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Bundeswahlrechtsreform

Die Suche nach dem »Heil der Demokratie«

Das negative Stimmgewicht und seine Behebung

von Knut Engelbrecht, Rechtsdirektor, Stadt Nürnberg

Josef Isensee begann im vergangenen Jahr seinen Aufsatz1 zum negativen

Stimmgewicht mit einem Zitat des spanischen Philosophen Ortega y Gasset:

»Das Heil der Demokratien (

...

)

hängt von einer geringfügigen technischen

Einzelheit ab: vom Wahlrecht«. Spätestens seit der Entscheidung des Bundes verfassungsgerichts zum negativen Stimmgewicht im Jahre 2008 ist das

Wahlrecht auf Bundesebene ins Gerede gekommen. Das negative Stimmge

wicht führt dazu, dass ein Mehr an Stimmen für eine Partei zu einem Weniger

an Parlamentssitzen für diese führen kann. Recht spät ist die Suche nach Aus

wegen aus diesem Paradoxon endlich auch im Bundestag angekommen. Es

bleibt abzuwarten, ob diese Suche mit der nun beschlossenen gesetzlichen Neuregelung abgeschlossen ist.

1. Einleitung

Kaumeinewahlrechtliche Frage hat in den

letzten Jahren ein größeres

Presseecho

gefunden, als die (dringend) anstehende

Umsetzung der Entscheidung des Bundes

verfassungsgerichts zum sog. »negativen

Stimmgewicht«2.

Vom Vorwurf »nicht

gemachter Hausaufgaben« des Bundesta

ges3, über die »Blamage für die Parteien«4

bis hin zu dem Hinweis, dass das Wahl

recht wohl

trotz

Reform

weiter verfas

sungswidrig bleibe5, reichen die Vorwürfe,

dieerhobenwurden. Teilweise wurdesogar

eine »Staatskrise«6 heraufbeschworen. Was

steckt hinter dieser Debatte, die bei einem

ansonsten doch eher »trockenen« Thema

wie der Reform des Bundeswahlrechts fast schon emotionale Reaktionen hervorruft?

Dieser Frage geht der folgende Aufsatz

nach. Er beginnt mit einer kurzen- not

wendigerweise vereinfachenden - Darstel lungder den Ausgangspunkt der Debatte

bildenden Entscheidung des Bundesver

fassungsgerichts. ImAnschluss sollen nach

einem Überblick über die Diskussion in

Literatur und

Gesellschaft die

von den

politischen Parteien in den Ring

geworfe

nen Reformkonzepte vorgestellt und de

ren Für und Wider sowie die beschlossene

neue Regelung beleuchtet werden.

2. Die Ausgangslage

a) Grundsätze der Mandatsaufteilung

Um die Problematik zu verstehen, ist ein

Blick auf das bei Bundestagswahlen gel

tende Verfahren der Mandatsverteilung

notwendig. Bei der Bundestagswahl gilt

ein sog. »personalisiertes Verhältniswahl

recht«. Die Wahlberechtigten haben zwei

Stimmen. Mit einer, der Erststimme, wäh

len sie den jeweiligen Wahlkreiskandida

ten, mit der anderen, der Zweitstimme, die

(Landes-) Liste einerPartei. Auf Grundlage

der Ergebnisse beider Stimmen ermittelt

sich dieZahlderAbgeordneten, mit denen

eine Partei im Bundestag vertreten ist.

Hierbei ist es nicht etwa so, dass die eine

Hälfte der 598 Abgeordneten im Wege

der Direktwahl mit der Erststimme, die

andere über Liste gewählt würde (sog. »Grabensystem«). Der Wahlgesetzgeber hat sichfür ein wesentlich komplizierteres

Verfahren entschieden. Zunächst wird auf

Grundlage

der Zweistimmenergebnisse

auf Bundesebene ermittelt,

wie viele Man

date den einzelnen Parteien - soweit sie die

5%-Hürde überwunden haben - zukom

men würden (sog. »Oberverteilung«, vgl.

§7 Abs. 1 BWahlG). Nach den Stimman

teilen in den einzelnen Ländern werden

dann die Mandate auf die Landeslisten ver

teilt (vgl. §7 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. § 6 Abs. 2

BWahlG). Im zweiten Schritt (sog.

»Unter

verteilung«) werden diese dann mit der

Zahlder jeweils auf Landesebene errunge

nen Direktmandate verglichen (vgl. § 7

Abs. 3 Satz 2 i.V.m. § 6 Abs. 4 BWahlG).

Soweit diese die Zahl übersteigt, die sich

aufgrund

der

Zweitstimmenergebnisse

ergeben würde, verfallen die Direktman

date nicht, sondern bleiben als sog. Ȇber

hangmandate« erhalten (vgl. §7 Abs. 3 Satz

2 i.V.m. § 6 Abs. 5 BWahlG). Hierdurch

will der Bundesgesetzgeber der aus seiner

Sicht besonders hohen Legitimation der

Direktmandate Rechnung tragen.

  • b) Seltsame Verschiebungen

Dieses komplexe, aber zumindest auf den ersten Blick gerechte System wird

dann verwirrend, wenn man die Auswir

kung

von

Verschiebungen

bei

den

Zweitstimmen auf die Zahl der Über

hangmandate betrachtet. Eine Partei hat

in einem Bundesland A ein Überhang

mandat gewonnen. Nun gewinnt diese

Partei im gleichen Land —beispielsweise

bei einer Nachwahl — zusätzliche Stim

men. Diese reichen aber nicht, um die

Zahl der ihr im Rahmen der Obervertei

lung auf Bundesebene zustehenden Sitze

zu verändern. Daher erhält die Partei in

Land A zwar ein zusätzliches (Listen-)

Mandat. Da die Gesamtzahl der Man

date auf Bundesebene aber gleich bleibt,

muss

in

einem

anderen

Land

B

ein

(Listen-)Mandat wegfallen. Gleichzeitig

verliert die Partei aber im Ausgangsland

A auch das bisherige Überhangmandat.

