвистических особенностей).
Адресован студентам 5 курса факультета иностранных языков,
изучающим немецкий язык в качестве основной специальности.

Рецензенты:
Финько М.В., учитель МСОШ № 11;
Синдеева В.Б., кандидат филологических наук, доцент СГПИ.

© Славянский-на-Кубани государственный педагогический институт, 2007


© Оформление. Издательский центр СГПИ, 2007

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СОДЕРЖАНИЕ

Предисловие……………………………………………..…………… 4

BÜCHER IN UNSEREM LEBEN


Zeichen und Wunder…………………………..……………………… 5
Mehr Spaß, weniger Botschaft……………………...………………… 7
Wer liest die Zeitung?............................................................................ 10
Etwas Leichtes für die Ferien!............................................................... 12
Harry wie?.............................................................................................. 13

FREMDSRACHENLERNEN; FREMDSPRACHEN ALS BERUF


Orchideenfächer: Finnougristik………………….................................. 15
Aus dem Amerikanischen...................................................................... 16
He has angefangen................................................................................. 18
Der erste Zungenschlag.......................................................................... 20
Basissprache Latein................................................................................ 22

KUNST UND GESELLSCHAFT


Heiliger Bimbam!.................................................................................. 25
Feine Fetische........................................................................................ 27
Museum ohne Haus................................................................................ 29
Theater; Hannemut oder die Kinder des Lichts..................................... 31
Wanderer durch Reim und Rhythmus.................................................... 33

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ПРЕДИСЛОВИЕ

Источником текстов послужила электронная подшивка


немецкой газеты «Die Zeit» за 1994 – 2003 гг. 15 полнотекстовых
статей, включенных в сборник, повторяют тематику, использованную
по ПУПР НЯ в 9 семестре («Книги», «Иностранный язык»,
«Искусство»), что, как видится, способствует лучшему усвоению
разговорных тем, обогащению вокабуляра. Кроме того, уже знакомая
тематика облегчает реферирование, оставляет студентам больше
времени на поиск и анализ лингвистических особенностей
публицистического текста.
Работа над публицистическим текстом в 9 семестре может
проходить в два этапа. Сначала предлагается статья на
соответствующую тему на немецком языке (для всей группы). После
ее реферирования и анализа лингвистических особенностей каждый
студент подбирает свою статью на русском языке на эту же тему и
реферирует ее на аудиторных занятиях. Для реферирования
предлагается не конкретная статья, а только тема. Каждый студент
подбирает статью на русском языке самостоятельно. Задача
преподавателя – привлечь к обсуждению проблематики всю группу и
стимулировать студентов к свободному говорению.

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THEMA #1 “BÜCHER IN UNSEREM LEBEN”

TEXT #1
ZEICHEN UND WUNDER

Gute Bücher bilden nicht nur Herz und Verstand: Sie machen auch
glücklich
Früher, als es die Stiftung Lesen noch nicht gab, schickte der Herr ab
und zu eine Botschaft aus dem Himmel, um die Erdbewohner zur Lektüre
anzuhalten. Tolle, lege - Nimm und lies!, ermahnte eine rätselhafte Stimme
den jungen Philosophen Augustinus, als dieser, zerknirscht wegen seiner
Sünden, weinend unterm Feigenbaum saß. Augustinus stand auf und las.
Augenblicklich durchflutete das "Licht der Zuversicht" sein Herz. Es war
der Anfang einer großen Liebe. Das stille Lesen - eines der großen
weltumstürzenden Wunder.
Doch was taugt ein Weltwunder, das heute niemand mehr will? Was
taugt eine Liebe, zu der man Leser, Bildungsreformer und Meinungsmacher
inzwischen ermahnen und antreiben muss wie lahme Esel? Die schlimme
Nachricht heißt: Nur noch sechs Prozent aller Deutschen greifen abends
lieber zum Buch als zur TV-Fernbedienung. Das klingt zwar nach
Bildungsapokalypse und Untergang des Abendlandes. Allerdings: Viel
mehr Leser werden es zu Augustinus' Zeiten auch nicht gewesen sein. Die
Probleme, die uns heute beschäftigen, sind nicht ganz neu. Kerner beliebter
als Kleist? Wickert bekannter als Wieland? Auch damals wird es
irgendeinen drahtigen Ansager gegeben haben, der die stammesfürstlichen
Bulletins ausschrie. Und auch ihn wird man heftig verehrt haben.
Das Weltwunder Lesen war immer etwas für wenige. Bis die
Aufklärung kam und eine grandiose Idee hatte: Gleichheit, Brüderlichkeit,
Freiheit für alle - auch in der Erziehung. Folgt man der Idee, ist ein
Verleger, der lieber Bücher über Steuertricks als Gedichte verlegt, ein
kulturloser Geschäftemacher und sind Eltern, die ihr Automobil zwar
vorbildlich parken, ihre Kinder aber blindlings vor dem Fernseher absetzen,
gewissenlose Kinderverderber. Wie gesagt, eine großartige Idee.
Leider versagt sie in der Praxis. Denn in ihr kippen Fernseh- und
Rundfunkintendanten ihre Kultursendungen haufenweise auf den Müll,
steigt die Produktion von primitiven Wegwerfbüchern von Jahr zu Jahr,
verbringen immer kleinere Kinder immer mehr Zeit vor dem Fernseher,
sinkt die so genannte Lesekompetenz nicht nur der Kinder. Politiker lassen
nicht nur schreiben, sondern auch lesen, und die meisten ihrer Wähler

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können sich allenfalls noch auf Kürzesttexte konzentrieren. Was soll man
machen?
Lesen kann man nicht befehlen, nicht mit erhobenem Zeigefinger und
auch nicht mit Appellen. Wie sollten die denn aussehen? Soll man lesen,
um dem Kulturbürgertum anzugehören und einen Sonnenaufgang brav im
Stil von Thomas Mann mit dem Rosenrot im griechischen Götterhimmel
vergleichen zu können?
Soll man lesen, um seine Eheprobleme zu lösen oder gar um in der
multimedialen Gesellschaft mitzuhalten? Das alles wird nicht verfangen.
Sowohl die bildungsbürgerliche wie die alltagspsychologische und
die medienkompetente Aufforderung zum Lesen haben wenig bewirkt. In
Wirklichkeit gilt: Literatur kann nur durch sich selbst überzeugen. Sie ist
nicht dazu da, Lebenswirklichkeiten nachzuplappern, zu überhöhen oder
Berufskarrieren zu begründen. Sie ist etwas Ernsteres. Sie ist eine echte
Alternative, keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern eine
Gegenwirklichkeit, mancher sagt: die eigentliche Wirklichkeit. Nur in
großer Literatur sind vergangene Zeiten gegenwärtig, nur hier ist das Innere
eines anderen für uns erfahrbar, nur hier können wir uns selbst als Fremde
begegnen, nur hier sind Anarchie und Subjektivität wirklich zu Hause. Was
wüssten wir vom Judentum, was vom Christentum oder den anderen
Religionen ohne Literatur? Und wo kann man noch immer unendlich viel
mehr über die Liebe erfahren als im elenden Nachtprogramm von RTL?
Gute Bücher erklären und öffnen uns die Welt, wie niemand sonst es
vermag.
Sie schärfen unseren Möglichkeitssinn, verfeinern unser Gehör,
bilden unseren Geschmack. Sie zerreißen den Panzer aus Konvention und
Banalität, der uns umgibt. Gut geschrieben ist immer auch gut gedacht:
Niemand, der heute Tolstoj gelesen hat, wird sich morgen mit den Phrasen
eines sprachdebilen Medienkapitalismus abspeisen lassen. Von der
"Lesbarkeit der Welt" hat der Philosoph Hans Blumenberg geschwärmt.
Lesend können wir die Welt erkennen.
Die andere Welt. Die, in der nicht alle Zeiger auf Geld gestellt sind.
Und das ist - obwohl die meisten guten Bücher schlecht ausgehen - ein
großes Glück. Nimm und lies!

Radisch, Iris
DIE ZEIT Nr. 51 11.12.2003

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TEXT #2
MEHR SPAß, WENIGER BOTSCHAFT

Kinder lieben Abenteuergeschichten. Doch in der Schule wird ihnen


mit Belehrungsliteratur die Freude am Lesen ausgetrieben
Wenn die Zeichen nicht trügen, wird dies ein Lesewinter. Im
Nachgang zur Pisa-Studie mit den unbefriedigenden Leseergebnissen
deutscher Schüler ist eine Vielzahl von Initiativen entstanden, die sich der
Leseförderung verschrieben haben. Prominenteste Botschafterin dieses
Anliegens ist die First Lady Doris Schröder-Köpf. Sie hat sich in der
Vergangenheit schon öfter zu Erziehungsfragen geäußert. Nun bemüht sie
sich, öffentliche - und damit elterliche - Aufmerksamkeit auf die Bedeutung
des Vorlesens für die spätere Entwicklung von Lesekompetenz zu lenken.
Auch in vielen Bundesländern wird das Lesen mit originellen Aktionen
gefördert, wie zum Beispiel der "Langen Buchnacht" in Frankfurt am Main,
dem "Tag der Maus Frederick" in Baden-Württemberg und unzähligen
Bibliotheksfesten, Autorenlesungen und Schreibprojekten für Kinder.
Große Einigkeit herrscht unter Experten darüber, dass Kinder
idealerweise schon im frühesten Alter an Bücher herangeführt werden
sollten - dass der frühzeitig erlebte Reiz von Geschichten die beste
Voraussetzung ist, um sich mit Erfolg der Mühe des Buchstabierenlernens
zu unterziehen. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass diese optimale
Förderung nur in einer Minderheit der Familien stattfindet - dass die
Deutschen durchschnittlich eine Viertelstunde am Tag lesen, aber drei
Stunden fernsehen - dass in kaum einem anderen europäischen Land so
viele Menschen (Jugendliche und Erwachsene) das Lesen von Büchern für
"Zeitverschwendung" halten - dass sich in den letzten zehn Jahren die Zahl
der Eltern, die ihre Kinder zum Lesen ermutigen, halbiert hat - dass sich
zumal die Einwandererfamilien mit einem bildungsbürgerlichen deutschen
Vorleseprogramm schwer tun.
Viele Gründe also für Appelle an die Eltern. Viele Gründe aber auch,
darüber nachzudenken, was die Schule - notfalls als Ausfallbürge für
überforderte Familien - den Kindern in Sachen Leseförderung bieten kann.
Und muss.
Interessante Antworten auf diese Frage ergeben sich aus einer breit
angelegten Studie zur Entwicklung von Lesemotivation bei Grundschülern,
deren vollständige Ergebnisse im Sommer 2004 veröffentlicht werden. Die
Erfurter Bildungsforscherinnen Karin Richter und Monika Plath befragten
in einem aufwändigen Verfahren fast 1200 Schüler, 900 Eltern und 50
Lehrer über Lesevorlieben und Leseleistungen der Kinder. Die drei
wichtigsten Ergebnisse bieten reichlich Anlass zur Diskussion: Der

