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УЧИМ НЕМЕЦКИЙ,

ЧИТАЯ КЛАССИКУ

Эрих Мария Ремарк


ЖИЗНЬ ВЗАЙМЫ

Erich Maria Remarque

DER HIMMEL KENNT


KEINE GÜNSTLINGE
Уникальная методика
обучения языку В. Ратке

Адаптация текста,
лексико-грамматический комментарий
и словарь О. С. Беляевой

Издательство АСТ
УДК 811.112.2(075.4)
ББК 81.2Нем-93
Р37

Дизайн обложки А. Закопайко


Иллюстрация на обложке А. Орловой

Erich Maria Remarque


DER HIMMEL KENNT KEINE GÜNSTLINGE

First published in the German language


as “Der Himmel kennt keine Günstlinge”
by Erich Maria Remarque.

Печатается с разрешения издательства


Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG.

Ремарк, Эрих Мария.


Р37 Жизнь взаймы. Уникальная методика обучения языку
В.  Ратке / Э. М. Ремарк; подготовка текста, лексико-грамм.
комментарии и словарь О. С. Беляевой. — Москва: Издательство
АСТ, 2021. — 320 с. — (Учим немецкий, читая классику).
ISBN 978-5-17-133432-1
В романе рассказывается история любви автогонщика Клерфэ и молодой
девушки Лилиан Дюнкер, больной туберкулезом и уже примирившейся с
неизбежностью смерти. Книга о борьбе за жизнь, соревновании со смертью
и обретении вечности в любви.
Адаптированный текст произведения снабжен лексико-грамматическим
комментарием, а также грамматическим справочником. Издание сопрово-
ждается словарем.
УДК 811.112.2(075.4)
ББК 81.2Нем-93

© 1961, 1990 by Verlag Kiepenheuer &


Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/
Germany
© Беляева О.С., подготовка текста,
лексико-грамм. комментарии
ISBN 978-5-17-133432-1 и словарь
© ООО «Издательство АСТ»
1
Clerfayt hielt den Wagen an einer Tank-
station und hupte. Ein Junge von sechzehn
Jahren kam heraus. Er trug einen roten
Sweater und eine Brille.
»Füll den Tank auf*«, sagte Clerfayt.
»Mit Super?«
»Ja. Wo kann man noch etwas zu essen
bekommen?« Der Junge zeigte über die
Straße.
»Dort. Heute Mittag war Berner Platte.«
Das Restaurant war ungelüftet** und
roch nach altem Bier und langem Winter.
Clerfayt bestellte Bündner Fleisch, Brot,
Käse und eine Karaffe Aigle. Er ließ sich
das Essen von dem Mädchen auf die Ter-
rasse bringen. Es war nicht sehr kalt drau-
ßen. Der Himmel war massiv und blau.
*
Заправь бак.
**
Hепроветрен

3
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

1
soll waschen — дол-
»Soll ich den Wagen waschen1?« frag-
жен помыть te der Junge von der Tankstelle her.
модальный глагол
sollen »Nein. Mach nur die Windschutzscheibe*
sauber.«
Der Wagen war lange nicht gewaschen
2
war lange nicht worden2 und zeigte es. Wozu bin ich nur
gewaschen worden — hierher gefahren? dachte Clerfayt. Zum
давно не мыли
Passiv Skilaufen ist es zu spät3. Und Mitleid?
3
zu spät — слишком
поздно Mitleid ist ein schlechter Reisebegleiter  —
und ein noch schlechteres Reiseziel.
Warum fahre ich nicht nach München?
Oder nach Mailand? Aber was soll ich in
München tun? Oder in Mailand? Oder ir-
gendwo anders? Ich bin müde, dachte er.
Er trank den Wein aus und ging zurück.
Er ließ sich noch zwei Pakete Zigaretten
4
sich geben lassen — und Streichhölzer geben4 und bezahlte sei-
взял, ему дали ne Rechnung.
»Sind das Kilometer?« fragte draußen
der Junge im roten Sweater und zeigte auf
den Geschwindigkeitsmesser.
»Nein, Meilen.«
Der Junge fragte. »Was machen Sie
denn hier in den Alpen? Warum sind Sie
mit einer solchen Karre** nicht auf der
Autostrada?«
*
Ветровое стекло
**
Тачка

4
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayt sah ihn an. Blinkende Brillen-
gläser, eine aufgeworfene Nase, Pickel,
abstehende Ohren.
»Man tut nicht immer, was richtig ist,
mein Sohn«, sagte er. »Sogar, wenn man
es weiß. Darin kann manchmal der Charme
des Lebens liegen. Verstehst?«
»Nein«, erwiderte der Junge. »Aber die
SOS-Telefone finden Sie auf dem ganzen
Paß. Wenn Sie stecken bleiben, holen wir
Sie. Hier ist unsere Nummer.«
»Habt ihr keine Bernhardiner mehr mit
Schnapsfläschchen um den Hals?«
»Nein. Der Kognak ist zu teuer, und 5
zu — усилительная
частица с негатив-
die Hunde wurden zu schlau. Sie tranken ным оттенком
den Schnaps selbst. Dafür haben wir jetzt
Ochsen*.«
»Du hast mir heute noch gefehlt«, sag-
te Clerfayt schließlich. »Ein Alpenschlau-
berger** auf zwölfhundert Meter Höhe! Heißt
du vielleicht auch noch Pestalozzi oder
Lavater?«
»Nein. Göring.«
»Was?«
*
Бык, вол
**
Хитрец

5
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Göring.« Der Junge zeigte ein Lächeln,
in dem ein Vorderzahn fehlte. »Aber Hubert
mit Vornamen.«
»Verwandt mit dem  — «
6
wenn ich zu den »Nein. Wir sind Basler Görings. Wenn
anderen gehörte,
brauchte ich … — ich zu den andern gehörte, brauchte ich6
если бы я принад-
лежал к другим, мне
hier nicht Benzin zu zapfen. Dann kriegten
не нужно было бы… wir eine gute Pension.«
придаточное ус-
ловное Clerfayt schwieg einen Augenblick. »Ein
sonderbarer Tag«, sagte er dann. »Wer
hätte das erwartet? Alles Gute, mein Sohn,
für dein weiteres Leben. Du warst eine
Überraschung.«
»Sie nicht. Sie sind Rennfahrer, nicht
wahr?«
»Warum?«
Hubert Göring zeigte auf eine fast ab-
gewaschene Nummer unter dem Dreck auf
der Kühlerhaube*.
»Ein Detektiv bist du auch noch?« Cler-
fayt stieg in den Wagen.
7
vergessen zu
Er ließ den Motor an. »Sie haben ver-
bezahlen — забыли gessen zu bezahlen 7«, erklärte Hubert.
оплатить
vergessen + zu »Zweiundvierzig Fränkli.«
+ Infinitiv
Clerfayt gab ihm das Geld. »Fränkli!«
sagte er. »Das beruhigt mich wieder, Hu-
*
Капот радиатора

6
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
bert. Ein Land, in dem das Geld einen
Kosenamen hat, wird nie eine Diktatur.«
Eine Stunde später saß der Wagen fest.
Clerfayt könnte umdrehen und wieder hin-
unterfahren; aber er hatte keine Lust,
Hubert Göring so schnell wieder zu sehen.
So blieb er geduldig in seinem Wagen sit-
zen, rauchte Zigaretten, trank Kognak und
wartete auf Gott.
Gott erschien nach einiger Zeit in Gestalt
eines kleinen Schneepfluges*.
Clerfayt teilte den Rest seines Kognaks
mit dem Führer. Dann fuhr der Mann vor
und begann mit seiner Maschine den Schnee
8
begann zu werfen —
zur Seite zu werfen8. Zweihundert Meter начал бросать
weiter war die Straße wieder frei. Der beginnen + zu
+ Infinitiv
Führer winkte ihm nach. Er trug, ebenso
wie Hubert, einen roten Sweater und eine
Brille.
Clerfayt hielt den Wagen einen Augen-
blick an und sah hinunter. Dann fuhr er
langsam die Kurven hinab. Irgendwo da
unten in einem Sanatorium mußte9 Holl- 9
mußte — должен
модальный глагол в
mann wohnen, sein Beifahrer, der vor einem Präteritum
Jahr krank geworden war10. Der Arzt hat- 10
krank geworden
war — заболел
te Tuberkulose festgestellt, und Hollmann Plusquamperfekt
hatte darüber gelacht  — so etwas gab es
*
Снегоуборочная машина

7
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
doch nicht mehr im Zeitalter der Antibio-
tika. Aber die Wundermittel waren nicht
ganz so gut gewesen, besonders nicht bei
Menschen, die im Kriege aufgewachsen
11
wenig zu essen waren und wenig zu essen gehabt hatten11.
gehabt hatten — име-
ли мало еды
Bei der Tausendmeilenfahrt in Italien hat-
Plusquamperfekt te Hollmann kurz vor Rom eine Blutung
bekommen. Der Arzt sagte, man muss ihn
für ein paar Monate in die Berge schicken.
Aus den paar Monaten war jetzt fast ein
Jahr geworden.
Der Motor begann plötzlich zu spucken.
Clerfayt hielt den Wagen und öffnete die
Motorhaube.
Es waren, wie immer, die Kerzen des
zweiten und vierten Zylinders. Er putzte
sie und ließ die Maschine wieder an. Der
Motor funktionierte jetzt.
Das plötzliche Heulen des Motors er-
12
die Pferde, die schreckte die Pferde, die von der anderen
kamen — лошади, Seite kamen12. Sie stiegen auf und rissen
которые шли
придаточное опре- den Schlitten quer auf den Wagen zu.
делительное
13
Mann, der trug — Ein großer Mann, der eine Kappe aus
мужчина, который schwarzem Pelz trug13, stand im Schlitten
носил (на котором
была) auf und redete beruhigend auf die Tiere
придаточное опре-
делительное ein. Neben ihm saß eine junge Frau. Sie
hatte ein braunes Gesicht und sehr helle
Augen.

8
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Es tut mir leid, daß ich Sie erschreckt
habe«, sagte Clerfayt. »Vielen Dank, daß
Sie uns retten wollten«, sagte der Mann.
Clerfayt blickte auf. »Ich wollte nicht
Sie retten«, erwiderte er trocken.
»Nur meinen Wagen vor Ihren Schlit-
tenkufen.«
Das Sanatorium Bella Vista lag auf
einer kleinen Anhöhe über dem Dorfe.
Clerfayt parkte den Wagen neben dem Ein-
gang, auf dem ein paar Schlitten standen.
Er stellte den Motor ab und legte eine
Decke über die Haube, um ihn warmzuhal-
ten. »Clerfayt!« rief jemand vom Eingang
her.
Er drehte sich um und sah zu seinem
Erstaunen Hollmann auf sich zu gelaufen
kommen. Er hatte geglaubt, er läge zu Bett.
»Clerfayt!« rief Hollmann. »Bist du es
wirklich?«
»So wirklich, wie man es sein kann. Und
du! Du läufst herum? Ich dachte, du liegst
im Bett.«
Hollmann lachte. »Das ist hier altmo-
disch.« Er starrte auf den Wagen. »So eine 14
konnte —
Überraschung! Wo kommst du her?« Präteritum гл.
können
»Aus Monte Carlo.« konnte sich nicht
»So etwas!« Hollmann konnte 14 sich beruhigen — не мог
успокоиться
nicht beruhigen. »Und mit Giuseppe, dem

9
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
alten Löwen! Ich dachte schon, ihr habt
mich vergessen!«
»Es ist Giuseppe. Aber er fährt keine
Rennen mehr. Ich habe ihn von der Fabrik
gekauft. Er ist jetzt im Ruhestand.«
»So wie ich.«
Clerfayt sah auf. »Du bist nicht im
Ruhestand. Du bist auf Urlaub.«
»Ein Jahr! Das ist kein Urlaub mehr.
Aber komm herein! Wir müssen das Wie-
dersehn feiern! Was trinkst du jetzt? Immer
noch Wodka?«
Clerfayt nickte. »Gibt es bei euch denn
Wodka?«
»Für Gäste gibt es hier alles. Dies ist
15
ein modernes
Sanatorium — совре-
ein modernes Sanatorium15.«
менный санаторий »Das scheint so. Es sieht aus wie ein
ср.род им.падеж
Hotel.«
»Das gehört zur Behandlung. Moderne
Therapie. Wir sind Kurgäste; nicht mehr
Patienten. Die Worte Krankheit und Tod
sind tabu. Man ignoriert sie. Aber man
stirbt trotzdem. Was hast du in Monte
Carlo gemacht? Das Rallye mitgefahren?
Mit wem hast du das Rallye gefahren?«
»Mit Torriani.«
Sie gingen dem Eingang zu. »Schön
hier«, sagte Clerfayt.
»Ja, ein schönes Gefängnis.«

10
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayt erwiderte nichts. Er kannte
andere Gefängnisse. »Fährst du jetzt immer
mit Torriani?« fragte Hollmann.
»Nein. Mal mit dem einen, mal mit dem
anderen. Ich warte auf dich16.« 16
warte auf dich —
жду тебя
Es war nicht wahr. Clerfayt fuhr seit warten auf Akk.
einem halben Jahr die Sportwagen-Rennen
mit Torriani.
»Hast du etwas im Rallye gemacht?«
fragte er.
»Nichts. Wir waren zu spät.«
17
Lass uns etwas
Clerfayt hob die Hand. »Lass uns etwas trinken — давай что-
trinken17. Und tu mir einen Gefallen: Lass нибудь выпьем

uns über alles reden, nur nicht über Rennen


und Automobile!«
»Aber warum? Ist etwas passiert?«
»Nichts. Ich bin müde. Möchte mich
ausruhen. Das verstehst du doch.«
»Natürlich«, sagte Hollmann. »Aber was
ist los?«
»Nichts«, erwiderte Clerfayt ungedul-
dig. »Ich bin nur abergläubisch*, wie jeder
andere. Mein Kontrakt läuft ab und ist
noch nicht erneuert. Das ist alles.«
»Clerfayt«, sagte Hollmann, »wer ist
gestürzt?«
»Ferrer.«
*
Суеверный

11
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Tot?«
»Noch nicht. Aber man hat ihm ein Bein
amputiert. Komm jetzt und gib mir einen
Schnaps.«
Sie saßen in der Halle an einem kleinen
Tisch neben dem Fenster. Clerfayt sah sich
18
Kranke — больные um. »Sind das alles Kranke18?«
субстантивирован-
ное прилагательное »Nein. Auch Gesunde, die die Kranken
19
Gesunde, die die
Kranken besuchen — besuchen19.«
здоровые, которые »Natürlich! Und die mit den blassen
посещают больных
Gesichtern sind die Kranken?«
Hollmann lachte. »Das sind die Gesun-
20
weil — так как
den. Sie sind blaß, weil20 sie erst vor kur-
придаточное при-
чины zem heraufgekommen sind. Die andern, die
braun sind, sind die Kranken, die schon
lange hier sind.«
Ein Mädchen brachte ein Glas Orangen-
saft für Hollmann und eine kleine Karaffe
Wodka für Clerfayt.
»Wie lange willst du bleiben?« fragte
Hollmann.
»Ein paar Tage.«
Hollmann holte eine flache Flasche aus
der Brusttasche und goß einen Schluck in
sein Glas.
»Gin«, sagte er. »Hilft auch.«
»Dürft ihr nicht trinken?« fragte Cler-
fayt.

12
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Es ist nicht ganz verboten; aber so ist
es einfacher21.« Hollmann schob die Flasche 21
einfacher — проще
сравнительная сте-
zurück in die Tasche. пень прилагатель-
Ein Schlitten hielt vor dem Eingang. ного

Clerfayt sah, daß es derselbe war, dem er


auf der Straße begegnet war. Der Mann
mit der schwarzen Pelzkappe stieg aus.
»Weißt du, wer das ist?« fragte Cler-
fayt.
»Ein Russe. Er heißt Boris Wolkow.
Hier weiß man bald alles über einander«,
sagte Hollmann.
Eine Gruppe schwarzgekleideter kleiner
Leute drängte sich hinter ihnen vorbei. Sie
unterhielten sich lebhaft auf spanisch. »Für
ein kleines Dorf scheint ihr ziemlich inter-
national zu sein«, sagte Clerfayt. »Das sind
wir. Der Tod ist immer noch nicht chauvi-
nistisch.«
»Dessen bin ich nicht mehr so ganz
sicher.« Clerfayt blickte zur Tür. »Ist das
22
die Frau des
da die Frau des Russen22?« Hollmann sah Russen — женщина
sich um. »Nein.« русского
родительный падеж
Der Russe und die Frau kamen herein.
»Sind die beiden auch krank?« fragte Cler-
fayt.
»Ja.«
Der Russe und die Frau blieben neben
der Tür stehen.

13
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Sie scheinen Streit zu haben«, sagte
Clerfayt, nicht ohne Genugtuung*.
»So etwas passiert hier. Jeder wird nach
einiger Zeit etwas verrückt. Gefangenenla-
ger-Psychose.«
Clerfayt sah Hollmann aufmerksam an.
»Bei dir auch?«
»Bei mir auch.«
»Wohnen die beiden auch hier?«
»Die Frau; der Mann wohnt außerhalb.«
Clerfayt stand auf. »Ich fahre jetzt ins
Hotel. Wo können wir zusammen zu Abend
essen?«
23
in dem Gäste »Hier. Wir haben ein Esszimmer, in
erlaubt sind — в ко-
тором разрешены
dem Gäste erlaubt sind23.«
гости »Gut. Wann?«
придаточное опре-
делительное »Um sieben. Ich muß um neun zu Bett.
Wie in der Schule.«
»Wie beim Militär«, sagte Clerfayt.
Die Frau, die mit dem Russen herein-
gekommen war, kam zurück.
»Dies ist Clerfayt, Lillian«, sagte Holl-
mann. »Ich habe Ihnen von ihm erzählt.
Er ist überraschend gekommen.«
Die Frau nickte. Sie schien Clerfayt
nicht wieder zu erkennen.
*
Удовлетворение

14
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie nickte Clerfayt und Hollmann zu
und ging zurück.
»Und die Frau?«
»Sie heißt Lillian Dunkerque, Belgierin
mit einer russischen Mutter. Die Eltern
sind tot.«
»Warum ist sie so aufgeregt?«
Hollmann hob die Schultern. Er wirkte
plötzlich müde. »Ich habe dir schon gesagt,
daß alle hier etwas verrückt werden. Be-
sonders, wenn jemand gestorben ist.«
»Ist jemand gestorben?«
»Ja, eine Freundin von ihr. Gestern,
hier im Sanatorium.
24
Sie fangen hier an zu sterben, wenn es Mehr als — боль-
ше чем
Frühling wird. Mehr als24 im Winter. Merk- сравнительная сте-
пень от viel
würdig, was?«

2
Die oberen Stockwerke des Sanatoriums
sahen nicht mehr aus wie ein Hotel; sie
waren ein Krankenhaus. Lillian Dunkerque
blieb vor dem Zimmer stehen, in dem Agnes
Somerville gestorben war. Sie hörte Stim-
men und Lärm und öffnete die Tür.
Der Sarg war nicht mehr da. Die Fenster
standen offen. Zwei Putzfrauen waren
dabei.
»Hat man sie schon abgeholt?« fragte sie.

15
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Eine der Putzfrauen antwortete: »Sie
ist im Zimmer Nummer sieben. Wir müssen
hier saubermachen. Morgen früh kommt
schon eine Neue.«
»Danke.«
Lillian schloß die Tür. Sie kannte Num-
mer sieben; es war ein kleines Zimmer
neben dem Gepäckaufzug*. Es war leicht,
die Toten in der Nacht nach unten zu
schaffen.
In Zimmer sieben brannte kein Licht.
Es waren auch keine Kerzen mehr da. Der
Sarg war geschlossen. Alles war vorbereitet
zum Transport. Die Blumen lagen auf einem
Tisch nebenan. Die Kränze lagen daneben.
Die Vorhänge waren nicht zugezogen, und
die Fenster standen offen. Es war sehr kalt
im Zimmer. Der Mond schien hinein.
Lillian war gekommen, um die Tote noch
25
um zu sehen — einmal zu sehen25. Es war zu spät. Man
чтобы посмотреть
инфинитивный wird den Sarg diese Nacht heimlich hinun-
оборот um...zu
terbringen und ihn auf einem Schlitten
zum Krematorium transportieren.
26
Wenn sie noch Lillian blickte auf den Sarg. Wenn sie
lebte! — Если бы она
ещё жила! noch lebte!26 dachte sie plötzlich. Ich bin
Konjunktiv
verrückt, dachte Lillian; was denke ich da?
*
Грузовой лифт

16
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie ging zur Tür zurück; aber plötzlich
blieb sie stehen und lauschte. Sie hörte ein
Knistern sehr leise, aber deutlich. Ich höre
Gespenster, dachte sie. Es war mein eigenes
Kleid.
Sie starrte wieder auf den Sarg. In
diesem Kasten war nur noch das absolute
Nichts.
Sie machte hinter sich die Tür zu. Im
Augenblick drehte sich die Klinke scharf
in ihrer Hand. Die Tür öffnete sich. Vor
Lillian stand ein überraschter Hausknecht*
und starrte sie an. »Was ist los? Wo kom-
men Sie her?« Er blickte an ihr vorbei ins
Zimmer. »Es war doch abgeschlossen! Wie
sind Sie hereingekommen? Wo ist der
Schlüssel?«
»Es war nicht abgeschlossen.«
»Dann muß jemand —« Der Hausknecht
sah auf die Tür. »Da steckt er ja!« Er
wischte sich über das Gesicht. »Wissen Sie,
einen Moment dachte ich —«
»Was?«
Er deutet auf den Sarg. »Ich dachte,
Sie wären die Tote. So was!« Er lachte.
»Das nennt man einen Schreck in der
Nachtstunde!«
*
Коридорный

17
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Der Hausknecht drehte das Licht ab und
schloß die Tür. »Freuen Sie sich, daß Sie
es nicht sind, Fräulein«, sagte er gutmütig.
Lillian kramte Geld aus ihrer Tasche
hervor. »Hier ist etwas für den Schreck,
den ich Ihnen bereitet habe.« »Herzlichen
Dank! Ich werde es mit meinem Kollegen
Josef teilen. Nach einem so traurigen Ge-
schäft schmeckt ein Bier mit Korn immer
besonders gut. Nehmen Sie es sich nicht
zu sehr zu Herzen, Fräulein. Einmal müs-
sen wir alle dran glauben.«
»Ja«, erwiderte Lillian. »Das ist ein
Trost. Ein wirklich wunderbarer Trost ist
das, nicht wahr?«
Sie stand in ihrem Zimmer. Alle Lichter
brannten. Ich bin verrückt, dachte sie. Ich
27
habe Angst vor — habe Angst vor27 der Nacht. Ich habe Angst
боюсь
vor mir selbst. Was soll ich tun? Ich kann
Angst haben vor Dat.
ein Schlafmittel nehmen und das Licht
brennen lassen. Ich kann Boris anrufen und
mit ihm sprechen. Sie hob die Hand nach
dem Telefon, aber sie nahm den Hörer nicht
28
sagen würde — ска-
зал бы
ab. Sie wußte, was er ihr sagen würde28.
Konjunktiv Sie setzte sich in einen Sessel am Fen-
ster. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt,
dachte sie, ebenso alt wie Agnes. Vier
Jahre bin ich hier oben. Davor war fast
sechs Jahre lang Krieg. Was kenne ich vom

18
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Leben? Zerstörung, die Flucht* aus Belgi-
en, Tränen, Angst, den Tod meiner Eltern,
Hunger, und dann die Krankheit durch den
Hunger und die Flucht. Davor war ich ein
Kind. Ich kenne Okkupationen und Furcht
und Verstecken und Kälte. Glück? Ein
Zimmer ohne Heizung war schon Glück
gewesen, ein Brot, ein Keller, ein Platz,
der nicht beschossen wurde29. Dann war
das Sanatorium gekommen. 29
ein Platz, der
nicht beschossen
Sie starrte aus dem Fenster. Unten wurde — место,
которое не об-
stand ein Schlitten neben dem Eingang стреливалось
für Lieferanten und Dienstboten. Vielleicht Passiv. Подробнее
см. раздел «Гла-
war es schon der Schlitten für Agnes гол. Страдатель-
ный залог»
Somerville. Vor einem Jahr war sie lachend
mit Pelzen und Blumen am Haupteingang
des Sanatoriums angekommen; jetzt verließ
sie das Haus heimlich durch den Dienst-
boteneingang, als hätte sie ihre Rechnung
nicht bezahlt30. Vor sechs Wochen hatte
sie mit Lillian noch Pläne gemacht für die
Abreise. 30
als hätte nicht
bezahlt — как буд-
Das Telefon klingelte. Sie hob es ab. то не оплатила
Konjunktiv
»Ja, Boris. Ja, Boris. Ja, ich bin vernünf-
tig — ja, ich weiß, daß viel mehr Menschen
an Herzschlag und Krebs sterben  — ich
habe die Statistiken gelesen, ja, viele wer-
*
Побег, эвакуация

19
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
den geheilt, ja, ja  — die neuen Mittel, ja,
Boris, ich bin vernünftig, bestimmt — nein,
komm nicht  — ja, ich liebe dich, Boris,
natürlich —«
Sie legte den Hörer auf. »Vernünftig«,
sagte sie. »Vernünftig!« Mein Gott, dachte
31
viel zu lange — sie, ich bin viel zu lange31 vernünftig ge-
слишком долго
32
um zu sein — чтобы wesen! Wozu? Um in Zimmer sieben neben
быть
инфинитивный dem Gepäckaufzug zu sein32?
оборот um...zu Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor
neun. Die Nacht lag dunkel und endlos vor
ihr, voll mit Panik und Langeweile.
Lillian stand auf. Nur jetzt nicht al-
leinbleiben! Es mußten noch ein paar Leu-
te unten sein  — Hollmann zumindest und
sein Besuch.
Im Speisezimmer saßen außer Hollman
und Clerfayt noch drei Südamerikaner, zwei
Männer und eine ziemlich dicke, kleine
Frau. Alle drei waren schwarzgekleidet; alle
drei schwiegen.
»Sie kommen aus Bogotá«, sagte Holl-
mann. »Man hat ihnen telegrafiert. Die
Tochter des Mannes mit der Brille lag im
Sterben. Aber seit sie hier sind, geht es
33
besser — лучше dem Mädchen plötzlich besser33. Jetzt wis-
сравнительная сте-
пень от gut sen sie nicht, was sie tun sollen  — zurück-
fliegen oder hier bleiben.«

20
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Warum bleibt die Mutter nicht hier,
und die andern fliegen zurück?«
»Die dicke Frau ist nicht die Mutter.
Sie ist die Stiefmutter; sie hat das Geld,
von dem Manuela hier lebt. Sie schickten
regelmäßig den Scheck und lebten in Bogotá,
und Manuela lebte hier  — seit fünf Jah-
ren  — und schrieb monatlich einen Brief.
Der Vater und die Stiefmutter haben längst
Kinder, die Manuela nicht kennt. Die Frau
wollte den Mann nicht allein fliegen lassen.
Sie ist älter als er und eifersüchtig, und
sie weiß, daß sie zu dick ist. Jetzt will sie
34
zeigen, daß sie sie liebt. Es ist also nicht nicht nur… sondern
auch — не только…
nur eine Sache der Eifersucht, sondern но и
двойной союз
auch34 eine des Prestiges. So sitzen sie da
und warten.«
»Und Manuela?«
»Der Vater und die Stiefmutter liebten
sie heiß, als sie ankamen, weil sie ja jede
Stunde sterben sollte. Die arme Manuela,
die nie Liebe gekannt hatte, war dadurch
so beglückt, daß sie begann sich zu erholen.
Jetzt sind die Eltern bereits ungeduldig.
In einer Woche werden sie Manuela hassen,
weil sie nicht schnell genug stirbt.«
Die drei schwarzen Gestalten standen
auf. Sie hatten kein Wort miteinander ge-
sprochen.

21
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie stießen fast mit Lillian Dunkerque
zusammen, die so rasch hereinkam, daß die
dicke Frau erschrak. Lillian ging eilig an
den Tisch zu Hollmann und Clerfayt. »Ich
scheine heute abend jeden Menschen zu
erschrecken.«
»Wen sonst?« fragte Hollmann.
»Den Hausknecht.«
»Was? Josef?«
»Nein, den andern, der Josef hilft. Sie
wissen schon —«
Hollmann nickte. »Uns erschrecken Sie
nicht, Lillian.«
»Josef ist an der Tür heute nacht. Ich
habe mich erkundigt. Wir können raus.
Kommen Sie mit?«
»Wohin? In die Palace Bar?«
»Wohin sonst?«
»In der Palace Bar ist nichts los«, sag-
te Clerfayt. »Ich komme gerade daher.«
Hollmann lachte. »Für uns ist immer
genug los. Selbst wenn kein Mensch da
ist.«
Hollmann hob die Schultern. »Ich habe
etwas Temperatur, Lillian. Plötzlich, heute
abend — weiß der Teufel, warum! Vielleicht,
weil ich den schmutzigen Sportwagen Cler-
fayts wieder gesehen habe.«

22
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Eine Putzfrau kam herein und begann,
die Stühle auf die Tische zu stellen, um
aufzuwischen.
Hollmann sah sie verlegen an. »Wie ist
es mit Boris? Will er nicht mit?«
35
»Boris glaubt, ich schliefe35. Ich habe schliefe — сплю
Konjunktiv гл.
ihn schon heute nachmittag gezwungen, schlafen. Подробнее
см. раздел «Глагол.
mit mir auszufahren. Er würde es nicht Сослагательное на-
noch einmal tun36.« клонение»
36
Er würde es nicht
Die Putzfrau zog die Vorhänge auf. »Da noch einmal tun — он
бы не стал делать
ist das Krokodil«, sagte Hollmann.
это ещё раз
Die Oberschwester stand in der Tür. Sie Konjunktiv

lächelte mit starkem Gebiss und kalten


Augen. »Feierabend, meine Herrschaften!«
Sie sagte nichts darüber, daß Lillian Dun-
kerque noch auf war. »Feierabend«, wie-
derholte sie. »Zu Bett! Zu Bett! Morgen ist
auch noch ein Tag!«
Lillian stand auf. »Sind Sie dessen so
sicher?«
»Ganz sicher«, erwiderte die Oberschwe-
ster. »Für Sie liegt ein Schlafmittel auf
Ihrem Nachttisch, Miss Dunkerque. Sie
werden ruhen wie in Morpheus’ Armen!«
»Wie in Morpheus’ Armen!« wiederhol-
te Hollmann mit Abscheu, als sie gegangen 37
als sie gegangen
war37. »Das Krokodil ist die Königin der war — когда она
ушла
Klischees. Heute abend war sie noch gnädig. придаточное вре-
мени
Warum müssen diese Polizistinnen der

23
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Gesundheit jeden Menschen, wenn er in ein
Hospital kommt, mit dieser entsetzlich
geduldigen Überlegenheit behandeln, als
38
als wäre er ein wäre er ein Kind38 oder ein Kretin?«
Kind — как будто он
ребёнок »Es ist die Rache für ihren Beruf«,
Konjunktiv
erwiderte Lillian böse. »Wenn Kellner und
Krankenschwestern das nicht hätten, stür-
ben sie an Minderwertigkeitskomplexen*.«
Sie standen in der Halle vor dem Auf-
zug. »Wohin gehen Sie jetzt?« fragte Lil-
lian Clerfayt.
Er sah sie an. »Zur Palace Bar.«
»Nehmen Sie mich mit?«
Er zögerte einen Augenblick**. Er hatte
gewisse Erfahrungen mit überspannten
Russinnen. Auch mit Halbrussinnen. Aber
dann erinnerte er sich an die Szene mit
dem Schlitten und an das stolze Gesicht
Wolkows. »Warum nicht?« sagte er.
Sie lächelte ein hilfloses Lächeln.
»Wo soll ich Sie abholen? Oder wollen
Sie gleich mitkommen?«
»Nein. Sie müssen durch den Hauptein-
gang hinausgehen. Das Krokodil paßt dort
auf. Gehen Sie dann die erste Serpentine
herunter, nehmen Sie dort einen Schlitten,
*
Комплекс неполноценности
**
Он задумался на минуту.

24
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
und fahren Sie rechts hinter das Sanato-
rium zum Eingang für Lieferanten und
Dienstboten. Ich komme da heraus.«
»Gut.«
Lillian stieg in den Aufzug. Hollmann
wandte sich zu Clerfayt. »Es macht dir
doch nichts, daß ich heute abend nicht
mitkomme?«
»Natürlich nicht. Ich fahre ja morgen
noch nicht weg.«
Hollmann blickte ihn forschend an. »Und
Lillian? Wärst du lieber alleingeblieben?«
»Auf keinen Fall. Wer will schon allein-
bleiben?«
Clerfayt ging durch die leere Halle hin-
aus. Nur ein kleines Licht brannte noch
neben der Tür. Neben der Tür stand das
Krokodil.
»Gute Nacht«, sagte Clerfayt.
»Good night«, erwiderte sie, und er
konnte sich nicht vorstellen, warum sie auf
einmal Englisch sprach.
Er ging die Serpentinen hinunter, bis
er einen Schlitten fand.
»Fahren Sie bitte zum Sanatorium Bel-
la Vista zurück  — zum Hintereingang.«
Lillian Dunkerque wartete bereits. Sie
hatte einen dünnen, schwarzen Pelz aus
Breitschwanz um sich gezogen. Clerfayt

25
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
39
wenn … gekommen hätte sich nicht gewundert, wenn sie in
wäre — если бы при-
шла… einem Abendkleid ohne Mantel gekommen
придаточное ус-
ловное
wäre39.
»Es hat alles geklappt«, flüsterte sie.
»Ich habe Josefs Schlüssel. Er bekommt
eine Flasche Kirsch dafür.«
Clerfayt half ihr in den Schlitten. »Wo
ist Ihr Wagen?« fragte sie.
40
Er wird »Er wird gewaschen40.«
gewaschen. — Его
(автомобиль) моют. »Haben Sie den Wagen heute abend
Passiv
Hollmanns wegen nicht heraufgebracht?
Damit er ihn nicht sieht. Um ihn zu scho-
nen.«
Es stimmte. »Nein«, erwiderte er.
Er holte ein Päckchen Zigaretten heraus.
»Geben Sie mir auch eine«, sagte Lillian.
41
Dürfen Sie »Dürfen Sie rauchen?41«
rauchen? — Вам
можно курить? »Natürlich«, erwiderte sie so, daß er
модальный глагол
sofort spürte, es sei nicht wahr.
dürfen
»Ich habe nur Gauloises. Schwarzen,
schweren Tabak der Fremdenlegion.«
»Ich kenne sie. Wir haben sie während
der Okkupation geraucht.«
»In Paris?«
»In einem Keller in Paris.«
Er gab ihr Feuer. »Woher sind Sie heu-
te gekommen?« fragte sie. »Aus Monte
Carlo?«
»Nein, aus Vienne.«

26
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Vienne? In Österreich?«
»Vienne bei Lyon. Sie kennen es sicher
nicht. Es ist ein kleines Städtchen.«
»Sind Sie über Paris gekommen?«
»Das wäre ein zu großer Umweg gewe-
42
viel weiter — на-
sen. Paris liegt viel weiter42 im Norden.« много дальше
»Wie sind Sie gefahren?«
Clerfayt wunderte sich, warum sie das
so genau wissen wollte. Ȇber Belfort und
Basel. Ich hatte noch etwas in Basel zu
tun.«
Lillian schwieg eine Weile. »Wie war
es?« fragte sie dann.
»Was? Die Fahrt? Langweilig.«
Er begriff plötzlich, warum sie ihn so
eingehend gefragt hatte. Für die Kranken
hier oben waren die Berge Mauern, die ihre
Freiheit beschränkten. Sie gaben ihnen den
leichten Atem und die Hoffnung; aber sie
konnten sie nicht verlassen. Ihre Welt war 43
deshalb — поэтому
auf dieses Hochtal beschränkt, und deshalb43 союз, меняющий
порядок слов
war jede Nachricht von unten eine Nach-
richt aus dem verlorenen Paradies.
»Wie lange sind Sie schon hier?« frag-
te er.
»Vier Jahre.«
Der Schlitten hielt an der Einfahrt zur
Hauptstraße. Eine Gruppe Touristen in
Skianzügen zog lärmend an ihm vorbei.

27
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
44
Die Leute da »Die Leute da zahlen eine Menge Geld, um
zahlen eine Menge
Geld, um hier hier heraufzukommen  — und wir würden
heraufzukommen —
und wir würden alles
alles geben, um wieder hinunterzukom-
geben, um wieder men44  — ist das nicht zum Totlachen?«
hinunterzukommen —
Люди там платят »Nein«, erwiderte Clerfayt ruhig.
кучу денег, чтобы
подняться сюда, а Der Schlitten zog wieder an. »Geben Sie
мы бы всё отдали, mir noch eine Zigarette«, sagte Lillian.
чтобы снова спу-
ститься Clerfayt hielt ihr das Paket hin. »Sie
verstehen das alles sicher nicht«, murmel-
te sie. »Daß man sich hier wie in einem
Gefangenenlager fühlen kann. Nicht wie in
einem Gefängnis; da weiß man wenigstens,
wann man herauskommt. Wie in einem
Lager, wo es kein Urteil gibt.«
»Ich verstehe es«, sagte Clerfayt. »Ich
war selbst in einem.«
»Sie? In einem Sanatorium?«
»In einem Gefangenenlager. Im Kriege.
Aber bei uns war es gerade umgekehrt. Wir
waren im flachen Moor eingesperrt, und
die Schweizer Berge waren für uns der
Traum der Freiheit. Wir konnten sie vom
45
Einer von uns — Lager aus sehen. Einer von uns45, der aus
один из нас
dieser Gegend hier kam, machte uns fast
verrückt mit seinen Erzählungen. Hätte
man uns damals die Entlassung angeboten,
wenn wir uns dafür verpflichtet hätten,
einige Jahre in diesen Bergen zu leben, ich

28
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
glaube, viele hätten das angenommen. Auch
zum Totlachen, wie?«
»Nein. Hätten Sie es auch angenom-
men?«
»Ich hatte einen Plan zu fliehen.«
»Wer hätte den nicht? Sind Sie geflo-
hen?«
»Ja.«
Lillian beugte sich vor. »Sind Sie ent-
kommen? Oder wieder gefangen worden?«
»Entkommen. Ich wäre sonst nicht hier.
Es gab nichts dazwischen.«
»Und der andere Mann?« fragte sie nach
einer Weile. »Der, der immer von den Ber-
gen hier erzählte?«
»Er starb an Typhus im Lager. Eine
Woche bevor es befreit wurde.«
Der Schlitten hielt vor dem Hotel. Cler-
fayt sah, daß Lillian keine Überschuhe trug.
Er hob sie heraus, trug sie über den Schnee
und setzte sie vor dem Eingang nieder.
»Ein Paar Seidenschuhe gerettet«, sagte
er.
»Wollen Sie wirklich in die Bar?«
»Ja. Ich brauche etwas zu trinken.«
In der Bar stampften Skiläufer in schwe-
ren Schuhen auf der Tanzfläche herum. Der
Kellner schob einen Tisch in einer Ecke
zurecht. »Wodka?« fragte er Clerfayt.

29
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Nein. Etwas Heißes. Glühwein oder
Grog.« Clerfayt sah Lillian an. »Was von
beiden?«
»Wodka. Haben Sie den nicht vorher
auch getrunken?«
»Ja. Aber vor dem Essen.«
Er sah, daß sie ihn musterte. Wahr-
scheinlich glaubte sie, er wolle sie als
Kranke behandeln und sie schonen. »Ich
46
Ich würde den Wein beschwindele Sie nicht«, sagte er. »Ich
auch bestellen, wenn
würde den Wein auch bestellen, wenn ich
ich jetzt allein hier
wäre. — Я бы зака- jetzt allein hier wäre46. Wodka können wir
зал вино, даже если
бы был сейчас один. morgen vor dem Essen trinken, soviel Sie
Konjunktiv wollen. Wir werden eine Flasche ins Sana-
torium schmuggeln.«
»Gut. Dann lassen Sie uns den Wein
trinken, den Sie gestern abend unten in
Frankreich gehabt haben  — im Hotel de la
Pyramide in Vienne.«
Clerfayt war überrascht, daß sie die
Namen behalten hatte. Man muß achtgeben
bei ihr, dachte er; wer sich Namen so gut
merkt, merkt sich auch anderes. »Es war
ein Bordeaux«, sagte er, »ein Lafite Roth-
schild.« Es war nicht wahr. Er hatte in
Vienne einen leichten Wein der Region
getrunken, der nicht ausgeführt wurde;
aber es war unnötig, das zu erklären. »Brin-
gen Sie uns einen Château Lafite 1937,

30
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
wenn Sie ihn haben«, sagte er dem Kellner.
»Und wärmen Sie ihn nicht mit einer hei-
ßen Serviette an. Bringen Sie ihn lieber
so, wie er im Keller liegt.«
»Wir haben ihn chambré, mein Herr.«
»Welch ein Glück!«
Der Kellner ging zur Bar und kam zu-
rück. »Sie werden am Telefon verlangt,
Herr Clerfayt.«
»Von wem?«
»Das weiß ich nicht, mein Herr. Soll
ich fragen?«
»Das Sanatorium!« sagte Lillian nervös.
»Das Krokodil!«
»Das werden wir gleich herausfinden.«
Clerfayt stand auf. »Wo ist die Kabine?«
»Draußen, rechts neben der Tür zur
Bar.«
»Bringen Sie inzwischen den Wein. Ma-
chen Sie die Flasche auf, und lassen Sie
ihn atmen.«
»War es das Krokodil?« fragte Lillian,
als er zurückkam.
»Nein. Es war ein Anruf aus Monte
Carlo. Aus dem Hospital in Monte Carlo«,
sagte er. »Ein Bekannter von mir ist ge-
storben.«
»Müssen Sie zurück?«

31
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Nein. Es ist da nichts weiter zu tun.
Ich glaube sogar, daß es ein Glück für ihn
war.«
»Ein Glück?«
»Ja. Er ist beim Rennen gestürzt und
wäre ein Krüppel geblieben.«
Lillian starrte ihn an. »Denken Sie nicht,
daß auch Krüppel manchmal noch gerne
leben?« fragte sie sehr leise und plötzlich
voll Hass.
Clerfayt antwortete nicht gleich. Die
harte, metallische Stimme der Frau, die
ihn angerufen hatte, war noch in seinen
Ohren: »Was soll ich machen? Ferrer hat
nichts hinterlassen! Kein Geld? Kommen
Sie! Helfen Sie mir! Ich sitze fest! Sie sind
schuld! Ihr alle seid schuld! Ihr mit euren
verfluchten Rennen!«
Er schüttelte es ab. »Es kommt darauf
an«, sagte er zu Lillian. »Dieser Mann war
47
sinnlos — бессмыс- sinnlos47 in eine Frau verliebt, die ihn mit
ленно jedem Mechaniker betrog. Und er war ein
суффикс -los-
begeisterter Rennfahrer, der aber nie über
den Durchschnitt hinausgekommen wäre.
Alles, was er vom Leben wollte, waren
Siege in großen Rennen und die Frau. Er
starb, bevor er über beides die Wahrheit
48
ohne zu wissen —
herausfand  — und er starb auch, ohne zu
не зная
ohne + zu + Infinitiv wissen48, daß die Frau ihn nicht mehr sehen

32
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
wollte, weil er amputiert war. Das meine
ich mit Glück.«
»Vielleicht hätte er trotzdem noch ger-
ne gelebt!«
»Das weiß ich nicht«, erwiderte Clerfa-
yt, plötzlich irritiert. »Aber ich habe Men-
schen elender sterben sehen. Sie nicht
auch?«
»Ja«, sagte Lillian hartnäckig. »Aber
alle hätten gern noch gelebt.«
Clerfayt schwieg. Was rede ich da nur?
dachte er. Und wozu? Aber rede ich nicht,
49
um mich selbst von etwas zu überzeugen49, um mich selbst zu
überzeugen — что-
was ich nicht glaube? Diese harte, kalte, бы переубедить
самого себя
metallische Stimme von Ferrers Freundin инфинитивный
оборот um...zu
am Telefon!
»Wollen wir darauf trinken?«
»Worauf?«
»Auf nichts. Auf ein bißchen Courage
vielleicht.«
»Ich bin der Courage müde«, sagte Lil-
lian. »Und des Trostes auch. Erzählen Sie
mir lieber, wie es unten aussieht. Auf der
anderen Seite der Berge.«
50
Trostlos — уны-
»Trostlos50. Nichts als Regen. Seit Wo- ло, безутешно
chen.« суффикс -los-

Sie stellte ihr Glas langsam auf den


Tisch zurück.

33
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Regen!« Sie sagte es, als sagte sie:
Leben. »Hier hat es seit Oktober nicht
mehr geregnet. Nur geschneit. Ich habe
schon fast vergessen, wie Regen aus-
sieht.«
51
als sie Es schneite, als sie herauskamen51. Sie
herauskamen — ког-
да они вышли fuhren die Serpentinen hinauf.
придаточное
Die Straße war still. Schweigend fuhren
времени
sie und hielten vor dem Seiteneingang des
Sanatoriums.
Sie öffnete die Tür. »Danke«, murmel-
te sie. »Und verzeihen Sie  — ich war kei-
ne gute Gesellschaft. Aber ich konnte nicht
allein sein heute abend.«
»Ich auch nicht.«
»Sie? Warum Sie nicht?«
»Aus demselben Grund wie Sie. Ich habe
es Ihnen erzählt. Das Telefon aus Monte
Carlo.«
»Aber Sie sagten doch, das sei ein
Glück.«
»Es gibt verschiedene Arten von Glück.
Und man sagt manches.« Clerfayt griff in
die Tasche seines Mantels.
»Hier ist der Kirsch, den Sie dem Haus-
knecht versprochen haben. Und hier die
Flasche Wodka für Sie. Gute Nacht.«

34
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge

3
Als Clerfayt erwachte, sah er einen be-
wölkten Himmel und hörte den Wind.
»Föhn«, sagte der Kellner. »Der warme
Wind, der müde macht. Man fühlt ihn
immer schon vorher in den Knochen. Die
Bruchstellen* schmerzen.«
»Sind Sie Skiläufer?«
»Nein«, sagte der Kellner. »Ich habe
nur noch einen Fuß. Aber Sie glauben nicht,
wie der, der mir fehlt, bei diesem Wetter
weh tut.«
52
Clerfayt beschloß, das Skilaufen zu beschloß zu
verschieben — решил
verschieben52. Er war ohnehin noch müde. перенести
beschließen + zu
Er hatte auch Kopfschmerzen. Der Kognak + Infinitiv
gestern nacht, dachte er. Warum hatte er
weitergetrunken, nachdem er das sonder-
bare Mädchen mit seiner Mischung aus
Weltschmerz und Lebensgier zum Sanato-
rium gebracht hatte? Merkwürdige Men-
schen hier oben. Ich war auch einmal so
ähnlich, dachte er. Vor tausend Jahren.
Habe mich gründlich geändert. Und was
kam noch? Wie lange konnte er noch Ren-
nen fahren? Was erwartete ihn noch?
Der Weltschmerz steckt an, dachte er
und stand auf. Mitte des Lebens, ohne
*
Место перелома

35
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Ziel und ohne Halt. Er zog seinen Mantel
an und entdeckte darin einen schwarzen
Samthandschuh. Er hatte ihn gestern auf
dem Tisch gefunden, als er allein in die
Bar zurückgekommen war. Lillian Dun-
kerque mußte ihn vergessen haben. Er
steckte ihn in die Tasche, um ihn später
im Sanatorium abzugeben.
Er war eine Stunde durch den Schnee
gegangen, als er ein kleines Gebäude ent-
deckte. Er blieb stehen. »Was ist denn das
da?« fragte er einen Jungen, der vor einem
Laden Schnee wegschaufelte. »Das Krema-
torium, mein Herr.«
Clerfayt hatte sich also nicht geirrt.
»Hier?« sagte er. »Wozu habt ihr denn
hier ein Krematorium?«
»Für die Hospitäler natürlich. Die To-
ten.«
»Dazu braucht ihr ein Krematorium?
Sterben denn so viele?«
»Jetzt nicht mehr so viele, mein Herr.

53
Aber früher gab es hier viele Tote. Wir
viel praktischer —
намного практич- haben hier lange Winter. Ein Krematorium
нее
сравнительная сте- ist da viel praktischer53. Wir haben unseres
пень
hier schon fast dreißig Jahre.«

36
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Es ist auch billiger. Die Leute wollen
jetzt nicht mehr so viel Geld ausgeben für
den Leichentransport. Früher war das an-
ders. Das glaube ich.«
»Mein Vater war ein Leichenbegleiter«,
sagte der Bursche. »Und dann kam das
Krematorium. Anfangs war es nur für
Leute ohne Religion, aber jetzt ist es sehr
modern geworden.«
»Das ist es«, bestätigte Clerfayt. »Nicht
nur hier.«
Der Bursche nickte. »Die Leute haben 54
haben keinen
Respekt mehr vor dem
keinen Respekt mehr vor dem Tod54, sagt Tod — не имеют
больше уважения
mein Vater. Die beiden Weltkriege haben к смерти
das verursacht; es sind zu viele Menschen Respekt haben vor
Dat.
umgekommen. Immer gleich Millionen. Das
hat seinen Beruf ruiniert, sagt mein Vater.«
»Was macht Ihr Vater jetzt?«
»Jetzt haben wir das Blumengeschäft
hier.« Der Bursche zeigte auf den Laden,
vor dem sie standen. »Wenn Sie irgend
etwas brauchen, mein Herr, wir sind billi-
ger als die Räuber im Dorf. Und wir haben
manchmal herrliche Sachen. Gerade heute
morgen ist eine frische Sendung gekommen.
Brauchen Sie nichts?«
Clerfayt dachte nach. Blumen? Warum
nicht? Er trat in den Laden.

37
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Clerfayt sah eine Vase mit weißem Flie-
der und einen langen Zweig flacher, weißer
Orchideen. »Sehr frisch!« sagte der kleine
Mann. »Heute erst angekommen. Hält sich
mindestens drei Wochen. Es ist eine selte-
ne Art.«
»Sind Sie Orchideenkenner?«
»Ja, mein Herr. Ich habe viele Sorten
gesehen. Auch im Ausland.«
»Packen Sie es ein«, sagte er und zog
den schwarzen Samthandschuh Lillians aus
der Tasche. »Legen Sie dies dazu. Haben
Sie einen Briefumschlag und eine Karte?«
Er ging zurück zum Dorf.
Er trat in eine Kneipe. »Einen doppel-
ten Kirsch.«
»Nehmen Sie einen Pflümli«, sagte der
Wirt. »Wir haben einen ganz hervorragen-
den.«
»Gut. Geben Sie mir einen doppelten.«
Der Wirt schenkte das Glas bis zum
Rande voll. Clerfayt trank es leer.
»Geben Sie mir noch einen.«
Er ging zur Garage, um nach Giuseppe
zu sehen. Der Wagen stand in dem großen,
dämmerigen Raum ziemlich weit hinten,
mit dem Kühler zur Wand.
Clerfayt blieb am Eingang stehen. Er
sah im Halbdunkel jemand am Steuer sit-

38
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
zen55. »Spielen Ihre Lehrlinge hier Renn- 55
sah … jemand am
Steuer sitzen — уви-
fahrer?« fragte er den Besitzer der Garage, дел кого-то сидя-
щим за рулём
der mit ihm gekommen war.
»Das ist kein Lehrling. Er sagt, er wäre
ein Freund von Ihnen.« Clerfayt sah schär-
fer hin und erkannte Hollmann.
»Stimmt das nicht?« fragte der Besitzer.
»Doch, es stimmt. Wie lange ist er schon
hier?«
»Noch nicht lange. Fünf Minuten.«
»Ist er das erste Mal hier?«
»Nein; er war heute morgen schon ein-
mal da  — aber nur für einen Augenblick.«
Hollmann saß mit dem Rücken zu Cler-
fayt am Steuer Giuseppes. Es war ohne
Zweifel, daß er in seiner Phantasie ein
Rennen fuhr. Clerfayt überlegte einen Au-
genblick, dann ging er hinaus.
»Verraten Sie nicht, daß ich ihn gese-
hen habe«, sagte er.
Der Mann nickte ohne Neugier.
»Lassen Sie ihn mit dem Wagen machen,
was er will. Hier —« Clerfayt zog den Au-
toschlüssel aus der Tasche. »Geben sie ihm
den Schlüssel, wenn er danach fragt. Wenn
er nicht fragt, stecken Sie ihn in die Zün-
dung, wenn er fortgegangen ist. Für das
nächste Mal. Natürlich, ohne die Zündung
einzuschalten. Sie verstehen?«

39
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
56
Ich soll ihn machen »Ich soll ihn machen lassen, was er
lassen, was er will? —
Я должен позволить will?56 Auch mit dem Schlüssel?«
ему делать то, что
он захочет?
»Auch mit dem Wagen«, sagte Clerfayt.
Er traf Hollmann beim Mittagessen im
Sanatorium. Hollmann sah müde aus.
»Föhn«, sagte er. »Jeder fühlt sich bei dem
Wetter schlecht. Und du?«
»Normaler Katzenjammer*. Zuviel ge-
trunken.«
»Mit Lillian?«
»Nachher. Hier oben merkt man es nicht,
während man trinkt  — dafür aber am
nächsten Morgen.«
Clerfayt sah sich im Speisesaal um. Es
waren nicht viele Leute da. Die Südameri-
kaner saßen in ihrer Ecke. Lillian fehlte.
»Bei diesem Wetter bleiben die meisten im
Bett«, sagte Hollmann.
»Warst du schon draußen?«
»Nein. Hast du von Ferrer gehört?«
»Er ist tot.«
Sie schwiegen eine Weile. »Was machst
du heute nachmittag?« fragte Hollmann.
57
Kümmere dich nicht
um mich. — Не бес-
»Schlafen und herumlaufen. Kümmere
покойся обо мне. dich nicht um mich57. Ich bin froh, an ei-
sich kümmern um
Akk. nem Platz zu sein, wo es außer Giuseppe
fast kein Auto gibt.« Die Tür öffnete sich.
*
Похмелье

40
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Boris Wolkow sah herein. Er kam nicht in
das Zimmer, sondern schloß die Tür sofort
wieder. »Er sucht Lillian«, sagte Hollmann.
Clerfayt stand auf. »Ich gehe schlafen.
Die Luft hier macht müde, du hast recht.
Kannst du heute abend aufbleiben? Hier,
zum Essen?«
»Natürlich. Ich habe heute kein Fieber.«
»Also bis acht.«
»Heute abend ist Budenzauber hier bei
einer Italienerin, Maria Savini. Heimlich
natürlich.«
»Gehst du hin?«
Hollmann sagte: »Ich habe keine Lust.
Diese Art von Budenzauber wird immer
gemacht, wenn einer gestorben ist. Man
trinkt und redet sich dann neue Courage
an.«
»Also eine Art von Leichenschmaus*?«
»Ja, so ähnlich. Bis heute abend, Cler-
fayt.«
Der Husten hatte aufgehört. Lillian
Dunkerque legte sich erschöpft zurück. Die
wöchentliche Röntgendurchleuchtung war
obligatorisch.
Sie hasste die Intimität des Röntgen-
raumes. Sie hasste es, mit nacktem Ober-
*
Поминки

41
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
58
hasste … körper dazustehen58. Es irritierte sie nicht
dazustehen — нена-
видела … стоять so sehr, daß sie nackt war; es irritierte sie,
hassen + zu
+ Infinitiv
daß sie mehr als nackt war, wenn sie an
den Schirm trat. Sie war dann nackt unter
der Haut, nackt bis auf die Knochen.
Die Schwester kam. »Wer ist vor mir?«
fragte Lillian.
»Fräulein Savini.«
Lillian folgte der Schwester zum Aufzug.
Sie sah durch das Fenster den grauen Tag.
»Ist es kalt?« fragte sie.
»Nein. Vier Grad.«
Der Frühling wird bald da sein, dachte
sie. Der kranke Wind, der Föhn, das nasse
Wetter, die schwere Luft. Maria Savini kam
aus dem Röntgenkabinett. Sie schüttelte
ihr schwarzes Haar zurecht. »Wie war es?«
fragte Lillian.
»Er sagt nichts. Ist schlechter Laune.
Kommst du heute abend zu mir rüber?«
»Ich weiß noch nicht.«
»Fräulein Dunkerque, der Professor
wartet«, mahnte die Schwester aus der Tür.
»Komm!« sagte Maria. »Die andern
kommen auch! Ich habe neue Platten aus
Amerika. Phantastisch!«
Lillian trat in das halbdunkle Kabinett.
»Endlich!« sagte der Dalai Lama.