Damit fuhrt ein Anstieg der Stimmen

zahl

für

die

Partei

zum

Verlust

eines

Mandats. Ein aus rechtlicher, aber auch

demokratischer Sicht unbefriedigendes

Ergebnis. Diskutiert wurde dies spätes tens seit dem Jahre 1998.7

3. Die Entscheidung des

Bundesverfassungsgerichts

  • a) Bundestagswahl 2005: Anlass für die Entscheidung des BVerfG

Sowar esnur eine Frage der Zeit, bissich

auch das Bundesverfassungsgericht mit

dieser Thematik befassen musste. Kon

kreter Anlass seiner am 3.Juli 2008 zum

sog. »negativen Stimmgewicht« ergange nen Entscheidung waren Vorgänge bei der Bundestagswahl 2005. Durch den

Tod einer Kandidatin war im Wahlkreis

Dresden

eine

Nachwahl

notwendig

geworden. Aufgrund des Ergebnisses der Hauptwahlen war klar, dass die CDU

nicht eine bestimmte Stimmenzahl über

schreiten durfte, sonst hätte sieaufgrund

des geschilderten Mechanismus bundes

weit ein Mandat verloren. Dementspre

chend führte die Partei ihren Wahlkampf

KommP Wahlen

I2011

Bundeswahlrechtsreform

und warb darum, die Erststimme ihr, die

Zweitstimme aber einer anderen Partei

zu geben. Im Ergebnis kämpfte eine Par

tei

also darum,

vom Wähler weniger

Stimmen zu bekommen, um mit mehr

Abgeordneten im Parlamentvertreten zu

sein. So erklärt sich leicht der Begriff des

»Paradoxons

des

negativen

Stimmge

wichts«. Dass es sich bei dem hier auftre tenden Problem nicht um einen Einzel

fall handelt, zeigen verschiedene Unter

suchungen. So war dieserEffekt- der in Sachsen quasi in einer »Laborsituation«

auftrat - auch schon bei den Bundestags

wahlen 1990, 1994 und 2002 nachzu-

b) Verstoß gegen

Wahlrechtsgrundsätze Bundesverfassungsgericht kam in

Das

seiner Entscheidung zu dem Ergebnis,

dass der durch das Zusammenspiel von

§7 Abs. 3 Satz 2 i.V.m. § 6 Abs. 4 und 5

BWahlG bewirkte sog. »Effekt des nega

tiven Stimmgewichts« nicht

mit

den

durch Art. 38 Abs. 1 GG geschützten

Grundsätzen

der

Gleichheit

und

der

Unmittelbarkeit der Wahl vereinbar ist.

Der Grundsatz der gleichen Wahl

trägt der durch das Demokratieprinzip

vorausgesetzten Gleichberechtigung der Staatsbürger Rechnung. Er ist im Sinne

einer strengen und formalen Gleichheit

zu verstehen.9 Aus ihm ergibt sich der

Grundsatz der Erfolgswertgleichheit.

Der fordert, dass der Erfolgswert jeder

Stimme gleich ist und dasssiefür die Par tei, für die sie abgegeben wurde, auch

positive

Wirkung

entfalten

können

muss.10 Die Erfolgswertgleichheit ist ver

letzt, wenn die beabsichtigten positiven Wirkungen der Stimmabgabe durch das

Wahlrecht ins Gegenteil verkehrt wer den.Ein Berechnungsverfahren, dasdazu

führt, dass eine Wählerstimme für eine

Partei eine Wirkung gegen diese Partei

hat, widersprecheSinn und Zweck einer

demokratischen

Wahl.11

Zwar

dienten

die Regelungen,

aus denen

sich der

Effekt

des

negativen

Stimmgewichts

ergebe, den Belangen des föderalen Pro

porzes. Dies rechtfertige aber nicht den damit verbunden Eingriffin die Gleich

heit der Wahl.

Der Effekt führe

nicht

allein dazu, dass Wählerstimmen bei der

Zuteilung von Sitzen unterschiedlich gewichtetwürden, sondern bewirke,dass

der Wählerwille regelmäßig ins Gegen

teil verkehrt werde.

Zudem widerspreche die Regelung

auch dem Grundsatz der Unmittelbar

keit der Wahl. Der gebietet, dass der

sicht des BVerfG auch das sog. »Graben

system«, das heißt die getrennte Wahl

von Wahlkreis- und Listenmandaten.17

Wähler vor jedem Wahlakt erkennen

kann, wie sich die eigene Stimmabgabe

auf Erfolg oder Misserfolg der Wahlbe

b) Diskussion in der Literatur

werber auswirken kann.n Auch dies sei in

den Fällen des negativen Stimmgewichts nicht erfüllt. Durch das Zusammenspiel

von

§

7 Abs.

3 Satz 2 i.V.m.

§ 6 Abs. 4

und 5 BWahlG könne der Wähler schon

nicht erkennen,

ob

sich

seine Stimme

stets für die zu wählende Partei und deren

Wahlbewerber positiv auswirkt, oder ob

er durch seine Stimme deren Misserfolg

verursacht. Dies sei mit dem Grundsatz

der Unmittelbarkeit der Wahl nicht ver einbar und führe ebenfalls zur Verfas

sungswidrigkeit der Regelung.13

Aufgrund dieser Umstände erklärte

das Bundesverfassungsgericht § 7 Abs. 3 Satz 2 BWahlG in Verbindung mit § 6

Abs. 4 und 5 BWahlG für verfassungs widrig, soweit hierdurch ermöglicht

wird, dass ein Zuwachs an Zweitstimmen

zu einem Verlust an Sitzen der Landeslis ten oder ein Verlust an Zweitstimmen zu

einem Zuwachs an Sitzen der Landeslis

ten führen kann.14 Das Gericht verpflich

tete den Gesetzgeber, spätestens bis zum 30. Juni 2011 eine verfassungsgemäße

Regelung zu treffen.15

4. Verschiedene Lösungswege in

der Diskussion

a) Lösungsansätze des

Bundesverfassungsgerichts

Der

Entscheidung des Bundesverfas

sungsgerichts schloss sich eine um

fangreiche rechtswissenschaftliche, teil

weise aber auch politische Diskussion

über die Auswege aus diesem verfas

sungswidrigen Zustand an. Das BVerfG

selbst1

zeigt einige Lösungswege auf.

Anknüpfungspunkte können nach des

sen Ansicht einerseits das Entstehen der

Überhangmandate, andererseits die Ver

In der Literatur wurde noch eine Vielzahl

weiterer Lösungsalternativen diskutiert,

die bis hin zur Einführung eines reinen

Verhältnis-

oder

Mehrheitswahlrechts

gingen. Vorgeschlagen wurde auch hier

die Einführung des sog.