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Deutschunterricht in der Grundschule wirkt anscheinend geradezu
demotivierend. Während Zweitklässlerinnen noch zu 65 Prozent angeben,
der Unterricht mache ihnen Spaß (Jungen: 52 Prozent), sind es bei den
Viertklässlerinnen nur noch 40 Prozent (Jungen: 29 Prozent). Was
geschieht zwischen der zweiten Klasse, in der man vielleicht stolz darauf
ist, endlich einen Text entziffern zu können, und der vierten Klasse, in der
man sich gähnend von den Lektürevorschlägen der Lehrerin abwendet?
Die Studie liefert mindestens zwei Ansatzpunkte für Erklärungen. Da
ist zum einen die Lektüreauswahl. Mehr als zwei Drittel der Kinder
interessieren sich für "spannende" Abenteuergeschichten, mehr als die
Hälfte für unterschiedliche Sachbücher, 45 Prozent sowohl für
Tiergeschichten (hier dominieren die Mädchen) als auch für das Fantasy-
Genre. Lediglich ein Viertel der Schüler mag so genannte wahre
Geschichten - realistische Kinderromane, die in aller Regel mit einer
pädagogischen Botschaft versehen sind. Genau die sind es aber, die die
Lehrerinnen ganz offensichtlich bevorzugen: Von 89 Lektüretiteln, die die
Befragten angaben, gehörten 43 in die realistische Gattung. Von den
beliebten Abenteuer-Erzählungen wurden gerade 14 im Unterricht
behandelt.
Nicht nur die Auswahl der Lektüre geht anscheinend an den
Interessen der Kinder vorbei - auch die Kommunikation über Bücher
verläuft offenbar wenig glücklich. Kinder wünschen sich zwar durchaus
den Austausch über das, was sie gelesen haben - aber mit Freunden und
Eltern, nicht mit ihren Lehrern.
"Dieses Botschaftsdenken - was lernen wir daraus? - im
Literaturunterricht ist eine Plage", sagt Monika Plath. "Die Lehrerinnen
haben oft Erziehungsziele wie 'Toleranz' oder 'Umweltbewusstsein' im
Kopf, wenn sie Bücher auswählen und besprechen. Fragt man sie einmal,
was sie selbst gern lesen, dann nennen sie die gleichen Kriterien wie die
Kinder: Spannung. Eine Welt zum Eintauchen. Wie soll bei diesem
Widerspruch im Unterricht Begeisterung aufkommen?"
Die Erfurter Wissenschaftlerinnen brauchen sich nicht vorwerfen zu
lassen, sie hätten einen praxisfernen, theoretischen Blick auf den
Unterrichtsalltag: An der Reformuniversität wird der bundesweit erste
Bachelor-Studiengang zur Pädagogik der Kindheit angeboten, der über
einen Master-Abschluss auch zum Lehramt an Grundschulen führt. Die
Studentinnen absolvieren semesterbegleitende Fachpraktika und stehen
einmal wöchentlich vor einer Klasse.
Dort werde deutlich, wo neben der Auswahl der Bücher das größte
Problem liege, sagt Karin Richter. "Texte zum rein technischen
Lesenlernen müssen einfach sein", erläutert sie. "Das heißt aber auch: Sie

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unterfordern Erstklässler intellektuell, sie sind nicht spannend, besonders
dann nicht, wenn sie von Anfängern stockend vorgetragen werden." Die
Erfurterinnen plädieren deshalb für eine stärkere Differenzierung des
Deutschunterrichts, mit einfachen Leseübungen auf der einen und
anspruchsvollen Kinderliteraturtexten auf der anderen Seite. "Diese Texte
darf man dann natürlich nicht mühsam erlesen lassen", sagt Richter. "Es
gibt unendlich viele andere Wege. Man kann Geschichten zunächst
erzählen oder vorlesen, man kann mit den Kindern über Illustrationen
sprechen oder sie selbst malen lassen - man kann sich ihre reichliche
Fernseherfahrung zunutze machen, um sich gemeinsam literarischen
Figuren zu nähern." Besonders der Zugang über Illustrationen und
Bildmedien sei für die stark visuell orientierten Jungen hilfreich, sagt
Richter, die mit ihrer Kollegin Ute Frey ein exemplarisches Projekt für den
Literaturunterricht entwickelt hat: über das Leben Erich Kästners, seine
Bücher und deren Verfilmungen. Richters Institut bietet zahlreiche
Fortbildungen für Lehrer an, um den Deutschunterricht an Grundschulen
von innen heraus umzukrempeln. "Leselisten, die einfach an die Lehrpläne
angehängt werden, nützen dabei wenig", sagt sie, "wir können nur etwas
erreichen, wenn die Lehrerinnen ihre Einstellung zu den Büchern ändern."
Monika Plath berichtet von dem Märchenprojekt ihrer Studentinnen.
Zwei Stunden lang hätten in einer lebhaften Grundschulklasse atemlose
Spannung und konzentrierteste Arbeitsstimmung geherrscht, während die
angehenden Pädagoginnen das Märchen von Rumpelstilzchen erst
meisterlich erzählten, dann Orte der Handlung mit Bildern sichtbar
machten und schließlich die Kinder zum Nacherzählen ermunterten.
"Nur die Lehrerin fragte: Aber was haben sie eigentlich gelernt?",
sagt Plath. "Darauf kann ich nur antworten: Sie haben gelernt, zuzuhören,
zu verstehen, Sprache zu genießen - also alles, was Menschen zum Lesen
verlockt.
Und was viele Kinder heute zu Hause nicht mehr erfahren."
UNTER DEM MOTTO "WIR LESEN VOR - ÜBERALL UND
JEDERZEIT!" setzt sich die ZEIT gemeinsam mit der Stiftung Lesen für
neue Wege der Leseförderung ein, informiert über nachahmenswerte
Initiativen und wirbt für das Vorlesen. Dabei haben wir stets die Leselust
im Blick und das gute Kinderbuch - denn Lesen ist mehr als eine
"Kompetenz".

Gaschke, Susanne
DIE ZEIT Nr. 51 11.12.

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TEXT #3
WER LIEST DIE ZEITUNG?

Der berühmte Zahnarzt in Gummersbach war lange Jahre für die


Redaktion der typische Leser der ZEIT. Wir haben ihm zwar nie persönlich
die Hand geschüttelt, ihn uns aber immer so vorgestellt. Ja, der könnte es
sein: Studiert, mitten in Deutschland, mitten im Leben, ein, zwei Kinder,
jeden Donnerstag auf das Weltblatt aus Hamburg begierig wartend, und
spätestens am Wochenende hat er es verschlungen. Seine Frau bekommt
das Magazin, die Kinder bekommen später, wenn sie studieren, ein
Studenten-Abo.
Wer liest das Weltblatt für Politik, Wirtschaft, Handel und Kultur nun
aber wirklich?
Im obersten Stockwerk des Pressehauses in Hamburg sitzen die
Mediaplaner. Sie sammeln statistische Daten und Fakten und fügen sie zu
einem sogenannten soziodemographischen Profil der ZEIT-Leserschaft
zusammen. Dieses ist wichtig für die, die Anzeigen aufgeben, denn sie
wollen wissen: Wer kauft die Zeitung, wer liest sie, welchem Beruf geht er
nach, was hat er im Portemonnaie?
Also denn: Rund 480 000 Exemplare der ZEIT werden jede Woche
verkauft, 55 Prozent davon sind abonniert. Das Blatt wird weitergereicht,
unter Freunden, in der Familie, deshalb lesen die Zeitung wesentlich mehr
Menschen - 1,48 Millionen oder 2,3 Prozent von rund 63 Millionen
Deutschen im Alter von über vierzehn Jahren. Man nennt dies Reichweite.
(Diese und alle folgenden Zahlen entstammen der Media-Analyse '95.)
Mehr als die Hälfte der Leserschaft sind Männer, 57 Prozent.
5 Prozent der Leserinnen und Leser sind zwischen 14 und 19 Jahre
alt, 19 Prozent zwischen 20 und 29 Jahre, 22 Prozent zwischen 30 und 39.
Was bedeutet, daß rund 46 Prozent aller Leserinnen und Leser jünger
als 40 Jahre sind.
20 Prozent sind zwischen 40 und 49, ebenso viele zwischen 50 und
59 Jahre alt. 14 Prozent der Leser sind 60 Jahre und älter.
Ohne Zweifel sind ZEIT-Leser sehr gebildet, 66 Prozent haben das
Abitur gemacht, mit welcher Note, ist nicht erfragt worden. Zum Vergleich:
17 Prozent aller Deutschen bestehen die Reifeprüfung. Damit müßte hinter
der ZEIT eigentlich stets ein kluger Kopf stecken. Die Frankfurter
Allgemeine Zeitung hat - mit 55 Prozent - 11 Prozent weniger Abiturienten
unter ihren Lesern, der Spiegel steht mit 43 Prozent Abiturienten noch
hinter der Süddeutschen Zeitung (46 Prozent) und der Welt (47 Prozent).

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Facharbeiter sind unter den Lesern eine Minderheit: 3 Prozent; der
Spiegel kommt auf 7, die FAZ auf 2.
Rund 22 Prozent der Leser gelten als qualifizierte Angestellte und
Beamte. Zum Vergleich: Der Spiegel hat davon 20 Prozent, die FAZ ist auf
diesem Feld Sieger mit 24 Prozent.
Bei den leitenden Angestellten und Beamten liegen ZEIT und FAZ
gleichauf: je 15 Prozent, der Spiegel verzeichnet 8 Prozent.
Das liebe Geld. 39 Prozent der Leser haben monatlich weniger als
4000 Mark netto in der Haushaltskasse. Über ein Haushaltseinkommen von
4000 bis 5000 Mark netto monatlich können 18 Prozent der Leser verfügen.
Zum Vergleich: In dieser Kategorie liegen Spiegel (21 Prozent) und Welt
(21 Prozent) vorne.
43 Prozent der ZEIT-Leser haben ein Haushaltseinkommen von 5000
Mark und mehr. Zum Vergleich: Spiegel 36 Prozent, FAZ 52 Prozent, Welt
46 und Süddeutsche Zeitung 40 Prozent.
In der Provinz wohnt der kleinste Teil der Leserschaft: in Orten unter
5000 Einwohnern 8 Prozent, in Orten unter 20 000 Einwohnern 16 Prozent.
Zum Vergleich: Der Spiegel hat dort 22 Prozent Leser, die FAZ 17, die
Süddeutsche 22. Mehr als die Hälfte der Leser, 53 Prozent, leben in Orten
mit mehr als 500 000 Einwohnern. Nur FAZ und Süddeutsche haben noch
mehr Großstadtpublikum, jene 56 Prozent, diese 60 Prozent.
Sehr viele Leser der ZEIT lesen außerdem noch den Spiegel, 44
Prozent. 32 Prozent greifen auch noch zum stern, 22 Prozent zu Focus. 5
Prozent lesen zusätzlich das Handelsblatt, und jeweils 9 Prozent haben in
FAZ oder Süddeutscher Zeitung noch eine tägliche Lektüre.
Zu den Lesern der ZEIT gehört natürlich auch die Redaktion. Sie
besteht aus 105 festangestellten Redakteuren, davon 27 Frauen.
35 feste freie Mitarbeiter gehören zum schreibenden Stamm,
entweder auf der Basis einer monatlichen Pauschale oder einer Garantie,
die gegen das Honorar (Zeilengeld) für den jeweiligen Beitrag verrechnet
wird. Daneben gibt es noch sehr viele freie Mitarbeiter, die für ihre
jeweiligen Artikel honoriert werden.
In Deutschland hat die ZEIT zwei Korrespondentenbüros, in Berlin
und in Bonn. Exklusive Auslandskorrespondenten gibt es in Washington,
Moskau, Paris und Brüssel.
Die ZEIT ist auch im Ausland präsent. Rund 30 000 Exemplare
werden dort verkauft. Die meisten natürlich in Österreich (8000) und in der
Schweiz (6000). Franzosen beziehen rund 4000 Exemplare, und nach Israel
gehen 250 Stück.