42
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Die Schwester reicht ihm die Fieberkar-
te. Er studierte sie und flüsterte mit dem
Assistenzarzt. »Licht aus!« sagte der Dalai
Lama schließlich. »Bitte nach rechts — nach
links  — noch einmal —«
Die Untersuchung dauerte länger als
gewöhnlich. »Zeigen Sie mir noch einmal
das Krankenblatt«, sagte der Dalai Lama.
Die Schwester machte das Licht an.
Lillian stand neben dem Schirm und war-
tete. »Sie hatten zwei Rippenfellentzün-
dungen?« fragte der Dalai Lama.
Lillian antwortete nicht sofort. Wozu
fragte er? Es stand ja im Krankenblatt.
»Stimmt es, Fräulein Dunkerque?« wieder-
holte der Professor.
»Ja.«
»Sie können ins Zimmer nebenan gehen.«
Lillian folgte der Schwester. »Was ist
es?« flüsterte sie. »Flüssigkeit?«
Die Schwester schüttelte den Kopf.
»Vielleicht die Temperaturschwankungen.«
»Aber das hat doch nichts mit meinen
Lungen zu tun! Es ist nur die Aufregung!
Miss Somervilles Abreise! Der Föhn! Ich
bin doch negativ! Ich bin doch nicht positiv!
Oder doch?«

43
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Nein, nein. Kommen Sie, legen Sie sich
hin! Sie müssen fertig sein, wenn der Pro-
fessor kommt.«
Die Schwester rückte die Maschine her-
an. Es nützt nichts, dachte Lillian. Für
Wochen habe ich nun alles getan, was sie
wollten, und anstatt besser ist es sicher
wieder schlechter geworden. Daß ich gestern
ausgerissen bin, kann nicht der Grund sein.
Was will er jetzt mit mir machen?
Der Professor kam herein. »Ich habe
kein Fieber«, sagte Lillian. »Es ist nur
59
seit einer Woche —
уже неделю etwas Aufregung. Schon seit einer Woche59
предлог времени habe ich kein Fieber mehr, und vorher hat-
seit Dat.
te ich es auch nur, wenn ich aufgeregt war.«
Der Dalai Lama setzte sich neben sie
und fühlte nach einem Punkt für die Sprit-
ze. »Bleiben Sie für die nächsten Tage im
Zimmer.«
»Ich kann nicht immer im Bett bleiben.
Es macht mich verrückt.«
»Sie brauchen nur im Zimmer zu bleiben.
Heute im Bett.«
In ihrem Zimmer holte Lillian die
Flasche Wodka und goß ein Glas ein.
Die Schwester mußte jeden Augenblick
mit ihrem Abendessen kommen, und sie
wollte heute nicht beim Trinken erwischt
werden.

44
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Ich bin noch nicht zu dünn, dachte sie
und stellte sich vor den Spiegel. Ich habe
ein halbes Pfund zugenommen. Eine große
Leistung. Sie trank sich ironisch zu und
versteckte die Flasche wieder. Von draußen
hörte sie jetzt den Wagen mit ihrem Essen.
Sie griff nach einem Kleid.
»Ziehen Sie sich an?« fragte die Schwe-
ster. »Sie dürfen doch nicht hinaus.« 60
weil ich mich dann
»Ich ziehe mich an, weil ich mich dann besser fühle — по-
тому что так я себя
besser fühle60.« Die Schwester schüttelte
лучше чувствую
den Kopf.
»Hier ist ein Paket für Sie. Es sieht
aus wie Blumen.«
Boris, dachte Lillian und nahm den
weißen Karton.
»Wollen Sie es nicht aufmachen?« frag-
te die Schwester neugierig.
»Später.«
Die Schwester ging endlich. Lillian öff-
nete den weißen Karton mit der blauen
Seidenschleife.
Sie schlug das Seidenpapier auseinander
und ließ den Karton im gleichen Augenblick
fallen.
Sie starrte auf die Orchideen am Boden.
Sie kannte die Blumen. Sie hatte sie aus
Zürich kommen lassen. Es war kein Zweifel
mehr möglich  — die Blumen, die auf dem

45
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Teppich vor ihr lagen, waren dieselben, die
sie auf den Sarg Agnes Somervilles gelegt
hatte.
Rasch öffnete sie die Tür zu ihrem Bal-
kon und warf die Blumen über den Balkon
nach draußen. Sie sah den Handschuh auf
dem Boden. Sie erkannte ihn jetzt und
erinnerte sich, ihn getragen zu haben, als
sie mit Clerfayt in der Palace Bar gewesen
war. Clerfayt, dachte sie, was hatte er da-
mit zu tun? Sie mußte es erfahren! Sofort!
Es dauerte eine Weile, bevor er zum
Telefon kam.
»Haben Sie mir meinen Handschuh zu-
rückgeschickt?« fragte sie.
»Ja. Sie hatten ihn in der Bar verges-
sen.«
»Sind die Blumen auch von Ihnen? Die
Orchideen?«
»Ja. Haben sie meine Karte nicht be-
kommen?«
»Ihre Karte?«
»Haben Sie sie nicht gefunden?«
»Nein!« Lillian schluckte. »Noch nicht.
Woher haben Sie die Blumen?«
»Aus einem Blumengeschäft«, erwider-
te Clerfayt erstaunt. »Warum?«
»Hier im Dorf?«
»Ja, aber warum? Sind sie gestohlen?«

46
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Nein. Oder vielleicht doch. Ich weiß es
nicht.«
Lillian schwieg.
»Soll ich hinaufkommen?« fragte Cler-
fayt.
»Ja.«
»Wann?«
61
In einer Stunde —
»In einer Stunde61; dann ist es hier still.« через час
»Gut, in einer Stunde. Am Dienstbote- предлог времени
in Dat.
neingang?«
»Ja.«
Lillian legte den Hörer zurück. Gott sei 62
Gott sei Dank,
dachte sie, da war
Dank, dachte sie, da war jemand, dem man jemand, dem man
nichts zu erklären brauchte62. nichts zu erklären
brauchte. — Слава
Clerfayt stand an der Seitentür. »Kön- Богу, подумала она,
есть кто-то, кому
nen Sie keine Orchideen leiden?« fragte er ничего не нужно
und zeigte auf den Schnee. объяснять.

Die Blumen und der Karton lagen noch


da. »Woher haben Sie sie?« fragte Lillian.
»Aus einem kleinen Blumengeschäft
unten  — etwas außerhalb des Dorfes. Wa-
rum? Sind sie verhext?«
»Diese Blumen  — dieselben Blumen«,
sagte Lillian mit Mühe, »habe ich gestern
auf den Sarg meiner Freundin gelegt. Alles
ist zum Krematorium geschickt worden.
Ich weiß nicht, wie…«
»Zum Krematorium?« fragte Clerfayt.
»Ja.«

47
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Guter Gott! Das Geschäft, in dem ich
die Blumen gekauft habe, liegt nicht weit
vom Krematorium. Es ist ein kleiner Laden,
und ich habe mich schon gewundert, woher
die Blumen kamen. Das erklärt es!«
»Was?«
»Ein Angestellter des Krematoriums
muß sie, anstatt sie mit zu verbrennen,
weggenommen und an den Laden verkauft
haben.«
Sie starrte ihn an. »Ist so etwas denn
möglich?«
»Warum nicht? Blumen sind Blumen.«
Clerfayt nahm Lillians Arm. »Was wol-
len wir tun? Einen Schock bekommen oder
über den Geschäftsgeist der Menschheit
lachen? Ich schlage vor, wir lachen.«
Lillian sah auf die Blumen. »Ekelhaft«,
flüsterte sie. »Von einer Toten zu stehlen.«
»Nicht mehr und nicht weniger ekelhaft
als vieles andere«, erwiderte Clerfayt. »Ich
hätte auch nie gedacht, daß ich einmal
Leichen nach Zigaretten und Brot durch-
suchen würde und habe es doch getan. Im
63
man gewöhnt sich
Kriege. Es ist anfangs scheußlich; aber man
daran — привыкают gewöhnt sich daran63, besonders wenn man
к этому
sich gewöhnen an sehr hungrig ist und lange nicht geraucht
Akk.
hat. Kommen Sie, wir gehen etwas trinken.«

48
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie blickte immer noch auf die Blumen.
»Sollen sie da liegen bleiben?«
»Natürlich. Sie haben nichts mehr mit
Ihnen, nichts mit der Toten und nichts mit
mir zu tun. Ich schicke Ihnen morgen neue.
Aus einem anderen Geschäft.«
Der Schlitten hielt. Vor dem Eingang
zum Hotel lagen Bretter über dem feuchten
Schnee. Lillian stieg aus.
Er folgte ihr. Worin lasse ich mich da
ein? dachte er. Und mit wem? Immerhin,
es war etwas anderes, als Lydia Morelli,
mit der er vor einer Stunde ein Telefonge-
spräch aus Rom gehabt hatte. Lydia Mo-
relli, die jeden Trick kannte und keinen
vergaß.
Er holte Lillian an der Tür ein. »Heute
abend«, sagte er, »wollen wir einmal über
nichts anderes reden als über die oberfläch-
lichsten* Dinge der Welt.« Eine Stunde
später war die Bar gepackt voll. Lillian
blickte zur Tür.
»Da kommt Boris«, sagte sie. »Ich hät-
te es mir denken sollen.«
Clerfayt hatte den Russen bereits gese-
hen. Er ignorierte Clerfayt. »Dein Schlitten
wartet draußen, Lillian«, sagte er.
*
Поверхностный, несерьезный

49
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Schick den Schlitten weg, Boris«, er-
widerte sie. »Ich brauche ihn nicht. Das
ist Herr Clerfayt. Du bist ihm schon einmal
begegnet.«
»Wirklich?« sagte Wolkow. »Oh, in der
Tat! Bitte, verzeihen Sie.« Er sah knapp
an Clerfayt vorbei. »In dem Sportwagen,
der die Pferde scheu machte, nicht wahr?«
Clerfayt spürte den versteckten Hohn*.
Er antwortete nicht und blieb stehen. »Du
hast wahrscheinlich vergessen, daß morgen
noch einmal Röntgenaufnahmen gemacht
werden sollen«, sagte Wolkow zu Lillian.
»Ich habe es nicht vergessen, Boris.«
64
Du mußt ausgeruht
sein — ты должна
»Du mußt ausgeruht sein64 und geschla-
быть отдохнувшей fen haben.«
»Ich weiß das. Ich habe noch Zeit dazu.«
Sie sprach langsam, wie man zu einem
Kind spricht, das einen nicht versteht.
»Ich muß noch auf jemand warten«,
sagte er zu Lillian. »Wenn du inzwischen
den Schlitten —«
»Nein, Boris! Ich will noch bleiben.«
Clerfayt hatte jetzt genug. »Ich habe
Miss Dunkerque hierher begleitet«, sagte
er ruhig. »Und ich glaube fähig zu sein,
sie wieder zurückzubringen.«
*
Насмешка

50
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Wolkow sah ihn rasch an. Sein Gesicht
veränderte sich. Dann faßte er sich und
ging zur Bar.
Clerfayt setzte sich. Er war nicht mit
sich zufrieden. Was tue ich da? dachte er.
Ich bin doch nicht mehr zwanzig Jahre alt!
»Warum gehen Sie nicht zurück mit ihm?«
fragte er mißmutig.
»Wollen Sie mich loswerden?«
Er sah sie an. Sie schien hilflos zu sein,
aber er wußte, daß Hilflosigkeit das Ge-
fährlichste war, was es bei einer Frau
gab — denn keine Frau war wirklich hilflos.
»Natürlich nicht«, sagte er. »Bleiben
wir also!«
Sie blickte zur Bar hinüber. »Er geht
nicht«, flüsterte sie. »Er bewacht mich. Er
glaubt, daß ich nachgeben werde.«
Clerfayt nahm die Flasche und füllte die
Gläser. »Gut. Lassen wir es also darauf
ankommen, wer zuerst müde wird.«
»Sie verstehen ihn nicht«, erwiderte
Lillian scharf.
»Er ist nicht eifersüchtig.«
»Nein?«
65
»Nein. Er ist unglücklich und krank sorgt sich um
mich — беспокоится
und sorgt sich um mich65. Es ist leicht, обо мне
sich sorgen um Akk.
überlegen zu sein, wenn man gesund ist.«

51
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Clerfayt stellte die Flasche zurück. Die-
se loyale, kleine Bestie! »Möglich«, sagte
er gleichmütig. »Aber ist es ein Verbrechen,
gesund zu sein?« Sie wandte sich ihm zu.
»Natürlich nicht«, murmelte sie. »Ich weiß
nicht, was ich rede. Es ist besser, ich gehe.«
Sie griff nach ihrer Tasche, aber sie
stand nicht auf.
Clerfayt hatte von ihr genug, aber er
hätte sie um nichts in der Welt gehen las-
sen, solange Wolkow noch an der Bar stand
und auf sie wartete. »Sie brauchen mit mir
nicht besonders vorsichtig zu sein«, sagte
er. »Ich bin nicht sehr empfindlich.«
»Hier ist jeder empfindlich.«
»Ich bin nicht von hier.«
»Ja.« Lillian lächelte plötzlich. »Das ist
es wohl!«
»Was?«
»Das, was uns irritiert. Verstehen Sie
das nicht? Sogar Hollmann, Ihren Freund.«
»Das ist möglich«, erwiderte Clerfayt
überrascht.
66
Ich hätte
wahrscheinlich nicht
»Ich hätte wahrscheinlich nicht kommen
kommen sollen. — sollen66. Irritiere ich Wolkow auch?«
Мне наверно не
следовало прихо- »Haben Sie das nicht bemerkt?«
дить. »Möglich. Warum gibt er sich aber dann
Konjunktiv
soviel Mühe, es mich merken zu lassen?«
»Er geht«, sagte Lillian.

52
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayt sah es. »Und Sie?« fragte er.
»Sollten Sie nicht auch besser im Sanato-
rium sein?«
»Wer weiß das? Der Dalai Lama? Ich?
Das Krokodil? Gott?«
Sie nahm ihr Glas. »Und wer ist ver-
antwortlich? Wer? Ich? Gott? Und wer für
wen? Kommen Sie, wir wollen tanzen?«
Clerfayt blieb sitzen. Sie starrte ihn an.
»Haben Sie auch Angst für mich? Meinen
Sie auch, ich sollte —«
»Ich meine gar nichts«, erwiderte Cler-
fayt. »Ich kann nur nicht tanzen; aber wenn
Sie wollen, können wir es versuchen.«
Sie gingen zur Tanzfläche.

4
Das Sanatorium war still.
Lillian Dunkerque hockte in hellblauen
Hosen auf ihrem Balkon. Die Nacht war
weit weg und vergessen. Das Telefon klin-
gelte. Sie hob den Hörer ab. »Ja, Boris  —
nein, natürlich nicht  — wohin kämen wir,
wenn wir das täten?  — Lass uns nicht 67
Lass uns nicht
darüber reden 67  — natürlich kannst du darüber reden — да-
вай не будем об
heraufkommen  — ja, ich bin allein, wer этом говорить
sollte schon hier sein — ?«
Wolkow kam auf den Balkon.
Sie beobachtete ihn.

53
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
68
Wir verstehen uns »Boris«, sagte sie. »Wir verstehen uns
zu gut. — Мы по-
нимаем друг друга zu gut68.«
хорошо.
»Wirklich?«
»Ja. Du verstehst mich zu sehr und ich
dich, und das ist unser Elend.«
Wolkow lachte. »Besonders bei Föhn-
wetter.«
»Nicht nur bei Föhnwetter.«
»Oder wenn Fremde angekommen sind.«
»Siehst du«, sagte Lillian. »Du weißt
bereits den Grund. Du kannst alles erklären.
Ich nichts. Du weißt alles im voraus über
mich. Wie müde das macht! Ist das auch
der Föhn?«
»Der Föhn und das Frühjahr.«
Lillian schloß die Augen.
»Warum bist du nicht eifersüchtig?«
fragte sie.
»Ich bin es ja. Immer.«
Sie öffnete die Augen. »Auf wen? Auf
Clerfayt?« Er schüttelte den Kopf.
»Das dachte ich mir. Worauf dann?«
Wolkow antwortete nicht. Wozu fragte
sie? Und was wußte sie schon davon? Ei-
fersucht begann nicht mit einem Menschen
und endete nicht damit. Sie begann mit
der Luft, die der geliebte Mensch atmete
und endete nie. Nicht einmal mit dem Tode

54
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
des anderen. »Worauf, Boris?« fragte Lil-
lian. »Doch auf Clerfayt?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht auf das,
was mit ihm heraufkommt.«
»Was kommt schon herauf?« Lillian
69
Du brauchst nicht
schloß wieder die Augen. »Du brauchst eifersüchtig zu sein. —
nicht eifersüchtig zu sein69. Clerfayt fährt Тебе не нужно рев-
новать.
in ein paar Tagen wieder hinunter und wird
uns vergessen und wir ihn.«
Sie lag eine Zeitlang still auf ihrem
Liegestuhl. Wolkow saß hinter ihr und las.
»Manchmal möchte ich etwas ganz Unsin-
niges tun, Boris«, sagte sie.
»Das möchte jeder.«
»Du auch?«
»Ich auch.«
»Warum tun wir es dann nicht?«
»Es würde nichts ändern.«
»Du auch?«
Boris sah auf die schmale Gestalt vor
sich. Wie wenig sie von ihm wußte, obschon
sie glaubte, ihn zu verstehen!

Die Glocken der Kirche im Dorf began- 70


begannen zu
70 läuten — начали
nen zu läuten . Wolkow stand auf und ließ звучать
den Vorhang gegen die Sonne weiter her-
unter. »Eva Moser wird morgen entlassen«,
sagte er. »Gesund.«

55
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ich weiß. Sie ist schon zweimal entlas-
sen worden.«
»Dieses Mal ist sie wirklich gesund. Das
Krokodil hat es mir bestätigt.«
Lillian hörte durch das Verhallen der
Glocken plötzlich den Ton Giuseppes. Der
Wagen kam rasch die Serpentinen herauf
und hielt. Sie wunderte sich, weshalb Cler-
fayt ihn heraufbrachte; es war das erste
Mal seit seiner Ankunft.
Eine halbe Stunde später hörte Lillian
den Wagen Clerfayts abfahren. Boris war
vorher gegangen. Dann stand sie auf und
ging nach unten.
Zu ihrem Erstaunen sah sie Clerfayt
71
sah sie Clerfayt
sitzen — увидела
auf einer Bank vor dem Sanatorium sitzen71.
Клерфэ сидящим »Ich glaubte, Sie wären vorhin nach unten
gefahren«, sagte sie und setzte sich neben
ihn. »Habe ich bereits Halluzinationen?«
»Nein. Das war Hollmann.«
»Hollmann?«
»Ja. Ich habe ihn ins Dorf geschickt,
eine Flasche Wodka zu kaufen.«
»Mit dem Wagen?«
»Ja«, sagte Clerfayt. »Mit dem Wagen.
Es war höchste Zeit.«
Man hörte den Motor wieder. Clerfayt
stand auf und horchte. »Nun wollen wir
einmal sehen, was er macht  — ob er brav

56
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
und fromm gleich wieder heraufkommt,
oder ob er mit Giuseppe absaust.«
»Absaust? Wohin?«
»Wohin er will. Benzin ist genug im
Tank. Damit kann er fast bis Zürich kom-
men.«
»Was?« sagte Lillian. »Was sagen Sie
da? Wissen Sie nicht, daß er krank ist?« 72
Er hat schon
»Gerade deshalb. Er hat schon geglaubt, geglaubt, er hätte
verlernt zu fahren. —
er hätte verlernt zu fahren72.« Он уже думал, он
разучился ездить.
»Und wenn er sich eine Erkältung holt?«
Clerfayt lachte. »Er ist warm angezogen.
Und Rennfahrern geht es mit Wagen so
wie Frauen mit Abendkleidern  — wenn sie
ihnen Spaß machen, erkälten sie sich nie
darin.«
Lillian starrte ihn an. »Und wenn er
sich trotzdem eine Erkältung holt! Wissen
Sie, was das hier oben bedeutet? Man kann
sich hier den Tod an einer Erkältung holen!«
Clerfayt betrachtete sie. Sie gefiel ihm
so bedeutend besser als am Abend vorher.
73
statt im Bett zu
»Das sollten Sie sich merken, wenn Sie bleiben — вместо
abends, statt im Bett zu bleiben73, in die того, чтобы лежать
в кровати
Palace Bar ausreißen«, sagte er. »In einem
dünnen Kleid und seidenen Schuhen.«
Lillian war einen Augenblick verwirrt.

57
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Da ist er! Sehen Sie ihn? Hören Sie
nur, wie er die Kurven nimmt! Heute abend
wird er ein anderer Mensch sein.«
»Er wird heute abend mit Fieber im
Bett liegen.«
»Mit Ketten auf den Reifen kann man
nicht gerade ein Renntempo fahren.« Er
legte einen Arm um ihre Schultern.
»Hoffentlich reißt er nicht wirklich aus«,
sagte Clerfayt.
Lillian antwortete nicht sofort. Ihre
Lippen waren trocken. »Warum soll er
ausreißen?« sagte sie dann mühsam. »Er
ist doch fast geheilt. Warum soll er da
alles riskieren?«
»Manchmal riskiert man es gerade
dann.«
»Würden Sie es an seiner Stelle riskie-
ren?«
»Das weiß ich nicht.«
74
Würden Sie es tun, Lillian holte Atem. »Würden Sie es tun,
wenn sie wüssten, daß wenn sie wüssten, daß Sie nie wieder ge-
Sie nie wieder gesund
würden? — Стали бы sund würden?74« fragte sie.
Вы это делать, если
бы знали, что Вы
»Anstatt hier zu bleiben.«
никогда больше не »Anstatt hier ein paar Monate länger
станете здоровы?
Konjunktiv vorsichtig zu leben.«
Er lachte. »Danach müssen Sie nicht
gerade einen Rennfahrer fragen.«
»Würden Sie es tun?«

58
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich habe keine Ahnung. So etwas weiß
man nie vorher. Vielleicht ja, um noch
einmal an mich zu reißen, was Leben heißt,
ohne Rücksicht auf Zeit  — aber vielleicht
würde ich auch nach der Uhr leben und um
jeden Tag geizen und jede Stunde. Das weiß
man nie. Ich habe da merkwürdige Über-
raschungen erlebt.«
Sie hörten plötzlich den Motor wieder.
»Er kommt zurück«, sagte Clerfayt.
»Ja«, wiederholte sie und holte tief
Atem. »Er kommt zurück. Sind Sie ent-
täuscht?«
»Nein. Ich wollte nur, daß er den Wagen
einmal fährt. Das letzte Mal, als er darin
saß, hatte er seinen ersten Blutsturz.«
Lillian sah Giuseppe auf der Chaussee
heranschießen. Sie konnte es plötzlich nicht
ertragen, Hollmanns strahlendes Gesicht
sehen zu müssen. »Ich muß hinein«, sagte
sie hastig. »Das Krokodil sucht mich be-
reits!« Sie wendete sich zum Eingang. »Und
wann fahren Sie über den Paß?« fragte sie.
»Wann Sie wollen«, erwiderte Clerfayt.
Es war Sonntag, und Sonntage im Sanato-
rium waren immer schwerer zu ertragen
als die Wochentage. Die Arzte kamen nur
in die Zimmer, wenn es notwendig war, so
daß man glauben konnte, man sei gesund.

59
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
75
trotz des Verbots — Lillian kam trotz des Verbots 75 zum
несмотря на запрет
предлог trotz Abendessen herunter; das Krokodil kontrol-
Gen.
lierte gewöhnlich sonntags nicht. Sie hatte
zwei Gläser Wodka getrunken. Dann hatte
sie ihr bestes Kleid angezogen  — Kleider
halfen manchmal mehr als jeder moralische
Trost —, aber diesmal hatte auch das nicht
genutzt. Der Cafard, der plötzliche Welt-
schmerz, der Hader mit Gott, den jeder
hier oben kannte und der ohne ersichtlichen
Grund kam und ging, war geblieben. Er
hatte sie angeflogen wie ein dunkler Schmet-
terling.
Erst als sie in das Esszimmer trat,
wußte sie, woher er kam. Das Zimmer war
fast voll, und an einem Tisch in der Mitte
saß Eva Moser, umringt von einem halben
Dutzend ihrer Freunde, vor sich einen Ku-
chen, eine Flasche Champagner und Ge-
schenke in buntem Papier. Es war ihr
letzter Abend. Am nächsten Nachmittag
sollte sie abfahren.
Lillian wollte zuerst umkehren; dann
sah sie Hollmann. Er saß allein neben einem
Tisch mit den drei schwarzgekleideten Sü-
damerikanern, die auf den Tod Manuelas
warteten, und winkte ihr zu.
»Ich habe Giuseppe heute gefahren«,
sagte er.

60
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Haben Sie es gesehen?«
»Ja. Hat jemand sonst Sie noch gese-
hen?«
»Wer?«
»Das Krokodil? Oder der Dalai Lama?«
»Niemand. Der Wagen war an der
Übungswiese geparkt. Da kann man ihn
nicht sehen. Und wenn schon! Ich bin
glücklich. Ich glaubte schon, ich könne die
verdammte Karre nicht mehr fahren.«
»Kommt Clerfayt heute abend nicht?«
fragte sie.
»Nein. Er hat heute nachmittag über-
raschend Besuch bekommen. Wozu soll er
auch immer heraufkommen? Es muß lang-
weilig sein für ihn.«
»Warum fährt er dann nicht weg?«
fragte Lillian ärgerlich.
»Er fährt; aber erst in ein paar Tagen.
Mittwoch oder Donnerstag.«
»Diese Woche?«
»Ja. Ich nehme an, er wird mit seinem
Besuch hinunterfahren.«
Lillian antwortete nicht.
»Und mit wem reiße ich denn von nun
an abends aus?«
»Da sind doch genug. Und Clerfayt ist
ja auch noch hier.«
»Ja. Und nachher?«

61
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Lillian stand auf. »Ich werde schlafen
gehen. Gute Nacht, Hollmann.«
»Ist irgend etwas los, Lillian?«
»Nichts als das Übliche. Langeweile.«
Die Nachtschwester hatte ihre Aben-
drunde beendet. Lillian saß auf ihrem Bett
und versuchte zu lesen. Wieder lag die
Nacht vor ihr. Es klopfte. Charles Ney
stand draußen in einem roten Schlafrock
und Pantoffeln. »Alles ist klar«, flüsterte
er. »Komm rüber zu Dolores! Abschiedsfei-
er für Eva Moser.«
»Wozu? Warum geht sie nicht? Wozu
muß sie noch Abschied feiern?«
»Wir wollen eine Abschiedsfeier. Nicht
sie.«
»Ihr habt doch schon eine im Esszimmer
gehabt.«
»Nur um die Schwester zu täuschen.
Komm, sei keine Trauerweide*!«
»Ich habe keine Lust.«
»Komm, Lillian! Wenn du hier bleibst,
wirst du dich ärgern, allein zu sein — wenn
du drüben bist, wirst du dich ärgern, hin-
gekommen zu sein. Es ist also dasselbe  —
76
Zieh dich an — оде- komm deshalb!« Er öffnete die Tür. »Alle
вайся
sich anziehen — воз-
kommen! Zieh dich an76 und komm!«
вратный глагол *
Плакса

62
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich ziehe mich nicht an. Ich komme in
Pyjamas!«
»Komm in Pyjamas, aber komm!«
Dolores Palmer wohnte ein Stockwerk
tiefer als Lillian. Sie lebte dort seit drei
Jahren in einem Appartement, das aus
einem Schlafzimmer, einem Wohnzimmer
und einem Bad bestand. Sie bezahlte die
höchste Miete des Sanatoriums.
Lillian sah sich um. Es war ein Bild,
das sie kannte. Sie waren wie Kinder, die
heimlich zu lange aufbleiben. Dolores Pal-
mer trug ein chinesisches Kostüm, ein
langes Kleid. Sie war von einer tragischen
Schönheit, die sie selbst nicht empfand.
Ihre Liebhaber gingen daran irre wie Rei-
sende an einer Fata Morgana.
Eva Moser saß neben dem Fenster und
schaute hinaus. Ihre glückliche Stimmung
war umgeschlagen. »Sie weint«, sagte Ma-
ria Savini zu Lillian. »Was sagst du dazu?«
»Warum?«
»Frag sie selbst; du wirst es nicht glau-
ben. Sie hält dies für ihr Zuhause.«
»Es ist mein Zuhause«, sagte Eva Mo-
ser. »Hier bin ich glücklich gewesen. Hier
habe ich Freunde. Unten kenne ich nie-
mand.«

63
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Was soll ich werden?« jammerte Eva
Moser jetzt in voller Panik. »Sekretärin?
Wer nimmt mich schon? Ich kann nur
schlecht Schreibmaschine schreiben.«
77
Sie hatte auch Lillian betrachtete Eva. Sie hatte auch
früher schon früher schon Patienten gesehen, die ent-
Patienten gesehen,
die entlassen worden lassen worden waren und behauptet hatten,
waren und behauptet
hatten, lieber bleiben
lieber bleiben zu wollen77. Aber Eva Moser
zu wollen. — Она war ein anderer Fall; sie meinte, was sie
и раньше видела
пациентов, которых sagte. Sie war ehrlich verzweifelt. Sie hat-
отпускали, и они
te sich an das Sanatorium gewöhnt. Sie
утверждали, что они
хотели бы лучше hatte Angst vor dem Leben unten.
остаться.
»Ich gehe«, sagte Lillian. »Ich kann das
nicht aushalten.«
»Geh nicht!« sagte Charles Ney und
beugte sich zu ihr. »Bleibe noch! Wir brau-
chen dich. Sing etwas, Lillian!«

Im gleichen Augenblick öffnete sich die


Tür, und das Krokodil stand im Rahmen.
»Das habe ich mir doch gedacht! Ziga-
retten! Alkohol auf dem Zimmer! Eine
Orgie! Sogar Sie dabei, Fräulein Ruesch!«

Lillian zog die Vorhänge zu. Da war die


Panik wieder! Sie suchte nach den Schlaf-
78
Er hätte sie retten tabletten. Einen Augenblick glaubte sie,
können — он мог бы
ее спасти draußen Clerfayts Motor zu hören. Sie sah
Konjunktiv
auf die Uhr. Er hätte sie retten können78

64
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
vor der langen Nacht; aber sie konnte ihn
nicht anrufen.
Hatte Hollmann nicht gesagt, er habe
Besuch? Von wem? Von irgendeinem gesun-
den Frauenzimmer aus Paris oder Mailand
oder Monte Carlo! Zum Teufel mit ihm, er
fuhr ohnehin in ein paar Tagen ab! Sie
schluckte die Tabletten.

5
Der alte Mann lag in einem schmalen
Bett in einem schmalen Zimmer. Neben
dem Bett stand auf dem Nachttisch ein
Schachbrett.
Er hieß Richter. Er war achtzig Jahre
alt und lebte seit zwanzig Jahren im Sa-
natorium. Er war das Renommierstück*
des Sanatoriums. Man wies stets auf ihn,
wenn es mutlose79 Patienten gab. Lillian 79
mutlose — унылые
суффикс -los-
saß an seinem Bett. »Sehen Sie sich das
an!« sagte Richter und zeigte auf das
Schachbrett. »Regnier ist während des
Krieges gekommen, 1944 glaube ich. Das
war eine Erlösung! Vorher  — meine liebe
junge Dame  — vorher habe ich ein Jahr
80
gegen einen
lang gegen einen Schachklub80 in Zürich Schachklub — про-
тив шахматного
gespielt. Wir hatten niemanden hier oben, клуба
*
gegen Akk.
Предмет особой гордости

65
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
wer gut Schach spielen konnte. Es war sehr
langweilig.«
Schach war Richters einzige Leiden-
schaft. Zwei Freunde aus Deutschland, mit
denen er brieflich gespielt hatte, waren in
Russland gefallen; ein anderer wurde bei
Stalingrad gefangengenommen. Ein paar
Monate lang war Richter ganz ohne Partner
gewesen; er hatte sogar Gewicht verloren.
Dann hatte er gegen Mitglieder eines
Schachklubs in Zürich per Telefon gespielt.
Doch das war zu teuer. Dann hat er
Briefe geschrieben. Er konnte nur jeden
zweiten Tag einen Zug machen, da die Post
so lange dauerte.
Und wenn Regnier gekommen war und
eine Partie mit Richter gespielt hatte, war
Richter froh, endlich wieder einen würdigen
Gegner zu haben.
Aber Regnier, ein Franzose, der in einem
deutschen Gefangenenlager war, wollte nicht
mehr weiterzuspielen, als er hörte, daß
81
langweilten sich — Richter Deutscher sei. Beide langweilten
скучали
sich langweilen
sich81; aber keiner wollte nachgeben. Ein
возвратный глагол Neger aus Jamaica fand schließlich eine
Lösung. Auch er war bettlägerig. In zwei
Briefen lud er Richter und Regnier zu je
einer Schachpartie mit sich ein, von Bett
zu Bett, über das Telefon. Die einzige

66
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Schwierigkeit war, daß der Neger Schach
nicht spielen konnte. Er selbst hatte nicht
einmal ein Brett, da er ja nichts weiter tat,
als Regnier und Richter, ohne daß sie es
wußten, gegeneinander spielen zu lassen.
Kurz nach dem Ende des Krieges starb
der Neger. Das Krokodil übernahm jetzt
die Rolle des Negers, damit die Partien
weitergingen, man hat ihnen gesagt, daß
der Neger wegen einer Kehlkopftuberkulo-
se* jetzt nicht mehr sprechen konnte. Das
ging gut, bis Regnier wieder aufstehen
konnte. Er wollte als erstes den Neger
besuchen und fand so alles heraus.
Inzwischen hatten sich die nationalen
Gefühle etwas beruhigt. Und beide spielten
seitdem wieder miteinander. Mit der Zeit
war auch Regnier wieder bettlägerig ge-
worden. Und da beide jetzt kein Telefon
mehr hatten, machten ein paar Patienten
für sie die Botendienste. Lillian auch.
Dann war Regnier vor drei Wochen ge-
storben. Richter war um diese Zeit so
schwach gewesen, daß man auch seinen
Tod erwartete, und niemand wollte ihm
sagen, daß Regnier tot sei.
*
Туберкулёз гортани

67
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Wollen Sie nicht Schach lernen«, frag-
te er Lillian. »Ich kann es Ihnen rasch
beibringen.«
»Ich habe kein Talent dafür. Und keine
Geduld.«
»Jeder hat Talent! Und Geduld muß man
haben, wenn man nachts nicht schlafen
kann. Was soll man sonst tun? Beten? Das
hilft nicht. Ich bin Atheist. Philosophie
hilft auch nicht. Detektivromane nur für
kurze Zeit. Ich habe alles probiert, meine
Dame. Nur zwei Dinge helfen. Das eine ist,
daß ein anderer bei einem ist; deshalb habe
ich geheiratet. Aber meine Frau ist längst
tot.«
»Und das andere?«
»Schachaufgaben zu lösen. Es beruhigt.
Es ist eine Welt ohne Panik und ohne Tod.
Es hilft! Wenigstens für die eine Nacht  —
und mehr wollen wir ja nicht, nicht
wahr? Nur durchhalten bis zum nächsten
Morgen.«
»Ja. Mehr will man hier nicht.«
»Wie lange sind Sie schon hier?« frag-
te sie.
»Zwanzig Jahre. Ein Leben, wie?«
»Ja, ein Leben.«
Ein Leben, dachte sie, aber was für ein
Leben! Jeder Tag war wie der andere. Nein,

68
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
dachte Lillian, nicht so! Ich will nicht so
enden! Nicht so!
»Wollen wir heute anfangen?« fragte
Richter.
Lillian schüttelte den Kopf. »Ich bleibe
nicht mehr lange hier.«
»Sie fahren nach unten?« fragte Richter.
»Ja. In ein paar Tagen.«
Was rede ich da? dachte sie. Es ist ja
nicht wahr!
Verwirrt stand sie auf.
»Ich fahre nicht für lange«, sagte sie
schnell. »Nur für kurze Zeit. Ich komme
wieder.«
»Jeder kommt wieder«, sagte Richter
beruhigt. »Jeder.«
»Soll ich Ihren Zug für Regnier mit-
nehmen?«
»Zwecklos. Er ist so gut wie matt. Sa-
gen Sie ihm, wir müßten ein neues Spiel
anfangen.«
Die Unruhe verließ sie nicht. Nachmit-
82
tags gelang es ihr, eine junge Assistenz- gelang es zu
überreden — удалось
schwester im Operationsraum zu überre- переубедить
gelingen + zu
den82, ihr die letzten Röntgenaufnahmen + Infinitiv
zu zeigen. Die Schwester glaubte, Lillian
verstände nichts davon, und brachte ihr
die Filme.

69
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Hier ist das Kleid. Sie können es jetzt
mitnehmen.«
Die Schwester errötete. »Das gelbe
Kleid? Haben Sie das wirklich so gemeint?«
»Warum nicht? Es paßt mir nicht mehr.
Ich bin zu dünn dafür geworden.«
Die Schwester nahm das Kleid. »Ich
glaube, es paßt sogar«, flüsterte sie und
sah in den Spiegel. »Ich lasse es noch ein
paar Minuten hier. Die Aufnahmen auch.
Dann hole ich alles ab. Ich muß noch zu
Nummer sechsundzwanzig. Sie ist abge-
reist.«
»Abgereist?«
»Ja. Vor einer Stunde.«
»Wer ist Nummer sechsundzwanzig?«
»Die kleine Südamerikanerin aus Bo-
gotá.«
»Die mit den drei Verwandten? Manu-
ela?«
»Ja. Es kam rasch; aber es war zu er-
warten.«
»Sie ist nicht abgereist, sie ist tot, ge-
storben, nicht mehr da!«
»Ja, natürlich«, erwiderte die Schwester.
Lillian konnte die Filme nicht wirklich
lesen. Der Dalai Lama hatte ihr nur öfter
die Schatten und Verfärbungen gezeigt, auf
die es ankam.

70
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Es schien ihr, daß die Flecken größer
geworden seien.
Die junge Schwester war wieder herein-
gekommen. »Ich habe in den letzten zwei
Monaten drei Pfund verloren.«
»Sie haben doch kürzlich ein halbes
Pfund zugenommen.«
»Das habe ich schon wieder abgenom-
men.«
»Sie sind zu unruhig. Und Sie müssen
mehr essen.«
Lillian dreht sich rasch um. »Warum
behandelt ihr uns immer wie Kinder?«
sagte sie. »Denkt ihr wirklich, wir glauben
alles, was ihr uns vorerzählt? Hier — « sie
hielt der Schwester die Röntgenaufnahmen
hin  — »sehen Sie das an! Sie wissen, daß
es nicht besser geworden ist!«
Lillian wartete ungeduldig darauf, daß
die Schwester die Aufnahmen und das Kleid
nehme und ginge.
»Die paar Pfunde holen Sie rasch auf«,
sagte die Schwester. »Nur immer gut essen!
Heute abend zum Beispiel! Da gibt es als
Nachspeise herrlichen Schokoladenauflauf
mit Vanillesauce.«
Es klopfte und Hollmann kam herein.
»Clerfayt fährt morgen. Heute nacht ist
Vollmond. Das übliche Fest oben auf der

71
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Bergerhütte. Wollen wir noch einmal aus-
reißen und mit ihm hinauffahren?«
»Sie auch?«
»Ja. Zum letztenmal.«
»Manuela ist gestorben.«
»Ich habe es gehört. Es ist eine Erleich-
terung für uns alle. Für ihre drei Verwand-
ten sicher  — und für Manuela wahrschein-
lich auch.«
»Sie reden wie Clerfayt«, sagte Lillian
feindlich.
»Ich glaube, wir alle müssen mit der
Zeit wie Clerfayt reden«, erwiderte Holl-
mann ruhig. »Er lebt von einem Rennen
83
gegen ihn — против zum andern. Und die Chancen sind jedes
него
предлог gegen + Akk.
Jahr mehr und mehr gegen ihn83. Wollen
wir heute abend mit ihm Zusammensein?«
»Ich weiß es nicht. Wann fährt er?«
»Morgen nachmittag. Er will aus den
Bergen heraus sein, bevor es wieder schneit.«
»Fährt er allein?« fragte Lillian.
»Ja. Kommen Sie heute abend?«
Lillian antwortete nicht. Sie mußte
nachdenken. Aber was war schon nachzu-
denken? Hatte sie das nicht seit Monaten
getan? Es war nur noch etwas zu ent-
scheiden.
»Ich hole Sie ab.« Hollmann lachte.
»Von morgen an werde ich dann wieder der

72
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
vorsichtigste Bewohner84 des Bella Vista 84
der vorsichtigste
Bewohner — самый
sein. Heute feiern wir.« осторожный житель
превосходная сте-
»Was?« пень
»Irgendwas. Daß Vollmond ist. Daß Gi- Подробнее см.
раздел «Прилага-
useppe gekommen ist. Daß wir noch leben. тельное. Степени
Abschied.« сравнения»

»Daß wir morgen wieder ideale Patien-


ten werden?«
»Auch das. Ich hole Sie ab. Es ist ein
Kostümfest, Sie haben das nicht vergessen?«
»Nein.«
Die Berghütte lag hoch über dem Dorf,
und einmal im Monat im Winter bei Voll-
mond wurde sie nachts offen gehalten für
eine Skiabfahrt mit Fackeln.
Die Gäste kamen in Skianzügen oder
Kostümen. Charles Ney und Hollmann tru-
gen angeklebte Schnurrbarte, damit man
85
damit man sie nicht
sie nicht erkennen sollte85. Charles Ney war
erkennen sollte —
im Abendanzug. Dolores Palmer trug ihr чтобы их не смогли
узнать
chinesisches Kleid; Lillian Dunkerque ihre
hellblauen Hosen und eine kurze Pelzjacke.
Die Hütte war überfüllt, aber Clerfayt
hatte einen Tisch am Fenster reserviert
bekommen.
Lillian war sehr erregt. Im Kamin der
Hütte brannte ein großes Feuer. Es gab
heißen Punsch und Wein zu trinken. »Was
möchten Sie?« fragte Clerfayt.

73
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Wollen Sie Kognak? Ich schlage Glüh-
wein vor.«
»Gut«, sagte Lillian. »Glühwein.«
Der Kellner brachte die Gläser. »Wann
fahren Sie morgen?« fragte Lillian.
»Vor dem Dunkelwerden.«
»Wohin?«
»Nach Paris. Fahren Sie mit?«
»Ja«, erwiderte Lillian.
Clerfayt lachte; er glaubte ihr nicht.
»Gut«, sagte er. »Sie können aber nicht
viel Gepäck mitnehmen. Giuseppe ist nicht
dafür eingerichtet.«
»Ich brauche nicht viel. Den Rest kann
ich nachschicken lassen. Wo machen wir
zuerst Station?«
»Wir fahren aus dem Schnee heraus,
weil Sie ihn so hassen. Nicht sehr weit.
Über die Berge ins Tessin. Zum Lago Mag-
giore. Dort ist es schon Frühling.«
»Und dann?«
»Nach Genf.«
»Und dann?«
Clerfayt betrachtete sie plötzlich auf-
merksam. Er hatte alles bis jetzt für eine
Spielerei gehalten; aber sie fragte zu ein-
gehend* für eine Spielerei.
*
Слишком подробно

74
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Auf der Terrasse wurde ein Feuerwerk
abgebrannt.
»Um Gottes willen!« flüsterte Hollmann
plötzlich. »Der Dalai Lama!«
»Wo?«
»In der Tür. Er ist gerade gekommen.«
Der Professor stand tatsächlich bleich
und kahlköpfig am Eingang. Er trug einen
grauen Anzug.
»Er erkennt Sie nicht, Hollmann«, er-
klärte Dolores Palmer. »Mit Ihrem Schnurr-
bart.«
»Aber Sie! Und Lillian. Lillian beson-
ders.«
»Wir können uns so setzen, daß er eure
Gesichter nicht sehen kann«, sagte Charles
Ney und stand auf. Dolores wechselte ihren
Platz mit ihm, und Maria Savini nahm den
Stuhl von Hollmann. Clerfayt lächelte amü-
siert und sah zu Lillian hinüber, ob sie
nicht mit ihm wechseln wolle. Sie schüt-
telte den Kopf.
»Nein«, erwiderte Lillian. »Ich bleibe
hier sitzen.«
Dann gingen sie hinaus, um die Abfahrt
zu sehen. Hollmann, Charles Ney, Maria
Savini und Dolores schlüpften im Durch-
einander des allgemeinen Aufbruchs durch;

75
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
86
ging an den blassen Lillian ging ohne Eile mit Clerfayt an den
Augen vorbei — про-
шла мимо бледных blassen Augen des Professors vorbei86.
глаз
vorbeigehen an Dat.
»Wann fahren wir morgen?« fragte sie
Clerfayt.
Er blickte auf. Er begriff sie sofort.
»Wann Sie wollen«, erwiderte er. »Zu jeder
Zeit. Auch nach dem Dunkelwerden. Auch
früher. Auch später, wenn Sie nicht fertig
werden.«
»Das ist nicht nötig. Ich kann schnell
packen. Wann wollten Sie fahren?«
»Gegen vier Uhr.«
»Ich kann um vier fertig sein.«
»Gut. Ich hole Sie ab.«
Clerfayt blickte wieder den Skiläufern
nach. »Sie brauchen sich um mich keine
Sorgen zu machen«, sagte Lillian. »Sie
können mich in Paris absetzen. Ich fahre
mit wie —« Sie suchte nach einem Wort.
87
Wie jemand, der an »— Wie jemand, der an der Straße steht
der Straße steht und
bis zur nächsten Stadt und bis zur nächsten Stadt mitfährt?87«
mitfährt? — Как fragte Clerfayt.
кто-то, кто стоит на
улице и едет до сле- »Ja  — genau so.«
дующего города?
придаточное опре-
»Gut.«
делительное Lillian spürte, daß sie zitterte. Sie be-
obachtete Clerfayt. Er fragte nichts weiter.
Ich habe ihm nichts zu erklären, dachte sie.
Er glaubt mir. Was für mich die Entschei-
dung meines Lebens ist, ist für ihn nur ein

76
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Entschluß, wie man ihn täglich fasst. Viel-
leicht hält er mich auch nicht für besonders
krank. Er war der erste Mensch in Jahren,
der sich nicht um ihre Krankheit kümmer-
te. Es machte sie auf eine sonderbare Wei-
se glücklich. Die Krankheit, die immer wie
ein Fenster zwischen ihr und der Welt ge-
standen hatte, war auf einmal nicht mehr
da. Was hatte Clerfayt einmal gesagt? Das
Erstrebenswerteste* im Leben sei, seinen
eigenen Tod wählen zu können. Sie war
bereit. Sie zitterte, aber sie war bereit.

6
Wolkow fand sie am nächsten Morgen
über ihren Koffern. »Du packst, Duscha?
Schon so früh?«
»Ja, Boris, ich packe.«
»Wozu? Du wirst doch alles in ein paar 88
Du wirst doch alles
in ein paar Tagen
Tagen wieder auspacken88.« wieder auspacken. —
Er hatte sie schon einige Male so packen Ты же будешь через
несколько дней всё
sehen. снова распаковы-
вать.
»Ich gehe, Boris«, sagte sie. Sie fürch- Futur I
tete sich vor dieser Aussprache. »Dieses
Mal gehe ich wirklich! Ich gehe wirklich«,
wiederholte Lillian nervös, weil er es nicht
glaubte.
*
То, к чему более всего нужно стре-
миться

77
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Er nickte. »Du gehst morgen. Und über-
morgen oder in einer Woche packen wir
wieder aus. Wozu quälst du dich umsonst?«
»Boris!« rief sie. »Lass das! Es nützt
nichts mehr! Ich gehe.«
»Morgen?«
»Nein, heute. Ich fahre«, sagte sie ent-
schlossen. »Heute. Mit Clerfayt.«
Sie sah, wie seine Augen sich veränder-
ten. »Mit Clerfayt?«
»Ja. Ich gehe allein. Aber ich fahre mit
Clerfayt, weil er heute fährt.«
Wolkow machte einen Schritt in das
Zimmer hinein. »Du kannst nicht gehen«,
sagte er.
»Doch, Boris. Ich wollte dir schreiben.«
89
Du mußt hier »Du mußt hier bleiben89«, sagte er.
bleiben — Ты долж-
на остаться здесь. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß, daß
Модальный глагол
ich es nicht erklären kann. Deshalb wollte
müssen
ich weggehen, ohne dich zu sehen. Ich
wollte dir von unten schreiben — aber auch
das hätte ich nicht gekonnt. Mach es mir
nicht schwer, Boris —«
Mach es mir nicht schwer, dachte er.
»Du gehst mit Clerfayt?«
»Ich fahre mit Clerfayt hinunter«, er-
widerte Lillian. »Er nimmt mich mit, wie
ein Mann mit einem Auto einen Fußgänger
am Wege mitnimmt. In Paris trennen wir

78
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
uns90. Ich bleibe da, und er fährt weiter. 90
trennen wir uns —
расстанемся
Mein Onkel lebt in Paris. Ich werde dablei- sich trennen — воз-
вратный глагол
ben.«
»Bei deinem Onkel?«
»In Paris.«
Lillian wußte, daß sie nicht die Wahrheit
sagte, aber es schien ihr im Augenblick die
Wahrheit zu sein.
»Du willst, daß ich bei dir bleibe.«
»Ich möchte, daß du hier bleibst. Das
ist ein Unterschied.«
Ich lüge auch bereits, dachte er. Natür-
lich will ich nur, daß sie bei mir bleibt, sie
ist das Einzige, Letzte, was ich habe, ich
kann sie nicht verlieren, ich darf sie nicht
verlieren, ich habe sie schon verloren.
»Lass uns nicht mehr sprechen91, Boris, 91
Lass uns nicht mehr
sprechen — Давай
es ist alles falsch, was ich sage, es wird не будем больше
говорить.
falsch, während ich es sage, die Worte sind
Глагол lassen
falsch und banal und sentimental.«
Sie blickte ihn an mit einer Mischung
von ohnmächtig gewordener Liebe, Mitleid
und Feindseligkeit. Warum zwang er sie, 92
zwang … zu
wiederholen — вы-
noch einmal alles das zu wiederholen92, was нуждал повторять
sie sich tausendmal vorgesagt hatte und
schon vergessen wollte?
93
»Boris«, erwiderte Lillian hoffnungs- hoffnungslos — без-
надежно
93
los . »Es ist nicht Clerfayt. Muß es denn суффикс -los-

ein anderer Mann sein?«

79
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Er antwortete nicht. Ich bin ein Narr,
ich tue alles, um sie weiter fortzujagen!
Weiß ich nicht, daß verliert, wer festhalten
will, und daß man dem nachläuft, der lä-
chelnd loslässt? Habe ich das vergessen?
Es war zu spät. Es konnte sie nicht
mehr erreichen. Es war plötzlich zu spät,
von einem Atemzug zum anderen. Was
hatte er versäumt? Er wußte es nicht.
Gestern war noch alles nah und vertraut
gewesen, und jetzt war eine Glaswand zwi-
schen ihnen aufgestiegen, wie in einem
Auto zwischen Führersitz und Innenraum.
Sie sahen einander noch, aber sie verstan-
den sich nicht mehr — sie hörten einander,
aber sie sprachen verschiedene Sprachen.
Es war nichts mehr zu tun. Es war nichts
mehr zu tun. »Adieu, Lillian«, sagte er.
»Verzeih mir, Boris.«
»In der Liebe ist nichts zu verzeihen.«
Sie hatte keine Zeit nachzudenken. Eine
Schwester kam und forderte sie auf, zum
Dalai Lama zu kommen. Der Professor roch
nach guter Seife und antiseptischer Wäsche.
»Ich sah Sie gestern abend in der Berger-
hütte«, erklärte er hart.
Lillian nickte.

80
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Sie wissen, daß Sie Ausgehverbot ha-
ben? Ich muß Sie bitten, das Sanatorium
zu verlassen.«
Lillian antwortete nicht; die Ironie war
zu stark.
»Die Oberschwester hat mir gesagt, daß
es nicht das erste Mal war. Sie hat Sie
schon öfter gewarnt. Sie haben es nicht
beachtet. So etwas zerstört die Moral des
Sanatoriums. Wir können es nicht dulden,
daß…«
»Ich werde das Sanatorium heute nach-
mittag verlassen.«
Der Dalai Lama blickte sie überrascht
an. »So eilig ist es nicht«, erwiderte er
dann.
»Weshalb arbeiten Sie so gegen Ihre
Gesundheit, Fräulein Dunkerque?« fragte
er schließlich.
94
Als ich alles tat, was
»Als ich alles tat, was vorgeschrieben vorgeschrieben wurde,
wurde, ist es auch nicht besser geworden94.« ist es auch nicht
besser geworden. —
»Aber das ist doch kein Grund, es nicht Когда я делала всё,
что было предпи-
mehr zu tun, wenn es einmal schlechter сано, тоже не стало
wird«, rief der Professor ärgerlich. »Im лучше.