»Grabensys

tems«.18 In welchem zahlenmäßigen Ver

hältnis die beiden, dann getrennt zu wäh

lenden Gruppen stehen sollen, wurde

dabei zumeist offen gelassen. Isensee19 hält

etwa eine Eins-zu-Zwei-Proportion für

vorstellbar, - ein Drittel Direktmandate,

zwei Drittel Listenmandate. Hettlage20

kann sich -

wie auch das Bundesverfas

sungsgericht21 - sogar eine hälftige Auftei

lung vorstellen. Vorgeschlagen wurde

auch,

die bisherigen Einmandatswahl-

kreise durch flächenmäßig größere Mehr

mandatswahlkreise zu ersetzen. In diesen

würden dann jeweils die zwei Abgeordne

ten gewählt, die die besten Erststimmen-

ergebnisse hätten.22 Angedacht wurde

auch, entsprechend einiger landesrechtli

cher Regelungen, eine Egalisierung der

Überhangmandate durch Ausgleichs

mandate.23 Meyer schlägt - ähnlich wie

das Bundesverfassungsgericht - vor, die

Überhangmandate und damit das nega

tive Stimmgewicht durch Abzug der

Direktmandate vor Verteilung

der übrig

bleibenden Listensitze auf die einzelnen

Landeslisten zu beseitigen. Schreiber will

dies mit der Zuteilung von Ausgleichs

mandaten

kombinieren.2

Einen

eher

»mathematischen« Ausweg aus der The

matik

suchen

PukelsheimlRossi?^

Im

Ergebnis befürworten sie einen Vorrang

derüberListegewählten Mandatevorden

Direktmandaten. Bei einem Überhang

der direkt gewählten Kandidaten sollen

die mit dem schlechtesten Wahlkreiser

gebnis ohne Mandat bleiben.26

rechnung von Direktmandaten mit den

Zweitstimmenmandaten oder die Frage der Möglichkeit von Listenverbindun gen sein. So hält es eine landeslisten-

übergreifende Verrechnung von Direkt-

und

Zweitstimmenmandaten

für

zu

lässig. Alternativen wären auch ein Ver

zicht auf Listenverbindungen, das heißt

auf den Ausgleich der Zweitstimmener-

gebnisse

auf

Landesebene,

oder

ein

genereller Verzicht auf Überhangman

date. Verfassungsgemäß wäre nach An

5. Die Debatte im Bundestag

a) Im Vorfeld der Bundestags

wahl 2009

Die

Debatte

über

die

notwendige

Reform des Bundeswahlgesetzes begann auch im Bundestag relativ frühzeitig.

Eine erste Gesetzesinitiative der Fraktion

BÜNDNIS

90/DIE

GRÜNEN27

von

Februar 2009 hatte zum Ziel, den verfas-

KommP Wahlen

I2011

Bundeswahlrechtsreform

sungswidrigen Zustand noch zur Bun

destagswahl 2009 zu beseitigen. Hierzu

sollte die Anrechnung der Direktman

date aufdas Zweitstimmenergebnis nicht

mehr

auf

Landesebene,

sondern

auf

Ebene der sogenannten »Obervertei

lung« auf Bundesebene erfolgen. Nach

Ansicht der Fraktion würden hierdurch

Überhangmandate nicht mehr entste

hen. Der Gesetzesvorschlag scheiterte am

Widerstand

der

CDU/CSU-Fraktion.

Ausschlaggebend hierfür war wohl vor

allem, dass die Gesetzesänderung den

durch das Bundesverfassungsgericht mo

nierten

Rechtszustand zwar beseitigt,

faktisch aber auch zu einer weitgehenden

Abschaffung der Überhangmandate ge

fuhrt hätte. Damit wurde die Bundes

tagswahl am 27. September 2009 noch nach dem bisherigen, vom Bundesverfas

sungsgericht als verfassungswidrig erklär

ten Recht durchgeführt. Ein Ergebnis,

das allerdings durch dievom Gericht ein

geräumte lange Umsetzungsfrist vorge

zeichnet war.

b) Neue Diskussion 2011

Nach dieser Wahl und dem folgenden

(teilweisen) Regierungswechsel dauerte es

relativ lange, bis die Diskussion über die

Reform des Bundeswahlgesetzes fortge

setztwurde. Anlass für die erste Debatte zu

diesem Thema am 17. März 2011 war

erneut ein Gesetzesentwurf der Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.28 Der

vorgelegte Entwurfentsprach weitgehend dem bereits 2009 eingebrachten. Eine

wesentliche Änderung enthielt er aller

dings. So sollen nach diesem neuenVor

schlag beiderOberverteilung entstehende

Überhangmandate nicht mehr zuerkannt

werden,

sondern

verfallen.

Unbesetzt

bleiben sollen diejenigen überzähligen

Wahlkreissitze, die »den geringsten pro

zentualen Anteil aufweisen«.29 Die Rege

lung zielt nach der Gesetzesbegründung

ausdrücklich darauf, CDU und CSU dazu

zu zwingen,

auf Bundesebene eineListen

verbindung einzugehen.30 Wenig überra

schend stimmte die Regierungskoalition

diesem Entwurf nicht zu. Ein weiteres Mal befasste sich der Bun

destag in seiner Sitzungam 26.Mai 2011

mit der Thematik. Grundlage

warenzwei

Gesetzesentwürfe

der

SPD-

und

der

Linksfraktion. Der Entwurf der

SPD31

versucht das Problem des negativen

Stimmgewichts dadurch zu lösen, dass

durch eineAnpassung derGesamtzahl der

Abgeordneten Überhangmandate voll

ständig ausgeglichen werden. Übersteigt

nach

Durchführung

der

Ober-

und

Unterverteilung dieZahlder Direktman

date die einer Partei nach der Obervertei

lung zustehenden Sitze,

liegt

also

ein

»Überhang« vor, so soll eine neue Ober

verteilung vorgenommen werden. Dabei

soll die Gesamtsitzzahl so lange erhöht

werden, bisjede Partei mindestens soviele

Sitze erreicht wie bei der ursprünglichen

Oberverteilung, zuzüglich ihrer Über

hänge.32 Nach Ansicht der SPD-Fraktion

entfällt hierdurch der Effekt des negativen

Stimmgewichts

»bis

auf seltene

und

unvermeidliche Ausnahmefälle«.33 Einer

unerwünschten Vermehrung der Sitzzahl

des Bundestages könne entgegengewirkt

werden, indem der Anteil der Direktman

im Rahmen der Unterverteilung werden

dann die auf ein Land entfallendenSitze

aufdie Landeslisten verteilt. Erfolgsunter

schiede durch Rundungsunterschiede bei

der Verteilung

der Sitze

in den dann

16 getrennten Sitzkontingenten sollen

dadurch ausgeglichen werden, dass ein

weiteres Mandat zugeteilt wird, wenndie

Stimmreste einer Partei bundesweit die

hierfür maßgebliche Schwelle überschrei

ten. Nach Ansicht der Koalitionsfraktio

nen reduziert die neue Regelung die Häufigkeit des Auftretens des negativen

Stimmgewichts »erheblich«37, mache es

fast völlig unwahrscheinlich.38 Es würde

ein schonender Ausgleich zwischen dem

Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit und

der Wahrung des föderalen Proporzes her

gestellt.39

date ander Gesamtzahl der Abgeordneten

verringert werde.