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Im kanadischen Toronto wird eine "abgespeckte" Ausgabe der ZEIT
gedruckt, auf 24 Seiten komprimiert. Zusammengestellt wird diese
Ausgabe in Hamburg. Die ganzseitigen Filmvorlagen werden nach Toronto
geflogen, wo die Ausgabe nur einen Tag später in Druck geht als in
Deutschland. Die Auflage der Toronto-Ausgabe beträgt rund 10 000
Exemplare.

v.K.
DIE ZEIT Nr. 09 23.02.1996

TEXT #4
ETWAS LEICHTES FÜR DIE FERIEN!

Ja, Sie, liebe Buchhändlerin, kennen diese Bitte und hören sie
wahrscheinlich gar nicht ungern. Sie haben ja einen Gutteil Ihres
Sortiments in Erwartung dieser Bitte in die Regale gestellt, das soll alles in
die Koffer. Aber da die Saison vor der Tür steht, dürfen wir vielleicht ein
paar Vorschläge machen.
Unterm Jahr hat man ja volles Verständnis: Der Tag war lang und ist
nie ganz einfach, zum Abendessen hat der Sohn die Fünf in Mathe
gestanden, und im Fernsehen ist wirklich nichts. Wenn man dann noch den
Schwung zum Lesen aufbringt, darf's ruhig etwas Leichtes sein. Was man
so leicht nennt: Der Tag geht, und Johnny Walker kommt, einen Krimi
unterm Arm.
Aber im Urlaub? Ist das nicht die einzige Zeit im Jahr, in der man
tagelang ausgeschlafen ist? In der man Zeit so richtig verschwenden kann?
Irgendwann beginnt bei jedem der meditative Teil des Ins-Wasser-Starrens
in Langeweile umzuschlagen und der Kopf nach anderen Nährstoffen zu
verlangen. Wenn man schon Abwechslung sucht, vielleicht sogar
Abenteuer, dann spielen sich die am günstigsten im eigenen Kopf ab, beim
Lesen. Nun heißt Abenteuer beim Lesen ja nicht, einen Abenteuerroman zu
riskieren. Es heißt, etwas zu lesen, was einen auf Gedanken bringt, auf die
man von allein nie gekommen wäre. Es heißt, in eine Welt einzutauchen,
die einen, vielleicht weil man Geduld gebraucht hat, hineinzufinden, umso
entschiedener festhält.
Im Übrigen sind die besseren Bücher ja nicht von vornherein die
schwierigeren. Auch muss man keineswegs die drei häufigsten

12
Gegenargumente - zu dick, zu alt, zu schwer - auf einmal widerlegen, es
muss nicht Thomas von Aquin sein. Aber mit Tante Lisbeth von Balzac
könnte man es durchaus versuchen: ist gar nicht tantenhaft. Oder etwas von
Anthony Trollope: viktorianisch und von einem altmodisch neuartigen
Zeitgefühl. Stifter ist Hardcore, aber wenn Sie am Nachsommer schon
zweimal gescheitert sind, lesen Sie bitte noch seine Brigitta, die Geschichte
einer Frau, die nicht schön ist - an einem Lesenachmittag, der Sie fertig
machen wird.
Franzen, Foer, Eugenides - wetten, im nächsten Jahr kommen wieder
drei solche, und jeder ist ultimativ. Nehmen Sie doch die klassischen
Frauen, nehmen Sie Anna Karenina. Emma Bovary. Oder Gesine
Cresspahl. Sie wissen selbst, welche Bücher seit Jahren auf Sie warten.
Und Sie wissen, wie es ist, wenn die Patience aufgeht, wenn das letzte
Puzzle-Stück passt. Das spürt man ja auch, wenn ein weitläufiges
Romangeschehen zu seinem Ende kommt. Die Welt, aus der man dann in
die eigene zurückkehrt, ist freilich ungleich reicher, vielfältiger und
aufregender als ein Schloss Neuschwanstein aus 3000 Pièces.
Eine spannendere Welt als die der großen Romane haben wir nicht.
Auch im Urlaub.
Länder
Jung, Jochen
DIE ZEIT Nr. 29 10.07.2003

TEXT #5
HARRY WIE?

In Zeitungsredaktionen hat das herbstliche Brillenputzen angehoben,


dabei wurde offenbar der eine oder andere Grauschleier gleich mit entfernt.
Mit klarem Blick sehen die Leute plötzlich etwas vor sich, was sie einfach
gar nicht glauben können: Kinder, die lesen. Abertausende! Wie bitte?
Millionen!
Und was die lesen? Irgendwas mit Harry.
Die Kinder lesen fette Schwarten, vorne drauf steht Harry Potter -
Der Stein des Weisen oder Harry Potter - Die Kammer des Schreckens,
zwei Bände, die übrigens vor Jahren erschienen und in der ZEIT
besprochen wurden. Kinder lesen jetzt auch schon Harry Potter, Band 3 -
Der Gefangene von Askeban.

13
Die Erwachsenen schreiben darüber dicke Artikel, im amerikanischen
Time-Magazin, in der Süddeutschen Zeitung, auch in der FAZ. Da steht
dann der Artikel über Kinder, die lesen, gleich neben dem Artikel über
Kinder, die morden - morden, weil sie zu viel Fernsehen gucken, zu viel
Video, kennen wir, schreibt sich ja schon von selbst, so ein Artikel.
Daneben aber lesen wir: Kinderbuch auf der Bestsellerliste! Millionen
Exemplare in den USA verkauft! Zauberlehrling Harry ein Held! Autorin
ist Mutter! Alleinerziehend!
Bei aller Bewunderung schwebt über diesen Artikeln ein Hauch von
Phhh. Im beleidigten Sinne von: Aber wir sind doch die, die lesen! Mit
einem spitzen Anklang von: Wieso kaufen sich die Kinder plötzlich Bücher
von ihrem Taschengeld, die wir ihnen noch gar nicht zum Geburtstag
sorgfältig ausgesucht haben! Ja, wieso eigentlich? Fragen wir mal.
Johannes sagt: "Es ist nicht so langweilig wie bei Enid Blyton, wo
das so dümdadümdadüm dahinläuft, bis die Freunde mal ankommen, dann
essen, bis im letzten Viertel endlich das Abenteuer kommt, und zack!, ist
das Buch auch schon aus."
Paulchen sagt: "Harry Potter ist lustig und spannend geschrieben,
wenn du 20 Seiten gelesen hast, kannst du nicht mehr aufhören, weil du
dann weiterlesen musst."
Julius sagt, er habe die Potters erst so zwei- oder dreimal gelesen,
anders als die Bücher von Ralf Isau, Die Träume des Jonathan Jabbok oder
Das Lied der Befreiung Neschaus, also die habe er ja schon mindestens 20-
mal durch, aber die Potters seien ja auch jünger, und im Übrigen könne er
noch empfehlen Das Netz der Schattenspiele oder auch Wolfgang
Hohlbein, Märchenmonds Erben oder Philip Pullmann, Der goldene
Kompass, das seien im Augenblick einige seiner Lieblingsbücher.
Max sagt, er habe den zweiten Band von Harry Potter leider
überhaupt noch nicht lesen können, weil vor ihm erst noch Christoph
drankomme und dann Robert, Nino, dann wer weiß, wer noch, das sei
überhaupt nicht abzusehen, wann er da endlich drankomme, er finde das so
was von bescheuert!
Unerhört! Oder ein Fall von bislang nicht zugehört? Vergessen, auch
mal mit den Kleinen von unten auf die Welt zu sehen? Was man da
natürlich nie in den Blick kriegt, ist ein Erwachsener, der so heimlich wie
gierig unter der Bettdecke liest. Erwachsene hocken ja eher vor der Glotze.

Mayer, Susanne
DIE ZEIT Nr. 47 18.11.1999

14
THEMA #2 “FREMDSRACHENLERNEN; FREMDSPRACHEN
ALS BERUF”

TEXT #1
ORCHIDEENFÄCHER: FINNOUGRISTIK
(EIN INTERVIEW)

DIE ZEIT: Sie haben Finnougristik studiert - das ist nicht gerade ein
Fach, das sich aufdrängt. Hatten Sie vorher schon Beziehungen dazu?
SARI HERDE: Meine Mutter kommt aus Finnland. Dass es das Fach
gibt, erfuhr ich allerdings erst in der Studienberatung, als ich mich für
Archäologie einschreiben wollte.
ZEIT: Hatten Sie durch Ihre Mutter sprachliche Vorkenntnisse?
HERDE: Wenige. Am Anfang hatte ich schon Vorteile, weil mir ein
paar Vokabeln geläufig waren. Aber ich hatte nie richtig Unterricht.
ZEIT: Was waren die typischen Reaktionen, wenn Sie erzählten, was
Sie studieren?
HERDE: Ich musste das Wort Finnougristik zunächst wiederholen,
dann buchstabieren und schließlich erklären, was das ist. Dass die
finnischen und ugrischen Sprachen, die im russischen Gebiet gesprochen
werden, einen gemeinsamen Ursprung haben, so wie auch die
germanischen und indischen. Dass sich heute im Finnischen und
Ungarischen aber nur ganz, ganz wenige Gemeinsamkeiten finden.
ZEIT: Haben Sie mehr Bewunderung oder mehr Anteilnahme
geerntet?
HERDE: Beides zu gleichen Teilen. Keiner kann sich so richtig
vorstellen, dass man damit beruflich etwas anfangen kann. Aber man wird
bewundert, dass man sich mit so einer schweren Sprache wie dem
Finnischen auseinander setzt.
ZEIT: Wie viele Leute sitzen in den Seminaren?
HERDE: Wenige. Mit mir fingen vier oder fünf Hauptfachstudenten
an. In den Hauptseminaren im Bereich Finnisch saßen wir zu fünft oder
sechst. Insgesamt sind in Hamburg so 80 bis 90 Studenten eingeschrieben.
ZEIT: Zeichnete sich im Studium ein Beruf ab?
HERDE: Erst lange nach dem Abschluss. Ich beendete 1998 mein
Studium in Hamburg und ging einige Monate später mit einem
Werkvertrag nach Berlin zur Staatsbibliothek. Die Stelle hatte nichts mit
meinem Studium zu tun. Aber dort erfuhr ich dann, dass eine Stelle in der