Gegenteil. Dann ist man doch besonders


vorsichtig!«
Er faßte sie an die Schulter und schüt-
telte sie leicht. »Na, nun gehen Sie in Ihr

81
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Zimmer, und beachten Sie von jetzt an die
Vorschriften genau.«
Lillian glitt mit einer Bewegung ihrer
Schulter unter seiner Hand weg. »Ich wür-
de die Vorschriften auch weiter verletzen«,
sagte sie ruhig. »Deshalb halte ich es für
besser, das Sanatorium zu verlassen.«

Sie fühlte sich wie ein Soldat, der nach


langem Warten einen Marschbefehl erhalten
hat.
Sie packte ihre Koffer fertig. Heute
95
werde ich die Berge
verlassen haben — я abend, dachte sie, werde ich die Berge
покину горы verlassen haben 95. Zum ersten Male in
Futur II
Jahren spürte sie eine Erwartung, hinter
der eine Erfüllung stand — nicht mehr die
Erwartung einer Fata Morgana, die Jahre
weit entfernt war und immer wieder zu-
rückrückte, sondern die der nächsten Stun-
den. Vergangenheit und Zukunft hingen in
einer zitternden Balance, und das erste,
was sie fühlte, war nicht Alleinsein, sondern
eine gespannte, hohe Einsamkeit. Sie nahm
nichts mit, und sie wußte nicht, wohin sie
ging.
Sie schloß ihre Koffer, und ihre Augen
waren blind vor Tränen. Sie wartete, bis
sie wieder ruhig geworden war. Sie bezahl-
te ihre Rechnung. Sie verabschiedete sich

82
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
von96 Dolores Palmer, Maria Savini und 96
verabschiedete sich
von — попроща-
Charles Ney, die sie anstarrten, wie die лась с
sich verabschieden
Japaner im Kriege ihre Selbstmordflieger von Dat.
angesehen haben mochten. Sie ging in ihr
Zimmer zurück und wartete. Dann hörte
sie ein Kratzen und Bellen vor der Tür. Sie
öffnete, und der Schäferhund Wolkows kam
herein. Das Tier liebte sie und war oft
allein zu ihr gekommen. Sie glaubte, Boris
habe es geschickt und werde selbst auch
noch kommen. Aber er kam nicht. Dafür
erschien die Zimmerschwester und erzählte
ihr, die Angehörigen Manuelas würden
die Tote in einem Zinksarg nach Bogotá
schiсken.
»Wann?« fragte Lillian, um etwas zu
fragen.
97
so rasch wie
»Heute noch. Sie wollen so rasch wie möglich — так бы-
стро, как это воз-
möglich97 reisen. Draußen steht schon der
можно
Schlitten. Sonst wartet man doch immer
bis nachts; aber der Sarg soll noch ein
Schiff erreichen. Die Angehörigen reisen
mit dem Flugzeug.«
»Ich muß jetzt gehen«, murmelte Lilli-
an. Sie hatte den Wagen Clerfayts gehört.
»Leben Sie wohl.«
Sie schloß die Tür hinter sich und ging
den weißen Korridor entlang wie ein Dieb
auf der Flucht. Sie hoffte, unbemerkt durch

83
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
die Halle zu kommen, aber das Krokodil
wartete neben dem Aufzug.
98
…daß Sie hier
bleiben können. Und
»Der Professor läßt Ihnen noch einmal
hier bleiben sollten. — sagen, daß Sie hier bleiben können. Und
…что Вы можете
здесь остаться. hier bleiben sollten98.«
И должны были бы »Danke«, sagte Lillian und ging weiter.
здесь остаться.
»Seien Sie doch vernünftig, Miss Dun-
kerque! Sie kennen Ihre Situation nicht.
Sie dürfen jetzt nicht nach unten. Sie
würden das Jahr nicht überleben.«
»Gerade deshalb.«
Lillian ging weiter. Hollmann stand am
Ausgang.
»Wenn Sie absolut fahren wollen, dann
nehmen Sie wenigstens die Eisenbahn«,
sagte das Krokodil.
Lillian zeigte der Oberschwester stumm
ihren Pelz und ihre Wollsachen. Das Kro-
kodil sagte: »Das nützt nichts! Wollen Sie
mit Gewalt Selbstmord begehen?«
»Das tun wir alle  — der eine schneller,
der andere langsamer. Wir fahren vorsich-
tig. Und nicht weit.«
»Adieu! Danke für alles.« Lillian war
draußen. Der Schnee reflektierte das Licht
so stark, daß sie kaum sehen konnte. »Auf
Wiedersehen, Hollmann!«
»Auf Wiedersehn, Lillian. Ich komme
bald nach.«

84
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie blickte auf. Er lachte.
»Wir werden langsam fahren«, sagte
Clerfayt. »Wenn die Sonne untergeht, ma-
chen wir das Verdeck zu.«
»Ja«, erwiderte sie. »Können wir ab-
fahren?«
»Haben Sie nichts vergessen?«
»Nein.«
Der Wagen fuhr an. Hollmann winkte.
Boris war nicht zu sehen.
Lillian blickte sich um. Auf den Sonnen-
terrassen, die eben noch leer gewesen waren,
stand auf einmal eine Reihe von Menschen.
»Wie auf dem obersten Rang einer
Stierkampfarena*«, sagte Clerfayt.
»Ja«, erwiderte Lillian. »Aber was sind
wir? Die Stiere oder die Matadore?«
»Immer die Stiere. Aber wir glauben,
wir wären die Matadore.«

7
Der Wagen fuhr langsam. Sie waren
über den Paß hinweg, aber der Schnee war
noch fast zwei Meter hoch zu beiden Seiten
der Straße aufgeschichtet. Man konnte nicht
über ihn hinaussehen.
Dann kam der Geruch von Harz und
Tannen, und ein Dorf schob sich braun und
*
Арена для боя быков

85
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
flach heran. Clerfayt hielt. »Wir können
die Schneeketten abnehmen, glaube ich.
Wie ist es weiter unten?« fragte er den
Tankwärter.
Clerfayt sah den Jungen an. Er trug
einen roten Sweater, eine neue Lederjacke,
eine Stahlbrille und hatte Pickel und ab-
stehende Ohren.
»Wir kennen uns doch! Herbert oder
Hellmut oder —«
»Hubert.«
Der Junge grinste und warf die Ketten
in den Wagen. »Benzin, mein Herr?«
»Benzin«, sagte Clerfayt, »brauche ich
siebzig Liter. Aber ich werde sie nicht von
dir nehmen, sondern von jemand, der we-
niger geschäftstüchtig ist als du.«
Eine Stunde später war der Schnee
hinter ihnen. In den Fenstern spiegelte sich
rot der Abend. Kinder spielten auf den
Straßen. Die Äcker waren schwarz und
feucht, und auf den Wiesen sah man gelb
und graugrün das vorjährige Gras. »Wollen
wir irgendwo Station machen?« fragte
Clerfayt.
»Noch nicht.«
»Wollen wir nicht doch etwas trinken?«
fragte Clerfayt. »Kaffee mit Kirsch? Wir
haben noch ein ganzes Stück zu fahren.«

86
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ja«, sagte Lillian. »Wann sind wir am
Lago Maggiore?«
»In einigen Stunden. Spät abends.«
Clerfayt hielt den Wagen vor einem
Wirtshaus an. Sie gingen in die Gaststube.
Eine Kellnerin machte Licht.
»Sind Sie hungrig?« fragte Clerfayt.
»Was haben Sie mittags gegessen?«
»Nichts.« 99
wandte sich an —
»Das dachte ich mir.« Er wandte sich обратился к
99 sich wenden an Akk.
an die Kellnerin.
»Was haben Sie zu essen?«
»Salami, Landjäger, Schüblig. Die
Schüblig sind heiß.«
»Zwei Schüblig und ein paar Stücke von
dem dunklen Brot dort. Dazu Butter und
offenen Wein. Haben Sie Fendant?«
»Fendant und Valpolicella.«
»Fendant. Und für Sie?«
»Einen Pflümli, wenn’s nichts aus-
macht«, sagte die Kellnerin.
»Es macht nichts aus.«
Lillian saß in der Ecke neben dem Fen-
ster. Sie hörte das Gespräch zwischen
Clerfayt und der Kellnerin. Das rötliche
Licht der Lampe sammelte sich in den
Flaschen auf der Theke zu grünen und
roten Reflexen. Alles war sehr friedlich und
selbstverständlich, es war ein Abend ohne

87
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Angst, und sie gehörte dazu, ebenso selbst-
verständlich und friedlich.
»Schüblig sind fette Bauernwürste«,
sagte Clerfayt.
»Ausgezeichnet, aber vielleicht mögen
Sie sie nicht!«
»Ich mag alles«, sagte Lillian. »Alles
hier unten!«
Die Kellnerin brachte den hellen Wein.
Sie schenkte ihn in kleine Wassergläser.
Dann hob sie ihr eigenes Glas mit dem
Pflaumenschnaps. »Wohl bekomm’s!« Sie
tranken. Clerfayt sah sich in dem schäbigen
Wirtsraum um. »Dies ist noch nicht Paris«,
100
lächelnd — улы-
баясь sagte er lächelnd100.
Partizip I
»Doch!« erwiderte Lillian. »Es ist der
erste Vorort von Paris. Paris fängt bereits
hier an.«
Bis Göschenen hatten sie Sterne und
klare Nacht. Clerfayt verlud den Wagen
auf einen der flachen Güterwagen, die am
101
Außer ihnen —
кроме них
Perron bereitstanden. Außer ihnen101 fuhren
предлог außer Dat. noch zwei Limousinen und ein roter Sport-
wagen durch den Tunnel. »Wollen Sie im
Auto bleiben oder im Personenwagen des
Zuges mitfahren?« fragte er.
»Werden wir sehr schmutzig, wenn wir
im Auto bleiben?«

88
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Nein. Die Lokomotive ist elektrisch.
Und das Verdeck wird geschlossen.«
Ein Bahnbeamter legte Bremsklötze
unter die Räder. Die übrigen Fahrer blieben
ebenfalls in ihren Wagen. Die beiden Li-
mousinen ließen ihre Deckenlichter brennen.
Der Zug rangierte und fuhr in den Gott-
hardtunnel ein.
»Wo kommen wir heraus?«
»Bei Airolo. Da beginnt der Süden.«
Lillian dehnte sich auf ihrem Sitz. Der
Tunnel schien alles von ihr abzustreifen,
was noch von früher um sie herumgeflattert
war.
Der Zug hielt in einem weichen Rauschen
von Grau und Gold und milder Luft. Es
war die Luft des Lebens nach der toten
Luft des Tunnels. Erst nach einer Weile
begriff Lillian, daß es regnete. Sie horchte
auf die Tropfen, die sanft auf das Verdeck
klopften, sie atmete die weiche Luft und
hielt die Hand in den Regen. Gerettet,
dachte sie. Über den Styx geworfen und
gerettet.
»Es sollte umgekehrt sein«, sagte Cler-
fayt. »Drüben sollte es geregnet haben, und
hier sollte klares Wetter sein. Sind Sie
enttäuscht?«

89
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe seit
Oktober keinen Regen mehr gesehen.«
»Und seit vier Jahren waren Sie nicht
unten? Das ist dann ja fast so, als wären
102
als wären Sie noch
einmal geboren — как Sie noch einmal geboren102. Noch einmal
будто Вы заново geboren, mit Erinnerungen.«
родились
Er fuhr zur Straße hinüber, um zu
tanken. »Man könnte Sie beneiden. Sie
fangen noch einmal von vorn an.«
Der Zug fuhr ab und verschwand mit
roten Lichtern im Regen. Clerfayt sah einen
Augenblick Lillian an. Sie sah anders aus
als je zuvor. Ihr Gesicht war vom Schein
der Geschwindigkeitsmesser, der Uhren
beleuchtet, und es schien, im Kontrast dazu,
für einen Herzschlag völlig zeitlos und
unberührt davon zu sein  — zeitlos, spürte
Clerfayt plötzlich, wie der Tod, mit dem es
ein Rennen startete, gegen das alle Auto-
mobilrennen Kinderei waren. Ich werde sie
in Paris absetzen und verlieren, dachte er.
103
muß versuchen, sie Nein, ich muß versuchen, sie zu halten!103
zu halten — должен
попытаться её удер- Ich wäre ein Idiot, wenn ich es nicht ver-
жать
104
Ich wäre ein Idiot,
suchte!104
wenn ich es nicht »Wissen Sie schon, was Sie in Paris tun
versuchte! — Я был
бы идиотом, если wollen?« fragte er.
бы не попытался. »Ich habe einen Onkel dort. Er verwal-
Konjunktiv
tet mein Geld. Bisher hat er es mir in
monatlichen Raten geschickt. Jetzt werde

90
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
ich es ihm ganz entreißen. Es wird ein
Drama werden. Er glaubt immer noch, ich
sei vierzehn Jahre alt.«
»Und wie alt sind Sie wirklich?«
»Vierundzwanzig und achtzig.«
Clerfayt lachte. »Eine gute Kombinati-
on. Ich war einmal sechsunddreißig und
achtzig  — als ich aus dem Krieg wieder-
kam.«
»Und was geschah?«
»Ich wurde vierzig. Es war sehr traurig.«
Clerfayt lenkte den Wagen zum rechten
Straßenrand. Es wurde sehr still. Man
hörte nur einen Bach rauschen und das
leise Klopfen des Regens. Dies war das
Glück, fühlte Lillian. Diese Minute der
Stille voll dunkler, feuchter, fruchtbarer
Erwartung. Sie würde sie nie vergessen  —
die Nacht, das sanfte Rieseln und die be-
glänzte, nasse Straße.
Eine Viertelstunde später kamen sie in
Nebel. Clerfayt fuhr sehr langsam. Nach
einer Weile konnten sie den Straßenrand
wieder erkennen. Clerfayt bremste den
Wagen plötzlich sehr stark. Sie waren ge-
rade aus dem Nebel herausgekommen. Vor
ihnen, um einen Kilometerstein gedreht,
hing der rote Sportwagen, ein Rad über

91
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
dem Abgrund. Neben ihm stand der Mann,
der ihn gefahren hatte, unverletzt.
»Das nennt man Glück«, sagte Clerfayt.
»Glück?« erwiderte der Mann wütend.
»Und der Wagen? Sehen Sie sich das an!
Ich bin nicht kaskoversichert.«
»Mann, seien Sie froh, daß Sie noch auf
der Straße stehen.«
105
Clerfayt stieg wieder ein.
werde schicken —
пришлю »Ich werde Ihnen einen Wagen zum
Futur I
106
Abschleppen schicken105.«
Sie wollen mich
hier im Regen auf »Was? Sie wollen mich hier im Regen
der Straße stehen
lassen? — Вы хотите auf der Straße stehen lassen?106«
меня здесь оста- »Ja. Atmen Sie tief, schauen Sie auf
вить под дождем на
улице? die Berge, danken Sie Gott, daß Sie noch
leben, und denken Sie daran, daß bessere
Leute als Sie sterben mußten.«
Sie fanden in Biasca eine Garage. Der
Besitzer war beim Abendessen. Er verließ
seine Familie und nahm eine Flasche Bar-
berawein mit. »Er wird etwas Alkohol
brauchen können«, sagte er. »Ich vielleicht
auch.«
Der Wagen glitt weiter den Berg hin-
unter. Kehre auf Kehre, Serpentine auf
Serpentine. »Dies ist ein eintöniges Stück«,
sagte Clerfayt. »Es zieht sich hin bis Lo-
carno. Dann kommt der See. Sind Sie
müde?«

92
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Lillian schüttelte den Kopf. Müde! dach-
te sie. Eintönig! Spürt dieses gesunde Stück
Leben neben mir denn nicht, daß alles in
mir zittert? Begreift er nicht, was in mir
vorgeht? Fühlt er nicht, daß das eingefro-
rene Bild der Welt plötzlich in mir aufge-
taut ist und sich bewegt und spricht, daß
der Regen spricht, daß die nassen Felsen
sprechen und das Tal mit seinen Schatten
und Lichtern und die Straße?
»Wie gefiel Ihnen Ihre erste Begegnung
hier unten?« fragte Clerfayt. »Ein Mann,
der um seinen Besitz jammert und sein
107
Leben für selbstverständlich hält? Sie wer- werden …
viele ähnliche
den noch viele ähnliche kennenlernen107.« kennenlernen — по-
знакомитесь со
»Es war eine Abwechslung. Oben hielt многими похожими
jeder sein Leben für entsetzlich wichtig. kennenlernen Akk.

Ich auch.«
Straßen sprangen vor ihnen auf. Lichter,
Häuser, Blau und ein weiter Platz mit Ar-
kaden. »Wir sind in zehn Minuten da«,
sagte Clerfayt. »Dies ist schon Locarno.«
Plötzlich lag der See vor ihnen, breit,
silbern und unruhig. Es hatte aufgehört
zu regnen. Die Wolken zogen rasch und
niedrig über den Mond. Ascona lag still
mit seiner Piazza am Ufer.
»Wo werden wir wohnen?« fragte Lil-
lian.

93
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Am See. Im Hotel Tamaro.«
»Woher kennen Sie das alles?«
»Ich habe nach dem Kriege ein Jahr
lang hier gelebt«, erwiderte Clerfayt. »Mor-
gen früh werden Sie wissen, warum.«
Er hielt vor dem kleinen Hotel und lud
das Gepäck aus. »Der Besitzer hier hat eine
Bibliothek«, sagte er. »Er ist fast ein Ge-
lehrter. Wollen wir sofort essen fahren?«
»Wohin?«
»Nach Brissago, an der italienischen
Grenze. Zehn Minuten von hier. In ein
Restaurant, das Giardino heißt.«
Lillian sah sich um. »Da blühen ja Gly-
zinien!«
»Frühling«, sagte Clerfayt. »Gott segne
Giuseppe. Er verschiebt die Jahreszeiten.«
108
den See entlang —
вдоль озера Der Wagen fuhr langsam den See ent-
предлог entlang Akk.
lang 108. »Mimosen«, sagte Clerfayt und
zeigte auf die blühenden Bäume am See.
»Ganze Alleen. Und da ist ein Hügel mit
Iris und Narzissen. Dieses Dorf heißt Por-
to Ronco. Und das dort auf dem Berge
Ronco. Die Römer haben es gebaut.«
Er parkte den Wagen neben einer langen,
steinernen Treppe. Sie stiegen zu einem
kleinen Restaurant hinauf. Er bestellte eine
Flasche Soave, Prosciutto, Scampis mit Reis
und Käse aus dem Valle Maggia.

94
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Es waren nicht viele Leute da. Die Fen-
ster standen offen. Die Luft war sanft. Ein
Topf mit weißen Kamelien stand auf dem
Tisch.
»Sie haben hier gelebt?« fragte Lillian.
»An diesem See?«
»Ja. Fast ein Jahr. Nach meiner Flucht
und nach dem Kriege. Ich wollte ein paar
Tage bleiben, aber ich blieb viel länger. Ich
hatte es nötig. Es war eine Kur mit Nichts-
tun, Sonne, Starren in den Himmel und in
den See und viel Vergessen. Salute!« Lilli-
an trank den leichten italienischen Wein.
109
»Irre ich mich109, oder ist das Essen hier Irre ich mich —
я ошибаюсь
erstaunlich gut?« fragte sie. sich irren
»Es ist erstaunlich gut. Der Wirt könn- 110
könnte … sein —
te Chef in jedem großen Hotel sein110.« мог бы быть
Konjunktiv
»Warum ist er es nicht?«
»Er war es. Sein Heimatdorf gefällt ihm
besser.«
Lillian blickte auf. »Er wollte zurück —
nicht hinaus?«
»Er war draußen  — und ging zurück.«
Sie stellte ihr Glas auf den Tisch. »Ich
bin glücklich, Clerfayt«, sagte sie. »Dazu
muß ich sagen, daß ich überhaupt nicht
weiß, was das Wort bedeutet.«
»Ich weiß es auch nicht.«
»Waren Sie nie glücklich?«

95
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Oft.«
Sie sah ihn an. »Jedes Mal anders«,
fügte er hinzu.
111
am meisten —
больше всего »Wann am meisten111?«
превосходная сте-
пень от viel
»Ich weiß es nicht. Es war jedes Mal
anders.«
»Wann am meisten?«
»Allein«, sagte Clerfayt.
Lillian lachte. »Wohin gehen wir jetzt?
Gibt es noch mehr verzauberte Wirte und
Hoteliers hier?«
»Viele. Nachts, bei Vollmond, taucht ein
gläsernes Restaurant aus dem See auf. Es
gehört einem Sohne Neptuns. Man kann
dort alte römische Weine kneipen. Aber
jetzt gehen wir zu einer Bar, in der es
einen Wein gibt, der in Paris schon aus-
verkauft ist.«
Sie fuhren zurück nach Ascona. Clerfa-
yt ließ den Wagen vor dem Hotel stehen.
Sie gingen die Piazza entlang und stiegen
in einen Keller hinab. Unten war eine klei-
ne Bar.
»Ich brauche nichts mehr zu trinken«,
sagte Lillian. »Ich bin betrunken von den
Mimosen.«

96
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie gingen zurück.
Sie stand am Fenster ihres Zimmers.
Draußen waren der See, die Nacht und der
Wind. Clerfayt kam herein. Er legte den
Arm um sie. Sie drehte sich um und sah
112
Hast du keine
ihn an. Er küßte sie. »Hast du keine
Angst? — Ты не бо-
Angst?112« fragte sie. ишься?
113
Wovor? — чего
»Wovor?113« Angst haben vor Dat.
»Daß ich krank bin.«
»Ich habe Angst davor, daß mir beim
Rennen mit zweihundert Kilometer Ge-
schwindigkeit ein Vorderreifen platzt«,
sagte er.
Lillian atmete tief auf. Wir sind ja
ähnlich, dachte sie. Wir haben ja beide
keine Zukunft! Seine reicht immer nur bis
zum nächsten Rennen; und meine bis zum
nächsten Blutsturz. Sie lächelte.
Er stellte die Flasche auf das Fenster-
brett, nahm sie aber wieder weg. »Man soll
Wein nicht in den Mond stellen. Der Mond
tötet seinen Duft.« Er ging zur Tür.
»Clerfayt«, sagte Lillian.
114
aber je weiter sie in
8 die Stadt kamen, um
so mehr begann die
Paris lag mit seinen Vororten grau und Verzauberung. — но
hässlich da; aber je weiter sie in die Stadt чем дальше они
шли в город, тем
kamen, um so mehr begann die Verzaube- больше начиналось
очарования.
rung114. Ecken, Winkel und Straßen tauch-

97
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
ten auf wie Bilder von Utrillo und Pissar-
ro, das Grau wurde bleich und fast silbrig.
»Von dort«, sagte Clerfayt, »hat man
Marie Antoinette abgeholt, um sie zu köp-
fen. Im Restaurant gegenüber isst man
besonders gut. Man kann hier überall Hun-
ger mit Geschichte verbinden. Wo wollen
Sie wohnen?«
»Dort«, erwiderte Lillian und zeigte
über den Fluss auf die helle Fassade eines
kleinen Hotels.
»Kennen Sie es?«
»Woher?«
»Aus der Zeit, als Sie hier lebten?«
»Als ich hier lebte, wohnte ich meistens
im Keller eines Gemüsehändlers versteckt.«
»Wollen Sie nicht lieber irgendwo im
sechzehnten Arrondissement wohnen? Oder
bei Ihrem Onkel?«
»Mein Onkel ist so geizig, daß er wahr-
scheinlich selbst nur ein Zimmer hat. Fah-
ren wir hinüber und fragen wir nach, ob
dort Zimmer frei sind. Wo wohnen Sie?«
»Im Ritz.«
»Natürlich«, sagte Lillian.
Clerfayt nickte. »Ich bin nicht reich
genug, anderswo zu wohnen.«
Sie fuhren über die Brücke des Boulevard
St.-Michel in den Quai des Grands-Augu-

98
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
stins und hielten vor dem Hotel Bisson.
Als sie ausstiegen, kam gerade ein Haus-
knecht mit Koffern heraus. »Da ist mein
Zimmer«, sagte Lillian. »Jemand zieht
aus.«
»Du willst wirklich hier wohnen? Einfach
nur, weil du das Hotel von drüben gesehen
hast?«
Lillian nickte. »Ich will sogar so leben.
Ohne irgendwelche Empfehlungen und Vor-
urteile.«
Das Zimmer war frei. Das Hotel hatte
keinen Aufzug, aber das Zimmer lag zum
Glück im ersten Stock. Die Treppen waren
alt. Das Zimmer war klein und sparsam
möbliert; aber das Bett schien gut zu sein,
und ein Badezimmer war da. Die Möbel
waren modern, bis auf einen kleinen Ba-
rocktisch, der wie ein Prinz zwischen Skla-
ven stand.
»Du kannst jeden Tag ausziehen, wenn
du willst«, sagte Clerfayt.
»Manche Menschen vergessen das.«
»Wohin? Zu dir ins Ritz?«
»Nicht zu mir, sondern ins Ritz«, er-
115
widerte Clerfayt. »Ich habe da während des während des
Krieges — во время
Krieges115 ein halbes Jahr gewohnt. Mit войны
während Gen.
einem Bart und unter anderem Namen.«

99
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Der Hausknecht brachte die Koffer her-
auf. Clerfayt ging zur Tür.
»Willst du heute abend mit mir essen?«
»Wann?«
»Um neun?«
»Um neun.«
Sie blickte ihm nach. Sie hatten auf der
Reise mit keinem Wort den Abend in As-
cona erwähnt. Sie hörte Giuseppe röhren
und ging zum Fenster. Vielleicht kommt er
wieder, dachte sie, vielleicht auch nicht.
Sie wußte es nicht, und es war nicht sehr
wichtig. Wichtig war, daß sie in Paris war,
daß es Abend war und daß sie atmete.
Sie packte ihre Sachen aus. Sie hatte
nicht viel mitgebracht. Sie hatte auch nicht
viel Geld bei sich. Sie rief ihren Onkel an.
Er antwortete nicht. Sie rief noch einmal
an. Eine fremde Stimme antwortete. Das
116
war aufgegeben Telefon war von ihrem Onkel vor Jahren
worden — был дан
Passiv aufgegeben worden116.
Sie spürte eine kurze Panik. Sie hatte
ihr Geld monatlich durch eine Bank bekom-
men und lange nichts von ihrem Onkel
gehört. Er konnte nicht tot sein, dachte
sie.
Das Zimmer wurde kühl am Abend.
Lillian zog ihren Mantel an. Sie hatte zur
Vorsicht ein paar wollene Sachen zusam-

100
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
mengepackt, als sie das Sanatorium verlas-
sen hatte, und geglaubt, sie könne sie hier
jemand schenken. Jetzt war sie froh, daß
sie sie hatte. Lillian nahm ein Bad, um sich
zu wärmen, und legte sich zu Bett. Sie war
zum ersten Mal allein, seit sie abgefahren
war. Sie war zum ersten Mal wirklich allein
seit Jahren. Ihr Geld reichte höchstens für
eine Woche. Mit der Dunkelheit kam die
Panik wieder. Wer wußte, wo ihr Onkel
war? Vielleicht war er für ein paar Wochen
auf Reisen gegangen. Vielleicht war er tot.
Vielleicht ist auch Clerfayt weggefahren
und sie würde auch von ihm nie wieder
etwas hören...
Jemand klopfte. Draußen stand der
Hausbursche mit zwei Paketen, Sie sah,
daß in dem einen Blumen waren. Sie konn-
ten nur von Clerfayt sein. Im zweiten Pa-
ket war eine wollene Decke. »Ich glaube,
Sie können sie brauchen«, schrieb Clerfayt.
»Paris hat immer noch nicht genug Kohlen.«
Sie faltete die Decke auseinander. Zwei
kleine Kartons fielen heraus. Sie enthielten
Glühbirnen. »Französische Hoteliers sparen
immer an Licht«, schrieb Clerfayt dazu.
»Ersetzen Sie Ihre Birnen mit diesen Lam-
pen  — sie machen die Welt sofort doppelt
so hell.«

101
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie folgte seinem Rat. Jetzt konnte sie
wenigstens lesen. Der Hausknecht hatte
eine Zeitung gebracht. Sie sah hinein, aber
das alles ging sie nichts mehr an. Ihre Zeit
war zu kurz. Sie würde nie mehr wissen,
wer im nächsten Jahre Präsident würde;
ebenso nicht, welche Partei im Parlament
regieren würde. Es interessierte sie auch
nicht; sie war nur noch Wille zum Leben.
Zu ihrem eigenen Leben.
Sie zog sich an. Sie hatte die letzte
Adresse ihres Onkels; er hatte ihr vor einem
halben Jahr von dort geschrieben. Sie woll-
te hinfahren und da weiter nach ihm for-
schen.
Sie hatte es nicht nötig. Der Onkel
wohnte noch da; er hatte nur sein Telefon
aufgegeben.
»Dein Geld?« sagte er. »Wie du willst.
Ich habe es dir monatlich in die Schweiz
geschickt, es war sehr schwierig, die Aus-
fuhrerlaubnis zu bekommen. Ich kann es
dir natürlich monatlich in Frankreich aus-
zahlen lassen. Wohin?«
»Ich will es nicht monatlich haben. Ich
will alles jetzt sofort haben.«
»Wozu?«
»Ich will mir Kleider kaufen.«
Der alte Mann starrte sie an.

102
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Gaston blickte auf seine blassen, großen
Hände. »Du hast nicht mehr viel Geld. Was
117
Du solltest
willst du hier anfangen? Du solltest heira- heiraten — Тебе
ten117. Bist du gesund?« следовало бы выйти
замуж
»Wäre ich sonst hier?« Konjunktiv

»Dann solltest du heiraten.«


Lillian lachte.
»Lass uns dabei bleiben. Und besorge
mir das Geld bis morgen. Ich will die Klei-
der bald kaufen.«
»Wo?« fragte der Marabu schnell.
»Bei Balenciaga, denke ich. Vergiß nicht,
daß das Geld mir gehört. Morgen«, sagte
Lillian und küßte Gaston leicht auf die
Stirn.
»Höre, Lillian, mach keinen Unsinn! Du
bist sehr gut angezogen. Kleider in diesen
Modehäusern kosten ein Vermögen!«
»Wahrscheinlich«, erwiderte Lillian.
»Wie dein Vater!« Der alte Mann war
ehrlich entsetzt. »Genau so!«
Lillian sah sich um. Sie sah schöne, alte
Möbel, Polstersessel, einen Kristall-Lüster,
und einige gute Bilder.
»Du warst immer geizig, Onkel Gaston«,
sagte sie. »Warum bist du es jetzt noch?«
»Willst du hier wohnen? Ich habe wenig
Platz.«

103
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Du hast genug Platz, aber ich will nicht
hier wohnen. Wie alt bist du eigentlich?
Warst du nicht zwanzig Jahre älter als
mein Vater?«
Der alte Mann war irritiert. »Wenn du
es weißt, wozu fragst du mich dann noch?
Solltest du mit einer baldigen Erbschaft
rechnen, so könnte es eine Enttäuschung
sein.«
Lillian lachte. »Damit rechne ich bestimmt
nicht! Und ich wohne in einem Hotel und
werde dir hier nicht zur Last fallen.«
»In welchem Hotel?« fragte Gaston
rasch.
»Im Bisson.«
118
Ich hätte mich
nicht gewundert, wenn
»Gottlob. Ich hätte mich nicht gewun-
du ins Ritz gezogen dert, wenn du ins Ritz gezogen wärest.118«
wärest. — Я бы не
удивился, если »Ich mich auch nicht«, sagte Lillian.
бы ты переехала в
Clerfayt holte sie ab. Sie fuhren in das
Ритц.
Konjunktiv Restaurant Le Grand Véfour.
»Wie war Ihr erster Zusammenstoß mit
der Welt hier unten?« fragte er.
»Ich habe das Gefühl, unter Menschen
zu sein, die glauben, daß sie ewig leben.
So handeln sie wenigstens. Sie verteidigen
ihren Besitz und versäumen darüber ihr
Leben.«
Clerfayt lachte. »Dabei haben alle sich
im letzten Krieg geschworen, nie mehr

104
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
denselben Fehler zu machen, wenn sie lebend
durchkämen. Der Mensch ist groß im Ver-
gessen.«
»Hast du es auch vergessen?« fragte
Lillian.
»Ich habe mir große Mühe gegeben. Es
ist mir hoffentlich nicht ganz gelungen.«
»Liebe ich dich deshalb?«
»Du liebst mich nicht. Wenn du mich
liebtest, würdest du das Wort nicht so
leichtfertig gebrauchen — und es mir nicht
sagen.«
»Liebe ich dich, weil du nicht an die
Zukunft denkst?«
»Dann hättest du jeden Mann im Sana- 119
Dann hättest
du jeden Mann im
torium lieben müssen119. Wir werden hier Sanatorium lieben
müssen — Тогда ты
Seezunge mit gerösteten Mandeln essen und
должна была бы
einen jungen Montrachet dazu trinken.« любить каждого
мужчину в санато-
»Weshalb liebe ich dich dann?« рии.
Konjunktiv
»Weil ich gerade da bin. Und weil du
das Leben liebst. Ich bin für dich ein an-
onymes Stück Leben. Höchst gefährlich.«
»Für mich?«
»Für den, der anonym ist. Er kann 120
Er kann beliebig
120 ersetzt werden. — Он
beliebig ersetzt werden .«
может быть заменен
»Ich auch«, sagte Lillian. »Ich auch, любым.
Passiv
Clerfayt.«

105
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Dessen bin ich nicht mehr so ganz
121
Wenn ich klug sicher. Wenn ich klug wäre, würde ich so
wäre, würde ich so
bald wie möglich
bald wie möglich ausreißen121.«
ausreißen. — Если »Du bist doch noch gar nicht richtig
бы я был умён, я бы
как можно скорее da.«
уехал бы. »Ich fahre morgen weg.«
Konjunktiv
»Wohin?« fragte Lillian, ohne es zu
glauben.
»Weit weg. Ich muß nach Rom.«
»Und ich zu Balenciaga, Kleider kaufen.
Das ist noch weiter als Rom.«
122
Ich muß mich »Ich fahre wirklich. Ich muß mich um
um einen Vertrag
kümmern. — Я дол- einen Vertrag kümmern122.«
жен позаботиться о »Gut«, sagte Lillian. »Das gibt mir Zeit,
контракте.
sich kümmern um mich in das Abenteuer der Modehäuser zu
Akk.
stürzen. Mein Onkel Gaston möchte mich
bereits unter Kuratel stellen  — oder mich
verheiraten.«
Clerfayt lachte. »Er möchte dich in ein
zweites Gefängnis stecken, bevor du weißt,
was Freiheit ist?«
»Was ist Freiheit?«
»Das weiß ich auch nicht. Ich weiß nur,
daß es weder Verantwortungslosigkeit noch
Ziellosigkeit ist. Man weiß leichter was es
nicht ist, als was es ist.«
»Wann kommst du wieder?« fragte Li-
llian.
»In ein paar Tagen.«

106
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Hast du eine Geliebte in Rom?«
»Ja«, sagte Clerfayt.
»Das dachte ich mir.«
»Warum?«
»Es wäre sonderbar, wenn du allein 123
Es wäre sonderbar,
gelebt hättest123. Ich habe auch nicht allein wenn du allein gelebt
hättest. — Это было
gelebt, als du kamst.« бы странно, если бы
ты жил один.
»Und jetzt?« Konjunktiv
»Jetzt«, sagte Lillian, »bin ich viel zu
betrunken von mir selbst hier unten, als
daß ich darüber nachdenken könnte.«
Sie ging am nächsten Nachmittag zu
Balenciaga. Sie hatte außer ihren Sportsa-
chen nur wenige Kleider. Einige waren noch
nach der Mode aus dem Kriege geschnitten,
andere hatte sie von ihrer Mutter bekommen.
Sie beobachtete aufmerksam die Frauen,
die um sie herumsaßen. Sie studierte ihre
Kleider und Gesichter.
Sie suchte fünf Kleider aus. »Wollen
Sie sie gleich probieren?« fragte die Ver-
käuferin.
»Kann ich das?«
»Ja. Diese drei werden Ihnen passen;
die anderen sind etwas zu weit.«
»Wann kann ich sie haben?« fragte
Lillian.
»Wann brauchen Sie sie?«
»Sofort.«

107
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Die Verkäuferin lachte. »Sofort heißt
hier in drei bis vier Wochen — frühestens.«
»Ich brauche sie sofort. Kann ich die
Modelle kaufen, die mir passen?«
Die Verkäuferin schüttelte den Kopf.
»Nein, wir brauchen sie jeden Tag.«
Die Modelle waren in eine Kabine ge-
bracht worden, die voll von Spiegeln war.
Die Schneiderin kam mit ihnen, um Maß
zu nehmen. »Sie haben ausgezeichnet ge-
wählt, Mademoiselle«, sagte die Verkäufe-
124
passen zu Ihnen — rin. »Die Kleider passen zu Ihnen124, als
подходят Вам
passen zu wären sie für Sie entworfen.«
Dat. Lillian richtete sich auf und sah in den
Spiegel.
»Sehen Sie!« sagte die Verkäuferin. »Das
ist es, was ich meinte. Die meisten Frauen
kaufen, was ihnen gefällt. Sie haben ge-
kauft, was zu Ihnen paßt. Finden Sie nicht
auch?« fragte sie die Schneiderin.
Die Schneiderin nickte.
»Können Sie es nicht schneller machen
als vier Wochen?« fragte sie. »Dieses eine
wenigstens? Ich habe wenig Zeit.«
»Was meinen Sie, Mademoiselle Claude?«
fragte die Schneiderin. Die Verkäuferin
nickte. »Wir werden sofort anfangen.«
»Wann?« fragte Lillian.
»In zwei Wochen kann es fertig sein.«

108
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Zwei Wochen —« Es war wie zwei
Jahre.
»Wenn es möglich ist, in zehn Tagen.
125
Wir brauchen ein paar Anproben125.« Wir brauchen ein
paar Anproben. —
»Gut. Wenn es nicht anders geht.« Нам необходимо
несколько при-
»Es geht nicht anders.« мерок.
Sie kam jeden Tag zum Anprobieren. brauchen Akk.

Die Stille in der Kabine verzauberte sie auf


sonderbare Weise. Lillian stand still und
sah vor sich in den Spiegeln die drei Frau-
en, die ihr glichen und gleichzeitig auf eine
sehr kühle Weise von ihr distanziert waren.
Im Laufe der Tage entwickelte sich ein
Verhältnis von sonderbar fremder Intimität
zwischen ihr und den Frauen im Spiegel,
die sich mit jedem neuen Kleid verwandel-
ten. Sie sprach mit ihnen, ohne zu sprechen;
die Bilder lächelten ihr zu, ohne zu lächeln.
Balenciaga kam zurück. Er sah wortlos
einer Anprobe zu. Die Verkäuferin brachte
am nächsten Tage etwas Silbernes in die
Kabine, das aussah wie die Haut eines Fi-
sches, der nie Sonne gespürt hatte. »Mon-
sieur Balenciaga möchte, daß Sie dieses
Kleid haben«, sagte die Verkäuferin.
»Ich muß aufhören. Ich habe schon mehr
gekauft, als ich sollte; jeden Tag habe ich
etwas dazugekauft.«

109
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Probieren Sie es an. Sie werden es
sicher nehmen.«
Die Verkäuferin lächelte. »Auch der
126
daß Sie zufrieden Preis wird so sein, daß Sie zufrieden sein
sein werden — что
Вы останетесь до- werden126. Das Haus Balenciaga möchte,
вольны
daß Sie seine Kleider tragen.«
127
Lillian zog das silberne Nichts an. Es
anstatt sie blaß zu
machen — вместо war fast perlenfarbig, aber anstatt sie blaß
того, чтобы делать
её бледной zu machen127, erhöhte es die Farbe ihres
anstatt + zu Gesichts und ihrer Schultern zu einem
+ Infinitiv
goldenen Bronzeton. Sie seufzte. »Ich wer-
de es nehmen. Es ist schwerer, ein solches
Kleid abzulehnen als die Anträge Don Ju-
ans und Apolls.«
Nicht immer, dachte sie, aber im Au-
genblick war es so. Sie lebte in einer schwe-
relosen, grauen und silbernen Welt. Vor-
mittags schlief sie lange, dann ging sie zur
Balenciaga, hinterher wanderte sie ziellos
durch die Straßen, und abends aß sie allein
im Restaurant des Hotels. Das Restaurant
gehörte zu den besten in Paris; sie hatte
das vorher nicht gewußt. Sie hatte kein
Verlangen nach Gesellschaft und vermißte
Clerfayt nur wenig. Das anonyme Leben,
das von den Straßen, den Cafés und den
Restaurants auf sie von allen Seiten maß-
los eindrang, war stark genug und noch so

110
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
neu für sie, daß sie ein persönliches Leben
darunter noch nicht sehr vermißte.
»Sie haben klug gekauft«, sagte die
Verkäuferin bei der letzten Anprobe. »Alle
diese Kleider werden nie unmodern werden.
Sie können sie für Jahre tragen.« Jahre,
dachte Lillian und lächelte.

9
Sie hatte fast zwei Wochen zwischen
Kleidern, Hüten und Schuhen zugebracht,
wie ein Trinker in einem Weinkeller. Die
128
ersten Kleider wurden geliefert128, und sie wurden geliefert —
были доставлены
schickte die Rechnungen an Onkel Gaston, Passiv

der ihr zum Hotel zwar ihre monatliche


Rente, aber sonst kein Geld gesandt hatte.
Gaston erschien aufgeregt am nächsten
Tag. Er schnüffelte im Hotel herum, er-
klärte sie für unverantwortlich und ver-
langte überraschend, daß sie in seine Woh-
nung ziehe.
»Damit du mich unter Kontrolle hast?«
»Damit du Geld sparst. Es ist ein Ver-
brechen, für Kleider so viel auszugeben.
Dafür müßten sie aus Gold sein!«
»Sie sind aus Gold; du siehst es nur
nicht. Onkel Gaston, ich bin nicht verrückt;
du bist es. Und nun genug davon! Bleib
zum Essen. Das Restaurant hier ist außer-

111
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
ordentlich gut. Ich werde eines der Kleider
anziehen für dich.«
»Ausgeschlossen! Auch noch Geld raus-
werfen für …«

129
»Ich lade dich ein. Ich habe Kredit hier.
während des
Essens — во время Du kannst mir dann während des Essens129
еды
предлог während weitererzählen, wie vernünftige Menschen
+ Gen.
leben. Jetzt bin ich hungrig wie ein Ski-
läufer nach sechs Stunden Training. Nein,
hungriger! Anprobieren macht hungrig.
Warte unten auf mich. Ich bin in fünf
Minuten fertig.«
Sie kam eine Stunde später herunter.
Gaston saß, blaß vor Wut und Warten, an
einem kleinen Tisch. Er hatte sich keinen
Aperitif bestellt. Sie hatte die große Ge-
nugtuung, daß er sie nicht sofort erkannte.
»Ich bin es, Onkel Gaston«, sagte sie.
Gaston hustete. »Ich sehe nur schlecht.
Wann habe ich dich das letzte Mal gesehen?«
»Vor zwei Wochen.«
»Das meine ich nicht. Vorher.«
»Vor vier Jahren  — da war ich halb
verhungert und ganz verstört.«
»Und jetzt?«
»Jetzt bin ich immer noch halb verhun-
gert.«

112
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Gaston holte einen Kneifer* aus der
Tasche. »Für wen hast du diese Kleider
gekauft?«
»Für mich.«
»Du bist ganz allein?«
»Ja, aber nicht so wie du«, sagte Lilli-
an und ging ihm voran in das Restaurant.
»Was willst du essen?« fragte Gaston.
»Es ist klar, daß ich dich einlade. Ich bin
nicht hungrig. Und für dich? Leichte Kran-
kenkost doch wohl? Ein Omelette, ein
Obstsalat, etwas Vichywasser —«
»Für mich«, erwiderte Lillian, »zum
Anfang Seeigel, und zwar ein Dutzend, und
einen Wodka.«
Gaston blickte auf die Preisliste. »See-
igel sind ungesund!«
»Das macht es so dramatisch, mit dir
zu essen.«
»Lass uns von etwas anderem reden130. 130
Lass uns von etwas
anderem reden. —
Kann ich mal deine Seeigel kosten?« Давай поговорим
о чём-нибудь дру-
Lillian reichte ihm den Teller hinüber. гом.
Gaston aß eilig drei. Er sparte noch am
Essen; aber beim Wein trank er bereits mit.
Wenn er ihn schon bezahlte, wollte er auch
etwas davon haben.
*
Пенсне

113
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Kind«, sagte er, als die Flasche leer
131
Ich erinnere mich war, »wie die Zeit vergeht! Ich erinnere
noch an dich — Я
помню тебя ещё
mich noch an dich131, als du —«
sich erinnern an »Davon will ich nichts mehr wissen,
Akk.
Onkel Gaston. Erkläre mir eins: Warum
hat man mich Lillian genannt. Ich hasse
den Namen.«
»Das war dein Vater. Er war in seiner
Jugend ein paar Monate in New York. Al-
lein. Ich hörte dann, daß er in New York
132
eine sehr romantische Affäre hatte. Mit
Mit jemand, der
Lillian hieß — с jemand, der Lillian hieß132. Verzeih mir,
кем-то, кого звали
Лиллиан aber du hast danach gefragt133.«
133
hast danach »Lilly, du willst hier leben? Glaubst du
gefragt — спросила
об этом nicht, daß das ein Irrtum ist?«
fragen nach Dat.
»Ich wollte dich gerade dasselbe über
dich fragen.«
»Ich werde eine kleine Gesellschaft für
dich geben. Kommst du? Zu einem Diner.«
»Gut.«
»Du bist ein schönes Mädchen geworden,
Lilly. Aber hart!«
Hart, dachte Lillian. Was nennt er hart?
Und bin ich es?
Es war fast Mittag. Sie saß auf einer
Bank. Sie schien Licht zu atmen. Es war
134
das Leben selbst, und während sie so dasaß,
ohne sich zu
regen — не шевелясь still, ohne sich zu regen134, und das Licht
ohne + zu + Infinitiv
auf sich und in sich hineinregnen ließ,

114
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
gehörte sie ganz dazu und war eins damit.
Und sie hatte plötzlich das mystische Ge-
fühl, daß sie nie sterben könne, und daß
etwas in ihr nie sterben würde  — das, was
zu diesem magischen Licht gehörte. Es war
ein großer Trost, und sie wollte es nie
vergessen.
Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als
sie in der Sainte-Chapelle gewesen war. Ihre 135
Es war während der
Mutter hatte sie hierher gebracht. Es war Zeit gewesen, als die
Gestapo ihren Vater
während der Zeit gewesen, als die Gestapo
gesucht hatte. —
ihren Vater gesucht hatte 135. Sie hatten Это было во време-
на, когда Гестапо
damals tagsüber in Kirchen gelebt, weil искало её отца.
ihnen das als das sicherste erschienen war. Plusquamperfekt

Lillian streckte sich unter dem Licht.


Ihr schien, als könne sie es hören. Man
könnte so vieles hören, dachte sie, wenn
man nur still genug werden könnte. Sie
atmete langsam und tief.
Der Wärter mußte sie zweimal anspre-
chen. »Es wird geschlossen, Mademoiselle.«
Sie holte einen Geldschein aus der Ta-
sche. Die Augen des Wärters leuchteten
auf. Das war ein Wunder, dachte sie, und
es war nichts dagegen zu sagen  — es war
Brot und Wein und Leben und wohl auch
Glück. Sie trat in den grauen Hof. Sie
dachte plötzlich an Clerfayt. Sie lächelte.
Sie war bereit. Sie hatte seit seiner Abfahrt

115
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
nichts von ihm gehört. Es schmerzte sie
nicht; sie hatte es auch nicht erwartet. Sie
brauchte ihn noch nicht; aber es war gut
zu wissen, daß er da war.
Clerfayt hatte in Rom in Büros, Cafés
und Werkstätten herumgesessen. Seine
Abende verbrachte er mit Lydia Morelli.
Er dachte am Anfang öfter an Lillian; dann
vergaß er sie für Tage. Sie rührte ihn,
etwas, was ihm bei Frauen sonst nicht so
leicht passierte. Sie schien ihm wie ein
schöner, junger Hund, der alles übertrieb,
was er tat. Sie würde sich schon gewöhnen,
dachte er. Sie würde sich orientieren und
so werden wie die andern  — ähnlich wie
Lydia Morelli, aber wahrscheinlich nicht so
perfekt. Sie war etwas für einen leicht
sentimentalen Mann mit poetischen Idealen,
der viel Zeit für sie haben konnte, entschied
er  — nichts für ihn. Sie hätte bei Wolkow
bleiben sollen. Clerfayt war gewohnt anders
zu leben. Er wollte in nichts mehr zu tief
hineingezogen werden. Lydia Morelli war
richtig für ihn. Lillian war ein reizvolles,
kurzes Erlebnis in den Ferien für ihn ge-
wesen. Für Paris war sie zu provinziell.
Er fühlte sich erleichtert über seinen
Entschluß. Er würde Lillian in Paris an-
rufen und sie noch einmal sehen, um es ihr

116
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
zu erklären. Aber wozu wollte er sie dann
noch sehen? Er dachte nicht lange darüber 136
dachte nicht lange
darüber nach — не
nach136. Wozu nicht? Es war ja fast nichts думал об этом долго
zwischen ihnen gewesen. Er unterschrieb nachdenken über
Akk.
seinen Kontrakt und blieb noch zwei Tage
in Rom. Lydia Morelli fuhr am selben Tag
nach Paris wie er. Er fuhr mit Giuseppe.
Lydia mit der Eisenbahn; sie hasste Auto-
reisen und Flugzeuge.