Der Entwurf der Fraktion DIE LIN

KE34

beabsichtigt

eine

umfassende

Reform des Bundeswahlrechts. Mit Blick

auf die Beseitigung des Effekts

des nega

tiven Stimmgewichts soll, entsprechend

dem Entwurf der Grünen-Fraktion, die

Anrechnung von Direktmandaten auf

das Zweitstimmenergebnis künftig be

reits auf Bundesebene erfolgen. »Im sel

tenen Fall«, dass einer Partei weniger

Sitze zustünden, als sie Direktmandate

gewonnen hätte, sollen diesezwarerhal

ten bleiben. Gleichzeitig soll aber auch

die Gesamtzahl der Sitze des Bundestages

in dem Maße erhöht werden, in dem es

erforderlich ist, um unter Einbeziehung

der

einzelnen Überhangmandate

das

Verhältnis nach dem Zweitstimmen- anteil der Parteien auf Bundesebene zu

gewährleisten.35

Die Fraktion der Regierungskoalition

von CDU/CSU und FDP legten erstam 30. Juni 2011, am letzten Tag der vom

Bundesverfassungsgericht

gewährten

Umsetzungsfrist, einen eigenen Reform

entwurf36 vor, der letztendlich mit ihrer

Mehrheit am 29. September 2011 be

schlossen wurde. Die Regelung sieht die Abschaffung der bisher möglichen Ver

bindung von Landeslisten vor. Ergänzt

wird dies mit einer Sitzverteilung aus Sitz

kontingenten der Länder nach der Zahl

der an der Wahl teilnehmenden Wähler.

Damit können in einem Land errungene

Zweitstimmen einer Partei nicht mehr

mit den in einem anderen Land erzielten

Zweitstimmen verrechnet werden. Die

Oberverteilung legtdamit allein fest, wie

viele Mandate unabhängig von den Par

teien auf ein einzelnes Land entfallen. Erst

  • 6. Die Entwürfe im (verfassungs rechtlichen) Vergleich

a) Die Entscheidung des BVerfG

als Beurteilungsmaßstab

Die Debatte im Bundestag, aber auchdie

Reaktionen in den Medien aufdie vorge

legten

Entwürfe

und die

gefundene

Lösung konzentrieren sich fast völlig auf

die Frage, ob und inwieweitdieAbschaf

fung des Instruments des Überhangman

dats notwendig ist, um den Effekt des

negativen Stimmgewichts zu vermeiden.

Dabei hatte das Bundesverfassungsge

richt die Existenz von Überhangmanda

ten bisher für vereinbar mit den Wahl-.

rechtsgrundsätzen desArt. 38 Abs. 1 GG

gehalten.40 Vorbehalte hatte es lediglich

im Hinblick auf deren

Zahl, die 5%

der

Gesamtmandate nicht übersteigen soll.

Aus der Entscheidung von 2008 zur

Frage des negativen Stimmgewichts erge

ben sich keine Anhaltspunkte, dass das Gericht von dieser Einschätzung grund

sätzlich abrücken möchte.41 Gegenstand

waren vielmehr die - verfassungswidri gen- Folgen des »Systembruchs«42, der

darin liegt, dass die Wahlkreismandate

auf Landesebene verrechnet werden, die

sich aus der Listenwahl ergebenden

Stimmreste gleichzeitig aber auf Bundes

ebene über die. Listenverbindungen ver

teilt werden. Ansatzpunkte einer Lösung

können damit das Entstehen der Über

hangmandate, die Verrechnung der Lis

ten- mit den Überhangmandaten oder

aber die Möglichkeit von Listenverbin

dungen sein.43 Sieht manvon der Mög

lichkeit der Einführung eines reinen

Mehrheitswahlrechts

ab,

sind

dies die

KommP Wahlen

I2011

Bundeswahlrechtsreforfn

einzigen drei Punkte, an der eine Lösung

ansetzen kann -

und an

denen sich ein

Lösungsvorschlag messen lassen muss.

Betrachten wirnun die vier auf dem par

lamentarischen Tisch des Bundestages

liegenden Entwürfe in diesemLicht.

b) Der SPD-Entwurf

Die SPD-Fraktion will das Problem des

negativen Stimmgewichts dadurch lösen,

dass sie Überhangmandate durch ent

sprechende

Ausgleichmandate

aus

gleicht. Sie scheint hierbei mit ihrem

relativ übersichtlichen

und strukturier

ten Anderungstext eine einfache Lösung

anzubieten. Allerdings löst sie nur das-

zumindest

verfassungsrechtlich

nicht

bestehende

Problem

der

-

so

Über

hangmandate.Dadurch, dass dieArt und

Weise der Durchfuhrung vonOber- und

Unterverteilung unverändert bleiben,

kann das negative Stimmgewicht weiter

hin auftreten. Es wird durch die Zutei

lung von Ausgleichsmandaten lediglich

überdeckt. Negativ wirkt sichbeidervon

derSPD präferierten Lösung zudem aus,

dass sie zu einer deutlichen Ausweitung

der Zahl der Abgeordneten des Bundes

tages führen würde.44 Dies würde zusätz

lich zu dem aus Demokratiegesichts

punkten schwer nachvollziehbaren Er

gebnis führen, dass der Erfolg einer Partei

auf Wahlkreisebene sich in Mandatsge

winnen einer anderen•— unterlegenen - Partei durch entsprechende Ausgleich

mandate

auswirken

würde.

Zudem

ist

unklar, wie

sich das

Ausscheiden eines

Abgeordneten mit einem Überhangman

dat auf die entsprechenden Ausgleichs

mandate auswirken soll. All dies spricht dafür, dass der Lösungsweg über Aus

gleichsmandate eine Sackgasse ist.45

c) Entwürfe der Grünen- und der

Linksfraktion

Etwas

näher

an

einer

der

vom

Bun

desverfassungsgericht aufgezeigten

sungsoptionen bleibt der Gesetzentwurf

der

Grünen-Fraktion,

insbesondere

in

seiner

ursprünglichen

Fassung

von

2009,46 der inhaltlich insoweit

bis auf ein

kleines, aber doch wesentliches Detail mit

dem

der

Linksfraktion

identisch

ist.