15
Osteuropa-Abteilung frei war und jemand mit Finnougristisk-Kenntnissen
gesucht wurde.
ZEIT: Wurden Sie nicht langsam nervös, weil sich so lange nichts
tat?
HERDE: Natürlich. Die Jobsuche gestaltete sich schwieriger, als ich
dachte.
Ich hatte aus Interesse die Nebenfächer Volkskunde und Völkerkunde
gewählt und versucht, in den Museumsbereich zu kommen. Aber die
Nische war zu klein.
So blieb mir nur abzuwarten.
ZEIT: Gab es Momente, in denen Sie die Fächerwahl bereuten?
HERDE: Ganz kurz, als es nach Studienende so aussah, als würde ich
nichts finden. Wenn man die Nebenfächer oder die Jobs während des
Studiums besser auf die Berufschancen ausrichtet, geht es bestimmt
reibungsloser mit dem Einstieg.

thr
DIE ZEIT Nr. 50 04.12.2003

TEXT #2
AUS DEM AMERIKANISCHEN

Heute wollen wir uns der Anthropologie zuwenden, nämlich dem


hiesigen Stamm der Wort-Verwalter in Medien und Verlagen. Fast
unbehelligt hat diese Horde eine Sprache erfunden, die außerhalb
Deutschlands niemand kennt. Es handelt sich um das "Amerikanische", wie
in der Formel: "Übersetzt aus dem Amerikanischen." Zuletzt wurde diese
"Unart deutscher Besserwisser" von Dieter E. Zimmer mit dem gebotenen
Hohn gegeißelt (ZEIT Nr. 44/92).
Inzwischen hat sich "das Amerikanische" so heftig vermehrt wie das
Regularium deutscher Behörden, also exponentiell. Wie sehr das Absurde
zum Normalen geworden ist, zeigt ein Interview mit Ariel Scharon, das die
Welt gerade von einer US-Zeitschrift übernommen und prompt mit dem
Zusatz "A. d. Amerik."
versehen hat.
Bekanntlich ist der Mann in Israel geboren, hat ein Jahr in England
verbracht und spricht deshalb "Not So Good English", wie es millionenfach

16
rings um die Welt praktiziert wird. "Amerikanisch" spricht man nur in
Deutschland - in den USA wie in Kanada parliert man Englisch, lernt man
Englisch auf der High School, studiert man die Landessprache im
Department of English, wiewohl dort auch American literature gelehrt
wird.
"Amerikanisch" wird anders ausgesprochen als "Englisch"? Das trifft
auch für "Österreichisch" und "Schweizerisch" zu - trotzdem schmückt
niemand in Amerika ein Buch mit "Translated from the Austrian". Deshalb
gibt es (jenseits von der Akzentbeschreibung) kein Irisch, Kanadisch,
Südafrikanisch oder Australisch. Bekanntlich wird Aussprache nie
mitübersetzt. Slang ja, trotzdem wird Trainspotters a. d. Engl. übertragen.
Warum wird den Amerikanern hartnäckig "Amerikanisch" in den
Mund geschoben?
Ist es die unbewusste Zuschreibung kultureller Inferiorität ("Wir
haben eine Kultur, die Amis bloß eine Zivilisation")? Oder wollen unsere
Sprachverwalter mit "Amerikanisch" den geografischen Ursprung eines
Werkes kennzeichnen? Dann mögen sie es mit der gebotenen Pedanterie
tun. Dann muss Scharon "israelisches Englisch" angehängt werden,
Brendan Behan "irisches Englisch", Ionesco "rumänisches Französisch",
Joseph Conrad "polnisches Englisch", Vargas Llosa "peruanisches
Spanisch". Und allen anderen, die des Englischen nicht mächtig sind, die
meistbenutzte Sprache überhaupt: Bad English.
Auch das ist nicht pedantisch genug. Walker Percy muss aus dem
"alabamischamerikanischen Englisch" übersetzt werden, Isaac Bashevis
Singer aus dem "jiddisch-polnisch-hebräischen Amerikanisch" - und
Shakespeare selbstverständlich aus dem Elisabethanischen Englisch (das
selbst der Muttersprachler nur mit einem dictionary in der Hand verstehen
kann). In welcher Sprache errang V. S. Naipaul den Nobelpreis? In
"oxfordischem Trinidadisch".
In einer der nächsten Beiträge wollen wir uns einem anderen Begriff
zuwenden, dem "US-Amerikaner", den es auch nur am Standort D gibt. In
der Sprache der Politphilologie lautet die Frage: Warum sprechen die
Yankees "Amerikanisch", obwohl sie doch nur "US-Amerikaner" sind?

Joffe, Josef
DIE ZEIT Nr. 44 23.10.2003

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TEXT #3
HE HAS ANGEFANGEN

In Sprachcamps lernen Grundschüler Englisch - spielend, ohne


Hausaufgaben und Vokabelpauken. Zum Beispiel auf Juist
Sie sagt es leise, als gerade keine Kinder in der Nähe sind. Vorher
sieht sie sich noch kurz nach allen Seiten um, dann blitzt ein
Verschwörergrinsen über ihr Gesicht. "Ich kann übrigens auch Deutsch",
flüstert die Englischlehrerin Rominder Singh mit leichtem Akzent, doch
fehlerfrei, "aber das verrate ich meinen Schülern nicht. Sonst würden sie ja
doch nur versuchen, auf Deutsch mit mir zu reden." Dann lächelt sie so
unschuldig, dass man sofort glaubt, sich dieses Geständnis nur eingebildet
zu haben.
"Come here, kids!", ruft sie und unterhält sich mit ihrer Klasse auf
Englisch.
Rominder Singhs Versteckspiel ist keine Koketterie. Es gehört zur
Lehrmethode in den Kids English Camps, die die Sprachschule Berlitz an
verschiedenen Orten in Deutschland anbietet: Ein oder zwei Wochen lang
wohnen Kinder zwischen sieben und sechzehn Jahren in einer
Jugendherberge - sollen sich mit ihren Betreuern im Unterricht und in
Workshops ausschließlich in der Fremdsprache verständigen. "Auf diese
Weise lernen sie bei uns Englisch so ähnlich wie ihre Muttersprache", sagt
Beate Schulte, die für die Camps im Norden zuständig ist. Hausaufgaben
mit Vokabelpauken oder stotternde Übersetzungsversuche gibt es in den
Berlitz-Ferienlagern nicht. Gelernt wird durch Hören und Sprechen.
"Wo ist euer Mund?"
Einer der Veranstaltungsorte ist die Nordseeinsel Juist, auf der
Rominder Singh und andere Betreuer ihre Schützlinge eine Woche lang
unterrichten. In einer englischsprachigen Enklave unter Ostfriesen sollen
die Kinder ihre Sprachkenntnisse verbessern. Dieses Konzept macht auf
den ersten Blick skeptisch. Denn eine Woche ist nun einmal nicht gerade
eine lange Zeit. Und außerdem scheint Juist für Englischunterricht so
geeignet zu sein wie China für Bayerisch-Lektionen: Häuschen aus roten
Backsteinen kauern hinter dem grasbewachsenen Deich, Möwenschreie
wehen über sie hinweg. Wellen schmatzen.
Manchmal ist dazu noch das Klappern von Pferdehufen und das
Quietschen von alten Fahrrädern zu hören. Juist wäre ein guter Ort, um
Radfahren zu lernen, Plattdeutsch oder Sandburg-Architektur. Aber wie
lernt man hier Englisch?

18
So zum Beispiel: "Eyes", sagt Rominder Singh zu ihrer
Anfängerklasse, und zeigt auf ihre Augen. "These are my eyes." - "Eyes",
wiederholen ihre acht Schüler im Chor und deuten auf ihre eigenen Augen.
Nacheinander sind Ohren, Mund, Nase, Arme und Beine an der Reihe. "Wo
ist euer Mund?", fragt die Lehrerin dann auf Englisch. "Wo sind eure
Ohren? Eure Beine? Eure Augen?" Ein paarmal muss sie noch korrigieren:
"Nein, eure Augen heißen nicht ears", "Nein, das, womit du hörst, heißt
nicht mouth". Doch als das Ende der Stunde naht, sind alle so weit, dass sie
bei Zahnschmerzen nicht den Weg zu einem britischen Augenarzt erfragen
würden.
"Ich finde es gut, dass einige Kinder hier im Camp sogar noch
Grundschüler sind", sagt Rominder Singh in der Pause. Wie für alle
Betreuer des Camps ist auch für sie Englisch Muttersprache, doch
eigentlich wuchs sie in Delhi mit drei Sprachen auf. "Als Kind tut man sich
leichter und hat weniger Hemmungen", berichtet sie aus eigener Erfahrung.
Wenn der Unterricht wie auf Juist außerdem Singen, Hampelmann-Basteln
und Memory-Spielen beinhaltet, macht es Spaß, eine fremde Sprache zu
lernen. "Zu Hause habe ich in der Schule zweimal in der Woche Englisch",
sagt Anne, acht Jahre alt. "Aber der Unterricht ist strenger. Hier ist es
einfach normal, in einer fremden Sprache zu sprechen."
Und das nicht nur im Unterricht, sondern auch bei der
Taschengeldvergabe, der abendlichen Zimmerkontrolle und Bastel-
Workshops. Oder am Nachmittag, auf dem Weg zum Meer: Zwar reden die
Kinder untereinander Deutsch, aber die Betreuer sorgen dafür, dass
Englisch überall präsent ist. Mit einem Wortschwall und Gesten, die jeden
Rapper übertreffen, bettelt der Australier David Stahel zwei Mädchen ein
paar Chips ab, erklärt allen, am Strand sei eine "Verrückte Olympiade"
geplant, macht Small Talk über das Essen in der Herberge und sucht immer
wieder Gespräche mit Einzelnen: "What do you think of the beach?" -
"The beach is good", antwortet Christopher, zwölf, stockend. "Windy
sometimes." Pause. "And cold."
Olympische Spiele am Strand
Der Strand von Juist ist allerdings noch mehr als gut, windig und kalt.
Er ist vermutlich die schönste und größte Sandkiste Deutschlands. 17
Kilometer feiner weißer Sand sind jedenfalls eine ganze Menge - und mehr,
als für Staffelläufe, Schubkarrenrennen und die anderen Wettkämpfe der
Verrückten Olympiade benötigt werden. Kein Wunder also, dass ein paar
Jungs bald auf die Idee kommen, sich mit dem Überschuss zu bewerfen.
Doch selbst diese Fehde dient als Sprachübung. Unter Vermittlung von
David Stahel diskutieren alle Beteiligten den Konflikt auf Englisch aus - so

19
gut sie das in ihrer Aufregung können: "He and he have angefangen!" -
"No, he has angefangen!"
Auch wenn Juist irgendwie an die Kulisse eines Otto-Waalkes-Filmes
erinnert und eine Woche Sprachkurs schnell vergeht - die Lehrmethode
funktioniert: "Wenn man den ganzen Tag Englisch spricht, rutscht einem
irgendwann automatisch ein thank you oder good night heraus", erzählt
Cora, zehn Jahre alt, am Abend, als sie vom Strand zurück sind. "Oft
übersetze ich gar nicht mehr, sondern sage einfach das englische Wort."
Dann senkt sie plötzlich ihre Stimme: "Aber wir verraten dir jetzt mal was:
Wir glauben, die Betreuer tun nur so, als verstünden sie kein Deutsch."-
"Genau", flüstert die achtjährige Janina, "ab und zu, wenn wir Deutsch mit
ihnen reden, vergessen sie, ,What?' zu fragen, und antworten gleich auf
Englisch."