10
Lillian hatte immer Angst vor der Nacht 137
hatte Angst vor der
gehabt137. Sie hatte im Sanatorium mona- Nacht gehabt — боя-
лась ночи
telang Licht brennen lassen. Angst haben vor Dat.
Plusquamperfekt
Die Nächte in Paris waren milder. Als
die ersten Kleider kamen, hängte Lillian
sie nicht in den Schrank. Sie hängte sie
um sich herum ins Zimmer. Eines, aus
Samt, hing über dem Bett, so daß sie sie
anfassen konnte, wenn sie aus dem Schlaf
auffuhr. Sie strich mit den Händen darüber,
sie fühlte den Stoff und stand auf und ging
in ihrem Zimmer umher, nackt oft, und sie
war dann von ihren Kleidern wie von Freun-
den umgeben.
Clerfayt starrte sie an, als er sie wieder
sah, so hatte sie sich verändert. Er hatte
sie angerufen  — nachdem er zwei Tage in
Paris war  — wie eine unbequeme Pflicht,

117
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
vermischt mit etwas Neugier, und hatte
eine Stunde bleiben wollen. Er blieb den
Abend. Es waren nicht allein die Kleider,
das sah er sofort. Er hatte genug Frauen
gesehen, die sich gut anzogen. Es war Li-
llian, die sich verändert hatte. Ihm schien,
als habe er vor ein paar Wochen ein halbes
Mädchen verlassen und plötzlich jemand
wieder gefunden, der noch ihren Reiz, aber
schon die magische Sicherheit einer sehr
schönen, jungen Frau hatte. Er hatte Lil-
lian verlassen wollen; jetzt war er froh,
noch eine späte Chance zu haben, sie halten
zu können. Warum hatte er das vorher
nicht gesehen? Er hatte es gespürt, aber
er hatte es nicht erkannt.
»Mein Onkel Gaston will mir eine Par-
ty geben«, sagte Lillian ein paar Abende
später.
»So?«
»Ja. Er will mich verheiraten.«
»Immer noch?«
»Mehr als je! Er fürchtet nicht nur
meinen, sondern auch seinen Ruin, wenn
ich länger Kleider kaufe.«
Sie saßen wieder im Grand Vefour. Der
Kellner brachte wieder, wie beim ersten
Mal, eine Seezunge mit gerösteten Mandeln,
und sie tranken wieder einen jungen Mon-

118
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
trachet. »Du bist einsilbig geworden in
Rom«, sagte Lillian.
Clerfayt blickte auf. »So?«
Lillian lächelte. »Oder ist es die Frau,
die vorhin hereingekommen ist?«
»Welche Frau?«
»Ist es nötig, daß ich sie dir zeige?«
Clerfayt hatte Lydia Morelli nicht her-
einkommen sehen. Er bemerkte sie erst
jetzt. Was, zum Teufel, hatte sie gerade
hierher geführt? Er kannte den Mann nicht,
mit dem sie da war, wußte aber, daß er
Johnson hieß und sehr reich sein sollte.
Lydia hatte wahrhaftig keine Zeit verloren,
seit er ihr morgens gesagt hatte, daß er
sie auch heute abend nicht treffen könne.
»Du kennst sie?«
138
nicht mehr und
»So wie manche andere; nicht mehr und nicht weniger — не
больше и не меньше
nicht weniger138.«
Er sah, daß Lydia Lillian beobachtete.
Er hätte die Situation vermieden. Jetzt,
da sie da war, beschloß er, sie auszunützen.
Wenn Lillian eifersüchtig würde, um so
besser.
»Sie ist ausgezeichnet angezogen«, sag-
te Lillian.
Er nickte. »Sie ist bekannt dafür.«
Er erwartete jetzt eine Bemerkung über
Lydias Alter. Sie war vierzig und abends

119
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
wie fünfundzwanzig, wenn das Licht gut
war. Die Bemerkung über das Alter kam
nicht. »Sie ist schön«, sagte Lillian. »Hast
du ein Verhältnis mit ihr gehabt?«
»Nein«, erwiderte Clerfayt.
»Das war eine Dummheit von dir«, sag-
te Lillian.
Er sah sie überrascht an. »Warum?«
»Sie ist sehr schön. Woher ist sie?«
»Sie ist Italienerin.«
»Aus Rom?«
»Ja«, sagte er. »Aus Rom. Warum? Bist
du eifersüchtig?«
Lillian stellte ihr Glas mit gelbem Char-
treuse ruhig auf den Tisch. »Armer Cler-
fayt«, erwiderte sie. »Ich bin nicht eifer-
süchtig. Dazu habe ich keine Zeit.«
139
Er hätte das bei Clerfayt starrte sie an. Er hätte das bei
jeder anderen Frau für
jeder anderen Frau für eine Lüge gehal-
eine Lüge gehalten —
Он счел бы это ло- ten139; aber er begriff, daß es bei Lillian
жью у любой другой
женщины keine war. Sie meinte es, und es war so.
Konjunktiv Er wurde von einer Sekunde zur andern
wütend, ohne einen Grund dafür zu wissen.
»Lass uns über etwas anderes reden.«
»Warum? Weil du mit einer andern Frau
nach Paris zurückgekommen bist?«
»Das ist Unsinn! Woher willst du so
etwas Absurdes wissen?«
»Ist es nicht wahr?«

120
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayt besann sich nur einen Augen-
blick. »Ja, es ist wahr.«
»Du hast sehr guten Geschmack.«
Er schwieg und wartete auf die nächste
Frage. Er war entschlossen, die Wahrheit
zu sagen. Vor zwei Tagen noch hatte er
geglaubt, Lillian nebenbei halten zu können;
jetzt, wo er beide nebeneinander sah, woll-
te er nichts mehr als sie. Er wußte, daß 140
ärgerte sich
er sich selbst gefangen hatte und ärgerte darüber — злился
на это
sich darüber140. sich ärgern über Akk.
141
Ich wollte
»Ich wollte mich nicht in dich verlie-
mich nicht in dich
ben141, Lillian«, sagte er. verlieben — Я не
хотел в тебя влюб-
Sie lächelte. »Das ist doch kein Mittel ляться
sich verlieben in Akk.
dagegen. So etwas machen Schuljungen.«
»In der Liebe ist niemand erwachsen.«
»Liebe —«, sagte Lillian. »Was für ein
weites Wort! Und was sich alles darin ver-
steckt!« Sie blickte auf Lydia Morelli. »Es
ist viel einfacher, Clerfayt. Wollen wir
gehen?«
»Wohin?«
»Ich will in mein Hotel.«
Clerfayt erwiderte nichts und zahlte.
Vorbei, dachte er. Sie gingen am Tisch
Lydia Morellis vorbei, die Clerfayt übersah.
»Lass uns noch ins Palais Royal gehen.«

121
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ich kenne den Garten«, sagte Lillian.
»Was willst du? Ein Bigamist* werden?«
»Lass das! Komm mit mir.«
Sie gingen durch die Arkaden des Palais.
Es war ein kühler Abend, der stark nach
Erde und Frühjahr roch. Clerfayt blieb
142
Und lass mich stehen. »Sag nichts. Und lass mich nichts
nichts erklären. — erklären142. Ich kann es nicht.«
Позволь мне ничего
не объяснять. »Was wäre zu erklären?«
»Nichts?«
»Wirklich nichts«, sagte Lillian.
»Ich liebe dich.«
»Weil ich dir keine Szene mache?«
»Nein«, sagte Clerfayt. »Ich liebe dich,
weil du mir eine ungewöhnliche Szene
machst.«
»Ich mache dir überhaupt keine. Ich
glaube, ich wüsste gar nicht, wie man das
anfängt.«
Sie stand vor ihm. Sie schien ihm völlig
fremd, eine Frau, die er nie gekannt hatte
und die ihm bereits verloren gegangen war.
»Ich liebe dich«, sagte er noch einmal und
nahm sie in seine Arme und küßte sie. Er
spürte den schwachen Geruch ihres Haares
und das bittere Parfüm ihres Halses. Sie
*
Двоежёнец

122
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
lag in seinem Arm, die Augen weit offen
und abwesend.
Er schüttelte sie plötzlich. »Sag etwas!
Sag, daß ich weggehen soll! Aber sei nicht
wie eine Statue.«
»Wozu solltest du weggehen?« fragte
sie.
Er wußte nicht, was er tun sollte. »Gut,
ich fahre dich ins Hotel«, erklärte er
schließlich.
Sie ging ruhig mit ihm, neben ihm her.
Was ist nur mit mir los, dachte er. Ich bin 143
Ich bin ärgerlich
auf sie — Я раздра-
verwirrt und ärgerlich auf sie143 und Lydia жен на неё
Morelli, und der einzige, auf den ich är- ärgerlich sein auf
Akk.
gerlich sein sollte, bin ich.
Sie standen neben dem Wagen. In diesem
Augenblick kam Lydia Morelli mit ihrem
Begleiter aus der Tür. Sie wollte Clerfayt
aufs neue ignorieren, aber ihre Neugier auf
Lillian war zu stark. Mit perfekter Non-
144
stellte ihren
chalance begrüßte sie Clerfayt und stellte Begleiter vor — пред-
ihren Begleiter vor 144. Während er mit ставила своего
спутника
Lydias Begleiter über Automobile redete, vorstellen Akk.
entwickelte sich zwischen den beiden Frau-
en ein Gespräch.
»Ihr Wagen, mein Herr«, meldete der
Parkwächter Clerfayt.
Clerfayt fuhr den Wagen durch die Gas-
se um die nächste Ecke. »Das war eine

123
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
erstklassige Leistung«, sagte er zu Lillian.
145
Sie weiß weder, wer »Sie weiß weder, wer du bist, noch woher
du bist, noch woher
du kommst, noch wo
du kommst, noch wo du wohnst145.«
du wohnst. — Она не »Sie wird es morgen wissen, wenn sie
знает, ни кто ты, ни
откуда ты, ни где ты will«, erwiderte Lillian gleichmütig.
живешь.
двойной союз weder
»Von wem? Von mir?«
… noch »Von meinem Schneider. Sie hat gesehen,
Подробнее см.
раздел «Структу- woher dieses Kleid kommt.«
ра предложения.
Сложное предло-
»Ist es dir gleichgültig?«
жение» »Und wie!« sagte Lillian und atmete
tief die Nachtluft ein. »Lass uns über die
Place de la Concorde fahren. Heute ist
Sonntag; die Fontänen springen im Licht.«
»Ich glaube, dir ist alles gleichgültig,
wie?« fragte er.
Sie drehte sich ihm zu und lächelte. »In
einem sehr intensiven Sinne, ja.«
»Das dachte ich mir. Was ist mit dir
passiert?«
Ich weiß, daß ich sterbe, dachte sie. Ich
weiß es mehr als du, das ist alles.
»Sieh, die Fontänen!« sagte sie.
Er fuhr sehr langsam um den Platz.
»Welch ein Platz!« sagte Lillian.
»Ja«, erwiderte Clerfayt. »Hier stand
die Guillotine. Drüben hat man Marie
Antoinette geköpft. Jetzt springen die
Fontänen.«

124
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Fahr noch zum Rond-Point«, sagte
Lillian. »Da sind die andern.«
Clerfayt fuhr die Champs Elysées hin-
unter.
Er hätte gern angehalten und sie geküßt; 146
Er hätte gern
aber er war nicht ganz sicher, was dann angehalten und sie
geküßt; aber er war
geschehen würde146. nicht ganz sicher,
was dann geschehen
»Ich liebe dich«, sagte er. »Vergiß alles würde. — Ему хоте-
andere. Vergiß die Frau.« лось бы остановить-
ся и поцеловать ее;
»Warum? Wozu solltest du nicht jemand но он был не вполне
уверен, что про-
haben? Glaubst du, ich wäre all die Zeit
изойдет потом.
allein gewesen?« Konjunktiv

Giuseppe machte einen Sprung und gab


den Geist auf. Clerfayt startete aufs neue.
»Du meinst im Sanatorium?« sagte er.
»Ich meine in Paris.«
Er starrte sie an. Sie lächelte. »Ich kann
nicht allein sein. Und nun fahr mich ins
Hotel. Ich bin müde.«
»Gut.«
Clerfayt fuhr am Louvre entlang, an
der Conciergerie vorbei und über die Brük-
ke des Boulevard St.-Michel. Er war wütend
und hilflos.
Alles, was er jetzt wollte, war, sie wie-
derzubekommen. Sie war plötzlich das
Wichtigste geworden, was er kannte. Er
wußte nicht, was er tun sollte, aber irgend
etwas mußte geschehen; er konnte sie nicht

125
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
einfach abgeben am Eingang des Hotels,
sie würde nie wiederkommen, dies war sei-
147
er mußte ein
Zauberwort finden,
ne letzte Chance, er mußte ein Zauberwort
um sie zu halten — finden, um sie zu halten147, sonst würde
ему следовало бы
найти волшебное sie aussteigen und ihn abwesend lächelnd
слово, чтобы её
удержать küssen148 und durch den Hoteleingang ver-
инфинитивный schwinden.
оборот um...zu
148
sonst würde sie Der Hausknecht gähnte und erwachte.
aussteigen und ihn
abwesend lächelnd »Haben Sie den Schlüssel zur Küche?«
küssen — иначе она fragte Clerfayt.
бы вышла и поцело-
вала бы его, отчуж- »Sehr wohl. Vichy? Champagner? Bier?«
денно улыбаясь
»Holen Sie aus dem Eisschrank eine
Büchse Kaviar.«
»Da kann ich nicht ran, mein Herr.
Madame hat den Schlüssel.«
»Dann laufen Sie zum Restaurant La-
pérouse an der Ecke. Holen Sie dort eine
Büchse.«
»Ich will keinen Kaviar«, sagte Lillian.
»Was willst du?«
Sie zögerte. »Clerfayt, bis jetzt ist kein
Mann um diese Zeit bei mir gewesen. Und
das willst du doch nur wissen?«
»Das ist wahr«, mischte sich der Haus-
knecht ein. »Madame kommt immer allein
nach Hause. Soll ich Champagner holen?«
»Bringen Sie ihn, Sie Goldjunge«, rief
Clerfayt. »Was gibt es zu essen?«

126
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich möchte Wurst. Und eine Flasche
Bier«, sagte Lillian.
»Keinen Champagner, Madame?« Der
Bursche dachte an seine Prozente.
»Auf jeden Fall den Dom Perignon«,
erklärte Clerfayt. »Und wenn er nur für
mich ist. Ich will etwas feiern.«
»Was?«
»Den Durchbruch des Gefühls.«
Der Hausknecht brachte die Flaschen
und die Wurst und erklärte sich noch ein-
mal bereit, zum Tour d’Argent oder zu
Lapérouse zu gehen, wenn noch etwas ge-
braucht würde. Er habe auch ein Fahrrad.
»Morgen«, sagte Clerfayt. »Haben Sie
noch ein Zimmer frei?«
Der Bursche sah ihn an, als hätte er
den Verstand verloren. »Aber Madame hat
doch ihr Zimmer.«
»Madame ist verheiratet. Mit mir«,
fügte Clerfayt hinzu und brachte den Haus-
knecht in neue Verwirrung, da er jetzt 149
wozu ... bestellt
sichtlich nicht mehr wußte, wozu der Dom worden war — для
чего был заказан
Perignon bestellt worden war149. Passiv
»Wir hätten Nummer sechs«, erklärte
der Mann. »Neben Madame.«
»Gut. Bringen Sie alles hinauf.«

127
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Der Hausknecht stellte die Sachen ab
und erklärte, nachdem er sein Trinkgeld
angeschaut hatte, daß er, wenn es nötig
sei, die ganze Nacht hindurch überall mit
seinem Fahrrad Besorgungen machen könne.
Clerfayt schrieb ihm auf einen Zettel, am
nächsten Morgen eine Zahnbürste, Seife
und einige andere Dinge zu besorgen und
vor seine Tür zu legen. Der Mann versprach
es und ging. Er kam noch einmal zurück
und brachte Eis; dann verschwand er end-
gültig.
150
Ich hätte geglaubt, »Ich hätte geglaubt, dich nie wieder zu
dich nie wieder zu sehen, hätte ich dich heute abend allein-
sehen, hätte ich
dich heute abend gelassen150«, sagte Clerfayt.
alleingelassen. —
Я подумал, что
Lillian setzte sich auf das Fensterbrett.
никогда больше не »Ich denke das jede Nacht.«
увижу тебя, если
оставлю сегодня »Was?«
вечером одну.
»Daß ich alles nie wieder sehen werde.«
Er fühlte einen scharfen Schmerz. Sie
sah plötzlich sehr einsam aus mit dem
sanften Profil gegen die Nacht  — einsam,
nicht verlassen. »Ich liebe dich«, sagte er.
»Ich weiß nicht, ob es dir etwas hilft, aber
es ist wahr.«
Sie antwortete nicht. »Du weißt, daß
ich das nicht wegen heute abend sage«,
sagte er und ahnte nicht, daß er log. »Ver-
giß den Abend. Es war ein Zufall, eine

128
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Dummheit und viel Verwirrung. Ich wollte
dich um alles in der Welt nicht verletzen.«
»Deine Haut ist nachts wie die Innen-
seite einer Muschel«, sagte er. »Willst du
wirklich das Bier trinken?«
»Ja. Und gib mir etwas von der Wurst
151
Stört es dich
aus Lyon. Mit Brot. Stört es dich sehr?151« sehr? — Тебе это не
мешает?
»Nichts stört mich mehr. Mir ist, als
stören Akk.
hätte ich immer auf diese Nacht gewartet152. 152
als hätte ich immer
Hinter der schlaf- und knoblauchriechenden auf diese Nacht
gewartet — как буд-
Loge unten ist die Welt abgebrochen. Wir то я всегда ждал эту
ночь
haben uns gerade noch darüber gerettet.«
warten auf Akk.
»Haben wir?« Konjunktiv

»Ja. Hörst du nicht, wie still es gewor-


den ist?«
»Du bist still geworden«, erwiderte sie.
»Weil du erreicht hast, was du wolltest.«
»Habe ich das? Ich bin in ein Modeate-
lier gekommen, scheint mir.«
»Ah, meine schweigenden Freunde!«
Lillian blickte auf die Kleider, die noch
herumhingen. »Sie haben mir nachts von
phantastischen Bällen und Karnevals er-
zählt. Soll ich sie einsammeln und in den
Schrank sperren?«
»Lass sie hängen. Was haben sie dir
erzählt?«

129
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Vieles. Von Festen und Städten und
Liebe. Und manches vom Meer. Ich habe
es nie gesehen.«
»Wir können hinfahren.« Clerfayt gab
ihr das Glas mit dem kalten Bier. »In we-
nigen Tagen. Ich muß nach Sizilien. Zu
153
Ich werde es nicht einem Rennen. Ich werde es nicht gewin-
gewinnen. — Я не
выиграю.
nen153. Komm mit mir!«
Futur I Clerfayt betrachtete das Kleid aus dem
sehr dünnen silbernen Brokat, das am
Kopfende des Bettes hing.
»Das ist ein Kleid für Palermo«, sagte
er.
»Ich habe es vor ein paar Tagen spät
nachts getragen.«
»Wo?«
»Hier.«
»Allein?«
»Allein.«
»Du wirst nicht mehr allein sein.«
154
Ich spreche davon,
daß ich dich liebe, als »Ich war nicht so allein, wie du glaubst.«
müsstest du dankbar »Ich weiß«, sagte Clerfayt. »Ich spreche
dafür sein — aber ich
denke das nicht. — davon, daß ich dich liebe, als müsstest du
Я говорю о том, что
люблю тебя, как
dankbar dafür sein  — aber ich denke das
будто ты должна nicht154. Ich drücke mich nur so primitiv
быть благодарна за
это — но я так не aus, weil es mir so ungewohnt ist.«
думаю. »Du drückst dich nicht primitiv aus.«
sprechen von Dat.
dankbar sein für Akk. »Jeder Mann tut das, wenn er nicht
Konjunktiv
lügt.«

130
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Komm«, sagte Lillian. »Mach die Fla-
sche Dom Perignon auf. Mit Brot und Wurst
und Bier wirst du mir zu unsicher, zu
allgemein und zu philosophisch. Wonach
rieche ich?«
»Nach Knoblauch, Mond und Lügen, die
ich nicht herausfinden kann.«

11
Ein Kanarienvogel sang. Clerfayt hörte
es im Schlaf. Er wachte auf und sah sich
um. Er dauerte einen Moment, bevor er
wußte, wo er war. Die Tür zum Badezimmer
und das Fenster darin standen offen, und
Clerfayt konnte über den Hof an einem
Fenster gegenüber den Käfig des Kanari-
envogels hängen sehen. Eine Frau mit
mächtigem Busen und gelbem Haar saß
dahinter an einem Tisch und aß  — soviel
er sehen konnte — kein Frühstück, sondern
ein Mittagessen mit einer halben Flasche
Burgunder.
155
suchte nach seiner
Er suchte nach seiner Uhr155. Es war Uhr — искал часы
suchen nach Dat.
keine Täuschung; sie zeigte auf zwölf. Er
hatte seit Monaten nicht so lange geschla- 156
die er am Abend
vorher bestellt
fen und spürte plötzlich starken Hunger. hatte — которые он
Vorsichtig öffnete er die Tür. Da lag das заказал накануне
вечером
Paket mit den Dingen, die er am Abend придаточное опре-
делительное
vorher bestellt hatte156. Der Hausknecht

131
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
hatte Wort gehalten. Er wusch sich und
zog sich an. Der Kanarienvogel sang immer
noch. Die dicke Blonde aß jetzt Apfelkuchen
mit Kaffee. Clerfayt ging zum anderen
Fenster zu. Clerfayt beugte sich vor und
sah im Fenster nebenan Lillians Profil.
»Komm herüber. Bring den Wein mit.«
Clerfayt holte eine Flasche Pouilly und
Gläser aus dem Restaurant. Er brachte auch
Brot, Butter und ein Stück reifen Pont
d’Evêque.
Lillian zeigte auf einen Brief. Ȇber-
morgen ist mein Diner bei Onkel Gaston.
157
Möchtest du Möchtest du eingeladen werden?157«
eingeladen werden? —
Хотел бы ты, чтобы »Nein.«
тебя пригласили?
Passiv
»Gut. Es würde auch den Zweck des
Diners sabotieren: mir einen reichen Mann
zu finden. Oder bist du reich?«
»Immer nur für ein paar Wochen. Wirst
du heiraten, wenn der Mann reich genug
ist?«
»Gib mir von deinem Wein«, erwiderte
sie. »Und sei nicht albern.«
»Ich traue dir alles zu.«
»Gut«, sagte Lillian. »Was tun wir
heute Mittag?«
»Heute Mittag nehme ich dich mit in
das Ritz Hotel. Ich ziehe mich um. Dann
essen wir zu Mittag, zu Abend, wieder zu

132
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Mittag, zu Abend und noch einmal zu Mit-
tag  — als Sabotage gegen Onkel Gaston
übermorgen abend.«
Sie sah aus dem Fenster und antworte-
te nicht. »Wenn du willst, gehe ich auch 158
Wenn du willst,
158 gehe ich auch mit
mit dir in die Sainte-Chapelle«, sagte dir… — если ты хо-
Clerfayt. »Oder zu Notre-Dame oder selbst чешь, я тоже пойду
с тобой…
in ein Museum. Sogar auf den Eiffelturm придаточное ус-
ловное
zu fahren oder zu einer Tour mit dem
Bateau-Mouche bin ich bereit.«
»Die Tour auf der Seine habe ich schon
gemacht.«
»Und auf dem Eiffelturm?«
»Dahin gehe ich mit dir, mein Geliebter.«
»Das dachte ich mir. Bist du glücklich?«
»Was ist das?«
»Weißt du es immer noch nicht? Aber
wer weiß es schon wirklich?«
Lillian kam von dem Diner Onkel Gastons
zurück. Der Vicomte de Peystre brachte sie
in seinem Auto ins Hotel. Sie hatte einen
langweiligen Abend bei ausgezeichnetem
Essen zugebracht. Ein paar Frauen und
sechs Männer waren dagewesen. Die Frau- 159
Die Frauen hatten
159 gewirkt als wären sie
en hatten gewirkt als wären sie Igel . Von Igel. — Женщины
den Männern waren vier unverheiratet выглядели так,
словно были ежами.
gewesen, alle reich, zwei jung, und der Konjunktiv

Vicomte de Peystre der älteste und reichste.

133
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Weshalb wohnen Sie an der Rive Gauche?«
fragte er. »Aus romantischen Gründen?«
»Aus Zufall. Es ist der beste Grund,
den ich kenne.«
»Sie sollten an der Place Vendôme woh-
nen.«
»Es ist erstaunlich«, sagte Lillian, »wie
viele Leute besser wissen, wo ich wohnen
sollte, als ich selbst.«
Sie stieg die Treppe hinauf. Die Hei-
ratsgalerie Onkel Gastons hatte sie in einer
160
Hat sich Mühe Weise belustigt und deprimiert.
gegeben — поста- »Hat Onkel Gaston sich Mühe gege-
рался
sich Mühe geben ben160?« fragt Clerfayt vom Korridor her.
»Du bist schon hier? Ich dachte, du
wärst irgendwo trinken!«
»Ich habe keine Lust mehr dazu.«
»Hast du auf mich gewartet?«
»Ja«, sagte Clerfayt. »Du machst mich
zu einem ordentlichen Menschen. Ich will
nicht mehr trinken. Nicht mehr ohne dich.«
»Hast du früher getrunken?«
»Ja. Zwischen den Rennen. Und oft
zwischen den Katastrophen. Das ist vorbei.
Ich war heute Mittag in der Sainte-Chapel-
le. Morgen gehe ich ins Cluny-Museum.
Willst du noch ausgehen?«
»Heute abend nicht.«

134
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Heute abend warst du bei der Bürger-
lichkeit zu Gast, die glaubt, das Leben wäre
eine Küche, ein Salon und ein Schlafzimmer
und nicht ein Segelboot mit viel zu vielen
Segeln, das alle Augenblicke umschlagen
kann. Du muß dich davon erholen.«
Lillians Augen begannen zu glänzen.
»Hast du doch getrunken?«
»Das brauche ich nicht mit dir. Möchtest
du nicht noch etwas herumfahren?«
»Wohin?«
»In jede Straße und in jedes Lokal, von
denen du jemals gehört hast. Du bist herr-
lich angezogen. Wir müssen zum mindesten
dieses Kleid ausführen  — selbst wenn du
nicht willst.«
»Gut. Lass uns langsam fahren161. Durch 161
Lass uns langsam
fahren. — Давай по-
viele Straßen. Alle ohne Schnee. Mit Blu- едем медленно.
Глагол lassen
menverkäuferinnen an den Ecken. Lass uns
einen Wagen voll Veilchen mitnehmen.«
Clerfayt holte Giuseppe und wartete vor
der Tür des Hotels.
»Der schmachtende Liebhaber«, sagte
jemand neben ihm. »Bist du nicht zu alt
für solche Rollen?«
Es war Lydia Morelli. Sie war vor ihrem
Begleiter aus dem Restaurant auf die Stra-
ße getreten.

135
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Eine neue Rolle! Ziemlich provinziell,
mein Lieber.«
»Welch ein Kompliment«, erwiderte
162
Wenn du so etwas Clerfayt. »Wenn du so etwas sagst, heißt
sagst, heißt das, dass
sie faszinierend sein das, dass sie faszinierend sein muß.162«
muß. — Если ты что- Lydia wollte noch etwas sagen, aber ihr
то такое говоришь,
это значит, что она Begleiter kam aus der Tür. Sie nahm seinen
должна быть очаро-
вательна.
Arm wie eine Waffe und ging an Clerfayt
vorbei.
Lillian kam ein paar Minuten später.
»Jemand hat mir erzählt, daß du eine fas-
zinierende Person bist«, sagte Clerfayt. »Es
wird Zeit, dich zu verstecken.«
»Ist das ein neues Kleid?« fragte er.
»Ja. Es ist heute gekommen.«
»Wieviel hast du jetzt?«
»Acht mit diesem. Warum?«
»Onkel Gaston ist entsetzt«, sagte Lil-
lian. »Ich habe ihm die Rechnungen ge-
schickt. Und nun lass uns in den besten
Nachtklub fahren, den es gibt.«
»Noch in einen anderen?« fragte Cler-
fayt. Es war vier Uhr nachts.
»Noch in einen«, sagte Lillian. »Oder
bist du müde?«
Er wußte, daß er sie nicht fragen konn-
te, ob sie müde sei. »Noch nicht«, sagte
er. »Gefällt es dir?«
»Es ist wunderbar.«

136
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Gut, dann fahren wir in einen anderen
Klub. Einen mit Zigeunern.«
Es war alles die übliche, endlose Wie-
derholung, das Klischee, und Clerfayt hät- 163
hätte sich ohne
Lillian fürchterlich
te sich ohne Lillian fürchterlich gelang- gelangweilt — без
weilt 163  — aber für sie war es neu, sie Лиллиан ужасно бы
скучал
empfand es nicht so, wie es war oder wie
es wirkte, sondern so, wie sie es sehen
wollte und sah. Das ist es, dachte Clerfayt,
das ist es, was sie anders macht als alle
die, die hier herumsitzen. Die andern wol-
len ein Abenteuer, um ihre Leere auszufül-
len — sie aber ist dem Leben auf der Spur.
Die Zigeuner hingen um den Tisch herum,
gebückt, mit wachen Plüschaugen, und
spielten. Lillian hörte hingerissen zu. Für
sie war das alles wirklich, dachte Clerfayt.
»Ich glaube, ich habe zuviel getrunken«,
sagte er.
»Was ist zuviel?«
»Wenn man sich selbst nicht mehr
kennt.«
»Dann will ich immer zuviel trinken.
Ich liebe mich selbst nicht.«
Sie fürchtet sich vor nichts164, dachte 164
Sie fürchtet sich
vor nichts — она ни-
Clerfayt. Es ist nicht auszuhalten! Sie muß чего не боится
sterben, das weiß sie, aber sie hat es in sich fürchten vor Dat.

sich aufgenommen wie ein anderer Morphi-


um.

137
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Wohin gehen wir jetzt?«
»Ins Hotel. Ich will ausziehen.«
Clerfayt beschloß, sich über nichts mehr
zu wundern. »Gut. Gehen wir packen.«
sagte er.
»Meine Sachen sind schon gepackt.«
»Wohin willst du ziehen?«
»In ein anderes Hotel. Seit zwei Tagen
ruft um diese Zeit jemand bei mir an. Eine
Frau, die mir erzählt, ich solle zurückgehen,
wohin ich gehöre  — und noch einige ande-
re Sachen dazu.«
Clerfayt sah sie an. »Hast du dem Nacht-
portier nicht gesagt, das Telefon nicht
durchzustellen?«
»Ja! Aber es gelingt ihr durchzukommen.
Gestern hat sie ihm gesagt, sie sei meine
Mutter. Sie hat einen Akzent, sie ist keine
Französin.«
Lydia Morelli, dachte Clerfayt. »Warum
hast du mir nichts davon gesagt?«
»Wozu? Ist das Ritz voll?«
»Nein.«
»Gut. Onkel Gaston wird ohnmächtig
werden, wenn er hört, wo ich morgen woh-
nen werde.«
Lillian hatte nicht gepackt. Clerfayt lieh
vom Nachtportier einen riesigen Schrank-
koffer, und packte Lillians Kleider hinein.

138
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie saß auf dem Bett und lachte. »Es tut
mir leid hier wegzugehen«, sagte sie. »Ich
habe es alles sehr geliebt. Aber ich liebe
ohne Bedauern. Verstehst du das?«
Clerfayt hob den Kopf. »Ich fürchte, ja.
Du bedauerst nicht, etwas zu verlassen.«
»Es spielt keine Rolle mehr. Ich bin aus
dem Sanatorium weggegangen  — seitdem
kann ich weggehen, wo ich will.«
Clerfayt steckte die Schlüssel ein und
gab Lillian ihren Mantel. »Bin ich zu dünn?«
fragte sie.
»Nein; ich glaube, du hast ein paar
Pfund zugenommen.«
»Das ist das einzige, worauf es an-
kommt«, murmelte sie.
Sie ließen die Koffer in ein Taxi bringen,
das hinter ihnen herfuhr.
»Liegt mein Zimmer im Ritz nach der
Place Vendôme zu?« fragte Lillian.
»Ja. Nicht nach der Rue Cambon.«
»Wo wohntest du, als du hier warst im
Kriege?«
»Nach der Rue Cambon, nachdem ich
aus dem Gefangenenlager zurückgekommen
war. Es war ein gutes Versteck; niemand
erwartete, daß man dort unterkriechen
würde. Mein Bruder wohnte damals an der
Place Vendôme auf der deutschen Seite.

139
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Wir sind Elsässer. Mein Bruder hat einen
deutschen, ich einen französischen Vater.«
»Konnte dein Bruder dich nicht schüt-
zen?«
165
Er ahnte nicht, daß Clerfayt lachte. »Er ahnte nicht, daß
ich da war, und er
ich da war, und er hätte mich am liebsten
hätte mich am liebsten
in Sibirien gewußt. — in Sibirien gewußt 165. So weit weg wie
Он и не подозревал,
что я там, он бы möglich. Siehst du den Himmel? Es wird
с удовольствием Morgen. Hörst du die Vögel? Man hört sie
отправил меня в
Сибирь. nur um diese Zeit in den Städten. Natur-
freunde müssen in den Nachtklubs durch-
halten, um Drosseln hören zu können auf
dem Weg nach Hause.«
Sie bogen in die Place Vendôme ein.
»Ich bin in diesem Augenblick glück-
lich«, sagte er. »Ganz gleich, ob wir wissen,
was das ist oder nicht. Ich bin glücklich in
diesem Augenblick, in dieser Stille, auf
diesem Platz, mit dir. Und wenn du aus-
geschlafen hast, fahren wir ab. In kleinen
Etappen nach dem Süden. Nach Sizilien,
zu dem Rennen, von dem ich dir schon
erzählt habe: der Targa Florio.«

12
Die hundertacht Kilometer lange Strek-
ke der Targa Florio mit ihren fast vierzehn-
hundert Kurven war jeden Tag einige
Stunden zum Training abgesperrt.

140
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayts zweiter Fahrer war Alfredo
Torriani, ein vierundzwanzig Jahre alter
Italiener. Beide waren fast den ganzen Tag
draußen. Abends kamen sie verbrannt,
hungrig und durstig zurück.
166
hatte verboten,
Clerfayt hatte Lillian verboten, beim beim Training
Training dabeizusein166. Er wollte nicht, dabeizusein — за-
претил бывать на
daß sie wie eine der Frauen und Freundin- тренировках
verbieten + zu
nen der Fahrer würde. Er hatte sie statt + Infinitiv
dessen mit einem Freunde bekannt gemacht,
der ein Haus am Meer besaß, und sie dort
hingebracht. Der Mann hieß Levalli und
war der Besitzer einer Thunfisch-Fangflot-
te. Clerfayt hatte ihn nicht ohne Überlegung
ausgesucht: Levalli war ein Ästhet, kahl-
köpfig, beleibt und homosexuell.
Lillian lag tagsüber am Meer oder im
Garten, der Levallis Villa umgab. Der Gar-
ten war verwildert, romantisch und voll
von Marmorstatuen. Lillian hatte nie den
Wunsch, Clerfayt fahren zu sehen. Clerfa-
yt hing den ganzen Tag unsichtbar über
ihr; sie überließ sich ihm, so wie sie sich
dem heißen Himmel und dem weißen Glanz
des Meeres überließ. Clerfayt war immer
da. Abends kam Clerfayt dann, begleitet
von dem Grollen. »Wie die Götter der An-
tike«, sagte Levalli zu Lillian.

141
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Sie lieben es nicht?«
»Ich mag keine Motoren mehr. Sie erin-
167
erinnern mich zu
sehr an den Lärm der
nern mich zu sehr an den Lärm der Bom-
Bombenflugzeuge — benflugzeuge167 im Kriege.« Levalli gab ei-
они очень напо-
минают мне шум nige Tage später ein Fest. Er hatte ungefähr
бомбардировочных hundert Gäste dazu eingeladen. Kerzen und
самолетов
sich erinnern an Akk. Windlichter brannten, die Nacht war ster-
nenklar und warm. Lillian war entzückt.
»Gefällt es Ihnen?« fragte Levalli.
»Es ist alles, was ich mir gewünscht
habe.«
»Alles?«
168
habe … davon »Nahezu alles. Ich habe vier Jahre da-
geträumt — мечтала von geträumt168, wenn ich in den Bergen
об этом ...
träumen von Dat. zwischen Schneewänden gefangen saß. Es
ist völlig das Gegenteil von Schnee  — und
völlig das Gegenteil von Bergen —«
»Das freut mich«, sagte Levalli. »Ich
gebe nur noch selten Feste.«
»Warum? Weil es sonst zur Gewohnheit
würde?«
»Nein. Es macht mich  — wie soll ich
sagen  — melancholisch. Meistens will man
etwas vergessen, wenn man Feste gibt  —
aber man vergisst es nicht. Auch die an-
deren vergessen es nicht.«
»Ich will nichts vergessen.«
»Nein?« fragte Levalli höflich.
»Nicht mehr«, erwiderte Lillian.

142
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie hörte den Wagen Clerfayts kommen
und lächelte. »Man erzählt«, sagte Levalli,
»daß die letzte Besitzerin dieser Villa ihre
Liebhaber morgens töten ließ.«
»Wie umständlich«, erwiderte Lillian.
»Konnte sie sie nicht einfach wegschicken?
Oder selbst weggehen?«
»Weggehen ist nicht immer das einfach-
ste  — wenn man sich selbst mitnimmt.«
»Das Besitzenwollen limitiert nur einen.
Man kann nichts halten.«

Sie gingen der Musik entgegen. »Sie


wollen nichts besitzen?« fragte Levalli.
»Ich will zuviel besitzen«, erwiderte
Lillian. »Deshalb nichts. Es ist fast dassel-
be.«
»Fast!« Er küßte ihre Hand. »Ich brin-
ge Sie jetzt nach drüben, wo die Zypressen
stehen. Wir haben einen gläsernen Boden
zum Tanzen angelegt, der von innen er- 169
der von innen
erleuchtet ist — ко-
leuchtet ist169. Ich habe das in Gartenloka- торый изнутри
len an der Riviera gesehen. Und da kommen освещен
придаточное опре-
auch Ihre Tänzer  — halb Neapel, Palermo делительное
170
Ich ziehe vor,
und Rom.« Zuschauer zu sein. —
»Man kann Zuschauer sein oder mit- Я предпочитаю
быть зрителем.
spielen«, sagte Levalli zu Clerfayt. »Ich vorziehen + zu
+ Infinitiv
ziehe vor, Zuschauer zu sein170.«

143
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie saßen auf der Terrasse und sahen
die Frauen vor den Zypressen auf dem
leuchtenden Glasparkett tanzen. Lillian
tanzte mit dem Prinzen Fiola.
»Sehen Sie nur, wie sie tanzt!« sagte
Levalli zu Clerfayt. »Sie sind schön, diese
Frauen. Sind sie nicht schön?«
»Sie sind schön, Levalli.«
»In jeder steckt bereits Circe. Die Ironie
ist, daß sie es nie selbst glauben. Sie haben
noch die Flamme ihrer Jugend, während
sie dort tanzen, aber hinter ihnen tanzt,
bereits der Schatten der Bürgerlichkeit mit,
mit den zwanzig Pfund Gewicht, die sie
zunehmen werden, der Langeweile der Fa-
milie, dem Ehrgeiz begrenzter Wünsche
und Ziele... Nur in der einen nicht, die
dort mit Fiola tanzt, in der, die Sie her-
gebracht haben.Wo haben Sie sie gefunden?«
Clerfayt zögerte. »Vor den Toren des
Hades*.«
»Man hat nicht oft Gelegenheit dazu.
Vor den Toren des Hades. Ich will Sie nicht
weiter fragen. Aber Orpheus mußte den
Preis zahlen: doppelte Einsamkeit  — so
paradox das auch klingt  — weil er eine
*
Перед Воротами Аида, миф. вход в
царство мертвых

144
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Frau aus dem Hades zurückholen wollte.
Sind Sie bereit, zu zahlen, Clerfayt?«
Clerfayt lächelte. »Ich bin abergläubisch.
Antworten auf solche Fragen gebe ich nicht
kurz vor einem Rennen.«
Alles ist verzaubert, dachte Lillian. Man
hört keine Schritte; man hört nur Gleiten
und Musik. Dies habe ich mir gedacht, als
ich im Schnee in meinem Zimmer saß und
auf die Konzerte des Radios in Neapel und
171
Es ist, als ob
Paris lauschte. Es ist, als ob man nicht man nicht sterben
sterben könnte in solch einer Nacht171. könnte in solch einer
Nacht. — Как будто
Dort sitzt mein Geliebter mit dem me- нельзя умереть в та-
кую ночь.
lancholischen Mann, der der Besitzer dieses Konjunktiv
Gartens ist, und ich sehe, daß sie von mir
sprechen. Es ist der melancholische Mann,
der spricht, und er wird dasselbe wissen
wollen, was er mich gefragt hat. Das Ge-
heimnis! Gibt es nicht ein altes Märchen,
in dem ein Zwerg heimlich lacht, weil kei-
ner sein Geheimnis kennt? Seinen Namen?
Sie lächelte. »Woran denken Sie?« frag-
te Fiola, der es bemerkte.
»An ein Märchen, in dem das Geheimnis
eines Menschen darin bestand, daß niemand
seinen Namen wußte.«

Sie sah im Vorrübertanzen, daß Clerfa-


yt sie nachdenklich anschaute. Er hält mich

145
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
fest, und ich liebe ihn, dachte sie, weil er
172
Wann wird er zu da ist und nicht fragt. Wann wird er zu
fragen beginnen? —
Когда он начнет
fragen beginnen172? Ich hoffe nie. Vielleicht
спрашивать? nie. Wir werden keine Zeit dazu haben.
Futur I
beginnen + zu »Sie lächeln, als ob Sie sehr glücklich
+ Infinitiv wären173«, sagte Fiola. »Ist das Ihr Geheim-
173
Sie lächeln, als
ob Sie sehr glücklich nis?«
wären. — Вы улыба-
етесь, как будто Вы
»Was ist Ihr Geheimnis?« fragte Fiola.
очень счастливы. »Eine große Zukunft?«
Konjunktiv
Sie schüttelte wieder den Kopf. »Keine«,
sagte sie heiter. »Sie wissen nicht, wie
leicht das vieles machen kann.«
»Sehen Sie Fiola an«, sagte die alte
Contessa Vitelleschi in der Ecke der Mütter.
»Er benimmt sich, als ob es außer dieser
174
Er benimmt sich,
als ob es außer dieser
Fremden keine jungen Frauen hier gäbe174.«
Fremden keine jungen Die Vitelleschi starrte durch ihr Lorgnon
Frauen hier gäbe. —
Он ведет себя так, auf Lillian.
будто кроме этой
»Woher kommt diese Person?«
незнакомки здесь
нет молодых жен- »Nicht aus Italien.«
щин.
Konjunktiv »Das sehe ich. Wahrscheinlich irgend-
eine Kreuzung —«
»So wie ich«, sagte Teresa Marchetti
spitz, »amerikanisch, indianisch, spa-
nisch  — aber willkommen genug, um Ugo
Marchetti mit Papas Dollars auszuhelfen,
seinen alten Palazzo von Ratten zu befrei-
en, Badezimmer einzubauen und seine
Geliebte in Stil auszuhalten.«

146
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Fiola hatte an einem der aufgestellten
Tische haltgemacht. Lillian verabschiedete
ihn und ließ sich von Torriani zu Clerfayt
bringen.
»Warum tanzt du nicht mit mir?« frag-
te sie Clerfayt.
»Ich tanze mit dir«, erwiderte er, »ohne
aufzustehen.«
Torriani lachte. »Er tanzt nicht gern.«
»Das ist wahr«, sagte Clerfayt. »Ich
tanze miserabel, Lillian. Du solltest das
noch von der Palace Bar her wissen.«
»Das habe ich längst vergessen.«
Sie ging mit Torriani zur Tanzfläche
zurück. Levalli setzte sich wieder zu Cler-
fayt. »Eine dunkle Flamme«, sagte er. »Oder
ein Dolch. Finden Sie nicht diese erleuch-
teten Glasplatten wirklich geschmacklos?
Der Mond ist hell genug. Luigi!« rief er,
»lösche das Licht unter der Tanzfläche. Sie
macht mich traurig«, sagte er plötzlich zu
Clerfayt. »Schönheit bei einer Frau macht
mich traurig, weil man weiß, daß sie ver- 175
weil man weiß, daß
gehen wird, und möchte, daß sie bleibt 175
. sie vergehen wird,
und möchte, daß sie
Macht es sie auch traurig?« bleibt. — потому
что знают, что она
»Nein«, sagte Clerfayt. »Es gibt ganz пройдет, и хотят,
чтобы она осталась.
andere Dinge, die mich traurig machen.«

147
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ich verstehe.« Levalli trank von seinem
Grappa*.
»Versuchen Sie diesen Grappa.«
Sie tranken und schwiegen. Lillian kam
wieder bei ihnen vorbei. Ich habe keine
176
Zukunft, dachte sie. Das ist fast wie keine
Dem Leben
brauchte man nicht Schwerkraft zu haben. Sie sah Clerfayt an
ins Gesicht zu sehen.
Man brauchte es nur und formte einen lautlosen Satz mit den
zu fühlen. — Жизни Lippen. Clerfayt saß jetzt im Dunkeln. Sie
не нужно было смо-
треть в лицо. Нужно konnte sein Gesicht kaum erkennen. Es
было только почув-
ствовать это.
schien auch nicht nötig zu sein. Dem Leben
brauchen + zu brauchte man nicht ins Gesicht zu sehen.
+ Infinitiv
Man brauchte es nur zu fühlen176.

13
»Wo liege ich?« fragte Clerfayt durch
den Lärm, als er am Lager hielt.
»An siebter Stelle«, schrie Torriani.
»Wie ist die Straße?«
»Zum Kotzen! Frisst Gummi in der
Hitze, als wäre es Kaviar. Hast du Lillian
gesehen?«
»Ja. Sie ist auf der Tribüne.«
Torriani hielt Clerfayt einen Krug mit
Zitronenlimonade an den Mund. Der Renn-
leiter kam heran. »Fertig?« rief er. »Los!
Los!«
*
Граппа, итальянская водка из вино-
градных отжимок

148
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Wir können nicht hexen«, schrie der
Chefmonteur.
»Räder wechseln in dreißig Sekunden
kann nicht mal der Teufel!«
»Los! Macht schon!«
Das Benzin schoß in den Tank. »Clerfa-
yt«, sagte der Rennleiter. »Duval liegt vor
Ihnen. Hetzen Sie ihn! Mehr brauchen wir
nicht. Wir halten die beiden Plätze vor
ihm.«
»Los! Fertig!« schrie der Chefmonteur.
Der Wagen sauste ab. Vorsicht, dachte
Clerfayt, nicht überdrehen!
Die Strecke stieg an auf vierhundert
Meter. Clerfayt war schneller in den Kur-
ven. Er kam langsam heran. Zehn Minuten
später erkannte er den Wagen; es mußte
Duval sein. Clerfayt hing hinter ihm, aber
Duval gab die Straße nicht frei. Er blok-
kierte Clerfayt bei jedem Versuch, ihn zu
überholen.
177
Clerfayt dachte zum ersten Male wieder dachte an — по-
думал о
177
an Lillian, als er anhielt, um Reifen zu denken an Akk.
178
als er anhielt, um
wechseln178. Er sah die Tribünen an. Er Reifen zu wechseln. —
hatte das Gefühl, als schwebe er ikarusgleich когда он остановил-
ся поменять шины.
in die Arme eines endlosen Gefühls, das
weiter als Liebe war und irgendwo auf der
Tribüne sich personifiziert hatte in einer
Frau.

149
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Los!« schrie der Rennleiter.
Clerfayt fuhr plötzlich nicht mehr allein.
Wie der Schatten eines hochfliegenden Fla-
mingos flog jetzt das Gefühl mit ihm.
In der nächsten Runde fing der Wagen
an zu tanzen. Die Hinterräder rutschten
ihm wieder weg. Der Wagen war immer
noch ohne Kontrolle, er rutschte und schlug,
Clerfayt gab Gas, aber der Wagen riß seine
Arme herum, er spürte einen Riß in der
Schulter. Er riß noch einmal das Steuer
herum, und  — Wunder, der Wagen folgte
ihm, schoß durch die Lücke und der Wagen
stand.
Er sah die Menschen auf sich zukommen.
179
ob sie ihn töten
Er wußte nicht, ob sie ihn töten oder ihm
oder ihm gratulieren gratulieren wollten179, es war ihm im Au-
wollten — хотели ли
они его убить или genblick auch egal, nur das eine war nicht
поздравить
egal: Sie durften den Wagen nicht berühren,
ihm nicht helfen, sonst war er disqualifi-
ziert. Er stand auf, spürte den Schmerz,
sah Blut, das aus der Nase tropfte, konnte
nur einen Arm heben.
Sie blieben stehen. Sie sahen, daß er
gehen konnte. Das Blut war ungefährlich;
er war nur mit dem Gesicht aufgeschlagen.
Die Schulter war nicht gebrochen. Er muß-
te versuchen, mit dem rechten Arm wei-
terzufahren. Er mußte das Depot erreichen;

150
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
dort war Torriani, um ihn abzulösen, und
dort waren die Monteure und ein Arzt.
Er fuhr langsam, und dachte nur das
eine: Der Wagen muß zum Depot kommen,
es ist nicht mehr weit, bis die gerade Strek-
ke beginnt, von da an kann ich ihn halten,
es sind nicht mehr viele Kurven.
Der nächste Wagen brüllte heran, hinter
ihm. Clerfayt hielt die Straße, so lange er
konnte. Er biss die Zähne zusammen.
Autofahren ist nur für Dilettanten eine
romantische Angelegenheit, es gibt nur den
Wagen und den Fahrer, und alles Dritte
dazwischen ist Gefahr, oder es bringt Ge-
fahr — zur Hölle mit allen Flamingos, zum
Teufel mit allen Gefühlen, ich hätte den 180
ich hätte den
Wagen halten können,
Wagen halten können, ich hätte die Kurven ich hätte die Kurven
weicher schneiden
weicher schneiden sollen, ich hätte die sollen, ich hätte
Reifen schonen müssen180, jetzt ist es zu die Reifen schonen
müssen — я мог бы
spät, ich verliere zu viel Zeit. Zum Teufel держать машину, я
должен был срезать
mit Lillian, was hat sie hier zu tun, und повороты мягче, я
должен был поща-
zum Teufel mit mir, was habe ich mit ihr дить шины
zu tun? Konjunktiv

Lillian saß auf der Tribüne. Der Lärm


der vielen Motoren war betäubend* wie eine
tausendfache Anästhesie.
*
Дурманящий

151
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Nach einiger Zeit gewöhnte sie sich, und
plötzlich kam ein Rückschlag. Es war wie
ein Kinderspiel; kleine Menschen in weißen
und farbigen Overalls* rollten Räder umher,
Rennleiter hielten Flaggen und Schilder
hoch. Ein Pferderennen war ähnlich; ein
Stierkampf auch  — die Gefahr wurde zum
Spiel und zum Spielzeug, dem man den
Ernst nicht recht glaubte.
Lillian fühlte, wie etwas in ihr gegen
diesen Rausch protestierte. Sie war selbst
zu lange und zu nahe am Tode gewesen. Es
schien ihr ähnlich, als wenn Kinder auf der
Straße versuchten, vor heranfahrenden
Autos noch rasch zur andern Seite hinüber-
zulaufen.
»Clerfayt!« sagte jemand neben ihr. »Wo
ist er?«
Sie schreckte auf. »Was ist mit ihm?«
»Er sollte längst vorbeigekommen sein.«
Die Menschen auf der Tribüne wurden
unruhig. Lillian sah Torriani, der winkte,
181
sie möge ruhig sie möge ruhig sein, nichts sei passiert181.
sein, nichts sei
passiert — пусть она
Das erschreckte sie mehr als alles andere.
будет спокойна, Die Sekunden wurden lang, die Minuten
ничего не случилось
Konjunktiv Stunden. Dann kam die mechanische Stim-
me des Lautsprechers: »Der Wagen Clerfa-
*
Комбинезон

152
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
182
yts, Nummer zwölf, ist aus der Kurve ist aus der Kurve
getragen worden —
getragen worden182. Wir haben noch keine занесло на повороте
Passiv
weiteren Nachrichten.«
Lillian hob langsam den Kopf. Alles war
noch da wie vorher  — der Himmel, die
blaue Helligkeit — aber irgendwo war jetzt
ein Punkt ohne Farbe, ein Nebel, in dem
Clerfayt kämpfte oder schon erstickt war.
»Clerfayt lebt«, erklärte der Ansager. »Er
ist nicht ernsthaft verletzt. Er hat den
Wagen selbst auf die Strecke zurückge-
bracht. Er fährt. Er ist wieder im Rennen.«
Lillian fühlte einen raschen Zorn. Sie
hasste plötzlich die Menschen um sich her-
um, und dann hasste sie Clerfayt und
wußte, daß es nur eine Reaktion auf ihre
Angst war, und sie hasste ihn trotzdem,
weil er dieses kindische Spiel um den Tod
mitspielte.
Zum ersten Mal, seit sie das Sanatori- 183
seit sie das
Sanatorium verlassen
um verlassen hatte183, dachte sie an Wolkow. hatte — с тех пор,
как она покинула
Dann sah sie unten Clerfayt herankommen. санаторий
Sie sah sein blutiges Gesicht. Plusquamperfekt

Die Monteure kontrollierten den Wagen.


Sie wechselten die Reifen, Torriani stand
neben Clerfayt. »Dieser verdammte Reifen!«
sagte Clerfayt. »Ich bin mit der Schnauze
aufgeschlagen und habe meinen Arm ver-

153
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
staucht. Der Wagen ist in Ordnung. Du
mußt weiterfahren.«
»Klar!« rief der Rennleiter. »Los, Tor-
riani!«
Torriani sprang in den Wagen. »Fertig!«
schrie der erste Monteur.
Der Wagen schoß davon. »Was ist los
mit dem Arm?« fragte der Rennleiter Cler-
fayt. »Gebrochen?«
»Nein. Verstaucht oder so was. In der
Schulter.«
Der Arzt kam. Clerfayt spürte einen
wahnsinnigen Schmerz.
»Sie können nicht weiterfahren«, sagte
der Arzt.
Clerfayt hockte auf seiner Kiste. Er
fühlte sich leer. Der Arzt überklebte seine
Schulter fest mit Bandagen.
»Was ist passiert?« fragte der Rennlei-
ter.
»Der verfluchte Reifen! Aus der Kurve
gerutscht. Einen kleinen Baum mitgenom-
men. Schlag mit dem Steuerrad.«
»Das Rennen ist noch lange nicht zu
Ende! Hoffentlich schafft Torrianis es!«
Ich bin zu alt, dachte Clerfayt. Was
habe ich hier zu suchen? Aber was sonst
kann ich tun?

154
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Torriani holte Runden auf. Clerfayt
wollte ihm die Freude gönnen, aber er
fühlte, wie er bitter wurde. Sechzehn Jah-
re Unterschied im Alter machten sich be-
merkbar.
»Können Sie Torriani ablösen, wenn
was passiert, Clerfayt?« fragte der Renn-
leiter.
»Lassen Sie ihn weiterfahren«, sagte
Clerfayt. »Solange er kann. Er ist jung, er
kann es aushalten.«
»Er ist zu nervös.«
»Er fährt großartig.«
Eine Runde vor Schluß rollte der Wagen
Torrianis vor das Depot. »Was ist los?«
fragte der Rennleiter. »Können Sie nicht
weiterfahren? Was ist los? Er hat einen
Hitzschlag! Unglaublich! Clerfayt! Bringen
Sie nur den Wagen zurück! Es macht nichts,
wenn wir ein paar Minuten verlieren! Sie
werden immer noch vierter.«
Clerfayt saß schon im Wagen. Torriani
war zusammengefallen. »Nur den Wagen
zurück!« betete der Rennleiter. »Bringen
Sie nur den Wagen zurück! Und den vier-
ten Preis!«
Eine Runde, dachte Clerfayt. Sie geht
vorüber. Man kann den Schmerz ertragen.
Er ist geringer, als in einem Konzentrati-

155
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
onslager am Kreuze zu hängen. Weber liegt
vorne. Es ist egal, was ich mache. Es ist
nicht egal! Wie sich das dreht! Der Wagen
ist doch kein Flugzeug!
Die mechanische Stimme des Ansagers
dröhnte: »Clerfayt ist wieder im Rennen.
Torriani ist ausgefallen!«
Lillian sah den Wagen. Sie sah die ban-
dagierte Schulter. Dieser Narr! dachte sie.
Dieses Kind, das nie aufgewachsen ist.
Leichtsinn ist nicht Mut. Er wird wieder
stürzen! Sie wollte fortgehen. Sie dachte
wieder an das Sanatorium im Schnee. Dort
184
war es anders war es anders gewesen184.
gewesen — было по-
другому Sie ging die Treppe der Tribüne hinun-
Plusquamperfekt ter. Was tue ich hier, unter diesen fremden
Menschen? dachte sie und blieb stehen. Ja,
was tue ich hier? dachte sie. Ich wollte
hierher zurück; aber kann man zurück? Ich
gehöre nicht dazu! Sie konnte nicht zurück,
und es gab keine Hilfe von außen.
Die Fahrer kamen zurück. Klein und
bunt schossen sie durchs Ziel. Lillian blieb
auf der Treppe stehen, bis sie Clerfayts
Wagen sah. Dann stieg sie langsam die
Treppen hinunter.
Clerfayt hatte das Blut abgewischt, aber
seine Lippen tropften noch.

156
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich kann dich nicht küssen«, sagte er.
»Hast du Angst gehabt?«
185
du solltest nicht
»Nein. Aber du solltest nicht mehr mehr fahren — тебе
fahren185.« не следовало боль-
ше ехать
»Natürlich nicht«, erwiderte Clerfayt
geduldig. Er kannte diese Reaktion. »War
ich so schlecht?« fragte er.
»Es war großartig«, sagte Torriani, der
mit blaßem Gesicht auf einer Kiste saß und
Kognak trank.
Lillian blickte ihn feindselig an. »Es ist
vorbei«, sagte Clerfayt. »Denk nicht mehr
daran, Lillian. Es war nicht gefährlich. Es
sah nur so aus.«
»Du solltest nicht fahren«, wiederholte sie.
»Gut. Morgen zerreißen wir den Kon-
trakt. Zufrieden?«
Torriani lachte. »Und übermorgen kleben
wir ihn wieder zusammen.«
Der Rennleiter Gabrielli kam vorbei.
»Kommen Sie heute abend, Clerfayt?«
fragte er.
Clerfayt nickte. »Wir sind hier im Wege,
Lillian«, sagte er dann. Er sah ihr Gesicht.
Es hatte noch immer den sonderbaren Ernst
wie vorher. »Was ist los?« fragte er. »Willst
du wirklich, daß ich nicht mehr fahre?«
»Ja.«
»Warum?«

157
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie zögerte. »Ich weiß nicht, wie ich es
sagen soll  — aber es ist, irgendwie  — tief
unmoralisch.«
186
man solle Gott »Du meinst, man solle Gott nicht ver-
nicht versuchen — не
следует искушать suchen186, Lillian?«
Бога
Sie nickte. »Nur wenn gar nichts ande-
res übrig bleibt. Nicht aus Frivolität.«
»Ich rede Unsinn«, sagte Lillian ver-
zweifelt zu Clerfayt. »Hör nicht auf mich!«
187
»Du redest keinen Unsinn. Du bist nur
Du bist nur
überraschend. — überraschend187.«
Ты только пора-
жена. »Warum?«
Er blieb stehen. »Frage ich dich je, ins
Sanatorium zurückzugehen?« sagte er ru-
hig.
Sie blickte ihn an. Sie hatte bis jetzt
geglaubt, er wüsste nichts oder hätte an-
genommen, daß ihr nicht viel fehle. »Ich
brauche nicht ins Sanatorium zurück«,
erwiderte sie rasch.
»Das weiß ich. Aber habe ich dich je
gefragt?«
Sie hörte die Ironie. »Ich sollte nicht
reden, wie?«
»Doch«, sagte er. »Immer.«
Sie lachte. »Ich liebe dich sehr, Clerfa-
yt. Sind alle Frauen nach dem Rennen so
albern wie ich?«

158
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Das habe ich vergessen. Ist das ein
Kleid von Balenciaga?«
»Das habe ich auch vergessen.«
Er befühlte seine Backenknochen und
seine Schulter. »Ich werde heute abend ein
Gesicht wie ein bunter Pudding haben und
eine geschwollene Schulter. Wollen wir zu
Levalli hinausfahren, solange ich noch
steuern kann?«
»Mußt du nicht zu deinem Rennleiter?«
»Nein. Da ist nur eine Siegesfeier im
Hotel.«
»Feierst du nicht gern Siege?«
»Jeder gewonnene Sieg ist einer weniger.
Einer weniger zu gewinnen«, sagte er.
»Wirst du mir heute abend nasse Umschlä-
ge auf das Gesicht machen und mir dazu
ein Kapitel aus der Kritik der reinen Ver-
nunft vorlesen?«
»Ja«, sagte Lillian. »Und irgendwann
möchte ich nach Venedig fahren.«
»Warum?«
»Es hat keine Berge und keine Automo-
bile.«

14
Sie blieben noch zwei Wochen in Sizi-
lien. Clerfayt heilte seine Schulter aus. Sie
lebten in Levallis Garten und am Meer.

159
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
1
Clerfayt hatte noch ein paar Wochen bis
zum nächsten Rennen. »Wollen wir hier
bleiben?« fragte er. »Oder wollen wir zu-
rück?«
»Wohin?«
»Nach Paris. Oder irgendwohin. Hier
wird es jetzt heiß.«
»Ist der Frühling schon vorbei?«
»Hier unten ja. Aber wir können Giu-
seppe nehmen und ihm nachfahren. In Rom
fängt er jetzt erst an.«
»Und wenn er dort vorbei ist?«
Clerfayt lachte. »Dann fahren wir ihm
weiter nach, wenn du willst.«
»Hast du das schon einmal getan?«
»Ja, vor hundert Jahren. Vor dem Krie-
ge.«
»Mit einer Frau?«
»Ja, aber es war anders.«
»Es ist sicher immer anders. Auch mit
derselben Frau. Ich bin nicht eifersüchtig.«
»Wollen wir fahren?«
Lillian schüttelte den Kopf. »Noch
nicht.« Sie küßte ihn.