Beide Fraktionen wollen eine Lösung

dadurch erreichen, dass der Abgleich zwi

schen Listen- und Direktmandaten nicht

auf

Ebene

der

Landeslisten,

sondern

bereits im Rahmen der Oberverteiluns

auf Bundesebene erfolgt. Der Entwurf

würde das Problem des negativen Stimm

gewichts lösen. Denn dieses beruht ja

gerade auf dem Systembruch, der darin

liegt, dass die Zahl der einer Partei auf

Landesebene

zustehenden

Listenman

date auf Bundesebene ermittelt wird, die Gegenrechnungmit denvon dieserPartei

in dem betreffenden Land errungenen

Direktmandaten aber erst bei der Unter

verteilung auf Landesebene erfolgt. Mit

telbar, in seiner aktuellen Fassung sogar

ausdrücklich,

würde der

Entwurf aber

auch zu einer starken Reduzierung bzw.

völligen Abschaffung der von vielen als

Problem47 empfundenen Überhangman

date fuhren. Nach der 2009er-Fassung

des Entwurfs

von BÜNDNIS 90/DIE

GRÜNEN und dem Entwurf der Frak

tion DIE LINKE würden sie zwar weiter

kandidaten derWahlkreise geopfert wür

den, die besonders umstritten zwischen

den Parteien waren und daher knappe

Wahlergebnisse

erzielten.53

In

diesen

Wahlkreisen werden Sinn und Zweck der

mit

dem

wahlrecht

personalisierten

Verhältnis

verfolgten

Zuspitzung

der

Wahl auf bestimmte Personen besonders

deutlich. Wenn nun gerade hier der

mühsam errungene Sieg auf dem Altar

der generellen Abschaffung der Über

hangmandate

geopfert

wird,

ist

dies

nicht nur ärgerlich, sondern widerspricht

gerade dem mit dem Wahlsystem ver

folgten Ziel. Wie Isensee54 richtig fest

stellt, wird die Erststimme sinnlos, »das

Wahlverfahren diskreditiert«. Dies umso

mehr, als eine solche generelle Abschaf

fung der Überhangmandate verfassungs

rechtlich nicht zwingend geboten ist.55

hin entstehen. Dies aber in einer wesent

lich geringeren Zahl als bisher. Ein Effekt,

der natürlich von den großen Parteien als Profiteuren des bisherigen Systems nicht

nur positiv gesehen wird. Bemängelt wird an dieser Lösung auch, dass siedas föde

rale Element des bundesdeutschen Wahl

rechts nicht ausreichend abbilde.48 Wobei

gerade dies aber auch angesichts dessen, dass essich beim Bundestag gerade nicht

um ein

föderales,

sondern ein

unitari

sches Gremium handele, zugunsten die ser Lösung angeführt wurde.49 Wesent

lich schwieriger von der Hand zu weisen,

ist der Einwand, dass die Berücksichti

gung der Direktmandate bei der Ober

verteilung dieGefahr berge, dass einzelne

Parteien,

die

viele

Direktmandate

in

ihren »Kernlanden« erzielen, in anderen

Regionen, die bisher durch Listenman

date abgedeckt wurden, nicht mehr prä

sent wären.50

Rechtlich aber auch politisch hinter

fragen, kann man die im aktuellen Ent

wurf der

Grünen-Fraktion

zum

Aus

druck kommende Absicht der völligen Abschaffung von Überhangmandaten.

Nicht durch Listenmandate gedeckte

Direktmandate sollen

demnach

in

der

Reihenfolge des jeweiligen Wahlkreiser

gebnisses entfallen.51 Dies soll v. a. dazu

dienen, die Unionsparteien zu einer Lis

tenverbindung

auf

Bundesebene

zu

zwingen.52 Abgesehen davon, dass das

Wahlrecht nicht der richtige Ort ist, um

als wünschenswert oder notwendig emp fundene Änderungen in der Parteien

landschaft zu erzwingen, sprechen auch rechtliche Gründe gegen eine solche

Regelung. Sie lässt außerAcht, dasshier

durch gerade die erfolgreichen Direkt

d) Der Entwurf der Regierungs

koalition von CDU/CSU und FDP

Der letztendlich beschlossene Entwurf der

Regierungskoalition von CDU/CSU und

FDP wählt einen allen anderen Entwürfen

entgegengesetzten Weg, um das negative

Stimmgewicht zu vermeiden. Künftig wird bei der Oberverteilung nur noch

ermittelt, wie viele Bundestagsmandate

einem Land zustehen. Maßstab hierfür ist

die Wahlbeteiligung in dem jeweiligen

Land. Im Übrigen erfolgt die Verteilung

der Mandate auf die

einzelnen Parteien

und die Verrechnung der Direktmandate

nur noch auf Landesebene. Dies soll über

den völligen Verzicht auf Listenverbin

dungen auf Bundesebene erreichtwerden. Der Lösung ist zuzubilligen, dass sie die

föderale Struktur der Bundesrepublik im

weitest möglichen Umfang berücksichtigt. Dies kann allerdings bei der Wahl eines

unitarischen Gremiums wie des Bundesta

ges nicht unbedingt das

ausschlaggebende

Argument für eine gesetzliche Regelung

sein.5S Denn dasWahlvolkisthier nicht das

der einzelnen Länder,37 sondern das des

Bundes.58

Negative Auswirkungen

für

kleine Parteien könnten sich

durch das

von der Koalition beschlossene System

dadurch ergeben, dass mit dieser Lösung

der bisher auf Ebene der Oberverteilung

stattfindende Reststimmenausgleich weit gehend entfällt.59

Die wesentliche Frage ist aber, ob das

neue System den als verfassungswidrig beurteilten Effekt des negativen Stimm

gewichts verhindert.

Dies ist

bei

der

gewählten Lösung allerdings nur bedingt

KommP Wahlen

I2011

Bundeswahlrechtsreform

der Fall. Durch die vorherigeErmittlung

der einem Land — nicht einer Partei -

zustehenden Gesamtzahl der Sitze, findet

ein Wettbewerb um diese Mandate nur

noch

zwischen

den

verschiedenen

auf

Landesebene antretenden Parteien statt,

nicht aber zwischen den verschiedenen Landesverbänden einer Partei. Damit ist

eine der Hauptursachen des negativen

Stimmgewichts

eliminiert.