Michel, Elke
DIE ZEIT Nr. 19 30.04.2003

TEXT #4
DER ERSTE ZUNGENSCHLAG

Kommunizierten die Urmenschen schnalzend und schmatzend?


Die Fantasie von Sprachforschern schweift gern in die ferne
Vergangenheit, zum Ursprung ihres Forschungsgegenstands. Wie mag es
sich angehört haben, als unsere Ahnen lernten, Schallwellen mit
Bedeutungen zu beladen? Wie ein Grunzen vielleicht? Ein Brummen? Ein
Japsen oder Bellen? Zu dumm, dass Sprache keine Fossilien hinterlässt, die
Ordnung in die gelehrte Kakofonie bringen könnten.
Oder doch? Manche Urlaute haben womöglich als lebende Fossilien
bis heute überdauert: die Schnalzlaute jener Sprachen, die der US-Linguist
Joseph Greenberg vor 40 Jahren in einen Topf mit der Bezeichnung
"Khoisan" warf, als er die Sprachen Afrikas in vier Klassen einteilte. Die
eigenartigen Idiome in diesem Sprachtopf passten nirgends sonst in
Greenbergs System. Nun glauben amerikanische Genetiker und
Anthropologen, im Erbgut von Afrikanern Hinweise darauf gefunden zu
haben, dass sich diese bizarren Intonationen seit den Anfängen der Sprache
gehalten haben.

20
Schon die ersten europäischen Afrikareisenden wunderten sich über
die urigen Zungenschläge der Eingeborenen: 1596 verglich der
niederländische Kaufmann Cornelis de Houtman das Schnalzen und
Schmatzen mit dem "Klacken von Truthähnen". Damals waren die
Khoisan-Sprachen weit verbreitet in den Gegenden südlich der Sahara.
Einst erstreckte sich ihr Territorium bis über den Äquator, nach Äthiopien
und in den Sudan hinein. Dann drängten die Bantu-Völker, die von Norden
her einzogen, die schnalzende Urbevölkerung in den Gebieten um die
Wüste Kalahari zusammen. Doch blieb auch eine kleine Khoisan-
Sprachinsel weit abseits der Kalahari, auf der Ostseite des afrikanischen
Grabens: Die Hadza-Buschleute leben in den Steppen am Eyasi-See in
Tansania.
Alec Knight, Joanna Mountain und ihre Kollegen von der Stanford
University verglichen nun DNA-Sequenzen der Hadzabe mit denen der
Juhoansi (das "h" wird geschnalzt) aus der Nordkalahari - und fanden
erstaunliche Divergenzen.
Obwohl beide Volksgruppen schnalzen, sind ihre genetischen
Unterschiede die größten, die jemals in Afrika gemessen wurden (Current
Biology, Bd. 13, S.
464). Seit mindestens 40 000, vielleicht auch schon seit über 100 000
Jahren leben die Hadzabe und die Juhoansi getrennt voneinander, lesen die
Forscher aus Mutationen ihrer Mitochondrien-DNA und ihres Y-
Chromosoms.
Das entspricht jener Zeit, seit welcher der Stimmapparat des Homo
sapiens voll entwickelt ist und in der Anthropologen und Linguisten die
Entstehung einer ersten grammatisch strukturierten Sprache vermuten.
Wenn also die Khoisan-Sprecher ihre Schnalzer von gemeinsamen
Vorfahren geerbt haben, dann hätten sie tatsächlich früheste
Sprachbausteine konserviert. Denn die kalifornische Untersuchung schließt
praktisch aus, dass eine der beiden Sprachgemeinschaften die Schnalzerei
von der anderen entlehnt hat. In diesem Fall nämlich müsste sich auch ihr
Erbgut vermischt haben - wie es den Bantu widerfuhr, die bei ihrer
Begegnung mit den Khoisan Klacks und Gene übernahmen.
Sicherlich wäre auch denkbar, dass Hadzabe und Juhoansi ihre
Zungenschläge unabhängig voneinander entwickelt haben. Doch hegen
Afrikanisten schon länger den Verdacht, dass die beiden Sprachen uralte
Verwandte sind: Ihr Wortschatz ähnelt sich in einigen Vokabeln. Auch das
große Lautinventar der Khoisan-Sprachen weist sie als linguistische
Fossilien aus. Mit 141 Phonemen in manchen Idiomen ist es das
umfangreichste weltweit - der Durchschnitt liegt bei etwa 30. Der Trend

21
allerdings geht zur Vereinfachung. "Wir kennen die Prozesse, mit denen
Khoisan-Sprachen ihre Schnalzlaute allmählich abbauen", sagt der
Frankfurter Khoisanist Rainer Voßen. Eine Einführung von Klacks in
jüngerer Zeit hingegen ist nirgends nachgewiesen. Die linguistische Uhr
der Khoisan steht also - wie ihre genetische Uhr - auf "sehr alt".
Aber warum haben Ursprecher überhaupt zu schnalzen angefangen,
wenn ihre Nachfahren lieber wieder damit aufhören? Eine plausible
Mutmaßung wäre, dass die harten Laute noch aus vorsprachlicher Zeit
stammen. Womöglich schlugen unsere stammelnden Ahnen mit der Zunge,
um das ärmere Lautrepertoire ihrer wenig entwickelten Stimmbänder zu
bereichern - so wie es Schimpansen noch heute tun, wenn sie einander
lausen: Sie versichern sich ihrer Friedfertigkeit mit Schnalzen.
Zwar haben einzig die Bantu- und Khoisan-Völker Klackgeräusche
fest in die Lautsysteme ihrer Sprachen eingebaut. Doch bei näherem
Hinhören erweist sich Schnalzen als universelles Mittel der nichtverbalen
Kommunikation. Überall auf der Welt intoniert man mit schlagender Zunge
sein Missfallen ("ts, ts, ts"), treibt Vieh und Pferde an oder tut seine
Bewunderung für schöne Frauen kund. "Mir jedenfalls", sagt der Münchner
Linguist Dietmar Zaefferer, "fällt es leichter zu schnalzen, als das englische
'th' zu sprechen."

Hürter, Tobias
DIE ZEIT Nr. 14 27.03.2003

TEXT #5
BASISSPRACHE LATEIN

Wie eine Studie in die Irre führt


Anhänger klassischer Bildung seien um ein Argument ärmer, meinte
Sabine Etzold in der ZEIT Nr. 8/03. Sie beruft sich dabei auf eine Studie
von Elsbeth Stern und Ludwig Haag: 25 (und nicht 50) Spanischanfänger
mit Lateinkenntnissen hätten bei einem Test mehr Wortschatzfehler und
deutlich mehr Grammatikfehler gemacht als eine entsprechende Zahl von
Anfängern mit Kenntnissen des Französischen. Und aus dieser wahrlich
begrenzten Untersuchung schließen die Wissenschaftler messerscharf: "Der
Lateinunterricht führt weder zu einer allgemeinen Verbesserung der
Denkfähigkeit noch zu leichterem Erwerb anderer romanischer Sprachen."

22
So wichtig Untersuchungen der Effektivität mancher Schulfächer
auch sein mögen - derart extreme Schlussfolgerungen gibt die Studie
keinesfalls her.
Eine ausführliche Widerlegung erfolgt demnächst in der Zeitschrift
Forum Classicum
hier sollen nur die wichtigsten Einwände angedeutet werden:
- Ein einziger Test in einem einzigen Anfänger-Kurs mit nur 25
Probanden reicht auf keinen Fall zu weitgehenden Schlüssen aus! Wenn
schon derartige Untersuchungen, dann bitte eine wesentlich größere Zahl
von Befragten, einige Kontrolluntersuchungen auch andernorts, mit
anderem Kursfahrplan, mehrfach wiederholt, schließlich mit
verschiedenartigen Tests
eine solche Studie hätte Gewicht.
- Ein deutsch-spanischer Alltagstext, der den Anfängern zur
Übersetzung gegeben wurde, benachteiligt natürlich die Lateinschüler, ein
anspruchsvoller spanisch-deutscher Text hätte das Gegenteil bewirkt.
- Die von der Lateingruppe begangenen Fehler (im Vergleich zur
Französischgruppe pro Person höchstens zwei mehr!) müssten exakt auf
Lateinvorkenntnisse zurückgeführt werden können, um die gezogenen
Schlüsse zu rechtfertigen. Wenn zum Beispiel statt problemas de tráfico
einzelne Studenten tráfico problemas schrieben, dann bestimmt nicht
wegen Latein, das keinerlei zusammengesetzte Substantive kennt. Solche
Fälle erklären sich durch Anlehnung an die deutsche Muttersprache
(Verkehrsprobleme) oder das Englische (traffic problems).
- Vor allem kann das Nahverhältnis von "Mutter Latein und ihren
Töchtern" (so ein geglückter Buchtitel) nicht allein mithilfe von Tests
geklärt werden. Es muss verwundern, dass die Autoren der Studie keinerlei
linguistische Fachliteratur zurate gezogen haben. Vergleichende
Abhandlungen zu den romanischen Sprachen hätten ihnen gezeigt, dass
Latein und Spanisch sowie Italienisch deutlich näher zueinander stehen als
Französisch. Ein kleines Beispiel dafür: Blumen heißen auf Lateinisch
flores, auf Englisch flowers, auf Italienisch fiori, auf Spanisch flores. Der
Franzose hingegen muss den Artikel dazusetzen und sagt des fleurs, was
schon phonetisch schwieriger ist.
Fazit: Die Vertreter klassischer Bildung sind mitnichten um ein
Argument ärmer! Hingegen sind die Folgerungen, die aus der erwähnten
Studie gezogen wurden, derzeit nicht akzeptabel. Also: Latein trotz(t)
Französisch?