188
als sei sie Monate Dann wurde sie ungeduldig und wollte
in Sizilien gewesen — fort. Von einem Tage zum andern schien
как будто она не-
сколько месяцев es ihr, als sei sie Monate in Sizilien gewe-
была в Сицилии
sen188. Es waren auch Monate, dachte sie —

160
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Monate für sie. Zwischen Tag und Tag lag
für sie jedes Mal die Nacht wie eine Schlucht
von Wochen und das einsame Erwachen.
Sie ließ Clerfayt nie die ganze Nacht bei 189
Sie ließ Clerfayt
nie die ganze Nacht
sich bleiben189. Sie wollte nicht, daß er sie bei sich bleiben. —
husten hörte. Она никогда не
позволяла Клерфэ
Sie flog nach Rom, um von da weiter- оставаться у себя
всю ночь.
zufliegen. Clerfayt fuhr mit Torriani den
Wagen zurück. Sie wollten sich in Paris
wiedertreffen.
Sie wanderte durch Roms herum. Sie
blieb die Nacht im Hotel und ging am
nächsten Vormittag zum Büro der Fluglinie.
Dort sah sie im Schaufenster ein Plakat
von Venedig, sie erinnerte sich, was sie bei
Levalli zu Clerfayt gesagt hatte; ohne wei-
ter nachzudenken ließ sie ihr Billett nach
Venedig umschreiben. Sie meinte, sie müs-
se hinfahren, bevor sie nach Paris zurück-
kehrte. Sie wollte sich über irgend etwas
klar werden, ehe sie Clerfayt wieder sah.
»Wann geht das Flugzeug?« fragte sie.
»In zwei Stunden.«
Sie ging zum Hotel zurück und packte.
Sie wollte ein paar Tage allein sein, allein
und unerreichbar, bevor sie zurückkehrte.
Das Flugzeug senkte sich in den rosigen
späten Nachmittag der Lagune. Lillian
bekam ein Eckzimmer im Hotel Danieli.

161
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie trat in ihr Zimmer und blieb stehen.
Der Raum war mit dem rosafarbenen Licht
des Abends gefüllt, das es nur in Venedig
gibt. Sie ging zum Fenster und blickte
hinaus. Das Wasser war blau und still.
190
am weitesten — са- Diese Stadt war am weitesten190 von allen
мый дальний
превосходная сте- Bergen fort, dachte Lillian. Alles war fremd
пень от weit
hier und zauberhaft. Niemand kennt mich
hier, dachte sie. Und niemand weiß, daß
ich hier bin!
Sie ging über die Piazza. Sie hatte kein
Ziel.
»Wohin kann ich heute abend gehen?«
fragte sie den Kellner.
»Heute abend? Vielleicht ins Theater,
Signora.«
»Gibt es da noch Plätze?«
»Wahrscheinlich. Im Theater gibt es
immer noch Plätze.«
»Wie kommt man zum Theater?«
191
begann … zu Der Kellner begann ihr den Weg zu
beschreiben — beschreiben191.
начал описывать
beginnen + zu »Kann man keine Gondel nehmen?«
+ Infinitiv
fragte sie.
»Auch das. Früher hat man es immer
getan. Jetzt nicht mehr. Das Theater hat
zwei Eingänge. Es ist nicht weit zu gehen.«
Lillian nahm eine Gondel beim Palazzo
Ducale. Der Kellner hatte recht gehabt,

162
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
außer ihr kam nur noch eine zweite Gondel
an. »Eine Frau sollte in Venedig nicht allein
sein«, sagte der Gondoliere, während er ihr
beim Aussteigen half.
»Eine junge Frau noch weniger. Eine
schöne nie.«
Lillian kam gerade zurecht, als der Vor-
hang aufging. Ein Spiel aus dem achtzehn-
192
wurde gespielt —
ten Jahrhundert wurde gespielt192. Es war была сыграна
das schönste Theater der Welt. Passiv

Sie blickte auf die Bühne. Sie verstand


nicht viel Italienisch. Das Gefühl von Ein-
samkeit und Schwermut, das sie schon in
Rom gehabt hatte, ergriff sie wieder. Es
war nichts Ernstes, was auf der Bühne vor
sich ging, das konnte man sehen  — eine
Komödie. Sie sah die dunklen Flecken in
ihrem Taschentuch.
Sie blieb einen Augenblick sitzen und 193
Sie mußte
hinausgehen, aber sie
versuchte, es zu unterdrücken; aber das wußte nicht, ob sie es
allein konnte. — Ей
Blut kam wieder. Sie mußte hinausgehen, нужно было выйти,
aber sie wußte nicht, ob sie es allein но она не знала,
сможет ли она сде-
konnte193. лать это одна.
Verzweifelt suchte sie nach dem italie-
nischen Wort für Hilfe. Es fiel ihr nicht
ein. »Misericordia*«, murmelte sie schließ-
lich.
*
ит. милосердие, пощада

163
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Die Frau blickte erstaunt auf. »Are you
sick?*«
Lillian nickte.
»Mario, darling, help the lady.« sagte
die blonde ältere Frau.
Mario erhob sich. Er stützte Lillian. Er
nahm ihren Arm und brachte sie hinaus.
Mario öffnete die Tür zum Foyer und starr-
te Lillian an. Vor ihm stand plötzlich eine
sehr blasse Frau in einem weißen Kleid,
der das Blut zwischen den Fingern auf die
Brust tropfte.
»But, Signora, you are really sick«,
sagte er fassungslos. »Shall I take you to
a hospital?**«
Lillian schüttelte den Kopf. »Hotel Da-
nieli. Taxi  — bitte —«
»Aber Signora, in Venedig gibt es kein
Taxi! Nur eine Gondel! Sie müssen in eine
Klinik.«
»Nein, nein! Ein Boot. Zum Hotel. Dort
ist sicher ein Arzt.«
Der Gondoliere starrte. »Erschossen?«
»Frag nicht! Fahr zu! Rasch!«
»Wir sind gleich da«, sagte Mario.
Sie lag auf den hinteren Sitzen.
*
англ. Вы больны?
**
англ. Мне отвезти Вас в больницу?

164
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Könnten Sie noch zwei Minuten durch-
halten? Wir sind gleich da.« Mario half ihr
aus dem Boot. »Für mich. Einen Arzt!
Sofort.«
Mario brachte sie durch die Halle. Es
waren nicht viele Leute da. Ein Tisch mit
Amerikanern starrte sie an. Irgendwo sah
sie ein Gesicht, das sie kannte, aber sie
konnte sich nicht erinnern.
»Nicht sprechen, Madame«, sagte Mario.
Er war ein Schutzengel mit einer Stimme
aus Samt. »Der Arzt kommt sofort. Doktor
Pisani. Er ist sehr gut. Nicht sprechen!
Bring Eisstücke.«
Sie lag eine Woche in ihrem Zimmer.
Die Fenster waren offen, so warm war es
bereits. Sie hatte Clerfayt nicht benach-
richtigt. Sie wollte nicht, daß er sie krank
fände. Sie wollte ihn auch nicht an ihrem
Bett sehen. Dies war ihre Sache; ihre allein.
Sie schlief und dämmerte durch die Tage.
Der Arzt kam ab und zu, und Mario kam.
Nichts war sehr gefährlich, und war nur
eine kleinere Blutung, der Arzt verstand
sie, und Mario brachte ihr Blumen und
erzählte ihr von seinem schweren Leben
mit älteren Damen. Wenn er nur einmal
eine reiche, junge fände, die ihn verstän-

165
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
194
Wenn er nur de194. Er meinte nicht Lillian. Er war völ-
einmal eine reiche,
junge fände, die ihn lig offen.
verstände. — Если
бы он только
»Was willst du später tun, Mario? Eine
однажды нашел von deinen älteren Damen heiraten?«
богатую, молодую,
которая понимала Mario schüttelte ernsthaft den Kopf.
бы его.
Konjunktiv »Ich spare. Wenn ich genug habe in ein
paar Jahren, mache ich eine kleine, elegan-
te Bar auf. Ich habe eine Verlobte in Padua,
die erstklassig kocht. Ihre Fettucini!« Ma-
rio küßte seine Fingerspitzen. »Kommst du
mit deinen Bekannten?«
»Ich komme«, sagte Lillian.
Mario brachte ihr einen Rosenkranz, der
vom Papst geweiht war, und ein gemaltes
venezianisches Kästchen für Briefe.
»Ich kann dir nichts zurückgeben, Ma-
rio«, sagte sie.
»Ich will auch nichts zurückhaben. Es
ist gut, etwas schenken zu können, anstatt
195
anstatt immer von immer von Geschenken leben zu müssen195.«
Geschenken leben zu
müssen — вместо Das Gesicht, das Lillian in der Halle
того, чтобы всегда
жить подарками
des Hotels gesehen hatte, als Mario sie
hereinbrachte, war das des Vicomte de
Peystre gewesen. Er hatte sie erkannt und
am nächsten Tage begonnen, ihr Blumen
zu schicken.
»Warum sind Sie im Hotel?« fragte er,
als sie ihn endlich anrief.

166
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich liebe Hotels. Wollen Sie mich in
eine Klinik schicken?«
»Natürlich nicht. Kliniken sind für
Operationen. Ich hasse sie ebenso wie Sie.
Aber ein Haus mit einem Garten, an einem
der stillen Kanäle —«
»Haben Sie auch hier eines? So wie die
Wohnungen in Paris?«
»Es wäre nicht schwer, eins zu finden.«
»Haben Sie eins?«
»Ja«, sagte Peystre.
Lillian lachte. »Sie haben überall Woh-
nungen, und ich will nirgendwo welche
haben. Nehmen Sie mich lieber irgendwohin
zum Essen.«
»Dürfen Sie hinaus?«
»Nein.«
Als sie in die Halle hinunterkam, dach- 196
Wer dem Tod
oft entkommt,
te sie. Wer dem Tod oft entkommt, wird
wird ebenso oft
ebenso oft wiedergeboren und jedes Mal wiedergeboren und
jedes Mal mit tieferer
mit tieferer Dankbarkeit196. Dankbarkeit. — Тот,
Sie blieb überrascht stehen. Das ist es! кто часто избегает
смерти, так же ча-
dachte sie. Das ist das Geheimnis! Mußte сто возрождается, и
каждый раз с более
ich nach Venedig kommen, in dieses zau- глубокой благодар-
berhafte Hotel um es zu finden? ностью.

»Sie lächeln«, sagte Peystre. »Warum?


Weil Sie Ihren Arzt betrügen?«
»Nicht meinen Arzt. Wohin gehen wir?«
»Zur Taverna. Wir fahren von hier.«

167
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Der Seiteneingang des Hotels. Die
schwankende Gondel. »Ich kenne Venedig
nur von meinem Fenster«, sagte Lillian.
»Und von ein paar Stunden am ersten
Abend.«
»Dann kennen Sie es besser als ich. Ich
kenne es seit dreißig Jahren.«
Der Kanal. Die Hotels. Die Terrassen
mit weißgedeckten Tischen und Gläsern.
Das klatschende Wasser. Woher kenne ich
das alles? dachte Lillian. Mußte jetzt nicht
ein Fenster mit Kanarienvogelkäfigen kom-
men?
»Wo liegt die Taverna?« fragte sie.
»Neben dem Theater.«
»Hat sie eine Terrasse?«
»Ja. Waren Sie schon da?«
»Sehr flüchtig. Nicht zum Essen. Ich
bin daran vorbeigekommen.«
»Es ist ein ausgezeichnetes Restaurant.«
Sie hörte das Klappern der Teller und
die Stimmen, bevor sie um die Ecke kamen.
»Sie lachen«, sagte Peystre. »Warum?«
»Sie fragen mich das schon zum zweiten
Mal. Weil ich hungrig bin. Und weil ich
weiß, daß ich etwas zu essen bekommen
werde.«
Der Wirt bediente sie selbst. Er brach-
te Meertiere, frische, gebackene und ge-

168
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
kochte, und einen offenen weißen Wein.
»Warum sind Sie allein hier?« fragte Pey-
stre.
»Aus einer Laune; aber ich fahre zu-
rück.«
»Nach Paris?«
»Nach Paris.«
»Zu Clerfayt?«
»Auch das wissen Sie schon? Ja, zu
Clerfayt.«
197
Sie könnten etwas
»Haben Sie nie das Gefühl, Sie könnten
versäumen? — Вы
etwas versäumen?197« fragte Peystre. могли бы что-
то пропустить?
Lillian sah ihn an und schwieg einen Konjunktiv
Augenblick.
»Was?« fragte sie dann.
»Ein Abenteuer. Eine Überraschung.
Etwas Neues. Etwas, was Sie nicht kennen?«
»Das hatte ich, als ich hierher kam. Ich
hatte das Gefühl, New York, Yokohama,
Tahiti, Apollo, Dionysos, Don Juan und
Buddha zu versäumen;  — ich habe es jetzt
nicht mehr.«
»Seit wann nicht?«
»Seit ein paar Tagen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich gelernt habe, daß man nur
sich selbst versäumen kann.«
»Wo haben Sie das gelernt?«
»An meinem Fenster im Hotel.«

169
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Jetzt frage ich Sie zum dritten Male,
warum Sie lächeln«, sagte Peystre.
»Weil ich atme. Weil ich hier bin, weil
es Abend ist, und weil wir Unsinn reden.«
»Ist es Unsinn?«
»Es ist immer Unsinn. Gibt es hier
Kognak?«
»Es gibt Grappa, alten und sehr guten«,
198
Ich beneide Sie. — sagte Peystre. »Ich beneide Sie.198«
Я завидую Вам.
beneiden Akk. Lillian lachte.
»Sie haben sich verändert«, sagte Pey-
stre. »Sie sind anders als in Paris. Wissen
Sie, was es ist?«
Sie hob die Schultern. »Ich weiß es
nicht. Vielleicht weil ich eine Illusion auf-
gegeben habe  — die, daß man ein Recht
auf das Leben habe.«
»Es scheint, daß ich zu spät gekommen
bin«, sagte Peystre. »Ein paar Stunden oder
ein paar Tage. Wann fahren Sie? Morgen?«
»Übermorgen.«

15
Klerfayt hatte sie in Paris gesucht; dann
dachte er, sie sei ins Sanatorium zurück-
gekehrt.
Er hatte sie in Rom und Paris gesucht
und nirgendwo gefunden. Schließlich be-
schloss er, daß sie ihn verlassen habe. Selbst

170
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Onkel Gaston wusste nicht, wo seine Nich-
te war. Clerfayt hatte versucht, sie zu 199
hatte versucht,
sie zu vergessen und
vergessen und weiterzuleben199. weiterzuleben — пы-
Eine Woche nach seiner Rückkehr traf тался её забыть и
жить дальше
er Lydia Morelli. versuchen + zu
+ Infinitiv
»Hat sie dich verlassen?«
»Und du bist eifersüchtig.«
»Ich bin eifersüchtig; aber du bist un-
glücklich. Das ist ein Unterschied.«
Clerfayt ging mit ihr essen.
»Du solltest heiraten«, sagte sie später.
»Wen?«
»Das weiß ich nicht. Du bist reif.«
»Dich?«
Sie lächelte. »Du hast auch viel zuwenig
Geld für mich. Heirate jemand mit Geld.
Wie lange willst du noch Rennen fahren?
Das ist etwas für junge Männer.«
Clerfayt nickte. »Das weiß ich, Lydia.«
Clerfayt stand auf. »Leb wohl, Lydia.«
»Du kommst doch wieder?«
»Wie lange kennen wir uns schon?«
»Vier Jahre. Soll ich dir ein Geheimnis
verraten? Nichts ist ganz so schlimm und
nichts ganz so gut, wie wir glauben.«
Er fühlte sich scheußlich. Er vermißte
Lillian nicht nur, er vermißte etwas in sich
selbst.

171
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie hat mich isoliert, dachte er irritiert.
200
Ich hätte Lillian Ich hätte Lillian heiraten sollen200, dachte
heiraten sollen —
Мне следовало бы
er. Das war die Lösung! Er fühlte sich
жениться на Ли- plötzlich wie befreit. Er hatte nie daran
лиан
Konjunktiv gedacht, je zu heiraten. Er konnte sich sein
Leben ohne Lillian ohnehin nicht mehr
vorstellen.
Er suchte nicht mehr. Er wußte, daß
es zwecklos war. Er wusste nicht, daß sie
wieder im Hotel Bisson wohnte. Sie wollte
201
Sie wollte nicht, noch einige Tage allein bleiben. Sie wollte
daß Clerfayt sie krank
sähe. — Она не хо- nicht, daß Clerfayt sie krank sähe201. Sie
тела, чтобы Клерфэ schlief viel und ging nicht aus.
увидел ее больной.
Konjunktiv Der erste, den sie wieder aufsuchte, war
Onkel Gaston. Er war überrascht. »Wo
wohnst du jetzt?« fragte er.
»Im Bisson. Nicht teuer, Onkel Gaston.«
»Wenn du so weitermachst, hast du bald
kein Geld mehr. Weißt du, wie lange es
noch reichen wird?«
»Nein. Ich will es auch nicht wissen.«
202
muß mich beeilen
Ich muß mich beeilen zu sterben 202,
zu sterben — должна dachte sie ironisch.
поторопиться уме-
реть »Ich könnte dir ein Zimmer in meiner
sich beeilen + zu
+ Infinitiv
Wohnung freimachen. Du spartest so das
Hotel.«
»Ich werde dich nichts kosten, Onkel
Gaston«, erklärte sie. »Nie! Gib mir Geld.

172
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Und tu nicht so, als sei es dein eigenes203. 203
tu nicht so, als sei
es dein eigenes — не
Es ist meines.« делай так, как будто
они твои собствен-
Gaston schrieb einen Scheck aus. »Und ные
später?« fragte er bitter. »Was wird spä-
ter?«
»Es gibt kein Später«, sagte sie.
Sie ging die nassen Straßen entlang204. 204
die nassen Straßen
entlang — по мо-
Es hatte geregnet, während sie bei Gaston крым улицам
gewesen war, aber jetzt schien die Sonne entlang Akk.

wieder.
Sie nahm einen Hundertfrancs-Schein
und warf ihn in die Seine. Es war eine sehr
kindisch-symbolische Handlung des Prote-
stes, aber das war ihr gleich. Den Scheck
Onkel Gastons warf sie ohnehin nicht weg.
Sie kam zum Hotel. Sie hatte wieder
ein Zimmer im ersten Stock, um nur eine 205
um nur eine Treppe
steigen zu müssen —
Treppe steigen zu müssen205. чтобы только по
одной лестнице
Sie stieg die Treppe langsam hinauf.
подниматься
Sie setzte sich in die Fensterbank, die Füße оборот um…zu

heraufgezogen und gegen den Rahmen ge-


stemmt, den Wein neben sich. Das Leben
war gut so, fand sie, und wollte nicht
weiter nachdenken. Sie blinzelte in die
Sonne. Sie fühlte das Licht. So sah Cler-
fayt sie, als er gegen alle Erwartungen noch
einmal am Bisson vorbeipatrouillierte.
Er riß die Tür auf. »Lillian! Wo warst
du?« rief er.

173
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»In Venedig, Clerfayt.«
»Aber warum?«
»Ich habe dir doch in Sizilien gesagt,
daß ich einmal nach Venedig wolle. Es fiel
mir in Rom wieder ein.«
Er schloß die Tür hinter sich. »In Ve-
nedig also! Warum hast du mir nicht tele-
206
Ich wäre
grafiert? Ich wäre gekommen206. Wie lange
gekommen. — Я бы
приехал. warst du da? Mit wem warst du da? Ich
Konjunktiv
habe dich vermisst! Ich habe mir weiß Gott
was für Gedanken gemacht! Verstehst du
das nicht?«
Lillian kam zu ihm. »Hast du Giuseppe
mitgebracht?«
»Nein.«
»Hol ihn und lass uns zum Bois fahren.«
»Wir können zum Bois fahren«, sagte
Clerfayt und küßte sie. »Aber wir werden
zusammen gehen und zusammen Giuseppe
holen; sonst bist du weg, wenn ich wieder-
komme. Ich riskiere nichts mehr.«
»Hast du mich vermisst?«
»Ab und zu, wenn ich dich nicht haste.
Mit wem warst du in Venedig?«
»Allein.«
Er sah sie an. »Es könnte möglich sein.
Warum hast du mir nichts gesagt?«

174
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie war wieder da, dachte er, und eine
tiefe, ungekannte und aufregende Ruhe
erfüllte ihn.
»Ich wollte nicht so lange in Venedig
bleiben, Clerfayt«, sagte sie. »Nur ein paar
Tage.«
»Und warum bist du länger geblieben?«
»Ich fühlte mich nicht wohl.«
»Was hattest du?«
»Eine Erkältung.«
Sie sah, daß er ihr nicht glaubte. Sie
lehnte sich an ihn. Clerfayt hielt sie fest.
»Und wann gehst du wieder weg?« fragte
er.
»Ich gehe nicht weg, Clerfayt. Ich bin
nur manchmal nicht da.«
Clerfayt hob sie vorsichtig hoch. »Ich
will jetzt weder Giuseppe holen noch zum
Bois fahren.«

16
»Mit einem Wort: Du willst mich ein-
sperren«, sagte Lillian und lachte.
Clerfayt lachte nicht. »Ich will dich
207
Ich will dich
nicht einsperren. Ich will dich heiraten207.« heiraten. — Я хочу
»Warum?« на тебе жениться.
heiraten Akk.
»Damit du nicht wieder eines Tages ohne
Spur verschwindest.«

175
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Glaubst du, daß Heiraten sicherer sei,
um wiederzukommen?«
»Um dazubleiben. Du hast nur noch
wenig Geld.«
»Du hast doch selbst nichts, Clerfayt.«
»Wir haben genug für dieses Jahr.«
»Gut, dann lass uns warten bis zum
nächsten Jahr.«
»Warum warten?«
»Damit du siehst, daß es Unsinn ist.«
»In einigen Monaten. Im Herbst. Spä-
testens Ende des Jahres verkaufe ich das
Auto.«
Sie begann ihr Haar zu kämmen. »Ich
208
Ich werde bald zu werde bald zu alt sein, um Rennen zu ge-
alt sein, um Rennen zu
winnen208«, sagte Clerfayt. »Ich will mein
gewinnen. — Я ско-
ро стану слишком Leben ändern.«
старым, чтобы вы-
игрывать гонки. Warum wollen sie immer ihr Leben än-
dern? dachte Lillian. Warum wollen sie das
ändern, womit sie eine Frau gewonnen
haben? Fällt ihnen nie ein, daß sie dadurch
die Frau wahrscheinlich verlieren werden?
Sogar Mario wollte am letzten Tag sein
Dasein als Gigolo aufgeben und mit mir
ein ehrbares Leben beginnen.
»Ich habe manchmal darüber nachge-
dacht, ob Menschen wie wir heiraten sollen«,
sagte sie.

176
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Lillian«, sagte Clerfayt ruhig. »Ich will
dich behalten. Solange ich kann.«
»So behält man jemand nicht.«
»Ich will nicht so weiterleben wie bisher.
Ich liebe dich, und ich will mit dir leben.«
»Ach, Clerfayt! Was sind das für Dumm-
heiten! Ich bin doch krank, Clerfayt«, sag-
te sie schließlich zögernd.
»Das ist ein Grund mehr, nicht allein
zu sein.«
Sie schwieg. »Wollen wir jetzt Giuseppe
holen?« fragte sie.
»Ich kann ihn holen. Willst du hier
warten?«
»Ja.«
»Wann willst du an die Riviera fahren?«
»Bald. Ich habe an der Riviera ein häs-
sliches, kleines Haus.«
»Kannst du es nicht verkaufen?«
»Sieh es dir erst einmal an.«
»Gut«, sagte sie, plötzlich ungeduldig.
»Schick meine Koffer herüber, wenn du
zum Hotel kommst.«
»Ich werde sie mitbringen.«
Er ging. Sie blieb sitzen.
Sie begann zu lachen. Clerfayt war kein
Verlorener mehr; er hatte plötzlich eine
Zukunft. Bin ich deshalb zu ihm zurück-
gekommen, dachte sie und fühlte, daß sie

177
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
leicht und lautlos weinte;  — aber sie war
nicht unglücklich. Sie hätte nur alles ger-
209
Sie hätte nur alles
gerne etwas länger
ne etwas länger gehalten209.
gehalten. — Ей бы Clerfayt erschien mit den Koffern.
только хотелось,
чтобы все длилось »Kann ich dir nicht ein paar Kleider
чуть дольше. schenken?« fragte Clerfayt. »Ich bin im
Konjunktiv
Augenblick ziemlich reich.«
»Gut, schenke mir eins. Wohin gehen
wir heute abend? Kann man schon im Bois
sitzen?«
»Wenn man Mäntel mitnimmt. Sonst
ist es noch zu kühl.«
»Wann fährst du wieder ab?«
»Woher weißt du, daß ich wieder ab-
fahren muß? Folgst du dem Rennkalender?«
210
Aber bei uns weiß
man nie, wer wen
»Nein. Aber bei uns weiß man nie, wer
verläßt. — Но у нас wen verläßt.210«
никогда не знаешь,
кто кого оставляет. »Ich fahre nach Rom. Und dann zum
verlassen Akk.
Tausend-Meilen-Rennen durch Italien. In
einer Woche. Du kannst nicht mitkommen.
Man fährt und fährt, weiter nichts.«
»Wirst du gewinnen?«
»Torriani und ich fahren nur als drittes
Team. Für den Fall, daß etwas passiert.
Kann ich hier bleiben, während du dich
anziehst?« Lillian nickte.
»Ist noch Wein da?«
Clerfayt brachte ihr ein Glas. Sie legte
den Arm um seinen Nacken. »Es ist son-

178
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
derbar«, murmelte sie, »aber solange man
nicht vergisst, daß man fällt und fällt, ist
nichts verloren. Das Leben scheint Parado-
xe zu lieben,  — wenn man glaubt, man sei
ganz sicher, ist man immer lächerlich und
kurz vor dem Absturz —, aber wenn man
weiß, daß man verloren ist, überschüttet
es einen mit Geschenken.«
Clerfayt setzte sich neben sie. »Woher
weißt du das alles?«
Lillian lachte. Clerfayt war wieder so
wie früher.
»Weiß du, was ich möchte?« fragte sie.
»Zehn Leben auf einmal leben.«
»Wozu? Es würde doch immer nur eines
sein.«
Sie standen am Fenster. »Wo wollen wir
essen?«
211
Sie gingen die
Sie gingen die Treppe hinunter211. Er Treppe hinunter. —
versteht nicht, was ich meine, dachte Li- Они спустились по
лестнице.
llian. Immerhin  — ich werde nie eine die Treppe hinunter
gehen
achtzigjährige Greisin werden  — ich wer-
de jung im Gedächtnis meines Geliebten
bleiben und dadurch stärker sein als alle
Frauen nach mir, die länger leben und
212
älter werden als ich. Worüber lachst
du? — Над чем ты
»Worüber lachst du?212« fragte Clerfayt смеёшься?
lachen über Akk.
auf der Treppe. »Über mich?«

179
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Über mich«, sagte Lillian. »Aber frag
mich nicht, warum  — du wirst es schon
zur Zeit herausfinden.«
Er brachte sie zwei Stunden später zu-
rück. »Genug für heute«, sagte er lächelnd.
»Du brauchst Schlaf.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Schlaf?«
»Ruhe. Du hast mir erzählt, daß du
krank warst.«
»Meinst du das wirklich?« fragte sie
dann. »Sag mir nicht noch, daß ich müde
aussehe. Gute Nacht, Clerfayt.«
Er hielt sie fest. »Versteh mich doch,
Lillian! Ich will nicht, daß du dir zuviel
zumutest und morgen einen Rückfall hast.«
»Du warst nicht so vorsichtig im Sana-
torium.«
»Damals glaubte ich, ich würde in ein
paar Tagen abfahren und dich nie wieder
sehen.«
»Und jetzt?«
213
Jetzt opfere ich ein »Jetzt opfere ich ein paar Stunden, weil
paar Stunden, weil ich
dich so lange behalten ich dich so lange behalten will, wie ich
will, wie ich kann. —
Теперь я жертвую
kann.213«
несколькими часа- »Praktisch!« sagte Lillian böse. »Gute
ми, потому что хочу
держать тебя так Nacht, Clerfayt.«
долго, как могу. Er sah sie scharf an. »Bringen Sie eine
Flasche Vouvray nach oben«, sagte er dann
zu dem Nachtportier.

180
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Sehr wohl, mein Herr.«
»Komm!« Clerfayt nahm Lillians Arm.
»Ich bringe dich hinauf.«
»Weißt du. Du hast recht, Clerfayt. Es
ist ausgezeichnet, wenn du früh schlafen
gehst; du mußt dich ausruhen für dein
nächstes Rennen.«
Er starrte sie ärgerlich an. Der Portier
kam mit der Flasche und zwei Gläsern.
»Wir brauchen den Wein nicht«, sagte
Clerfayt.
»Doch, ich brauche ihn.« Lillian nahm
die Flasche, schob sie unter den Arm und
nahm ein Glas. »Gute Nacht, Clerfayt.«
Sie winkte mit dem Glas und ging die
Treppe hinauf. Er blieb stehen, bis er sie
nicht mehr sah.
Er ging den Quai des Grands-Augustins
entlang bis zum Restaurant La Périgour-
dine. Clerfayt überquerte die Straße und
ging langsam zurück, an den geschlossenen
Kästen der Buchhändler entlang.
Lillians Fenster waren hell; aber die
Vorhänge waren zugezogen.
Die Fenster geöffnet waren. Clerfayt
wußte, daß er sich falsch benommen hatte,
doch er konnte nichts dagegen tun. Lillian
hatte sehr müde ausgesehen. Was mochte
sie jetzt tun? Packen?

181
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Lillian stellte die Flasche Wein auf den
Boden neben das Bett. Sie hörte Giuseppe
abfahren. Dann zog sie einen Regenmantel
an. Sie wollte nicht zu Bett gehen. Sie ging
die Treppen hinunter.
Sie trat auf die Straße und gelangte,
ohne viel zu erleben, bis zum Boulevard
St.-Michel.
214
deshalb lud sie
einen jungen Mann, Lillian wollte nicht allein sein, deshalb
der sich als Poet lud sie einen jungen Mann, der sich als
vorstellte, zu einem
Glas Wein ein — по- Poet vorstellte, zu einem Glas Wein ein214.
этому она при-
гласила молодого Er bat, die Einladung in ein belegtes Brot
человека, предста- zu ändern. Sie bestellte ihm ein Roastbeef.
вившегося поэтом,
на бокал вина. Der Poet hieß Gérard. Er las ihr nach
dem Essen zwei Gedichte vor. Es waren
Elegien über Tod, Sterben und die Sinnlo-
sigkeit des Lebens. Lillian wurde lustig.
Der Poet war dünn, aber ein guter Esser.
Er aß zwei weitere Roastbeefs. Er begann
das Problem des Selbstmordes zu diskutie-
ren. Er selbst wäre dazu bereit  — morgen
natürlich, nicht heute, nach einem so reich-
lichen Essen. Lillian wurde noch lustiger;
215
zwar dünn, aber Gérard war zwar dünn, aber er sah gesund
er sah gesund genug
aus — хоть и тощий,
genug aus215, um noch fünfzig Jahre zu
но выглядел он до- leben.
статочно здоровым
zwar … aber Clerfayt hockte eine Zeitlang in der
Ritz-Bar herum. Dann beschloß er Lillian

182
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
anzurufen. »Madame ist nicht im Hotel«,
erklärte er, als er Clerfayt erkannte.
»Wo ist sie?«
»Sie ist fortgegangen.«
Clerfayt kalkulierte; sie konnte in so
kurzer Zeit nicht gepackt haben. »Hat sie
Koffer mitgenommen?« fragte er zur Vor-
sicht.
»Nein, mein Herr. Sie hat einen Regen-
mantel angehabt.«
»Gut, danke.«
Er lief zum Wagen. Ich hätte bei ihr 216
Ich hätte bei ihr
bleiben sollen. —
bleiben sollen216, dachte er. Was ist nur Я должен был бы
mit mir los? Wie dumm man wird, wenn остаться с ней.
Konjunktiv
man wirklich liebt! Ich darf sie nicht ver-
lieren!
Clerfayt fuhr langsam den Boulevard
St.-Michel entlang. Lillian hörte Giuseppe
und sah ihn gleich darauf.
»Und der Tod?« fragte sie Gérard.
»Wenn nun der Tod noch trostloser ist als
das Leben?«
»Wer sagt uns«, fragte Gérard, »ob das
Leben nicht eine Strafe ist, die wir erdul-
den müssen für ein Verbrechen, das wir in
217
Sie sah Clerfayt,
einer anderen Welt begangen haben?« der sie nicht
Giuseppe kam zum zweiten Mal vorbei; bemerkte. — Она
посмотрела на
diesmal von der Place Edmond-Rostand her. Клерфэ, который не
заметил ее.
Sie sah Clerfayt, der sie nicht bemerkte217.

183
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
218
Was wäre das »Was wäre das Höchste, was Sie vom
Höchste, was Sie
vom Leben verlangen Leben verlangen würden, wenn Ihre Wün-
würden, wenn Ihre
Wünsche erfüllt sche erfüllt werden könnten?218« fragte sie
werden könnten? —
Gérard.
Что было бы наи-
высшим, чего бы »Nur noch einen Zuhörer wie Sie!« er-
Вы требовали от
жизни, если бы klärte Gérard. »Für immer. Sie verstehen
Ваши желания
могли быть испол- mich.«
нены? Clerfayt war von hinten zu Fuß heran-
Konjunktiv
gekommen und betrachtete Gérard missbil-
ligend. »Scheren Sie sich weg«, sagte Gérard
zu ihm. »Sehen Sie nicht, daß wir beschäf-
tigt sind? Wir werden, weiß Gott, genug
gestört.«
»Es ist schön hier«, sagte er zu Lillian.
»Warum sind wir nicht schon öfter hierher
gekommen?«
»Und wer sind Sie, ungebetener* Frem-
der?« fragte Gérard, immer noch sicher,
daß Clerfayt einen Trick versuchte, mit
Lillian bekannt zu werden.
»Der Direktor der Irrenanstalt** von
St.-Germain-des-Prés, mein Sohn, und die-
se Dame ist eine unserer Patientinnen. Sie
hat heute Ausgang. Ist etwas passiert? Bin
ich schon zu spät gekommen? Kellner, neh-
*
Незваный
**
Психиатрическая больница

184
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
men Sie das Messer hier weg! Die Gabel
auch!«
»Wirklich?« flüsterte er.
»Sie können ruhig laut sprechen«, un-
terbrach Clerfayt ihn. »Sie liebt ihre Si-
tuation. Sie untersteht keinem Gesetz.
219
Selbst wenn sie
Selbst wenn sie mordete, würde sie freige- mordete, würde sie
sprochen.219« freigesprochen. —
Даже если бы она
Lillian lachte. »Es ist umgekehrt«, sag- убила, ее бы оправ-
дали.
te sie zu Gérard. »Er ist mein früherer Konjunktiv
Mann. Entlaufen aus der Anstalt*. Typisch
ist, daß er mich beschuldigt.«
Der Poet war kein Narr. Außerdem war
er Franzose. Er sah jetzt klar und erhob
sich mit einem zauberhaften Lächeln. »Man-
che gehen zu spät, und manche gehen zu
früh«, erklärte er. »Geh zur rechten Zeit —
also sprach Zarathustra. Morgen, Madame,
wird ein Gedicht für Sie hier beim Kellner
liegen.«
»Es ist schön, daß du gekommen bist«,
sagte Lillian.
220
»Wenn ich nun geschlafen hätte, hätte Wenn ich nun
geschlafen hätte,
ich dies alles versäumt.220« hätte ich dies alles
versäumt. — Если бы
Clerfayt nickte. »Verzeih mir. Aber du я спал сейчас, я бы
пропустил все это.
bist manchmal etwas zu schnell für mich. Konjunktiv
*
Лечебница

185
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Du tust in Stunden, wozu andere Jahre
brauchen.«
»Ich muß es tun, Clerfayt«, sagte sie.
»Ich habe so viel nachzuholen. Deshalb bin
ich auch so oberflächlich. Für die Weisheit
ist später noch genug Zeit.«
Er nahm ihre Hand und küßte sie. »Ich
bin ein Idiot. Und ich werde es täglich
mehr. Aber ich habe nichts dagegen. Es
gefällt mir. Wenn du nur da bist. Ich liebe
dich sehr.«
Ein scharfer, schneller Streit entstand
plötzlich vor dem Café.
»Komm«, sagte Lillian. »In meinem
Zimmer ist noch Wein.«

17
»Und wann schicken Sie sie?« fragte
Lillian.
Die Verkäuferin bei Balenciaga lächelte.
»So bald wie möglich.«
»In einer Woche?«
»In zwei Wochen. Es sind schwierige
Kleider. Wir können sie nicht schneller
machen. Wir fangen heute an.« Die Ver-
käuferin trug die Maße ein. »Sie sind etwas
dünner geworden, Madame.«

186
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Das ist wahr. Ich kann tun, was ich
will, ich nehme nicht zu.«
»Welch ein Glück!«
»Ja«, sagte Lillian. »Für manche Leu- 221
Für manche Leute
wäre das wirklich ein
te wäre das wirklich ein Glück.221« Glück. — Для не-
Sie trat auf die Avenue George-V. hin- которых людей это
было бы действи-
aus. Sie blieb einen Augenblick stehen und тельно счастьем.
Konjunktiv
dachte über die Kleider nach, die sie bestellt
hatte. Sie hatte eigentlich überhaupt keine
mehr kaufen wollen, weil sie geglaubt hat-
te, für ihr Leben genug zu haben. Aber
Clerfayt wollte ihr ein schenken, und dann
hatte sie schließlich noch das für Venedig
dazu genommen. Anfangs hatte sie ein
dramatisches haben wollen, aber dann war
es das einfachste von allen geworden, die
sie besaß. Dramatisch wurde dafür das, was
Clerfayt ihr geschenkt hatte  — es war ein
einziger Protest gegen Toulouse und das,
was sie sich darunter vorstellte.
Sie lächelte sich im Spiegel eines Schau-
fensters zu. 222
daß man all
Sie wußte, daß man all das, womit sie das, womit sie sich
tröstete, ziemlich
sich tröstete, ziemlich billige Tricks wa- billige Tricks
ren222. Sie kaufte ihre Kleider und empfand waren. — что все,
чем она себя утеша-
dabei denselben Trost wie ein anderer mit ла, было довольно
aller Philosophie der Welt, genauso wie sie дешевыми улов-
ками.
ihre Liebe zu Clerfayt und zum Leben be-
wußt miteinander verwechselte.

187
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie traf den Vicomte de Peystre, als sie
bei Fouquet in die Champs-Elysées einbog.
Er stutzte, als er sie sah.
»Wie glücklich Sie aussehen!« sagte er.
»Sind Sie verliebt?«
»Ja. In ein Kleid.«
»Wie vernünftig!« sagte Peystre. »Eine
Liebe ohne Angst und ohne Schwierigkeiten!«
»Also keine!«
»Ein Teil der einzigen Liebe, die Sinn
hat: der zu sich selbst.«
Lillian lachte. »Die nennen Sie ohne
Angst und Schwierigkeiten? Sind Sie aus
Gusseisen oder aus Schwammgummi?«
»Keines von beiden. Wollen Sie einen
Kaffee mit mir hier auf der Terrasse trin-
ken? Oder einen Cocktail?«
»Einen Kaffee.«
Sie bekamen einen Tisch in der späten
Sonne. »Es ist zu gewissen Zeiten fast
dasselbe«, sagte Peystre, »in der Sonne zu
sitzen oder über die Liebe zu reden oder
über das Leben  — oder über nichts. Zum
Beispiel zu dieser Stunde. Wohnen Sie noch
in dem kleinen Hotel an der Seine?«
»Ja.«

188
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Der Kellner brachte einen Sherry für
Peystre und ein Kännchen Kaffee für Lil-
lian. »Wollen Sie nicht lieber einen Aperi-
tif?«
»Nein. Wie spät ist es?«
»Fünf Uhr«, erwiderte Peystre verwun-
dert. »Trinken Sie nach der Uhr?«
»Nur heute.« Lillian winkte dem Ober-
kellner.
»Haben Sie schon etwas gehört, Mon-
sieur Lambert?«
»Natürlich!« sagte der Oberkellner auf-
geregt. »Monsieur Clerfayt fährt mit Mon-
sieur Torriani. Clerfayt fährt; Torriani ist
dabei als Mechaniker. Es ist ein Sportwa-
genrennen. Soll ich das Radio holen? Ich
habe es hier.«
»Ja, holen Sie es.«
»Ist Clerfayt in Rom?« fragte Peystre.
»Nein. In Brescia.«
»Ich verstehe nichts von Rennen. Was
ist es für eines?«
»Das Tausend-Meilen-Rennen von Brescia
durch ganz Italien, zurück nach Brescia.«
Der Oberkellner kam mit einem tragba-
ren Radioapparat. Er war ein Rennfanati-
ker und verfolgte das Rennen seit Stunden.
»Fünf Uhr  — jetzt kommen die Nachrich-
ten.«

189
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Er drehte an den Knöpfen. Das Radio
begann zu krächzen. »Wir bringen Ihnen
jetzt eine Übertragung aus Brescia«, begann
er mit leidenschaftlicher Stimme. »Ein Teil
223
Ein Teil der
Kämpfer ist bereits der Kämpfer ist bereits auf den Weg ge-
auf den Weg geschickt schickt worden223. Der Marktplatz steht so
worden. — Часть со-
перников уже была voll von Menschen, daß sie sich kaum be-
отправлена в путь.
Passiv
wegen können —«
Auf der Terrasse war es still geworden.
Neugierige kamen heran.
»Wer führt?«
»Es ist zu früh, etwas zu sagen«, er-
klärte der Oberkellner mit Autorität. »Die
schnellen Wagen starten erst jetzt.«
»Wieviel Wagen sind im Rennen?« frag-
te Peystre.
»Fast fünfhundert.«
»Guter Gott!« sagte jemand. »Und für
wie lange?«
»Für über sechzehnhundert Kilometer,
mein Herr. Bei gutem Durchschnitt fünf-
zehn bis sechzehn Stunden. Vielleicht auch
weniger. Aber es regnet in Italien. Über
Brescia tobt ein Gewitter.«
Die Übertragung war zu Ende. Der
Oberkellner trug seinen Apparat zurück ins
Restaurant. Lillian lehnte sich zurück. »Es
regnet in Brescia«, sagte sie. »Wo liegt
Brescia eigentlich?«

190
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Zwischen Mailand und Verona«, erwi-
derte Peystre.
»Wollen Sie heute abend mit mir essen?«
»Noch fünf Minuten«, sagte Torriani.
Clerfayt hockte hinter dem Steuer. Er
war nicht sehr gespannt. Er wußte, daß er
keine Chancen hatte; aber bei einem Rennen
gab es immer Überraschungen, und bei
einem langen Rennen gab es viele Zufälle.
Er dachte an Lillian und die Targa Flo-
rio. Damals hatte er sie vergessen gehabt 224
Damals hatte er sie
vergessen gehabt und
und sie gehasst, weil er während des Ren- sie gehasst, weil er
nens plötzlich wieder an sie gedacht und während des Rennens
plötzlich wieder an sie
sie ihn gestört hatte224. Das Rennen war gedacht und sie ihn
gestört hatte. —
wichtiger gewesen als sie. Jetzt war es Тогда он забыл о
ней и ненавидел ее
anders.
за то, что во время
»Hast du Lillian telegrafiert?« гонки вдруг снова
подумал о ней, и
»Ja«, erwiderte Torriani. »Noch zwei она беспокоила его.
Plusquamperfekt
Minuten.«
Clerfayt nickte. Der Wagen rollte lang-
sam vom Marktplatz der Viale Venezia zu
und stoppte. Niemand stand mehr vor ihnen.
Der Mann mit der Stoppuhr war von jetzt
an für mehr als einen halben Tag und eine
halbe Nacht das Wichtigste auf der Welt
für sie. Er sollte es sein, dachte Clerfayt;
aber er ist es nicht mehr. Ich denke zuviel
an Lillian. Ich sollte Torriani fahren lassen,

191
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
aber jetzt ist es zu spät. »Zwanzig Sekun-
den«, sagte Torriani.
»Gott sei Dank! Los, zum Teufel!«
Der Starter winkte, und der Wagen
schoß davon. Schreie flogen ihm nach.
»Clerfayt«, rief der Ansager, »mit Torria-
ni als Mechaniker ist gestartet.«
Lillian kam ins Hotel zurück. Sie fühl-
te, daß sie Fieber hatte, aber sie beschloß,
es zu ignorieren. Sie hatte es oft, manchmal
nur einen Grad, manchmal mehr, und sie
wußte, was es bedeutete. Sie blickte in den
Spiegel.
Als sie vom Spiegel zurücktrat, sah sie
die beiden Telegramme auf dem Tisch.
Clerfayt, dachte sie mit einem Herzschlag
von Panik. Aber was konnte schon so schnell
passiert sein? Sie wartete eine Weile und
starrte die kleinen, gefalteten und verkleb-
ten Papiere an. Vorsichtig nahm sie dann
das erste hoch und öffnete es. Es war von
Clerfayt. »Wir starten in fünfzehn Minuten.
Sintflut. Fliege nicht fort, Flamingo.« Sie
legte das Papier neben sich. Nach einer
Weile öffnete sie das zweite. Sie hatte noch
mehr Angst als vorher, aber es war ebenfalls
von Clerfayt. Warum tut er das? dachte
sie. Weiß er nicht, daß jedes Telegramm in
solcher Zeit Angst macht?

192
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie öffnete ihren Schrank, um ein Kleid
für den Abend herauszusuchen. Es klopfte.
Der Hausknecht stand draußen. »Hier ist
das Radio, Mademoiselle. Sie bekommen
Rom und Mailand leicht damit.«
»Hier ist noch ein Telegramm.«
Wie viele wird er denn noch schicken?
dachte sie. Am besten wäre es, wenn er 225
Am besten wäre
es, wenn er einen
einen Detektiv in das Zimmer nebenan Detektiv in das
setzen würde, um mich zu kontrollieren225. Zimmer nebenan
setzen würde, um mich
Sie suchte ein Kleid aus. Es war das, das zu kontrollieren. —
Лучше всего было
sie in Venedig getragen hatte. Er war ge- бы, если бы он по-
reinigt worden und hatte keine Flecken ставил детектива в
соседней комнате,
mehr. Sie glaubte seitdem, es bringe Glück. чтобы контролиро-
вать меня.
Sie hielt es fest in der Hand, während sie Konjunktiv
das letzte Telegramm öffnete. Es war nicht
von Clerfayt; aber es enthielt Glückwünsche
für Clerfayt. Hollmann. Es kam vom Sa-
natorium Bella Vista.
Es war die erste Nachricht, die sie je
vom Sanatorium erhalten hatte. Sie hatte
auch selbst nie geschrieben. Sie hatte es
nicht gewollt.
Sie saß lang still. Dann drehte sie die
Knöpfe des Radios; es war die Zeit der
Nachrichten. »Florenz«, meldete die Stim-
me am Radio triumphierend und begann
Zeiten aufzuzählen. »Wenn die führenden

193
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Wagen so weiterfahren, werden sie in neu-
er Rekordzeit wieder in Brescia sein!«
In Brescia, dachte Lillian. Zurück in
der kleinen Provinzstadt mit Garagen, Ca-
fés und Läden, von der sie aufgebrochen
waren. Von Brescia nach Brescia!
Sie stellte das Radio ab und ging zum
Fenster. Von Brescia nach Brescia! Gab es
ein stärkeres Symbol der Sinnlosigkeit?
Was habe ich nur getan? dachte sie. Und
was tue ich? Sie begann sich anzuziehen
für den Abend. Das Telegramm lag noch
auf dem Tisch. Im Licht der Lampen schien
es heller zu sein als alles andere im Zimmer.
Sie blickte von Zeit zu Zeit darauf. Was
tun sie jetzt da oben? dachte sie und begann
sich zum ersten Male zu erinnern. Was
taten sie, während Clerfayt über die dunk-
len Straßen vor Florenz seinen Scheinwer-
fern nachraste? Sie zögerte noch eine
Weile  — dann nahm sie das Telefon auf
und sagte die Nummer des Sanatoriums.
»Siena kommt!« schrie Torriani. »Tan-
ken, Reifen wechseln.«
»Wann?«
»In fünf Minuten. Der verdammte Re-
gen!«

194
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Clerfayt verzog das Gesicht. »Wir haben
ihn nicht allein. Die andern auch. Paß auf,
wo das Depot ist!« Die Häuser mehrten
sich. Die Scheinwerfer rissen sie aus dem
klatschenden Dunkel. Überall standen Men-
schen in Regenmänteln und mit Schirmen.
»Das Depot!« schrie Torriani.
Die Bremsen fassten, der Wagen schüt-
telte sich und stand. »Benzin, Wasser, die
Reifen, los!« rief Clerfayts.
Jemand gab ihm ein Glas Zitronenwas-
ser und eine neue Brille. »Wo liegen wir?«
fragte Torriani.
»Glänzend! An achtzehnter Stelle!«
»Wer liegt an erster Stelle?«
»Sacchetti mit zehn Minuten Vorsprung
vor Lotti.«
»Und wir?«
»Neunzehn Minuten Abstand. Habt
keine Sorge  — wer in Rom der erste ist,
gewinnt nie das Rennen. Jeder weiß das!«
»Fertig!« schrien die Monteure.
»Los!«
Der Wagen raste weg. Was Lillian jetzt
tun mag? dachte Clerfayt. Er hatte ein 226
Telegramme
konnten verzögert
Telegramm nach dem Depot erwartet, er werden — телеграм-
wußte nicht warum, aber Telegramme мы могли быть от-
ложены
konnten verzögert werden226, und vielleicht Konjunktiv Passiv mit
Modalverb
lag eines beim nächsten Depot.

195
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

18
Das Gespräch kam sehr rasch.
»Sanatorium Bella Vista.«
Lillian wußte nicht, ob sie die Stimme
kannte. Es konnte sein, daß es immer noch
Fräulein Heger war.
»Herrn Hollmann, bitte«, sagte sie und
fühlte, wie ihr Herz plötzlich schlug.
»Einen Augenblick.«
»Hollmann. Wer ist dort?«
Sie erschrak, so klar war die Stimme.
»Lillian«, flüsterte sie.
»Wer?«
»Lillian Dunkerque.«
Hollmann schwieg einen Augenblick.
»Lillian«, sagte er dann ungläubig. »Wo
sind Sie?«

227
»In Paris. Ihr Telegramm für Clerfayt
Es wurde von
seinem Hotel kam hierher. Es wurde von seinem Hotel
nachgeschickt. —
Она (телеграмма) nachgeschickt227. Ich habe es aus Versehen
была отправлена
из его гостиницы. geöffnet.«
Passiv
»Sie sind nicht in Brescia?«
»Nein«, sagte sie und fühlte einen leich-
ten Schmerz. »Ich bin nicht in Brescia.«
»Wollte Clerfayt es nicht?«
»Nein, er wollte es nicht.«

196
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge

»Ich sitze am Radio!« sagte Hollmann.


»Sie auch, natürlich!«
»Ja, Hollmann.«
»Er fährt großartig. Das Rennen ist
noch ganz offen. Ich kenne ihn; er wartet
ab. Er läßt die andern ihre Maschinen ka-
puttfahren. Er wird nicht vor Mitternacht
aufdrehen; vielleicht sogar noch etwas
später — nein, um Mitternacht, denke ich.
Es ist ein Rennen gegen die Uhr, das wis-
sen Sie. Er weiß nie selbst, wo er liegt. Es
ist ein Rennen ins Ungewisse  — verstehen
Sie mich, Lillian?«
»Ja, Hollmann. Ein Rennen ins Unge-
wisse. Wie geht es Ihnen?«
»Gut. Die Zeiten sind phantastisch.«
»Ja, Hollmann. Es geht Ihnen gut?«
»Sehr gut. Viel besser, Lillian. Welche
Station hören Sie? Nehmen Sie Rom.«
»Ich habe Rom. Ich freue mich, daß es
Ihnen besser geht.«
»Und Sie, Lillian?«
»Sehr gut. Und —«
»Es ist vielleicht richtig, daß Sie nicht
in Brescia sind, es regnet da. Wie geht es
Ihnen, Lillian?«
Sie wußte, was er meinte. »Gut«, sagte
sie. »Wie ist alles oben?«

197
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»So wie immer. In den paar Monaten
hat sich wenig geändert.«
In den paar Monaten, dachte sie. Waren
es nicht Jahre?
»Und wie geht es —« sie zögerte, aber
228
daß sie nur sie wußte plötzlich, daß sie nur deswegen
deswegen angerufen
hatte — что она angerufen hatte228, »— wie geht es Boris?«
только поэтому по-
звонила
»Wem?«
Plusquamperfekt
229
»Boris.«
Man sieht ihn
wenig. — Его мало »Boris Wolkow? Man sieht ihn wenig229.
видно.
Er kommt nicht mehr ins Sanatorium. Ich
glaube, es geht ihm gut.«
»Haben Sie ihn irgendwann gesehen?«
»Ja, natürlich. Es ist allerdings schon
zwei, drei Wochen her. Er ging mit seinem
Hund spazieren. Wir haben nicht mitein-
ander gesprochen. Wie ist es da unten? So,
wie Sie es sich gedacht haben?«
»Ungefähr so«, sagte Lillian. »Es kommt
wohl immer darauf an, was man daraus
macht. Liegt noch Schnee oben?«
Hollmann lachte. »Der ist weg. Die
Wiesen sind am Blühen. Lillian —«, er
machte eine Pause, »— ich werde in ein
paar Wochen hier herauskommen. Es ist
kein Schwindel. Der Dalai Lama hat es mir
gesagt.«
Lillian glaubte es nicht. Man hatte es
ihr vor Jahren auch gesagt. »Das ist wun-

198
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
derbar«, sagte sie. »Dann sehen wir uns
hier wieder. Soll ich es Clerfayt sagen?«
230
ich bin darin
»Lieber noch nicht; ich bin darin aber- abergläubisch — я
gläubisch230. Da  — jetzt kommen die neu- суеверен в этом
abergläubisch in
en Nachrichten! Sie müssen sie ja auch etwas sein
hören! Auf Wiedersehn, Lillian!«
»Auf Wiedersehen, Hollmann.«
Sie legte den Hörer und merkte, daß sie
weinte. Wie töricht ich bin! dachte sie und
stand auf. Man muß für alles bezahlen.
231
Glaubte ich denn,
Glaubte ich denn, ich hätte es schon ge-
ich hätte es schon
tan?231 getan? — Неужели
я думала, что уже
Sie saß mit Peystre. Er lächelte. »Möch- сделала это?
ten Sie jetzt wieder die letzten Nachrichten
über das Rennen in Italien hören?«
»Hier? Im Maxim?«
»Warum nicht? Albert, der Meister
dieses Platzes, hat ganz andere Wünsche
erfüllen können, wenn er wollte.«
Das Orchester begann, der Tradition
gemäß, Melodien aus der ›Lustigen Witwe‹
zu spielen. Die Kellner räumten den Tisch
ab. Albert strich vorbei und dirigierte eine
Flasche Kognak.
Lillian nahm ihr Glas, ohne es in der
Hand zu wärmen oder seinen Duft einzu-
atmen, und trank es herunter. Peystre
lachte. Albert, aus einer Ecke, schickte ein
Lächeln herüber.