Durch die

bewegliche

Anknüpfung

der

Sitzzahl

eines Landes an die dortige Wahlbeteili

gung, bringt der Koalitionsentwurfaber

einen Faktor ins System, der —zumindest

im Einzelfall - den Effekt wieder ermög

licht. Ist in einem Land die Wahlbeteili

gung aufgrund des Einsatzes des Landes

verbandes einer Partei A besonders hoch,

kann dies einerseits dazu führen, dass das

Land ein weiteres Mandat gewinnt.

Hier

von kann nun eine andere Partei B profi tieren, die durch diese Erhöhung ein

zusätzliches Mandat gewinnt.

Gleich

zeitig verliert ein anderes Land ein Man dat. Hiervon kann nun aber gerade der

dortige Landesverband der ParteiB pro

fitieren,

der ein Überhangmandat ge

winnt. Dieses - zweifelhafte —Ergebnis hätte der Gesetzgeber vermeiden kön

nen, indem er die Zahl der einem Land

zustehenden

Mandate

an

einen

festen

Faktor gekoppelt hätte —wie beispiels

weise die Zahl der Wahlberechtigten in

dem betreffenden Land oder der dorti

gen Wahlkreise.151 In der Begründung des

Entwurfs wird diese Lösung mit dem

Argument verworfen, dass angesichts der

unterschiedlichen Wahlbeteiligungen in

den Ländern dies zu einem ungleichen

Erfolgswert

der

Stimmen

führen

würde.62 Dieses Argument könnte aller

dings erst Recht gegen das System der

Direktwahl von Abgeordneten, die 5%-

Hürde

und

in

noch

höherem

Maße

gegen Überhangmandate angeführt wer

den, die unter dem Gesichtspunkt der

Erfolgswertgleichheit vom Bundesverfas

sungsgericht bisher aber als verfassungs

gemäß beurteilt wurden.

Dies spricht

dafür,

dass auch

die

mit einem festen

Stimmenkontingent verbundene Ver schiebung der Erfolgswertgleichheit ver

fassungsrechtlich

tolerabel

wäre;

dies

auch im föderalen Interesse einer mög

lichst gleichmäßigen Vertretung aller

Teile des Bundesgebietes im Bundestag. 3

Insgesamt führt die neue gesetzliche Regelung zu einer verfassungsrechtlich

wohl

vertretbaren,

aber

nur

teilweise

überzeugenden Lösung der Problematik des negativen Stimmgewichts. Esistdaher

umso

verwunderlicher,

dass

sich

die

Regierungskoalition buchstäblich bis zum letzten Tag der vom Bundesverfas sungsgericht gesetzten FristZeit ließ, ihn vorzulegen. Die politische Kritik an ihm entzündet sich hauptsächlich daran, dass

er nicht zur Abschaffung bzw. Reduzie

rung der Überhangmandate führe.

Dies

war aber auch nicht der Auftragdes Bun desverfassungsgerichts.

e) Grabensystem kein Ausweg

Keiner der Bundestagsfraktionen hat die

Einführung eines sog. »Grabensystems«,

das heißt die getrennte Wahl von Listen-

und Direktkandidaten ohne gegenseitige Verrechnung vorgeschlagen. Dies mit gutem - politischen - Grund, obwohl es das Bundesverfassungsgericht als einen möglichen Ausweg aus dem Problemdes

negativen Stimmgewichts sieht.65 Zwar

würde

ein

solches klares System

die

Notwendigkeit von Überhangmandaten

endgültig entfallen

lassen.

Da

bei

der

Wahl der Direktmandate die für die Kan

didatender kleinenParteienabgegebenen

Stimmen aber ersatzlos entfallen und auch

kein Ausgleich über Listenmandate mög

lich ist, bevorzugt ein solches System die

»großen«

Parteien

erheblich.

Preis für

klareMehrheiten im Bundestagwäre eine

Marginalisierung kleinerer Parteien.66

Man kann dies als natürliche Folge eines

solchen Wahlsystems hinnehmen.67 Im

Ergebnis würde aber, wie Meyer6* schreibt,

nicht

mehr

der

Wähler,

sondern

das

Wahlsystem mehrheitsbildend wirken.

7. Keine Einigung

Vergleicht man damit die vier Entwürfe

zur Lösung des Problems des negativen

Stimmgewichts, die im Bundestag zur

Diskussion standen, so wäre der von der

SPD-Fraktion vorgelegte Entwurf schon

daran gescheitert, dass er die Problematik

nicht löst. Am vollständigsten hätte den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts

die von Grünen- und Links-Fraktion vor

geschlagene Verlagerung des Ausgleichs

zwischen

Direkt-

und

Listenmandaten

von

der

Landes-

auf die

Bundesebene

umgesetzt. Preis fürdiedamitverbundene

Behebung des

Effekts

des

negativen

Stimmgewichts wäre aberdas- zumindest

weitgehende - Entfallen der Überhang

mandate gewesen. Die angedachte völlige

Kappung

wäre

Gedanken

der

nur schwer

mit

dem

Persönlichkeitswahl

als

Kern desSystemsder personalisiertenVer

hältniswahlvereinbar gewesen. DieseVer einbarkeit ist beim Entwurf der Regie

rungskoalition gegeben. Allerdings rei

chen die völligeAbschaffung von Listen verbindungen auf Bundesebene und die

Verlagerung des Abgleichs von Direkt-

und Listenmandaten auf die Untervertei

lung auf Landesebene nicht aus, um den Effekt des negativen Stimmgewichts völ

lig auszuschließen.

Dies insbesondere,

weil

die

Koalition

die

Zahl

der einem

LandzustehendenMandatean diedortige Wahlbeteiligung knüpft. Um den Effekt völlig zu verhindern, wäre ein Rückgriff

auf feststehende Faktoren wie die Zahl der

Wahlberechtigten oder der Wahlkreise

notwendig gewesen. Preis hierfür wäre

aber eine weitere

Föderalisierung des

Bundeswahlrechts. Ob die auf Beschluss

des Innenausschusses69 in den Koalitions

entwurf eingefugte Ergänzung, dass bei derVerteilungder Rundungsrestevorran gig die Landeslisten zu berücksichtigen

sind, bei denen Überhangmandate ent

standen sind, tatsächlich geeignetist, den

mit der Anknüpfung an die Wahlbeteili gung entstehenden Effekt auszugleichen, bleibt noch näher zu prüfen. Es wäre zu hoffen gewesen, dass die Parteien in der Debatte —entsprechend

der bisher für alle Reformen des Wahl

rechts geltenden Übung70 —eine faire

gemeinsame Lösung gefunden hätten.