23
Meine Auffassung ist die folgende: Gymnasiasten sollten gründlich
und fließend Englisch lernen, eine Kommunikationssprache mit hohem
Nutzeffekt.
Ein Training gleichartiger Fähigkeiten würde ihnen Französisch als
zweite Fremdsprache vermitteln. Ein ergänzendes Training anderer, ebenso
wichtiger Fähigkeiten böte ihnen die klassische Sprache: Mit Latein lernen
Schüler eine Reflexionssprache mit hohem Bildungseffekt, die
"Basissprache Europas". Wenn sie, mit diesem komplementären Training
ausgestattet, danach - als ideale EU-Bürger - noch eine weitere moderne
Fremdsprache lernen wollen, so sollten dafür Italienisch und Spanisch,
vielleicht sogar auch eine außereuropäische Sprache zur Verfügung stehen.
Der Autor war Latein- und Griechischlehrer und Professor für
Pädagogik an der Universität Kiel. Unter dem Titel "Basissprache Latein"
hat er eine Argumentationshilfe für Lehrer verfasst.

Westphalen, Klaus
DIE ZEIT Nr. 11 06.03.2003

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THEMA #3 “KUNST UND GESELLSCHAFT”

TEXT #1
HEILIGER BIMBAM!

Der Nachlass von Hans Arp sorgt noch fast 40 Jahre nach seinem
Tod für Streitereien
Der 1886 in Straßburg geborene Maler, Bildhauer, Dichter und
Mitbegründer der Dada-Bewegung, Hans Arp, gilt als einer anregendsten
und innovativsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte seines
Nachlasses ist jedoch seinem OEuvre wenig angemessen. Prozesse sowie
ein nicht enden wollendes Gezerre zwischen den drei Arp-Stiftungen in
Deutschland, Frankreich und der Schweiz prägen bis heute die Schlacht um
seinen Nachlass. Die Stiftungen sind nach ihren Zerwürfnissen jetzt
entschlossen zusammenzuarbeiten.
Eine undurchsichtige Rolle im Streit um die Erbschaft spielt auch der
Arzt Claude Gubler. Dieser darf nun am 12. Juni nach einem fünfjährigen
Rechtsstreit 82 Hauptwerke aus dem früheren Besitz des Bruders François
Arp im H'tel Drouot-Richelieu versteigern lassen. Bereits im Juni 1998
hatte das Auktionsunternehmen Calmels Cohen den auf rund acht
Millionen Euro taxierten Bilder- und Skulpturenschatz am gleichen Ort in
seinem Auftrag aufbieten wollen. Eine einstweilige Verfügung vonseiten
der Remagener Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e. V. hatte das
Vorhaben vereitelt. Und auch jetzt ist in Paris noch ein Revisionsverfahren
über die Besitzverhältnisse anhängig, das allerdings keine aufschiebende
Wirkung im Hinblick auf die Auktion hat.
Die Sachlage ist kompliziert. Claude Gubler, der seine Arztzulassung
verlor, als er nach dem Tod von François Mitterrand die Krankenakte des
französischen Staatspräsidenten als Buch veröffentlichte, betreute auch
Ruth Tillard-Arp, die Nichte von Hans Arp, bis zu ihrem Tod. In den
achtziger Jahren hatte sie die Werke des berühmten Onkels aus dem Besitz
ihres Vaters testamentarisch Johannes Wasmuth, dem Gründer der
geplanten Arp-Kunstsammlung im Künstlerbahnhof Rolandseck bei
Remagen, vermacht. Später wurde das Testament um die Klausel erweitert,
dass der Nachlass nach Tod des Impresarios an die dortige Stiftung gehen
sollte. 1997, wenige Monate vor dem Tod der Erblasserin, starb der
engagierte Betreiber des Museums über dem Rhein. Nach dem Ableben der
über Achtzigjährigen kurz darauf im Jahr 1988 legte der Freund und Arzt
von Ruth Tillard-Arp überraschend ein Testament als Universalerbe vor.

25
"Nach französischem Recht", sagt die Anwältin der deutschen Arp-
Stiftung, Jutta von Falkenhausen, "sind Testamente zum Vorteil
behandelnder Ärzte grundsätzlich unwirksam." Dennoch hat ein
französisches Gericht Gubler kürzlich die Ansprüche bestätigt: Er habe zu
dem fraglichen Zeitpunkt offiziell nicht mehr praktiziert. In Rolandseck bei
Remagen entsteht derweil, so Raimund Stecker, seit 2001 Direktor des
Arp-Museums, "die schönste Museumsanlage Deutschlands". Einen ersten
Entwurf hatte der amerikanische Architekt Richard Meier bereits 1978
vorgelegt. Im Jahr 2000 hatte der Pritzker-Preisträger zwischenzeitlich
entnervt das Handtuch geworfen, weil die Realisierung nach mehr als
zwanzig Jahren immer noch nicht in Sicht war.
Nun scheint die Finanzierung in Höhe von rund 26 Millionen Euro
endlich gesichert. Der Direktor des Museums, der frühere Leiter des
Kunstvereins der Rheinlande und Westfalens, Stecker, will das Projekt
zusammen mit einem vor zwei Jahren gegründeten Förderverein bis 2006
umsetzen.
Ob dort jemals die 17 museumswerten Werke zu stehen kommen, die
Ruth Tillard-Arp dem deutschen Verein in ihrem ersten Testament
zugedacht hatte, bleibt ungewiss. Die Schenkung war an einen eigenen
Museumsbau für Arp geknüpft. Steht der einmal, könnten die
Voraussetzungen - wenn auch stark zeitverzögert - erfüllt sein. Zunächst
einmal wird aber die über Jahrzehnte hin privat gehütete Sammlung mit 82
Werken von Hans Arp, seiner Frau Sophie Taeuber-Arp, den
Künstlerfreunden Kurt Schwitters und Theo von Doesburg am 12. Juni zur
Versteigerung gebracht und damit voraussichtlich in alle Winde zerstreut.
Die Vielseitigkeit, der subtile Humor, die Heiterkeit der Arbeiten aus
fast allen Schaffensphasen Arps von 1914 bis 1965 sind in der zweitägigen
Vorbesichtigung im Drouot noch einmal zu sehen. Darunter das polychrom
bemalte Holzrelief Grand Tête - Petit Torse aus dem Jahr 1923 (400 000
Euro).
Gleich zweimal taucht der legendäre gedrechselte Kopf Tête Dada
von Sophie Taeuber-Arp auf: einmal als vielfarbig bemalte Holzskulptur
von 1920 (400 000 bis 500 000 Euro) und ein weiteres Mal auf einem Foto-
Porträt. Das Porträt setzt Sophie Taeuber-Arp in Szene, die die Skulptur vor
ihr Gesicht hält und so die Gesichter unter einem Hut ineinander
verschmelzen lässt.

Herstatt, Claudia
DIE ZEIT Nr. 24 05.06.2003

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TEXT #2
FEINE FETISCHE

Neues Interesse für schwarzafrikanische Kunst - auch im


Auktionsbetrieb
Afrika hat wieder Konjunktur. Das Interesse an magischen
Skulpturen und Masken, ohne die weder Kubismus, Expressionismus noch
der Surrealismus denkbar gewesen wären, ist neu erwacht. Vom 28. April
bis zum 7. Juli präsentieren die Internationalen Tage Ingelheim das Thema
Afrika (www.internationale-tage.de). Dann werden 70 Ahnen- und
Zauberskulpturen erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sein, die der
Hamburger Sammler Dieter Scharf im vergangenen Jahrzehnt
zusammengetragen hat. Für Katalog und Eröffnung konnte man den
Afrika-Kunst-Experten und früheren Direktor der Kunstsammlung
Nordrhein-Westfalen Werner Schmalenbach gewinnen, der schon 1953
sein erstes Buch zu dem Thema verfasste. 1988 verantwortete er die
Ausstellung Afrikanische Kunst aus der Genfer Sammlung Barbier-
Mueller, mit Stationen in Düsseldorf, Frankfurt und München.
Nach einer ersten Welle der erwachenden Begeisterung für die
"Negerkunst" zu Beginn des 20. Jahrhunderts - im Zusammenhang mit
Picassos Vorlieben für die Skulpturen der Schwarzen - sorgte die von
William Rubin am Museum of Modern Art in New York organisierte Schau
Primitivsm in 20. Century Art 1984 für eine zweite Welle weltweiter
Aufmerksamkeit. Vier Jahre später stellte die Brüsseler Ausstellung
Utotombo Werke aus fünf bedeutenden Privatkollektionen vor, ein Jahr
später eröffnete in Castagnola bei Lugano, in direkter Nachbarschaft zur
Kunstsammlung Thyssen, das Museum für Außereuropäische Kunst, mit
600 afrikanischen und ozeanischen Objekten.
Danach schien für fast ein Jahrzehnt lang der Publikumsbedarf
gedeckt zu sein. Nun scheint er wieder erwacht - vor allem durch den
Kunstmarkt. Es hat nicht so sehr damit zu tun, dass junge afrikanische
Musiker wie Youssou N'Dour die Discos unter Strom setze. Oder dass die
Fotografie von 1950 bis heute unter dem Aspekt "Black Light" starke
Beachtung finde. Oder dass der aus Nigeria stammende documenta-11-
Leiter Okwui Enwezor im vergangenen Jahr im Berliner Martin-Gropius-
Bau mit der Schau A Short Century die Zeit afrikanischer Kunst von 1945
bis 1994 in ein subjektiv getöntes Licht setzte.
Die Beförderung eines frischen Blicks auch auf die traditionellen
Werke ist durch ein solches Afrika-Revival dennoch nicht auszuschließen.