199
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Lillian verachtete ihn nicht; sie fand
ihn im Gegenteil angenehm und hatte ihm
aufmerksam zugehört. Er verkörperte für
sie die andere Seite des Daseins. Wann
hatte sie das alles schon einmal ähnlich
gehört? Bei Levalli in Sizilien natürlich.
Man brauchte Geld und ein kleines Herz,
um so zu leben. Man fuhr nicht von Bres-
cia nach Brescia. Man blieb in Brescia.
»Ich muß gehen«, sagte sie.
»Wie oft Sie das sagen«, erklärte Pey-
stre. »Ist es Ihr Lieblingswort?«
232
Wenn Sie wüssten, Sie sah ihn an. »Wenn Sie wüssten, wie
wie gern ich bleiben gern ich bleiben würde232«, sagte sie dann
würde. — Если бы
Вы знали, как я langsam.
хотела бы остаться.
Konjunktiv
»Bleiben! Alles andere ist Lüge und der
Mut der Angst.«
Sie ließ sich vor ihrem Hotel absetzen.
233
ihr entgegen — ей
Der Nachtportier kam ihr aufgeregt entge-
навстречу
entgegen Dat. gen 233. »Herr Clerfayt liegt an zwölfter
Stelle! Er hat sechs Konkurrenten überholt.
Der Ansager hat erzählt, er wäre ein wun-
derbarer Nachtfahrer.«
»Das ist er.«
»Ein Glas Champagner, um zu feiern?«
»Man soll nie zu früh feiern. Rennfah-
rer sind abergläubisch.«
Lillian saß eine Weile in der kleinen,
dunklen Halle. »Wenn er so weiterfährt,

200
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
ist er morgen früh wieder in Brescia«,
sagte der Nachtportier.
»Das auch«, erwiderte Lillian und stand
auf. »Ich gehe noch einen Kaffee trinken
am Boulevard Michel.«
234
Sie wurde dort bereits als Stammgast Sie wurde dort
bereits als Stammgast
behandelt234. Der Kellner wachte über sie, behandelt. — К ней
там уже относились
Gérard wartete auf sie. как к завсегдатаю.
Gérard hatte die gute Eigenschaft, im- Passiv

mer hungrig zu sein; das gab ihr Zeit


nachzudenken, während er aß. Sie liebte
es, auf die Straße zu schauen, wo das Le-
ben war.
Es war schwer, an eine unsterbliche
Seele für jeden einzelnen zu glauben, wenn
man diesen endlosen Strom sah. Wohin
wanderten die Seelen später? Zerfielen sie
wie die Körper? Oder geisterten sie noch
umher?
Gérard hatte endlich aufgehört zu essen.
Gérard trank seinen Kaffee herunter. »Von
Brescia nach Brescia«, sagte sie. »Ich ver-
stehe diesen klaren und einfachen Satz
nicht; aber er ist sogar tief. Von Brescia
nach Brescia! Ich werde meinen nächsten 235
Ich werde
meinen nächsten
Band Gedichte so nennen 235 . Sie sind Band Gedichte so
schweigsam heute nacht.« nennen. — Я назову
так свой следующий
»Nicht schweigsam. Nur ohne Worte.« том стихов.
Passiv
»Von Brescia bis Brescia?«

201
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ungefähr so.«
Er nickte erleichtert. »Ich hatte einen
Augenblick Angst, daß Sie deprimiert sind.«
»Ganz das Gegenteil  — eine beglücken-
de Erkenntnis.«
»Die Einzelheiten sind dasselbe wie das
Ganze; aber das Ganze ist mehr. Alles ist
gleich wichtig und unwichtig; alles ist
Vordergrund; alles Gott.« sagte Gérard.
Lillian lächelte. »Wie schnell Sie sind!«
»Zu schnell, um es zu erleben.« Er nahm
einen großen Schluck Kognak.
»Unser Unglück ist, zu glauben, daß
wir einen Anspruch auf das Leben haben.
Wir haben keinen. Wenn man das erkennt,
wirklich erkennt, wird viel bitterer Honig
plötzlich süß.«
Gérard salutierte schweigend, beide
236
Hände hochgestreckt. »Wer nichts erwartet,
Wer nichts
erwartet, wird nie wird nie enttäuscht236. Die letzte der klei-
enttäuscht. — Тот,
кто ничего не ждет, neren Weisheiten!«
никогда не будет »Für heute abend die letzte«, erwiderte
разочарован.
Lillian und stand auf. »Die schönsten Weis-
heiten sterben über Nacht. Ich muß jetzt
gehen.«
»Das sagen Sie immer; aber Sie kommen
wieder.«
Sie sah ihn dankbar an. »Nicht wahr?
Merkwürdig, daß nur Dichter das wissen.«

202
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Sie wissen es auch nicht; sie hoffen es
nur.«
Sie hatte wenig Angst, nachts allein zu
gehen; sie hatte keine Angst vor Menschen.
In der Rue de Seine sah sie jemand auf
dem Boden liegen. Sie wollte helfen.
Die Frau war aber tot. Die Augen waren
offen. Lillian sah ratlos sich um; sie wuß-
te nicht, was sie tun sollte. Sie sah einen
Mann herankommen. Sie zögerte einen
Moment; dann ging sie ihm rasch entgegen.
»Gérard!« sagte sie erstaunt und erleichtert.
»Dort liegt eine tote Frau! Kommen
Sie!«
»Sie wird betrunken sein. Bewusstlos.«
»Nein, sie ist tot. Ich weiß, wie man
aussieht, wenn man tot ist.«
»Ich will damit nichts zu tun haben«,
sagte der Dichter des Todes.
»Wir können sie nicht liegenlassen.«
»Warum nicht? Sie ist tot. Was jetzt
kommt, geht nur noch die Polizei an. Sie
sollten es auch nicht! Kommen Sie!«
Er zog Lillian am Arm. Sie blieb stehen.
Sie blickte in das Gesicht, das nichts mehr
wußte und alles wußte, was sie nicht wuß-
te. »Kommen Sie!« flüsterte Gérard. »Hier
gibt es nur noch Schwierigkeiten! Es ist
kein Spaß, mit der Polizei zu tun zu haben!

203
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Wir können von irgendwoher telefonieren.
237
Das ist alles, was Das ist alles, was wir zu tun haben237.«
wir zu tun haben. —
Это все, что мы
Sie ließ sich wegziehen. Gérard ging so
должны сделать. eilig, daß sie kaum nachkommen konnte.
haben + zu
+ Infinitiv Als sie die Quais erreicht hatten, sah sie,
daß er sehr blaß war. »Wo können wir
telefonieren? In meinem Hotel?«
»Da wird uns der Nachtportier überhö-
ren.«
»Ich kann ihn wegschicken, etwas zu
holen.«
»Gut.«
238
Der Portier kam strahlend238. »Er liegt
strahlend — сия-
ющий jetzt an zehnter Stelle, aber er wird —«
Partizip I
Er sah Gérard und verstummte. »Ein
Freund von Clerfayt«, sagte Lillian. »Sie
haben recht, man muß das jetzt feiern.
Holen Sie eine Flasche Wein. Wo ist das
Telefon hier?« Der Portier zeigte auf seinen
Tisch und verschwand.
»Jetzt«, sagte Lillian.
Sie hörte Gérard sprechen. Der Portier
kam mit Gläsern und einer Flasche Cham-
pagner. »Nein, kein Schuß«, erklärte Gérard
und hängte auf. »Ich glaube, Sie brauchen
etwas zu trinken«, sagte Lillian.
Gérard schüttelte den Kopf und trank
gierig. Er blickte zum Telefon. Lillian sah,

204
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
239
daß er Angst hatte, die Polizei könne her- die Polizei könne
herausfinden, woher
ausfinden, woher telefoniert worden sei239. telefoniert worden
sei. — полиция
Lillian gab ihm die Flasche zum Ein- может выяснить,
schenken. откуда звонили по
телефону.
»Ich muß gehen«, sagte er. Passiv Konjunktiv
»Diesmal müssen Sie gehen. Gute Nacht,
Gérard.«
Er sah auf die Flasche. »Ich kann sie
mitnehmen, wenn Sie sie nicht mehr wol-
len.«
»Nein, Gérard. Eins oder das andere.«
Sie sah ihn rasch durch die Tür ver-
schwinden. Jetzt kommt die Nacht, allein,
dachte sie und gab die Flasche dem Portier.
»Trinken Sie das. Ist das Radio noch oben?«
»Selbstverständlich, Mademoiselle.«
Sie stieg die Treppe hinauf. Sie machte
Licht und wartete eine Zeitlang am Fenster,
ob ein Polizeiwagen vorbeikäme. Sie sah
nichts. Langsam zog sie sich aus. Sie ließ
eine Lampe brennen und nahm Schlaftablet-
ten.
Sie erwachte. Das Telefon klingelte. Die
Polizei, dachte sie und hob den Hörer.
Es war Clerfayt. »Wir sind gerade in
Brescia angekommen!«
»Du bist durchgekommen!«
»Als Sechster.« Clerfayt lachte.
»Als Sechster. Das ist wunderbar.«

205
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Es ist Unsinn. Ich komme morgen zu-
rück. Ich muß jetzt schlafen. Torriani
schläft schon hier im Stuhl.«
»Ja, schlafe. Es ist gut, daß du ange-
rufen hast.«
»Gehst du mit mir zur Riviera?«
»Ja, Geliebter.«
240
Warte auf mich. — »Warte auf mich240.«
Жди меня.
warten auf Akk. »Ja, Geliebter.«
»Fahr nicht weg, bevor ich komme.«
Wohin sollte ich denn schon fahren?
dachte sie. Nach Brescia? »Ich warte auf
dich«, sagte sie.
Mittags ging sie die Rue de Seine ent-
lang. Die Straße war wie immer. Sie such-
te in den Spalten der Zeitungen. Sie fand
nichts.

19
»Ich habe das Haus lange vor dem Krieg
gekauft«, sagte Clerfayt. »Damals konnte
man die halbe Riviera für nichts kaufen.
Ich habe nie darin gewohnt. Es ist im
scheußlichsten Stil gebaut, aber man kann
und es modernisieren und einrichten.«
»Warum? Willst du wirklich hier woh-
nen?«
»Warum nicht?«

206
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Lillian blickte aus dem Zimmer in den
Garten. Man konnte von hier das Meer
nicht sehen. »Aber Clerfayt!« sagte sie
lächelnd. »Vielleicht wenn du fünfundsech-
zig bist! Nicht früher. Nach einem arbeits-
reichen Leben in Toulouse. Dann kannst du
hier ein gut französisches Rentnerleben
führen, wenn du willst, mit einem Diner
sonntags im Hotel de Paris und einem
Ausflug ins Kasino.«
»Der Garten ist groß, und man kann
das Haus ausbauen«, erwiderte Clerfayt.
»Ich habe Geld dafür. Die Mille Miglia
haben sich gnädig gezeigt. Ich hoffe, daß
ich beim Rennen in Monaco noch etwas
dazu hole. Warum findest du es so unmög-
lich, hier zu wohnen? Wo sonst möchtest
du leben?«
»Ich weiß es nicht, Clerfayt.«
»Das Klima ist hier im Winter hundert-
mal besser als in Paris.«
»Im Winter!« sagte Lillian, als sagte
sie Ewigkeit.
»Der Winter kommt rasch. Man muß
bald mit dem Umbau anfangen, wenn man
fertig sein will.« 241
Ich will nicht hier
Ich will nicht hier gefangen werden241, gefangen werden —
Я не хочу быть пой-
dachte sie und fragte: »Mußt du im Winter манной здесь
Passiv
nicht in Toulouse arbeiten?«

207
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Das kann ich außerdem; ich möchte
nur, daß du schon vorher irgendwo lebst,
wo das beste Klima für dich ist.«
Was geht mich das Klima an, dachte
Lillian und sagte verzweifelt:
»Das beste Klima hat das Sanatorium.«
Clerfayt sah sie an. »Mußt du dahin
zurück?«
Sie schwieg. »Möchtest du dahin zu-
rück?« fragte er.
»Was soll ich dir darauf antworten? Bin
ich nicht hier?«
»Hast du einen Arzt gefragt?«
242
Ich brauche »Ich brauche dazu keinen Arzt zu fra-
dazu keinen Arzt zu
fragen. — Мне не gen242.«
нужно спрашивать
врача об этом.
Er sah sie mißtrauisch an. »Wir werden
brauchen + zu zusammen einen Arzt fragen. Ich werde
+ Infinitiv
den besten Arzt in Frankreich ausfindig
machen, und wir werden ihn fragen.«
Lillian antwortete nicht. Das auch noch,
dachte sie. Clerfayt hatte sie schon ein paar
Male gefragt, ob sie zum Arzt ginge, aber
er hatte nie darauf bestanden. Dieses war
anders. Es fiel zusammen mit dem Haus,
der Zukunft, der Liebe und der Fürsorge.
Draußen atmete Lillian tief auf. Ihr
243
Ihr war, als sei sie war, als sei sie entkommen243. »Die Wahr-
entkommen. — Ей
казалось, что она heit ist«, sagte Clerfayt, »daß du nicht mit
сбежала.
mir leben willst, Lillian! Ich weiß es.«

208
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ich lebe doch mit dir«, erwiderte sie
hilflos.
244
Du lebst mit mir
»Du lebst mit mir wie jemand, der mor- wie jemand, der
gen nicht mehr da sein wird244. Wie jemand, morgen nicht mehr
da sein wird. — Ты
der immer am Abreisen ist.« живешь со мной как
»Wolltest du das nicht so?« та, кого завтра не
будет.
»Vielleicht — aber jetzt will ich es nicht Futur I
придаточное опре-
mehr. Wolltest du je anders mit mir leben?« делительное
»Nein«, sagte sie leise. »Aber auch nicht
mit irgend jemand andern, Clerfayt.«
»Warum nicht?«
Sie schwieg rebellisch. Wozu fragt er
diese törichten Fragen? »Wir haben doch
schon so oft darüber gesprochen. Wozu
schon wieder?« sagte sie schließlich.
Er sah sie an. »Ich wollte nie etwas sehr
in meinem Leben für mich, Lillian. Jetzt
will ich es. Ich will dich.«
»Du hast mich doch!«
»Nicht ganz. Nicht genug.«
Er will mich anbinden und einsperren,
245
dachte sie, und er ist stolz darauf245 und er ist stolz
darauf — он гордит-
nennt es Heirat und Sorge und Liebe, und ся этим
stolz sein auf Akk.
vielleicht ist es das auch. Voll Hass blick-
te sie auf die kleine Villa. War sie deshalb
von oben geflohen, um hier zu enden? Hier
oder in Toulouse oder in Brescia? Wo war
das Abenteuer geblieben? Wo war Clerfa-
yt geblieben? Was hatte ihn verwandelt?

209
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Warum lachten sie nicht darüber? Was
sonst blieb ihnen übrig? »Wir können es
wenigstens versuchen«, sagte Clerfayt.
»Wenn es nicht geht, verkaufen wir das
Haus.«
Ich habe keine Zeit mehr, etwas zu ver-
suchen, dachte Lillian. Und ich habe keine
Zeit mehr zu Experimenten mit häuslichem
Glück. Es macht mich zu traurig. Ich muß
fort! Ich habe nicht einmal Zeit mehr zu
246
solchen Gesprächen. Das alles habe ich viel
Das alles habe ich
viel besser gekannt — besser gekannt246, oben im Sanatorium, bei
Всё это я знала го-
раздо лучше Boris, und auch da bin ich geflohen.
247
Sie wußte noch Sie wurde plötzlich ruhig. Sie wußte
nicht, was sie tun
würde, aber daß noch nicht, was sie tun würde, aber daß
sie fliehen konnte,
machte alles weniger
sie fliehen konnte, machte alles weniger
unerträglich. — Она unerträglich247.
еще не знала, что
будет делать, но то,
что она могла бы
Am Abend war Feuerwerk über dem
сбежать, делало все
менее невыноси- Meer. Lillian erinnerte sich an das letzte
мым.
Konjunktiv Feuerwerk, das sie gesehen hatte. Es war
auf der Bergerhütte am Abend vor ihrer
Flucht gewesen. Stand sie jetzt nicht wie-
der vor einer Flucht? Die Entscheidungen
meines Lebens scheinen sich unter Feuer-
werken zu vollziehen, dachte sie ironisch.
Oder war alles, was bisher geschehen war,
vielleicht nichts anderes als nur das? Ein
Feuerwerk, das nun zu verblassen und zu

210
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Asche und Staub zu werden begann? Sie
sah sich um. Noch nicht, dachte sie angst-
voll, noch nicht jetzt! Gab es nicht immer
vor dem Ende wenigstens noch ein letztes,
großes Aufflammen, bei dem alles ver-
schwendet wurde zu einem großen Finale?
»Wir haben noch nicht gespielt«, sagte
Clerfayt.
»Hast du es je getan? Im Spielsaal,
meine ich.«
»Nie.«
»Dann solltest du es versuchen. Du hast
dann noch die Hand der Unschuld und
müsstest gewinnen. Wollen wir hinfahren?
Oder bist du müde? Es ist schon zwei Uhr.«
»Früher Morgen! Wer ist da müde?«
Sie fuhren langsam durch die Nacht.
»Endlich ist es warm«, sagte Lillian.
»Wir können hier bleiben, bis es in Pa-
ris auch Sommer ist.«
Sie lehnte sich an ihn. »Warum leben 248
Warum können wir
nicht leben, als wären
Menschen nicht für immer, Clerfayt? Ohne wir dreißig, bis wir
Tod?« achtzig sind und dann
plötzlich sterben? —
Er legte den Arm um ihre Schultern. Почему мы не мо-
жем жить, как будто
»Ja, warum nicht? Warum werden wir alt? нам тридцать, пока
Warum können wir nicht leben, als wären нам не исполнится
восемьдесят, а по-
wir dreißig, bis wir achtzig sind und dann том вдруг умереть?
Konjunktiv
plötzlich sterben?248«

211
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie lachte. »Ich bin noch keine dreißig.«
»Das ist wahr«, sagte Clerfayt und ließ
sie los. »Ich vergesse das immer wieder.
Ich habe das Gefühl, du wärest in drei
Monaten mindestens fünf Jahre älter ge-
worden, so hast du dich verändert. Du bist
fünf Jahre schöner geworden. Und zehn
Jahre gefährlicher.«

Sie spielten zuerst in den großen Sälen;


dann, als diese leer wurden, in den kleine-
ren. Clerfayt begann zu gewinnen. »Bleib
hinter mir stehen«, sagte er zu Lillian.
»Du bringst Glück.«
Clerfayt setzte es auf Rot. Rot gewann.
Er zog den halben Gewinn ab und ließ den
Rest auf Rot. Rot gewann wieder. Er ließ
das Maximum stehen. Rot gewann noch
zweimal. Andere Spieler im Saal wurden
249
Der Tisch war aufmerksam. Der Tisch war jetzt besetzt249.
jetzt besetzt. — Стол
теперь был занят. Lillian sah auch Fiola herankommen. Er
Passiv
lächelte zur ihr hinüber.
Rot gewann wieder. Fiola machte Cler-
fayt ein Zeichen aufzuhören; die Serie
mußte ja irgendwann ein Ende haben.
Clerfayt schüttelte den Kopf und ließ das
Maximum weiter auf Rot.
Rot gewann wieder.

212
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Rot war siebenmal gekommen; die Far-
be mußte endlich wechseln.
Fiola setzte die Sechs und Schwarz. Rot
kam noch einmal. Clerfayt zog jetzt seinen
Gewinn ein.
Er schob dem Croupier eine Anzahl
Marken zu und stand auf.
»Du hast mir wirklich Glück gebracht«,
sagte er zu Lillian und blieb stehen, bis
die Kugel wieder still lag. Schwarz gewann.
»Siehst du«, sagte er. »Manchmal hat man
einen sechsten Sinn.«
250
Hättest du ihn doch
Sie lächelte. Hättest du ihn doch in der in der Liebe! — Было
бы оно (шестое
Liebe!250 dachte sie. чувство) у тебя
Fiola kam herüber. »Ich gratuliere. Zur в любви!
Konjunktiv
rechten Zeit aufhören zu können, ist die
große Kunst des Lebens.«
Er wandte sich an Lillian. »Finden Sie
nicht?«
»Ich weiß es nicht. Ich hatte nie Gele-
genheit dazu.«
Er lachte. »Das glaube ich nicht. Sie
sind aus Sizilien verschwunden und haben
Verwirrung in vielen Köpfen hinterlassen.
In Rom kamen Sie an und waren fort wie
ein Blitz. Auch in Venedig konnte niemand
Sie finden, hat man mir anvertraut.«

213
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Sie gingen zur Bar, um das Glück Cler-
fayts zu feiern.
»Ich glaube, ich habe genug gewonnen,
um das Haus fertig ausbauen zu lassen«,
sagte er zu Lillian.
»Du kannst es morgen wieder verlieren.«
»Möchtest du das?«
»Natürlich nicht.«
»Ich werde nicht mehr spielen«, erklär-
251
Ich werde dir noch te er. »Wir werden alles behalten. Ich
einen Swimmingpool
in den Garten bauen werde dir noch einen Swimmingpool in den
lassen. —
Garten bauen lassen.251«
Я позволю тебе по-
строить еще один »Ich brauche keinen. Ich schwimme
бассейн в саду.
Futur I nicht, das weißt du doch.«
Er sah sie rasch an. »Ich weiß. Bist du
müde?«
»Nein.«
»Eine Serie von neunmal Rot ist eine
wunderbare Sache«, sagte Fiola. »Ich habe
nur einmal eine längere Serie gesehen.
Zwölfmal Schwarz. Es war vor dem Kriege.
Es war ein Russe. Wie hieß er doch? Wol-
kow oder so ähnlich. Ja, Wolkow.«
»Wolkow?« fragte Lillian ungläubig.
»Doch nicht Boris Wolkow?«
»Richtig! Boris Wolkow. Kannten Sie
ihn?«

214
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Lillian schüttelte den Kopf. Nicht so,
dachte sie. Sie sah, daß Clerfayt sie beo-
bachtete.
»Ich wüsste gern, was aus ihm geworden 252
Ich wüsste gern,
252
was aus ihm geworden
ist «, sagte Fiola. »Er war ein Mann, der ist — Я хотела бы
hier Aufsehen erregte. Einer der letzten знать, что с ним
стало
Spieler in der großen Tradition. Erstklas- Konjunktiv
siger Schütze außerdem. Er war damals
hier mit Maria Andersen. Vielleicht haben
Sie von ihr gehört. Sie war eine der schön-
sten Frauen, die ich je gesehen habe. Starb
in Mailand bei einem Bombenangriff.« Sie
wendete sich an Clerfayt. »Haben Sie nie
von Wolkow gehört?«
»Nie«, sagte Clerfayt.
Clerfayts Gesicht war finster geworden.
Er winkte dem Kellner, noch eine Flasche
zu bringen. »Spielen Sie heute noch?«
fragte Fiola ihn. »Doch sicher nicht!«
»Warum nicht?«
»Er sollte nicht weiterspielen«, sagte
Fiola zu Lillian.
»Heute nicht. Das ist ein Gesetz, so alt
wie die Welt.«
Lillian sah zu Clerfayt hinüber. Er hat-
te sie dieses Mal nicht gefragt mitzukom-
men, um ihm Glück zu bringen, und sie
wußte, warum. Wie kindisch er ist, dachte
sie. Und wie blind in seiner Eifersucht! Hat

215
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
er denn vergessen, daß es nie ein anderer
ist, der zerstört, sondern immer nur man
selbst?
»Sie dagegen sollten spielen«, sagte
Fiola. »Sie sind zum ersten Male hier. Tun
Sie es für mich? Kommen Sie!«
Sie gingen zu einem anderen Tisch.
Fiola begann zu setzen, und nach ein paar
Minuten ließ auch Lillian ein paar Scheine
in Jetons umwechseln. Sie setzte vorsichtig
kleine Summen; Geld war für sie mehr als
Besitz, es war ein Stück Leben. Sie wollte
nie auf Onkel Gastons Hilfe angewiesen
sein.
253
Sie fing fast sofort Sie fing fast sofort an zu gewinnen253.
an zu gewinnen. —
Она почти сразу же
»Da ist die Kinderhand«, sagte Fiola, der
начала выигрывать. verlor. »Dies ist Ihre Nacht! Haben Sie
anfangen + zu
+ Infinitiv etwas dagegen, wenn ich Ihnen nachsetze?«
»Sie werden es bereuen.«
»Nicht beim Spiel. Setzen Sie, wie es
Ihnen in den Kopf kommt.«
Lillian setzte eine Zeitlang Rot und
Schwarz, dann die zweite Douzaine und
schließlich Nummern. Sie gewann zweimal
auf Zero. »Das Nichts liebt Sie«, sagte
Fiola lachend.
Lillian spielte jetzt abwechselnd Schwarz
und die Dreizehn. Als sie nach einiger Zeit
aufblickte, sah sie, daß Clerfayt auf der

216
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
anderen Seite stand und ihr Spiel beobach-
tete. Sie hatte wie Boris Wolkow gesetzt
und sie sah, daß Clerfayt es bemerkt hatte.
Sie setzte rebellisch die Dreizehn weiter.
Nach sechs Coups kam sie. »Genug«, sagte
sie und schob ihre Jetons vom Tisch in ihre
Tasche. Sie hatte gewonnen, sie wußte nicht,
wieviel.
»Wollen Sie schon gehen?« fragte Fiola.
»Dies ist Ihre Nacht, Sie sehen es doch.
Sie kommt niemals wieder!«
»Die Nacht ist vorbei. Gute Nacht, Fi-
ola. Spielen Sie weiter!«

Als sie mit Clerfayt hinauskam, erschien


die Riviera so, wie sie war, bevor die Tou-
risten sie entdeckten. Der Himmel war blau
und wartete auf die Sonne; das Meer war
weiß am Horizont. Ein paar Fischerboote
standen draußen mit gelben und roten Se-
geln.
Lillian verstand nicht, woher auf einmal
der Streit kam. Sie hörte Clerfayt, und es
dauerte eine Weile, bis sie ihn verstand.
Seine Eifersucht auf Wolkow brach offen
aus. »Was kann ich tun?« hörte sie ihn
sagen. »Ich muß gegen einen Schatten
kämpfen, gegen jemand, den ich nicht fas-
sen kann, jemand, der nicht da ist und der

217
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
dadurch um so mehr da ist, der stärker ist
als ich, weil er nicht da ist, der ohne Feh-
ler ist, weil er nicht da ist, während ich
da bin und du mich siehst, wie ich bin, so
wie jetzt, außer mir, ungerecht meinetwe-
gen, kleinlich, albern — und dagegen steht
das große, ideale Bild, das nichts falsch
machen kann, weil es nichts tut, weil es
schweigt und man nichts dagegen tun kann,
so wie man gegen die Erinnerung an einen
Toten nichts tun kann!«
Was redete er da nur wieder für einen
Unsinn? »Ist es nicht so?« fragte Clerfayt.
»Sag, ob es nicht so ist! Ich weiß, daß du
mich deswegen nicht heiraten willst! Du
willst zurück! Das ist es! Du willst zurück!«
Sie hob den Kopf. Was sagte er da? Sie
sah Clerfayt an. »Was sagst du da?«
»Ist es nicht wahr?«
»Ich habe jetzt nur gedacht, wie furcht-
bar dumm die klügsten Menschen sein
können. Treibe mich doch nicht mit Gewalt
weg!«
»Ich dich? Ich tue alles, um dich zu
halten!«
»Glaubst du, so kannst du mich halten?
Mein Gott!«
Lillian ließ den Kopf wieder zurücksin-
ken. »Du brauchst nicht eifersüchtig zu

218
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
254
sein. Boris würde mich nicht einmal wollen, Boris würde
mich nicht einmal
wenn ich zurückkäme.254« wollen, wenn ich
zurückkäme. — Бо-
»Das hat nichts damit zu tun. Du möch- рис не захотел бы
test zurück!« меня, даже если
бы я вернулась.
»Treibe mich nicht zurück! O Gott, bist Konjunktiv
du denn blind geworden?«
»Ja«, sagte Clerfayt. »Wahrscheinlich!
Wahrscheinlich«, wiederholte er erstaunt.
»Aber ich kann nichts mehr dagegen tun.«
Sie fuhren schweigend weiter. Warum?
Warum gerade ich? Was habe ich getan,
daß gerade ich getroffen werden mußte?
Sie sah mit geblendeten Augen in die
zauberhafte Landschaft. »Warum weinst
du?« fragte Clerfayt ärgerlich. »Du hast
wahrhaftig keinen Grund zum Weinen.«
»Nein, das habe ich nicht.«
255
Du betrügst
»Du betrügst mich mit einem Schat- mich mit einem
255 Schatten. — Ты об-
ten «, sagte er bitter. »Und du weinst!«
манываешь меня c
Ja, dachte sie, aber der Schatten heißt тенью.
betrügen j-n Akk.
nicht Boris. Soll ich ihm sagen, wie er mit Dat.
heißt? Aber dann wird er mich in ein Kran-
kenhaus einsperren, damit ich zu Tode
gepflegt werde.
Sie blickte auf Clerfayts Gesicht. Das
Feuerwerk war zu Ende; man sollte nicht
in der Asche herumstochern, dachte sie.
Der Wagen fuhr in den Hof des Hotels
ein. Clerfayt half Lillian aus dem Wagen,

219
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
256
ohne sie ohne sie anzusehen256. »Du wirst nur noch
anzusehen — не смо-
тря на неё wenig von mir sehen«, sagte er. »Morgen
ohne + zu + Infinitiv
beginnt das Training.«
Lillian sah wie durch einen langen Kor-
ridor, was noch zwischen ihnen geschehen
konnte. In der Liebe gab es kein Zurück;
man konnte nie neu beginnen. Was gesche-
hen war, blieb im Blut, Clerfayt konnte mit
ihr nie wieder so werden wie früher. Er
konnte es mit jeder anderen Frau, aber
nicht mit ihr. Und was zwischen ihnen
gewesen war, war ebenso wenig zurückzu-
holen wie die Zeit. Lillian kannte es; deshalb
wollte sie fort. Der Rest ihres Lebens war
ihr ganzes Leben  — im Leben Clerfayts
war er nur ein sehr kleiner Teil. Es kam
deshalb nur auf sie an  — nicht auf Cler-
257
das, was für sein fayt. Das Verhältnis war zu ungleich; das,
Dasein eine Episode
sein würde, obschon was für sein Dasein eine Episode sein
er es jetzt nicht
würde, obschon er es jetzt nicht glaubte,
glaubte, war für sie
das Ende. — то, что war für sie das Ende257.
было бы эпизодом
для его существо- »Nichts von dem, was du behauptet
вания, хотя он и не
верил в это сейчас, hast, ist wahr, Clerfayt«, sagte sie mit
было для неё кон- veränderter Stimme. »Nichts! Vergiß es!
цом.
Es ist nicht wahr! Nichts!«
Sie sah, daß sein Gesicht sich aufhellte.
»Du bleibst bei mir?« fragte er rasch.

220
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ja«, sagte sie. Sie wollte keine Aus-
einandersetzungen mehr für die letzten
Tage.
»Du verstehst endlich, was ich will.«
»Ja, ich verstehe es«, erwiderte sie und
lächelte.
»Du wirst mich heiraten?«
Er spürte ihr Zögern nicht. »Ja«, sag-
te sie. Auch das war jetzt gleich.
Er starrte sie an. »Wann?«
»Wann du willst. Im Herbst.«
Er schwieg einen Augenblick. »Endlich!«
sagte er dann. »Endlich! Du wirst es nie
bereuen, Lillian!«
»Ich weiß es.«
»Du bist müde! Du mußt todmüde sein!
Du mußt schlafen, Lillian! Komm, ich brin-
ge dich hinauf.«
»Und du?«
»Ich werde dem Engländer folgen und
später die Straßen abfahren, bevor der
Verkehr beginnt. Es ist nur Routine, ich
kenne die Strecke.« Er stand an ihrer Tür.
»Ich Idiot! Ich habe mehr als die Hälfte
von dem verloren, was ich gewonnen hatte!
Aus Wut!«
»Ich habe gewonnen.«
Lillian warf die Tasche mit den Jetons
auf den Tisch.

221
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ich habe sie nicht gezählt.«
»Wir werden morgen wieder gewinnen.
Gehst du mit mir zum Arzt?«
»Ja. Jetzt muß ich schlafen.«
»Schlaf bis zum Abend. Dann essen wir
etwas und gehen wieder schlafen. Ich liebe
dich unendlich!«
»Ich dich auch, Clerfayt.«
Er schloß die Tür behutsam hinter sich.
Zum ersten Mal wie bei einer Kranken,
dachte sie und setzte sich aufs Bett.
Das Fenster stand offen. Sie sah ihn
zum Strand hinuntergehen. Nach dem Ren-
258
Ich werde packen
müssen und nach dem
nen, dachte sie. Ich werde packen müssen
Rennen wegfahren, und nach dem Rennen wegfahren, wenn er
wenn er nach Rom
muß. — Мне при- nach Rom muß 258. Noch die paar Tage,
дется упаковать
вещи и уехать после
dachte sie. Sie wußte nicht, wohin sie fah-
гонки, когда ему ren sollte. Es war auch gleichgültig.
придется ехать в
Рим. Sie mußte nur fort.
Futur I
20
Die Strecke war nur etwas über drei
Kilometer lang, aber sie führte durch die
Straßen Monte Carlos, mitten durch die
259
Hundert Runden Stadt. Hundert Runden mußten gefahren
mußten gefahren
werden — Сто кругов werden259, über dreihundert Kilometer, das
нужно было про- hieß viele zehntausend Male Schalten,
ехать
Passiv Bremsen, Anfahren, Schalten und wieder
Bremsen und Anfahren.

222
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Ein Karussell«, sagte Clerfayt lachend
zu Lillian. »Wo sitzt du?«
»Auf der Tribüne. Zehnte Reihe rechts.«
»Es wird heiß sein. Hast du einen Hut?«
»Ja.« Lillian zeigte einen kleinen Stroh-
hut vor, den sie in der Hand hielt.
»Gut. Heute abend werden wir im Pa-
villon d’Or am Meer Langusten essen und
kühlen Wein trinken. Und morgen fahren
wir zu einem Bekannten von mir; er ist
Architekt und soll uns einen Plan machen,
das Haus umzubauen. Hell, mit großen
Fenstern und viel Sonne.«
»Es geht los«, sagte Clerfayt und knöpf-
te seinen weißen Overall am Hals zu. Er
holte ein Stück Holz aus der Tasche und
klopfte es gegen den Wagen und gegen
seine Hand.
»Fertig?« schrie der Rennleiter.
»Fertig.«
Lillian küßte Clerfayt.
Sie drehte sich an der Tür um. Die
Frauen von Marchetti und zwei anderen
Fahrern hockten bereits mit Stoppuhren
und Papieren an ihren Plätzen. Ich sollte
ihn nicht verlassen, dachte sie und hob die
Hand. Clerfayt lachte und salutierte. Er
sah sehr jung aus. »Fertig zum Start!«

223
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Zwanzig Wagen starteten. Clerfayt lag
in der ersten Runde an achter Stelle; er
260
er hatte keinen
sehr günstigen
hatte keinen sehr günstigen Platz gehabt
Platz gehabt und und war beim Anfahren einen Augenblick
war beim Anfahren
einen Augenblick zu zu langsam gewesen260.
langsam gewesen. — у Lillian sah die Meute jedes Mal in we-
него было не очень
удобное место, и, niger als zwei Minuten an den Tribünen
когда он подъехал,
он был слишком
vorüberrasen. Wenn man die Wagen gerade
медлителен. gesehen hatte und einen Moment beiseite
Plusquamperfekt
blickte, waren sie schon wieder da, ein
261
wenig unterschieden in der Platzierung,
als wären sie nie
weggewesen. — aber fast so, als wären sie nie weggewe-
как будто они ни-
когда не уезжали. sen261.
Konjunktiv Nach vierzig Runden wollte sie gehen.
Ihr war, als sollte sie jetzt, jetzt gleich
abreisen, bevor das Rennen zu Ende war.
Sie hatte ein Billett nach Zürich in der
Tasche. Sie hatte es morgens gekauft, als
Clerfayt noch einmal die Rennstrecke
abging. Es war für den übernächsten Tag.
Clerfayt mußte dann nach Rom fliegen.
Er wollte zwei Tage später zurück sein.
262
Sie hatte dann doch Das Flugzeug ging morgens; der Zug
mit Boris sprechen
müssen — Ей все-
abends. Wie ein Dieb, dachte sie. Ebenso
таки нужно было wie ich mich im Sanatorium von Boris
поговорить с Бо-
рисом. habe wegschleichen wollen. Sie hatte dann
doch mit Boris sprechen müssen262, aber
was hatte es genützt? Immer wurden nur
die falschen Worte gesagt. Sie suchte in

224
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
der Tasche nach ihrem Fahrheft. Einen
Augenblick glaubte sie es verloren zu
haben. Dieser Augenblick genügte, um sie
wieder fest zu machen. Ich habe Fieber,
dachte sie.
Clerfayt hatte sich eine Stunde später
bis zum zweiten Platz vorgearbeitet. Er
wollte nicht noch einmal die Chance neh-
men, seinen Motor zu überdrehen. Der
Rennleiter signalisierte Clerfayt, nicht
anzugreifen.
Sie kamen wieder an den Lagern vorbei. 263
er hatte nebenbei
Clerfayt wollte dieses Rennen gewinnen, noch auf sich selbst
gewettet — он,
mit oder ohne den Rennleiter. Er wollte кстати, все еще де-
лал ставку на себя
die Siegesprämie haben, und er hatte ne- Plusquamperfekt
benbei noch auf sich selbst gewettet263. Ich
brauche das Geld, dachte er. Für die Zu-
kunft. Das Haus. Das Leben mit Lillian.
Der schlechte Start hatte ihn etwas verzö-
gert, aber er wußte, daß er gewinnen wür-
de; er fühlte sich sehr ruhig, in dem son-
derbaren Gleichgewicht zwischen Konzen-
tration und Entspannung, das einem das
Bewußtsein gab, nichts könne einem je
geschehen. Es war einer der seltenen Au-
genblicke reinen Glückes.

225
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Hinter einer Kurve sah er Marchettis
Wagen plötzlich tanzen, sich querstellen
und mit dem Schrei reißenden Metalls auf-
schlagen. Er sah die schwarze Öllache, die
breit über die Straße gelaufen war. Er
wußte im letzten Augenblick noch, daß er
das Steuerrad loswerden mußte, aber die
Arme waren zu langsam. Und dann kam
der Schlag gegen die Brust und der Schlag
ins Gesicht, und von allen Seiten stürzte
die zersplitterte Welt auf ihn zu und dann
nichts mehr.
264
Der Wagen, der Der Wagen, der auf ihn aufgefahren
auf ihn aufgefahren
war — автомобиль, war264, riß in das Durcheinander eine Lük-
который на него
наехал ke, so daß die andern, die noch kamen,
придаточное опре-
gerade wieder passieren konnten. Einer
делительное
nach dem andern schoß vorbei. Sanitäter
erschienen mit Tragbahren.
265
nicht nur …
sondern auch — не
Der Wagen Clerfayts war nicht nur auf
только ... но и die anderen aufgefahren, sondern auch265
двойной союз
266
von Monti noch von hinten von Monti angefahren
angefahren worden —
был сбит Монти
worden266. Monti war fast unverletzt. Cler-
Passiv fayt hing in seinem Wagen. Sein Gesicht
war zerschlagen, und das Steuerrad hatte
267
es wurde nicht
seinen Brustkorb eingedrückt. Er blutete
abgesagt — она aus dem Mund und war bewusstlos. Vor
(гонка) не была от-
менена ihm brannte ein Wagen. Das Rennen ging
Passiv
weiter; es wurde nicht abgesagt267.

226
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Lillian begriff es nicht sofort. Der Laut-
sprecher war nicht klar, die Stimme darin
schien durch ihre eigenen Echos unver-
ständlich zu werden. Der Sprecher stand
in der Aufregung zu dicht am Mikrophon.
Sie hörte etwas von Wagen, die aus der
Bahn gekommen und ineinander gefahren
waren, weil ein anderer Wagen auf der
Strecke Öl verloren habe.
Sie suchte nach Clerfayts Nummer. Sie
fand sie nicht, aber er konnte bereits vor-
bei sein, sie hatte vorher nicht so genau
darauf geachtet. Der Lautsprecher berich-
tete jetzt etwas klarer, daß ein Unfall
passiert sei  — einige Wagen wären zusam-
mengestoßen, es habe einige Verletzte ge-
geben, keine Toten, weitere Nachrichten
würden folgen. Nichts von Clerfayt; er war
Zweiter gewesen. Nichts von Clerfayt,
dachte sie und hörte die Wagen kommen
und beugte sich vor, um die Zwölf zu sehen,
den roten Wagen mit der Zwölf. 268
er wird zum
Da rollte die fette Stimme des Ansagers: Hospital gebracht —
его везут в больницу
»Unter den Verletzten befindet sich Cler- Passiv

fayt, er wird zum Hospital gebracht268. Es


scheint, daß er bewusstlos ist.«

227
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Es kann nicht sein, dachte etwas in
Lillian. Nicht in diesem Spielzeugrennen.
Es muß ein Irrtum sein! Bewusstlos, dach-
te sie, was heißt das? Es konnte alles hei-
ßen! Sie merkte, daß sie die Tribünen
verlassen hatte, ohne es zu wissen. Sie war
auf dem Wege zum Lager; vielleicht hatte
man ihn dahin gebracht.
»Er ist ins Hospital gebracht worden«,
sagte der Rennleiter schwitzend. Er stürz-
te weg, um zu signalisieren. »Was ist ge-
schehen?« rief Lillian. »Lassen Sie Ihr
verdammtes Rennen zum Teufel gehen und
sagen Sie mir, was geschehen ist!«
Sie blickte sich um. Niemand sah sie
an. Der Rennleiter kam endlich zurück.
»Es hilft Clerfayt nicht, ob ich das Ren-
nen zum Teufel gehen lasse oder nicht«,
269
Er würde es auch sagte er heiser. »Er würde es auch nicht
nicht wollen. — Он
бы тоже этого не wollen269.«
хотел.
Konjunktiv Lillian unterbrach ihn. »Wo ist er?«
»Im Hospital. Man hat ihn sofort ins
Hospital gebracht.«
»Warum ist niemand bei ihm, um ihm
zu helfen? Sie nicht? Warum sind Sie hier?«

228
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Der Rennleiter sah sie verständnislos
an. »Wie soll ich ihm denn helfen? Das
müssen doch jetzt die Ärzte tun.«
Lillian schluckte. »Was ist ihm pas-
siert?« fragte sie leise.
»Das weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht
gesehen. Wir waren alle hier. Wir mußten
doch hier bleiben.«
»Ist er tot?« fragte Lillian.
»Nein, nein! Bewusstlos.«
Lillian wandte sich langsam zum Gehen.

Sie hatte nur eine der Pferdedroschken


gefunden. »Es dauert länger als sonst,
Mademoiselle«, erklärte ihr der Kutscher.
»Wir müssen weit herumfahren. Die Stra-
ßen sind abgesperrt. Das Rennen, Sie ver-
stehen —«
Lillian nickte. Nichts funktionierte in
ihr ganz, nur die Ohren und die Augen,
die die Motoren hörten und die Wagen
sahen. Der Kutscher wollte ihr die Aus-
sichtspunkte zeigen. Sie hörte es nicht; sie
hörte nur die Motoren.
»Schneller!« sagte Lillian.
»Sehr wohl!«

229
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Es dauerte endlos, bis sie vor dem Hos-
pital hielten. Sie wollte nicht abreisen, sie
wollte bleiben, sie wollte Clerfayt heiraten,
er sollte nur leben!
»Herr Clerfayt ist im Operationszim-
mer«, sagte die Empfangsschwester.
»Können Sie mir sagen, wie er verletzt
ist?«
»Ich bedauere. Sind Sie Madame Cler-
fayt?«
»Nein.«
»Verwandt?«
»Was hat das damit zu tun?«
»Nichts, Mademoiselle. Ich bin nur si-
270
daß nach einer
Operation höchstens cher, daß nach einer Operation höchstens
die nächsten
Verwandten einen
die nächsten Verwandten einen Augenblick
Augenblick zugelassen zugelassen werden270.«
werden — что после
операции только Lillian starrte die Schwester an. Sollte
ближайшие род-
ственники будут до- sie sagen, daß sie mit Clerfayt verlobt sei?
пущены ненадолго
Wie absurd das war! »Muß er operiert
werden?« fragte sie.
»Es scheint so; sonst wäre er nicht im
Operationszimmer.«
»Kann ich warten?« fragte sie.
Die Schwester wies auf eine Bank. »Ha-
ben Sie kein Wartezimmer?« fragte Lillian.

230
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Die Schwester deutete zu einer Tür. Sie
ging in ein Zimmer, in dem müde Blatt-
pflanzen standen und alte Magazine her-
umlagen. Der Lärm der Motoren war auch
hier zu hören.
Lillian starrte auf die Magazine, sie
öffnete und schloß sie, sie versuchte zu
lesen und konnte es nicht, sie stand auf
und ging ans Fenster und setzte sich wie-
271
der. Das Zimmer roch nach Angst271. Sie roch nach Angst —
пахла страхом
versuchte, das Fenster zu öffnen, aber sie riechen nach Dat.

schloß es wieder, weil das Grollen der Mo-


toren sofort stärker hineindrang.
Plötzlich horchte sie auf. Irgend etwas
hatte sich verändert. Es dauerte eine Wei-
le, bevor sie merkte, daß es die Stille war.
Der Lärm der Motoren hatte aufgehört.
Das Rennen war vorüber.
Eine Viertelstunde später sah sie einen
offenen Wagen mit dem Rennleiter und
zwei Monteuren herankommen und halten.
Die Empfangsschwester brachte sie in das
Wartezimmer.
»Haben Sie etwas erfahren?« fragte
Lillian.

231
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Der jüngere Monteur sagte: »Ich war
da, als man ihn losmachte. Er blutete aus
dem Mund«.
»Aus dem Mund?«
»Ja. Es war wie ein Blutsturz.«
Lillian sah den Mann an. Was war das
für ein Irrtum? Ein Blutsturz gehörte zu
ihr, nicht zu Clerfayt. »Wie konnte er einen
Blutsturz haben?« fragte sie.
»Die Brust war gegen das Steuerrad
geklemmt«, sagte der Monteur.
Lillian schüttelte langsam den Kopf.
»Nein«, sagte sie. »Nein!«
Der Rennleiter ging zur Tür. »Ich wer-
de sehen, wo der Arzt ist.«
Lillian hörte, wie er ein lautes Gespräch
mit der Schwester hatte.
Der Rennleiter kam zurück. Er blieb in
der Tür stehen. Er bewegte die Lippen ein
paar Mal, bevor er sprach. »Clerfayt ist
tot«, sagte er dann.
»Sie haben ihn nicht operiert. Er ist
vorher gestorben.«
Lillian bewegte sich nicht. »Wo ist er?«
fragte sie schließlich.

232
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Es ist besser, wenn Sie ihn jetzt nicht
sehen«, erwiderte der Mann. »Morgen kön-
nen Sie ihn sehen.«
»Wer sagt das?« fragte Lillian mit einer
Stimme, in der jedes Gefühl fehlte. »Wer
sagt das?« wiederholte sie.
»Der Arzt. Sie würden ihn nicht erken- 272
Sie würden ihn
nicht erkennen. — Вы
nen272. Es ist besser, Sie kommen morgen. бы его не узнали.
Wir können Sie ins Hotel fahren.« Konjunktiv

Lillian blieb stehen. »Warum würde ich


ihn nicht erkennen?«
Der Rennleiter schwieg eine Weile. »Er
hat nichts gemerkt, meint der Arzt. Es
ging so schnell. Er war sofort bewusstlos.
Er ist nicht mehr aufgewacht.«
»Kommen Sie mit uns«, sagte der Renn-
leiter. »Wir bringen Sie ins Hotel. Dies ist
genug für heute. Morgen können Sie ihn
sehen.«
»Und was soll ich im Hotel?« fragte
Lillian.
Der Mann hob die Schultern. »Rufen
Sie einen Arzt. Er soll Ihnen eine Spritze
machen. Eine kräftige, daß Sie bis morgen
durchschlafen. Kommen Sie! Hier können
Sie nichts mehr tun. Er ist tot. Wir alle
können nichts mehr tun. Wenn einer tot
ist, ist es vorbei: Man kann nichts mehr
tun.«

233
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

21
Sie wachte auf. Einen Augenblick hatte
sie keine Verbindung mit der Welt. Sie saß
im Bett und sah sich um. Wie war sie
273
Wie war sie hierher hierher gekommen?273 Langsam erinnerte
gekommen? — Как
она сюда попала? sie sich  — an das Hospital, das fremde
Plusquamperfekt Gesicht Clerfayts, den Kopf der schief lag,
die Hände, die nicht dazu passten, den
Arzt, der mit ihr gekommen war  — es war
alles nicht wahr, es war nicht richtig  —
nicht Clerfayt mußte auf dem Hospitalbett
liegen, sondern sie, sie allein und nicht er.
Sie stand auf und zog die Vorhänge
auseinander. Die Sonne schien. Der Himmel
war wolkenlos. Ich, dachte Lillian, ich soll-
te es sein, mir war es bestimmt, nicht ihm!
Das Telefon klingelte. Sie erschrak und
hob es hoch. Das war ein Vertreter eines
Beerdigungsinstitutes in Nizza. Sie hing
auf. Sie wußte nicht, was sie tun sollte.
Wo war Clerfayts Heimat? Da, wo er ge-
boren war? Sie wußte nicht, wo. Das Tele-
fon schrillte wieder. Dieses Mal war es das
Hospital. Was mit der Leiche geschehen
solle? Es müsse disponiert werden. Späte-
274
Ein Sarg müsse stens bis zum Nachmittag. Ein Sarg müs-
bestellt werden. —
se bestellt werden274.
Гроб нужно зака-
зать. Lillian sah auf die Uhr. Es war Mittag.
Passiv Konjunktiv
Sie zog sich an. Geschäftig überfiel sie das

234
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Ritual des Todes. Ich müßte schwarze Klei-
der haben, dachte sie. Eine Firma, die
Kränze lieferte, rief an. Eine andere woll-
te wissen, was für eine Religion Clerfayt
gehabt hatte, um die Zeit für die kirchliche
Aufbahrung zu reservieren.
Lillian fühlte das schwere Schlafmittel
noch. Sie ging nach unten, um den Portier
um Rat zu fragen.
»Bestellen Sie einen Sarg«, flüsterte sie
dem Portier zu. »Tun Sie, was nötig ist.«
Es schien einfach zu sein zu sterben  —
aber nicht, tot zu sein.
Ob sie Clerfayts Papiere habe?
»Papiere? Braucht er denn noch Papie-
re?«
Der Portier hatte auch dafür Verständ-
nis. Natürlich brauche er Papiere. Vielleicht
seien sie in seinem Zimmer. Er werde sich
außerdem mit der Polizei in Verbindung
setzen.
»Mit der Polizei?«
Bei einem Unfall müsse die Polizei so- 275
müsse die Polizei
sofort zugezogen
fort zugezogen werden275. Alles sei nur eine werden — нужно не-
Formsache, aber es müsse geschehen. Er медленно обратить-
ся в полицию
werde sich darum kümmern. Konjunktiv Passiv
Lillian nickte. Sie wollte plötzlich aus
dem Hotel heraus. Sie fürchtete, ohnmäch-
tig zu werden. Ihr fiel ein, daß sie seit dem

235
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
276
daß sie … nichts Mittag vorher noch nichts gegessen hatte276;
gegessen hatte — что
она … ничего не ела aber sie wollte nicht in das Restaurant des
Plusquamperfekt
Hotels gehen. Rasch verließ sie die Halle
und ging zum Café de Paris. Sie bestellte
Kaffee und saß lange Zeit da, ohne zu
trinken. Sie wußte nicht, was sie tun soll-
277
daß sie ohne den te. Sie versuchte sich zu erklären, daß sie
Unfall morgen auch
allein gewesen wäre —
ohne den Unfall morgen auch allein gewe-
что без аварии она sen wäre277, in Paris oder auf dem Weg in
была бы завтра так
же одна die Schweiz. Es half nichts. Clerfayt war
Konjunktiv
tot; das war etwas anderes, als daß sie nicht
mehr zusammen gewesen wären. Sie fand
eine Bank, von der sie aufs Meer sehen
konnte. Sie hatte das Gefühl, viele drin-
genden Dinge tun zu müssen; aber sie
konnte sich nicht entschließen. Clerfayt,
278
Sie hatte zu nicht ich! Sie hatte zu sterben278, nicht er.
sterben — Она
должна была уме- Sie kam zurück ins Hotel und ging in
реть
ihr Zimmer, ohne mit jemand zu sprechen.
haben + zu
+ Infinitiv An der Tür blieb sie stehen. Tote Luft
schlug ihr entgegen; alles im Zimmer schien
mitgestorben zu sein.
Sie erinnerte sich daran, daß der Portier
Clerfayts Papiere verlangt hatte. Sie wuß-
te nicht, wo sie waren.
Sie sah, daß ein Schlüssel in der Tür
steckte und nahm an, daß das Zimmermäd-
chen saubermachte. Das war besser, als
allein hineinzugehen. Sie öffnete die Tür.

236
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Eine hagere Frau in einem grauen
Schneiderkostüm blickte vom Schreibtisch
auf. »Was möchten Sie?«
Lillian glaubte, in ein falsches Zimmer
geraten zu sein. Dann sah sie Clerfayts
Mantel hängen. »Wer sind Sie?« fragte sie.
»Ich glaube, das könnte ich eher Sie 279
das könnte ich eher
279
fragen «, erwiderte die Frau scharf. »Ich Sie fragen — я могла
бы спросить Вас об
bin die Schwester Clerfayts. Und was wol- этом же
len Sie? Wer sind Sie?« Konjunktiv

Lillian schwieg. Clerfayt hatte ihr einmal


erzählt, er habe irgendwo eine Schwester,
die er hasse und die ihn hasse. Er habe seit
vielen Jahren nichts von ihr gehört. Es
mußte diese Frau sein. »Ich wußte nicht,
daß Sie angekommen sind«, sagte Lillian.
»Nun, da Sie da sind, habe ich hier nichts
mehr zu tun.«
»Zweifellos nicht«, erwiderte die Frau
frostig. »Mir wurde gesagt, daß mein Bru-
der hier mit irgendeiner Person zusammen-
gelebt habe. Sind Sie das?«
»Auch das braucht Sie nicht mehr zu
interessieren«, sagte Lillian und drehte sich
um.
Sie ging hinaus und zurück in ihr Zim-
mer. Sie begann zu packen, aber sie hörte
bald auf. Ich kann nicht wegfahren, solan-

237
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
ge er noch hier ist, dachte etwas in ihr.
Ich muß bleiben, bis er begraben ist280.
280
Ich muß bleiben,
bis er begraben ist. —
Sie ging noch einmal zum Hospital; die
Я должна остаться, Empfangsschwester erklärte ihr, daß sie
пока он не будет по-
хоронен. Clerfayt nicht mehr sehen könne.
Vor dem Hospital traf sie den Rennlei-
ter. »Wir fahren heute abend ab«, sagte
er. »Haben Sie die Schwester schon gesehen?
281
Sie läßt ihn zerschneiden281. Sie will gegen
Sie läßt ihn
zerschneiden. — Она die Firma und gegen die Rennleitung kla-
просит его разре-
gen. Sie war schon bei der Polizei. Sie
зать.
Глагол lassen kennen doch unsern Direktor. Sie war auch
bei ihm. Er hat vor niemand Angst, aber
er war blaß, als das Weib nach einer halben
Stunde herauskam. Sie verlangt eine Ren-
te auf Lebenszeit. Behauptet, Clerfayt sei
ihr einziger Ernährer gewesen. Wir fahren
alle ab. Fahren auch Sie ab! Es ist vorbei.«
»Ja«, erwiderte Lilian. »Es ist vorbei.«
Sie ging planlos in den Straßen herum;
sie saß an Tischen und trank etwas, und
abends ging sie in das Hotel zurück. Sie
war jetzt sehr müde. Der Arzt hatte ihr
ein Schlafmittel dagelassen. Sie brauchte
es nicht zu nehmen; sie schlief sofort ein.
Das Telefon weckte sie. Clerfayts Schwe-
ster war am Apparat. Sie müsse dringend
mit ihr sprechen, erklärte sie. Lillian solle
sofort kommen.