Erschwert wurde diese durch politische

Erwägungen: während den vermeintlich »kleinen« Parteien daran gelegen war, das

Institut der Überhangmandate zu besei tigen, warden durch Überhangmandate

derzeit stark begünstigten konservativen

Parteien vor allem daran gelegen, diesen

Vorteil zu erhalten.

Abgesehen davon, dass nicht sicherist,

ob die dieser Interessenlage zugrundelie

genden politischen Einschätzungen wei

terhin stets zutreffen, hätte aber vor allem

eine grundsätzliche Überlegung für die Eingrenzung der Zahl der Überhang

mandate durch

eine Verlagerung

des

Ausgleichs zwischen Direkt- und Listen

mandaten auf Bundesebene gesprochen.

Die zurückgehende Bindungswirkung der klassischen Volksparteien hat eine

zunehmende Aufsplitterung der Partei

enlandschaft zur Folge. Dies fuhrt ver

stärkt dazu, dass

Direktkandidaten mit

knappen, prozentual relativ

niedrigen

Wahlergebnissen gewählt werden,

ande

rerseits aber die Stimmergebnisse dieser Parteien sich auf einem eher niedrigen

Niveau einpendeln. Schon jetzt hat dies

KommP Wahlen

I2011

Bundeswahlrechtsreform

einen Anstieg der Zahl der Überhang

mandate zur Folge, der sich in Zukunft

wahrscheinlich

noch verstärken wird.'1

Hier kann dann schnell der vom

Bun

desverfassungsgericht72

als

Obergrenze

angesehene Anteil von 5% Überhang

mandaten an der Gesamtzahl der Man

date überschritten werden. Mit 4% lie

gen wir derzeit noch knapp unter dieser

Grenze. Der Gesetzgeber hätte deshalb jetzt reagieren sollen,ehe das Bundesver fassungsgericht es tut.

Die Diskussion innerhalb, aber auch

außerhalb des Parlaments zeigt, dass

Wahlrecht nicht etwa trockenes Staatsor

ganisationsrechtist, sondern in vielfacher

Weise über die Bildung und den Erhalt politischer Mehrheiten mitbestimmt.

Von daher ist es relativ wahrscheinlich,

dass sich das Bundesverfassungsgericht

unabhängig von der nun beschlossenen Lösung mit der Thematik des negativen Stimmgewichts bald wieder befassen werden muss. Denn für die Beteiligten steht zuvielauf dem Spiel, um nicht eine

Korrektur zu ihren Gunsten zu versu

chen. Umso mehr bleibt zu hoffen, dass

sie trotzdem bei dieser Auseinanderset

zung deren Kernpunkt nicht aus dem

Blick verlieren: die Suche nach dem »Heil der Demokratie«.

sungsgerichdiche_Pr.C3.BCfung_det_Bun-

destagswahl_2005 (Stand: 16.07.2011),

9

m.w.N.

BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2

BvC 7/07, Rn. 91, m.w.N., vgl. auch From mer/Engelbrecht, Bundeswahlrecht, Kennzif

fer 11.01 Erl.3.4.

10

BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2

BvC 7/07, Rn. 103; vgl. auch Frommer/ Engelbrecht, Bundeswahlrecht, Kennziffer

11.01 Erl.3.4.

  • 11 BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2 BvC 7/07, Rn. 105.

  • 12 BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2 BvC 7/07, Rn. 126.

  • 13 BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2 BvC 7/07, Rn. 127.

  • 14 BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2 BvC 7/07, Rn. 130.

  • 15 Diese lange Umsetzungsfrist wutde teilweise heftig kritisiett: vgl. nur Roth, NVwZ 2008, 1199,12005, AfryCT-, DVBl. 2009, 137, 145.

  • 16 Vgl. BVerfG, U. v.03.07.2008, Az.2 BvC 1/ 07, 2 BvC 7/07, Rn. I4lff.

  • 17 Vgl.zuletztauch BVerfG, B. v. 26.02.2009, Az. 2 BvC 6.04, Absatz 20.

  • 18 Einen guten Überblick gibt hensee, DVBl. 2010, 269.

  • 19 hensee, DVBl. 2010, 269, 277.

  • 20 Hettlage, BayVBl. 2010, 33, 35.

  • 21 BVerfG, B. v. 26.02.2009, Az. 2 BvC 6.04, Absatz 20.

  • 22 Vgl. unter anderem Behnke, Spiegel-online,

10.06.2011,

www.spiegel.de/politik/

deutschland/0,1518,767133,00.html

(Stand: 18.06.2011).

  • 23 Vgl. Meyer, DVBl.2009, 137, 138, der diese Lösung aber im Etgebnis verwirft. Ahnlich v. Arnim, RiP 2008, 136.

24 Schreiber, BWahlG,

§

6

Rn.

34;

befürwor

tend: Holz, RuP 2010, 152,154.

  • 25 PukelsheimlRossi,]Z2010, 922.

  • 26 Pukelsheim/Rossi, JZ2010, 922, 928.

  • 1 hensee, DVBL 2010, 269.

  • 2 BVerfG, U. v. 03.07.2008, Az. 2 BvC 1/07,2 BvC 7/07, NVwZ 2008, 991.

  • 3 »Reform des Wahlrechts -

Bundestag ver

säumt seine Hausaufgaben«, Legal Tribüne

online,

http://www.lto.de/de/html/nach-

tichten/3434/reform_der_wahlrechts_bun-

destag_versaeumt_seine_hausaufgaben/

(Stand: 06.06.2011).

  • 4 »Parteien blamieren sich mit Wahlrechtsre form«, Spiegel online, www.spiegel.de/poli-
    tik/deutschland/0,518,druck- 768725.00.html (Stand: 18.06.2011).

  • 5 »Karlsruhe wartet schon — Das Wahlrecht bleibt wohl verfassungswidrig«, Nürnberger Nachrichten, 04.07.2011.

  • 6 »Opposition befürchtet Staatskrise«,

    • 27 Vgl. BT-Ds. 16/11885.

    • 28 Vgl. BT-Dr. 17/4694.

    • 29 Vgl. § 7 Abs. 6 des Entwurfs, BT-Ds. 17/ 4694, S. 3.

    • 30 Vgl. BT-Dr. 17/4694, S. 5.

  • 31 Vgl. BT-Dr. 17/5895.

  • 32 Vgl. § 4 Abs. 4 des Entwurfs, BT-Dr.

17/

5895, S. 4.