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Im Juli 2001 setzte die Auktion der Sammlung Hubert Goldet bei
Ricqlès in Paris ganz neue Maßstäbe. 1200 Besucher aus Europa und den
USA machten die Versteigerung der 644 afrikanischen Objekte mit einem
Gesamterlös von fast 89 Millionen französischen Franc zur erfolgreichsten
ihrer Art.
Mit den Namen bekannter Einliefer kann sich das Hamburger Haus
Quittenbaum allerdings nicht schmücken, das am 20. April in München 262
Skulpturen, Masken, Fetische, Ritualobjekte und Musikinstrumente aus
Guinea, Mali, der Elfenbeinküste, aus Kamerun, dem Kongo und Ostafrika
aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts zur
Auktion bringt. Bei der Zuordnung sollen die vielen Verweise im Katalog
auf Herkunft, Erwähnung und Abbildung in Lexika vergleichbarer Objekte
helfen - denn Fälschungen und "Flughafenkunst" sind reichlich im Umlauf.
Dass gerade Quittenbaum nun diese Spezialauktion anbietet, kommt
nicht von ungefähr. Die Geschäftsleiterin Ellen Piper-Quittenbaum wuchs
mit Romanen über Afrika-Expeditionen auf: "Das Einzige, was damals zu
Kriegszeiten in der Leihbücherei aufzutreiben war", sagt sie. Die Freude
am Fremden war schnell geweckt. 1956 eröffnete sie ihre erste Galerie in
Düsseldorf. 1959 folgte eine monatelange eigene Expedition nach Afrika:
auf den Spuren der holzschnitzenden Stämme.
Nun sieht die Kunsthändlerin den rechten Zeitpunkt gekommen, an
ihre Anfänge anzuknüpfen. Für geschätzte 24 000 Euro wird als teuerstes
Stück eine ein Meter hohe Fruchtbarkeitstanzmaske aus Guinea angeboten.
Im Katalog wird in ihrem Zusammenhang auf die Ausstellung Afrika und
Ozeanien 1967 in Baden-Baden verwiesen. Eine lange, spitze, mit
getriebenem Messingblech beschlagene und einem hölzernen Chamäleon
bekrönte Maske der Marka aus Mali ist auf 1250 Euro taxiert.
Einem von Lepra entstellten Gesicht ist eine Schreckmaske der Ibibio
(Nigeria) nachempfunden, Schätzpreis: 2650 Euro. Auf mehr als das
Doppelte (5600 Euro) wird die eindrucksvolle Maske eines in der Mitte
geteilten Gesichts aus dem Kongo geschätzt. Vergleichbares findet sich nur
noch im Afrikamuseum in Brüssel.
Zur Auktion kommen außerdem so rätselhafte Objekte wie ein
Mäuseorakel, ein Diebesfinder oder ein mit Haut überzogener Kopf der
Ekoi aus Nigeria (3600 Euro). Auch Dekoratives wie ein Antilopenaufsatz
mit Jungem aus Mali (5600 Euro) soll versteigert werden.

Herstatt, Claudia
DIE ZEIT Nr. 17 18.04.2002

28
TEXT #3
MUSEUM OHNE НAUS

Kunststadt Berlin:Entree für die Briten, Exil für eigene Schätze


Auszug. Umzug. Kunst in Kisten, seit fast einem Jahr. Aufseher an
andere städtische Institute verliehen. Wissenschaftler an
Behelfsschreibtische verfrachtet. Die Zukunft ist offen. Gab es das schon
mal irgendwo, ein Landesmuseum im Wartestand? Die Berlinische Galerie
ist ohne Ort. Aus dem eigenen Haus, dem Gropius-Bau, vertrieben, auf daß
dort den Großveranstaltungen von Kunst und Geschichte flächendeckend
gehuldigt werden kann. In einem anderen noch nicht angekommen. Eine
mögliche Lösung des Standortproblems nach einer langen Zeit amtlichen
Zauderns in den Wind geschrieben. Eine andere immer wieder und bis
heute hinausgezögert. Und während die Kulturbehörde das Schicksal der
renommierten Institution trotz aller Dringlichkeit taktierend behandelt,
folgt sie anderswo bereitwillig jugendfrischen Kunstmarketing-Strategien.
So sieht der "heiße Kunstherbst" in Berlin auch aus.
Die Situation der Berlinischen Galerie ist ein blamables Stück
Kulturpolitik. Sie nun einen Skandel zu nennen, der bundesweite
Aufmerksamkeit verdiene, war jedoch keinem einsichtigen
hauptstädtischen Kulturbeamten vergönnt, sondern Karl Ruhrberg, dem
beherzten rheinischen Museumsmann, der früher das Berliner-
Künstlerprogramm des DAAD leitete. Für ihn ist eine Politik
"geltungssüchtig und kurzsichtig", die eine in zwanzig Jahren aufgebaute
Sammlung ins Depot schickt. Und kontraproduktiv provinziell nennt er
eine Haltung, deren schlimmste Folge für die Kollektion das "ewig
Unvollendete" sein könnte.
Der gegenwärtige Zustand ist schlimm genug und überdies
rufschädigend für das so gern in Grußadressen beschworene kulturelle
Ansehen der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb kommt, schon gar in
der Aufbruchsstimmung der neuen Regierung, ein Gastspiel der
Berlinischen Galerie in der Bonner Bundeskunsthalle sehr gelegen. Die
umfangreiche Präsentation, die sich vermeintlich selbstverständlich an die
Ausstellungen anderer deutscher Museumssammlungen anschließt, ist
durchaus als Appell gedacht: Aufmerksamkeit jenseits der Berliner
Scheuklappenpolitik ist der Berlinischen Galerie zu gönnen. Aber moderat
und diplomatisch sollte dieser Auftritt wohl sein, denn wenn in direktoralen
Eingangsworten von einer "Umbruchphase" die Rede ist, bleibt das
Skandalöse dieses Umstands eher verborgen. Und wenn Jörn Merkert, seit
1987 Nachfolger des Gründungsdirektors Eberhard Roters, allein "die

29
Bedeutung des noch jungen Museums" unterstreicht, spricht das vor dem
Hintergrund jahrelanger Unsicherheit für eine staunenswerte
Leidensfähigkeit.
Niemand konnte wissen, wie schnell sich das politische Klima
veränderte und wie heftig es nun nach Aufbruch verlangt, nach deutlichen
Worten und klaren Entscheidungen. Die Berlinische Galerie ist es wert,
unter bundespolitischen Aspekten betrachtet zu werden. Denn sie ist kein
Regionalmuseum, schon gar keine Heimatkunstsammlung, als die sie von
international gesinnten Berlinern in ihren Anfangszeiten geschmäht wurde.
Sie ist eher eine facettenreiche Spiegelung der Künste vor dem Hintergrund
der Stadt und deren Geschichte.
100 Jahre Kunst im Aufbruch heißt die Bonner Schau denn auch
folgerichtig. Das klingt wie ein Kommentar zu der von Roters oft zitierten
Kleingläubigkeit der Berliner. Daß es ihnen an kulturellem Selbstvertrauen
mangele, sei ein tiefgründig verankertes Defizit mit irrationalen Zügen; das
bedeute "Mangel an Vertrauen in die eigene kulturelle Tradition, Mangel an
Vertrauen in die eigene kulturelle Hervorbringungskraft, und das alles,
obwohl die Tatsachen schon längst das Gegenteil erwiesen haben". Gegen
die Haltung haben Roters und Merkert die Berlinische Galerie eingerichtet,
baute Janos Frecot die heute international bekannte Fotosammlung auf,
entstand etwas sehr Spezifisches: eine interdisziplinär wirksame Sammlung
aus Malerei, Skulptur, Arbeiten auf Papier, Fotografie,
Architekturmodellen und -plänen sowie Archivalien, die die Berlinische
Galerie nicht zuletzt zahlreichen Schenkungen Berliner Bürger und
Künstlernachlässen verdankt.
Die Bonner Ausstellung mit ihren Höhepunkten von Berlin-Dada und
weiteren Aspekten der zwanziger Jahre ist auch eine Hommage an den
Esprit ihres listenreichen Gründers Roters. Vor allem wirkt sie als
materialreiche Collage, als ein vielstimmiges Gespräch der Künste quer
durch die Zeiten.
Was in der jüngsten Gegenwartskunst eher ins Indifferente ausufert,
ist zwischen "Brücke" und dem Verismus von Dix und Grosz bestechend:
die Unmittelbarkeit der Handschriften, eine Präzision der Botschaften, auch
und gerade am Beispiel von Arbeiten auf Papier. Diese stammen zum
großen Teil aus der Sammlung des Berliner Kunsthändlers Florian Karsch
und dessen Galerie Nierendorf. Karsch will fünfzig Prozent seines
grafischen Bestandes der "nach Kunst hungrigen" Berlinischen Galerie
vermachen. Wenn allerdings des Taktierens keine Ende sein sollte, wenn
der anvisierte Standort des Museums in den Katakomben der einstigen

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Schultheiss-Brauerei in Kreuzberg nicht zustande käme, will er die Stiftung
zurückziehen.
Bei dem privaten Schultheiss-Investment (einem auf 300 Millionen
Mark Umbaukosten projektierten Kunst- und Kulturzentrum in
denkmalgeschützten Gebäuden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts) geht es
um einen städtischen Anteil von 50 Millionen für die Berlinische Galerie.
Die Entscheidung drängt. Die Frist läuft im Frühjahr 1999 ab. Derweilen
geht das Museum auf Reisen in sieben europäische Städte zwischen
Budapest und Edinburgh.

Bode, Ursula
DIE ZEIT Nr. 42 08.10.1998

TEXT #4
THEATER; HANNEMUT ODER DIE KINDER DES LICHTS

Ein "Magazin des Glücks" verspricht das Thalia-Theater mit einem


frischen Projekt. Andreas Kriegenburg, neuer Oberspielleiter am
Hamburger Haus, wird in sechswöchigem Abstand in der Thalia-
Dependance Gaußstraße Stücke von Dea Loher inszenieren, die aktuell
nicht im tagespolitischen, aber in einem philosophischen Sinn sein wollen.
Das erste, mit dem Titel Licht, erzählt vom Sterben Hannelore Kohls, ihres
Lebens im Schatten des ehemaligen Bundeskanzlers und von ihrer
zerstörerischen Lichtallergie: 40 knappe Minuten, versteckt hinter Folie
und hörbar nur über Mikrofone. Hannelore Kohl lebte auf Abstand, hinter
einer Fassade von "täglich hingerichteter" (Loher) Angepasstheit. Selbst ihr
Antlitz verschmilzt mit demjenigen ihres Mannes: Markwart Müller-Elmau
wirkt wie eine Kreuzung aus Helmut und Hannelore und ist durch die
Plastikwand nur verschwommen zu erkennen - diese Box wirkt wie ein
unscharf eingestellter Fernseher. Zwei schattenhafte Figuren (Judith
Hofmann, Helmut Mooshammer) umkreisen, einem antiken Chor gleich,
Hannemut Kohl. Ein Gartenriese regiert das marode Idyll inmitten von
vertrockneten Efeuranken (Bühne: Andrea Schaad). Wie mit Fangarmen
umschlingt das Gewächs die spießbürgerliche Welt: Ikea-Bank,
Sonnenschirm, Kinderwagen. Müller-Elmau stapft im grauen Kostüm und
Wanderschuhen durchs Gestrüpp. "Es ist schön, nicht im Wege zu sein",
sagt die Politikerfrau. Müller-Elmau spielt die Kranke mit wenigen Gesten,