238
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Wenn Sie mir etwas zu sagen haben,
tun Sie es jetzt am Telefon«, sagte Lillian.
»Es geht nicht über das Telefon.«
»Dann kommen Sie heute Mittag um
zwölf Uhr in die Hotelhalle.«
»Das ist zu spät.«
»Nicht für mich«, erwiderte Lillian und
hing ab.
Sie sah auf die Uhr. Es war kurz vor
zehn. Sie hatte vierzehn Stunden geschla-
fen und war immer noch wie zerschlagen.
Sie ging ins Badezimmer. Man klopfte an
die Tür. Bevor sie die Tür öffnen konnte,
stürzte die Schwester Clerfayts herein.
»Sie sind Miss Dunkerque?« fragte die
Frau im grauen Schneiderkostüm.
»Sie können mich um zwölf Uhr in der
Hotelhalle sprechen«, erwiderte Lillian.
»Ich kann nicht bis zwölf warten. Mein
Zug fährt vorher. Wollen Sie, daß die Lei-
che meines Bruders auf dem heißen Perron
warten muß, bis Sie Zeit haben, mit mir
zu sprechen?«
Diese Person schreckte vor nichts zu- 282
um ihren Willen
rück, um ihren Willen durchzusetzen282, durchzusetzen — что-
бы добиться своего
dachte sie. »Ich habe hier«, fuhr die Schwe- um…zu
ster fort, »unter den Papieren meines
Bruders eine Kopie gefunden, deren Origi-
nal wahrscheinlich Sie besitzen. Es handelt

239
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
sich um die Verschreibung eines Hauses an
der Rivera auf Sie.«
»Auf mich?«
»Wissen Sie nichts davon?«
Lillian erwiderte nichts. Sie hörte, daß
das Wasser im Badezimmer immer noch
lief und ging, es abzudrehen.
»War es das, was Sie mir so dringend
mitteilen wollten?« fragte sie, als sie zu-
rückkam.
283
»Ich wollte Ihnen erklären, wir werden
wir werden uns
dagegen wehren — uns dagegen wehren283.«
мы будем этому со-
противляться »Tun Sie das. Und jetzt lassen Sie mich
Futur I bitte allein.«
sich wehren gegen
Akk. Lillian ging zur Tür und öffnete sie.
»Und nun gehen Sie endlich!«
Der Portier hielt sie in der Halle an.
»Eine peinliche Sache, Madame.«
»Was denn noch?«
»Sie haben mich beauftragt, einen Sarg
und eine Grabstelle auf dem Friedhof zu
bestellen. Die Schwester von Herrn Clerfa-
yt hat sofort auch einen Sarg bestellt und
liefern lassen. Jetzt ist der Ihrige übrig.«
»Können Sie ihn nicht zurückgeben?«
»Der Vertreter der Firma in Nizza er-
klärt, der Sarg sei eine Spezialbestellung
gewesen. Er könnte ihn zurücknehmen, aus
Gefälligkeit, aber nicht zum selben Preis.

240
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
284
Der Vertreter der Sargfirma würde den würde den Sarg
zurücknehmen für den
Sarg zurücknehmen für den halb en halben Preis — за-
брал бы гроб обрат-
Preis284.« но за полцены
»Gut«, erwiderte Lillian. »Und machen Konjunktiv

Sie meine Rechnung fertig. Ich reise heu-


te abend ab.«
»Sehr wohl. Dann ist da noch die Sache
mit der Grabstelle. Sie brauchen sie jetzt
nicht mehr, aber ich habe sie schon für Sie
bezahlt. Es ist schwierig, da heute etwas
zu tun. Es ist Samstag. Vor Montag ist
niemand im Büro.«
»Sterben samstags und sonntags hier
keine Menschen?«
»Doch. Man kauft die Gräber dann am
Montag.«
»Schreiben Sie den Preis auf meine
Rechnung.«
»Wollen Sie die Grabstelle denn behal-
ten?« fragte der Portier ungläubig.
»Ich weiß es nicht; ich will nicht mehr
darüber reden. Schreiben Sie auf, was Sie
bezahlt haben. Schreiben Sie alles auf. Aber
ich will nichts mehr davon hören! Nichts
mehr! Verstehen Sie das nicht?«
»Sehr wohl, Madame.«
Lillian ging in ihr Zimmer zurück. Das
Telefon klingelte. Sie nahm es nicht ab. Sie
packte den Rest ihrer Sachen zusammen.

241
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
In ihrer Tasche fand sie das Fahrscheinheft
nach Zürich. Sie blickte auf das Datum.
Der Zug fuhr am selben Abend.
Das Telefon klingelte wieder. Als es
schwieg, packte sie eine panikartige Furcht.
Ihr war, als sei mehr gestorben als Clerfa-
yt  — als sei alles gestorben. Boris auch,
dachte sie. Wer wußte, was mit ihm ge-
schehen war? Vielleicht war auch er längst
tot, und niemand hatte es ihr sagen können,
weil niemand ihre Adresse gewußt hatte
oder es ihr sagen wollte.
Sie griff nach dem Telefon, aber sie ließ
die Hand wieder sinken. Sie konnte ihn
285
Er würde sie nicht nicht anrufen. Nicht jetzt. Er würde sie
verstehen, er würde
nicht verstehen, er würde glauben, daß sie
glauben, daß sie ihn
anriefe, weil Clerfayt ihn anriefe, weil Clerfayt tot sei 285. Er
tot sei. — Он бы
не понял её, он würde ihr nie glauben können, daß sie
бы думал, что она
звонит ему, потому
Clerfayt hatte verlassen wollen. Sie wollte
что Клерфэ мертв. es ihm auch niemals sagen.
Konjunktiv
Sie saß still. Die Fenster waren offen.
Sie stand auf, aber sie zögerte. Sie konnte
nicht gehen, bevor sie nicht wußte, ob
Boris noch lebte. Es war nicht nötig, ihn
selbst anzurufen. Sie konnte das Haus an-
rufen und nach ihm verlangen, unter ir-
gendeinem Namen; wenn das Mädchen dann
ging, um sie anzumelden, wußte sie, daß

242
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
er noch lebte, und konnte einhängen, bevor
er kam.
Sie rief die Nummer an. Es dauerte
lange, bis die Telefonistin zurückrief. Es
meldete sich niemand. Sie verlangte die
Nummer noch einmal und wartete.
Das Telefon klingelte. Lillian vergaß
alles, was sie sich vorgenommen hatte.
»Boris!« rief sie. »Bist du da?«
»Wer ist da?« fragte eine Frauenstimme.
Lillian zögerte eine Sekunde, dann
nannte sie ihren Namen. In zwei Stunden 286
In zwei Stunden
würde sie die Riviera
würde sie die Riviera verlassen haben286, verlassen haben —
und niemand würde wissen wohin; es wäre Через два часа она
бы покинула Ри-
lächerlich, nicht noch einmal mit Boris zu вьеру
sprechen.
»Wer ist da?« wiederholte die Stimme.
Sie nannte noch einmal ihren Namen.
»Wer?«
»Lillian Dunkerque.«
»Herr Wolkow ist nicht hier«, antwor-
tete die Stimme.
»Warten Sie!« rief Lillian. »Wo ist er?«
»Herr Wolkow ist abgereist.«
»Abgereist? Wohin?«
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Lillian legte den Hörer auf. Abgereist  —
sie wußte, was das in der Codesprache oben
bedeutete. Es war die Auskunft, wenn je-

243
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
mand gestorben war. Es konnte auch nichts
anderes bedeuten  — wohin sollte er schon
gereist sein?
Sie saß eine Zeitlang ganz still. Endlich
stand sie auf und ging hinunter. Sie be-
zahlte ihre Rechnung und steckte ihr Billett
in die Tasche. »Schicken Sie meine Sachen
zum Bahnhof«, sagte sie.
»Jetzt schon?« fragte der Portier ver-
wundert. »Sie haben noch fast zwei Stun-
den. Es ist zu früh.«
»Jetzt«, sagte sie. »Es ist nicht zu
früh.«

22
Sie saß auf einer Bank vor dem kleinen
Bahnhof.
Ein Amerikaner setzte sich neben sie
und begann einen Monolog darüber, dass
die Wiener Würstchen in Wisconsin besser
seien.
Lillian saß ohne Gedanken da.
287
Sie sah den Hund, ohne ihn zu erken-
ohne ihn zu
erkennen — не узнав nen287. Das Tier blieb stehen und stürzte
её (собаку)
ohne + zu + Infinitiv
dann auf sie zu.
Der Schäferhund sprang an Lillian hoch.
Er warf sie fast von der Bank, er leckte
ihre Hände und versuchte, ihr Gesicht zu

244
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
lecken. »Wolf«, sagte sie ungläubig. »Wolf!
Woher kommst du denn?«
Sie war aufgestanden. »Boris!« sagte
sie.
»Wir haben dich also doch noch gefun-
den«, sagte Wolkow. »Der Portier im Hotel
erzählte mir, du wärest bereits am Bahnhof.
Es war hohe Zeit, wie es scheint! Wer weiß,
wo ich dich später hätte suchen müssen288.« 288
wo ich dich
»Du lebst!« flüsterte Lillian. »Ich habe später hätte suchen
müssen — где бы
dich angerufen. Jemand sagte mir, du wä-
я должен был ис-
rest abgereist. Ich habe gedacht —« кать тебя позже
Konjunktiv
»Das war Frau Bliss. Sie ist die neue
Haushälterin. Frau Escher hat noch einmal
geheiratet.« Wolkow hielt den Hund fest.
»Ich habe in der Zeitung gelesen, was pas-
siert ist; deshalb bin ich gekommen. Ich
wußte nicht, in welchem Hotel du wohntest,
sonst hätte ich telefoniert.«
»Du lebst!« sagte sie noch einmal.
»Und du lebst, Duscha! Alles andere ist
unwichtig.«
Sie sah ihn an. Sie verstand sofort, was
er meinte — daß der geliebte Mensch nicht
tot war, daß er noch lebte, daß er da war
und noch atmete, ganz gleich, wo seine
Gefühle waren oder was geschehen war.
Boris war nicht aus Schwäche oder Mitleid
gekommen.

245
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Ja, Boris«, sagte sie. »Alles andere ist
unwichtig.«
Er blickte auf das Gepäck. »Wann fährt
dein Zug?«
»In einer Stunde. Lass ihn fahren.«
»Wohin wolltest du?«
»Irgendwohin. Nach Zürich. Es ist
gleichgültig, Boris.«
»Dann lass uns hier weggehen. Zieh in
ein anderes Hotel. Ich habe in Antibes ein
Zimmer reservieren lassen. Im Hotel du
Cap. Wir können noch eins dazu bekommen.
Soll ich das Gepäck dahin schicken lassen?«
Lillian schüttelte den Kopf. »Lass es
hier«, sagte sie mit plötzlichem Entschluß.
»Der Zug fährt in einer Stunde; lass uns
abfahren. Ich will nicht hier bleiben. Und
du mußt zurück.«
»Ich muß nicht zurück«, sagte Wolkow.
Sie sah ihn an. »Bist du geheilt?«
»Nein. Aber ich muß nicht zurück. Ich
kann mit dir fahren, wohin du willst. So
lange du willst.«
»Aber —«
»Ich habe dich damals verstanden«,
sagte Wolkow. »Mein Gott, Duscha, und
wie ich verstanden habe, daß du weg
wolltest.«

246
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
»Warum bist du dann nicht mit mir
gegangen?«
Wolkow schwieg. Er wollte sie nicht an
das erinnern, was sie gesagt hatte. »Wärest 289
Wärest du mit mir
gegangen? — Ты бы
du mit mir gegangen?289« fragte er schließlich. пошла со мной?
»Nein, Boris«, erwiderte sie. »Das ist Konjunktiv

wahr. Damals nicht.«


»Du wolltest die Krankheit nicht mit-
nehmen. Du wolltest ihr entkommen.«
»Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war
es so. Es ist so lange her.«
»Willst du wirklich heute noch fahren?«
»Ja.«
»Hast du ein Bett?«
»Ja, Boris.«
»Du siehst aus, als brauchtest du etwas
zu essen. Komm in das Café drüben. Ich
werde inzwischen sehen, ob ich noch eine
Fahrkarte bekomme.«
Sie gingen hinüber. Er bestellte ihr Eier,
Schinken und Kaffee. »Ich gehe zurück zum
Bahnhof«, sagte er.
»Bleib hier. Lauf nicht weg.«
»Ich laufe nicht mehr weg. Warum denkt
das jeder?« Boris lächelte. »Es ist nicht
das Schlechteste, wenn man das denkt. Man
will dann, daß der andere bleibt.«
Sie sah ihn an. Ihre Lippen zitterten.
»Ich will nicht weinen«, sagte sie.

247
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
Er blieb am Tisch stehen. »Du bist nur
erschöpft. Iß etwas. Ich bin sicher, es ist
das erste heute.«
Sie begann zu essen, aber sie unterbrach
sich und nahm ihren Spiegel heraus. Sie
betrachtete sich sehr genau, das Gesicht,
die Augen, die blauen Schatten. Was hatte
der Arzt in Nizza gesagt? Bevor es Sommer
wird, und vielleicht früher, wenn Sie so
weiterleben. Sommer  — hier war es schon
Sommer, aber in den Bergen kam er spät.
Sie betrachtete das Gesicht noch einmal,
dann holte sie Puder und Lippenstift her-
vor. Wolkow kam zurück. »Ich habe eine
Fahrkarte bekommen. Der Zug ist nicht
ausverkauft.«
»Hast du ein Bett?«
»Noch nicht. Aber vielleicht wird eins
frei. Ich brauche keines; ich habe den gan-
zen Weg hierher geschlafen.« Er streichel-
te den Hund, der bei Lillian sitzen geblie-
ben war.
»Ich kann ihn in mein Abteil nehmen.«
Boris nickte. »In Frankreich gibt es
verständnisvolle Schaffner. In Zürich über-
legen wir dann, was du tun willst.«
»Ich will zurück«, sagte Lillian.
»Zurück? Wohin?« fragte Wolkow vor-
sichtig.

248
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Sie schwieg.
»Ich war auf dem Wege zurück«, sagte
sie dann. »Du brauchst es nicht zu glau- 290
Du brauchst es
290 nicht zu glauben. —
ben. « Тебе не нужно
»Warum soll ich es nicht glauben?« верить.
brauchen + zu
»Warum solltest du?« + (nicht) Infinitiv

»Ich habe einmal genau dasselbe getan


wie du, Duscha. Vor vielen Jahren. Ich bin
auch zurückgegangen. Man muß es selbst
herausfinden. Man würde sonst immer 291
Man würde sonst
immer glauben, das
glauben, das Wichtigste versäumt zu ha- Wichtigste versäumt
zu haben. — Иначе
ben291. Weißt du schon, wohin du gehen
всегда считали бы,
willst von Zürich aus?« что упустили самое
главное.
»In irgendein Sanatorium. Im Bella Konjunktiv

Vista nehmen sie mich sicher nicht wieder.«


»Natürlich nehmen sie dich. Aber weißt
du bestimmt, daß du zurück willst? Du bist
jetzt erschöpft und brauchst Ruhe. Das
kann sich ändern.«
»Ich will zurück.«
»Clerfayts wegen?«
»Clerfayt hat nichts damit zu tun. Ich
wollte schon vorher zurück.«
»Warum?«
»Aus vielen Gründen. Ich weiß sie jetzt
nicht mehr. Sie waren so richtig, daß ich
sie wieder vergessen habe.«

249
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
»Wenn du unten bleiben willst  — du
brauchst nicht allein zu sein. Ich kann auch
bleiben.«
Lillian schüttelte den Kopf. »Nein, Bo-
ris. Es ist genug. Ich will zurück. Aber du
willst vielleicht noch bleiben? Du warst so
lange nicht unten.«
Wolkow lächelte. »Ich kenne das hier
schon —«
Sie nickte. »Das habe ich gehört. Ich
kenne es jetzt auch.«
In Zürich telefonierte Wolkow mit dem
Sanatorium.
»Lebt sie noch?« fragte der Dalai Lama.
»Also gut, meinetwegen kann sie kommen.«
Lillian blieb noch eine Woche in Zürich
im Hotel Dolder. Sie lag viel zu Bett. Sie
war plötzlich sehr müde. Das Fieber kam
jeden Abend und war hoch. Wolkow fragte
den Arzt, den er zur Behandlung geholt
292
den er zur
Behandlung geholt hatte292. »Sie müßte längst im Krankenhaus
hatte — которого он
привел для лечения
sein«, erklärte der Professor. »Lassen Sie
sie hier.«
»Sie will nicht hier bleiben. Sie will
nach oben.«
Der Arzt hob die Schultern. »Wie Sie
wollen. Aber nehmen Sie einen Kranken-
wagen.«

250
Erich Maria Remarque. Der Himmel kennt keine Günstlinge
Wolkow versprach es. Er wußte, daß er
keinen nehmen würde. Sein Respekt vor
293
um nicht zu wissen,
dem Leben ging nicht weit genug, um nicht daß zuviel Sorgfalt
einen Kranken ebenso
zu wissen, daß zuviel Sorgfalt einen Kran- töten konnte wie
ken ebenso töten konnte wie zuwenig293. zuwenig. — чтобы не
знать, что слишком
Lillian als Sterbende zu behandeln würde много заботы могло
убить больного так
schlimmer sein als die Fahrt im Auto zu же, как и слишком
мало.
riskieren.
»Armer Boris!« sagte sie. »Was hat dir
der Arzt gesagt? Daß ich die Reise nicht
überstehen werde? Ich werde sie überstehen.
Und ich werde noch länger leben.«
Wolkow sah sie überrascht an. »Das ist
wahr, Duscha. Ich fühle das auch.«
Sie fuhren an einem sehr warmen Tag
hinauf. Auf der halben Passhöhe kam ihnen
in einer Haarnadelkurve ein Wagen entge-
gen, der hielt, um sie vorbeizulassen.
»Hollmann!« rief Lillian. »Das ist doch
Hollmann!«
»Lillian! Und Boris! Aber —«
Hollmann parke den Wagen.
»Was ist los, Hollmann?« fragte Lillian.
»Wohin fahren denn Sie?«
»Ich habe Ihnen doch erzählt, daß ich
gesund bin.«
»Und der Wagen?«

251
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы
294
Ich bin wieder »Geliehen. Ich bin wieder engagiert
engagiert worden. —
Меня снова при- worden!294«
гласили на работу.
»Engagiert? Von wem?«
Passiv
»Von unserer alten Firma. Sie haben
mich gestern angerufen. Sie brauchen noch
jemand. Wie schön, daß ich Sie noch ge-
sprochen habe, Lillian!«
Lillian starb sechs Wochen später, an
einem weißen Sommermittag. Sie starb
schnell und allein. Boris war für kurze Zeit
ins Dorf gegangen. Als er zurückkam, fand
er sie tot auf ihrem Bett. Sie war während
295
soweit man einen
einer Blutung erstickt. Ihr Gesicht wurde
Menschen jemals
glücklich nennen schöner, als er es seit langem gesehen hat-
könne. — насколько
можно было когда- te. Er glaubte auch, daß sie glücklich ge-
либо назвать чело- wesen sei, soweit man einen Menschen
века счастливым.
Konjunktiv jemals glücklich nennen könne295.
ГРАММАТИЧЕСКИЙ
СПРАВОЧНИК

АРТИКЛЬ
ARTIKEL
Неопределённый артикль
Indefiniter Artikel

Неопределённый артикль употребляется с существительны-


ми в единственном числе. Неопределенный артикль склоняет-
ся по родам и падежам:

 
 

Kasus         
N. ein ein eine

G. eines eines einer

D. einem einem einer

A. einen ein eine

Неопределенный артикль употребляется:


• перед именем существительным, которое упоминается
впервые
• после глаголов haben, brauchen, оборота es gibt
Ich brauche ein Heft. — Мне нужна тетрадь.

253
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• при сравнении
Du singst wie ein Vogel. — Ты поёшь как птица.
• если существительное является именной частью сказуе-
мого
Das ist eine Vase. — Это ваза.

Определённый артикль
Definiter Artikel
Определённый артикль склоняется по родам и падежам:
Падеж Мужской Средний Женский Мн.ч.
Kasus род (m) род (n) род (f) Plural
N. der das die die
G. des des der der
D. dem dem der den
A. den das die die

Определённый артикль употребляется:


• перед именем существительным, которое упоминается
повторно
Das ist ein Buch. Das Buch ist interessant. — Это книга. Книга ин-
тересная.
• в конкретной ситуации, однозначно идентифицируемой
говорящим или слушателем
Der Lehrer sagt: “Komm an die Tafel.“  — Учитель говорит:
«Подойди к доске»
• если понятие является единственным в своём роде
die Sonne — солнце, der Äquator — экватор

254
Грамматический справочник

• перед существительным, если оно имеет при себе опре-


деление, выраженное:
¾порядковым числительным
der erste Tag — первый день
¾прилагательным в превосходной степени
der beste Schüler — лучший ученик
¾определение в родительном падеже
die Tasche der Lehrerin — сумка учительницы
• перед именами собственными, если они употребляются с
определением
der kluge Einstein — умный Эйнштейн
• перед географическими названиями, если есть определе-
ние
das schöne Wien — красивая Вена

Нулевой артикль
Nullartikel
Нулевой артикль употребляется:
• перед существительным во множественном числе, если
в единственном числе существительное имеет неопреде-
лённый артикль
Ich habe ein Buch. Ich habe _ Bücher. — У меня есть книга. У
меня есть книги.
• при обозначении профессии, должности, религии, наци-
ональности
Er ist _ Arzt. — Он врач.
Ich bin Ich bin _ Russe. — Я русский.
• перед абстрактными и вещественными существительными
Ich esse oft _ Brot. — Я часто ем хлеб.
Wir haben Angst. — Мы боимся. (дословно: Мы имеем страх)
• перед именами собственными
Einstein

255
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• перед названиями стран и городов среднего рода


Moskau, Deutschland
• в устойчивых выражениях и пословицах
Übung macht den Meister; Tag und Nacht
• в названиях книг, заголовках, объявлениях

СУЩЕСТВИТЕЛЬНОЕ
SUBSTANTIV

В немецком языке все существительные пишутся с заглав-


ной буквы. Существительное в немецком языке обладает грам-
матическим родом — мужским, женским, средним. Показате-
лем рода существительного служит артикль:
der/ein — мужской род
das/ein — средний род
die/eine — женский род
*die/ - — множественное число

Определение рода сложных существительных, состоящих из


двух и более слов происходит по основному слову, т.е. послед-
нему:
die Butter + das Brot = das Butterbrot

Все существительные склоняются по падежам:


Nominativ (Именительный п.): Wer? Кто? Was? Что?
Genitiv (Родительный п.): Wessen? Чей?
Dativ (Дательный п.): Wem? Кому? Wo? Где? Wann? Когда?
Akkusativ (Винительный п.): Wen? Кого? Was? Что? Wohin? Куда?

256
Грамматический справочник

Склонение существительных
Deklination der Substantive
Существуют сильный, слабый и женский типы склонения
существительных, а также тип склонения существительных во
множественном числе и особая группа слов, относящаяся к
смешанному типу склонения.
Для каждого типа характерны свои падежные окончания:

Смешанное
склонение

склонение

склонение

склонение
Женское
Сильное
Падежи

Слабое

Мн.ч.
N. - - - - -
G. -(e)s -en - -(e)ns -
D. - -en - -en -(e)n
A. - -en - -en -

Образование множественного числа существительных


• без суффикса/ без суффикса с умлаутом
¾существительные м. и ср. рода, оканчивающиеся на -er,
-el, -en, существительные ср.р. на -chen, -lein
der Computer — die Computer
der Mantel — die Mäntel
* исключения die Mutter — die Mütter, die Tochter — die Töchter

• с суффиксом -e/ c суффиксом -e c умлаутом


¾большинство существительных м. рода, часть существи-
тельных ср. рода и некоторые односложные существи-
тельные ж. рода
der Tag — die Tage, die Stadt — die Städte

257
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• c суффиксом -en
¾большинство существительных ж. рода
die Lampe — die Lampen
¾существительные м. рода с иностранными суффиксами -ant,
-ent, -at, -ist, -or и др.; некоторые односложные сущ. на -e
der Student — die Studenten, der Löwe — die Löwen
¾некоторые существительные ср. рода, в том числе с суф-
фиксами —um, -a
das Thema — die Themen
• c суффиксом -er/ с суффиксом -er с умлаутом
¾большинство существительных ср. рода и некоторые су-
ществительные м. рода
das Feld — die Felder, das Buch — die Bücher
• с суффиксом -s
¾интернациональные существительные м. и ср. рода, а
также несколько существительных ж. рода
der Klub — die Klubs, die E-Mail — die E-Mails

МЕСТОИМЕНИЕ
PRONOMEN

Личное местоимение
Personalpronomen
Ед.ч. Мн.ч.
Падеж

1-е 2-е 3-е 1-е 2-е 3-е


лицо лицо лицо лицо лицо лицо
N. ich du er es sie wir ihr sie
*G. meiner deiner seiner seiner ihrer unser euer ihrer
D. mir dir ihm ihm ihr uns euch ihnen
A. mich dich ihn es sie uns euch sie

258
Грамматический справочник

*Личные местоимения в Genitiv — родительном падеже —


практически не употребляются.

Притяжательное местоимение
Possesivpronomen
Притяжательные местоимения отвечают на вопрос Wessen?
Чей? и обозначают принадлежность. Каждому личному место-
имению соответствует притяжательное. Оно сопровождает су-
ществительное и согласуется с ним в роде, числе и падеже.

Личные Притяжательные
местоимения местоимения
ich mein мой
du dein твой
er sein его
es sein его
sie ihr её
wir unser наш
ihr euer ваш
Sie Ihr Ваш
sie ihr их

При наличии притяжательного местоимения артикль опу-


скается.
Das ist meine Familie. — Это моя семья.
Притяжательное местоимение может употребляться само-
стоятельно, но в таком случае оно получает полные окончания
—er и —es в м. и ср. роде соответственно:
Wessen Buch ist es? — Das ist meines.
Чья это книга? — Это моя.

259
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Указательное местоимение
Demonstrativpronomen
Указательное местоимение более точно указывает на лицо
или предмет, чем определённый артикль. Указательное место-
имение отвечает на вопрос Welcher? Какой? К указательным ме-
стоимениям относятся: dieser, -es, -e, jener, -es, -e, solcher, -es,
-e, они склоняются по родам, числам и падежам, как и опреде-
лённые артикли, т.е. получают такие же окончания.
Solches Wetter gefällt mir. — Такая погода мне нравится.

Относительное местоимение
Relativpronomen
К относительным местоимениям относятся der, das, die, die
(мн.ч.). Склоняются они следующим образом:
Падеж Мужской Средний Женский Мн.ч.
Kasus род (m) род (n) род (f) Plural
N. der das die die

G. dessen dessen deren deren

D. dem dem der denen

A. den das die die

В качестве относительных местоимений также могут высту-


пать wer и was, в редких случаях welcher, welches, welche.
Der Film, den wir uns angesehen haben, hat mir sehr gefallen.
Фильм, который мы посмотрели, мне очень понравился.
Freundschaft ist etwas, was für mich wichtig ist.
Дружба — это то, что для меня важно.

260
Грамматический справочник

Возвратное местоимение
Reflexivpronomen
Возвратным местоимением в немецком языке является ме-
стоимение sich, но употребляется оно только в 3-ем лице един-
ственного и множественного числа. Для других лиц использу-
ется соответствующее личное местоимение в Akkusativ (вини-
тельный падеж) и Dativ (дательный падеж).

Akkusativ Dativ
Ед.ч. Мн.ч. Ед.ч. Мн.ч.
ich wasche wir waschen ich merke wir merken
mich uns mir uns
du wäschst ihr wascht du merkst ihr merkt
dich euch dir euch
er wäscht sie/ waschen er merkt sie/Sie merken
sie sich Sie sich sie sich sich
es es
Выбор определенного падежа зависит от конкретного гла-
гола, с которым употребляется местоимение, но винительный
падеж встречается чаще.

Неопределённо-личное местоимение man


Unbestimmt-persönliches Pronomen “man“
Неопределённо — личное местоимение man употребляется в
качестве подлежащего в тех предложениях, в которых действу-
ющее лицо не названо. Местоимение man имеет только фор-
му именительного падежа и на русский язык не переводится.
Глагол с местоимением man всегда стоит в 3-ем лице ед. числа
и переводится на русский язык глаголом в 3-ем лице множе-
ственного числа:

261
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

In Deutschland spricht man Deutsch. — В Германии говорят по-


немецки.

В сочетании с модальным глаголом переводится безличным


предложением:
Man muss die Arbeit bis morgen erledigen. — Нужно выполнить
работу до завтра.

Безличное местоимение „es“


Unpersönliches Pronomen „es“
Безличное местоимение es так же, как местоимение man, не
склоняется и не переводится на русский язык. Оно выполняет в
предложении функцию подлежащего или прямого дополнения.
Оно употребляется:
• как подлежащее при глаголах, обозначающих явления
природы
Es regnet. — Идёт дождь.
• если действующее лицо отсутствует или не называется
Es klopft. — Стучат.
• В конструкциях es gibt, es geht, es fehlt, es handelt sich um
и др.
Wie geht es Ihnen? — Как у Вас дела?
• при обозначении физических ощущений и настроений
человека
Es ist mir übel. — Мне дурно.

ОТРИЦАНИЕ
VERNEINUNG
К словам-отрицаниям в немецком языке относятся:
• отрицательные местоимения niemand (никто), nichts (ни-
чего), kein
262
Грамматический справочник

• наречия nicht, nie, niemals, nimmer, nirgends, nirgendwo,


nirgendwohin, keinesfalls, keineswegs
• эквивалент предложения: nein

Отрицание nicht может относиться к каждому члену предло-


жения. В таком случае оно будет стоять непосредственно перед
отрицаемым словом:
Ich lebe nicht in Österreich. — Я живу не в Австрии.
Er kommt nicht heute. — Он придёт не сегодня.

При отрицании самого факта события или состояния nicht


стоит в конце предложения (при наличии сложного сказуемого
перед его неизменяемой частью):
Er kommt heute nicht. — Он сегодня не придёт.
Ich habe diesen Roman nicht gelesen. — Я не читала этот роман.

Отрицание kein употребляется в случае, если отрицается


член предложения, выраженный существительным. Это отри-
цание согласуется с ним в роде, числе и падеже и склоняется
как неопределённый артикль в ед. числе и как определённый
во мн. числе:
Падеж Мужской Средний Женский Мн.ч.
Kasus род (m) род (n) род (f) Plural
N. kein kein keine keine
G. keines keines keiner keiner
D. keinem keinem keiner keinen
A. keinen kein keine keine

Hast du Haustiere? — Nein, ich habe keine Haustiere.


У тебя есть домашние животные? — Нет, у меня нет домашних
животных.
263
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

ПРИЛАГАТЕЛЬНОЕ
ADJEKTIV
Имя прилагательное — это часть речи, которая обозначает
признак предмета. Прилагательное согласуется с существи-
тельным в роде, числе и падеже.

Склонение прилагательных
Deklination der Adjektive
Существуют три типа склонения прилагательных: слабый
(schwach), сильный (stark) и смешанный (gemischt). Тип скло-
нения прилагательного зависит от наличия или отсутствия пе-
ред ним артикля, местоимения или числительного.
По слабому типу склонения склоняются прилагательные:
• в ед. и мн. числе после определённого артикля der, das, die
• после местоимений dieser, jener, jeder, welcher, solcher, der-
selbe, derjenige, mancher
• во множественном числе после притяжательных местои-
мений mein, sein и др., после keine, alle, beide, sämtliche
Слабое склонение прилагательных характеризуется следую-
щими окончаниями:
Падеж Ед. число
Мн. число
Kasus m n f
der alte das kleine die junge die kurzen
N.
Mann Kind Frau Tage
des alten des kleinen der jungen der kuzen
G.
Manns Kinds Frau Tage
dem alten dem kleinen der jungen den kurzen
D.
Mann Kind Frau Tagen
den alten das kleine die junge die kurzen
A.
Mann Kind Frau Tage

264
Грамматический справочник

По сильному типу склонения склоняются прилагательные:


• в сочетании с существительным без артикля и местоиме-
ния в ед. и мн. числе
• во мн. числе после viele, einige, wenige, andere, verschiede-
ne и после количественных числительных zwei, drei и т.д.
При сильном типе склонения прилагательные получают сле-
дующие окончания:
Падеж Ед. число
Мн. число
Kasus m n f
N. alter Mann kleines Kind junge Frau kurze Tage
G. alten Manns kleinen Kinds junger Frau kuzer Tage
D. altem Mann kleinem Kind junger Frau kurzen Tagen
A. alten Mann kleines Kind junge Frau kurze Tage

По смешанному типу склонения склоняются прилагательные:


• в ед. числе после неопределённого артикля ein, eine
• в ед. числе после притяжательных местоимений mein,
dein и др.
• в ед. числе после kein
Падеж Ед. число
Kasus m n f
ein alter ein kleines eine junge
N.
Mann Kind Frau
eines alten eines kleinen einer jungen
G.
Manns Kinds Frau
einem alten einem kleinen einer jungen
D.
Mann Kind Frau
einen alten ein kleines eine junge
A.
Mann Kind Frau

265
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

*В немецком языке есть так называемые несклоняемые при-


лагательные. К ним относятся прилагательные с суффиксом —
er, образованные от названия городов
die Moskauer Universität — Московский университет
и прилагательные с окончанием —а
das rosa Kleid — розовое платье

Субстантивированные прилагательные
Substantivierte Adjektive
Субстантивированные прилагательные пишутся с большой
буквы, обычно употребляются с артиклем и склоняются как
прилагательные.
Если субстантивированное прилагательное обозначает лицо,
то оно мужского или женского рода:
der Kranke — больной
eine Kranke — больная
Cубстантивированное прилагательное среднего рода обо-
значает абстрактное понятие:
das Neue — новое

Степени сравнения прилагательных


Steigerungsstufen der Adjektive
В немецком языке прилагательные имеют три степени
сравнения: положительная (der Positiv), сравнительная (der
Komparativ) и превосходная (der Superlativ).
Сравнительная степень прилагательного указывает на раз-
личие в величине одного и того же признака и образуется путем
прибавления суффикса —er к основе прилагательного:
klein — kleiner, маленький — меньше
В предложении при сравнении в форме Komparativ употре-
бляется с союзом als:
266
Грамматический справочник

Mein Zimmer ist keiner als deins. — Моя комната меньше чем
твоя.

Превосходная степень прилагательного показывает высшую


степень признака и образуется с помощью прибавления к осно-
ве суффикса —(e)st. Различают две формы превосходной сте-
пени:
• несклоняемую, которая (помимо суффикса —(e)st) обра-
зуется также с помощью окончания —en и предлога am
Dieser Junge ist am kleinsten in der Familie. — Этот мальчик
самый маленький (меньше всех) в семье.
• склоняемую, которая при склонении (помимо суффикса
—(e)st) получает те же окончания, что и прилагательные
слабого склонения, при этом она всегда употребляется с
определённым артиклем
Das ist der kleinste Junge in der Familie. — Это самый ма-
ленький мальчик в семье.

Большинство односложных прилагательных с корневыми


гласными a/o/u получают умлаут в сравнительной и превосход-
ной степенях:
alt — älter — am ältesten — старый — старше — самый старый

Некоторые прилагательные и наречия образуют степени


сравнения неправильно. Эти особые формы следует заучить.
Положительная Сравнительная Превосходная
степень степень степень
gern lieber am liebsten
gut besser am besten
hoch höher am höchsten
oft öfter/ häufiger am häufigsten
viel mehr am meisten

267
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

ГЛАГОЛ
VERB
Глагол — часть речи, которая обозначает действие или состо-
яние лица. Исходной формой глагола является der Infinitiv или
неопределённая форма глагола. Она называет процесс без ука-
зания действующего лица и отвечает на вопрос «что делать?»:
lesen — читать; kommen — приходить
Также наряду с Infinitiv существуют формы das Präteritum
(форма прошедшего времени) и das Partizip II (причастие про-
шедшего времени)
Принято различать слабые, сильные и неправильные глаголы.
Слабые глаголы не изменяют своей основы при употреблении
их в речи. У сильных глаголов в основе могут изменяться глас-
ные и согласные. Неправильные глаголы изменяются не по об-
щим правилам, отчего и берут своё название. К неправильным
глаголам относятся среди прочих модальные (können, müssen,
mögen, wollen, sollen, dürfen) и вспомогательные глаголы (haben,
sein, werden).

Образование основных форм слабых глаголов:


Infinitiv Präteritum Partizip II
основа основа ge + основа
инфинитива + инфинитива + инфинитива +
(e)n (e)te (e)t
machen machte gemacht
*arbeiten arbeitete gearbeitet
bemalen bemalte *bemalt
einkaufen kaufte ein *eingekauft
studieren studierte *studiert

*Глаголы, в основе оканчивающиеся на -d, -t, -m, -n получают


суффиксы -ete и -et в Präteritum и Partizip II соответственно.

268
Грамматический справочник

*У глаголов с отделяемыми приставками в форме Partizip II


приставка ge- ставится между отделяемой приставкой и осно-
вой.
*Глаголы с суффиксом -ier и неотделяемыми приставками
be-, ge-, er-, ve-, zer-, emp-, ent-, miss- не получают приставку ge- в
Partizip II.

Образование основных форм сильных глаголов:


Infinitiv Präteritum Partizip II
основа основа с ge + основа с
инфинитива + изменением изменением
(e)n корня корня + en
gehen ging gegangen
kommen kam gekommen
ankommen kam an angekommen

Образование основных форм неправильных глаголов:


Infinitiv Präteritum Partizip II
основа основа с ge + основа с
инфинитива + изменением изменением
(e)n корня + te корня + t
nennen nannte genannt
können konnte gekonnt
haben hatte gehabt

Временные формы глаголов


В немецком языке существует 6 временных форм. Präsens
служит для выражения действия в настоящем времени. Präter-
itum, Perfekt и Plusquamperfekt выражают действие в прошлом.
Futurum I и II — действие в будущем.
269
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Настоящее время
Präsens
Формы настоящего времени служат для выражения:
• действий в настоящем
Ich lese. — Я читаю.
• действий, происходящих всегда
Die Erde dreht sich um die Sonne.  — Земля вращается вокруг
солнца.
• действий в будущем времени
Morgen gehe ich ins Kino. — Завтра я иду в кино.

Präsens образуется путём добавления к основе инфинитива


глагола личных окончаний.
Ед. число Мн. число
ich -e wir -en
du -(e)st ihr -(e)t
er, sie, es -(e)t Sie, sie -en

Если основа глагола заканчивается на -t, -d, то во 2-м и 3-м


лице ед. числа и во 2-м лице мн. числа перед личным окончани-
ем ставится соединительная гласная -e-. Глаголы, основа кото-
рых оканчивается на -s, -ß, -z, -x, -ss, -tz, утрачивают -s в оконча-
нии 2-го лица ед. числа. Если глагол оканчивается на -eln, -ern,
то в 1-м лице ед. числа -е выпадает. У некоторых сильных гла-
голов изменяется корневая гласная в корне во 2-м и 3-м лице
ед. числа:
a — ä, o — ö, au — äu, e — i(e)
ich fahre, du fährst, er fährt
270
Грамматический справочник

Спряжение вспомогательных глаголов:


sein haben werden
ich bin habe werde
Ед.
du bist hast wirst
число
er, sie, es ist hat wird
wir sind haben werden
Мн.
ihr seid habt werdet
число
Sie, sie sind haben werden

Простое прошедшее время


Präteritum
Временная форма Präteritum обычно употребляется в пись-
менной речи и служит для обозначения прошедшего действия
или состояния в рассказе, описании, повествовании.
Слабые глаголы образуют форму Präteritum с помощью при-
бавления к основе глагола суффикса -(e)te и личных оконча-
ний. У сильных глаголов при образовании формы Präteritum к
изменённой основе добавляются личные окончания.
Личные окончания глаголов в Präteritum:
Ед. число Мн. число
ich - wir -(e)n
du -(e)st ihr -(e)t
er, sie, es - Sie, sie -(e)n

Спряжение вспомогательных глаголов в Präteritum:


sein haben werden

Ед. ich war hatte wurde


du warst hattest wurdest
число er, sie, es war hatte wurde
Мн. wir waren hatten wurden
ihr wart hattet wurdet
число Sie, sie waren hatten wurden

271
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Сложное прошедшее время


Perfekt
Сложное прошедшее время служит для выражения действия
в прошлом и употребляется чаще всего в устной речи, в диало-
гах, кратких сообщениях. Форма Perfekt образуется с помощью
вспомогательного глагола haben или sein в форме настоящего
времени (Präsens) и Partizip II основного глагола:
Ich habe heute viel gelesen. — Я сегодня много читал.
Er ist nach Deutschland gefahren. — Он уехал в Германию.
Выбор вспомогательного глагола зависит от значения смыс-
лового глагола.

С haben употребляются:
• все переходные глаголы, т.е. глаголы, которые могут
иметь прямое (без предлога) дополнение в Akkusativ
(вин. падеже)
Ich habe gerade ein Lied gehört. — Я как раз слушал песню.
• все возвратные глаголы
Er hat sich verliebt. — Он влюбился.
• безличные глаголы
Es hat geregnet. — Шёл дождь.
• все модальные глаголы
Ich habe es nicht gewollt. — Я этого не хотел.
• многие непереходные глаголы, которые обозначают про-
должительность действия или состояния
Sie hat lange geschlafen. — Она долго спала.

С sein употребляются:
• непереходные глаголы, обозначающие движение по на-
правлению от места
Sie ist gekommen. — Она пришла.
• непереходные глаголы, обозначающие изменение состояния
Ich bin heute früh erwacht. — Я сегодня рано проснулась.
272
Грамматический справочник

• глаголы: sein, werden, bleiben, begegnen, fallen, folgen, ge-


lingen, misslingen, geschehen, passieren
Was ist passiert? — Что случилось?
В предложении форма основного глагола Partizip II стоит в
конце предложения.

Предпрошедшее время
Plusquamperfekt
Форма Plusquamperfekt служит для обозначения предшество-
вания в прошлом, т.е. употребляется тогда, когда одно действие
в прошлом совершилось раньше другого действия в прошлом.
Plusquamperfekt образуется с помощью вспомогательных глаго-
лов haben и sein в Präteritum и формы Partizip II основного глаго-
ла. При выборе вспомогательного глагола следует руководство-
ваться теми же правилами, что и при образовании Perfekt.
*Plötzlich sah er das Mädchen, das er schon früher gesehen hat-
te? — Вдруг он увидел девушку, которую уже видел здесь ранее.
*Plusquamperfekt как правило сочетается с временной фор-
мой Präteritum.

Будущее время
Futurum I
Временная форма Futurum I обозначает действие в будущем
времени. Futurum I образуется с помощью вспомогательного
глагола werden в настоящем времени (Präsens) и инфинитива
основного глагола.
Wir werden ins Gebirge fahren? — Мы поедем в горы.

Кроме того, Futurum I может выражать предположение. Для


усиления значения предположения могут также использовать-
ся слова: wohl, vielleicht, wahrscheinlich.
Er wird jetzt wohl zu Hause sein. — Он сейчас, вероятно, дома.
273
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Порядок слов в временной форме Futurum I (как и в формах


Perfekt и Plusquamperfekt), строится таким образом, что неизме-
няемая форма основного глагола стоит в конце предложения.

Будущее время
Futurum II
Временная форма Futurum II выражает законченное дей-
ствие в будущем. Данная форма образуется с помощью вспо-
могательного глагола werden, формы Infinitiv вспомогательного
глагола haben или sein, формы Partizip II основного глагола.
Ich werde das Buch gelesen haben. — Я прочту эту книгу.

Употребляется форма Futurum II редко. Кроме того, Futurum II


может выражать предположение о действии в прошлом:
Sie werden wohl das Brief bekommen haben. — Они, вероятно,
получили письмо.

Модальные глаголы
Modalverben
Глаголы, выражающие не само действие, а отношение гово-
рящего лица к какому-либо действию, называют модальными.

Значение модальных глаголов:

• können
¾мочь, иметь способность к чему-либо
Sie kann gut singen. — Она может хорошо петь.
¾иметь возможность
Wir können das Haus verkaufen. — Мы можем продать дом.
¾предположение (неуверенное, с небольшим сомнением)
Er kann noch zu Hause sein. — Может, он ещё дома.
274
Грамматический справочник

• dürfen
¾иметь разрешение или право
Hier darf man parken. — Здесь разрешено парковаться.
¾запрещено (всегда в отрицательной форме)
Hier darf man nicht rauchen. — Здесь запрещено курить.
¾предположение (с определённой долей вероятности)
Er darf schon im Urlaub sein. — Он уже, должно быть, в от-
пуске.

• mögen
¾иметь расположение, склонности к чему-либо, любить
что-то/ кого-то
Ich mag mit dem Flugzeug fliegen. — Я люблю летать на са-
молёте.
¾часто употребляется в форме möchten, которая выражает
смягчённое, некатегоричное желание
Ich möchte einen Kaffee trinken. — Я хотел бы выпить кофе.
¾выражает предположение (чаще в сочетании с частицами
wohl, schon, vermutlich и др.)
Er mag wohl recht haben. — Он, пожалуй, прав.

• müssen
¾быть вынужденным выполнять действие под давлением
внешних обстоятельств
Mein Vater ist krank, ich muss nach Hause fahren. — Мой отец
болен, я должен ехать домой.
¾быть вынужденным выполнять действие в силу внутрен-
него убеждения
Ich muss meine Eltern anrufen. — Я должен позвонить роди-
телям.
¾предположение (с очень большой долей уверенности)
Sie muss krank sein. — Она наверняка больна.
275
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• sollen
¾выражение долга, обязанности, поручения или приказа,
исходящих со стороны других лиц
Der Arzt sagt, ich soll Medikamente nehmen. Врач говорит, я
должен принимать медикаменты.
¾предположение (слух, разговоры с малой долей вероят-
ности, которую говорящий не разделяет)
Er soll krank sein. — Говорят, он болен.

• wollen
¾выражение твёрдого желания
Ich will mit dir sprechen. — Я хочу с тобой поговорить.
¾в 3-м лице ед. числа выражает намерение, исполнение
которого гарантируется только говорящим
Er will morgen im Büro sein.  — Он утверждает, что завтра
будет в офисе.

Модальные глаголы изменяются по лицам и числам и чаще


употребляются с формой Infinitiv смыслового глагола. В про-
стых распространённых предложениях модальный глагол на-
ходится рядом с подлежащим, а смысловой глагол в Infinitiv за-
нимает последнее место в предложении.
Wir können morgen zusammen ins Kino gehen.  — Мы можем
завтра вместе пойти в кино.

Модальные глаголы в настоящем времени (Präsens) спряга-


ются следующим образом:
können dürfen mögen müssen sollen wollen
ich kann darf mag muss soll will
du kannst darfst magst musst sollst willst
er, sie,es kann darf mag muss soll will
wir können dürfen mögen müssen sollen wollen

276
Грамматический справочник

ihr könnt dürft mögt müsst sollt wollt


Sie, sie können dürfen mögen müssen sollen wollen

В форме Präteritum (простое прошедшее время) спряжение


модальных глаголов происходит таким образом:
können dürfen mögen müssen sollen wollen
ich konnte durfte mochte musste sollte wollte
du konntest durftest mochtest musstest solltest wolltest
er,
konnte durfte mochte musste sollte wollte
sie,es
wir konnten durften mochten mussten sollten wollten
ihr konntet durftet mochtet musstet solltet wolltet
Sie,
konnten durften mochten mussten sollten wollten
sie

Временная форма Perfekt с модальным глаголом образуется


с помощью вспомогательного глагола haben в временной форме
Präsens. При этом модальный и смысловой глаголы употребля-
ются в форме Infinitiv:
Das Kind hat das Buch lesen wollen. — Ребёнок хотел прочитать
книгу.

Форма Plusquamperfekt с модальным глаголом образуется та-


ким же образом, но вспомогательный глагол haben принимает
форму Präteritum:
Das Kind hatte das Buch lesen wollen. — Ребёнок хотел прочи-
тать книгу.

Возвратные глаголы
Reflexive Verben
Глаголы, употребляющиеся с местоимением sich, называют-
ся возвратными, т.е. передающими действия, которые направ-
лены, главным образом, на сам субъект. На русский язык такие
277
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

глаголы часто переводятся с частицей —ся:


Er setzt sich zu Tisch. — Он садится за стол.
Однако, возвратность глаголов в русском и немецком языках
не всегда совпадает:
sich merken — запоминать; lernen — учиться

Глаголы с отделяемыми
и неотделяемыми приставками
Verben mit trennbaren
und untrennbaren Präfixen
В немецком языке глаголы могут иметь отделяемые и неот-
деяемые приставки.
К неотделяемым приставкам относятся: be-, ge-, er-, ve-, zer-
, emp-, ent-, miss-. Эти приставки безударны и пушутся с гаго-
лом слитно.
К отделяемым приставкам относятся: an-, ab-, auf-, aus-, zu-,
vor-, mit-, bei-, ein-, nach-. Отделяемые приставки всегда стоят
под ударением. В простых предложениях в Präsens, Präteritum
и Imperativ они отделяются от глагола и ставятся в конце пред-
ложения:
Ich lese den Text vor. — Я читаю текст вслух.
Ich las den Text vor. — Я читала текст вслух.
Lies den Text vor. — Прочитай текст вслух.

Приставки durch-, über-, unter-, um-, wieder-, wider-, hinter-


могут быть как отделяемыми, так и неотделяемыми. Это зави-
сит от значения глагола.
Das Boot setzt die Touristen ans andere Ufer über. — Лодка пере-
правляет туристов на другой берег.
Ich übersetze den Text. — Я перевожу текст.
278
Грамматический справочник

Инфинитив
Infinitiv
Инфинитив — это неопределёная форма глагола. Инфи-
нитив может употребляться в сочетании с существительным,
с другим глаголом или прилагательным, зависеть от них и вы-
полнять при этом функции определения, дополнения, подле-
жащего.
Infinitiv может стоять в предложении с частицей zu и без неё.

Употребление инфинитива без zu:


• после модальных глаголов и глагола lassen
Sie will Schullehrerin werden. — Она хочет стать учительницей.
• после глаголов bleiben, helfen, lehren, lernen
Bleiben Sie sitzen. — Пожалуйста, не вставайте.
• после глаголов движения таких, как gehen, fahren,
kommen, laufen
Er geht jeden Abend tanzen. — Каждый вечер он ходит тан-
цевать.
• в конструкции Akkusativ+Infinitiv с глаголами hören, füh-
len, spüren, sehen
Er hört mich Klavier spielen. Он слышит, как я играю на пиа-
нино.

Употребление инфинитива с zu:


• после большинства глаголов: beginnen, versprechen, vor-
schlagen, versuchen, anfangen, scheinen, bitten и др.
Ich verspreche, pünktlich zu kommen. — Я обещаю придти
вовремя.
• после глагола brauchen в отрицательном или ограничи-
тельном значении
Sie brauchen, mich nicht zu begleiten. — Вам не нужно меня
провожать.
279
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• после многих прилагательных stolz, froh, interessant и др.


Ich bin froh, dich zu sehen. — Я рад тебя видеть.
• после некоторых абстрактных имён существительных:
der Wunsch, der Gedanke, die Absicht
Ich habe den Wunsch, ins Konzert zu gehen. — У меня есть
желание пойти на концерт.
• после глаголов haben и sein, где конструкция haben … zu +
Infinitiv имеет значение долженствования и носит актив-
ный характер, а конструкция sein … zu + Infinitiv имеет
пассивное значение долженствования
Ich habe diese Arbeit bis morgen zu machen.  — Я должен
сделать эту работу до завтра.
Diese Arbeit ist bis morgen zu machen. — Эта работа должна
быть сделана до завтра.
• в оборотах um…zu (чтобы), ohne …zu (без того, чтобы),
(an)statt…zu (вместо того, чтобы)
Sie sind ins Zimmer eingetretten, ohne mich zu begrüßen. —
Они вошли в комнату, не поприветствовав меня.

Причастие
Partizip
В немецком языке существуют 2 формы причастия: Partizip
I и Partizip II.
Partizip I выражает длительное, незавершённое действие и
всегда имеет активное значение. Partizip I образуется от основы
глагола с помощью суффикса -(e)nd:
lesen — lesend, читающий

Partizip I в предложении употребляется как:


• определение, при этом оно склоняется как прилагатель-
ное
der lesende Junge, ein lesender Junge — читающий мальчик
280
Грамматический справочник

• обстоятельство, при этом оно остаётся неизменным


Er sah mich schweigend an. — Он молча посмотрел на меня.
• часть сказуемого
Dieser Faktor war entscheidend. — Этот фактор был решаю-
щим.
• с частицей zu, тогда он приобретает модальное пассивное
значение долженствования
die zu lösende Aufgabe  — задание, которое необходимо
решить

Образование формы Partizip II см. в начале раздела «Глагол».


Partizip II учавствует в образовании временных форм Perfekt,
Plusquamperfekt, Futurum II, а также в образовании пассивного
залога — Passiv.
Кроме того, Partizip II употребляется в предложении как:
• определение, в этом случае оно склоняется, как прилага-
тельное
die gelöste Aufgabe — решённое задание
• обстоятельство
Er erzählte begeistert von seiner Reise. — Он воодушевлён-
но рассказывал о своём путешествии.

Partizip II также может переходить в разряд существитель-


ных. В таком случае он употребляется с артикем, пишется с
прописной буквы и склоняется как существительное:
der Angestellte — служащий

Наклонение
Modus
В немецком языке имеются три наклонения: Indikativ (изъ-
явительное), Konjunktiv (сослагательное) и Imperativ (повели-
тельное).
281
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Indikativ характеризует действие как реальное, действительное.


Er spielt jetzt Gitarre. — Он сейчас играет на гитаре.
Konjunktiv представляет действие как нереальное, предпола-
гаемое, желаемое или возможное.
Wenn ich nur schon zu Hause wäre! — Если бы только я уже был
дома.
Imperativ выражает побуждение, волеизъявление (приказ,
просьбу, совет).
Hilf mir, bitte! — Помоги мне, пожалуйста!

Сослагательное наклонение
Konjunktiv
Различают формы Konjunktiv I и Konjunktiv II.
Konjunktiv I образуется с помощью прибавления личных
окончаний к основе глагола.

Личные окончания глагола в коньюнктиве:


Ед. число Мн. число
ich -e wir -en
du -est ihr -et
er, sie, es -e Sie, sie -en

Форма Konjunktiv I вспомогательных глаголов в настоящем


времени Präsens:
sein haben werden
Ед. ich sei habe werde
число du seiest habest werdest
er, sie, es sei habe werde
wir seien *haben *werden
Мн. ihr seiet habet werdet
число Sie, sie seien *haben *werden

282
Грамматический справочник

*Т.к. в 1-м и 3-м лице мн. числа форма Konjunktiv I совпадает


с формой Indikativ, она заменяется на форму Konjunktiv II:
Sie sagen, sie hätten eine Schwester. — Они говорят, у них
есть сестра.

Konjunktiv I употребляется в формах Präsens, Perfekt и Futu-


rum. Временные формы Perfekt и Futurum в Konjunktiv I образу-
ются так же, как и в Indikativ, однако соответствующие вспомо-
гательные глаголы принимают форму Konjunktiv I:
Sie behauptet, sie habe ein Gedicht geschrieben. — Она утверж-
дает, что написала стих.
Er sagt, er werde einen Marathon laufen.  — Он говорит, что по-
бежит марафон.