  • 33 Vgl. BT-Dr. 17/5895, S. 1.

  • 34 Vgl. BT-Dr. 17/5896.

  • 35 Vgl. BT-Dt. 17/5896, S. 16.

  • 36 Vgl. BT-Dr. 17/6290.

  • 37 Vgl.BT-Dt.17/6290,S. 11.

  • 38 Vgl. BT-Dt. 17/6290, S. 16.

  • 39 Vgl. BT-Dt. 17/6290, S. 19.

  • 40 Vgl. nur die - heftig kritisierte - Entschei dung BVerfGE 95, 335 (349) sowie From

  • www.faz.net/artikel/C30923/streit-ueber- mer/Engelbrecht, Bundeswahlrecht, Kennzif

    • wahlrecht-opposition-befüerchtet-staats- fer 11.06 Erl. 6.; offen gelassenjillerdings in

      • 48 hensee, DVBl. 2010, 269, 273.

      • 49 Meyer, DVBL 2009, 137, 142.

50

51

52

hensee, DVBl. 2010, 269, 274.

Diese Regelung geht zurück auf einen ent sprechenden Vorschlag von Meyer, DVBl.

2009, 137, 143.

Solche treten

insbesondere bei

der nur

in

Bayern vertretenen CSU auf- diese witd in

det Begründung des Entwurfs auch aus

drücklich

als Anlass

für

die

Regelung

genannt (vgl.BT-Dr. 17/4694, S. 5).

  • 53 Vgl. hensee, DVBl. 2010, 269, 274.

  • 54 hensee, DVBl. 2010, 269, 274.

  • 55 Vgl. hierzu oben a).

  • 56 So aber die Begründung: vgl. BT-Drs. 17/
    6290.

  • 57 So aber die ursprünglich von den Alliierten nachdem Krieg bevorzugte Lösung, dieaber bereits 1953 korrigiert wurde, vgl. Meyer, DVBl. 2009, 137, 140.

  • 58 So auch Meyer, DVBl. 2009, 137, 140.

  • 59 Vgl. hensee, DVBL 2010, 269, 275.

60 Dieser

Effekt

witd

gesehen,

aber

als

»unwahrscheinliche Verkettungkumulativet

Bedingungen« alsunbedeutenderachtet, vgl.

BT-Dt.

17/6290,

S.

17;

siehe

aber

auch

Behnke, »Weniger Direktmandate—daswäre

die eleganteste Lösung«, Spiegel-online,

10.06.2011, www.spiegel.de(politik/

deutschland/0,1518,druck-767133,00,html

(Stand:

18.06.2011). Nach seinen Berech

nungen hätte das anvisierte System dazu

geführt, dass bei det Bundestagswahl 2009

ein Verlust von 13.000 Stimmen in Bayern

für die LINKEN zum Gewinn eines Man

dats in Nordrhein-Westfalen für diese Partei

geführt hätte.

  • 61 So hensee, DVBL 2010,269,275; diese müs sen dann aber eine annähernd gleiche Zahl von Wahlberechtigten aufweisen, vgl. From mer/Engelbrecht, Bundeswahlrecht, Kennzif fer 11.03, Erl. 3.1.

  • 62 Vgl. BT-Dr. 17/6290, S. 13.

  • 63 Dasvonder Regierungskoalition vorgeschla- gene System würde die sog. »alten« Bundes- ländet überproportional bevorteilen, da dort die Wahlbeteiligungen dutchgehend höher sind als in den »neuen« Bundesländern. Eine Ausnahme macht allein Berlin. Vgl. hierzu die Wahlbeteiligung nach Ländern bei der Bundestagswahl 2009, zu finden unter www.bundeswahlleiter.de.

  • 64 Vgl. beispielsweise Schwab, Karlsruhewartet schon -

Das Wahlrecht bleibt wohl verfas

sungswidrig, Nürnberger Nachrichten,

04.07.2011.

  • 65 Vgl.zuletzt BVerfG, B.v. 26.02.2009, Az.2

BvC 6/04, Absatz 20.

  • 66 Vgl. Meyer, DVBl. 2009,

136,

139 und

Zivier, RuP 2009, 41,45.

  • 67 So hensee, DVBl. 2010, 269, 276 und wohl auch Hettlage, BayVBl. 2010, 33, der das

krise-3043l489.html (Stand:

17.07.2011).

BVerfG, B. v. 26.02.2009, Az. 2 BvC 6.04,

Problem

durch

eine

Verschiebung

der

So auch der ehem. Verfassungsrichter Hans-

Absatz 21.

Anteile von Direkt- und Listenmandaten im

Jürgen Papier in der Bild-Zeitung, zit. nach

  • 41 aA wohl v.Arnim, RuP 2008, 136, 137.

 

Rahmen eines »Kompromisses der Koaliti-

beck-aktuell,

becklink

1013466

(Stand:

  • 42 hensee, DVBl. 2010, 269, 272.

 

onsparteien« lösen zu können glaubt.

 

20.07.2011).

  • 43 Vgl. Meyer, DVBl.2009, 137.

 
  • 68 Meyer, DVBL2009, 136, 139.

  • 7 Vgl. Fehndrich, Spektrum der Wissenschaft,

  • 44 Eine Vetgleichsberechnung für die Bundes

  • 69 BT-Dts. 17/7069.

  • 70 Vgl. hensee,

DVBL 2010,

 

1999,

70;

der

Gedanke

des

negativen

tagswahl 2009 etgab, dass die drei Über

269, 271.

Stimmgewichts findet sich abet auch schon

hangmandate der CSU 26 Ausgleichsman

  • 71 Vgl. selbst das Ergebnis der CSU: diese

in der Entscheidung des BVerfG von 1997

date zur Folge gehabt hätten, vgl. hensee,

gewann mit 48,2%

det Etststimmen alle

zur Verfassungsmäßigkeit

der Überhang

DVBl. 2010, 269, 275.

 

Direktmandate, ethielt aber nur 42,5% der

mandate, vgl. BVerfGE 95, 335, 343, 346

  • 45 So auch

hensee, DVBl.

2010,

269,

275;

Zweitstimmen.

und Lernet, DVBl. 2010, 269, 270.

Meyer, DVBl. 2009, 137, 138.

  • 72 BVerfGE 95, 335, 365f.

 
  • 8 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Negati-

  • 46 BT-Dr. 16/11885.

 

ves_Stimmgewicht_bei_Wahlen#Verfas-

  • 47 Vgl. Meyer, DVBl.2009, 139, 143.

 
 

KommP Wahlen

I2011