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sparsamer Mimik, spricht den einsamen Monolog in verhaltenem Ton, ein
beklemmendes Psychogramm.
Andreas Kriegenburg versteht sich aber nicht nur aufs skizzenhaft-
verdichtete Kammerspiel, er verzaubert auch mit einer poetischen Theater-
im-Theater-Inszenierung auf der großen Thalia-Bühne. Kinder des Olymp,
nach dem Drehbuch von Jacques Prévert, spielt in einem
brettervernagelten, weißen Korpus mit einer Pupille als Fenster zur Welt
(Bühne und Kostüme: Robert Ebeling). Dabei jongliert er mit den
Illusionen von Liebe und theatralem Spiel. Sowohl die Verwirrungen der
Sehnsucht als auch die imaginierte Bühnenrealität versetzen uns dabei in
Scheinwelten.
Kriegenburg folgt filmischen Spuren, die über ein halbes Jahrhundert
alt sind. Sehr eng an der Vorlage orientiert, transportiert Kriegenburg die
Filmbilder mit den - im Vergleich - bescheidenen Mitteln des Theaters auf
die Bühne. Damit befindet er sich auf Höhe des Kinos, entwickelt Bilder
von melancholischer, aber eben kaum eigenständiger Kraft. Einem
Schwimmmeister gleich dirigiert Baptiste (Hinnerk Schönemann) auf
einem surreal hohen Hocker imaginäre Badegäste, als die verliebte Nathalie
(Doreen Nixdorf) ihn anbettelt, sie einzucremen. Doch der Pantomime
bespritzt sie brutal mit einem dicken Strahl Sonnenmilch. Er jagt der
flatterhaften Garance (Judith Hofmann) nach. Die aber schwebt als
unerreichbarer Schmetterling auf einer Schaukel durch die Luft, die Gäste
einer Kellerkneipe hängen sturzbetrunken unter der Decke.
Verkehrte Welt - verliebte Welt. Vier Männer vergöttern eine Frau,
da gerät alles aus den Fugen. "Die Liebe ist doch so einfach", sagt dabei
Nathalie, sagen später auch Baptiste und Garance, aber sie alle werden
nicht erhört, weil nichts so herzzerreißend-beflügelnd ist wie eben die
Liebe. Der Regisseur koloriert also den schwarzweißen Film, er taucht den
Jahrmarkt der Gefühle in eine rasante Lichtspielerei, schickt verschrobene
Typen los, Gaukler, Musikanten, Clowns, nutzt Luken, Löcher und
Kammern, während uns Claudia Renner mit dem Akkordeon eine Träne
entlockt. Jede Menge Budenzauber also, aber Baptistes schmachtend-
verzweifelten Blicke, seine schlaksige Pantomime, die gestenreichen Finger
in weißen Handschuhen sind am Ende doch nicht von Préverts Magie. Bei
Kinder des Olymp läuft Kriegenburg bewundernd dem Film hinterher.

Kemper, Hella
DIE ZEIT Nr. 42 11.10.2001

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TEXT #5
WANDERER DURCH REIM UND RHYTHMUS

Raus aus dem Hamsterrad des Pop: Die Hamburger Band Fink
erfindet die Country-Musik neu
Diese Helden suchen Linderung. Einer taucht das Gesicht in eine
Schale Wasser, ein anderer steckt seinen Kopf in eine abenteuerlich
anmutende Kühlmaschinerie. Die Zeichnungen auf dem neuen Album der
Band Fink stammen aus einem medizinischen Lehrbuch vom Ende des 19.
Jahrhunderts, das Sänger Nils Koppruch auf dem Dachboden seiner
Großeltern fand. Haiku-Ambulanz haben die sechs Hamburger ihre
inzwischen fünfte CD getauft: Auf dem Rummelplatz der Bilder und
Assoziationen darf wieder gerätselt werden.
Fink kennen das schon: Vier Alben, viele lästige Fragen - Country
auf Deutsch, geht das denn? Unversehens ist der Band dabei die
Leithammelrolle einer neuen Folklorebewegung zugefallen, die sich - vor
ein paar Jahren noch undenkbar - quer durch die Republik formiert.
Ensembles wie Cow (München), Erdmöbel (Köln) und Missouri
(Hamburg) machen schon seit Jahren Musik, ihre Country-Schmonzetten,
Walzerstücke, all die schnarrenden Lieder zur Westerngitarre sind
wurzelverliebte Gegentöne zum allzu himmelblauen Hauptstadtgetöse, das
von der Band Wir sind Helden angeführt wird - nach dem Motto:
Rezession, Baby, aber mit frechem Mädchengesang!
"Man könnte drüber lachen, aber ich muss da jetzt gleich raus", singt
Koppruch nur, konkreter werden seine textlichen Hinweise auf Pop als
bloßen Unterhaltungsbetrieb nie. Es gibt bei Fink einen ausgesprochenen
Ekel vor dem Wettlauf im Hamsterrad. "Durch den massiven Sieg des
Kapitalismus", sagt Fink-Bassist Andreas Voß, "wird das plötzlich so
altmodisch, sich mit künstlerischen Prozessen zu beschäftigen. Es geht um
Aktienkurse, Geldverdienen, Gleichschaltung. Dinge, die's seit Adenauer
gibt. Aber heute ist das ökonomisch und kulturell so dominant, dass der
Wunsch nach dem anderen Leben leicht verloren geht."
Die Band Fink suchte sich ihre Geschäftspartner im anderen Leben
gewissenhaft aus: Die ersten beiden Alben erschienen auf iXiXeS Records,
einer Art Hamburger Reformhaus für ökologisch einwandfreie Country-
Produkte, die folgenden CDs übernahm L'Age D'Or, ein des
Truckerschlagers generell unverdächtiger Verein. Und jetzt Trocadero - das
Label aus dem rheinischen Ratingen bedient seit Jahren die deutsche
Americana-Fanbase mit gehobenem Singer-Songwritertum. Nach ihren
Auftritten im Rahmen der Tribute-Shows zum 50. Todestag von Hank

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Williams und der mit Schauspieler Peter Lohmeyer schnell herausgejagten
Protestnote zum Irak-Krieg (Bagdad Blues) spielen Fink heute wieder sich
selbst: knorrige Musikanten, deren Songs traditionell nah am Wasser
gebaut sind.
Einer der seltsamsten Beiträge auf dem neuen Album heißt Sonne
nicht gesehen.
Koppruch lässt darauf einen Regen niederprasseln, für den das
angloamerikanische it's raining cats and dogs eine mickrige Beschreibung
ist.
Es regnet regelmäßig in Koppruchs Songs, und einmal weinte der
Songwriter in Übertragung einer schon viel zu klassischen Popzeile sogar
einen ganzen Fluss. Koppruchs Lieder sind Liebeslieder,
Nachbarschaftslieder und vertonte Stillleben - ein paar von ihnen kann man
sich als Marschverpflegung beim Volkswandertag vorstellen. Ernsthafte
Anwärter auf die Liederbücher zukünftiger Jugendlandschulheimklassen,
die klampfend im Schatten deutscher Burgruinen chillen, wurden auch
schon ausgemacht. Engstirnige Traditionalisten sind Fink trotzdem nicht.
Haiku-Ambulanz ist das erste Album, das die Band komplett per
Rechner aufgezeichnet und bearbeitet hat. Die Songs werden jetzt von
Drum-Loops und Reggae-Bassläufen angeschoben. Für die Schnippelarbeit
mussten erst mal Handbücher gewälzt werden. "Das war wie mit der Pedal-
Steel-Gitarre am Anfang", sagt Andreas Voß. "Keiner wusste, wie's geht.
Wir spielen mit den Instrumenten, und die Instrumente spielen mit uns. Als
Les Paul sich die ersten Gitarren ausgedacht hat, spannte er einfach
Klaviersaiten, die er in der Scheune gefunden hatte, über Bahngleise. Er
wollte wissen, was für Töne er damit erzeugen konnte."
Nils Koppruch, Jahrgang 1965, hat spät mit der Musik angefangen -
als Zivi in einem linken Kinderladen in Hamburg. Er macht das Abi auf
dem zweiten Bildungsweg und entdeckt sich selbst "als Schulkind, das
plötzlich unheimlich viel Zeit hat". Da war er schon 24. Es folgen
Schulband, Punkband und die von Johnny Cash beschleunigte Entdeckung,
"dass Country-Musik nicht gleich Roger Whittaker ist". Heute pflücken
Fink Country & Folk wie selbstverständlich von der Apfelwiese, "und
morgen, Kinder", singt Koppruch in seinem aktuellen Superschlager,
"essen wir Kompott". Es müssen keine fertigen Geschichten erzählt
werden, weil Geschichtenerzählen etwas für die ist, die ein Anfang und ein
Ende suchen. Fink ziehen los, Ziel unbekannt: Das Plingen der
Wandergitarren begleitet rhythmisierte Assoziationsketten, aus denen
herrliche Sehnsuchtsmelodien aufsteigen.

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Mit Fink geht man ahnungslos in den Morgen und trudelt bestens
bebildert am Abend wieder ein: "Ich hab das Loch in der Welt gesehen / ich
hab reingeschaut / jetzt weiß ich, wo sie den Tag andrehen / und wer die
Stunden zerkaut". Loch in der Welt, das zweite Album 1998, signalisierte
auch einen Aufbruch in bis dato unheimlich fern scheinende Territorien der
Pop- und Rock-Roadmap. Element-of-Crime-Boss Sven Regener schenkte
den Freunden von Fink einen Trompeteneinsatz in einem der besten Fink-
Songs dieser Jahre (Als einer einmal nicht kam). Auf Haiku- Ambulanz
wird das Instrumentarium der Folkmusic per Mausklick noch einmal in
einen anderen Kontext geschickt. So weit von ihren Ursprüngen entfernt,
erzählen all die Banjos, Pedal-Steel- und Bottleneck-Gitarren auch
Geschichten der Verstörung. Wie soll man es nennen, dieses Übersetzen
von Roots-Musik in eigene Begriffe? Country plus vielleicht, wahlweise
auch Kantrie, oder, der Artikulation des Sängers der Schweizer Band
Aeronauten in einer im Appenzellerland vertonten Bemerkung übers Altern
folgend, Cauntry. Mit Cauntry konnte man bislang nur keine Mädchen
kriegen. In Deutschland jedenfalls nicht.

Sawatzki, Frank
DIE ZEIT Nr. 32 31.07.2003

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УЧЕБНОЕ ИЗДАНИЕ

Нестеренко Павел Николаевич

ЛИНГВИСТИЧЕСКИЕ ОСОБЕННОСТИ
ПУБЛИЦИСТИЧЕСКОГО ТЕКСТА
СБОРНИК ТЕКСТОВ
НА НЕМЕЦКОМ ЯЗЫКЕ

Подписано в печать 11.02.2008 г.


Формат 60х84/16.
Бумага типографская. Гарнитура «Таймс». Объем 2 усл.п.л.
Тираж 100 экз. Заказ № 25.

Отпечатано в Издательском центре СГПИ


353563 г. Славянск-на-Кубани ул. Коммунистическая, 2

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