Konjunktiv I в отличие от Konjunktiv II имеет реальное значе-


ние и выражает:
• условие (реальное), допущение
Der Winkel sei gleich 45°. — Допустим, угол равен 45°.
• в косвенной речи
Sie sagt, ich sei zu jung. — Она говорит, я слишком молода.
• исполнимое желание
Es lebe …! — Да здравствует…!
• в предписаниях и рекомендациях
Man nehme diese Tabletten dreimal täglich. — Эти таблетки
следует принимать три раза в день.

Konjunktiv II чаще выражает нереальное значение. Образует-


ся следующим образом:
283
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

• для глаголов sein, haben, werden, модальных глаголов и


некоторых сильных глагололв — основа Präteritum + ум-
лаут (ä, ü, ö) + личные окончания в коньюнктиве
können — könnte, sein — wäre, kommen — käme
• для остальных глаголов — вспомогательный глагол würde
+ Infinitiv основного глагола
malen — würde malen

Konjunktiv II употребляется в формах Präteritum и Plusquam-


perfekt.

Форма Konjunktiv II вспомогательных глаголов в форме


Präteritum:
sein haben werden
ich wäre hätte würde
Ед.
du wärest hättest würdest
число
er, sie, es wäre hätte würde
wir wären hätten würden
Мн.
ihr wäret hättet würdet
число
Sie, sie wären hätten würden

Wenn ich doch gesund wäre! — Если бы я был здоров!

Plusquamperfekt образуется вспомогательным глаголом ha-


ben или sein в форме Konjunktiv II Präteritum и формой Partizip II
основного глагола:
Ich hätte dich angerufen, aber ich habe mein Handy verloren. —
Я бы тебе позвонил, но потерял свой сотовый телефон.

Konjunktiv II выражает:
• нереальное желание в настоящем и будущем времени
Hätte ich nun ein Auto. — Была бы у меня машина.
• нереальное желание в прошедшем времени
284
Грамматический справочник

Hätte ich doch ein Auto gehabt. — Была бы у меня машина.


• возможность, которая не оуществляется, так как нет не-
обходимых для её осуществления условий
Ich würde eine Reise machen. — Я бы совершил путешествие.
• некатегоричное, вежливое или нерешительное высказы-
вание
Ich würde das anders machen. — Я бы сказал это иначе.

Повелительное наклонение
Imperativ
Формы повелительного наклонения образуются от осно-
вы глагола и подразумевают обращение к собеседнику или
собеседникам на «ты», «вы»(форма 2-го лица мн. числа),
«Вы»(вежливое обращение»или же к нескольким лицам, вклю-
чая говорящего — «мы».
Лицо Образование Indikativ Imperativ
Основа глагола 2-го лица
du machst Mach!
ед.ч. + -e, если основа
du badest Bade!
du оканчивается на —t, -d, -ig.
du fährst Fahr!
Сильные глаголы теряют
du liest Lies!
умлаут.
ihr schreibt Schreibt!
Форма глагола 2-го лица мн.
ihr ihr fahrt mit *Fahrt mit!
ч.
ihr kauft Kauft!
Форма глагола 3-го лица мн. Sie kommen Kommen Sie!
Sie ч. + местоимение Sie, глагол Sie sagen Sagen Sie!
на первом месте Sie nehmen Nehmen Sie!
Форма глагола 1-го лица
wir gehen Gehen wir!
мн. ч. + местоимение wir,
wir глагол на первом месте.
*Wollen wir
Wollen + wir + Infinitiv
wir singen singen!
смыслового глагола

*Если глагол имеет отделяемую приставку, то она ставится в


285
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

конце предложения.
*В форме повелительного наклонения в конструкции “wollen
+ wir + Infinitiv смыслового глагола” глагол wollen не перево-
дится как модальный глагол:
Wollen wir ins Theater gehen! — Давайте пойдём в театр!

Вспомогательные глаголы haben, sein, werden имеют особые


формы Imperativ:
Лицо Präsens Imperativ
haben
du du hast hab
ihr ihr habt habt
Sie Sie haben haben Sie
sein
du du bist sei
ihr ihr seid seid
Sie Sie sind seien Sie
werden
du du wirst werde
ihr ihr werdet werdet
Sie Sie werden werden Sie

Страдательный залог
Passiv
В страдательном залоге, т.е. в Passiv, подлежащее не совер-
шает действие, на него воздействуют со стороны какого-либо
предмета или лица, поэтому непосредственный исполнитель
действия может даже не упоминаться в предложении. Кате-
гория страдательного залога свойственна только переходным
глаголам, т.е. тем глаголам, которые имеют дополнение в вини-
тельном падеже без предлога.
Ein Lied wird gesungen. — Песня поётся.
Некоторые переходные глаголы не образуют страдательный

286
Грамматический справочник

залог: haben, enthalten, wissen, kennen и др.


Для обозначения субъекта дейсвия в страдательном залоге
употребляется дополнение с предлогом von (Dat.) — для обо-
значения одушевлённых лиц и предлог durch (Akk.) — для обо-
значения причины, предметов или действующей силы:
Der Film wird vom Regisseur gedreht. — Фильм снимаается
режиссёром.
Die Burg wurde durch Bomben zerstört.   — Крепость была
разрушена бомбами.

Passiv образуется с помощью вспомогательного глагола


werden в соответствующей временной форме изъявительного
наклонения и Partizip II основного глагола.

Образование Passiv Präsens: werden + Partizip II основного


глагола
Ich werde gelobt. — Меня хвалят.
Образование Passiv Präteritum: werden в Präteritum + Partizip
II основного глагола
Der Tisch wurde gedeckt. — Стол был накрыт.
Образование Passiv Perfekt: werden в Perfekt + Partizip II ос-
новного глагола
Das Haus ist gebaut worden. — Дом был построен.
Образование Passiv Plusquamperfekt: werden в Plusquamperfekt
+ Partizip II основного глагола
Das Problem war gelöst worden. — Проблема была решена.
Образование Passiv Futurum: werden в Futurum + Partizip II ос-
новного глагола
Die Blumen werden gekauftt werden. — Цветы будут куплены.
287
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Passiv с модальными глаголами образуется следующим обра-


зом: Präsens: модальный глагол в Präsens + Infinitiv глагола wer-
den + Partizip II основного глагола
Der Kranke muss operiert werden. — Больной должен быть
прооперирован.
Präteritum: модальный глагол в Präteritum + Infinitiv глагола
werden + Partizip II основного глагола
Der Kranke musste operiert werden.  — Больной должен
был быть прооперирован.

Формы страдательного залога с модальным глаголом в


Perfekt и Plusquamperfekt встречаются крайне редко и чаще все-
го заменяются формой в Präteritum.

В немецком языке также существует пассив состояния —


Stativ. Эта форма обозначает не само действие, а его результат,
состояние предмета или лица.
Stativ образуется с помощью вспомогательного глагола sein в
соответствующей временной форме и Partizip II основного гла-
гола.
Das Fenster ist geöffnet. — Окно открыто.

ПРЕДЛОГИ
PRÄPOSITIONEN
Предлог — служебная часть речи. Он указывает на отноше-
ние между существительным и другим словом в предложении
или словосочетании. Предлоги связаны с определенным паде-
жом.
288
Грамматический справочник

Предлоги с дательным падежом:


ab (от, из, с):
ab Dresden; ab dem fünften März; ab 18 Jahren
aus (из, с, от, по):
aus dem Hörsaal; aus Deutschland; aus dem Französischen
auβer (кроме, вне, за, за исключением):
auβer diesem Studenten
bei (у, при, под, возле, подле, во время, на, по, в, за, около):
bei meiner Freundin; beim Mittagessen
dank (благодаря):
dank ihrer Hilfe
entgegen (против, напротив, навстречу, вопреки) (употребля-
ется после имен существительных):
seiner Meinung entgegen
entsprechend (согласно, в соответствии):
entsprechend seiner Ansicht
gegenüber (напротив, против, по сравнению с, в противовес):
gegenüber dem Hotel
mit (с, вместе с, на):
mit dem Bruder; mit dem Auto; mit dem Kugelschreiber; mit Inter-
esse
nach (в, к, на, за, после, по, через, спустя, вслед за):
nach Italien; nach dem Frühstück; meiner Meinung nach
seit (с, от):
seit einem Monat; seit September
von (из, о, от, с, у, в):
von der Reise; von der Uni; vom 5. 07
zu (к, на, в, за, по, для, с):
zum Arzt; zum Tee; zum dritten Mal; zur Post
289
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Предлоги с винительным падежом:


bis (до, по):
bis morgen; bis 12 Uhr nachts; bis bald;
durch (через, сквозь, по, на):
durch den Wald; durch das Fenster
entlang (вдоль, в течение) (употребляется после существи-
тельного):
den Fluss entlang
für (для, за, ради, в пользу, вместо, взамен, на, против, от, в):
für mich; für zwei; für drei Tage
gegen (к, по направлению к, на, против, около, под, по от-
ношению к, перед, вопреки, помимо):
gegen den Krieg; gegen den Turm; gegen Kopfschmerzen; gegen
Abend
ohne (без, кроме):
ohne den Vater; ohne Wörterbuch
um (вокруг, около, в, через, на, за, о, об):
um den Tisch; um die Ecke
wider (против, вопреки, помимо):
wider Willen

Предлоги с дательным
и винительным падежами:
Предлоги an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen
употребляются с дательным и винительным падежами. Пре-
жде всего они указывают место. Если речь идет о движении по
направлению к цели, т.е. задается вопрос wohin? (куда?), суще-
ствительное с предлогом употребляется в винительном падеже
(Akkusativ). Если же есть указание на расположение в опреде-
ленном месте, т.е. задан вопрос wo? (где?), следует употреблять
дательный падеж (Dativ). При ответе на вопрос woher? (откуда?)
существительное всегда употребляется в дательном падеже.
290
Грамматический справочник

an (у, при, около, возле, близ, на, в, к, для, по, за):


an dem Tisch (D.); an den Schrank (A.); an der Elbe (D.)
auf (на, в, по, до, за, после):
auf dem Tisch (D.); auf die Straße (A.)
hinter (за, позади, от):
hinter der Garage (D.); hinter die Tür (A.)
in (в, на, через, за):
in die Bibliothek (A.); im Sommer (D.); im September (D.); in fünf
Minuten (D.)
neben (рядом с, около, возле, у, при, подле, наряду, с, кроме):
neben dem Hotel (D.); neben das Fenster (A.); neben mir (D.)
über (над, поверх, на, по, через, за, по истечении, в течении,
более, свыше, сверх, о, по поводу, из-за):
über dem Tisch (D.); über die Straβe (A.); über 6 Milliarden Men-
schen (A.); über den Sieg (A.); über den Tisch (A.)
unter (под, среди, между, ниже, меньше, при, с, в):
unter dem Tisch (D.); unter den Studenten (D.); unter zehn Jahren
(D.); unter den Tisch (A.)
vor (перед, к, от, до …, за, тому назад):
vor den Fernseher (A.); vor Angst (D.); vor fünf Minuten (D.)
zwischen (между, среди):
zwischen den Zeilen; zwischen den Schrank und den Tisch

Предлоги с родительным падежом:


unweit (недалеко от, поблизости от):
unweit des Flusses
während (во время, в продолжение, в течение, за в):
während des Studiums
wegen (ради, из-за, вследствие):
wegen der Krankheit
291
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

(an)statt (вместо, взамен):


statt der Mutter
trotz (несмотря на, вопреки):
trotz des schlechten Wetters
längs (вдоль):
längs des Ufers

СТРУКТУРА ПРЕДЛОЖЕНИЯ
SATZBAU

В структуре немецкого предложения всегда должны на-


ходиться подлежащее и сказуемое. Подлежащее выражается
именем существительным или местоимением в именительном
падеже. Оно выполняет действие. Сказуемое всегда выражает-
ся глаголом в той или иной временной форме, оно обозначает
выполняемое действие. В немецких положениях сказуемое за-
нимает фиксированное место.

Простое повествовательное предложение


Einfacher Aussagesatz
В простом распространённом повествовательном предложе-
нии сказуемое или его спрягаемая часть всегда стоит на втором
месте:
Ich gehe heute mit meinem Freund ins Schwimmbad.

Предложения, в которых подлежащее занимает первое ме-


сто, называют предложениями с прямым порядком слов.
Если же на первом месте находится один из второстепенных
членов предложения, а сказуемое занимает вторую позицию, то
подлежащее следует за сказуемым. Такой порядок слов называ-
ется обратным.
Heute gehe ich mit meinem Freund ins Schwimmbad.
292
Грамматический справочник

Вопросительное предложение
Fragesatz
Среди вопросительных предложений различают предложе-
ния с вопросительным слом и без вопросительного слова.
В вопросительных предложениях без вопросительного слова
сказуемое стоит на первом месте, сразу за ним стоит подлежа-
щее:
Ist das Ihre Tasche? — Это Ваша сумка?
В вопросительных предложениях с вопросительным словом
на первом месте стоит вопросительное слово, а сказуемое или
изменяемая его часть стоит на втором месте. Сразу после сказу-
емого находится подлежащее:
Wie geht es dir? — Как твои дела?

Если вопросительное слово является определением к имени


существительному, т.е. подразумевается ответ на вопрос wessen?
(чей?) или welcher? (какой?), то группа имени существитель-
ного занимает первое место, и только потом стоит спрягаемая
часть сказуемого:
Wessen Uhr ist es? — Чьи это часы?

Сложное предложение
Zusammengesetzter Satz
Предложение, состоящее из двух или нескольких связанных
между собой простых предложений, называют сложными. Раз-
личают два основных вида предложений: сложносочинённое (die
Satzreihe) и сложноподчинённое (die Satzgefüge).
Сложносочинённое предложение состоит из двух или не-
скольких простых предложений, граматически независимых
друг от друга, но связанных содержанием, интонацией и сочи-
нительными союзами.
293
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

Наиболее употребительные сочинительные союзы: und (и,


а), aber (но), oder (или), sondern (а), denn (так как). Они не влия-
ют на порядок слов в предложении, т.е. после них подлежащее
стоит на первом месте, спрягаемый глагол — на втором:
Ich schreibe dir eine SMS oder ich ruf dich an.  — Я напишу
тебе смс или позвоню.

Некоторые союзы требуют после себя обратного порядка


слов, т.е. после них сразу стоит сказуемое, а затем подлежащее:
also (итак), darum/deshalb/deswegen (поэтому), trotzdem (несмо-
тря на это), und zwar (а именно), sonst (иначе), dann (потом) и др.
Meine Mutter hat morgen Geburtsag, deshalb muss ich ein
Geschenk kaufen.  — У моей мамы завтра день рождения,
поэтому мне нужно купить подарок.

Предложения могут соединяться также парными союзами:


sowohl … als auch … (как … так и …), weder … noch… (ни… ни…),
bald … bald … (то … то…), nicht nur … sondern auch … (не только …,
но и …), entweder … oder … (или … или …).
Entweder bleibe ich in der Stadt, oder fahre ich aufs Land. —
Либо я останусь в городе, либо поеду загород.

Сложноподчинённое предложение состоит из главного пред-


ложения и одного или нескольких придаточных предложений,
подчинённых главному при помощи союзов или без союзов. В
немецком языке в придаточном предложении сказуемое стоит
на последнем месте, а подлежащее — сразу после союза или со-
юзного слова:
Ich weiß, dass er oft lügt. — Я знаю, что он часто врёт.
294
Грамматический справочник

Отделяемая приставка в придаточном предложении от гла-


гола не отделяется:
Sie sagt, dass sie immer früh aufsteht.  — Она говорит, что
всегда рано встаёт.

Если сказуемое сложное, то на последнем месте стоит его из-


меняемая часть, а неизменямая — на предпоследнем:
Ich bin sehr froh, weil ich die Prüfung bestanden habe. — Я
очень рада, т.к. сдала экзамен.
Придаточное предложение также может стоять перед глав-
ным, в таком случае главное предложение будет начинаться с
глагола:
Da ich keine Zeit habe, kann ich dir nicht helfen. — Т.к. у меня
нет времени, я не могу тебе помочь.
НЕМЕЦКО-РУССКИЙ
СЛОВАРЬ

der  Absturz, m  — падение


das  Abteil, n  — купе
A
die  Abwechslung, f  — разно-
der  Abendanzug, m  — вечер-
образие
ний костюм
abwesend— отсутствующий
das  Abendkleid, n  — вечер-
нее платье achtgeben  — обращать вни-
мание
die  Abendrunde, f  — вечер-
ний обход die  Ahnung, f  — предчув-
ствие, понятие
das  Abenteuer, n  — приклю-
чение albern  — глупый
abergläubisch  — суеверный das  Alleinsein, n  — одиноче-
abfahren  — отъезжать ство
die  Abfahrt, f  — отъезд allerdings  — тем не менее,
однако
der  Abgrund, m  — глубокий
провал das  Alter, n  — возраст, ста-
abholen  — заехать за кем- рость
либо, забрать кого-либо altmodisch  — старомодный
ablösen  — сменять amüsieren  — развлекаться
abnehmen  — худеть anbinden  — связывать, при-
abreisen  — отправляться в вязывать
путешествие der  Anfahren, m  — наезд,
absausen  — умчаться разгон
die  Abschiedsfeier, f  — про- der  Anfang, m  — начало
щальный вечер anfangen  — начинать
abschleppen  — буксировать anfassen  — прикасаться
absetzen  — снимать die  Angehörige, f  — предста-
abstehende  — оттопыренный витель, родственник

296
Немецко-русский словарь

die  Angelegenheit, f  — об- die  Aufnahme, f  — снимок,


стоятельство приём
angenehm  — приятно aufregend  — волнующий
der  Angestellte, m  — служа- aufschlagen  — ударяться,
щий разбиваться
die  Angst, f  — страх aufstehen  — вставать
angstvoll  — испуганный aufsuchen  — навещать, ра-
die  Anhöhe, f  — холм зыскивать
die  Ankunft, f  — прибытие der  Aufzug, m  — лифт
die  Anprobe, f  — примерка der  Augenblick, m   — миг,
der  Anruf, m  — звонок мгновение
anrufen  — звонить ausbauen  — расширять, от-
der  Ansager, m  — диктор страивать
ansprechen— заговорить die  Auseinandersetzungen,
der  Anspruch, m  — требова- f  — разногласия
ние der  Ausflug, m  — прогулка,
anstarrten  — пристально экскурсия
смотреть die  Ausfuhrerlaubnis, f  —
die  Anzahl, f  — количество экспортная лицензия
die  Asche, f  — пепел ausführen  — вывозить
der  Atemzug, m  — вдох der  Ausgang, m  — выход
der  Aufbahrung, m  — пу- ausgeben  — тратить, выда-
бличное прощание с по- вать
койным das  Ausgehverbot, n  — за-
aufbleiben  — бодрствовать прещение выходить на
der  Aufbruch, m  — отъезд, улицу
уход ausgerissen  — вырвавшийся
aufdrehen  — набирать обо- вперёд
роты ausgeruht  — отдохнувший
das  Aufflammen, n  — ausgeschlafen  — выспав-
вспышка шийся
aufgeben  — прекращать aushalten  — выносить, вы-
aufmerksam  — внимательно держивать

297
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

die  Auskunft, f  — справка, begeistert  — восхищённый


информация beginnen  — начинать
das  Ausland, n  — заграница der  Begleiter, m  — сопрово-
ausreißen, sich  — вырвать- ждающий
ся, убежать beglänzt  — освещённый
ausruhen  — отдохнуть beglückend  — приятный,
aussehen  — выглядеть блаженный
der  Aussichtspunkt, m  — об- begraben  — похоронить
зорная площадка begreifen  — понимать
die  Aussprache, f  — произ-
begrüßen  — приветствовать
ношение
behalten  — сохранять, дер-
aussteigen  — выходить из
жать
транспорта
die  Behandlung, f  — лечение
ausverkaufen  — распрода-
вать behaupten  — утверждать
außerdem  — кроме того behutsam  — осторожно
außerordentlich  — необы- beibringen  — научить
чайный der  Beifahrer, m  — сменный
водитель
B das  Beispiel, n  — пример
der  Bahnhof, m  — вокзал der  Bekannte, m  — знако-
мый
beachten  — обращать вни-
мание bekommen  — получать
bedauern  — сожалеть beleuchtet  — освещённый
bedeuten  — значить belustigen  — веселить
bedienen  — обслуживать bemerkbar  — ощутимый
beeilen  — спешить die  Bemerkung, f  — замеча-
beenden  — заканчивать ние, комментарий
das  Beerdigungsinstitut, n  — benachrichtigten  — сообщать
похоронное бюро beneiden  — завидовать
befinden, sich  — находиться beobachten  — наблюдать
befreien  — освобождать bereit  — готовый
die  Begegnung, f  — встреча bereuen  — сожалеть

298
Немецко-русский словарь

der  Bernhardiner, m  — сен- das  Bewußtsein, n  — осозна-


бернар ние
der  Beruf, m  — профессия bewölkt  — покрытый тучами
beruhigen  — успокаивать bezahlen  — оплачивать
berühren  — прикоснуться die  Birne, f  — лампочка,
beschreiben  — описывать груша
beschränkt  — ограниченный die  Blattpflanzen, f  — ли-
beschuldigen  — обвинять ственное растение
beschäftigen, sich  — зани- blaß  — бледный
маться чем-либо bleiben  — оставаться
besetzt  — занят, оккупиро- das  Blumengeschäft, n  —
ванный цветочный магазин
besitzen  — владеть der  Blutsturz, m  — горловое
кровотечение
das  Besitzenwollen, n  — же-
лание собственника die  Blutung, f  — кровотече-
ние
der  Besitzer, m  — владелец
blühen  — цвести
die  Besorgung, f  — приобре-
тение der  Boden, m  — пол
bestellen  — заказывать der  Bombenangriff, m  —
бомбардировка
bestätigen  — подтверждать
das  Bombenflugzeug, n  —
besuchen  — посещать
бомбардировщик
beten  — молиться
das  Boot, n  — лодка, катер
betrachten  — наблюдать
der  Botendienst, m  — служ-
betrunken  — опьянённый ба доставки
betrügen  — обманывать brauchen  — нуждаться
bettlägerig  — лежачий braun  — коричневый, заго-
beugen  — нагибаться релый
bewegen  — двигать brav  — храбрый, бравый
die  Bewegung, f   — движе- breit  — широкий
ние der  Breitschwanz, m  — кара-
der  Bewohner, m  — житель кульча, плюшевая ткань,
bewusstlos  — без сознания имитирующая каракуль

299
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

bremsen  — тормозить der  Dieb, m  — вор


brennen  — гореть der  Dienstboteneingang,
der  Briefumschlag, m  — m  — служебный вход
конверт das  Diner, n  — званый обед
die  Brille, f  — очки das  Ding, n  — нечто, дело,
bringen  — приносить вещь
der  Brustkorb, m  — груд- dirigieren  — управлять, ру-
ная клетка ководить
die  Brusttasche, f  — нагруд- disponieren  — размещать
ный карман der  Dom, m  — собор
die  Brücke, f  — мост draußen  — снаружи, на
der  Buchhändler, m  — кни- улице
готорговец der  Dreck, m  — грязь
der  Bursche, m  — парень drehen  — поворачивать
der  Busen, m  — грудь dringend  — срочно
böse  — злой die  Drossel, f  — дрозд
die  Büchse, f  — винтовка drängen  — торопить, наста-
ивать
die  Bühne, f  — сцена
dröhnen  — гудеть
drücken  — жать, выжимать
D
der  Duft, m  — запах, аро-
die  Dankbarkeit, f  — благо- мат
дарность dulden  — терпеть
dauern  — длиться dumm  — глупый
die  Decke, f  — одеяло, по- der  Durchbruch, m  — про-
крывало, потолок рыв
das  Deckenlicht, n  — верх- durchhalten  — продержаться
нее освещение durchschlafen  — проспать
denken  — думать не просыпаясь
deprimiert  — подавленный der  Durchschnitt, m  — сред-
deutlich  — ясный, чёткий ний показатель
der  Dichter, m  — поэт durstig  — жаждущий
dick  — толстый das  Dutzend, n  — дюжина

300
Немецко-русский словарь

dämmern  — смеркаться die  Empfehlung, f  — реко-


dünn  — худой, тонкий мендация
empfindlich  — чувствитель-
ный
E
endgültig  — окончательный
die  Ecke, f  — угол
endlich  — наконец
egal  — безразличный
engagieren  — приглашать на
der  Ehrgeiz, m  — тщеславие
работу
ehrlich  — честный
entdecken  — обнаруживать
eifersüchtig  — ревнивый entfernt  — удалённый
die  Eigenschaft, f  — каче- entlang  — вдоль
ство, характеристика
entlassen  — отпускать
eigentlich  — на самом деле
entlaufen  — сбежать
die  Eile, f  — спешка
entscheiden, sich  — решить-
einfach  — просто ся
die  Einfahrt, f  — въезд die  Entscheidung, f  — реше-
der  Eingang, m  — вход ние
die  Einladung, f  — пригла- der  Entschluß, m  — решение
шение entsetzlich  — ужасный
die  Einsamkeit, f  — одино- die  Entspannung, f  — рас-
чество слабление
einsammeln  — собирать enttäuscht  — разочарован-
einsilbig  — немногословный ный
einsperren  — запирать entwickeln  — развивать
eintönig  — однообразный die  Erbschaft, f  — наслед-
die  Einzelheit, f  — деталь ство
die  Eisenbahn, f  — железная erdulden  — претерпеть
дорога erfahren  — узнавать
der  Eisschrank, m  — холо- die  Erfahrung, f  — опыт
дильник erfüllen, sich  — сбываться
ekelhaft  — отвратительный erhalten  — получать, сохра-
das  Elend, n  — грусть, то- нять
ска erholen, sich  — отдыхать

301
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

erinnern, sich  — вспоминать F


die  Erinnerung, f  — воспо- die  Fahrkarte, f  — билет
минание das  Fahrscheinheft, n  — або-
erkennen  — узнавать нементная книжечка
die  Fahrt, f  — поездка
erklären  — объяснять
fallen  — падать
die  Erkältung, f  — простуда
die  Farbe, f  — цвет
erleben  — разрешать fassungslos  — растерянный
das  Erlebnis, n  — приключе- faszinierend— блистатель-
ние, впечатление ный
erleichtert  — облегчённо fehlen  — не хватать, отсут-
ствовать
ernsthaft  — серьёзно
der  Fehler, m  — ошибка
erreichen  — достигать
feiern  — праздновать
erschrecken  — пугать feindlich  — враждебный
еrstaunen  — удивлять feindselig  — недоброжела-
ertragen  — терпеть тельный
das  Erwachen, n  — пробуж- der  Felsen, m  — скала
дение die  Fensterbank, f  — подо-
конник
erwachsen  — взрослеть
das  Fensterbrett, n  — подо-
erwarten  — ожидать конник
die  Erwartung, f  — ожида- fertig  — готов
ние das  Fest, n  — праздник
erwidern  — ответить festhalten  — удерживать
erwischen  — схватить, пой- fett  — жирный
мать feucht  — влажный
das  Feuer, n  — пламя
erwähnen  — упоминать
das  Fieber, n  — температу-
erzählen  — рассказывать ра, жар
ewig  — вечно finden  — находить
die  Ewigkeit, f  — вечность der  Finger, m  — палец

302
Немецко-русский словарь

das  Fischerboot, n  — рыбац- fühlen, sich  — чувствовать


кая лодка себя
flach  — плоский der  Führer, m  — руководи-
die  Flamme, f  — пламя, тель
страсть der  Führersitz, m  — место
fliehen  — спасаться бег- шофёра
ством fürchterlich  — ужасный
die  Flucht, f  — побег die  Fürsorge, f  — забота
das  Flugzeug, n  — самолёт
flüchtig  — мимолётный G
flüstern  — шептать die  Gasse, f  — переулок
fordern  — требовать geben  — давать
forschen  — исследовать das  Gebiss, n  — челюсть,
зубы
fortgehen  — уходить
das  Gebäude, n  — здание
fortjagen  — прогонять
das  Gedicht, n  — стихотво-
fragen  — спрашивать
рение
die  Freiheit, f  — свобода
geduldig  — терпеливый
fremd  — чужой
das  Gedächtnis, n  — память
die  Freude, f  — радость
die  Gefahr, f  — опасность
der  Friedhof, m  — кладбище gefallen  — нравиться
friedlich  — мирный, спокой- das  Gefangenenlager, n  —
ный лагерь военнопленных
frisch  — свежий gefährlich  — опасный
froh  — довольный das  Gefängnis, n  — тюрьма
fromm  — благочестивый das  Gefühl, n  — чувство
frostig  — морозный das  Geheimnis, n  — тайна
fruchtbar  — плодородный gehören  — принадлежать
furchtbar  — ужасный der  Geist, m  — дух, душа
der  Fußgänger, m  — пеше- geizig  — скупой
ход der  Geldschein, m  — банк-
fähig  — способный нота

303
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

die  Gelegenheit, f  — удоб- gewinnen  — выигрывать


ный случай das  Gewitter, n  — гроза
der  Gelehrter, m  — учёный die  Gewohnheit, f  — при-
geliebt  — любимый вычка
der,  die  Geliebte, m, f  — gewöhnlich  — обычно
возлюбленный, возлю- gezwungen  — вынужден
бленная glauben  — полагать, верить
gepflegt  — ухоженный das  Gleichgewicht, n  — рав-
das  Gepäck, n  — багаж новесие, уравновешен-
der  Geruch, m  — запах ность
das  Geschenk, n  — подарок gleichgültig  — равнодушный
die  Geschichte, f  — история gleichmütig  — спокойно, не-
der  Geschmack, m  — вкус возмутимо
die  Geschwindigkeit, f  — gleichzeitig  — одновременно
скорость die  Glocke, f  — колокол
der  Geschäftsgeist, m  — дух glänzen  — блестеть, сиять
предпринимательства die  Glühbirne, f  — лампочка
geschäftstüchtig  — деловой gnädig  — милостивый
die  Gesellschaft, f  — обще- gratulieren  — поздравлять
ство
die  Grenze, f  — граница
das  Gesetz, n  — закон
grinsen  — ухмыляться
das  Gesicht, n  — лицо
großartig  — великолепный
gespannt  — напряжённый,
das  Grab, n  — могила
взволнованный
gründlich  — основательный
das  Gespenst, n  — привиде-
gutmütig  — добродушно
ние
gönnen  — искренне желать
das  Gespräch, n  — разговор
die  Gestalt, f  — фигура
gesund  — здоров H
die  Gesundheit, f  — здоровье hager  — худощавый
die  Gewalt, f  — власть, на- der  Hals, m  — шея
силие halten  — держать
das  Gewicht, n  — вес handeln  — торговать

304
Немецко-русский словарь

die  Handlung, f  — действие hereinkommen  — входить


der  Handschuh, m  — перчат- herrlich  — чудесный
ка hervorragend  — превосход-
hart  — жёсткий ный
hartnäckig  — упрямый der  Herzschlag, m  — удар
hassen  — ненавидеть сердца
hastig  — поспешно, торо- die  Hetze, f  — спешка
пливо das  Heulen, n  — помехи ра-
die  Haube, f  — капот диоприёму, рыдания
der  Haupteingang, m  — hexen  — творить чудеса,
главный вход колдовать
die  Hauptstraße, f  — авто- hilflos  — беспомощно
магистраль der  Himmel, m  — небо
der  Hausknecht, m  — кори- der  Hitzschlag, m  — тепло-
дорный вой удар
die  Haut, f  — кожа hochfliegend  — высоколетя-
heben  — поднимать щий, честолюбивый
der  Heger, m  — сторож hochgestreckt  — растянутый
heilen  — лечить das  Hochtal, n  — высокогор-
die  Heimat, f  — родина ная долина
heimlich  — секретный hocken  — сидеть на корточ-
heiraten  — жениться, выхо- ках
дить замуж hoffen  — надеяться
heiser  — хриплый hoffentlich  — надеюсь
heiter  — весёлый hoffnungslos  — безнадёж-
die  Heizung, f  — отопление ный
helfen  — помогать holen  — приносить
hell  — светлый die  Hotelhalle, f  — холл го-
die  Helligkeit, f  — свет стиницы
herausfinden  — обнаружи- husten  — кашлять
вать hängen  — вешать
herauskommen  — выезжать hässlich  — страшный
heraussuchen  — выискивать höflich  — вежливый

305
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

die  Höhe, f  — холм die  Karre, f  — тачка, авто-


die  Hölle, f  — ад мобиль
hören  — слушать der  Karton, m  — картонная
коробка
der  Hörer, m  — телефонная
трубка der  Kaviar, m  — икра
der  Hügel, m  — холм die  Kehre, f  — крутой пово-
рот
die  Hütte, f  — хижина
der  Keller, m  — подвал
der  Kellner, m  — официант
I kennenlernen  — знакомить-
der  Igel, m  — ёж ся
der  Innenraum, m  — вну- die  Kerze, f  — свеча зажига-
треннее помещение ния
die  Innenseite, f  — внутрен- die  Kette, f  — цепь, цепочка
няя сторона der  Kirsch, m  — вишнёвая
irritieren  — раздражать, водка
смущать die  Kiste, f  — ящик
der  Irrtum, m  — заблужде- klagen  — жаловаться
ние das  Klappern, n  — щёлка-
die  Jahreszeit, f  — время нье, стук
года klatschen  — хлопать
das  Jahrhundert, n  — век kleben  — клеить
klingeln  — зазвонить
J klopfen  — стучать
jammern  — горевать knapp  — едва
kneipen  — кутить
die  Jugend, f  — молодость
der  Knoblauch, m  — чеснок
knoblauchriechend  — c запа-
K хом чеснока
kahlköpfig  — лысый der  Knochen, m  — кость
die  Kamelie, f  — камелия der  Knopf, m  — пуговица
die  Kappe, f  — капюшон knöpfen  — застёгивать на
die  Karaffe, f  — графин пуговицы

306
Немецко-русский словарь

der  Koffer, m  — чемодан kümmern, sich  — заботиться


das  Konzentrationslager, küssen  — целовать
n  — концлагерь
der  Kopfschmerz, m  — го- L
ловная боль
lachen  — смеяться
das  Korn, n  — зерно
der  Landjäger, m  — кре-
kosten  — стоить стьянская охотничья кол-
das  Kotzen, n  — рвота баса
die  Krankheit, f  — болезнь die  Langeweile, f  — скука
der  Krebs, m  — рак die  Laune, f  — настроение
das  Kreuz, n  — крест, пере- lauschen  — подслушивать
крёсток laut  — громко
die  Kreuzung, f  — перекрё- lautlos  — беззвучный
сток
der  Lautsprecher, m  — ре-
der  Krieg, m  — война продуктор
der  Kristalllüster, m  — хру- lebhaft  — оживлённый
стальная люстра
lecken  — течь, облизывать
kräftig  — сильный
die  Lederjacke, f  — кожаная
der  Krüppel, m  — калека куртка
die  Kunst, f  — искусство leer  — пустой
die  Kur, f  — лечение der  Lehrling, m  — ученик
der  Kurgast, m  — курортник die  Leiche, f  — труп
die  Kurve, f  — график der  Leichenbegleiter, m  —
der  Käfig, m  — клетка сопроводитель трупа
die  Kälte, f  — холод der  Leichtsinn, m  — легко-
kämpfen  — бороться мыслие
das  Kännchen, n  — кофей- leiden  — страдать
ник die  Leidenschaft, f  —
der  Käse, m  — сыр страсть
der  Körper, m  — тело leise  — тихо
kühl  — прохладный die  Leistung, f  — успех

307
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

leuchtend  — сияющий, све- die  Mischung, f  — смесь


тящийся miserabel  — несчастный,
der  Liebhaber, m  — любов- мерзкий
ник, любитель missbilligend  — неодобри-
das  Lieblingswort, n  — лю- тельный
бимое слово
mitbringen  — привезти с со-
der  Lieferant, m  — постав-
бой
щик
das  Mitglied, n  — член
liefern  — поставлять
der  Liegestuhl, m  — шезлонг das  Mitleid, n  — сочувствие
die  Lippe, f  — губа mitnehmen  — взять с собой
der  Lippenstift, m  — губная das  Mittagessen, n  — обед
помада mitteilen  — сообщать
die  Luft, f  — воздух das  Mittel, n  — средство,
die  Lunge, f  — лёгкие лекарство
die  Lust, f  — желание die  Mitternacht, f  — полночь
lächeln  — улыбаться mißmutig  — недовольный
der  Lärm, m  — шум mißtrauisch  — недоверчи-
die  Lösung, f  — решение вый
die  Lücke, f  — пробел, дыра
die  Motorhaube, f  — капот
die  Lüge, f  — ложь двигателя
murmeln  — бормотать
M die  Muschel, f  — мидия
manchmal  — иногда
der  Mut, m  — мужество
die  Mandeln, f  — миндаль
mutlos  — павший духом
der  Mantel, m  — пальто
mächtig  — могущественный
melden  — сообщать, заяв-
лять das  Märchen, n  — сказка
merken  — замечать möglich  — возможно
merkwürdig  — странный müde  — уставший
das  Messer, n  — нож die  Mühe, f  — старания
mild  — мягкий mühsam  — утомительный

308
Немецко-русский словарь

N obschon  — хотя
nachdenken  — размышлять offen  — открыто
nachdenklich  — задумчиво oft  — часто
der  Nachmittag, m  — вторая ohnmächtig  — в обмороке
половина дня das  Ohr, n  — ухо
die  Nachricht, f  — новость opfern  — жертвовать
die  Nachspeise, f  — десерт ordentlich  — опрятный
die  Nachtluft, f  — ночной die  Ordnung, f  — порядок
воздух
der  Nacken, m  — затылок P
nackt  — обнажённый packen  — паковать
der  Narr, m  — глупец panikartig  — панический
nass  — мокрый die  Pantoffeln, f  — шлёпанцы
natürlich  — конечно das  Paradies, n  — рай
der  Nebel, m  — туман der  Parkwächter, m  — сто-
neugierig  — любопытный рож на стоянке
nicken  — кивать passen  — быть впору, под-
notwendig  — необходимый ходить
nächste  — следующий passieren  — случаться
nötig  — необходимый der  Paß, m  — паспорт, гор-
ный перевал
O peinlich  — неловкий
oberflächlich  — поверхност- der  Pelz, m  — мех
ный die  Pelzjacke, f  — полушубок
der  Oberkellner, m  — метр- die  Pelzkappe, f  — меховая
дотель шапка
der  Oberkörper, m  — верх- der  Personenwagen, m  —
няя часть тела пассажирский автомобиль
die  Oberschwester, f  — стар- das  Pferderennen, n  — ло-
шая медсестра шадиные скачки
obligatorisch  — обязатель- der  Pflaumenschnaps, m  —
ный сливовица

309
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

die  Pflicht, f  — долг, обя- reden  — говорить


занность regelmäßig  — регулярно
der  Pickel, m  — прыщ, буго- der  Regen, m  — дождь
рок der  Regenmantel, m  — плащ
die  Platzierung, f  — распре- reich  — богатый
деление
der  Reifen, m  — шина
platzen  — лопнуть
die  Reihe, f  — очередь
plötzlich  — вдруг
der  Reiz, m  — очарование
der  Polstersessel, m  — пас-
reizvoll  — привлекательный
сажирское кресло
das  Rennen, n  — гонки
die  Preisliste, f  — прейску-
рант der  Rennfahrer, m  — гон-
щик
die  Putzfrau, f  — уборщица
der  Rennleiter, m  — руково-
дитель гонки
Q
der  Respekt, m  — уважение
der  Quai, m  — набережная,
der  Rest, m  — остаток
пирс
retten  — спасать
die  Rippenfellentzündungen,
R f  — плеврит
die  Rache, f  — месть der  Rothschild, m  — рот-
das  Rad, n  — колесо шильд, богач
rangieren  — занимать место der  Ruhestand, m  — уход на
rasch  — быстро пенсию
ratlos  — потерянный ruhig  — спокойно
die  Ratte, f  — крыса ruinieren  — разрушать
rauchen  — курить die  Runde, f  — круг
der  Rausch, m  — шум rutschten  — скользить
rauschen  — шуршать der  Räuber, m  — разбойник
rauswerfen  — выбрасывать die  Röntgenaufnahmen, f  —
rebellisch  — мятежный рентгенография
die  Rechnung, f  — счёт rötlich  — красноватый
das  Recht, n  — право der  Rückfall, m  — возврат

310
Немецко-русский словарь

die  Rückkehr, f  — возвраще- das  Schiff, n  — корабль


ние der  Schild, m  — щит, та-
die  Rücksicht, f  — уважение бличка
der  Schinken, m  — ветчина
S das  Schlafmittel, n  — снот-
der  Samthandschuh, m  — ворное средство
замшевая перчатка der  Schlafrock, m  — домаш-
sanft  — мягкий, нежный ний халат
der  Sarg, m  — гроб der  Schlag, m  — удар
sausen  — шуметь, свистеть schließlich  — в конце кон-
das  Schachbrett, n  — шах- цов
матная доска schlimm  — плохой
der  Schaffner, m  — кондук- der  Schlitten, m  — сани, са-
тор лазки
das  Schalten, n  — включе- der  Schlüssel, m  — ключ
ние, выключение schmal  — худой
scharf  — острый, резкий schmecken  — быть по вкусу
der  Schatten, m  — тень der  Schmerz, m  — боль
schauen  — смотреть, наблю- der  Schmetterling, m  — ба-
дать бочка
das  Schaufenster, n  — ви- schmuggeln  — обманывать,
трина заняться контрабандой
der  Scheck, m  — банковский schmutzig  — грязный
чек der  Schnaps, m  — водка,
der  Schein, m  — купюра шнапс
scheinen  — светить, казать- die  Schneekette, f  — цепь
ся противоскольжения
schenken  — дарить schneiden  — резать
scheu  — робкий der  Schnurrbart, m  — усы
scheußlich  — отвратитель- der  Schokoladenauflauf, m  —
ный шоколадный пудинг
schicken  — посылать der  Schrankkoffer, m  —
schief  — кривой большой чемодан, кофр

311
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

der  Schreck, m  — страх, das  Segelboot, n  — парус-


ужас ник
schrillen  — издавать резкий das  Segeln, n  — плавание
звук под парусами
der  Schritt, m  — шаг segnen  — благословлять
die  Schuld, f  — долг, обяза- sehen  — смотреть
тельство das  Seidenpapier, n  — шёл-
die  Schulter, f  — плечо ковая бумага
der  Schutzengel, m  — ан- die  Seidenschleife, f  — шёл-
гел—хранитель ковая лента
der  Schuß, m  — выстрел der  Seiteneingang, m  — бо-
das  Schwammgummi, n  — ковой вход
губчатая резина der  Selbstmord, m  — само-
schweigend  — молча убийство
schweigsam  — молчаливый selbstverständlich  — само
die  Schwerkraft, f  — сила собой разумеющийся
притяжения selten  — редко
die  Schwermut, f  — грусть, sentimental  — чувствитель-
тоска ный
die  Schwierigkeit, f  — труд- die  Serviette, f  — салфетка
ность die  Sicherheit, f  — безопас-
der  Schwindel, m  — голово- ность
кружение der  Sieg, m  — победа
schwitzen  — потеть die  Siegesfeier, f  — празд-
der  Schäferhund, m  — ов- ник по случаю победы
чарка silbrig  — серебристый
die  Schönheit, f  — красота sinken  — опуститься
schützen  — защитить der  Sinn, m  — смысл
der  Seeigel, m  — морской die  Sinnlosigkeit, f  — бес-
ёж смысленность
die  Seele, f  — душа die  Sintflut, f  — потоп
die  Seezunge, f  — морской der  Skiläufer, m  — лыжник
язык der  Sklave, m  — раб

312
Немецко-русский словарь

sofort  — сразу steigen  — подниматься


sogar  — даже sterben  — умирать
sonderbar  — своеобразный der  Stern, m  — звезда
die  Sorge, f  — забота sternenklar  — звёздный
sparsam  — экономный das  Steuerrad, n  — рулевое
der  Spaß, m  — удовольствие колесо
der  Speisesaal, m  — ресто- die  Stiefmutter, f  — мачеха
ран, кафе der  Stierkampf, m  — бой
das  Speisezimmer, n  — сто- быков, коррида
ловая die  Stimme, f  — голос
sperren  — запирать die  Stimmung, f  — настрое-
der  Spiegel, m  — зеркало ние
das  Spielzeug, n  — игрушка das  Stockwerk, n  — этаж
spitz  — остро, язвительно die  Stoppuhr, f  — секундо-
der  Sportwagen, m  — спор- мер
тивный автомобиль strahlend  — сияющий
sprechen  — говорить der  Strand, m  — пляж
springen  — прыгать die  Strecke, f  — расстояние
die  Spritze, f  — укол, шприц
streicheln  — гладить
der  Sprung, m  — прыжок,
das  Streichhölz, n  — спичка
бросок
der  Streit, m  — ссора
spucken  — плевать
der  Strohhut, m  — соломен-
die  Spur, f  — след
ная шляпа
spüren  — чувствовать
stumm  — немой, безмолв-
die  Stahlbrille  — очки в ме-
ный
таллической оправе
stürzen  — столкнуть
der  Stammgast, m  — посто-
янный посетитель suchen  — искать
stampfen  — топать ногами
der  Staub, m  — пыль T
stecken  — засовывать, die  Tanne, f  — ель
вставлять die  Tanzfläche, f  — танцпло-
stehlen  — воровать щадка

313
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

tatsächlich  — действитель- unbequem  — неудобно


но, на самом деле unberührt  — невинный, не-
tauchen  — нырять тронутый
die  Temperaturschwankun- unendlich  — бесконечно
gen, f  — колебания тем- unerreichbar  — недостижи-
пературы мый
der  Teppich, m  — ковёр unerträglich  — невыноси-
der  Teufel, m  — чёрт мый
der  Tod, m  — смерть der  Unfall, m  — несчастный
todmüde  — смертельно уста- случай, авария
лый ungeduldig  — нетерпеливо
tot  — мёртвый ungefähr  — примерно
der  Tote, m  — покойник ungefährlich  — безопасный
die  Tragbahren, f  — носил- das  Ungewisse, n  — неиз-
ки вестность
trennen, sich  — расстаться ungewöhnlich  — необычный
die  Treppe, f  — лестница unglaublich  — невероятный
der  Trick, m  — хитрость, ungläubig  — недоверчивый
манёвр
das  Unglück, n  — несчастье
das  Trinkgeld, n  — чаевые
unglücklich  — несчастный
trocken  — сухой
unruhig  — беспокойный
der  Tropfen, m  — капля
die  Unschuld, f  — невинов-
der  Trost, m  — утешение
ность
trostlos  — безутешный
unsichtbar  — невидимый
die  Träne, f  — слеза
der  Unsinn, m  — глупость
täuschen  — обманывать
unsterblich  — бессмертный
der  Unterschied, m  — разни-
U ца
umdrehen  — поворачивать die  Untersuchung, f  — об-
der  Umschlag, m  — конверт следование
der  Umweg, m  — объезд unverantwortlich  — безответ-
unbemerkt  — незамеченный ственный

314
Немецко-русский словарь

unverheiratet  — незамуж- der  Verkehr, m  — транспорт,


няя, неженатый движение
unverletzt  — невредимый verlangen  — требовать
der  Urlaub, m  — отпуск verlassen  — покидать, остав-
das  Urteil, n  — мнение лять
verletzt  — раненый
V verlieben, sich  — влюбиться
verlieren  — терять
verabschiedet  — отставной
verlobt  — обручённый
verantwortlich  — ответствен-
ный das  Vermögen, n  — имуще-
ство
die  Verantwortungslosigkeit,
f  — безответственность die  Vernunft, f  — здравый
смысл
die  Verbindung, f  — связь
vernünftig  — разумный
verboten  — запрещённый
verpflichtet  — обязанный
das  Verbrechen, n  — престу-
пление verraten  — предать
verbrennen  — сжигать, кре- verrückt  — сумасшедший
мировать verschieben  — откладывать
verdammt  — проклятый, об- verschieden  — различный
речённый die  Verschreibung, f  — на-
das  Verdeck, n  — складной значение
верх verschwinden  — исчезать
verfluchen  — проклинать der  Verstand, m  — понима-
die  Verfärbung, f  — выцве- ние
тание das  Versteck, n  — укрытие
die  Vergangenheit, f  — про- verstecken  — прятать
шлое verstehen  — понимать
vergessen  — забывать das  Verständnis, n  — пони-
verheiraten  — жениться, вы- мание
ходить замуж versuchen  — пытаться
das  Verhältnis, n  — отноше- versäumen  — пропустить
ние verteidigen  — защищать
verkaufen  — продавать der  Vertrag, m  — контракт

315
Э.М. Ремарк. Жизнь взаймы

der  Vertreter, m  — предста- das  Vorurteil, n  — предрас-


витель судок
verursacht  — обусловленный
verwalten  — управлять W
der  Verwandte, m  — род- die  Waffe, f  — оружие
ственник wahnsinnig  — безумный
verwirrt  — смущённый wahrhaftig  — правдивый
verwundert  — удивлённый die  Wahrheit, f  — правда
verzaubert  — зачарованный wahrscheinlich  — вероятно
verzeihen — простить warten  — ждать
verzweifelt  — отчаянный wechseln  — менять
verzögert  — замедленный, wecken  — будить
задержанный wegfahren  — уезжать
verändert  — изменившийся weggehen  — уходить
die  Viertelstunde, f  — чет- wegschicken  — отсылать
верть часа das  Weib, n  — баба, женщи-
vorbereiten, sich  — готовить- на
ся weinen  — плакать
der  Vordergrund, m  — пер- die  Weise, f  — способ
вый план die  Weisheit, f  — мудрость
der  Vorderreifen, m  — пе- die  Welt, f  — мир
редняя шина der  Weltkrieg, m  — мировая
der  Vorderzahn, m  — перед- война
ний зуб der  Weltschmerz, m  — миро-
der  Vorhang, m  — штора вая скорбь
die  Vorsicht, f  — осторож- die  Werkstatt, f  — мастер-
ность ская
vorsichtig  — осторожно wichtig  — важно
der  Vorsprung, m  — преиму- wiederholen  — повторять
щество wirklich  — действительно
vorstellen, sich  — предста- der  Wirt, m  — хозяин
вить себе, представиться die  Witwe, f  — вдова

316
Немецко-русский словарь

wolkenlos  — безоблачный der  Zettel, m  — записка


wortlos  — безмолвный die  Ziellosigkeit, f  — бес-
das  Wunder, n  — чудо цельность
wunderbar  — чудесный der  Zigeuner, m  — цыган
der  Wunsch, m  — желание zittern  — дрожать
die  Wurst, f  — колбаса der  Zufall, m  — случайность
die  Wut, f  — ярость zufrieden  — довольный
wütend  — рассерженный die  Zukunft, f  — будущее
zurückkehren  — вернуться
Z der  Zuschauer, m  — зритель
zahlen  — платить zwecklos  — бессмысленный
die  Zahnbürste, f  — зубная der  Zweifel, m  — сомнение
щётка zögern  — медлить, раздумы-
das  Zauberwort, n  — закли- вать
нание die  Zündung, f  — зажига-
zeigen  — показывать ние, включение двигате-
das  Zeitalter, n  — эпоха ля
zerreißen  — разрывать
zerschlagen  — разбивать Ü
zerschneiden  — разрезать überraschen  — удивлять
die  Zerstörung, f  — разру- die  Überraschung, f  — сюр-
шение приз
СОДЕРЖАНИЕ

ЭРИХ МАРИЯ РЕМАРК. ЖИЗНЬ ВЗАЙМЫ


ERICH MARIA REMARQUE.
DER HIMMEL KENNT KEINE GÜNSTLINGE ............................. 3

ГРАММАТИЧЕСКИЙ СПРАВОЧНИК................................................. 253

АРТИКЛЬ. ARTIKEL ........................................................................................... 253


Неопределённый артикль. Indefiniter Artikel ................................................ 253
Определённый артикль. Definiter Artikel ...................................................... 254
Нулевой артикль. Nullartikel ......................................................................... 255

СУЩЕСТВИТЕЛЬНОЕ. SUBSTANTIV .............................................................. 256


Склонение существительных. Deklination der Substantive ........................... 257
Образование множественного числа существительных .............................. 257

МЕСТОИМЕНИЕ. PRONOMEN ........................................................................ 258


Личное местоимение. Personalpronomen ...................................................... 258
Притяжательное местоимение. Possesivpronomen ....................................... 259
Указательное местоимение. Demonstrativpronomen .................................... 260
Относительное местоимение. Relativpronomen............................................ 260
Возвратное местоимение. Reflexivpronomen ................................................ 261
Неопределённо-личное местоимение man.
Unbestimmt-persönliches Pronomen “man“.................................................... 261
Безличное местоимение „es“. Unpersönliches Pronomen „es“ ...................... 262

ОТРИЦАНИЕ. VERNEINUNG ........................................................................... 262

ПРИЛАГАТЕЛЬНОЕ. ADJEKTIV ....................................................................... 264


Склонение прилагательных. Deklination der Adjektive ................................. 264
Субстантивированные прилагательные. Substantivierte Adjektive................ 266
Степени сравнения прилагательных. Steigerungsstufen der Adjektive ........... 266
ГЛАГОЛ. VERB ..................................................................................................... 268
Образование основных форм слабых глаголов: ........................................... 268
Образование основных форм сильных глаголов: ......................................... 269
Образование основных форм неправильных глаголов: ............................... 269
Временные формы глаголов.......................................................................... 269
Настоящее время. Präsens.............................................................................. 270
Спряжение вспомогательных глаголов:........................................................ 271
Простое прошедшее время. Präteritum ......................................................... 271
Личные окончания глаголов в Präteritum: .................................................... 271
Спряжение вспомогательных глаголов в Präteritum: ................................... 271
Сложное прошедшее время. Perfekt .............................................................. 272
Предпрошедшее время. Plusquamperfekt ...................................................... 273
Будущее время. Futurum I ............................................................................. 273
Будущее время. Futurum II ............................................................................ 274
Модальные глаголы. Modalverben ................................................................. 274
Возвратные глаголы. Reflexive Verben ........................................................... 277
Глаголы с отделяемыми и неотделяемыми приставками
Verben mit trennbaren und untrennbaren Präfixen ........................................... 278
Инфинитив. Infinitiv ...................................................................................... 279
Причастие. Partizip ........................................................................................ 280
Наклонение. Modus ....................................................................................... 281
Сослагательное наклонение. Konjunktiv ...................................................... 282
Повелительное наклонение. Imperativ.......................................................... 285
Страдательный залог. Passiv .......................................................................... 286

ПРЕДЛОГИ. PRÄPOSITIONEN .......................................................................... 288


Предлоги с дательным падежом:................................................................... 289
Предлоги с винительным падежом: .............................................................. 290
Предлоги с дательным и винительным падежами: ...................................... 290
Предлоги с родительным падежом: .............................................................. 291

СТРУКТУРА ПРЕДЛОЖЕНИЯ. SATZBAU ....................................................... 292


Простое повествовательное предложение. Einfacher Aussagesatz ................ 292
Вопросительное предложение. Fragesatz ...................................................... 293
Сложное предложение. Zusammengesetzter Satz........................................... 293

НЕМЕЦКО-РУССКИЙ СЛОВАРЬ ......................................................... 296


Издание для дополнительного образования
Для широкого круга читателей

УЧИМ Н Е М Е Ц К И Й , Ч И ТА Я К Л А С С И К У
12+
Ремарк Эрих Мария
ЖИЗНЬ ВЗАЙМЫ
Erich Maria Remarque
DER HIMMEL KENNT KEINE GÜNSTLINGE
Уникальная методика обучения языку
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Редактор Я. Юркина
Технический редактор Н. Чернышева
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